Bruce frantzis Kampfkunste und-des-chi-ba-gua-tai-chi-hsing-i-

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    01-Nov-2014

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  • 1. Bruce Frantzis Die Kraft der inneren Kampfknste und des Chi Kampf- und Energietechniken im Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I
  • 2. Hinweise fr die Leser Alle fettgedruckten Begriffe, die im laufenden Text und in den eingeschobenen Ksten auftauchen, werden in dem alphabetisch geordneten Glossar am Ende des Buches definiert. Wichtiger Hinweis Die Ausbung der Kmpf- und Meditationskste kann Risiken mit sich bringen. Die in diesem Buch beschriebenen Methoden sollen rztlichen Rat und medizinische sowie psychologische Behandlung nicht ersetzen. Der Leser sollte vor der Ausbung von Kampftechniken, Bewegungsbungen, Medi- tationen oder Trainingsprogrammen fachlichen Rat einholen, um die Mglichkeit von Verletzungen oder nachteiligen Folgen, die aus der Anwendung der in diesem Buch vorgestellten Methoden, bungen und deren Anwendung resultieren knnten, weitgehend zu vermeiden. Beim Auftreten jeglicher unangenehmen krperlichen oder psychischen Wahrnehmung sollte sofort fachmedizini- scher Rat eingeholt werden. Dennoch bernehmen Autor und Verlag keinerlei Haftung fr Schden irgendwelcher Art, die direkt oder indirekt aus der Anwendung oder Verwendung der Angaben in diesem Buch entstehen. Smtliche Informationen in diesem Buch sind fr Interessierte zur Weiter- bildung gedacht. Anmerkung des bersetzers Die vom Autor verwendeten Umschriften des Chinesischen entsprechen nicht durchgehend einem der gngigen Systeme der Transkription (Romanisierung) des Chinesischen [Wade-Giles, Pinyin oder Yale] und stellen oft Mischformen dieser unterschiedlichen Umschriftsysteme dar. Um die Einheitlichkeit der Terminologie im Gesamtwerk des Autors zu bewahren, wurde darauf verzichtet, die Umschriften nach einem dieser Systeme zu vereinheitlichen. Mehr zur vom Autor verwendeten Romanisierung finden Sie im Anhang E: Chinesische Terminologie". Titel der Originalausgabe: The Power of Internal Martial Arts and Chi Erschienen bei Energy Arts, Inc. P. 0. Box 99, Fairfax, CA 94798-0099 and Blue Snake Books 1998, 2007 Bruce Frantzis Aus dem amerikanischen Englisch bertragen von Stephan Schuhmacher 1. Auflage 2008 2004 Windpferd Verlagsgesellschaft mbH, Aitrang www.windpferd.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung und Laout: Marx Grafik 6t ArtWork unter Verwendung eines Fotos von Mark Thayer Lektorat: Bcherwurm Innenillustrationen: Janet Bollow und Lisa Petty, Girl Vibe, Inc. Gesetzt aus der Rotis Gesamtherstellung: Schneelwe Verlagsberatung 8t Verlag, Aitrang Druck: Himmer AG, Augsburg Gedruckt auf surefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier Printed in Germany ISBN 978-3-89385-554-4
  • 3. Widmung Ich widme dieses Buch den Ausbenden smtlicher Methoden der Kampfkunst, die sich ernsthaft darum bemhen, zu helfen, die lebendigen Traditionen der Kampfkunst zu frdern und sie fr knftige Generationen zu bewahren.
  • 4. Uber den Autor Bruce Frantzis hat sich seit 1961 in den stlichen Heilknsten, der Kampf- kunst und der Meditation geschult. Als Schler in einer bertragungslinie daoistischer Knste gibt Mr. Frantzis an verschiedenen Orten in Norda- merika und Europa Kurse in den inneren Kampfknsten. Er lehrt auch daoistische Techniken der Heilung, der Strkung von Vitalitt und der Frderung spirituellen Wachstums. Er ist einer der beiden Schler des verstorbenen daoistischen Weisen Liu Hung Chieh. Liu hat ihn in aller Form als Nachfolger in seiner bertragungslinie besttigt und hat ihn ermchtigt, diese uralte Weisheit in der westlichen Welt zu lehren. Bruce Frantzis hat auerdem bei einer Reihe anderer bekannter Lehrer der inneren Kampfkunst in China und Japan studiert; er hat ihr Wissen zusammenge- fasst, es entmystifiziert und allen zugnglich gemacht. Weitere Verffentlichungen des Autors sind Die Energietore des Krpers ffnen. Der Weg zur Meisterschaft. Eine praktische Einweihung in das daoistische Qi Gong (Windpferd, 2001), Im Tao sein - Entspannung in Achtsamkeit. Die Wasser-Methode der taoistischen Meditation - Teil 1 - (Windpferd/Schneelwe, 2006), Die groe Stille. Die Wasser-Methode der taoistischen Meditation (Windpferd, 2007). Weitere Informationen ber Veranstaltungen des Autors, seine bisherigen Verffentlichungen und knftige Bcher finden Sie auf der Internetseite des Autors unter www.energyarts.com
  • 5. Inhalt ber den Autor 4 Danksagungen 13 Vorwort 14 Zur Identifizierung der in diesem Buch erwhnten Personen 17 Warum dieses Buch geschrieben wurde 26 Prolog 27 Das spirituelle Ungengen im Westen 27 Ein Meister des Chi ist ein Lehrer besonderer Art 28 Eine Frage an der Oxford-Universitt 29 Fa Jin: Die Projektion von Energie ohne Muskelkraft 32 Wie Fa Jin gelehrt wird 32 Man kann Fa Jin anwenden, ohne Schmerzen zuzufgen 33 Mein eigenes Fa-Jin-Training 34 Der Gebrauch des Fa Jin zur Heilung 34 Fa Jinir die spirituelle Entwicklung 35 Einfhrung 36 Kapitel 1 - Das Animalische, das Humane und das Spirituelle Drei Anstze fr die Kampfknste 41 Der animalische Ansatz 43 Der humane Ansatz 47 Was ist die Kunst" in den inneren Kampfknsten? 49 Der spirituelle Ansatz 50 Vernnflig trainieren 56 Kapitel 2 - Ein Kontinuum Die ueren und inneren Kampfknste Chinas 65 Es gibt viele Arten von Kampfkunst 65 Verbeugungen, Grtel und Uniformen 68 Ist eine Kampfkunst besser" als eine andere? 70 Was sind Anwendungen" in der Kampfkunst?. 72 Die Genialitt von Formbewegungen, die Kampfanwendungen enthalten 75
  • 6. Gute Formen der Kampfkunst wurden von Profis erfunden 77 Lebendige und tote Formen 78 Die Abstimmung der ueren Kampfknste 83 Kraft und Strke 85 Geschwindigkeit 86 Ausdauer 87 Reflexe 88 Die ueren Kampfknste innerhalb und auerhalb von China . . . . 90 uere Kampfknste mit Beimischung von etwas innerer Arbeit . .94 Die Kombination der Abstimmung von ueren und inneren Kampfknsten 95 Die Ausrichtung der inneren Kampfknste 100 Chi und die Realitt der Selbstverteidigung 108 Der Grund fr die Betonung des Ba Gua in diesem Buch 109 Das Eisenhemd-Chi-Gung 110 Training mit Waffen 111 Kapitel 3 - hnlichkeiten und Unterschiede Die inneren Kampfknste Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua 119 Fnf charakteristische Eigenschaften der inneren Kampfknste 119 Die Entwicklung von Kampfkraft durch das Chi 121 Das sechzehnteilige Nei-Gung-System der inneren Kraft 121 Wie die innere Chi-Kraft in den Kampfknsten durch das sechzehnteilige daoistische Nei-Gung-System erzeugt wird 124 Die Beziehung des Chi Gung zu den Formbungen in den Kampfknsten 125 Drei grundlegende Vorschlge fr einen realistischen Ansatz zur Erlangung von innerer Kraft 127 Der Prozess des Erlernens von Nei Gung 128 Schlaglicht auf einzelne Nei-Gung-Elemente: Der Prozess des Auflsens 131 Der Prozess der ueren Auflsung 131 Der Prozess der inneren Auflsung 132 Die gleichzeitige Auflsung in den inneren und den ueren Raum 133 Die Stadien des Fhlens: I, Chi und Hsin 134 Die Natur des I oder der Intention 134 Direkte und indirekte Bewegung des Chi 139 Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua - Was ist hier gleich und was unterschiedlich? 141 Philosophische Perspektiven: Hart, Weich und Wandel 142
  • 7. Wie die drei inneren Kampfknste sieh bewegen 144 Die Betonung von Fuarbeit, Hfte und Hnden 145 Gemeinsamkeiten 146 Schwachpunkte 147 Die Notwendigkeit realistischer Selbsteinschtzung 147 ber Einschchterung und Furcht hinausgehen 148 Effizienz und das Verhltnis von Risiko und Belohnung 149 Ba Gua, Tai Chi oder Hsing-I zum Zweck des Kmpfens erlernen . 151 Gesundheit und Kampfkunst-Knnerschaft 152 Grundlegendes Krafttraining 152 Die Bedeutung der Stehbung fr die langfristige Entwicklung von innerer Kraft 154 Die acht Stadien der bung zur Entwicklung der Kampffertigkeiten im Ba Gua 156 Der bergang von der Form zur Formlosigkeit: Das Ziel der inneren Kampfknste auf hohem Niveau 156 Stufe 1 157 Stufe 2 157 Stufe 3 158 Stufe 4 158 Stufe 5 159 Stufe 6 159 Stufe 7 160 Stufe 8 160 Techniken der inneren Kampfkunst 161 Hand- und Handflchen-Hiebe der inneren Kampfknste 161 Arten von Hieben und der Einsatz der Hand 163 Die gleichzeitige Projektion von Energie in entgegengesetzte Richtungen 171 Chin Na 171 Wrfe 172 Tritttechniken 173 Mangel von Techniken am Boden 176 Kampfwinkel 178 Die Bedeutung der Tierformen in den inneren Kampfknsten . . . . 183 Sparringpraktiken 186 bung mit Freunden, Kampf mit Feinden 187 FaJin 188 Was die Methoden der kleinen, mittleren und groen Bewegungen des Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua fr den Kampf bedeuten 189 Krperliche Bewegung 190
  • 8. Energiearbeit 192 Kampfanwendungen 193 Die Bedeutung der Meister-Schler-Beziehung und einer bertragungslinie 195 Kapitel 4 - Tai Chi Erwgungen fr den Kampf und Kampfanwendungen 203 Tai Chi Chuan als Kampfkunst 203 Die acht grundlegenden Kampfprinzipien des Tai Chi 206 1. Abwehren (Peng) 210 2. Zurckrollen/Roll Back (Lu) 212 3. Vorwrtsdrngen (Ji) 222 3. Abwrtsdrcken (An) 223 Abwehren, Zurckrollen, Vorwrtsdrngen und Abwrtsdrcken sind sowohl offensichtlich als auch verborgen 224 5. Abwrtsziehen (Tsai) 227 6. Spalten (Lieh) 227 7./S. Ellbogenhieb (Jou)/'Schultersto (Kao) 228 Ellbogenhiebe und Schulterste, die direkt mit Kranich und Schlange zu tun haben 229 Vier progressive Stadien des Erlernens von Tai Chi als Kampfkunst .. 233 Lange und kurze Formen 233 Links und rechts bei der bung von Formen 234 Erstes Stadium: Arbeit mit der Form (lange oder kurze Form) . . . . 235 Zweites Stadium: Push Hands 241 Die vier Stile des Push Hands 252 Drittes Stadium: Methoden fr den bergang vom Push Hands zum Sparring 256 Viertes Stadium: Sparring und tatschlicher Kampf 258 Verschiedene Arten von Tai-Chi-Meistern oder -Lehrern, denen man begegnen mag 264 Die wunderbare Persnlichkeit eines Tai-Chi-Lehrers 267 Kapitel 5 - Hsing-I Erwgungen fr den Kampf und Kampfanwendungen 275 Hsing-I Chuan als eine Kampfkunst 275 Hsing-I als ausgezeichnete Brcke zwischen den ueren Kampfknsten und den inneren Kampfknsten 276 Die historischen Ursprnge des Hsing-I 278 Die drei Hauptschulen des Hsing-I 284 Die Shanxi-Schule 284
  • 9. Die Hebei-Schule 285 Die I-Chuan-Schule 287 Die Techniken und Trainingspraktiken des Hsing-I 293 Die Fnf Elemente 295 San Ti 300 Was das San Ti lehrt 301 Die Tierformen 308 Kapitel 6 - Ba Gua Erwgungen fr den Kampf und Kampfanwendungen 321 Das Ba Gua als Kampfkunst 321 Die sagenumwobenen Ursprnge des Ba Gua 323 Der geheimnisvolle Tung Hai Chuan 323 Die einzigartigen Kampfkunsteigenschaften des Ba Gua 324 Gegen acht Gegner gleichzeitig kmpfen 325 Vorgeburtliches und nachgeburtliches Chi 326 Die Philosophie des Kampfkunsttrainings in der vorgeburtlichen und der nachgeburtlichen Methode des Ba Gua 328 Nachgeburtliches Training 330 Die bung des Ba Gua 334 Die Stadien des Kreisgehens 334 Die krperlichen Eigenschaften des Kreisgehens 337 Die energetischen Eigenschaften des Kreisgehens 338 Die Energien des I Ging - Der Beginn des fortgeschrittenen Ba Gua. . 339 Die acht Mutterhnde 340 Shi Liu und die kondensierte Erste Hand 342 Spontane Bewegungen 344 Bien Hua und die Kunst des Wandels nach dem I Ging 344 Wandel der Energie und der Kampfanwendungen 349 Die Wandlung von Angriffswinkeln: Kreise, Spiralen, Dreirecke und Vierecke 355 Kreise und Spiralen 357 Dreiecke und Vierecke 358 Sparringbungen 359 Rou Shou, die weichen Hnde" 360 Die Abfolge des Trainings 361 Kapitel 7 - Geschwindigkeit Das Wesen der Geschwindigkeit in allen Stilen der Kampfkunst 377 Wie man die vier grundlegenden Arten der Geschwindigkeit erreicht. 377
  • 10. Typ I: Geschwindigkeit von Punkt A zu Punkt B 378 Geschwindigkeit der Beine und Fe 381 Typ II: Geschwindigkeit in der Berhrung 383 Typ III: Geschwindigkeit unter wechselnden Bedingungen 389 Typ TV: Geschwindigkeit in Relation zur Kraft 391 Das Schnell-langsam-Paradoxon der inneren Kampfknste 393 Gemeinsame Eigenschaften 397 SpezialisierteStrategien 400 Kapitel 8 - Die Verwendung von Energie zur Heilung Die Gesundheitsaspekte der Kampfknste 407 Die inneren Kampfknste als System der Energieheilung 407 Der Unterschied zwischen Gesundheit und Fitness aus der Perspektive der inneren Energiearbeit 408 Persnliche Gresundheit: Jack Pao und die Natur von Grenzen .. . 410 Muss man Selbstverteidigung erlernen, um gesundheitlich von einer inneren Kampfkunst profitieren zu knnen? 411 Gesundheit und Fitness in den inneren Kampfknsten 414 Wie die inneren Kampfknste und Chi Gung Gesundheit herbeifhren 419 Verstrtes Chi in Ordnung bringen 420 Die inneren Kampfknste als natrlicher Weg, zu einem Heiler durch Handauflegen zu werden 422 Die Verbindung zwischen den inneren Kampfknsten und dem Heilen 424 Die Bedeutung einer persnlichen Praxis von Chi Gung und inneren Kampfknsten fr westliche Heiler 425 Der Wert des Erlernens der inneren Knste fr ltere Kampfknstler 428 Wer sollte die inneren Kampfknste noch jenseits der Dreiig praktizieren? 430 Die inneren Kampfknste und geistige Gesundheit 433 Innere Kampfkunst fr Teenager 433 Was die inneren Kampfknste fr die geistige Gesundheit leisten . 434 Kapitel 9 - Das Dao der spirituellen Kampfknste Eine Brcke zur daoistischen Meditation 441 Was ist eine spirituelle Kampfkunst? 441 Spirituelle Kampfknste sind nichts fr Feiglinge 443 Wann ist ein Pfad spirituell" - die daoistische Perspektive 445
  • 11. Andere Wege der Umsetzung von Spiritualitt in den Kampfknsten 450 Drei Ebenen der spirituellen Kampfknste 453 In wessen Hintern wird bei den Kampfknsten getreten? 457 Die Schattenseiten der spirituellen Kampfkunst 458 Daoistische Meditation und das innere Auflsen 464 Der Prozess des spirituellen Erwachens 472 Die Beziehung des Sparring zu den fnf Arten der bung 483 Abschluss: Die Spiritualitt ins tgliche Leben integrieren 484 Anhang A: Die verschiedenen Stile des Tai Chi Eine kurze Geschichte 489 Der Ursprung der verschiedenen Stile des Tai Chi 489 Das ursprngliche Tai Chi aus dem Dorf der Chen-Familie 490 Das Tai Chi Chuan verlsst das Chen-Dorf und wird zum Yang- und dann zum Hao-Stil 492 Der Chen-Stil bringt den Yang-Stil des Tai Chi hervor 492 Der Yang-Stil und der kleine Chen-Stil bringen den Hao/Wu-Stil hervor 495 Der Alte Yang-Stil wird zum Neuen Yang-Stil 495 Der Alte Yang-Stil 496 Der Neue Yang-Stil 497 Der Yang-Stil bringt den Wu-Stil hervor 498 Die Denkweise der traditionellen Kampfknste 499 Kombinationsstile 502 Andere Stile des Tai Chi: Familientraditionen, geheime und verlorengegangene Linien 504 Wie kam es zur Schaffung neuer Stile?. 505 Grnde fr Variationen innerhalb desselben Stils 507 Anhang B: Der Hintergrund des Ba Gua Eine kurze Geschichte 511 Die Grundlagen der Ba-Gua-Schule in der Moderne 511 Die vier Hauptschler von Tung Hai Chuan 511 Keine Adepten mit Ching Gung in der Moderne 515 Die Ausbreitung des Ba Gua auerhalb von Beijing 516 Ba Gua in Hongkong 518 Ba Gua in Taiwan 519 Das traditionelle Ba Gua und das Wu Shu Ba Gua in der heutigen Volksrepublik China 521
  • 12. Verschiedene bertragungslinien 525 Anhang C: Die energetische Anatomie des menschlichen Krpers Die Hauptenergiekanle und die drei Dantien 527 Was ist dem linken, rechten und dem zentralen Energiekanal gemeinsam? 527 Der Verlauf des Zentralkanals 528 Der Verlauf des linken beziehungsweise rechten Kanals 530 Anhang D: Linien und Trainingschronologie Zusammenfassung der Kampfkunsterfahrung von Bruce Frantzis 532 Die Zertifikate 533 Ba-Gua-Zertifikat 533 Tai Chi Zertifikat 534 Hsing-I Zertifikat 534 Die Linien 535 Namensliste der Ba-Gua-Meister 535 Die Namensliste der Tai-Chi-Meister 536 Die Namensliste der Hsing-I-Meister 536 Anhang E: Chinesische Terminologie Die Romanisierung chinesischer Wrter in diesem Buch 537 Wie chinesische Wrter, Stze und Namen in diesem Buch transkribiert wurden 537 Anhang F: Glossar Anhang G: Die Living Taoism Collection und die B. Frantzis Energy Arts Lehren Das B. Frantzis Energy Arts Programm 566 Meditation 569 Andere heilen 570 Innere Kampfknste 571 Living Taoism Collection 572 Kontakt/Information 573
  • 13. Danksagungen V i e l e Menschen aus dem Bereich der Kampfknste haben die Entstehung dieses Buches tatkrftig untersttzt. Ich mchte den folgenden Menschen, die das Manuskript gelesen und mir mit ihrer Kritik und Ratschlgen geholfen haben, danken: FRANK ALLEN, Director and Chief Instructor, Wu Tang Physical Culture Association, New York, New York BERNARD LANGAN, Senior Instructor, Taoist Internal Arts Studio, Ber- keley, California HAL LEHRMAN, Head Instructor, Aikido of Park Slope, Brooklyn, New York CLARENCE LU, Assistant Director, Wu Tang Physical Culture Association, Urheber des Mandarin for the Martial Arts Language Program, New York, New York ALAN PEATFIELD, Tai Chi Instructor. Seit 30 Jahren Praktizierender der asiatischen Kampfknste, Dublin, Irland ERIC PETERS, Tai Chi and Chi Gung Instructor, Martha's Vineyard, Mas- sachusetts RACHEL ROBINSON, Schwarzer Grtel dritten Grades im Kempo-Karate, Haverhill, Massachusetts BILL RYAN, Director with Senior Staff, Brookline Tai Chi, Brookline, Mas- sachusetts ERIC SCHNEIDER, Founder and Chief Instructor, Northeastern Tai Chi Chuan Association, New York, New York Besonderer Dank gilt Stuart Kenter fr sein unschtzbar wertvolles Lektorat und fr seine Anstrengungen, ein komplexes uraltes stliches Wissen auf eine Weise zu prsentieren, die es fr moderne Leser zugnglich macht. 13
  • 14. Vorwort Vorgefasste Meinungen in einen Kampf auf Leben oder Tod hinein- zutragen, ist ein begrenzter Ansatz, der dazu fhren kann, dass man sein Leben verliert. Die schwierigste Aufgabe fr einen Krieger besteht darin, zu jedem gegebenen Zeitpunkt das loslassen zu knnen, was wir fr die Wahrheit halten. Doch Aufgeben ist in einer Situation, in der es um Leben oder Tod geht, keine Option. Unser Alltagsleben ist keine Abfolge von Ereignissen, bei denen es um Leben oder Tod geht, aber es fordert uns dazu heraus, nachgiebig zu sein und das, was sich vor unserer Nase befindet, genau zu untersuchen. Es gehrt ganz offensichtlich zum Handwerk des Kriegers, mit Macht umzugehen, und Macht ist die Fhigkeit, zu handeln, um eine Vernderung herbeizufhren. Vorgefasste Meinungen begrenzen unser Vermgen, uns zu verndern, und die Unfhigkeit, uns durch Vernderung anzupassen, behindert unser Wachstum. Wachstum ist ein Prozess, in dem wir das, worauf wir unsere Persnlichkeit aufgebaut haben, hingeben mssen, ohne es aufzugeben. Es bedeutet, dass wir uns aus unserer persnlichen Festung hervorwagen und die Grenzbereiche sich uns anbietender neuer Ideen auskundschaften. Zum Glck geht es bei der Ausbung der meisten Kampfknste nicht wirklich darum, zu tten. Das versetzt uns in die Lage, gengend Zeit und Raum zur Verfgung zu haben, so dass wir nicht stndig auf der Hut sein und unsere Auffassungen fallen lassen knnen, damit andere Sichtweisen unsere persnliche Erfahrungswelt bereichern knnen. Wenn uns jemand sagt, das Terrain auerhalb unseres eigenen Landes sei andersartig und uninteressant - nehmen wir diesen Glauben dann als unsere eigene Wirk- lichkeit an, oder statten wir diesem Terrain einen Besuch ab und sehen selbst nach? In der Ausbildung des Soldaten fr die Schlacht wird der aggressive animalische Instinkt, der ber gewhnliche Wut hinausgeht, betont. Man bringt dem Soldaten bei, keinen Zweifel in sein Denken eindringen zu lassen". Aber letztlich ist es doch so, dass das Leben uns immer wieder berrascht, ganz gleich, wie sehr wir an unseren berzeugungen darber, 14
  • 15. wie die Welt beschaffen ist und was wir selbst sind, festhalten. Je ange- strengter wir versuchen, das Leben in den Griff zu bekommen und ihm mit unnachgiebiger Hrte unser Denkens aufzuzwingen, desto mehr werden die Ereignisse unseres Lebens dazu tendieren, uns aus unseren begrenzten Anschauungen aufzurtteln. Das Leben garantiert uns, dass es uns bis in die Grundfesten dessen, was wir in dieser alltglichen Welt fr unsere Identitt" halten, erschttern wird. Wenn wir uns wirklich auf dem Pfad des Wachstums durch die Kampfkunst befinden, dann werden wir an jedem einzelnen Tag durch unsere eigene Offenheit fr das Unbekannte, das persnlich noch nicht Erprobte, herausgefordert und in Frage gestellt. Wenn wir nicht fhig sind, uns einen forschenden Geist zu bewahren, werden wir nicht in der Lage sein, die wahre Natur des Schlachtfeldes zu erkennen. Das letzte Gefecht findet nmlich auf der Ebene unseres inneren Daseins statt. Nehmen wir Dinge blindlings an? Weisen wir Dinge blindlings zurck? Glauben wir blindlings alles zu wissen, was es gibt? Wir mssen die Augen weit aufmachen, damit wir beginnen knnen, die Unendlichkeit in uns selbst und im Aufbau der Welt zu begreifen. Als Krieger sind wir dazu verpflichtet, uns fr die Tatsache zu ffnen, dass wir in allem, was wir zu wissen glauben, vielleicht sehr eingeschrnkt sind und dass wir uns selber zu dieser Beschrnktheit programmiert ha- ben. Wir mssen erkennen, worin die Schranken in unserem Alltagsleben bestehen - sei es, dass wir aus Furcht eine Haltung unnachgiebiger Strke annehmen oder eine Position absoluter Autoritt, die auf unvollstndigem Wissen basiert, oder seien es Haltungen, auf wir uns im alltglichen sozialen Austausch mit anderen, denen wir ein ganz bestimmtes Bild von uns selbst vermitteln mchten, versteifen. All diese Lebensentwrfe sind die Summe der Realitt unserer inneren Vorgnge. Wenn wir das, was wir zu sein glauben und was wir fr das Leben halten, nicht hinter uns lassen knnen, sind wir blo gewhnliche Soldaten, die dem Marschbefehl des Egos folgen. Der gute Kampf besteht darin, dass wir die Mechanik unseres inneren Bedrfnisses, unbedingt Recht zu behalten, durchschauen - ebenso wie die aus Geltungsbedrfnis entstandenen rebellischen Vorstellungen, die wir auf das Unbekannte und das, was wir frchten, projizieren. Wenn wir erkennen, dass diese persnliche innere Mechanik unsere Auffassung des Lebens und des Todes einschrnkt, dann ermglicht uns das die Erfahrung von Demut, und wir begreifen, dass der Krieger zu unaufhrlichem Wachstum verpflichtet ist. Wir mssen in unseren Glaubensstrategien Raum schaffen, um die Kriege, die wir anzetteln, berleben zu knnen. 15
  • 16. Meine persnliche Erfahrung des ganzen Spektrums dessen, was Krieg sein kann, brachte es mit sich, dass ich den Inbegriff der unnachgiebigen Hrte und des gnadenlosen Kampfes von den Schlachtfeldern mit hin- ber nahm in mein Leben als Zivilist. Und so brachte ich diese Aspekte des Lebens auch mit in das Dojo und mein Kampfkunsttraining. Ich war krperlich so angespannt und mental so versteinert - Eigenschaften, die mir auf dem Schlachtfeld im Kampf auf Leben oder Tod sehr zu gute gekommen waren -, dass ich schlielich krank wurde. Das Training mit Bruce Kumar Frantzis hat mir gezeigt, dass Hrte und mentale Ausrichtung in den Kampfknsten nur von begrenztem Nutzen sind. In den dreiig Jahren meiner Schulung in den Kampfknsten habe ich keinen anderen Menschen getroffen, der ein so umfassendes Wissen an den Tag legt wie Bruce Frantzis. Sein Wissen ist wirklich authentisch. Er vermag nicht nur mit groem Geschick zu demonstrieren, welch innere Macht beim Kmpfen mglich ist, er ist auch ein wunderbarer Lehrer, was die heilende Kraft des Chi angeht. Sein Knnen bei der bermittlung daoistischer meditativer Praktiken hat groe und wohltuende Vernderungen in meinem Leben hervorgerufen, ohne dass meine Fhigkeit, meinen Mann zu stehen, wenn es im Kampf um Leben oder Tod geht, darunter gelitten htte. Das in diesem Buch vermittelte Wissen ist ein Elixier, das alles enthlt, was im Bereich der inneren Kampfkunst mglich ist. Ich kann das Trai- ning, das Bruce anbietet, jedem, der ein komplettes System fr Kampf, Heilung und Meditation in den inneren Kampfknsten sucht, wrmstens empfehlen. Lee Burkins Veteran der Kampftruppe der U.S. Army Special Forces Montrose, California 16
  • 17. Zur Identifizierung der in diesem Buch erwhnten Personen In diesem Buch tauchen immer wieder die Namen vieler hervorragender Kampfknstler aus China und Japan auf. Da die meisten westlichen Leser mit diesen stlichen Namen nicht vertraut sind, habe ich im Folgenden ein Who is Who" zum leichten Nachschlagen zusammengestellt. Bei den chinesischen und japanischen Namen wird der Familienname gewhnlich zuerst angegeben, der Vorname folgt darauf. Alternative Umschriften sind manchmal in Klammern angefhrt. Viele der Menschen in dieser Liste sind direkte Nachfolger in einer bertragungslinie von anderen hier Angefhr- ten oder Nachkommen anderer, die eine Familienbertragungslinie in der Kampfkunst begrndet haben. Obwohl viele der in diesem Buch genannten Kampfknstler in ihrer jeweiligen Kampfkunst als Meister oder sogar Gromeister bezeichnet werden, habe in diesem Buch darauf verzichtet, die entsprechenden Titel vor ihren Namen zu nennen. Bai Hua (Peh Hua) Ein Schler von Liu Hung Chieh im Hsing-I und Ba Gua und von Lin Du Ying im Tai Chi des Alten Yang-Stils. Bai Hua ist ein Daoist, der sich auf die innere Alchemie spezialisiert hat. Er ist einer der Hauptlehrer des Autors auf dem Gebiet der inneren Kampfkunst. Chang Chao-Tung (auch bekannt als Chang Chang K'uei, Zhang Zhang Kui) Der Hauptlehrer von Wang Shu Jin. Er ist eine der wichtigsten Per- snlichkeiten in der Hsing-I-bertragungslinie und ein Ba-Gua-Schler von Tung Hai Chuan und Cheng Ting Hua. Chang Chun-Feng Der Lehrer, der Gao Yishengs Methode der 64 Posituren des nachgeburtlichen Ba-Gua-Systems vom Festland nach Taiwan gebracht hat. Er ist der Lehrer von Hung 1 Hsiang und seinem Bruder Hung I Min. Chang I Chung Der erste Tai-Chi-Lehrer des Autors in Tokio. Einer der Hauptschler von Wang Shi Jin, der als Assistenzlehrer fungierte, wenn sich Wang in Japan aufhielt. 17
  • 18. Chan San Fen Der Legende nach der daoistische Unsterbliche, der das Tai Chi Chuan schuf, nachdem er den Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich beobachtet hatte. Chen Fa Ke (Ch'en Fa K'e) Der erste wichtige Tai-Chi-Lehrer des Chen- Stils im zwanzigsten Jahrhundert, der sein Heimatdorf verlie und nach Beijing ging, um zu lehren. Chen I Ren Ein wichtiger Hsing-I-Lehrer in Hongkong und einer der beiden Lehrer, die die innere Kampfkunst des Liu He Ba Fa To nach Hong- kong brachten. Chen Man-ching (Zhen Manqing) Der Lehrer, der den Autor in das Tai Chi Chuan einfhrte. Er war einer der ersten erstklassigen Tai-Chi-Meister aus China, die in den frhen Jahren der bertragung des Tai Chi nach Amerika in New York City gelehrt haben. Chen Pan Ling (Ch'en P'an Ling) Er war vor dem zweiten Weltkrieg eine der wichtigen Persnlichkeiten auf dem Gebiet der inneren Kampfkunst im Festland-China und spter auch in Taiwan. Er war der Tai-Chi-Lehrer sowohl von Wang Shu Jin als auch von Hung I Hsiang. Chen Wang Ting (Ch'en Wang T'ing) Nach einer der Theorien ber die Entstehung des Tai Chi Chuan der Begrnder dieser Kampfkunst. Cheng Ting Hua (Ch'eng T'ing Hua) Einer der Hauptschler von Tung Hai Chuan, der Begrnder der Kampfkunst des Ba Gua Chang. Seine Linie ist eine weit verbreitete Schule des Ba Gua. Cheng You Long (Ch'eng You Lung) Der Sohn von Cheng Ting Hua; der erste Ba-Gua-Lehrer von Liu Hung Chieh, der Liu formell in die Ba-Gua- bertragungslinie initiierte. Chi Chi Guang Ein berhmter chinesischer General, dessen Schulungs- handbuch militrischer Techniken die Grundlage von 29 der 32 krperli- chen Bewegungen des ursprnglichen Chen-Stils des Tai Chi darstellt. Chuan You (Ch'uan You, Quan You) Der beste jener Schler von Yang Lu Chan, die nicht zu seiner Familie gehrten. Er war, zusammen mit seinem Sohn Wu Jien Chuan, einer der Begrnder des Wu-Stils des Tai Chi. Seine Linie stellt einen der drei Hauptlinien des Wu-Stils dar. Konfuzius (latinisierte Schreibweise von Kongzi oder K'ung-tzu, auch Kongfuzi oder K'ung-fu-tzu oder Konfutse geschrieben) Der Philosoph 18
  • 19. des Altertums, dessen Denken zur Grundlage der traditionellen weltlichen Kultur Chinas darstellt. Seine Vorstellungen hatten starken Einfluss auf die sozialen Beziehungen, die Umgangsformen, Sitten und Gebruche in China und auf die hierarchischen Strukturen der meisten Kampfknste in China und Japan. Dai Long Bang (Tai Lung Pang) Der Lehrer von Li Luo Neng, dem neuzeit- lichen Vater des Hsing-I, dessen Schler und Schlersschler das Hsing-I im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert in China verbreitet haben. Feng Zhi Qiang (Feng Zhiqiang) Der Chen-Stil-Tai-Chi-Lehrer des Autors in Beijing. Der letzte ernsthafte Schler des Chen Fa Ke im Push Hands. Feng ist in ganz China fr seine Beherrschung des Push Hands berhmt und hat eine anerkannte Kurzform des Chen-Stils kreiert. Fu Chen Sung (Fu Zhen Sung) Einer der fnf Kampfkunst-Tiger von Sdchina; er war ein besonderer Kenner des Ba Gua und Tai Chi und hat den kombinierten Fu-Stil des Tai Chi geschaffen. Gao Yisheng (Gao I Sheng) Lehrer der 64 Techniken der nachgeburtlichen Methode des Ba Gua, das von seinem Schler Chang Chun-Feng an Hung I Hsiang und Hung I Min weitergegeben wurde. Goto Einer der Hauptschler von Sawai Kenichi des Taiki-Ken, der I- Chuan-Schule des Hsing-I. Gu I Jai (Ku Yu Cheung) Einer der fnf Kampfkunst-Tiger von Sdchina, ein besonderer Kenner des Hsing-I. Er wurde im Westen bekannt durch das Foto, auf dem er einen hfthohen Stapel von Ziegelsteinen mit einem einzigen Hieb seiner Handkante zerschlgt. Guo Yun Shen (Kuo Yun Shen) Schler von Li Luo Neng und eine der wichtigsten Persnlichkeiten im Hsing-I. Zwei seiner Schler begrndeten wichtige Zweige des Hsing-I, nmlich die synthetische Methode (Sun Lu Tang) und das I Chuan (Wang Hsiang Zai). Han Hsing Yuan Der I-Chuan-Lehrer des Autors in Hongkong, einer der vier Hauptschler von Wang Hsiang Zai. Hao Wei Zhen (Hau Wei-Chen) Der Lehrer von dessen Namen sich der Name des Tai-Chi-Stils des kleinen Rahmens herleitet. Er war der Tai- Chi-Lehrer von Sun Lu Tang, der den kombinierten Sun-Stil des Tai Chi kreierte. 19
  • 20. Huang Hsi I Einer der Hauptlehrer des Autors im Bereich der inneren Kampfknste und des Chi Gung Tui Na. Einer der besten Hsing-I-Schler von Hung I Hsiang, der spter zu einem der fhrenden Chi-Heiler seiner Generation in Taiwan wurde. Hung I Hsiang Einer der Hauptlehrer des Autors auf dem Gebiet der inneren Kampfkunst. Der Schler von Chang Chun Feng und Chen Pan Ling war von den 1950er bis in die 1980er Jahre einer der wichtigsten Lehrer des Ba Gua und des Hsing-I in Taiwan. Hung I Min Neben seinem Bruder Hung I Hsiang einer der Hauptschler von Chang Chun Feng. Jiang Fa Ein geheimnisvoller Flchtling, der nach einer der existierenden Theorien das Tai Chi in das Dorf Chen gebracht hat. Ju Wen Bao Der Ba-Gua-Lehrer von Liu Hung Chieh. Der erste Lehrer, der Liu Tung Hai Chuans Methoden daoistischer Meditation gelehrt hat. Kanazawa H. Ein wichtiger Meister des japanischen Shotokan-Karate, der fr seine auerordentliche Technik und seinen Kampfgeist bekannt ist sowie dafr, dass er im Jahre 1950 die Japanischen Karate-Meisterschaften mit einem gebrochenen Arm gewonnen hat. Kawashima Einer der Hauptschler von Chang I Chung in Tokio. Kung Pao Tien (Gong Bao Tian) Ba-Gua-Schler von Yin Fu. Kuo Lien Ying (Guo Lien Ying) Ein hoch qualifizierter Tai-Chi-Meister, der in der Frhzeit der Einfhrung des Tai Chi in Amerika in San Fran- cisco gelehrt hat. Er ist der Schpfer des kombinierten Kuan-Ping-Stils des Tai Chi. Laozi (Laotse, Lao-tzu) Der Autor des Daodejing (Taoteking, Tao-te- ching, Das Buch vom Weg und seiner Wirkkraft"), das als das wegberei- tende Werk ber die Grundlagen des Daoismus gilt. Vor etwa 2.500 Jahren geschrieben, ist es nach der Bibel das meistbersetzte Buch in der Welt. Lee, Bruce Ein berhmter Star der Kampfkunst-Filme der 1960er und 1970er Jahre. Der Schler von Yip Man schuf den Jeet-Kune-Do-Stil der Kampfkunst. Li Luo Neng (auch Li Neng Jan oder Li Nengran) Eine der prgenden Figuren des modernen Hsing-I; die Linie seiner Schler verbreitete das Hsing-I im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert in ganz China. 20
  • 21. Li Tsung (Li T'sung, Li Cunyi) Bedeutende Persnlichkeit in der Hsing- I-Linie. Seine Zusammenarbeit mit dem Ba-Gua-Kampfknstler Cheng Ting Hua fhrte zu einer Vermischung dieser beiden wichtigen Systeme der Kampfkunst. Liang Jr Pang (Liang Chih P'ang) Ein wichtiger Hsing-I-Lehrer in Hong- kong und einer der beiden Lehrer, die ursprnglich die innere Kampfkunst der Liu He Ba nach Hongkong brachten. Liang Tung Ts'ai (auch bekannt als T. T. Liang) Der Lehrer des Autors im Bereich des Neuen Yang-Stils des Tai Chi. Er war ein Schler von Chen Man-ching und trug viel zur Verbreitung des Tai Chi in Amerika bei. Lin Du Ying Bai Huas Lehrer im Alten Yang-Stil des Tai Chi und der Lehrer des Autors in Xiamen (Amoy) in der Provinz Fujian (Fukien). Er war ein Schler von Tien Chau Ling und Wu Hui Chuan, den wichtigsten Schlern von Yang Pan Hou. Ling Shan Yang Lu Chans bester Schler im Bereich der Phase der wei- chen Energie des Tai Chi Chuan. Liu Hung Chieh Ein Tai-Chi-Schler von Wu Jien Chuan und Mitglied der ursprnglichen Ba-Gua-Schule von Beijing sowie ein daoistischer Meditationsmeister. Er war der letzte der Hauptlehrer des Autors auf dem Gebiet der inneren Kampfknste und der daoistischen Meditation. Lo Te Hsiu Hung I Hsiangs bester Schler auf dem Gebiet von Gai I Shengs linearer 64-Hnde-Methode des nachgeburtlichen Ba Gua. Einer der besten Ba-Gua-Meister seiner Generation in Taiwan. Ma Gui (auch bekannt als Ma Shr Ching oder Ma Shi Ching) Einer der Groen Vier" Schler von Tung Hai Chuan, dem Begrnder des Ba Gua. Ein wichtiger Lehrer von Liu Hung Chieh. Musashi Miyamoto Wahrscheinlich der grte japanische Samurai und einer der besten Schwertkmpfer Japans; er lebte von 1584 bis etwa 1645. Pao, Jack Ein Ba-Gua-Lehrer und Trainingspartner des Autors in Hong- kong. Sawai Kenichi Der Hsing-l-Lehrer des Autors in Tokio; er war in China 10 Jahre lang ein Schler von Wang Hsiang Zai, dem Begrnder des I Chuan. Sawai nannte sein Hsing-I-System Taiki-Ken". 21
  • 22. Shr Liu (Shi Liu) Einer der Hauptschler von Tung Hai Chian im Bereich des Ba Gua. Er war spezialisiert auf das Single Palm Change" (Einhand- Wandlung). Sun Hsi Kun (Sun Xikun) Schler von Cheng You Lung. Sun schrieb ein wichtiges Buch ber das Ba Gua auf Chinesisch und lehrte nach dem chinesischen Brgerkrieg in Hongkong und Taiwan. Sun Lu Tang Eine bedeutende Persnlichkeit in der Geschichte der drei inneren Kampfknste. Sun Lu Tang schrieb das erste Buch ber die inneren Kampfknste auf Chinesisch. Er war der Hauptschler von Guo Yun Shen im Bereich des Hsing-I und ein wichtiger Schler von Cheng Ting Hua und ist der Begrnder des Sun-Stils des Tai Chi Chuan. Sung Shr Rong (Sung Shirong) Ein Meister in den bertragungslinien des Hsing-i und des Ba Gua. Tan Hsiu Fa Shr Ein Patriarch der T'ien-T'ai-(Tian-Tai-)Schule des chi- nesischen Mahayana-Buddhismus. Er war der wichtigste buddhistische Meditationsmeister von Liu Hung Chieh. Tien Chau Ling (Tian Zhaoling) Hauptschler von Yang Pan Hou und des Alten Yang-Stils. Einer der fhrenden Tai-Chi-Kmpfer seiner Generation. Er war der Lehrer von Lin Du Ying. Tu Hsin Wu (Du Xinwu) Tu, der fr seine Tritttechnik bekannt war, war Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eine wichtige Persnlichkeit in der Kampfkunst in Nordchina. Er praktizierte das Boxen des natrlichen To- res" (Natural Gate Boxing) und war der Hauptlehrer von Wan Lai Sheng. Er unterrichtete auch Liu Hung Chieh fr kurze Zeit. Tung Hai Chuan (Dong Haichuan) Der neuzeitliche Begrnder der Kampf- kunst Ba Gua Chang; er lehrte in der zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts. Tung Hu Ling Hu Ling, der Sohn von Tung Ying Chieh, war einer der ersten hoch qualifizierten Lehrer, die in der frhen Phase der Einfhrung des Tai Chi nach Amerika in Hawaii lehrten. Tung Ying Chieh (Dong Yingjie) Einer der wichtigen Schler des Yang Chen Fu Tai Chi. Tung und seine Nachfolger aus seiner Familie verbreite- ten den Neuen Yang-Stil des Tai Chi in Sdostasien und den Vereinigten Staaten. 22
  • 23. Ueshiba Morihei Der Aikido-Lehrer des Autors. Ueshiba, der in Japan O-Sensei, der Groe Lehrer, genannt wird, ist der Begrnder der modernen japanischen Kampfkunst Aikido, die auf der inneren Energie basiert. Wan Lai Sheng Einer der fnft Kampfkunst-Tiger von Sdchina. Er praktizierte das Natural Gate Boxing". Er war der Hauptschler von Tu Hsin Wu und ein Kollege von Liu Hung Chieh. Wang Chun Yang Lu Chans bester Schler auf dem Gebiet des Tai Chi der harten Energie. Wang Shu Jin (Wang Shu Chin) Einer der Hauptlehrer des Autors auf dem Gebiet der inneren Kampfkunst und einer der wichtigsten der Lehrer, die das Hsing-I und das Ba Gua aus Festland-China nach Taiwan brachten. Er schulte sich unter Chang Chao Tung in Hsing-I und Ba Gua, unter Wang Xiang Zhai in I Chuan und unter Chen Pan Ling in Tai Chi. Wang Tsung Yueh (Wang Zongyue) Nach einer der existierenden Theori- en jener Daoist, der das Tai Chi ursprnglich in das Dorf Chen brachte und der das moderne Tai Chi Chuan begrndete. Es heit, er sei der Hauptautor der Tai-Chi-Klassiker. Wang Xiang Zhai (Wang Hsiang Chai) Der letzte Schler des Hsing-I- Lehrers Guo Yun Shen und der Grnder der I-Chuan-Schule des Hsing-I. Er war der Lehrer der drei I-Chuan-Lehrer des Autors: Wang Shu Jin, Sawai Kenichi und Han Hsing Yuan. Wei Shao Tang Lehrte den Autor und T. T. Liang in Taiwan die Halb- schritt-Gottesanbeterin-Methode. Weng Hsien Ming Einer der Hauptschler von Hung I Hsiang; er gewann dreimal in Folge die Vollkontakt-Meisterschaften von Taiwan. Wu Hui Chuan Hauptschler von Yang Pan Hou und des Alten Yang- Stils. Einer der fhrenden Tai-Chi-Kmpfer seiner Generation, Er war der Lehrer von Lin Du Ying. Wu Gong I und Wu Gong Zao Shne von Wu Jien Chuan. Die beiden Brder begrndeten einen anderen Zweig des Wu-Stils des Tai Chi. Wu Jien Chuan (Wu Ch'en Ch'uan, Wu Jianquan) Der Sohn von Chuan You, der, zusammen mit seinem Vater, auch als einer der Begrnder des Wu-Stils des Tai Chi bekannt ist. Aus seiner Linie gingen die meisten der Ausbenden des Wu-Stils hervor. Er war der Hauptlehrer von Liu Hung Chieh auf dem Gebiet des Tai Chi. 23
  • 24. Wu Yu Hsiang (Wu Yuxiang) Schler von Yang Lu Chan; er kehrte in das Dorf Chen zurck und kreierte einen wichtigen Stil des kleinen Rahmens im Tai Chi. Er ist eine bedeutende Persnlichkeit im Bereich der Tai-Chi-Literatur. DIE YANG-FAMILIE Yang Lu Chan (Yang Lu Ch'an) Yang, der Unbesiegbare" war der Be- grnder des Yang-Stils des Tai Chi. Er war berhmt fr seine berragende Beherrschung der Tai-Chi-Kampfkunst und ist der Yang, der das Tai Chi, das bis dahin im Dorf Chen geheim gehalten wurde, in China bekannt machte, von wo aus es sich im Rest der Welt verbreitete. Yang Pan Hou (Yan Ban Hou) Der Sohn von Yan Lu Chan und die zweite Generation der Tai-Chi-Familientradition der Yang. Er war der wichtigste Tai-Chi-Lehrer seiner Generation und war neben Wus Vater der zweite Hauptlehrer von Wu Jien Chuan. Yang Shao Hou Ein Yang der dritten Generation, der fr seine ber- ragenden Fhigkeiten als Kmpfer und fr sein aufbrausendes Gemt bekannt war. Er starb jung. Yang Cheng Fu (Yang Ch'eng Fu) Ein Yang der dritten Generation und Begrnder des Neuen Yang-Stils. Die Form, die er kreierte, ist mit ihren vielfltigen Variationen die grundlegende Tai-Chi-Form, die von den aller- meisten Ausbenden des Yang-Stil Tai Chi in aller Welt praktiziert wird. Yang Shou Jung (auch bekannt als Yang Shou-chung oder Yang Shou- zhong) Ein Yang der vierten Generation und der lteste Sohn von Yang Chen Fu. Er lebte in Hongkong und war dort Lehrer des Autors. Yin Fu Einer der Hauptschler von Tung Hai Chuan, dem Begrnder der Kampfkunst des Ba Gua Chang. Seine Linie stellt eine Schule des Ba Gua dar, die sehr verbreitet ist. Yip Man Hauptlehrer des Hongkong-Zweiges der Kampfkunst Wing Chun; die andere Schule hat ihren Sitz in Fatshan in der Provinz Kanton. Er war der Lehrer von Bruce Lee. Yue Fei (Yueh Fei) Der berhmte chinesische General des Altertums, der der Legende nach der Begrnder des Hsing-I Chuan war. 24
  • 25. SCHULEN DER INNEREN KAMPFKUNST, DIE IN DIESEM BUCH ERWHNT WERDEN Tai Chi Ursprnglicher Chen-Stil Yang-Stil Alter Yang-Stil Neuer Yang-Stil Hao-Stil Wu-Stil Kombinationsstile Sun Lu Tang Chen Pan Ling Kuan Ping Fu-Stil Familien-Linien, geheime Linien, verloren gegangene Linien Hsing-I Shansi-Stil Hebei-Stil I Chuan (auch Da Cheng Chuan, Da Cheng Quan oder Ta Cheng Ch'uan genannt) Honan-Stil, auch der Muslim-Stil genannt. Ba Gua Cheng Ting Hua - Drachenstil Yin Fu - Weidenblatt-Hand-Stil Shr Liu Sung Shr Rong Gao Yisheng - Nachgeburtliche Methode der 64 Techniken 25
  • 26. Warum dieses Buch geschrieben wurde Mit diesem Buch komme ich einer Verpflichtung gegenber den Aus- benden der Kampfknste nach, die ich schon seit langem spre. Ich hoffe, dass es die Leser und besonders die Jngeren unter ihnen geneigt machen wird, sich mit den spirituelleren Aspekten der inneren Kampfkunst auseinanderzusetzen. An dieser Stelle mchte ich mich vor all meinen Lehrern verbeugen und sie meiner tief empfundenen Dankbarkeit dafr versichern, dass sie sich so freundlich meiner angenommen und ihre wert- vollen Kenntnisse mit mir geteilt haben. Ohne ihre Bereitschaft, ihr Wissen preiszugeben, wre dieses Buch niemals entstanden. 26
  • 27. Prolog Ich fing im Jahre 1995 an, dieses Buch zu schreiben. Mitte der 1960er Jahre begann ich Kampfkunst vor allem mit einem am Wettkampf orien- tierten Ansatz zu lehren. Seit Beginn der 1970er Jahre verschob sich der Schwerpunkt meiner Lehrttigkeit hin zu einer Mischung von auf den Wettkampf und die Frderung der Gesundheit ausgerichteten Kampfkns- ten. Seit 1987 widmete ich immer mehr der Schulung von Menschen, die die Kraft des Chi verwenden mchten, um ihre Gesundheit zu verbessern und Stress zu reduzieren. Zu diesem Wandel kam es, weil ich mir zunehmend der sich abzeichnen- den Krise der Heilkunde im Westen bewusst wurde und beunruhigt darber war, dass die westliche Schulmedizin so viel Leiden verursacht hat und noch weiter verursachen wird; auerdem sah ich, dass sich immer mehr Stress und Angst im Leben der Menschen des Abendlandes breit machten. Nachdem ich etliche Jahre als Ausbender der Chi-Gung-Heilmethoden in chinesischen Kliniken gearbeitet und mit mehr als 10.000 Schlern im Westen gearbeitet hatte, war mir in der Tat deutlich geworden, dass die Chi-Knste geradezu wundervolle Heilknste sind. Deshalb war es mir wichtig, die erste englischsprachige Ausgabe dieses Buches mit einem Kapitel ber die Kampfknste als Systeme der Heilung abzuschlieen. Das spirituelle Ungengen im Westen Ich bin mir auch zutiefst dessen bewusst, dass in der westlichen Welt ein tiefes spirituelles Unbehagen vorherrscht. Es manifestiert sich als eine akute Spaltung in Krper, Geist und Seele der Menschen, die sie in krperlicher, emotionaler, mentaler und spiritueller Hinsicht schwcht. In Krper, Geist und Seele gesund zu werden, war ein notwendiger As- pekt meiner Ausbildung als Kampfknstler. Wie sich zeigen sollte, war es 27
  • 28. mir auf dem Weg, den ich persnlich gegangen bin, beschieden, mich als Chi-Gung-Heiler und Priester im chinesischen DAO oder der daoistischen Religion zu schulen.* In dieser berarbeiteten [und der ersten deutschsprachigen] Ausgabe mchte ich auch zeigen, dass die Kraft des Chi in den Kampfknsten zu einer tiefen Spiritualitt fhren kann. Auch wenn es vielen ein Wider- spruch zu sein scheint, Kampfkunst mit Spiritualitt zu kombinieren, hat es in der daoistischen Tradition immer eine Richtung gegeben, die diese beiden Seiten als Aspekte einer einzigen integrierten Chi-Praxis verstan- den hat. Tatschlich hat die Abrundung meiner als ein Krieger und Heiler begonnenen Chi-Arbeit mich dazu gefhrt, die daoistische Meditation zu erlernen und sie mit den Energieknsten des Kampfes und der Heilung zu integrieren. Deshalb endet diese berarbeite Ausgabe mit einem Kapitel ber die spirituellen Aspekte der Kampfkunst. Ein Meister des Chi ist ein Lehrer besonderer Art Viele meiner Schler und Leser der ersten Ausgabe haben mich gefragt, warum dieses Buch kein Lehrbuch geworden ist, in dem Anleitungen zu den besprochenen Techniken und Anwendungen gegeben werden. Die ursprngliche Absicht dieses Buches war, Schlern der Kampfkunst Wissen ber das groe Potential dieser Knste und ber die Unterschiede zwischen ihnen zu vermitteln. Die inneren Kampfknste lassen sich nicht in einem Buch lehren. Sch- ler dieser Knste brauchen einen lebendigen Lehrer, der nicht nur die kr- perlichen Techniken und ihre Anwendung im Sparring oder Kampf kennt, sondern der auch wei, wie das Chi in Krper, Geist und Seele fliet. Dies ist notwendig, um die Schler zu schtzen und sicherzustellen, dass sie auf die produktivste und intelligenteste Weise lernen. Der ideale * Der Daoismus ist im Westen noch wenig bekannt. Wenn er sich auf die spirituelle Tradition des Daoismus bezieht, benutzt der Autor manchmal die Schreibweise DAO. Dies soll die daoistische Religion von anderen, eher umgangssprachlichen Verwendungen des Wortes Dao" unterscheiden, die nicht direkt mit den philosophischen oder praktischen spirituellen Grundlagen dieser alten chinesischen Religion zu tun haben. 28
  • 29. Lehrer wird seine Unterweisungen auf eine sorgfltige Einschtzung des Schlers grnden, wobei er dessen Auffassungsgabe, seinen Stand der persnlichen Entwicklung und seine Fhigkeit, das zu verkraften, was in seinem Inneren auftauchen kann, in Betracht zieht. Es kann leicht passieren, dass man zuviel oder zuwenig Wissen vermittelt, es zu frh oder zu spt vermittelt, und das sind Situationen, mit denen viele Lehrer nicht angemessen umzugehen wissen. Das trifft besonders dann zu, wenn die Schler whrend des Trainings in positive oder negative emotionale, mentale, psychische oder karmische Zustnde geraten. Lehrer, die in China als Meister gelten, wissen, welche Kenntnisse sie an einen Schler weitergeben knnen und in welchem Tempo dies zu geschehen hat, besonders was die Nei-Gung-Techniken zum Spren des Chi-Flusses und dem Arbeiten mit diesem angeht. Der Lehrer muss in der Lage sein, die Energie eines Schlers auf vielen Ebenen gleichzeitig zu lesen und angemessen zu interpretieren. Diese Fertigkeit erlangt man nur aufgrund eines tiefen inneren Wissens, das man sich ber lange Zeit durch ein Leben angeeignet hat, das dem Erkennen der Chi-Energie und der Arbeit damit gewidmet ist, und zwar auf allen Ebenen, auf denen sie nutzbar ist: im Kampf, beim Heilen und in der Spiritualitt. Nur Meister kennen die volle Funktionsweise der Chi-Methoden des Nei-Gung-Systems, das sich in 16 Kategorien einteilen lsst (siehe Sei- te 121-124) und haben diese wirklich inkorporiert. Auf der hheren Ebene der Schulung in den so genannten spirituellen Kampfknsten haben die Schler es mit der psychischen und karmischen Gesundheit ihrer Seele zu tun und nicht nur mit krperlichen Selbstverteidigungstechniken. Da die inneren Kampfknste also ein groes Potential zu spiritueller Transformation besitzen, ist es sehr wichtig, dass Schler mit einem starken Interesse an Spiritualitt sich unter einem Meister schulen, der sowohl die inneren Kampfknste als auch die daoistische Meditation beherrscht. Eine Frage an der Oxford-Universitt Im Jahre 2004 hatte ich die Ehre, zu einem Vortrag ber den lebendigen Daoismus an die Oxford Universitt eingeladen zu werden. Whrend der anschlieenden Diskussion stellte jemand die Frage: Warum haben die Kampfknste eine so wichtige Rolle in der Geschichte von asiatischen 29
  • 30. Lndern wie China und Japan gespielt?" Ich hatte damals nicht die Zeit, angemessen auf diese Frage zu antworten, und sagte deshalb nur in einem knappen Satz: Wegen ihres Wertes fr die Verbesserung des Einzelnen, also dessen, was man im Westen Charakterbildung nennt." Diese Frage mchte ich hier jetzt etwas ausfhrlicher beantworten. In einigen Lndern Asiens ist die Kampfkunst immer noch die reinste Form des Wettkampfes, bei dem es im Sparring gelegentlich auch um Leben oder Tod geht. Historisch gesehen, gab es neben dem offensicht- lichen Bedarf an Fertigkeiten fr den Krieg und dem Trieb, sich auf die- ser elementaren Ebene mit anderen zu messen, auch andere Aspekte der Kampfkunst, die wichtig waren. Die Chinesen, Koreaner und Japaner wussten, dass sowohl die ueren Kampfknste als auch die Kampfknste mit Chi-Energie-Praktiken eine starke moralische Empfindung vermitteln knnen, die es den Ausbenden ermglicht, ber ihre rein biologischen Triebe und korrumpierbares anima- lisches Eigeninteresse hinaus zu den strker ethischen und mitfhlenden Mglichkeiten des menschlichen Wesens fortzuschreiten. Auerdem halfen die strengen Trainingsmethoden, Menschen mit enormem Stehvermgen, Konzentration und Durchsetzungskraft hervorzubringen, die, gleich auf welchem Gebiet, stets sehr erfolgreich sein konnten. Dieses Buch wurde aus der Sicht der inneren Kampfknste Chinas (auch Neijiaquan oder Nei Jia Chuan genannt) geschrieben. Fr Tausende von Jahren waren die inneren Kampfknste die vorherrschende Form der Selbsthilfe im Bereich der Krperertchtigung, Gesundheit und Spiritua- litt. Vor 3000 Jahren drangen daoistische Mnche in der Meditation tief in ihren Krper und Geist ein und entdeckten nicht nur den Chi-Fluss, sondern auch, wie man das Chi ausgleichen, verstrken und im Krper speichern kann. Die Mnche benutzten die Chi-Energie, um sich bei bester Gesundheit zu halten, Krankheit zu heilen und eine tiefe innere Stille und Spiritualitt zu erlangen. Ihre Entdeckungen verdichteten sich schlielich zu dem Nei-Gung-System, das zur energetischen Grundlage der inneren Kampfknste Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua sowie der traditionellen chine- sischen Medizin, die Akupunktur, Chi Gung und Chi Gung Tui Na umfasst, und der daoistischen Meditation wurde. Die daoistischen Energieknste werden auch in der Teezeremonie, der Kalligraphie und dem Feng Shui eingesetzt. Eine der Ideen, die Bestandteil aller daoistischen Praktiken sind, ist der Gedanke, dass jedermann selbst fr den Weg verantwortlich ist, den sie 30
  • 31. oder er im Leben beschreitet. Wollte man ein Krieger werden, dann lernte man, die eigene Energie zum Kampf zu nutzen; wurde man verletzt, dann lernte man, dieselbe Kunst auch zur Selbstheilung zu nutzen. Es war ein allgemein bekanntes Phnomen, dass Ausbende der inneren Kampfknste im Allgemeinen lnger lebten und gesnder waren als die anderen Men- schen in ihrer Umgebung. Wollte man Heiler oder Arzt werden, so lernte man, wie man die En- ergieknste zur Untersttzung und Heilung von Krper, Geist und Seele benutzen konnte. Man erlernte die inneren Kampfknste auch, um einfach nur gesund zu sein. In China wei jedermann, dass die langsamen Be- wegungen des Tai Chi, selbst wenn sie nicht korrekt ausgefhrt werden, ungemein wirksam zur Erhaltung der Gesundheit sind, und deshalb werden sie seit Generationen von Millionen von Menschen praktiziert. Wollte man den Pfad zur Erleuchtung beschreiten, so erlernte man an einem bestimmten Punkt der Schulung diese Knste, um das eigene Chi freizusetzen und es auszugleichen sowie um innere Dmonen zu beseitigen und damit spirituell gesnder zu werden. Fr Tausende von Jahren haben die religisen Traditionen im Osten das Training in den Kampfknsten als Grundlage der Spiritualitt verwendet. Das Ziel war, eine solch starke Einstellung zu erzeugen und soviel Chi (Lebenskraft) aufzubauen, dass man weder den Tod frchtete noch Angst vor einer vollen Hingabe an das Leben hatte. Auerdem war bekannt, dass diese Praktiken psychisch gesunde Indi- viduen mit einem guten Charakter hervorbringen, da sie sich sehr stark auf persnliche Disziplin konzentrieren sowie darauf, den Krper von inneren Dmonen zu befreien, so dass der Ausbende ausgeglichen und klar werden konnte. Der Daoismus, eine der groen lebendigen Religionen dieser Welt, ist der Kern aller daoistischen Kampfknste, Heilpraktiken und spirituellen bungen. Eines der wichtigsten Ziele des Daoismus ist, ein inneres Gleich- gewicht im Praktizierenden und damit auch in seinem tglichen Leben sowie seinen Beziehungen zu anderen und der Umwelt zu erzeugen. Aus diesen Grnden ist der Daoismus immer noch eine der groen lebenden Religionen, und er besitzt Chi-Praktiken, die der Schlssel zu einem er- fllten Leben sind. 31
  • 32. Fa Jin: Die Projektion von Energie ohne Muskelkraft Viele Menschen haben mich gebeten, etwas ber die Fa-Jin-Technik zu sagen, die auf dem Umschlag dieses Buches gezeigt wird. Die ueren Kampfknste benutzen krperliche Kraft und die Kraft der Muskeln, doch in den reinen inneren Kampfknsten ist das nicht der Fall. Die Kunst" in allen inneren Kampfknsten besteht darin, in totaler Entspannung, mit ausgeglichenen Emotionen und ohne Muskelanspannung zu kmpfen und Fa-Jin-Techniken einzusetzen. Dies ist einer der wesentlichen Unterschiede zwischen den inneren Kampfknsten und den ueren Kampfknsten. Die Fa Jin genannte Technik besteht aus dem Speichern von Kraft und deren pltzlicher Freisetzung hin zu einem bestimmten Punkt in Zeit und Raum. Auf dem Foto auf dem Umschlag sieht man, wie Energie mit einer solchen Kraft durch die Hnde freigesetzt wird, dass der Schler ein ganzes Stck in die Hhe und durch die Luft geschleudert wird. Die spezifische Methode ist in diesem Fall eine Push-Hands-Bewegung des Tai Chi, die Pressen" genannt wird. Die Technik wird im Zeitlupentempo gelehrt, um es dem Schler zu ermglichen, die Welle von Chi effektiver zu spren. Wird sie whrend Kampfbungen im Sparring angewendet, so wird die Bewegung mit hoher Geschwindigkeit ausgefhrt. Viele Schler glauben nicht, dass Fa Jin mglich ist, bis ein Lehrer ihnen diese Technik demonstriert. Sie sagen dann gewhnlich: Ich habe kaum eine Berhrung seiner Hnde gesprt, und schon flog ich durch die Luft." Zum Fa Jin gehrt die Kraft, die Energie willentlich von jedem Punkt des Krpers aus und auch durch eine Waffe zu projizieren. Im Fall des Fotos auf dem Umschlag wird die Energie durch die Hnde projiziert. Wie Fa Jin gelehrt wird Im Westen wird Fa Jin vor allem dann gelehrt, wenn Kampfknstler das Push Hands des Tai Chi erlernen, eine Partnerbung, durch die die meis- ten der Fertigkeiten und Arten der Chi-Kraft entwickelt werden, die ein Ausbender im Kampf mit der leeren Hand wie mit der Waffe bentigt (siehe S. 240-263). 32
  • 33. Das Fa Jin wird blicherweise dann gelehrt, wenn Schler erkennen lassen, dass sie in Hinsicht auf die Krpermechanik eine hervorragende Grundlage besitzen: przise und doch entspannte Ausrichtungen, inne- re Flexibilitt und Entspannung sowie die Fhigkeit, den Atem mit der Bewegung zu koordinieren und, was am wichtigsten ist, die Fhigkeit zu spren, was auf einer tiefen Ebene in ihrem Krper geschieht. Erst dann verfgen sie ber die notwendigen Grundlagen fr das Erlernen des Nei- Gung-Systems, des hoch entwickelten daoistischen Systems des Ersprens, der Entwicklung und der Lenkung der Chi-Energie im Krper, aus dem die inneren Kampfknste schpfen. Wenn die Schler beginnen, das Fa Jin zu erlernen, sind sie gewhnlich noch in den Anfangsphasen des Sprens und Len- kens des Chi. Auch wenn sie vielleicht in der Lage sind, eine Welle des Chi zu spren, die durch ihren Krper luft, werden sie da- mit zunchst ihre Gegner nicht werfen oder auch nur aus dem Gleichgewicht bringen knnen. So werden sie oft versucht sein, eine gewisse Muskelkraft einzusetzen, was sie jedoch daran hindern wird, ihr Chi zu spren und es durch den Krper zu be- wegen. Man kann Fa Jin anwenden, ohne Schmerzen zuzufgen Anders als bei vielen anderen Sparring- Techniken, die, wenn sie konkret angewen- det werden, Schmerzen zufgen knnen, kann man das Fa Jin in entwickelter Form sicher anwenden, ohne Schmerzen zuzuf- gen. Das kommt daher, dass die Kraft wie eine Welle durch den Krper hindurchluft. Statt im Krper Halt zu machen und dort Schaden anzurichten (wie zum Beispiel ein Sto oder Schlag), tritt die Kraft wieder aus und setzt ihren Weg hinter der Person durch Fa Jin: Das Projizieren von Chi-Energie zur Entwurzelung und Bewegung eines Gegners. 33
  • 34. den Raum fort. Da dem so ist, kann man in einer Trainingssitzung Hun- derte Male Fa Jin geben und empfangen, ohne dass dadurch kumulativ ein Schaden angerichtet wird, wie das bei vielen Kontaktsportarten der Fall ist. Wird das Fa Jin jedoch in Situationen angewendet, wo eine echte Selbstverteidigung notwendig ist, kann des betrchtlichen Schaden an- richten, wenn man die Energiewelle verkrzt, so dass sie im Krper des Gegners Halt macht. Mein eigenes Fa-Jin-Training Ich habe von all meinen in diesem Buch erwhnten Lehrern der inneren Kampfknste und in geringerem Mae auch von den anderen gelernt, welche Kraft das vom Chi erzeugte Fa Jin hat. Meine Reise begann in den spten 1960er und frhen 1970er Jahren in Taiwan und Hongkong bei Wang Shu Jin, Hung I Hsiang, Bai Hua und Yang Shou Jung (dem Urenkel des Grnders des Yang-Stil Tai Chi) und in den 1980er Jahren wurde meine Ausbildung in der Volksrepublik China in Xiamen bei Lin Du Ying und in Beijing bei Feng Zhi Qiang und Liu Hung Chieh abgeschlossen. Einige diese Lehrer waren hauptschlich Adepten des Yang-, Chen- und Wu-Stils des Tai Chi, manche waren vor allem Meister des Hsing-I und Ba Gua und andere beherrschten alle drei Kampfknste gleich gut. Der Gebrauch des Fa Jin zur Heilung Das Fa Jin ist nicht nur fr den Kampf ntzlich. Es war auch Teil meiner Ausbildung als Chi-Gung-Heiler in chinesischen Kliniken. Bei dieser An- wendungsform projizierte ich allein heilendes Chi ohne jegliche krperliche Kraft (was in China eher Fa Chi als Fa Jin genannt wird) und nicht ein Chi, das sich in krperliche Kraft umwandelt (Fa Jin). Die Technik war in zweierlei Hinsicht ntzlich: um heilende Ener- gie durch meine Hnde zu projizieren und um die negative Energie, die Mitverursacher der Krankheit meiner Patienten war, aus dem Krper zu entfernen. In der traditionellen chinesischen Medizin heit es, dass das Chi auf flssige und kraftvolle Weise frei durch den ganzen Krper flieen muss, wenn man bei guter Gesundheit bleiben will. Ist die Chi-Energie blockiert, dann ergeben sich daraus gewhnlich Schmerzen und Krankheiten. 34
  • 35. Und vor allem war es notwendig fr mich, das Fa Jin zu benutzen, um damit jegliche negative Energie auszuschleudern, die sich durch die Arbeit mit meinen Patienten angesammelt haben mochte. Dies war wichtig, um entspannt und emotional ausgeglichen zu bleiben und das Burn Out zu ver- meiden, das so vielen Menschen in den Heilberufen zu schaffen macht. Fa Jin fr die spirituelle Entwicklung Aus spiritueller Sicht kann die Fhigkeit, die eigene Energie freizusetzen und gezielt zu lenken, in der daoistischen Meditation helfen, die tiefsten spirituellen Energiekanle und Energiezentren zu ffnen. Auerdem kann das Fa Jin benutzt werden um Blockaden tief im Krper, die am tiefsten verborgenen inneren Dmonen, zu beseitigen, so dass man durch deren Auflsung Zustnde erhhten Gewahrseins und grerer Klarheit erlangt. Letzten Endes vertieft sich das Gewahrsein so weit, dass man des Gewahr- seins selbst (des Bewusstseins) gewahr wird sowie aller Dinge, mit denen sich ein Menschenwesen verbinden kann, einschlielich der Energie des Mitgefhls. Die hchste Verwirklichung fr jemanden, der dem daoistischen Pfad des Kriegers/Heilers/Priesters folgt, ist, seine Energie bis zum Punkt der Erleuchtung zu entwickeln. So etwas kann geschehen, wenn das Fa Jin ber den bloen krperli- chen Bereich hinausgeht und man damit in den Bereich der Spiritualitt eindringt. 35
  • 36. Einfhrung AlsKnabe war ich krperlich ziemlich unbeholfen, bis ich im Jahre 1961 im Alter von 12 Jahren begann, Judo* zu trainieren und wenig spter auch Karate. Durch die fortgesetzte bung verschiedener Kampfknste erreichte ich schlielich krperliche Koordination, und zwar eher, weil ich die Wirksamkeit meiner Kampfkunst verbessern wollte, und nicht, weil ich ausdrcklich danach strebte, mich anmutiger zu bewegen. Was die Technik anging, so hatte ich zu ihr damals die Einstellung eines Samurai auf dem Schlachtfeld, und mich interessierten vor allem folgende Fragen: Funktionierte die Technik in einem tatschlichen Kampf? Wie wirksam ist sie? Auf welche Weise und in welchen Gefahrensituationen kann sie mich davor bewahren, verletzt zu werden? Whrend meiner Jugendzeit interessierte ich mich zwar am Rande auch fr die gesundheitlichen und meditativen Aspekte der Kampfkunst, aber ihre sthetische Dimension beachtete ich berhaupt nicht. Wen sollte es schon interessieren, ob die Bewegungen schn oder hsslich waren? Schne Bewegungen mochten ihre Funktion in der Kampfkunst haben, oder auch nicht. Und was in der Kampfkunst funktionierte, das konnte von mir aus gut aussehen, oder auch nicht. Was mich als junger Mann anspornte, war also die Frage, ob ich einen Wettkampf gewinnen konnte oder nicht. Ein Wettstreit im Bereich der reinen Formen bedeutete mir nichts. Jahr- zehntelang war es ein tief verwurzeltes Streben danach, im tatschlichen Kampf zu bestehen, das mich dazu antrieb, tglich viele Stunden lang verschiedene Kampfknste zu ben. Und so brachte mir diese Leidenschaft schon bevor ich neunzehn Jahre alt war schwarze Grtel im Judo, Karate, Jiu Jitsu und Aikido ein. Dann begab ich mich auf eine persnliche Suche nach den Wurzeln der Kampfkunst. Sie fhrte mich zuerst nach Japan, wo ich mehrere Jahre lang auf der Schwarzgrtel-Ebene intensiv Karate, * Ausfhrliche Erluterungen zu den fett-gedruckten Begriffen finden Sie im Glossar ab Seite 540 36
  • 37. Judo und Aikido trainierte, und dann nach China, wo ich, um meine Schulung zu vertiefen, weitere zehn Jahre Kampfkunst studierte. Es war die Begegnung mit den inneren Kampfknsten Chinas, die mein Leben fr immer vernderte. Im Jahre 1968, als ich gerade ein Jahr eines mrderischen Karate-Trai- nings mit dem Team absolviert hatte, das die japanische Universittsmeis- terschaft gewonnen hat, machte ich Urlaub in Taiwan. Dort begann ich mich bei Wang Shu Jin in der inneren Kampfkunst Ba Gua zu schulen. Kurz danach studierte ich bei Sawai Kenichi in Tokio Hsing-I und bei Wangs Schler Chang I Chung das Tai Chi. Der Zyklus meines Karate-Trainings hatte sich vollendet. Nachdem ich im Frhjahr 1970 in Okinawa ein spezielles Schwarzgrtel-Training des Shorin Ryu absolviert hatte, verschob'sich mein Streben, mich in den Kampfknsten der Ste, Tritte und Schlge auszuzeichnen deutlich hin zu den chinesischen Stilen. Zu diesem Zeitpunkt waren die einzigen fr einen wirklich ernstzunehmenden Kampf verwendbaren chinesischen Kampfknste, in die ich seit jenem Urlaub in Taiwan eingefhrt worden war und die ich ernsthaft gebt hatte, die inneren Systeme. Im darauf fol- genden Jahrzehnt fhrte mich meine Reise durch die inneren Kampfknste auf einige Nebengeleise der inneren und ueren Kampfkunst Chinas. Auf diesen Ausflgen studierte ich Weier Kranich, Wing Chun, Affenboxen, Chinesisches Ringen, Nrdliche Gottesanbeterin (Praying Mantis), Die Acht trunkenen Unsterblichen und den Stil des Nrdlichen Shaolin. Es gab zwei Grnde, die mich zu einer Zeit, da es mir vor allem darum ging, Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I zu meistern, dazu motivierten, mich der zustzlichen harten Arbeit zu unterziehen, meinem Repertoire auch noch diese ueren und inneren Kampfkunst-Methoden hinzuzufgen. Zuerst einmal emp- fiehlt es sich, die Methoden zu kennen, die irgendein potentieller Gegner anwenden knnte, und zu wissen, wie man sie pariert. Das, was man auf dem Gebiet der Kampfkunst nicht kennt, kann zu einer Niederlage fuhren. Und vom Standpunkt des Angriffs aus gesehen, kann eine bergreifende Beschftigung mit anderen Stilen zudem dazu fhren, dass man grobe Techniken kennen lernt, die uns helfen knnen, die nchsten (und strker verfeinerten) Ebenen der inneren Kampfknste weiterzuentwickeln. Mein Motto ist es, nichts als feststehend vorauszusetzen. Die Kenntnisse, die ich durch dieses bergreifende Training erworben habe, haben mir Einsich- ten erffnet, die mich Lcken in den ueren wie inneren Kampfknsten erkennen lieen, die ein Gegner ausnutzen knnte. 37
  • 38. Anders als im Westen waren zu jener Zeit in bestimmten stdtischen Bal- lungsgebieten des Ostens fast immer ausgezeichnete Lehrer einer Vielzahl verschiedener Disziplinen der chinesischen Kampfkunst zu finden. Ich habe diese einzigartige Gelegenheit genutzt und begann dadurch zu verstehen, in welcher Hinsicht die Kampftechniken der ueren und inneren Systeme einander hneln und worin sie sich voneinander unterscheiden. Ich woll- te auch das volle Potential meiner frheren Liebe, des Karate, erfassen, um herauszufinden, wie weit diese Technik fhren kann. Die Knste des Gung Fu kamen meinem Verlangen entgegen, mich im Sparring mit einem Gegner zu messen, insbesondere wenn gerade keine Praktizierenden der inneren Kampfknste zur Verfgung standen, mit denen ich spielerisch Schlge und Wrfe austauschen konnte. Es war persnlich sehr erfllend, neue Techniken und Perspektiven der Kampfkunst zu erlernen, zu benutzen und gleichzeitig ihre verschiedenen krperlichen, emotionalen und strategischen Strken und Schwachpunkte in unterschiedlichen taktischen Situationen zu analysieren. Diese verglei- chenden Studien haben mich von dem Bedrfnis befreit, der leider nur allzu hufig anzutreffenden voreingenommenen fixen Idee anzuhaften, dass mein Stil der beste" ist, ohne die nackte Wahrheit dessen zu kennen, was es sonst noch an Methoden gibt. Ich war eher daran interessiert, zu wachsen und effektiv zu sein, als daran, wie ich eine emotionale Investition in den Glauben an die berlegenheit irgendeines Stils der Kampfkunst verteidigen konnte. Schlielich und endlich ist es die Person, die kmpft, und nicht ein System der Kampfkunst. Indem ich die unterschiedlichen ueren und inneren Methoden erlernte, ergab sich fr mich ein Kontext, innerhalb dessen ich sehr hilfreiche Fra- gen ber die Anwendung vergleichender Techniken im Kampf zu stellen vermochte. Diese Art von Erkundungen fhrte zu einer betrchtlichen Vertiefung des fortlaufenden Trainings in meinen Haupttechniken und meiner Ausrichtung auf die inneren Kampfknste. Wenn man nur hflich genug fragt, dann werden Meister der inneren Kampfkunst oft auch Fra- gen beantworten, die sich auf solch vergleichende Techniken beziehen. Fragt man sie allerdings nicht danach, dann schweigen sie ebenso oft zu diesem Punkt und zu der Frage, wie sie die Methodologie eines Systems, das nicht ihr eigenes ist, analysieren wrden. Wenn man ihnen vormacht, was ein anderer Ansatz zu bieten hat, ist es relativ wahrscheinlich, dass sie so etwas sagen wie: Nun, wir machen das nichts so", und dass sie dann erklren, warum sie es nicht so machen. Oder sie sagen Wir machen 38
  • 39. das auch, aber etwas anders", und dann fahren sie fort zu demonstrieren, warum und wozu sie es anders machen und in welcher Hinsicht man mit dieser Technik vorsichtig sein sollte. Schlielich faszinierte mich immer mehr die philosophische Frage, was die Kampfknste" als Ganzes gesehen in ihrem Kern eigentlich sind. Das Forschen nach einer Antwort auf diese Frage fhrte mich letztlich zu der Erkenntnis, dass die Kampfknste mehr sind als eine Ansammlung viel- schichtiger Bewegungen und Techniken, die dazu dienen, einen Gegner zu besiegen. Zu dieser Einsicht kam es whrend der letzten Runde meiner Kampfkunst-Studien in Beijing bei dem auerordentlichen daoistischen Adepten Liu Hung Chieh, dem ich im Jahre 1981 begegnete und der mir whrend der darauf folgenden Jahre zeigte, dass Heilen, Spiritualitt und die Kampfknste sich zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfhren lassen. Zu jener Zeit, ich war damals in meinen frhen Dreiigern, richtete sich meine Aufmerksamkeit vllig auf die inneren Knste aus. Mit diesem Buch komme ich einer Verpflichtung nach, die ich schon seit langem der Gemeinschaft der Kampfkunst-Ausbenden gegenber zu haben glaube. Ich hoffe nmlich, dass ich die geneigten Leser und vor allem die jngeren Leser fr die eher spirituelle Seite der Kampfknste zu interessieren vermag. Hiermit mchte ich meine tiefe Verbundenheit und meinen Dank all meinen Lehrern gegenber zum Ausdruck bringen, die so freundlich ihre Zeit und ihre wertvollen Informationen mit mir geteilt haben. Ohne ihre Bereitschaft, ihr Wissen zu offenbaren, htte dieses Buch nicht geschrieben werden knnen. 39
  • 40. Der Autor fhrt eine Bewegung des Drache und Tiger"-Chi-Gung aus, das eine Methode aus dem Shaolin-Kloster ist, die vom Daoismus beeinflusst wurde. Die Bewegung wird aus gesundheitlichen Grnden zur Strkung des Herzens ausgefhrt und erzeugt fr den Kampf enorme Schlagkraft.
  • 41. Das Animalische, das Humane und das Spirituelle Drei Anstze fr die Kampf knste Das Spektrum der Kampfknste, die auf dem Erdball praktiziert werden, ist ziemlich breit. Wenn man jedoch einmal hinter die Unterschiede blickt und die Wurzeln der einzelnen Praktiken selbst betrachtet, dann lassen sich im Wesentlichen drei Anstze unterscheiden: kmpfen wie ein Tier; kmpfen als ein menschliches Wesen; und Kampf als ein Weg, zu einem spirituell entwickelten Menschen zu werden. Ein konsequentes Kampf- kunsttraining in bereinstimmung mit einem dieser Anstze kann entweder einige der animalischen Aspekte der menschlichen Natur verstrken oder menschlichen Wesen helfen, ihr spirituelles Potential zu verwirklichen. Die Einstellung eines benden in Kombination mit der Eigenart seiner Trainingsmethoden wird ihn von selbst in die eine oder andere Richtung fhren. Als Menschenwesen haben wir vielleicht von unseren entfernten Ahnen unter den Primaten das tief verwurzelte Bedrfnis geerbt, von Dominanz und Unterwerfung geprgte Verhaltensmuster an den Tag zu legen. Dies lsst sich oft innerhalb der Gesellschaft beobachten, auf der individuellen wie auch der physischen und psychischen Ebene - etwa im Konkurrenzver- halten innerhalb von Gruppen im Bereich des Sports oder der Wirtschaft sowie auf der politischen Bhne, auf der es seit Menschengedenken schon immer Streit und Kriege gegeben hat. Ihrer Natur nach haben die Diszi- plinen der Kampfkunst unmittelbar mit diesem Aspekt der menschlichen Erfahrung zu tun, und zwar nicht indem sie unsere natrliche Tendenz zur Gewaltttigkeit sublimieren, sondern indem sie voll darauf eingehen. Doch idealerweise vermittelt die Praxis der Kampfknste dem benden anfanglich ein Bauchgefhl fr die Kernursachen unseres Hangs zur Gewalt und ermglicht es ihm letztlich, diesen Drang zu transzendieren. In den Kampfknsten steht die Tr jederzeit offen und sie laden ihre Anhnger entweder dazu ein, sich noch mehr in ihre eigenen animalischen 41 1
  • 42. Impulse zu vertiefen und/oder sich schrittweise hin zu ihrem hheren spi- rituellen Potential zu entwickeln. Ein greres Ma an die Menschlichkeit frdernden Praktiken in den Kampfknsten kann und wird Menschen dazu schulen, sich auf Vernunft zu verlassen und ber das Aufflammen von Emotionen, die Gewalt verursachen, hinauszugelangen. Diese Fhigkeit ist gerade heute besonders wertvoll, wo wir alle nur denkbare Hilfe dazu bentigen, mit dem immer strkeren Stress umzugehen, der sich aus den rasend schnellen Entwicklungen in unserer supertechnologisierten Welt ergibt. Aus einer Perspektive gesehen, liee sich argumentieren, dass smtli- che Kampfknste, was den Bereich der kriegerischen Auseinandersetzung angeht, seit dem Auftauchen von Feuerwaffen - von der einschssigen Muskete bis hin zu den vollautomatischen Waffen - systematisch an Be- deutung verloren haben. Nichtsdestotrotz stellen uns die Kampfknste ein machtvolles Werkzeug zur Verfgung, mit dem sich der Charakter und die Spiritualitt menschlicher Wesen schulen und verfeinern lassen, wie es in Japan nach der Meiji-Restauration in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts geschehen ist. Damals wurde es den Samurai gesetzlich ver- boten, Schwerter zu tragen und Kmpfe auf Leben oder Tod auszufechten. Die japanische Kampfkunst, in der es gnzlich und ohne Schnickschnack um die Wissenschaft des mglichst effektiven Ttens von Feinden ging, wurde Bujitsu oder Kampftechnik" genannt. Der aus China stammende Begriff Dao" (den wir aus der daoistischen spirituellen Tradition von Laotse und dem I Ging kennen) wird im Japanischen Do (mit langem o") ausgesprochen. Also wurden die japanischen Schulen der Kampfkunst, deren Ziel es war, sowohl wirksame Techniken zu lehren als auch den spirituellen Charakter ihrer Anhnger zu entwickeln, Budo genannt oder Weg des Kampfes". Alle Kampfknste, die in einer Schlacht zur Anwendung kommen, sind nur so gut wie die Person, die sie anwendet. Kampfknste sind mehr als der Kampf gegen einen Gegner; sie knnen auch zu einem Mittel werden, die Feinde des Lebens zu bekmpfen - Krankheit, mangelnde Selbstachtung, Stress und das Fehlen einer spirituellen Mitte. Von diesem Standpunkt ge- sehen, mag es sein, dass die Kampfknste, die in einer Ackerbaugesellschaft oder auch noch in der frhen Industriegesellschaft, als die Menschen ihren Lebensunterhalt noch mit ihrer Hnde Arbeit verdienten, sehr wirksam waren, in unserer heutigen Hochtechnologiegesellschaft, in der eher un- sere Nerven und Gehirnzellen dem Stress ausgesetzt sind, nicht mehr so 42
  • 43. ntzlich sind. Darum empfiehlt es sich heutzutage, sich die animalischen, humanen und spirituellen Aspekte der verschiedenen Kampfknste darauf- hin anzusehen, was sie auf dem Schlachtfeld des heutigen Alltagslebens fr uns bedeuten knnen. Der animalische Ansatz Natrlich ist das Thema des Verhaltens der Tiere ein sehr weites Feld. Bis heute wurde ein betrchtliches wissenschaftliches Wissen, das aus Beo- bachtungen und Experimenten stammt (und auch anekdotischer Natur ist) angesammelt, und die Forschung geht immer noch weiter. Und trotz all dieser Anstrengungen haben wir wahrscheinlich erst einen Bruchteil dessen aufgedeckt, was es zu wissen gibt. Es existiert eine Unmenge von Theorien, und einige davon versuchen, das Kampfverhalten der Tiere ganz spezifisch mit der Gewaltttigkeit in Verbindung zu bringen, die von uns Menschenwesen ausgeht. Ich mchte von vornherein klarstellen, dass ich in dieser Diskussion nicht andeuten oder gar behaupten mchte, Gewalt sei ein rein animalisches Verhalten. Bei dem hier beschriebenen Ansatz geht es vielmehr in engerem Sinne um ganz spezifische Situationen, in denen ein einzelnes Tier - aus welchem Grund auch immer - von einem anderen einzelnen Tier oder einem Rudel von Tieren angegriffen wird und eine der klassischen Verhaltensreaktionen von Kmpfen, Flchten oder Erstarren an den Tag legt. Es gibt eine vielschichtige soziobiologische und philo- sophische Diskussion ber die Frage, inwieweit die Gewaltttigkeit von Tieren mit der Gewaltttigkeit von Menschen zusammenhngt, besonders in den Bereichen des Streits um ein Territorium, der sexuellen Rivalitt, von Gewinn und Verlust und vielleicht auch von rituellem Verhalten. Mit diesen Debatten hat das vorliegende Kapitel berhaupt nichts zu tun. Was uns hier interessiert, ist, was mit Tieren und Menschen in dem Augenblick geschieht, wo es zu einem tatschlichen physischen Kampf kommt. Das Bild der Kampfknste, das der breiten ffentlichkeit im Allgemeinen von den verschiedenen Medien prsentiert wird, ist das von kontrollier- ter Gewaltttigkeit - gebleckte Zhne, angespannte Muskeln, projizierter Zorn. In den Filmen und Fotos von Helden der Kampfkunst aus Amerika, Europa, Japan und Hongkong (und leider allzu oft auch im wirklichen Leben) begegnen wir immer wieder dem Schauspiel eines Kmpfers, der mit 43
  • 44. verzerrtem Gesicht und verdrehten Muskeln animalische Laute ausstt. All diese Effekte sollen ganz offensichtlich das Wten eines gefhrlichen und in die Enge getriebenen Tieres zum Ausdruck bringen. Wenn die dramatischen Hhepunkte vorber sind, legt der Kmpfer dann hufig ein friedvolles Verhalten an den Tag. Diese grundlegenden aus dem Tierreich stammenden und hormonell bedingten Verhaltensmuster finden sich auch bei vielen Kampfknstlern wieder. Sie sind Ausdruck einer stark ener- getischen Kraft. Tatschlich war die Manifestation solcher animalischen Reaktionen in der gesamten Menschheitsgeschichte eine der leichtesten Methoden, um Menschen zu physischer Gewalt anzustacheln. In grauer Vorzeit wurde das Drsensystem des Menschen augenblicklich zur Kampf- oder Fluchtreaktion aktiviert, wenn ein Sbelzahntiger an seinem Lagerfeuer auftauchte. Diese Reaktion war ein reiner berlebens- mechanismus, der der Entwicklung des Intellekts wahrscheinlich lange vorausging. Wir nennen sie heute den Kampf-oder-Flucht-Reflex". Solche Begegnungen hinterlieen tiefe Spuren in der menschlichen Psyche. Dass diese Spuren heute noch prsent sind, dient dazu, unser berleben zu sichern. Viele zivilisierte Menschen struben sich jedoch psychisch gegen die Idee, dass es erlaubt ist, sich gegenseitig krperlich zu verletzen, um die Sicherheit der eigenen Person zu garantieren. (Einem anderen Menschen im Kampf von Angesicht zu Angesicht gegenberzustehen ist etwas ganz anderes, als im sicheren Sessel auf einen Knopf zu drcken, um eine Gestalt in einem Videospiel umzubringen.) Viele Kampfknste bedienen sich der animalischen" Adrenalin-Reak- tion, um die krperliche Kraft und die Effektivitt der Bewegungsablufe eines Praktizierenden zu steigern. Wenn sich ein Individuum direkt mit der Furcht konfrontiert sieht, die Gewaltttigkeit normalerweise hervorruft, dann ist das grte Hindernis fr die Anwendung irgendeiner erlernten Selbstverteidigungstechnik Hemmung und Lhmung. Indem er sich ber lngere Zeit darauf trainiert, die Adrenalinausschttung zu aktivieren, kann sich ein Kampfknstler darauf vorbereiten, unter Druck zu handeln - vor- zugsweise indem er sich in das strkste und garstigste Tier auf der Bhne verwandelt. In jedem Kontext, in dem die krperlichen Attribute von Kraft, Geschwindigkeit und Ausdauer von berragender Wichtigkeit sind, ist ein solcher Ansatz auch ganz vernnftig. Doch in unserem modernen elektronischen Zeitalter, in dem unser Gegner ein nie gekannter Stress ist sowie die Krankheiten, die mit diesem einhergehen, ist der animalische Ansatz wohl eher kontraproduktiv. 44
  • 45. Wenn man sich stndig darin bt, die eigenen Hormondrsen feuern" zu lassen, um sich in Kampf-oder-Flucht-Situationen zu motivieren, dann luft man Gefahr, dieses Verhaltensmuster auch in andere Bereiche des Alltags hinberzutragen. Manchmal ist eine solche bertragung durchaus hilfreich, etwa wenn man schwere krperliche Arbeit zu leisten hat. In eine solche Situation ist der gesamte Krper involviert, und wenn die krper- liche Aktion beendet ist, dann ist auch Schluss mit der Sache. Dies stellt einen natrlichen Abschluss dar. Die Handlungsprinzipien der ueren Kampfknste bedienen sich gewhnliches dieses Ansatzes. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Die frhe Betonung von Karate und Aikido Als Knabe von 12 Jahren begann ich mit der bung von Judo und Karate nicht aus sportlichen oder spirituel- len Grnden oder um mein Selbstvertrauen zu steigern, sondern schlichtweg um fhig zu sein, mich in dem ge- waltttigen Klima von New York vor der sehr realen Mglichkeit schtzen zu knnen, Opfer eines Gewaltaktes zu werden. Mein Interesse an der Kampfkunst weitete sich bald aus und umfasste dann auch Jiu Jitsu, in dessen Rahmen ich zum ersten Mal mit dem As- pekt des Heilens und der Meditation in Berhrung kam, indem ich Shiatsu und Zen praktizierte. (An meiner ersten zweiwchigen Klausur mit der Sitzmeditation des Zen nahm ich bereits als Teenager teil.) Zu dieser Zeit erwhnte ein Nachbar, der einen schwarzen Grtel im Judo besa, eine neue" Kampfkunst namens Aikido, die ich sofort zu lernen begann. Ich studierte sie auch weiterhin und schulte mich schlielich unter ihrem Begrnder darin. Die Vorstellung, dass die innere Chi- oder Ki-Energie die krperlichen Bewegungen motiviert und antreibt, war fr mich vllig neu und ausgesprochen faszinierend. Ich kann mich noch sehr lebhaft an meine ersten Experimente erinnern, bei denen ich das Chi whrend der Aikido-bung aus meinem Bauch durch meinen Torso und aus meinen Fingerspitzen heraus auf die Matte ausdehnte. Ich spielte auch auer- halb des Kontextes der Kampfkunst mit dieser energetischen Kraft, die aus meinen Fingern ausstrahlte, um meinen ganzen Krper zum Beispiel vorwrts zu ziehen, damit ich bei meinem Teilzeitjob des Austragens von Waren schneller durch die Straen von Manhattan laufen konnte. Whrend ich die Highschool besuchte, bte ich den Tomeki- und den Hombu-Stil des Aikido, fhlte mich aber weiterhin sehr stark zur Kampf- 45
  • 46. kunst des Karate hingezogen. Nachdem mein Lehrer in dem aus Okinawa stammenden Shorin Ryu Karate aus New York City abgereist war, bte ich mich fr den Rest meiner Zeit an der Highschool in den beiden ja- panischen Stilen Goju und Shotokan. Meine Leidenschaft fr das Karate fhrte dazu, dass ich es auch auf dem fortgeschrittenen Niveau weiterhin intensiv studierte. Es war in der Tat meine tiefe Sehnsucht, meine Kennt- nisse des Karate, Judo und Aikido zu vertiefen, die dazu fhrte, dass ich mich nach meiner Graduierung an der Sophia Universitt in Tokio ein- schrieb, statt meine Ausbildung im Westen fortzusetzen. Die meiste Zeit jedoch ist die Methode des Anstacheins der Hormondrsen nicht besonders hilfreich, insbesondere wenn man einen Brojob hat oder im Hochtechnologiebereich arbeitet. In diesen Fllen ist die Ausgangsposi- tion eine vllig andere. Die Ereignisse folgen sehr schnell aufeinander, und so kann der Tiger innerhalb einer Stunde etliche Male an Ihrem Schreibtisch auftauchen: Sie sehen, wie sich eine Krise anbahnt, ein Geschftsabschluss scheitert, ein Projekt muss termingerecht abgewickelt werden, sie ms- sen sich Rckendeckung gegenber einem Konkurrenten verschaffen, ein schwerer Fehler ist zu korrigieren, ein Mensch in einer wichtigen Position wird ein Urteil ber Sie fllen, der Computer ist abgestrzt, und so weiter. Den ganzen Tag lang hlt der Stress unbarmherzig an. Wenn Sie dann auch noch durch das Training in einer Kampfkunst, die dem animalischen Ansatz folgt, die offensichtliche oder unterschwellige Gewohnheit entwickeln, ihre Hormondrsen jedes Mal, wenn sie eine besondere Leistung erbringen wollen, auf Hochtouren laufen zu lassen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass der Stress einfach zu gro wird. Wird der animalische Kampf-oder-Flucht-Reflex ausgelst, dann strmt das Blut in die periphere Muskulatur ihres Krpers (die Sie brauchen, um gegen den Tiger zu kmpfen) und wird deshalb von den inneren Organen und aus dem Gehirn abgezogen. Auf die Dauer kann solche andauernde Aktivitt das Verdauungssystem und die Funktionen von Herz und Gehirn schdigen, weil dass Blut nicht dorthin strmt, wo es gebraucht wird. Wir knnen mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass die Hhlen der Nean- dertaler lngst nicht so hufig von Tigern heimgesucht wurden, wie der Stress im modernen Arbeitsalltag zuschlgt. Es mag ja ein oder zweimal im Monat durchaus die Sache Wert sein, seine Verdauung zu unterbre- chen, um zu verhindern, dass man von einer wilden Bestie zerrissen wird. Aber sind die vielen schweren und manchmal sogar tdlichen von Stress 46
  • 47. verursachten Krankheiten die Sache ebenfalls wert? Das ist eine Frage, die sich insbesondere Arbeitsschtige stellen sollten sowie Teenager, deren Hormone sowieso schon verrckt spielen. Seien Sie sich dessen bewusst, das Kampfknstler aller Schulen, seien es nun uere oder innere Disziplinen, sich funktionell gesehen letztlich des animalischen Ansatzes bedienen knnen. Auch wenn die hormonelle" Reaktion sich mit zunehmendem Alter abschwcht, knnen auch ltere Praktizierende jeder Schule weiterhin die Gewohnheit pflegen, es zu ani- malischen Ausbrchen kommen zu lassen. Auch wenn das Aufstacheln" der Drsen zumeist mit den ueren Kampfknsten in Verbindung gebracht wird, ist diese Reaktion auch dort nicht immer dieselbe. Auch wenn es bei Praktizierenden der inneren Kampfknste im Idealfall nicht zu diesem Feuern" der Hormondrsen kommt, geschieht das bei vielen von ihnen dennoch, wenn sie in einem Kampf, bei einem Sparring oder bei bungen mit einer anderen Person unter Druck geraten. Auf der nchsten Ebene lehren Kampfknste die Ausbenden, auch ohne die Verwendung des animalischen Ansatzes effektiv zu sein. Sie tun das, indem sie stattdessen ihr menschliches Potential anzapfen. Der humane Ansatz Der animalische Ansatz in der Kampfkunst sieht folgendermaen aus: Eine potentiell gewaltgeladene Situation stachelt den animalischen Instinkt an; das lst Furcht aus, wodurch die Drsen aktiviert werden, was wiederum die Herzfrequenz erhht, was den Krper aktiviert und ihn zum Kampf bereit macht. Der humane Ansatz in der Kampfkunst ist folgendermaen beschaffen: Eine potentiell gewaltgeladene Situation aktiviert sofort das menschliche Vermgen herauszufinden, wie man diese Situation am besten ohne jeglichen stressigen Zorn bewltigt. Dann wird das Krper-Geist- System ruhig und hellwach, was es dem gesammelten Geist ermglicht, augenblicklich und bewusst das Chi zu aktivieren. Das fhrt wiederum dazu, dass der Krper schnell und kraftvoll zu reagieren vermag, ohne dass jedoch die Drsen aktiviert werden, die Pulsfrequenz zunimmt oder Wut erzeugt wird. Auf der humanen Ebene der Kampfkunst ist es die Vernunft, die die Aktivitten des Krpers ruhig und leidenschaftslos beherrscht. Das heit, dass die Entscheidung ber unsere Reaktionsweise von unserem 47
  • 48. Verstand getroffen wird und nicht von unserem Hormonsystem. (Die An- wendung des humanen Systems setzt natrlich voraus, dass das fragliche Individuum seine animalischen Instinkte transzendieren mchte.) Auch wenn es fr das Tier von Vorteil sein mag, wenn es vor einem Kampf auf Leben oder Tod sein Krper-Geist-System so weit nur irgend mglich auf Hochspannung bringt, wrde es das menschliche Leben aller Freude berauben, wollten wir dieses Verhalten stndig aufrecht erhalten. Eine Katze vermag sich zu entspannen, nachdem sie zugeschlagen hat, die meisten Menschen knnen das nicht. Allmhlich lsst diese stndig aufrechterhaltene animalische Spannung den Krper rigide werden, und der Stress, der sich aus dieser Verkrampfung ergibt, kann zu dem beherr- schenden Kontext werden, in dem jemand sein Leben fhrt. Die inneren Kampfknste Chinas whlen deshalb bewusst einen ande- ren Weg. Sie arbeiten durch eine uerst gesammelte Verschmelzung von Verstand und der subtilen Energie des Krpers darauf hin, eine humane Form des effektiven Kmpfen zu entwickeln, die ohne die Aktivierung instinktiver Hormonreaktionen auskommt. Es ist schwieriger, diesen Weg zu gehen, weil uns der animalische Ansatz genetisch einprogrammiert ist. In den inneren Kampfknsten braucht es eine Menge Zeit, viel frustrie- rendes Scheitern und betrchtliche Bemhung, um das Bewusstsein mit dem Krper zu verschmelzen, was die Voraussetzung dafr ist, dass das menschliche Element den animalischen Instinkt berwinden und Frieden damit schlieen kann. Fr die Meisterung einer inneren Kampfkunst ist es ntig, das normale zentrale Nervensystem des Praktizierenden so zu trans- formieren, dass er augenblicklich und effektiv mit einer Konfrontation mit krperlicher Gewalt umzugehen (und/oder in irgendeinen Hochleistungs- modus umzuschalten) und gleichzeitig die Auswirkung von wiederholtem Stress zu neutralisieren vermag. In unserem modernen Informationszeit- alter knnte die Fhigkeit, unter Druck entspannt zu bleiben, sehr leicht zu der besten Verteidigung gegen die lebensbedrohlichen Konsequenzen von Stress werden. Eine Methode zur Transformation des zentralen Nervensystems in ein System, das mit uerstem Druck umzugehen und dabei zugleich die strenden hormonellen Reaktionen zu vermeiden vermag, ist der aus dem Daoismus stammende sechzehnteilige Prozess zur Entwicklung des Chi (siehe Seite 121). Diese Nei-Gung-Praktiken knnen das blicherweise angespannte zentrale Nervensystem eines Menschen in ein sehr flssiges System umwandeln, im dem es bei bewussten Willensakten praktisch ohne 48
  • 49. jede Verzgerung zur Bewegung oder Kraftausbung des Krpers kommen kann. In den inneren Kampfknsten beruht ein groer Teil der Geschick- lichkeit im Kampf darauf, dass es im zentralen Nervensystem nicht zu einer solchen Zeitverzgerung kommt. Indem die Reaktionszeit praktisch gegen Null geht, kann der Kampfknstler seine Kampftechniken schneller verndern als sein Gegner und ist auerdem in der Lage, normalerweise voneinander getrennte Bereiche der krperlichen Kraftanwendung zu ei- nem einheitlichen und machtvollen Ganzen zu integrieren. Was ist die Kunst" in den inneren Kampfknsten? Man kann dann sagen, dass Kampftechniken sich zu einer Kunst entwi- ckeln, wenn zur Kunst gehrt, dass man den imaginativen oder hheren Anteilen des eigenen Selbst eine materielle oder mentale Form verleiht. Die Kreativitt, die zur Schpfung von Kunst gehrt, muss durch irgendein Medium, das unter anderem auch der Kampf sein mag, aus der Tiefe des menschlichen Herzens und der menschlichen Seele schpfen. Die Kunst- fertigkeit der inneren Kampfknste kann sich auf unterschiedliche Weisen manifestieren. Da sind zuerst einmal die tnzerischen Elemente, durch die eine sthetische Verfeinerung sowie die Mhelosigkeit und die Vollkom- menheit eines menschlichen Krpers, der sich gekonnt, anmutig und przise durch den Raum bewegt, zum Ausdruck gebracht werden. Zweitens haben wir die Entwicklung und die Manifestation von Chi und innerer Kraft (sowohl der subtilen, als auch der rohen) in den Disziplinen der inneren Kampfknste - Elemente, die den meisten Menschen normalerweise nicht zugnglich sind. Drittens spielt noch die Herbeifhrung hherer Bewusst- seinszustnde eine Rolle, in die wir whrend der individuellen bung von Formen, aber auch durch die Wechselwirkung in einem Sparring einzutre- ten vermgen und durch die wir es letztlich der Seele ermglichen, sich durch den Krper zu artikulieren. Der Kampfknstler, der sich dem humanen Ansatz verpflichtet fhlt, betrachtet die knstlerische Perfektion und die Verknpfung von Kampf- techniken als eine Art Selbstzweck, da er auf diese Weise durch die Form des Kampfes dieselben hheren knstlerischen Impulse zum Ausdruck bringen kann, die der Maler mit dem Pinsel oder der Schriftsteller durch Worte artikuliert. Und in der Tat erlebt der humanistische Kampfknstler die Schattierungen von Kraft sowie die Ntzlichkeit und Effektivitt von Kampftechniken ganz hnlich, wie ein Maler Farbschattierungen erfhrt. 49
  • 50. Verschiedene Typen sowohl subtiler als auch grober Kampftechniken (Schlge, Tritte, wrfe, Hebel usw.) knnen so wirken, wie verschiedene Malstile in unterschiedlichen Medien. Diese Art von Kreativitt gehrt allerdings kaum zu den Erfahrungen, die ein Anfanger in einem Einfhrungskurs zur Selbstverteidigung" macht. In solchen Kursen ist das Ziel nicht so hoch gesteckt. Und wenn solche Anfnger erst einmal das Gefhl gewonnen haben, sie knnten jetzt auf sich selbst aufpassen", dann geben sie das Studium der Kampfknste meist wieder auf und wenden sich etwas anderem zu. Bei Kampfknstlern, die vielleicht erst Jahrzehnte spter herausfinden, dass ihre Leidenschaft fr eine bestimmte Kampfkunst oder die Kampfknste im Allgemeinen wei- terhin zunimmt, noch lange nachdem sie hinreichend gelernt haben, zum Zweck der Selbstverteidigung zu kmpfen", sieht die Sache ganz anders aus. Wer ein Handwerker des Kampfes ist, der wird aufhren, wenn er das Gefhl hat, dass sein Produkt fertig gestellt ist. Der Kampfknstler jedoch wird fortfahren, zu lernen und zu wachsen, weil sein Ziel der kreative knstlerische Ausdruck seiner Kampfkunst ist. In alter Zeit gingen die Menschen in den asiatischen Kulturen davon aus, dass der schpferische Akt sich in der Kampfkunst ebenso uern kann wie in der Malerei, der Musik und anderen knstlerischen Bettigen, die aus dem Geist des Menschen schpfen. Der spirituelle Ansatz Der spirituelle Ansatz der Kampfknste hat zwei Ebenen. Die erste Ebene ist die Phase der Vorbereitung, in der der Praktizierende ein hohes Ma an Selbsterforschung zu betreiben und viele innere Kmpfe zu bestehen hat, um sich von seinen vielfltigen emotionalen und spirituellen Blockaden zu befreien. Auf der zweiten Ebene gelangt er zu spezifischen Medita- tionspraktiken, die ein Individuum zur direkten Erfahrung hherer und verfeinerter Bewusstseinszustnde fhren knnen. Anfangs besteht die grte spirituelle Herausforderung darin, sich von den eigenen emotionalen und psychischen Konditionierungen der Vergan- genheit zu befreien, um zu einem reifen Menschenwesen zu werden, also jemandem, der die innere und uere Verantwortung fr seine eigenen Gedanken und Handlungen zu bernehmen vermag. Eine andere spirituelle 50
  • 51. Herausforderung besteht darin, die rechte Balance zwischen Verantwortung und persnlicher Macht zu finden. Um dieses Gleichgewicht finden zu knnen, muss eine Person die Fhigkeit entwickeln, fr unntigen Schaden, den sie anderen zufgt - sei es auf der Trainingsmatte oder anderswo -, echte Reue zu empfinden, und sie muss bereit sein, ihre eigenen morali- schen Schwchen zu korrigieren. Um ihre eigene Spiritualitt stabilisieren zu knnen, mssen Ausben- de der Kampfknste fhig sein, sowohl ihre animalischen als auch ihre menschlichen Leidenschaften auszubalancieren. Wer sich auf der mensch- lichen Ebene in einer Kampfkunst bt, der kann dies zwar tun, ohne seine animalischen hormonellen Instinkte anzustacheln, er kann aber zugleich durchaus gemein, gierig, boshaft, voller Abscheu und Hass, arrogant und verblendet sein - kurz, alles andere als spirituell. Damit sie ber spirituelle Hindernisse hinausgehen knnen, mssen Praktizierende entweder von Na- tur aus Heilige sein - oder sie mssen sich einem Prozess der moralischen Luterung unterwerfen, durch den sie einen von Herzen kommenden Sinn fr Moralitt entwickeln und verinnerlichen. Im Verlaufe dieser Reinigung wird die Moralitt des Praktizierenden in all ihren Aspekten stndig wei- terentwickelt und auf die Probe gestellt, sowohl in der Sitzmeditation als auch im krperlichen Sparring. Ohne Moralitt kann der wahre Prozess der spirituellen Kampfknste gar nicht erst beginnen. Auch wenn die Moralitt der inneren Kampfknste Ba Gua und Tai Chi offensichtlich aus dem Daoismus abgeleitet wurde, verlangt die Schulung in der Kampfkunst von den Schlern nicht, dass sie einen anderen religi- sen Glauben annehmen. Eine persnliche Moralitt kann ihre Wurzeln entweder in einer der groen Religionen der Welt haben, sei es nun eine stliche oder eine westliche, sie kann aber auch einfach auf einer indivi- duellen Innenschau beruhen, bei der das Individuum sich selbst und seine Seele ernsthaft und tiefgrndig erforscht. Ob die Quelle der eigenen Moralitt nun eine religise Tradition ist oder ob sie durch skulare Introspektion entwickelt wurde, sie wird durch die bung in einer spirituellen Kampfkunst auf jeden Fall so lange bis an ihre tiefsten Wurzeln erkundet, entwickelt und auf die Probe gestellt, bis sie ganz und gar in das moralische Gewebe des individuellen Daseins des Praktizierenden eingewoben ist. Das Sparring fungiert als ein Spiegel, der das Gewahrsein der spirituellen Strken der Person (zum Beispiel Mut, Freundlichkeit, Grozgigkeit, Vershnlichkeit, Mitgefhl, Verstndnis, Ausgeglichenheit und Einsicht) ebenso hervorhebt wie die spirituellen 51
  • 52. Blockaden und Schwachpunkte, die zu seiner Befindlichkeit als ein Men- schenwesen gehren. Durch die Praxis einer inneren Kampfkunst haben Menschen auch die Mglichkeit, zu einer Erfahrung des universalen Bewusstseins zu gelangen. Ob ein Kampfknstler in seiner niederen Natur stecken bleibt oder sich zur Verwirklichung seines spirituellen Potentials aufzuschwingen ver- mag, hngt zu einem gewissen Mae davon ab, ob er oder sie bereit ist, bewusst in sich selbst hinabzutauchen und den Kampf mit seinen spiri- tuellen Gegnern" aufzunehmen, also mit den menschlichen Schwchen, die jedermann in sich trgt: Hass gegenber einem selbst und anderen, Negativitt, Falschheit, Neid, Zorn, ein aufgeblhtes Ego, das Bedrfnis, andere zu unteijochen usw. Dieser spirituelle Krieg ist zu fhren, bis der Sieg in jenem klaren Raum errungen wird, in dem positive Energie und eine echte spirituelle Mitte beheimatet sind. In Kampfbungen zwischen zwei Personen ist Ihr Gewahrsein dessen, was auf der Ebene innerer mentaler, emotionaler oder psychischer Zustnde geschieht, mindestens ebenso wichtig wie die Frage, ob eine Kampftechnik funktioniert. Sie schulen sich darin, sich dessen bewusst zu werden, wie jeder Aspekt Ihres inneren Seins auf uere Reize reagiert. Whrend Ihr Partner mit Ihnen kmpft", lernen Sie viel ber Ihre Geistesklarheit und darber, wie sie durch Zorn, Furcht, Angst, Lhmung oder die Unfhigkeit, einer Herausforderung gerecht zu werden, verloren gehen kann. In einem Sparring treten jene Bereiche in Ihrem Inneren, denen es an spiritueller Reife mangelt, deutlich hervor. Die Aufgabe besteht dann darin, Ihre spi- rituellen Schwachpunkte zu berwinden und eine innere spirituelle Kraft zu entwickeln, whrend Sie gleichzeitig Ihre Kampftechnik trainieren. Mit der Zeit lernen Sie dann, dass es in einem Sparring nicht unbedingt einen Konflikt geben muss. Durch diese Einsicht wird langsam aber sicher die Grundlage gelegt, auf der Sie dann zur zweiten Ebene der spirituellen Praxis fortschreiten knnen. Auf der zweite Ebene des spirituellen Ansatzes dreht sich alles um spezifische Meditationsmethoden, die darauf ausgerichtet sind, den Kampf- knstler in jene hheren Bereiche des Bewusstseins zu fhren, in denen die Ich-Empfindung abgelst wird von einer umfassenderen Erfahrung des Universalen Bewusstseins oder der Energie, die alles durchdringt. Das Hauptziel des Ausbenden, der diesen Punkt erreicht, besteht darin, zu einer lebenden Brcke zwischen der gewhnlichen Menschenwelt und dem spirituellen Universum zu werden. Damit jemand diese spirituelle 52
  • 53. Arbeit vermittels der Kampfknste zu leisten vermag, ist es unerlsslich, dass er sich mit seinen inneren Energieblockaden und persnlichen men- talen Feinden" auseinandersetzt. Die Waffen, die der Kampfknstler in diesem Gefecht benutzt, sind Aufmerksamkeit, die einsame bung von Formen, bungen im Kampf mit einem Partner und Sitzmeditation. Der Pfad schlngelt sich durch das Dickicht Ihres Kampfes mit den inneren Widersprchen, die sich aus Ihrer animalischen und menschlichen Natur ergeben, und fhrt zu einem Punkt, an dem Sie all ihre menschlichen Beschrnkungen zu akzeptieren vermgen. Letztlich fhrt dieser Pfad zur Transformation der Seele, was dann wiederum das Tor zu echtem spiritu- ellem Erwachen aufstt. Voraussetzung fr die Beherrschung der so genannten niederen Emo- tionen (Hass, Gier, Zorn, Unwissenheit usw.) ist, dass das Individuum Hochachtung fr alle Formen des Lebens und der Schpfung sowie Respekt vor ihnen entwickelt. Die Meditationsbungen zielen darauf hin, inneres Gleichgewicht, Harmonie und Mitgefhl zu frdern sowie die Weisheit des Wissens darum, wann man handeln und wann man stillhalten sollte, zu entwickeln. Genau dies ist das Ziel der spirituellen Kampfknste. Unter all den verschiedenen Anstzen der Kampfkunst stellen die daoistischen Praktiken des Ba Gua und des Tai Chi etwas Einzigartiges dar, nicht nur weil die Spiritualitt zu ihren zentralen Werten gehrt, sondern auch, weil sie die gesamte spirituelle Tradition des Daoismus sowie die Methoden ihrer praktischen Umsetzung inkorporieren. Der Prozess der Spiritualisierung beginnt mit den allein ausgefhrten bungen der Form. Es gibt sowohl ganz spezifische als auch allgemeine Formen der bung, durch die die Energiekanle des Krpers zuerst geffnet und dann von Negativitt gereinigt werden, bis sie schlielich auf einer hheren Ebene der Harmonie funktionieren, auf der Liebe, Mitgefhl, Aus- geglichenheit, Unterscheidungsvermgen und Weisheit gefordert werden. Ist dies erreicht, lernt der bende das gesamte Krper-Geist-System zu einen und die innere Stille zu stabilisieren. Man knnte sagen, dass der Prozess der Meditation in der Bewegung begonnen hat, wenn der Punkt erreicht ist, wo der Krper sich bewegt und der Geist still ist. Von nun an geht es dem benden hauptschlich darum zu lernen, wie er bewusst die unterschiedlichen Abstufungen dessen manifestieren kann, was die Daoisten Leere nennen, oder wie er zu hheren Stadien der meditativen Stille fortschreiten kann, die man im Verlauf des Weges zum Begreifen des Universalen Bewusstseins erfhrt. 53
  • 54. Die aus dem Daoismus stammenden transformierenden Praktiken des Sitzens und die allein ausgefhrten Bewegung werden benutzt, um smt- liche spirituellen Blockaden aufzulsen, die whrend des Sparrings offen- kundig werden. Wie schon gesagt, gibt uns das Sparring mit einem Partner die Gelegenheit, uns mit dem zu konfrontieren, was wir in uns tragen; es kann so zu einem machtvollen Instrument einer Selbsterforschung werden, die uns hilft Selbstzufriedenheit und Selbstberschtzung auszurumen. Die Techniken der Sitzmeditation, die im Ba Gua und im Wu-Stil Tai Chi verwendet werden und die Liu Hung Chieh den Autor lehrte (siehe Seite 367) stammen aus der meditativen Tradition der daoistischen Al- chimie, die selbst keine Praxis der Kampfkunst voraussetzt. Allerdings ist die daoistische Sitzmeditation im Laufe der Geschichte in einigen Linien dazu herangezogen und speziell darauf abgestimmt worden, die Auflsung von spirituellen Blockaden, die whrend der Solo- und Partnerbungen der Kampfknste ganz natrlich auftauchen, zu untersttzen. Umgekehrt kann auch alles, was whrend Ihrer Meditationsbungen auftaucht, fr das Sparring und die Solobungen nutzbar gemacht und darin auf die Probe gestellt werden. Es ist also so, dass die Meditation, die Solobung von Formen und das Sparring mit einem Partner sich gegenseitig ergnzen und auf natrliche Weise untersttzen. So kann es zum Beispiel sein, dass sich im Sparring zeigt, dass in Ihnen in bestimmten Situationen ein deutliches Gefhl von Lhmung oder Wut, Unsicherheit, Furcht und so weiter auftaucht, das aus taktischer, emotio- naler oder rationaler Perspektive unsinnig ist. Nach dem Sparring knnen Sie sich dann in der Sitzmeditation auf die Energie dieser Lhmung, Wut, Unsicherheit oder Furcht konzentrieren. Indem Sie nacheinander die ein- zelnen Schichten der Unbewusstheit durchdringen und entfernen, stoen Sie mglicherweise auf alte Verhaltensmuster, unter denen Sie vielleicht schon Ihr ganzes Leben lang gelitten haben und in denen Lhmung, Wut, Unsicherheit oder Furcht vorherrschen. Solche inneren spirituellen Blo- ckaden lassen sich in der Sitzmeditation auflsen; man kann sie aller- dings auch unter Verwendung spezifischer Meditationsmethoden durch die bung von Solo-Kampfkunst-Formen aus dem Krper entfernen. Winzige Vernderungen der Bewegung knnen Ihr Bewusstsein fr die inneren Mechanismen hinter der Lhmung, die Sie in einem Handlungsablauf erfahren, verstrken. Ihre Reaktionen auf den Druck, der in einem Spar- ring mit einem Partner entsteht, werden offenbaren, ob Sie die Blockade tatschlich berwunden haben oder ob Sie noch weiter daran arbeiten 54
  • 55. mssen. Ist erst einmal eine Gruppe von Blockaden beseitigt, dann bereitet das die Bhne fr das Auftauchen der nchsten Schwachpunkte in Ihrer Spiritualitt, und wann immer das geschieht, sollte die meditative Arbeit erneut beginnen. Der Unterschied zwischen dem animalischen, dem humanen und dem spirituellen Ansatz in der Kampfkunst hat nichts mit den verwendeten krperlichen Techniken des Angriffs und der Verteidigung zu tun. Er hat dafr sehr viel damit zu tun, was fr eine Art von Person aus diesem Training hervorgeht, und natrlich mit der Natur der Praktiken selbst. Die Art des Selbstgewahrseins, auf die die Kampfkunst sich konzentriert, ihre Moralitt und die Essenz ihrer Meditationspraxis und ihres Geistestrainings sind entscheidend fr den Prozess der Spiritualisierung. Hier kommt zum Tragen, was die chinesischen Meister in einem kurzen Satz formulieren: Was du praktizierst, das wirst du." Beim Aikido und der Kunst des Hsing-I sieht der spirituelle Ansatz etwas anders aus. Beide haben eine spirituelle Grundlage, doch sie inkorporie- ren weder in die Solobung von Formen noch in das Sparring mit einem Partner spezifisch daoistische bungen oder andere transformierende Me- ditationstechniken (siehe Seite 140). Zwar gibt es in diesen beiden Knsten auch Sitzbungen, aber diese werden hauptschlich dazu benutzt, das Chi des zentralen Nervensystems zum Zweck der Strkung krperlicher und psychischer Kraft zu entwickeln; ihr Zweck ist nicht die Transformation des inneren Bewusstseins und des Gewahrseins. Das Aikido zum Beispiel legt philosophisch groen Wert auf die Lsung von Konflikten durch Entspannung, Liebe und Harmonie. Menschen, die Kampfkunst mit einem humanen Ansatz trainieren, kn- nen zu einem gewissen Ausma psychospirituelle Krfte (zum Beispiel die Fhigkeit, Energie zu projizieren) entwickeln und tun das auch oft, doch ohne irgendeine authentische spirituelle Grundlage knnen diese unge- whnlichen Krfte zu einer Gefahr werden. Sie knnen in einem Menschen ein falsches Gefhl der Macht hervorrufen und ihn ins Unglck fhren, weil der egoistische Hunger nach Macht in seinem Leben alle Freude und Ausgeglichenheit verdrngen kann. Im spirituellen Ansatz der Kampf- kunst sind eigene Meditationsbungen und meditationsartige Techniken eine unabdingbare Voraussetzung. Man kann sich diese Methoden ganz unabhngig von den Kampftechniken aneignen - wie etwa in Japan das Zen oder in Tibet das Tantra -, aber im Idealfall sind sie nahtlos in die Kampfkunst integriert. 55
  • 56. Vernnftig trainieren Wie auch immer Ihre Fhigkeiten und Ihre Ziele im Bereich der Kampf- kunst aussehen, das Training fr den Kampf sollte so beschaffen sein, dass Ihr Krper dabei niemals Schaden leidet. Das ist eine Richtlinie, die sich deutlich von den Gepflogenheiten etwa im westlichen Boxen unter- scheidet, dessen Praktiken oft zu betrchtlichen Verletzungen fhren. Man wird wohl kaum behaupten knnen, dass das andauernde Einstecken von harten Schlgen gegen den Kopf (wie sie im westlichen Boxen ausgeteilt werden) der Gesundheit frderlich ist. Schlge gegen den Kopf sind viel- mehr ausgesprochen gefhrlich, und viele Boxer leiden im Alter an den Folgen all der Verletzungen, die ihnen whrend des Trainings oder im Kampf zugefugt wurden. Aber auch wenn viele Berufssportler (wie zum Rugby-Spieler) wissen, dass sie vielleicht Krppel sein werden, wenn ihre Karriere erst einmal beendet ist, spielen sie doch weiter um des Siegens willen. Die meisten Kampfknstler sind dagegen der Ansicht, dass man sich davor hten muss, seinen Krper zu zerstren, wenn man ein wirklich guter Kmpfer werden will. Aus der Sicht des Daoismus mssen Gesundheit und herausragende Leistung immer in einem Gleichgewicht stehen. Seinen Krper durch dau- ernde Verletzungen zu ruinieren, whrend man trainiert, sich selbst zu verteidigen, ist ein Widerspruch in sich. Was in diesem Fall verteidigt wird, ist nur das eigene Ego und sein Verlangen danach, zu gewinnen. 56
  • 57. Portrait eines Meisters der inneren Kampfkunst Wang Shu Jin - Unglaubliches Chi Im Sommer des Jahres 1968 reiste ich von Japan aus nach Taiwan, um die innere Kampfkunst des Ba-Gua-Meisters Wang Shu Jin kennen zu ler- nen, eines Meisters der damals von vielen als einer der besten Kmp- fer der leeren Hand in Asien angesehen wurde. Ich fand heraus, wo sich Wangs Schler trafen, nmlich jeden Morgen um 5 Uhr 30 beim Am- phitheater im Park von Taichung. Zu jener Zeit hielten sich sehr viele Menschen im Park auf, und sie bten dort alle mglichen Dinge, unter anderem Shaolin Gung Fu, Karate, Tai Chi und Badminton. Einige machten, an den sten von Bumen hngend, Streckbungen, manche gingen einfach spazieren, an- dere spielten Saxophon. Ich war in den Anblick dieser surrealen Szene vertieft und machte mir so meine Gedanken ber die Begegnung des al- ten Chinas mit dem Zwanzigsten Jahrhundert, als ich einen untersetzen Mann in einem weien Schlafanzug mit zwei Vogelkfigen in den Hn- den die Strae entlang auf uns zu watscheln sah. Es war Wang Shu Jin, ein rundlicher lterer Herr, der bei einer Krpergre von etwa 1 Meter 55 gute 115 bis 135 Kilo mit sich herumtrug. Ich war damals 19 Jahre alt, ein anerkannter junger Karate-Champion, und ich hatte, wie es die Tradition verlangte, ein Geschenk mitgebracht, mit dem ich dem Meister gegenber meine Hochachtung zum Ausdruck brachte: eine nicht unbetrchtliche Menge erstklassigen Ginsengs. Bei unserer ersten Begegnung zgerte Wang jedoch nicht, seine Geringscht- 57
  • 58. zung fr das Karate zum Ausdruck zu bringen. Er sagte mir klipp und klar, Karate sei nur geeignet, um gegen alte Frauen und Kinder zu kmp- fen". Da ich mich dem Karate-Training schon seit vielen Jahren gewid- met hatte und es damals meine grte Leidenschaft war, verletzte mich seine abfllige Bemerkung bis ins Mark. Doch ich musste meinen Unmut hinunterschlucken. In unserem darauf folgende Sparring besiegte Wang mich bei jedem Durchgang und klopfte mir nach Belieben leicht auf alle Krperteile, um mir zu zeigen, wie mhelos er meine Verteidigung zu umgehen wusste. Obwohl ich mir die grte Mhe gab und trotz Wangs enormer Leibesflle ermglichte es ihm sein Ba Gua Chang, all meinen Schlgen mhelos auszuweichen und am Schluss immer hinter mir zu stehen. Um mir eindrcklich zu beweisen, dass ich noch viel zu lernen hatte, erlaubte er mir nach einigen Tagen der bung mit ihm, ihm mit voller Kraft auf jede beliebige Krperpartie zu schlagen. Ich legte alle Kraft, die ich nur aufbringen konnte, in diese Schlge, aber sie richteten nicht mehr aus als die Schlge eines Dreijhrigen. Ich trat ihm gegen die Knie und in die Leistengegend, ich schlug ihm gegen den Hals, auf die Ellbogen und die Rippen, ohne dass dies Wirkung zeigte. Wie viele Ba-Gua-Meister besa er die Fhigkeit, Schlge zu absorbieren, ohne verletzt zu werden. Als ich ihm gegen das Schienbein getreten hatte, tat mein Fu noch lan- ge danach weh. Als ich meine Faust in seinen Bauch hmmerte, fhlte es sich an, als htte ich mir durch den Hieb das Handgelenk gebrochen. Whrend des Sparrings klopfte Wang mir immer wieder auf den Kopf, um mir zu demonstrieren, wie leicht es fr ihn gewesen wre, mich zu vernichten. Einmal klopfte er mir tatschlich nur leicht auf den Kopf, was mich aber augenblicklich zu Boden warf. Ich sa vllig verdattert auf der Erde und hatte das Gefhl, gerade einen starken Stromschlag bekommen zu haben. Nach einer Weil wurde mir klar, dass meine beschrnkten Fhigkeiten und meine Unfhigkeit, ihm weh zu tun, ihn zu langweilen begannen. Manchmal packte er mich mit den Armen und lie mich, meine Fe in der Luft, drei- oder viermal wie ein Jojo vor und zurck von seinem Bauch abprallen. Anschlieend schleuderte er mich zurck. Spter hrte ich, dass Wang in jungen Jahren whrend Herausforderungskmpfen auf dem Festland tatschlich einigen Gegnern auf diese Weise die Wirbelsule gebrochen hatte. Jahre spter lernte ich von einem anderen Lehrer, dass die einzig mgliche Verteidigung gegen diese Technik darin bestand, sich zur Seite zu drehen, so dass man mit dem Hftknochen und nicht mit dem Bauch auf seinen gefrchteten Bauch aufprallte. Gelang einem das nicht, dann war man geliefert. 58
  • 59. Nachdem ich erst einmal Wangs aufschlussreichen, wenn auch ziemlich verblffenden Fhigkeiten begegnet war, war ich natrlich versessen dar- auf, sein Ba Gua lernen. Er selbst hatte es bei Chang Chao-Tung gelernt, einem Schler von Tung Hai Chuan, von dem es heit, er habe das Ba Gua im spten neunzehnten Jahrhundert ffentlich zugnglich gemacht. Bevor Wang mich als Schler annahm, beschloss er zu testen, wie ernst es mir war. In schroffem Tonfall wies er mich an, die Ba-Gua-Chang-Positur einzunehmen, die Die Wildgans verlsst den Schwann" genannt wird, und diese Positur beizubehalten, bis ich eine andere Anweisung erhielte. Diese Positur verlangt, dass ein Bein bis auf Hfthhe angehoben wird, whrend der Oberkrper zu einer Seite hin gebogen ist und die Arme aus- gestreckt sind. Ich nahm die Positur ein, wie er es verlangt hatte, und be- hielt sie Minute fr Minute bei, wobei ich mehrere Male zusammenbrach. Jedes Mal schtteten Wangs Schler sofort einen Eimer kaltes Wasser ber mich aus und befahlen mir, die Positur wieder einzunehmen. Nach zwei Stunden dieser Tortur willigte ein lchelnder Wang ein, mich als seinen Schler anzunehmen. Was hatte Wang da auf die Probe gestellt? War es meine Hingabe, mein Vermgen, Hrten zu ertragen, meine Ernst- haftigkeit oder meine Verrcktheit (das heit meine Leidenschaft fr die Kampfkunst)? Vielleicht war es ein bisschen von alledem. Wangs Fhigkeiten im Kampf waren einfach verblffend. Trotz seines Al- ters und seines Gewichts war Wang unglaublich behnde, blitzschnell, bei bester Gesundheit und hatte unglaubliche krperliche Kraft. Im Westen nehmen wir an, dass ein Mensch, der dick ist, nicht fit sein kann, dass er ungeschickt und langsam und mit seiner eigenen Erscheinung unzufrie- den sein muss. Wang war der beste Beweis dafr, dass dieser Stereotyp unzutreffend ist. Er fhlte sich offenkundig ausgesprochen wohl in seiner Haut. Er nahm regelmig Herausforderungen der besten Kmpfer aus Japan und Sdostasien zu Kmpfen mit Vollkontakt ohne jegliche Ein- schrnkungen an, und er gewann sie immer. Noch in seinen Achtzigern konnte er die hrtesten jungen Burschen schlagen. An kalten Trainings- tagen standen seine Schler um ihn herum und wrmten sich an ihm die Hnde, als sei er ein Ofen - ein Beweis fr den erstaunlichen Grad seiner Chi-Entwicklung. Wang war der erste, der mir beibrachte, wie man das Chi dazu benutzen kann, ein hohes Ma an Gesundheit und Vitalitt zu erreichen. Er zeigte mir auch, wie man das Chi benutzen kann, um Kraft fr den Kampf zu erzeugen. Wang besa einen tiefen Glauben an das Chi. Bei unserer ersten Begeg- nung sagte er zu mir: Ich kann mehr essen als du, ich kann mehr Sex haben als du, und ich kann besser kmpfen als du - aber du hltst dich fr gesund. Nun, junger Mann, gesund sein, das heit sehr viel mehr als 59
  • 60. nur jung sein. Es kommt allein drauf an, wie viel Chi du besitzt." Seine Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen neunzehnjhrigen Geist und fhrten dazu, dass sich meine westlichen Vorstellungen von dem, was die Wirklichkeit des Krpers ist und wie er funktioniert, grundlegend nderten. Wie sich spter herausstellte war Wang auch in der daoistischen Meditation bewandert und war ein aktiver und kundiger Meister der dao- istischen Praktiken der Arbeit mit der sexuellen Energie. Das waren Din- ge, die er nur an wenige ausgewhlte Schler weitergab. Seine Schler waren selbst groartige Kmpfer. Das Ausma des Knnens seiner Schler sagte vielleicht noch mehr ber die Effektivitt der inneren Knste als die Fhigkeit von Wang selbst. Es machte deutlich, dass Wang kein bermensch war, sondern einfach ber eine berlegene Kombination von Talent, Engagement und der Fhigkeit, ausgezeichnete Unterweisun- gen zu geben, verfugte. Als ich begann, bei Wang zu ben, vermochten etliche seiner Schler im Alter zwischen fnfzehn und siebzig Jahren mich windelweich zu prgeln. Ich konnte es einfach nicht glauben! Frau- en wie Mnner waren in der Lage, mich zu treffen, ohne meine Hiebe zu sich heranzuziehen. Im Kampf mit einer alten Frau dermaen vorgefhrt zu werden, war fr einen stolzen neunzehnjhrigen Karate-Champion nicht gerade leicht zu verkraften. Einige der lteren Menschen trainierten erst seit ein paar Jahren bei Wang. Sie verprgelten mich an jenem ersten Tag so krftig, dass ich am liebsten das Weite gesucht htte. Ich wei noch sehr gut, wie ich mich damals fragte, was sie wohl als nchstes tun wrden: Wrden sie mir wohl ein kleines Kind vor die Nase stellen, das mich dann verhauen wrde? Viele von Wangs Schlern hatten erst spt in ihrem Leben mit dem Trai- ning begonnen. Tatschlich gehrte es zu den Spezialitten von Wang, Menschen in ihren Fnfzigern und Sechzigern, die alle mglichen kr- perlichen Probleme hatten, als Schler anzunehmen und sie gesund und stark zu machen. Zu jener Zeit hatten ltere Menschen in Taiwan kaum Angst vor willkrlicher Gewalt, denn die Polizei griff bei Leuten, die ih- nen etwas antaten, sehr hart durch. Deshalb kamen Wangs ltere Schler ursprnglich auch nicht zu ihm, um Selbstverteidigung zu lernen. Doch auch wenn diese lteren Schler aus rein gesundheitlichen Grnden zu Wang gekommen waren, wurden sie doch zu guten Kmpfern, denn das Kampftraining gehrte einfach zum Wangs Programm. In Taiwan sprach ich mit einigen Schlern von Wang, die in ihren Fnf- zigern waren und die erst krzlich ohne jede vorherige Kampfkunstpraxis mit der bung von Ba Gua begonnen hatten. Sie waren zu Wang ge- kommen, weil sie impotent zu werden drohten oder weil sie unter einer chronischen Krankheit litten. Nachdem sie mit der bung von Ba Gua 60
  • 61. begonnen hatten, ging ihre Impotenz wieder zurck, und ihre Gesundheit, ihre Reflexe und ihre Geistesklarheit hatten betrchtlich zugenommen. Ihre chronischen Krankheiten waren entweder gnzlich verschwunden oder hatten sich doch gebessert. Die Schler von Wang waren stndig auf der Suche nach ihrem eigenen Chi und ffneten damit die Energiebahnen ihres Krpers. Sie pflegten zu versuchen, das Chi-Gefhl eines Schlages, den Wang ihnen versetzt hatte, in einer abgemilderten aber immer noch erstaunlichen Weise nach- zuvollziehen. Wang war ein Experte im Projizieren des Chi. Er vermochte eine enorme Kraft auszusenden, die andere Menschen deutlich spren konnten und die manchmal sogar wehtat, auch wenn seine Hnde sich erst in ganz kurzem Abstand von ihrem Krper zu bewegen begannen. Manchmal tippte er einem nur ganz leicht mit den Fingern auf die Brust, und wenn er sich entschloss, dabei ein wenig Chi zu projizieren, konnte er einen damit gegen die Wand schleudern oder einem solche Schmerzen zufgen, dass man glaubte, sterben zu mssen - und das, obwohl seine Hand sich dabei kaum um einen Zentimeter bewegte. Dieses Vermgen, seine gesamte Kraft augenblicklich in einen einzigen Punkt zusammen- zufhren, ist eine der Techniken, die im Ba Gua entwickelt werden. Wenn man diese Methode erklrt, dann hrt sich das sehr klinisch an, aber wenn jemand diese Theorie an Ihrem eigenen Krper anwendet, dann kann die Sache beraus erheiternd oder auch erschreckend werden. Wenn man Chi von dieser Strke absorbiert, so kann sich das anfhlen wie ein angenehmer Windsto, aber auch wie ein Blitzschlag. Als ich im Jahr 1968 begann, mit Wang Rou Shou (was im Ba Gua etwa dem Push Hands im Tai Chi entspricht) zu ben, brauchte er mich nur zu berhren, um mich durch die Luft zu schleudern. Als ich Wang zehn Jah- re spter zum letzten Mal in Taichung begegnete, hatte ich das Privileg, noch einmal Rou Shou mit ihm ben zu drfen. Aufgrund der Methoden, die ich von Wang selbst gelernt hatte, aber auch vermge dessen, was mir andere Meister inzwischen beigebracht hatten, war es mir jetzt mit Mh und Not mglich, der Kraft von Wang zu entgehen. Er kriegte" mich nicht mehr so leicht wie frher. Ich war darber auer mir vor Freude. Es gab mir das Gefhl, dass ich in der Zwischenzeit auf eine hhere Ebene der Kunst fortgeschritten war. Ich war endlich in der Lage, Dinge zu tun, von denen ich zehn lange Jahre getrumt hatte - und dieses Gefhl nhr- te einen riesigen Irrtum in mir. Es kam der Moment, wo ich herausfinden wollte, ob ich es nun mit der Kraft von Wang aufnehmen konnte, wobei mir natrlich klar war, dass er inzwischen ein Alter ber achtzig Jahren erreicht hatte. Meine Kr- persprache muss ihn wohl herausgefordert haben, und er antwortete auf 61
  • 62. mein Vorhaben, indem er eine geballte Ladung Energie in meinen Krper projizierte, die sich in der Muskulatur zwischen meinen Schulterblttern festsetzte. Es bedurfte danach drei Monate intensiver Krperarbeit und der Behandlung mit Akupunktur, um diese Energie und die damit verbun- denen Schmerzen wieder loszuwerden. Es ging dabei nicht etwa um eine Muskelzerrung, sondern um ein Bndel von Energie, das Wang tief in meinen Krper versenkt hatte. Ganz offensichtlich gab es also noch fort- geschrittenere Ebenen, die es fr mich noch zu meistern galt. Einerseits waren das aufregende Aussichten, andererseits war dieser Vorfall eine eindeutige Mahnung, mir nicht zu viel auf mein Knnen einzubilden. Wang lehrte hauptschlich dadurch, dass er eine Bewegung vormachte, die seine Schler beobachteten und dann so gut wie mglich nachzu- ahmen versuchten. Er betonte die Bedeutung einer tiefen entspannten Atmung und eines machtvollen Bauches. Er konnte den Krper eines Schlers auch von seiner Krperhaltung und der inneren Abstimmung her positionieren. Sein Chi und seine innere Kraft waren so offensichtlich und so machtvoll, dass man eine geradezu greifbare krperliche Emp- findung von der Art des Chi bekam, die er bermittelte. Wie schon ge- sagt, demonstrierte er, worin das Chi einer Technik bestand, indem er den Schler krperlich schlug, wobei er gerade genug Kraft einsetzte, damit beim Schler keinerlei Zweifel bestehen blieb, was da gerade geschehen war. Als Alternative setzte er Fa Jin (siehe Seite 188) ein, um die Art von Kraft in den Krper eines Schlers zu projizieren, die dieser fhlen sollte, damit er erspren konnte, wie sein Chi beschaffen war. Dieses Projizieren von Chi in einen Schler war typisch fr alle echten Meister der inneren Kampfknste, die ich persnlich in China getroffen habe. Sie gingen da- von aus, dass das rein visuelle Lehren einer Technik nicht ausreichte. Sie waren vielmehr der Ansicht, dass sie einen Schler, wenn sie ihm wirklich etwas beibringen wollten, in subtiler und grberer Hinsicht spren lassen mussten, worin die Wirklichkeit verschiedener Arten von innerer Kraft bestand. Sie hielten dies fr notwendig, wenn sie den Schler in die Lage versetzen wollten, die Techniken der Selbstverteidigung nachzuvollzie- hen. Wangs Schler versuchten, sein Chi mit aller ihnen zur Verfgung stehenden Kreativitt nachzuahmen. Wang lehrte, indem er etwas vormachte, und seine Unterweisungen waren relativ unspezifisch. Was ihn vor allem interessierte, war, ob seine Schler Kraft oder Chi manifestieren konnten oder nicht. In seiner Methode gab es wenige przise und detaillierte Anweisungen, wie genau man dieses Nachvollziehen erreichen konnte. Wangs grundlegender Ratschlag lau- tete: ben! Er empfahl, gewisse Bewegungen wie die Erste Hand (Single Palm Change, siehe Seite 335) oder die erste Bewegung des Hsing-I, die 62
  • 63. das Spalten" genannt wird (siehe Seite 295), Stunde fr Stunde immer wieder zu wiederholen. bt", so pflegte er zu sagen, und das Knnen wird sich ganz natrlich einstellen." Ich habe ihn beim Wort genommen. 63
  • 64. Ein Foto aus dem Archiv von Bruce Frantzis. Es zeigt den Autor im Alter von fnfzehn Jahren, wie er einen Seitwrtstn'tt des Karate im Sprung ausfhrt. Das Studium des Karate und des Judo waren der Anfang seiner Reise von den ueren zu den inneren Kampfknsten.
  • 65. Ein Kontinuum Die ueren und inneren Kampfknste Chinas Es gibt viele Arten von Kampfkunst In China wie im Rest der Welt haben die Menschen aus allen mglichen Grnden physisch miteinander gekmpft, aus weisen und trichten, ge- rechten und ungerechten Grnden. Krieg, Verbrechen, korrupte Regierun- gen, der Streit um natrliche Ressourcen und die menschliche Neigung zur Gewaltttigkeit hat es immer gegeben. In Asien und insbesondere in China sind ber viele Generationen hinweg systematisch organisierte Kampfformen zur effektiven Bekmpfung des Feindes" entwickelt worden. Die Menschen haben mit ihrem Krper gekmpft und vor der Erfindung des Schiepulvers auch mit Waffen wie Messern, Schwertern, Stcken, Speeren, Peitschen und Ketten. Ein hnliches Muster ist auch im Westen zu beobachten, wo praktische Kampftechniken wie das Boxen, Ringen und Fechten sich zu Kunstformen entwickelten. Der Bestandteil martial" in dem englischen Begriff fr Kampfkunst, martial art, ist von Mars, dem alten rmischen Gott des Krieges und des krperlichen Wettstreits, hergeleitet. Es ist also zu erwarten, dass vieles, was zum Training der Kampfkunst gehrt, auch zur Leistungsverbesse- rung im Hochleistungssport und in normalen Freizeitaktivitten beitra- gen kann. In der Kampfkunst werden die Grenzen der krperlichen und geistigen Fhigkeiten des Menschen wie in allen anderen innovativen Berufs- und Amateursportarten stndig auf die Probe gestellt, analysiert und vorangetrieben. Die Kampfknste Chinas gehren zu den am hchsten entwickelten in der Welt. Aufgrund der Sprachbarriere und der (bis vor kurzem zu verzeichnenden) Tendenz der Chinesen, jeglichen Austausch mit fremden Nationen stark einzuschrnken oder zu vermeiden, ist man im Westen jedoch ber viele Aspekte der alten chinesischen Disziplinen der Kultivierung von Krper und Geist kaum informiert. 65 2
  • 66. In China gibt es ber die Ursprnge der Kampfknste viele Legenden von unterschiedlicher Farbigkeit. Alles, was sich mit Zuverlssigkeit sagen lsst, ist, dass es in China bereits seit dreitausend Jahren verschiedene Formen der Kampfkunst gibt.1 Es gibt dort zwischen fnfzig und sech- zig Hauptrichtungen der Kampfkunst, die ihrerseits mehr als vierhundert unterscheidbare Schulen mit spezifischen Namen und einer kohrenten Philosophie umfassen. Der grte Teil der krperlichen Techniken, die von diesen Schulen gelehrt werden, besitzt eine oberflchliche hnlichkeit.2 Jede Schule hat jedoch ihre eigene Art und Weise, dieselbe Technik aus- zufhren, und es gibt zahllose Variationen der krperlichen Bewegung und der Art von Kraft, die angewendet wird. Jede Schule besitzt auch ganz bestimmte Techniken, auf die sie spezialisiert ist. Auerdem verfgt jede Schule ber ihre eigene Philosophie oder ihre eigenen Theorien, die dann im Kampf praktisch umgesetzt werden. In einigen Schulen gibt es ganz deutliche militrische, religise, geheimbndlerische, Unterwelt- oder Familien-Anklnge. Die Namen vieler Schulen sind von Sugetieren (Br, Pferd, Tiger, Affe, Leopard), Vgeln (Weier Kranich, Schwalbe, Falke), Insekten oder Spin- nentieren (Gottesanbeterin, Skorpion) und mythologischen Tieren (Drache, Phnix, Einhorn) abgeleitet. Manche tragen den Namen berhmter mnn- 1 Die bekannteste, wenn auch historisch unrichtige Legende besagt, dass Bodhidharma oder Damo, ein groer buddhistischer Meditationsmeister aus Indien, die Kampfkunst im Jahre 526 im Shaolin-Kloster begrndete. Er tat das angeblich, um den Krper der Mnche zu sthlen, damit sie lange Zeiten der Meditation ohne negative krperliche Begleiterscheinungen verkraften konnten. Wie es heit, entstand so die Shaolin-Schule der Kampfknste. Dass Bodhidharma jene Disziplin nach China brachte, die dort zum Chan/Zen-Buddhismus wurde, ist ziemlich sicher. Kampfknste gab es in China jedoch bereits lange vor seiner Ankunft. Er mag zwar auch einige Formen der Kampfkunst mitgebracht haben, aber es gibt keinerlei historische Belege dafr. 2 In allen Kampfknsten Chinas ist es nicht mglich, die genaue Zahl der Arm-, Fu-, Wurf- und Blocktechniken zu ermitteln. Wie sollte man eine solche Berechnung anstel- len? Stellt derselbe Hieb, der auf kurze, mittlere oder lange Distanz, der hoch, mittelhoch oder tief ausgefhrt wird, nun sechs verschiedene Hiebe dar, oder sind das einfach nur Variationen einer einzigen Technik? Sollte dieselbe Technik, die mir der rechten oder der linken Seite des Krpers ausgefhrt wird, als ein oder zwei Techniken gezhlt werden? Ist dieselbe Bewegung die im Stand, in einer niedrigen Hocke, auf dem Boden liegend, whrend eines Sprungs in die Hhe oder auf dem Boden rollend ausgefhrt wird, eine Technik, oder sind es fnf Techniken? Wenn man all das bedenkt, dann kann man sagen, dass die chinesische Kampfkunst ein grundlegendes Repertoire von 300 bis 500 Finger-, Knchel-, Handflchen-, Handkanten-, Handrcken-, Handgelenk-, Unterarm-, Ellbogen-, Schulter- und Kopfsto-Techniken besitzt. Auerdem gibt es etwa 50 bis 100 Tritte und Knieste, 100 Wrfe und 100 Hebel-Techniken. 66
  • 67. licher oder weiblicher Kampfknstler (Wing Chun und Wu Mei) oder von Familien von Kampfknstlern (Tai Chi der Chen-, Yang- oder Wu-Famile, oder die sdliche Shaolin-Schule der Hung-, Choi- oder Li-Familie), die die einzelnen Formen begrndet oder sie der ffentlichkeit zugnglich gemacht haben. Einige Schulen tragen poetische Namen, andere werden nach erhabenen philosophischen Vorstellungen der Chinesen benannt (Hsing-I Chuan oder Geistform-Boxen") oder nach religisen Prinzipien oder Bildern, die aus dem Konfuzianismus stammen (Aufrechtes Boxen), die buddhistischen Ursprungs sind (Boxen der Lohan oder der Wchter des Jin-Gang-Tempels) oder auch aus dem Daoismus kommen (Tai Chi, Ba Gua, Yin-Yang oder Boxen der Acht trunkenen Unsterblichen). Fr jemanden, der sich hier nicht auskennt, mgen diese vielen Namen einigermaen verwirrend sein. Wir mssen jedoch bedenken, dass die Bevlkerung Chinas whrend des grten Zeitraums seiner Geschichte weit grer war als die von Europa. Eine ungebrochene Tradition, die ber 3000 Jahre zurckreicht, hat in China zahlreiche schpferische Ge- nies hervorgebracht. Viele von ihnen haben sich darauf spezialisiert, mit Hilfe der Kampfknste die latenten Fhigkeiten von Krper und Geist zu entfesseln. In China wurde das Schiepulver bereits vor mehr als 1000 Jahren erfunden, doch die Chinesen entschieden sich dafr, der Technologie der Feuerwaffen keine Beachtung zu schenken und dafr die Kampfknste zu entwickeln. Die alten Chinesen waren der interessanten berzeugung, dass ein Mensch, der andere Menschen ttet, ohne ihnen dabei ins Gesicht zu se- hen und ohne die persnliche Erfahrung zu machen, ein Leben zu nehmen, indem er mit Hilfe des Schiepulvers den Tod auf Distanz" bringt, leicht zu einem Untermenschen wird, der bereit ist zu gnadenlosem Massenmorden. Feuerwaffen besaen fr sie zwar das Potential, auerordentlich effektiv zu sein, hatten aber auch etwas vllig Entmenschlichendes. Man braucht sich nur die Beispiele des Auslschens ganzer Stdte durch konventionelle Bomben oder Atombomben oder auch des sinnlosen Abknallens irgend- welcher Passanten aus einem fahrenden Auto vor Augen zu halten, um zu Begreifen, dass die Chinesen da wohl nicht Unrecht hatten. Die Kampfknste verlangen viele Jahre andauernden Trainings, bis man darin einen hohen Grad des Knnens erreicht. Whrend dieses langen Pro- zesses hat der bende ausreichend Gelegenheit, ernsthaft zu kontemplieren, was Leben, Tod, Schmerz, sinnlose Gewalt, Gewissen und Reue wirklich be- deuten. Auerdem wird ein Angreifer wohl strker das moralische Gewicht 67
  • 68. seines Tuns empfinden (d. h. es wird mehr Gefhl im Spiel sein), wenn die Gewalt unmittelbar und auf ganz bewusste Art und Weise ausgebt wird, als jemand, der Gewalt auf Distanz" ausbt, indem er auf einen Knopf oder einen Abzug drckt. Jene chinesischen Kampfknste, die in einem religisen oder philosophischen Rahmen entwickelt wurden, sprechen das Thema der Konsequenzen von Gewaltanwendung gewhnlich direkt an. Sie tun das, um die Ausbenden der Kampfkunst auf die pragmatischen, psychologischen und moralischen Implikationen von Gewalt in ihnen selbst und in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Mit der Zeit breiteten sich all die unterschiedlichen Kampfknste ber den ganzen Fernen Osten aus. Die Kampfknste Chinas scheinen die technische Quelle oder zumindest die ursprngliche Inspiration fr die Kampfknste aus Japan, Korea, Okinawa, Burma und Thailand gewesen zu sein. In Malaysia und Indonesien gibt es eher eine Mischung von Kampftechniken aus China und aus Indien, wobei auf der krperlichen, mentalen und strategischen Ebene deutliche Anklnge von chinesischen Kampfmethoden erkennbar sind. Auch wenn es in China hunderte von verschiedenen Schulen der Kampf- kunst gibt, lassen sie alle sich letztlich doch auf einen von drei grundlegen- den Stilen reduzieren: die uere Kampfkunst, die innere Kampfkunst und eine gewisse Mischung dieser beiden Stile. In diesem Kapitel werden wir diese drei grundlegenden Stille in Hinsicht drauf untersuchen, wie sie mit den einzelnen Aspekten des Kmpfens, also zum Beispiel mit krperlicher Kraft, Strke, Geschwindigkeit, Ausdauer und Reflexen, umgehen. Verbeugungen, Grtel und Uniformen In der Vorstellung der westlichen ffentlichkeit beschwrt der Begriff Kampfkunst" Vorstellungen von harter Disziplin herauf. Zu diesen Vor- stellungen gehrt auch das Bild von barfigen Leuten, die schlafanzu- ghnliche Kleidung mit verschiedenfarbigen Grteln tragen (wobei ein schwarzer Grtel anzeigt, dass jemand ein Experte" ist) und sich stndig formell voreinander verbeugen. Auch wenn solche Elemente fr die meisten japanischen und koreanischen Kampfknste (Karate, Tae Kwon Do, Judo usw.) charakteristisch sein mgen, sind sie doch keinesfalls fr die meisten der Kampfknste dieser Welt reprsentativ. Die in den Kampfknsten getragene Kleidung ist im Allgemeinen eher ein kulturelles Symbol als etwas, das an sich ein Bestandteil der Kampf- 68
  • 69. kunst selbst ist. Designer-T-Shirts, auf denen der Name bestimmter Schulen der Kampfkunst oder stilisierte Symbole prangen, sowie schicke Uniformen, bei denen Jacke und Hose verschiedene Farmen haben, gehren eher in den Bereich der Mode als den der Kampfkunst. Die einzige Voraussetzung, die Gewnder und Fubekleidung in den Kampfknsten erfllen mssen, ist, dass man sich darin in verschiedenen Umgebungen bequem und un- behindert bewegen kann. Boxer (Thaiboxer ebenso wie Boxer westlichen Stils) sowie Ausbende der indonesischen, indischen und chinesischen Kampfknste mgen gute Kmpfer sein und dennoch mit nacktem Ober- krper oder in einfachem T-Shirt und ohne bestimmte Schuhe an den Fen trainieren. Die Ausbenden der inneren Kampfknste pflegen entweder in normaler Straenkleidung oder blicher Sportbekleidung zu trainieren. Whrend ffentlicher Vorfhrungen oder Wettkmpfe jedoch mgen auch Aus- bender nichtjapanischer und nichtkoreanischer Kampfkunst-Schulen formelle Landestrachten tragen (chinesische Kampfknstler mgen zum Beispiel Seidenuniformen tragen), wenn sie nicht auch dort ihre bliche, nichtformelle Trainingskleidung tragen. Die Situation ist etwa der ver- gleichbar, die wir aus der Welt der Brse und der groen Konzerne mit ihrem formellen Bekleidungskodex und andererseits der Welt der jungen Hochtechnologie-Firmen kennen. In der ersteren ist der Schnitt und die Qualitt der Kleidung einer Person ein Hinweis auf deren Position innerhalb der Organisation, whrend in der letzteren informelle Kleidung der groe Gleichmacher ist und die Chefs ebenso wie alle anderen Mitarbeiter hier bei der Arbeit vielleicht Hemden mit offenem Kragen oder kurzrmelige Hemden und Laufschuhe, vielleicht sogar Shorts tragen. Es gibt in allen Kulturen sichtbare Rangabzeichen, die anzeigen, wer innerhalb einer Hierarchie wer ist. In den Kampfknsten gibt es drei unter- schiedliche Sichtweisen dieses Themas: 1) die Hierarchie sollte fr Insider ebenso wie Auenstehende deutlich sichtbar sein; 2) die Qualitt des Kn- nens des Kampfknstlers sollte ohne Reklame durch irgendwelche Kostme fr sich sprechen; 3) berlegene Kampfkunst sollte verborgen bleiben. In vielen Schulen der Kampfkunst sieht man daran, wer sich lnger und eifriger verneigt und wer Kommandos brllt, sehr schnell, wer hier einen hheren und wer einen niederen Rang einnimmt. In anderen Schulen werden keine offensichtlichen Hinweise auf Rangunterschiede zur Schau gestellt. Letzteres gilt besonders fr die Schulen der inneren Kampfkunst. Festzustellen, wer hier welchen Rang einnimmt, ist dort kaum mglich, 69
  • 70. wenn der Beobachter nicht ein sehr gebtes Auge besitzt oder jemanden in voller Aktion beobachten kann. Das Tragen von Grteln stammt aus der alten Tradition der Samurai. In den japanischen Systemen zum Beispiel zeigt ein weier Grtel an, dass jemand gerade mit dem ben beginnt. Ein brauner Grtel weist den Trger als jemanden aus, der in die Anfangsgrnde der Kunst eingefhrt wird. Ein schwarzer Grtel ersten Grades, auf Japanisch Shodan genannt, wird von den Medien und der breiten ffentlichkeit oft flschlicherweise fr das Abzeichen eines Kampfkunstexperten" gehalten. In Japan bezeich- net Shodan" jedoch den Grad des Anfangers", jemanden, der so weit gekommen ist, dass er oder sie jetzt wirklich bereit ist, die Kampfkunst zu erlernen. In der Tradition der japanischen Kampfknste msste jemand schon den schwarzen Grtel vierten oder fnften Grades besitzen, damit man ihn als einen Experten" betrachten wrde. Manche Schulen in China und Indonesien geben auch farbige Schrpen oder bestimmte Stoffe zur Kennzeichnung des Ranges aus, aber ihre wirklichen Knner lassen ihren Rang nicht durch sichtbare Abzeichen erkennen. Als Faustregel kann man sagen, dass Schulen der ueren Kampfkunst oft klar erkennbare Abzeichen fr ein System von Graden besitzen und hier eine militrisch anmutende Disziplin herrscht. Im Gegensatz dazu scheinen die Schulen der inneren Kampfknste oft uerst informell, lax und manchmal geradezu chaotisch zu sein, ein Eindruck, der jedoch tuschen kann. In Wirklichkeit legen die inneren Schulen grten Wert auf eine gute Beherrschung der Kunst ohne rituelles Getue und ohne Pauken und Trompeten, und sie konzentrieren sich darauf, eine innerlich angenommene Disziplin und nicht eine von auen auferlegte Disziplin zu kultivieren. Ist eine Kampfkunst besser" als eine andere? Eine Frage, die (oft in einem provokativen Tonfall) in den Medien gestellt wird, die sich mit Kampfkunst befassen, ist: Kann diese Kampfkunst jene Kampfkunst schlagen?" Die Antwort ist, dass kein bestimmtes System der Kampfkunst besser ist als ein anderes. Sie sind einfach in vielerlei Hin- sicht verschieden voneinander. Liu Hung Chieh (siehe Seite 367) pflegte zu sagen: Wer einen Kampf gewinnt oder verliert, das ist keine Frage des Stils der Kampfkunst, die er ausbt, sondern hngt davon ab, wie viel ,Gung Fu' (persnliches Kampfgeschick) er besitzt." Wenn wir die Ge- samtsumme dessen, was es bedarf, damit jemand in einem harten Kampf 70
  • 71. gewinnen kann, als Gung Fu, das heit Knnen oder Wissen, bezeichnen, dann sollten wir ber ein altes chinesisches Sprichwort nachdenken, das folgendermaen lautet: Manche Menschen werden mit Wissen geboren, manche Menschen erhalten Wissen als ein Geschenk des Himmels, manche Menschen erlangen Wissen durch fortgesetzte harte Arbeit und ernsthaftes Studium. Das einmal erlangte Wissen aber, ist stets dasselbe." Was die Kampfknste angeht, sind diejenigen, die mit Wissen geboren" werden, die Naturtalente. Es sind Individuen mit einem unglaublichen Instinkt fr den Kampf. Sie pflegen die Technik mit einem Minimum an Erfahrung gut zu lernen, und oft schlagen sie Gegner, die alles richtig machen, whrend sie selber alles falsch" machen. Jene, die Wissen als ein Geschenk" erhalten haben, finden sich oft genetisch mit auerordentlicher Geschwindigkeit, groer Kraft, ungewhnlichen Reflexen, groer Ausdauer oder der Fhigkeit, Schlge einzustecken, ausgestattet. Doch die meisten von uns gehren zu denjenigen, die sich das Wissen durch fortgesetzte harte Arbeit und ernsthaftes Studium" aneignen mssen. Im Allgemeinen heit es, dass der bliche Weg dazu, die Kampftechniken zu erlernen und in den Kampfknsten berlegenes Knnen zu erreichen, darin besteht, dass man sich schindet, viel praktische Erfahrung sammelt und sich ber einen langen Zeitraum abschleifen lsst. Wenn jemand aber erst einmal das Gung Fu fr den Kampf erworben hat und mit Regelmigkeit kmpfen und dabei gewinnen kann, dann spielt es keine Rolle mehr, wie er oder sie das Gung Fu erlangt hat. Hat man es einmal gepackt", dann hat man es - das einmal erlangte Wissen ist stets dasselbe". Wenn das einmal klar ist, dann kann man natrlich sagen, dass es un- ter den vielen Techniken der Kampfknste einige gibt, die effektiver sind als andere. Man kann die Situation vergleichen mit der des Gebrauchs eines Automobils. Alle Autos knnen Sie von Punkt A nach Punkt B bringen. Jedes Auto hat, vom Standpunkt dessen, was es leisten kann, gewisse Strken und gewisse Schwchen. Die Geschwindigkeit in unter- schiedlichem Gelnde, der Wenderadius, die Radaufhngung, die Bedie- nungsfreundlichkeit, Bremsstrecke und Beschleunigung, die Zuverlssigkeit unter verschiedenen klimatischen Bedingungen, der Kraftstoffverbrauch oder die Reparaturkosten - das sind alles Aspekte die zum Gesamtpaket gehren. Analog dazu kann man mit allen Kampfknsten kmpfen (also im Kampf von A nach B gelangen). Doch wie bei den Autos ist auch hier die Frage, was unter welchen Bedingungen am besten funktioniert. Man muss eine Probefahrt" machen, um das herauszufinden. Die besonderen 71
  • 72. Leistungsmerkmale einer Kampfkunst mgen in der Geschicklichkeit lie- gen, mit der Tritte, Hiebe, Handschlge, Arm- oder Beinblockaden, Halte- oder Wrgegriffe, Schlge auf Nervenpunkte, Wrfe, sanfte oder harte Techniken ausgefhrt werden - das alles gehrt zum Gesamtpaket. Und wie bei den Autos hat auch jede Kampfform ihre Vorteile. Einige sind am besten, wenn man im Stehen kmpft, andere wenn man auf dem Rcken liegt, wenn man sich hinkauert, wenn man in die Luft springt, wenn man auf festem oder schlpfrigem Grund kmpft, wenn man mit oder ohne Waffen, gegen einen kleineren oder einen greren Gegner, gegen einen oder gegen mehrere Gegner kmpft. Will man die Frage beantworten, ob also eine Kampfkunst einer anderen berlegen oder unterlegen ist, dann muss man viele verschiedene Dinge in Betracht ziehen. Es gibt hier nicht nur Schwarz und Wei, sondern auch viele Grauabstufungen. Eine ausgewogene Antwort auf die Frage Welche Kampfkunst ist besser?" verlangt, dass man sich fragt: Besser in welcher Hinsicht - wo, wie und unter welchen genauen Bedingungen? Es ist ganz natrlich, dass Menschen, die eine bestimmte Kampfkunst ber lange Zeit ausgebt haben, das Gefhl bekommen, ihr Stil sei der beste. (Glaubten sie das nicht, was wrde sie dann dazu bringen, endlose Stunden harter Arbeit und mhsamer bung zu investieren?) Letztlich beurteilt ein jeder ber lange Zeit geschulter Kampfknstler die Kampfknste anderer Stil- richtungen in Hinsicht auf seine eigene Lebenserfahrung und seine Art der Wahrnehmung auf dem Spielfeld der Kampfknste. Schlielich und endlich ist es so, und das sollten wir nicht vergessen, dass ein guter Fahrer in einem mittelmigen Auto ein Rennen wahrscheinlich eher gewinnt als ein schlechter Fahrer in einem guten Auto. Wie Liu Hung Chieh immer wieder betonte, ist es das Individuum, das zhlt. Was sind Anwendungen" in der Kampfkunst? Kampfknstler der japanischen und koreanischen Kampfknste ben sti- lisierte Bewegungen, die Kata beziehungsweise Hyung genannt werden. Ausbende der chinesischen Kampfknste ben Formen". Was bringt die orientalischen Kampfknstler dazu, Hnde und Fe in stilisierten Bewegungsablufen durch die Luft zu bewegen? Man bte diese Formen, um den eigenen Geist sowohl im eigenen Krper als auch in dem den Krper umgebenden Raum (wo sich ein hypothetischer Gegner und/oder ein hypothetisches Objekt befinden) zu etablieren. Bewegt man seinen 72
  • 73. Krper unter Verwendung des angesammelten Kampfwissens eines be- stimmten Systems der Kampfkunst im Kampf gegen einen imaginren Gegner, dann beschwrt man gleichzeitig bestimmte Bewusstseinszustnde herauf, whrend man sich ganz deutlich das Bauchgefhl vorstellt, das man in einer Kampfsituation empfindet. Man tut dies, damit einem das in Fleisch und Blut bergeht, was man Kampfanwendungen nennt (im Karate Bunkai und in den chinesischen Kampfknsten Yung Fa oder das Wie des Gebrauchs"). In diesen Kampf-Anwendungen sind die angesammel- ten Ideen der Kampftechnologie eines Systems enthalten, wie sie durch praktische Kampferfahrung erprobt und nicht nur durch Theorien und in der Vorstellung entwickelt wurden. Wenn diese Kampfanwendungen in Kata oder Formbungen der Kampfknste nicht ganz deutlich vorhanden sind, werden solche bungen eher zu einer Art von Tanz und sind keine Kampfkunst mehr. Wenn ein heutiger Ausbender der Kampfkunst das ganze Spektrum der subtilen Anwendungen einer jeden Technik erlernt, dann werden diese Formen lebendig und die vielen Stunden der bung haben sich letztlich gelohnt. Nach klassischem Verstndnis war das Kraft- und Geschwindigkeits- training immer auf Engste mit einem Verstndnis der Kampfanwendungen verknpft. In smtlichen Schulen der Kampfkunst war die direkte Ver- mittlung der Kampfanwendungen manchmal ein Versprechen, das sich erst fr die fortgeschritteneren Schler der hheren Grade erfllte. Dieses Versprechen wurde manchmal eingelst, manchmal aber auch nicht. So kommt es dazu, dass sogar fortgeschrittene Praktizierende sowohl der ueren als auch der inneren Kampfknste oft kein wirkliches Verstndnis der Kampfanwendungen besitzen, die in die von ihnen gebten Formen eingebettet sind. Das Traurige an dieser Situation ist, dass selbst erfah- rene Praktizierende diese Anwendungen oft nicht zu sehen bekommen, geschweige denn sie erlernen. In vielen Schulen der Kampfkunst werden die Elemente der Kraft und der Geschwindigkeit der jeweiligen Kunst weiter gepflegt, aber das Wissen um die hher entwickelten Kampfanwendungen bleibt auf ein Minimum beschrnkt. Die Schler der Kampfknste sollten also darauf achten, ob Lehrer, die nach der Bedeutung einer Form gefragt werden, ausweichend oder klar und gerade heraus antworten. In Wahrheit ist es nmlich so, dass wir nur dann gegen einen Gegner bestehen knnen, der uns in Gre, Geschwindigkeit und/oder Kraft berlegen ist, wenn wir die Anwendungen gut beherrschen. Damit irgendeine Kampfbewegung ihr Potential entfalten 73
  • 74. kann, muss sie die notwendige Geschwindigkeit, Kraft und Kampfanwen- dung besitzen. Bei Zwei-Personen-bungen sollte man so lange unablssig an den Kampfanwendungen arbeiten, bis man sie unter allen denkbaren Bedingungen flssig und gekonnt auszufhren vermag. Man knnte die Formen (das System der Kampfkunst) mit der Computer-Hardware ver- gleichen, von deren Software (die Kampfanwendungen) die berlegenheit des Nutzers letztlich abhngig ist. Jede Bewegung einer Form sollte also begleitet sein von der klaren Absicht, der Visualisierung und dem Gefhl einer Kampfsituation und ganz speziellen oder auch allgemeinen Bedingungen. Wenn zum Beispiel Ihr Krper, Ihre Hnde und Ihre Fe sich in einem bestimmten Gelnde in einer ganz bestimmten Positur befinden und Ihr Gegner beabsichtigt, A gegen Sie auszufhren, dann ben Sie, abhngig von den jeweiligen Bedingungen, eine von vielen spezifischen und effektiven B-Reaktionen. Diese Bedingungen knnen ganz einfach oder sehr komplex sein und sie knnten eine Unmenge an Variablen enthalten, je nachdem, was ein be- stimmtes System der Kampfkunst als wirksame Reaktion betrachten, wenn man unter Druck gert. Kampfanwendungen sollten folgende Faktoren bercksichtigen: 1. Wie kmpft man mit einer Person oder mehreren Personen unter- schiedlicher Gre und Statur. 2. Welche Arten von Geschwindigkeit und Kraft will man zur Anwen- dung bringen? 3. Was sind die optimalen Stellungen fr Ihre Hnde, Fe und Hfte, wenn Sie einen Angriff abwehren, auf einen Angriff warten und die Situation abschtzen oder wenn Sie angreifen? 4. Welche Fuarbeit ist ntig, um die Art von Kampftechnik, die Ihre Methode befrwortet, effektiv in einem nicht abgesprochenen und unvorhersehbaren Sparring ausfhren zu knnen? 5. Wie legen Sie Hand an die Gliedmaen eines Gegners, um seinen Angriff abzublocken, die Person zu werfen oder die Gliedmaen zu verdrehen oder zu brechen? 6. Wie benutzt man seine Arme oder Beine strategisch, um einen Geg- ner so zu treten, zu stoen oder zu schlagen, dass man verwundbare Stellen am Krper des Gegners trifft? 7. Was tut man, wenn sich der Gegner mit einer Waffe oder ohne eine Waffe in kurzer, mittlerer oder weiter Entfernung befindet? 74
  • 75. 8. Was tut man, wenn man gerade durch die Luft fliegt, auf dem Boden liegt, aufrecht steht, sich niederkauert, sich auf schlpfrigem oder bewegtem Untergrund, in einem Sturm der einem die Sicht raubt oder unter anderen ungnstigen Wetterbedingungen befindet? 9. Wie verteidigt man sich zum Beispiel an einem dunklen Ort, auf beengtem Raum, mit dem Rcken gegen eine Wand oder vor einem Felsen oder an einem Abgrund stehend? Die Genialitt von Formbewegungen, die Kampfanwendungen enthalten In allen Kampfknsten, selbst im Tai Chi, werden Bewegungen einzeln und in kombinierter Form gebt. Bei den Einzelbungen wird im Allgemeinen eine einzelne Technik wiederholt ausgefhrt, whrend man auf der Stelle steht oder sich entweder in einer geraden Linie oder in bestimmten Win- keln vorwrts bewegt. Die Formen andererseits beinhalten Kombinationen von verschiedenen Einzelbewegungen, Techniken des bergangs zwischen einzelnen Bewegungen und die simulierte Bewegung von einer Situation zu einer anderen. Mit den Formen trainiert man also die mentale Flexibilitt, die es uns erlaubt, flssig von einer taktischen Situation zu einer anderen berzugehen, ohne dass wir geistig erstarren oder in der Bewegung stecken bleiben. Formarbeit in der sehr viele Kampfanwendungen enthalten sind, ist ein grundlegendes und zeitsparendes Mittel zum Erlernen einer ausrei- chenden Zahl an Optionen zum Umgang mit mehreren Angreifern. Selbst gut trainierte Kmpfer erstarren oft trotz ihrer Kampferfahrung, wenn sie in eine ihnen neue Kampfsituation geraten, weil sie nicht die geistige Flexibilitt besitzen, um den bergang zu einer neuen Situation zu bewerkstelligen. Formen zwingen uns dazu, ber Reaktionen auf Situatio- nen, die wir bei der gewhnlichen geradlinigen und wiederholten drillarti- gen bung einzelner Techniken im Allgemeinen nicht in Betracht ziehen, nachzudenken und Reaktionen darauf einzuben. So geben die Formen dem Krper und dem Geist Gelegenheit herauszufinden, wie bevorzugte und gut gebte Techniken in unterschiedlichen Situationen angewendet werden knnen. Vielleicht gebraucht man in einer realen Konfrontation ja nicht genau dieselben Hand- und Futechniken wie in einer Form, doch es kann durchaus sein, dass wir eine Variation oder mehrere Variationen der Prinzipien anwenden, die durch die Formen vermittelt werden, was 75
  • 76. natrlich an sich schon dazu fhrt, dass unsere Chancen, einen Kampf zu berleben, sich erhhen. Formen erweitern also in allen Kampfknsten das Repertoire an Tech- niken ganz betrchtlich. So bt man zum Beispiel im Hsing-I genauso Hiebe in der geradlinigen Vorwrtsbewegung wie man es etwa beim Karate oder dem Shaolin tut. Bei einer solchen Linie" geht es per definitionem darum, etwas zu treffen, das sich vor uns befindet. Es ist schwierig, ver- nichtende Kraft in einen Hieb zu legen, wenn man sich dabei rckwrts bewegt. Hsing-I hat jedoch herausgefunden, wie man das tun kann, aber nicht durch seine nach vorn gerichteten bungslinien, sondern durch seine Formen. Viele heute existierende Kampfbewegungen, einschlielich der Kampf- techniken, die in die Formen eingebettet sind, wurden als Reaktion auf einen Reiz aus der Umgebung entwickelt. So kann eine Technik in einer Form etwa erfunden worden sein, um die belsten Methoden anderer Kampfstile kontern zu knnen, etwa die Wrfe und Wrgegriffe im Judo. Wird diese Technik dann in eine andere geographische Gegend bertragen, in der das Judo unbekannt ist, kann die Anwendung dieser Technik in Ver- gessenheit geraten, weil sie niemals gebraucht wird. Es kann aber auch sein, dass dort, wo es keine Angreifer mit hohem Tritt gibt, eine Formtechnik, die frher einmal zur Abwehr hoher Futritte entwickelt wurde, einfach der Tradition halber bewahrt wird. Aber niemand wei genau, warum es diese Technik eigentlich gibt, und so mag es sein, dass vllig aus der Luft gegriffene Geschichten ber ihre Bedeutung im Kampf erfunden werden. Frher waren die einzelnen Stile der Kampfkunst auf relativ kleine geographische Regionen beschrnkt. Erst in unserer modernen Zeit sind praktisch alle bekannten Kampfknste aufgrund der andauernden Aus- landsreisettigkeit vieler Menschen und der unglaublichen Explosion der Kommunikationstechniken in der ganzen Welt verbreitet worden. Wenn man also ein engagierter Kampfknstler ist, dann empfiehlt es sich, auch das zu erlernen, was in anderen Stilrichtungen praktiziert wird, denn es kann gut sein, dass man es frher oder spter mit diesen Techniken kon- frontiert wird. In alter Zeit war es nicht mglich, diese unterschiedlichen Kampfknste kennen zu lernen, da die grundlegenden Techniken und Strategien der meisten Kampfknste streng gehtete Geheimnisse waren und es dem Fremden, der sie vielleicht hinausschmuggeln wollte, an den Kragen gehen konnte. Besuchte man eine rivalisierende Schule der Kampf- kunst und wurde dort nicht als ein Freund eingefhrt und akzeptiert, dann 76
  • 77. war es mglich, dass man auf eine Weise herausgefordert wurde, die einen blutigen Kampf nach sich zog. Da die Ausbenden der Kampfknste heutzutage oft gromtiger sind, ist es mglich, in verschiedenen Bereichen der Kampfknste vergleichende Studien anzustellen, ohne gleich als ein Feind oder ein Spion behandelt zu werden. Diese freiere Atmosphre macht es vielen talentierten Schlern mglich, ihre Frustrationen zu berwinden und die positiven Aspekte des- sen zu sehen, was ihr eigener Lehrer zu bieten hat. Die Schler haben nun die Mglichkeit, ihre Schwchen und Strken durch vergleichende Studien einzuschtzen, was ihnen helfen kann, ihr volles Potential zu entwickeln. Alles, was dazu ntig ist, ist, sich von der wir gegen die anderen"-Men- talitt zu befreien und die beschrnkten Vorstellungen vom Status" in- nerhalb der eigenen Organisation zu berwinden und sich stattdessen auf die Leidenschaft fr das Lernen und die Freude daran zu konzentrieren. Gute Formen der Kampfkunst wurden von Profis erfunden Die Grnder verschiedener Formen der Kampfkunst wurden nicht deshalb als Knner berhmt, weil sie beeindruckende Kostme trugen, gute Wer- bung machten, laut brllen konnten, wunderschne bungshallen besaen und tolle Geschichten ber die Fhigkeiten ihrer Kampfkunst-Vorvter zu erzhlen wussten. Sie erlangten ihren Ruhm, weil sie gegen die bestge- schulten Profis ihrer eigenen Generation kmpfen und gewinnen konnten und nicht weil sie enthusiastische aber unerfahrene Amateure oder ihre eigen Schler zu schlagen vermochten. Diese Mnner praktizierten nur das, was ihrer Ansicht nach wirklich funktionierte. In alter Zeit nahmen die Leute die Kampfknste sehr ernst. Wer die Kunst nur schlecht beherrsch- te, lief Gefahr, frh zu sterben. Es gab einmal eine Zeit in China wo ein Reisender, dem es gelang, den Leiter eine Schule oder einer Gruppe von Leibwchtern oder eines Sicherheitsdienstes im Kampf zu besiegen, das absolute und kulturell akzeptierte Recht hatte, dessen ganze Schule oder ganzes Geschft zu bernehmen. Wie es auch im Profi-Boxsport ist, ge- wann man Ansehen und Reichtum durch Siege, die authentischem Knnen zu verdanken waren, und nicht durch bloes Gerede. Wenn jemand ein uerst talentierter Kmpfer ist, muss das jedoch noch nicht unbedingt bedeuten, dass er auch in der Lage ist, einen anderen 77
  • 78. Menschen so weit zu schulen, dass dieser denselben Standard erreicht. Um das tun zu knnen, ist es ntig, dass es klar definierte und systema- tische Trainingsmethoden gibt. Wenn diese gegeben sind, dann wei ein junger Kampfknstler, der ebenso motiviert ist wie sein Lehrer und der bereit ist, hart zu trainieren, genau, welchen Prozess er durchlaufen muss, um - mehr oder weniger - dieselben Fhigkeiten zu entwickeln wie dieser. Wie konnte man also die Technologie der Kampfkunst bertragen? Wie konnte man die Betriebsgeheimnisse" in Hinsicht auf das, was bei beim Schlagen, Treten, Werfen, Hebeln, Reien, Wrgen, Fallen und so weiter am wichtigsten ist, weitergeben? Wie konnte man weitergeben, welche Taktik zu benutzen, welche Strategie zu bercksichtigen ist, wie man von einer Taktik oder Technik zu einer anderen bergeht und welche Kampf- einstellung in unterschiedlichen Situationen angemessen ist? All diese Geheimnisse der Kunst wurden durch die Formen vermittelt, die durch alle mglichen Arten der Parterbungen miteinander verbunden und in Gesamtablufe integriert wurden. Lebendige und tote Formen Der Zweck der Formen bestand darin, all die Kampfanwendungen an einem Ort zusammenzufhren. Je wirklicher und lebendiger die Formen sind, desto realistischer sind die Kampfanwendungen, die sie enthalten, und desto mehr Techniken verwenden sie in Partnerbungen und nicht abgesprochenem Sparring. Die Meister lebendiger und funktionierender Systeme der Kampfkunst haben oft genug wiederholt und auch bewiesen, wie funktionell und auch vital ein solches System ber etliche Generatio- nen hinweg sein kann. Und diese Meister waren der Ansicht, dass intakte Bewegungsformen mit ihren Kampfanwendungen ganz wesentlich dafr sind, dass das Erbe einer Kampfkunst bewahrt werden kann. Ohne solche Formen, so glaubten sie, kann ein System der Kampfkunst leicht zu einer nur in geringem Mae funktionalen oder toten Tradition degenerieren. Formen, die wahrhaft lebendig sind, kann man in ihrem Vermgen, Informationen zu bermitteln, mit einem Kapitel eines Buches vergleichen (so enthlt zum Beispiel eine kleine Form zahlreiche Kampfprinzipien, von denen jedes wiederum Variationen eines Themas erlaubt), halble- bendige Formen mit Abschnitten eines Textes oder lngeren Stzen und tote Formen mit einfachen Stzen oder einzelnen Wrtern. Hochentwi- ckelte Formen der Kampfkunst mit einer lebendigen Tradition sind wie 78
  • 79. ganze Bibliotheken hchst ntzlicher Informationen. Erfahrene Meister der Kampfkunst knnen uns, wenn sie es denn wollen, durch den Ge- brauch exakt derselben krperlichen Formbewegungen lehren, Kapitel fr Kapitel und Buch fr Buch die Informationen der groben und subtilen Kampfanwendungen, die in jedem kleinsten Bruchteil einer Bewegung verschlsselt sind, zu lesen. Sind alle Informationen komplett bermittelt worden, dann liegt es in der Verantwortung des Schlers, entsprechend zu agieren. In toten Traditionen aller Kampfkunst-Stile sind zwar die krperlichen Bewegungen vorhanden, aber es fehlen hier die allermeisten Kampfanwendungen. In toten Formen sind die eigentlich darin enthaltenen Kampfanwendungen zu zufrieden stellenden Anweisungen verwssert worden - im Karate etwa der Anweisung, schneller, krftiger oder hrter zu sein, oder im Tai Chi der Anweisung, weicher, entspannter, niedriger oder ruhiger zu sein. Solche Kommandos mgen zwar an und fr sich in Ordnung sein, wenn sie aber allein verwendet werden, also ohne das Wissen um die komplette anwendbare Kampftechnik, die in der gelehrten Form enthalten ist, dann wird dem Schler unweigerlich die wesentliche Bedeutung der Bewegung entgehen. Wenn der Lehrer einem Schler also nicht den Inhalt vieler Bcher" bermittelt hat, dann ist es wahrscheinlich, dass der Schler eine tote Form, praktiziert. Beginnt der Schler dann wiederum zu lehren, dann wird eine tote Tradition verewigt. Unglcklicherweise ist diese traurige Situation nur allzu hufig anzutreffen. Es ist der Fluch der Szene der klas- sischen Kampfknste, dass viele frher einmal edle und uerst effektive Formen der Kampfkunst zu reinem Gefuchtel und bloer Schauspielerei reduziert werden - voll Wortschwall, und bedeutet nichts", wie es bei Shakespeare heit. Wer immer eine Kampfkunst erlernen will, die funktioniert", der muss entweder eine lebendige Tradition finden, in der er sich schulen kann, oder er muss das Wissen, das ihm zugnglich ist, vermischen und zusam- menfgen und seinen eigenen Kampfstil erfinden,3 was unterschiedliche Resultate zeitigen kann, sehr gute bis ziemlich erbrmliche. Aber auch jede lebendige Tradition kann mehr oder weniger vollstndig sein, abhngig davon, wie viele Bnde von Kampfanwendungen verloren gegangen sind 3 So etwas geschieht des fteren. Die hybride Kampfform Jeet Kune Do, die von dem berhmten Kampfkunst-Filmstar Bruce Lee erfunden wurde, ist ein bekanntes Beispiel dafr. 79
  • 80. oder inwieweit die noch vorhandenen zugnglich sind. Wenn dann jemand, der sich in einer toten Tradition geschult hat, auf eine lebendige Tradition trifft, hrt man oft die erstaunte Frage: Warum habe ich das nicht von meinem Lehrer gelernt?" Die Ausbenden toter Traditionen wissen im Allgemeinen nicht, wie sie die Techniken, die in den Kata oder Formen ihrer Tradition enthalten sind, im tatschlichen Kampf effektiv anwenden knnen. Diese Kampf- knste besitzen Hunderte von Formbewegungen, doch wenn es zu einem wirklichen Kampf kommt, dann nutzen die Ausbenden nur wenige davon, whrend die restlichen Formen nur dazu dienen, die krperliche Koordina- tion zu verbessern. Wo dies der Fall ist, weist das darauf hin, dass die in den Formen enthaltene Information ber die Kampfanwendung verloren gegangen ist. Zu einem solchen Verlust kann es in einem ganzen Kampf- kunst-System kommen oder in einer Linie dieses Systems oder auch nur in einer bestimmten Schule. In den lebendigen Traditionen der Kampfkunst hat jede echte Kreis- gang-Technik des Ba Gua (sowohl die vorgeburtliche als auch die nach- geburtliche - siehe Seite 326 -, wie sie von Tung Hai Chan, dem moder- nen Begrnder des Ba Gua berliefert wurde), jede noch so unscheinbare Zeitlupenbewegung im Tai Chi, jede Standpositur oder jeder Sto in der Bewegung im Hsing-I klar definierte und vielfltige praktische Anwen- dungen im Kampf. Bei lebendigen Traditionen der inneren Kampfkunst ist die Art und Weise, wie sich die Ausbenden in einer Form bewegen, mehr oder weniger die Weise, in der die Bewegung in einem Kampf angewendet wird. Wenn es Ihren Formbewegungen an dieser Realitt mangelt, dann erlernen Sie keine gnzlich lebendige Tradition. Was die heute praktizier- ten inneren Kampfknste angeht, sind tote oder unvollstndige Kampf- kunst-Traditionen am hufigsten im Tai Chi und am wenigsten hufig im Hsing-I anzutreffen, wobei Ba Gua etwa in der Mitte anzusiedeln wre. In den traditionellen Schulen der inneren Kampfkunst werden die in den Formbewegungen enthaltenen Kampfanwendungen zuerst einmal gelehrt, um es einem Individuum zu ermglichen, sich ein gewisses Inventar an spezifischen Techniken anzueignen, mit dem es auf spezifische Formen der Verteidigung oder des Angriffs reagieren kann. Dann wird sowohl innerhalb der Formen als auch mit separaten Chi-Gung-Methoden ein grundlegendes Krafttraining gelehrt. Als nchstes werden die Anwendun- gen und das Krafttraining innerhalb der Formen miteinander verschmolzen. Schlielich werden die Formen hauptschlich deshalb gebt, um Krper 80
  • 81. und Geist des individuellen Ausbenden beweglicher zu machen sowie reaktionsfhiger, was Vernderungen der Kampfsituation angeht, aber auch um den stillen" Geist zu erzeugen und um zu fortgeschritteneren Chi- Methoden zu gelangen, die die Kampfanwendungen berlagern sollen. Tote Formen und die Konfrontation mit der Wirklichkeit Zustzlich zum Form- und Chi-Training (der Quelle innerer Kraft) sind viele Stunden realistischer bung mit einem Partner oder mehreren Partnern ntig, um die krperlichen Kampftechniken des Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I zu meis- tern. Viele Menschen mchten gern glauben, dass die bung von Formen der ueren Kampfkunst oder der inneren Kampfkunst allein sie schon zu bernatrlich begabten Kmpfern machen kann. Um die Formulierung eines Songs von George Gershwin zu gebrauchen: It ain't necessarily so" (Das muss nicht unbedingt so sein"). Mit Formen sollten Sie Ihre Absicht und Ihre Kraft trainieren, und wenn es Ihren Formen (beziehungsweise Ihrem Sparring mit einem Partner) an diesen beiden Elementen mangelt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie in einer echten Konfrontation nicht gut abschneiden werden.4 In einem Kampf sind Leistung und Kompetenz verlangt. Ihr krperliches berleben oder Ihre Gesundheit knnte davon abhngen. Zum Kmpfen braucht es Energie, Intuition und Know-how. Wenn ein Meister der inneren oder ueren Kampfkunst, ein Lehrer oder ein Freund nicht realistisch zu demonstrieren vermag, wie eine Technik im Kampf angewendet wird, dann ist dieser Mensch nicht die Person, von der man diese Technik wirklich lernen knnte. Lernen Sie nur bei jemandem, der zu demonstrieren vermag, dass er die Form, die er lehren will, auch anzuwenden wei. Manche der Menschen, die eine innere Kampfkunst hauptschlich aus gesundheitlichen Grnden, fr Langlebigkeit oder die Meditation trai- nieren, mchten auch fr den Kampf trainieren. Wenn eines Ihrer Ziele 4 Diese Position wurde in den 1970er Jahren sehr klar von Bruce Lee formuliert, als er behauptete, die klassischen Kampfknste seien tot. Dieses Gefhl war sowohl bei den lteren als bei den jngeren Kampfkunst-Meistern der lebendigeren Schulen damals ziemlich verbreitet. Whrend ich in China war, hrte ich solche Aussagen von vielen Meistern, die Dinge sagten wie: Das ist eine sehr interessante Formbewegung, die du da machst - aber weit du auch, wie du sie anwenden kannst?" Diese Betonung der Funktionalitt in der Form findet einen besonders klaren Ausdruck in einem Satz, den man oft von Ausbenden des Hsing-I und hnlicher Kampfknste hrt, wenn sie ihre Formbewegungen beschreiben: Bu hao kan, hen hao yung" (Die Bewegungen sehen nicht schn aus, aber sie funktionieren bestens"). 81
  • 82. darin besteht, sich gegenber krperlicher Aggression sicher zu fhlen, indem Sie Selbstverteidigung erlernen, oder wenn Sie ein kompetenter Kmpfer einer inneren Kampfkunst werden mchten, dann lernen Sie Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I nur von jemandem, der diese Knste auch im Kampf anwenden kann und der diese Anwendungen zu lehren vermag. (Manche Lehrer kennen nur den Kampf mit der leeren Hand, manche nur den Kampf mit einer Waffe, manche kennen sich mehr oder weniger mit beidem aus.) Wenn Sie sich verbessern wollen, dann trainieren Sie nur mit Menschen, die sowohl den Enthusiasmus als auch die Bereitschaft zum Kmpfen haben. Verwechseln Sie echtes Kampftraining nicht mit bungen zur Sensibilisierung oder zu Kampftheater. Es braucht ein gewisses Ma an Mut, Biss (oft Herz" genannt) und Bereitschaft, keine Angst davor zu haben, selbst getroffen oder geworfen zu werden oder einen anderen Men- schen zu treffen oder zu werfen. Auerdem sind eine gewisse emotionale Reife, Mitgefhl und spirituelles Bewusstsein vonnten, damit das eigene Ego sich nicht aufblht, wenn man ein neues Gefhl der Macht" erfhrt, das realistisch oder nicht realistisch sein mag. Es wird Ihnen nur dann mglich sein, die berlegenen Techniken der Kampfanwendung der inneren Kampfknste auf solide Weise zu verwen- den, wenn Sie auch dann einen ruhigen und stabilen Geist zu bewahren vermgen, wenn Sie sich frchten, wenn Sie getroffen werden oder frus- triert sind. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Der Wert von vergleichenden Studien in den Kampfknsten Es gibt viele Bereiche, in denen sich die ueren, ue- ren/inneren und inneren Kampfknste berschneiden. Meine eigene Erfahrung hat gezeigt, dass die ueren Kampfknste zwar in Hinsicht auf Kampfanwendung und einige von ihnen auch in Hinsicht auf die Entwick- lung von Chi einiges zu bieten haben, dass aber nur die inneren Kampf- knste das ganze Spektrum meiner Erwartungen zu befriedigen vermoch- ten. Die ausladenden Techniken der ueren/inneren Kampfkunst gehen gewhnlich von groben Bewegungen aus, von denen eine jede eine einzi- ge Kampfidee verkrpert. In den inneren Kampfknsten gibt es gewhn- lich dieselben Ideen und Kampftechniken mit einer greren Variabilitt, 82
  • 83. Subtilitt und mit kleineren Bewegungen. Whrend eine Kampfidee in den mehr uerlichen Knsten gewhnlich als eine groe Bewegung Aus- druck findet, wird dieselbe Idee in einer inneren Kampfkunst durch eine viel kleinere und subtilere Bewegung ausgedrckt, so zum Beispiel viel- leicht nur durch winzige krperliche Kreisbewegungen oder sogar nur auf der unsichtbaren Ebene der reinen Absicht, auf welche Weise sich die En- ergie manifestieren soll. Die inneren Kampfknste knnen dieses Ziel ver- wirklichen, weil sie in der Lage sind, eine grere Flexibilitt, Sensibilitt, Geschwindigkeit und greres Bewusstsein in jene kritischen Momente im Kampf einzubringen, in denen das Vermgen, innerhalb von Millisekunden innere Kraft zu mobilisieren, ber Sieg oder Niederlage entscheiden kann. Den inneren Kampfknsten ist es gelungen, alle Kampfelemente der u- eren/inneren Kampfknste, die ich gelernt habe, in ihre Formen und Kampfanwendungen zu absorbieren. Auerdem knnen die inneren Sys- teme subtile Bereiche erreichen, die das Shaolin nicht erreicht, vor allem weil die inneren Kampfknste Methoden besitzen, um mit den inneren Kraftlcken zwischen dem Ende einer Technik und dem Beginn einer an- deren Technik umzugehen, Kraftlcken, die in den meisten Systemen der ueren Kampfkunst nicht berbrckt werden. Wie viele meiner Lehrer der inneren Kampfknste betonten, knnen die ueren Kampfknste zwar die Eins-Zwei-Drei-Abfolge uerer Bewe- gungen im Kampf lehren, doch es sind die inneren Kampfknste, welche die Entwicklung der inneren Kraft lehren, die es den Samen der ueren Kampfknste ermglicht, zu einem starken Baum heranzuwachsen. Nach ber einem Jahrzehnt der vergleichenden Studien habe ich mich ganz und gar den inneren Kampfknsten zugewandt. Ich wollte Effektivitt im Kampf ohne Aggression, und wie ich fand, knnen die inneren Kampf- knste beides vermitteln und mich zudem noch gesund machen und au- erdem als ein Vehikel der Meditation dienen. Die Abstimmung der ueren Kampfknste Ein Hauptaugenmerk aller Kampfknste ist die jeweilige Wahrnehmung der Verbindung von Krper und Geist. Betrachtet der Ausbende den Krper als ein abgetrenntes ueres Objekt, das trainiert werden muss, damit es bestimmte erwnschte Kampffertigkeiten hervorbringt? Oder lsst der Ausbende den Geist in den Krper ein (d. h. fhlt er den Geist 83
  • 84. im Krper) und schafft so eine Verschmelzung von Krper und Geist, um die Fertigkeit fr den Kampf zu erzeugen? Wenn Kampfknstler ihre Treffer landen, stellen sie sich dann vor, dass sich ihr Krper wie bei Kmpfern in einem Nintendo-Spiel bewegt (uerer Ansatz), oder spren sie tatschlich alles, was geschieht, in ihrem Krper und letztlich in ihrem Geist (innerer Ansatz)? Die Ausbenden der ueren Kampfknste sind auf dieselbe Emp- findung ihres Krpers ausgerichtet wie die Ausbenden eines modernen Sports. Hier liegt die Betonung auf der Entwicklung von Knochen, Mus- keln, Sehnen, Bndern und der effektiven Verwendung von Sauerstoff. uerlich orientierte Kampfknstler gehen, wie es auch bei vielen mo- dernen Leistungssportlern und Tnzern der Fall ist, beim Training oft in die Falle rein mechanischer Wiederholung. Es mag ihnen ausschlielich darum gehen, dass der Krper schneller agieren kann sowie krftiger und ausdauernder wird. Viele, die auf diese Weise vorgehen, sind sich dessen nicht bewusst, dass sie damit ihr krperliches und auch ihr emotionales Wohlergehen beintrchtigen knnen. Auerdem knnen Kmpfer ebenso wie Athleten auf dem ueren Pfad schtig werden nach dem Hochgefhl einer Adrenalinausschttung, die durch den Wettkampf erzeugt wird oder dadurch, dass man jemanden besiegt. Je strker Ausbende der ueren Systeme sich auf berhrungsorien- tierte Praktiken einlassen, desto mehr werden sie sich im Allgemeinen der Gefhle innerhalb ihres eigenen Krpers bewusst. Partnerbungen, bei denen beide Partner einander berhren (zum Beispiel beim Ringen, bei den klebenden Hnden", beim Push Hands oder bei der bung von Hebeln), sind geeignet, bei den Ausbenden die Fhigkeit zu entwickeln, den Krper des anderen zu spren. Sodann wird es fr den einzelnen ganz natrlich, auch die Gefhle in seiner eigenen Krperlichkeit erkunden zu wollen. Rein uerlich orientierte Hieb-und-Tritt-Kampfknstler haben oft keine Beziehung zu einer inneren Sensibilitt. In der Tat ist es so, dass dieser Mangel an innerem Krper/Geist-Gewahrsein oft den Zeitraum, innerhalb dessen sie Wettkmpfe durchzufhren vermgen, verkrzt, wie es auch bei Athleten der Fall ist. Wenn man den Krper ohne innere Sensibilitt ber seine Grenzen hinaus antreibt, kann das zu verheerenden kurz- und langfristigen gesundheitlichen Problemen fhren. Wenn man lernt, seine Gliedmaen zu fhlen" und eine vernnftige Migung bt, so kann das sehr positive und lebenslang anhaltende Wirkungen zeitigen und die Wettkampfkarriere von Athleten, die oft durch die Ausbung einen Spor- 84
  • 85. tes aufgrund von Sportverletzungen (wie bei Turnern, Baseball-Spielern, Fuballern usw.) oder durch exzessives Training stark verkrzt wird. Kraft und Strke Die Kraft und die Strke, die fr einen Hieb, Tritt oder Wurf ntig sind, wurden in alter Zeit durch verschiedene Mittel erworben. Die meisten dieser Mittel werden auch heute noch angewandt. Dazu gehren: 1. Gewichtheben mit simplen Hilfsmitteln wie Steine, schwere Holz- blcke oder mit Wasser gefllte Gefe. In der Geschichte Chinas waren Ausbende der ueren Kampfknste berhmt dafr, dass sie Objekte heben oder bewegen konnten, die mehrere hundert Kilo wogen. Im heutigen Training wurden diese Methoden einfach durch die Arbeit mit modernen Trainingsgerten abgelst. 2. Das Anheben von schweren Gewichten, wie etwa Felsbrocken, whrend man Kampfkunst-Formen der leeren Hand ausfhrt; auch das ben von Kampfkunst-Formen, die besonders schwere Waffen benutzen. Ein gutes Beispiel fr Letzteres findet sich in den ue- ren Kampfkunstschulen Sdchinas, wo die Schler ben, sowohl im Stand als auch in Schrittfolgen eine fnfzehn bis zwanzig Kilo schwere metallene Waffe mit geschwungener Klinge, die Guan Dao genannt wird, zu schwingen. Diese Waffe wurde eigentlich nur von Kmpfern zu Pferde benutzt. Fr den Kampf am Boden ist diese Waffe total unpraktisch, aber sie ist ein ausgezeichnetes Mittel, um beim Training auf dem Boden krperliche Kraft zu entwickeln. 3. Schwere Objekte in die Luft werfen und sie wieder auffangen (Scke voller Bohnen oder Reis, Zementblcke oder Metallstcke); die Rinde mit bloen Hnden von Bumen reien; stundenlang hintereinander Seile oder Holzstcke verdrehen. Solche Trainingsmethoden werden benutzt, um die Kraft des eigenen Griffs beim Festhalten zu entwickeln. 4. Die Benutzung von Riemenscheiben, um schwere Sandscke pro Trainingseinheit Hunderte oder gar Tausende Male anzuheben, um damit Wurftechniken zu simulieren. 5. Das Treffen von Objekten zur Entwicklung der Strke von Schlgen, Sten oder Tritten. Als Ziel dienen schwere Scke, Metall, Steine, gepresster Lehm, Bndel von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Baumstmme, Holzpuppen, Bume oder Wasser. All das wird ge- schlagen, gestoen oder getreten. 85
  • 86. 6. Die Finger Hunderte oder gar Tausende Male am Tag in Sand, Boh- nen, Kieselsteine, Eisenfllungen oder Erdklumpen hineinstoen, um die Schlagkraft der Finger zu vergrern. (Auch wenn im Verlauf solchen Trainings zum Schutz chinesische Medikamente uerlich angewendet werden, fhrt so etwas bei den Ausbenden im Alter nicht selten zu gesundheitlichen Problemen wie Arthritis.) 7. Mit den Armen und Beinen wiederholt gehen alle mglichen harte Objekte schlagen, um die Knochen zu hrten. Bei Partnerbungen schlgt man sich immer wieder gegenseitig auf Arme oder Beine um zu sehen, wer strker ist oder wer sich zuerst einschchtern lsst. Zum gleichen Zweck werden auch Schlge gegen Holzpuppen ausgefhrt. Solche bungen machen allerdings nicht nur die Knochen hart, son- dern fhren spter auch zu gesundheitlichen Problemen, etwa Sch- digungen des Krpers, die auf die kumulierte Wirkung von Einschl- gen am Krper oder auf Akupunkturmeridiane zurckzufhren sind. 8. Das ben von Liegesttzen und anderen gymnastischen bungen, dynamische Spannungsatmung und bungen mit Muskelanspan- nung zur Erhhung der allgemeinen Fitness des Krpers. Alle diese Methoden zum Aufbau der Kraft und Strke haben einen ge- meinsamen Nenner: Sie beruhen auf einer abwechselnden Entspannung und Anspannung der Muskeln des Krpers. Sie alle streben krperlich offenkundige Resultate an, statt sich auf bungen zu konzentrieren, die das Chi (subtile Krperenergie) aufbauen. Das ben von Chi Gung (Ener- giearbeit) wird von den Ausbenden der ueren Kampfknste manchmal vllig getrennt von ihrem Krafttraining ausgefhrt, und diese bungen werden so gut wie nie in das Haupttrainigsprogramm integriert. (Das gilt besonders fr Chi-Gung-bungen, die ausgefhrt werden, um Schlge besser einstecken zu knnen.) Geschwindigkeit Die Fhigkeit der Geschwindigkeit wurde und wird auch heute noch nor- malerweise entwickelt durch: 1. Die Wiederholung von Bewegungen, die mit zunehmender Ge- schwindigkeit ausgefhrt werden, wobei entweder ein Lehrer mit seinen Kommandos oder ein mechanisches Gert (heute eine elek- 86
  • 87. tronische Zeituhr) den Takt vorgibt. Diese Bewegungen knnen wie- derholt als Einzelbewegungen durchgefhrt werden, als festgelegte Bewegungsfolgen oder als in Formen inkorporierte Bewegungen. 2. Training mit Gewichten an Armen, Beinen und um die Hfte, die die Krperbewegung verlangsamen, so dass der Krper sich schneller bewegen kann, wenn die hinderlichen Gewichte entfernt werden. 3. Sparringbungen, die man nur bersteht, wenn die Reaktionszeit und die Zeit fr einen Angriff fortlaufend verkrzt werden. Ausdauer Die Ausdauer wurde und wird in vielen Fllen auch heute noch durch folgende Mittel erhht: 1. Zahllose Wiederholungen verschiedener bungen und Formen der jeweiligen Kampfkunst. Da uere bungen im Allgemeinen ziem- lich aerob sind, ist die Wiederholung von Bewegungen oft alles, was gebt wird. Einzeln ausgefhrte Formbungen werden oft ber die Grenzen menschlichen Durchstehvermgens hinaus ausgefhrt. Das Motto solcher bungen lautet dann oft Wer stark sein will, muss leiden" oder Gib immer 150 Prozent". 2. ber lange Zeitrume hinweg in eingefrorener Haltung in schwie- rigen niedrigen Standposituren oder mit einem angehobenen Bein in Hft-, Kehlen- oder Kopfhhe stehen bleiben. 3. Fr lange Zeit auf und ab Springen, wobei verschiedene Arten von Kampfkunst-Bewegungen ausgefhrt werden. 4. Hgel oder Treppen (manchmal mit Tausenden von Stufen) zu einem Trainingsort hinauflaufen. (Dies war ein bliches Ausdauertraining in vielen in den Bergen gelegenen Klstern.) 5. Stundenlanges Ringen oder Sparring ohne jede Unterbrechung, bis ein Ausbender krperlich nicht mehr in der Lage ist weiterzuma- chen. Wo diese Methode regelmig angewendet wurde, nahmen die Ausbenden gewhnlich Krutermedizinen ein, um die inne- ren Organe vor langfristigen Schden zu schtzen. Im modernen Zirkeltraining geht der Ausbende in regelmigen Mustern von einer Form der bung zu einer anderen ber, um ein Maximum an Kraft, Geschwindigkeit und Ausdauer zu entwickeln. In China hatten die ueren Kampfknste ihre eigene Version dieser Trai- 87
  • 88. ningsmethode. Dabei ging man zum Beispiel von der bung einer Form in langsamer Geschwindigkeit zu schnellen Kniebeugen ber, dann vielleicht zu Sprngen oder Tritten, weiter zum Training mit schweren Gewichten und dann zum Einhalten einer Positur (zum Beispiel mit einem Bein in der Luft) fr lange Zeit und schlielich zur extrem schnellen Ausfhrung einer Reihe von Formen. Reflexe Die Reflexe werden zum groen Teil von der angeborenen Begabung des einzelnen benden bestimmt. In Hinsicht auf die Reflexe setzt diese gene- tische Ausstattung dem Ausbenden normalerweise nicht zu berwindende Grenzen. Auch wenn ein Mensch ber viele Jahre hinweg Tag und Nacht trainiert, kann er, wenn es ihm an der angeborenen Reaktionsgeschwin- digkeit des zentralen Nervensystems mangelt, schlielich doch leicht von einem Anfanger mit nur wenig bung geschlagen werden, wenn dieser einfach schneller ist. Gewhnlich verlangsamen sich die Reflexe, wenn ein bestimmtes Alter berschritten ist, und die meisten lteren Ausbenden der ueren Kampfknste fallen diesem natrlichen Prozess anheim, wenn sie keine inneren Praktiken ausben. Die Verlangsamung der Reflexe ist ein Hauptgrund dafr, dass ltere Menschen die ueren Kampfknste nicht mehr erfolgreich erlernen knnen, natrlich neben der Tatsache, dass ein lterer Krper Schlge nicht mehr so leicht ohne eine Beeintrchtigung der Funktionstchtigkeit wegstecken kann. In China wird die Bedeutung dieses Faktors des Alters fr das erfolgreiche Erlernen von Kampffertigkeiten im Bereich der inneren Kampfknste berwunden. Die ueren Kampfknste wenden jedoch eine Reihe von Techniken an, die helfen sollen, neue Reflexe zu erzeugen. Dazu gehren: 1. Kadenzen, die spezifische Bewegungen einzeln oder in Kombi- nation begleiten, wobei das Timing und die Geschwindigkeit der Bewegungen in regelmigen Abschnitten verndert werden. Die Geschwindigkeit und das Timing der Schlge knnen dabei, wie beim Trommeln, variiert werden, um schnelle Reflexe bei den benden hervorzurufen, wenn die Bewegungen mit den Schlgen synchronisiert werden. Diese bung ist geeignet, die Bewegungen von Zgern zu befreien, was ein Schlsselelement von schnellen Reflexen ist. 88
  • 89. 2. Spezifische schnell/langsam getimte Sequenzen, die in die Formen der ueren Kampfkunst selbst eingebettet sind. Wenn der Schler fortschreitet, werden diese Sequenzen in den Formen, die mehr Koordination verlangen, immer subtiler. 3. Anwendungsspezifische Sparringbungen. Diese werden, um einen speziellen erwnschten Reflex zu entwickeln, so oft wiederholt, bis sie schlielich vllig automatisch und unbewusst ausgefhrt werden. 4. Die Verwendung spontaner Krfte in der Umwelt zur Schrfung der Reflexe in den unterschiedlichsten Situationen. Einige Beispiele hierfr sind: Ein verschreckt hin und her laufendes Huhn einfangen (dies entwickelt Fureflexe sowie die Hand-Auge-Koordination); Versuchen, ein in turbulenter Luftstrmung durch die Luft wirbeln- des Blatt mehrfach zu treffen; einen durchs Wasser schieenden Fisch mit bloen Hnden fangen; ein bestimmtes Insekt oder einen bestimmten Vogel aus einem auseinanderstiebenden Schwrm ein- zufangen versuchen; eine fliegende Mcke mit einem Paar Essstb- chen aus der Luft fangen. Was die Entwicklung von Reflexen in den ueren Kampfknsten angeht, ist es wichtig zu verstehen, dass der Fokus der Aufmerksamkeit dabei im- mer auerhalb des Ausbenden liegt. Die wirksamen Methoden basieren gewhnlich auf Muskelspannung. Der Krper wird darauf getrimmt, wie ein Roboter auf Kommando zu reagieren. Drcke einen Knopf, und der Krper blockt, tritt, schlgt, wirft oder wendet einen Hebel an. Wenn der Krper dabei schneller wird, gilt das als gut, wenn nicht, dann braucht er noch mehr bung. Dabei ist im Ausbenden gewhnlich nur wenig Gewahrsein dessen vorhanden, was innerlich auf der Ebene des zentralen Nervensystems, der Emotionen oder des Geistes geschieht, whrend die Technik angewendet wird. Das kann dazu fhren, dass in den bungen der ueren Kampfknste wenig Raum dafr bleibt, in Bereiche des emo- tionalen oder spirituellen Wohlergehens fortzuschreiten, da dieses auf innerem Gewahrsein beruhen. 89
  • 90. Die ueren Kampfknste innerhalb und auerhalb von China Zu den bekanntesten der nichtchinesischen ueren Kampfknste gehren Boxen, Ringen, Savate, Fechten, Judo, Jiu Jitsu, Karate (praktisch alle'Stile), Tae Kwon Do (praktisch alle Stile), Thai-Boxen, Bando, Penchat und Silat und Kuntao. Innerhalb Chinas lassen sich die bekannteren ueren Kampf- knste (die im Westen unter dem Oberbegriff Kung Fu" bekannt sind) mehr oder weniger unterteilen in jene, die aus dem Norden, und jene, die aus dem Sden dieses riesigen Landes stammen. Selbst die Kampfknste aus West- und Zentralchina tragen den Geschmack entweder von nrdlichen oder von sdlichen Stilen. Diese Nord-Sd-Unterteilung bezieht sich auf Kampfknste, die aus dem Shaolin-Kloster stammen, das einer der legen- dren Geburtsorte der chinesischen Kampfkunst ist. Im Shaolin-Kloster arbeiteten Mnche und politische Flchtlinge, die aufgrund uralter Rechte an diesem heiligen Ort vor Verfolgung geschtzt waren, zusammen. Sie bten gemeinsam verschiedene Techniken der Kampfkunst und befruch- teten sich so gegenseitig. Das Wort Shaolin ist in China ein Synonym fr die ueren Kampfknste. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Die Brcke vom ueren zum Inneren Als Trger des Schwarzen Grtels ging ich, nachdem ich neun Jahre lang tglich trainiert hatte, zum weiteren Studium nach Okinawa, dem Geburtsort des modernen Karate und Tae Kwon Do. Weil ich den Mindestanforde- rungen in Hinsicht auf den Rang entsprach und da ich glcklicherweise persnliche Beziehung hatte, wurde ich im Rahmen des Shorin-Ryu-Karate-Systems in ein spezielles Studienprogramm in Karate fr ausgewhlte Schler, auf japanisch Kenkyusei genannt, aufgenom- men. Hier werden knftige Lehrer in die innersten Geheimnisse des Kara- te eingefhrt. Das Training mit Waffen, Nachtkmpfe und spezielle Atem- und Kampftechniken, die den meisten Trgern des Schwarzen Grtels nicht beigebracht werden, waren wesentliche Bestandteile dieses Kurses. Nach einigen Monaten wurde mir klar, dass ich viele der geheimsten" Techniken bereits whrend der ersten beiden Jahre meiner Grundausbil- dung in den inneren Kampfknsten Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua gelernt 90
  • 91. hatte. Viele Ausbende des Karate mussten zwischen fnf und zwanzig Jahre warten, bevor man ihnen im Shorin-Ryu-Karate dieselben Dinge beibrachte. Diese Situation im Kenkyusei war zu jener Zeit hnlich auch in anderen Stilen des Karate in Okinawa und Japan anzutreffen. Mein Lehrer in Okinawa war der oberste Schwarzgrteltrger nach dem bereits lteren Meister dieses Stils. Ich fragte ihn, wie es mglich sei, dass ich Dinge, die er selbst noch nicht gelernt hatte, bereits von chinesischen Meistern in Japan und Taiwan erlernt hatte. Mein Lehrer war nicht nur ein hervorragender Karate-Kmpfer, sondern auch ein Jazz-Musiker. Er war sehr viel aufgeschlossener als die gewhn- lichen Karate-Meister aus Japan oder Okinawa. Er antwortete mir sehr viel offener, als das jemand in seiner Position einem Auslnder gegen- ber normalerweise getan htte. Er gab mir Recht. Er habe Sparrings mit Kampfkunst-Experten von Taiwan gehabt, und sie htten ihn nicht nur verwirrt, sondern auch geschlagen. Er besttigte auch, dass die chinesi- schen Kampfknste wissen, wie man traditionelle Prinzipien der stlichen Medizin auf eine Weise, die im Karate weitgehend unbekannt ist, wirksam mit dem Kampfkunst-Training verbindet. Die chinesischen Kampfknste, so gestand er ebenfalls ein, htten ein besseres medizinisches Wissen um den Krper, als es im Karate vorhanden sein. Er fgte auerdem hinzu, die Kampfkunst in Taiwan stnde auf einer hheren Ebene, auch wenn man in Okinawa machtvolle und ntzliche Techniken bese, die uerst gut funktionierten - was zweifellos stimmte. Daraufhin fragte ich ihn, warum er nicht nach Taiwan gehe, das doch nahe bei Okinawa liege. Es war offensichtlich, dass er Karate und die Kampfknste im Allgemeinen liebte, und sein Jazz-Hintergrund brachte es mit sich, dass er offen war fr Experimente, die seine Fhigkeiten htten ausbauen knnen. Seine Antwort war typisch fr den in Asien berall anzutreffenden Kampf zwischen orthodoxem Konservativismus und Bestrebungen, zu neuen Ufern des Wissens aufzubrechen. Er sagte, er wisse, dass die Kampfkunst in Taiwan besser sei als das, was er sel- ber ausbe. (Wenn man bedenkt, dass dieser Mann etwa so gut war, wie man im Karate berhaupt werden kann, ist das eine ziemlich drastische Aussage.) Er betonte dann, dass er nun einmal aus Okinawa stamme und dass er deshalb niemals auf die Idee kommen wrde, von einem Chinesen zu lernen, weil das einen Gesichtsverlust fr seinen aus Okinawa stam- menden Karate-Stil sein wrde. Dass war eine Sache des Nationalstolzes. Wichtiger jedoch war, dass es dabei um die Wahrung des Gesichts" ging. Jahre spter gab Liu Hung Chieh, mein Lehrer in Beijing, immer wieder folgenden Kommentar zum Leben in einer vom Konfuzianismus geprg- ten Gesellschaft: Man kann sich im Leben um eines von zwei Dingen be- 91
  • 92. mhen: entweder darum, glcklich zu werden, oder darum, sein Gesicht zu wahren. Ein jeder hat die Wahl." Dieser Wettstreit um die Wahrung des Gesichts ist bereits seit Hunderten, wenn nicht seit Tausenden von Jahre die Heimsuchung der asiatischen Kampfknste.5 Diese Einstellung bringt Menschen dazu, ein unglaubli- ches Standesbewusstsein und bermigen Stolz in die Kampfkunst zu investieren, die sie selber ausben, anstatt einmal herauszufinden, wie sie ihr bereits vorhandenes Wissen ausdehnen knnen, indem sie sich um neue Mglichkeiten bemhen. Als Konsequenz davon beginnt das vorhandene Wissen der Kampfknste zu stagnieren und geht dann leicht aufgrund von Geheimnistuerei und Stolz, die hier vllig fehl am Platze sind, verloren. Zum Glck ndert sich diese Situation heute im Westen. Dort machen sich die Ausbenden des Karate und anderer Kampfknste die Vorteile einer offenen Gesellschaft zu Nutze, in der sie die Freiheit be- sitzen, das aus anderen Stilen, was sie fr ntzlich halten, zu adaptieren, ohne sich gleich als Verrter fhlen zu mssen. Meine Erfahrung in Okinawa fhrte dazu, dass ich in meinen Ansichten ber die Kampfknste wesentlich aufgeschlossener wurde als es zu je- ner Zeit die meisten meiner Kollegen waren. (Von den 1950er bis in die 1970er Jahre war der Gedanke, etwas aus einer Kampfkunst zu berneh- men, die nicht die eigene war, etwas Unerhrtes.) Sie trug auerdem dazu bei, dass ich mich mit grerer Entschlossenheit in Richtung der inneren Kampfknste orientierte, die ich heute ganz klar favorisiere. Wenn man mchte, dass sich eine Investition langfristig auszahlt, so hat meine Er- fahrung gezeigt, dann ist es weise, fr andere Investitionen, die mehr Gewinn bringen, offen zu sein, auch wenn wir unsere Gefhle, etwas zu besitzen und erreicht zu haben, dabei zeitweilig beiseite lassen mssen. Ich kehrte im Frhjahr 1970 von Okinawa nach Tokio zurck und machte mir Gedanken darber, was wohl der nchste Schritt auf meiner Reise durch die Kampfknste sein sollte, wobei ich mir die Worte meines Leh- rers aus Okinawa vor Augen fhrte. Ich war damals gerade zwanzig Jahre alt, voller verrckt spielender Hormone und war einfach verrckt nach der Intensitt, die darin besteht, andere mit Hnden, Fen, Wrfen und Hebeln aufzumischen". Auch wenn ich weiterhin Sparrings mit hoch- rangigen Karate-Kmpfern absolvierte, war mir doch klar, dass ich mich nicht weiterhin ernsthaft dem Karate-Training widmen konnte. Es war ebenfalls offensichtlich, dass meine Knie der hohen Belastung im Judo auf die Dauer nicht standhalten wrden, wie es mir bereits einmal passiert 5 Der chinesische Terminus hierfr ist men hu jr jieri, was, frei bersetzt, in etwa bedeutet: Jedermann auerhalb unseres Tores (also unseres eigenen Stils der Kampfkunst) ist als Feind zu betrachten, den man, ablehnen, ignorieren und gering schtzen muss. 92
  • 93. war. Schmerzhafte Knieprobleme hatten schon fr manche meiner Freun- de das Aus bedeutet, weil sie die Warnsignale fr drohende Schdigungen ihrer Knie ignoriert hatten. Morihei Ueshiba (siehe Seite 199), der Vater des Aikido, bei dem ich mich geschult hatte, war ein Jahr zuvor verstorben, und obwohl ich mein Trai- ning im Aikido-Hauptquartier fortsetzte, fhlte ich mich dort nach dem Tod von O-Sensei nicht mehr so wohl wie frher. Ich konzentrierte mich also auf die Fortfhrung meines Tai-Chi-Trainings, aber ich arbeitete damals noch mit dem Push Hands und hatte noch nicht die Phase des freien Sparrings erreicht. Ein Glanzpunkt in jener traurigen Zeit war das Hsing-I-Training bei Sawai Kenichi.6 Ich bte gemeinsam mit seinen an- deren Schlern viel Stehendes Chi Gung neben einigem sehr intensivem und abwechslungsreichem Sparring. Die sdlichen Shaolin-Stile sind bekannt fr a) Handtechniken auf kurze Distanz im Nahkampf; b) kurze, breite und niedrige Standposituren, wobei sich kurz" auf die Entfernung zwischen den Fen bezieht, wenn ein Fu vor oder hinter dem anderen steht; c) Kraft-Blockaden; d) minimale Fuar- beit, wie sie fr eine Person geeignet ist, die auf engem Raum kmpft, etwa an Deck eines kleinen Bootes; und e) die Bevorzugung von Handtechniken gegenber Tritten. Die Sammelbezeichnung fr die sdlichen Shaolin-Stile ist Nan Chuan oder Sdliches Boxen". Das Nrdliche Shaolin ist bekannt fr: a) ausgedehnte Handtechniken auf weite Distanz; b) lange, ausgedehnte Standposituren; c) Ablenkungs- und Ausweichtaktiken anstelle von Kraftblockaden; d) ausladende Fu- arbeit und Sprungtechniken zum Kampf auf weiten, offenen Flchen; und e) starke Betonung von Tritttechniken ebenso wie Handschlgen. Die klassischen Ausdrcke der chinesischen Kampfkunst sind Sdliche Hnde" und Nrdliche Fe". Die Sammelbegriffe fr die ueren Kampfknste des Nordens sind Chang Chuan (Langes Boxen) oder Bei Shaolin (Nrd- liches Shaolin). Vor allem die nrdlichen Stile der ueren Kampfkunst wurden zur Grundlage der inneren Kampfknste Tai Chi Chuan, Ba Gua und Hsing-I. Einige Stile der Kampfkunst hatten nrdliche und sdliche Abteilun- gen, wie zum Beispiel die Gottesanbeterin (Praying Mantis), der Weie Kranich, Affe, Tiger und das Hung-Boxen. Zu den typischen sdlichen 6 Siehe das Buch Taiki-Ken, The Essence o/Kung Fu von Kenichi Sawai, Tokio (Japan Publications) 1976. 93
  • 94. Stilen, die auch im Westen praktiziert werden, gehren Choi Li Fut, Mok Gar, Wing Chun, Wu Mei und die Fnf Ahnen. Die meisten der rein nrd- lichen Stille sind nicht bis in den Westen vorgedrungen, mit Ausnahme des Chinesischen Ringens, von Chang Chuan, Nrdliches Shaolin, Lohan und Verlorene-Spur-Boxen. Im Allgemeinen waren die Kampfknste in Nordchina besonders aktiv, und deshalb brachte diese Region immer wie- der die strksten militrischen Kmpfer und professionellen Leibwchter hervor. Historisch gesehen, kamen hauptschlich die sdlichen Stile in den Westen, da Chinas Seehfen in den sdlichen Regionen lagen. Seit jedoch immer mehr Chinesen aus Nordchina in den Westen einwandern, haben diese Einwanderer sowie Gaststudenten aus Nordchina ebenfalls ihre Kampfknste in den Westen gebracht. Wenn begeisterte Ausbende der Kampfknste sich durch das Kontinu- um der Kampfknste von den ueren Kampfknsten zu den gemischten ueren/inneren Kampfknsten hin bewegen und schlielich bis hin zu den noch subtileren inneren Knsten, dann stellen sie fest, dass viele derselben krperlichen Methoden (Hiebe, Wrfe usw.) auch weiterhin verwendet werden. Die entscheidenden Unterschiede liegen nicht in den krperlichen Techniken, sondern betreffen folgende Aspekte: a) Muskelkraft contra Chi; b) Geist hat Vorrang ber Krper; c) systematische Schulung des un- bewussten Geistes; wird d) krperlich Spannung befrwortet oder ist sie eher verpnt; e) ist die Koordination zwischen verschiedenen Krperteilen minimal, unvollstndig oder voll integriert. uere Kampfknste mit Beimischung von etwas innerer Arbeit Auf den hheren Ebenen der meisten ueren Kampfknste in China entwickelt sich die Arbeit nach vielen Jahren des bens in Richtung der Einbeziehung des Chi (der subtilen Lebensenergie). Gewhnlich beginnt die innere Arbeit nicht mit Methoden der Entwicklung des Chi, sondern mit der Lehre von Atemmethoden. Mit der Zeit fhrt die Arbeit mit dem Atem dann zu einem Gewahrsein subtiler Energie. Oft pfropft eine bestimmte uere Kampfkunst ihrem eigenen System einfach eine Chi-Gung-(Energiearbeit- JTechnik auf. Solche bernahmen galten dann gewhnlich als groes Geheimnis", das nur an ausgewhlte und besonders geeignete Schler weitergegeben wurde. Im Allgemeinen betrachten die Chinesen die Kampf- 94
  • 95. kunstfertigkeiten der hheren Ebenen eher als eine Art der Meditation und der inneren Arbeit zur Entwicklung von Chi und nicht als eine Form des bloen Erlangens krperlicher Fhigkeiten. Dieses Paradigma unterscheidet sich wesentlich von der Art und Weise, wie man im Westen gewhnlich die eigenen Kampfknste des Boxens, Ringens und Fechtens wahrnimmt. Manchmal bt jemand, der eine auf Muskelspannung basierende uere Kampfkunst praktiziert, getrennt davon auch ein Chi-Gung-System. In einem solchen Fall wird das Chi Gung die Art und Weise der Ausbung der ueren Kampfkunst nicht verndern. Es hat dann vielmehr die Wir- kung, die bei einem Auto die Verwendung eines Kraftstoffs mit hherer Oktanzahl hat - Kraft und Effektivitt werden erhht, ohne dass jedoch die Konstruktion des Motors dadurch verndert wrde. Ein Ausbender einer ueren Kampfkunst mag auch Zen-Buddhismus praktizieren, was zwar zu einer greren Geistesruhe fhren kann, was aber die Grundstruk- tur der auf Muskelspannung basierenden Kampfkunst nicht wesentlich verndert. Zen-buddhistische Meditation wird gewhnlich in die ueren Kampfknste Japans wie Karate und Schwertknste wie Kendo und Iaido inkorporiert. Die Kombination der Abstimmung von ueren und inneren Kampfknsten In den ueren/inneren Kampfknsten ist die Entwicklung des Chi min- desten ebenso wichtig wie die Entwicklung roher krperlicher Kraft, wenn nicht wichtiger. Es wird zwar immer noch Muskelspannung angewendet, aber in deutlich geringerem Ausma und nicht mit derselben Heftigkeit wie bei den rein ueren Kampfknsten. In dieser Mischform wird in allen Kampftechniken und Trainingsablufen die Entspannung deutlich mehr betont als die Spannung. Im Kontinuum der ueren/inneren Kampfknste hat jede einzelne Kampfkunst gewhnlich eine deutliche Vorliebe entweder fr uere oder fr innere Techniken. uere Praktiken sind solche, die basieren auf: a) Muskelspannung; b) aerober Aktivitt statt auf Kultivierung von Chi; c) der Tendenz, das Krpertraining in einzelne Teile aufzuspalten, zum Beispiel Armtraining, Beintraining, Hfttraining und so weiter. 95
  • 96. Innere Kampfknste sind solche, die ganz und gar basieren auf: a) mus- kulrer und geistiger Entspannung; b) Integration des ganzen Krpers; c) offensichtlicher oder subtiler Kreisfrmigkeit in allen Krperbewegungen; d) direkter Verbindung des Geistes mit dem zentralen Nervensystem zur Erzeugung von Geschwindigkeit und Reflexen; und e) Gewahrsein und der bewussten Einbeziehung der inneren nichtmuskulren Komponenten wie der Wirbelsule, der Blutgefe, der inneren Organe, der Drsen, der Gelenken, des Gehirns und aller Energiezentren, -kanle und -punkte innerhalb des Krpers sowie der ueren Aura. Die progressiven Stadien dieses mittleren Bereiches der Kampfknste, der die ueren mit den inneren Kampfknsten verbindet, sind die fol- genden: 1. Im ersten Stadium werden Chi-Praktiken benutzt, um das zentrale Nervensystem und die Muskeln des Ausbenden zu entspannen, bevor er oder sie explodiert" und krftige Hiebe unter Einsatz von Muskelspannung austeilt. In diesem Stadium ist die Praxis eher uerlich/innerlich. Diese Entspannung des Chi des Geistes und des zentralen Nervensystems ist entscheidend fr jede innere Praxis. Die ueren Kampfknste entspannen ebenfalls Krper und Geist, bevor sie Kraft anwenden, aber sie ben nicht spezifisch, wie man Kontrolle ber das Chi gewinnt, was den Entspannungsprozess sta- bilisiert. 2. Im nchste Stadium lernt man, deutlich zu spren, wie den Atem in alle Bereiche des Krpers eindringt. Wenn man zum Beispiel eine Kampftechnik ausfhrt, dann verursacht die eigene Atmung das konkrete Gefhl von Druck in dem verwendeten Krperteil - der Hand, wenn man schlgt oder greift, dem Bein, wenn man tritt oder wirft, dem Ellbogen oder Unterarm, wenn man blockt oder stt. Je uerlicher die Praxis ist, desto enger begrenzt wird das Gefhl des Atems sein; je innerlicher die Praxis ist, desto mehr ist der gesamte Krper des Atems gewahr. Dieses Gefhl des Atems wird den eigenen Techniken auf allen Ebenen Kraft und Subtilitt hinzufgen. 3. Verschiedene Atemmethoden werden im Stillstand und in der Be- wegung mit den Techniken koordiniert. Zu diesen Atemmethoden gehren (a) der vibrierende Atem mit oder ohne Explosionen am Ende (wie im Fujian Weier Kranich); (b) maschinengewehrhnliche kontinuierliche kurze Ausatmungen, wie sie bei den sdlichen Sha- 96
  • 97. olin-Stilen der kurzen Hand blich sind; (c) animalische rhrende oder vibrierende Atemzge; diese Atmung hat die Funktion, die in- neren Nervenimpulse zu beschleunigen wie bei einem erregten Tier, was zu extremer Explosivitt, Wut und Geschwindigkeit fhrt, wobei diese Kraft dann gegen den Gegner gewendet wird; (d) rhythmische Atmung, die sowohl regelmige als auch unterbrochene Atem- muster benutzt; (e) langsame, tiefe Atmung, die sowohl innerlich ausgefhrt wird, als auch um das Chi willentlich in einzelne oder mehrere Krperteile hineinzuatmen und wieder herauszuziehen. 4. Eine grundlegende Maxime der Chi-Gung-bungen ist, dass das Chi das Blut bewegt. Nun strebt man an, mit der Zeit bewusst zu spren, wie das Chi das eigene Blut bewegt. Dieses Gefhl ermglicht es uns, deutlicher zu spren, ob sich das Chi auch dorthin bewegt, wohin wir es lenken. Wenn Blut vom Chi schnell bewegt wird, fhlt man Wrme, selbst wenn sich der Krper uerlich nicht bewegt. Anfangs fhlt sich das Blut fr die meisten Menschen schwerer und konkreter an als das Chi, so dass es in den frhen Stadien der Kultivierung des Chi besser geeignet ist, den Chi-Fluss einzuschtzen. Zum nchsten Stadium gehrt, dass man das Chi als etwas vom Atem Getrenntes erfahren kann, whrend es sich bei der Ausfhrung einer Kampf- kunsttechnik im Krper bewegt. Manchmal werden Visualisierungen benutzt, um ein konkretes Gefhl dafr zu entwickeln, wie sich das Chi im Krper auf und ab und in alle Richtungen bewegt. Das Chi Gung ist nun keine abgetrennte Technik mehr, sondern wird jetzt ganz oder zumindest teilweise in alle ausgefhrten Kampfkunst- techniken integriert. Whrend dieser Prozess fortschreitet, wird die Praxis immer innerlicher. 5. Wenn man weiter fortschreitet, wird man dessen gewahr und fhlt, wie sich zunchst der Atem und spter das Chi direkt durch die Nerven des eigenen Krpers bewegen. Diese Empfindung ist bemer- kenswert leicht und unkrperlich. In diesem Stadium der Praxis wird es uns mglich, Kontrolle ber unser automatisches Nervensystem zu erlangen. Wenn wir uns so weit meistern, wird es uns mglich, eine auergewhnliche Kontrolle ber die Krperfunktionen zu er- langen, eine Fhigkeit, fr die die indischen und tibetischen Yogis und die chinesischen Chi-Gung-Meister berhmt sind. 6. Zu diesem Stadium gehrt der Gebrauch aller mglichen Selbsthyp- nose- und Visualisierungstechniken, wodurch unsere Leistungsf- 97
  • 98. higkeit erhht wird. Dazu gehrt die Visualisierung, die gleichzeitig von dem Gefhl begleitet wird, wiederholt bestimmte Bewegungen auszufhren, oder man sieht sich selbst bei Sparringmanvern mit allen mglichen Variationen. Solche Praktiken knnen Muster in unserem Nervensystem erzeugen, so dass wir die fr eine bestimmte Fertigkeit ntigen Reflexe erlangen, ohne also viel krperliche Trai- ningszeit einsetzen zu mssen. Solche Techniken werden sowohl bei der Ausfhrung von Formen als auch in der sitzenden Meditation angewendet. Auch Trancezustnde werden benutzt, um den Krper geerdeter, schneller, beweglicher oder strker zu machen, als das mit gewhnlicher krperlicher bung mglich wre. Manchmal wird Musik dazu benutzt, whrend des Trainings den Trancezustand zu vertiefen, eine Praxis, die man vor allem in den Kampfknsten Af- rikas, Indiens und Indonesiens antrifft. Die blichen Techniken kon- zentrieren sich auf die Fhigkeit, pltzlich mit groer Heftigkeit zu explodieren und einer wahrgenommen Gefahr gegenber erstaunlich sensibel und reaktionsfhig zu werden. Diese Techniken der Ein- bung mentaler Muster mssen sehr sorgfltig dosiert werden, damit sie keine negativen Nebenwirkungen auf das zentrale Nervensystem und die Persnlichkeit haben. Es besteht nmlich die Gefahr, dass sie bei den benden mentale Erregung, Depression, paranoide Tenden- zen und dramatische Stimmungsschwankungen hervorrufen.7 Wenn der Trainingsansatz das mentale Wohlergehen und die krperliche Leistungsfhigkeit auf ausgeglichene Weise bercksichtigt, so ist das die beste Methode zur Vermeidung einer negativen Programmierung des zentralen Nervensystems. In der Geschichte jedoch waren viele der Meister der ueren/inneren Kampfknste nur auf Kompetenz im Kampf auf dem Schlachtfeld aus und kmmerten sich nicht um mentale Ausgeglichenheit und Gesundheit. Wnscht man sich eine humanere oder spirituellere Herangehensweise an die Kampfknste, dann braucht es auf Seiten der Lehrer eine grere Sensibilitt, 7 Als ich in den 1960er und frhen 1970er Jahren das Fukien Weier Kranich bte, hrte ich von vielen Meistern des Weien Kranich und begegnete auch einigen, die offen- sichtlich an einigen dieser Probleme litten. Spter, nach vielen Jahren der Forschung, wurde mir klar, dass diese Art von Problemen aufgrund der Visualisations- und Selbsthypnose-Praktiken aller ueren/inneren Kampfknste auftreten knnen. Viele Meister, die ich dazu befragte, waren sehr besorgt darber und lieen sich ausfhr- lich darber aus, wie man diese Probleme vermeiden kann oder wie man sie, wenn mglich, entweder in frhen oder spten Stadien wieder rckgngig machen kann. 98
  • 99. was die subtilen Mglichkeiten angeht, posttraumatische Schocks hervorzurufen oder zu vermeiden. 7. Es gibt ein Stadium, in dem sowohl der Gebrauch des Krpers als auch die Integration des Krpers feiner abgestimmt wird, als das in den ueren Kampfknsten mglich ist. Die Koordination der sechs Krperkombinationen (Hnde/Fe, Knie/Ellbogen, Schultern/Hf- te) wird zu einem zentralen Anliegen. Die meisten guten ueren Kampfknste versuchen die zentrifugale horizontale Drehkraft aus der Hfte einzusetzen, um Arme oder Beine mit Geschwindigkeit zu bewegen. Die inneren Systeme gehen weiter, indem sie versu- chen, all die vertikalen Krperpunkte miteinander zu verbinden, die sich simultan mit der horizontalen Bewegung bewegen knnen. So mssen sich zum Beispiel Ellbogen und Knie in genau koordinierter Synchronisation miteinander bewegen statt nur einigermaen" synchron zu sein. Die innere Bewegung der Gelenke wird miteinan- der verbunden und koordiniert, so dass sich etwa bei der Beugung oder Steckung eines Ellbogens um x Grad das Knie ebenfalls um genau x Grad beugt oder streckt. Je innerlicher die Praxis ist, desto feiner abgestimmt wird die Koordination zwischen den einzelnen Krperteilen sein, und umgekehrt. Besonders in den sdchinesischen Schulen ist es blich, die Kraft sequentiell zu entfesseln, ein Gelenk nach dem anderen, wobei sich die Kraft in einem peitschenartigen Effekt von unten nach oben durch den Krper bewegt, so dass eine schnelle Serie von Hieben ausgelst wird. Es ist auch blich, nur die Kraft eines einzelnen, isolierten Gelenks oder einer bestimmten Kombination von Gelenken zu benutzen. Einen Gegner zu treffen, indem man getrennte Komponenten der sechs Kombinationen be- nutzt, ist in den nrdlichen Schulen weniger blich. Dort werden alle sechs Kombinationen gleichzeitig eingesetzt, jedoch lngst nicht mit derselben Przision, Verfeinerung und Kohrenz wie in den daoistischen inneren Kampfknsten Tai Chi, Ba Gua und Hsing-I. 8. Das Speichern und dann Freisetzen von Chi wird zu der haupt- schlichen Weise der Ausfhrung aller Techniken. In den Shaolin- Systemen wird dieser Prozess im Allgemeinen Verschlucken und Ausspucken", auf Chinesisch Tun Tu, genannt. Hier geht es nicht nur darum, zu entspannen und nach auen zu explodieren (was auch in den ueren Kampfknsten praktiziert wird), sondern auch darum, Energie zu speichern und sie augenblicklich mit dem gesamten 99
  • 100. Krper freizusetzen. Diese Freisetzung von Energie kann auf zwei grundlegende Weisen geschehen: Die erste Weise ist die Freisetzung in einem einzigen kontinuierlichen machtvollen Hieb. Die zweite Weise ist die Freisetzung durch einen groen Kraftausbruch, der zu einer Serie von regelmig getimten presslufthammerhnlichen, peitschenden, vibrierenden oder wellenartigen Sten oder Hieben fhrt. 9. Ein fortgeschrittenes Stadium beinhaltet die Manipulation des Chi in der ueren Aura auerhalb des Krpers. Diese Chi-Gung-Tech- nik wird zu zweierlei Zwecken eingesetzt: einmal um das Chi des Ausbenden zu strken und auszubalancieren; zum anderen um zu lehren, wie man das Chi in der ueren Aura von Gegnern manipu- lieren, kontrollieren oder durchbrechen kann, um sie zu schwchen, sie fr einen Angriff verletzlich zu machen oder einfach um ihre Sinne zu verwirren. Zu den im Westen bekannteren ueren/inneren Kampfknsten gehren sdliche Systeme wie Weier Kranich, Sdliche Gottesanbeterin, Weie Augenbraue, Schlange, Wu Mei sowie nrdliche Systeme wie Baumwoll- boxen, Ba Ji Chuan und die Acht trunkenen Unsterblichen. Ich China gibt es sehr viel mehr Stile, von denen die meisten nie in den Westen gelangt sind. Diese Systeme benutzen gewhnlich verschiedene Kombinationen von daoistischen, buddhistischen, Shaolin- und Kunlun-Formen des Chi Gung. Auch auf den vielen Inseln Indonesiens gibt es eine Vielfalt von ueren/inneren Stilen. Die Ausrichtung der inneren Kampfknste In den rein inneren Kampfknsten kommt es zu einem Umschwung - hier wird das Thema der Gesundheit ber einen langen Zeitraum und der the- rapeutischen Heilung des Krpers zu einem wichtigen Anliegen. Sowohl in den ueren Kampfknsten als auch in den ueren/inneren Kampfknsten wird Gesundheit zumeist unter dem Gesichtspunkt der Fitness verstanden. Die Heilung von krperlichen Gebrechen gehrt gewhnlich nicht zu den Fertigkeiten der ueren Formen oder Mischformen und zhlt nicht einmal zu ihren Prioritten. In beiden Kategorien ist die Schaffung und Verfeine- rung von ntzlichen Kampftechniken die treibende Kraft. 100
  • 101. Die wichtigsten inneren Kampfknste des Daoismus, Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I, sind aus der Nei-Gung-Tradition (siehe Seite 121) der dao- istischen Meditation abgeleitet. Dieses System bildete die Grundlage der traditionellen chinesischen Medizin. Den daoistischen Meditierenden ging es vor allem um Gesundheit und geistiges Wohlbefinden und nicht um Kriegfhrung oder Selbstverteidigung. Sie lebten oft in unzugnglichen Gebieten, wo es niemanden gab, der sie htte angreifen knnen. Ihre Chi- Technologie wurde als eine auerordentlich wirksame Quelle der Kraft in die daoistischen Kampfknste inkorporiert, um so auch in der skularen Welt gebraucht zu werden. In den daoistischen Kampfknsten standen Gesundheit, Heilen, therapeutische Diagnose und die Kultivierung klarer meditativer Bewusstseinszustnde im Vordergrund. Das Kmpfen wurde als ein ntzliches Nebenergebnis angesehen. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Weier Kranich Im Sommer des Jahres 1969 besuchte ich Wang Shu Jin erneut in einem Park in Taichung zu weiterem Training, das ganz ausgezeichnet war. Danach verbrachte ich eini- ge Tage mit einem Freund in Taipei. Dieser Freund stell- te mich in dem Hotel, in dem ich wohnte, einem jungen Meister" des Yang-Stil Tai Chi vor. Dieser Meister hatte etwas sehr Biegsa- mes; er war gut im Push Hands und konnte harte Ellbogenschlge gegen den Krper ohne Mhe wegstecken. Das Wichtigste fr mich war, dass er die Fa-Jin-Entwurzelungstechnik des Tai Chi Chuan sehr gut beherrschte. Sowohl Wang Shu Jin als auch Sawai Kenichi, bei dem ich mich in Tokio im Hsing-I schulte, beherrschten das Fa Jin, doch sie hatten mich bisher nicht in dieser Technik unterwiesen. Ich trainierte eine Zeitlang mit dem jungen Meister und kehrte dann nach Japan zurck. Im nchsten Sommer arbeitete ich wieder mit Wang, kehrte dann nach Taipei zurck und suchte den jungen Meister wiederum auf. Wir lernten uns persnlich ein wenig kennen, und ich besuchte seine Familie in dem Dorf Hsilo in Zentraltaiwan, das die Heimat vieler taiwanesischer Kampf- knste war, einschlielich des Weien Kranich. Dieser junge Meister bot mir einen Handel: Er wrde mich in die Geheimnisse" des Fa Jin (siehe Seite 188) einfhren, wenn ich ihn nach Tokio mitnehmen und dort fr- dern wrde. 101
  • 102. Wie viele naive junge Menschen, die begierig auf einen Abkrzungsweg zu Wissen und Erfolg sind, sprang ich auf dieses Angebot an. Ich dachte, ich knnte auf diese Weise die konservative Haltung der alten Meister umgehen. So kam der junge Meister nach Japan und lebte dort bei mir in meinem kleinen Appartement. Es war nicht leicht, ihn als Bestandteil meines Lebens zu akzeptieren, aber nach einiger Zeit zeigte er mir das Geheimnis". Er zeigte mir, wie man den Atem und den Krper heftig vibrieren lsst und dabei laut knurrt wie ein Tiger, wie man die Sehnen streckt, die Taille dreht wie die Bewegung eines Lebensmittelmischers, wie ich meinen eigenen Krper schlagen und dann mit den Hnden in der Luft flattern konnte. Dann kehrte er nach Taiwan zurck. Damals hielt ich dies alles fr eine groe Errungenschaft, und so trainierte ich diese Geheimnisse" sehr eifrig. Und sie funktionierten. Ich wurde sehr biegsam, schnell und sensibel und begann etwas Fa Jin anzusam- meln, auch wenn es eher von erschreckender Natur war und nicht von der sanften Art, die sich aus dem Tai Chi entwickeln kann. Es war faszinie- rend zu entdecken, dass bloe Schlge mit dem Handgelenk, der offenen Hand und den Fingern die massiveren Knochen des Krpers ausrenken oder gar brechen konnten. Die Praxis half mir zweifelsohne im Sparring. Der Nachteil war, dass sie meine Energie sprunghaft, durchdringend und explosiv machte. Im folgenden Jahr kehrte ich nach New York zurck und bte in Cheng Man-chings Schule sehr viel Push Hands, whrend er sich gerade in Tai- wan aufhielt. Die vibrierende Tai Chi"-Methode funktionierte sehr gut. Allerdings sahen die Mitglieder von Chengs Schule sie zwar als wirksam, aber als zu hart" an. Als ich wieder im Osten war, fand ich heraus, dass das, was der junge Meister mir in Wirklichkeit beigebracht hatte, eine in Taiwan beheimatete Kampfkunst war, nmlich das Fukien Weier Kra- nich8 , insbesondere die Methode der Tsung He oder Vibrierender Kranich Linie. Diese Kunst ist darauf spezialisiert, das Chi in das Untere Dantien abzusenken und die Wurzel sehr schwer zu machen. Sie betont das Sensi- bilittstraining des Push Hands, insbesondere das Einknicken der Gelen- ke. Diese Art des Push Hands besitzt hnlichkeit mit dem Push Hands des 8 Alle Formen des Weier Kranich haben ihren Ursprung im Shaolin-Kloster. Neben dem Fukien Weier Kranich sind die beiden anderen groen Schulen die Kantonesische und das Nrdlicher Weier Kranich. Jede Schule besitzt mehrere Zweiglinien und Untergruppen. Das Kantonesische Weier Kranich wird oft Lama Pai genannt, da man annimmt, dass es in Tibet entstand. Es ist fr seinen langen Stil des Nrdlichen Shaolin bekannt und besitzt lange Schlge und kurze, schnelle Schritte. Nrdlicher Kranich ist bekannt fr seine Betonung langer, trger, weicher und weitlufiger Schlge, die dem Flgelschlag des Vogels gleichen, und/oder der Baumwoll-Handflche" (siehe Seite 170) und nicht fr vibrierende Schlge. 102
  • 103. Tai Chi, jedoch ohne das Weiche und Variable der Tai-Chi-Technik. Ich bte diese Technik am Morgen in den Parks von Taiwan, wo sich immer viele bereitwillige Partner fanden. Durch diese bung bekam ich immer eine intensive Trainingseinheit mit hoch motivierten Individuen, wh- rend ich weiterhin meine Kenntnisse im Tai Chi ausbaute. Auf meiner zweiten Reise nach Taiwan war es aufregend fr mich, eine der Quellen des Goju Karate (das aus der Provinz Fukien kommt) zu fin- den, da ich diese Form praktiziert hatte, als ich noch jnger war. Die Hauptstandpositur des Fukien Weier Kranich, zum Beispiel, ist auch die Drei-Kriege-San-Chin-Standpositur.9 Weier Kranich benutzte auch viele der Innenarm-Berhrungstechniken des Goju, wenn auch mit einer viel greren Variationsbreite und einem greren Ma an Verfeinerung, als ich es zuvor in Japan und Okinawa gesehen hatte. Eine Qualitt und ein Markenzeichen dieses sdlichen Stils ist die Konzentration auf hoch entwickelte Kraft-Atemtechniken, mit denen man die Fhigkeit entwi- ckelt, heftige Krpertreffer mhelos zu absorbieren und auszuhalten. So gestattete es zum Beispiel eine weibliche Ausbende des Weier Kranich, die ihre Kunst auf Wettbewerben in Taiwan demonstrierte, krftigen Mnnern, sie mit voller Kraft zu schlagen, wobei sie offensichtlich weder Schmerz noch Angst versprte. Jahre spter erzhlte mir Liu Hung Chieh in Beijing, er habe 1928 bei den nationalen chinesischen Vollkontakt- Meisterschaften gesehen, wie Ausbende des Fukien Weier Kranich re- gelmig vernichtende Schlge von Shaolin-Leuten verkrafteten, ohne Wirkung zu zeigen, dass jedoch die Praktizierenden des Hsing-I mit ihren machtvollen inneren" Schlgen die Ausbenden des Fukien Weier Kra- nich zu Boden schickten. Dass ich mir einen Hintergrund in den Einknicken- und Vibrations-Tech- niken des Weier Kranich aneignen konnte, war eine wertvolle Vorberei- tung auf das Erlernen des Kampfgebrauchs der Einknicken- und Ellbogen- und Schulter-Techniken in den inneren Kampfknsten. Die Praxis des Weier Kranich hat mir geholfen, die Vogel-Techniken im Hsing-I und Ba Gua sowie die Ellbogen- und Schulter-Techniken im Tai Chi zu verstehen. Meine Erfahrung mit den reinen inneren Knsten hat mir gezeigt, dass deren allgemeine Prinzipien zwar denen des Weier Kranich hnelten, dass die Details hier aber viel strker verfeinert, flssiger und umfassen- der waren und dass sie eine beruhigendere Wirkung auf den Geist hatten. 9 Tai Tzu, das ebenfalls eine Variante der Drei-Kriege-Standpositur benutzt, ist ein wei- terer Stil des Sdlichen Shaolin aus der Provinz Fukien, und es ist auch die Quelle des Uechi Ryu Karate aus Okinawa. 103
  • 104. Die daoistischen inneren Kampfknste sind vor allem darauf ausgerichtet, unser Chi zu entwickeln und unseren Geist zu beruhigen. Wenn eine Pra- xis fr unseren Krper und unseren Geist schdlich ist, dann soll man sie nach Ansicht der Daoisten nicht ausben, auch wenn sie im Kampf noch so wirksam sein knnte. Aus daoistischer Sicht wre es eine in Hinsicht auf die langzeitige Gesundheit und das Wohlbefinden ziemlich dumme Strategie, beim Erlernen von Selbstverteidigung seinen Krper und Geist zu schdigen. Millionen von Menschen in China ben die inneren Kampf- knste nur um Vorsorge fr ihre Gesundheit zu treffen, Verletzungen und Krankheiten zu heilen und als eine Form der Meditation und Stressbewl- tigung. Es gehrt zur Natur der Gesundheitspraktiken, dass man sie, wie Aerobic, in einer Folge-dem-Fhrer-Manier" ausben kann, sobald man die inneren Prinzipien einmal erlernt hat. Die Meister der inneren Kampfknste, die die praktische Seite des Kmp- fens betonen, werden in China als die besten Kmpfer angesehen. In der Welt der chinesischen Kampfknste gelten die inneren Kampfknste als die subtilsten, komplexesten und am hchsten entwickelten. In den inneren Knsten wird die Zirkularitt der Bewegung wichtiger als die lineare Aktion. Will man ein wirklicher Knner auf dem Gebiet der inne- ren Kampfknste werden, so erfordert das harte Arbeit, Intelligenz und Ausdauer. Es ist auch ntig, dass ein Individuum innengelenkt und in der Lage ist, fr sich allein zu ben. uerlich motivierte Menschen, die der physischen Anwesenheit eines Fhrers bedrfen, dem sie folgen knnen, um Bewegungen zu ben, haben gewhnlich Schwierigkeiten, mit den hheren Ebenen der inneren Praxis zurechtzukommen. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Die Entdeckung des Inneren meines Krpers und des Chi - Stehen lernen Die Erfahrung des erstaunlichen Chi von Wang Shu Jin im Sommer des Jahres 1968 war der entscheidende Wendepunkt, der mich dazu motivierte, mich ganz und gar dem Erlernen der chinesischen Weise der Entwick- lung des Chi fr die Kampfkunst zu widmen. Auch wenn ich am liebstem auf unbestimmte Zeit in Taiwan geblieben wre, um bei Wang zu lernen, war das wegen Verpflichtungen, die ich an der Univer- sitt in Tokio hatte, nicht mglich. Als ich wieder zurck in Japan war, 104
  • 105. erkundete ich deshalb hufig die dortige Szene der inneren Kampfknste. Wie es das Schicksal so wollte, fhrte mich diese zu einer der wichtigsten Methoden zur Entwicklung des Chi und des Gewahrseins, wie es innerhalb des Krpers wirkt. Ich fand Chang I Chung und die bung des Stehens. An drei Tagen in der Woche lehrte Chang I Chung (einer der Hauptsch- ler von Wang) in einem groen Lagerraum mit Zementfuboden ber dem Botan-Coffee-Shop10 in Shibuya, einem Stadtteil von Tokio, Tai Chi. Die Stunden begannen mit Stehen, einer Art Anwrmbung fr das Chi Gung, gefolgt von der Chen-Pan-Ling-Kombinationsform (siehe Seite 503), einer Stock-Form, Push Hands und Zwei-Personen-Kampfbungen (mit bloer Hand und mit einem Stock). In den ersten paar Monaten, bte ich die Aufwrmbungen" und dann die Form, und ich investierte meh- rere Stunden tglich, um die Form fr mich allein zu ben, whrend ich auch noch andere Kampfkunst-Kurse besuchte. Nach einigen Monaten fragte ich den Lehrer: Wenn ich mein Tai Chi wirklich verbessern will, was sollte ich dann tun?" Eine Woche spter antwortete er: Wenn du wirklich Tai Chi lernen willst, dann konzentriere dich zuerst ernsthaft auf das Stehen und erst danach auf die grundlegen- den bungen. Dann wirst du bereit sein, die Tai-Chi-Form zu lernen." Er fuhr fort: Das wurde hier schon vielen der Schler gesagt, die Tai Chi als eine Kampfkunst erlernen wollten, aber sie hrten nur selten darauf. Wirst du darauf hren?" Kurze Zeit spter erhielt ich denselben Rat von drei weiteren Kampfknst- lern, die ich sehr respektierte. Der erste war ein Mann namens Kawashi- ma. Er war ein ernsthafter Ausbender des Karate und graduierter Stu- dent, der zu den besseren von Changs Schtzlingen gehrte. Kawashima war dem Rat, das Stehen zu ben, gefolgt, und er sagte mir, es sei sehr grozgig von Chang gewesen, mir die Wahrheit so ohne Umschweife zu sagen. Der zweite war Sawai Kenichi, das Oberhaupt der I-Chuan-Schule (siehe Seite 287), und der dritte war sein ungemein kraftvoller Schler 10 Die Coffee Shops in Japan sind ein Zwischending zwischen einem deutschen Cafe, einem franzsischen Bistro und einer amerikanischen Bar. (Anm. d. bers.) " Spter lernte ich, dass diese Aufwrmbungen Teil einer alten daoistischen Chi-Gung- Serie waren, auch wenn hier die letzte Komponente der Wirbelsulenstreckung fehlte. Ich lernte zuerst die ueren Aspekte dieser bungen von Chang, aber es bedurfte doch acht Jahre schwieriger vergleichender Studien, bis ich tatschlich die ganze innere Wirksamkeit dieser 3000 Jahre alten daoistischen Methode verstand. Die wich- tigsten der inneren Komponenten lernte ich in Beijing von Liu Hung Chieh. Ohne die Unterweisung von Liu, htte ich niemals herausgefunden, wie ich die mit Chang begonnene Arbeit htte abschlieen knnen. (Mehr Informationen ber diese Chi- Gung-Serie finden sich in Bruce Frantzis, Die Energietore des Krpers ffnen, Aitrang (Windpferd Verlag) 2002. 105
  • 106. Goto. Jeder von ihnen sagte mir, die Stehbung fhre zu wahrer innerer Kraft (und meiner Ansicht nach besaen sie alle drei diese Kraft). Ich nahm mir also all diese Ratschlge zu Herzen und kam zu dem Schluss, dass dies wohl sehr ernst gemeint war. Da ich immerhin um die halbe Welt gereist war, um die wahre" Kampfkunst zu lernen, widmete ich mich also einer strengen Praxis des Stehens. Whrend ich auerdem noch die Tai-Chi-Form lernte, erreichte ich im Verlauf der darauf folgenden Jahre einen Punkt, an dem ich in der Lage war, nur die Standpositur beizubehalten,12 oder zu stehen und dabei sechs Stunden lang ohne Un- terbrechung die grundlegenden bungen zur Entwicklung der inneren Energie durchzufhren. Da ich Changs Rat zu stehen uerst gewissenhaft befolgte, war es mir nach zwei Jahren schlielich mglich, die meisten seiner fortgeschritte- nen Schler zu bertreffen, selbst einige, die schon ber ein Jahrzehnt Erfahrung in Tai Chi hatten. Und whrend der folgenden zwanzig Jahre hrte ich berall in China von einem breiten Spektrum hervorragender Tai-Chi- und Hsing-l-Meister, wie sehr sie diese bung des stehenden Chi Gung schtzten. Sie alle hatten mehr oder weniger parallele Vorgehens- weisen fr das Einhalten von Tai-Chi- und Hsing-I-Posituren. In Beijing rieten mir Kenner des Chen-Stils auerdem, man solle dann, wenn man die Bewegungen einigermaen gut beherrsche, ben, fr lange Zeit zu Stehen, und zwar mit erhobenen Armen, so als umarme man einen Baum. Diese bung, so sagten sie, sei eine Voraussetzung fr das Erlangen von authentischem innerem Gung Fu", das heit Kraft und Fertigkeit. Die bereinstimmende Ansicht der vielen Meister der inneren Kampfknste, die ich in China getroffen habe, war: Es ist notwendig zu stehen und grundlegende bungen (genannt Ji Ben Gung, siehe Seite 152) durchzu- fhren, wenn du willst, dass deine Bewegungen Kraft haben und nicht leer sind." Die inneren Kampfknste haben sowohl innere als auch uere Aspekte. Das Ziel besteht darin, diese Aspekte nahtlos zu einem integrierten Gan- zen zu verschmelzen. Die Ausbenden der inneren Kampfknste zhlen die krperlichen Bewegungen der Kampftechniken zu den ueren As- pekten. Dementsprechend knnen sie jede der Kampftechniken aus dem 12 Jahre spter wurde mir derselbe statische Prozess von Lehrern fr das San Ti (siehe Seite 300) im Hsing-I und fr verschiede Stellungen im Tai Chi empfohlen. Auch wenn ich die Tai-Chi-Stellungen nicht fr mehre Stunden am Stck beibehielt, war die bung, sie fr bis zu eine Stunde lang beizubehalten ohne Zweifel einer der Grnde dafr, dass es mir schlielich gelang, mein Chi abzusenken. 106
  • 107. Repertoire der ueren und ueren/inneren Kampfknste verwenden, wenn sie das auch gewhnlich auf eine strker verfeinerte, zirkulre und innerlich koordinierte Ganzkrpermanier tun. Im Wesentlichen sind Aus- bende der inneren Kampfknste der Ansicht, dass Kampftechniken mit der anderen Person zu tun haben und nicht innerlich mit Krper, Geist und Seele des Ausbenden. Die Grundlagen der inneren Komponenten der inneren Kampfknste sind Intention (Absicht), Chi und Bewusstsein. Die Wirksamkeit der Kampftechniken der inneren Kampfknste beruht auf der gezielten Anwendung innerer Kraft, nicht auf ueren Krperbewegungen und Techniken, auch wenn die Ausbenden der inneren Kampfknste diese auerordentlich gut beherrschen. Der Geist hat hier ganz klar den Vorrang vor krperlicher Technik. Man erlangt Geschwindigkeit, Reflexe, Kraft und Ausdauer, indem man seinen Vorrat an Chi vergrert, indem man das zentrale Nervensystem wirksamer macht, idem man die Gewebe des Krpers (insbesondere die Nerven) umwandelt und indem man durch subtile Vernderungen und berlagerungen der eigenen inneren Struktur ein hohes Ma an nicht- anhaftender Zentrierung und geistiger Klarheit entwickelt. Auf diese Weise wird es mglich, uere Leistungsfhigkeiten wie athletische Fhigkeiten und Kampfkompetenz zu manifestieren. Zu den wesentlichen Anliegen der inneren Kampfknste gehren: 1. Der vollstndige Gebrauch der 16 grundlegenden Komponenten des daoistischen Nei-Gung-Systems (siehe Seite 121), einschlielich der przisen Abstimmung des Krpers, die verhindert, dass der Fluss des Chi blockiert oder das Chi zerstreut wird. Wenn man diese Prinzipien praktiziert, so bringt das auerordentlich wirksame biochemische Anpassungen mit sich. 2. Die Umwandlung jeder Form von Chi in funktionell kraftvolle und ntzliche Techniken fr den Kampf, zur Heilung und zur Medita- tion. 3. Eine umfassende und funktionale Nutzung des Prinzips der Sechs- Kombinationen-Krperintegration (siehe Seite 119). Es geht dabei darum, zu erreichen, dass der ganze physische Krper, das Chi und der Geist sich wie eine einzige integrierte Zelle bewegen, ohne sich einzeln bewegende Teile. Dieser Punkt wird von zwei hchst be- deutsamen Aussagen in den Tai-Chi-Klassikern illustriert. Die erste ist: Von Positur zu Positur bleibt die innere Kraft ununterbrochen." 107
  • 108. Die zweite ist: Wenn ein Teil sich bewegt, bewegen sich alle Teile; wenn ein Teil anhlt, halten alle Teile an." 4. Exakte Methoden zur Bewegung des Chi unter Nutzung der Inten- tion und der tiefsten Schichten des menschlichen Geistes (die im Chinesischen und Japanischen als Herz-Geist bezeichnet werden) zur Einwirkung auf die Gefhle und das Bewusstsein eines Individuums. Das Wissen darum, wie man die daoistischen Meditationsmethoden des stillen Sitzens und hhere Bewusstseinszustnde mit Praktiken im Stehen, in der Bewegung, im Sitzen und im Liegen sowie mit den Formen der Kampfkunst verschmilzt. Um wirklich zu verstehen, was die inneren Kampfknste in Hinsicht auf das Kmpfen zu leisten vermgen, ist es notwendig zu begreifen, dass sie praktisch alle Kampftechniken der ueren Knste inkorporieren, whrend sie ihnen gleichzeitig ihre eigenen inneren Qualitten berlagern. Sie fgen ihnen einzigartige Methoden und Kampfstrategien, die auf der Theorie des Yin/Yang und dem I Ging beruhen, hinzu. Historisch gesehen, haben Men- schen, die ihre Kampffertigkeiten in den ueren und den ueren/inneren Kampfknsten verbessern wollten, das Chi Gung der rein inneren Kampf- knste benutzt, um ihre bereits vorhandenen Fhigkeiten auszubauen. Jedes der einzelnen inneren Systeme hat Unterabteilungen, die sich auf bestimmte Aspekte des Kmpfens spezialisiert haben, doch ihnen allen ist die Betonung der Gesundheit und des Wohlbefindens gemeinsam. Einige Stile und Unterabteilungen sind selten, andere sind populr. Die Popula- ritt eines bestimmten Systems ist kein Indiz fr seine berlegenheit oder Unterlegenheit im Kampf. Die Stile, die man am ehesten im Westen antrifft, sind das Tai Chi Chuan mit den Unterabteilungen Yang, Wu, Chen, Hao, Sun und Kombinationsform; das Ba Gua mit den Stilen Yin Fu und Cheng Ting Hua; u n d das Hsing-I Chuan mit den Stilen Hebei, Shansi, Muslim, Hsin I, I Chuan oder Da Cheng Chuan sowie Liu He Ba Fa. Ihnen allen ist das Grundkonzept des Chi gemeinsam. Chi und die Realitt der Selbstverteidigung In der Anfangsphase des Trainings einer inneren Kampfkunst hat ein Schler gewhnlich noch nicht viel Chi. Zu den anfnglichen Ba-Gua- bungen zum Beispiel gehrt die Entwicklung einer guten Krpermechanik 108
  • 109. und -koordination, whrend man lernt, den Krper zu verlngern und spiralig zu bewegen. Die Krpermechanik der inneren Kampfknste ist wesentlich hher entwickelt als die der ueren Kampfknste. Sie beruht auf innerlich und uerlich verbundenen Krperbewegungen und Spiralen, die das ffnen und Schlieen, die Kompression und die Ausdehnung der Flssigkeiten innerhalb des Krpers zur Freisetzung von Kraft verwenden. Wenn ein Schler Fortschritte macht, dann verlsst er sich, auch wenn er sehr krftig ist, immer weniger auf seine Krperkraft und immer mehr auf den Chi-Fluss durch sein System. Es ist dann das Chi, das ihm oder ihr Kraft gibt und den Krper bewegt. Das ist als, als ginge man von einem Computer aus den 1950er Jahren, dessen Hardware sehr viel Platz einnahm, der aber weniger Leistungsfhigkeit besa, zu einem modernen Laptop ber, dessen Hardware in einen kleinen Aktenkoffer passt, der aber das Vielfache der Leistung eines Computers aus den 1950er Jahren besitzt. Anfnger haben oft die irrige Vorstellung, ihr Chi allein knne gengen, einen Gegner zu besiegen, ohne dass sie die Fertigkeiten des Schlagens, Tretens, Werfens und Hebelns meistern mssten. Das ist, als wolle man den Wagen vor das Pferd spannen. Allerdings ist zum Beispiel im Ba Gua das hchste Ziel, einen Gegner nur mit der Kraft des reinen Chi besiegen zu knnen. Um dies tun zu kn- nen, braucht man innere Kraft, die auf Chinesisch Nei Jin genannt wird. Diese Kraft erlangt man, wenn man das Chi des eigenen Krpers auf eine bestimmte Frequenz einstimmt, die den Krper vereint und es ermglicht, eine enorme Menge an innerer Kraft zu projizieren. Dazu muss man sich jedoch auf einer sehr fortgeschrittenen Ebene befinden. Anfangs ist das Training viel krperlicher, und es braucht Jahre der bung, bis es unkr- perlich wird. Man muss nicht nur sein Chi vermehren, sondern auch die krperlichen Techniken erlernen. Dies verlangt mindestens ebensoviel kr- perliche Koordination, wie sie in den ueren Kampfknsten ntig ist. Der Grund fr die Betonung des Ba Gua in diesem Buch Obwohl dies ein Buch ber alle chinesischen inneren Kampfknste ist, wird das Ba Gua doch besonders betont. Was ist der Grund dafr, wenn man bedenkt, dass die Kunst des Tai Chi sehr viel populrer und seine Praxis viel weiter verbreitet ist? Es gibt mehrere relevante Grnde. Zuerst einmal 109
  • 110. ist das Ba Gua wahrscheinlich die einzige rein daoistische Kampfkunst.'3 Als solche enthlt es viel ursprngliche Kampfkunst-Information, die nicht im Laufe der Zeit verndert oder verwssert wurde. Zweitens gilt das Ba Gua bei hchst angesehenen Meistern der inneren Knste als die technisch am hchsten verfeinerte und die effektivste der inneren Kampfknste. Drittens enthlt das Ba Gua all die inneren und ueren zirkulren und spiraligen Techniken, die es in den linearen Kampfknsten entweder ber- haupt nicht oder nur teilweise gibt. Viertens ist Ba Gua zweifellos einer der Vorlufer des Aikido, der wichtigsten innere Kampfkunst der Japaner, und umfasst die offenkundigen Gesundheits- und Energiepraktiken, die im Aikido gewhnlich fehlen. Fnftens hat Ba Gu die Anmut und Schnheit der anderen inneren Knste, doch seine Bewegungen werden in einer nor- malen und/oder schnellen aeroben Geschwindigkeit ausgefhrt statt in dem Zeitlupentempo des Tai Chi, mit dem viele Kampfknstler nichts anfangen knnen. Sechstens umfasst Ba Gua die gesamte spirituelle Tradition der Kampfknste, die im Tai Chi und im Hsing-I sehr viel seltener anzutreffen ist. Siebtens entspricht Ba Gua vielen der Grnde, aus denen die Menschen Tai Chi praktizieren, das jedoch mit hherem innerem Gewahrsein und in einer sehr viel dynamischeren Form der Entspannung. Das Eisenhemd-Chi-Gung Wenn Sie und ein bungspartner im Sparring oder in bungen mit zusam- mengelegten Hnden, wozu auch das Rou Shou (siehe Seite 360) gehrt, an den inneren Partner-Kampfanwendungen der Kampfknste arbeiten, dann kann das, was als ein leichter Klaps begann, sich zu einem heftigen Hieb entwickeln, entweder aus Versehen oder aufgrund einer vereinbarten Eskalation der Kraft. ber einen bestimmten Grad der Eskalation hinaus- zugehen, kann allerdings gefhrlich werden. An diesem Punkt mgen Sie vielleicht anfangen wollen, die Eisenhemd- Techniken zu erlernen, die Ihnen die Fhigkeit verleiht, heftige Schlge ohne Gefahr und Schmerzen zu absorbieren. Einige Ausbende des Ba Gua, wie zum Beispiel Wang Shu Jin (siehe Seite 57), sind berhmt dafr, dass sie einfach stillstehen und ihren Gegnern erlauben, sie zu treffen, wobei 13 Auch wenn Tung Hai Chuan, der Begrnder des modernen Bas Gua, das Lohan-Boxen studierte, bevor er Ba Gua lernte, ist sein Ba Gua doch in allen inneren Aspekten rein daoistisch. 110
  • 111. sie von vornherein wissen, dass die Schlge keine Wirkung haben werden. Es gehrt zu den Pai Da genannten Eisenhemd-Techniken des Shaolin, den Krper in systematischen Mustern mit kleinen Stcken, Eisenstangen oder Strmpfen voller harter Objekte wie Steine oder Murmeln zu schlagen. Will man das Eisenhemd des Ba Gua entwickeln, so verwendet man keine ueren Objekte, mit denen der Krper geschlagen wird, um die Fhig- keit zu entwickeln, Energie zu absorbieren. Hier gengen vielmehr innere Energiebungen, die sowohl innerhalb der Form als auch in getrennten Nei-Gung-Sitzungen ausgefhrt werden, um diesen Zweck zu erreichen. Im Ba Gua kann man trainieren, indem man die Arme benutzt, um den eigenen Krper zu schlagen, oder indem man die inneren Organe mani- puliert, damit sie den inneren Druck verndern. So kann man Chi zum Schutz in bestimmte Krperpartien lenken. Es empfiehlt sich fr einen Kampfknstler nicht, das Eisenhemd schon frh in seiner Schulung zu erlernen, denn dies knnte die Entwicklung seiner Sensibilitt behindern. Wie Sie sich vorstellen knnen, wird ein bender, der heftige Schlge absorbieren kann, ohne Schaden zu lei- den, kaum dazu neigen, auf Sensibilitt und Bewegung zu achten. Diese Einstellung knnte sich als schwerer Nachteil erweisen, wenn scharfe, schneidende Waffen ins Spiel kommen. Eine solche Vernachlssigung von Sensibilitt knnte auch die Lebendigkeit" innerhalb Ihres Krpers verringern. Ausbende der inneren Kampfknste betrachten die Qualitt des Lebendigseins und der Fhigkeit, auf die Umgebung zu reagieren, als etwas sehr Wichtiges. Es wre ein groer Fehler, wollten Sie es Ihrem Ego erlauben, Sie um diese Sensibilitt zu bringen, nur weil Sie vielleicht stolz darauf sein knnten, den besten Schlag" Ihres Gegners wegzustecken. Training mit Waffen Die traditionellen Waffen der inneren Kampfknste sind dieselben vier Waffen, die in allen chinesischen Kampfknsten verwendet werden: das gerade zweischneidige Schwert, das Breitschwert/Messer, der Stock u n d der Speer. Die innere Kampfkunst Ba Gua macht keinen Unterschied zwi- schen der bung mit dem geraden Schwert und dem Breitschwert, was in der Welt der Kampfkunst eine merkwrdige Praxis darstellt. Dieses Fehlen einer Unterscheidung ist eine Auswirkung der kreiselnden Fuarbeit mit Zehen nach innen, Zehen nach auen" und der sphrischen Bewegungen, die ein einzigartiges Merkmal der Ba-Gua-Praktik des Kreisgehens ist. 111
  • 112. Werden die Bewegungen des Ba Gua (in der nachgeburtlichen Methode, siehe Seite 330) mit einer Fuarbeit ausgefhrt, die eher der des Tai Chi oder Hsing-I entspricht, dann werden die deutlich unterschiedlichen Methoden zur bung mit jeder Waffe sehr wohl differenziert. In den vorgeburtlichen Methoden des Ba Gua jedoch tendieren die Aktionen aufgrund der bogen- artigen Wirbel, die die sphrischen Bewegungen der Waffe erzeugen - beim Stechen, Hauen, Schneiden, Abblocken und Ablenken -, dazu, in sich und aus sich heraus zu flieen, ohne eine Identifikation unterschiedlicher Gestalten oder Gebruche, die die Funktion jeder spezifischen Waffe nor- malerweise zu verlangen scheint, zuzulassen. Das Tai Chi spezialisiert sich auf das gerade Schwert, das mehr Fertigkeit und Przision verlangt. Im Tai Chi wird sehr deutlich zwischen der Technik fr das gerade Schwert und der fr das Breitschwert unterschieden. Das Breitschwert gilt als eine Waffe zum Hauen, wobei Kraft und Strke zhlen, und es ist ideal fr den Kampf mit mehreren Gegnern geeignet. Das gerade Schwert verlangt mehr Sensibilitt und kreisfrmige Bewegungen. Es ist dem Breitschwert in Duellen klar berlegen, ist jedoch zum Kampf mit mehreren Gegnern, wie beim Kampf mit Soldaten auf dem Schlachtfeld oder dem Kampf mit einer Ruberbande, nicht so geeignet. Die Kunst des Hsing-I meidet das gerade Schwert und spezialisiert sich auf eine Art des Breitschwerts, welches dem langen japanischen Samurai-Schwert, das Katana genannt wird, hnelt. Das Hsing-I spezialisiert sich auch auf den Speer und zu einem gerin- geren Mae auf den Stock. Tai Chi arbeitet hauptschlich mit Speeren und macht zahlreiche Push-Hands-bungen mit ihnen. Die Natur der drehen- den und kreisenden Bewegungen des Kreisgehens im Ba Gua verringert die Unterschiede zwischen dem Speer und dem Stock, und mit beiden wird im Wesentlichen auf dieselbe Weise gebt. Der Speer, der in den traditionellen chinesischen Kampfknsten der Knig der langen Waffen" ist (der Speer ist etwa drei Meter lang) und der Stock (der Stock ist etwa zwei Meter lang) haben viele Techniken gemeinsam, aber aufgrund der Unterschiede in ihren Biegebewegungen unterscheiden sich auch manche Techniken. Speere werden im Allgemei- nen benutzt, um zu schneiden und zu stechen, Stcke um zu stechen und zu hauen. Die besten Speere werden aus einem besonderen, Bai La Gan genannten Holz gemacht, das in der Shandong-Provinz wchst. Speere, die aus diesem Holz gefertigt sind, sind dick und biegsam und knnen, wenn sie blockiert werden, aufgrund ihrer Biegsamkeit in einem Bogen von 112
  • 113. bis zu einem Meter schwingen. Diese Amplitude ist gro genug, um das Bein oder den Schdel von jemandem zu brechen. (Wenn eine Speerspitze angebracht ist, knnen deren Schnitte tdliche Wunden verursachen). Da das Holz dermaen flexibel ist, vermag das Ende des Speers mit der Speerspitze schneller zu rotieren, als jede Schlange zuschlagen kann. Da das Bai-La-Gan-Holz so uerordentlich biegsam ist, kann es sich bei einem harten Schlag mit einem Schwert gewhnlich so biegen, dass es nicht beschdigt wird. Auch wenn die Hauptbungen mit der Waffe sich im Allgemeinen auf die vier hauptschlichen Waffen konzentrieren, hat doch jede der inneren Kampfknste auch ihre zweitrangigen Waffen. Das Tai Chi des Chen-Stils zum Beispiel arbeitet mit einer verwirrenden Vielzahl von traditionellen langen und kurzen Waffen. Auch wenn diese im Chen-Dorf noch aufbe- wahrt werden, bt heute auerhalb des Dorfes praktisch niemand mehr mit diesen Waffen. Im Hsing-I dagegen wird oft mit Dolchen gebt, was offen- sichtlich auch heute noch relevant ist. Das Ba Gu hat noch andere Waffen, etwa den mit Nadeln besetzten Ring, Peitschen und Hirschhornmesser, die aus zwei gekrmmten und in entgegengesetzte Richtung weisende Schneiden mit einem Griff in der Mitte bestehen. Dies waren praktische Waffen, die man an einem Grtel tragen konnte. Ihr Gebrauch passt gut zu den spiraligen Bewegungen des Ba Gua. Diese alten Waffen waren ausgezeichnet zum Trainieren von Krper und Geist, und sie fgten der modernen Praxis der Kampfknste Variabilitt und Abwechslungsreichtum hinzu. Auch wenn diese Waffen zu ihrer Zeit auf dem neuesten Stand waren, hat ihr praktischer Wert in der Moderne angesichts der Feuerkraft von verborgenen Gewehren deutlich abgenommen. Die Energien, die ein Kampfknstler erzeugt, wenn er Techniken der offenen Hand verwendet, sind nicht dieselben, die bei der Verwendung von metallenen Waffen erzeugt werden. Wenn man heute die Waffenformen der chinesischen Kampfknste studiert, dann bekommt man gesagt, dass der Zweck dieser bungen darin bestehe, zu lernen, wie man sein Chi durch die Waffe senden kann.14 Manche Angehrige der Ba-Gua-Schule wrden diese Aussage nur fr teilweise wahr halten. Sie glauben, dass der Gebrauch einer metallenen Waffe beim Kmpfenden die Frequenz dessen, was die Daoisten als die acht primren Energieebenen in einem Menschenwesen 14 Diese Aussage ist mehr oder weniger korrekt, was den Gebrauch von hlzernen Waffen angeht, trifft jedoch nicht auf metallene Waffen zu. 113
  • 114. identifiziert haben (siehe Seite 140), verndert. In Folge dessen wird die Wechselwirkung dieser energetischen Ebenen mit dem Krper verndert. Im Ba Gua werden die bungen mit Waffen nur ausgefhrt, um Sha Chi, die Energie des Ttens, zu erzeugen - sei es das Tten einer anderen Person, eines Tieres oder eines inneren mentalen Dmons. Sha-Chi-Praxis mit metallenen Waffen macht den benden krperlich sehr stark, nicht nur weil bei der krperlichen bung eine schwere Waffe mit frei gewhltem Gewicht verwendet wird, sondern auch aufgrund einer alchimistischen Reaktion zwischen dem Metall der Waffe und der Energie der Person, die die Waffe schwingt. Und noch ein praktischer Hinweis: Wenn Sie die Techniken der leeren Hand gut beherrschen, dann wird es Ihnen nicht schwer fallen, auch mit Waffen zu arbeiten. Manche Kampfknstler meinen, dass es fr jeman- den, dem es um Gesundheit und spirituelle Entwicklung geht, nicht ntig sei, mit Waffen zu ben. Wenn Sie jedoch ein kompletter Kampfknstler sein wollen, dann sollten Sie sich auch im Gebrauch der traditionellen Waffen schulen. Ausbende des Tai Chi trainierten traditionellerweise mit besonders schweren Schwertern, um ihr Chi so weit zu entwickeln, dass sie Waffen, deren Handhabung betrchtlicher krperlicher Kraft bedurfte, weich, entspannt und przise handhaben konnten, und sie trainierten mit hlzernen Schwertern, um auerordentliche Leichtigkeit und Sensibilitt zu entwickeln. Ausbende des Hsing-I benutzten ein auergewhnlich schweres Breitschwert zum Krafttraining. bende des Ba Gua arbeiten b- licherweise mit besonders groen oder sehr schweren Waffen, die zwischen vier und zwanzig Pfund wiegen, um ihr Chi maximal zu entwickeln. In der Schlacht benutzen die Ausbenden aller inneren Kampfknste mittel- schwere Schwerter mit einem persnlich justierten Schwerpunkt, um den besten Mittelweg zwischen Geschwindigkeit, der Strke des Metalls und der Sensibilitt bei der Handhabung zu treffen. 114
  • 115. Portrait eines Meisters der inneren Kampfkunst Cheng Man-ehing - Langsame und schnelle Bewegung In dem Aikido-Kurs, den ich in New York nach der Schule besuchte, traf ich einen Judo-Lehrer namens Lou Klinesmith. Er kannte meine Leiden- schaft fr die Kampfknste und fragte mich eines Tages, ob ich interes- siert sei, eine neue Art des weichen" Schlags kennen zu lernen. Da ich neugierig war, sagte ich: Na klar, warum nicht?" Also hielt er seine Hand etwa zwei Zentimeter von meinem Krper entfernt und gab mir dann da- mit auf vllig entspannte Weise einen leichten Klaps. Im ersten Moment fhlte es sich so an, als habe er mich berhaupt nicht berhrt, aber nach etwa einer halben Sekunde explodierte etwas in mir - ich klappte vor Schmerz geradezu zusammen. Lou massierte meinen Krper einige Se- kunden lang und ich erholte mich wieder vllig. Dann begann er, mir von Tai Chi Chuan zu erzhlen und von seinem Lehrer, einem sechzig Jahre alten Meister namens Cheng Man-ching. Er schlug mir vor, mir seine Arbeit einmal anzusehen. Zu jener Zeit, es war Mitte der 1960er Jahre, lehrte Cheng Man-ching im chinesischen Kulturzentrum in der Upper East Side von Manhattan. Da dieses Zentrum nur ein paar hundert Meter von meiner Wohnung entfernt 115
  • 116. lag, war es ziemlich leicht, einmal dort vorbeizuschauen. Das Zentrum hatte groe Erkerfenster, durch die man den Unterricht von auen beo- bachten konnte. Die langsamen Bewegungen des Tai Chi sahen fr mich ziemlich merkwrdig aus, und so ging ich erst einmal mehrfach an dem Gebude vorbei, bevor ich schlielich eintrat. Cheng fhrte mich in die Tai-Chi-Form ein, aber er drngte mich in kei- ner Weise oder versuchte, mir den Wert des Tai Chi als Kampfkunst zu verkaufen", wie es Lou getan hatte, und ich war zu schchtern, danach zu fragen. Cheng war offensichtlich ein ziemlich fhiger Kampfknstler, von denen des damals in New York eine ganze Reihe gab. Doch Cheng schien offenbar keine praktischen Hieb-, Tritt-, Wurf- oder Hebeltechni- ken zu lehren. Mein Ziel war leicht zu definieren. Ich war ein aktiver und gesunder Teenager, der in seinem Leben noch keine ernsthafte Krankheit erlebt hatte, und das einzige, was ich wollte, war Kmpfen lernen. Fr mich sah es so aus, als lehre Cheng nichts, was mit Kampfkunsttechnik zu tun hatte, also verlie ich seine Schule nach zwei Wochen wieder und kehrte zu meinem Ding" zurck, den japanischen Kampfknsten (Karate, Judo, Aikido, und Iaido, der Samurai-Schwertkampf). Ich war ein recht kurzsichtiger Teenager und vermochte damals noch nicht das wertvolle Potential des Tai Chi fr Gesundheit, Selbstverteidigung und das allge- meine Wohlbefinden zu begreifen. Doch fr diese zwei Wochen mit Cheng zu tun gehabt zu haben, erwies sich als uerst wertvoll. Wenn ich Cheng Man-ching dabei beobachtete, wie er seine Bewegungen ausfhrte, wurde meine Aufmerksamkeit immer auf den langsamen Lotos-Tritt am Ende seiner kurzen Yang-Stil-Form gelenkt. Whrend einer Unterrichtsstunde demonstrierte Cheng den Lo- tos-Tritt einmal, indem er ihn uerst schnell ausfhrte. Ich merkte sofort auf. Ich konzentrierte mich dann darauf, herauszufinden, wie er den Lo- tos-Tritt ausfhrte, und ich bte diesen Tritt und andere langsame Tritte bei mir zuhause. Vier Dinge wurden mir dabei in Hinsicht auf die Tritte im Zeitlupentempo klar. Zuerst einmal entwickeln sie das Gleichgewichts- gefhl. Zweitens streckten sie alle meine kleinen Muskeln sehr viel mehr als die schnellen Tritte. Drittens verbesserten sie die krperliche Koordi- nation und erhhten mein Gewahrsein jedes winzigen kleinen Fehlers in meinem Tritt, ein Wissen, das ungemein ntzlich ist, wenn man besser werden will. Und viertens waren die hohen Tritte im Zeitlupentempo sehr viel schwerer auszufhren als die schnellen Tritte. Also begann ich die Zeitlupenmethode den hohen seitlichen Tritte des Karate anzupassen. (Zu jener Zeit fhrte niemand in New York diese Ka- rate-Tritte im Zeitlupentempo aus.) Nachdem ich Cheng verlassen hatte, gelangte ich im Verlauf der folgenden zwei Jahre an einen Punkt, an 116
  • 117. dem ich zehn kontrollierte hohe Seitentritte im Zeitlupentempo ausfuh- ren konnte, ohne den Fu abzusetzen. Diese Zeitlupenmethode war ein wesentliches Hilfsmittel zur Entwicklung meiner besten Kampftechnik fr den Wettkampf, des hohen seitlichen Tritts, dem ich schlielich den Sieg in vielen Wettkmpfen zu verdanken hatte. Das Verdienst fr die Entwicklung dieses Ansatzes gebhrt ganz und gar Cheng Man-chings Unterweisung und Inspiration. Auf mich allein gestellt, htte ich diese Methode niemals entdeckt. 117
  • 118. Alle inneren Kampfknste haben Hiebtechniken. Im Hsing-1 werden sie am hufigsten verwendet, im Ba Gua am seltensten, wobei das Tai Chi ungefhr dazwischen angesiedelt ist. Die hier gezeigte Methode der in alle Richtungen schlagenden und schneidenden Faust mit spiraliger Bewegung gibt es allein im Ba Gua. liu Hung Chieh korrigiert die Technik des Autors.
  • 119. hnlichkeiten und Unterschiede Die inneren Kampfknste Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua Fnf charakteristische Eigenschaften der inneren Kampfknste In der Praxis von Ba Gua, Tai Chi und anderen Nei-Gung-Knsten (siehe Seite 121) gibt es fnf wichtige Elemente, die diese Knste in der Welt der Kampfknste einzigartig machen: 1. Alle Bewegungen haben eine spiralige, drehende Energie, die alle Teile des Krpers einbezieht, einschlielich der Bauchhhle, der in- neren Organe, der Knochen, des Knochenmarks, der Bnder, Sehnen, Muskeln und der tiefsten Schichten der Faszien. Manchmal sind diese drehenden Aktionen uerlich offensichtlich, manchmal sind sie sehr subtil, und einige spielen sich tief innerhalb des Krpers ab und es gibt nur minimale sichtbare Hinweise darauf. 2. Alle inneren Kampfknste betonen das Liu He, die sechs krperli- chen Kombinationen. Auf der krperlichen Ebene bezieht sich dies auf drei uere Kombinationen: Ellbogen und Knie, Hand und Fu, Schulter und Hfte. Hier geht es darum, dass die ueren Glied- maen durch die Krpermitte miteinander koordiniert werden. Bei den drei inneren Kombinationen, den Nei San He, mssen Intention, Energie und Bewusstsein miteinander und mit dem ueren Krper koordiniert werden. 3. Die Bewegungen betonen und benutzen alle Krpersysteme, die mit der Wirbelsule verbunden sind. Dieser Prozess maximiert die Kraft und Flexibilitt der Wirbelsule, kann bei Wirbelsulenverletzungen helfen und entwickelt die Sensibilitt, die Strke und die Ausdauer 119 3
  • 120. des zentralen Nervensystems. Die inneren Kampfknste bewegen stndig die Wirbelkrper der Wirbelsule, wodurch die zerebro- spinale Flssigkeit krftig durch das System gepumpt wird. 4. Bei allen Nei-Gung-Knsten geht es um das ffnen und Schlieen von Gelenken und Krperhhlungen, wozu auch die Ausdehnung und Kompression der Synovial-Flssigkeit in den Gelenken gehrt. Die ueren Kampfknste, wie etwa Judo, Karate, Boxen und Gung Fu, kmmern sich im Allgemeinen nicht um diese Methoden, es sei denn auf eine sehr allgemeine Weise. Im Gegensatz dazu sind die inneren Knste sehr viel subtiler und deshalb kraftvoller, besonders was Stressbewltigung, Krpertherapie und eine Verlangsamung des Alterungsprozesses angeht. Ba Gua unterscheidet sich insofern von Hsing-I und Tai Chi, als die Praktiken der beiden letzteren verbieten, die Krpermitte zu berqueren. Das heit mit anderen Worten: Die linke Hand darf nicht zur rechten Seite der Wirbelsule gehen und die rechte nicht zur linken. Im Ba Gua kommt es stndig zu einer solchen berschreitung, ohne dass irgendeiner der inneren Energie- kanle im Krper kurzgeschlossen oder annulliert wird. Man kann also sagen, dass das Ba Gua mit mehr Aspekten des Chi des Krpers arbeitet als Tai Chi oder Hsing-I. 5. Ein wichtiges Ziel des Ba Gua und des Tai Chi ist die ffnung der Hauptenergiekanle des Krpers. Das ffnen des physischen Krpers (Gelenke, Hhlungen) hilft, den Energiefluss innerhalb des Krpers zu befreien. Es gibt viele Energiekanle im Krper; die drei wichtigsten sind der Zentralkanal, der linke Kanal und der rechte Kanal. (Siehe Anhang C). Andere sind die Yin- und die Yang-Kanle des Krpers. Die Yin-Kanle laufen die Innenseite der Arme und der Beine und die Vorderseite des Krpers entlang. Die Yang-Kanle verlaufen an der Auenseite der Beine, den Rcken hinauf und die Auenseite der Arme entlang. Es gibt auerdem noch die Meridiane, die wie verbindende Grtel um den Krper herumlaufen (sie werden Jing Luo genannt) sowie die Meridiane die als die acht speziellen oder auerordentlichen Meridiane bezeichnet werden. Alle diese Kanle werden durch die anfngliche Ba-Gua-Praxis des Kreisgehens und spter durch die stehenden und sitzenden bungen geffnet und miteinander verbunden. Das Kreisgehen mit richtig ausgerichtetem Krper hilft, die wirbelnde Energie zu entwickeln, die fr das Ba Gua charakteristisch ist. Auf den weiter fortgeschrittenen Ebenen 120
  • 121. des Ba Gua sind dann Nei-Gung-bungen im Sitzen auerordentlich wichtig fr das ffnen aller Energiekanle des Krpers, von denen es mehrere Tausend gibt, die funktionell ntzlich sind. Die Entwicklung von Kampfkraft durch das Chi Das sechzehnteilige Nei-Gung-System der inneren Kraft Die hauptschlichen inneren Kampfknste des Daoismus - Ba Gua Chang, Tai Chi Chuan und Hsing-I Chuan - sind aus der Nei-Gung-Tradition der daoistischen Meditation abgeleitet.15 Das daoistische Nei-Gung-System scheint die Wurzel zu sein, aus der all die anderen Chi-Gung-Systeme in China einige oder den Groteil ihrer Informationen und Kapazitten bezogen haben.16 Es ist auch die Wurzel der essentiellen Chi-Arbeit und der inneren Kraft der inneren Kampfknste Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I, der Chi-Therapie und -Krperarbeit und der daoistischen Meditation. Die Abfolge des Erlernens der sechs Komponenten ist nicht festgeschrieben. Wo man beginnt, das hngt davon ab, welches Ziel man verfolgt - ob es zum Beispiel darin besteht, das Leistungsverm- 15 Anmerkung des Herausgebers: Der Autor hat in der Vergangenheit versucht, die inneren Nei-Gung-Komponenten gleichzeitig mit den ueren Bewegungen des Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua zu lehren. Im Laufe der Jahre hat er jedoch herausgefunden, dass die Komplexitt der krperlichen Bewegungen die Aufmerksamkeit der Schler auf die inneren Energien hemmt. Die Schler knnen sich anfangs nur auf das einer oder das andere konzentrieren, nicht auf beides. Deshalb lehrt er diese energetischen Praktiken heute in einem sechsteiligen Chi-Gung-Programm. Diese speziellen Chi- Gung-Praktiken sind unverndert ber Tausende von Jahren berliefert worden. Sie sind ber diesen langen Zeitraum immer wieder auf die Probe gestellt worden und funktionieren auch heute noch auerordentlich gut. (Siehe Seite 566, zu Informationen ber das B. Frantzis Energy Arts" Programm.) 16 Die anderen wichtigen Chi-Gung-Systeme in China sind das buddhistische, das me- dizinische, das konfuzianische und die Kampfkunst. Alle diese Systeme haben einige Techniken gemeinsam, haben aber auch unterschiedliche Spezialisierungen, Ziele und philosophische Grundlagen. 121
  • 122. gen zu erhhen, die Gesundheit zu verbessern, Kampfknste zu erlernen, das Heilen zu erlernen oder in der Meditation fortzuschreiten. 1. Atemmethoden, von den einfachen bis zu den komplexeren. 2. Die inneren Energien in ihrem Fluss entlang der absteigenden , aufsteigenden und verbindenden Energiekanle des Krpers fh- len, sie in Bewegung setzen, verndern und umwandeln. 3. Przise Abstimmung des Krpers, um zu verhindern, dass der Chi-Fluss blockiert oder zerstreut wird. Diese Prinzipien zu prak- tizieren fhrt zu auergewhnlich effektiven biomechanischen Abstimmungen. 4. Das Auflsen von Blockaden auf der krperlichen, emotionalen und spirituellen Ebene. 5. Die Energie durch die primren und sekundren Meridian-Kanle des Krpers sowie durch die Energietore lenken. 6. Den Krper von innen nach auen und von auen nach innen entlang der Yin- und der Yang-Akupunkturmeridiane biegen und strecken. 7. ffnen und Schlieen aller Teile des Krpergewebes (Gelenke, Muskeln, weiche Gewebe, innere Organe, Drsen, Blutgefe, zerebro-spinales System und Gehirn) sowie der subtilen Energie- anatomie des Krpers. 8. Manipulieren der Energie der Aura auerhalb des Krpers. 9. Kreislufe und Spiralen der Energie innerhalb des Krpers erzeu- gen, die spiraligen Energiestrme des Krpers kontrollieren, das Chi willentlich in jeden Teil des Krpers lenken, besonders in die Drsen, das Gehirn und die inneren Organe. 10. Energie in jeden Teil des Krpers absorbieren oder sie davon weg projizieren. 11. Alle Energien der Wirbelsule kontrollieren. 12. Kontrolle ber den rechten und den linken Energiekanal des Kr- pers gewinnen. 13. Kontrolle ber den zentralen Energiekanal des Krpers gewin- nen. 14. Die Fhigkeiten und alle Nutzungsmglichkeiten des Unteren Dan- tien (auch: Hara oder Elixierfeld oder Zinnoberfeld) entwickeln lernen. 122
  • 123. 15. Die Fhigkeiten und alle Nutzungsmglichkeiten des Mittleren und des Oberen Dantien entwickeln lernen. 16. Smtliche Teile des physischen Krper zu einer einheitlichen En- ergie verbinden. Bei den Chinesen gibt es den Ausdruck ba gua shen fa", der bersetzt ungefhr bedeutet Was Ba Gu fr deinen Krper tut". Die inneren Wir- kungen des Ba Gua gehren zu dem, was die Chinesen Nei Jia oder innere Entwicklung nennen; dazu gehren alle Arbeiten mit dem Chi und die Me- ditation. Nei Jia Chuan oder die inneren Kampfknste unterscheiden sich deutlich von Wai Jia Chuan, den ueren Kampfknsten, die, wie schon gesagt, auf muskulrer Fitness, Ausdauer und Reflexen basieren. Die Nei- Jia-Kampfknste mit ihrem medizinischen Nutzen, ihrer Stressbewltigung und ihrer Betonung der Meditation knnten sehr wohl die beliebtesten Kampfknste im einundzwanzigsten Jahrhundert werden. In den inneren Kampfknsten beginnt jegliche Bewegung tief im Inne- ren des Krpers und arbeitet sich zur Haut hin nach auen. Es geht hier darum, Innen und Auen vllig miteinander zu verschmelzen. Die ueren Kampfknste arbeiten am ueren des Krpers (das heit an den Muskeln und den Reflexen), aber wenn sie Chi Gung einbeziehen, knnen sie sich schlielich in das Innere vorarbeiten. Als Faustregel kann man folgendes sagen: Die inneren Knste Chinas arbeiten mit dem allgemeinen inneren Gewahrsein eines Menschen, damit dieser zu einer konkreten Empfindung der tiefsten Untersysteme innerhalb des Krpers kommt. In den ueren Kampfknsten geht es im Wesentlichen um die Bewegung der Muskeln und des ueren Rahmens des Krpers. Auch wenn es in einer ueren Kunst eine Bewegung gibt, die sich ganz genau so in einer inneren Kunst findet, wird die uere Kampfkunst normalerweise nicht tiefer vordringen als bis zu den ueren Schichten des Krpers. Fr ein geschultes Auge wrde eine Bewegung bei einem Tai- Chi-Meister und einer Ballerina, die exakt die gleiche Bewegung ausfhren, doch nicht im Entferntesten gleich aussehen. Ein Laie wrde allerdings im Allgemeinen keinen groen Unterschied sehen. Wie die Bewegungen innerlich ausgefhrt werden, ist die entscheidende Frage. Das Nei-Gung- System ist der Schlssel zu der Antwort. 123
  • 124. Wie die innere Chi-Kraft in den Kampfknsten durch das sechzehnteilige daoistische Nei-Gung- System erzeugt wird Das hoch entwickelte Nei Gung, das von den Daoisten vor Tausenden von Jahren entdeckt und entwickelt wurde, wurde schlielich zur Quelle der Chi-Kraft in den inneren Kampfknsten Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I. Die Daoisten haben dieses Energie-System schon lange vor der Zeit, zu der die ueren Kampfknste angeblich im Shaolin Kloster begrndet wur- den, entdeckt. Tatschlich haben viele der Shaolin Kampfknste, was ihre geheimen inneren Krafttechniken angeht, sehr viel von dem daoistischen System entlehnt und haben die sanften" Energietechniken des Nei Gung ihrem harten" philosophischen Ansatz angepasst. Die Daoisten haben diese machtvollen Energietechniken des Nei Gung entdeckt, als sie mit Hilfe der Meditation tief in ihren Geist und Krper eindrangen. Sie meditierten hauptschlich, um die spirituellen Wirklichkei- ten des Universums aufzudecken, sie persnlich zu erfahren und sich in sie zu vertiefen. Sie betrachteten die Meditation nicht als eine Unterabteilung ihrer Bemhungen, besser kmpfen zu lernen. Die Daoisten benutzten ihr Nei-Gung-System vielmehr dazu, bei bester Gesundheit zu bleiben, Krankheiten zu heilen und ihre eigenen inneren Energien stndig zu ver- feinem, um die Geheimnisse der tiefen inneren Stille und der Spiritualitt in eigener Erfahrung verwirklichen zu knnen. Das Training zur Entwicklung von Hochleistung in den Kampfknsten und im Wettkampfsport mit Hilfe der inneren Kraftmethoden des Nei Gung hatte zwei klar unterschiedene Stadien. In dem leichteren ersten Stadium ging es um das spezifische Ziel, die Gesundheit zu verbessern und offensichtliche und verborgene Verletzungen zu heilen (siehe Kapitel 8). Das Nei Gung zur Verbesserung der Gesundheit zu trainieren, ist eine notwendige vorbereitende Stufe, wenn man im Bereich der Athletik oder der Kampfknste Hochleistung erzielen will. Ein schwacher oder kran- ker Krper ist keine ausreichende Grundlage fr Trainingsmethoden, die wirkliche krperliche Kraft und Geschwindigkeit erzeugen wollen. Die Gesundheitsphase des Nei-Gung-Trainings beseitigt alle Verletzungen und anderen Probleme, die ein hartes Training unmglich machen knnten und die die Chancen eines Schlers, schlielich in den Bereich der Hochleistung vorzudringen, vereiteln wrden. Wenn der Krper auf diese Weise gesnder 124
  • 125. und kraftgeladener wird, kann er sich ganz natrlich besser, schneller und mit mehr Kraft bewegen und wird ausdauernder. Im zweiten Stadium des Trainings geht es dann ganz ausdrcklich um Hochleistung. In diesem Stadium werden zwar die gleichen inneren Tech- niken angewendet, nun aber mit einem deutlich hheren Ma an Einsatz. Der Unterschied besteht nicht darin, was man trainiert (das heit mit welcher Komponente des sechzehnteiligen Systems man arbeitet), sonder wie man trainiert. Man benutzt zwar dieselben Methoden wie zur Ent- wicklung von Gesundheit, doch man muss jetzt viel hrter arbeiten, mehr Zeit investieren, andere Trainingskonzepte benutzen und seine eigenen Anforderungen, was den Mindestleistungsstandard angeht, betrchtlich nach oben schrauben. Voraussetzung dafr ist die Bereitschaft, gengend zustzliche Anstrengungen aufzubringen, um in das nchste Stadium fort- zuschreiten, in dem man nicht nur beste Gesundheit verwirklicht, sondern auch auerordentliche Kraft. Die Beziehung des Chi Gung zu den Formbungen in den Kampfknsten Innerhalb der Kampfknste wird die innere Kraft durch zwei hauptschliche Methoden trainiert. Zu Beginn lernt man die innere Kraft zu entwickeln, indem man das Nei Gung/Chi Gung erst einmal als eine getrennte Kunst erlernt. Durch diese Schulung erreicht man mehrere Ziele: Die Gesundheit des Krpers wird verbessert, man wird des Chi immer deutlicher gewahr und bekommt ein Verstndnis der Natur der inneren Arbeit, die fr die innere Kampfkunst, die man meistern will, ntig ist, das einem immer mehr in Fleisch und Blut bergeht. Diese ganze innere Arbeit vollzieht sich erst einmal unbelastet von der Notwendigkeit, die komplexe kr- perliche Koordination zu erlernen, die zu einer guten Ausfhrung der Bewegungen der Kampfkunst ntig ist. Wenn man etwas Neues beginnt, so ist es in den frhen Stadien nicht nur leichter, eine Fertigkeit nach der anderen zu erlernen, sondern dies ist auch auf lange Zeit gesehen eine bessere Strategie fr die Arbeit mit Krper und Geist. Es ist schwieriger, zwei anspruchsvolle Fertigkeiten gleichzeitig zu erlernen, und es braucht mehr Zeit. Hat jemand nur begrenzte Zeit zum ben, so ist es besser, nur eine Fertigkeit auf einmal anzugehen. Als nchstes erlernt man die Bewegungen und Kampfanwendungen der speziellen inneren Kampfkunst, die man ausben mchte, und inkor- 125
  • 126. poriert die neu erworbenen Nei-Gung-Komponenten in alle krperlichen Bewegungen. Hat der Krper erst einmal mehr oder weniger die grundle- gende Fhigkeit erworben, die innere Energiearbeit mit den krperlichen Bewegungen zu verschmelzen, dann kann man sich darauf konzentrieren, die innere Kraft zu maximieren. Diese Intensivierung lsst sich dann auf immer fortgeschritteneren Ebenen des Trainings vollziehen, sowohl was die Entwicklung der Soloformen der jeweiligen Kampfkunst angeht, als auch im Kampftraining mit Gegnern. Mit der zweiten Methode der Kultivierung innerer Kraft lernt man, wie man die Nei-Gung-Arbeit in die krperlichen Bewegungen der Formen der Kampfkunst einbringt, whrend man gleichzeitig die Formen erlernt. Erreicht man dann eine mittlere oder fortgeschrittene Ebene der bung, praktiziert man als nchstes intensiv getrennte Chi-Gung-bungsreihen (die man zu Beginn der ersten Methode erlernt). Der Zweck dieses Sta- diums ist eine dramatische Verschiebung des Schwerpunkts der bung: Man bezieht seine Kraft jetzt immer mehr aus dem Chi, statt sich, wie man es zuvor gewohnt war, auf das krperliche Training zu verlassen. Sobald dieses Stadium einmal stabilisiert ist, beginnt der bende schlie- lich die fortgeschrittenste Chi-Arbeit der inneren Kampfknste innerhalb der Kampfbewegungen selbst zu erlernen, also nicht mehr in separaten bungsreihen. Die Diskussion hat sich bisher auf diejenigen konzentriert, die eine inne- re Kampfkunst ben. Praktiziert man Aikido oder eine uere Kampfkunst wie Karate oder Tae Kwon Do oder eine uere/innere Kampfkunst wie das Silat oder viele Formen des Gung Fu, dann kann man seine inneren Kraftreserven dadurch betrchtlich aufstocken, dass man Chi Gung erlernt. Findet man einen Meister der inneren Kampfkunst, der dazu bereit ist und der mental flexibel genug ist, dann kann der einem beibringen, das Chi Gung in die spezifische eigene Kampfkunst zu integrieren. Schlielich wurde das Tai Chi ursprnglich daraus entwickelt, dass man gewhnliche uere Kampfknste mit dem Nei Gung verschmolz. Auf dieselbe Weise liee sich das Nei Gung auch dem Karate oder jeder anderen, nicht gnz- lich inneren Kampfkunst hinzufgen. Die Ausbenden des Aikido, die ja bereits ein groes Interesse an Ki-Arbeit besitzen (Ki ist das japanische Wort fr das chinesische Chi) wrden, gerade im Bereich der Gesundheit, besonders davon profitieren, wenn sie ihre Praxis durch das systemati- sche Chi-Training des Nei Gung/Chi Gung aufwerten wrden. Nei Gung kann die krperliche Fitness der Ausbenden einer ueren Kampfkunst 126
  • 127. verlngern, mglicherweise um Jahrzehnte, kann ihre Kreativitt anregen und ihnen helfen, die Langeweile zu berwinden, die sie vielleicht bei der fortlaufenden Ausbung ihres Stils empfinden. Drei grundlegende Vorschlge fr einen realis- tischen Ansatz zur Erlangung von innerer Kraft Um die Existenz von irgendeiner kostbaren Sache zu wissen, ist etwas ganz anderes, als sie tatschlich zu erwerben. Nei Gung hat den Menschen schon seit Jahrtausenden Gutes getan. Indem ich diese Informationen hier in kohrenter Form prsentiere, hoffe ich das Bewusstsein fr diese Dimension der Kampfknste auf internationaler Ebene anzuheben. Es gibt viele hoch motivierte, kreative und intelligente Menschen, die, wenn sie die Implikationen dieser Informationen einmal begriffen haben, ein wertvolles Instrument in die Hand bekommen knnten, mit dem sie knftigen Gene- rationen behilflich sein knnen. Um das Nei Gung wirklich zu verstehen, sollten Sie sich nicht mit unvollstndigen Informationen zufrieden geben, sondern den folgenden drei Vorschlgen folgen: 1. Verstehen Sie, worum es bei den Kampfknsten selbst geht. Da Sie nun um die sechzehn Komponenten wissen, beginnen Sie, in sich selbst und in Ihrem Lehrer danach zu suchen. Wenn Sie sehen, dass Ihr Lehrer eines oder mehrere der sechzehn Nei-Gung-Elemente verkrpert, dann bitten Sie hflich darum, dass er Sie alle Elemente, die er selber benutzt, lehrt. Dies mag etwas Hartnckigkeit verlangen, denn viele Lehrer geben solche Information nicht gern preis. Andere werden jedoch grozgig genug sein, Sie zu unterweisen, wenn Sie respektvoll darum bitten. 2. Als nchstes mssen Sie sich Klarheit darber verschaffen, ob Ihr Lehrer das ganze System, groe Teile des Systems oder nur we- nige Teile davon gelernt hat. Es ist nicht leicht einzuschtzen, ob ein Lehrer das Nei Gung in Gnze oder nur zum Teil in sich auf- genommen hat. Jedermann kann die richtigen Worte dahersagen, aber tatschliches Wissen zu besitzen, ist etwas ganz anderes. Der untrainierte Schler knnte sich leicht Shaolin-Konzepte und -Trai- ningsmethoden andrehen lassen, die nur so aussehen, als seien sie daoistisches Nei Gung. So knnte man zum Beispiel die Shaolin- 127
  • 128. Technik des Tun Nu oder des Einsaugens und Ausspeiens" mit dem Nei-Gung-Prozess des Kai He verwechseln, der eine sehr viel strker verfeinerte Methode der Energiekontrolle darstellt als das aus dem Shaolin stammende Pressen und Lsen der Muskeln. 3. Die wichtigste Voraussetzung fr das Erlernen von Nei Gung ist, dass man aktiv einen Lehrer sucht, der es beherrscht. Nur ein Leh- rer, der das System sicher beherrscht, vermag zu erkennen, wann die rechte Zeit gekommen ist, einen Schler einen bestimmten Teil des Systems zu lehren. Der Lehrer muss in der Lage sein zu sehen, wann und wie der Schler das ihm vermittelte Nei Gung verarbeitet, und er muss einzuschtzen vermgen, wann der Schler bereit ist, mehr aufzunehmen. Um es kurz zu sagen: Beim Nei Gung muss der Lehrer sorgsam ber das Wachstum des Schlers wachen und es lenken. In dieser Hinsicht gleicht der Lehrer dem sprichwrtlichen Grtner, der fr das Wachstum des Schlers sorgt, der ausjtet, was berflssig ist, der aufpfropft und neu pflanzt, wo es ntig ist, und der mit neuen Informationen dngt. Der Prozess des Erlernens von Nei Gung Nachdem Sie die leichteren Gesundheitspraktiken des Nei Gung erlernt haben, ben Sie sich emeut in jedem der sechzehn Elemente, um die ma- ximale innere Kraft hervorzurufen. In Ihrer Praxis werden Sie auf lange Sicht gesehen durch Phasen gehen, in denen Sie in sich selbst drei klar zu unterscheidende energetische Qualitten manifestieren werden. Wie die Proportionen zwischen diesen Eigenschaften aussehen, hngt davon ab, in welcher der drei inneren Kampfsportarten Sie sich schulen. (Denken Sie daran: Was hier diskutiert wird, ist die unsichtbare Energie innerhalb Ihres Krpers, und das sind nicht die physischen Eigenschaften Ihrer Muskeln oder anderen Gewebe, die nicht angespannt sein sollten und die im Idealfall den besten Tonus beibehalten und vllig entspannt bleiben.) Eine dieser Eigenschaften macht Ihre innere Energie und Ihre Energiekanle sehr stark Yin - also weich, amorph und entspannt -, und das wird Ihnen mit der Zeit ermglichen, Geschwindigkeit und mhelose und koordinierte fls- sige Bewegung zu manifestieren. Die zweite Eigenschaft wird die Energie innerhalb Ihres Krpers sehr stark Yang machen - also komprimiert, genau umrissen und hart -, was es Ihnen im Laufe der Zeit erlauben wird, sowohl auf offensichtliche als auch auf subtile Weise Kraft zu projizieren. Das 128
  • 129. Harte und das Weiche sind die entgegengesetzten Pole ein und derselben Kraft. Die dritte Eigenschaft ist das Vermgen, im Fluss zu bleiben und augenblicklich zwischen Hrte und Sanftheit hin und her zu wechseln. Die harten und weichen Attribute knnen sich als die Gesamtqualitt einer ganzen Kampfkunst oder Chi-Gung-Methode manifestieren oder auch als ein Element innerhalb der einzelnen und spezifischen Nei-Gung- oder Kampfkunst-Techniken. Der Kommentar des daoistischen Adepten Liu Hung Chieh (siehe Seite 367) zur Praxis des Tai Chi Chuan, das relativ weich ist, und auch des Ba Gua Chang, das relativ hart ist, sagt alles zu dieser Situation. Liu sagte: Wann immer ich in den mehr als vierzig Jah- ren meiner Praxis das Gefhl hatte, dass mein Chi zu hart und zu stark wurde, fhlte ich mich mit der Praxis des Ba Gua Chang nicht mehr recht wohl; dann habe ich das Tai Chi strker betont. Wenn ich mich durch die Betonung des Tai Chi mit der Zeit nicht mehr recht wohl damit fhlte, weil ich zu entspannt und zu leer wurde, und wenn ich wollte, das sich mein Chi wieder solider und krftiger anfhlte, dann habe ich die Praxis des Ba Gua wieder strker betont." Reihenfolge fr den Lernprozess Hier ist ein Vorschlag fr die Abfolge beim Erlernen des Nei Gung: 1. Lernen Sie eine krperliche Bewegung, entweder innerhalb eines Chi-Gung-Programms, einer statischen Kampfkunst-Stellung oder einer Kampfkunstform. 2. Lernen Sie, die Bewegung zu Frderung der Gesundheit und um Ihren Krper und Ihr zentrales Nervensystem auf fortgeschritteneres Training vorzubereiten, sanft auszufhren. 3. Fhren Sie als nchstes eine Nei-Gung-Komponente in jeden ein- zelnen Teil der Bewegung ein und konzentrieren Sie sich dabei auf ihren hrteren Aspekt. Diese Praxis sollte die innere Energie Ihres Krpers stahlhart machen und sich im Laufe der Zeit als klar defi- nierte uere Kraft manifestieren. 4. Arbeiten Sie dann auf sanfte Weise an der Nei-Gung-Komponente, bis die Hrte auf mhelose, angenehme und entspannte Weise in Ihr zentrales Nervensystem eingearbeitet ist. 5. ben Sie schlielich intensiv weiter, bis Sie Ihre Energie willentlich zwischen hart und weich umschalten knnen, und zwar sowohl allmhlich als auch augenblicklich, zunchst mit wenig Mhe und schlielich mhelos. 129
  • 130. Dieser Prozess der Konzentration zuerst auf hart, dann auf weich und dann auf die Integration der beiden wiederholt sich bis ins Unendliche. Je mehr energetische Hrte sie in der gegenwrtigen Runde erreichen knnen, desto grer ist Ihre Fhigkeit, in der nchsten Runde energetische Sanftheit zu erreichen, was Ihnen wiederum die Mglichkeit gibt, in der nchsten Runde, hrter zu werden, als es Ihnen mglich gewesen wre, wenn Sie die Hrte zuvor nicht mit Sanftheit integriert htten. Dieser Zyklus wiederholt sich immer wieder. Der Nei-Gung-Prozess ist wie das Schmieden eines Samurai-Schwerts Dieser ganze Prozess der Entwicklung der inneren Kraft des Nei Gung lsst sich mit der Herstellung der Klinge eines Samurai-Schwerts verglei- chen. Das klassische Samurai-Schwert, das Strke, Biegsamkeit und eine besondere Schrfe der Klinge verkrpert, wurde aus dem wahrscheinlich besten Stahl der Welt geschmiedet. Die Klinge eines Samurai-Schwerts wurde durch das nahtlose Zusam- menfalten vielfacher Stahlschichten gefertigt. Jede Lage Stahl, die separat von einem Meister-Schwertschmied und seinen Assistenten geschmiedet wurde, wurde mit den frheren Lagen kombiniert, um Strke und Halt- barkeit zu erreichen. Jede der sechzehn separaten Komponenten des Nei Gung ist wie eine Stahlschicht eines Samurai-Schwerts. Wie beim Schmieden der einzelnen Lagen von Stahl, die das Kernmetall des Schwertes bilden, verlangt das Erlemen der einzelnen Nei-Gung-Komponenten, dass man jede ihrer vielen einzelnen Schichten Tag fr Tag in einem bestndigen Strom der Praxis wieder und wieder bt. Wer das Nei Gung ausbt, der arbeitet auf jeder Stufe des Erlernens jeder einzelnen Nei-Gung-Komponente und auch der Kombination mehrerer Nei-Gung-Komponenten mit den Eigenschaften von Hrte und Sanftheit und der Integration der beiden. Letztendlich ermg- licht es diese Vorgehensweise dem Ausbenden der inneren Kampfkunst, das Harte und das Weiche nahtlos miteinander zu verbinden. Schlielich vermgen die fortgeschrittenen Ausbenden augenblicklich zu kontrollie- ren, wie viel und welche Art von Kraft sie manifestieren, so als bedienten sie den Dimmer-Schalter eines elektrischen Lichts. Diese Fhigkeit ist fr Wettkampfsportler ebenso ntzlich wie fr Kampfknstler. 130
  • 131. Schlaglicht auf einzelne Nei-Gung-Elemente: Der Prozess des Auflsens Der Prozess der ueren Auflsung Eine Person kann lernen, durch den konzentrierten aber entspannten Ge- brauch der geistigen Intention und des Herz-Geistes (siehe Seite 139) mit einer Meditationstechnik, die der Prozess der ueren Auflsung genannt wird, Energieblockaden aufzubrechen und aufzulsen. Die Blockaden, die krperliche, mentale, emotionale oder geistige Ursachen haben mgen, knnen berall innerhalb des Krpers existieren und auch auerhalb des Krpers in der ihn umgebenden Aura, dem bioelektrischen Feld. Solch energetischen Blockaden lassen sich durch eine mentale Anstrengung zerstreuen oder auflsen, und ihre Energie kann man dann nach auen ausstoen. Fr den Kampfknstler ist es wichtig, das energetische Feld, das den Krper umgibt, zu klren, weil ihm das erlaubt, extrem sensibel fr die energetische Lcke zu sein, die sich zwischen ihm und dem Gegner befin- det, und zwar bevor die Krper der Kmpfenden sich berhren. Wenn Sie Ihre uere Aura auflsen, laufen Sie als Kampfknstler weniger Gefahr, vom Geist Ihres Gegners berwltigt zu werden. (Wenn Ihre Aura vllig aufgelst ist, kann sie nicht beeinflusst werden.) Die uere Auflsung ist fr alle stehenden Praktiken, das San Ti (siehe Seite 300), besonders wichtig, ebenso wie fr die Halte-Stellungen im Tai Chi. Die Praxis der ueren Auflsung erlaubt es Ihnen, Spannungen tief im Inneren Ihres Krpers zu lsen (und sie nach auen auszustoen), was die Geschwindigkeit Ihrer Nervenreflexe erhht und Ihre Reaktionszeit ver- krzt. Das macht es Ihnen wiederum mglich, sich schneller zu bewegen, whrend Sie eine einzelne Technik ausfhren oder whrend Sie von einer Technik zu einer anderen bergehen. Die Auflsungspraktiken (sowohl die ueren als auch die inneren) verbessern Ihr Timing. Der uere Auflsungsprozess lsst sich dazu verwenden, jene Ener- gieblockaden zu lsen, welche die Koordination zwischen Krperteilen, deren wechselseitige Verbindung ntzlich wre, verhindern. Er beseitigt auch Blockaden in den Energiekanlen, was es der Kraft erlaubt, aus dem Krper heraus zu explodieren. Auerdem ermglicht er es den Nerven, im 131
  • 132. Bereich ihrer hchsten Kapazitt zu funktionieren, was zu hchstmglicher Geschwindigkeit, besten Reflexen, grter Sensibilitt und Ausdauer fhrt. Die Heilung kleinerer und grerer Verletzungen mit Hilfe des Prozesses der ueren Auflsung ist wichtig fr das stndige Fortschreiten und den letztendlichen Erfolg sowohl fr Athleten als auch fr Ausbende der Kampfkunst. Wenn Sie die uere Auflsung praktizieren, sucht Ihr Geist Ihren Krper nach blockierten oder unbehaglichen Stellen ab. Solchen Blockaden mag man an einem spezifischen Punkt begegnen, in einem Krperteil (Schulter, Hfte usw.), in einer ganzen Krperregion (Beine, Bauch, Rcken, Brust usw.) oder in einem inneren Krperteil (Leber, Gelenk, Blutgef, Sehne usw.). Dort, wo sie lokalisiert ist, mag eine Energieblockade es dem Kr- per unmglich machen, entspannt zu sein oder sich wohl zu fhlen. Der Prozess der ueren Auflsung ist ein meditatives Mittel, um Entspannung und Wohlbefinden herbeizufhren. Er wird solange angewendet, bis sich schlielich der ganze Krper zu entspannen vermag. Regelmige Entspan- nung allein wird nicht unbedingt die Energieblockaden auflsen, die das unbehinderte Zirkulieren des Chi im Krper vereiteln, und sie wird auch nicht unbedingt Krankheiten heilen. Der Prozess der ueren Auflsung jedoch wird in China bereits seit Jahrtausenden angewandt, und er kann tatschlich heilen. Will man Tai Chi oder Ba Gua allein zur Verbesserung der Gesundheit oder der Leistungsfhigkeit praktizieren, dann ist der Pro- zess der ueren Auflsung fr diese Bedrfnisse ausreichend. Der Prozess der inneren Auflsung Der Prozess der inneren Auflsung benutzt ebenfalls den Geist, um blo- ckierte Energie aufzulsen, aber bei diesem Prozess wird die gelste ne- gative Energie nach innen befrdert, tief in den inneren Raum, und nicht nach auen, also weg vom Krper, projiziert. Dieser innere Raum lsst sich als ebenso grenzenlos erfahren wie das uere Universum. Letztlich wird der emotionale, mentale oder psychische Energiegehalt der Blockade in die Tiefen des Bewusstseins hinein aufgelst, in jenen spirituellen Bereich, den die Daoisten Leere" nennen. Die innere Auflsung lsst sich am besten in der sitzenden Meditation erlernen. Die innere Auflsung ist der wichtigste meditative Zugang zur Auf- lsung emotionaler Schwierigkeiten wie etwa lhmender Einstellungen, Fehlverhalten, zeitweiliger oder lebenslanger negativer Muster oder des 132
  • 133. Mangels an Durchstehvermgen, wenn man sich mit emotional schwer zu verkraftenden Situationen konfrontiert sieht.17 Probleme wie diese hin- dern oft selbst die begabtesten Individuen daran, ihr volles Potential zu entfalten. Eine gut ausgeglichene, stimmige oder zumindest realistische emotionale Basis ist notwendig, um irgendetwas fr lngere Zeit gut aus- fhren zu knnen. Der Prozess der inneren Auflsung ist wesentlich fr die emotionale Stabilitt, welche die Voraussetzung fr Hchstleistungen ist und die zweifellos ntzlich ist, um der Egomanie entgegenzuwirken, die oft eine Begleiterscheinung der Leistungen so genannter Stars" ist. Auerdem ist dieser Prozess ein Schlssel zur Auflsung energetischer Blockaden, die intellektuellen Leistungen im Wege stehen. Wenn sie auf die richtige Weise praktiziert wird, kann diese Auflsungstechnik die spi- rituelle Entwicklung ganz wesentlich frdern. Wird sie in die Strukturen der inneren Kampfknste inkorporiert, dann macht die innere Auflsung des Nei Gung die Verwirklichung des gesamten Spektrums der krperlichen und psychischen Krfte dieser Kampfknste mglich. Die gleichzeitige Auflsung in den inneren und den ueren Raum Fortgeschrittene Auflsungsarbeit macht es mglich, die im Krper ge- bundene Energie in beide Richtungen gleichzeitig aufzulsen - das heit aus dem Krper heraus und tief in das Innere des Bewusstseins hinein. Um diese Fhigkeit entwickeln zu knnen, muss man sich der Praxis der daoistischen Meditation allerdings ber einen langen Zeitraum intensiv widmen. Ganz allgemein kann man sagen, dass die Auflsungstechniken eine Brcke zwischen Chi Gung, den Kampfknsten und der Meditation schlagen. 17 Dieser Auflsungsprozess kann und soll keine professionelle psychologische oder psychotherapeutische Arbeit ersetzen. Wer also ernste emotionale oder psychische Probleme hat, sollte auf jeden Fall einen ausgebildeten Psychotherapeuten aufsuchen, bevor er oder sie einen der Auflsungsprozesse praktiziert. 133
  • 134. Die Stadien des Fhlens: I, Chi und Hsin Die vier Ebenen der Entwicklung des Chi sind im Ba Gua Chang zwar hnlich wie in den Knsten Tai Chi Chuan, Chi Gung und Aikido, aber nicht genauso wie dort. In allen Knsten der Chi-Entwicklung gibt es folgende Standardaussage: Der Geist fhrt, das Chi folgt dem Geist, das Blut folgt dem Chi und die Kraft folgt dem Blut." Der Geist erzeugt Chi, das Chi bewegt das Blut, und das Blut bringt Kraft hervor. Wie man aus diesem Axiom ersehen kann, ist der Geist die Quelle jeglicher Errungenschaft in allen Chi-Knsten. Der Geist hat jedoch zwei klar unterscheidbare Dimensionen (von denen man auch sagen knnte, dass zwischen ihnen die wahre Demarkations- linie zwischen der inneren Arbeit fr Anfnger und fr Fortgeschrittene verluft). Diese beiden Dimensionen des Geistes sind das, was die Chine- sen das I (ausgesprochen yi") nennen, den projizierenden, denkenden, analysierenden Geist, und was sie Hsin oder den Herz-Geist nennen, aus dem das Denken entspringt und in dem die Essenz des Menschenwesens wohnt, noch bevor der Intellekt sich regt. Nach Ansicht der chinesischen Philosophie ist das Hsin im Kern unseres Daseins lokalisiert, in unserem Herzzentrum (dem Mittleren Dantien). Die Natur des I oder der Intention Den Menschen ist die Fhigkeit, zu denken, sich etwas vorzustellen und zu fhlen, angeboren. Der Teil unseres Geistes, der Gedanken projiziert, wird im Chinesischen I, der absichtsvolle Geist, genannt. Vermittels der Vorstellungskraft kann der Geist den Krper weit ber die Grenzen dessen, was als normal" gilt, hinaus aktivieren. Es gibt viele Theorien darber, wie die Verbindung von Geist und Krper hergestellt wird. In Wirklichkeit sieht das folgendermaen aus: Wenn Ihre Augen geschlossen sind, dann besteht eine Weise, auf die Sie sie ffnen knnen, darin, dass Sie die Empfindung in Ihrem Krper, die mit dem Chi Ihrer Augenlider und Ihrer Augpfel verbunden ist, verndern. Ihr Geist, der mit dem Chi verknpft ist, fhlt dann, wie sich das Chi mit dem Krper verbindet. Durch dieses Gefhl denkt der Geist die Augen auf. Wenn Sie kein Gewahrsein Ihres eigenen Krpers haben, werden Sie Ihre Augen nicht fhlen; sie werden sich einfach physisch ffnen und schlieen. Wenn Ihr Geist ein gewisses Krpergewahrsein besitzt, werden 134
  • 135. Sie spren, wie die Muskeln und Gewebe Ihrer Augen sich regen und be- wegen, whrend Ihre Augen sich ffnen und schlieen. Gewinnt Ihr Geist ein betrchtliches Krpergewahrsein, dann knnen Sie das Chi fhlen, welches das Krpergewebe aktiviert, das Ihre Augen sich ffnen lsst. Die Methoden fr das I, Chi und Hsin, die im Folgenden diskutiert werden, basieren auf dem Ansatz des Ba Gua. Das Tai Chi und das Hsing-I besitzen ebenfalls solche Anstze - manche ganz hnliche, manche verschiedene -, mit denen dasselbe Ziel erreicht wird. Ebene 1: Ihren Krper und Ihr Chi fhlen Damit wir etwas fhlen knnen, mssen sich entweder unsere physischen Nerven oder unsere psychischen Nerven (das heit unsere Kanle subtiler Energie) zu einem bestimmten Grad ffnen und mssen sensibel werden. Doch genauso wie bei einer Person, deren Augen offen sind, deren Geist aber nicht spren kann, dass sie es sind, kann es sein, dass Ihr Chi sich zwar bewegt, dass Sie es aber nicht fhlen. Auf dieser anfnglichen Ebene der bung ist es hchst unwahrscheinlich, dass Sie das Chi in Ihrem Krper flieen spren. Um zu lernen, das Chi direkt zu fhlen, mssen Sie sich zuerst darauf konzent- rieren, die Fhigkeit zu erlangen, die einzelnen Teile Ihres Krpers separat zu spren (Schulterbltter, Wirbelsule, Gelenke, das Innere des Bauches usw.). Dann mssen Sie daran arbeiten, die Ganzkrperbewegungen des Ba Gua oder der jeweiligen Chi-Kunst, die Sie praktizieren, zu fhlen. Ebene 2: bergangsbewegungen - die weitere Entwicklung des I Wenn die Ziele von Ebene 1 erreicht sind, dann hat Ihr I (mentale Intention, Wille oder Projektion) begonnen, das Chi durch Ihre Arme und Beine zu bewegen. Doch die Bewegung von Ihrem Unteren Dantien durch Ihren Rumpf zu Ihrem Nacken und Kopf ist ebenfalls wichtig. Hier mssen Sie sich intensiv auf die bergangsbewegungen konzentrieren, die eine statische Ba-Gua- Armpositur mit einer anderen statischen Ba-Gua-Armpositur verbinden. (Siehe Kapitel 6, Seite 335.) Das I wird das Chi in Bewegung bringen. Auerhalb des menschlichen Krpers befindet sich die Aura; die ers- te Schicht der ueren Energie des Krpers beginnt gewhnlich auf der Ebene der Auengrenze der Haut und erstreckt sich in eine Entfernung von etwa einer Faustbreite bis hin zu etwa eineinhalb oder zwei Meter in den Raum. Es ist diese Schicht des Chi, welche die Energie, die aus dem Kosmos kommt, in den Krper bertrgt. Diese uere Energiehlle, die unmittelbar die Energie innerhalb des menschlichen Krpers stimuliert und 135
  • 136. reguliert, wird im Allgemeinen der therische Krper (Chi-Krper) oder die Aura genannt. Es ist allerdings auch so, dass die Energie innerhalb des Krpers den therischen Krper erzeugt. Wie bei der Henne und dem Ei, ist nicht zu sagen, welches von beiden zuerst kommt, und alles, was auf einen der beiden Aspekte wirkt, wirkt auch auf den anderen. Dies ist der Hauptgrund dafr, dass die Hnde in allen Nei-Gung-Posituren, auch im Tai Chi, Ba Gua und Hsing-I, nicht nher an den Krper herangefhrt werden als auf die Entfernung einer Faustbreite. Wenn sie nher an den Krper herankmen, knnten sie die Energie, die zwischen dem physischen Krper und dem therischen Energiefeld zirkuliert, kurzschlieen. Die Entfernung vom Krper, in der die Stimulierung des therischen Krpers durch Ihre Hnde jeweils am schwchsten und am strksten ist, liegt irgendwo innerhalb der Distanz von einer Faustbreit und wenigen Dutzend Zentimetern. Dort, wo sie am strksten ist, wird das Gefhl bei- nahe greifbar fr Sie sein, dort wo sie am schwchsten ist, ist das Gefhl am wenigsten sprbar. Whrend Sie in einer natrlichen Progression durch die bungen der Ebene 1 gehen, wird Ihr Lehrer Ihre Handbewegungen auf eine ganz be- stimmte Weise lenken, um damit ein Vorantreiben des Chi durch spezifische Energiekanle in Ihrem Krper zu erleichtern, damit Sie Chi aus Ihren Handflchen und Fingerspitzen projizieren knnen,. Diese spezifischen Weisen der Bewegung werden gewhnlich als bergangsbewegungen von einer statischen Positur zu einer anderen gelehrt. Anfangs werden Sie die bergangsbewegungen mehrfach ausfhren, um Ihr Gefhl fr den Energiekanal zu stabilisieren. Mit der Zeit wird sich dann die ffnung dieser Energielinie durch das Halten der spezifischen statischen Positur stabilisieren. An diesem Punkt werden Sie das Chi in diesem Kreislauf fhlen, wie es sich bei Ihrer Handhaltung konsolidiert. Diese Chi-Projektionen werden gewhnlich ihren Energiefluss aufschlie- en, und das wird in drei fortschreitenden Stadien geschehen: 1. durch den Mittleren Erwrmer, der zwischen dem Unteren Dantien und dem Mittleren Dantien liegt; 2. durch das Untere Dantien und von dort zu den Armen und dem Kopf; und 3. schlielich vom Kopf zu den Fen und von den Fen zum Kopf, wobei die Bewegung zuerst an der Krperoberfl- che geschieht (einschlielich der Wirbelsule und des Rckens) und dann tiefer in die inneren Organe und Knochen vordringt. Schlielich bewegt sich das Chi in diesem dritten Stadium durch den Zentralkanal und das Knochenmark. Die mentale Projektion und Visualisierungsmethode, die 136
  • 137. das Chi bewegt, wird I Chu Dzuo genannt oder die Intention bewegt das Chi". Dies ist die leichteste Weise, Zugang zum Chi im Krper zu gewin- nen, aber nicht die machtvollste Ebene des Chi im Krper. Sie ist jedoch ausreichend zur Frderung der Gesundheit und zum Zweck der Heilung und der Selbstverteidigung. Ebene 3: Spezifische Arbeit mit den Energiekanlen Auf dieser Ebene der bung beginnt man, das Chi mhelos durch den Krper zu lenken, in- dem man allein das bewusste Denken benutzt. Wenn man Ba Gua bt, dann muss man jetzt die Beziehung zwischen einer bestimmten Krperbewegung und dem Energiefluss in den Energiekanlen des Krpers kennen. Je nach dem Kenntnisstand und der Art der Kenntnisse Ihres Lehrers wird dieses Material gewhnlich auf drei verschiedene Weisen gelehrt. Eine dieser drei Methoden, die auf die Selbstverteidigung abgestellt ist, scheint fr die meis- ten die leichteste Weise zu sein, diese Arbeit zu erlernen. Denken Sie, dass ein nicht ausreichend qualifizierter Lehrer Ihrer Bitte vielleicht nicht zu entsprechen vermag, wenn Sie ihn nach expliziter Information zu diesem Thema fragen, und dass ein Meister, aus welchen Grnden auch immer, auf Ihre Bitte vielleicht nicht eingehen will. Die drei Anstze sind: 1. Es wird gelehrt, wie man die Energie von Punkt zu Punkt lenkt, um Kraft zu entwickeln. Dieser Ansatz ist gewhnlich mit Selbstver- teidigungsanwendungen verbunden und stellt die fr Schler am leichtesten zu erlernende Methode dar, weil die Kampfanwendungen sehr konkret sind und man sie sich relativ leicht einprgen kann. Selbst wenn Sie sich vor Gewalt frchten oder sie verabscheuen, wird eine zumindest rudimentre Kenntnis der Ba-Gua- (oder Tai- Chi-)Selbstverteidigungsanwendung einer bestimmten Bewegung (die gewhnlich eines sehr viel tiefer gehenden Trainings bedarf, wenn Sie sie tatschlich zur Selbstverteidigung anwenden mchten) Ihnen eine praktische und verlssliche Methode an die Hand geben, wie Sie Ihre Chi-Pfade mental aktivieren knnen. Diese grundle- gende Chi-Praxis ist auch ein sehr praktischer Grund dafr, die elementaren Selbstverteidigungsanwendungen von Tai Chi, Ba Gua und anderen inneren Kampfknsten selbst dann zu erlernen, wenn Sie kein Interesse an tatschlichem Kmpfen haben. 2. Das Funktionieren der Chi-Zirkulation wird entweder aus der Pers- pektive der praktischen medizinischen Wirkungen und der Vorteile, die man persnlich aus diesen Kenntnissen gewinnt, gelehrt oder in 137
  • 138. Hinsicht darauf, wie die von einer Bewegung aktivierte Energie in der Chi-Gung-Therapie oder -Krperarbeit angewendet wird. Nach normalem westlichem Verstndnis werden Gegenstze als antago- nistisch aufgefasst. Vom Standpunkt des 1 Ging und des Daoismus gesehen, sind Gegenstze komplementrer Natur und besitzen inein- ander bergehende Eigenschaften. Dementsprechend kann dieselbe grundlegende Energiepraxis dazu benutzt werden, entweder zu hei- len oder Schaden zuzufgen (sich selbst oder anderen), je nachdem, welche Absicht dahinter steht und wie man sie anwendet. 3. Bewegungen und Kenntnisse ber den Fluss des Chi werden ver- mittelt, indem man eine Geschichte oder Allegorie verwendet; diese Methode wird zum Zweck der Meditation verwendet. Hier ruft die Energie, die sich entlang bestimmter Chi-Bahnen bewegt, einen spezifischen Bewusstseinszustand oder bestimmte Gefhle hervor. Whrend die Geschichte erzhlt wird, berwacht der Lehrer den Prozess und passt die Geschichte entsprechend an, um den Ener- giefluss im Zuhrenden so stark wie mglich zu stimulieren. Ein Ergebnis der bung mit einer dieser drei Weisen, das Chi durch Ihren Krper strmen zu lassen, wird sein, dass Sie beginnen, die Fhigkeit zu entwickeln, Energie in Ihrem Unteren Dantien zu speichern und zu stabili- sieren, so als sei dieses eine Batterie oder ein Vorratstank. Aber eine Batterie kann nicht nur Energie speichern, sie kann sie auch freisetzen. Nachdem Sie eine gewisse Menge an Chi in Ihrem Unteren Dantien gespeichert haben, gehen Sie nun einen Schritt weiter: Sie lernen, Chi augenblicklich in jedem Punkt in Ihrem Krper zu speichern oder es daraus freizusetzen. Ebene 4: Hsin oder der Herz-Geist Die I-Chu-Dzuo-Methode kann Sie nur bis zu diesem Punkt bringen. Die Menge an mentaler Energie, die Sie bis hierher eingesetzt haben, ist betrchtlich. Dennoch gehorcht das Chi Ihrem bewussten Denken bislang nur oberflchlich. Die hier bisher vorgestellten Ebenen 1, 2 und 3 bereiten Sie auf die Nei-Gung-Phase der Energiearbeit im Tai Chi und Ba Gua vor, die nicht mehr so sehr auf dem I, sondern vielmehr auf dem Hsin und dem Prinzip des Chi Chu Dzuo basiert. Auf der I-Ebene der bung muss Ihr Geist denken, um das Chi durch den Krper zu lenken, und er muss ziemlich viel physische und mentale Energie dazu aufwenden. Jetzt jedoch mssen Sie ber Ihr bewusstes Denken hinausgehen und sich der tiefsten Essenz Ihres Daseins bedienen, ihres unbewussten Herz-Geistes, um in direkten Kontakt mit Ihrem Chi 138
  • 139. zu kommen. Die I-Methode enthlt noch eine Getrenntheit von I und Chi, das heit, Ihr bewusstes Denken beeinflusst Ihr Chi dahingehend, dass es sich bewegt, ist aber noch nicht vllig eins damit. Direkte und indirekte Bewegung des Chi Der rationale, analysierende und berechnende menschliche Geist (Ver- stand/Gehirn) vermag die Menschen gewhnlich nicht dahin zu bringen, dass sie sich vollkommen wohl in ihrer Haut fhlen. Das Denken und die Imagination knnen zweifellos gengend Chi erzeugen, um Ihren Krper einigermaen gesund zu machen, ohne dass Sie dabei jedoch in innerem Frieden ruhen und harmonische Beziehungen zu anderen Menschen ha- ben. Um die grundlegende Beschaffenheit und innere Wirklichkeit Ihres bewussten Geistes verndern zu knnen, mssen Sie tiefer in seine Wurzel eindringen. Die I-Intention kann Ihnen helfen, Dinge zu erledigen, aber sie wird nicht die innere Struktur Ihres Daseins verndern knnen. Das kann nur der Herz-Geist oder das Hsin. Im Westen nennen wir das Hsin das Unterbewusstsein oder den intuiti- ven Geist. Fr die Chinesen ist es die Quelle, aus der das Denken aufsteigt. Lassen Sie Ihr I, Ihre Intention (Willen, Absicht), zu einem ueren Objekt hin flieen. Versuchen Sie als nchstes, so gut es Ihnen mglich ist ber die Form dieses Objekts hinauszugehen, das heit ber seine Gestalt, seine Farbe, seine Gre - was auch immer seine physischen Eigenschaften sein mgen. Transzendieren Sie identifizierende Wrter, Namen und alle ande- ren Ideen, die mit dem Objekt verbunden sind. Versuchen Sie nun aus der Tiefe Ihres Seins ganz authentisch zu begreifen, was dieses Objekt in seiner Totalitt ist, ohne dass Ihr denkender Geist sich in die direkte Beziehung zwischen dem Objekt und der Essenz Ihres Seins einmischt. Auch wenn Sie Ihres bewussten Denkens (denkenden Geistes) gewahr sind, funktionieren Sie jetzt vom Hsin, dem Kern Ihres Seins, aus. Nach Ansicht der Chinesen ist der wahre Geist eines Menschen in der subtilen Energie seines Herzens angesiedelt- dem Zentrum seines Seins. Aus dieser Energie gewinnt man das hhere mentale Vermgen, das Ba Gua zu praktizieren. Wenn Sie die I-Techniken bis hin zu der und einschlielich der dritten Ebene hinreichend gebt haben, wird sich ein Vorrat von Chi in Ihrem Un- teren Dantien angesammelt haben. Diese Ansammlung ist keineswegs nur eine Idee oder eine abstrakte Vorstellung von Chi, sondern wirkliches Chi, 139
  • 140. das Sie spren knnen. An diesem Punkt knnen Sie nun damit beginnen, langsam das Hsin zu nhren, bis es mit dem zentralen vereinenden Chi Ihres Krpers, dem Jeng Chi, das im Unteren Dantien angesiedelt ist, in Kontakt zu treten und damit zu verschmelzen vermag. Sie sollten nun einen direkten, tiefen Kontakt zum Chi Ihres Krpers auf seinen tiefsten Ebenen haben und knnen deshalb beginnen, all die daoistischen Nei-Gung-Prak- tiken zu benutzen, die fr das Ba Gua und das Tai Chi von Nutzen sind. Auerdem sollten Sie jetzt auch in der Lage sein, Ihr Chi nicht nur auf die wesentlichen Krperprozesse auszurichten (Organe, Drsen, das Gehirn, das zerebro-spinale System, die weichen Gewebe und die Knochen), sondern auch die verschiedenen Aspekte all dessen, was die Daoisten unsere acht Energiekrper nennen (physischer, Chi/therischer, emotionaler, mentaler, bersinnlicher und kausaler Krper sowie Individualitt und das Dao). Durch das Aufblhen dieser Praxis wird ihr potentielles Sein schrittweise verwirklicht, whrend Ihr bewusstes Gewahrsein des Hsin zunimmt. Schritt fr Schritt werden Sie fhig, nicht nur Ihres persnlichen Chi gewahr zu sein, sondern auch des Universalen Chi, das die Quelle aller manifestierten Form und aller nichtmanifestierten Essenz ist. Diese Ausrichtung auf das Hsin als das wesentlichste Element aller Praktiken des chinesischen Bud- dhismus und des Daoismus fhrt schlielich zu der direkten Bewegung des Chi", dem Chi Chu Dzuo. Damit man das Chi Chu Dzuo praktizieren kann, muss das Hsin entwickelt sein. Man knnte sagen, dass die I-Methode eine strker uerliche Chi-Gung-Praxis ist, durch die das uere Chi da- hingehend manipuliert wird, dass es in den Krper eindringt, whrend das Chi Chu Dzuo eine eher innere Chi-Gung-Praxis ist, durch die Energie aus der Tiefe unseres Geistes und aus dem Zentrum unseres inneren Chi zum Zirkulieren gebracht wird. Allein die Methode des Hsin Nei Gung fhrt zu Bildung des Nei Dan, des inneren Elixiers" (wrtlich innerer Zinnober" oder innere Pille", auch das kosmische Ei" genannt), auf dem die fort- geschrittenen Chi-Praktiken der daoistischen inneren Alchimie basieren, welche die Grundlage der hheren Meditationspraktiken des Daoismus ist. Bei der Praxis des I Chu Dzuo bleibt immer eine winzige Lcke zwischen dem Denken des Geistes und der Bewegung des Chi bestehen. In der Chi- Chu-Dzuo-Methode werden Ihr Geist und das Chi eins. In den daoistischen Nei-Gung-Praktiken, einschlielich des Ba Gua und des Tai Chi, entwickelt der Ausbende frher oder spter nicht nur das Hsin (der Urgrund der Meditation), sondern gleichzeitig eine direkte Kontrolle des Chi im Krper, das fr den organischen Wandel auf der zellulren 140
  • 141. Ebene notwendig ist. Es ist vor allem die Chi-Chu-Dzuo-Methode, die fr die erstaunliche Kraft und Vitalitt so vieler achtzig- und neunzigjhriger Ausbender des Tai Chi und Ba Gua in China verantwortlich ist. Die I-Chu-Dzuo-Methode ist so, als wisse man um den Schatten der Chi/Geist-Verbindung in einem selbst, whrend einem die Chi-Chu-Dzuo- Methode eine unmittelbare Erfahrung dieser Verbindung verschafft. Die Chi-Chu-Dzuo-Methode, die auf dem Hsin basiert, ist wahrscheinlich die hchste Ebene der daoistischen Arbeit mit dem Chi, whrend die I-Chu- Dzuo-Methode leichter auch von gewhnlichen Menschen angewendet werden kann. Die Chi-Chu-Dzuo-Methode, die auf dem daoistischen Nei Gung beruht, lernt man am besten unter der persnlichen Anleitung eines echten Adepten. Die meisten Menschen knnen schlielich die Fhigkeit zur Praxis des Hsin/Chi Chu Dzuo erlangen, wenn sie sich entspannen und mit Ausdauer ben - was die Voraussetzung dafr ist, dass ein Individuum authentisches inneres Gung Fu (Fertigkeit) in irgendeinem Studienbereich erlangt. Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua - Was ist hier gleich und was unterschiedlich? Alle drei Inneren Kampfknste haben hnliche Techniken der Kultivierung des Chi und des Kampfes. Sie praktizieren sie nur auf ganz unterschiedliche Weise. Ihre spezifischen bungsweisen bringen auch ganz unterschiedliche Krpertypen hervor; sie frdern unterschiedliche Denkstrategien und haben unterschiedliche philosophische Anstze, was das Erreichen von Zielen angeht. Jede von ihnen hat ihre Strken und ihre Schwchen. Das Hsing-I hat unter den drei Knsten die einfachste innere Struktur, Tai Chi ist in der Mitte einzuordnen, das Ba Gua ist am komplexesten. Die langsamen und rhythmischen Bewegungen des Tai Chi sind fr die meisten Menschen - besonders fr Kranke und Behinderte - krperlich und mental am leichtesten zu erlernen, whrend das Erlernen der Bewegungen des Ba Gua am schwierigsten ist. Das Hsing-I ist im Allgemeinen fr junge Leute am attraktivsten, das Tai Chi eher fr ltere Menschen, whrend das Ba Gua Jung und Alt gleichermaen anspricht. Ungeachtet des Alters scheint 141
  • 142. im Krper eine machtvolle Synergie zu entstehen, wenn man die uerste Sanftheit der Yin-Energie des Tai Chi mit der Kraft verbindet, die das Yang des Ba Gua entwickelt. Anfangs ist das Hsing-I die leichteste und praktischste Weise, das Kmp- fen zu lernen, Tai Chi ist am verwirrendsten, und das Ba Gua ist letztlich die kompletteste und wirksamste Methode. Manche Schulen des Ba Gua und des Wu-Stil Tai Chi sind strker meditativ orientiert als das Hsing-I oder andere Stile des Tai Chi. Philosophische Perspektiven: Hart, Weich und Wandel Die drei Knste unterscheiden sich psychologisch und philosophisch von- einander. Hsing-I konzentriert sich auf den direkten Ansatz, die aggressive Vorgehensweise. Zu den charakteristischen Merkmalen der Hsing-I-Men- talitt gehrt es, geradewegs auf ein Problem zuzugehen, alle Hindemisse, die auftauchen, zu berwinden, ein auerordentlich groes Selbstvertrauen zu haben, das sich mit keiner Niederlage abfindet, und beim Erreichen von Zielen eine packen wir's an"-Mentalitt an den Tag zulegen. Mental gesehen, ziehen Ausbende des Hsing-I sich niemals zurck. Fr sie ist ein Schritt zurck nur eine zeitweilige taktische Situation, die es ihnen erlaubt, mit dem weiterzukommen, was ihr Hauptanliegen ist, nmlich Angreifen und Siegen. Die beiden Aussagen, die das Hsing-I charakterisieren, sind Mein Wille geschehe" und Kein Rckzug". Dies sind die Schlachtrufe, mit denen ein Hsing-I-Kmpfer vorwrts geht und einen Gegner auf die aggressive Weise besiegt. Diese harte, militaristische Einstellung ist ganz ntzlich, wenn man einen erfolgs- und wettkampforientierten Geist und die entsprechende Selbstdisziplin kultivieren mchte. Sie hilft auerdem einem Menschen, der ein schwaches oder verletztes Ego hat, wieder zu einem positiven Selbstbild zu gelangen. Das Tai Chi betont Sanftheit; es erreicht seine Ziele auf eine indirekte, nicht-offensichtliche Weise, subtil und indem es um Hindernisse herum fliet, statt sie frontal anzugehen. Tuschungsmanver, dem anderen kei- nen festen Punkt zum Angreifen zu liefern, feinfhlig und vorausschau- end zu sein und ber alle mglichen Strategien des Gegenangriffs zu verfgen - das alles gehrt zum psychologischen Profil des Tai Chi. Eine Tai-Chi-Haltung wird einem Gegenstand, einer Person oder Situation nur minimalen oder gar keinen Widerstand entgegensetzen. Ein Tai-Chi-Adept 142
  • 143. wird einer auf ihn zukommenden Kraft nachgeben, und, whrend er schein- bar Schwche demonstriert, diese Kraft in sich hineinziehen, sie umgehen wie Wasser, das um einen Felsblock herum fliet, und dann in dem Moment einen Gegenangriff starten, wo es am wenigsten erwartet wird. Die Handlungsmaximen im Tai Chi sind Vergiss dich selbst und folge dem anderen" und Dein Wille geschehe", so dass der Gegner bekommt, was er will, aber nicht auf die von ihm erwartete Weise. Indem der Tai-Chi- Kmpfer durch das Nachgeben dem Gegner gibt, was dieser will, manvriert er sich von einer Position der Schwche in eine vorteilhafte Position. Das Hauptprinzip des Tai Chi besteht darin, jede anstrmende Kraft oder jeden Widerstand zu absorbieren und die Energie dieser Kraft zu nutzen, um sie zu besiegen. Anders als das Hsing-I, mag das Tai Chi nicht angreifen, doch wenn ein Tai-Chi-Kmpfer angegriffen wird, dann benutzt er die Energie des Angriffs, um den Angreifer zu besiegen. Auch wenn sowohl Tai Chi als auch Hsing-I nur innere Prinzipien benutzen, sind ihre Strategien zum Umgang mit Problemen oder schwierigen Situationen doch diametral entgegengesetzt. Das Tai Chi ist defensiv, whrend das Hsing-I aggressiv ist. Doch in dem weichen, samtenen Handschuh des Tai Chi steckt eine Faust aus Stahl. Die Tai-Chi-Philosophie ist besonders ntzlich fr gestresste Menschen, denen es schwer fllt, sich zu entspannen, wenn sie sich Druck ausgesetzt sehen. Fr solche Individuen kann es von Nutzen sein, wenn sie lernen, loszulassen und sich zu entspannen und in den vielen Situationen, in denen es keine Mglichkeit gibt, Kontrolle auszuben, sich dem Unausweichli- chen zu fugen. In den boomenden Wirtschaftsregionen Nordostasiens ist Tai Chi das beliebteste Stressreduktionsprogramm fr den erfolgreichen Geschftsmann und Manager. Whrend der Hsing-I-Ansatz seiner Natur nach sehr hart, linear und maskulin ist, ist das Tai Chi in seiner Vorgehens- weise sanft, rund und feminin. Beide Anstze sind gleichermaen kraftvoll und effektiv. Das Tai Chi wre psychologisch wertvoll fr jemanden, der die Yin-Elemente Empfnglichkeit und Sensibilitt erfolgreich mit den Yang-Elementen Kraft und der Fhigkeit, Ziele zu erreichen, kombinieren mchte. Psychologisch gesehen, beruht das Ba Gua auf der Idee, dass man in der Lage sein sollte, flssig von einer Situation zu einer anderen berzugehen. Gewahrsein und die Fhigkeit zur Anpassung an den natrlichen Fluss der Dinge sind seine wichtigsten Leitlinien. Anders als das Tai Chi beziehungs- weise das Hsing-I, besitzt die Kunst des Ba Gua weder eine harte noch eine 143
  • 144. weiche Philosophie, obgleich sie beide Strategien anzuwenden wei, wenn das von Vorteil ist. Wandel und die Suche nach Natrlichkeit in all ihren Aktionen ist die Hauptleitlinie. Das Ba Gua benutzt alle vierundsechzig psychologischen und spirituellen Paradigmen der 64 Hexagramme des I Ging, ohne auf irgendeine von ihnen festgelegt zu sein. Damit ist das Ba Gua eine grere Herausforderung als das Tai Chi beziehungsweise das Hsing-I. Im Ba Gua kmmert man sich weder sonderlich um sich selbst noch um den Gegner. Stattdessen geht es einfach um das, was sich in genau diesem Moment ereignet. Hier schenkt man seine Aufmerksamkeit nicht nur der eigenen Energie sowie der des Gegners, sondern auch der Energie der Umwelt, einschlielich der Erde, der Sterne, des Himmels, der Bu- me und aller natrlichen energetischen Krfte, die uns umgeben. Damit unsere Bewegung und unsere Projektion von Kraft in Harmonie mit der Kraftmatrix sein knnen, die sich aus all diesen uns umgebenden Ener- gien ergibt, mssen wir unser Ich-Empfinden und alle Plne zurcklas- sen. Die machtvollen Selbstverteidigungsanwendungen des Ba Gua sollte man als bloe Nebenprodukte dieser Interaktion ansehen und nicht als Selbstzweck. Tatschlich ben viele Menschen in China das Ba Gua ohne jegliche kmpferische Ambitionen. Sie konzentrieren sich stattdessen auf seine gesundheitlichen und meditativen Aspekte oder auf die pure Freude, mit den Krften der Natur zu verschmelzen. Das Ba Gua hat auch viel mit den Tai-Chi-Grundprinzipien von Sanft- heit und Nachgiebigkeit gemeinsam. Tatschlich folgt das Ba Gua vielen der Prinzipien der Tai-Chi-Klassiker wie: 1. den Fluss der inneren Energie von Positur zu Positur nicht unterbrechen; 2. erkennen, dass der Krper fnf Bgen" (Biegungen) besitzt; 3. das Gerade durch das Gekrmmte erreichen; 4. auf die Energie hren; 5. die Energie richtig beurteilen; 6. Den Gegenangriff vortragen, indem man beginnt, nachdem der Gegner begon- nen hat, aber ankommt, bevor sein Angriff beendet ist. Wie die drei inneren Kampfknste sich bewegen blicherweise werden verschiedene Analogien benutzt, um zu beschreiben, wie die fr die drei inneren Kampfknste typischen Bewegungen aussehen und wie sie sich anfhlen. Tai Chi ist flssig wie das Wasser, aber verwurzelt wie die Erde. Hsing-I ist wie ein Berg, eine feste, nicht zu bewegende Kraft, mit einer leichten und agilen Fuarbeit. Ba Gua ist wie ein Wirbelsturm 144
  • 145. oder wie der Steppenlufer'8 der sich frei mit dem Wind bewegt. Entspre- chend gibt es Gleichnisse fr die Art von Krper, die durch die jeweilige Praxis entwickelt wird: Tai Chi ist wie ein Gummiball; Hsing-I ist wie eine Eisenstange; Ba Gua ist wie biegsamer Stahl. Ein durch die Praxis des Ba Gua trainierter Krper ist auerordentlich elastisch und stark. Er ist auch ziemlich entspannt, jedoch nicht von der Art extremer Entspannung, wie man sie mit dem Tai Chi verbindet. Whrend der Ba-Gua-Krper nicht so entspannt ist wie der Tai-Chi-Krper, gilt er im Allgemeinen als der strkere der beiden. Alle drei inneren Knste sind fhig, enorm viel Kraft zu absorbieren und zu projizieren. Als Kampfkunst unterscheidet sich das Ba Gua von den beiden anderen, weil es nicht nur seine eigenen spezifischen Eigen- schaften besitzt, sondern auch die Eigenschaften von Tai Chi und Hsing-I umfasst. Das Hsing-I besitzt eine machtvolle und durchdringende Energie, die durch die Arm/Hand-Verteidigung eines Gegners hindurchzuschneiden vermag wie ein heies Messer durch Butter. Manche Ba-Gua-Praktizie- rende entwickeln so viel Kraft, dass sie nicht einmal kreiseln mssen. Ihre Fe scheinen sich nicht zu bewegen. Sie knnen allein durch eine Hftdrehung zu Ihnen hindurchdringen. Diese Methode hat hnlichkeit mit dem Hsing-I. Andererseits verkrpert das Ba Gua auch die Fhigkeit des Tai Chi, nachzugeben und aus dem Weg zu gehen, besonders wenn es das Dai benutzt, die Technik des Fhrens (auf der das Aikido basiert). Whrend das Hsing-I als hart gilt und das Tai Chi als sanft, ist das Ba Gua keines von beidem. Es vermag ebenso hart zu sein wie auch weich, aber seine Essenz ist der Wandel. Es ist deshalb in der Mitte zwischen Hart und Weich angesiedelt. Ein Adept des Ba Gua kann seine Posituren oder Bewegungen augenblicklich so anpassen, dass sie den Bedrfnissen des jeweiligen Moments entsprechen. Die Betonung von Fuarbeit, Hfte und Hnden Auf welcher Ebene des Ba Gua man sich auch befindet, man darf nie lnger als einen Sekundenbruchteil an einem Ort stehen bleiben. Wer das Tai Chi praktiziert, der wird eine Positur einnehmen und sie beibehalten, sich aus der Hfte bewegen und den Gegenangriff starten. Praktizierende 18 Der Steppenlufer ist eine Pflanze (aus der Familie der Fuchsschwanzgewchse), eine Art im Wind rollender Busch. (Anm. d. bers.) 145
  • 146. des Hsing-I werden sofort auf den Gegner losgehen oder ihre Stellung halten und den Kampf dort austragen. Im Gegensatz dazu ist die erste und wichtigste Zielsetzung eines Ba-Gua-Praktizierenden, in Bewegung zu bleiben. Alle Bewegung, ob offensiv oder defensiv, beginnt in den F- en. Im Ba Gua bewegt sich eine Hand nie allein. Damit eine Hand sich bewegen kann, muss sich auch ein Fu bewegen, entweder im Raum oder durch eine Vernderung des Drucks auf den Boden. Dieser Ansatz unterscheidet sich von dem des Hsing-I, wo die Hand alle Bewegungen anfhrt und die Hfte und der Fu folgen, oder dem des Tai Chi, wo alles von der Hfte ausgeht und die Hand und der Fu folgen. Im Ba Gua bewegt sich der Fu, und der ganze Krper bewegt sich mit ihm. Dieser Unterschied trifft fr alle Schulen des Ba Gua zu. Wenn eine Akti- on trotzdem von der Hfte oder der Hand angefhrt wird, dann bedeutet das gewhnlich, dass die Ba-Gua-Technik hier mit Methoden aus dem Tai Chi oder dem Hsing-I vermischt worden ist. Eine solche Vermischung ist of im Westen anzutreffen, wo die Praxis einer der drei Knste oft mit Eigenschaften der anderen beiden vermischt worden ist. Im Ba Gua muss man, ob man stillsteht oder sich bewegt, stets die eigene Verwurzelung bewahren, ganz gleich, wie schnell oder in welche Richtung man sich bewegt. Es gibt hier kein vertikales Auf-und-ab-Hp- fen von Schritt zu Schritt. Die Bewegung ist ein Kontinuum mit einem flssigen bergang von einer Positur zur nchsten. Auch wenn ein Schritt whrend eines Kampfes vielleicht nur eine Zehntelsekunde dauert, so muss die Wurzel in diesem Augenblick dennoch stark sein. Dieser Augenblick sollte ausreichen, um sich auf den Gegner einzustellen. Wenn das nicht der Fall ist, sollte der Kmpfer in Bewegung bleiben, bis er eine vorteilhafte Position erreicht hat. Gemeinsamkeiten In allen drei inneren Kampfknsten ist es mglich, durch die Bewegung eine innere Kraft zu erzeugen, die sich durch krperliche Techniken nach auen lenken lsst, um einen Gegner zu kontrollieren oder ihn zu verlet- zen. Bei jeder dieser Knste konzentrieren die Kmpfer all ihre Kreativitt und Intelligenz darauf, zu lernen, wie sie diese Kraft aus ihrem Krper projizieren knnen. Die gesamte Chi-Arbeit wird darauf ausgerichtet sein, ein Maximum an Kraft, Geschwindigkeit, ntzlicher Flexibilitt sowie der Fhigkeit, rasch die Techniken zu wechseln, hervorzubringen. Dieses Trai- 146
  • 147. ning wird sehr viel mehr konzentrierte krperliche Anstrengung verlangen, als zu Erlangung von Gesundheit und langer Lebensdauer eigentlich ntig wre - Dinge, die ein Kmpfer als ein Nebenprodukt der daoistischen bungen zur Strkung der inneren Kraft sowieso erlangt. Viele Anfnger der inneren Kampfknste bertreiben das Training aufgrund eines ber- steigerten Enthusiasmus, was manchmal zu Erschpfung und zu Verlet- zungen fhren kann. Um so etwas zu vermeiden, sollten die benden die schwierige Lektion lernen ihr Training auf 70% dessen, was der Krper aushalten kann, zu beschrnken. (Wo eine Verletzung oder eine krperliche Behinderung vorliegen, sollte der Prozentsatz noch geringer sein.) Schwachpunkte Ein Ausbender der inneren Kampfknste muss seine Kraft stndig an berlegenen Gegnern messen, um die Wirksamkeit seines Trainings ein- schtzen zu knnen. Dadurch testet er den Fortschritt seiner Kraft, seiner Meisterung des Stils und seiner Vertrautheit mit einem breiten Spektrum an Techniken. Das Wichtigste dabei ist jedoch, dass so die Schwachpunkte offensichtlich werden, so dass der bende zu analysieren vermag, wo seine Fertigkeiten noch mangelhaft sind, damit er Wege suchen kann, diese Schwachpunkte zu beseitigen. Echte Meister der Kampfkunst werden einen aufrichtigen Schler immer auf seine Schwchen aufmerksam ma- chen - sei es mit Worten, krperlichen Lektionen oder durch offensichtliche Beispiele. Wenn der Schler fhig ist, berechtigte Kritik zu erkennen und sie sich zu Herzen zu nehmen, dann wird er dem Rat des Meisters folgen. Die Geschichte hat gezeigt, dass dies der schnellste Weg zum Erfolg ist. Ein Meister kann einem diese Kritik durch Worte angedeihen lassen oder dadurch, dass er einen im Kampf besiegt. Die Notwendigkeit realistischer Selbsteinschtzung Der Tradition gem gehen Schler, die die inneren Kampfknste um des Kampfes willen erlernen, davon aus, dass sie irgendwann einmal in einen Kampf auf Leben oder Tod verwickelt werden. Wenn sie klug sind, dann lassen sie ihre Schwchen zu Tage treten und lassen lieber zu, dass ihr Ego im Training angeknackst wird, als dass es in einem tatschlichen Kampf zusammen mit ihrem Krper zerstrt wird. Im Training der Soloformen fhrt der bende jede Bewegung aus, indem er sich dabei einen imaginren Gegner vorstellt und ihn fhlt. Ein Schler 147
  • 148. der Kampfkunst muss die Anwendung dieser Techniken dann stndig in der Konfrontation mit tatschlichen Angreifern ben, zunchst mit Part- nern aus seiner eigenen Schule und spter mit anderen, die nicht seine Freunde sind und die andere Kampfmethoden beherrschen. Im Kampf mit tatschlichen Gegnern sucht der Ausbende des Ba Gua sich auf die Ver- mehrung von Kraft zu konzentrieren, auf die Sensibilitt der Berhrung, Geschwindigkeit, Drehung in der Hfte und die Fhigkeit, flssig von einer Technik zur nchsten berzugehen. Auerdem konzentriert er sich darauf, dem Gegner mit Krper und Fen aus dem Weg zu gehen, Tuschungs- manver zu benutzen, den Gegner zu dominieren und wie ein Gespenst zu verschwinden und wieder aufzutauchen. Ganz hnlich geht es im Tai Chi Chuan zu, auer dass beim Tai Chi mehr Wert auf Nachgiebigkeit, uerste Weichheit und weniger aktive Fuarbeit gelegt wird sowie darauf, die Fe lngere Zeitabschnitte an einem Ort zu verwurzeln. ber Einschchterung und Furcht hinausgehen Die meisten Kmpfer versuchen ihren Gegner einzuschchtern, wie es auch ein groes Tier im Kampf tut. Die meisten Lehrer der ueren Kampfknste verwenden viel Zeit darauf, ihre Schler zulehren, wie man einen Gegner einschchtert oder psychisch fertigmacht", ohne sich selbst einschchtern zu lassen. Wenn Sie sich ins Bockshorn jagen lassen, dann werden Sie unter Druck erstarren und nicht in der Lage sein, noch so groe Kampf- fertigkeiten, die Sie besitzen mgen, ins Spiel zu bringen, so dass selbst ein Gegner, der Ihnen unterlegen ist, Sie zu besiegen vermag. Die Schreie im Karate, der Boxer, der zu seinem Gegner sagt Versuch es ruhig mit deinem besten Schlag, das kratzt mich kein bisschen", die Person mit den irren Augen eines Massenmrders, der Mensch, dessen Geist allein schon Furcht und Schrecken einzuflen vermag, die Drohung eines Messers, einer zerbrochenen Flasche oder einer Pistole - all das sind mentale Waffen, die der effektive Kmpfer benutzt, um dass Herz des Gegners vor Angst zu lhmen. Die Wirkung hnelt der von Autoscheinwerfern im Dunkeln, die ein Kaninchen in 50 Meter Entfernung auf der Strae erstarren lassen. Es hat eigentlich gengend Zeit, um davonzulaufen, aber es wird trotzdem berfahren, weil Einschchterung diese Lhmung verursacht hat. Diese Furcht (die im Grunde die Furcht vor dem Tod und dem Unbe- kannten ist, eine Furcht, die viele Menschen nicht gnzlich zu kontrollieren vermgen) fhrt auch zu der massiven Ego-Dominanz und Unterwerfung, 148
  • 149. die sich so oft in Rudeln oder Herden von Tieren oder bei militrischen Aktionen beobachten lsst. Wenn ein Mensch seine Furcht berwinden kann - wozu jeder Ausbende der inneren Kampfknste Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I in der Lage sein muss dann lsst sich die Atmosphre von Gewaltttigkeit, die in so vielen Situationen herrscht, in denen Menschen miteinander kmpfen, betrchtlich entspannen. Effizienz und das Verhltnis von Risiko und Belohnung Kmpfer mssen sich darauf konzentrieren herauszufinden, wie sie ihre innere Kraft so einsetzen knnen, dass sie die grtmgliche praktische Wirkung hat. Unter allen nur denkbaren Umstnden mssen sie darauf vorbereitet sein, die Natur der Kraft ihres Gegners zu verstehen und die wirksamste Art und Weise zu finden, wie sie ihr entgegentreten knnen. Was bedeutet es, wenn man sich in einem Kampf zuviel oder zuwenig bewegt? Wenn man innerhalb einer Mikrosekunde zuviel oder zuwenig Kraft einsetzt? Wann soll man sich bewegen und wann stillstehen? Wann soll man Kraft einsetzen, welche Art von Kraft und fr wie lange? Diese Fragen muss man wieder und immer wieder ausloten. Wie gro ist die Chance, dass man mit einem Hieb, einem Wurf, einem Hebel oder einem Tritt Erfolg hat? Wie stehen die Chancen, dass man, wenn man diese Technik anwendet, gekontert wird, und mit welcher Art von Konter? Man muss wieder und wieder trainieren, bis man das Verhltnis zwischen Risiko und Belohnung kennt, bis es einem in Fleisch und Blut bergangen ist. Im Kampf fallen die wichtigsten Entscheidungen darber, ob man agiert oder abwartet, instinktiv, bevor unser Geist berhaupt Zeit hat, einen Gedanken zu formulieren. Hunderte, Tausende, ja Zehntausende von Stunden der Solo- und Partnerbung verleihen Ihnen die Fhigkeit, blitzartig gelassen und spontan zu reagieren, wenn Sie sich in einer Situation befinden, in der es um Leben oder Tod geht. 149
  • 150. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Die Gefhle beim Kampf im Zaum halten Weng Hsien Ming, einer der fortgeschrittenen Schler der Schule von Hung I Hsiang (siehe Seite 317), hatte die Vollkontakt-Meisterschaften von Taiwan dreimal gewonnen. Eines Tages waren Weng und ich mitten in einem ziemlich harten Sparring, das sich eine Weile hinzog. Es fand auf dem Basketballfeld mit Zementboden statt, auf dem Hung I Hsiang seine Abendkurse abhielt. Ab und zu trafen wir beide einander leicht und machten einen Punkt, und auch wenn uns die Sache Spa machte, war es doch zugleich ein verbissenes Gefecht. Irgendwann traf ich ihn aus Versehen in ein Auge und schlug ihm seine Kontaktlinse heraus. Normalerweise macht ein Schlag ins Auge wtend und fhrt zu einer sehr heftigen Reaktion. Doch nichts dergleichen geschah. Wir un- terbrachen das Sparring und suchten zusammen mit ein paar Schlern aus Hungs Gruppe auf dem Zementboden nach der Kontaktlinse. Als sie gefunden war, machte Weng sie sauber und setzte sie dann wieder ein. Wre es in irgendeiner Schule der ueren Kampfknste im Fernen Osten (oder genauso gut im Westen) zu einem hnlichen Zwischenfall gekom- men, dann htte das leicht zu einer ziemlich gewaltttigen Konfrontation fhren knnen, entweder aus einer Angstreaktion heraus oder aus einem Reflex des Egos, das sein Gesicht wahren mchte. Weng wusste, dass ich ihn nicht mit Absicht ins Auge geschlagen hatte (wir hatten einander schon ziemlich oft getroffen, ohne dass es einem von uns etwas ausge- macht htte), und wir setzten das Sparring mit vollem Einsatz fort, ohne dass sich Furcht, Rachegefhle oder Stolz eingemischt htten. Das war bei Weng keineswegs ein Zeichen von Schwche, sondern zeigte vielmehr seine groe mentale Stabilitt. Da wir uns auf diese Weise kennen gelernt hatten, wurden wir gute Freunde, und etwas spter teilte ich sogar mein Zimmer mit ihm. Weng konnte in einer echten Kampfsituation den Gegner in krzester Zeit empfindlich verletzten, sei es in einem formellen Wettkampf, sei es in einem Herausforderungskampf. Er lie sich jedoch nicht einschchtern und ver- suchte auch nie, seine Gegner einzuschchtern. Er konzentrierte sich statt- dessen darauf, seine Geistesklarheit zu bewahren und seine Techniken ohne jede Verschwendung von Bewegungen kraftvoll, praktisch und effizient sein zu lassen. Will man ein berragender Kmpfer werden, der seine Gefhle im Zaum halten kann, dann sollte man sich an ihm ein Beispiel nehmen. 150
  • 151. Ba Gua, Tai Chi oder Hsing-I zum Zweck des Kmpfens erlernen Sie bekommen das, wofr Sie bezahlen, also geben Sie ihr Geld (das hei Ihr Chi und Ihre Bemhung) auf kluge Weise aus. Wenn Sie die inneren Kampfknste fr den Kampf benutzen wollen (oder wenn Sie berhaupt irgendeine Kampfkunst benutzen wollen), dann wre es von Vorteil, wenn Sie sich an die folgenden Punkte erinnerten: 1. Es ist leicht, irgendetwas schlecht auszuben. Um Erfolg zu haben, ist es unerlsslich, ernsthaft und beharrlich zu ben. 2. Um Wang Shu Jin zu zitieren: Es ist besser, ein oder zwei Techni- ken gut zu beherrschen, als 10.000 Techniken schlecht zu beherr- schen. 3. Es ist gar nicht so leicht, einige wenige Dinge gut zu beherrschen." 4. Es ist uerst schwierig, viele Dinge gut zu beherrschen. 5. Es ist praktisch unmglich, alle Techniken des Ba Gua oder des Tai Chi gut zu beherrschen. Selbst Tung Hai Chuan, Wu Jien Chuan, Yang Cheng Fu und die Chen-Familie beherrschten einige Bewe- gungen besser als andere. Wenn Lehrer der inneren Kampfkunst lehren, liegt es in ihrer Verantwor- tung, die Kampftechniken ihrer Linie so klar und genau wie mglich zu bermitteln. Die Verantwortlichkeit des Schlers besteht darin, allein und mit Partnern so lange zu ben, bis er im Kampf dieselbe Fertigkeit wie sein Lehrer oder sogar noch grere Fertigkeit an den Tag legen kann. Die Schler mssen selber auswhlen, welche Techniken sie meistern wollen, und dann die entsprechende Arbeit leisten. Bei den Chinesen gibt es einen klassischen Leitsatz: Shrfujing men (Der Lehrer bringt dich ans Tor), lien dzai ge shin (die bung ist deine eigene und trgt Frucht entsprechend den Bemhungen deines eigenen Herz-Geistes). Wenn Ihr Lehrer Ihnen etwas demonstriert, dann sind Sie dazu ver- pflichtet, es zu ben. ben Sie nicht, dann mag das eine der folgenden Konsequenzen nach sich ziehen: 1. Ihr Lehrer korrigiert Sie nicht mehr, weil Ihr Verhalten gezeigt hat, dass Sie diese Fertigkeit nicht wirklich er- lernen wollen; 2. Sie werden diese Fertigkeit nicht erlangen; 3. wenn Sie die nchste Stufe dieser Fertigkeit erlernen, wird diese schwach sein, weil die Grundlage fehlt; 4. Sie werden nie einen hohen Grad der Fertigkeit erlangen, wenn sich Ihre Einstellung nicht ndert. 151
  • 152. Im Prozess der bung und des Wettkampfs bleibt es nicht aus, dass Kampfknstler und Athleten krperliche Verletzungen erleiden, entwe- der durch die Bewegungen oder durch den krperlichen Kontakt, den die jeweilige Praxis mit sich bringt. Es ist zwar mglich, auch mit einer Verletzung weiter zu ben, aber Sie sollten vermeiden, sich aufgrund von berbelastung erneut zu verletzen. Wenn Sie sich zum Beispiel den Arm verletzt haben, dann ben Sie nur Ihr Chi-Gung- oder Ba-Gua-Gehen, bis der Arm wieder geheilt ist. Wenn Sie sich am, Bein wehgetan haben, dann ben Sie nur Ihre Oberkrper-Techniken. Setzen Sie also Ihr Training fort, aber auf eine Weise, die den verletzten Bereich nicht belastet. Wenn Sie sich nmlich erneut verletzen, dann verlngert das nur die Zeit, in der Sie nicht voll trainieren knnen. Lassen Sie nicht zu, das kleine oder mittelstarke Verletzungen zu lang anhaltenden chronischen Verletzungen werden, die letztlich Ihr Vermgen, effektiv zu kmpfen, beeintrchtigen. Gesundheit und Kampfkunst-Knnerschaft Wenn jemand das Ba Gua aus gesundheitlichen Grnden praktiziert, dann sollten die Unterweisungen, die er oder sie erhlt, darauf abgestimmt sein, den Krper gesund und stark zu machen. Erlernt jemand das Ba Gua fr den Kampf oder fr die Meditation, dann sollten seine Unterweisungen entspre- chend ausgerichtet sein. Nach Ansicht der Daoisten muss das Training fr eine Kampfkunst zuerst und vor allem den Krper des benden nhren und sein mentales und emotionales Wohlbefinden frdern. Erst wenn der Krper und der Charakter eines Ausbenden stark geworden sind, kann er wirklich lernen, die Kunst fr den Kampf zu verwenden. Die Fhigkeit zu kmpfen bleibt immer ein zwar wichtiges, aber doch zweitrangiges Anliegen. Die Anhnger des Ba Gua sind der Ansicht, dass ein Kampfknstler ein Held sein muss und kein Feigling sein darf. Diese Heldenhaftigkeit muss jedoch aus wahrer innerer Zentrierung, Zuversicht und Fertigkeit entstehen, nicht aus Wagemut, roher krperlicher Begabung, einem gewaltttigen Gemt und einer blo intellektuellen Vorstellung von der Kunst. Grundlegendes Krafttraining Die traditionelle innere Praxis des grundlegenden Krafttrainings, die Ji Ben Gung genannt wird, arbeitet vom Inneren des Krpers her nach auen. Ji Ben Gung entwickelt die innere Energie oder den Saft", den man fr die 152
  • 153. inneren Kampfknste braucht. Was diese Praxis betrifft, so geht zum Bei- spiel das Ba Gua - ebenso wie die meisten traditionellen inneren Schulen in China und Japan - davon aus, dass es besser ist, eine einfache Technik zu ben. Im Ba Gua knnte diese Technik das vorgeburtliche Kreisgehen mit der Ersten Hand (Single Palm Change) sein; im Hsing-I oder Tai Chi knnte es die Standardbung, San Ti, oder eine Chi-Gung-Methode mit nur wenigen Bewegungen sein. Es ist besser, eine schlichte bung zu praktizieren, bei der Ihr Chi voll und Ihr Krper mit Ihrer Energie, Ihrem Geist und ihrer essentiellen Natur verbunden ist, als viele Techniken eher schwchlich auszufhren, wobei keine dieser Techniken Ihren Krper und Ihren Geist wirklich fr effektives Kmpfen fit macht. Eine alternative Methode bestand darin, dass man zuerst das Hou Tien, das nachgeburtliche Ba Gua, erlernte. Diese Methode arbeitet von der Au- enseite des Krpers nach innen, und dazu gehrt, dass man eine Unmenge von ueren Bewegungsformen oder Hsing erlernt, von denen jede ihre spezifische Kampfanwendung besitzt. Erst wenn der bende nach Jahren Drei Posituren der Zehn himmlischen Stmme, einer aus der Ba-Gua-Schule stammenden nachgeburtlichen Methode des grundlegenden Krafttrainings in der Bewegung, hier ausgefhrt von dem Ba-Gua-Adepten Lo Te Hsiu aus Taipei, Taiwan. 153
  • 154. der Praxis diese Formen sehr gut beherrschte, wurde er in den inneren Methoden der Entwicklung von Kraft unterwiesen. Letztlich ist das wichtigste Anliegen bei der Verwendung von Ba Gua, Tai Chi, Hsing-I und allen anderen inneren Kampfknsten zum Kampf, mit mglichst wenig Verletzungen siegreich zu sein, oder doch zumindest so weit heil zu bleiben, dass man weglaufen kann. Die Bedeutung der Stehbung fr die langfristige Entwicklung von innerer Kraft Bei der Stehbung sind die wichtigsten Aspekte die folgenden: 1. Der inneren Landschaft unseres Krpers gewahr werden. 2. Die Spannungen im Krper von innen her anstrengungslos aufl- sen. 3. Sich nicht auf die Empfindung physischer Kraft verlassen, wodurch der Krper weicher wird, whrend man gleichzeitig einen exzellen- ten Muskeltonus beibehlt. 4. Das Chi absenken und Verwurzelung entwickeln. 5. Sich in die Lage versetzen, die sechs Kombinationen im eigenen Krper zu fhlen und die ihnen entsprechenden Chi-Bahnen im Krper miteinander zu verbinden. 6. Whrend der Kampfbewegungen die Fhigkeit aufrechterhalten, das Innere des Krpers deutlich zu spren, so dass ein Gewahrsein dessen entsteht, was sich zur selben Zeit innerhalb und auerhalb des Krpers abspielt. Dies ermglicht es Ihnen, in der Bewegung nicht von Ihrem Chi abgelenkt zu werden. Diese Fhigkeit ist we- sentlich bei sehr schnellen Bewegungen, besonders im Ba Gua mit seinen schnellen Kreis- und Drehbewegungen, denn dabei neigen die Ausbenden dazu, die Verbindung zu ihrem Inneren zu verlieren, weil sie sich ganz auf ihre ueren krperlichen Bewegungen im Raum konzentrieren. 7. Fr das Chi im Raum um den Krper herum sensibel werden. Die Stehbung legt das Fundament fr das erfolgreiche Erlernen all der anderen fortgeschrittenen Methoden des Chi Gung. Im spteren Training 154
  • 155. Die Stehbung, eine Methode des grundlegenden Krafttrainings, hier ausgefhrt von dem verstorbenen Wang Shu Jin. (bei den bungen in Bewegung, im Sitzen, im Liegen und bei den sexu- ellen Praktiken des Daoismus) erzeugt die Stehbung den Rahmen fr die willentliche Bewegung des Chi. So knnen alle die fortgeschrittenen Chi-bungen, die zur Verbesserung der Gesundheit oder der Entwicklung von Kraft praktiziert werden, auch im Stehen ausgefhrt werden. Im All- gemeinen fehlen die inneren Stehbungen des Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua in den normalen Trainingskursen im Westen. Als der Autor zum Beispiel in den frhen 1970er Jahren die Stehbung in New York unterrichtete, machte das dort offensichtlich sonst niemand.'9 In den 1980er Jahren begannen dann mehr Leute das Stehen im Westen zu unterrichten, und dieser Trend hat in den 1990er Jahren weltweit zugenommen. ! Eine seltene Ausnahme in Amerika war Kuo Lien-ying, der seine Schler in San Francisco regelmig die Stehbung des Universellen Pfahls" lehrte. 155
  • 156. Die acht Stadien der bung zur Entwicklung der Kampffertigkeiten im Ba Gua Der bergang von der Form zur Formlosigkeit: Das Ziel der inneren Kampfknste auf hohem Niveau In jedem Bereich von Kenntnissen brauchen Anfnger zunchst eine Struk- tur, eine Form, um die Grundlagen zu erlernen. Dies gilt ganz besonders fr die inneren Kampfknste. Wenn man jedoch erst einmal die Grund- lagen und die technischen Voraussetzungen gemeistert hat, dann besteht die wahre Vortrefflichkeit darin, ber die Form hinauszugehen und zur Essenz dessen zu gelangen, was man ursprnglich erlernen wollte. Von diesem Punkt aus kann man in jenen kreativen Raum eintreten, wo das, was nicht zu lehren ist" natrlich und spontan aus der eigenen Seele aufsteigt. Hier kann man nun endlich die Form transzendieren, die Ebene des Wie-Machens und Was-Machens" verlassen und auf der Ebene des Formlosen operieren. In den inneren Knsten lernt man die Form, um zunchst eine Tech- nik zu meistern. Dann aber vergisst man die Form und erreicht letztlich einen Zustand, den die Chinesen Wu Wei (wrtlich: Nichttun) oder das Tun, ohne zu tun" nennen. Diese Formlosigkeit ist das hchste Ziel der inneren Kampfknste. Man kann den Prozess der Meisterung einer inneren Kampfkunst mit dem Werdegang eines erstklassigen Jazzpianisten vergleichen. Wenn ein solcher Musiker zuerst die Technik oder die Form" des Klavierspielens erlernt, verbringt er viele Stunden am Tag mit der bung von Tonleitern (krperliche Technik - Schlge, Tritte, Wrfe, Hebel, Balance, Geschwin- digkeit, Fuarbeit usw.). Dann bt er vielleicht Akkorde (verschiedene Arten der inneren Kraft, Flssigkeit der Bewegung, innere Energiearbeit, die Meisterung subtiler Bewegungen, die Ruhigstellung des Geistes usw.). Der Pianist beginnt dann damit, einfache Standards zu spielen (Kampf mit jeweils einem Gegner) und schreitet schlielich zu immer komplizierteren Riffs fort (Kmpfen mit mehreren Gegnern). Ein Pianist mag die technische Seite seiner Kunst beherrschen und sehr gut, ja sogar makellos spielen, und dabei kann trotzdem etwas fehlen. 156
  • 157. Im Jazz nennt man das oft die magische Komponente der Improvisation, die einen Musiker von einem Punkt aus spielen lsst, der jenseits innerer Beschrnkungen, jenseits von Form und Technik ist. Jetzt spielt er die Musik nicht nur richtig", er jammt mitreiend, mit einem Sound, der die Seele ergreift. Er hat einen Sprung ber die technische Virtuositt hinaus getan, wird angetrieben von Inspiration, schierer Kreativitt, in einem Akt des vlligen Loslassens. Ein Ausbender der inneren Kampfknste, der sorgfltig bt, meistert mit der Zeit ebenfalls alle technischen Aspekte seiner Kunst, und er wird dabei tatschlich furchtlos. Doch das Eintreten in jenen wundersamen Raum, in dem der frei improvisierende Jazzmusiker abhebt", setzt voraus, dass er sich nicht mehr um seine technischen Fertigkeiten kmmert, dass er sich weit ber sie hinaus aufschwingt - in eine Region, wo die norma- len Erwgungen aus dem Bereich von Zeit und Raum aufgehoben sind. Will man sich innerhalb der inneren Kampfknste auf eine solche Reise begeben, so verlangt das, dass man in der Lage ist, seinen Geist ganz still werden zu lassen, und eine Erweiterung des Bewusstseins erreicht, die eher der Meditation hnelt als dem, was man blicherweise unter einer Kampf- kunst versteht. Dies ist die Natur des Pfades, den man beschreiten muss, um von der fnften bis zur achten Stufe des Kmpfens im Ba Gua zu ge- langen. Auf der ersten Stufe sind die Dinge allerdings noch relativ einfach: Stufe 1 Solobungen: Hier lernt man die grundlegende physische Koordination. Dazu ist es ntig, dass man in der Lage ist, eine bestimmte Kampfan- wendung fr jeden Teil jeder einzelnen Technik zu visualisieren und zu fhlen. Partnerbungen: Die Partnerbungen bestehen aus Anwendungen, durch die man die Visualisierung jeder einzelnen Solobewegung fr sich kon- kretisieren kann, so dass man die Solobewegungen mit strkerer Intention auszufhren vermag. Stufe 2 Solobungen: Hierbei werden das ffnen und Schlieen der Gelenke und die Aktivierung der Rckenmarkspumpe zur Entwicklung von Kraft be- tont. Man lernt, klar zwischen dem Aufnehmen und Abgeben von Kraft zu unterscheiden. 157
  • 158. Partnerbungen: Betonung der Rckenmarks- und Gelenkspumpe, so dass diese Bereiche sich ffnen und schlieen knnen, ohne dass man dabei Strimpulse empfindet oder erstarrt, was bei den meisten Anfngern pas- siert. Hier werden auch Hieb- und Tritttechniken betont. Stufe 3 Solobungen: Man beginnt, sich auf flssiges und schnelles ffnen und Schlieen zu konzentrieren, auf schnelles Gehen und schnelle Handfl- chen-Wandlungen in Solobewegungen. Partnerbungen: Nachdem man gelernt hat, sicher zu fallen, konzentriert man sich auf Wurftechniken und vertikale Aufwrts- und Abwrtsanwen- dungen. Hierbei werden doppelte und dreifache Schlge durch schnelles ffnen und Schlieen betont. Stufe 4 Solobungen: Betont das Verdrehen von Krpergewebe (Arme, Beine, Hf- te), horizontale Drehkraft und extrem schnelle Wandlungen. Geht ber die festgelegten formalen Bewegungen hinaus; die Absicht dahinter ist, dass man nun zu trainieren beginnt, wie man physische Bewegung aus dem Denken heraus erzeugen kann. Wenn Sie denken, dann sollte Ihr Krper sich dem Denken entsprechend verformen. Diese Stufe stellt den Beginn der Verschmelzung von Geist und Krper dar. Hier entsteht eine sehr komplexe Fuarbeit. Partnerbungen: Betont Anwendungen, die darauf basieren, dass man in eine Richtung dreht, dabei die Energie eines Gegners speichert und die Energie dann wieder zum Gegner hin freisetzt, indem man die Drehung blitzartig umkehrt. Hier werden unter Anwendung solcher Umkehrungs- prinzipien Hebel und Wrfe praktiziert. Auf dieser Ebene wird die Ge- schwindigkeit strker betont als die Kraft. Bis zu dieser Stufe haben die vorgeburtlichen und die nachgeburtlichen Praktiken (siehe Seite 329 f.) hnliche Ziele und Ergebnisse. Die letzten vier Stufen jedoch ergeben sich allein aus der Methode des vorgeburtlichen Kreisgehens. 158
  • 159. Stufe 5 Solobungen: Jetzt konzentriert man sich darauf, den Energien nachzuge- hen, die um uns herum existieren: Erde, Himmel, Sterne, Bume, Wasser, Menschen. Man beginnt, die natrlichen Energien der Umwelt dazu zu benutzen, das Chi im eigenen Krper anzuregen und es sowohl strker als auch schneller zu machen. Das Hauptaugenmerk liegt nun auf den Qualitten der einzelnen Energien der acht Trigramme20 und nicht nur auf der krperlichen Bewegung. Partnerbungen: Nachdem Sie bereits ein groes Arsenal von Waffen (Trit- te, Schlge, Hebel, Wrfe, Ausweichtechniken) gemeistert haben, lernen Sie nun, jede der Energien der acht Trigramme klar zu unterscheiden und sie im Ba Gua anzuwenden. Sie konzentrieren sich darauf, wie sie zu Ihrem grten Vorteil am wirksamsten die wirbelnden Energien Ihrer selbst, Ihres Gegners und der Umwelt verschmelzen lassen knnen, und zwar an genau dem Punkt in Zeit und Raum, an dem die jeweilige Wechselwirkung statt- findet. In diesem Stadium wird die spiralig aufsteigende und absteigende Energie zwischen Himmel und Erde besonders betont. Stufe 6 Solobungen: Sie machen Ihren Krper und Geist so still und so leer wie mglich. Hier werden Yin-Energie- oder sehr amorphe Energie-Techniken betont sowie die Meditation. Partnerbungen: Ihre Techniken mssen fr Sie jetzt vllig mhelos wer- den. Sie wenden ebenso viel Kraft an, wie dann, wenn Sie sich am Kopf kratzen, und dennoch hat Ihre Technik eine vernichtende Wirkung auf den Gegner. Wenn Sie ein liebevolles und offenes Herz haben, wird diese Vernichtung" eine spirituell tief greifende und letztlich frderliche Wir- kung auf Ihren Gegner haben. Wenn Ihr Herz egozentrisch und grausam ist, dann wird diese Kraft Angst und Schrecken, Unterwerfung und spirituelle Kontraktion in Ihrem Gegner erzeugen. 20 Nach daoistischer Vorstellung verkrpert jedes der acht Trigramme des I Ging eine der grundlegenden Energien, aus denen das Universum geschaffen wurde und die smtliche Manifestationen hervorbringen. 159
  • 160. Stufe 7 Solobungen: Ihr Herz wird jetzt vllig still und Sie fhlen sich rundum wohl. Sie verlieren jegliches Gefhl dafr, irgendetwas zu tun. Ihre Bewe- gungen und Ihre Energie folgen einfach der Bewegung von Himmel und Erde. Hier ist die Bewegung ber das rein Krperliche hinausgegangen. Partnerbungen: Sie beginnen, krperliche Krfte zu manifestieren, die ber bloe Hebelwirkung, ber die Logik und ber die Gesetze der Phy- sik oder alles andere, was Sie sich vorstellen knnen, hinausgehen. So konnte zum Beispiel Liu Hung Chieh (siehe Seite 367) noch im Alter von achtzig Jahren die Kraft eines Mannes, der doppelt so gro war wie er, mit einem Finger aufhalten. Er konnte einen solchen Mann beim Push Hands des Tai Chi so leicht vertikal in die Hhe heben, wie Sie eine Tte mit Kartoffelchips hochheben. Er konnte auch eine Betonplatte unter sei- nen Fen zerbrechen, indem er einfach nur darber hinwegging. Er wog weniger als 50 Kilogramm, und nach den Gesetzen der Logik htte ihm so etwas nicht mglich sein sollen. Auf dieser Ebene des Ba Gua bewegen sich die Meister im Allgemeinen nicht mehr so viel wie in den frheren Stadien ihres Trainings. Sie haben es nicht ntig - ihre Energie ist hier das Bewegende. Stufe 8 Diese Stufe transzendiert unsere normale Vorstellung von der Realitt und sie lsst sich mit Worten nicht mehr angemessen beschreiben. In jedem Zeitalter haben nur wenige dieses Stadium erreicht, heutzutage sind es noch weniger. Einem Meister auf dieser Ebene der Praxis wrde es nicht schwer fallen, seine Authentizitt unter Beweis zu stellen - wenn er denn das Bedrfnis htte, dies zu tun. 160
  • 161. Techniken der inneren Kampfkunst Hand- und Handflchen-Hiebe der inneren Kampfknste Die inneren Kampfknste besitzen ein ebenso groes Repertoire an Hieben mit der Hand, wie man es in den meisten ueren Kampfknsten findet, etwa im Karate oder im Kung Fu. Es sind dies Fausthiebe ebenso wie Schlge mit der offenen oder geschlossenen Hand. Bei Hieben mit der Hand benutzt man das Handgelenk, den Handsattel (das ist der Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger), die Kante und Flche der offenen Hand sowie die Vorder-, Rck-, Innen- und Auenseite der geschlossenen Hand. Zustzlich jedoch verwenden alle drei inneren Stile (Ba Gua, Tai Chi und Hsing-I) spezialisierte innere Hiebe, die das Thema dieses Abschnitts sind. Auch wenn die einzelnen inneren Stile die gleichen Kampftechniken benutzen, unterscheiden sie sich doch hinsichtlich der Formbewegungen und der Interpretation der Kampfanwendungen fr den Kampf mit einem Gegner leicht oder stark voneinander. Diese Unterschiede erklren sich aus der Art und Weise, wie jeder der Stile die Essenz einer bestimmten Technik im Rahmen seiner einzigartigen Philosophie und seiner praktischen Vor- gehensweisen aufgefasst und umgesetzt hat. Die uralten inneren Kampf- techniken, die bis heute berlebt haben, sind ein Grund dafr, warum die inneren Kampfknste im modernen China zu Recht berhmt wurden. Ba Gua Chang benutzt, wie sein Name Acht Trigramme Handflche" bereits zeigt, hufiger die Handflche als die Faust. Als Faustregel" kann man sagen, dass das Ba Gua die offenen Hnde, die Unterarme und die Finger mit groer Wirksamkeit einsetzt. Unter den acht Mutterhnden", die in dieser Kunst gelehrt werden, gibt es nur eine Faust. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass die berhmteste Technik von Ma Wei Chi (siehe Anhang B, Seite 514) ein sphrischer Hieb war. Das Tai Chi benutzt gewhnlich eine ausgeglichene Mischung von Techniken mit der offenen Hand und mit der Faust. Das Hsing-I benutzt in seinen grundlegenden Fnf-Elemente-Praktiken hauptschlich Techniken mit der geschlossenen Faust, in seinen Tierformen jedoch Techniken mit der offenen Hand. Der Hieb kann in den inneren Kampfknsten auf unterschiedliche Weise ausgefhrt werden. Die erste Weise ist jene, die der Anfnger, der noch kei- ne Kontrolle besitzt, gewhnlich benutzt: den Gegner so hart wir mglich 161
  • 162. schlagen. Auf den fortgeschritteneren Ebenen muss man sich entschlieen, ob man den Gegner ernsthaft verletzen will oder nicht. Entscheidet man sich dagegen, jemandem einer Verletzung zuzufgen, dann benutzt man vielleicht eine Fa-Jin-Technik (siehe Seite 188), bei der die eigene Kraft durch die Person, die man trifft, hindurchgeht. Ihr Fa Jin wird die ange- griffene Person zweifellos im physischen Raum bewegen, wird ihr jedoch keine ernsthafte Verletzung zufgen. Wenn jedoch Gewaltanwendung notwendig ist und die einzig brauch- bare Option darin besteht, jemanden zu verletzen, dann knnen Sie das Fa Jin auf das Innere des Angreifers fokussieren, so dass Ihre Kraft sei- nen Krper nicht verlsst. Dies verursacht durch Blutergsse oder ande- re Schdigungen Zerstrung im Krper. Die frhen Meister der inneren Kampfknste konnten eine andere Person uerlich treffen, ohne einen Flecken auf der Haut zu hinterlassen, doch der Getroffene starb dann in der Folge aufgrund einer Schdigung der inneren Organe. Die Fhigkeit, die eigene Kraft auf sehr kleine Bereiche im Krperinneren zu fokussie- ren, ist etwas sehr Erstaunliches. Diese Technik ist der Anwendung nach jenen Panzerabwehrgranaten vergleichbar, die die Besatzung des gegneri- schen Panzers tten, ohne die uere Hlle des Panzers zu zerstren. Eine pltzliche Freisetzung von Fa Jin wird durch die Technik der Drehung des weichen Gewebes in Kombination mit einer pltzlichen ffnung der Gelenke und Hhlungen des Krpers zur Freisetzung von Chi aus einem Punkt im Krper erreicht. In China gelten die inneren Kampfknste als wesentlich machtvoller als die ueren Kampfknste, und in der Tat glauben viele Menschen, dass die Schlagkraft der inneren Knste etwas bernatrliches hat. Doch die Wirksamkeit der inneren Kampfknste im Kampf ist keineswegs berna- trlich, sondern basiert auf extrem hoch entwickelten krperlichen und Chi-Mechanismen. Whrend der Kern der ueren Kampfknste die Kampftechnik ist, besteht der Kern der inneren Kampfknste in der Entwicklung der inneren Kraft oder des Chi. Zu Beginn eines Trainings in den inneren Kampfknsten erscheinen die ueren Bewegungen des Ausbenden noch wenig subtil. Wenn ein bender der inneren Kampfkunst in seiner Praxis jedoch immer erfahrener wird, dann wird es fr einen Beobachter immer schwieriger, ihm uerlich anzusehen, was er tut. Das Gefhl, dass die beobachtbare Kraft etwas bernatrliches hat, ist nicht zutreffend. Es ist einfach so, dass man die inneren Mechanismen, die zur Anwendung kommen, nicht sehen 162
  • 163. kann. Auf den hchsten Ebenen der Chi-Entwicklung knnen die inneren Kampfknste schon so aussehen, als stammten sie aus einer anderen Welt. Dazu kommt es allerdings nur, wenn jemand gar keine krperliche Kraft mehr benutzt, sondern sich gnzlich auf sein Chi verlsst. In der Moderne haben nur wenige Menschen diese Ebene erreicht. Hier werden einige allgemeine Bewegungs- und Energie-Muster vorge- stellt und nicht einzelne der Hunderte von spezifischen Bewegungen oder Techniken. Jede Technik kann eine unglaubliche Anzahl von Variationen und Grundbewegungen umfassen. Diese Techniken sind solche, die fr den tatschlichen Hand-zu-Hand-Kampf verwendet werden, und es kann sein, oder auch nicht, dass sie in irgendeiner der Handberhrungsbungen, dem Rou Shou oder Push Hands, verwendet werden. Wenn Ihnen manche dieser Techniken sehr hart vorkommen, dann vergessen Sie nicht, dass man fast berall auf der Welt heute auf legale oder illegale Weise Handfeuerwaffen und Sprengstoff kaufen kann. Auerdem braucht es lange Zeit, bis man diese hoch entwickelten Techniken der inneren Kampfkunst entwickelt hat. Whrend dieser Zeit sollten die Ausbenden auch grndlich in Selbst- kontrolle geschult werden und sollten zudem eine moralische Erziehung erhalten, die ihnen verdeutlicht, was die wahre Natur von Gewaltttigkeit ist und wie man Mitgefhl entwickelt. Das verhindert im Allgemeinen die Gewaltttigkeit, die wtende oder gestrte Menschen oft an den Tag legen und die sie nicht nur ihre Fuste, sondern auch Pistolen oder Messer gebrauchen lsst. Arten von Hieben und der Einsatz der Hand Auch wenn das Tai Chi in China und im Westen die grte Zahl von Anhngern hat, wird gewhnlich nicht das ganze Spektrum seiner Kampf- techniken gelehrt. Das Hauptaugenmerk liegt zumeist auf den Formen und auf Push Hands. Auch wenn das Ba Gua und das Hsing-I sowohl im Westen als auch in China weniger Anhnger haben, pflegen wesent- lich mehr Lehrer dieser beiden Kampfknste nicht nur die Formen und das Rou-Shou-/Push-Hands-Training zu betonen, sondern auch die tat- schlichen Kampftechniken zu lehren. Da das Ba Gua unter den inneren Kampfknsten das grte Repertoire von Kampftechniken besitzt, wird sich die nun folgende Darstellung spezifischer Techniken zuerst auf das Ba Gua, dann auf das Tai Chi und schlielich auf das Hsing-I beziehen. Wo in diesem Buch nicht ausdrcklich etwas anderes gesagt wird, sind die 163
  • 164. Namen der Formbewegungen des Tai Chi aus der Nomenklatur des Yang- Stils bernommen. Damit ist keine Wertung in Bezug auf hhere oder niedere Standards impliziert; ich verwende diese Termini einfach deshalb, weil der Yang-Stil der am meisten verbreitete ist und der grte Teil der heute zugnglichen Literatur aus diesem Bereich stammt. Vergessen Sie nicht, dass all die Handtechniken der inneren Kampfkns- te, die hier erwhnt werden, und auch die vielen anderen, die nicht erwhnt sind, ausgefhrt werden knnen, whrend man ffnet und Energie aus dem Krper aussendet, aber genauso gut, wenn man schliet und Energie in den Krper aufnimmt (siehe Nei Gung, Seite 121). Der durchdringende Hieb Beim durchdringenden Hieb werden gewhn- lich die Finger, die Handflche oder die Handkante verwendet. Ein geradli- niger Hieb (der in Wirklichkeit das Resultat einer spiraligen motivierenden Kraft im Inneren ist) wird verwendet um: a) in den Krper des Gegners einzudringen; b) den Gegner vom Boden hochzuheben, whrend man in seinen Krper, seine Glieder oder seinen Kopf eindringt; c) um die Gelenke der Arme oder Beine des Gegners auszurenken; d) um den schtzenden oder angreifenden Arm des Gegners beiseite zu schlagen, whrend man ihn gleichzeitig mit dem Speer durchbohrt, ihn mit der Handflche schlgt oder ihm einen Hieb mit der Handkante versetzt. (Diese letztere Bewegung ist eine der hauptschlichen Schlagtechniken des Ba Gua.) Man findet diese Bewegung auch in der Tai-Chi-Bewegung namens Die weie Schlage streckt die Zunge heraus" und im Hsing-I in der Wasser-Element-Technik namens Bohrende Faust". Der aufwrtsgekrmmte Hieb Diesen Hieb kann man mit der Handfl- che, den Fingern, dem Handgelenk oder dem Ellbogen ausfhren. Der auf- wrtsgekrmmte Hieb wird bei gefahrlosem Training benutzt, um Energie in jemanden hinein zu entladen (das heit, um Fa Jin zu benutzen). Diese Technik kann Gegner hochheben oder sie zurckschleudern, ohne sie zu verletzen. Wenn sie benutzt wird, um den Gegner zu verletzen, kann sie Knochen brechen und die inneren Organe zerreien oder zum Bluten brin- gen (besonders wenn man die Handflche oder den Ellbogen benutzt). Sie kann auch Muskeln der Arme oder Beine an ihren Ansatzstellen abreien. Diese Bewegung findet sich auch im Anfang" des Tai Chi (Handgelenk), in Die schne Frau webt mit dem Schiffchen" (Handflchen), in Die Hnde heben" (Finger), Der weie Kranich breitet die Flgel aus" (Ellbogen) und 164
  • 165. in der zum Feuerelement gehrenden Hmmernden Faust" (Pounding Fist) des Hsing-I und seiner Huhn-, Tiger- und Affen-Form. Schneiden Das Schneiden wird einerseits benutzt, um Knochen zu zertrmmern, etwa beim Zerhacken eines Arms oder des Nackens, oder, was besonders ntzlich ist, um zu schneiden wie mit einem Messer. Die Funktion des Schlages besteht hier darin, tiefer in das Krpergewebe ein- zudringen, um durch das Vordringen in tiefere Muskelschichten schwere Verletzungen zuzufgen. Der Schnitt kann seitwrts, aufwrts, abwrts oder diagonal ausgefhrt werden, wobei die Handkante oder der Hand- sattel, die Fingerknchel, die Rckseite des Handgelenks, die Spitze des Ellbogens, die Schulter, der Kopf, die Knie oder die Fe benutzt werden. Man findet die Technik auch in vielen Zurckrollen-(Roll-Back-)Kompo- nenten der Tai-Chi-Bewegungen, im bergang zwischen dem Ende von Der weie Kranich breitet die Flgel aus" und dem Anfang von Brush Knee und Twist Step sowie in der abwrtsschneidenden Komponente der Spaltenden Faust" der Fnf-Elemente-Technik des Hsing-I, in der Ab- wrtskomponente der Hmmernden Faust" und in der Schlange, dem Adler und anderen Tierformen des Hsing-I. Fingerhiebe Fingerhiebe werden benutzt, um in das Fleisch einzudringen. Dabei kann man am Einschlagspunkt eine starke vibrierende oder scht- telnde Bewegung verwenden, eine harkende oder krallenartige Aktion, ein wellenartiges Zuschlagen und Zurckziehen, oder eine drehende, drillende, bohrende Bewegung. Das Finger-Gung-Fu des Kmpfenden muss ausge- zeichnet sein, damit er gegen den Kopf schlagen und eindringen kann, ohne sich selbst an den zustoenden Fingern zu verletzen. Dieses Training der Finger wird dadurch erreicht, dass man durch Nei Gung und die Ba- Gua-Posituren des Kreisgehens Chi in die Finger fhrt, und nicht dadurch, dass man, wie im Shaolin, Fingerliegesttze macht oder die Finger in Sand oder gegen andere Objekte stt. Fingerhiebe werden auch benutzt, um spezifische Akupunkturpunkte auf eine ganz bestimmte Art und Weise oder zu bestimmten Tageszeiten anzugreifen, um das Chi eines Gegners zu stren. (Diese Techniken heien im Kantonesischen Dim Mak und im Mandarin Dian Xue.) Im Tai Chi wird speziell bei der Rckwrtshand des Single Whip und der Vorwrtshand des Brush Knee und des Twist Step mit Fingertechniken gearbeitet, ebenso wie im Hsing-I bei den Tierformen Affe, Schlange, Tiger und Drache. 165
  • 166. Fingerknchelhiebe Fingerknchelhiebe sind im Wesentlichen dasselbe wie Fingerhiebe, auer wenn es darum geht, weiches Gewebe zu verdrehen und Knochen zu treffen. Finger leisten eine feinere Arbeit, wenn man die Muskeln, Sehnen, Venen und Gelenke eines Gegners greifen und verdrehen will, und sind letztlich wirksamer, was das Treffen weicher Oberflchen und weicher Gewebe angeht. Fingerknchel, die dieselbe krperliche Bewegung und dasselbe Jin (Kraft) anwenden, sind fr den Angreifer gewhnlich sicherer, wenn man damit Knochen trifft. Sowohl im Tai Chi als auch im Hsing-I sind Fingerknchelhiebe Bestandteil aller Schlge. Greifen Greiftechniken werden nicht nur benutzt, um einen Gegner fest- zuhalten, wie ein Ringer es tut, und ihn zu werfen, sondern auch um die Haut vom Krper zu reien oder einen Arm oder ein Bein mit einem Ge- lenk- oder Muskelhebel zu verdrehen, was extreme Schmerzen oder einen Bruch verursacht. Diese Techniken herrschen im Herabziehen" (Pull Down) des Chen-Stil Tai Chi vor sowie zum Beispiel in den 131 Spaltungstechniken innerhalb von Der weie Kranich breitet seine Flgel aus". Im Hsing-I sind diese Techniken immer dann einbezogen, wenn sich eine Hand zur Faust schliet, besonders in der Spaltenden Faust". Hiebe Hiebe knnen entweder mit der steifen oder mit der lockeren Hand ausgefhrt werden, wobei entweder die Handflche oder der Handrcken benutzt wird. Die steife oder lockere Hand kann benutzt werden wie eine Keule, um das zu zerschmettern, was sie trifft, oder um eine Vibration auszusenden, die inneres Krpergewebe in einiger Entfernung vom Auf- schlagspunkt zu verletzen. So kann zum Beispiel ein Hieb auf die Schulter die Leber verletzen, ein Hieb auf den Scheitel kann das Genick brechen oder ein Hieb in den Magen kann die Wirbelsule verletzen. Weiche Hiebe knnen dazu verwendet werden, um Knochen zu brechen (zum Beispiel den Schdel, die Rippen, das Brustbein oder die Knie). Weiche Hiebe in Kombination mit Techniken, die eine spiralige Umkehrung der Bewegung verwenden, sind ideal geeignet, um die inneren Organe eines Gegners zu verletzen. Im Rou Shou des Ba Gua werden aus Grnden der Sicherheit kraftvolle Durchdringungshiebe vermieden, whrend im Kampf Kraft- durchdringung benutzt wird, um innere Organe zum Platzen zu bringen. Hiebe gegen den Kopf werden ebenfalls verwendet, nicht um Knochen zu brechen, sondern um eine Gehirnerschtterung herbeizufhren, die den Gegner das Bewusstsein verlieren lsst, die zu inneren Blutungen oder 166
  • 167. zum Tode fhrt. Diese Hiebe tauchen im Tai Chi im Brush Knee und Twist Step auf, in der Abwrtsbewegung des Anfangs", im Roll Back und im bergang vom Schultersto zu Der weie Kranich breitet seine Flgel aus". Sie sind zudem enthalten in der Spaltenden Faust sowie in den kleinen bergangsteilen der Tierformen des Hsing-I. Links-rechts-, Vorwrts-rckwrts- und Auf-und-nieder-Umkehrun- gen Die Umkehrungstechniken beruhen auf der S-frmigen Bewegung die sich im Yin-Yang-Symbol des Tai Chi findet, das die spiraligen und kreisfrmigen Bewegungen des Ba Gua inkorporiert. Sie sind in den meis- ten Ba-Gua-Bewegungen zu finden, weniger hufig im Chen-Stil Tai Chi (besonders in den Wrfen), noch weniger hufig in den Bewegungen des kleinen Rahmens des Yang-Stil- und des Wu-Stil Tai Chi, und am wenigsten hufig in den grorahmigen Methoden im Yang-Stil Tai Chi. Umkehrhiebe Der erste Hieb benutzt die erste Hlfte der S-frmigen Be- wegung. Dies fhrt dazu, dass sich der Gegner mit starkem Schwung in eine Richtung bewegt: aufwrts oder abwrts, nach links oder rechts, vor oder zurck oder in einer diagonalen Richtung. Whrend der Gegner sich in eine Richtung bewegt, schlngelt Ihr Krper sich zurck und schlgt aus der Gegenrichtung zu. Diese Umkehrung vervielfacht die Kraft, mit der Sie einen Gegner schlagen oder werfen knnen. Das ist eine Wir- kung wie bei einem Frontalzusammensto mit einem anderen Auto: Der Schwung des Gegners aus dem ersten Hieb trifft auf die zweite Hlfte der Kraft Ihrer S-frmigen Bewegung, die nun in die Gegenrichtung geht. Dieser Frontalzusammensto-Effekt wird noch durch die kinetische Kraft des Richtungswechsels Ihres eigenen Gewichts und Ihrer eigenen Energie verstrkt. Die Rechts-links-Umkehrungen werden blicherweise benutzt, um den Kopf, den Nacken oder die Rippen des Gegners zu treffen. Die Auf-ab-Umkehrungen werden gewhnlich benutzt, um dem Nacken oder der Wirbelsule des Gegners ein Schleudertrauma zu versetzen und den Krper dann in der Aufwrtsbewegung zu treffen. Der Krper des Geg- ners ist durch den Peitschenhieb so desorientiert, dass er sich nicht gegen einen auf ihn zukommenden Hieb wappnen und ihn absorbieren kann, was eine verheerende Wirkung hat. Wenn Nacken und Wirbelsule ein Schleudertrauma erleiden, kann Ihr Gegner bei einem Hieb nicht zurck- weichen. Das hat dieselbe Wirkung, als wrde Ihr Gegner mit dem Krper an einer Wand stehen, wenn er getroffen wird. Die Vorwrts-rckwrts- 167
  • 168. Umkehrungstechnik wird angewendet, um den Hals oder die Wirbelsule eines Gegners zu brechen oder um einen Gegner mit dem Gesicht zuerst auf den Boden zu werfen. Umkehrwrfe Wurfaktionen folgen im Allgemeinen demselben Umkeh- rungsmuster wie die S-frmigen Schlge mit der Hand. Die vertikale Zu- Boden-werfen-Technik, die von der Die Schlange kriecht abwrts"-Positur des Tai Chi/Ba Gua abgeleitet wurde, ist ein einzigartiger Aspekt des Ba Gua. Sie wird besonders hufig im Cheng-Ting-Hua-System des Ba Gua angewendet, das die meisten Wurftechniken entwickelt hat. Zu diesen Techniken gehren die folgenden: 1. Der vertikale Abwrtsfall wird von einer Links-rechts- oder einer Vorwrts-rckwrts-Umkehrung gefolgt; das alles wird in einer schnellen, flssigen und koordinierten Bewegung ausgefhrt. 2. Das Absenken des Krpers (entweder physisch oder energetisch oder beides zusammen) wird mit einer gleichzeitigen Aufwrtsbewegung der Arme koordiniert. 3. Wenn der Krper Ihres Gegners in der Hhe Ihres Unterleibes an- gekommen ist, senken Sie den Krper ab und kehren die Bewegung dann nach oben um, was dazu fuhrt, dass seine Beine nach oben und sein Kopf oder sein Krper abwrts auf den Boden geschleudert wer- den. Diese Bewegung wird noch dadurch verkompliziert, dass sich Ihr Krper und/oder Ihre Fe zustzlich zu der Auf-ab-Bewegung Ihres Krpers/Ihres Chi in jede beliebige Richtung bewegen knnen. Im Ba Gua sind die Wrfe besonders abhngig von einem raschen ffnen und Schlieen der Gelenke und der Krperhhlungen sowie von einer ffnenden und schlieenden sowie beugenden Aktion der Wirbelsule. Kampfknstler, die ein gutes Repertoire von Wrfen besitzen, werden in der Lage sein, ihre Techniken relativ leicht an den Cheng-Ting-Hua-Stil des Ba Gua anzupassen, und werden finden, dass die Wurf-, Hieb- und Tritttechniken des Ba Gua einander ausgezeichnet ergnzen. Wer auf das Schlagen und Treten spezialisiert ist, wird finden, dass die Wurftechniken des Ba Gua sich relativ leicht in einen Stil integrieren lassen, der sich auf das Schlagen konzentriert. Wenn man im Kampf vielseitige Fertigkeiten besitzen will, dann ist es wichtig, auch Wrfe zu beherrschen. Kmpft man mit mehreren Gegnern gleichzeitig, ist es hilfreich, wenn man einen Gegner in einen anderen hineinwerfen kann, so dass sein Krper den 168
  • 169. anderen daran hindert, auf Sie einzustrmen. Dies bedeutet im Grunde, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, besonders wenn die Fe des einen Gegners den Kopf oder die Knie des anderen treffen. Zusammen mit dem Drehen und den Fuarbeitsmustern des Ba Gua haben die S-frmigen Umkehrungen erheblichen Anteil an dem mal siehst du es, mal siehst du es nicht"-Phnomen der Ba-Gua-Anwendungen. Ein Ausbender des Ba Gua scheint zu den unerwartetsten Momenten zu er- scheinen und zu verschwinden; er ist aufgrund der komplexen Fuarbeit, der schnellen Hftdrehungen und des kurzen Aussetzens des Gewahrseins des Gegners mitten in einer Richtungsumkehrung dazu in der Lage. Im Tai Chi sind diese S-Kurven-Techniken besonders in allen Zweigen des Chen-Stils anzutreffen. Sie tauchen im Tai Chi des groen und des mittleren Rahmens lngst nicht so hufig auf wie in den Tai-Chi-Stilen des kleinen Rahmens. Im Hsing-I sind diese Techniken am seltensten; sie sind dort einzig in den Tier-Stilen wie Br oder Schlange anzutreffen. Vibrierende Schlge Die Vibrationstechniken werden im Chinesischen Dou Jin genannt. Im Ba Gua lsst man mit diesen Techniken das gesam- te Chi des Krpers vibrieren, was dazu fhrt, dass sich das ffnen und Schlieen im Krper mit hoher Geschwindigkeit vollzieht. Das erzeugt einen Maschinengewehr-Effekt, bei dem der Gegner in einem Augenblick mit voller Kraft von fnf oder sechs vibrierenden Schlgen getroffen wird. Diese Schtteltechniken sind besonders ntzlich: 1. um aus einer Distanz von nur 1 bis 2 Zentimeter Knochen zu zer- trmmern, 2. wenn man auf uerst kurze Distanz kmpft, zum Beispiel wenn man von einem Ringer festgehalten wird und nicht gengend Distanz hat, um zu einem Hieb auszuholen; 3. um sich von Hebeln zu befreien; 4. gegen Kmpfer, die die Eisenhemd-Technik entwickelt haben, durch die sie eine ihre inneren Organe schtzende Luftschicht wie ein Autoreifen um ihren Krper herum erzeugen knnen; 5. bei seitlichen Hieben gegen einen Boxer, der Schlgen gegen den Kopf auszuweichen vermag. Im Falle des Kampfknstlers, der die Schutztechnik des Eisenhemds gemeis- tert hat, und des Boxers, der auszuweichen vermag, sind die verletzlichen Teile des Krpers tatschlich abgeschirmt. Benutzt man die Vibrationstech- 169
  • 170. nik gegen solch einen Kmpfer, dann entfernt die erste oder zweite Vi- bration die Pufferzone des Gegners, und der nchste vibrierende Hieb fgt dann die Verletzung zu. Die vibrierende Kraft hat ihren Ursprung im Dantien und kann den Krper augenblicklich durchstrmen (wie bei einem Hund, der sich Wasser aus dem Fell schttelt), oder man kann sie in jeden spezifischen Punkt des Krpers oder auch in mehrere Punkte fokussieren, selbst in den Kopf oder die Hften. Diese Technik, die man am hufigsten in den Drachen-Stilen des Ba Gua antrifft, ist eine fortgeschrittene Technik, aber eine sehr wichtige. Dou Jin wird auch hufig im Hsing-I verwendet (besonders in der I Chuan Linie) sowie im Chen-Stil und im alten Stil" des Yang Tai Chi Chuan, wenn auch im Allgemeinen nicht in den neuen" Stilen, die auf Yang Chen Fu zurckgehen. Kompressionshiebe Bei den Kompressionshieben wird die Kraft des Schlages mit dem Gefhl eines schweren dumpfen Schlages in einen Punkt in der Tiefe des Ziels kondensiert. Mit einem solchen Hieb kann man zum Beispiel den fnften Ziegelstein in einem Stapel von fnfzehn Ziegelsteinen zerbrechen. Wenn Sie diese Technik an einem Sandsack ben (was jedoch im Ba Gua gewhnlich nicht zu empfehlen ist, wenn man sein inneres Chi in maximalem Ausma entwickeln mchte), dann wird sich die volle Kraft Ihres Schlages im Zentrum des Sandsacks konzentrieren, whrend der Sack selbst sich gar nicht bewegt. Diese Hiebe knnen benutzt werden, um innere Organe oder das Gehirn zu verletzen. Dies ist eine frhere Ebene der Baumwollhand", und die Technik wird oft als das Innere-Kampfkunst- quivalent der Eisenhand" des Shaolin bezeichnet. Diese Methode gibt es in allen drei Stilen, wo sie gleichermaen mit der offenen Hand, der Faust oder dem Unterarm ausgefhrt wird. Hiebe mit der Baumwollhand" Diese weichen Schlge beruhen auf der Kraft und dem Durchdringungsvermgen Ihres inneren Chi. Bei diesen Schlgen sollte man ebensoviel krperliche Kraft anwenden, wie wenn man einem Neugeborenen ber den Kopf streicht. Die Durchdringungskraft des Chi jedoch kann beim Gegner ein leichtes Unbehagen verursachen oder auch starke vorbergehende Schmerzen ohne Nachwirkungen, innere Blutungen oder den Tod. Um diesen Hieb anwenden zu knnen, braucht man ein extrem ausgereiftes Knnen und ausgezeichnete Kontrolle ber das eigene Chi. Auch diese Technik ist allen fortgeschrittenen Ebenen aller inneren Kampfknste gemeinsam. 170
  • 171. Hiebe mit Wellenenergie Wellenenergie-Hiebe scheinen weich oder kraftlos zu sein, knnen jedoch extrem machtvoll sein. Sie basieren darauf, dass man eine Schockwelle durch den Gegner sendet. Die Kraft dieser Hiebe hnelt der Kraft, die unter der Oberflche groer Ozeanwellen vorhanden ist, die jedoch an der Oberflche nicht zu sehen ist. Diese Schlge fhlen sich extrem leicht und gewichtlos an. Sie sind Bestandteil der fortgeschrit- tenen Ebenen aller drei inneren Kampfknste. Die gleichzeitige Projektion von Energie in entgegengesetzte Richtungen Man kann Energie aus den Hnden gleichzeitig in entgegengesetzte Rich- tungen projizieren, um Gelenke zu zertrmmern, das Rckgrat zu brechen, innere Organe zu zerstren oder den Kopf zu durchdringen. Diese innere Technik ist in viele Bewegungen aller drei Stile inkorporiert. Chin Na Zum Chin Na gehrt, dass man die Hand, einen Arm, eine Schulter, Hft- oder Beingelenke eines Gegners nimmt und sie so verdreht, dass man extreme Gelenkschmerzen oder einen Bruch verursacht. Zu dieser Aktivitt kann gehren, dass man den Finger einer Person verdreht, um eine Schulter auszukugeln, oder das Fugelenk verdreht, um ein Knie, eine Hfte oder den Rcken einer Person auszurenken. Im Ba Gua und den meisten anderen chinesischen Kampfknsten macht Chin Na nie mehr als 5 oder 10 Prozent der Anwendungen aus. Wenn sich ein Gegner sehr schnell bewegt und den Krper biegt, um die Winkel zu verndern, kann es uerst schwierig sein, irgendeines seiner Gelenke zu fassen zu bekommen. Wenn man die Gelegenheit erhlt, einen Chin-Na-Hebel anzuwenden, kann man das nur ein Geschenk nennen. In den japanischen und koreanischen Kampfkns- ten, wo die Hiebe gewhnlich linear sind, lsst sich das Chin Na hufiger anwenden, weil die Gelenke eines Angreifers gewhnlich gerade gehalten werden. In den chinesischen (und anderen) inneren Kampfknsten, wo die Gelenke stndig einknicken und sich biegen und niemals ganz gerade sind, ist es sehr schwierig, Chin-Na-Hebel anzuwenden. 171
  • 172. Im Tai Chi besitzt der Chen-Stil die grte Bandbreite von Chin-Na- Techniken, whrend der Yang-Stil die geringste Anzahl besitzt. Im All- gemeinen verfgt das Hsing-I ber ein geringeres Spektrum an Chin-Na- Techniken als sowohl das Ba Gua als auch das Tai Chi. Wrfe Das Ba Gua besitzt eine groe Bandbreite an Wurftechniken. Dies gilt besonders fr die Stile, die auf die Schule von Cheng Ting Hua, eines Meisters des Shuai Jiao (chinesisches Ringen), zurckgehen. Weil es nicht allzu viele verschiedene Mglichkeiten gibt, einen Menschen zu werfen, finden sich die gleichen Arten von Wrfen wie im Ba Gua auch im Judo, Jiu Jitsu, Aikido, Ninjutsu, im chinesischen Ringen und im Nrdlichen Shaolin mit ihren Fufegern, Beinhebeln und Brechern. Echte Kampfwrfe werden im Ba Gua angewendet um: 1. den Krper eines Gegners zu verletzten, indem man eine Schulter, einen Ellbogen, ein Fugelenk, ein Knie, eine Hfte oder den Nacken bricht; 2. um einem Gegner den Atem zu rauben, so dass er nicht weiter anzugreifen vermag; 3. den Angreifer zu tten. Im Ba-Gua-Training mit einem Partner werden Wrfe so ausgefhrt, dass niemand absichtlich verletzt wird. Der wichtigste Punkt, den es hier zu betonen gilt, ist nicht, welche spezifischen Wrfe es im Ba Gua gibt (das zu erklren, wrde mehrere Bcher fllen), sondern ist die Flssigkeit und Verbundenheit zwischen Wrfen, Tritten, Hebeln und Armhieben, die im Ba Gua einzigartig sind. Simultane Hebelwrfe sind im Ba Gua blich, ebenso wie der bergang vom Werfen einer Person zum Hieb gegen eine andere Person, oder umgekehrt. Ein anderer einzigartiger Aspekt der Kunst des Ba Gua ist die Fhigkeit, Wrfe, Hiebe, Tritte und Hebel flssig abzu- wechseln, whrend man sich in vllig verschiedene Winkel bewegt und es mit verschiedenen Gegnern aufnimmt. Der Yang-Stil des Tai Chi konzentriert sich im Allgemeinen nicht sehr stark auf Wrfe, auch wenn seine Hauptvariante, der Wu-Stil, das tut. Der Chen-Stil hat das breiteste Repertoire an Wurftechniken im Tai Chi. Im Hsing-I sind die Wurftechniken eher in seinen Tier-Stilen anzutreffen als in den Fnf Elementen (siehe Seite 295). Alles in allem betont das Hsing-I von allen inneren Kampfknsten die Wurftechniken am wenigsten. 172
  • 173. Tritttechniken Im Ba Gua gibt es uerst hoch entwickelte Tritttechniken. Sie sind Teil dessen, was im Ba Gua Chi Shi Er Tui oder die zweiundsiebzig Bein- techniken" genannt wird. Beim allergrten Teil dieser zweiundsiebzig Techniken geht es um den Gebrauch der Knie, des Schienbeins und der Fe zum Angriff whrend eines Schritts. Dazu gehren Beinhebel, Wrfe, Stampfer und Tritte. Im Gegensatz zu den Behauptungen einiger englischsprachiger Bcher ber das Ba Gua gibt es tatschlich Tritte ber Taillenhhe, aber solche hohen Tritte werden gewhnlich auf ein Mindestma beschrnkt. Einige Schulen in Beijing lehren neue Schler, die zuvor im Training des Nrd- lichen Shaolin (wo die Techniken des hohen Tritts ebenso entwickelt sind wie im Tae Kwon Do, Karate, Savate oder Kickboxen) hohe Tritte gelernt haben, die Ba-Gua-Methoden des hohen Tritts. Diese Schler werden ge- lehrt, wie sie ihre zuvor gelernten hohen Tritte in Methoden des hohen Tritts umwandeln knnen, die auf den inneren Prinzipien und der spe- zifischen Zirkularitt und der spiraligen Natur des Ba Gua basieren. Die Tianjin-Schulen des Ba Gua verwenden ungern Tritte oberhalb der Hhe des Solarplexus, und viele der sdchinesischen Ba-Gua-Schulen mgen keine Tritte ber der Taille. Wenn sie die Wahl haben, treten Ausbende der sdlichen Stile vorzugsweise nicht oberhalb der Leisten oder Nieren. Das Grundprinzip und die bevorzugte Vorgehensweise im Ba Gua lsst sich folgendermaen formulieren: Je niedriger der Tritt, desto umsichti- ger und wirksamer ist er." Alle Ba-Gua-Schulen benutzen alle mglichen runden, rckwrtigen, seitlichen und drehenden Tritte, die hchstwahr- scheinlich aus dem Nrdlichen Shaolin abgeleitet sind, die aber zustzlich die eigentmliche kreisfrmige und spiralige Methodologie des Ba Gua verwenden. Einer der Grnde, warum viele Ausbende des Ba Gua hohe Tritte vermeiden, ist, dass man beim Stehen auf einem Bein, um mit einem Tritt anzugreifen, die Genitalien, das Knie, Bein, Steibein und die Wirbelsu- le blolegt, wenn das tretende Bein sich in die Luft erhebt. Die meisten Kampfknstler werden sich darauf konzentrieren einen Tritt abzublocken und dann zu kontern. Ausbende des Ba Gua werden sich stattdessen darauf konzentrieren, das tretende Bein abzufangen und zu kontrollieren, und vermittels dieser Kontrolle dann den Unterkrper des Angreifenden anzugreifen. Da die Ba-Gua-Kmpfer Methoden kennen, wie sie jedes 173
  • 174. Gelenk der unteren Krperhlfte und der Wirbelsule ausrenken knnen, haben sie ihre ganz eigenen Vorgehensweisen in Hinsicht auf Tritte, be- sonders beim Kampf mit mehreren Gegnern. Eine Faustregel ist, dass man den Gegner aus dem Gleichgewicht bringen sollte - entweder durch die eigene Aktion oder die des Gegners -, bevor man tritt. Es gibt im Ba Gua zwar Tritte zum Kopf, aber im Allgemeinen gilt, dass man sich umso mehr Blen gibt, je hher der Tritt ist. Wenn man trotzdem oberhalb der Leisten oder Nieren tritt, dann sollte das nur unter ganz bestimmten Umstnden geschehen, wie zum Beispiel: 1. Ihre Hnde mssen den Gegner so kontrollieren, dass kein Konter mglich ist. 2. Wenn Ihre Hnde den Gegner nicht kontrollieren, dann mssen sie seinen Krper so verdrehen oder verwinden, dass dennoch kein Gegenangriff mglich ist. 3. Wenn Sie jemanden geworfen haben und er sich gerade in der Luft befindet, so dass er nicht kontern kann. In Hinsicht auf die Frage, ob man treten sollte oder nicht, ist der wichtigste Punkt, den es zu beachten gilt, dass man dann, wenn ein Gegner den Tritt kontern knnte, in der Lage sein muss, den Konter zu erkennen und ihn zu unterbinden oder den Tritt abzubrechen und zu einer anderen Technik berzugehen. Die Verteidigungstechniken aller drei inneren Kampfknste konzentrieren sich darauf, jede Gelegenheit auszunutzen, das tragende Bein oder die Wirbelsule des Gegners anzugreifen, wenn er sie beim Angriff mit einem hohen Tritt blolegt. Das Tai Chi hat ein kleineres Repertoire an Tritttechniken als das Ba Gua. Es konzentriert sich hauptschlich auf hohe wie niedrige Vorwrtstritte, seitliche Tritte und Lotos-Tritte (Auswrtssichel) sowie Rundtritte gegen den Unterkrper. Im Chen-Stil werden Sprungtritte praktiziert, whrend das im Yang- und im Wu-Stil nur innerhalb der Waffen-Techniken geschieht, besonders beim Kampf mit dem Breitschwert. Das Hsing-I verwendet keine Tritte gegen den Kopf und kennt nur den abwrts stampfenden Tritt gegen den Oberkrper. Allerdings gibt es im Hsing-I die ganze Bandbreite der Tritte gegen den Unterkrper, besonders gegen das Knie. Die Tritte im Ba Gua stammen aus den folgenden drei Quellen. Ein Tritt ist ein Schritt und ein Schritt ist ein Tritt Das Grundprinzip des Tretens im Ba Gua ist, dass jeglicher Tritt ein Schritt ist und jeglicher 174
  • 175. Schritt ein Tritt. Alle Schritte des Kreisgehens im Ba Gua lassen sich in Trittaktionen berfhren. Die Vorwrtsschritte des Ba Gua werden dann zu Vorwrtstritten, die Rckwrtsschritte zu Rckwrtstritten, die Seit- wrtsschritte zu Seitwrtstritten, die Kou-Bu-Schritte zu runden Tritten und die Bai-Bu-Schritte zu Sichel- und Hakentritten. So kann zum Bei- spiel ein Schritt vorwrts zu einem Tritt werden, der berall hin zwischen Fugelenk und Kopf zielen kann. Diese Tritte werden unmittelbar vom Boden aus gefhrt, ohne dass das Knie vor dem Treten angehoben wird. Solche Tritte sind Teil der normalen Gehsequenz und kommen gewhnlich unterhalb des Gesichtsfeldes des Gegners hoch, so dass sie fr den Gegner relativ unsichtbar sind. Im Ba Gua wird die Mehrzahl der Tritte nicht wie im Karate, Nrdlichen Shaolin oder Savate ausgefhrt, wo man steht und dann zuerst das Knie hebt, um dann zu treten. Die Mehrzahl der Tritte im Ba Gua wird vielmehr ausgefhrt, whrend man einen Schritt macht; anstelle des Schrittes hebt sich das Bein in Form eines Tritts auf einer geraden Bahn vom Boden. Diese Details der Tritttechnik, die im Gehen des Ba Gua verborgen sind, sind nur wenig bekannt. Dieselbe Situation gibt es im Tai Chi, wo in der Art und Weise, wie der Fu auf dem Boden steht, wie er gehoben und in der Luft bewegt und wie er wieder abgesetzt wird, ein ganzes verborgenes Repertoire von Tritt-, Block- und Wurftechniken enthalten ist. Um sich in diesen Techniken zu schulen, muss man die Geschwindigkeit der Tai-Chi-Form dramatisch verlangsamen. Diese Langsamkeit ist notwendig, um die auerordentliche Balance und Verwurzelung sowie die Fhigkeit, an den Beinen des Gegners zu kleben zu entwickeln, fr die das Tai Chi in China zu Recht berhmt ist. Um diese verborgenen Techniken von Tai Chi und Ba Gua erlernen zu knnen, braucht man die Anleitung eines Meisters der inneren Kampf- kunst, der einem die subtilen Methoden zu erklren vermag, wie man seine mentale Intention benutzen kann, um den Krper zu aktivieren. Ohne eine solche Unterweisung kann es sein, dass selbst ein Kampfkunstexperte die Techniken nicht zu erkennen vermag. Die Schritttechniken des Hsing-I zielen besonders darauf ab, gegen den Unterkrper eines Angreifers zu treten oder stampfen. Aus Formen abgeleitete Tritte und Knieste Im Ba Gua schliet die Arbeit mit Formen spezifische Bewegungen ein, die zu Vorwrts-, Seit- wrts- oder runden Tritten fhren, wozu gewhnlich auch hohe Tritte 175
  • 176. zum Nacken oder zum Kopf gehren sowie Knieste zum Brustkorb, den Rippen und den Hften. Dabei wird das Knie gewhnlich zuerst angehoben, bevor der Tritt ausgefhrt wird. Dasselbe gilt fr die spezifischen Tritte im Tai Chi und Hsing-I. Abwrtstreten oder Stampfen Diese Abwrtstritte entstehen aus ei- nem pltzlichen Absenken des physischen Krpers und einem pltzlichen Absinken des Chi durch das Bein in den Fu. So enthlt zum Beispiel Die Schlange kriecht abwrts" einen niedrigen Seitwrtstritt; ein Ze- hen auswrts"-Schritt des Ba Gua enthlt ein 45-Grad-Stampfen zum Knie-Schienbein des Gegners, zum Fugelenk und/oder zum Fu. Und ein Abwrts-und-seitwrts-Stampfen nach hinten entwickelt sich aus der Aktion einer klaren Abwrtsbewegung beim Schritt. Stampfen gegen den Unterschenkel oder den Fu wird verwendet, um ein Bein, ein Gelenk oder die Wirbelsule des Gegners auszurenken oder zu brechen. Diese Techniken herrschen besonders im Hsing-I vor. Auch wenn es eine Spezialitt von Ba-Gua-Kmpfern ist, ein tretendes Bein des Gegners abzufangen und dann das Bein und/oder die Wirbelsule des Gegners zu brechen, treten sie selber nicht zu, wenn sie nicht sicher sind, dass der Tritt nicht gekontert werden kann. Zu diesen Methoden gehrt das Kreuzen der Arme des Gegners; die Balance des Gegners kon- trollieren, gewhnlich indem man seine Hnde ergreift und ihn aus der Balance zieht; den Schwung des Gegners so lenken, dass er nicht mehr die Richtung wechseln und zugreifen kann; oder den Gegner treten, wenn einer oder beide seiner Fe in der Luft sind. Mangel von Techniken am Boden Etwas, das im Repertoire des Ba Gua nur allzu offensichtlich fehlt, sind Techniken fr den Kampf am Boden. Im Ba Gua gilt der Kampf am Boden als angemessen fr den Kampf mit nur einem Gegner, aber als strategisch unklug im Kampf mit mehreren Gegnern. Hier ist man der Ansicht, dass ein Gefhrte des Gegners, mit dem Sie am Boden ringen, Sie angreifen und Sie treten oder auf Sie stampfen oder Sie anderweitig auf tdliche Weise verletzen kann. Nichtsdestoweniger werden die Wrgegriffe und Festhaltetechniken der Bodenarbeit auch im Ba Gua ausgefhrt, allerdings in einer stehenden Positur oder einer tiefen Hocke. Aufgrund seiner niedri- gen Standposituren, des Kreisgehens und der spezifischen Posituren in der 176
  • 177. Ba-Gua-Form besitzt diese Kampfkunst Techniken zum Bodenkampf, bei denen die Gesbacken nur wenige Zentimeter vom Boden entfernt sind. Diese Haltungen ermglichen es Ihnen, einen groen Gegner zu unterlaufen oder mit Bodenkmpfern und Ringern umzugehen, wobei Sie trotzdem fortfahren knnen, mit acht Gegnern gleichzeitig zu kmpfen. Wie das Ba Gua, besitzt auch die Kampfkunst des Tai Chi extrem tiefe Hockposituren (wie bei der Hockenden Einzelpeitsche, dem Sto abwrts und extrem niedrigen Push-Hands-Praktiken). Das Hsing-I hat Affen-, Drachen- und Adler-Posituren fr den Bodenkampf. blicherweise lsst sich in den inneren Kampfknsten eine Reihe von Techniken anwenden, wenn man auf dem Boden kmpft, etwa Nervenhiebe, Hautkrallen, um heftige Schmerzen zu verursachen, und verletzende Hiebe ohne Ausholbewegung. Was den Kampf gegen einen Gegner angeht, ist es durchaus legitim, wissen zu wollen, wie man vorgehen soll, wenn man es auf dem Rcken oder auf dem Bauch liegend mit einem im Bodenkampf erfahrenen Gegner aufnehmen muss, der einem die Gelenke brechen oder die Luft abschnren kann. Bei einem entsprechenden Training mssen folgende Punkte beachtet werden: 1. Auf einer Matte oder auf Beton am Boden zu kmpfen, verlangt ei- nen ziemlich gesunden Krper, weil die Gelenke und die Wirbelsule beim Bodenkampf besonders anfllig fr Verletzungen sind. (Wer zum Beispiel chronische Rckenprobleme hat, sollte es besonders vermeiden, geworfen zu werden oder den Krper beim Ringen auf dem Boden mit Gewalt verdreht zu bekommen.) 2. Der Bodenkampf ist in jungen Jahren leichter zu erlernen; sind einem die Fertigkeiten fr den Bodenkampf allerdings erst einmal in Fleisch und Blut bergegangen, dann kann man sie sich bis in ein hohes Alter bewahren, wie etliche erstklassige Judo- und Jiu- Jitsu-Kmpfer bewiesen haben. 3. Es empfiehlt sich, sich in verschiedenen Kampfknsten zu schulen und den Wert von Bodenkampftechniken des Judo, Jiu Jitsu und Aikido (Swari Waza genannt) kennen zu lernen, auch wenn man nur lernen will, wie man sich gegen sie verteidigen kann. Es gibt natrlich eine Menge von Dingen, die man in einem echten Kampf auf dem Boden tun kann, die normalerweise von den Regeln der Ringkampfknste verboten sind, wie etwa Beien, Kratzen, in die Leiste greifen oder den Kopf des Gegners auf den Boden schmettern. 177
  • 178. 4. Wenn man einmal eine gewisse Fertigkeit im Ringen erlangt hat, sollte man sich nicht allzu sehr darauf verlassen und zu lange auf dem Boden bleiben. Wie das Ba Gua betont, ist man beim Boden- kampf besonders verletzlich, wenn man es mit mehreren Gegnern zu tun hat. Die richtige Balance zwischen einem regelmigen Training in den inneren Kampfknsten und einem Training in den Ringkampfknsten zu finden ist, wie bei allem anderen, eine Frage der Abwgung der zur Verfgung stehenden Zeit gegen die eigenen Prioritten. Kampfwinkel In einer Konfrontation mit einem Gegner mchte man vermeiden, ber- wltig zu werden, whrend man gleichzeitig den Gegner berwltigen mchte. Man kann die Situation mit der einer Mcke vergleichen, die nach einer Mahlzeit sucht, aber erst einmal ein Loch im Moskitonetz finden muss, um zu ihrem Opfer vorzudringen, whrend man selbst sein Moskitonetz frei von Lchern halten mchte. Jeder Angriff hat dann am meisten Aussicht auf Erfolg, wenn es fr sie eine klare Linie ungehinderten Zugangs zu seinem Ziel gibt. Das heit, dass es ein deutliches Loch in dem Moskitonetz gibt, durch das die Mcke leicht hindurchfliegen kann. Fr einen Kampfknstler gibt es nur wenige Mglichkeiten, solch ein deutliches Loch im Netz aufzutun: 1. Ihr Gegner ist benommen oder aus irgendeinem Grund bewegungs- unfhig. 2. Sie knnen sich so schnell bewegen, dass Ihr Gegner Ihren Angriff gar nicht kommen sieht oder nicht genug Zeit hat, um angemessen zu reagieren. 3. Indem Sie die Winkel Ihrer Arme, Beine und Ihres Torso ausrichten, knnen Sie der Kraft Ihres Gegners ausweichen und unbehindert durch jedes kleine Loch schlpfen, das sich in seiner Verteidigung auftut. Wenn die Arme oder Beine Ihres Gegners die Ihren berhren oder auf irgendeine Weise Ihren klaren Angriffswinkel blockieren knnen, dann kann es sein, dass Ihrem Angriff genug Kraft entzogen wird, so dass er entweder vllig wirkungslos bleibt oder doch in seiner Wirkung nicht 178
  • 179. dem entspricht, was im Moment ntig wre. Die Arme von jemandem zu treffen ist etwas ganz anderes, als einen offenen Zugang zu einem Angriff auf seinen Krper oder seinen Kopf zu haben. Ganz hnlich ist es mit der Defensive. Wirksame defensive Kampfwinkel erlauben es dem Verteidiger, die Kraft des Angreifers mit minimalem Kraftaufwand abzulenken, was es mglich und leichter macht, zum Gegenangriff berzugehen. Je besser der Verteidigungswinkel ist, desto weniger Kraft des Angreifers wird der An- gegriffene mit seinem Krper absorbieren mssen, was besonders wichtig ist, wenn der Gegner deutlich strker ist. Je mehr der Angegriffene von der Kraft des Angriffs frontal einstecken muss, desto grer ist die Gefahr, dass er durch den Schock des Treffers zeitweilig in seiner Bewegung stecken bleibt und damit noch verletzlicher fr den nchsten Angriff wird und nicht zu einem wirksamen Gegenangriff fhig ist. Wenn Sie Ihre Kampftechnik also auf realistische Weise in einem Kampf anwenden mchten - entweder zur Verteidigung oder zum Angriff ist das Erlernen der Kampfwinkel eine grundlegende Fertigkeit, die fr alle drei inneren Kampfknste von wesentlicher Bedeutung ist. Die Kampf- winkel-Methoden des Ba Gua sind unter den drei inneren Kampfknsten wohl die am hchsten entwickelten (siehe Seite 355). In der ersten Phase der Unterweisung in den Kampftechniken und ihren grundlegenden Kampfwinkeln werden diese in allen drei inneren Kampf- knsten oft durch festgelegte und choreographierte Angriffs- und Vertei- digungsbewegungen eingebt, die blicherweise Zwei-Personen-Formen genannt werden. Zwei-Personen-Formen sind sehr ntzlich, um in allen drei inneren Kampfknsten das grundlegende Kampfvokabular zu erlernen. Diese Formen sind jedoch nur ein anfnglicher Ausgangspunkt fr das Verstndnis der Techniken und fr das Erlangen der Fhigkeit, das ganze Potenzial dieser Techniken und die Kampfwinkel, die sie enthalten, prak- tisch umsetzen zu knnen. Man gelangt gewhnlich dazu, dieses Potenzial auszuschpfen, indem man den Herz-Geist entwickelt, was durch bungen mit Handberhrung und nicht-festgelegte Sparrings geschieht. 179
  • 180. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Wing Chun In den frhen 1970er Jahren schien niemand in Chen Man-chings Schule in New York freies Sparring zu praktizieren. Whrend dieser Zeit freundete ich mich mit dem inzwischen verstorbenen Clifton Cooke an, der einer der besseren Praktizierenden des Push Hands in dieser Schule war. Das fhrte dazu, dass wir beide in der Schule und auerhalb der Schule gemeinsam unablssig die Formen, Push Hands, Schwertkampf und die Zwei-Personen-Formen b ten. Eines Tages er- zhlte mir Clifton, er lerne eine aus Kanton stammende Shaolin-Kampf- kunst, die sich Wing Chun nenne. Er beschrieb sie als eine auf linearen Methoden basierende Kampfkunst, in der es nicht viel formelle Arbeit mit Formen oder Chi Gung gbe und die sich stattdessen auf eine Form des Sparring mit Handberhrung konzentriere, die Chi Sau genannt werde. Im Chi Sau kann man die Sensibilitt des Push Hands des Tai Chi erlernen und anwenden, whrend man gleichzeitig versucht zu stoen, zu schla- gen und sogar gegen die Schienbeine und Knie des Partners zu treten. Was er mir erzhlte, hrte sich interessant an, und so begann ich, damals und auch nach meinem letzten Ausflug in den Osten gemeinsam mit ihm Wing Chung zu lernen. Das Wing Chun gefiel mir, weil seine Ste und Schlge ein tief in mir vorhandenes Bedrfnis erfllten, die sanften Tech- niken in einem realistischen Sparring anzuwenden, wozu sich beim Push Hands keine Gelegenheit bot. In den 1970er Jahren war das Wing Chun in Amerika und Europa so ziemlich die einzige Kampfkunst, in der man die Armberhrungssensibi- litt in Sparrings stundelang mit enthusiastischen Partnern erlernen und ben konnte.21 Die bung in dieser Kampfkunst war gut fr mich, da sie mir erlaubte, die Sensibilitt beim Schlagen, Kontrollieren und Abfangen zu erlangen, die notwendig ist, wenn man die Fhigkeit zum Kleben" in irgendeinem Stil der Kampfkunst wirklich meistern will. In Taiwan herrschte nie ein Mangel an bereitwilligen bungspartnern und Lehrern 21 In den 1970er Jahren waren die meisten der Shaolin-Schulen der Kampfkunst im Westen noch nicht vertreten. Jene, die hier anzutreffen waren, kamen hauptschlich aus Kanton, nicht etwa, weil diese Schule in China vorherrschend war, sondern weil kaum Ausbende aus anderen Regionen Chinas entweder als Einwanderer oder als Studenten in den Westen gekommen waren. Ende der 1980er Jahre begann sich diese Situation mit dem Beginn der ffnung Chinas fr die Auenwelt und der Vernderung der politischen Situation in Taiwan zu ndern. 180
  • 181. im Bereich der Handberhrungspraktiken; das galt fr die inneren Kampf- knste ebenso wie fr die ueren und fr die Mischstile. Im Westen b- ten die Ausbenden der inneren Kampfknste diese Sparringpraktiken noch nicht, nur das Push Hands. Sowohl im Westen als auch in Hongkong lernte ich das Wing Chun hauptschlich bei Mitgliedern der Schule von Yip Man22 ; in Hongkong betrieb ich auch einige vergleichende Studien bei einem Mitglied der Fatshan-Schule. Wing Chun basiert auf Hand- und Armtechniken. Es benutzt auch Tritt- techniken, hauptschlich beim Annherungskampf, wobei man ebenso wie in den inneren Kampfknsten zuerst die Arme des Gegners kontrol- liert und ihn durch diese Kontrolle bewegungsunfhig macht oder ihn aus dem Gleichgewicht bringt, bevor man mit einem Tritt, zumeist zum Unterkrper, angreift. Die Haupt-Kampftechniken des Wing Chun sind bestens geeignet, um die Przision der linearen Kampfwinkel in Hinsicht auf die Positionierung der eigenen Ellbogen und Hnde relativ zur Kraft der Tritte und Schlge eines Gegners zu erlernen. Das Wing Chun entwi- ckelt extrem schnelle Reflexe. Es arbeitet die linearen Kampfwinkel fr die Arme ziemlich gut heraus, allerdings nicht alle, die man in Hfte und Beinen braucht. Die Philosophie des Wing Chun ist ebenso wie die des Hsing-I ziemlich pragmatisch ausgerichtet; hier wird Wirksamkeit mehr geschtzt als alles andere. Bei den vielen Selbstverteidigungskursen fr Frauen, die ich in New York City gegeben habe, erwies sich das Wing Chun als ein wertvolles Hilfsmittel. Whrend meiner beiden folgenden lngeren Reisen nach Hongkong bte ich auch weiterhin Wing Chun. Viele Kampfknstler pflegen das Wing Chun etwa folgendermaen zu charakterisieren: Es ist toll, wenn man in einer Telefonzelle, in einem Aufzug oder unter hnlich beengten Umstnden kmpfen muss, aber in einer anderen Umgebung kommt man damit in Schwierigkeiten." Beson- ders dann, so mchte ich hinzufgen, wenn gengend Platz vorhanden ist, so dass man geworfen werden kann. Diesen Punkt machte mir der inzwischen verstorbene Bill Paul deutlich. Bill war der erste Mensch, der mich an die praktische Seite der chinesi- schen Kampfknste heranfhrte. In Judo-Kreisen hatte Bill den Spitz- namen der starke Kalifornier". Er besuchte meine Judo-Klasse whrend eines Aufenthalts in New York, wo er Wettkmpfe absolvierte, um einen Platz in der Judo-Olympiamannschaft fr die Spiele von 1964 zu erhal- ten. Bill stammte aus San Francisco, und er hatte dort Ende der 1950er Jahre begonnen, chinesische Kampfknste zu ben. Damals schien diese Stadt der einzige Ort in der westlichen Welt zu sein, wo eine breite Palette 12 Yip Man war der Lehrer von Bruce Lee. 181
  • 182. von chinesischen Kampfknsten fr nichtchinesische Schler zugnglich war. Bill arbeitete manchmal als Trsteher und wusste deshalb praktisch ntzliche Kampfknste zu schtzen. Als die Klasse beendet war, blieb er noch eine Weile um zu plaudern. Das Gesprch fhrte uns zu der Bezie- hung zwischen Judo und Karate, und Bill begann, ber Gung Fu zu spre- chen, insbesondere ber Choi Li Fut, Fut Gar und Hung Gar. Da ich als einziger in der Judo-Klasse auch Karate bte, wurde ich sein Gegner. Es war sehr lehrreich zu erfahren, wie er mich festnageln und meine Hnde abfangen konnte und wie er mich von vorne, von hinten und von den Seiten mit Techniken treffen konnte, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existierten. Seine Angriffe riefen mein lebenslanges Interesse an Gung Fu wach. Whrend meiner Zeit an der Universitt in Japan traf ich Bill wieder, als er kam, um im Hauptquartier des Kokodan Judo zu trainieren. Zu dieser Zeit war ich bereits wesentlich fortgeschrittener, und wir konnten wirklich ge- genseitig Gung-Fu-Techniken austauschen, was wir auch gelegentlich ta- ten, nur dass Bill inzwischen das Kantonesische Weier Kranich, Affenbo- xen und Wing Chun praktizierte und ich einen Hintergrund in den inneren Kampfknsten und den Affen-Techniken des Hsing-I hatte. Einige Jahre spter trafen wir uns durch Vermittlung eines gemeinsamen Freundes in Berkeley in Kalifornien wieder. Ich war an die Westkste gekommen, um herauszufinden, ob sich in der Bay Area hnliche Trainingsmglichkeiten in den chinesischen Kampfknsten fanden wie in Hongkong und Taiwan. An jenem Nachmittag in Berkeley hatten wir viel Spa. Bill und ich be- gannen ein leichtes Sparring. Wie bei zwei Jazzmusikern, die gemeinsam jammen, kamen wir beide langsam immer mehr in Fahrt, whrend wir unsere verschiedenen chinesischen Kampftechniken benutzten, um ein- ander anzugreifen und zu kontern. Wir befanden uns in einem ziemlich groen Raum, so dass wir viel Bewegungsfreiheit hatten. Bill besa gro- artige Ellbogentechniken, die einen dazu motivierten, sich in der Hfte zu drehen, um ihnen auszuweichen, damit man nicht getroffen wurde. Mir wurde klar, dass Bill im Ringen wesentlich besser war als ich; deshalb versuchte ich gar nicht erst, ihn zu werfen, weil ich wusste, dass er mei- nen Angriff sofort gekontert htte. Wir waren beide zu gut trainiert, um einen wirksamen Hebel zuzulassen. Wir benutzten niedrige Tritte, da ein hoher Tritt eine Einladung zu einem Wurf gewesen wre. Von den inneren Kampfknsten her besa ich die Fhigkeit, in die Hocke zu gehen und das Gewicht zu verlagern, was sich als sehr ntzlich erwies. Wenn Bill zu einem Wurf ansetzte, ging meine Hand zu seiner Leiste, so dass er es bald wieder aufgab, mich werfen zu wollen. Gelegentlich gelang es uns beiden, den anderen durch die Luft fliegen zu lassen. 182
  • 183. Nach einer Weile beschlossen wir, etwas Wing Chun Chi Sau zu praktizie- ren, das oft in ein Sparring freier Form berging. An einem bestimmten Punkt dachte ich, ich htte vom Kampfwinkel her die Oberhand gewon- nen und wollte Bill den Rest geben, wobei ich mich strikt an die Wing- Chun-Technik hielt. Das erwies sich als ein sehr schlechter Schachzug. Da ich nicht auf alle meine Hft- und Fuwinkel geachtet hatte, fand ich mich pltzlich in einem wunderbar getimten Wurf durch die Luft fliegen. Diese Erfahrung machte mir unmissverstndlich klar, dass einen in der Kampfkunst das, worauf man nicht achtet, zum Verhngnis werden kann. Fr den Rest unseres Sparrings bediente ich mich nicht mehr dieser hand- greiflichen Wing-Chun-Strategie, und Bill vermochte mich nicht mehr zu werfen. Nach unserem Sparring verriet Bill mir, wo die guten Schulen fr chinesische Kampfkunst in San Francisco zu finden waren. Ich sah mir die meisten von ihnen nher an und beschloss dann, zu weiteren Studien wieder in den Osten zurckzukehren. Im Laufe der Jahre fiel mir diese Anflligkeit des Wing Chun fr Wrfe immer wieder auf, besonders in Vollkontakt-Turnieren im Fernen Osten, wo Ringer zuerst Kontakt mit den Armen eines Wing-Chun-Kmpfers aufnahmen und einen Hieb abfingen oder sie festhielten und sie dann sehr hart zu Boden warfen. Ich nahm diese Einsicht in Hinsicht auf das Hsing-I sehr ernst, da auch dieser Stil hauptschlich mit den Hnden ar- beitet. Doch war das Studium der Winkel fr den Kampf mit den Armen im Wing Chun beraus ntzlich. Es bereitete des Boden fr ein Verstnd- nis des wesentlich breiteren Spektrums an Kampfwinkeln in den inneren Kampfknsten (siehe Seite 178), besonders im Bereich der Fuarbeit und der Wechsel der Winkel der Hfte in der Bewegung und bei Drehungen. Die Bedeutung der Tierformen in den inneren Kampfknsten Die Praxis der Tierformen ist in den ueren Kampfknsten blich. Der Begriff Tier" bezieht sich hier auf das gesamte Tierreich, also auf Su- getiere, Fische, Vgel und Reptilien - sowohl reale Tiere als auch mythi- sche. Die Adepten der chinesischen Kampfknste haben Tiere sehr genau beim Kampf beobachtet und haben analysiert, was sie tun und was sich als wirkungsvoll erweist. Sie beobachteten, wie sich Tiere im Kampf auf eine ganz bestimmte Weise bewegten: Affen sprangen, rollten auf dem Boden und kletterten auf andere Tiere und auf Bume. Bren begraben 183
  • 184. andere Tiere unter sich, bevor sie sie tten. Vgel schieen hin und her und stoen herab. Tiger springen aus einer kauernden Positur. Und auch den mythischen Tieren schrieb man alle mglichen Kampfbewegungen zu. Jedes Tier hat seine eigene natrliche Waffe: Bren erdrcken andere Tiere mit ihrer Schulter; Tiger schlagen mit ihren Krallen zu; Kraniche lassen ihre Flgel in Maschinengewehrtempo vibrieren; Schlangen beien sehr gezielt zu oder wrgen ihre Beute zu Tode; Affen kneifen, hauen, reien mit ihren Zhnen und schlagen mit dem Handgelenk; und Pferde zerschmettern mit ihren Hufen. Doch jenseits aller krperlichen Bewegungen und natrlichen Waffen, mit denen es ausgestattet ist, lsst jedes Tier in seinem Kampfverhalten eine spezifische Strategie erkennen. Es wird auch Taktik anwenden, um diese Strategie umzusetzen: ausweichen und zuschlagen, blitzschneller Angriff, verwirren und dann zuschlagen, mit berwltigender Kraft auf den Gegner zu strmen, auerordentliche Geschwindigkeit anwendend und so weiter. Die Tierformen der Kampfkunst versuchen die verschiedenen Qualitten kmpfender Tiere auf den Kampf zwischen Menschen zu bertragen. Doch Menschen sind keine Tiere. Wir haben nicht vier Beine, einen Schwanz, Flgel, Fangzhne oder Klauen. Wir sind weder so gro noch so klein wie manche Tiere, und wir knnen auch nicht fliegen. Aber wir besitzen einen Geist, und wir knnen unseren Krper mit Hilfe dieses Geistes umformen. In den inneren Kampfknsten bringt die Anfangsstufe der Unterweisung in den Tierformen den Ausbenden dazu, spezifische krperliche Kampftechniken zu erlernen. Dazu mag gehren, dass Sie kauern, hpfen, springen, sich drehen oder Ihre Hnde, Arme, Ihren Rumpf oder Ihre Fe so bewegen, dass Sie die Bewegung von Tieren imitieren. Fingerknchel knnen zu Pferdehufen werden, Finger zu Krallen, Ellbo- gen zu Hrnern, Handflchen zu Tatzen, Handrcken zu Flgeln, und so weiter. Doch bei all dem sind die krperlichen Techniken nicht der wich- tigste Aspekt der Tierformen in den inneren Kampfknsten. Wichtiger ist, dass der Ausbende zum Geist des Tieres wird, das seine Kampfstrategien erzeugt und anpasst. Jedes Tier hat eine spezifische geistige Eigenschaft. Der Br zum Bei- spiel trottet daher, bis er sich pltzlich sehr explosiv und schnell bewegt; Katzen, besonders Tiger, sind wild; Pferde sind strmisch; Affen sind er- regbar und boshaft; Schlangen sind geschmeidig und verschlagen; Vgel sind frenetisch, und so weiter. Manche Tiere tten mit einem klaren Hieb, andere brauchen dazu mehrere Angriffe. 184
  • 185. Was im Folgenden ber die Tierformen gesagt wird, bezieht sich nur auf die inneren Kampfknste. Es mag manchmal auch fr die Tierformen des Shaolin zutreffen, manchmal auch nicht. So wie zu dem echten Tier, das sie nachahmt, gehrt auch zu jeder Tierform der inneren Kampfknste ein fr die Wahrnehmung von Ge- fahr und die Reaktion darauf typischer Bewusstseinszustand. Bei jeder einzelnen Tierform geht es darum, in den Geist des Tieres einzudringen. Wenn man eine Tierform bt, dann lernt man, wie das jeweilige Tier zu denken, Situationen wahrzunehmen wie dieses Tier und seine Energie zu mobilisieren, wie das Tier es tut. Das wird nicht nur als eine spezifische Technik ausgefhrt, sondern als eine ganze Art und Weise, zu sein und mit einer Situation umzugehen. Diese Methode ermglicht es Ihnen, nicht nur eine spezifische krperliche Bewegung eines Tiers nachzuahmen, sondern sich mental anzupassen und von einer Technik zur nchsten berzuge- hen, so wie ein Tier sich in der Situation eines Kampfes stndig anpasst und reagiert. Man muss lernen, sich in den Geisteszustand des Tieres zu versetzen und seinen Zorn zu leben, seine Bsartigkeit, sein absolutes Selbstvertrauen, seine Wildheit, seine Verschlagenheit, seine Losgelstheit, seine Fhigkeit, sich anzuschleichen, und so weiter. Das mag sich zwar faszinierend anhren, aber aus einem anderen Blickwinkel gesehen, hat man dann, wenn man zu einem Tier wird, nur einen Schritt rckwrts auf der Leiter der spirituellen Evolution getan. Der nchste evolutionre Schritt vorwrts bestnde darin, sich all die funktionierenden Kampfstrategien des Tieres zu bewahren, dabei aber ei- nen klaren, stillen Geist zu bewahren, so dass man ein Mensch bleibt und nicht zu einem Tier wird. Ihr Geist muss lernen, Ihren Krper allein durch den Gebrauch von innerer Kraft und Klarheit der Intention zu bewegen, und nicht mit Hilfe von Zorn und anderen animalischen Emotionen, die in einem Kampf nur allzu leicht aufgerhrt werden. Wie ich schon im ersten Kapitel gesagt habe, tritt die Klarheit der Intention an die Stelle der Ausschttung von gewalterzeugenden Hor- monen als Quelle Ihrer Kraft und Motivation zur Selbstverteidigung und befreit Sie von dem Kampf-Flucht- oder Erstarrungs-Reflex. Wenn sie auf dieser Ebene weit genug fortschreiten, wird der Drang, einen Angreifer zu besiegen, zuerst abgelst von dem Wunsch, ihm, wenn mglich, kein Leid zuzufgen, und dann von dem Wunsch, die gewaltttige Absicht in ihm zu neutralisieren. Zu dieser Neutralisierung sollte es whrend der Konfrontation kommen und sie sollte auch dazu verwendet werden, die 185
  • 186. Energiematrix des Angreifers unterschwellig dahingehend zu beeinflussen, dass seine Neigung zur Gewalt nach dem Kampf verringert ist. An diesem Punkt beginnen die Tierformen der inneren Kampfknste sich dem spi- rituellen Bereich anzunhern, sowohl whrend der Soloformen als auch whrend der Kampfanwendungen. Hier werden, kurz gesagt, spezifische Techniken vermittelt, die zu dem Ziel hinfhren, das eigene Bewusstsein und das Ihres Gegners zu erweitern. Sparringpraktiken Wie das Tai Chi und das Hsing-I entwickelt auch das Ba Gua Kampffer- tigkeiten durch die bung einer methodischen Sequenz von Solo- und Partnerbungen. Wie wir bereits angesprochen haben, ist das Kreisgehen bei gleichzeitiger bung der sechzehn grundlegenden Nei-Gung-Energie- bungen die eine wichtigste Ba-Gua-bung zur Entwicklung der Kampf- kunst-Kraft. Wird das mit dem Halten von Stellungen, Solobungen und Hand-Wandlungen kombiniert, dann kann man das Ba Gua als krperliche, energetische und spirituelle Kunst in vollem Umfang realisieren. Aber auch wenn allein die bung dieser Solopraktiken Sie zu einer gewissen Kompetenz als Kmpfer fhren kann, muss diese Schulung doch durch spezifische Trainingspraktiken mit einem Partner ergnzt werden, damit Sie das Ba Gua als Kampfkunst voll entwickeln knnen. Es gibt einfach keinen Ersatz fr die Arbeit mit einem lebendigen Menschen. Zu den Techniken fr die Arbeit mit Zwei-Personen-Anwendungen gehrt: 1. Rou Shou; 2. Kreisgehen mit zusammengelegten Handflchen, wobei sowohl abgesprochene als auch spontane Angriffe und Verteidigungen ausgefhrt werden; 3. Angriffe und Verteidigungen auf nahe, mittlere und weite Distanz (sowohl abgesprochene als auch spontane); und 4. freies Sparring. Fr den Schler auf einer mittleren Ebene der Schulung im Ba Gua oder Tai Chi geht es darum, die Rundheit der eigenen Techniken zu bewahren, so dass er, auch wenn er getroffen wird, ohne von Trgheit, emotionaler Erstarrung oder krperlicher Spannung verursachte Pausen von einer Tech- nik zu einer anderen bergehen kann. Diese Praxis frdert die Fhigkeit, khlen Kopf zu bewahren und unter Druck nicht zu erstarren. Da sie letzt- lich den Gegner berhren mssen, damit eine Kampftechnik funktionieren kann, macht das Rou-Shou-Training Sie mit dem Prozess von Wandlungen an dem Punkt bekannt, wo Ihr Krper den Gegner berhrt, gewhnlich 186
  • 187. die Arme. Das Rou-Shou-Training schlgt innerhalb des Krper-Geistes des benden eine Brcke zwischen dem Zgern und der Fhigkeit, zum nchsten Punkt berzugehen; dieser nchste Punkt kann der Schock der Berhrung oder des Schlagens von Armen sein, ein Wurf oder ein Hebel. Die Hauptziele der Rou-Shou-bung sind: 1. Sensibilitt und Lebendigkeit der Berhrung entwickeln; 2. die Neigung zum Erstarren oder zur Hysterie im Kampf berwin- den; 3. die Fhigkeit entwickeln (wie im Push Hands des Tai Chi): a) sich zu verwurzeln; b) die Hfte und die Glieder zu drehen; c) die Arm- gelenke einzuknicken; d) und d) Sprungkraft in den Beinen sowohl fr vertikale als auch fr horizontale Bewegungen zu entwickeln.; 4. eine sichere und praktische Methode zu Verfgung zu stellen, rea- listische Kampftechniken fr einen tatschlichen Kampf zu entwi- ckeln. Das Rou Shou kann von unschtzbarem Wert fr Ausbende des Tai Chi sein, da es eine natrliche Brcke zwischen dem Push Hands (siehe Sei- te 241), das fr eine praktische Selbstverteidigung nicht ausreicht, und dem Sparring darstellt. Dieser bergang fehlt heutzutage unglcklicherweise in den meisten Tai-Chi-Schulen. bung mit Freunden, Kampf mit Feinden Es ist nicht dasselbe, ob man fr eine potentielle Selbstverteidigungssituati- on oder einen Wettkampf trainiert, oder ob man sich im wahren Leben mit einem gewaltttigen Gegenber konfrontiert sieht oder an einem heftigen Kampf bei einem Wettkampf teilnimmt. Als ich selbst im Alter von zwlf Jahren Judo zu trainieren begann, war ich immer verunsichert, wenn der Lehrer sagte, die Schler sollten beim normalen Randori, der freien bung, nur Judo spielen", wenn sie sich jedoch in einem formellen Wettkampf mit einem anderen Schler befnden, dann sollten sie kmpfen". Sollte das heien, dass jemand in einem Moment unser Freund und Spielgefhrte und im nchsten Moment unser Feind" sein soll? Das fand ich verwirrend. Eines Tages fragte ich den Lehrer, einen frheren Gewinner der japanischen Judomeisterschaften, danach, und er erklrte mir die Situation. 187
  • 188. Auf der Matte sind die Menschen, mit denen man bt, unsere Freunde und Klassenkameraden. Der Zweck der gemeinsamen bung ist, einander durch die Entwicklung der Technik zu fordern. Man mchte der anderen Person nicht wehtun; wenn das nicht der Fall ist, kann man nicht weiter- ben. Verliert man dabei die Kontrolle ber sich und tut dem bungspart- nern gemeine Dinge an, dann werden sie dir diese spter heimzahlen oder werden nicht mehr mit dir ben wollen. Einem bungspartner wehzutun oder seine Aggressionen am Krper eines anderen auszulassen wird die Atmosphre vergiften und gilt als sehr schlechtes Betragen. Gute Umgangs- formen sind in den Kampfknsten sehr wichtig, ebenso wie Freundlichkeit und gegenseitiger Respekt. Whrend der bung geht es nicht so sehr darum, zu gewinnen, sondern die eigene Technik zu verbessern. Darum spielt" man bei bungen Judo und kmpft nicht im Dojo. Im Wettkampf ist die Situation eine andere. Hier geht es nicht darum, zu spielen, sondern zu gewinnen. Wenn es Ihnen nicht um das Gewinnen geht, brauchen Sie sich auf keinen Wettkampf einzulassen; dann ben Sie ganz einfach nur. Aber hier geht es um Kampfkunst. Deshalb mssen Sie mit der Einstellung in einen Wettkampf gehen, dass Sie kmpfen und gewinnen wollen, natrlich im Rahmen der Regeln. In einem Wettkampf haben Sie whrend des Kampfes keine Freunde, nur einen Feind, den es zu schlagen gilt. Ohne Gewinnen und Verlieren hat ein Wettkampf keinen Sinn. Wenn der Kampf vorber ist, dann kann man wieder als Freunde gemeinsam ben und Judo spielen. Judo als Spiel und Judo als Kampf hat beides seine Zeit und seinen Platz. Bei jeder Kampfkunst ist es wichtig, dass man gemeinsam mit seinem bungspartner Grenzen festlegt und sich darber einigt, bis zu welchem Ma an Intensitt und Kraft man sich steigern mchte. Man kann es im Groen und Ganzen sanft angehen und verschiedene Ebenen der Intensitt zwischendurch einstreuen. Fa Jin Fa bedeutet entladen, freisetzen, ausschleudern" oder projizieren"; Jin bedeutet Kraft". Abhngig vom Grad der Schulung des Ausbenden, ist das Fa Jin irgendwo in einem Kontinuum zwischen krperlichen Praktiken und Chi-Praktiken angesiedelt. Die innerliche Kompression und Entspannung des Krpers, die aus dem ffnen und Schlieen und den Drehungen des Krpers entsteht, erleichtert die Entwicklung von Fa Jin, der Freisetzung 188
  • 189. von Energie. So wird die Freisetzung von Energie sowohl in der Kampf- kunstteehnik der Leeren Kraft (siehe Seite 292) eingesetzt als auch im Chi Gung Tui Na (siehe Seite 422). Whrend die meisten Kampfknste krperliche Kraft und Muskelstrke benutzen, ist dies im Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua nicht der Fall. Wenn sie in vlliger Entspannung und ohne jegliche muskulre Anspannung ausgefhrt werden, dann setzen die Fa-Jin-Techniken Energie in kurzen, konzentrierten Sten frei, die enorme Kraft enthalten. Diese Kraft kann durch den Krper eines Angreifers hindurchgehen und ihm keine krperli- che Verletzung oder Schmerzen zufgen, kann diesen Krper aber zugleich einige Meter zurckschleudern, so als sei er von einer Sturmbe ergriffen worden. Die Kraft des Fa Jin kann jedoch auch auf das Innere des Krpers konzentriert werden, wo die freigesetzte Energie dann schweren Schaden anrichten kann. Worauf es beim Fa Jin ankommt, ist die Speicherung von Energie und deren pltzliche Freisetzung in einen bestimmten Punkt in Zeit und Raum hinein. Diese Fhigkeit, Energie pltzlich in konzentrierter Form freizusetzen, ist nicht nur wesentlich fr den kmpferischen Aspekt des Ba Gua, sondern auch fr die in dieser Kunst entwickelten Fhigkeiten der Reinigung des Krpers von stagnierendem Chi, der heilenden Krperarbeit, der daoistischen Meditation und der inneren Alchimie. Was die Methoden der kleinen, mittleren und groen Bewegungen des Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua fr den Kampf bedeuten Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua lassen sich jeweils mit Bewegungen in einem groen, mittleren oder kleinen Rahmen ausfhren. Sowohl in den Formen als auch in den Kampfanwendungen bezieht sich der Begriff Rahmen" auf die Gre des Bereichs, in dem der Krper sich bewegt - hnlich wie bei der Gre eines Bilderrahmens. Einige Stile haben nur groe Bewegungen, andere haben nur mittel- groe und wieder andere nur kleine Bewegungen auf jeder Ebene des Trainings. Bei vielen Stilen ist es jedoch so, dass sie auf der Anfngere- bene mit groen Bewegungen arbeiten, wobei die Bewegungen mit der 189
  • 190. Zeit dann immer kleiner werden, so dass die kleinsten Bewegungen dann erst auf der am weitesten fortgeschrittenen inneren Ebene gelehrt werden. Wenn der Krper sich ganz geffnet hat und erst einmal in der Lage ist, den energetischen Anforderungen einer Bewegung im groen Rahmen zu entsprechen, dann werden alle erworbenen Fhigkeiten kondensiert und man beginnt auf der nchsten energetischen Ebene zu arbeiten, wo das Chi konzentriert und subtil und nicht grob und diffus ist. Im natrlichen Lauf des Trainings braucht ein bender im Allgemeinen ein Jahrzehnt der Schulung und der Praxis oder lnger, um alle Aspekte der inneren Arbeit so weit zu verfeinern und zu integrieren, dass er zur nchsten Stufe der Bewegung in kleinerem Rahmen fortschreiten kann. Der Fortschritt vollzieht sich blicherweise vom Greren zum Kleineren hin. Auf frhen Fotos von Yang Cheng Fu, dem Adepten des Yang-Stils des Tai Chi, sieht man deutlich, dass er Bewegungen im groen Rahmen ausfhrt. Zwanzig Jahre spter ist er deutlich straffer geworden und zu einem Stil im mittleren Rahmen fortgeschritten.23 Krperliche Bewegung Vom Anblick her lassen Stile im groen Rahmen mehrere Eigenschaften erkennen: 1. Arm- und Beinstellungen sind sehr ausgreifend, wobei die Hnde so weit vom Krper entfernt sind, wie die technischen Erfordernisse des jeweiligen Stils es zulassen. 2. Armbewegungen und Schrittaktionen tendieren dazu, groe Kreise in der Luft zu beschreiben. Der Winkel zwischen der Achsehhle und dem Ellbogen ist dabei so gro wie mglich, auch in den ber- gangsbewegungen. 3. Bei bungen mit Hftdrehung liegt die Betonung darauf, sich so weit, wie es ohne Unbehagen mglich ist, nach jeder Seite hin zu drehen. 23 Diese Progression findet man auch im Westen, wo das Tai Chi von Cheng Man-ching ziemlich weit verbreitet ist. Fotos aus dem Jahr 1950 zeigen ihn bei der Ausbung eines grorahmigen Stils. In seinem spter in englischer Sprache verffentlichten Buch (bei dem R. W. Smith der Koautor war) zeigen ihn die Fotos bei der Ausbung eines Stils in mittelgroem Rahmen. In seinen Siebzigern, nicht lange vor seinem Tod, zeigen Videobnder, das Chengs Bewegungen noch kleiner und kondensierter geworden sind. 190
  • 191. 4. Standposituren sind meist lang und tief, wobei man sich bemht, so tief wie mglich zu stehen. 5. Die Posituren sind ausgreifend, die Ellbogen stehen 60 bis 90 Grad zur Seite hin ab und es sind keine winzigen Kreisbewegungen vor- handen. Vom Anblick her lassen Stile im mittleren Rahmen die folgenden Eigen- schaften erkennen: 1. Die Armbewegungen kommen nher, aber nicht ganz nahe an den Krper heran, dies jedoch nur fr kurze Zeit, bevor sie sich wieder weit vom Krper entfernen. 2. Standposituren haben mittlere Hhe; das Ges sinkt nicht auf gleiche Hhe wie die Knie oder noch tiefer ab. 3. Sowohl Arm- als auch Beinbewegungen tendieren dazu, sich vom Krper zu entfernen, aber nicht so weit, wie es mglich wre. 4. Armbewegungen und Schrittaktionen tendieren hin zu einer Mi- schung von groen und kleinen kreisfrmigen Bewegungen, wobei die meisten Bewegungen im mittleren Bereich liegen. 5. Hftbewegungen drehen bis zu 90 Grad zur Seite, aber nicht mehr. (Oft dreht sich die Hfte nur um 45 Grad, wobei der Bogen durch kleine Bewegungen tief im Bauch oder im Unteren Dantien gestrafft wird. Diese Bewegungen sind von auen nicht offensichtlich.) 6. Kleine, wellengleiche Kreise tauchen in den bergngen zwischen offensichtlichen Posituren auf. 7. Die Wandlungen innerhalb der bergnge von Positur zu Positur werden sehr viel strker betont als in den Formen in grerem Rahmen. 8. Die Ellbogen stehen gewhnlich 45 Grad zur Seite hin ab. 9. Die Kreise der Form sind kleiner als bei dem greren Rahmen. Ei- nige Kreisbewegungen sind ziemlich offensichtlich; andere kleinere Kreise sind nur fr ein geschultes Auge, das winzige Bewegungen zu entdecken vermag, erkennbar. Vom Anblick her lassen Stile im kleinen Rahmen folgende Eigenschaften erkennen: 1. Die Armbewegungen kommen wiederholt sehr nah an den Krper heran, bevor sie sich wieder weit vom Krper entfernen. 191
  • 192. 2. Die Standposituren sind oft hoch, wobei die Knie oft nur ganz leicht gebeugt sind. 3. Sowohl Arm- als auch Beinbewegungen haben die Tendenz sich weniger weit vom Krper zu entfernen, als mglich wre, wobei oft nur wenige Zentimeter zwischen Ausgreifen und Zurckziehen liegen. 4. In der Hfte dreht man sich meist nur 45 Grad zur Seite. 5. Die Kreise haben die Tendenz, extrem klein zu werden, wobei die bergangsbewegungen oft nicht nur einen Kreis, sondern mehrere Kreise oft auf mehreren Ebenen und in verschiedenen Winkeln ent- halten. Selbst fr das geschulte Auge eines Ausbenden der ueren Kampfknste und von Bewegungsspezialisten sind viele der krper- lichen Kreisbewegungen, die ablaufen, oft uerlich nicht sichtbar. Wenn man jedoch durch die Haut hindurch ins Krperinnere sehen knnte, dann erschienen einem diese Kreisbewegungen sehr gro und offensichtlich. Um diese machtvollen inneren Bewegungen aus- fhren zu knnen, braucht man eine extrem starke Intention und sehr gute Kontrolle des Chi. Allgemein gesagt gelten die Stile im kleinen Rahmen bei den Ausbenden der inneren Kampfknste als die am meisten fortgeschrittenen. Energiearbeit In den inneren Kampfknsten und jeder daoistischen Chi-Arbeit gibt es eine grundlegende Maxime: Je mehr im ueren, desto weniger im Inneren; je mehr im Inneren, desto weniger im ueren." In Begriffen der inneren Kampfknste formuliert, bedeutet dieser Spruch, dass das Chi sich um so weniger innerlich bewegt, also unter der Haut im Inneren des Krpers, je mehr eine Person sich uerlich bewegt (groer Rahmen). Umgekehrt ist es so, dass das Chi und der Krper sich um so mehr innerlich, das heit unter der Haut im Inneren des Krpers, bewegen, je weniger sich der Krper uerlich bewegt (kleiner Rahmen). Je kleiner der Rahmen ist, desto mehr beruht die Bewegung auf inneren energetischen Vorgngen und entwickelt diese. Je grer der Rahmen ist, desto weniger wirkt er auf der energetischen Ebene und um so mehr wirkt er auf den Krper und entwickelt diesen. Bewegungen im groen Rahmen konzentrieren sich mehr auf die Ent- wicklung roher Energie und Kraft in eine generelle Richtung oder auf 192
  • 193. einer Geraden. Die Chi-Bewegungen sind hier einfach und verlaufen, so lange es mglich ist, von Punkt A nach B. Energie verluft in einer klaren Bewegung vom Beginn der Bewegung zu ihrem Ende, ohne dass andere Dinge geschehen, um sekundre energetische Bewegungen zu erzeugen. So ist zum Beispiel eine vertikale energetische Bewegung nach vorn nur eine vertikale energetische Bewegung ohne eine sekundre horizontale, diagonale oder rckwrts gerichtete energetische Komponente. Bei Bewegungen im mittelgroen Rahmen laufen gewhnlich zwei oder drei zirkulre energetische Bewegungen gleichzeitig ab, ein Phnomen, das in den Bewegungen im groen Rahmen fehlt. Die bergangsbewe- gungen haben die grte Anzahl von kleinen energetischen Bewegungen. Diese machen es mglich, das eine krperliche Bewegung vielfache Wir- kungsmglichkeiten besitzt, die auf der groben krperlichen Ebene nicht offensichtlich sind, die sich aber energetisch ganz klar manifestieren und die eine Wirkung auf den Gegner haben. Was die drei Rahmen angeht, haben die Bewegungen des kleinen Rahmens den grten Grad an energetischer Kontrolle und das breiteste Spektrum an energetischen Techniken. Sie entwickeln die Fhigkeit, En- ergie in einen bestimmten Punkt zu absorbieren sowie in einen Punkt zu projizieren. Energetische Bewegungen knnen sehr klein sein, so klein, dass sie innerhalb eines inneren Organs oder eines Gelenks zentriert sind. Bewegungen des kleinen Stils sind oft am besten zur Heilung spezifischer krperlicher Probleme geeignet. Die energetischen Bewegungen werden immer kleiner, bis sie in einem Punkt ablaufen knnen oder ihre Richtung an einem Punkt umkehren. Auf einer hheren Ebene entwickeln sich klei- ne energetische Bewegungen von der Kreisform hin zur Kugelform. Die Bewegungen im kleinen Rahmen werden energetisch als Kreise in Kreise, oder Kugeln in Kugeln bezeichnet. Kampfanwendungen Die Stile im groen Rahmen konzentrieren sich auf groe Kraftbewe- gungen, bei denen jede der vier Energien - Peng, Lu, Ji und An (siehe Seite 207) - mit der Kraft des ganzen Krpers angewendet wird. Eine groe Aktion erzeugt einen groen Rckweg: weite Hiebe, Ste, Tritte in eine Richtung und Wrfe oder Hebel. Die Stile des groen Rahmens sind auf den Kampf auf weite Distanz spezialisiert. Sie sind am leichtesten zu erlernen, besitzen jedoch die geringste Bandbreite der hoch entwickelten 193
  • 194. Anwendungen des Tai Chi. Hier wird die rohe Kraft betont, mit langen, ausgedehnten Bewegungen, und nicht so sehr die Fhigkeit, zu augen- blicklichem Wandel, rasch, flssig und auf kurze Distanz. Wenn man einem Gegner sehr nahe kommt, dann knnen Bewegun- gen des mittleren und kleinen Rahmens auerordentlich wirksam sein. Ist die Distanz zwischen Ihnen und einem Gegner klein, dann lassen sich Bewegungen des groen Rahmens unterdrcken, whrend Bewegungen des kleinen Rahmens in der Offensive wie in der Defensive auch dann wirksam sind, wenn nur wenige Zentimeter Platz vorhanden ist. Je klei- ner der Rahmen, desto schneller knnen Sie von einer Kampftechnik zu einer anderen wechseln, desto mehr Kombinationen knnen sie in einer Zeiteinheit ausfhren und desto geringer ist die krperliche Distanz, die ntig ist, um Kraft zu absorbieren oder zu projizieren. Die Bewegungen des kleinen Rahmens beziehen ihre Kraft nicht so sehr aus einer krperlichen Abstimmung, wie das oft bei den Bewegungen des groen Rahmens der Fall ist, sondern durch die Bewegung von Energie innerhalb des Krpers. Selbstverteidigungstechniken des kleinen Rahmens knnen die Richtung ihrer Kraft oder den Punkt des Krperkontakts dieser Kraft in einer Sekunde mehrfach verlagern. Whrend der Ursprung und die Storichtung der Kraft in den Bewegungen des groen Stils offensichtlich sind, sind sie das bei den Bewegungen des kleinen Stils nicht. Fr den Beobachter ist logisch nicht nachvollziehbar, was eine bestimmte Mani- festation von Kraft verursacht oder wie sie berhaupt mglich ist. Das ist mglich, weil hier die Fhigkeit vorhanden sein kann, subtile Energiebe- wegungen in verschiedenen Krperteilen gleichzeitig hervorzurufen. Die energetischen Bewegungen des mittelgroen Rahmens sind eine Mischung und Verbindung von gro- und kleinformatigen Anwendungen. Um es nochmals zu sagen: Je grer der Rahmen, desto grer die rohe Kraft; je kleiner der Rahmen, desto mehr an subtiler Kraft steht zum Wandel und zur Projektion der Kraft auf einen Punkt zur Verfgung. 194
  • 195. Die Bedeutung der Meister-Schler- Beziehung und einer bertragungslinie Im Ba Gua, Tai Chi und allen anderen inneren Kampfknsten hat es immer drei Ebenen (Klassifizierungen) der Schulung und des Trainings gegeben: 1. Schler: Anfngern brachte man nur die ueren Formen und bun- gen und nur die allergrundlegendsten Anwendungen bei. 2. Persnlicher Schler: Diese Kategorie blieb nur besonders engagier- ten Schlern und vielleicht Freunden oder Verwandten vorbehalten. In Tung Hai Chuans ursprnglicher Ba-Gua-Schule konnte man nicht bei Tung oder einem seiner Meisterschler persnlich lernen, ohne durch eine formelle Zeremonie zu einem offiziellen Schler geworden zu sein. (Diese Zeremonie wird im Chinesischen Bai Shr genannt.) Bevor man diese formelle Beziehung eingegangen war, wurde man nicht umfassend und in allen Einzelheiten geschult. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem chinesischen Brgerkrieg wurden die Unterweisungen allerdings weniger formell. Viele Ba- Gua-Lehrer lehrten Schler nur fr kurze Zeit, ohne sie durch die gesamte Schulung zu fhren. Die Zeiten des Krieges waren einfach zu chaotisch fr eine komplette Schulung, und deshalb wurden mehr Lehren unvollstndig weitergegeben als zu Tungs Zeit. 3. Die hchste Ebene der Schulung: Diese Ebene blieb jenen persn- lichen Schlern vorbehalten, die ausersehen waren, die bertra- gungslinie fortzufhren. Ein Linienschler wird in allen Aspekten der Kunst unterwiesen, und er ist der spezielle Schler, der dafr verantwortlich ist, sie alle zu meistern und sie der nchsten Gene- ration zu bermitteln. Um als Linienschler auserwhlt zu werden, muss die jeweilige Person bereits ihre Fhigkeit, effektiv zu lehren, unter Beweis gestellt haben. (Ein persnlicher Schler, der kein Linienschler ist, ist dagegen nicht dafr verantwortlich die Gesamt- heit einer Kunst an die nchste Generation weiterzugeben, sondern nur die spezifischen Teile der Kunst, auf die er spezialisiert ist. Er braucht nur ein berragender Praktizierender und Vertreter der Teile der Kunst zu sein, die man ihm beigebracht hat.) Tungs beste ur- sprngliche Schler wurden alle als Linienschler geschult. Es stand ihnen frei, ihre eigenen Schler und persnlichen Schler zu whlen. 195
  • 196. Der Begriff Ba Gua Men oder Ba-Gua-Tor" bezieht sich auf diejenigen, die zumindest die Ebene des persnlichen Schlers erreicht haben und die als Vertreter des Systems gelten knnen. Die traditionelle chinesische Anschauung ist, dass jene, die sich nicht bei einem Lehrer dieser Ebene schulen oder die nicht die Unterweisungen dieser Ebene von einem qua- lifizierten Lehrer erhalten, keine echten" Ba-Gua-Praktizierende sind. Sie sind, mit anderen Worten, nicht innerhalb des Tors", das heit in den Genuss der Unterweisungen auf hchster Ebene gekommen. Sie sind auch nicht dazu verpflichtet, nur die hchsten Leistungen zu erbringen. In China ist ein persnlicher Schler dazu verpflichtet, berragende Leistungen zu erbringen, damit sein Lehrer nicht das Gesicht verliert. Andererseits spiegelt es sich nicht im Gesicht des Meisters wider, wenn ein Schler schlechte Leistungen erbringt. Dies ist die klassische chinesische Tradition. Das Ge- sagte gilt auch fr das Tai Chi und das Hsing-I, wo die Begriffe Tai Chi Men und Hsing-I Men sich auf die hchste Ebene der jeweiligen Kunst beziehen und nicht auf die popularisierten und verwsserten Versionen, von denen es heute so viele gibt.24 Alle Kampfknste, einschlielich des Ba Gua, mssen dann, wenn sie berleben und die Tradition fortsetzen sollen, auf kreative Weise und ohne Qualittsverlust von Generation zu Generation weitergegeben werden. Ist das nicht der Fall, dann wird die Kunst mit jeder Generation schwcher werden und schlielich verkmmern. Viele der bertriebenen Geschichten, die sich in den Legenden fin- den, die sich um das Ba Gua ranken, sind aus der Vorliebe der Chinesen entstanden, die berhmten Heldentaten ihrer Vorfahren, das heit ihrer bertragungslinie, wiederzuerzhlen. Wir mssen bedenken, das China eine Tradition der Ahnenverehrung hat, die sich ebenso auf die Familie" 24 So betreffen zum Beispiel die Geschichten ber die legendren Heldentaten von Tai-Chi-Praktizierenden allein Praktizierende der Tai-Chi-Men-Ebene. Durch eine Schwchung des Tores" hat jede der folgenden Generationen Fhigkeiten verloren, die von der vorherigen Generation noch verwirklicht wurden. Darum gehrt die groe Mehrzahl der heutigen Tai-Chi-"Experten" nicht zum Tai Chi Men, und sie besitzen gewhnlich nicht die Fertigkeiten, die das Tai Chi in China berhmt gemacht haben. Die Zeitlupenbewegungen des Tai Chi sind allerdings dermaen wirksam, dass sie selbst dann fr die Gesundheit gewhnlicher Menschen auerordentlich frderlich sind, wenn sie nur schlecht ausgefhrt werden. Es sieht so aus, dass das Tai Chi Men in dem Ausma zurckgeht, in dem das gewhnliche Tai Chi, vor allem in seinen vereinfachten Versionen, zunimmt. (Siehe Anhang A, Seite 505.) In vieler Hinsicht scheint diese unglckselige Tendenz auch im Ba Gua vorhanden zu sein. (Siehe Anhang B, Seite 521.) 196
  • 197. der Schule einer Kampfkunst oder einer Meditations-bertragungslinie bezieht wie auf die Blutsverwandtschaft. Je mehr es einem gelingt, den Ruf der eigenen Vorfahren aufzuwerten, desto mehr Gesicht" oder Status geniet man selbst und genieen die eigenen Nachfahren. Die historischen Darstellungen in fast allen Bchern ber das Ba Gua in einer westlichen Sprache oder in Chinesisch berichten, diese Person habe bei jener Person gelernt, und jene Person wiederum bei einer weiteren, und jede dieser Personen habe das weitergegeben, was sie beherrschte. Wichti- ger als solche angeblichen Empfehlungen ist die Frage, ob ein Lehrer fhig ist, die Methoden des Ba Gua tatschlich praktisch zur Selbstverteidigung, zum Heilen oder zur Meditation zu verwenden. In China gibt es viele Ba-Gua-Lehrer, die behaupten, die Lehre in direkter Linie" erhalten zu haben, doch vermgen sie nicht, sie praktisch und wirksam anzuwenden. In China wird man immer gefragt: Wer ist dein Lehrer und wie lange hast du beim ihm gelernt?" Und zudem: Wer war der Lehrer deines Leh- rers?" So will man herausfinden, ob sich jemand in einer authentischen Tradition geschult hat. Es gibt viele Situationen, in denen sich die Frage von echter oder falscher Linie widerspiegelt: Der Abiturient, der nicht lesen oder schrei- ben kann, der Karate-Experte", der von einem untrainierten Teenager zusammengeschlagen wird, der Therapeut, der keine positive Wirkung auf seine Patienten hat. In diesen Fllen wre es wohl berechtigt, wenn Sie Fragen ber die Fhigkeiten dieser Personen und die Kompetenz ihrer Schulen stellten. In Hinsicht auf die bertragungslinie ist in China auch die Frage der guten oder schlechten Qualitt der Schulung von Bedeutung. Von einem Meister aus einer authentischen Linie, der selbst ein guter Schler war, kann man mit einiger Berechtigung erwarten, dass er auch seinen eige- nen Schlern einen guten Dienst zu erweisen vermag. Schlechte Schler unterbrechen die Linie. Gute Lehrer und Linien pflegen gute Schler her- vorzubringen. Legitime Linienhalter, die schlechte Lehrer sind, schwchen oder unterbrechen die Linie, indem sie ihre Schler nicht angemessen schulen. Selbst die besten Schler schwacher Linien finden gewhnlich, dass sie nie das volle Ma der Fertigkeiten erlangen, die normalerweise aus all den Jahren an Einsatz und bung, die sie investiert haben, htte resultieren mssen. Fr den Schler in China bedeutet eine Linie, dass er mit der gesammelten Erfahrung, dem Wissen und den Qualittsstandards in Be- 197
  • 198. rhrung kommt, die dafr gesorgt haben, dass die legitimen Ba-Gua- oder Tai-Chi-Schulen so lange Zeit berdauert haben und aus guten Grnden so hoch geachtet und berhmt geworden sind. Legitime Tai-Chi- und Ba-Gua-Meister sind in eine Menge an uerst entscheidenden Informationen eingeweiht, von denen mittelmige und schlechte Tai-Chi-Lehrer nicht die geringste Ahnung haben. Heutzutage sind die Menschen gewhnlich nicht mehr bereit, Jahrzehntelang vier bis acht Stunden am Tag zu trainieren, wie das fr die Meister selbst- verstndlich war, die die daoistischen Praktiken zur Kultivierung des Chi erfunden und weiterentwickelt haben. Diese Meister fanden heraus, was in der bung zu sich selbst erzeugendem Fortschritt fhrte und kmmerten sich um nichts anderes. Das wichtige Material fhrt, wenn es richtig angewendet wird, dazu, dass das Chi in Ihnen zunimmt, und macht Sie strker, klarer und f- higer - bis ins hohe Alter. Die Augenwischerei besteht aus unzhligen Abwandlungen einer bestimmten Technik, die dazu fhren, dass Sie end- los viele innere Empfindungen haben, dabei aber nur minimales inneres Wachstum herauskommt. Alle Tai-Chi- und Ba-Gua-Praktiken erzeugen, wenn Sie die Bewegungen ausfhren, verschiedene innere Empfindungen und Erfahrungen. Zu jeder Komponente, sei es eine grundlegende oder eine fortgeschrittene, gehrt dann, wenn man zur nchsten logischen Ebene der bung fortschreitet, eine ganz neue Reihe von krperlichen und psychischen Aha"-Erlebnissen. Die Natur und die spezifischen Eigenschaften der wertvollsten Kompo- nenten dieser Knste sind so beschaffen, dass eine Chance von eins zu einer Milliarde besteht, dass sie die entscheidenden Bestandteile des Tai Chi, Ba Gua oder Chi Gung, die man Sie nicht gelehrt hat, auf eigene Faust entde- cken. Man ging in China jedoch davon aus, dass ein guter Schler, sobald man ihn einmal in die nchste wesentliche Ebene der Information einge- fhrt hatte, die dieser Ebene innewohnenden Abwandlungen von selbst herausfinden kann. Anderen Schlern, die von nicht der Linie angehren- den Lehrern entscheidende Informationen nicht erhalten haben, ist damit eine Obergrenze fr ihr Wissen gesetzt, die sie nicht berschreiten knnen, so dass sie mehr oder weniger auf derselben Ebene verbleiben, auch wenn sie endlos ben. Die einzige Mglichkeit, diese Begrenzung zu berwinden und auf die nchste logische Ebene der Befhigung fortzuschreiten, besteht darin, die neuen entscheidenden Komponenten von einem Lehrer mit gr- erem Wissen zu lernen - so sie denn einen finden, der bereit ist, sie diese 198
  • 199. zu lehren. In China war es immer eine ganz wichtige Frage, ob ein Schler wirklich die echten Dinge" lernte oder nur eine verwsserte Version davon. Die Frage der Qualitt und Legitimitt einer bestimmten Schule oder Linie der inneren Kampfknste ist durchaus nicht nur eine intellektuelle Spielerei. Wenn jemand viel Zeit, ehrliche Bemhung und Geld in eine Erziehung investiert, dann ist die Frage der Qualitt der Unterweisung fr ihn sicher bedeutsam. Je umfassender das Wissen und je grer die pdagogischen Fhigkeiten Ihres Meisters/Lehrers sind, desto mehr werden Sie in Hinsicht auf die Fertigkeiten von Therapie, Selbstverteidigung und Meditation aus seinen Unterweisungen gewinnen. Wenn es Ihnen nur um einen netten Zeitvertreib geht, dann ist Ihnen die Qualitt der Unterweisung vielleicht nicht so wichtig. Solange Sie Ihren Spa haben, gengt Ihnen das. Wenn Sie jedoch ernsthaft daran interessiert sind, die daoistischen Energie-Knste zu erlernen, dann spielt die Qualitt der Unterweisung schon eine Rolle. Ein engagierter Schler der inneren Kampfknste sollte sehr gut ber den Hintergrund und die Schulung eines Lehrers Bescheid wissen. Die erfolgreiche Praxis der daoistischen Ener- gieknste hngt sowohl von Ihrem persnlichen Einsatz als auch von der Qualitt der Unterweisungen, die Sie erhalten, ab. Dies sind die Elemente, die eine Schulung sinnvoll und tiefgrndig machen. Portrait eines Meisters der inneren Kampfkunst Morihei Ueshiba - Woher kam seine Kraft? Whrend meiner Zeit als Student der ersten Semester in Japan trainierte ich bei O-Sensei Morihei Ueshiba, dem Be- grnder des Aikido. Meine Forschungen weisen darauf hin, dass das Aikido von O-Sensei grundlegend unmittelbar vom Ba Gua Chang beeinflusst wurde. Mein Training bei Ueshiba zwischen 1967 und 1969 war meine erste tiefergehende und ausgedehnte Erfahrung mit einem Meis- ter erster Gte der inneren Kampfkns- te. Wenn ich auf mein Training bei ihm zurckschaue, ist deutlich, dass viele der krperlichen Techniken von Ueshibas 199
  • 200. Aikido aus dem Jiu Jitsu stammten. Das Chi jedoch, das er manifestierte, wenn er Aikido praktizierte, scheint direkt vom Ba Gua her zu stammen, mit gewissen Einflssen auch vom Hsing-I. Ich habe im Japan der spten 1960er Jahre Leute gesehen, die groe Fertigkeiten im Bereich des Daito Ryu Aikijitsu besaen, der Form des Jiu Jitsu, auf der das Aikido Ueshibas basiert. Aber keiner von ihnen ver- mochte das Chi so subtil und so machtvoll zu manipulieren oder auch nur die Theorien des Ki (Chi), auf denen das Aikido und das Ba Gua basieren, so zu formulieren, wie Ueshiba. Tatschlich ging Ueshiba weit ber die im Aikijitsu erreichte Ebene der Fertigkeiten hinaus. Seine Fhigkeit, in das Chi und den Geist eines Gegners einzutreten, sie umzuwenden, anzuziehen und damit zu spielen, war phnomenal. In der japanischen Geschichte gab es keine andere Kampfkunst, die man mit der seinen vergleichen konnte, und niemand sonst in Japan war in der Lage, auch nur etwas hnliches wie er zu tun. In seinem Dojo wurde oft erzhlt, er habe viele Jahre in Chi- na verbracht und er habe erst nach seiner Rckkehr nach Japan aus China seine wunderbaren, auf dem Chi beruhenden Aikido-Fhigkeiten gezeigt. Auf der Grundlage meiner persnlichen Erinnerungen an die Arbeit mit Ueshiba sowie meiner technischen Analyse von bestehendem Filmma- terial bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man mit gutem Grund vermuten kann, dass er Ba Gua studiert hat, whrend er in China war. Das Eintreten in den Gegner und das Umwenden und Fhren des Gegners sowie Hunderte von subtilen Energieprojektionen des Aikido sind grund- legende Ba-Gua-Techniken, die schon lange vor Ueshiba existierten. Aus diesem Grunde glaube ich, dass Ueshiba Ba Gua gelernt hat, whrend er sich in der Mandschurei in China aufhielt. Vor und kurz nach dem Zwei- ten Weltkrieg wre es angesichts der chauvinistischen militaristischen und nationalistischen Einstellung der Japaner in jenem Zeitalter politisch beraus unklug und fr seine Organisation kontraproduktiv gewesen, wenn er bekannt gemacht htte, dass ein wichtiger Teil seiner neuen" Kampfkunst von den Chinesen stammte. Ueshiba hatte enorme innere Kraft. Solche innere Kraft ist fr den west- lichen Verstand, der durch die offensichtliche Zurschaustellung uerer Kraft in Filmen und im Fernsehen konditioniert ist, geradezu unbegreif- lich. uere Kraft ist so, als she man jemanden mit einem dicken Bndel von 100 Euro Scheinen in der Brieftasche: Man nimmt automatisch an, dass dies eine reiche Person ist, was wahr sein kann, oder auch nicht. Ein steinreicher Mensch mag jedoch seinen Reichtum verbergen und nur eine sehr dnne Brieftasche mit sich fhren, in der sich nur eine Kredit- karte befindet mit einem Dispositionsrahmen von einer Million Euro (die natrlich fr die innere Kraft stehen). Der Augenschein mag trgen. In 200
  • 201. Ueshibas Fall war das so. Als ich bei Ueshiba trainierte, war er bereits ber 80 Jahre alt und von kleinem Wuchs, jedoch unglaublich stark. Als er noch lter geworden war und nicht mehr lange zu leben hatte, trugen seine Schler ihn auf einer Tragbahre in das Dojo. Er sah uerst schwach und gebrechlich aus. Doch dann konnte er pltzlich sein Chi sammeln, aufstehen und sehr starke Mnner wie Stoffpuppen durch die Gegend wirbeln. Danach kehrte er zu seiner Bahre zurck und war wieder ein kranker alter Mann. Wenn man mit Ueshiba arbeitete, begann man mit bernatrlichem zu rechnen. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass er so schnell hin- ter mich gelangen konnte, dass ich den Eindruck hatte, er sein pltzlich verschwunden. So etwas findet man auch bei Ausbenden des Ba Gua. Man konnte Ueshiba deutlich vor Augen haben, und pltzlich war er weg. Dann war er, genauso pltzlich, wieder da. Dann pflegte Ueshiba einen Hieb anzutuschen und einen Hebel anzusetzen oder dich zu Boden zu werfen. Im Gegensatz dazu wrde ein Ausbender des Ba Gua zu- erst tatschlich zuschlagen und dich dann zu Boden werfen. Dieses Mal siehst du mich, mal siehst du mich nicht" ist eine der groen Strken der Kampfkunst von Ba-Gua-Adepten. Anders als bei einem Boxer oder ei- nem Karate-Kmpfer, deren Hand man auf sich zu kommen sieht, haben Ba-Gua-Praktizierende eine unglaubliche Kraft und eine seltsame Art von Geschwindigkeit, die so subtil ist, dass man weder ihren Ursprung noch ihr Ziel zu erkennen vermag. Wenn man sich die Filme des verstorbenen Meisters ansieht, ist offen- sichtlich, dass er viele der Chi-Prinzipien des Ba Gua demonstriert. Doch whrend man im Aikido nur in uerst verschwommenen Begriffen von diesen Chi-Prinzipien spricht (wenn sie berhaupt erwhnt werden, was in der Tat selten ist), werden die entscheidenden Energie-Prinzipien im Ba Gua in aller Ausfhrlichkeit formuliert und sind systematisch spe- zifiziert. Dieses sehr wertvolle Vermgen, frher angesammeltes Wissen intakt weiterzuvermitteln, so dass die nchste Generation die Fertigkeiten frherer Generationen exakt reproduzieren kann, ist Teil des Genius der daoistischen inneren Knste. Die daoistischen inneren Kampfknste und das Chi Gung formulieren auch sehr deutlich die der Gesundheit dienen- den und heilenden Chi-Methoden sowie jene, die das Leben verlngern, Methoden, die dem modernen Aikido gewhnlich fehlen. Meiner Mei- nung nach drfte es fr Liebhaber des Aikido interessant und forderlich sein, das Ba Gua und Chi Gung zu erkunden, um praktische Einblicke in das zu erlangen, was O-Sensei getan hat. 201
  • 202. Liu Hung Chieh praktiziert das Wu Stil Tai Chi Chuan
  • 203. 4 Tai Chi Erwgungen fr den Kampfund Kampfanwendungen Tai Chi Chuan als Kampfkunst In China ben tglich mehr als 100 Millionen Menschen die krperlichen Formbewegungen des Tai Chi. Diese Zahl macht deutlich, dass mehr Men- schen auf der Welt Tai Chi praktizieren als jede andere Kampfkunst. Und der Enthusiasmus fr das Tai Chi nimmt tglich auch im ganzen Westen, in Sdamerika, Japan und Sdostasien zu. Dieser Zuwachs im Bereich des Tai Chi beruht hauptschlich darauf, dass es enorm ntzlich zu Reduzie- rung von Stress, der berwindung von Krankheiten und der Frderung der mentalen und physischen Leistungsfhigkeit ist und ein praktisches und wirksames Hilfsmittel fr Menschen darstellt, die auf angenehme Weise altern und viele der unangenehmen Situationen vermeiden wollen, die das Leben ab Einsetzen der mittleren Lebensjahre mit sich bringt.25 Wie man in China sagt: Tai Chi kann von jedermann ausgebt werden, sei die Person mnnlich oder weiblich, jung oder alt, stark oder schwach, intelligent oder langsam, gesund oder krank." (Siehe Anhang A, Seite 489; dort findet sich eine kurze Geschichte des Tai Chi.) Ursprnglich wurden die Ausbenden des Tai Chi in China nicht auf- grund der gesundheitlichen Aspekte dieser Kunst berhmt, sondern wegen der auergewhnlichen Fertigkeiten im Kampf, die sie durch das Tai Chi er- langt hatten. Wie ein Tai-Chi-Meister zu sagen pflegte: Jedermann mchte 25 In diesem Kapitel konzentrieren wir uns hauptschlich auf den Kampfkunst-Aspekt des Tai Chi. Erlernt man diese Kampfkunst von einem echten und gut ausgebildeten Lehrer, dann kommt man damit automatisch in den Genuss der energetischen und gesundheitlichen Vorteile des Tai Chi. Wird man andererseits von einem guten Lehrer in die der Gesundheit frderlichen Aspekte des Tai Chi eingefhrt, so muss das noch lngst nicht bedeuten, dass man damit auch die Fertigkeit erlangt, das Tai Chi als Kampfkunst praktisch anzuwenden. 203
  • 204. gesund sein, doch nur wenige Menschen mchten lernen zu kmpfen." Wer lernen will, das Tai Chi zum Kmpfen zu benutzen, der sollte drauf gefasst sein, dass eine erfolgreiche Anwendung des Tai Chi als Kampfkunst ausgie- biges und hartes Training voraussetzt. Eine weitere Voraussetzung ist - wie auf jedem anderen Gebiet, auf dem man Hochleistungen vollbringen will, sei es im sportlichen, geschftlichen, knstlerischen oder intellektuellen Bereich -, dass man bereit ist, sich ungeachtet wiederholter Frustrationen und Enttuschungen beharrlich weiter zu bemhen. Es gibt einen wohl- bekannten Wahlspruch, der diese Situation zusammenfasst: Geh unbeirrt weiter voran. Nichts auf der Welt kann Beharrlichkeit ersetzen. Talent kann es nicht - nichts ist hufiger als talentierte Menschen ohne Erfolg. Genie kann es nicht - das verkannte Genie ist sprichwrtlich. Bildung kann es nicht - die Welt ist voller gebildeter Versager. Beharrlichkeit und Entschlossenheit allein sind allmchtig." Wer sich fr die Kampfknste interessiert, sei es krperlich oder intel- lektuell, der wird durch dieses Kapitel einige ntzliche Einsichten in das gewinnen, was notwendig ist, um die praktischen Fertigkeiten der Anwen- dung des Tai Chi als Kampfkunst zu gewinnen. Wie gut sich das Tai Chi zum Kmpfen eignet, wurde ursprnglich immer wieder in Wettkmpfen mit Gegnern aus allen mglichen anderen Kampfknsten unter Beweis gestellt, in Kmpfen ohne Einschrnkungen und sowohl mit der leeren Hand als auch mit traditionellen Waffen wie Schwert oder Speer. Zu der inneren Kampfkunst des Tai Chi Chuan, die gewhnlich kurz Tai Chi" genannt wird, gehren zwei getrennte Konzepte: Erstens das Tai Chi, wobei Tai gro" oder viel" bedeutet, und Chi oder (in einer anderen Umschrift) Ji das Hchste, das Letzte, das Beste". Beachten Sie, dass das chinesische Wort/Schriftzeichen Chi hier nicht dasselbe ist wie fr das Chi", das oft die Energie" bezeichnet. Tai Chi ist der daoistische philo- sophische Begriff zur Bezeichnung jenes Bereichs der Nondualitt, in dem die spezifischen einander entgegengesetzten Krfte des Yin und des Yang jeglicher Ausformung in einem potentiellen und undifferenzierten Zustand existieren, bevor sie sich trennen und als gegenstzliche (dualistische) Form manifestieren - also zum Beispiel als Tag und Nacht, Sonne und Mond, Ich und andere, Angriff und Verteidigung, Dieses und Jenes. Der Begriff Tai Chi bezieht sich also auf philosophische Vorstellungen von der Natur des Daseins, darber hinaus jedoch auch in einem praktischeren Sinne auf die auf dem Chi basierenden gesundheitlichen Aspekte und die innere Kraft im Tai Chi Chuan. Es ist die Tai-Chi-Facette, die heilt und veijngt, nicht das 204
  • 205. Chuan. Chuan bedeutet Faust" und bezeichnet in weiterem Sinne alles, was mit den Techniken, der Philosophie, der Taktik und der Strategie des Kmpfens zu tun hat. Das Tai Chi Chuan als Kampfkunst hat die beiden getrennten und unterschiedlichen Aspekte zu einer integrierten Ganzheit verschmolzen, indem sie sie ursprnglich an das bereits im China des siebzehnten Jahrhunderts vorhandene umfangreiche technische Repertoire der wirksamsten Techniken des bewaffneten und unbewaffneten Kampfes anpasste. Jeder Teil trug etwas Einzigartiges zu der Mischung bei, die heute als Tai Chi Chuan bekannt ist. Die Kampftechniken basieren auf den Techniken eines Handbuchs der militrischen Ausbildung, das ein berhmter General dazu benutzte, seine Truppen fr den Erfolg auf dem Schlachtfeld zu trainieren. Das Tai Chi ist eine hybride Kampfform, deren Entstehung man durch die folgende Formel ausdrcken knnte: Daoistisches Chi Gung + philosophische Prinzipien des Daoismus + Techniken der ueren Kampfkunst des Shaolin-Tempel- Gung-Fu = Chinas neue integrierte innere Kampfkunst, die spter Tai Chi Chuan genannt wurde. Das Chi Gung fgte innere Kraft hinzu und lud die vorhandenen Kampfkunst-Techniken damit auf. Die daoistische Philosophie und die daoistischen Kampfstrategien brachten vllig neue Kampfanwendungen hervor, die in den Bewegungen der ursprnglichen ueren Kampfkunst des Shaolin nicht vorhanden waren. Dieser ganze Integrationsprozess ver- wandelte die ursprnglichen Kampfbewegungen in unterschiedlichem Aus- ma dahingehend, dass sie mit den hoch entwickelten Regeln der inneren Krperbewegungen des Chi Gung in Einklang gebracht werden konnten. So wurden zum Beispiel Gung-Fu-Hiebe, die zuvor mit gestreckten Armen oder Beiden ausgefhrt wurden, jetzt mit gebeugten Ellbogen oder Knien ausgefhrt. Diese scheinbar kleine nderung brachte im Kampf mehrere Vorteile mit sich. Vom Standpunkt des Chi Gung gesehen, machte sie das ffnen und Schlieen der Gelenke und der Wirbelsule mglich, das enorme innere Kraft erzeugt. Sie verkrperte zudem die forderlichen dao- istischen Losungen Weder zuviel noch zuwenig tun" und Hinausgehen ist Zurckkehren und Zurckkehren ist Hinausgehen". Auerdem fhrte sie zu einer wichtigen Sicherheitsmanahme im Kampf, denn gebeugte Arme und Beine sind wesentlich weniger anfllig fr knochenbrechende Hebel als gestreckte Arme und Beine. Ein anderes wesentliches Beispiel ist die Betonung der Zirkularitt kr- perlicher Bewegungen im Tai Chi, und zwar sowohl innerhalb der Formen 205
  • 206. als auch bei den Kampfanwendungen. In den dem Tai Chi vorangegange- nen Gung-Fu-Techniken des Shaolin gab es diese Betonung nicht, oder sie war zumindest deutlich geringer. Das Konzept der Kreisfrmigkeit gehrt zum Kern der daoistischen Philosophie und ist eine wesentliche Kompo- nente der zentralen Handlungsprinzipien des daoistischen Chi Gung. Die Grundprinzipien des Tai Chi wurden in einer kurzen Abhandlung aufgezeichnet, die Tai Chi Klassiker" genannt wird. Diese Seiten wur- den im neunzehnten Jahrhundert in einer Ecke eines Salzspeichers in der Nhe des Dorfes Chen gefunden. Jeder Tai-Chi-Meister benutzt sie als ein grundlegendes Schulungsmittel und beruft sich immer wieder auf ihre kurzen, kryptischen Sprche, die viele Bedeutungsebenen haben. ber die 13 Posituren26 hinaus, werden in den Klassikern an keiner Stelle die Namen der Vielzahl von Kampftechniken oder der Push-Hands-Methoden des Tai Chi erwhnt. Sie enthalten nur verallgemeinerte Nei-Gung-Prinzi- pien des Daoismus, philosophische Konzepte sowie militrische Strategien und Taktiken. Selbst die 13 Posituren, die in den Klassikern" erwhnt werden, werden nicht in Form von expliziten bungsanleitungen son- dern nur als allgemeine Prinzipien der inneren Energie dargestellt. Man braucht schon einen Adepten, der einem zu bersetzen vermag, wie die verschiedenen in den Klassikern erwhnten krperlichen Bewegungen im Einzelnen auszufhren sind. Die acht grundlegenden Kampfprinzipien des Tai Chi Das Tai Chi basiert auf dem Gebrauch der einen einheitlichen Chi-Energie des Krpers, die auf Chinesisch Jeng Chi genannt wird. Doch je nach der Funktion, die es erfllt, wird dieses eine Chi mit verschiedenen Namen benannt - das Dieses-Chi und das Jenes-Chi. Es gibt acht primre Krper- energien, die im Tai Chi verwendet werden. Diese acht sind die Grundlage jeder einzelnen Tai-Chi-Formbewegung und jeder Kampfanwendung des 26 Der Begriff Positur", der in diesem Buch immer wieder auftaucht, wird im allgemei- nen sowohl in den inneren Kampfknsten als auch in den ueren Kampfknsten und ganz besonders im Tai Chi Chuan verwendet, um eine spezifische innere oder uere Bewegung oder Technik in einer Form zu bezeichnen. Diese Idee wird auch in den japanischen Kampfknsten verwendet. Im Karate hat man zum Beispiel die Aufwrts- und die Abwrtsblockade (Gedan Barai und Jodan Uke, die Umkehrhiebe und Vorwrtstritte (Gyaku Zuki und Mae Geri); Im Judo hat man 0 Soto Gari oder Uchimata und im Aikido Kyoku Nage. 206
  • 207. Tai Chi und sie sind in einzelnen oder multiplen Kombinationen smtlicher Bewegungen enthalten. Die Kampfkunst Tai Chi basiert auf dreizehn Prinzipien. Fnf davon beziehen sich auf die Methodologie der Tai-Chi-Fuarbeit, die dafr verant- wortlich ist, die Fe und das Zentrum des Krpers flssig und mit Stabili- tt zu bewegen. Diese fnf heien Schritt vorwrts, Schritt rckwrts, Blick (das heit seine Intention auf etwas richten und sich bewegen) nach links, Blick nach rechts und Zentrales Gleichgewicht. Die brigen acht Prinzi- pien beziehen sich auf das Wie der Manifestation der Energie im Krper. Diese acht Energieprinzipien sind der Kern dessen, was das Tai Chi zu einer einzigartigren Kampfkunst macht, die auf bestimmten Grundstzen der daoistischen Philosophie (die vier Seiten und die vier Ecken) beruht. Bei den acht Prinzipien geht es darum, wie sich die Energie beim Tai Chi im gesamten Krper in allen Posituren und Bewegungen der Form und in smtlichen Kampfanwendungen, einschlielich des Push Hands und des Sparring, manifestiert. In Hinsicht auf die Anwendung geht man davon aus, dass diese Krfte zuerst bei der Berhrung verwendet werden und spter auf die Energie des Gegners wirken, bevor es zu einer Berhrung kommt oder wenn man sich nach einer Berhrung zurckzieht und bevor man erneut Kontakt aufnimmt. Die acht beziehen sich auf nichtphysische Energien, die der Krper aussenden kann. Sie beziehen sich nicht auf krperliche Bewegungen. Sie werden mit herkmmlichen chinesischem Begriffen bezeichnet, die folgendermaen bersetzt werden: 1. Peng oder Abwehren (aufwrts, sich ausdehnende innere Kraft) 2. Lu oder Zurckrollen/Roll Back (rckwrts oder absorbierend, nach- gebende Kraft) 3. Ji oder Vorwrtsdrngen (gerade vorwrts, nach vorn gerichtete Kraft) 4. An oder Abwrtsdrcken (sich abwrts bewegende Kraft) 5. Tsai oder Abwrtsziehen (kombiniert die Yin-Energien von Lu und An, die sich gleichzeitig in dieselbe Richtung bewegen) 6. Lieh oder Spalten (kombiniert die Yang-Energien von Peng und Ji, die sich von einem Ausgangspunkt aus in entgegengesetzte Rich- tungen bewegen) 7. Jou oder Ellbogenhieb (konzentriert Energie im Ellbogen) 8. Kao oder Schultersto (konzentriert Energie in der Schulter) 207
  • 208. Die ersten vier beziehen sich auf die Richtung, in die sich die Energie bewegt: aufwrts beim Abwehren, rckwrts beim Zurckrollen, gerade vorwrts beim Vorwrtsdrngen und abwrts beim Abwrtsdrcken. Die nchsten beiden beziehen sich auf die Kombination von Energien: Ab- wrtsziehen kombiniert die beiden Yin-Energien von Zurckrollen und Abwrtsdrcken, die sich in dieselbe Richtung bewegen, und Spalten kom- biniert die beiden Yang-Energien von Abwehren und Vorwrtsdrngen, die sich in entgegengesetzte Richtungen bewegen. Fr jede der ersten vier gab es im Yang-Stil Tai Chi eine danach benannte Positur, ihre wahre Be- deutung bezieht sich jedoch auf die Art der inneren Energie (Jin genannt), die sie bezeichnen. Alle Bewegungen im Tai Chi sind aus Abwandlungen dieser acht Bau- steine zusammengesetzt, die im Verlauf jeder einzelnen Positur und ber- gangsbewegung stndig miteinander kombiniert, von einander getrennt und neu kombiniert werden. Im Kampftraining muss jeder Tai-Chi-Kmpfer in der Lage sein, innerhalb eines Sekundenbruchteils von einer Kombi- nation zur nchsten berzugehen, wenn er gewinnen oder zumindest ein Unentschieden erreichen will, ohne verletzt zu werden. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Tai Chi in Tokio Im Jahre 1968 war die im Stadtteil Shibuya gelegene Schule von Chang I Chung die angesagte Tai-Chi-Schu- le unter Schwarzgrteltrgern in Tokio. In dieser Schule traf man eine Menge Inhaber eines schwarzen Grtels niederen Grades sowie einige Trger eines schwarzen Grtels fnften oder sechsten Grades von Karate-Schulen aus Japan und Okinawa und aus verschiedenen anderen japanischen Kampfknsten. Etwa ein Jahr lang bte ich dort bei Chang die Praxis im Stehen und hatte dabei Gelegenheit, die Form ausgiebig zu beobachten. Abgesehen von der durch das Stehen erreichten Entwicklung des Chi half mir die Tatsache, dass ich den Unterricht mehrere Stunden pro Woche whrend des Stehens beobachten konnte, viele der Nuancen des Tai Chi zu erken- nen, die mir sicherlich entgangen wren, wenn ich mich sofort auf das Erlernen der krperlichen Bewegungen gestrzt htte. Was aus diesen Nuancen hervorging, motivierte mich nachhaltig dazu, die Stehbung nicht aufzugeben. Mir wurde klar, dass ich all die Chi-Techniken, die ich 208
  • 209. durch das Stehen erlernte, eines Tages brauchen wrde, wenn ich einmal das Potential der Kampffertigkeiten, die im Tai Chi vorhanden sind, voll ausschpfen wollte. Im Verlauf der folgenden fnfzehn Jahre wurde mir bei diversen Gelegenheiten immer wieder besttigt, wie bedeutungsvoll diese Einsicht gewesen ist. Wenn Menschen zum ersten Mal eine Tai-Chi-Bewegung beobachten, dann sehen sie gewhnlich nicht, was dabei tatschlich geschieht. Oft ist es so, dass man erst dann zum ersten Mal klar sieht, was dabei wirklich vor sich geht, wenn man die Ausfhrung der Bewegung Hunderte von Malen beobachtet hat. Und das trifft nicht nur dann zu, wenn man die Tai-Chi- Bewegungen passiv beobachtet und analysiert, sondern auch dann, wenn man sie aktiv erlernt. In meinem Fall war es so, dass das Verstndnis, das sich durch die lange passive Beobachtung entwickelte, es mir sehr viel leichter machte, all das Material in den Formen spter aktiv zu erlernen; ich vermochte es dann viel prziser auszufhren, und dieses Beobachten ersparte es mir, in der spteren Schulung viel kostbare Zeit zu verlieren. Der Unterricht in den Formen hatte eine interessante Struktur. Die lange Form war sehr kompliziert. Wir bten sie ziemlich langsam, so dass die Ausfhrung der ganzen Form am Stck etwa fnfundvierzig Minuten brauchte. Die ganze Gruppe (die gewhnlich aus hchstens zwanzig Per- sonen bestand) fhrte die Form gemeinsam von Anfang an aus. Wenn jemand die nchste Bewegung nicht kannte, hielt die ganze Gruppe inne. Chang erklrte dem fragenden Schler dann diese Bewegung und de- monstrierte ihre grundlegende Kampfanwendung; wollte ein fortgeschrit- tenerer Schler mehr dazu wissen, dann fhrte Chang seine Erklrungen gewhnlich weiter aus. Der Anfnger ging dann auf die Seite und bte allein weiter, manchmal auch mit Hilfe eines lteren Schlers, der zu spt gekommen war. Wurden keine weiteren Fragen gestellt, dann fhrte die Gruppe die Form von dem Punkt an, wo sie sie unterbrochen hatten, bis zum Ende fort. Musste ein weiterer Schler eine Bewegung erst erlernen, dann wiederholte sich der Prozess von Innehalten, Erklrung und Fortfahren. Indem ich die Gruppenbungen beobachtete und sah, wie Chang diesel- ben Techniken lehrte, wurden mir im Laufe der Zeit einige Dinge klar. Die Bewegungen der Formen hatten einen praktischen Wert fr den Kampf: Form und Funktion waren wirklich eins. Die bung der Form entwickelte ein enormes Gleichgewicht und trainierte starke Beine, besonders durch die Tritte im Zeitlupentempo und die wiederholten Bewegungen des In-die- Hocke-Gehens. Auerdem hatte das Tai Chi eine Menge erstaunlicher Hiebe mit der Hand, die ich in keiner japanischen Kampfkunst je gesehen hatte. Die auf den Kampf gerichtete Intention einiger der Kursteilnehmer war deutlich. Man konnte fast sehen, wie sie einen imaginren Gegner block- 209
  • 210. ten, ihm auswichen, konterten, Knochen brachen und Hebel ansetzten. Die langsame, unerbittliche und flssige Art und Weise, in der die Be- wegungen ausgefhrt wurden, sollte nicht nur die Gesundheit verbes- sern, sondern auch die Przision im Kampf verbessern. Es war wunderbar anzusehen, welche Wirksamkeit fr den Kampf die Bewegungen hatten. Langsam dmmerte mir die Einsicht, dass es durchaus realistisch war, von der Mglichkeit auszugehen, dass man gut kmpfen kann, ohne Muskel- spannung und Kraft anzuwenden. Die Langsamkeit und Kontrolle der Tai-Chi-Bewegungen betonte und entwickelte offensichtlich ein hervorragendes Vermgen, sich in der Taille und Hfte zu drehen, wie es auch von jeder guten japanischen Kampf- kunst entwickelt wird. Die Bewegungen zu beobachten hatte anfangs zu- gleich etwas Hypnotisches und Ablenkendes. Als ich jedoch allmhlich lernte, mich zu sammeln, wurde mir immer deutlicher, dass die Form deshalb so ungeheuer beeindruckend war, weil sie so przise war und kei- nerlei berflssige Bewegungen aufwies. Dieses Tai Chi genannte Zeit- lupen-Karate" lie den Krper auch sehr geschmeidig werden. Im Verlauf dieses Jahres beobachtete ich, wie einige der Kursteilnehmer Schritt fr Schritt ihre gewohnheitsmigen Verspannungen verloren. Monat fr Monat bewegten sich die Schler in den Partner-Kampfanwendungen im- mer schneller. In diesem Kurs lag die Betonung nicht so sehr auf dem nicht auf den Kampf ausgerichteten Push Hands, sondern vielmehr auf dem Training grundlegender Kampfanwendungen und auf choreographierten Kampf- bungen mit einem Partner. Wenn Push Hands gebt wurde, dann lag die Betonung auf dem Nachgeben, dem Kleben und der Verbindung von Ganzkrperbewegungen, jedoch ohne Fa Jin (siehe Seite 188). Mit einigen der am Kampf interessierten japanischen Kursteilnehmer traf ich mich auerhalb des Unterrichts, um spielerisch den Kampf zu erproben, und dabei gingen wir deutlich hrter zur Sache" als es im Unterricht blich war. 1. Abwehren (Peng) Peng bezieht sich auf die aus einer Quelle aufsteigende oder sich ausdeh- nende Bewegung von Energie. Dies ist die primre Yang-Energie oder projizierende innere Energie im Tai Chi und in den anderen inneren Kampf- knsten des Daoismus. Sie ist von ihrer Natur her ebenso auf Defensive wie auf Offensive angelegt. Sie ist die Wurzel der Yang-Energien im Tai 210
  • 211. Chi und kann Energie sowohl von den inneren (Yin) als auch von den ueren (Yang) Oberflchen des Krpers abstrahlen.27 In seiner ausdehnenden Phase wird Peng oft mit der Energie verglichen, die Holz auf dem Wasser schwimmen lsst oder die einen Autoreifen aufblst oder die zur Auffllung der Blutgefe fhrt. Der Ausdruck Ab- wehren" bezieht sich auf die sich ausdehnende Natur von Peng. Wird sie in die Arme oder einen anderen Krperteil gelenkt, dann ermglicht sie es, eine Pufferzone zu erzeugen, die verhindert, dass der erste Aufprall eines auf Sie zukommenden Angriffs Ihre Verteidigung durchdringt. Das heit, dass sie den Angriff entweder mit den Armen, den Beinen oder dem Krper abwehrt und vielleicht sogar den Hieb von Ihrem Krper zurck- prallen lsst. Abwehren schenkt Ihnen die entscheidende Mikrosekunde neurologischen Spielraums, die es Ihnen ermglicht, nicht berwltigt zu werden, bevor Sie Ihre Abwehr einleiten und die Kraft eines Angreifers ablenken, absorbieren oder in eine andere Richtung lenken. Auerdem erzeugt Abwehren in Ihren Gliedmaen und Ihrem Rumpf eine Ausdeh- nung, die verhindert, dass die Kraft eines Angreifers ber die Hautgrenze hinaus eindringen und Sie verletzen kann. Dies ist mglich, weil Peng unmittelbar das schtzende Chi des Krpers aktiviert, das im Chinesischen Wei Chi genannt wird. Nach der Theorie der chinesischen Medizin hindert das Wei Chi Krankheiten daran, durch die Poren der Haut in den Krper einzudringen. Diese sich ausdehnende Energie kann es Ihnen auch ermglichen, die Arme eines Angreifers nach Ihrem Willen zu bewegen, indem sie sich ber seine Strke hinaus ausdehnt und dem Gegner keine andere Wahl lsst, als den Krperteil oder die Waffe, die Sie berhren, aus dem Weg zu bewegen. Wenn Ihr Gegner gegen Ihre Gliedmaen schlgt, knnen Sie Ihr Peng pltzlich einschalten, und wenn Ihr Abwehren stark genug ist, dann kann Ihr Peng dem angreifenden Arm oder Bein Schmerzen oder sogar schwere Verletzungen zufgen. Peng oder Abwehren erklrt, warum die Arme eines Ausbenden der inneren Kampfkunst in einem Augenblick so weich sein knnen wie die eines Suglings und im nchsten Augenblick stahlhart werden knnen, " In Hinsicht auf den Rumpf sind die vorderen Oberflchen vom Scheitel bis zum Steibein Yin, die rckseitigen Oberflchen Yang; in Hinsicht auf die Gliedmaen sind die Innenseiten der Gliedmaen Yin, die Auenseiten sind Yang. Stehen Sie mit nach vorne zeigenden Zehen und halten Sie die Arme ausgestreckt vor dem Krper: die Innenseite" ihrer Gliedmaen ist dem Rumpf zugewandt, die Auenseite" ist vom Rumpf abgewandt. 211
  • 212. ohne dass irgendeine Muskelspannung zu bemerken wre. Die Entwick- lung dieser Energie ist das innere quivalent fr Trainingsmethoden eines Ausbenden der ueren Kampfknste, der Gewichte hebt oder mit den Gliedmaen gegen harte Objekte schlgt, um sie abzuhrten. Als An- griffstechnik kann Peng es mglich machen, dass Ihr Arm zuschlgt wie ein Bleirohr oder dass Ihr Gegner durch die Luft geschleudert wird, ohne Schmerzen zu empfinden und ohne verletzt zu werden - falls er nicht durch die Wucht, mit der er gegen eine Wand oder zu Boden geschleudert wird, verletzt wird. In seiner aufsteigenden Phase ist Abwehren fr die Fhigkeit verantwortlich, einen Gegner anzugreifen und zu entwurzeln. Das Entwurzeln lsst die Fe Ihres Gegners vom Boden abheben. Peng oder Abwehren ist energetisch eine Yang-Kraft. Das ursprngliche Tai-Chi-Handbuch aus Chen sagt, dass Peng die Quelle aller anderen Posi- turen oder inneren Energien im Tai Chi ist. Es ist nicht wirklich einzigartig fr das Tai Chi, denn es wird genauso hufig oder sogar hufiger im Ba Gua und im Hsing-I angewandt, wo es aus genau denselben Grnden ebenfalls Peng genannt wird. Es ist das Pang, das es dem Ausbenden der inneren Kampfkunst ermglicht, einen Gegner zu treffen und ihn, wie die Chinesen gern sagen, davonfliegen" zu lassen. Damit er die Kraft des Abwehrens erlangt, muss ein Ausbender in der Lage sein, die Chi- Energie ins Untere Dantien abzusenken (das heit die Energie aus dem Oberkrper in den Unterbauch sinken zu lassen). Diese Fertigkeit ist eine unerlssliche Voraussetzung. 2. Zurckrollen/Roll Back (Lu) Lu bezeichnet die Fhigkeit, eine auf einen zukommende Kraft energetisch zu absorbieren und/oder ihr auszuweichen, um zu kontern. Das geschieht oft mit einer kreisfrmigen krperlichen Bewegung, die so minimal ist, dass sie unsichtbar zu sein scheint. Die energetische Hauptrichtung ist dabei rckwrts, das Roll Back kann von einigermaen fortgeschrittenen Kampfknstlern aber auch in der Abwrts-, Vorwrts- oder Aufwrtsbewe- gung ausgefhrt werden. Das Zurckrollen ist vor allem defensiver Natur, ist aber auch beim Angreifen ntzlich. Es ist die primre Yin-Energie im Tai Chi und es absorbiert Energie sowohl mit der Innenseite als auch der Auenseite der Arme und mit dem Handrcken. Der natrliche Vorteil des Zurckrollens besteht darin, dass man weg- schmelzen und dadurch den eigenen inneren Widerstand gegen die Kraft 212
  • 213. der Techniken des Gegners auflsen kann. Diese Art der Auflsung fhrt dazu, dass der Gegner aus dem Gleichgewicht kommt. Man kann es mit der Situation vergleichen, in der ein Mann mit der Schulter voran gegen eine Tre anrennt, um diese aufzubrechen, und dann auf die Nase fllt, weil die Tr pltzlich geffnet wird. Das, was man normalerweise erwartet, wird hier auf den Kopf gestellt. Ihr Gegner im Kampf erwartet, dass Sie Ihre eigene Kraft seiner Kraft entgegensetzen, und wenn das nicht geschieht, dann strmt er vorwrts, nimmt sein Zentrum dabei mit und verliert als Folge davon seine Balance. In der Sekunde oder dem Bruchteil einer Se- kunde die bei Ihrem Gegner zwischen dem Verlieren des Gleichgewichts und dem Wiedererlangen des Gleichgewichts liegt, ist er in einem vertei- digungsunfhigen Schwebezustand, der optimale Bedingungen fr einen Gegenangriff bietet, welcher ja die Spezialitt des Tai Chi ist. Ist das Abwehren eines Tai-Chi-Praktizierenden stark genug, so kann er es verwenden, um sich gegen einen Angreifer mit gleicher oder leicht berlegener Kraft zu verteidigen. Das Zurckrollen jedoch ist die bevor- zugte Technik auf die ein Ausbender des Tai Chi zurckgreift, wenn er sich mit einer klar berlegenen Kraft konfrontiert sieht oder in dem Sekundenbruchteil, in dem ein Angreifer vielleicht einen unzureichenden Angriffswinkel whlt. Das Roll Back ist die Eigenschaft, die das Tai Chi charakterisiert. Als innere Kampfkunst spezialisiert sich das Tai Chi vor- wiegend auf diese Energie. Zurckrollen ist das, was der sanften Qualitt im Tai Chi zugrunde liegt. Fr den Matador im Stierkampf ist offensichtlich, wie wertvoll es ist, einer berlegenen rohen Kraft ausweichen zu knnen; er gibt nach und geht den Hrnern des angreifenden Stiers mit dem Krper und seinem Cape aus dem Weg. Vom Standpunkt der inneren Kampfknste gesehen, kann Kraft entwe- der intelligent oder dumm sein. Intelligente" Kraft ist mit groer Sensibi- litt genau dosiert und kann sich blitzschnell verndern, je nach der Art der Kraft, mit der sie es aufzunehmen hat. Dumme" Kraft strmt in eine Richtung los und ist kaum oder gar nicht in der Lage, sich den Umstn- den anzupassen. Dumme Kraft ist wie ein Geschoss auf einer festgelegten Schussbahn, die es nicht zu kontrollieren vermag. Intelligente Kraft kann ihre Strke und Richtung von Beginn bis zu Abschluss der Technik von Millisekunde zu Millisekunde anpassen. Beide Arten von Kraft gibt es so- wohl in defensiven wie in angriffsorientierten Kampfkunsttechniken. Bei Kampfwinkeln zum Beispiel kommt intelligente Kraft ins Spiel. 213
  • 214. Durch ihre energetische und krperliche Ausfhrung erlaubt es die Tech- nik des Zurckrollens dem Tai-Chi-Praktizierenden, sich erfolgreich gegen die berlegene Kraft auch eines gut geschulten Gegners zu verteidigen. Besitzt eine Partei in einem Kampf berlegene rohe Kraft oder Geschwin- digkeit und die andere Partei wei geschickt Kampfwinkel anzuwenden (wie das bei Stier und Stierkmpfer der Fall ist), dann ist die rohe Kraft durch Beherrschung von Kampfwinkeln besiegbar. Wenn jedoch beide Parteien die Kampfwinkel gleich gut beherrschen, dann wird ein Vorteil auf dieser Ebene dadurch neutralisiert; dann wird wiederum derjenige dominieren, der mehr Kraft oder Geschwindigkeit besitzt, solange kein Zurckrollen ins Spiel kommt. Die kombinierten Eigenschaften von Ausweichen und Absorbieren im Roll Back fhren zu einer Art Amalgam von Nachgiebigkeit. Wenn man mit groem Engagement bt, dann wird auch diese sanfte Kraft zunehmen, so wie ein Gewichtheber durch fortgesetzte bung immer grere Gewichte zu heben vermag. Es ist die bung, die zu dieser Zunahme der Kraft fhrt, nicht das bloe Verstndnis des Mechanismus des Zurckrollens. Viele Ausbende des Tai Chi glauben flschlicherweise, dass das Roll Back, weil es das intellektuell berlegene Konzept zum Umgang mit roher Kraft ist, automatisch auch krperlich in der Konfrontation mit einem krperlich strkeren Gegner funktioniert. Doch weit gefehlt! Der Schlssel zum Erfolg ist die Meisterschaft, die aus ausdauernder bung entsteht. Aus der Sicht der Kampfkunst ist und bleibt Kraft nun einmal Kraft. Es spielt keine Rolle, ob die Kraft sanft" oder hart", uerlich" oder innerlich" ist; entscheidend ist die Frage, ob sie vorhanden ist oder nicht. Der groe Vorteil der sanften Kraft des Zurckrollens besteht darin, dass diese Kraft relativ geringer sein kann als die darauf anstrmende Kraft und sie trotzdem die Oberhand zu behalten vermag. Allerdings darf die sanfte Kraft des Roll Back nicht wesentlich geringer sein, denn dann wird sie von einer strkeren harten" Kraft besiegt. Das trifft umso mehr zu, wenn der Gegner gut verwurzelt ist, wie es viele fortgeschrittene Adepten sowohl der inneren als auch der ueren Kampfknste sind. Es ist immer leichter, eine bestimmte Fertigkeit zu entwickeln, wenn man sich ausschlielich darauf konzentriert und sich nichts anderes vor- nimmt. Natrlich ist es so, dass man zu einem berragenden Knnen ge- langen kann, wenn man sich ber lange Zeit darauf konzentriert, diverse Fertigkeiten zu erlernen und diese schlielich zusammenkommen. Diese Integration ist zweifellos fr die Kampfknste ntig. So trainierten die 214
  • 215. Ausbenden der Kampfknste vor dem neunzehnten Jahrhundert und auch whrend des neunzehnten Jahrhunderts noch viele Stunden am Tag, als ginge es um Leben oder Tod. Sie arbeiteten mit der Intensitt von Hoch- leistungssportlern. In der Hierarchie der inneren Kampfknste jener Zeit galt das Tai Chi aufgrund seiner Wirksamkeit auf dem Schlachtfeld als eine dem Hsing-I berlegene Kampfkunst. Trotzdem war es damals und ist es auch heute so, dass die meisten Ausbenden des Hsing-I normalerweise die meisten Tai-Chi-Praktizierenden im tatschlichen Kampf zu besiegen vermochten. Diese Situation kann sich jedoch umkehren, wenn der Tai- Chi-Ausbende zehn Jahre Praxis angesammelt hat. Nach der klassischen Tai-Chi-berlieferung braucht es mindestens zehn Jahre intensiven Trai- nings, bis ein Ausbender des Tai Chi Kampfknstlern aller Richtungen in einem tatschlichen Kampf auf Leben oder Tod gewachsen ist. Woher kommt dieser offensichtliche Widerspruch? Das Hsing-I und das Tai Chi benutzen beide dieselbe innere Technologie, um harte innere Kraft zu entwickeln. Da das Hsing-I jedoch anfangs weni- ger Betonung auf das Nachgeben legt, konzentriert es sich ausschlielich auf die Entwicklung von Yang- oder harter innerer Energie und von wirk- samen Kampfwinkeln. Das Hsing-I hat eine schlichtere Vorgehensweise, und produziert deshalb schneller eine grere Zahl von Siegern. Beim Tai Chi geht es andererseits nicht um die Entwicklung von ein oder zwei, sondern von drei Aspekten. Zuerst einmal ist seine Spezialitt die sanfte" Energie des Zurckrollens; zweitens geht es darin um die harten" inneren Krfte der Projektion von Energie, wozu Abwehren, Vorwrtsdrngen und Spalten gehren. Drittens geht es im Tai Chi darum, die beiden ersten Aspekte in einem komplexen und vielschichtigen Prozess miteinander zu verschmelzen, was in den Tai-Chi-Klassikern Gang Rou Hsiang Ji genannt wird oder Hartes und Sanftes verbinden sich miteinander". Dieser dritte Aspekt macht es den Ausbenden des Tai Chi mglich, flssig und augenblicklich zwischen dem Harten und dem Sanften hin und her zu wechseln. Diese Wechsel vollziehen sich im Geist des Tai- Chi-Kmpfers, in seiner krperlichen Technik und in seinen Emotionen mit einem total flssigen Umschalten, und es ist dieses Umschalten", bei dem viele andere Kampfknstler oft stecken bleiben". Diese kritischen Millisekunden treten im Kampf dann auf, wenn ein Kmpfer nicht in der Lage ist, sich krperlich zu bewegen oder wenn er mental desorientiert ist, wenn er nicht wei, wo, wann und wie er sich als nchstes bewegen soll. Weil das Tai Chi also hhere Ansprche stellt, gibt es weniger Menschen, 215
  • 216. die es umfassend meistern - doch diejenigen, die es meistern, erreichen wirklich sehr viel. Und wer eine harte oder uere Kampfkunst ausbt, der kann selbst durch ein wenig Auseinandersetzung mit dem Tai Chi und seinen Roll-Back-Techniken seine krperliche Geschwindigkeit und die Flssigkeit seiner Ausweichmanver steigern. Man braucht allerdings sehr viel emsthaftes Training, um das Potential des Zurckrollens im Tai Chi wirklich ausschpfen zu knnen. Was das Roll Back angeht, sollten Sie zwei Dinge nicht bersehen: Diese innere Yin-Technik setzt die Bereitschaft voraus, sich auf subtilere Ebenen des Geistes einzulassen. Und das Ma Ihrer nachgebenden und absorbieren- den Kraft muss schon sehr gro sein, damit Sie damit einen Gegner mit betrchtlicher Kraft und Geschwindigkeit besiegen knnen. Viele wenig geschulte Anhnger des Tai Chi mit unzureichendem Roll Back bilden sich ein, sie knnten einen Karatekmpfer, Gung-Fu-Kmpfer oder Boxer besiegen, nur weil sie ihre Kampfkunst fr berlegen halten ... bis sie dann einmal eine grndliche Niederlage erleiden. Mit schwachen Gegnern kann man es auch mit mittelmigen Roll- Back-Fertigkeiten aufnehmen. Um gegen einen starken Gegner bestehen zu knnen, braucht man schon ein herausragendes Roll Back. Aus diesem Grunde ist die Entwicklung des Roll Back die schwierigste und wichtigste Fertigkeit, die man im Push Hands entwickelt. Es ist schon wahr, dass das Roll Back im Tai Chi hauptschlich zum Zweck der Verteidigung gebraucht wird, und das ist der Grund dafr, dass das Tai Chi oft fr wenig wettkampforientiert gehalten wird. Nichts- destoweniger wird das Roll Back in seinem absorbierenden Aspekt auch fr den Angriff verwendet. Die Angriffsphase des Zurckrollens macht starken Gebrauch vom Schlieen des Krpers (siehe Seite 122), um En- ergie anzusaugen wie ein Staubsauger. Ist die Aktion des Schlieens mit der Handkante, der Handflche oder der Rckseite Ihrer Faust verbunden, dann kann sie durch das Fleisch eines Gegners schneiden, so als zgen Sie die Schneide eines Messers durch ein dickes Steak, um es durchzuschnei- den. Diese Technik, bei der die Faust, die Handkante und die Handfl- che eingesetzt wird, herrscht im Chen-Stil mit seinen starken kreisfrmig schneidenden Handbewegungen vor, und man erkennt sie auch leicht in den Yang-Stil-Techniken des Hackens mit der Faust, Abwrtsziehens und Abwrts-Zurckrollens. Da das Zurckrollen eine Spezialitt des Tai Chi ist, drfte es ntzlich sein, sich den Trainingsverlauf anzusehen, sowohl was die Krperbewe- 216
  • 217. Der Autor (rechts) fhrt die Kampfanwendung der Tai-Chi-Positur Zurckrollen" (Roll Back) in ihrer Angriffsphase aus. gungen als auch was die damit verbundene energetische Komponente angeht. Mechanisch gesehen lenkt eine drehende Bewegung eine heranstr- mende Kraft ab, so wie Rotorbltter eines Ventilators einen gegen den Ventilator geworfenen Kiesel abprallen lassen. Dieses Prinzip funktioniert auch sehrt gut, wenn es auf den menschlichen Rumpf, die Arme oder Beine angewendet wird. Der Ablauf fr das Erlernen der physischen Aspekte des Roll Back ist folgender: 1. Konzentrieren Sie sich auf das flssige Drehen in der Taille und den Hften. Im Osten heit es oft: Hften so steif wie Eisen mssen zu Hften so weich und flexibel wie Tofu (Sojabohnenpaste) werden." 2. Ihre Arme und Beine mssen sich mit der Hftdrehung koordiniert beugen. 3. Ihre Arme mssen sich entspannen und weicher werden, bis sie einer angreifenden Kraft nur minimalen Widerstand entgegensetzen. 217
  • 218. 4. Das ffnen und Schlieen (ebenso wie ein tiefes Entspannen) all Ihrer Gelenke muss so weit entwickelt werden, dass Ihre Gelenke sich in Reaktion auf den geringsten Druck Ihres Gegners innerhalb ihres optimalen Bewegungsspielraums ungehindert bewegen knnen. 5. Das Drehen der Arme und Beine muss so weit verwirklicht und stabilisiert werden, dass dadurch die Energie verstrkt und auf den exakten Punkt des Krperkontakts hingelenkt wird, der meistens auf dem Unterarm oder der Hand liegt. 6. Jetzt beginnt das ernsthafte Einstudieren der Kampfwinkel unter Gebrauch des Zurckrollens. Damit diese Phase ihre volle Wirk- samkeit entfalten kann, muss man die grundlegenden Fertigkeiten der Punkte 1 bis 5 gemeistert haben. 7. Im Anfangsstadium des Erlernens des Roll Back werden Ihre Be- wegungen gro und offensichtlich sein, sowohl in Ihren Gelenken als auch in der Hfte. Mit der Zeit jedoch werden Ihre krperlichen Bewegungen immer verfeinerter und zirkulrer, so dass sie schlie- lich extrem klein werden. Sie knnen in der Tat so winzig werden, dass sie fr das Auge eines Beobachters, der nicht darin gebt ist, subtilste Bewegungen zu erkennen, praktisch unsichtbar sind. Der Ablauf fr das Erlernen der energetischen Aspekte der Roll-Back- Technik ist folgender: 1. Sie entwickeln ein Gefhl fr das Absorbieren von Energie mit Ihrem ganzen Krper. 2. Sie absorbieren Energie auf einer Linie zwischen dem Punkt des Kontakts mit Ihrem Gegner durch Ihren Krper hindurch bis zu ei- nem Punkt der rckwrts hinter Ihrem Krper liegt oder der jenseits Ihrer Fe in der Erde liegt, vorzugsweise an der Grenze Ihrer Aura, wo sich die Energie mit der Energie der Erde verbindet (das heit Ihrer energetischen Wurzel). 3. Sie absorbieren die Energie genau am Punkt des Einschlags und lenken sie um, was dazu fhrt, dass Ihr Gegner fr einen Sekun- denbruchteil in der Luft zu schweben scheint. 4. Sie weiten Ihre Fhigkeit, Energie zu absorbieren, dahingehend aus, dass Sie Energie aus dem Krper Ihres Gegners herausziehen knnen, was dazu fhrt, dass Ihr Gegner in die Richtung des Zuges taumelt. Dies geschieht normalerweise, ohne dass Ihr Gegner eine Ursache- Wirkung-Beziehung wahrnimmt, was zu einer unglubigen Reaktion 218
  • 219. im Sinne von Das kann doch nicht wahr sein" fhrt. Dieser Prozess wird of mit dem Einholen eines Fisches an der Angel verglichen, das den Fisch dort landen lsst, wo man ihn haben will. 5. Wenn Sie alle oben genannten Punkte meistern, dann werden Ihre Hnde so sanft, dass Ihr Gegner sie buchstblich nicht mehr fhlen kann und nicht wei, was sie tun. Zurckrollen und Schlagen Eng verbunden mit dem Zurckrollen ist die grundlegende Tai-Chi-Technik des Klebens oder Haftens. Das Kleben kann mit der leeren Hand oder mit einer Waffe ausgefhrt werden. Wir werden uns hier jedoch auf das Kleben mit bloen Hnden konzentrieren. Das Kleben an der Haut des Gegners wird ausgefhrt, nachdem man den Krper oder ein Glied eines Angreifers mit dem eigenen Krper oder den eigenen Gliedmaen abgefangen hat. Wenn Sie jemand angreift und Sie in Krperkontakt mit der Person bleiben, dann knnen Sie sie kontrollieren, sie daran hindern, Sie zu verletzten oder sie in eine Position fr einen Gegenangriff manvrieren. Jedes fortschreitende Stadium des Trainings verlangt, dass Sie die Kraft eines Angreifers in immer feineren Abstufungen zu interpretieren verstehen. Es gibt vier klar zu unterscheidende progressive Stadien des Klebens, von denen jedes Stadium einen hheren Grad der Fertigkeit, des Chi und des Vermgens, die Kraft eines Gegners abzufangen, verlangt.28 1. Nachgeben (auf Chinesisch Jan) Man gibt nach, indem man sich mit groer Przision vor der Kraft des Angreifers zurckzieht, so dass man immer kurz vor dieser Kraft bleibt und es der herankom- menden Kraft damit versagt, einen zu erreichen oder zu treffen. Wichtig dabei ist, dass man die Kraft des Angreifers dorthin gehen lsst, wohin sie gehen will, ohne sie aufzuhalten; man ermutig sie geradezu. Diese Technik fhrt dazu, dass der Gegner glaubt, dass er sie beinahe erwischt habe und nur noch ein wenig mehr An- strengung ntig sei. Die folgenden drei Situationen vermitteln ein Gefhl" fr diese Prozedur: 28 Hier werden sowohl die chinesischen Begriffe als auch deren bersetzung angefhrt. In einigen Fllen gibt es jedoch keine lineare bersetzung, die den Sinn des chinesischen Begriffs angemessen wiedergibt. Ich habe deshalb Umschreibungen verwendet, die keine wrtliche bersetzung des chinesischen Terminus darstellen, aber die Funktion einigermaen treffend bezeichnen. 219
  • 220. a) Versuchen Sie, eine in der Luft schwebende Flaumfeder zu treffen. Wenn Ihre Haut auf die Feder trifft, weicht diese ganz knapp vor der Kraft Ihrer Faust zurck und vermeidet so einen zerstreri- schen Einschlag. b) Wenn die Hrner des Stiers kurz davor sind, das Cape des Stier- kmpfers zu berhren, zieht der Matador es ganz knapp vor der Kraft der Hrner weg. Das verhindert, dass der Schock den Stierkmpfer ber das Cape erreicht oder das Cape sich in die Hrner des Stiers verwickelt, was bei der nchsten Wendung des Kopfs des Stiers zum Tod des Matadors fhren knnte. c) Stoen Sie mit den Fingerspitzen in Wasser. Sie spren einen geringen Druck des Wassers, aber das Wasser weicht immer vor Ihren Fingern zurck, ganz gleich wie schnell oder langsam Sie zustoen oder wie viel Kraft Sie benutzen. 2. Verschmelzen (auf Chinesisch Lan) Als nchstes verschmelzen Sie mit der Kraft des Angreifers, so dass Ihre Kraft und Ihre in Kontakt befindliche Krperoberflche an keinem Punkt der Kontaktflche des Gegners voraus oder hinterher ist, ganz gleich welche Geschwindig- keit oder Kraft gerade im Spiel ist. Wenn es zu dieser Verschmelzung kommt, dann versprt der Angreifer weder bewusst noch unbewusst irgendeinen Widerstand oder einen Unterschied zwischen ihm selbst und Ihnen, was ihn oft unterschwellig die Motivation verlieren lsst, es wirklich darauf ankommen zu lassen. In diesem Moment knnen Sie seine Arme oder Beine (oder seine Waffe) sanft dorthin fhren, wo Sie sie haben wollen, so wie Sie ein Spielzeug leicht und genau an einer Schnur herumfhren knnen, die weder zu straff noch zu locker ist. In den Tai-Chi-Klassikern wird diese Aktivitt Bu Diu, Bu Ding genannt oder weder den Gegner verlassen, noch sich ihm widersetzen". 3. Kleben oder Haften (auf Chinesisch Nien) Sie tun nun zwei Dinge gleichzeitig: Sie ben einen sehr subtilen Druck auf die Faszien Ihres Angreifers gleich unter der Haut aus, um an seinen Muskeln zu kleben, und Sie ziehen buchstblich seine Energie aus seinem Krper heraus und in ihren Krper hinein und ber diesen hinaus. Ist dies erfolgreich, dann werden Sie nur durch den Oberflchenkontakt mit der Haut Ihres Gegners und ohne ihn festzuhalten seinen Krper 220
  • 221. mitziehen, wenn Sie sich bewegen. Sie knnen seine Arme und Beine dann berall hin bewegen, wo Sie sie haben wollen, weil sie wie angeklebt an Ihren Armen oder Beiden haften. Diese Technik kann man mit drei allgemein bekannten Phnomenen vergleichen: a) Feuchten Sie Ihren Finger an. Nun knnen Sie mit sanftem Ober- flchenkontakt ein Stck Papier mit Ihrem angefeuchteten Finger aufgrund der Klebrigkeit der Feuchtigkeit bewegen, ohne fest zudrcken zu mssen. b) Berhren Sie ein Stck Papier mit der klebenden Seite eines Klebebandes. Sehe Sie, wie das Klebeband das Papier mitnimmt, wenn es bewegt wird. c) Wenn Ihr Chi wirklich stark ist, dann ist die Situation hnlich wie in dem Fall, da ihre Hnde mit statischer Energie aufgeladen sind. Ein Stck Baumwollfaser wird sich mit Ihrer Hand bewegen, auch wenn kaum ein physischer Kontakt zu bestehen scheint. 4. Magnetisieren (auf Chinesisch Suei) Die ersten drei Methoden des Klebens (Nachgeben, Verschmelzen und Haften) setzen voraus, dass Ihr Gegner sich bewegt und Sie entsprechend den Gesetzen der Physik mit einem Bewegungsmoment umgehen mssen. Die vierte Methode, das Magnetisieren, scheint diese Gesetze, so wie wir sie gegenwrtig verstehen, zu transzendieren. Bei der vierten Methode magnetisieren Ihre Hnde den Krper des Angreifers, was es Ihnen erlaubt, ihn vom Boden abzuheben, so wie ein starker industrieller Magnet ein schweres Metallobjekt vom Boden abheben kann. Dabei ist kein Bewegungsmoment im Spiel. Sie kontrollieren dabei blo das Chi des Krpers des Angreifers, und zwar auf eine Art und Weise, die sich ber die Gesetze der Schwerkraft hinwegzusetzen scheint.29 29 Es mag sein, dass diese Methode fr knftige Generationen verloren gegangen ist. Mein Lehrer Liu Hung Chieh hat sie mir eines Tages, bevor er starb, demonstriert. Liu hat sie mir nicht erklrt, noch habe ich bis zum heutigen Tage herausgefunden, was er da gemacht hat. Von den ursprnglichen Meistern des Chen-Stils des Tai Chi sowie von dem Begrnder Yang und seinem Sohn sowie von einigen ihrer Schler heit es, dass sie diese Technik beherrschten. T. T. Liang erzhlte eine Geschichte ber einen Schler des Grnders Yang, der einen schweren Sessel vom Boden heben und ihn durch die Luft bewegen konnte, nur indem er die Hnde flach oben auf dessen Rckenlehne legte. 221
  • 222. 3. Vorwrtsdrngen (Ji) Diese innere Energie wird auf einer geraden Linie aus ihrer Quelle vorwrts projiziert, und zwar in die Richtung, in die man sie lenkt: aufwrts, abwrts, seitwrts, diagonal oder gerade nach vorn. Sie ist die Hauptangriffstechnik des Tai Chi und strahlt Energie von der Auenseite der Arme und dem Handrcken ab. Vorwrtsdrngen wird auf vier verschiedene und fortschreitend kraft- vollere Weisen ausgefhrt: 1. Ein einfacher, geradeaus verlaufender Hieb mit einer Hand. Hier legt man einfach die ganze Kraft und das ganze Gewicht des eigenen Krpers in den Hieb. 2. Ein einfacher, geradeaus verlaufender Hieb mit einer Hand, bei dem man in einer geraden Linie Chi Energie projiziert, die von den Fen durch die Beine, Hften, den Rumpf und die Wirbelsule bis zu dem Teil des Arms oder des Kopfes aufsteigt, der auf den Gegner auftrifft. Wenn Sie einen Tritt zum Gegner hin ausfhren, trifft dasselbe zu. Wieder projiziert man Energie in einer geraden Linie aus dem tragenden Bein und der Wirbelsule zu dem Teil des tretenden Beins, der den Gegner treffen soll. Man sollte in der Lage sein, mit dieser und den beiden folgenden Techniken ohne Einsatz von Krpergewicht zur Erzeugung von Bewegungsmoment enor- me innere Kraft zu erzeugen. (Wenn man zu dieser Technik noch Krpergewicht hinzufgt, dann vergrert das die Kraft natrlich noch.) Die Methoden 2, 3 und 4 erlauben es dem Ausbenden des Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua aus einer Entfernung von nur zwei Zentimeter vom Gegner oder sogar noch geringerer Entfernung bis hin zu dem Punkt, wo es schon zur Hautberhrung gekommen ist, volle Kraft zu erzeugen. 3. Eine Hand schlgt oder berhrt den Gegner, whrend die Energie der anderen Hand oder des anderen Arms die Kraft des Hiebes ver- strkt, ob die nichtschlagende Hand den Gegner nun berhrt oder nicht. Wenn jemand erst beginnt, sich mit dieser Technik vertraut zu machen, dann berhrt die nichtschlagende Hand gewhnlich die schlagende Hand oder den schlagenden Unterarm. Spter jedoch schreitet man dazu fort, die Energie aus der verstrkenden Hand nur mental in die schlagende Hand zu projizieren. 222
  • 223. 4. Energie aus beiden Armen wird zuerst auf einen Punkt im Raum jenseits des tatschlichen Aufschlagpunkts fokussiert. Die Energie wird dann aus diesem Punkt heraus projiziert, der gewhnlich tief innerhalb eines inneren Organs oder innerhalb des Gehirns des Gegners liegt oder auch auf der gegenberliegenden Krperoberfl- che des Gegners. Wenn man zum Beispiel die Brust von jemandem berhrt, dann wre der Brennpunkt die Wirbelsule oder ein Punkt noch jenseits der Wirbelsule. Yang-Stil Posituren wie Schritt vor- wrts", Parieren und Schlagen", Vorwrtsdrngen", Schultersto" und Durch den Rcken fchern" sind typisch fr diese energetische Technik. 4. Abwrtsdrcken (An) An erzeugt eine Abwrtsbewegung der Energie. Es ist eine innere Yin-En- ergie, die Energie sowohl aus den Yin- als auch aus den Yang-Meridianen der Arme und Hnde auszustrahlen vermag. Die Technik ist ebenso an- griffsorientiert wie defensiver Natur. Um ein Gefhl dafr zu bekommen, was Abwrtsdrcken ist und wie es funktioniert, versuchen Sie eines der beiden folgenden Dinge: Setzen Sie sich in einen Sessel mit Armlehnen, legen Sie die Handflchen fest auf die Armlehnen und heben Sie dann ihren Krper aus dem Sessel, indem Sie mit den Handflchen nach unten drcken. Oder setzen Sie sich auf den Boden und heben Sie Ihr Hinterteil vom Boden, indem Sie mit den Handflchen nach unten auf den Boden drcken. In beiden Fllen haben Sie die abwrtsgerichtete Aktion von Abwrtsdrcken ausgefhrt. Das Abwrtsdrcken hat drei primre defensive Funktionen: 1. Es ist ein direkter Konter fr die aufwrts gerichtete expansive Kraft von Abwehren, der Ihren Gegner daran hindert, die Auf- wrtsbewegung Ihrer Arme oder Ihres Krpers gegen Ihren Willen zu kontrollieren. 2. Es macht es Ihnen mglich, Ihren Gegner daran zu hindern, seine Arme oder Beine zu heben. 3. Es kann den Schwerpunkt Ihres Gegners energetisch zu Boden zwingen, so dass er sich fhlt, als sei ein groer Sandsack auf ihn gefallen. 223
  • 224. Fr den Angriff hat Abwrtsdrcken zwei primre Funktionen: 1. Es vermag Ihre Hnde unglaublich schwer zu machen, so dass sie durch den Krper eines Gegners hindurchschmettern knnen wie Stahl durch Blech. 2. Es kann eine machtvolle Energiewelle abwrts durch den Krper eines Angreifers senden, bis hinab zur Grenze seiner energetischen Aura unterhalb seiner Fe. Diese Aktion kann die energetische Wurzel des Angreifers kappen. Auerdem kann diese Abwrtswelle eine aufsteigende Energiewelle auslsen, die, wenn sie aufsteigt, dazu fhren kann, dass der Angreifer entwurzelt wird - seine Fe heben sich vom Boden. Abwrtsdrcken lsst sich mit der beim Dribbeln auf einen Basketball ausgebten abwrts gerichteten Energie vergleichen. Diese Energie fhrt letztlich dazu, dass der Basketball in die Luft hochspringt. Viele der kr- perlich kleineren Tai-Chi-Meister von Yang Lu Chan ber Cheng Man- ching bis zu Liu Hung Chieh bevorzugten diese Abwrtsdrcken-Technik und fgten ihr oft noch ein wenig aufsteigende Abwehren-Energie hinzu, sobald der Basketball" (der Krper des Gegners) aufwrts sprang, um diese Bewegung noch zu verstrken. Abwehren, Zurckrollen, Vorwrtsdrngen und Abwrtsdrcken sind sowohl offensichtlich als auch verborgen Die vier oben beschriebenen Kampfprinzipien des Tai Chi (Abwehren, Zurckrollen, Vorwrtsdrngen und Abwrtsdrcken) bilden den Kern aller Tai-Chi-Bewegungen und -Kampfanwendungen. Die nchsten vier Techniken (Abwrtsziehen, Spalten, Ellbogenhieb und Schultersto) stellen unterschiedliche Kombinationen der ersten vier Techniken dar. Die Formbewegungen der Hauptzweige der diversen Schulen, die die breite ffentlichkeit unter dem Oberbegriff Tai Chi kennt (das sind die Stile Yang, Wu, Chen, Hao und der Kombinationsform-Stil) knnen sehr verschieden voneinander aussehen. Sie sind jedoch alle aus denselben vier Grundbewegungen zusammengesetzt. Vielen Menschen Fllt es schwer, diesen Punkt zu begreifen, weil sie sich auf die ueren krperlichen Be- wegungen konzentrieren und nicht auf das, was die nichtphysischen En- 224
  • 225. ergien hinter den Bewegungen manifestieren. Was die Ausfhrung der vier Prinzipien in den Formen und Anwendungen angeht, gibt es offenkundige und verborgene Aspekte. Die offenkundigen erklren sich praktisch von selbst. Zu den verborgenen Elementen gehrt der Einsatz von Intention, und sie sind gewhnlich Teil der geheimen" Unterweisungen, die man nur bermittelt bekommt, wenn man einen Tai-Chi-Adepten findet, der bereit ist, sie zu lehren. Diese Adepten sind die einzigen, die die verborgenen Aspekte grndlich kennen. Die offensichtliche Ebene Wenn man irgendeine Tai-Chi-Form auf der offensichtlichen Ebene studiert, dann kann man experimentieren und oft herausfinden, welche Energie im Spiel ist, indem man beachtet, wie die Hnde sich bewegen. Beim Abwehren wird Ihre Energie von den Fen her im Krper aufwrts steigen und sich vom Krper weg ausdehnen, whrend Ihre Hnde sich aufwrts und in jedem Winkel, einschlielich vertikal, vom Krper weg bewegen. Im Zurckrollen werden Sie Energie von den Fingerspitzen durch Ihre Arme zur Wirbelsule hin aus der Luft heran- ziehen, whrend Ihre Hnde sich von einer in den Raum ausgestreckten Position zum Krper hin zurckziehen. Im Vorwrtsdrngen, dem genauen Gegenteil des Roll Back, bewegen Sich Ihre Hnde aus Krpernhe in eine geradeaus gestreckte Position, wobei Ihre Energie sich von der Wirbelsule durch Ihre Arme in die Fingerspitzen bewegt. Beim Abwrtsdrcken, dem Gegenteil von Abwehren, bewegen Sie die Energie vom Scheitelpunkt des Kopfes bis zu den Fusohlen, whrend sich die Hnde in jedem beliebigen Winkel abwrts bewegen, entweder zum Krper hin oder vom Krper weg oder vertikal abwrts, wie in der Bewegung, die die Laute spielen" ge- nannt wird. Was hier gerade beschrieben wurde, ist jedoch nur der visuell offensichtliche Teil der Geschichte. Die verborgene Ebene In den inneren Kampfknsten manifestiert die Chi-Energie sich nicht vor allem durch eine krperliche Bewegung, son- dern durch Intention und den Herz-Geist (siehe Seite 139). Wenn eine Bewegung im Kampf wirksam sein soll, dann muss die direkte Intention vorhanden sein, welche Art von Energie Sie in ganz bestimmten Situatio- nen manifestieren wollen. Wie bei der Absicht, die hinter der Entwicklung des modernen Stealth-Bombers steht, ist das Ideal im Kampf, Ihren Gegner nicht wissen zu lassen, dass Sie kommen, oder ihn doch zumindest ber Ihre Plne und Absichten zu tuschen. 225
  • 226. Mit offensichtlichen krperlichen Bewegungen knnen Sie einen Gegner nur schwer tuschen. Praktisch alle Ausbenden der ueren Kampfknste haben Erfahrungen mit Hnden, die sich aufwrts, abwrts, vor und zu- rck bewegen, und sie haben Taktiken entwickelt, um solche Bewegungen zu kontern und zu besiegen. Sie haben jedoch oft wenig oder gar keine Erfahrung mit dem Kontern von bei der Berhrung projizierter subtiler Energie. Solche Techniken gibt es in ihrem jeweiligen Kampfkunst-System vielleicht gar nicht. In vielen speziellen Tai-Chi-Bewegungen ist die Arbeit mit der Energie ziemlich verborgen. Das ist jedoch im ursprnglichen Chen-Stil weniger der Fall als im Yang-, Wu- und Hao-Stil und im Stil der Kombinationsform. Die Redensart Die Dinge sind nicht immer, was sie scheinen" trifft auch auf viele der Bewegungen der inneren Kampfknste zu. Die verborgenen Energien: Eingebettetes Abwehren, Zurckrollen, Vor- wrtsdrngen und Abwrtsdrcken Bei einigen Bewegungen knnen Sie, whrend sich die Arme entweder von Ihrem Krper weg oder auf Ihren Krper zu abwrts bewegen, von der Auenseite der Arme in Richtung auf den Bo- den Abwehren-Energie projizieren, die dazu fuhrt, dass Ihr Gegner von Ihren Armen zurckprallt und gleichzeitig abwrts gezwungen wird. So vollzieht sich zum Beispiel im Yang-Stil diese Energieprojektion vom Handrcken der unteren Hand in den Manvern Roll Back, Brush Knee und Twist Step. Indem Sie die Energie von Zurckrollen benutzen, jedoch nicht seine physische Bewegung, knnten Sie die Energie Ihres Gegners absorbieren, whrend sich Ihre Hnde vorwrts oder aufwrts bewegen. Diese Technik wird manchmal Die Kraft des Gegners stehlen" genannt. Sie wird zum Beispiel in der ersten Hlfte der oberen Hand von Die weie Schlange streckt die Zunge heraus" angewendet, bevor Sie in der zweiten Hlfte der Bewegung einen Sto gegen die Kehle Ihres Gegners ausfhren. Die energetische Aktion von Vorwrtsdrngen sowie des Vorwrtsgehens ist auch in vielen Bewegungen vorhanden, bei denen die Hnde in einer krperlichen Aktion, die dem Roll Back hnelt, zum Krper zurckkeh- ren. Nur dass Sie hier, wenn Sie mit der Innenseite oder Yin-Seite Ihrer Arme Energie absorbieren, hinterher oder gleichzeitig Energie fr einen Rckwrts-Ellbogenhieb entlang der Auenseite Ihrer Arme aus Ihren Ellbogen projizieren. Die Energie von Abwrtsdrcken ist oft entlang der Unterseite Ihrer Arme eingebettet und strahlt von dort aus, whrend Ihre Hnde sich ge- 226
  • 227. radeaus oder aufwrts bewegen. So tritt diese ausstrahlende Energie im Yang-Stil (unter anderem) in zwei klaren Fllen auf: 1. im oberen Arm der Posituren Brush Knee und Twist Step, whrend Ihre Hnde sich vor- wrts bewegen; 2. bei der Ausfhrung der grundlegenden Abwrtsdr- cken-Positur, whrend Ihre Arme sich heben und vorwrts gehen. In der grundlegenden Abwrtsdrcken-Positur des ursprnglichen Chen-Stils ist die Intention nicht so verborgen, da Ihre Hnde sich tatschlich physisch abwrts bewegen, um in Hfthhe zum Boden zu zeigen. 5. Abwrtsziehen (Tsai) Diese Bewegung kombiniert in vielen Posituren gleichzeitig die beiden primren Yin-Energien von Zurckrollen und Abwrtsdrcken, und zwar auf offensichtliche, verborgene und eingebettete Weise. Abwrtsziehen zum Beispiel verschmilzt diese Energien miteinander und lsst sie in dieselbe Richtung gehen. Man gibt der Energie eines Angreifers nach und/oder absorbiert sie, whrend man ihn gleichzeitig allmhlich oder pltzlich abwrts bewegt. Die pltzliche Variante wird manchmal verwendet, um einen Gegner dazu zu bringen, zu Boden zu strzen, ein Schleudertrauma zu erleiden oder ein Gelenk auszurenken. Die Bewegung ist am offensicht- lichsten in der Positur Abwrtsziehen zwischen Die Laute spielen" und Schultersto" zu erkennen, gerade bevor Der weie Kranich breitet die Flgel aus" sowie in Nadel auf den Grund des Meeres". 6. Spalten (Lieh) Spalten ist das Gegenteil von Abwrtsziehen. Es kombiniert die beiden primren Yang-Energien von Abwehren und Vorwrtsdrngen. In dieser Aktion, die verlangt, dass man sich in der Hfte dreht, werden die bei- den Yang-Energien nicht miteinander verbunden, sondern sie gehen aus einem gemeinsamen Ursprung in verschiedene Richtungen auseinander. Das fhrt zu einer enormen Freisetzung von Energie, wie bei einer Bom- benexplosion. Das Spalten lsst sich auf zwei Weisen ausfhren. Ihre Hnde und Arme knnen sich in entgegengesetzte Richtungen bewegen, oder aber eine Hand bleibt im Raum fixiert, whrend die andere Hand davon weg zieht. Das Spalten lsst sich entweder vorwrts oder rckwrts, seitwrts oder auf und ab ausfhren. Man knnte dabei zwei Abwehren, zwei Vor- 227
  • 228. wrtsdrngen oder ein Abwehren und ein Vorwrtsdrngen kombinieren. Diese Aktion ist uerlich in den sich trennenden Hnden von Der weie Kranich breitet die Flgel aus", in Durch den Rcken fchern" und in Einzelpeitsche" zu beobachten. 7./8. Ellbogenhieb (Jou)/Schultersto (Kao) Sowohl Ellbogenhieb als auch Schultersto sind im Tai Chi direkt mit der Methodologie der Schlange und des Kranichs verbunden und darin miteinander vermischt. Nach einer der am hufigsten angefhrten Legenden entstand das Tai Chi aus der Beobachtung eines langen Kampfes zwischen einem Kranich und einer Schlange. Ob sich dies nun tatschlich so zugetragen hat oder nicht, auf jeden Fall beschreibt diese Legende metaphorisch die beiden wesentlichen Prozesse, aus denen alle Tai-Chi-Anwendungen aufgebaut sind. Die ersten sechs Grundenergien (Abwehren, Zurckrollen, Vorwrts- drngen, Abwrtsdrcken, Abwrtsziehen und Spalten) konzentrieren sich hauptschlich auf Kampfanwendungen, die in den Unterarmen und Hnden enden und die mit dem Kranich assoziiert werden. Die letzten beiden (Ellbogenhieb und Schultersto) werden mit der Schlange verbunden. Diese Bewegungen benutzen irgendwie den Ellbogen und die Schulter. Doch an der Sache ist mehr dran als die offensichtliche Tatsache, dass man mit dem Ellbogen einen Hieb zum Gegner ausfhrt, wie man das in den ueren Kampfknsten wie dem Thai-Boxen tut, oder dass man mit der Schulter stt, wie in einem Schulterblock beim American Football. In den Soloformen der spteren Stile des Tai Chi (Yang, Wu, Hao und Kombinationsform) wird die Mehrzahl der Ellbogen- und Schultertechniken nicht sichtbar. In diesen Soloformen gibt es jedoch die ganze Bandbreite der versteckten Techniken. Damit man sie jedoch verstehen kann, mssen sie mit voller Erklrung auf der Ebene der Intention gelehrt werden. Nur in der Praxis der Zwei-Personen-Kampfanwendungen findet die ganze Bandbreite der Ellbogen- und Schultermethoden krperlichen Ausdruck. Die Situation wird klar, wenn man untersucht, wie die Bewegungen des ursprnglichen Chen-Stils strukturiert sind, denn hier wird das of- fensichtlich, was im Yang-Stil verborgen ist. Im ursprnglichen Chen-Stil sieht man deutliche Ellbogenbewegungen mit sichtbar kraftvollen Ener- gieentladungen und Schtteln des Ellbogens sowie klar definierte groe 228
  • 229. Kreisbewegungen der Schulter, die in jede Richtung rotiert. Whrend dieser offensichtlichen Ellbogen- und Schulterbewegungen sieht man oft, wie eine Hand, die sich zuvor deutlich bewegt hat, in der greren Bewegung innehlt und im Raum schwebt, wobei sie einen winzigen Kreis vollzieht, der den greren und betonten Schulter- oder Ellbogenbewegungen folgt. Wie bei den Wellenbewegungen, die man bei einer Schlange sieht, kann man vielleicht auch Mini-Sequenzen beobachten, die kraftvoll durch eine offensichtlich klare Schulter- und dann Ellbogenbewegung flieen, bevor sie in einer Handtechnik kulminieren. In anderen Variationen bewegen sich die Schultern, Ellbogen und Hnde zusammen in einem weichen, verschmolzenen Flieen, das vllig nahtlos und verbunden ist, wie bei einem Kranich, der mit den Flgeln schlgt. Ellbogenhiebe und Schulterste, die direkt mit Kranich und Schlange zu tun haben Der Kranich, der die einheitliche Bewegung symbolisiert, ist ein Bild, das sich auf jene Techniken bezieht, in denen es eine direkte Energielinie gibt, die ihren Ursprung im Fu oder im Unteren Dantien hat und die in einer flssigen Bewegung kulminiert, die in der Hand ihren Abschluss findet. Es heit, dass diese Bewegung die Bewegung eines Kranichs nachahmt, der mit den Flgeln schlgt, um den Kopf einer Schlange zu treffen oder deren Angriff abzublocken. Der Kranich ist ein auerordentlich anmuti- ger Vogel. Ihn zu beobachten, wie er in langsamen, geradezu hypnotisch sanften rhythmischen Wellenbewegungen mit den Flgeln schlgt, ist eine wundervolle Inspiration. Doch der Kranich kann auch furchterregend sein und seine Flgel rasend schnell bewegen, wenn er erregt ist. Wenn die Schlange sich ber den Boden vorwrts bewegt, dann tut sie das in einer wellenfrmigen Bewegung. Bevor sie zustt, rollt sie sich zusammen, um Energie zu speichern, und sie stt sehr schnell zu, wobei sie sich entfaltet wie eine Peitsche. Einige Schlangen rollen sich auch zur Verteidigung zusammen, um ihre Angreifer zu umschlingen, oder sie wr- gen ihre Beute zu Tode. Wenn im defensiven Stadium des Tai Chi die Hand nicht ausreicht, um die Kraft eines Angreifers abzulenken, dann bernimmt der Ellbogen die Ablenkung, und wenn auch das fehlschlgt, dann kommt die Schulter ins Spiel. Oder man benutzt verschiedene Kombinationen der mehrfachen Krmmung des Armes, um die Gliedmaen, den Rumpf oder den Kopf des Gegners nher an den eigenen Krper heranzuziehen. 229
  • 230. In der Angriffsphase des Tai Chi uert sich eine schlangenartige Ent- faltung der Peitsche als eine schnelle Abfolge von Bewegungen wie Ma- schinengewehrfeuer. Eine sich vollendende Schulterbewegung wird zu einer Ellbogentechnik, die zu einem Unterarmhieb wird, der zu einem Hieb mit dem Handgelenk oder/und der offenen oder zur Faust geschlossenen Hand wird, der wiederum zu einem Fingersto wird, der den Gegner fertig macht. Wenn eine Technik nicht die gewnschte Wirkung erzielt, dann geht man zur nchsten ber. Wird eine Technik partiell verhindert oder komplett gekontert, dann geht man blitzschnell mit flssiger, verbundener Geschwindigkeit zur nchsten ber. Diese Methode erlaubt es Ihnen, um einen Gegner, der in einem bestimmten Augenblick mehr Kraft in eine Kampfsituation einbringt als Sie selbst, herum zu gleiten und ihn zu um- gehen. In der Angriffsphase des Tai Chi setzen Sie einer berlegenen Kraft keinen Widerstand entgegen, sondern flieen unter Gebrauch verschiedener Gelenke um sie herum wie Wasser, bis sich die nchste gute Gelegenheit zum Angriff bietet. Die wellenfrmige Peitschensequenz knnte aus einem Hieb, einem Wurf oder einem Hebel bestehen. Wie schon erwhnt, sind die Schlangen-Techniken im ursprnglichen Chen-Stil eher offensichtlich und im Yang-Stil eher verborgen. Diese maschinengewehrartige Bewegung in den Formen des Yang- und des Wu-Stils ist am leichtesten in der bergangsbewegung vom rechten Schultersto zum rechten Der weie Kranich breitet die Flgel aus" zu beobachten. Mit dem Schultersto stt man offensichtlich jemanden mit der Schulter, gewhnlich, um das Brustbein oder die Rippen zu brechen und/oder um jemandem den Atem zu rauben, indem man ihn in den Solar- plexus trifft. Als nchstes wrde man dann einen Hieb mit dem Ellbogen zum Rumpf des Gegners ausfhren, gewhnlich mit einer schneidenden Aktion, und dann einen Hieb mit der Rckseite des Handgelenks und der Hand (irgendwo von den Leisten an aufwrts) und schlielich einen Fin- gersto, um die Kehle, das Gesicht oder die Augen zu treffen. In einer zweiten grundlegenden Anwendung kommt man von unten am Krper des Angreifers hoch, packt sein rechtes Bein mit der linken Hand (oder, wenn man den Winkel erreicht, sein linkes Bein ber den Krper hinweg) und drckt mit der rechten Schulter in seinen angreifenden und schlagenden Krper. Dann lsst man den Arm um seinen Krper herum gleiten, bis man einen guten Halt an seiner rechten Seite, am weichen Teil seiner Taille, seinen Rippen oder seiner Armbeuge hat. Nun ist man in der Position, den Gegner zu werfen. Bevor man sich nach links dreht, 230
  • 231. um den Weien Kranich abzuschlieen, dreht man sich zuerst nach rechts und beginnt dabei mit dem Anheben von Ellbogen und Hand. In diesem Moment zieht man das Bein, das man gepackt hat, zur eigenen linken Hand (idealerweise indem man das rechte Bein des Gegners mit dem eigenen rechten Bein in Schach hlt, wenn man sein rechtes Bein mit der linken Hand gepackt hat) und wirft den Gegner mit einer Drehung der Hfte und einem Heben des rechten Ellbogens in einer karussellartigen Auf-und- ab-Bewegung nach rechts zur Seite. Wird dieser Hieb richtig ausgefhrt, dann werden beide Fe des Gegners vom Boden abheben. Je nachdem, welches Drehmoment Sie angewendet haben, wird der Gegner auf dem Rcken oder auf dem Gesicht landen. Whrend dieser ganzen Prozedur berhrt Ihre rechte Hand den Rumpf des Gegners nicht, nur Ihr rechter Ellbogen und Oberarm. Im ursprnglichen Chen-Stil werden Ellbogenbewegungen bei praktisch jedem Winkel einer kreisfrmigen Rotation offensichtlich: aufwrts, ab- wrts, links, rechts und in allen Diagonalen, wobei der Ellbogen sich auf den Krper zu oder vom Krper weg bewegt. Diese Ellbogenbewegungen dienten nicht nur als Hieb zum Zerschmettern und zum Schneiden mit der Spitze des Ellbogens, sondern sind auch Teil zahlreicher Gelenk- und Ellbogen-Hebel. Die Abwrtsbewegungen nach auen und vorn werden hufiger (aber nicht ausschlielich) benutzt, um einen Hebel an Ellbogen, Knie und Kwa des Gegners anzusetzen. Die Einwrtsbewegungen werden hufiger (aber nicht ausschlielich) benutzt, um einen Hebel an Handge- lenk, Fugelenk, Fen und besonders den Fingern anzusetzen. Gemeinsam ausgefhrte Schulter- und Ellbogenbewegungen werden auch dazu benutzt, um Gegner auf den Rcken, die Seite oder das Gesicht zu werfen, wenn die Vorderseite, eine Seite oder der Rcken Ihres eigenen Krpers dem Gegner zugewandt ist. Diese Wrfe knnen auf verschiedene Weisen ausgefhrt werden. Die Schulter knnte der Kontaktpunkt fr den Wurf sein, den Sie ausfhren, indem Sie Fa Jin (siehe Seite 188) aus der Schulter anwenden. Sollte der Kontaktpunkt fr den Wurf sich jedoch von der Schulter zum Oberarm und weiter zum Ellbogen verschieben, dann wrde der Impuls zu dem Wurf zwar in der Schulter beginnen, doch der Wurf selbst wrde vom Ellbogen abgeschlossen. Es knnte auch sein, dass der Ellbogenkontakt den Angreifer aus dem Gleichgewicht bringt, so dass seine Fe den Bodenkontakt verlieren. Wenn er erst einmal in der Luft ist, knnte Ihre Hand ihn dann ergreifen oder an ihm kleben, und mit einer kreisfrmigen Armbewegung knnten Sie ihn weiter aufwrts 231
  • 232. und nach auen schleudern, weg von Ihrem Krper, und vielleicht auch auf den Boden. Die Stobewegungen der Schulter folgen all den Ellbogenrotationen in der Form einer 8", und haben ihren Ursprung im Schulterblatt. Beson- ders was Hiebe gegen den Krper, insbesondere das Herz, angeht, knnen Schulterste grere Wirkung erzielen als Ellbogenhiebe. Sie erfllen auch eine weitere sehr wichtige Funktion als Verteidigungstechnik, wenn eine Person Sie festhalten will, whrend eine andere Person Sie schlgt. Ein Hauptziel von Straenrubern, Ringern oder Kmpfern, die einen Hebel ansetzen wollen, besteht darin, Ihren Krper so stark zu umklam- mern, dass Ihr Krper und/oder Ihre Gliedmaen sich nicht mehr bewegen knnen. Sie wollen Ihnen eine Art Zwangsjacke anlegen, so dass Sie keinen Raum mehr haben, sich aus ihrem Griff herauszuwinden. Im schlimmsten Fall werden Sie so von einem der Angreifer festgehalten, so dass Sie sich nicht mehr verteidigen knnen, whrend sein Kumpan Sie schlgt. In einem solchen Fall werden Schulterbewegungen auf drei grundlegende Weisen zum Kontern verwendet: Die erste Weise besteht darin, die Schttelkraft des Tai Chi (Dou Jin, siehe Seite 169) anzuwenden, um die fortdauernd auf Sie einwirkende Kraft abzuschtteln. Wenn Sie damit Erfolg haben wollen, whrend Sie am Oberkrper umklammert werden, dann mssen Sie in der Lage sein, bei der Bewegung Ihrer Schulterbltter eine starke pltzliche Abwehren- Energie zu mobilisieren. Eine zweite Weise besteht darin, weniger Abwehren zu benutzen und Ihre Schulterbltter von der Wirbelsule weg auszubreiten, was dazu fhrt, dass Ihre Schultern und Ihr Rcken sich entweder vorwrts krmmen oder seitwrts ausdehnen, whren Ihre Brust einsackt. Diese Aktion vergrert den Durchmesser Ihres Brustkorbs, den Ihr Gegner umklammert, und ver- mittelt ihm so die Illusion, dass er Sie fest im Griff hat, wenn das tatschlich nicht der Fall ist. Whrend der Gegner den Umfang seiner Umklammerung beibehlt, knnen Sie Ihren Krper dann schrumpfen lassen und so einen ersten krperlichen Zwischenraum erzeugen, der Ihnen genug Raum lsst, um sich zu winden und einen gnstigeren Winkel herbeizufhren. Wenn Sie Ihren Umfang dann erneut verringern, wird eine zweite kleine Lcke erzeugt. Diese zweite Lcke erlaubt es Ihren Armen wiederum, sich fr einen kurzen Moment zu bewegen. Das kann, wenn Sie beweglich genug sind, fr einen Gegenangriff ausreichen, der zuerst mit dem Ellbogen und dann der Hand ausgefhrt wird, die dann oft zur Leistengegend hin schlgt. 232
  • 233. Die dritte Weise besteht darin, irgendeinen Krperbereich, den ein An- greifer festhlt, durch eine schnelle Schulter- oder Hftrotation zu ver- schieben, so dass Sie einen krperlichen Zwischenraum erzeugen. Diese Lcke kann verhindern, dass Ihr Krper und/oder Ihre Gliedmaen durch die Kompression bewegungsunfhig gemacht werden, so dass Sie in dem kurzen Zeitraum zwischen der ersten Berhrung durch Ihren Gegner und der Fixierung seiner Umklammerung aus der Umklammerung ausbrechen knnen. Schnelle rotierende Schulterbewegungen erlauben es Ihnen hier, den Angreifer dazu zu bringen, sich festzulegen und Ihnen dennoch genug Zeit zu geben, um zu entwischen, bevor er am Ziel ist. In den inneren Kampfknsten ist es so, dass der Konter umso kraftvoller und effektiver ist, je enger diese Lcke ist. Wir sollten hier auch festhalten, dass im Ba Gua (mehr als im Hsing-I) ebenfalls trainiert wird, diese Schulter- und Ellbogentechniken zu ver- wenden. Das Ba Gua besitzt ebenfalls die offensichtlichen technischen Schulter- und Ellbogenaspekte des Chen-Stil Tai Chi, jedoch mit einem greren Repertoire an Wrfen. Das Schulter- und Ellbogen-Training im Hsing-I hat mehr hnlichkeiten mit der verborgenen Methodologie des Yang-Stils. Was die acht grundlegenden Tai-Chi-Techniken angeht, sind sie alle in allen drei inneren Kampfknsten vorhanden, wobei das Zurckrollen im Tai Chi strker betont wird, whrend das Abwehren im Hsing-I deutlich hufiger und im Ba Gua gewhnlich hufiger verwendet wird. Vier progressive Stadien des Erlernens von Tai Chi als Kampfkunst Lange und kurze Formen Anfnglich waren alle Tai-Chi-Formen lange Formen. Der ursprngliche Chen-Stil hatte sechs Formen, die sich mit der Zeit zu zwei Formen ver- dichteten. Der Yang-Stil begann mit 128 Bewegungen; spter kam der Yang-Stil mit 108, 88, 66, 37 und 24 Bewegungen aus. Im Allgemeinen begannen die kurzen Formen erst nach dem zweiten Weltkrieg aufzutau- chen. Drei grundlegende Prozeduren bestimmten, wie alle Formen ur- sprnglich verkrzt wurden: 1. Ganze Bewegungen wurden ausgelassen; 2. ursprngliche Bewegungen in den Formen wurden beibehalten, aber 233
  • 234. die Zahl der Wiederholungen, von denen jede als eine Bewegung zhlte, wurde verringert; 3. Bewegungen wurden vereinfacht, um bungszeit zu sparen. Als die Menschen im Laufe der Jahre immer weniger Freizeit hatten, in der sie ben konnten, fhrte die Notwendigkeit zu reduzieren und zu kondensieren zu immer krzeren Formen. Der Vorteil der langen Formen im Tai Chi ist, dass sie im Krper rhyth- mische Energieflsse erzeugen, die in den kurzen Formen nicht vorhanden sind. Eine lange Form erzeugt in der gleichen bungszeit auch viel mehr Chi als eine kurze Form, die mehrfach nacheinander ausgefhrt wird. Die langen Formen erlauben es letztlich, das gesamte Potential einer Chi-Praxis sowohl in Hinsicht auf die Eignung zum Kampf als auch was die Verbes- serung der Gesundheit angeht auszuschpfen. Aus einem anderen Blick- winkel gesehen, verlangen die krzeren Formen weniger bungszeit. Das ist heutzutage fr viele Menschen attraktiver, weshalb sie eher eine kurze als eine lange Form praktizieren. Wenn ein Ausbender der Kampfkunst nur einen begrenzten Zeitraum zur bung zur Verfgung hat, dann ist es besser wenn er nur eine begrenzte Anzahl von Bewegungen gut ausfhrt, als wenn er viele Bewegungen mittelmig praktiziert. Auf welche Form auch immer Sie sich einlassen wollen, beachten Sie in Hinsicht auf das Erlernen der kampftauglichen Aspekte einer Kunst die folgenden Richtlinien. Links und rechts bei der bung von Formen Tai-Chi-Formen werden sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite des Krpers ausgefhrt, wobei die Richtung davon abhngt, wie Sie beginnen sich aus er Ausgangsposition, die gewhnlich gerade nach vorn ausgerichtet ist, zu bewegen. Was die langen ebenso wie die kurzen Formen angeht, wird sowohl vom Standpunkt der Kampftauglichkeit als auch dem der Gesundheit von der Tradition angeraten, eine Form zuerst drei Jahre hintereinander auf der einen Seite (etwa der rechten) zu ben, bevor man sich wirklich darum bemht, sie auch auf der linken Seite zu beherrschen. Dann sollte man die Form drei Jahre lang jeweils zweimal auf der linken fr einmal auf der rechten Seite ausfhren. Das ist sehr zu empfehlen, um den Krper voll auszubalancieren und die Fhigkeit zu verbessern, die Anwendungen mit beiden Hnden gleich gut auszufhren. Die dreijhri- gen bungsperioden geben Raum fr die notwendigen Wiederholungen, um das Chi des Krpers zu regeln und zu stabilisieren und seine weichen 234
  • 235. Gewebe zu strecken. Als nchstes sollte man drei bis vier Jahre darauf verwenden, die Form auf beiden Seiten gleich oft auszufhren, bis man in allen Bewegungen mhelos beidhndig geworden ist. Erstes Stadium: Arbeit mit der Form (lange oder kurze Form) Jene, deren Engagement stark genug war, um das Tai Chi als eine Kampf- kunst zu erlernen, lehrte man die Form der Tradition entsprechend in einer Abfolge progressiver Stadien. 1. Der Schler lernt jede Bewegung einzeln. Die vermittelte Positur wird dann fr 10 bis 20 Minuten oder mehr gehalten, bis der Krper sich darauf einstellt und zu lernen beginnt, die grundlegendsten inne- ren Komponenten der Bewegung zu absorbieren - die krperliche Entspannung, die richtige innere Abstimmung, die Atmung und die Dehnung der Gewebe. Dann erlernen Sie den bergang zur nchsten Bewegung, wobei sie jeden greren Wendepunkt des bergangs fr mindestens 5 Minuten halten. Als nchstes halten Sie die folgende Positur fr 10 bis 20 Minuten, dann wieder Teile des bergangs und so weiter, bis Sie zumindest das Ende des ersten Drittels der Form erreicht haben, idealerweise das Ende der kompletten Form. In diesem Stadium knnen Sie die Kampfanwendung nur ganz all- gemein visualisieren; Details sind hier weder ntig noch erwnscht, denn die knnen Sie davon ablenken, sich ganz auf die Verbindung mit Ihrem Krper zu konzentrieren. Sie sollten sich mental ganz und gar darauf ausrichten, Ihren Geist zu entspannen und mit dem Geist in den Krper einzudringen, um in der Lage zu sein, das Innere Ihres Krpers zu fhlen, und um sicherzustellen, dass das, was Sie fhlen, sich auch in Ihre uere Positur bertrgt. In diesem Stadium beginnen die Formbewegungen mit hohen Standposituren und man arbeitet sich allmhlich zu den mittelhohen Posituren vor. 2. Als nchstes kombiniert man die einzelnen Bewegungen zu einem ganzen Ablauf miteinander verbundener und flssiger Formbewe- gungen. Man knnte sich entschlieen, bei bestimmten natrlichen Brchen in der Form mit der Verbindung von Bewegungen zu begin- nen, zum Beispiel a) am Ende der ersten Sektion; b) am Ende der ers- ten Wolkenhnde" (Cloud Hands) in der zweiten Sektion; c) am Ende 235
  • 236. der zweiten Sektion; und d) gerade vor den zweiten und dritten Wol- kenhnden in der dritten Sektion. Whrend man die einzelnen Bewe- gungen miteinander verbindet, konzentriert man sich auch darauf, die inneren Rhythmen der Form zu lernen, also wo man innerlich be- schleunigt oder verlangsamt, um bestimmte Aspekte des Nei Gung zu betonen, bevor man andere betont. Ihr Geist lernt nun, sich whrend flssiger Bewegungen zu entspannen, was keine leichte Aufgabe ist. Jetzt lernen Sie, zu sehen und zu fhlen, wie imaginre Gegner Sie aus verschiedenen Winkeln angreifen, damit Sie eine volle krperli- che Erfahrung davon gewinnen, wie es aussehen und sich anfhlen knnte, wenn Sie entsprechend den Anforderungen der jeweiligen Kampfanwendung jeder einzelnen Positur verteidigen und zu einem Gegenangriff bergehen. Die Form wird in diesem Stadium gewhn- lich in einer mittelhohen Standpositur ausgefhrt. 3. Als nchstes kommt die Frage der Geschwindigkeit. Mit welcher Geschwindigkeit sollten Sie arbeiten? Ganz allgemein gesagt, wird die Geschwindigkeit einer Soloform von dem Prinzip bestimmt, dass man sich weder zu schnell noch zu langsam bewegen sollte. In den bungssitzungen muss der einzelne die Geschwindigkeit finden, die sich gut fr ihn anfhlt, eine Geschwindigkeit, die nicht dazu fhrt, dass er Verbundenheit, Kraft und/oder Sensibilitt in seinen Bewe- gungen verliert. Verbundenheit" bedeutet, dass Ihr Geist und Ihre Bewegungen zusammen sind, ohne dass Sie davonschwirren" und ohne dass ein Gefhl der Unverbundenheit zwischen der Geschwin- digkeit, mit der sich Ihr Geist bewegt, und der Geschwindigkeit Ihrer krperlichen Bewegung entsteht. Wenn es zu einer solchen Trennung kommt, dann fhren Sie im Grunde geistlose Bewegungen aus. Und wenn die geistlose Bewegung zu einer Gewohnheit wird - selbst wenn sie nur ganz kurz auftritt -, dann wird sie im tatschlichen Kampf unterschwellige Lcken hervorrufen, die es einem Gegner erlauben, Sie zu besiegen. 4. Jetzt gehen Sie zurck und lernen die einzelnen Posituren der Form in grerem Detail, Stck fr Stck und ganz klar. Sie konzentrieren sich auf die zu Yin- oder Yang-Akupunkturmeridianen gehrenden Oberflchen Ihres Krpers und betonen die vier Hauptenergien von Abwehren (Peng), Zurckrollen (Lu), Vorwrtsdrngen (Ji) und Ab- wrtsdrcken (An). Beginnen Sie mit den stehenden Posituren und gehen Sie dann weiter zu allen bergngen der Form.
  • 237. In dieser Phase sollten Sie beginnen, Push Hands (siehe Seite 241) zu erlernen. Durch das Push Hands knnen Sie herausfinden, was Ihr Krper fhlen und tun muss, whrend Sie Ihre Haut allmhlich dazu erziehen, auf die Energie des Gegners zu hren und sie zu interpretieren. Sie stellen sich jetzt vor, dass die Luft in Ihrer Empfindung so etwas wie ein Trainingspartner ist, und Sie hren auf das Gefhl der Luft auf Ihrer Haut, whrend Sie Abwehren, Zurckrollen, Vorwrtsdrn- gen und Abwrtsdrcken auf die Luft anwenden, so als sei sie ein menschliches Wesen. Die Geschwindigkeit der Form muss an die- sem Punkt gewhnlich fr eine Weile dramatisch reduziert werden, Der Autor (rechts) demonstriert die Tai-Chi-Kampfanwendung der Positur Einzelpeitsche" bei der Verteidigung gegen einen Angriff. Er fngt die Kraft des angreifenden Arms ab und lenkt sie durch seinen Krper hindurch um, so dass sie aus seiner Handflche, die den Angreifer schlgt, wieder austritt. 237
  • 238. damit Sie gengend Zeit haben, zu fhlen und sich der Nuancen Ihrer Gefhle bewusst zu werden. Diese Phase wird manchmal als Schwimmen in der Luft" bezeichnet, weil die Empfindung von Energie in Bewegung fr Ihren Krper so sprbar wird, wie sich der natrliche Widerstand des Wassers fr einen Schwimmer anfhlt. In dieser Phase nimmt man gewhnlich eine Standpositur ein, die etwas tiefer ist als die mittlere Hhe. 5. Als nchstes lernt man die Form erneut, was im Tai Chi tradi- tionellerweise Formkorrekturen" genannt wird. Hierbei arbeiten Sie einen Kraft-Aspekt des sechzehnteiligen Nei-Gung-Prozesses nach dem anderen in Ihre Bewegungen ein, und zwar so, dass eine Komponente klar und stark verwirklicht ist, bevor Sie versuchen, die nchste zu erlernen und anzuwenden. So wird zum Beispiel die korrekte Atmung (in ihren groben wie in ihren subtilen Bewegun- gen) zuerst einmal in Ihren Bewegungen stabilisiert, bis sie so gut eingearbeitet ist, dass sie automatisch wird und Sie selbst nur noch minimale oder gar keine Aufmerksamkeit darauf verwenden mssen, sie korrekt auszufhren. Dieser Prozess muss abgeschlossen sein, bevor Sie zu der nchsten Nei-Gung-Komponente (zum Beispiel krperliche Abstimmung) weitergehen knnen. So knnen Sie Ihre volle Aufmerksamkeit der nchsten Komponente widmen, ohne dass Sie dadurch berfordert werden, dass Sie auf zwei Dinge gleichzeitig achten mssen. Diese Vorgehensweise erlaubt es Ihnen, sich beim Lernen zu entspannen, und erspart es Ihnen, Zeit zu vergeuden und Frustrationen zu erleiden. Die Wichtigkeit dieses schrittweisen Ler- nens mit stabilisierten Plateaus wird offensichtlich, wenn die Zahl der gleichzeitig ausgefhrten inneren Nei-Gung-Prozesse zunimmt, um schlielich 16 zu erreichen. 6. Diese Phase wird gewhnlich zuerst ausgefhrt, indem man speziell ausgewhlte Standposituren eine nach der anderen fr lngere Peri- oden beibehlt (traditionellerweise zumindest fr eine Stunde, was fr Menschen von Heute vielleicht kein praktikabler Standard mehr ist). An diesem Punkt werden die Standposituren allmhlich immer niedriger. Die Posituren beginnen aus offensichtlichen Grnden mit Abwehren, Zurckrollen, Vorwrtsdrngen und Abwrtsdr- cken. Dann kommt die fr die Form am strksten reprsentative Yin-Positur, Die Laute spielen", die das Abwrtsziehen vollstndig inkorporiert, wobei Sie rcklastig sind (das heit, dass Ihr gesamtes 238
  • 239. Krpergewicht auf Ihrem hinteren Bein ruht). Als nchstes kommt die fr die Form am meisten reprsentative Yang-Positur, die Einzel- peitsche (Single Whip) mit Gewicht auf dem vorderen Bein, die das Spalten vollstndig inkorporiert. (Gewicht auf dem vorderen Bein bedeutet, dass Ihr Gewicht zu 100 Prozent auf Ihrem vorderen Bein ruht.) Danach wird Ihr Lehrer Ihnen, wenn ntig, weitere Posituren beibringen, die Sie zu Hause ben sollen, Posituren die so gewhlt sind, dass sie energetische Lcken in Ihrer Form korrigieren. Die Nei-Gung-Komponente jeder statischen Positur wird immer krperlich daraufhin berprft, ob sie sowohl Kraft absorbieren (Yin) als auch Kraft projizieren (Yang) kann. Das frhe Training zur getrennten Stabilisierung der einzelnen Nei-Gung-Komponenten schreitet gewhnlich ber eine Abfolge wie die folgende fort: 1. Prozess der Lsung und Entspannung 2. Atmung 3. Innere Abstimmung 4. Beugen und Strecken der weichen Gewebe 5. Vereinigung des Krpers und seines Chi 6. Drehung der weichen Gewebe 7. ffnen und Schlieen der Krperhhlungen und Gelenke (im Chen-Stil; im Yang Stil kommen die Elemente 6 und 7 in umgekehrter Reihenfolge) 8. Arbeit mit dem Unteren Dantien 9. Rckenmarkspumpe 10. Bewegungen in den Energiekanlen Hiernach werden die restlichen der 16 Komponenten (siehe Seite 121) gelehrt. Jede einzelne Nei-Gung-Komponente wird zuerst in den Standposituren stabilisiert und danach durch die gesamte Form hindurch gebt. In der Schlussphase der Stabilisierung jedes einzelnen Nei-Gung-Elements ist die eingenommene Standpositur die tiefste. Tiefste Standpositur" meint eine Hocke, in der das Ges auf gleicher Hhe ist wie die Knie. Diese Hhe wird als die Positur angesehen, die fr Menschen von kleinem bis mittelgroem Krperbau ideal geeignet ist, vorausgesetzt, sie haben kei- ne Knieprobleme. Mit jeder einzelnen Nei-Gung-Komponente, die in den Standposituren oder den Formen in Bewegung gerade betont wird, wird 239
  • 240. gleichzeitig auch im Push-Hands-Training gearbeitet. Die Formarbeit und das Push Hands verstrken einander, bis der eigene Krper und Geist, die an beidem beteiligt sind, miteinander eins werden. Wenn Sie etwas Energetisches" in Ihrer Form sehen und/oder fhlen, dann wird sich das direkt auf Ihr neurologisches System bertragen und auch krperlich auf Ihren Krper und Ihre Hnde. An einem bestimmten Punkt in der bung wird die Form gewhnlich extrem langsam ausgefhrt, um, wie schon gesagt, jede Nei-Gung-Komponente unterschwellig in den Krper einzuarbeiten. Wird eine gewhnlich 20 bis 25 Minuten lange Form langsam ausgefhrt, dann dauert sie mindestens eine Stunde und oft noch wesentlich lnger. Das macht es dem Geist des benden zudem mglich, sich allmhlich voll und frei die Nuancen der Anwendung der Formbewegungen innerhalb der Kampfanwendungen vorzustellen. 7. Nach dieser Phase sollte die Form sich whrend der folgenden Jahrzehnte des Lebens des Kampfkunstpraktizierenden auf ganz natrliche Weise weiterentwickeln. Im Allgemeinen werden die Standposituren jetzt wieder hher sein als zu der Zeit, wo die Nei- Gung-Elemente in niedrigen Standposituren stabilisiert wurden. Wenn man mit Sparringbungen mit einem Partner beginnt, tritt man in ein Wechselspiel ein, in dem die Form dazu benutzt wird, es Ihrem Krper mglich zu machen, unterschwellig alle Widerstnde (psychische und neurologische) gegen jenes Flieen aufzugeben, das notwendig ist, um flssig von einer Technik zur nchsten bergehen zu knnen. Wenn Sie sich weniger fr die gesundheitliche oder meditative Seite des Tai Chi interessieren, sondern hauptschlich fr Tai Chi als Kampfkunst, dann werden Sie beim ben der Formen jetzt vorzugsweise drei Dinge beachten. 1. Sie werden sich auf die Weiterentwicklung spezieller Kom- binationen der Nei-Gung-Arbeit konzentrieren, um die Kraft Ihrer Kampfanwendungen zu vergrern. 2. Sie werden die Form vor allem als ein Hilfsmittel benutzen, um die Schwchen auszumerzen, die im Sparring oder im Wettkampf offensichtlich geworden sind. 3. Sie werden ben, ohne dabei an die Kampfanwendungen zu denken, und dabei alle Spannungen in Ihrem Geist auflsen, bis er leer und still geworden ist und Sie jegliche Empfindung von Vergangenheit oder Zukunft verlieren und im gegenwr- 240
  • 241. tigen Augenblick verweilen. In diesem Zustand wird es Ihnen mglich sein, Ihre Kampfanwendungen vollstndig zu verdau- en und zu integrieren, so dass sie schlielich ganz mhelos und natrlich werden. Zweites Stadium: Push Hands Push Hands, im Chinesischen Tui Shou genannt, ist der Zwischenbereich zwischen der Arbeit mit der Form und dem Kampf. Push Hands ist selbst kein Kampf, aber es ist eine Partnerbung, bei der die meisten der Fhig- keiten und Arten von Kraft entwickelt werden, die man im Kampf braucht, im Kampf mit der leeren Hand ebenso wie im Kampf mit Waffen. Die Push- Hands-bung kann deshalb mit der leeren Hand, aber auch mit Stcken, Speeren oder zweischneidigen geraden Schwertern ausgefhrt werden. Normalerweise erlernt man Push Hands zuerst mit der leeren Hand, bevor man es mit Waffen bt. Die Ziele von Push Hands sind: 1. in stndigem Kontakt mit dem Arm des Gegners zu bleiben, bis einer von beiden deutlich den anderen abschttelt oder ihn vllig aus dem Gleichgewicht bringt; 2. die eigene Aggressivitt und die anderer zu kontrollieren, indem man die instinktive animalische Versteifung von Muskeln berwin- det, die mit dem aus einer Situation es Wettstreits hervorgehenden Bedrfnis zu gewinnen einhergeht; 3. zu lernen, sich unter Druck zu entspannen; 4. die Kraft und Geschwindigkeit des Gegners zu neutralisieren und sie zum eigenen Vorteil zu nutzen; 5. angesichts extremer krperlicher oder mentaler Aggression sowie von Tuschung und anderen destabilisierenden Haltungen ruhig, zentriert und aufmerksam zu bleiben; 6. fhig zu sein, augenblicklich und ohne zu erstarren von Verteidigung zu Angriff berzugehen, wobei mit derselben Hand oder mit beiden Hnden eine Hlfte der Bewegung eine Verteidigung und die andere Hlfte in Angriff ist; 7. fhig zu sein, augenblicklich und nahtlos zwischen harter und wei- cher innerer Energie hin und her zu wechseln. 241
  • 242. Hilfsmittel zum Erreichen der Ziele von Push Hands: 1. Techniken, die die Fhigkeit vermitteln, an den Armen, Beinen und am Krper des Gegners zu kleben (siehe Seite 219). 2. Methoden zur Entwicklung der Fhigkeit, sich mit Gliedmaen, in der Taille und mit der Wirbelsule auf integrierte, koordinierte und einheitliche Weise zu bewegen - also auf eine Weise, die dem folgenden Leitsatz aus den Tai Chi Klassikern" entspricht: Ein Teil bewegt sich, alle Teile bewegen sich. Ein Teil hlt inne, alle Teile halten inne." Eine Art der grundlegenden Standpositur, die sowohl im einzelnen als auch im doppelten Push Hands verwendet wird. Beachten Sie, dass die gegenseitigen vorderen Fe der beiden Gegner einander gegenberstehen (d.h. der linke vordere Fu des einen steht dem rechten vorderen Fu des anderen gegenber). Hier bt der Autor im Jahre 1985 in Beijing mit seinem Lehrer Feng Zhi Qiang, einem Adepten des Chen-Stils. 242
  • 243. 3. Sensibilittstraining, das die Fhigkeit entwickelt, unmittelbar an der Oberflche Ihrer Haut zu spren, wie Ihr Gegner sich bewegt. Ist diese krperliche Sensibilitt erst einmal in Ihrer Haut vor- handen, dann kann sie sich zu dem weiter gehenden Vermgen fortentwickeln, auf die mentale und emotionale Intention Ihres Gegners zu lauschen sowie auf seinen psychischen Zustand, seine krperliche Kraft und seine Energie. Sie knnen dieses Wissen dann nutzen, schon bei der kleinsten Regung Ihres Gegners au- genblicklich zu interpretieren, was er tun wird. Schlielich wer- den Sie sogar in der Lage sein, die Bewegungen von Gegnern vorauszusehen, noch bevor sie geschehen. In China nennt man diese Sensibilitt Ting Jin oder Kraft des Lauschens". 4. Training auf verschiedenen Ebenen der Kraft. Anfnglich fh- ren beide Partner das Push Hands sehr sanft aus, ohne innere Kraft einzusetzen. Ist die grundlegende krperliche Koordination erreicht, dann erhhen beide Partner allmhlich das Ma der eingesetzten Kraft. 5. Die Entwicklung von: a) Verwurzelung, also der Fhigkeit, Energie mit Ihrem Krper zu absorbieren, sie durch ihn hindurch zu leiten und sie in den Boden zu entladen. Das Vermgen, sich zu verwurzeln, erlaubt es Ihnen, stehen zu bleiben und sich nicht von einem Angreifer physisch bewegen zu lassen; b) Energie. Sie lassen eine nach der anderen die Energien von Ab- wehren, Zurckrollen, Vorwrtsdrngen und Abwrtsdrcken zunehmen; c) Fa Jin, der Fhigkeit, Energie und physische Kraft aus Ihrem Krper freizusetzen. 6. Das Kultivieren vieler anderer Arten innerer Kraft im Tai Chi zu- stzlich zu den acht in diesem Kapitel besprochenen Arten. Dazu gehren: Schtteln, Vibrieren (siehe Seite 169), Bohren, Zerstreuen, Schockieren, Durchdringen, Entladen, Transformieren, Verschwin- den und Wiedererscheinen, Stillsein und so weiter. Diese inneren Krfte werden im Allgemeinen durch das Push Hands gelehrt, bei dem der Lehrer sie auf den Schler anwendet und sie ihn zuerst sanft und dann immer grber erfahren lsst. Allmhlich werden die Schler dahin gefhrt, dass sie diese Energien selber manifestieren knnen, sowohl in der Arbeit mit der Form als auch im Push Hands. 243
  • 244. 7. Die Entwicklung fortgeschrittener Phasen von Tai-Chi-Kraft. Diese Entwicklung vollzieht sich in drei Schritten: a) Man trainiert, die Kraft in eine allgemeine Richtung zu lenken, ohne etwas Spezielles anzuzielen. b) Man trainiert, die Kraft auf einer Linie vom Unteren Dantien oder vom Fu zum Punkt des Hautkontakts zu lenken. c) Man trainiert, die Kraft ohne jegliche Warnung direkt am Punkt des Kontakts mit Gegnern zu manifestieren. Alle diese Fhigkeiten sind wesentlich, wenn man zum tatschlichen Kampf bergehen will. Ohne auf den Punkt gebrachte Kraft ist es fast unmglich, f- hige Gegner zu besiegen (besonders dann, wenn diese eine extrem gewaltttige Intention haben), indem man Kraft zu ihnen aus- sendet, ohne sie zu verletzen oder ihnen Schmerzen zuzufgen. 8. Geschwindigkeitstraining. Diese Art des Trainings verwendet so- wohl regelmige als auch gebrochene Rhythmen. Die Beherr- schung der Geschwindigkeit erlaubt es Ihnen, rasch und flssig und ohne Kanten und Lcken, die ein Gegner wahrnehmen und als Gelegenheit zum Angriff ausnutzen knnte, von einer Technik zur nchsten berzugehen. 9. Verschiedene Teile des Krpers dazu befhigen, als zentrale Achse der Bewegungen Ihrer inneren Kraft zu dienen. Diese Achsen wer- den oft tief innerhalb des Bauches gebildet, was die Fhigkeit vo- raussetzt, jeden Quadratzentimeter Ihrer Bauchhhle schnell und flssig zu ffnen und zu schlieen, whrend Sie einen praktisch nicht einzufangenden Ball von Energie in Ihrem Bauch bewegen. Ist diese Bewegung zeitlich richtig abgestimmt, dann machen diese Aktionen es Ihnen mglich, Kraft aus Ihrem Bauch und Ihren Gliedern auf nicht zu entdeckende und scheinbar unmgliche Art und Weise zu absorbieren. 10. Das Einarbeiten aller inneren Fhigkeiten, die Sie im Push Hands erlernen, in Ihre Arbeit mit der Form. Dieser Prozess verlangt, dass Sie Ihr Vermgen vergrern, zu begreifen, zu fhlen und sich vorzustellen, wie Sie die Energie innerlich und uerlich bewegen knnen, whrend Sie Ihre Form ausfhren. Diese Dimension macht Ihre Arbeit mit der Form im Laufe der Jahre der bung immer vitaler und lebendiger. 244
  • 245. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Stehen und das grundlegende Krafttraining - Wie ich lernte, fr mich allein zu ben Entscheidend fr das Erlangen wahrer Vortrefflichkeit in den inneren Kampfknsten ist die Fhigkeit, ber lange Zeit auf sich selbst gestellt zu ben. Sehr oft ent- decken wir gerade in diesen einsamen bungssitzungen die Quellen unserer eigenen inneren Kraft. Wir entde- cken auch, wo unsere verletzlichsten und gefhrlichsten Schwachpunkte sind und wie wir diese beheben knnen. Die bung von Chi Gung im Stehen kann ein strenger Lehrmeister sein, der vermag, uns die Energie unseres Krpers fhlen und damit arbeiten zu lassen. Die Fhigkeit, das Innere des Krpers zu fhlen und es auszugleichen, whrend wir uns uerlich entweder im Wettkampf oder in der Solobung mit der Form mit hoher Geschwindigkeit bewegen, hat wesentlichen Anteil am Erfolg in den inneren Kampfknsten, sowohl was den Wettkampf als auch was die Entwicklung des Chi angeht. Das Stehen ist von besonderem Wert fr all jene, die keinen regelm- igen Zugang zu einem Lehrer der inneren Kampfknste haben, der ir- gendwelche Abwege bei der Entwicklung des Chi korrigieren knnte. Die bloe Tatsache, dass Sie ben und nach innen gehen" kann es Ihnen allmhlich ermglichen, auf Ihre Empfindungen zu vertrauen, nicht aus einem Wunschdenken heraus, sondern weil Sie eine solide Grundlage von Wissen aus dem Bauch" ber Ihre innere Landschaft gewonnen haben. Die Fhigkeit, das eigene Innere zu fhlen, die am leichtesten durch die konzentrierte Stehbung zu erlangen ist, ist am besten geeignet, uns zu helfen, das volle Potential des sechzehnteiligen daoistischen Nei-Gung- Systems innerhalb der inneren Kampfknste auszuschpfen. Die Stehbung entwickelt auch ein grundlegendes Vermgen, sich selbst zu motivieren und die eigenen Intentionen zu verwirklichen, auch wenn wir in schweren Zeiten keinerlei krperliche, mentale oder emotionale Untersttzung von anderen bekommen. Etwa zwei Jahre nachdem ich mit der Stehbung begonnen hatte, vermochte ich die Stehbung ge- legentlich ohne Unterbrechung bis zu sechs Stunden auszufhren. Ich schtze mich glcklich, dass ich gengend Zeit zur Verfgung hatte, um das zu tun. Sind die relativ sorglosen Jahren auf dem College erst einmal vorber, ist es fr viele Menschen nicht mehr so leicht, die Zeit fr diese Art von bung zu finden. 245
  • 246. In den spten 1960er Jahren war es nicht gerade einfach, mitten in To- kio ein ruhiges Pltzchen zu finden, wo man weder andere Leute strte noch von diesen gestrt wurde. Mein winziges Appartement in Tokio war wenig geeignet, um fr lngere Zeit zu Hause zu ben. Ich begann ge- whnlich um zehn Uhr morgens zu ben. Wollte ich meine Lieblingsorte erreichen, an denen ich ungestrt ben konnte, wenn das Wetter trocken war, dann musste ich ber einige verschlossene Tore auf ein Dach klettern oder ber eine Mauer in einen kleinen ungepflasterten Hof einsteigen, der als Friedhof diente. Die Alternative, die ich am wenigsten mochte, war auf dem asphaltierten Vorplatz eines groen Brogebudes in der Nhe des Aikido-Zentrums, dem gegenber ich wohnte. Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, ernsthaft das Chi Gung im Stehen zu ben, konzentrierte ich mich etwa zwei Monate lang allein auf das Stehen, bevor ich begann, andere grundlegende bungen zur Entwicklung von Kraft auszufhren. Bei jeder bungssitzung pflegte ich dann erst einmal fr lngere Zeit zu stehen, bevor ich irgendwelche an- deren grundlegenden Bewegungsbungen zur Entwicklung von Kraft (die im Chinesischen Ji Ben Gung genannt werden, siehe Seite 152) ausfhr- te. Wird die Stehbung nach Art der inneren Kampfknste ausgefhrt, dann geht es in der ersten Phase des Stehens erst einmal um zwei Dinge: die richtige krperliche Abstimmung beizubehalten und alle Strke und Spannung vom Krper abfallen zu lassen. Zur nchsten Phase, die ich erst Jahre spter erlernte, gehrt, alle inneren Energieblockaden aufzulsen. Selbst in der grundlegendsten neutralen Standpositur, bei der die Arme neben dem Krper herabhngen30 , wird Ihr Krper wahrscheinlich frher oder spter zu schmerzen beginnen, whrend Sie eine Erfahrung Ihrer gewohnheitsmigen Verspannungen und blockierten Energien machen. Bei den Stehbungen kann es sich oft so anfhlen, als laste die Luft mit einem unglaublichen Gewicht auf Ihren Armen. Wenn Ihr Chi sich entfaltet und Ihre Energiekanle von blockierter Energie befreit, dann verschwinden die Schmerzen und das Ma Ihrer Energie sowie Ihr Wohl- befinden und ihre innere Kraft nehmen dramatisch zu. Wenn Sie eine Standpositur mit erhobenen Armen einnehmen, dann werden Sie um so mehr dadurch gewinnen, je hher Sie Ihre Arme heben und je lnger Sie diese Positur beibehalten. Allerdings sollte das Stehen ber lngere Zeit- rume von einem qualifizierten Lehrer berwacht werden. Fr die meisten Menschen ist es sehr viel schwieriger, Energieblockaden in den Hften und einen aufzulsen als Blockaden im Rumpf und in den 30 Die I-Chuan-Methode umfasst acht Armposituren, in denen man die Arme in der Luft hlt, whrend die ursprngliche vollstndigere Methode der Daoisten 200 Standposituren kennt. 246
  • 247. Armen. Ganz gleich wie sehr Ihre Schultern wehtun mgen, Ihre Beine werden noch mehr wehtun. Ihre Beine mgen ber lngere oder krzere Zeit nicht aufhren zu zittern und schtteln, bis Ihre Spannungen sich lsen, Ihre Energiekanle sich ffnen und Ihr.Chi endlich durch Ihre Beine absinkt, um sich mit dem Boden zu verbinden. Ist Ihre energetische Ver- wurzelung aber erst einmal komplett hergestellt, dann hrt alles Scht- teln auf. An seine Stelle tritt die Empfindung, dass Sie sich im ganzen Krper vllig wohl in Ihrer Haut" fhlen.31 Erst nachdem ich begonnen hatte, die grundlegenden bungen in Be- wegung zur Entwicklung von Kraft, die Wolkenhnde" und die Drei Schwungbungen", auszufhren, begann wirklich der Prozess, der es mir ermglichte, meine innere Abstimmung beizubehalten.32 In allen Sport- arten und Kampfknsten ist es in der Bewegung sehr viel schwieriger als im Stillstehen, eine gute biomechanische Abstimmung beizubehalten. Das Aufrechterhalten der Bewegungsabstimmungen setzt voraus, dass es allmhlich zu einer Verbindung und Integration der Arme und Beine mit den Hften und der Wirbelsule kommt. Was das Stehen angeht, so ist die Integration der Beine der schwierigste Teil. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es mir selbst erging, als ich lernte, die Wolkenhnde auszufhren, noch bevor mein Krper integriert war. Jahre spter konnte ich mich auf hchst koordinierte und entspannte Art und Weise bewegen und vermochte meine Hften deutlich mehr als 90 Grad zur Seite verdrehen, und ich konnte eine voll ausgerichtete nied- rige Standpositur mit meinem Ges in Hhe meiner Knie beibehalten. Als ich anfing, war das jedoch eine vllig andere Geschichte. Ich konnte aus meiner stehenden Positur nicht mehr als sieben bis zehn Zentimeter hinuntergehen und vermochte meine Hften nicht mehr als 15 Grad zu verdrehen, ohne alle meine Abstimmungen zu unterbrechen. Ich wuss- te, was ich zu tun hatte, und versuchte auch, es zu tun, nmlich in der Bewegung mehr oder weniger sowohl die Abstimmungen als auch den Grad des Chi und der inneren Empfindungen, den ich in der Stehbung erreicht hatte, aufrechtzuerhalten. Ich brauchte mich nur wenige Zenti- meter zu bewegen und dachte schon, Hoppla, da geht die Abstimmung dahin" oder Ich spre, wie die Abstimmung gleich verschwinden wird" oder auch Ich fhle diesen oder jener Krperteil weniger oder spre ihn gar nicht mehr". An diesem Punkt schrie dann jedes Quntchen Ungeduld 31 Dasselbe Phnomen tritt gewhnlich auch bei statischen Posituren im Tai Chi sowie im San Ti des Hsing-I (siehe Seite 300) auf. 32 Anmerkung des Herausgebers: Anleitungen zur Ausfhrung der Bewegungen der Wolkenhnde" und der Drei Schwungbungen" finden sich in Bruce Frantzis, Die Energietore des Krpers ffnen, Aitrang (Windpferd Verlag) 2002. 247
  • 248. in mir: Du Schlappschwanz. Los, beweg dich noch etwas weiter, du bist doch noch kein alter Mann!" Statt das zu tun, pflegte ich mich nicht weiter in die Richtung zu bewegen, die ich gerade eingeschlagen hatte, sondern kehrte die Richtung um und versuchte, die Bewegung, so gut es mir mglich war, zur anderen Seite hin auszufhren, ob es nun die Wol- kenhnde oder die Drei Schwungbungen waren. Wenn ich sprte, wie meine inneren Spannungen zunahmen, dann versuchte ich nicht, meine Bewegungen weiter zu vergrern und durch die Spannung, die Steifheit oder die Schmerzen hindurchzustoen, sondern ich lie meine Bewegun- gen wieder kleiner werden, bis mein Krper sich wieder abgestimmt und integriert anfhlte. Fr mich und fr alle Menschen, die ich getroffen habe, war es am schwie- rigsten, die Beine abzustimmen und die Energie von meinen Hften durch die Beine zu den Fen abzusenken und so eine Verwurzelung zu erzeu- gen. Meine Muskeln waren aufgrund meines langen Karate- und Judo- Trainings und all der Fitnessbungen, die ich gemacht hatte (Liegesttze, tiefe Kniebeugen, Muskelanspannungsbungen und so weiter) ziemlich angespannt. Bis ich zu dem Punkt gelangte, an dem ich meine Beine und Hften innerhalb des gerade gegebenen Bewegungsspielraums auch nur zwei Zentimeter zu bewegen vermochte, ohne mich dabei anzuspannen, dauerte es Wochen. Und ich brauchte neun Monate tglichen stunden- langen Trainings, bis ich die Stabilitt meiner inneren Abstimmung auf- rechterhalten konnte. Whrend dieser Prozess weiterging und langsam in meine Tai-Chi-Form integriert wurde, begann ich mich deutlich immer langsamer zu bewegen. Ich wollte in der Lage sein, in allen Nuancen zu spren, wie meine Abstimmungen bei jeder einzelnen Bewegung entwe- der verloren gingen oder aufrechterhalten wurden, whrend ich meine Strke und meine Spannungen loslie. Indem ich diese unbarmherzige Disziplin Monat fr Monat beibehielt, wurden meine Bewegung allmh- lich immer freier von Spannung; ich wurde in der Tat deutlich flssiger. Schlielich brauchte ich zwischen einer Stunde und zwei Stunden, um eine einzige Runde der Tai-Chi-bung durchzufhren. Das Resultat war, dass ich schlielich eine wesentlich strkere Verwurzelung und bessere innere Verbundenheit erlangte als es mir mglich gewesen wre, wenn ich einige Jahre lang nur die Form gebt htte. Der grundlegende Prozess bestand darin, die sechs krperlichen Kombi- nationen (Hfte mit Schulter, Ellbogen mit Knie und Hand mit Fu) zu entspannen, geschmeidiger zu machen und sie nahtlos zu integrieren. Nachdem vllig offenkundig war, dass alle vorherigen Schritte tatsch- lich zu einem Abschluss gebracht waren (ich sie also in den Krper ein- gearbeitet" hatte) und dass sie nicht erst halbfertig waren, ging es darum, 248
  • 249. den Spielraum der Bewegung in winzigen Schritten zu vergrern, ge- whnlich um weniger als einen Millimeter. Vorteile des grundlegenden Krafttrainings und der Stehbung Was ich durch jeden Tag der Stehbung unmittelbar gewann, war eine konkrete Methode, tatschlich im mich hinein zu gehen und von innen her zu erfahren, wie mein Krper und mein Chi funktionierten. Obwohl diese anfngliche intensive Ausrichtung auf die Stehbung sich vern- dert hat und mein Ansatz breiter geworden ist, ist das Chi Gung im Ste- hen doch ber mehr als fnfzehn Jahre ein grundlegender Bestandteil meiner persnlichen Praxis gewesen." Die harte Arbeit, die diese bung bedeutete, wurde durch den vielschichtigen Gewinn, den ich daraus zog, mehr als gerechtfertigt. Diese Methode der Chi-Entwicklung machte mich nmlich nicht nur ge- sund und energiegeladen, sondern strkte auch mein Karate und mein Aikido. Im Aikido nahm meine Sensibilitt in Hinsicht auf die Arbeit mit dem Ki deutlich zu. Auch meine Geschmeidigkeit nahm viel rascher zu, als sie das bei meiner Aikido-bung in Amerika und auch in Japan bei O-Sensei Ueshiba getan hatte. Bevor ich mit der Stehbung begonnen hatte, waren meine Hftdrehungen und die Bewegungen meiner Hnde im Karate nie sehr schnell. Ich arbeitete hauptschlich mit Tritten und Wrfen, nicht mit Hieben. Die Chi-Arbeit brachte eine radikale nde- rung mit sich. Whrend meine Nerven immer gelster und entspannter wurden, begannen meine Hnde sich zum ersten Mal in meinem Leben schnell zu bewegen. Auch wurden meine Hiebe mit der Hand sehr viel kraftvoller, weil meine Beine sich zu verwurzeln begannen, meine Hf- ten viel lockerer und flssiger wurden und meine Fhigkeit, das Chi ab- zusenken, immer mehr zunahm. Diese verstrkte Geschwindigkeit und Kraft in meinen Armen vernderte meinen Kampfstil dahingehend, dass ich mich jetzt nicht mehr hauptschlich auf Tritte verlie, sondern eine ausgewogene Mischung von Futritten und Handhieben verwendete. Die Verwurzelung und die neu erlangte Beweglichkeit in den Hften erhhte auch dramatisch die Geschwindigkeit meiner Tritte sowie deren Timing und Durchschlagskraft, besonders bei Tritten nach vorn, zur Seite und im Kreis. Die Verletzungen, die ich durch meine Aktivitten im Judo und meine vielen Sparrings erlitten hatte, waren eine stndige Belastung (wie es 33 So arbeite ich zum Beispiel auch mit Wang Shu Jin (einem Schler von Wang Xiang Zai), mit Han Hsing Yuan (einem weiteren Schler von Wang Xiang Zai) und mit Huang Hsi I mit der Stehbung, und das zustzlich zu den vielen Stunden der bung fr mich allein. 249
  • 250. bei fast allen Hochleistungssportlern und Athleten mit Krperkontakt der Fall ist). Die Stehbung half mir ungemein, diese Verletzungen zu heilen. Vorher war es so gewesen, das ich nach einer Verletzung einfach die Zhne zusammenbeien, den Schmerz fr Wochen ertragen und damit weitermachen musste. Die Chi-Praktiken im Stehen gaben mir ein vorher nicht zugngliches Mittel an die Hand, die blockierte Energie in den Ver- letzungen zu beseitigen. Das machte es mir oft mglich, mich in einem Viertel der Zeit, die das normalerweise gebraucht htte, wieder so weit zu erholen, dass ich frei von Schmerzen und wieder vllig beweglich war. Mit der Zeit begannen die Samen dieser Praxis zu sprieen, und whrend meine innere und uere Koordination immer mehr zunahm, wurde of- fensichtlich, dass sich in mir eine neue Infrastruktur herausbildete. Seit meiner Pubertt hatte ich immer das Gefhl gehabt, extrem unkoordiniert zu sein, ganz gleich wie gut andere meine Bewegungen fanden. Das ver- nderte sich nun, whrend mein ganzes Nervensystem sich Monat fr Monat immer mehr verwandelte. Ich konnte spren, wie meine Arme und Beine sich auf ungebrochene und flssige Weise mit meiner Wirbelsule verbanden. Und bald fhlte ich auch Schritt fr Schritt, wie die Empfindung des Chi in allen Teilen meines Krpers zunahm. Einige Zeit spter begann ich ganz konkret zu spren, wie die Bewegung des Chi aus meinem Unteren Dantien aus- strahlte und wie es zu der treibenden Kraft hinter der Bewegung meiner Gliedmaen und meiner Hfte wurde. Das Fundament, welches das Chi Gung im Stehen whrend jener ersten zwei Jahre legte, gab mir eine feste Basis fr alle folgende Arbeit mit Bewegungen und mit dem Chi, die ich in den inneren Kampfknsten leisten sollte. Dieses Potential wurde im Verlauf der folgenden fnfzehn Jahre dadurch ausgeschpft, dass ich die Details des sechzehnteiligen Nei-Gung-Systems lernte, was die Verheiung des Chi zur vollen Blte brachte. Alle Ausbenden der inneren Kampfknste, die ich getroffen habe und die es in ihrer Kunst zu etwas gebracht haben, haben zu Beginn ihrer Praxis ein gewisses Etwas gefunden, das die innere Praxis fr sie zu etwas ganz Greifbarem und Unmittelbarem gemacht hat; fr mich war dieses Etwas das Chi Gung im Stehen. Meine spteren Erfolge und Fhigkeiten sowie das Vermgen, auch angesichts vielfltiger Schwie- rigkeiten sowohl beim Lernen als auch in der bung durchzuhalten und weiterzumachen, basierten auf diesem festen Fundament. Diese Fhigkeit, nach innen zu gehen" bertrug sich auf mein gesamtes Training in allen anderen inneren Kampfknsten und erwies sich als wesentlich fr mein knftiges Verstndnis des Ba Gua und der daoistischen Meditation. 250
  • 251. Arten des Push Hands Es gibt vier grundlegende Stile des Push Hands: einhndig, beidhndig, Da Lu, und Free Step. All diese Arten haben unter- schiedliche Funktionen fr die Entwicklung von Kampfkunst-Fertigkeiten, und sie alle werden zunchst nach einer festgelegten Methode ausgefhrt, die sich dann, wenn der Schler eine gewisse Kompetenz erlangt hat, hin zu einem freien Stil entwickelt. Alle Push-Hands-Methoden werden anfnglich in ziemlich langsamer Bewegung ausgefhrt, mit gerader Wirbelsule, die entweder aufrecht oder in einem Winkel von 45 Grad nach vorn geneigt ist. Diese Praxis entwickelt sich allmhlich hin zu einer, in der der Krper hin und her pendelt zwischen gerader Wirbelsule und einer sich zur Seite, rckwrts oder vorwrts beugenden Wirbelsule. Die Bewegungen knnen auf einer fortgeschrittenen Ebene uerst schnell werden. Festgelegte Methoden und freier Stil Festgelegte Methoden des Push Hands diktieren bis in alle Einzelheiten, wie jeder Partner seine Hnde und/oder Fe in jedem Teil der bung zu bewegen oder nicht zu bewe- -gen hat. Alle festgelegten Methoden beginnen damit, dass sie den Schler lehren, wie er seine Hnde, Beine und Hfte in spezifischen Mustern zu bewegen hat, ohne zu versuchen, einen Gegner in irgendeine Richtung abzuschtteln. Das Ziel ist hier einfach, dass der Schler die Bewegungen in der richtigen Abfolge lernt, zuerst nur die krperlichen Bewegungen, spter unter Einbeziehung der inneren Energien. Das einhndige oder zweihndige Push Hands arbeitet mit Abwehren, Zurckrollen, Vorwrts- drngen und Abwrtsdrcken; Da Lu arbeitet mit Abwrtsziehen, Spalten, Ellbogenhieb und Schultersto. Im zweiten Stadium des festgelegten Push Hands versuchen beide Part- ner, im Rahmen der festgelegten Hand- und Fubewegungen nachzuge- ben und Energie freizusetzen, um den anderen damit entweder aufwrts, abwrts, seitwrts oder rckwrts zu entwurzeln. Im Freistil steht es beiden Partnern frei, in Reaktion auf alle mglichen Techniken jede gewnschte Handbewegung zu verwenden. Das Freistil- training von Push Hands wird mit feststehenden Fen ausgefhrt, mit Fen, die sich nur auf ganz bestimmte Weise bewegen drfen, oder mit Fen, die sich in alle Richtungen bewegen knnen. 251
  • 252. Die vier Stile des Push Hands Auch wenn diese hauptschlich im Chen-Stil und im Kombinationsstil angewendet werden, gibt es auch im einhndigen und beidhndigen Push Hands Praktiken, bei denen die Vorderbeine der beiden Partner einander gegenberstehen und die Beine entweder einander ausweichen oder ver- suchen, einen Beinhebel anzusetzen oder sie gegenseitig Fa Jin anwenden. Die vier Stile des Push Hands sind: 1. Einhndiges Push Hands Die Hnde der Partner berhren sich stn- dig am Handgelenk und die Handflchen drehen sich, whrend die Hfte sich wendet, stndig aus einer dem Krper zugewandten zu einer dem Krper abgewandten Positur. Ihr Gewicht verschiebt sich vom Vorderbein beim Angriff zum hinteren Bein bei der Verteidigung. Die nichtberhrende Hand ist entweder im Raum fixiert, an Ihrer Seite, oder Sie legen sie auf die Hfte oder hinter den Rcken, um das Gleichgewicht zu halten und sicherzustellen, dass sie nicht ins Spiel kommt. Doppeltes Push Hands des groen Stils, bei dem die Fe derselben Seite (in diesem Fall die rechte Seite) einander gegenberstehen. Hier ausgefhrt in Beijing im Jahre 1981 von Liu Hung Chieh, einem Adepten des Wu-Stils, und seinem Schler Bruce Frantzis. 252
  • 253. Diese Methode wird zunchst mit fixierten, sich nicht bewegenden Fen ausgefhrt. Spter kann man dies dahingehend erweitern, dass man die Fe bewegt, um Notfallsituationen zu simulieren. Nehmen wir an, dass Ihnen im Kampf ein Arm gebrochen wird. Um zu verhindern, dass Schock- wellen aus ihrem gesunden Arm in den gebrochenen Arm oder in etwas Empfindliches, das Sie vielleicht festhalten, weitergeleitet werden, mssen Sie sich sehr geschickt bewegen, wobei die Koordination zwischen Ihren Hnden, Ihrer Hfte und den Beinen auerordentlich przise sein muss. 2. Beidhndiges Push Hands (drei Arten): a) Mittelweg zwischen einhndigem und beidhndigem Push Hands Das Handgelenk des einen Partners berhrt das Handgelenk des anderen Partners, whrend die anderen Hnde einander berhren und ver- suchen, den Ellbogen des Partners zu kontrollieren. Diese Methode gibt Gelegenheit zu ben, wie man beide Arme gegen einen Gegner ausbalanciert. Sie lsst Freistilbewegungen zur Lockerung der Taille zu und beginnt den Prozess des Lernens, Angriffe, die horizontal aus verschiedenen Richtungen kommen, zu verstehen und dabei das Gleichgewicht zu behalten. Diese Methode bereitet Sie dann auf das beidhndige Push Hands vor, bei dem Abwehren, Zurckrollen, Abwrtsdrcken und Vorwrtsdrngen sowohl horizontal als auch vertikal gegen Sie angewendet werden. b) Push Hands in groen Kreisen Wenn Sie Push Hands in groen Kreisen ausfhren, dann machen Ihre Taille und Ihre Arme groe Bewegungen mit sehr weiten Kurven, die weit in den Raum aus- greifen. Whrend Sie eine Sequenz von Abwehren, Zurckrollen, Abwrtsdrcken und Vorwrtsdrngen ausfhren, bewegen Ihre Hnde sich vertikal vom Krper weg, bis hinauf zum Kopf oder noch hher (Abwehren), auf den Krper zu und unter den Solarplexus hinab (Abwrtsdrcken) und horizontal von Seite zu Seite (Zurck- rollen) innerhalb einer Distanz von etwas mehr als Schulterbreite und vorwrts auf den Krper ihres Gegners zu (Vorwrtsdrngen). Diese Methode bereitet Sie letztlich auf den Kampf auf mittlere und weite Distanz vor, wo die Hiebe regelmig hoch und tief und ringsum von den Seiten herankommen. Die meisten Stile beginnen mit dieser Methode, bevor sie auf die nchste Ebene bergehen, welche die Vorbereitung auf den Nahkampf ist. 253
  • 254. c) Push Hands in kleinen Kreisen Diese Methode benutzt dieselbe Sequenz von Abwehren, Zurckrollen, Abwrtsdrcken und Vor- wrtsdrngen, aber vorwiegend auf einer horizontalen Ebene. Hier konzentriert man sich auf kleinere Armbewegungen, schnelle und enge Bewegungen der Taille und das Beugen der Armgelenke. Dies entwickelt die fr den Kampf auf nahe Distanz ntigen Fertigkeiten. (Im Westen zum Beispiel wird diese Art von Push Hands fast aus- schlielich im Rahmen der Chen-Man-ching-Methode des Yang-Stil Tai Chi verwendet.) In allen dreien dieser Methoden verschiebt sich Ihr Gewicht stndig von vorderlastig zu rcklastig. Beim einhndigen und beidhndigen Push Hands sind Ihre Fe und die Ihres Partners gewhnlich einander zu- gewandt, wobei Ihr vorderes Bein in der Nhe des hinteren Beins Ihres Partners ist und umgekehrt. Was die Fuarbeit angeht, so ist die Abfolge gewhnlich: 1. Man beginnt mit feststehenden, sich nicht bewegenden Fen. 2. Man macht normale Schritte nach vorn und nach hinten. 3. Man geht mit Halbschritten nach vorn und nach hinten. Bei einem Halbschritt bleibt der fhrende Fu vorn und ndert seine Positur nicht, wie man es bei einem normalen Schritt tut. 4. Man wendet sich um 180 Grad um. 5. Man macht Schritte nach einem Vierecksmuster (was lehrt, flssig zur Seite zu treten). 3. Da Lu oder Vier-Ecken-Push-Hands Dieser Stil lehrt, wie man sich in Diagonalen bewegt, sich dreht, in 135-Grad-Winkeln wendet und aus nichtzentrierten Posituren und ungewhnlichen Winkeln verteidigt und angreift. Im Allgemeinen entwickelt Da Lu die Fuarbeit und das Vermgen des Krpers, sich flssig in die meisten Richtungen zu bewegen, wenn auch nicht im gleichen Ausma wie das Ba Gua Chang. 4. Push Hands mit Freistilbewegungen Dieser Stil erlaubt die freie Kom- bination aller Hand-, Taillen- und Schritttechniken des beidhndigen Push Hands und des Da Lu in Freistilbewegungen. Das Push Hands mit Freistil- bewegungen bereitet Sie darauf vor, mit dem schrfen der Krallen" fr den tatschlichen Kampf zu beginnen. 254
  • 255. In all diesen Stilen des Push Hands sind auch Hebel und Wrfe ein Thema. Im Allgemeinen erlauben der Yang- und Hao-Stil des Tai Chi zwar Wrfe, aber sie ermutigen nicht dazu, und sie raten aktiv von Hebeln ab, ja ver- bieten sie manchmal rundweg. Der Chen-Stil und die Kombinationsform lassen nicht nur Wrfe zu, sondern sie erlauben und ermutigen auch Hebel, die zumeist an Armen und Beinen angesetzt werden. Der Wu-Stil ermutigt Wrfe und hat eine neutrale Einstellung zu Hebeln. Wie auch immer sie zu Hebeln stehen, trainieren doch alle Tai-Chi-Stile ihre Schler darauf, ihre Gelenke uerst beweglich zu machen und sie so zu beugen, dass ein Gegner keine Mglichkeit erhlt, einen Hebel anzusetzen. Da Lu Push Hands in Bewegung nach dem Yang-Stil. Ausgefhrt von Men Hui Feng (Hauptlehrer fr Tai Chi am Beijinger Institut fr krperliche Erziehung) und seinem Schler Bruce Frantzis in Beijing im Jahre 1981. 255
  • 256. Drittes Stadium: Methoden fr den Ubergang vom Push Hands zum Sparring Push Hands ist kein freies Sparring und es ist auch nicht ausreichend zur Selbstverteidigung. Was das Kmpfen angeht, gibt es drei Tai-Chi-Me- thoden, die vom Push Hands zum Sparring berleiten. Diese Methoden sind: 1. Einzelne Kampfanwendungen mit einem Partner ben Diese Vorgehensweise unterscheidet sich nicht wesentlich vom Sparring mit festgelegten Schritten im Karate und Tae Kwon Do, wo das Ziel darin besteht, sich allmhlich an immer hhere Grade des Drucks zu gewhnen, die Verlangen, dass das Ma unserer Fertigkeiten zunimmt. Sie beginnen mit feststehenden Fen. Erst wenn Ihre Handtechniken, Tritte, Hebel und Wrfe einen bestimmten Standard erreicht haben, beginnt man die Fe in bereinstimmung mit den Regeln des Push Hands zu bewegen. Die Rollen der beiden Partner wechseln in regelmigen Abstnden nach vorheriger Absprache oder nach Anweisung durch den Lehrer. In jeder Phase entwickelt man zuerst seine Yin-Fertigkeiten der Abwehr, bevor man sich auf die mehr Yang-orientierten Prventivangriffe und Gegenangriffe konzentriert. Bei feststehenden Fen verwendet man folgende Abfolge von Schrit- ten: a) Eine Person greift mit einer zuvor abgesprochenen Technik und einem vereinbarten Winkel an und die andere Person reagiert mit einer abgesprochenen Verteidigung oder einem vereinbarten Konter. b) Der Angriff ist abgesprochen, doch der Verteidiger entscheidet selber, welche Technik er zur Verteidigung verwendet. c) Ihre Fe bleiben fixiert. Bei Gebrauch einer abgesprochenen Technik darf Ihr Gegner seine Fe bewegen und aus jedem beliebigen Winkel angreifen; Sie drfen jede beliebige Technik zur Abwehr verwenden, solange Sie nicht die Fe bewegen. Mit dieser Methode werden elastische Bewegungen in der Taille, subtile Gewichtsverlagerungen und rasch wechselnde Kampfwinkel eingebt. 256
  • 257. d) Bei fixierten Fen knnen beide Partner auf eine vorher festgelegte Distanz von fern, mittel oder nah eine festgelegte Anzahl von Angriffen mit jeder gewnschten Technik vortra- gen. (Man beginnt gewhnlich mit einem Angriff und erhht die Zahl dann bis auf fnf Angriffe.) e) Jetzt darf man die Fe bewegen und folgt der gerade be- schriebenen Abfolge von a bis d. Man arbeitet so jegliche Art von Fuarbeit in smtliche Kampftechniken des Tai Chi und in alle tauglichen Kampfwinkel ein. Dabei beginnt man immer mit einer abgesprochenen Reaktion auf eine abgesprochene Vorgehensweise und schreitet zu einer intuitiven Reaktion auf einen unvorhergesehenen Angriff, eine unerwartete Finte oder irgendeine Kombination von Techniken fort. 2. Kreisende Hnde Bei dieser bung, die das Tai-Chi-quivalent zum Rou Shou des Ba Gu darstellt, legen Sie und Ihr Partner ihre Hnde am Handgelenk zusammen, wo sie kleben bleiben. Dann machen Sie groe vertikale Kreise, entweder in derselben Richtung oder in entgegengesetzte Richtungen, wobei jeder Partner versucht, eine ffnung zu erzeugen, durch die er den Partner mit einer Tai- Chi-Handtechnik treffen kann. Das Kreisen wird sowohl mit fixierten als auch mit beweglichen Fen ausgefhrt. In den fortgeschrittene- ren Varianten dieser bung werden zudem noch Tritte, Wrfe und Hebel hinzugefgt. Kreisende Hnde ist allerdings nicht so hoch entwickelt oder so leicht in unabgesprochenen Kampf bertragbar wie das Rou Shou des Ba Gua (siehe Seite 360). Das liegt daran, dass das Ba Gua ein greres Repertoire an Techniken besitzt, besonders was die Kampfwinkel angeht. 3. Sets fr zwei Personen Hierbei greifen zwei Personen immer wieder in langen, vorher abgesprochenen Sequenzen von Techni- ken an und verteidigen sich. Ein Set entspricht der individuellen Ausfhrung einer Form von beiden Seiten, nur dass man hier mit einem tatschlichen menschlichen Wesen konfrontiert ist. Die For- men werden anfnglich langsam mit wenig oder gar keiner Kraft ausgefhrt, damit die benden die Bewegungen memorieren kn- nen. Manchmal wird ein solches Set in langsamer Bewegung als der Tai-Chi-Tanz" bezeichnet. Dann wird die Form immer noch in 257
  • 258. langsamer Bewegung und mit wenig oder gar keiner Kraft ausge- fhrt, aber die Details der Form werden dabei bis in alle Einzelheiten analysiert. Es geht dabei nicht nur darum, welche Bewegung welche Bewegung kontert, sondern auch darum, welche Art von innerer Kraft jede Seite offensiv oder defensiv einsetzt. Allmhlich wird die Geschwindigkeit der Zwei-Personen-Sets erhht, jedoch nicht die Kraft. Schlielich wird auch die Kraft schrittweise erhht, bis beide Partner die Form mit voller Kraft ausfhren. (Genau diese Methode wird auch in den Zwei-Personen-Sets des Ba Gua und des Hsing-I angewendet. Die Ausfhrung eines Zwei-Personen-Sets mit Kraft und ohne Kraft sind zwei ganz verschiedene Aktivitten. In diesen drei bergangsmethoden konzentriert man sich darauf, die F- higkeit zu erlangen zu erkennen, welche Energien dazu geeignet sind, bestimmte andere Energien zu besiegen. Die Chinesen sprechen in diesem Zusammenhang davon, ob irgendeine Technik: a) ein Loch in das Gewebe des Angriffs-und-Verteidigungs-Hemdes des Gegners zu reien vermag; ob sie b) in ihrer Wirkung neutral ist; oder ob sie c) dazu fhrt, dass das eigene Gewebe zerrissen wird. Viertes Stadium: Sparring und tatschlicher Kampf Im Sparring muss man mit hundertmal mehr Variablen umgehen als im Push Hands. Es heit, dass Yang Lu Chuan sechs Jahre darauf verwendet hat, nur die Kampf- und Sparringstrategien des Tai Chi zu erlernen. Aber selbst das Freistilsparring ist noch weit von einem tatschlichen Kampf auf Leben oder Tod entfernt. Wenn Menschen das Gefhl haben, dass ihr Leben auf dem Spiel steht, dann reagieren sie ganz anders, als wenn es um die Belohnung beziehungsweise Beschmung des Gewinnens beziehungsweise Verlierens in einem Wettkampf geht. Aus der Sicht des traditionellen Tai Chi ist der Kampf (auf Chinesisch Lan Tia Hua genannt) Push Hand mit folgenden zustzlichen Komponenten: 1. Einschtzung der Entfernung. 2. Vermgen, flssig zwischen kurzen, mittleren und weiten Kampf- entfernungen hin und her zu wechseln. 3. Kampfwinkel. 258
  • 259. 4. Hiebe, Tritte, Wrfe, Hebel sowie die Fhigkeit, Hiebe zu absorbie- ren. 5. Die Fhigkeit, auf flssige Weise zu berhren, sich zu lsen und wieder zu berhren, ohne dass es zu Brchen kommt. 6. Die Fhigkeit, angesichts von Gefahr zentriert und ruhig zu bleiben, wobei man versucht, die instinktive hormonelle Kampf-oder-Flucht- Reaktion zu berwinden. 7. Training, das darauf abzielt, sich gegen hohe und niedrige Angrif- fe mehrerer Gegner, die aus verschiedenen Winkeln angreifen, zu verteidigen. 8. Training des Kampfes mit leerer Hand gegen einen bewaffneten Gegner. Das klassische Kampftraining gibt es auf zwei Ebenen. Auf der niedrigeren Ebene geht es darum, ganz pragmatisch zu lernen, wie man einen Gegner verletzen oder tten kann. Die hchste Ebene, die der berhmte Yang Lu Chan, den man Der Unbesiegbare" nannte, erreicht hatte, besteht darin, dass man seinen Gegnern keine Verletzungen zufgt. Stattdessen benutzt man ein gewaltloses Fa Jin, womit man die Gegner ein Stck durch die Luft schleudern kann, ohne sie im geringsten zu verletzten. Ein Gegner, dem krperlich kein Leid angetan wird, wird oft nicht mehr das Bedrfnis verspren, sich zu rchen. Traditionellerweise wurde dieses Training mit offenen Hnden ausge- fhrt, was es einem benden ermglichte, die Klebetechniken des Tai Chi sehr wirksam einzusetzen und auerdem Wrfe, Hebel und Fingerhiebe zu Nervenpunkten zu verwenden. Heute gibt es einen Trend dazu, das Push Hands mit offenen Hnden zu praktizieren und dann die Kampffertigkeiten des Tai Chi im Sparring zu trainieren, wobei man wie beim Kickboxen Boxhandschuhe benutzt. Das Karate hat diese Strategie aus denselben Grnden aufgegriffen und das Kickboxen damit populrer gemacht. Die Verwendung von Boxhandschuhen vermittelt eine authentische Erfahrung davon, wie es sich anfhlt zu schlagen und getroffen zu werden, was helfen kann, die ersten Schritte zur berwindung des Kampf-oder- Flucht-Syndroms zu machen. Heutzutage ist das Boxen mit Handschuhen in der ganzen Welt kulturell akzeptiert. Auerdem ist es leichter fr einen Lehrer, bungskmpfe mit Handschuhen zwischen seinen Schlern zu kontrollieren als Kmpfe mit der offenen Hand, bei denen die Grenzen zwischen erlaubtem und unerlaubtem Kontakt leicht berschritten wer- 259
  • 260. den. Auerdem werden so eher die bohrenden Fragen beantwortet, wie realistisch die Angriffe und Verteidigungen denn nun waren. Wenn man jemanden mit Handschuhen trifft, dann braucht man sich dafr nicht zu entschuldigen, und es gibt auch keine Diskussionen darber, ob man nun getroffen wurde oder nicht. Fr hoch motivierte Liebhaber der Kampfknste gibt es gewhnlich eine Boxarena, wo sie echtes Sparring mit Partnern ausben knnen. Diese Aktivitten gibt es vielleicht nicht in einer Schule, die von den meisten Schlern aus gesundheitlichen Grnden besucht wird und wo man nicht so sehr auf den Kampf und auf intensives Sparring ausgerichtet ist. Im Westen findet man auch viel eher eine Ausbildung im Bereich des Boxens mit Handschuhen als im Kampftraining des Tai Chi. Im klassischen Tai Chi lernt man, vom Push Hands zu realistischen Kampftaktiken berzugehen. Die bung von Sparring mit Waffen verbes- sert die Fertigkeiten im Kampf mit der leeren Hand, besonders die Fuarbeit und die Sensibilitt fr die krperliche Distanz zwischen den Kmpfenden. Das Spiel mit Schwertern lsst sich relativ leicht in Selbstverteidigung mit Stben und Stcken bertragen. Alle Fertigkeiten, die man im Sparring erwirbt, werden dann wider zurck auf die Arbeit mit der Form und dem Push Hands bertragen. Im Gung Fu, im Boxen, im Straenkampf oder auf dem Schlachtfeld mag man wtend werden, der Geist kann voll sein von allen mglichen Gedanken - bswilligen, animalischen, pragmatischen, taktischen -, und man kann trotzdem noch sehr gut kmpfen. In der Tat wird eine solche Geisteshaltung im Kampf von manchen der Kampfknste harten Stils ermutigt, vor allem von jenen, mit einer animalischen Orientierung. Im Tai Chi ist das anders. Den Geist dazu zu schulen, still zu bleiben, wenn man angegriffen wird, ist schwierig, aber es ist ein wesentlicher Teil des Kampftrainings im Tai Chi, denn seine krperlichen Kampftechni- ken basieren im Wesentlichen auf dieser Fhigkeit. Wenn die animalische Furcht/Wut-Reaktion sich hoch genug aufschaukelt, tritt der Krper in einen extremen Stresszustand ein, der dazu fhrt, dass die Pulsfrequenz dramatisch zunimmt. bersteigt die Zahl der Herzschlge eine bestimmte Anzahl pro Minute, so lsst unser biologisches Erbe die Muskeln steif wer- den, das Gesichtsfeld verengt sich und die feinmotorische Kontrolle nimmt ab. Doch alle Berhrungstechniken im Tai Chi bedrfen der feinmotori- schen Kontrolle; verliert man diese, dann verringert das die Wirksamkeit der meisten Tai-Chi-Techniken. Einen Kern der Stille zu erzeugen, der die Pulsrate niedrig hlt und der das periphere Sehen auf natrliche Weise 260
  • 261. aufschliet, war ein wichtiges Element in der alten Methodologie des Tai Chi und des Ba Gua, durch die man lernen sollte, unter realistischen Bedingungen gut zu kmpfen. Wenn man sich nicht einen tiefen Restkern an stabilisierter neurologi- scher Entspannung bewahrt, kann es sein, dass viele der Tai-Chi-Techniken angesichts tatschlicher Gewalteinwirkung nicht standhalten. Denn wenn wir uns nicht zu beherrschen vermgen, kann Gewalt unser biologisch- animalisches Erbe im Nu aktivieren. Hoch entwickeltes Tai Chi wird oft mit Meditation verglichen, weil es eine praktische Schulung der Fhigkeit einschliet, den Geist leer und still zu machen. Diese Eigenschaft des Tai Chi ist einer der Grnde dafr, dass das Tai Chi von vielen Fhrungskrften in der asiatischen Wirtschaft als ein Mittel der Stressreduktion und der Verbesserung mentaler Hochleistung geschtzt wird. Sie verstehen Tai Chi als etwas, das Ihnen im Konkurrenzkampf einen Vorteil verschafft. Wir haben gesehen, dass ein wichtiger Teil des Erlernens von Kampf- strategien darin besteht, sich auf das Vorhersehbare vorzubereiten. Noch wichtiger ist jedoch die Fhigkeit, sich durch Unberechenbarkeit nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Voraussetzung fr die Entwicklung die- ser Eigenschaft ist, dass eine Person, die sich in der Geistesverfassung des Kmpfens befindet, lernt, keine Erwartungen hinsichtlich dessen zu haben, was als Nchstes kommen knnte. Erst dann ist der Geist fhig, ohne jegliches Zgern auf alles, was auftaucht, zu reagieren. In den Tai Chi Klassikern wird dieser Aspekt in einem kurzen Spruch formuliert: Vergiss dich selbst und folge dem anderen." Hat ein Ausbender der Kampfkunst erst einmal gelernt, sich gut zu bewegen, dann ist der wesentliche Aspekt, der ber Erfolg oder Nieder- lage unter Druck entscheidet, wie gut er die Wechselwirkung im Kampf zu durchschauen vermag. Kann er die Information seiner Wahrnehmung neurologisch verarbeiten, sie interpretieren und darauf reagieren? Be- denken Sie, dass das Tai Chi drauf beruht, die Energie und die mentale Intention von Gegnern und nicht so sehr ihre krperlichen Bewegungen und Muskelzuckungen genau zu lesen. Dieser Ansatz unterscheidet sich grundlegend von der Konzentration auf die Krperlichkeit des Gegners. Fr jemanden, der das Stadium des tatschlichen Kmpfens erreicht hat, gibt es viele Trainingstechniken und Strategien, die sich auf die Fhigkeit konzentrieren, unter echtem Druck Energie zu interpretieren. Anders als viele andere uere/innere Kampfknste werden im Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua keine Tuschungsmanver verwendet, um sich den 261
  • 262. Gegner fr eine bestimmte Kombination zurechtzulegen. In diesen Knsten wird eine Technik entweder tatschlich ausgefhrt, oder man wartet ab. Diese Art von Training in Kombination mit einem ruhigen Geist befhigt einen Tai-Chi-Kmpfer dazu, sich von einem Gegner nicht so leicht durch Finten kontrollieren zu lassen, die ansonsten eine wichtige Kampftechnik sind. Die Energie des Lauschens" vermag nmlich zu unterscheiden, ob hinter einer bedrohlichen Bewegung des Gegners wirkliche Energie steht oder nicht. Hinter angetuschten Hieben steckt gewhnlich keine Energie. Es ist ein integraler Bestandteil der ganzen Methode des Kmpfens mit Tai Chi, dass man lernt abzuwarten, bevor man selbst aktiv wird, wenn ein Gegner die Absicht hat zuzuschlagen oder den Hieb aktiv einleitet. Manchmal wartet man eine Sekunde, manchmal nur den Bruchteil einer Sekunde. Ohne die Fhigkeit abzuwarten, kann man zweien der Leitstze aus den Tai Chi Klassikern nicht entsprechen, die da lauten: Ergreife die Gelegenheit und handle dann" und Der Gegner leitet den Angriff ein, aber ich komme frher ans Ziel als er". Im Stadium des nicht abgesprochenen Kampfes verwenden Ausbende des Tai Chi viel Mhen darauf zu lernen, wie sie ihr Gewahrsein ausdeh- nen knnen, um fr das gesamte Energiefeld, das ein Gegner erzeugt, sensibel zu werden und es zu durchdringen. Die Schulung wird geradezu bersinnlich", wenn der Geist so sensibel, ruhig und still wird, dass man buchstblich mit der Energie eines Angreifers eins werden kann. Man schlpft sozusagen in den geistigen Raum des Gegners hinein, so dass seine Energie einem sagt, wie man ihn zu besiegen vermag. Es ist dann die Energie, die Ihnen sagt, wann und wie Sie sich zu bewegen haben, und nicht Ihre eigenen Vorstellungen davon, was Sie tun oder nicht tun sollten. Viele der fortgeschrittenen Kampfstrategien des Tai Chi setzen eine strenge mentale und seelische Schulung voraus. Sie ist ntig, um die letzten Hrden von Zgern, Trgheit und einer mangelnden Zirkularitt der Technik berwinden zu knnen. Verschiedene Arten von Sparringpraktiken Auch wenn das Tai Chi eine volle Bandbreite von Tritten nach vorn, zur Seite im niedrigen Kreis und von Stampftritten besitzt, tendiert es normalerweise doch zu einer Bevorzugung von Handtechniken. Seine Tritte werden im Allgemeinen unterhalb der Hhe des Herzens ausgefhrt und gehen nicht zum Nacken oder zum Kopf. Die Sparringtechniken mit und ohne Waffen werden hier zuerst mit einem Partner gebt. Spter, wenn man darin einiges Knnen 262
  • 263. erlangt hat, werden die Techniken auf die Konfrontation mit mehreren Gegnern ausgeweitet. Beim Sparring mit mehreren Gegnern liegt die Be- tonung besonders auf der Fuarbeit, die im Tai Chi in der Fuarbeit des Freistil-Push-Hands angewendet wird, sowie auf der Fhigkeit, sich beim Abschluss eines jeden Schrittes zu verwurzeln. Beim Tai Chi kommt man immer zu einem klaren Abschluss mit Verwurzelung und Entladungen, bevor man weitergeht. Das ist anders als im Ba Gua wo man sozusagen im Laufschritt" Energie freisetzen kann. Bei fnfen der ursprnglichen Posituren des Tai Chi - Schritt vorwrts, Schritt rckwrts, nach links schauen, nach rechts schauen und zentrales Gleichgewicht - geht es um die Fuarbeit im Kampf. Das Training fr den Kampf mit einem einzelnen Gegner sowie mit mehreren Gegnern wird im aufrechten Stand, in extrem niedrigen Standpo- situren, in der Bodenhocke, im Sitzen und im Liegen ausgefhrt. In einem spezialisierten Training simuliert der bende bestimmte Behinderungen, um darauf vorbereitet zu sein, unter den verschiedensten ungnstigen Umstnden effektiv agieren zu knnen. Beispiele hierfr sind: 1. Man simuliert eine Verwundung am Oberkrper, indem man einen Arm hinter den Rcken legt, eine Verwundung am Bein, indem man ein Bein nachzieht oder ein schweres Gewicht an einem Bein befestigt. Man simuliert ein gebrochenes Bein oder einen Bnderriss, indem man nur auf einem Bein steht oder hpft. 2. Man sitzt in einem Stuhl oder auf dem Boden. 3. Man liegt auf dem Boden, wobei weitgehend Fa-Jin-Hiebe und Nervenhiebe verwendet werden. 4. Man befindet sich im Dunkeln, was simuliert wird, indem man eine Augenbinde trgt oder, besser noch, indem man in einem vllig abgedunkelten Raum bt. 5. Man stellt sich einem Gegner so gegenber, dass einem die Sonne direkt in die Augen scheint. 6. Man bt mit dem Rcken zur Wand, wobei man nur ganz einge- schrnkte Mglichkeiten der Bewegung hat. 7. Man steht mit dem Rcken an einem Abgrund, so dass ein Sturz tdlich sein knnte; dies bt man vor allem im Kampf mit mehreren Gegnern. 8. Man sieht sich einer unberwindlichen Kraft gegenber, der man sich nur entziehen kann, indem man augenblicklich zu einem hhe- 263
  • 264. ren Ort hinaufspringt. Hier wurde das Ching Gung (siehe Seite 515) angewendet, die Fhigkeit, sich leicht zu machen (hohe Sprnge zu vollfhren). Dieses Vermgen scheint nach dem Boxeraufstand aus dem Repertoire des Tai Chi verschwunden zu sein. Jedenfalls haben Forscher seither keine Tai-Chi-Adepten mehr gefunden, die ein berzeugendes Ching Gung auszufhren vermochten. Verschiedene Arten von Tai-Chi-Meistern oder -Lehrern, denen man begegnen mag Der allergrte Teil der heute im Westen und in China anzutreffenden Tai-Chi-Lehrer lehrt das Tai Chi hauptschlich als: a) eine Methode zur Verbesserung der Gesundheit; b) eine sehr wirksame Methode der Entspan- nung; c) eine Art eines sanften Tanzes, bei dem es nicht zu harten Treffern kommt; oder d) als eine hoch entwickelte Methode der Krperertchtigung. Diese Mehrzahl der Lehrer lehrt die Form oft ohne das Push Hands; wenn solche Lehrer Push Hands lehren, dann ohne jegliche Ausrichtung auf den Kampf, sondern meist als eine eher psychologisch ausgerichtete bung der Zentrierung. Indem sie das Tai Chi auf diese Weise vermitteln, wirken diese Lehrer zweifelsohne zum Wohl ihrer Schler, zumeist indem sie ihnen helfen, mit dem schrecklichen Stress umzugehen, den das moderne Leben mit sich bringt. Von Lehrern, die das Tai Chi als Kampfkunst lehren, kann ein Schler ebenso profitieren, nur dass er zustzlich noch Fertigkeiten der Selbstverteidigung erlangt. Im Folgenden diskutieren wir allein jene Tai-Chi-Lehrer, die das Tai Chi als Kampfkunst betonen und von denen bekannt ist, dass sie das Tai Chi selber im Kampf anzuwenden vermgen, was eine unabdingbare Vo- raussetzung dafr ist, dass sie diesen Aspekt Schlern vermitteln knnen. Unter den Lehrern im Westen, die Kampfkunst lehren, gibt es enorme Qualittsunterschiede. Manche entsprechen tatschlich dem, was sie be- haupten, andere nicht. Manche sind in hohem Mae qualifiziert, andere sind es nicht. Einige haben eine Persnlichkeit, die Sie als angenehm und erfreulich empfinden werden, andere sind weniger angenehm. Sie sollten nicht auer Acht lassen, dass ein Tai-Chi-Lehrer zuerst und vor allem ein menschliches Wesen ist, ganz gleich was Sie fr Vorstellungen darber haben, wie ein solcher Lehrer sein oder nicht sein sollte, und dass er deshalb 264
  • 265. dieselben Eigenschaften und Schwchen haben wird, die nun einmal seit Adam und Eva zur menschlichen Natur gehren. Die folgenden drei Punkte sind wichtig fr die Beziehung eines Lehrers, der das Tai Chi als Kampfkunst lehrt, zu seinen Schlern: 1. Lehren und die Arbeit mit der Form Wenn Sie wirklich lernen wollen zu kmpfen und bereit sind, die dazu ntige Arbeit zu in- vestieren, dann knnen Sie dieses Ziel mit dem richtigen Lehrer auch erreichen. Was das Erlernen der Form angeht, gibt es mehrere wesentliche Eigenschaften, auf die Sie bei einem Lehrer achten sollten: Ein Lehrer muss wissen, wie man sich verwurzelt, wie man den Krper entspannt, er muss die Kampfanwendungen vermitteln knnen und er muss in der Lage sein, die bungen zu lehren, mit denen die innere Kraft des Nei Gung entwickelt wird. Manche Leh- rer beherrschen alle diese Aspekte gut, andere keinen davon, und dazwischen gibt es alle mglichen Kombinationen und Abstufungen der Kompetenz. Man sollte nicht automatisch davon ausgehen, dass ein Lehrer oder eine Lehrerin alle diese Aspekte gemeistert hat, nur weil er oder sie einen davon beherrscht. Es kann sein, dass ein Lehrer nicht bewusst ein bestimmtes Wissen zurckhlt, sondern dass er oder sie einfach nicht mehr Aspekte des Tai Chi kennt. Es gibt viele Lehrer, die vereinfachte Anwendungen der Form zu lehren vermgen, aber jene, die das volle Spektrum der Anwen- dungen beherrschen, sind relativ selten. Noch seltener sind Lehrer, die einige der Methoden der Nei-Gung-Schulung kennen, ganz zu schweigen von solchen, die die meisten der Methoden der Schu- lung der inneren Kraft beherrschen. Viele der Gung-Fu-Lehrer, die Tai Chi lehren, knnen Sie bestimmte Kampfanwendungen lehren, aber oft gehren diese Anwendungen zu ihrer ueren Kampfkunst und nicht zum Tai Chi. Manche Lehrer beherrschen tatschlich das Push Hands, doch sie sind nie bis zu der Ebene vorgedrungen, auf der man das Tai Chi im Sparring anzuwenden vermag. Andere be- herrschen aus unterschiedlichen Grnden nur einige Methoden des Push Hands. Allgemein kann man sagen, dass jene, die das Push Hands mit fixierten Fen lehren, hufiger sind als jene, die das Push Hands in der Bewegung beherrschen und lehren knnen. 265
  • 266. 2. Lehren und Teilhabenlassen Nehmen wir einmal an, dass ein Lehrer kompetent ist und die Begabung besitzt zu lehren (eine Gabe, die nicht alle Lehrer in gleichem Ausma besitzen), so stellt sich immer noch die Frage: In welchem Mae ist ein Lehrer bereit, Sie an seinem Wissen teilhaben zu lassen? Manche Lehrer spielen das Spiel des Lehrer-Lieblings": Wenn sie Sie mgen und Sie leicht zu unterweisen sind, dann bekommen Sie ihre volle Aufmerksamkeit; mgen sie Sie aber nicht, dann knnen Sie sich zehnmal so sehr anstrengen, sie werden Ihnen dennoch bestimmte Informationen vorenthalten. Manche Lehrer sind sehr fair und belohnen aufrichtige Anstrengungen immer mit tiefer gehenden Unterweisungen. Manche Lehrer bemhen sich auch sehr um wenig talentierte Schler, andere Lehrer kmmern sich nur um die mittelguten und guten Schler. Die nchste Frage lautet: Ist ein Lehrer bereit, selber gengend Energie in die Aufgabe des Lehrens zu investieren, um sicherzu- stellen, dass seine Schler eine gute Chance erhalten, das Material auch wirklich zu begreifen? Jngere Lehrer sind oft in der Lage, die Energie zum Lehren aufzubringen, aber ihre Kenntnisse sind noch nicht ausgereift. In China heit es, dass die Mittelalten die besten Lehrer der Kampfkunst sind, also jene, die schon gengend Erfahrung besitzen und die der Ungeduld der Jugend entwachsen sind, die aber noch den Schwung besitzen, zu lehren. ltere Lehrer besitzen meist das grte Wissen, aber manchmal verlieren Sie den Antrieb zu lehren und ergehen sich lieber in Erinnerungen, als die harte Arbeit des Lehrens zu leisten. Tai Chi zu lehren verlangt einem Lehrer Sehrt viel ab, wenn er denn wirklich gute Arbeit leistet und nicht nur oberflchlich bleibt. Verschiedene Lehrer mgen aus allen mglichen Grnden, ber die ihre Schler nur spekulieren knnen, unterschiedliche Dinge lehren. Manche sind sehr gut darin, intellektuell zu erklren, was im Training ablaufen sollte, sind aber nicht in der Lage, die prakti- schen Kampffertigkeiten zu demonstrieren. Manche vermgen die praktischen Fertigkeiten gut zu demonstrieren, knnen aber nur schlecht kommunizieren, wie Sie sie erlernen knnen, so dass die weniger intuitiven Schler es schwer haben, ihnen zu folgen. 3. Unterrichtsstil und Persnlichkeit Weder eine angenehme noch eine kalte Persnlichkeit sagt etwas ber die Qualitt der Fertigkei- 266
  • 267. ten eines Lehrers aus. Die Persnlichkeit des Lehrers schafft jedoch eine Atmosphre fr den Umgang miteinander, die die Einstellung eines Schlers zum Leben zu beeinflussen vermag. Sie sollten sich auf jeden Fall darber klar werden, was Ihnen mehr wert ist, der soziale Umgang oder die Erlangung von Fertigkeiten (Gung Fu), und Sie sollten sich ein realistisches Bild davon machen, was in einer bestimmten Situation angeboten wird und verfgbar ist. Unter den Lehrern der inneren Kampfknste gibt es, was ihre Per- snlichkeit und ihren Unterrichtsstil angeht, eine bunte Vielfalt. Sie neigen im Allgemeinen dazu, uerst individualistische Typen zu sein, und viele von ihnen kann man nur als exzentrisch bezeichnen. Sie vertreten oft auch ziemlich extreme Meinungen, die auszuspre- chen sie nicht zgern. Manche haben eine sehr positive Einstellung, andere nicht. In den Bchern ber das Tai Chi findet man oft eine Flle an inspirie- renden Geschichten ber die Wundertaten frherer Meister. Einige ihrer Fertigkeiten scheinen verloren gegangen und heutigen und knftigen Ge- nerationen nicht mehr zugnglich zu sein. Doch diese Fhigkeiten kn- nen zurckkehren. Wir drfen nicht nur darber sprechen, wie hoch die alten Meister sich aufschwingen konnten, sondern mssen uns auch der Mhen, die sie investierten, und der Tiefe ihrer Praxis bewusst sein. Viele dieser Geschichten sind Wegweiser; wrden wir ihnen folgen, knnten auch wir schlielich und endlich erstaunliche Dinge verwirklichen. Die meisten dieser Geschichten sind wahr. Die Frage ist nur: Sind Sie bereit, gengend Zeit, Mhen und Kreativitt zu investieren, damit sie in Ihnen selbst lebendig werden knnen? Die wunderbare Persnlichkeit eines Tai-Chi-Lehrers Liang Tung Ts'ai (T. T. Liang) ist ein Beispiel fr einen wundervollen Tai-Chi-Lehrer, mit dem zusammen zu sein eine wahre Freude war. Liang war ein liebenswerter lterer Herr mit Glatze, der einem stets mit einem Augenzwinkern und einem verschmitzten Wer, ich ?"-Lcheln begegnete. Er besa das, was die Franzosen joie de vivre oder Lebensfreude" nennen. In Taiwan war er einer der Hauptschler von Chen Man-ching gewe- 267
  • 268. sen. Er ging nach New York und lehrte am Sitz der Vereinten Nationen Tai Chi. Spter bergab er diesen Kurs an Chen Man-ching, zog nach Boston um und lehrte dort einige Jahre lang. Liang lehrte eine Variante des Yang-Stil Tai Chi.34 Ganz gleich, wie kalt das Wetter in Boston auch war, von Liang hie es, er habe immer etwas Herzerwrmendes. Er war ein Lehrer von tiefer Einsicht und verstand es groartig, sich mitzuteilen. Fr seine Schler war es stets eine groe Freude, bei ihm zu ler- nen, ihn in seinem Appartement zu besuchen oder Spaziergnge mit ihm zu machen. Liang behandelte das Tai Chi nicht mit einem feierlichen Ernst, wie es manche der lteren chinesischen Lehrer tun. Er besa nicht nur eine chinesische, sondern auch eine englische Schulbildung, und er hatte in sei- ner Jugend viele verschiedene Kampfknste kennen und lieben gelernt. In den 1930er und 1940er Jahren war Liang ein Zollbeamter in Shanghai gewesen. Zu jener Zeit kontrollierte die chinesische Unterwelt den Hafen. Shang- hai war damals eine der abenteuerlichsten Stdte der Welt und besa das wahrscheinlich grte und lebendigste Freudenviertel. Liang liebte es, seine Schler mit haarstrubenden Geschichten aus jener Zeit des Wilden Ostens" zu unterhalten. Liang erzhlte seinen Schlern, er habe mit dem Tai Chi begonnen, weil er durch allzu aktive Teilnahme am sen Leben jener Tage seine Leber ruiniert habe. Er lernte Tai Chi, um seine Gesundheit wieder herzustellen, und obwohl er sich unter zwanzig Tai-Chi-Lehrern geschult hatte, betrach- 34 Liang lehrte Chen Man-chings lange Form, die Chen ursprnglich in Taiwan gelehrt hatte, bevor er dazu berging, seine Kurzform in 37 Bewegungen zu lehren. Im Jahre 1972 lehrte Liang mich ber acht oder neun Monate Soloformen fr das Tai Chi mit dem Schwert, dem Breitschwert, dem Doppelbreitschwert und fr das Fechten mit einem Gegner; auerdem lehrte er mich Push Hands sowie seine Version der Form fr zwei Personen, die er den Partner-Tanz" nannte. 268 T. T. Liang, ein Tai-Chi- Lehrer des Yang-Stils.
  • 269. tete er Chen Man-ching als den besten von ihnen, auch wenn die beiden nicht in allem bereinstimmten. Die Freizgigkeit Liangs und seine Bereitschaft, immer weiter zu wach- sen und zu lernen, waren eine groe Inspiration fr seine Schler. Als er bereits in seinen Siebzigern war, begann er in Taiwan noch bei einem achtzigjhrigen Meister aus Shantung den Halbschritt-Gottesanbeterin- Stil zu erlernen. Dieser Meister namens Wei Shao Tang war stark wie ein Stier, und er praktizierte das Tai Chi um zu verhindern, dass sein Gung Fu" mit dem Alter schwcher wurde. Nicht viele Menschen in Liangs Alter wren offen genug, irgendeine Fertigkeit noch von der Pieke auf zu lernen. Liang pflegte zu sagen, dass jemand, der die Kampfkunst wirklich liebe oder der eine Leidenschaft fr irgendeines der wundervollen Dinge, die das Leben uns zu bieten hat, besitze, sich von dem frher Erreichten niemals davon abhalten lsst, etwas Neues und Wertvolles zu erlernen. Aufgrund dieser Einstellung hatte Liang tatschlich einen Zugang zum Jungbrunnen gefunden. Portrait eines Meisters der inneren Kampfknste Yang Shao Jung - der Mann mit den magnetischen Hnden Im Jahre 1977 kam ich mit einem Empfehlungsschreiben zu dem Tai-Chi- Meister Yang Shao Jung, der keine Schler ohne eine solche Empfehlung annahm. Yang war der lteste Sohn von Yang Chen Fu, dem Urenkel des Yang-Stil-Begrnders Yang Lu Chan. Seine Schule befand sich in seiner Wohnung im zweiten Obergescho eines Hauses im Wang-Chai-Viertel von Hongkong. Ein Schild mit einer wunderschnen chinesischen Kalli- graphie ber dem Balkon seiner Wohnung wies darauf hin. Wie in vielen der lteren Gebude von Hongkong, war der Treppenaufgang stockfins- ter. Zwei bedeutende Tai-Chi-Meister, Yang Chen Fu und Wu Jien Chuan, waren in den 1930er Jahren, einer Zeit groer Probleme in China, in den sicheren Hafen der damaligen britischen Kronkolonie geflohen. Ihre l- testen Shne blieben nach dem Zweiten Weltkrieg in Hongkong. Ich klopfte an Yangs Tr und bergab das Empfehlungsschreiben. Erst als er es gelesen hatte, erhielt ich Zutritt. Die Wohnung war klein, wie die meisten Wohnungen in den lteren Wohnhusern Hongkongs zu jener Zeit. Auf der rechten Seite des Flurs lagen die privaten Wohnrume der Familie, auf der linken Seite die Schule. Wenige Schritte von der Tr ent- 269
  • 270. fernt war ein Wartebereich mit einigen Sitzpltzen. Von diesem Beobach- tungspunkt aus konnte man mehrere Dinge in der Wohnung beobachten. Geradeaus, nur wenige Meter entfernt, sah man Yang in dem nchsten Zimmer, das etwa 20 Quadratmeter gro zu sein schien, Unterricht geben. In Richtung des Unterrichtsraums sah man ber einer ffnung in der Wand Bilder von Tung Ying Chieh und Yang in jngeren Jahren. Tung war einer der Hauptschler seines Vaters gewesen; er hatte ebenfalls nach dem Krieg in Hongkong gelehrt und hatte die Lehren der Yang-Familie in Sdostasien verbreitet. Links davon, nahe der Eingangstr und vor einer soliden Wand, sah man gewhnlich ein oder zwei Gruppen, die Push Hands bten. Yang war ein Nordchinese von krftiger Statur; mit seinen 1 Meter 75 war er im Vergleich zu den meisten Chinesen in Hongkong relativ gro und langgliedrig. Er war ein warmherziger Mann, hatte aber ein sehr formelles Betragen und eine uerst gerade Haltung. Soweit ich sehen konnte, trug er fast immer schwarze Hosen, schwarze Gung-Fu-Schuhe und ein lose fallendes Hemd. Die Atmosphre des vorderen Unterrichts- raumes war ganz funktional, hier gab es keinerlei Mbel. Wo der Unter- richtsraum aufhrte, begann der Balkon. An den vielen Tagen, an denen es in Hongkong hei und extrem schwl war, war jede Brise, die durch das Fenster zum Balkon hereinkam, eine willkommene Erfrischung. Yang sprach whrend der meisten seiner Kurse Kantonesisch, aber er fhlte sich offensichtlich wohler mit dem Mandarin-Dialekt seiner Heimat, den er mit einem deutlichen Beijing-Akzent sprach. Er war erfreut darber, dass ich Mandarin sprach, und widmete mir oft zustzlich einige Unter- richtszeit, einerseits weil ich mir die Mhe gemacht hatte, seine Sprache zu erlernen, aber auch aus einer ihm eigenen Hflichkeit Besuchern aus der Ferne gegenber. Yang gab in seinen Kursen jeweils einem Schler Privatunterricht, der etwa zehn bis fnfzehn Minuten dauerte, bis der nchste Schler hereingerufen wurde. In seinem Anfngerunterricht betonte Yang mehrere Dinge. Das erste war Klarheit. Es gab in seiner Weise zu lehren niemals etwas Vages. Er mach- te mit uerster Przision deutlich, wie jeder Krperteil positioniert sein sollte, und korrigierte die Haltung bei jeder Bewegung der Form. War einem bei seiner Demonstration der Bewegung ein wesentliches Detail entgangen, dann griff er krperlich ein und korrigierte die Stellung der Gliedmaen um sicherzustellen, dass man verstand, was er erwartete, und was notwendig war, um eine Qualittskontrolle aufrechtzuerhalten. Au- erdem betonte er bei jeder Standpositur eine klare 100-Prozent-zu-0- Trennung der Gewichtsverteilung. Als ich ihn fragte, warum viele andere das Tai Chi mit anderen Gewichtsverteilungen lehrten, sagte er nur: Dies 270
  • 271. ist die Weise, auf die die Form in meiner Familie seit jeher bis zurck zu meinem Urgrovater gelehrt wurde." Drittens betonte er lange Standpo- situren und legte besonders jngeren Schlern nahe, tief hinab zu gehen. Viertens befrwortete er groe, ausgreifende Bewegungen, bei denen die Hnde immer ausgestreckt und relativ weit vom Krper entfernt und die Achselhhlen extrem offen waren. Er forderte seine Schler auf, die Arme von der Wirbelsule aus auszustrecken und zog ihre Arme oder Ellbogen oft sanft nach vorn, um ihrem Krper das Gefhl einzuprgen. Ich kam oft vorzeitig zu seinen Unterrichtsstunden und blieb auch noch nach meinem Unterricht in der Form, um andere zu beobachten und mehr zu lernen, was er freundlicherweise gestattete. Manchmal erlaubte er mir auch grozgigerweise zwischen zwei Schlern, wenn ich eigentlich nicht an der Reihe war, Fragen zu stellen. Es war beraus lehrreich, die Quelle beobachten zu knnen, aus der so viele Formvarianten des Yang-Stil Tai Chi hervorgegangen sind. So fragte ich ihn zum Beispiel einmal nach der Ausfhrung von Sten in der Form mit nach vorn weisenden Fingern, wie es manchmal in Taiwan gelehrt wird. Er sagte, so werde das in sei- ner Familie nicht gemacht, und er bestand darauf, dass die Fingerspitzen vertikal nach oben zeigen, whrend die Handflche nach vorn stt. Er empfahl mir auch, das im Buch seines Vaters nachzulesen. Bei einer anderen Gelegenheit hatten mir mehrere Schler aus seiner Schule empfohlen, einen Daoisten aufzusuchen, um dort Meditation zu erlernen, und ich fragte Yang, ob er auch die Meditation lehre. Er entgeg- nete, er tue das nicht und die Mitglieder seiner Familie htten das von Anfang an nicht getan. Er lehre den auf das Kmpfen ausgerichteten und den Chi-Gung-Aspekt des Tai Chi, und wenn ich mich fr die Meditation interessiere, msste ich anderswo danach suchen.35 Bei einer anderen Ge- legenheit sagte er mir, er lehre die Tai-Chi-Tradition seiner Familie, weil er sich verpflichtet fhle, diese Linie weiterzufhren. Er bewunderte sei- nen Urgrovater fr die Liebe und Freude, mit der dieser die Kampfknste praktiziert hatte. Im Allgemeinen waren Yangs Schler ziemlich gebildet, und einige von ih- nen sprachen nicht nur Kantonesisch, sondern auch Englisch. Viele seiner Schler, mit denen ich in Kontakt kam, waren freundliche und verstnd- nisvolle Menschen, und es machte Spa, sich mit ihnen zu unterhalten. 35 In der Folge lernte ich die daoistische Meditation bei Liu Hung Chieh, und zwar eine Form der Meditation, die eine direkte Beziehung zum Tai Chi hatte. Liu betonte jedoch, er habe diese Meditation von daoistischen Meditationsmeistern gelernt und nicht von seinem Tai-Chi-Meister Wu Jien Chuan. Wu betete zwar vor einem daoistischen Altar und praktizierte selber die Meditation, aber er unterwies Liu nicht darin, als dieser in seinem Heim lebte. 271
  • 272. Wenn ich zum Unterricht kam, dann bten gewhnlich mehrere Schler vor der Wand in der Nhe der Tr Push Hands. Sie praktizierten eine Form des statischen Push Hands, bei der die beiden Partner einander in einer Vorwrtsdrngen-Positur gegenberstanden, ohne sich zu bewegen oder auszuweichen. Der jeweils zur Wand gewandte Partner versuchte dann, mit einer minimalen oder uerlich nicht sichtbaren Bewegung Energie freizusetzen, den anderen zu entwurzeln und gegen die Wand zu schleu- dern. Die Person, die mit dem Rcken zu Wand stand, versuchte dabei die Kraft des anderen zu absorbieren oder den Gegner nur wenige Zentimeter zurckzustoen (wren es mehr gewesen, dann wre die zurckgestoe- ne Person auf dem Scho der in dem kleinen Wartebereich wartenden Schler gelandet). Yangs kleine und zierliche Frau liebte es, mit den war- tenden Schlern Push Hands zu ben, und schleuderte sie dabei mhelos gegen die Wand. Die Vorstellung, das Push Hands auszufhren, ohne sich in der Taille zu drehen und der Kraft eines anderen auszuweichen, war ungewhnlich und unterschied sich von allem, was ich bisher gelernt hatte. Dieser Art des Push Hands begegnete ich zugleich mit Skepsis und mit Neugier. Ich hielt mich jedoch an die Umgangsformen und erwhnte Yang gegenber erst nachdem ich die Form eine Zeitlang gebt hatte, dass ich eine gewisse Erfahrung mit dem Push Hands bese und gern verstehen wrde, was seine Schler da an der Wand tten. Daraufhin erlaubte mir Yang, an einem Samstagnachmittag zum Push-Hands-Un- terricht zu kommen. Als ich die Wohnung an jenem Tag betrat, bte Yang mit einigen Sch- lern im Hauptunterrichtsraum. Er legte seine Hnde auf ihre Schultern und zog sie vertikal in die Hhe, immer mit einem breiten Lcheln auf dem Gesicht. Anwesend war eine kleine Gruppe von nur sechs bis acht Schlern. Im Wartebereich fragte ich einen von ihnen, Push Hands mit mir zu ben. Er zeigte mir die Zwei-Personen-Stomethode und erklrte, man verwende sie, um die Fhigkeit zur Entladung von Kraft zu entwi- ckeln. Ich war in der Lage, ihn mehr oder weniger zu neutralisieren. Dann sagte er mir, ich solle jetzt richtig zur Sache kommen. Ich tat das, was ich gelernt hatte, wich aus, drehte mich in der Taille und warf ihn immer wieder gegen die Wand. Als Yang in dem anderen Zimmer damit fertig war, die Leute vertikal in die Luft zu heben, stellten wir uns alle im Hauptraum in einer Reihe auf und bten die Technik. Auch dabei gelang es mir wieder, mich zu drehen, auszuweichen und einen Schler, der schon etliche Jahre lnger als ich Tai Chi gebt hatte, erfolgreich zu kontern. Dann war ich an der Reihe, mit Yang Push Hands zu ben. Seine Kraft war betrchtlich, und er schleuderte mich mit Leichtigkeit zurck, nach- 272
  • 273. dem ich ausgewichen war. Als ich dann als nchstes wiederum nachzuge- ben versuchte, hielt er mich allein mit seinen Handflchen fest. Er nahm mich dabei so fest in die Zange, dass ich nicht mehr auszuweichen oder meine Glieder beziehungsweise meinen Krper in irgendeine Richtung zu bewegen vermochte. Ich konnte auch in keiner Weise irgendeine Kraft ge- gen ihn wenden. Es fhlte sich an, als werde ich von einem starken Mag- neten festgehalten. Aufgrund von Umstnden, auf die ich keinen Einfluss hatte, musste ich Hongkong unglcklicherweise kurz darauf verlassen. Die Erfahrung mit Yangs Zwangsjacke bleibt aber fr immer in mein Gedchtnis eingeprgt. 273
  • 274. Liu Hung Chieh demonstriert die Fnf-Elemente-Kampfanwendung der Bohrenden Faust des Hsing-1 mit einem Hieb, der zum Kopf des Autors gerichtet ist.
  • 275. Hsing-I Erwgungen fr den Kampfund Kampfanwendungen Hsing-I Chuan als eine Kampfkunst Wie das Tai Chi ist auch das Hsing-I eine hybride innere Kampfkunst. Es ist in dem Bereich zwischen den psychologischen Einstellungen und emotionalen Haltungen der Shaolin-Kampfknste und den Chi-Methoden der inneren Kraft der Daoisten anzusiedeln. Der Name Hsing-I Chuan besteht aus drei Schriftzeichen: 1. Chuan (siehe Seite 205), das mit Faust" zu bersetzen ist. Das Wort bezieht sich in allen Zusammensetzungen auf das Siegen ber einen Menschen im krperlichen Kampf. 2. Hsing bedeutet die Form von etwas". Alles, was sich auf der Ebene der Energie oder Materie manifestiert, hat auf die eine oder andere Weise eine Form, eine Gestalt, einen Zusammenhalt, eine Konfigu- ration. Es gibt die Form einer Tasse, die Form eines Gedankens, die Formen verschiedener Spezies von Tieren. In einem spezifischeren Sinne bezieht sich Hsing auf die Form oder Gestalt, die der Krper whrend einer Kampfkunst-Positur einnimmt, um einen Gegner zu schlagen, zu werfen oder zu kontrollieren. 3. / bezieht sich spezifisch in der Zusammensetzung Hsing-I auf die Fhigkeit des Geistes, eine Idee zu erzeugen und sie in den Krper zu projizieren, um so eine funktionale krperliche Form zu erzeugen, also eine Art der Bewegung, eine Kampfstrategie, eine Kampfpositur oder eine Art von Kraft. Man kann den Begriff Hsing-I" aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachten. Einmal meint er jegliche Form, die vom Geist, chinesisch I, bestimmt wird. Wenn der Geist sich ein Konzept vorstellt, dann erzeugt und 275 5
  • 276. formt der Krper automatisch eine krperliche Bewegung und eine Form, die diese Idee praktisch verkrpert. Zweitens kann man sich entsprechend einer Computeranalogie vorstellen, dass die Form (als Hardware) verschie- dene Ideen (Software) benutzen kann, weshalb es notwendig ist, all die Ideen zu kennen und zu entwickeln, die eine Form hervorzubringen vermag. Hsing-I als ausgezeichnete Brcke zwischen den ueren Kampfknsten und den inneren Kampfknsten Die Ausbenden des Hsing-I haben einen eher militrischen Ansatz. Sie marschieren in gerader Linie und sind innerlich stark darauf ausgerichtet, am Ende einer jeden Technik einen Feind mental oder krperlich zu be- zwingen. In diesem Sinne hnelt das Hsing-I den meisten Hieb-und-Tritt- Kampfknsten. Die offensichtlichen ueren Eigenschaften des Stoens und Schlagens gehren einfach zum Charakter des Hsing-I. Viele Aus- bende einer ueren Kampfkunst, denen die langsamen Bewegungen des Tai Chi nicht liegen, knnen eher etwas mit dem Hsing-I, das in normaler Geschwindigkeit ausgefhrt wird, anfangen. Allerdings sind in den scheinbar linearen Techniken des Hsing-I eine ganze Menge an sehr kleinen, fast unsichtbaren kompletten Kreisen ent- halten, die normalerweise in den ueren Kampfknsten nicht vorzufinden sind. In vieler Hinsicht ist das Hsing-I eine Art von hoch entwickeltem inneren Karate. Statt seine Kraft durch Wut und Muskelanspannung her- vorzubringen, konzentriert sich das Hsing-I darauf, Entspannung, Chi und innere Stille zu benutzen, um das praktische Ziel zu erreichen, in einer gewaltttigen Situation die Oberhand zu behalten. Das Hsing-I verfolgt einerseits dieselben oder hnliche Primrziele wie die meisten anderen ueren Kampfknste wie etwa Karate oder Boxen, es arbeitet aber auch mit dem Chi, besitzt gesundheitliche Aspekte und man ist fhig, bis in ein hohes Alter seine Effektivitt im Kampf zu bewahren, was in fast allen ueren Kampfknste nicht mglich ist. Die inneren Techniken des Hsing-I knnen so subtil und praktisch unsichtbar sein wie jene des Tai Chi oder Ba Gua. Allerdings konzent- riert das Hsing-I sich nicht auf die weichen (Yin), sondern auf die harten (Yang) inneren Energien innerhalb der Taktiken der Stellungsnderung, 276
  • 277. zum Finden eines effektiven Kampfwinkels und zum Einsatz seiner be- achtlichen inneren Kraft. Die Technik des Hsing-I fhlt sich nicht weich an, kann aber bei Berhrung aufgrund der extremen Flexibilitt und des Vermgens des Ausbenden, seine Taktik von Augenblick zu Augenblick zu verndern, weich erscheinen. Ein groer Teil der inneren Arbeit ist im Hsing-I genau dieselbe wie im Tai Chi. Die Unterschiede bestehen hauptschlich darin, dass das Tai Chi im Wesentlichen versucht, die harte und die weiche Energie miteinander zu verschmelzen, whrend man im Hsing-I ausschlielich nach grtmglicher harter Energie strebt. Die Be- griffe hart" und weich" beziehen sich hier keineswegs auf die Muskeln, sondern auf die Qualitt der inneren Energie. In beiden Kampfknsten sind weiche und entspannte Muskulatur eine Voraussetzung, und sie benutzen niemals Muskelkontraktionen. Die krperliche Technik des Hsing-I basiert gnzlich auf dem wirksa- men Einsatz des Systems der inneren Kraft des Nei Gung; darum ist das Hsing-I eine innere Kampfkunst. Und weil es das ist, vermag es auch die Schwachen stark und die Kranken gesund zu machen. Dennoch ist seine grundlegende Geisteshaltung gekennzeichnet von der Aggressivitt der Shaolin-Kampfknste, des Karate oder des Boxens. Die Sichtweise des Hsing-I ist, wie bereits erwhnt, eine militaristische: Man definiert den Kampfeinsatz und tut, was ntig ist, um zu siegen. Man tut das vorzugsweise, indem man mglichst wenig Schaden anrichtet, aber auch ohne Skrupel, wenn man dabei so viel Schmerzen und Verletzung zufgt, wie es in der jeweiligen Situation ntig zu sein scheint. Wie viele Soldaten, sind auch die Ausbenden des Hsing-I oft stolz auf ihre Kampf- kraft. In den Geschichten ber die Hsing-I-Meister der Vergangenheit wird oft von Fllen berichtet, in denen sie ihre Gegner nur leicht gestreift aber dennoch starke Schwellungen oder Quetschungen auf deren Krper verursacht haben. Wie im Tai Chi und im Ba Gua, gibt es auch im Hsing-I die Mglichkeit, Fa Jin anzuwenden, ohne dem Gegner Schmerzen, Ver- letzungen oder seinem Nervensystem einen schweren Schock zuzufgen. Doch anders als das Tai Chi oder das Ba Gua neigt das Hsing-I nicht dazu, diese sanftere Seite seiner Kunst einzusetzen. Die berwiegende Mehrheit der Schulen des Hsing-I verstrkt die kultu- rell definierte Macho-Einstellung: Lse das Problem auf dem krzesten und direktesten Weg, auf dem der Sieg zu erringen ist. Was die krperliche Seite angeht, luft diese Haltung auf Folgendes hinaus: Stell dich in Position, greife an und berwltige den Gegner mit geringstmglichem Verlust an 277
  • 278. Energie. Dieser Ansatz unterscheidet sich sehr stark von dem der berwie- genden Mehrheit der Tai-Chi-Schulen, in denen die Yin-Einstellung des Nachgebens und Ausweichens gefrdert wird und denen es darum geht, zu kooperieren, um zu gewinnen, ohne - wenn es nur menschenmglich ist - irgend jemanden zu verletzen. Die historischen Ursprnge des Hsing-I Der Legende nach wurde das Hsing-I ursprnglich von Yue Fei geschaffen, der vielen Chinesen als der beste General in der chinesischen Geschich- te gilt. So wird of gemutmat, Yue Fei htte die mongolische Invasion Chinas verhindert, wre nicht der damalige chinesische Kaiser dermaen eiferschtig auf sein militrisches Knnen und seine Popularitt gewesen, dass er ihm schlielich befahl, Selbstmord zu begehen. Der berlieferung nach erfand Yue Fei zwei Kampfknste, die seine Truppen in der Schlacht anwenden sollten. Fr seine Soldaten schuf er das Adlerkrallen-Boxen und fr seine Offiziere das noch machtvollere Hsing-I, welches auf der Technik der Handhabung des Speers basierte, wodurch sich seine linear erscheinenden Bewegungen erklren. Es gibt viele Darstellungen der Geschichte des Hsing-I, die fr knftige Schler dieser Kampfkunst wichtig sind, weil sie Aufzeichnungen ber die zahlreichen bertragungslinien des Hsing-I enthalten. Je nher die Hsing- I-Lehren dem Material der ursprnglichen Linie kommen, desto besser sind sie fr die Schler. Anders als die Ausbenden des Tai Chi und zu einem geringeren Grad die des Ba Gua haben die strkeren Hsing-I-Anhnger nie versucht und versuchen auch heute nicht, ihre Methoden allein zur Frderung der Gesundheit zu lehren. Und anders als beim Ba Gua ist das Hsing-I nicht schn anzusehen. Aufgrund dieses Mangels an sthetik, wegen seines schlechten Rufes was die gesundheitliche Dimension angeht und seiner starken und kompromisslosen Ausrichtung auf den Kampf zieht das Hsing-I im Allgemeinen weniger Interessenten an als die anderen Kampfknste. Hier wird die Geschichte des Hsing-I nur in groben Zgen dargestellt, nmlich so weit das fr Menschen, die das Hsing-I heute, zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhundert, praktizieren mchten, von Nutzen ist. Wir konzentrieren uns dabei auf den Wert des Hsing-I fr die Gesundheit und das Heilen, zur Stressreduktion, Selbstverteidigung und allgemeinen Frderung einer inneren Ausgeglichenheit in unserer gehetzten, technologisch geprgten Gesellschaft. 278
  • 279. Nach Yue Fei verluft die berlieferungslinie des Hsing-I ber viele unterschiedliche Menschen. In der berlieferung finden sich viele lang- wierige Geschichten darber, wie der nchste Erbe der Kunst von seinem Vorgnger dazu gezwungen wird, eine ungeheure Geduld und Entschlos- senheit unter Beweis zu stellen, indem dieser ihn schwersten Hrtetests und Prfungen seiner Moralitt unterwirft. Erst nachdem der knftige Erbe der Linie diese Prfungen bestanden hatte, pflegte der gegenwrtige Linienhalter dazu bereit zu sein, ihm das Wissen in ersten kleinen Teilen zu bermitteln. Wenn er sich dessen wrdig erwies, bertrug sein Lehrer ihm dann schlielich das gesamte Wissen des Systems und versetzte ihn damit in die Lage, die Tradition fortzusetzen. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Nrdliche Gottesanbeterin (Praying Mantis) Die grundlegende Hab-Acht-Standpositur des Gottesan- beterin-Boxens hnelt der Weise, auf die das Insekt im Stillstand seine Vorderbeine hlt. Ich erlernte den Stil der Gottesanbeterin, um eine Antwort darauf zu finden, war- um so viele Kampfknstler in China immer wieder sagen: Die Gottesanbeterin frchtet das Hsing-I am meisten." Auerdem wollte ich versuchen herauszufinden, ob irgendetwas Wahres an der Geschichte ber den Todesgriff (auf Kantonesisch Dim Mak, im Standardchinesi- schen Dian Xue) ist, ber den sich in Kampfkunstmagazinen so oft Sensa- tionsgeschichten finden. Es heit, dass der Gottesanbeterin-Stil in seinen nrdlichen wie in seinen sdlichen Schulen sich auf diese Technik speziali- siert habe. Im Laufe meiner Studien fand ich heraus, dass die sensationellen Zeitschriftenartikel ber dieses Thema zum grten Teil bertrieben sind. Auch wenn der Stil der Nrdlichen Gottesanbeterin und der der Sdli- chen Gottesanbeterin sich sowohl im Erscheinungsbild als auch in der Technik radikal voneinander unterscheiden, werden sie im Westen doch oft miteinander verwechselt. Die Sdliche Gottesanbeterin konzentriert sich auf den Kampf auf kurze Distanz, die Nrdliche Gottesanbeterin auf den Kampf auf mittele und weite Distanz. Was beide Schulen (ber ihre extrem aggressive Natur hinaus) gemeinsam haben, ist die Fhigkeit, mit tdlicher Przision schnelle multiple Hiebe auf lebenswichtige Punkte des Gegners auszufhren. Die Sdliche Gottesanbeterin ist eine Kurzarmmethode aus der Provinz Kanton, bei der die Arme nah beim Krper gehalten werden. Dieser Stil 279
  • 280. konzentriert sich ausdrcklich auf Praktiken der Armberhrung und des Schlagens nach der Art des Wing Chun. Auerdem betont er die Ate- marbeit und die Fhigkeit, das innere ffnen und Schlieen jedes ein- zelnen Gelenks im Krper zu kontrollieren und separat einzusetzen. In den Formen der Sdlichen Gottesanbeterin wird viel Chi-Gung-Arbeit geleistet, und deshalb ist dies eine echte uere/innere Kampfkunst. In dieser Hinsicht ist die Sdliche Gottesanbeterin in der Technik mit den kantonesischen Stilen der Weien Augenbraue und des Mu Mei verwandt. Die meisten ihrer Hiebe werden im Nahkampf auf sehr kurze Distanz aus- gefhrt. Es gibt hier nur eine minimale Verwendung von Tritten, meist Vorwrtstritte, die gewhnlich unterhalb der Grtellinie treffen. Die Nrdliche Gottesanbeterin ist etwas ganz anderes. Sie stammt aus der Provinz Shandong und ist ein Kampfstil auf weite Distanz mit lan- gen, ausgreifenden Standposituren und einem vielfltigen Repertoire an Hand-, Unterarm- und Tritttechniken auf lange Distanz, die gewhnlich auf den Nacken zielen, aber nicht hher. Die Nrdliche Gottesanbeterin ist eine vorwiegend uere Kampfkunst ohne eine gut entwickelte Chi- Gung-Methode. Sie besitzt zwar hoch entwickelte Berhrungsmethoden, betont diese jedoch lngst nicht so sehr wie die Sdliche Gottesanbeterin. In der Nrdlichen Gottesanbeterin gibt es viele verschiedene Stile. Kenner der Nrdlichen Gottesanbeterin sind sich darber einig, das Sieben Steme der am wenigsten ausdifferenzierte Stil ist und dass die Sieben Kombina- tionen Gottesanbeterin den am weitesten entwickelten und effektivsten Stil darstellt. Ich selbst habe drei Methoden der Nrdlichen Gottesanbe- terin gelernt, zuerst die Halbschritt-Methode, dann Sieben Sterne und schlielich die Sechs Kombinationen. Mein Lehrer in der Halbschritt-Methode war ein krftig gebauter Mann von ber achtzig Jahren, der eine enorme Wrde ausstrahlte. Er bevor- zugte Kraftschlge gegenber Nadelstichhieben, und seine Schlge mit dem Unterarm und seine hmmernden Fausthiebe bei den Kampfanwen- dungen schlugen ein wie ein Bleirohr. Dem Stil der Nrdliche Gottesanbeterin entsprechend, benutzte er gern die Klammertechnik, bei der eine zangenhnliche Greifhand nach Art der Gottesanbeterin zuerst die nahende Faust des Angreifers aus der Luft greift und der Gegner dann mit dem anderen Unterarm aus dem Gleichgewicht gebracht wird, um die Sache dann mit einem Gegenschlag der ursprng- lich greifenden Hand zu beenden. Der Gegner wird zum Teil dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht, dass man zuerst hart auf den Radialis-Nerv seines Unterarms schlgt, was frchterliche Schmerzen hervorruft, die den Gegner daran hindern, sich auf den nchsten Angriff vorzubereiten. Dieser Lehrer benutzte auch Fustampfer, wobei er einen Arm ergriff, 280
  • 281. einen halben Schritt vorwrts machte und seinen Gegner schockierte, in- dem er ihn mit einem Treffer in Mark und Bein erschtterte. Ausbende der Praying Mantis benutzen mehr als in allen anderen Formen des Shao- lin Techniken des Stampfens mit den Fen, um das Chi des Stampfenden in den Boden hinab zu treiben, von wo die Energie dann auf natrliche Weise zurckprallt und dem darauf folgenden Hieb der Mantis-Exper- ten enorme Kraft verleiht. Wenn das Chi so in den Boden hinab gesandt wird, entsteht gleichzeitig eine Schockwelle, die den Krper des Gegners durchdringt. Eine andere Spezialitt der Nrdlichen Gottesanbeterin ist das Shao Wei, eine Art von Beinschere, Fuknchelfeger oder Tritt, der direkt auf bestimmte nervlich empfindliche Punkte auf der Wade oder der Achillessehne gerichtet ist und bezweckt, die Sehne abreien zu lassen. Der Lehrer, der mich in die Sieben Sterne Gottesanbeterin einfhrte, war ein kleiner drahtiger Mann in den Fnfzigern. Er war Unteroffizier in der chinesischen Armee gewesen und sprach Mandarin mit einem der- maen breiten Shandong-Akzent, dass ich nie ganz sicher war, wirklich zu verstehen, was er sagte. Von seinen Schlern hrte ich, dass er in den Kneipenvierteln von Taipei berchtigt war fr seine Fhigkeiten, die er in mehreren Herausforderungskmpfen unter Beweis gestellt hatte, nach- dem er mit der Armee vom Festland nach Taiwan herbergekommen war. Nach dem, was erzhlt wurde, war er mit seiner kampferprobten Technik auch Mnnern berlegen, die sehr viel grer und strker waren als er selbst. Er konnte aus zwei Meter Entfernung von seinem Gegner einen fliegenden Tritt gegen dessen Brust oder Kopf ausfhren. Whrend seine Fe dann zum Boden herunterkamen, pflegte er mit mehrfachen Hand- hieben anzugreifen, und wenn sein Gegner versuchte, sich zu schtzen, vermochte er dessen Arme mitten in der Bewegung abzufangen. Wenn er gelandet war, pflegte dieser Lehrer der Sieben Sterne Gottesanbeterin seinen Gegner mit Shao Wei und Fuumkehrung zu Boden zu werfen, so dass er den geworfenen Gegner dann entweder gegen den Kopf, in die Leistengegend oder gegen die Knie treten konnte. Mein Lehrer in der Sechs Kombinationen Gottesanbeterin war auf Hie- be auf empfindliche Krperpunkte spezialisiert, bei denen er seine Fin- ger ebenso benutzte wie schneidende Hnde und Handflchen. Er war ein muskulser fnfzigjhriger Mann mit extrem langen Armen, dessen Sehnen und Muskeln hervortraten, wenn er seinen Unterarm anwinkelte. Er lehnte es normalerweise ab, irgendjemanden zu lehren, und unter- wies mich nur, weil er meinte, einer dritten Person, die mich empfohlen hatte, etwas schuldig zu sein. Er war ein wohlhabender Mann, und der Unterricht fand stets privat im groen ummauerten Hof seines Hauses statt. Sein Unterricht konzentrierte sich auf durch Sparring bermittelte 281
  • 282. Kampfanwendungen. Er ging seinen Schler mit groer Selbstverstnd- lichkeit ziemlich hart an und erhhte whrend des Sparrings stndig ganz bewusst die Geschwindigkeit, Kraft und Heftigkeit seiner Angriffe, um mich zu zwingen, auf eine hhere Ebene der Kampfkompetenz fort- zuschreiten. Als sein Schler blieb einem gar nichts anderes brig, als Fortschritte zu machen, um Wege zu finden, physisch mit ihm fertig zu werden. Wenn man es nicht verstand, sich energisch zu verteidigen, dann traf er einen ziemlich hart auf empfindliche Punkte wie den Hals oder die Knochen hinter den Ohren. Wenn man seinen Anforderungen nicht entsprach (was ziemlich schwie- rig war, wenn man stndig Finger auf die eigenen Augen und die ver- letzlichsten Punkte an Hals, Nacken und Kopf zukommen sah), dann warf er einen ziemlich hart mit Shao Wei, und man fand sich auf dem Boden wieder, wo man sich Gedanken darber machen konnte, was man nun wieder falsch gemacht hatte. Ein Spruch, mit dem die Nrdliche Gottesanbeterin oft beschrieben wird, ist: Hnde der Gottesanbeterin und Fe des Affen." Die Taktik der Gottes- anbeterin konzentriert sich im Wesentlichen auf Sprnge und Halbschritte zur Annherung an den Gegner aus mittlerer oder weiter Kampfdistanz. Mantis bevorzugt besonders hpfende Schritte, bei denen der hintere Fu den vorderen Fu durch einen Tritt in Bewegung zu setzen scheint. Die Nrdliche Gottesanbeterin hat mehrere charakteristische Eigenschaf- ten. Sie benutzt die Spitze des Ellbogens, die wie eine Art Angelpunkt im Raum fixiert bleibt, um den der Unterarm und die Fingerspitzen rotieren, um empfindliche Punkte am Krper zu treffen. Von einer Ausgangspositur aus, in der die Unterarme vertikal aufgerichtet und die in Schnabelform zusammengelegten Finger direkt vor dem Krper gehalten werden, sto- en die Finger der Gottesanbeterin innerhalb eines Bogens von 180 Grad und mehr abwrts auf jeden beliebigen Punkt im Inneren Ihres Krpers zu, oder sie treffen in einem Winkel von bis zu 45 Grad auf die Auen- seite Ihres Krpers. An jedem Ort knnen die Mantis-Finger einen Hieb mit voller Kraft auf einen Vitalpunkt ausfhren. Innerhalb einer Sekunde kann die schnabelfrmige Hand dann ihr Ziel ndern und mit multiplen Fingerhieben entlang einer Achse von 225 Grad und mehr in einen total anderen Winkel zuschlagen. Auch schnelle reiende Bewegungen des Handgelenks in allen mglichen Winkeln, die verschiedene Arten von Fingerknchelhieben erzeugen, ge- hren zu den Spezialitten der Nrdlichen Gottesanbeterin. Das Ba Gua besitzt tatschlich eine grere Bandbreite von Techniken, aber hier sind die Hiebe nicht linear und abgehackt wie bei der Gottesanbeterin, sondern sie werden mit ganz weichen kreis- oder spiralfrmigen Bewegungen des 282
  • 283. Handgelenks ausgefhrt, die wie die Bewegung eines Gyroskops aussehen, wobei nach jeder Drehung um einige Grade eine neue Handwaffe erzeugt wird. Da die Praying Mantis Hiebe auf bestimmte Vitalpunkte betont, ist hier die extreme Geschwindigkeit und Przision der Schlge wichtiger als die Kraft. Die Effektivitt der Gottesanbeterin beruht auf dem Unterarm und seiner Fhigkeit, einen Gegner mit einer betrchtlichen und erschre- ckenden Kraft pltzlich zu packen und heranzuziehen. In diesem Stil geht es um extreme Geschwindigkeit beim Wechsel von einer Handtechnik zur nchsten. Whrend eines fortlaufenden Angriffs kann ein Gottesanbe- terin-Kmpfer fnf- oder sechsmal zuschlagen, wobei er jedes Mal eine andere hackende Handtechnik und jede davon aus einem anderen Winkel einsetzt - hoch, niedrig und auf entgegengesetzten Krperseiten. Die Technik der multiplen Hiebe der Gottesanbeterin war besonders ntz- lich, um meine Abwehrtechnik in den inneren Kampfknsten zu verbes- sern. Es gibt Ba-Gua-Methoden, mit denen man fortlaufende Angriffe ausfhren kann, die noch schneller und vielfltiger sind als bei der Got- tesanbeterin. Praying Mantis machte mir jedoch deutlich bewusst, wie notwendig es ist, ber einen spektakulr aggressiven und berwltigen- den Angriff hinaus auch in der Defensive flssige Kombinationen in un- terschiedliche Richtungen ausfhren zu knnen. Dadurch, dass ich die innere Logik des Gottesanbeterin-Stils und seiner Einstellung zur Abwehr multipler Angriffe kennen lernte, wurde mir klar, dass ich meinen defen- siven Fertigkeiten in den inneren Kampfknsten noch zustzliche Ebenen hinzufgen musste, die mir ansonsten wahrscheinlich entgangen wren. Schlielich fand ich auch heraus, dass es zwei Grnde dafr gibt, dass die Gottesanbeterin das Hsing-I am meisten frchtet. Zuerst einmal sind die stets abgesenkten Kraftellbogen des Hsing-I in der Lage, die weniger kraftvollen Ellbogen der Praying Mantis an bestimmten kritischen Punk- ten des bergangs von einer Technik zur nchsten einfach wirkungs- los zu machen. Und zudem gibt es im Hsing-I, besonders whrend eines blitzartig vorgetragenen multiplen Angriffs, aufgrund der ununterbro- chenen Vorwrtsbewegung nicht die Lcken im Gewahrsein und in der krperlichen Bewegung, auf die ein Mantis-Kmpfer bei einem Gegner wartet und die er braucht, damit er ein Loch ausmachen kann, durch dass er einen ersten und darauf folgende Hiebe ausfhren kann. Alles in allem ist es angesichts der Kampftechniken des Gottesanbeterin- Stils, die dem des Insekts gleicht, dass seine Beine benutzt um seine Beute zu zerreien, kein Wunder, dass dieser Kampfstil fr seine Bsartigkeit berchtigt ist. 283
  • 284. Das moderne Hsing-I entstand im neunzehnten Jahrhundert im nordwest- lichen China. Es begann mit einem Mann namens Li Luo (auch Le Neng Ran genannt), der das Hsing-I erst in mittlerem Alter mit Erfolg erlernte und der nicht bereits in seiner Jugend damit begonnen hatte. Li berzeugte seinen Lehrer Dai Long Ban letztlich nur durch die Frsprache von Dais Mutter, ihm sein ganzes Wissen zu bermitteln. Viele der frheren Hsing- I-Kampfknstler waren Analphabeten, deren einzige Ausbildung darin bestanden hatte, eine innere Kraft zu erwerben, die die meisten Angeh- rigen der gebildeten Oberschicht niemals zu erreichen vermochten. Hsing- I-Kampfknstler betrieben oft Begleitschutz-Agenturen, die in der Zeit vor der Einfhrung der Feuerwaffen Leibwchter zur Verfgung stellten sowie Handelsreisenden Schutz vor Rubern und Wegelagerern anboten. Li Luo Neng ist eine mythische Grndergestalt mit vielen Schlern. Auf ihn gehen drei klar unterscheidbare Schulen des Hsing-I zurck. Diese Schulen werden im Folgenden errtert. Die drei Hauptschulen des Hsing-I Die Shanxi-Schule Nachdem die von dem legendren General Yue Fei aus der mittelalterli- chen Song-Zeit ausgehende berlieferung des Hsing-I bei Li Luo Neng im neunzehnten Jahrhundert angekommen war, machte das Hsing-I eine Reihe von Wandlungen durch, da Lis Kampfkunsterben das Hsing-1 mit anderen inneren Praktiken vermischten und dadurch zwei neue Stile schufen. Die ursprngliche Schule wird oft die Shanxi-Schule genannt, weil Li Luo Neng in dieser Provinz lehrte. Es haben zwar viele Schulen in Beijing behauptet, den Shanxi-Stil zu lehren (weil dies die ursprngliche Methode war), doch in Wirklichkeit standen sie dem Hebei-Stil viel nher (siehe den folgenden Abschnitt). Titel geben nicht immer der Realitt Ausdruck. Im ursprnglichen Shanxi-Stil wurden die Formen der Fnf Elemente und die Tierformen gleichermaen betont. Neben der Ausfhrung der einzelnen Bewegungen in einer Linie kannte man im ursprnglichen Shanxi Hsing-I auch kurze Formen oder Katas wie das Lien Huan (verbindende Form), das Ba Shr (acht Formen) fr die Fnf Elemente und das Tsa Jr Chuei (gemischte oder komplizierte Fuste) fr die Tierformen, die die einzelnen Linienbewe- 284
  • 285. gungen miteinander kombinierten. Manchmal gab es fr eine einzelne Tier- form auch eine Kurzform, die Grundprinzipien der jeweiligen Tierformen krperlich nachvollziehen und ihre mentale Ausrichtung vermitteln sollte. Ursprnglich gab es zwlf Tierformen. Heute werden in manchen Systemen nicht mehr alle zwlf praktiziert, einige praktizieren weniger als zehn. Im Westen hilft die Frage, ob eine Hsing-I-Schule nun aus Shanxi stammt oder nicht, dem Schler gewhnlich nicht zu verstehen, was die Schule tatschlich tut. In der ursprnglichen Schule wurde das Hsing-I in drei klar unterscheidbaren fortschreitenden Stadien gelehrt: zuerst San Ti, dann die Fnf Elemente und ihre kombinierten Formen, und schlielich die Zwlf Tiere und ihre Formen. Indem die ursprnglichen Schler des Hsing-I von Shanxi aus in andere Provinzen gingen, wurden dort andere Schulen gegrndet, die den Namen der Provinz erhielten, in der sie sich etablierten. Die beiden wichtigsten Provinzen waren Hebei und Honan. In der Provinz Honan florierte das, was man einen muslimischen Stil des Hsing-I nannte, weil der Kampfknstler, der diesen Stil nach Honan brachte, dem Islam angehrte. Die Hebei-Schule blieb oft nicht beim reinen Hsing-I, sondern kombinierte es mit dem Ba Gua. Die Hebei-Schule Viele der besten Schler von Li Luo Neng siedelten schlielich in die Provinz Hebei ber, besonders nach Beijing und in die nahe gelegene Hafenstadt Tianjin. Im selben Zeitraum wurde auch die Ba-Gua-Schule immer populrer und die beiden Schulen trainierten oft zusammen. Es gibt viele zutreffende Geschichten ber die Beziehungen zwischen dem Ba Gua und dem Hsing-I. Ein verbreiteter Mythos, der in vielen eng- lischsprachigen Bchern nacherzhlt wird, ist jedoch definitiv unwahr. Darin geht es um einen angeblichen Kampf zwischen Tung Hai Chuan, dem Grnder des Ba Gua, und dem berhmten Hsing-I-Meister Guo Yun Shen. Die Geschichte erzhlt, dass dieser Kampf epische Ausmae hatte und dass die Anhnger des Ba Gua und des Hsing-I sich als Folge davon zusammentaten, um ihr Wissen miteinander auszutauschen. Die Geschichte ist eine nette Legende, aber nicht mehr.36 36 Anmerkung des Herausgebers: Der Autor hat Nachforschungen darber angestellt, inwieweit die Geschichten ber die Beziehungen zwischen dem Hsing-I und dem Ba Gua zutreffen. All seine Forschungen in Beijing weisen daraufhin, dass Guo Yun Shen und Tung Hai Chuan praktisch keinen Kontakt miteinander hatten. 285
  • 286. Wahr ist allerdings, dass die Anhnger des Ba Gua und die des Hsing-I stets miteinander befreundet waren. Tatschlich gab es Ende des neunzehn- ten Jahrhunderts in Tianjin ein Haus, in dem sieben Kampfknstler des Hsing-I und des Ba Gua als Freunde zusammenlebten. Darunter waren Li Tsung I, ein fhrender Hsing-I-Adept, Cheng Ting Hua, der zu den Groen Vier von Tung (siehe Seite 514) gehrte, sowie Chang Chao Tung, ebenfalls ein hervorragender Praktizierender der Hsing-1 und des Ba Gua. Sie hatten sich alle den Kampfknsten verschrieben und waren alle Lehrer. Statt sich gegenseitig zu befehden, kooperierten die beiden Lager in ihrem Kampf- kunst-Training miteinander. Das Resultat dieser Beziehung war, dass die Hsing-I-Anhnger immer das Ba Gua erlernen wollten, denn sie wurden regelmig von ihren Ba-Gua-Freunden geschlagen, wenn sie mit diesen zusammen bten. Die Ba-Gua-Anhnger waren neugierig und es machte ihnen Spa, auch das Hsing-I zu lernen, aber ihr Interesse am Hsing-I war nie so gro wie umgekehrt das der Hsing-I-Anhnger am Ba Gua. Die Leh- rer des Ba Gua sahen, dass es fr ihre Schler im Anfngerstadium ntzlich sein knnte, sich zuerst einmal in einer strker linear ausgerichteten, aber deutlich inneren Methode mit den Grundlagen der inneren Kraft vertraut zu machen. Auf dieser Grundlage aufbauend, konnten sie dann beginnen, die komplexere Methode des Kreisgehens zu erlernen, die einen anspruchs- volleren mentalen Mitvollzug verlangt. Aufgrund dieser Freundschaften und insbesondere der Freundschaft zwischen dem Ba-Gua-Praktizierenden Cheng Ting Hua und dem Hsing-I-Praktizierenden Li Tsung I, und nicht etwa wegen eines mythischen Kampfes, kam es zu dem bis heute anhal- tenden Trend der Vermischung von Ba Gua und Hsing-I. Es gibt Schulen des Ba Gua, in denen die Techniken ausgefhrt werden wie im Hsing-I, und des gibt Hsing-I-Schulen, in denen die Techniken nach Manier des Ba Gua ausgefhrt werden. Eines der vielen Beispiele hierfr ist das Hsing-I, wie es in der Tianjin-Schule gelehrt wird. Diese Schule vermischte die Lehren von Li Tsung 1 und Cheng Ting Hua miteinander zu einer Methode, die dann durch Chang Chun Feng nach Taiwan und zu Hung I Hsiang gelangte. Die Formen dieses Stils haben die Bewegun- gen des klassischen Hsing-I, doch die gesamte Methode enthlt viele der grundlegenden inneren Krperprinzipien und Techniken des Ba Gua, die sich stark von denen des klassischen Hsing-I unterscheiden. Anderer- seits praktizieren viele die kreisfrmigen Bewegungen des Ba Gua mit der geistigen Einstellung und der inneren Mechanik des Hsing-I. Ein Beispiel hierfr ist die Methode von Sun Lu Tang. 286
  • 287. Indem die Gruppen der Praktizierenden von Hsing-I und Ba Gua sich miteinander vermischten, entstand eine neue Methode des Hsing-I, die oft die Hebei-Schule genannt wurde. In dieser stark vom Ba Gua be- einflussten Schule des Hsing-I sind ein starker Einfluss und eine starke Betonung der Fnf Elemente erkennbar, und an zweiter Stelle ein Einfluss der Tierformen. Wenn Lehrer sowohl Ba Gua als auch Hsing-I lehren, dann konzentrieren sie sich im Bereich des Hsing-I im Allgemeinen auf die Fnf Elemente. Der Grund hierfr ist, dass es mithilfe der Fnf Elemente leichter ist, den Schlern eine solide Grundlage im Bereich der inneren Kraft zu vermitteln als mit dem Kreisgehen des Ba Gua. Hat der Schler jedoch erst einmal ein gewisses Ma an innerer Kraft entwickelt, dann sind die Kreisgang-Methoden des Ba Gua wesentlich besser geeignet, den Schler Anpassungsfhigkeit im Kampf und komplexe Kampfwinkel zu lehren, als die Tierformen des Hsing-I. Deshalb richten die Lehrer ihre Anstrengung jetzt eher darauf, Ba Gua zu lehren und nicht die Tierformen des Hsing-I. Wenn die Tierformen in der Hebei-Schule gelehrt werden, dann hnelt die innere Komponente eher dem Ba Gua als dem Hsing-I. Man mag dort zwar einige uere Bewegungen des Hsing-I-Systems benutzen oder auch vllig andere Bewegungen, die mit Namen aus dem Hsing-I benannt werden, aber dies sind nicht die klassischen Hsing-I-Bewegungen. Die Mehrzahl der Hsing-I-Schulen im Westen hngen der Hebei-Me- thode an, auch wenn sich diese Schulen vielleicht des Ursprungs des von ihnen gelehrten Materials bewusst sind. Die I-Chuan-Schule Das I Chuan37 ist eine weitere gemischte Schule. Einer der besten Schler von Li Luo Neng, dem Grnder der Shanxi-Schule, war ein Mann namens Guo Yun Shen. Es war dieser Guo Yun Shen, der den legendren" Kampf mit Tung Hai Chuan, dem Grnder des Ba Gua, ausfocht. Guo, der fr sein Halbschritt-Beng-Chuan berhmt war, brachte zwei Schler hervor, die fr die Entwicklung des Hsing-I wichtig wurden. Der erste war Sun Lu Tang, der einen Stil des Tai Chi kreierte, der Hsing-I, Ba Gua und Tai Chi mit- einander verschmolz. Er sorgte fr eine weite Verbreitung des Gedankens, 37 Der Autor bte whrend seiner Zeit als Student in Tokio bei Sawai Kenichi das I Chuan, das dieser Taiki-Ken nannte. Spter trainierte er es in Hongkong bei Han Hsing Yuan. 287
  • 288. dass alle drei zu derselben Schule der inneren Knste gehren, die Nei Jia genannt wurde. Als Erwachsener lernte Sun das gesamte Shanxi-Hsing- I-System direkt von Guo. Die Nachkommen von Sun lehren die reinste Form der Kunst von Guo. Der I-Chuan-Zweig des Hsing-I wurde von Wang Hsiang Zai, einem Schler von Guo, begrndet. Er war der letzte Schler des bereits betagten Guo, und er war damals noch ein Teenager. Spter vermischte er Wang Guos Hsing-I mit dem westlichen Boxen, buddhistischem Chi Gung und Fubewegungstechniken des Ba Gua, die er spter in seinem Leben erlernt hatte. So schuf er das I Chuan oder das Boxen geistiger Intention". Als er lter war, wurde dieser Stil auch Da Cheng Chuan oder das Boxen von groer Fertigkeit" genannt. Das I Chuan konzentrierte sich stark auf das San Ti (siehe Seite 300). Die Ausbenden praktizieren die Form oft ber Jahrzehnte und widmen hufig die Hlfte jeder Trainingssitzung oder sogar mehr dem San Ti. Darin unterscheidet sich das I Chuan stark von den Schulen Shanxi und Hebei, wo das San Ti nach den ersten bungsjahren zwischen den ein- zelnen Linien oder am Ende der Formen nur fr jeweils einige Minuten beibehalten wird. Auerdem praktiziert das I Chuan das San Ti anders als die anderen Schulen. Hier bt man anstelle des Pi Chuan (siehe Seite 295) acht Standposituren, deren Hhe von oberhalb des Kopfes bis auf Hhe des Unteren Dantien variiert. Die bekannteste dieser Posituren wird Einen Ball halten" oder Der universale Pfeiler" genannt. Auch die Fuarbeit ist bei den Standposituren anders, und es gibt zwei Arten der Fuarbeit. Die erste wird in einer modifizierten Pferd-Standpositur mit parallelen Fen ausgefhrt, die zweite in einer Katze-Standpositur, die vllig rcklastig ist, wobei der Ballen des unbelasteten Fues den Boden berhrt und die Ferse angehoben ist. Die Fnf-Elemente-Praxis des I Chuan betont eine offene Mittellinie, bei der die Hnde ausgebreitet sind, die Intention aber immer bei der Mittellinie bleibt. Im Gegensatz dazu betonen die anderen Schulen eine geschlossene Mittellinie, wobei die Arme oder die Hnde physisch vor der Mittellinie gehalten werden. Die Fnf-Elemente-Praxis der I Chuan benutzt einen Gang mit regelmigen Schritten in Stundenglas-Form (wie man ihn auch im Karate und in den sdchinesischen Kampfknsten beobachten kann). Im I Chuan werden gewhnlich regulre Schritte und nicht Halbschritte betont. Whrend die anderen Stile des Hsing-I viele grere Ideen zu den winzigen Komponenten der krperlichen Bewegungen des Fnf-Elemente- 288
  • 289. Stils und der Tier-Stile verdichten, macht die I-Chuan-Schule aus jeder Minikomponente eine separate uere Bewegung. Im I Chuan wird das Einhalten der Standposituren so stark betont, um Fa Jin zu entwickeln. Das hauptschliche Zwei-Personen-Training ist im I Chuan eine Form des Berhrungstrainings, wobei die Arme der beiden Partner sich in Kreisen bewegen. Dahinter steht ein hnliches Konzept wie hinter dem Rou Shou des Ba Gua (siehe Seite 360) oder den Kreisenden Hnden des Tai Chi (siehe Seite 257), aber die Technik ist eine andere. Jeder Partner versucht dabei: (a) Fa Jin anzuwenden, Energie freizusetzen und den anderen allein durch den Armkontakt zu entwurzeln; (b) die Arme des anderen gnzlich einzufangen, so dass er keinen Widerstand gegen Treffer mehr leisten kann; (c) den anderen mit Hieben zu treffen; (d) den Armkontakt allein dazu zu benutzen, den anderen zu Boden zu werfen, also ohne Hft- oder Schulterwrfe einzusetzen. Danach ben die Partner Sparring, manchmal mit Boxhandschuhen. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Das Taiki-Ken genannte Hsing-I von Sawai Kenichi Ein Mitglied der Tai-Chi-Schule von Shibuya fhrte mich in die Hsing-I-Gruppe von Sawai Kenichi ein, de- ren Mitglieder geradezu fanatische Anhnger der Ent- wicklung des Chi durch die bung des Stehens waren. Sawai hatte sich zehn Jahre lang in China unter Wang Hsiang Zai, dem Grnder der I-Chuan-Schule des Hsing-I, geschult. Zu der Zeit, als ich den Unterricht von Sawai kennen lernte, war ich noch weitgehend durch meine Lust am Kmpfen motiviert und interessierte mich weniger fr Gesundheit und Fitness. Viele der Teilnehmen an sei- nem Unterricht waren starke junge Mnner aus der wettkampforientierten Kampfkunst-Szene des Tokio jener Tage, und sie waren dort, weil sie vor allem das Kmpfen lernen wollten. Viele von ihnen waren Inhaber des schwarzen Grtels dritten, vierten und fnften Grades im Karate.38 Wenn jemand zu Sawai kam und ihm sagte, er wolle Kampfkunst lernen, dann ' Im Japan jener Tage waren die strksten aktiven Kmpfer mit schwarzem Grtel gewhnlich die des dritten, vierten und fnften Grades. Unter den Schwarzgrteln dritten bis fnften Grades in Sawais Gruppe waren etliche aus der Kyokoshin Kai Karateschule von Oyama Mas. Der inzwischen verstorbene Oyama war in Japan dafr bekannt, dass er mit bloen Hnden einen Stier zu tten vermochte. 289
  • 290. wurde er gewhnlich auf die Probe gestellt, um zu beweisen, dass er es ernst meinte und dass er den ntigen Kampfgeist" besa, eine Eigen- schaft, die in der Kampfkunst-Szene in Japan sehr hoch bewertet wird. Nachdem ich dem Unterricht lngere Zeit nur zugeschaut hatte, musste ich mich den Formalitten unterwerfen, die die Voraussetzung fr die Aufnahme in die Schule waren. Dabei musste ich auch offen legen, was mein bisheriger Kampfkunst-Hintergrund war. Dann musste ich in einem Sparring unter Beweis stellen, dass ich ein echter Schwarzgrtel-Kmpfer und nicht nur ein Dilettant war. Mein erster Gegner sah ziemlich Furcht einflend aus. Von der Seitenlinie aus hatte jemand erwhnt, ich sei ein Trger des schwarzen Grtels im Karate. Also sah Sawai jemanden an, der mein Sparringspartner sein sollte, und der nahm mich sofort aufs Korn und heizte mir ganz schn ein. Ehe ich es mich versah, versetzte er mir einen Tritt zum Herzen (Hiebe zum Herzen waren eine Spezialitt dieser Gruppe). Ich krmmte mich auf dem Boden, gefllt von einem Schmerz, der so intensiv war, dass ich dachte, mein letztes Stndlein sei gekom- men. Ich hatte so etwas im Karate noch nie zuvor erlebt. Hinterher fand ich heraus, dass mein Sparringpartner schon seit Jahren einen schwarzen Grtel fnften Grades gehabt hatte, bevor er bei Sawai zu trainieren be- gann. Nach ein, zwei Minuten half mir jemand wieder auf die Fe. Es fiel mir uerst schwer zu stehen und wieder einigermaen normal zu atmen. Nachdem man mir etwas Zeit gelassen hatte, mich zu erholen, wurde ich aufgefordert, ein weiteres Sparring zu bestehen. Diesmal war mein Partner ein Schwarzgrtel dritten Grades, was in etwa meinem damaligen Stand entsprach. In dieser Runde schlug ich mich ganz gut und erwischte meinen Gegner ziemlich oft mit Rundtritten zum Kopf. Spter erklrte man mir, Sawai habe einfach nur sehen wollen, ob ich meine anfngliche Furcht wrde berwinden und meinen Kampfgeist wrde aufrechterhal- ten knnen. Nach dieser interessanten Initiation wurde ich in die Klasse aufgenommen. Der Unterricht fand im Park des Meiji Jingu statt. Der Meiji Schrein" ist ein nationales japanisches Shinto-Heiligtum und der Ort der wichtigsten der traditionellen Neujahrsfeiern der Japaner. Zum Training versammel- ten wir uns auf einer von Bumen umstanden Lichtung. (Jahre spter sah ich, dass diese Lichtung, die einer der seltenen Orte in Zentraltokio war, wo man noch Natur erfahren konnte, inzwischen im Rahmen der gnaden- losen industriellen Naturvernichtung in Japan als Parkplatz zementiert worden war.) Als ich zum ersten Mal zum Unterricht kam, sah ich etliche Schler mit vor der Brust erhobenen Armen vor den Bumen stehen, so als ob sie einen groen Ball umarmten. Einige standen mit etwa schul- 290
  • 291. terbreit voneinander entfernten Fen da und hatten das Krpergewicht gleichmig auf beide Fe verteilt. Andere hatten nur einen Fu be- lastet und die Ferse des anderen Fues war vom Boden gehoben. Dieses Ritual im Stehen dauerte eine oder zwei Stunden, bevor irgendjemand sich bewegte. Sawai nahm gewhnlich daran teil oder ging manchmal zu einzelnen Schlern hin und korrigierte ihre Positur. Nach Beendigung der Stehbung begannen die Schler die Handtechniken in Bewegung zu trainieren, entweder einzeln oder in Gruppen. Anfangs dauerte jeder vollstndige Schritt etwa dreiig Sekunden. Whrend sich das Chi verstrkte, wurde die Bewegung immer mehr verlangsamt, bis ein einzelner Schritt zusammen mit der dazugehrigen Handtechnik bis zu zehn Minuten dauerte. Als nchstes begannen die Schler Push Hands zu ben, wobei es nicht nur darum ging, den Partner aus dem Gleichgewicht zu bringen, sondern danach auch einen Hieb zu platzieren oder eine Fa- Jin-Technik anzuwenden. Anders als beim Fa Jin im Tai Chi war dies ein Fa Jin, das oft zu einem ziemlich starken krperlichen Schock fhrte. Schlielich kamen wir zum freien Sparring, das in Hinsicht auf das Erler- nen der Abwehr von Tritten und Wrfen besonders interessant war, weil viele der Sparringspartner Schwarzgrteltrger hohen Grades im Judo oder Karate waren. Sawai selbst war Trger eines schwarzen Grtels sieb- ten Grades im Judo gewesen, bevor er nach China ging, um sich dort zu schulen. Zum Abschluss des Trainings wurde der Kreis vollendet: alle machten wieder die Stehbung, um das Chi zu stabilisieren, den Geist zu beruhigen und all das, was sie whrend des Unterrichts gelernt hatten, tief in sich einsinken zu lassen. Sawais Vorliebe fr das Kmpfen war geradezu ansteckend. Als frherer Soldat besa er die kompromisslose Einstellung eines Samurai zum Tanz von Leben oder Tod. Er war kein Sadist, aber er tolerierte keinerlei Mangel an Kampfgeist und Hingabe von jemandem, der das Training nicht wirk- lich ernst nahm. Er ging davon aus, dass seine Schler nicht weniger er- reichen wollten, als das Maximum ihres Kampfpotentials auszuschpfen. Sawai konnte eine spielerische Ruppigkeit an den Tag legen, aber wenn es wirklich zur Sache ging, dann wurde er sehr streng und es gab keine Spielerei mehr. Machte man im Sparring einen Fehler, dann tadelte er das sofort, und wenn man dreimal denselben Fehler machte, dann lie er einen oft auf sehr schmerzhafte Weise wissen, was ein Gegner tun knnte, wenn man ihn so dazu einlde. Diese Vorgehensweise motivierte seine Schler enorm dazu, ihre Fehler schnellstmglich zu korrigieren. Sawai war ein kleiner, gedrungener Mann, und er liebte besonders das Pi Chuan (siehe Seite 295) und die Weise des Affen, sich im Hsing-I zu bewegen, insbesondere seine Methode des Blockens und seine schnelle 291
  • 292. Fuarbeit, die den Kmpfer rasch an den Gegner heran und wieder auer Reichweite brachte. Die Angriffstechnik, die er besonders bevorzugte, war ein Hieb zum Herzen, den er sowohl nach Art des Affen mit der Rck- seite des Handgelenks ausfhrte oder mit der Vorderseite der Fingerkn- chel wie in der Tierform des Pferdes. Diese Fausttechnik mit gebeugtem Handgelenk ahmt die Bewegung eines kmpfenden Pferdes nach, das seine Hufe auf seinen Gegner niederschmettert, nachdem es sich auf die Hinterlufe gestellt hat. Whrend Sawais Ellbogen sich vertikal abwrts bewegte, schlug er einem mit den vorstehenden Kncheln der vier Finger auf das Herz. Wenn Sawai die echte und ernsthafte Absicht eines Schlers, die Kampf- kunst zu erlernen, respektierte, dann lie er einen frher oder spter die Wirkung dieser Technik so deutlich spren, dass man glaubte, einen Herzanfall zu erleiden. Ich kann persnlich besttigen, dass dies in seinen Schlern einen bleibenden Eindruck hinterlie und diese Demonstration der Wirksamkeit des Hsing-I tiefer ging als bloe Worte es jemals ver- mocht htten. Ein Thema das im Zusammenhang mit dem I Chuan oft kontrovers disku- tiert wird, ist die Trainingstechnik namens Kong Jin oder Leere Kraft". Mit dieser Technik bewegen Lehrer ihre Schler krperlich entweder rckwrts oder aufwrts in die Luft oder abwrts zu Boden, indem sie aus einiger Entfernung einfach eine Handbewegung ausfhren, ohne sie krperlich zu berhren. Auch wenn dies mit Schlern durchaus funktioniert, nehmen unglcklicherweise viele Kampfkunst-Schler an, man knne dies auch mit Fremden gegen ihren Willen machen, was, vorsichtig gesagt, uerst selten geht. In Beijing ist man in ausfhrlichen Studien der Frage nach- gegangen, ob die Leere Kraft" auch bei Kampfkunstexperten wirksam ist, die nicht kooperieren - und es hat sich gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Allerdings lsst sich die Technik der Leeren Kraft durchaus anwenden, um zu therapeutischen Zwecken das Chi zu bewegen, um Energieblockaden zu beseitigen. Leere Kraft ist eine Trainingstechnik, deren Zweck darin besteht, den Praktizierenden fr die Bewegungen des Chi in ihm selbst, in seinen Geg- nern, im Raum zwischen ihm selbst und seinen Gegnern und in der auer- sinnlichen Energie, die im Kampf erzeugt wird, zu sensibilisieren. Sie zielt darauf ab, den Empfnger in die Lage zu versetzen, fr das Chi anderer empfanglich zu werden und angemessen darauf zu reagieren, sei es nun 292
  • 293. whrend des krperlichen Kontakts oder ungehindert in der Lcke, bevor man krperlich von einem Gegner berhrt oder von ihm getroffen wird. Sie setzt voraus, dass Lehrer und Schler auf der bersinnlichen Ebene miteinander kooperieren, und das theatralische Getue, das man oft bei einer Begegnung mit der Leeren Kraft beobachten kann, ist malos bertrie- ben. Diese bertreibung hat einfach den Zweck, eine gewisse Sensibilitt fr Energie zu erzeugen sowie die Fhigkeit zu frdern, aufgrund dieser Sensibilitt in einer Konfrontation augenblicklich auf einen physischen Stimulus zu reagieren. Es geht also nicht darum, die magische Fhigkeit zu entwickeln, King Kong mit einer bloen Handbewegung durch die Projektion einer unsichtbaren Kraft umzuhauen. Die Techniken und Trainingspraktiken des Hsing-I Das Hsing-I von Li Luo Neng hatte drei Komponenten: San Ti, die Fnf Elemente und verschiedene Tierformen. Es gibt hier Stile im groen, mitt- leren und kleinen Rahmen (siehe Seite 189). Zu den grundlegenden Eigen- schaften des Hsing-I als Kampfkunst gehren: 1. Die energetische Intention und Kampfintention wird strker betont als die krperlichen Bewegungen der Form. 2. Es geht um die funktionale Kraft in jedem einzelnen Teil einer jeden Bewegung und nicht nur um die Fhigkeit, sich gut zu bewegen. 3. Die Bewegungen sind ganz und gar auf Wirksamkeit im Kampf abgestellt. Im Hsing-I gilt jede Bewegung in den Soloformen, in der bung mit einem Partner oder im Kampf, die nicht funktional oder berflssig ist als eine Kampfkunst-Snde. 4. Bu hao kan, hen hao yung (der klassische Chinesische Spruch, der das Hsing-I beschreibt) bedeutet in freier bersetzung, dass das Hsing-I nicht schn aussieht, dass es im Kampf aber auerordentlich wirksam ist. 5. Eine primre Strategie des Hsing-I beruht auf der Maxime, dass es keinerlei Rckzug gibt. Der Hsing-I-Kmpfer dringt unablssig in den Raum der Gegner ein und bedrngt ihre Abwehr, bis sie von der stndig voranschreitenden Bewegung berwltigt und besiegt 293
  • 294. sind. Selbst dann, wenn man sich im Hsing-I aus taktischen Grnden einmal zurckziehen muss, dann tut man das nur, um dem eigenen Geist eine kurze Ruhepause zu gnnen, damit er sich wieder auf seine primre Aufgabe ausrichten kann, die darin besteht, so bald wie mglich anzugreifen. 6. Eine geistige Einstellung, die ganz und gar zielorientiert ist und auf ei- nem hohen Grad an Aggressivitt basiert. Alle Verteidigungsmanver sind nur eine vorbergehende taktische Manahme, die so lange ein- gesetzt wird, bis der Ausbende wieder zum Angriff bergehen kann. 7. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Entwicklung von Yang- und nicht von Yin-Methoden der inneren Kraft, also auf Hrte und nicht auf Weichheit. 8. Das uere des Krpers der Praktizierenden wird dahingehend entwickelt, dass es sich fr jemanden, der es berhrt, extrem hart anfhlt. Gleichzeit ist das subjektive Empfinden des Ausbenden, dass das Innere seines Krpers sich weich und flexibel anfhlt. Diese Chi-Gewichtung von Hrte im ueren und Weichheit im Inneren ist das genaue Gegenteil der Gewichtung im Tai Chi. 9. Die philosophische Orientierung des Hsing-I betont die Entwick- lung innerer Strke und einer unerschtterlichen Ausrichtung der Intention. Das Bild, das oft zur Beschreibung der Technik des Hsing-I verwendet wird, ist das einer Eisenkugel, die den Gegner glatt berrollt. Ob Sie kr- perlich nun eher schlank oder untersetzt gebaut sind, eines Ihrer inneren Hauptziele im Hsing-I besteht darin, Ihr Chi abzusenken, so dass Ihr Krper und Ihre Arme unglaublich schwer werden, so schwer wie Blei. Dennoch mssen Sie sich die Fhigkeit bewahren, sich mit Sensibilitt zu bewegen und so beweglich zu bleiben wie ein Blatt im Sturm. Die Arme eines Hsing-I-Praktizierenden werden so schwer und dicht, dass sie bei einem Angriff die Arme ihres Gegners aus dem Weg rumen knnen, als htten diese keinerlei Substanz. Die Arme des Gegners pral- len von den schwereren Armen des Hsing-I-Adepten zurck wie eine Blechbchse von solidem Blei. Whrend eines Angriffs benutzen Hsing- I-Praktizierende diese schweren Arme, um die Arme ihrer Gegner gnzlich zu kontrollieren und ihre Hnde aus dem Weg zu rumen. Die schweren Arme des Hsing-I-Kmpfers knnen stets die Verteidigung seiner Gegner fr einen geradlinigen und entscheidenden Angriff aufbrechen. 294
  • 295. Die Fnf Elemente Die Fnf Elemente sind in Wirklichkeit fnf Energien, aus denen sich nach der daoistischen Kosmologie die Energiematrix des Universums zu- sammensetzt. Nach der Theorie der traditionellen chinesischen Medizin balancieren diese fnf dynamischen Energien (Feuer, Wasser, Holz, Erde und Metall) die inneren Organe des menschlichen Krpers aus. Jedes der Fnf Elemente im Hsing-I, die im Folgenden beschrieben werden, benutzt eine bestimmte Handtechnik, die die Kraft entlang eines spezifischen Kraft- vektors bewegt. Jede einzelne Handtechnik der Fnf Elemente tut das auf etwas unterschiedliche Weise: hoch (zum Herz des Gegners oder darber), mittelhoch (zwischen dem Herzen und dem Unteren Dantien) und niedrig (zu den Hften, Lenden oder Beinen). Die Hackende/Spaltende Faust (Pi Chuan) Bei dieser Fnf-Elemente- Technik geht die krperliche Bewegung von oben nach unten, wobei die innere Energie des Abwrtsdrckens (siehe Seite 223) eingesetzt wird. Die abschlieende Positur der vollstndigen Pi-Chuan-Bewegung ist die im San Ti beibehaltene Positur. Das Pi Chuan selbst konzentriert sich auf eine sich vertikal abwrts bewegende Kraft. Der innere Druck, den diese Bewegung im Krper auslst, hat ber seine grundlegende Chi-Wirkung hinaus einen direkten und positiven Einfluss auf die Lunge. Das Pi Chuan wird durch das Metallelement reprsentiert und ist darauf ausgerichtet, eine extrem starke Wirbelsule und stahlharte Hnde zu erzeugen. Die grundlegende Bewegung des Pi Chuan ist eine schneidende Akti- on, die gewhnlich abwrts mit der Handflche ausgefhrt wird oder, in manchen Schulen, vorwrts mit der Handkante. In allen Schulen werden die Kampfanwendungen auch mit verschiedenen Teilen der geschlossenen Faust ausgefhrt. Pi Chuan ist die primre Hab-Acht-Verteidigungspositur im Hsing-I. In dieser Positur wird eine Hand hoch gehalten, um die mitt- leren und oberen Krperpartien abzudecken, und eine Hand wird zur De- ckung der mittleren und unteren Krperpartien niedrig gehalten. Pi Chuan wird hufig gegen Angriffe in gerader Linie verwendet. Viele der besten Praktizierenden des Hsing-I grnden ihre gesamte Angriffsstrategie auf den alleinigen Gebrauch von Pi Chuan und Beng Chuan (zerschmetternde Faust), wobei sie sich mit der oberen Hand von Pi Chuan verteidigen und mit der unteren Hand, die Beng Chuan ausfhrt, angreifen. 295
  • 296. Die Bohrende Faust (Tsuan Chuan) Hier geht die krperliche Bewegung von unten nach oben, und es wird die sich ausdehnende innere Energie des Abwehrens (siehe Seite 210) eingesetzt. Der innere Druck, den das Tsuan Chuan whrend der Ausfhrung der Technik im Krper auslst, hat ber seine grundlegende Chi-Wirkung hinaus, einen direkten und positiven Einfluss auf die Nieren und die gesamte Vitalitt des Krpers. Tsuan Chuan konzentriert sich auf eine sich vertikal aufwrts bewegende Energie. Es wird durch das Wasserelement reprsentiert und ist darauf ausgerichtet, die Hnde in die Lage zu versetzen, sich um die Arme eines Gegners herum zu bewegen, wie Wasser um einen Felsblock herum fliet. Es wird gleichermaen fr den Angriff wie fr die Abwehr verwendet. Seine grundlegende Aktion fhrt eine Hand entlang Ihrer Mittellinie abwrts, whrend die andere Hand sich gleichzeitig in einer Art von bohrendem Aufwrtshaken Ihre Mittellinie entlang aufwrts bewegt. Bei der Bohrenden Faust werden der Krper und die Arme kraftvoll verdreht; sie wird auf drei grundlegende Weisen ausgefhrt: Bei der ers- ten Variante kommt die Hand nach der Aufwrtsbewegung am Ende der Technik zu vlligem Stillstand. Bei der zweiten Variante geht die Hand zuerst aufwrts, so als durchbohrte sie ihr Ziel (zum Beispiel den Kopf) und kehrt dann zu einer niedrigeren Positur zurck, um einen mglichen Gegenangriff abzublocken. Bei diesen beiden Methoden bewegt sich die schlagende Hand auf einer geraden Linie vom Unteren Dantien entlang der Mittellinie des Krpers aufwrts. Bei der dritten Methode bewegt sich die Hand in einer Zickzacklinie oder einer wassergleichen formlosen Art, die die Bewegung des Wassers imitiert, das um einen Felsen herumstrmt. Die Drehung am Ende des Hiebes wird stets betont. Zerschmetternde Faust (Beng Chuan) Diese Technik benutzt eine ge- rade vorwrts gehende krperliche Bewegung mit der inneren Energie des Vorwrtsdrngens (siehe Seite 222). Beng Chuan ist die bekannteste Angriffstechnik des Hsing-I. Viele halten es fr den kraftvollsten geraden Hieb in allen chinesischen Kampfknsten. Der innere Druck, den diese Bewegung im Krper auslst, hat ber seine grundlegende Chi-Wirkung hinaus einen direkten und positiven Einfluss auf die Leber. Beng Chuan wird durch das Holzelement reprsentiert und konzentriert sich darauf, die Fuste aus dem Krper herauswachsen" zu lassen. Es wird oft mit der Kraft einer Pflanze verglichen, die mit einer bestndigen und unerbittlichen Kraft selbst durch Beton hindurch zum Licht hin wchst und sich ausbreitet. 296
  • 297. Beng Chuan ist nicht dasselbe wie ein normaler gerader Hieb, dessen Wirksamkeit weitgehend von der Wucht abhngt, die dahinter liegt. Die Kraft des Beng Chuan kommt vielmehr mit groer Wahrscheinlichkeit aus naher Distanz zum Einsatz, etwa dann, wenn Ihr Arm einen Gegner in der Vorwrtsbewegung eines Angriffs aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Beng Chuan wird oft auch benutzt, um den Angriff von Gegnern abzufan- gen und ihre Kraft zu stehlen", wonach man dann mit einem von beiden Armen angreifen kann. Beng Chuan wird gewhnlich mit einer Vierteldre- hung der Faust ausgefhrt. Es wird sowohl dann angewendet, wenn man von oberhalb des Arms eines Gegners herabdrckt, als auch wenn man von unterhalb seines Arms nach oben drckt. Das Zurckziehen des Arms in Beng Chuan wird benutzt, um die innere Kraft nach unten zu drcken, um den Arm und den Krper des Gegners stillstehen zu lassen (das heit, ihn nicht weglaufen zu lassen), whrend der andere Arm zuschlgt. Beng Chuan benutzt auch eine elliptisch rudernde Aktion, um an den Armen eines Gegners hinaufzuklettern, sowie kleine zirkulre Abwehrbewegun- gen, um sich den Gegner fr einen Gegenangriff zurechtzulegen. Das Beng Chuan ist dafr bekannt, dass man bei rcklastigen Standposituren kraftvolle Hiebe mit dem zum vorderen Bein gehrenden Arm ausfhrt. Beng Chuan neutralisiert oft den Angriff des Gegners mit der ersten Hlfte des ausgesandten Hiebes und trifft dann mit der abschlieenden zweiten Hlfte der Streckung des Arms. Die ersten drei Techniken der Fnf Elemente - Pi Chuan, Tsuan Chuan und Beng Chuan - werden gewhnlich zuerst nur beim Gehen in einer geraden Linie gebt. Man geht davon aus, dass sie fr die meisten Men- schen ausreichen, um die grundlegende innere Substanz des Hsing-I zu begreifen. Wenn man diese drei Techniken gemeistert hat, dann ist es auch in Hinsicht auf die zum ben aufgewandte Zeit von Vorteil, wenn man nun mit den nchsten beiden Techniken arbeitet, um so das ganze System ausgewogen zu beherrschen. Die nchsten beiden Methoden, das Pao Chuan und das Heng Chuan, beginnen normalerweise unter Verwen- dung des Sieben-Sterne-Schrittmusters des Hsing-I. Bei diesen Schritten bewegt sich der Krper in einem Zickzackmuster miteinander verbundener 45-Grad-Winkel. (Dieser 45-Grad-Winkel bei den Schritten wird auch im Aikido und im Ninjutsu hufig verwendet.) Dieser diagonale Schritt wird angewendet, um eine wahrgenommene berlegene Kraft eines linearen Angriffs zu umgehen oder auch um den Krper eines Angreifers zwischen
  • 298. sich und andere Angreifer zu bringen, wenn man von mehreren Gegnern gleichzeitig angegriffen wird. Hmmernde Faust (Pao Chuan) Beim Pao Chuan geht es um diagonale krperliche Bewegung, und es benutzt die inneren Energien von Abwehren, Zurckrollen, Vorwrtsdrngen, Abwrtsdrcken und Abwrtsziehen (siehe Seite 227). Das Pao Chuan konzentriert sich auf die diagonale Bewegung von Kraft in alle Richtungen und auf sich explosiv vorwrts bewegen- de Kraft. Der innere Druck, den diese Bewegung im Krper auslst, hat ber seine grundlegende Chi-Wirkung hinaus einen direkten und posi- tiven Einfluss auf das Herz und den Herzbeutel. Pao Chuan wird durch das Feuerelement reprsentiert und konzentriert sich auf explosive und schnell oszillierende Freisetzung von Kraft. Im Pao Chuan verteidigt eine Hand anfnglich und verschiebt das Gleichgewichtszentrum des Gegners. Sobald die zuschlagende Hand Ihres Gegners durch das Pao Chuan oder die Hmmernde Faust Ihrer oberen Hand neutralisiert wurde, greift Ihre andere Hand in einem vllig flieenden bergang an. Beim Pao Chuan ist die obere verteidigende Hand der wichtigste Teil der Technik, und es ist besonders schwierig, diesen Teil zu meistern. Oft werden die obere Hand, der Unterarm und der Ellbogen dazu benutzt, den Arm oder das Bein eines Gegners aus dem Weg zu rumen. Durch die dadurch erzeugte Lcke schlgt man den Gegner dann zum Abschluss der Bewegung mit der Hmmernden Faust. Wenn der obere Arm abwrts geht, wird eine Hammerfaust oder Rckwrtsfaust auch dazu benutzt, sich entweder zu verteidigen oder den Krper des Gegners mit einer dem Pi Chuan hnelnden Einwrtsbewegung zu treffen. Ein Teil der Intention des Pao Chuan besteht darin, fhig zu sein, mit der schlagenden Hand augenblicklich in schnellen Hieben, die wie ein Feuer die kleinen Lcher in der Abwehr Ihres Gegners finden, zu explodieren. Diese Hiebe, die ohne physische Anspannung ausgefhrt werden, benutzen oft die innere Technik der Seidenarme", bei der die Arme die Richtung so leicht ndern und sich so geschmeidig bewegen knnen wie ein im Wind flatterndes Seidenbanner. Beim Pao Chuan kann die untere Hand entweder vorwrts oder aufwrts schlagen. Der Hieb ist jedoch nicht derselbe wie beim Beng Chuan. Er fhlt sich vielmehr leichter an als Beng Chuan und benutzt eher eine vibrierende als eine sich ausdehnende Kraft, um zum Gegner durchzudringen und ihn zu Boden zu schlagen. 298
  • 299. Kreuzende Faust (Heng Chuan) Beim Heng Chuan konzentriert sich die krperliche Bewegung auf die Innenseite der sich horizontal bewegenden Faust. Was die Fnf Elemente angeht, ist es am schwierigsten, Heng Chuan gut auszufhren. Heng Chuan konzentriert sich auf sich horizontal bewe- gende Energie und fhrt die Energien und Anwendungen der ersten vier Elemente (Pi Tsuan, Beng und Pao) zu einer nahtlosen Technik zusammen. Der innere Druck, den Heng Chuan im Krper auslst, hat ber seine grundlegende Chi-Wirkung hinaus einen direkten und positiven Einfluss auf die Milz. Es wird durch das Erdelement reprsentiert und konzentriert sich darauf, die wechselseitigen Verbindungen zwischen der rechten und der linken Seite des Inneren der Bauchhhle zu straffen. Man sagt, dass viele Ausbende des Hsing-I zehn Jahre bruchten, um das Heng Chuan gnzlich zu begreifen. Wenn man nmlich die inne- re Mechanik der ersten vier Elemente zuvor nicht vollstndig begriffen hat, dann fehlen diesem fnften und letzten Hieb bei der Ausfhrung stets wichtige Eigenschaften. Die wechselseitige Beziehung zwischen den Hnden des Heng Chuan ist stark zirkulr, whrend sie sich in entgegen- gesetzte Richtungen horizontal ber den Krper hinweg bewegen. Wenn man einen erfahrenen Ausbenden beobachtet, ist dies jedoch nur schwer wahrnehmbar. Der grundlegende Hieb kombiniert die sich ausdehnende Aktion eines geraden, dem Beng Chuan hnelnden Hiebes mit den dre- henden Seitwrtsbewegungen des Tsuan Chuan und mit einwrts und auswrts gerichteten Kreuzblockaden. Die beiden Hnde machen dabei Kreise in entgegengesetzter Richtung. Wenn Heng Chuan unvollstndig ist, dann hnelt seine Formbewegung oft der Karate-Blockade mit der Daumenseite des Unterarms. In der Anwendung wird Heng Chuan benutzt, um den Krper von Gegnern zu umgehen und sie von der Gegenseite zu treffen. So beginnt zum Beispiel, ohne dass die Fe sich bewegen, Ihre Hand vor der rechten Hfte des Angreifers, schlgt ihn jedoch auf seine linke Niere, whrend Sie sich in der Taille drehen. Aus der Sicht eines fortgeschrittenen Prak- tizierenden des Hsing-I ist die blockierende und ziehende Hand des Heng Chuan schwieriger zu meistern als die angreifende Hand, weil sie letztlich viele innere Verbindungen aufschliet, die es mglich machen, dass die Tierformen ihre volle Anpassungsfhigkeit erreichen knnen. Allein daran, wie ein Ausbender das Heng Chuan ausfhrt, kann ein Meister des Hsing- I oft schon sehen, wie weit der in das System des Hsing-I eingedrungen ist. Auch wenn Heng Chuan, was die Erzeugung voller Kraft angeht, die 299
  • 300. am schwierigsten zu beherrschende Technik der Fnf Elemente ist, macht sie es doch mglich, alle anderen Hsing-I-Techniken zu verbessern, wenn man sie erst einmal gemeistert hat. San Ti Im Zentrum der Kampfpraxis des Hsing-I und seiner Fnf Elemente steht San Ti, die Dreifltige Positur". Man fhrt San Ti aus, indem man mit erhobenen Armen eine statische Standpositur beibehlt. In den klassischen Schulen des Hsing-I wird die Positur in Pi Chuan beibehalten, dem ersten der Fnf Elemente. Unter allen Schulen des Hsing-I legt das I Chuan den grten Wert auf San Ti. Es gibt eine verbreitete Geschichte ber die besten Adepten des Hsing-I, die besagt, dass sie alle drei bis fnf Jahre lang San Ti ben mussten, bevor ihnen irgendetwas anderes beigebracht wurde. Oft wird eine solche Anforderung fr eine nutzlose Art der Verschleierung gehalten. Dieser Prozess des Stehens stellt jedoch das fundamentalste Krafttraining im Hsing-I dar, und ohne das San Ti kann die bung der Fnf Elemente und der Tierformen leicht zu etwas werden, das nicht mehr ist als Bewegungen nach der Art des Shaolin mit nur sehr geringer innerer Kraft. Ohne die innere Kraft verliert das Hsing-I seinen legitimen Anspruch, im Rahmen der Kampfknste etwas Besonders darzustellen, denn seine Kampfanwendungen beruhen auf eben dieser Kraft. Ein gutes klassisches Hsing-I wendet gewhnlich die Methode an, zuerst ein gutes Ma an innerer Kraft zu entwickeln, bevor die Kampfanwendungen, mit denen diese Kraft umgesetzt wird, sehr sorgfltig erlernt werden, whrend man die innere Kraft gleichzeitig weiter aufbaut. Die meisten ueren Kampf- knste konzentrieren sich zuerst auf die Fhigkeit, sich gut zu bewegen, und entwickeln dann die Kraft. Im Gegensatz dazu konzentriert sich das Hsing-I darauf, zuerst die Kraft zu entwickeln und danach zu lernen, sich gut zu bewegen, wozu auch die Verfeinerung und Anwendung von Kampf- winkeln gehrt. Das Hsing-I hat eine geringere Zahl von Bewegungen als das Tai Chi oder das Ba Gua (und natrlich auch die meisten Systeme des Shaolin), aber es legt Wert darauf, dass jede Technik aus seinem begrenzten Repertoire wirklich zhlt. 300
  • 301. Was das San Ti lehrt Von seinem Wert fr die Kampfkunst einmal abgesehen, lehrt das San Ti auch den Geist zu beruhigen und ihn von angesammeltem Stress zu befrei- en. Der Prozess, den das San Ti in Hinsicht auf das innere Gleichgewicht, die Gesundheit und die Heilung in Gang setzt, wird durch die bung der Fnf Elemente ausgeweitet und findet darin seine Erfllung. Die primre energetische Funktion des zum Metallelement gehrenden Pi Chuan ist zum Beispiel, Energie in die Lunge zu bewegen. So haben das Ausbreiten der offenen Handflche und das Ausstrecken der Finger im Pi Chuan den Effekt, die Lungen zu ffnen, so dass der Rest des Krpers viel Sauerstoff zugefhrt bekommt. Jede der Energien all Ihrer inneren Organe breitet sich ber die in der Akupunktur benutzten Meridianlinien bis in Ihre Finger und Zehen aus. Wenn Sie also Ihr Chi krftig in Ihre Fingerspitzen und Zehen lenken, dann werden damit gleichzeitig Ihre inneren Organe energetisch stimu- liert. Damit gewinnen Sie wiederum an Kraft. Wegen dieser Wirkung wird Pi Chuan die Mutter der Fnf Elemente" genannt. Es ist der Brunnen, zu dem die Praktizierenden des Hsing-I immer wieder zurckkehren, um ihre Kraft aufzufllen (wie es die Ausbenden des Ba Gua mit der Ersten Hand" tun). Man kann das Pi Chuan oder die Hackende Faust, das erste der Fnf Elemente, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. In seinem Bewe- gungsaspekt zum Beispiel stellt es eine vollstndige Kampftechnik dar. In seiner Abschlusspositur jedoch, die oft unbewegt fr lngere Zeit beibe- halten wird, wird es San Ti oder das Pi Chuan halten" genannt. In der I-Chuan-Schule ist das San Ti jedoch nicht eine Positur, die beibehalten wird, sondern hat acht verschiedene stehende Posituren, die den Kern des I-Chuan-Systems bilden. Beim San Ti geht es um das Kultivieren von fnf wesentlichen Prozessen: 1. Atmung; 2. Beine und Taille; 3. Arme und die Vereinigung der Prozesse im eigenen Inneren, und zwar sowohl 4. uerlich, als auch 5. Innerlich. Atem Wie beim Hsing-I im Allgemeinen, werden auch beim San Ti die unterschiedlichsten Atemtechniken verwendet. Die Arbeit mit dem Atem beginnt mit dem regulren daoistischen Atemtraining, welches das Atmen aus dem Unterbauch, den Seiten, Nieren, dem Rcken und der Wirbelsule betont. Beim regulren daoistischen Atmen dehnt sich der Bauch beim
  • 302. Einatmen aus und zieht sich beim Ausatmen zusammen. Spter wird die regulre Atemarbeit durch die Anwendung der geistigen Intention ausge- weitet, wodurch die Atemenergie in fortschreitend kraftvollen Sequenzen in bestimmte Krperregionen hineingelenkt und wieder herausgezogen wird. Jede Ebene der Atemarbeit muss erst einmal stabilisiert werden, be- vor man zur nchsten bergehen kann. Geschieht das nicht, dann werden Sie nach einigen weiteren Schritten in der Progression der Atemarbeit finden, dass es Ihnen sehr schwer fllt zur nchsten Ebene der inneren Kraft fortzuschreiten, weil Ihr Fortschritt sehr stark durch Begrenzungen eingeschrnkt wird, die sich Ihren Energiekanlen durch die frhere un- vollstndige Praxis eingeprgt haben. Um von einer Form der Atemarbeit zur nchsten fortschreiten zu knnen, sollten Sie von einem erfahrenen Lehrer gefhrt werden, der selber den gesamten Prozess durchlaufen und dessen Resultate erfahren hat und der in der Lage ist, die Nuancen der Entwicklung der inneren Energie in Ihrem Krper zu erkennen. Zum nchsten Stadium gehrt das Erlernen der verschiedenen Ebenen der Atemumkehrung und der Wirbelsulenatmung, wozu auch die Ko- ordinierung des Atems mit Bewegungen innerhalb der Gelenke und der Wirbelsule gehrt sowie mit der Bewegung der inneren Organe in die verschiedensten Richtungen. Zum letzten Stadium der Atempraxis ge- hrt das Gefhl, alle Empfindung eines krperlichen Atmens zu verlieren, obwohl die Atemprozesse sehr stark sind. Sie sind dann nicht mehr des Einstrmens von Luft in Ihr System und des Ausstrmens von Luft gewahr, sondern Ihr Gewahrsein verschiebt sich ganz und gar hin zu der Bewegung von Chi, zuerst innerhalb Ihres Krpers und dann auerhalb ihres Krpers, whrend die Empfindung eines physischen Atems wegfllt. Beine und Taille Das San Ti entwickelt Ihre Fhigkeit, ihre Energie zu verwurzeln und Gleichgewicht in Ihren Beinen zu erzeugen und/oder zu verstrken. Whrend Sie lernen, das Chi in ihr Unteres Dantien abzusenken, wird sich Ihr Krper (unabhngig von Ihrer Statur und Ihrem Krperge- wicht) fr jemanden, der Sie berhrt, immer schwerer anfhlen. Wenn Sie das Absenken des Chi und all die anderen Techniken der Erdung erst einmal beherrschen, wird Ihr Krper allmhlich auerordentlich stabil, ob er nun von vorn, von der Seite oder von hinten getroffen wird. Gegen- ber einem Frontalangriff stark und stabil zu werden, ist gewhnlich der erste Schritt. Dann kommt die Strke in die Seiten und schlielich - was am schwierigsten zu verwirklichen ist - in den Rcken. Ein Teil dessen, 302
  • 303. was Sie dabei lernen, ist die zustzliche Fhigkeit, die Kraft eines Sie treffenden Hiebes oder einer Berhrung in den Boden abzuleiten. Beim Krperkontakt wird ein Teil der Kraft oder die gesamte Kraft des Hiebes statt Sie zu verletzen ber den Krper verteilt und durch ihn hindurch in den Boden abgeleitet. Wenn die Flexibilitt Ihrer Beine und Hften zunimmt, ist es Ihnen mg- lich Ihre Standpositur mhelos zu erhhen oder abzusenken. Als nchstes werden dann die inneren Methoden zur Entwicklung von Kraft in den Beinen angewendet. Danach erlernen Sie Techniken zur Vereinigung Ihrer Beine, Hfte und der Wirbelsule zu einem untrennbaren Ganzen, das in seiner einheitlichen Kraft keine energetischen Lcken und keine physischen Schwchen mehr aufweist. Schlielich werden Ihre Beine und Ihre Hfte darauf hin trainiert, sich horizontal wie ein gut geltes Rad verdrehen und rotieren zu knnen, wobei die Kraft der einen Komponente die der anderen verstrkt. Wenn alles vollstndig gut gelt" ist, dann knnen Sie sich extrem schnell in der Hfte nach rechts wie nach links drehen, ob Sie nun vorder- oder rcklastig sind. Arme Wenn Ihre Beine und Ihre Hfte erst einmal stabilisiert sind, so dass Sie eine feste Grundlage haben, auf der Sie stehen knnen, dann besteht die nchste Phase darin, Ihren Armen von den Schultern bis zu den Fingerspitzen sowohl angriffsorientierte als auch defensive Kraft ein- zuflen. Dabei werden anfnglich die Ellbogen, die Unterarme und die Hnde besonders beachtet. Um diese Art von Kraft zu trainieren, lernen Sie zuerst, Ihre Arme zu entspannen und all die weichen Gewebe in Ihrem Krper, von der Wirbelsule bis zu Ihren Armen, zu verlngern. In diesem Prozess ist das Beugen der Ellbogen mit entspannter Strke wesentlich fr den letztendlichen Erfolg. Als nchstes muss der Energiefluss aus der Wirbelsule in Ihre Fingerspitzen kontinuierlich und lckenlos werden. Dieser Fluss muss so stark werden, dass das Chi in Ihren Handflchen und Fingerspitzen voll und extrem greifbar wird, was auch eine starke Durchblutung mit sich bringt. Je strker die Durchblutung Ihrer Finger ist, desto weicher und voller sollten sich Ihre Hnde anfhlen. Im nchsten Stadium konzentrieren Sie sich darauf, vertikal abwrts gerichtete Kraft in Ihre Ellbogen zu bringen. Indem dieses Training fort- schreitet, werden Ihre Arme schwer, uerst lebendig und fhig, auf uere Reize zu reagieren. Hat die Strke der Ellbogen zugenommen und Ihre Arme 303
  • 304. sind schwer geworden, dann verschiebt sich die Aufmerksamkeit hin zur Entwicklung der Fhigkeit Ihrer Hnde, Energie zu absorbieren und zurck in Ihre Wirbelsule zu lenken. Im Verlauf dieses Prozesses konzentrieren Sie sich darauf, den klauenartigen Griff des Hsing-I zu perfektionieren. Ist all dies erst einmal erreicht, dann verschiebt sich Ihre Intention erneut, und zwar jetzt darauf, die Haut Ihrer Arme extrem sensibel fr subtilste Luftbewegungen zu machen. Diese Sensibilitt ist ein Vorlufer der Fhigkeit, whrend der Kampfanwendungen die Arme und den Kr- per Ihres Gegners zu spren. Schlielich lernen Sie, durch verschiedene Formen der Ausrichtung Ihres Geistes, Kraft mit Ihren Hnden Kraft zu absorbieren und zu projizieren, indem Sie verschiedene innere Techniken wie das ffnen und Schlieen und bestimmte Drehungen anwenden. Die uerlichen krperlichen Verbindungen vereinen Ein anderes we- sentliches Ziel des San Ti ist, Ihren physischen Krper zu einem einheit- lichen Ganzen zu verbinden. Eine solche Vereinigung macht es mglich, dass die Bewegung jedes kleinen Teils Ihrer Arme oder Beine voll und ganz vom gesamten Krper untersttzt wird, so dass die Kraft der kleinen Krperteile betrchtlich verstrkt wird. Zum Erreichen dieses Ziels werden verschiedene Methoden benutzt. Die erste davon beinhaltet, dass Sie all Ihre Ausrichtungen durch das Innere des Krpers hindurch miteinander ver- binden. Dazu gehrt die Fhigkeit, die verschiedenen weichen Gewebe, die Gelenke und die Knochen so aufeinander abzustimmen, dass sie wechsel- seitig miteinander verbunden werden und sich gegenseitig verstrken. Auf diese Weise erhhen Sie die Fhigkeit Ihres Krpers, Kraft zu absorbieren und zu projizieren. Diese Ausrichtungen werden brigens gleichermaen in den inneren Kampfknsten Tai Chi und Ba Gua benutzt. Das Hsing-I konzentriert sich besonders auf die sechs ueren Koor- dinationen oder Kombinationen des Krpers, die im Chinesischen Liu He genannt werden. Diese sechs sind Schulter und Hfte, Ellbogen und Knie sowie Hand und Fu. Die meisten Menschen, die ber das Hsing-I lesen oder es sogar praktizieren sind der Ansicht, diese sechs Kombinationen seien grobe anatomische Verbindungen. Tatschlich jedoch verbindet sich jeder kleine Abschnitt des Arms oder des Beins mit jedem anderen kleinen Abschnitt des korrespondierenden Beins oder Arms oder mit korrespon- dierenden Teilen des Rumpfes sowie korrespondierenden Teilen des Unter- arms/der Wade beziehungsweise des Oberarms/Oberschenkels des benden. Diese Krperteile mssen so fein aufeinander abgestimmt werden, dass 304
  • 305. dann, wenn sich eines davon um Bruchteile eines Zentimeters bewegt, der damit korrespondiere Krperteil sich um genau dieselbe proportionale Distanz bewegt. Jeder Druck, der auf irgendeine Stelle des Krpers ausgebt wird, wird dann augenblicklich von dem korrespondierenden Krperteil gekontert und verstrkt. ber die inneren Ausrichtungen und die sechs Kombinationen hin- aus hat das Hsing-1 auch noch verschiedene Hebungen, Senkungen und Krmmungen des Krpers mit dem Tai Chi und Ba Gua gemeinsam. Da die Bewegungen im Hsing-I jedoch relativ linear ausgerichtet sind, kommt diese Geradlinigkeit im Hsing-I strker zum Ausdruck als in den Kampf- knsten des Tai Chi und Ba Gua, die kreisfrmige oder spiralige Bewe- gungen strker betonen. Hebungen des Krpers beziehen sich auf folgende Bereiche: die Ober- seite der Hften, die Rckseite der Knie, das Zwerchfell, die Wirbelsule, die Oberseite der Unterarme, den Nacken und den Scheitel des Kopfes. Im Hsing-I wird der Nacken auf strker betonte Weise und mit offensichtli- cherer Kraft angehoben als im Tai Chi und Ba Gua. Dieses Anheben ist ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung der Kraft des Abwehrens (siehe Seite 210) im Hsing-I. Das Absenken des Krpers geht von den Schultern zu den Hften, den Ellbogen zu den Knien, den Handgelenken zu den Fugelenken, der Brust zum Unteren Dantien, den Rippen zu den Hften, dem Steibein zum Punkt Sprudelnde Quelle" im Fuballen und von dort in den Boden und von den Fen bis zum Ende des therischen Krpers unter den Fen. Diese Absenkungen sind integraler Bestandteil der Entwicklung der Energie des Abwrtsdrckens (siehe Seite 223) im Hsing-I. Zu den Krm- mungen des Krpers gehren: die Schultern vorwrts und rckwrts, die weichen Gewebe von der Wirbelsule bis zur vorderen Mittellinie des Krpers in beiden Richtungen, die Schultern zur Mittellinie des Krpers, die Rippen zum Brustbein, die Oberschenkel und Waden leicht nach innen, die Handflchen leicht nach vorn, gleichzeitig die Innenseite des Daumens und des kleinen Fingers aufeinander zu und die Auenseite der Ngel voneinander weg. Den Blick benutzen um die inneren Verbindungen zu vereinen Zum nchsten Stadium des San Ti gehrt die Vereinigung des Geistes mit dem Blick der Augen und dem Gewahrsein. Dabei geht es darum, dass Sie Ihre physische Kraft, Ihr Chi, Ihren Geist und Ihre Wahrnehmungen zu 305
  • 306. einer einheitlichen Ganzheit vereinen. Das wird trainiert, indem Sie Ihren Blick auf den Zeigefinger oder Mittelfinger Ihrer Fhrungshand fixieren. Sie knnen entweder in weite Ferne starren oder in mittlere Distanz bis zu einer Entfernung von zehn bis zwlf Meter. Whrend Sie so starren, atmen Sie ein. Beim Einatmen ziehen Sie Energie mit Ihrer Intention aus der Entfernung zu Ihrem Zeigefinger hin und dann durch den Zeigefinger zu ihrer Nase, in den Rachen und den Zentralkanal hinab (siehe Seite 527) in Ihr Unteres Dantien. Beim Ausatmen kehren Sie den Pfad Ihres Atems um. Die bung hat mehrere Wirkungen. Wenn Sie Ihren Blick in Koordination mit Ihrem Atem schulen, dann lernen Sie, die Lcken im Gewahrsein auszurumen, zu denen es oft kommt, wenn Sie einen Gegner ansehen oder ein Schlachtfeld, auf dem Sie kmp- fen, betrachten. Diese Lcken erzeugen die mentalen Zustnde, in denen Sie abgelenkt werden, zgern oder von Finten oder pltzlichen Bewegungen Ihres Gegners in die Irre gefhrt werden knnten. Durch diesen Prozess wird Ihr Blick mit Ihrem Atem verknpft. Dadurch erlangen Sie allmhlich die Fhigkeit, gleichzeitig das Chi Ihres Krpers und die Energie, die sich in Ihrem Unteren Dantien befindet, zu spren. Wenn die vier Qualitten von Atem, Chi, Fhlen und Sehen als einheitliches Ganzes fungieren, dann werden Ihr Gewahrsein und Ihre Kraft automatisch berall dorthin folgen, wohin Sie Ihren Blick richten. Die bung mit dem Blick ffnet auch Ihre periphere Wahrnehmung und verstrkt diese. Durch die Form der bung werden Sie schlielich in der Lage sein, mit vllig entspanntem und ausdruckslosem Gesicht geradeaus einen Gegner anzusehen, whrend sich Ihr Blickfeld vom Boden bis weit ber Ihre Kopfhhe und so weit nach beiden Seiten, wie physisch irgend mglich, erstreckt. Diese Ausdehnung der peripheren Wahrnehmung ist wesentlich fr den Kampf mit mehreren Gegner. Wre Ihr Blick durch Anspannung verengt, dann wrde das Ihr Vermgen einschrnken, sich augenblicklich auf neue taktische Umstnde einzustellen, die entweder in Ihrer Umgebung oder aus Aktionen Ihrer Gegner entstehen. Diese Technik des Blickens sensibilisiert den Geist und macht ihn le- bendig und ruhig, voller entspannter Konzentration, wie es auch von der Tradak genannten bung des Anstarrens einer brennenden Kerze im Yoga erreicht wird. Wird diese Technik hinreichend praktiziert, dann fhrt sie zu einer Erweiterung des Bewusstseins, so dass dieses sich direkt mit dem zentralen Nervensystem verbinden kann, was Ihnen erlaubt, das Chi Ihres Krpers mit grerer Klarheit zu fhlen. 306
  • 307. Meine Reise durch die Kampfknste Blicken Ich erlebte die Auswirkungen der Methode des Blickens zum ersten Mal im Jahre 1974, als ich in der Schule von Hung I Hsiang in Taipei trainierte. Zu jener Zeit fand der Unterricht auf dem Zementfuboden der Turnhalle einer Volksschule statt. Ich kam oft schon eine Stunde, bevor der Unterricht begann, um dort im Lichte einer einzelnen Glhbirne barfuss San Ti zu ben, bevor die anderen ankamen. Eines Tages, nachdem ich bereits lnger als eine halbe Stunde durch mei- nen Zeigefinger geatmet hatte, schien meine gesamte Aufmerksamkeit unwillkrlich zu dem Raum vor mir, in den ich hineingestarrt hatte, hin- gezogen zu werden. Der Raum begann sich zu verndern. Bald begann meine visuelle Sinneswahrnehmung des Raums zu verschwinden, und kurz darauf begannen auch mein Zeigefinger, meine Hand und schlie- lich mein ganzer Krper zu verschwinden, whrend mein Bewusstsein sich dramatisch ausweitete. Ich fhlte mich, als htte mein Geist keinerlei Grenzen mehr, nur ein kristallklares Gewahrsein. Alls nchstes begann das Innere meines Krpers sich anzufhlen, als sei es ohne jegliche Sub- stanz. Auch dies vernderte sich. Whrend ich mich jeder krperlichen Empfindung entleert fhlte, erfuhr ich das Innere meines Krpers gleich- zeitig als bloe lebendige Energie, die direkt mit meinen Hnden und der Ausdehnung meines Inneren verbunden war. Als nchstes wurde alles leer von jeglicher irgendwie gearteten Empfindung, wobei mein Geist sich vllig wohl fhlte und vllig einverstanden war mit dem Ort, an dem er sich befand: Ich versprte keinerlei Bedrfnisse mehr und nicht den ge- ringsten Wunsch, irgendwohin zu gehen. Pltzlich kehrte mein Geist zu seinem normalen Gewahrsein zurck. Nach dieser Erfahrung begann mein Krper immer mehr dessen gewahr zu wer- den, wie mhelos die Chi-Energie durch meinen Krper zirkulierte, wenn ich San Ti (oder irgendeine andere Hsing-I-Bewegung) bte. Einige Jahre spterer berichtete ich meinem Kundalini-Yoga-Lehrer in Indien von die- ser Erfahrung und fragte ihn, was da geschehen sei. Hatte diese Erfahrung irgendetwas mit Meditation zu tun? Er sah mich eine Weile an und erklr- te dann, dies sei eine Erfahrung der ersten Stufe von Samadhi gewesen, der transzendentalen Versenkung in das Absolute, wie es im Tantra und im Yoga beschrieben wird. 307
  • 308. Wenn die erste Phase der Arbeit mit dem San Ti abgeschlossen ist, kann der ernsthafte Schler beginnen, die Kampftechniken des Hsing-I Chuan zu erlernen. Doch ganz gleich wie lange jemand bereits Hsing-I praktiziert, er sollte die Praxis des San Ti niemals aufgeben. Die Tierformen Es gibt zwlf grundlegende Tierformen; allerdings mgen einige Schulen des Hsing-I einige Formen mehr oder weniger benutzen. Oft kommt es vor, dass dieselbe Tierform in verschiedenen Schulen verschiedene Namen hat.39 Die Tierformen werden alle aus den Fnf Elementen erzeugt; sie sind Ausdruck der ganzen Vielfalt an physischen Mglichkeiten, die in den Fnf Elementen enthalten sind. Zum Beispiel: 1. Das Schlagen oder Hacken mit einer Hand knnte in den Formen des Tigers und des mythischen Tai-Vogels zu einem doppelten Hieb oder einem doppelten Hieb mit der Handflche werden. 2. Schlge oder Handflchenhiebe, bei denen normalerweise beide Hnde vor dem Krper sind, knnten mit einer Hand auf der Seite des Krpers oder hinter dem Krper ausgefhrt werden, wie es bei der Schwalbe und dem Drachen der Fall ist. 3. Der Pao-Chuan-Hieb, der normalerweise vom hinteren Bein aus ausgefhrt wird, wird auf dem vorderen Bein ausgefhrt wie in einigen Pferd- und Spatz-Formen. 4. Die grundlegende hackende Aktion des Pi Chuan wird beim Drachen im Sprung ausgefhrt. Die Prinzipien der Fnf Elemente werden in unterschiedlichen Standposi- turen und mit unterschiedlicher Fuarbeit ausgefhrt. Zum Beispiel: 1. In hockender Standposituren in der Schlange. 2. Beim In-die-Luft-Springen und Herumwirbeln im Affen. 3. Mit vom Boden abgehobener hinterer Ferse im Adler. 4. Beim Zum-Boden-Sinken in der Schwalbe und im Drachen. 5. Whrend man auf einem Bein steht und das andere Bein hoch in die Luft erhoben hat, wie in einigen Formen der Schwalbe oder des Kranichs. 39 Zu den Tierformen im Hsing-I gehren Tiger, Pferd, Br, Affe, Schlange, Wasserlufer, Huhn, Auster, Falke, Spatz, Kranich, Adler, Drache, Tai-Vogel und Einhorn, doch dies sind nicht alle Formen. 308
  • 309. Die hier abgebildete Hsing-I-Drachen- form verwendet die grundlegende Fnf-Elemente-Technik deT Hacken- den Faust, die sowohl bei einem Sprung als auch in der Bodenhocke ausgefhrt wird. Der Drachen wird sehr oft in den Bodenkampftechniken des Hsing-1 verwendet. Beim Hsing-I-Training fr An- fnger lernen alle Schler zuerst einmal die Tierformen, um damit ihr Wissen um die Fnf Elemente zu vertiefen und auszubalancieren, um ihr Repertoire an Kampftech- niken zu erweitern und um die Fhigkeit zu erlangen, krperliche Bewegung aus der bloen mentalen Intention heraus zu erzeugen. Das mentale Training ist in den Tier- formen besonders wichtig, sowohl was die Entwicklung der Intention und grundstzlicher Kampfstrate- gien angeht als auch in Hinsicht auf einen Bewegungsstil, der den ganzen Krper einbezieht. Auch wenn die Schler zuerst alle Tierformen erlernen, finden die meisten von ihnen im nchsten Stadium, das es ihnen mehr bringt, wenn sie sich auf einige wenige dieser Formen konzentrieren, die ihrer Veranlagung, ihrem Krperbau oder ihrem natrlichen mentalen oder emotionalen Temperament entsprechen. Diese Formen werden dann so lange gebt, bis sie in das Nervensystem des benden eingeprgt sind. Mehr ber die Fnf Elemente und die Tierformen In der grundlegenden Hsing-I-Praxis werden alle Handtechniken der Fnf Elemente anfnglich auf einer Hhe ausgefhrt, gewhnlich auf der Hhe des Kopfes oder mitt- lerer Rumpfhhe. Spter jedoch werden alle diese Handtechniken sowohl in den Formbewegungen als auch in den Kampfanwendungen auch in der oberen, mittleren unteren Hhe des eigenen Krpers und des Krpers des Gegners ausgefhrt. Alle Bewegungen des Hsing-I, sowohl in den Fnf Elementen als auch in den Tierformen, haben gewisse Eigenschaften gemeinsam. Alle Techniken sind zur Mittellinie des Krpers orientiert, sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung, und alle benutzen sowohl regelm- 309
  • 310. ige als auch gebrochene Rhythmen. In den Methoden mit regelmigem Rhythmus werden die Krper- und Handbewegungen in sich stndig be- schleunigenden trommelnden Kadenzen ausgefhrt, so dass der Gegner, der einfach nicht mehr mitzuhalten vermag, auf diese Weise berwltigt und besiegt wird. Gleichmige Rhythmen werden gewhnlich angewendet, wenn der Gegner sich zurckzieht. Methoden des gebrochenen Rhythmus werden im Gegensatz dazu im Hsing-I sehr viel hufiger angewendet. Beim gebrochenen Rhythmus wird dasselbe Muster nicht zweimal angewendet. So nehmen Sie dem Gegner die Mglichkeit, Ihre Bewegungen vorauszusehen und deshalb auf Basis der innerhalb des jeweiligen Rhythmus als nchstes zu erwartenden Bewegung eine entsprechende Verteidigung aufzubauen. Wenn Ihr Gegner nicht wei, was als Nchstes kommt, sei es nun im Angriff oder in der Verteidigung, dann gewinnen Sie damit einen strategischen Vorteil. Im Hsing-I (und nicht nur dort, sondern auch in allen anderen inneren Kampfknsten) gehrt es zum grundlegenden Mechanismus des Timings, dass der Ausbende sich auf den stillen" Raum zwischen den Taktschlgen der Bewegungen und in Die grundlegende Fnf- Elemente-Technik Heng Chuan oder Kreuzende Faust. 310
  • 311. der Intention des Gegners konzentriert. Es geht also nicht so sehr darum, sich auf den Rhythmus des Angriffs oder der Verteidigung des Gegners selbst zu konzentrieren. Diese wichtige Frage des Timings ist ein weiterer Grund dafr, dass die Stille des Geistes in den inneren Kampfknsten so hoch geschtzt wird. Diese Stille ist die notwendige Voraussetzung dafr, dass man sich heimlich und wirkungsvoll in diese Lcken zwischen den Taktschlgen einschlei- chen kann. Die Methode des gebrochenen Rhythmus im Hsing-I macht es ntig, dass der Geist und das zentrale Nervensystem eine Mikrosekunde zu warten vermgen, bevor sie aktiv werden, um den Rhythmus der je- weiligen Kampfhandlung zu unterbrechen. Der Ausbende einer inneren Kampfkunst wird es dem Gegner oft erlauben, zuerst anzugreifen, damit er den richtigen Kampfwinkel fr einen Gegenangriff einnehmen kann. Das verlangt eine groe Gelassenheit mitten im Kampf, eine Eigenschaft, die durch die bung des San Ti entwickelt wird. In den Formen und Kampfanwendungen des Hsing-I bleiben Ihre Hnde stets ganz lebendig, indem die mentale Intention und das Gewahrsein in beiden aufrechtet erhalten wird. Eine Hand macht keinerlei berflssige Bewegung, sei es um einfach die Biomechanik der anderen Hand zu kom- plettieren, sei es in einer automatischen Bewegung des Zurckweichens. Die Handtechniken verwenden selten peitschende Aktionen, bei denen die Hnde vorschnellen und dann in ihre ursprngliche Positur zurckschnel- len. Es ist vielmehr so, dass jede Handtechnik unerbittlich Zentimeter fr Zentimeter weiter vorangeht und in den Raum des Gegners eindringt. Im Hsing-I werden Techniken des Zurckziehens ganz spezifisch dazu benutzt, um einen nahenden Angriff zu neutralisieren, um einen Gegner heranzuziehen oder an seiner Haut zu reien. Jede Armpositur ist darauf abgestellt, an jedem Punkt innerhalb des Bewegungsablaufs stabil sein zu knnen, so dass es fr Ihren Gegner schwierig oder unmglich wird, Ihre Arme zu bewegen, wenn Sie sie nicht bewegen wollen. Diese Technik ist in der zu den Fnf Elementen gehrenden Hsing-I-Technik des Beng Chuan oder der Zerschmetternden Faust wohl bekannt. Dieser Punkt der Stabilitt erlaubt es Ihnen auch, Ihre jeweilige Stellung zu behaupten. Indem Ihre Arme im Raum fixiert bleiben, sind Sie in der Lage, die Arme des Gegners physisch in eine von Ihnen gewnschte Position zu bringen; Sie knnen die nahende Kraft eines Angriffs umlenken und Angreifer in ihrer Bewegung zum Erstarren bringen, bevor sie ihren Angriff zu starten vermgen. 311
  • 312. In allen Handtechniken der Hsing-I-Form geht die Hand physisch von einem Bereich in der Nhe des Unteren Dantien aus, wobei in jedem Mi- krozentimeter der Bewegung eine starke Drehung des Arms angewendet wird und die Drehung des gesamten Krpers im Moment des Einschlags besonders beschleunigt wird. Die Hand kehrt dann dorthin zurck, von wo sie ausgegangen war, nachdem die Fe sich ber eine Entfernung von einem halben Schritt bis hin zu mehreren Schritten bewegt haben. Alle Handtechniken sind darauf angelegt, volle Kraft zu bertragen, entweder aus dem totalen Stillstand oder aus einer Entfernung von weniger als zwei Zentimeter vom Krper des Gegners. In all den spezialisierten Handtech- niken sind die Ellbogen immer sehr wichtig, weil ihre Kraft dazu benutzt wird, in das Vermgen Ihres Gegners, Kraft zu erzeugen, einzudringen und es zu verringern (das nennt man in der Hsing-I-Terminologie die Kraft des Gegners abschneiden"). Die Kraft Ihres gesamten Krpers sammelt sich in Ihren Hnden; dieses Prinzip findet Ausdruck in dem bekannten Hsing-I- Spruch: Du trittst den Gegner mit deiner Hand." Bei einem fortgeschrit- tenen Ausbenden des Hsing-I weitet sich diese Fhigkeit dahingehend aus, dass er die vereinte Kraft seines ganzen Krpers in einem bestimmten Krperteil seiner Wahl zu sammeln vermag. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Das Affenboxen Ich wurde auf der High School zum ersten Mal von ei- nem lteren Jungen aus Hongkong in die Technik des Affen eingefhrt. Ich half ihm, seine Prfungen zu be- stehen, und er revanchierte sich damit, dass er mir an- bot, mich seine Kampfkunst zu lehren, und mir dann auf dem Rasen des Central Parks unter Anwendung des Affen und des Kantonesischen Weien Kranich beinahe die Seele aus dem Leib prgelte. Meine ersten Erfahrungen mit dem Affen ermglichten mir, eine neue Ebene des Abrollens, Fallens und der Bodentechniken im Judo, Jiu Jitsu, Aikido und der Techniken fr den Bodenkampf im Karate zu erreichen. Spter setzte ich mein Training des Affen zu verschiedenen Zeiten in Taiwan fort. Ich kann mich noch sehr lebhaft an die Affenboxer erinnern, die eines grauen Nachmittags auf dem Rasen eines Parks in Taiwan trainierten. Ein kleiner Mann mittleren Alters, der spter mein Lehrer werden sollte, 312
  • 313. sprang aus einer tiefen Hocke auf dem Boden hin und her, machte mit geffneten Hnden vor seinem Gesicht Gerusche wie ein Schimpanse, wobei er alle mglichen Grimassen schnitt und mit den Augen rollte. Sein Gegner stand da, starrte ihn konzentriert an und machte sich bereit, ihn gegen den Kopf zu treten. Als er gerade zum Tritt ansetzte, stellte der klei- ne Mann auf dem Boden Augenkontakt zu ihm her und lenkte ihn durch eine komische Grimasse ab. Whrend des Sekundenbruchteils der daraus resultierenden Lcke in der Aufmerksamkeit des Angreifers, sprang der kleine Mann auf ihn zu und machte einen Salto. Mit dem Kopf nach un- ten ergriff er die Oberschenkel des Angreifers und trat ihm gleichzeitig gegen den Kopf, was ihn vllig aus der Fassung brachte. Unmittelbar darauf benutzte der Affenboxer die Beine, mit denen er getreten hatte, um den Nacken seines Gegners zu wrgen. Indem er den Nacken seines Gegners fest umklammerte, beugte der Affenboxer dann mit einem hmi- schen Lcheln seine Knie, zog seinen Bauch ein und warf seinen Gegner, indem er dessen Kopf verbog. Beide Mnner landeten hart auf dem Bo- den, der Affenboxer ber seinem Gegner und mit den Hnden dazu bereit, entweder die Leisten oder die Beinsehnen seines Gegners herauszureien. Wie in allen anderen Shaolin-Kampfknsten gibt es auch beim Affen nrdliche und sdliche Schulen. Ich hatte hauptschlich mit dem nrdli- chen Stil zu tun, in dem es auch einige Chi-Gung-Techniken gibt. Einmal abgesehen davon, dass der Affe sehr wirkungsvoll ist, war es vom Stand- punkt der bloen Freude an der Bewegung ein groer Spa, diese Technik zu lernen und zu praktizieren. Der Affe ist eine ziemlich paradoxe Kampf- kunst: Einerseits hat er eine uerst spielerische Seite, andererseits erhebt er die Bsartigkeit zu einer geradezu teuflischen Kunstform. Zu den brutalsten Techniken des Affen gehren Hiebe in die Augen, zum Hals und in die Leiste, das Ausreien der Arterien oder Sehnen des Geg- ners mit den Zhnen oder Fingerngeln, spitze Hiebe und Risse mit den Fingerkncheln oder der Spitze des Ellbogens, Hiebe mit dem Handgelenk und Schlge auf die Gelenke, insbesondere beim Kampf am Boden. Was die spielerischere Seite angeht, bleiben die Praktizierenden des Affen stets in Bewegung. Um den Gegner zu tuschen, kugeln sie geschmeidig ber den Boden, springen und ndern blitzschnell die Hhe der Kampfebene, von der tiefen Hocke bis zum aufrechten Stand und zu Luftsprngen. Zur Methode des Affen gehrt, sich in einer Art Versteckspiel stndig auf den Gegner zu und wieder von ihm weg zu bewegen, was es schwierig macht, den Affenkmpfer zu fassen zu kriegen, der die ganze Zeit emotionale Tricks und ablenkende Grimassen benutzt. Zu den Techniken des Affen gehren sowohl die Techniken auf lngere Distanz des klobigen Gorillas, dessen Hnde bis unterhalb seiner Knie 313
  • 314. herabhngen, als auch die Nahkampftechniken der kleineren Affen. In dieser Kampfkunst werden Sprnge ebenso benutzt wie das ber-den-Bo- den-Kugeln, im Angriff, um aus der Distanz an den Gegner heranzukom- men, in der Verteidigung, um ihm zu entgehen. Hiebe und Tritte werden sowohl bei der Annherung an den Gegner als auch beim Rckzug ver- wendet. Affenboxer lieben es auch, buchstblich am Krper des Gegners hinaufzuklettern. Nachdem sie sich an Ihren Krper angeklammert haben, auf Ihren Schultern oder Ihrem oberen Rcken stehen, werden Affen- kmpfer Ihren Kopf kontrollieren, Sie zu Boden werfen und dann rasch den Angriff abschlieen. Meine Erfahrung mit dem Lernen der Technik des Affen war insofern be- sonders hilfreich, weil sie mich immer wieder daran erinnerte, nie etwas Bestimmtes zu erwarten; das unerwartete Moment ist ein wesentlicher Bestandteil der Affentechnik, der stets bestrebt ist, seinen Gegner zu tu- schen. Beim Erlernen des Affen wurde mir auch klar, wie effektiv man Bisse und krallende Griffe oder Kratzen mit spitzen Ngeln anwenden kann, besonders an verletzlichen Krperstellen. Als ich dann die inneren Kampfknste erlernte, achtete ich mehr darauf, wie ich mich defensiv auf bestimmte Gefahren einstellen konnte, von denen viele Kampfknstler nichts wissen, und war mir bewusst, dass ich in meiner Wachsamkeit nie nachlassen durfte. Der Affenstil zwang mich dazu, Gegenmanahmen gegen Angriffe mit Bissen und reienden Fingerngeln zu entwickeln. Auerdem motivierte er mich dazu, weiter das Push Hands des Tai Chi zu ben, und lie mich darber nachdenken, wie ich meine Bewegun- gen so anpassen knnte, dass ich mich gegen Verletzungen durch ble Tricks in Nahkampfsituationen schtzen konnte. Da mir bewusst wurde, wie geschmeidig Affenkmpfer sich aus allen Richtungen annhern und wieder entfernen knnen, musste ich meine ganze Sichtweise erweitern und konzentrierte ich mich im Training auf die absolute Notwendigkeit, jemandem blitzschnell zu folgen, whrend ich bestimmte Techniken aus dem Tai Chi oder Hsing-I anwendete. Mir wurde auch deutlich, wie leicht ein Affenkmpfer in die Hocke gehen oder sich rasch aufwrts und abwrts bewegen kann, so dass mir klar wurde, wie wichtig es ist, die vertikalen Aktionen im Ba Gua zu entwi- ckeln. Ich begann auch Tai-Chi-Techniken wie Schritt und Abwrtshieb zu schtzen, weil man einen Affenboxer mit dieser speziellen Tai-Chi- Technik zu Boden zwingen kann. Auerdem hilft sie einem, sich gegen andere hervorragende Bodenkmpfer und Ringer zu verteidigen, die ei- nen zu Boden ziehen und einem dort den Rest geben wollen. Auch das Ba Gua kennt Techniken, sich gegen die Bsartigkeit des Affen zu verteidigen. So knnen zum Beispiel die Fuarbeit des Ba Gua und 314
  • 315. sein Vermgen, die Richtung zu wechseln, die extremen Bewegungen und Tuschungsmanver der Affenboxers neutralisieren. Das Ba Qua vermag sich einfach noch schneller und in mehr Richtungen zu bewegen als der Affe. Nachdem ich den Affen praktiziert hatte, war mit klar, dass ich diese Techniken des Ba Gua brauchen wrde, und ich bte sie deshalb entsprechend eifrig. Das Training des Affenstils erinnerte mich daran, die Techniken der vertikalen Bewegungen im Ba Gua nicht zu vernachlssi- gen, und verbesserte meine Fhigkeit, schnell umzuschalten. Auf diese Weise wurde, wie ich glaube, meine Kompetenz im Ba Gua insgesamt verbessert. Das Affenboxen umfasst auch groartige Bodenkampftechniken, die gute Abwehrwaffen zum Kontern der Bodentechniken des Judo und des Rin- gens darstellen. Auerdem war das Affenboxen ein guter Hintergrund fr meine sptere Beschftigung mit den Acht trunkenen Unsterblichen (siehe Seite 351). Alle Handtechniken des Hsing-I werden mit verschiedenen Arten der Fu- arbeit, von der ganz schnellen bis zur ganz langsamen, ausgefhrt. Dazu gehren: 1. Wurmgehen Hier wird derselbe Fu immer in der vorwrts gerich- teten Position gehalten. Wenn man den vorderen Fu bewegt, dann bewegt sich auch der hintere Fu, um genau den Platz einzunehmen, an dem zuvor der andere Fu stand. Das Wurmgehen wird im Zu- sammenhang mit Schritten nach vorn, nach hinten, zur Seite und in der Diagonale angewendet. 2. Regulre Schritte Hierbei verndern der rechte Fu und der linke Fu ihre Position vorwrts oder rckwrts mit jedem Schritt. Diese Schritte knnen mit vorderlastigen oder rcklastigen Beinen aus- gefhrt werden. 3. Halbschritte Halbschritte sind eine Art von Wurmgang, und sie werden oft dazu benutzt, rasch zur Position eines Gegners voranzu- gehen. Es gibt viele Arten von Halbschritten. Bei kurzen Halbschrit- ten betrgt die zurckgelegte Distanz von nur wenigen Zentimetern bis zu nicht mehr als sechzig Zentimeter. Bei langen Halbschritten kann man mit einem einzigen Halbschritt bis zu zwei Meter oder mehr zurcklegen. Bei beiden Varianten ist stets ein Fu in Kontakt mit dem Boden. 315
  • 316. Springende Halbschritte Hierbei kann der Krper bis zu drei Meter mit einem einzigen Halbschritt zurcklegen. Dabei scheinen die Fe whrend des Sprungs ganz leicht gegeneinander zu treten, was den Krper sehr weit in den Raum vorantreibt. Fliegende Halbschritte Bei dieser Bewegung springt der Praktizie- rende in die Luft und kommt in einer greren Entfernung wieder herunter. Diese Technik wird benutzt, um einem Gegner zu folgen, der entweder in die Luft springt oder wegzulaufen versucht. Die Technik wird sehr hufig mit Beng Chuan, einer der Techniken der Fnf Elemente benutzt. (Im Allgemeinen benutzt das Hsing-I sehr viel hufiger Halbschritt-Techniken als den regulren Schritt, oder es vermischt beide Arten von Schritten bei der Anwendung einer einzelnen Technik miteinander.) Sieben-Sterne-Schritt Hier bewegen sich die Fe in einer Dia- gonalen von 45 Grad in Relation zum Gegner, entweder vorwrts oder rckwrts. Rckwrtsschritte Rckwrtsschritte werden so ausgefhrt, dass sie einen vorwrtsgerichteten Angriff mit voller Kraft einleiten, sobald der zurckgehende Fu den Boden berhrt. Seitwrtsschritte in einem Winkel von 90 Grad Direkte Schritte zur Seite knnen ausgefhrt werden, um sich entweder zur Innenseite oder zur Auenseite des Krpers eines Angreifers zu stellen. Man kann entweder aus dem Stand zur Seite gehen oder nachdem man zuerst leicht nach vorn oder nach hinten gegangen ist. 316
  • 317. Portrait eines Meisters der inneren Kampfkunst Hung I Hsiang - erstaunlich subtile Krperbewegungen Als ich bei dem inzwischen verstorbenen Hung I Hsiang trainierte, war der in seinen Fnfzigern. Er sprach mit heiserer Stimme, die oft etwas Derbes zu haben schien, aber in Wirklichkeit war Hung intelligent, feinfhlig, gut erzogen und vermochte sich sehr gut auszudrcken. Wenn man ihn dabei beobachtete, wie er das Ba Gua ausfhrte, sah man eine unglaubliche Przision in seinen kleinen Bewegungen. Hung hatte bereits eine Menge Kmpfe hinter sich. In Taiwan konnte man leicht in einen Kampf geraten, wenn man den Kampf suchte. Anfang und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts kmpften Mnner auf der ganzen Welt aus der bloen Freu- de am Kampf miteinander. Solche Kmpfe fanden oft an gesellschaftlich dafr bestimmten Orten statt, zum Beispiel in Kneipen. In Taipei fanden die Kmpfe gewhnlich in der Nhe des Freudenviertels statt. Hufig war es so, dass die Leute in einem Unterwelt-Milieu miteinander tranken, und meist blieb nach solchen Kmpfen keinerlei Groll bei den Kmpfern zu- rck. So wurden manche Kmpfer berchtigt und Gerchte ber ihre F- higkeiten machten die Runde: Soundso benutzt diese oder jene Technik." Es war auch blich, dass Kriminelle, Soldaten und brave Brger sich zum Spa rauften, wobei die Zuschauer auf den Ausgang des Kampfes wette- ten, wie es auch heute noch in manchen Kneipen in der westlichen Welt blich ist. Hung war weithin bekannt und wurde aufgrund seiner Reputa- tion oft herausgefordert. Wer Hung herausforderte, der musste dann auch die Konsequenzen tragen. Hung war ein grimmiger Kmpfer, dessen Kn- nen und dessen Hrte viele Herausforderer ihre Dummheit bereuen lie. Hung war krperlich sehr locker und flexibel, und er vermochte sehr gut winzige Kampfkunst-Bewegungen sowie die technischen Fertigkeiten des Kmpfens zu lehren. Hungs Rou Shou (siehe Seite 360) war phantastisch. Er besa eine unglaubliche Beweglichkeit. Ich hatte nie zuvor einen Men- schen seiner Gre gesehen, der seinen Krper so in alle Richtungen ver- biegen und sich bewegen konnte, als htte er keine Knochen. Hung hatte den Drachenkrper40 so weit entwickelt, wie das nur mglich ist. Man ' Beim Drachenkrper knnen sich der obere, mittlere und untere Teil des Rumpfes in verschiedene Richtungen bewegen, whrend diese Teile gleichzeitig innerlich total miteinander verbunden bleiben. 317
  • 318. musste gesehen haben, wie er seinen Krper zu biegen, zu verdrehen und zu krmmen vermochte, um es glauben zu knnen. Und dazu waren seine Hnde unglaublich sensibel. Er konnte die winzigsten Verschiebungen in der Energie eines Gegners fhlen und augenblicklich einen Gegenangriff starten. Es war so, als htten seine Hnde Augen. Hungs Spezialitt war der Gebrauch von sehr kleinen Kampfwinkeln, die auf dem Dreieck, dem Viereck und dem Achteck basierten. Zwar benutzen die meisten fortgeschrittenen Kampfknstler diese Winkel, aber sie brau- chen gewhnlich ein Dutzend oder mehrere Dutzend Zentimeter Raum, um sie anwenden zu knnen. Hung jedoch vermochte diese Winkel auch dann anzuwenden, wenn er nur einen Zentimeter oder weniger Raum hatte. Er liebte es, den Gebrauch von kleinen Kreisen oder Angriffswin- keln zu analysieren. Er war ein wirklich kreativer Kampfknstler, der das Wissen, das er erlangt hatte, weiter auslotete und erweiterte. Nach drei oder vier Stunden Unterricht pflegte Hung noch mit den eif- rigsten seiner Schler an Tischen, die auf dem Brgersteig in der Nhe unserer bungshalle im Freien aufgestellt waren, Tee zu trinken, Wasser- melonensamen zu kauen und ber Ba Gua und Kampfwinkel zu sprechen. Hungs tiefes Verstndnis und sein Gebrauch von kleinen Kreisen und Kampfwinkeln machte jedes Sparring mit ihm faszinierend, verwirrend, erschreckend und zugleich zu einer reinen Freude. Hung war ein ausgezeichneter Lehrer technischer Kampfanwendungen. Er pflegte zu mir zu sagen: Ich kann dich nicht lehren, das Chi zu entwi- ckeln, aber ich kann dir zeigen, wie du es anzuwenden vermagst." Hung betonte immer, dass es wichtig sei, die unterschiedlichen Eigenschaften der Kampfknste zu unterscheiden. Es komme nur allzu hufig vor, dass Menschen, die verschiedene Kampfknste trainierten, sie alle mit dersel- ben Qualitt der inneren Bewegung und des Chi ausfhrten. Hung wies immer wieder darauf hin, dass Hsing-I, Ba Gua und Tai Chi sich stark voneinander unterscheiden. Als ich 1974 und 1975 die ersten Male bei Hung trainierte, begriff ich diesen Gedanken der Verschiedenheit der inneren Kampfknste nicht wirklich, denn all dieser innere Kram" war fr mich damals einfach nur anders" als Karate und Shaolin. In jenem Stadium meiner Beschftigung mit dem Hsing-I und dem Ba Gua bedeutete das Wort innere" einfach weich", und Hungs Kraft war hr- ter und strker als alles, was ich im Karate und Shaolin erlebt hatte. Er selbst war weich, aber nicht so weich wie die Tai-Chi-Meister, die ich getroffen und bei denen ich trainiert hatte. Und doch war Hung auf eine fr mich rtselhafte Weise genauso sensibel und fhig, augenblicklich zu reagieren, wie die besten Tai-Chi-Lehrer, bei denen ich trainiert hatte, einschlielich Yang Shou Jung (der lteste Sohn von Yang Cheng Fu). Das 318
  • 319. Hsing-I und das Ba Gua von Hung waren deutlich besser als sein Tai Chi. Der Stil des Tai Chi, den sowohl Wang Shu Jin als auch Hung I Hsiang praktizierten, war eine Art Kombinationsstil aus Tai Chi, Hsing-I und Ba Gua, den Chen Pan Ling entwickelt hatte. In diesem Stil waren auch die wesentlichen Elemente des Tai Chi Chuan der Stile Yang, Wu und Chen inkorporiert.41 Die Sache wurde dadurch noch weiter kompliziert, dass das Hsing-I, das Hung lehrte, ein Hebei-Kombinationsstil war, der mit Hsing-I-Bewegun- gen arbeitete, aber die Krperbewegungen und die spiraligen Handtech- niken des Drachen aus dem Ba Gua benutzte. Die innere Qualitt des Ba Gua von Hung unterschied sich nur geringfgig von der seines Hsing-I, auch wenn sie etwas strker Wellendes hatte. All dies ergab sich aus der Tastsache, dass sein Hsing-I und sein Ba Gua miteinander verschmolzen waren. Es war also uerst schwierig, die Natur der inneren Bewegungen in beiden Formen voneinander zu unterscheiden. Noch schwieriger war es, die jeweiligen Arten des Chi klar zu unterscheiden. All dies war sehr verwirrend, da Hung mir und all seinen chinesischen Schlern gegenber stndig betonte, wir mssten das Shaolin und die drei Hauptformen der inneren Kampfknste klar voneinander unterscheiden. Man solle sie klar und von einander getrennt ausfhren, so dass die deutlich unterschied- liche Qualitt jeder einzelnen Kampfkunst sichtbar wrde. Ich lernte erst bei Bai Hua und spter bei Liu Hung Chieh die Fhigkeit, die drei ver- schiedenen Arten des Chi klar von einander zu unterscheiden. Hung hatte uns zwar immer und immer wieder darauf hingewiesen, aber in jenen frhen Tagen lag dieses Vermgen noch auerhalb meiner Reichweite. In den 1970er Jahren hatte Hung I Hsiang etwa ein Dutzend auerge- whnlich begabte Schler. Etliche seiner Schler dominierten die Voll- kontakt-Wettkmpfe in Taiwan. Einer von ihnen, er hie Weng Hsien Ming, gewann bereits als Teenager dreimal hintereinander die Vollkon- takt-Meisterschaft. Er ging dann zur Armee und trainierte volle drei Jah- re lang nicht mehr. Nach seiner Rckkehr in das Leben des Zivilisten brauchte er nur wenige Wochen zu trainieren um dann gleich wieder den 41 Anmerkung des Herausgebers: Der Autor hat auch die Tai-Chi-Chuan-Form von Chen Pan Ling praktiziert und erforscht, in der es neun klar unterscheidbare Ebenen des Knnens gibt. Er begann seine Forschungen im Jahre 1968 in Tokio bei Wang Shu Jins Schler Chang 1 Chung und setzte sie 1987 bei Wang, Hung 1 Hsiang und Huang Hsi I sowie mit anderen Schlern von Chen Pan Ling in Taichung und Taiwan sowie mit Lehrern in Festland-China fort. Um diese Forschung abzuschlieen und die Wurzeln dieses Stil zu verstehen, musste der Autor die folgenden Tai-Chi-Formen tiefergehend erforschen: die des Chen-Dorfes, was er bei Feng Zhi Qiang in Beijing tat, sowie das Wu-Stil Tai Chi bei Liu Hung Chieh und das Yang-Stil Tai Chi bei T. T. Liang, Yang Shou Jung Bai Hua und Lin Du Ying. 319
  • 320. zweiten Platz zu belegen. Ein weiterer Schler Hungs namens Huang Hsi gewann bei seiner Teilnahme an den Vollkontakt-Wettkmpfen Taiwans gewhnlich durch Knockout. Huang wurde in der Folge zu einem der bes- ten Chi-Gung-Tui-Na-rzte in Taiwan. Sein jngster Schler war Lo Te Hsiu, der fr seinen Fersentritt zum Solarplexus bekannt wurde. Mit der Zeit studierte er Lo Hungs nachgeburtliches Ba-Gua-System und wurde sehr kompetent darin. Bei Hung I Hsiang lag die Betonung nicht so sehr auf der Maximierung der inneren Kraft und der Entwicklung des Chi. Er konzentrierte sich stattdessen auf die Feinheiten des effektiven Einsatzes der Kraft sowie darauf, wie man schnell und reibungslos von einer Technik zur nchs- ten bergehen kann. Er tat dies, indem er zeigte, wie man tief in allen Krperhhlungen winzige Kreise machen und wie man die inneren Aus- richtungen des Krpers mit groer Geschwindigkeit verndern kann. Er verwendete viel Zeit darauf zu zeigen, wie winzige Verschiebungen des Krpergewichts ungewhnliche Kraftvektoren erzeugen knnen. Er lie seine Schler auch seine Kraft spren, und zwar nicht nur was seine Hiebe anging, sondern auch indem er demonstrierte, wie Vernderungen in subtilen Krperbewegungen zu den erwnschen Ergebnissen bei An- wendungen zur Verteidigung und zum Angriff fhren knnen. Er lehrte seine Schler, wie man sich augenblicklich von schlechten inneren Aus- richtungen, die den Krper normalerweise erstarren lassen, zu befreien vermag, um wieder zum Angriff berzugehen - etwa so, wie man bei einem Auto mit Gangschaltung reibungslos die Gnge wechselt. Bei Hung ging es darum zu lernen, wie kleine Vernderungen der Krperbewegung oder des Chi-Flusses berlegene Kampftechniken hervorbringen und die gesamte athletische Leistungsfhigkeit erhhen knnen. 320
  • 321. 6 BaGua Erwgungen fr den Kampfund Kampfanwendungen Das Ba Gua als Kampfkunst Viele gelehrte Kampfknstler im Westen sind einigermaen ber die drei groen inneren Kampfknste Chinas informiert - das Tai Chi Chuan, das Hsing-I und das Ba Gua Chang. Von diesen dreien ist das Tai Chi Chuan in der westlichen Welt am bekanntesten, und das Ba Gua Chang ist wohl am wenigsten bekannt. Es gibt allerdings in den USA und in Europa ein wachsendes Bewusstsein dafr, dass das Ba Gua Chang eine lebhaftere Alternative zum Tai Chi Chuan darstellt. Das Ba Gua Chang, die Handflche der acht Trigramme", oft kurz Ba Gua genannt, ist eine einzigartige daoistische Kunst, die auf dem uralten chinesischen Klassiker 1 Ging, dem Buch der Wandlungen", basiert. Das flssige, zirkulre Ba Gua legt ebenso viel Wert auf Langlebigkeit, die Ent- wicklung innerer Energie, Heilen und Meditation wie das Tai Chi Chuan. Deshalb ist ein Wissen um das Ba Gua fr alle Schler des Tai Chi Chuan und alle, die sich fr praktische Wege zur Kultivierung und zum Gebrauch des persnlichen Chi interessieren, auerordentlich wertvoll. Das Ba Gua gilt allerdings in Hinsicht auf die Selbstverteidigung, besonders gegen mehrere Gegner, als wirksamer als das Tai Chi Chuan. Jede einigermaen vollstndige Erklrung der faszinierenden und komplexen Kunst des Ba Gua wrde viele umfangreiche Bnde fllen. Dieses Kapitel soll nur eine knappe Einfhrung in diese bemerkenswerte daoistische Chi-Praxis geben. Es versucht, nur kurze Einblicke in ihre Entwicklung und ihre wechselseitig miteinander verknpften Bestandteile zu vermitteln. (Eine kurze Geschichte des Ba Gua findet sich in Anhang B, ab Seite 511.) 321
  • 322. Eine Ba-Gua-Kampfanwendung. Liu Hung Chieh (rechts) verteidigt sich gegen einen hohen und niedrigen Angriff seines Schlers Bruce Frantzis. Nachdem er beide Hnde seines Gegners unter Kontrolle hat, ist Liu in der Lage, einen Handhieb anzubringen.
  • 323. Die sagenumwobenen Ursprnge des Ba Gua Der geheimnisvolle Tung Hai Chuan Die tatschlichen Ursprnge des Ba Gua liegen im Dunkeln, und es gibt in China alle mglichen populren Geschichten ber diese komplexe Kampf- kunst. Das Ba Gua soll mal hier, mal dort entstanden sein, aber keine dieser Darstellungen ist gengend belegt, um als historische Wahrheit gelten zu knnen. Liu Hung Chieh (1905- 1986), der Ba-Gua-Lehrer des Autors, schulte sich unter einem Mann namens Ma Shr Ching (auch be- kannt als Ma Gui), der mit einem gewissen Tung Hai Chuan (1798- 1879) zusammengelebt und sich unter ihm geschult hatte. Tung war die Person, die das Ba Gua aus der totalen Verborgenheit herausholte. Tung hat nie davon gesprochen, woher seine Kunst kam. Gegen Ende seines Lebens wohnte er in Mas Haus, aber in all den vielen Gesprchen, die die beiden Mnner miteinander gefhrt haben, ist es Ma niemals gelungen, Tung das Geheimnis des Ursprungs des Ba Gua zu entlocken. Andere ltere Adepten des Ba Gua, die weitere ehemalige Mitglieder der Ba-Gua-Schule kannten, haben besttigt, dass Tung in dieser Frage hartnckig geschwiegen hat. Angesichts der zirkulren Natur des Ba Gua ist es kein Wunder, dass Tung auch im Kreis gehende Antworten auf hartnckige Fragen nach dem Ursprung des Ba Gua gab, wie etwa in dem folgenden Dialog: Frage: Wo habt Ihr das gelernt? Antwort: Ich habe es in den Bergen gelernt. Frage: Von wem habt Ihr es gelernt? Antwort: Ich habe es von einem Daoisten gelernt. Frage: Wie war sein Name? Antwort: Er war ein sehr alter Mann. Frage: Wo kam er her? Antwort: Er lebte in den Bergen. Der Hintergrund von Tung Hai Chuan selbst ist fast ebenso geheimnisvoll wie der Ursprung des Ba Gua. Man wei, dass er in seiner Jungend viele Kampfknste studiert hat. Es gibt jedoch viele widersprchliche Geschich- 323
  • 324. ten ber die Zeit zwischen seiner Jugend und seiner Ankunft in Beijing. Einige Geschichten haben ihn als einen Straenruber beschrieben, andere als einen Mrder, Dieb, Eunuchen oder Zuhlter, whrend es wieder andere gibt, die ihn als eine positivere Gestalt beschreiben. Wie immer auch sein Charakter gewesen sein mag, er scheint vor seiner Ankunft in Beijing eine schwere Verletzung erlitten zu haben. Es heit, er habe einen Daoisten getroffen, der ihm half, seine Gesundheit wieder herzustellen und der ihn das Ba Gua lehrte. Letztlich ist jedoch alles, was man mit Sicherheit ber ihn zu wissen scheint, dass er eines Tages in Beijing auftauchte, fr seine Fertigkeiten im Kampf berhmt wurde und dass er sein Ba Gua an eine relativ kleine Anzahl von Schlern weitergab, von denen zweiundsiebzig offiziell auf seinem Grabstein genannt werden. Die einzigartigen Kampfkunsteigenschaften des Ba Gua Viele Legenden erzhlen von der Wirksamkeit des Ba Gua als Kampfkunst. Zu diesen Legenden gehren auch Darstellungen von Kampfkunstaben- teuern von Tung Hai Chuan und seinen Schlern. Auch wenn Tung die Ursprnge seines Ba Gua Chang bewusst im Dunkeln hielt, wurde die Kampfkunst doch wegen ihrer groen Wirksamkeit im Kampf schnell in ganz China berhmt. Ein Hinweis auf ihre Wirksamkeit ist die Tastsache, dass die Kaiserinwitwe Tzu Hsi, als sie nach dem Zusammenbruch des chinesischen Boxeraufstands im Jahre 1908 aus Beijing floh, sich nur von einem einzigen Leibwchter beschtzen lie - einem Meisterschler von Tung namens Yin Fu. Es gibt praktisch kein anderes System oder keinen anderen Stil der Kampfkunst, sei es nun der ueren oder der inneren Kampfkunst, der das gesamte Repertoire der Kampfkunsttechniken so wirksam zu einem einzigen Paket verschnrt hat, wie es das Ba Gua getan hat. Im Ba Gua kann man eine Person mit der offenen Hand, der Faust oder einem Sto treffen. Man kann mit der Hand, dem Kopf, der Schulter oder jedem an- deren Krperteil zustoen. Man kann einen Hieb gerade ausfhren, rund oder aus jedem erdenklichen Winkel. Man kann einen Gegner werfen, ohne seinen Krper festzuhalten, indem man ihn einfach nur durch eine geschickte Stellung der eigenen Fe zum Stolpern bringt oder indem 324
  • 325. man ihn durch Kontrolle seiner Arme und Hnde aus dem Gleichgewicht bringt. Man kann Fufeger und Beinscheren benutzen. Auerdem kann man einen Angreifer ber den Kopf heben und ihn auf den Rcken, auf das Gesicht oder den Kopf werfen. Es gibt auch Wrgegriffe, Hebel oder Chin-Na-Techniken sowie Greiftechniken, bei denen man sich in die Haut des Gegners krallt und versucht, sie ihm vom Leibe zu reien. Das Ba Gua kennt auch eine ganze Bandbreite von Tritten, hohe und niedrige, Knieste und Stampftechniken, und es arbeitet mit dem vollen Arsenal der traditionellen Waffen. Gegen acht Gegner gleichzeitig kmpfen Das Ba Gua war fr den Kampf mit bis zu acht Gegnern gleichzeitig an- gelegt. Dieses Konzept beruhte auf der Tatsache, dass nicht mehr als acht Personen eine einzelne Person angreifen knnen, ohne sich gegenseitig ins Gehege zu kommen (es sei denn, sie wren mit langen Speeren bewaffnet). Wenn er sich mit mehreren Gegnern konfrontiert sieht, dann fliet der Ba-Gua-Kmpfer durch die Gruppe der Angreifer, wobei er sich stndig windet, dreht und die Richtung wechselt. Dies verringert, vom Standpunkt der Verteidigung gesehen, die Notwendigkeit, Angriffe abzublocken, weil man als Ziel stndig in Bewegung ist und schon nicht mehr an dem ur- sprnglichen Platz anzutreffen ist, wenn ein Hieb eintrifft. Indem der Ba- Gua-Kmpfer nie lnger als den Bruchteil einer Sekunde an einem Punkt verweilt, versucht er einen Gegner auer Gefecht zu setzen oder zumindest zu umgehen und sich den nchsten Gegner vorzunehmen, bevor der erste Gegner sich neu positioniert hat. Dies wirksam zu tun, setzt voraus, dass man Tuschungen und Kampfwinkel verwendet, die in den meisten anderen Kampfknsten nicht verwendet werden. Als Ba-Gua-Kmpfer, der es mit mehreren Gegnern zu tun hat, konzen- trieren Sie sich nur momentan auf einen Gegner, und dann geht Ihre Auf- merksamkeit bereits zum nchsten weiter. Damit knnen Sie verhindern, von hinten getroffen zu werden, was leicht geschehen kann, wenn Sie sich lnger als einen Augenblick mit einem Mitglied der Gruppe beschftigen. Auch wenn Sie dabei gerade einen Gegner ansehen, sollte Ihr Gesichtskreis doch immer mehrere Gegner umfassen. Das Training fr den simultanen Kampf mit mehreren Gegnern beginnt mit nur einem Gegner. Macht man Fortschritte, dann werden schrittwei- se weitere Gegner hinzugefgt. Die Ausbenden des Ba Gua halten es 325
  • 326. fr unabdingbar, zur Entwicklung von Kampffertigkeit mit wirklichen menschlichen Wesen, deren Reaktionen whrend des Kampfes im Grunde unvorhersehbar sind, zu trainieren. Dennoch sind die Soloform und das Kreisgehen die Grundlage des Trainings und die Quelle ihres Energiekrpers und ihrer krperlichen Koordination. Auerdem helfen sie, ihren Geist zu befreien, so dass er sich spontan bewegen und auf Angriffe reagieren kann. Die Bewegungen, die in den Formen des Ba Gua praktiziert werden, sind genau dieselben, die man auch im Kampf anwendet. Viele Kampfknste kennen hunderte von Bewegungen, aber wenn es zum Kampf mit der leeren Hand kommt, dann wenden sie nur einige wenige dieser Bewegungen an. Der Rest dient nur zur Entwicklung der krperlichen Koordination. Im Ba Gua hat jede Bewegung praktische und benutzbare Kampfanwendungen. In den traditionellen Schulen des Ba Gua lernen die Schuler eine groe Bandbreite an Anwendungen, damit ihr Krper/Geist beweglicher wird und sie sich besser auf unerwartete Vernderungen im Kampf einzustel- len vermgen. Es geht dabei also nicht nur darum, sich ein Repertoire an spezifischen Techniken anzueignen, mit denen man auf spezifische Formen der Verteidigung oder des Angriffs reagieren kann. Vorgeburtliches und nachgeburtliches Chi Das Kultivieren der Energie und die Kampfanwendungen basieren im Ba Gua auf zwei unterschiedlichen bungsmethoden. Die erste Methode, die von Tung Hai Chuan gelehrt wurde, benutzt ausschlielich Techniken des Kreisgehens und wird als die vorgeburtliche Methode (oder auf Chinesisch Hsien Tien) bezeichnet. Die vorgeburtlichen Kreisgang-Methoden kn- nen - je nachdem, was fr einen Lehrer man hat - als eine energetische Bewegungskunst gelehrt werden, die allein auf Gesundheit und Meditation gerichtet ist, oder in Zusammenhang mit den Kampfanwendungen des Ba Gua. Die zweite Methode, die als nachgeburtliche Methode (oder auf Chi- nesisch Hou Tien) bezeichnet wird, betont die Kampfanwendungen des Ba Gua und nicht seine gesundheitlichen und meditativen Aspekte. Die nachgeburtliche Methode wird in geraden Linien ausgefhrt und nicht beim Kreisgehen. In diesen Methoden, die von Tungs Schlern kreiert wurden, wird jedes Trigramm des I Ging von acht Abteilungen offensicht- 326
  • 327. licher Kampfkunstbewegungen (mit Anwendungen) reprsentiert, die nach Kampftechniken wie Handflchen, Fuste, Tritte, Wrfe, Hebel und so weiter kategorisiert werden. Jede Bewegung beinhaltet sowohl spezifische Kampftechniken als auch allgemeine taktische Prinzipien, die kreativ an- zuwenden sind, wobei oft verschiedene krperliche Waffen (Handflchen, Tritte usw.) aus der Formbewegung angewendet werden. Das Ba Gua ist deshalb einzigartig, weil seine grundlegendsten Prakti- ken zur Kultivierung der Energie, die vom Nei Gung stammen, alle in sein vorgeburtliches Kreisgehen inkorporiert sind, welches in keiner anderen Kampfkunst Anwendung findet. Die Daoisten sagen, die Art und Weise, wie ein Menschenwesen im Mutterleib (dem vorgeburtlichen Zustand) seine Energie empfngt, sei verschieden von der Art und Weise, wie es nach seinem Eintritt in die Welt (im nachgeburtlichen Zustand) seine Energie aufnimmt. Nach der Geburt gewinnen Menschen ihre Energie durch Krperertchtigung, Atmen, Essen und Ruhen. Im Mutterleib je- doch sind es nach dem Verstndnis der Daoisten die kosmischen Krfte, die den Ftus etwa so aufladen, wie eine Batterie aufgeladen wird. Ein groer Teil der Ladung, die man vor der Geburt empfangen hat, wird im Verlauf des spteren Lebens aufgebraucht, und die Menge der Energie, die in der Batterie" gespeichert ist, ist ausschlaggebend fr die allgemeine Konstitution und die Lebensspanne eines Menschen. Die vorgeburtlichen Praktiken (einschlielich des Ba Gua) versuchen, wieder eine Verbindung zu den ursprnglichen kosmischen Krften herzustellen, um die Batterie" so aufzuladen, wie es im Mutterleib geschehen ist, was zu einer deutli- chen Verbesserung der grundlegenden Konstitution eines Menschen fhren kann. Die nachgeburtlichen Chi-Praktiken sind grundstzlich darauf be- schrnkt, das zu optimieren, was von dem ursprnglichen vorgeburtlichen Chi einer Person noch brig ist. Der einfache Akt des Kreisgehens erzeugt einen Wirbel, der es dem Prak- tizierenden erlaubt, die natrlichen Energien, die aus der Erde aufsteigen und von oben herabsteigen, zu verstrken, miteinander zu vermischen und zu kontrollieren. Die schraubenden Aktionen des Ba Gua erzeugen nach dem Willen des Ausbenden Spiralen aus diesen Energien. Diese spiraligen Energien vermgen den Krper des Praktizierenden auch unwillkrlich zu beeinflussen. In einem spteren Stadium der Praxis werden Sie fhig, ener- getische Wirbel zu erzeugen, die sich spiralfrmig gleichzeitig hinauf zum Himmel und hinab in die Erde schrauben. Diese Energieflsse werden auch dazu benutzt, extrem machtvolle Kampfanwendungen zu erzeugen. 327
  • 328. Die Philosophie des Kampfkunsttrainings in der vorgeburtlichen und der nachgeburtlichen Methode des Ba Gua In den traditionellen Schulen des Tai Chi und des Hsing-I lernen die neuen Schler - und da gibt es keine Abweichungen - zuerst die Aufwrmbun- gen des Chi Gung und/oder die Bewegungen der Form". Die von Tung Hai Chuan begrndete Tradition basierte jedoch nicht auf irgendeiner bestimm- ten Form. Den Schlern des Ba Gua wurde jener Aspekt der Kunst beige- bracht, der ihren persnlichen Bedrfnissen und individuellen Interessen am besten entsprach. bten sie das Ba Gua aus gesundheitlichen Grnden, dann brachte man ihnen die speziellen Methoden bei, mit denen sie ihren Krper auerordentlich stark und gesund machen konnten. Praktizierten sie Ba Gua um zu kmpfen oder zu meditieren, dann lehrte man sie vor allem die entsprechenden Methoden. Die Einstellung zur Kampfkunst ist in der Ba-Gua-Schule und in den daoistischen Kampfknsten im Allgemeinen, dass sie zuerst und vor allem gut fr den Krper und frderlich fr unser mentales und emotionales Wohlergehen sein muss. Er wenn Ihr Krper und Ihr Charakter stark genug geworden sind, knnen Sie wirklich lernen, wie man die Kunst fr den Kampf verwendet. Die Kampffertigkeiten blieben immer ein sekundres, wenn auch wichtiges Anliegen. Die Anhnger des Ba Gua sind der Ansicht, dass ein Kampfknstler ein Held und kein Feig- ling sein muss, und dass dieses Heldentum aus echter innerer Zentrierung, Selbstvertrauen und Knnen entspringen muss und nicht aus Wagemut, roher krperlicher Begabung, einem gewaltttigen Geist oder einer bloen Vorstellung von der Kunst. Das erste Ziel des Ba Gua ist, den Krper aufzuschlieen und dadurch Gesundheit und Kraft zu erzeugen. Whrend diese Aspekte weiterverfolgt werden, konzentriert man sich auf den mittleren und fortgeschrittenen Ebenen der bung entweder auf die kmpferischen, therapeutischen oder spirituellen Aspekte des Ba Gua. Tung lehrte verschiedene Schler auf verschiedene Art und Weise unterschiedliche Aspekte der Kunst. Da Tung zumeist in privatem Einzelunterricht oder in kleinen Gruppen von drei oder vier Schlern lehrte, konnte er seine Unterweisungen auf das Individuum abstimmen. Die meisten Schler lehrte er nur die Kampfanwendungen des Ba Gua und lie die Mglichkeit offen, sie spter vielleicht auch die spirituellen Aspekte zu lehren. Andere lehrte er die spirituellen Aspekte als einen Weg, zu jener Kraft Zugang zu finden, die fr die Kampfkunst ntig 328
  • 329. ist. Tung nahm Kampfknstler mit den unterschiedlichsten Hintergrnden als Schler an. Seine Unterweisung folgte dem Weg des geringsten Wi- derstandes fr den jeweiligen Schler, und zwar unter Bercksichtigung seines Hintergrundes und seiner frheren Erfahrungen. Das vorgeburtliche Training Das traditionelle Kreisgehen des Ba Gua arbeitet daran, das Innere des Krpers zu verndern, um Wirkung auf das uere zu erzielen (auf ihre ueren Bewegungen und Anwendungen). Die vorgeburtliche Kampf- kunstmethode mit ihrer geringen Zahl an ueren Bewegungen und ihrem groen Ma an innerem Gehalt knnte fr viele Menschen im Westen, die Ba Gua erlernen mchten, eine echte Herausforderung darstellen. Unsere computergesteuerte Kultur erzeugt ein unablssiges Streben nach mehr Information in immer weniger Zeit; echtes Wissen oder gar Weisheit stehen nicht so hoch im Kurs. Doch wo es darum geht, echten inneren Gewinn zu erzielen, ist Information ohne Weisheit wertlos. Angesichts unseres hektischen Alltags, der den Menschen gewhnlich sehr viel weniger Zeit brig lsst, als zu einem optimalen Training ntig wre, ist es fr jeman- den, der die unter seinen Bedingungen optimalen Resultate erzielen will, wahrscheinlich klger und befriedigender, wenn er eine geringere Zahl von Bewegungen, diese dafr aber mehr in die Tiefe gehend praktiziert. In der Geschichte des Ba Gua haben die meisten der besten Ba-Gua- Kmpfer nur eine kleine Zahl von Kampftechniken benutzt, die sie aller- dings mit so viel Kraft und Knnen einsetzten, dass nicht mehr ntig war. Im vorgeburtlichen Ba Gua lehrt man die Schler die inneren Komponenten zuerst durch die Erste Hand (Single Palm Change). Spter lernen sie, diese Komponenten auszuweiten, um andere krperliche Bewegungen zu lenken und zu energetisieren. Auf der anfnglichen Ebene des Trainings kommen die Hsing, das heit die Formen der Bewegung, aus dem Kreisgehen. Die Schler ben blicherweise mehrere Jahre lang das Kreisgehen. Dabei fgen sie schrittweise immer mehr Nei-Gung-Elemente hinzu, whrend sie die Energiekanle des Krpers mit spezifischen statischen Armhaltungen und mit der Ersten Hand ffnen. Wenn die einzelnen inneren Komponenten sich dann stabilisieren, bemerken die Schler, dass alle Anwendungen, die sie beherrschen, mit Kraft gefllt werden. Durch diesen Prozess wird der Krper sehr stark. Der Schler beginnt zu erkennen, wie sich die Energie in seinem Inneren mit der Energie in der 329
  • 330. Auenwelt verbindet, dass die Yin- und die Yang-Energien im Inneren der Sonne und dem Mond am Himmel entsprechen und das Mikrokosmos und Makrokosmos miteinander verknpft sind. Ist dieses Fundament einmal sorgfltig gelegt, dann kann der Schler als nchstes damit beginnen, die Bewegungen der Acht Mutterhnde (Ba Mu Chang) zu lernen, die dann, wenn sie unter Einsatz der acht Energien des I Ging ausgefhrt werden, die Acht inneren Hnde (Nei Ba Chang) genannt werden. Nachgeburtliches Training Die alternative Methode war das Erlernen des nachgeburtlichen Ba Gua. Diese Methode arbeitet von auen nach innen und verlangt, dass man eine enorme Zahl uerer Bewegungsformen erlernt, wobei jede einige spezifi- sche Kampfanwendungen besitzt. Wenn der Schler nach etlichen Jahren der bung die ueren Formen hineichend gut beherrschte, fhrte man ihn in die Entwicklung der inneren Kraft ein. Die linearen nachgeburtlichen Methoden des Ba Gua machen keinen Gebrauch von dem vorgeburtlichen Kreisgehen als die primre Solobung. Stattdessen fhren die benden Techniken aus und gehen dabei in gerader Linie oder in zickzackfrmigen Bewegungsmustern, auf eine Weise, die dem Sieben-Sterne-Bewegungs- muster des Hsing-I (siehe Seite 316) hnelt. Wenn diese nachgeburtlichen Bewegungsmuster erlernt wurden, werden die vorgeburtlichen Methoden des Kreisgehens in das System inkorporiert. Die nachgeburtliche Methode hatte im Allgemeinen keine Beziehung zu den meditativen Praktiken des Ba Gua. Yin Fu und seine Schler (siehe Seite 511 f.) benutzten zum ersten Mal eine nachgeburtliche Methode des Lehrens einer groen Zahl von Bewegungen, um Soldaten der Armee zu unterrichten. Fr Soldaten waren diese einfachen und sehr effektiven linearen Methoden leichter zu lernen als die komplexeren Methoden des Kreisgehens. Eine nachgeburtliche Methode wurde spter von den Sch- lern von Gao I Sheng aus Tianjin an Schler in Hongkong und Taiwan weitergegeben; Hung I Hsiang gehrter auch dazu. Cheng Ting Hua hatte auch eine Methode der 64 Hnde, die beim Kreisgehen ausgefhrt wurde. Diese Methode unterscheidet sich durch spezifische Kampfanwendungen und Wurftechniken. Ohne das primre vorgeburtliche Krafttraining, besteht immer die Ge- fahr, dass das Ba Gua auf eine Ebene absinkt, auf der der Ausbende uere Ba-Gua-Bewegungen (Hsing oder Form) einigermaen gut ausfhrt, denen 330
  • 331. es jedoch an gengend echter, flexibler und flssiger Kraft mangelt. Die vorgeburtliche Methode wurde benutzt, um die Schler in den meisten inneren Aspekten des Ba Gua zu schulen. Der Grnder des Ba Gua, Tung Hai Chuan, benutzte jedoch beide Methoden. Wenn die Schler einen Hintergrund in den ueren Kampfknsten besaen und eine groe Zahl von Bewegungen (Formen oder Hsing) kannten, dann lehrte er sie zuerst die ueren Formen. Mit der Zeit nahm Tung dann zustzlich zu den Fertigkeiten, die seine Schler bereits besaen, das innere Krafttraining hinzu, um die Bewegungen lebendig werden zu lassen. Besa ein anderer Schler bereits eine gute Grundlage in Entwicklung der inneren Kraft, dann lehrte Tung ihn gewhnlich zuerst die Methoden des Krafttrainings und erst spter die Kampftechniken.42 Doch ganz gleich, auf welche Weise das Ba Gua gelehrt wurde, das innere Krafttraining blieb immer das Wichtigste und die Anwendungen waren zweitrangig. Die zentrale vorgeburtliche Methode des Kreisgehens entwickelt die Bef- higung zur optimalen Kultivierung des Chi und zur Meditation. Dies ist der Aspekt des Ba Gua, der fr die Allgemeinheit aus gesundheitlichen Grnden am interessantesten ist. Fr den Kampfknstler stellt das Chi, das durch die vorgeburtliche Methode entwickelt wird, so viel Energie zur Verfgung, dass Techniken, die zuvor vielleicht leer und ohne Funktion waren, auf einmal mit Kraft gefllt sind. Auch wenn man die Anwendung irgendeiner Ba-Gua-Bewegung im Kampf oder fr die Heilung kennt, ntzt einem das ziemlich wenig, solange man nicht gengend Kraft besitzt, um sie bei Bedarf wirksam anzuwenden. Technik allein vermag keine spontanen und kraftvollen Anwendungen fr unbekannte Situationen hervorzubringen, die man nicht erwartet hat und sich vorher nicht vorstellen konnte. Das fortgeschrittenere Training der vorgeburtlichen Methode konzentriert sich darauf, Zugang zur Matrix des I Ging zu gewinnen, um spontan entstehen- des Chi manifestieren zu knnen. Dies befhigt den Praktizierenden, mit dem vllig Unvorhersehbaren umgehen zu knnen und langsam den Geist des Wei Wu Wei (Tuns ohne zu tun") zu kultivieren, der die Quintessenz aller daoistischen Praktiken fr Krper und Geist darstellt. 42 Anmerkung des Herausgebers: Der Autor wurde zuerst von Wang Shu Jin und spter von Liu Hung Chieh mit dieser Methode geschult. Was die frheren Lehrer des Autors (Hung I Hsiang, Huang Hsi I und Bai Hua) ihn bereits gelehrt hatten, stellte ber die nachgeburtlichen Kampf- und Heilungstechniken hinaus eine hinreichend gute Grundlage hinsichtlich der inneren Kraft dar. Lius primres Anliegen war es also, den Autor die energetischen vorgeburtlichen Praktiken zu lehren, aus deren Kraft die Anwendungen und Bewegungen ja anfangs entsprungen waren. 331
  • 332. Portrait eines Meisters der innere Kampfkunst Bai Hua - Klarheit und Przision Bai Hua, ein Schler von Liu Hung Chieh, erhielt seine hatte, ebenso wie Huang Hsi (siehe Seite 437), einen Ausbildung in Beijing. Ich traf Bai Hua in Hongkong und schtzte mich glcklich, dass er ein solch her- vorragendes Mandarin sprach, die Nationalsprache von China, und nicht das Kantonesische, das die Hauptsprache von Hongkong darstellt. Ich teilte eine Zeitlang eine Wohnung mit Bai Hua, und er sehr starken Einfluss auf mich, besonders was die Deh- nung der Krpergewebe und das ffnen und Schlieen der Gelenke und Krperhhlungen angeht. Bai Huas Lehrmethode bestand darin, sich auf die allerwesentlichsten Informationen zu beschrnken. Er betonte beson- ders die Erzeugung von Chi und der inneren Yang-Kraft. Als Teenager war er ein General der Roten Garden gewesen, und sein Ansatz fr die Kampfkunst bestand darin, Techniken zu kreieren, die nur einen oder hchstens zwei Treffer bentigten, um einen Gegner vllig auer Gefecht zu setzen. Bai Hua schulte sich nicht nur unter Liu Hung Chieh, sondern auch unter anderen Lehrern. Bai Hua begann im Alter von sechs Jahren Chi Gung zu lernen, um sich von einer schweren Hepatitis zu heilen. Man hatte ihn in ein Dorf auf dem Lande geschickt, das so arm war, dass es dort keine Kruter oder Akupunkturnadeln gab. Darum lehrte ihn der chinesische Arzt des Dorfes das Chi Gung als Mittel zum berleben. Von jener Zeit an bis zum Alter von dreizehn Jahren, als er Liu traf, hatte er Chi Gung, Nrdliches Shao- lin und das Boxen der Acht trunkenen Unsterblichen (eine innere/uere Form der Kampfkunst) gelernt. Bai Hua erzhle oft von den schweren Kmpfen zwischen linksgerichte- ten und rechtsgerichteten Fraktionen der Roten Garden in den Straen von Beijing. Dabei wurde er Zeuge, wie junge Ba-Gua-Kmpfer der Roten Garden ihre Rivalen hochhoben und sie tteten, indem sie sie auf den Kopf warfen. Mit der Zeit eskalierten diese Kmpfe weiter, und es wurden auch Schwerter und Speere benutzt. In diesen schweren Straenkmpfen lernte Bai Hua das Ba Gua als eine berlegene Kampfkunst zu schtzen, besonders was den Kampf mit mehreren Gegnern in einer Situation an- ging, in der es um Leben oder Tod ging. Bai Huas Klarheit in Hinsicht auf das innere Chi und seine Meisterung der Bewegung krperlichen Gewebes unter der Haut waren ebenso er- 332
  • 333. staunlich wie przise. Alles, was Bai Hua tat, war rein daoistisch; es gab bei ihm keine buddhistischen Anklnge. Er betonte die Feuermethode des Daoismus, (die Liu ihn lehrte, whrend er mich die Wassermethode lehrte), und er war sehr gut in der inneren Alchimie geschult. Sein Wissen um die Chi-Gung-Tradition vom Hua Shan und den alten Yang-Stil des Tai Chi Chuan, den er von Lin Du Ying gelernt hatte, erwiesen sich als beraus hilfreich fr mich in meinem Bemhen, die Grundlagen des Chi Gung zu verstehen. Bai Hua betonte die Praktiken des Chi Chu Dzuo (siehe Seite 138). Wie Huang Hsi I und Liu Hung Chieh, legte er den grten Wert auf die per- snliche Praxis. Ohne Huang Hsi I und Bai Hua htte ich niemals den Hin- tergrund sowie das Gung Fu gewonnen, die mich schlielich dafr quali- fizierten, ein Schler von Liu Hung Chieh zu werden, und ich wre nicht in der Lage gewesen, die Arbeit und die bertragungen Lius zu begreifen. Wie Bai Hua lehrte Bai Hua war ein Adept des klassischen Daoismus, insbesondere des I Ging. Fr ihn waren alle Chi-Prozesse des Tai Chi und des Ba Gua nichts als praktische Anwendungen des I Ging. Deshalb achtete er stets darauf, was das Ziel einen Menschen war, welche Bedingungen notewendig waren, um dieses Ziel zu erreichen, welcher spezifischen Techniken es bedurfte, um das Ziel effektiv zu verwirklichen und was das Erreichen des Zieles forderte oder vereitelte. Er erklrte die Rahmenbedingungen eines jeden Problems in Begriffen des I Ging und der verschiedenen chinesischen Klassiker, einschlielich der Tai Chi Klassiker. Es gehrte zu seiner Lehr- methode, den Schlern zuerst ein klares Verstndnis der philosophischen Prinzipien und Theorien zu vermitteln. Als nchstes konzentrierte er sich darauf zu zeigen, wie man diese Theorien bewusst zu praktischen An- wendungen fr die inneren Krperbewegungen machen konnte (das heit fr die Bewegung des Chi im Inneren des Krpers und die spezifischem mentalen Zustnde, die den erwnschten Chi-Fluss erzeugen). Bai Hua betonte groe Kraftbewegungen nach der Art von Wang Shu Jin und nicht die kleinen Bewegungen und Wandlungen wie Hung I Hsiang und Huang Hsi I. Im Juni des Jahres 1981 besuchte ich Bai Hua in Hongkong. Ich war da- mals auf dem Weg nach Beijing, da ich die Einladung erhalten hatte, an Chinas wichtigstem Institut fr krperliche Erziehung" Tai Chi zu studie- ren.43 Ich fragte Bai Hua, ob ich whrend meines Aufenthalts in Beijing 43 Zum Abschluss dieser Ausbildung erhielt der Autor als erster aus dem Westen von diesem Institut das Diplom fr das komplette vereinfachte Tai-Chi-System einschlie- lich der Form, des Push Hands und der bung mit Waffen. 333
  • 334. bei seinem Lehrer trainieren drfe. Er sagte mir, er hoffe, dass das mglich sei. Liu Hung Chieh lebe nmlich mitten in der Stadt wie ein Einsiedler, und er wrde nur selten jemanden unterrichten. Er fgte hinzu, dass es vllig unvorhersehbar wre, ob Liu mich unterrichten wrde oder nicht, selbst wenn er, Bai Hua, mich empfehlen wrde. Liu habe seine ganz eigenen Mastbe und er lehnte es oft ab, Menschen zu unterrichten; dar- unter seien auch in China sehr bekannte Kampfknstler gewesen, die ihn aufgesucht htten. Bai setzte dann ein formelles Empfehlungsschreiben fr mich auf. Wie ich spter herausfand, hatte Liu kurz bevor ich bei ihm vorsprach einen Traum gehabt, in dem er einen Auslnder unterrichtete, der mir hnlich sah, und deshalb nahm er mich als Schler an. Die bung des Ba Gua Die Stadien des Kreisgehens Die Eigenart, die das Ba Gua kennzeichnet, ist seine zentrale Trainingme- thode des Kreisgehens. Das gilt sowohl fr seine kmpferischen als auch fr seine energetischen und meditativen Aspekte. Whrend der bung des Kreisgehens geht der bende immer wieder auf einer Kreisbahn her- Ein einsamer Praktizierender, der in einem Park von Beijing das Kreisgehen des Ba Gua bt, hinterlsst eine kreisfrmige Spur im Schnee. 334
  • 335. um, wobei er regelmig die Richtung wechselt (im Uhr- zeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn) und dabei alle mglichen regelmigen und spezialisierten Schrittmuster benutzt, whrend er gleich- zeitig spiralfrmige Arm und Hftbewegungen ausfhrt. Das Kreisgehen besteht aus mehreren Stadien, die jeweils progressiv aufeinander auf- bauen. Das eine ist das Kreis- gehen mit statischen Arm- haltungen. Dies ist, wie die Standposituren im I Chuan (siehe Seite 287), eine Metho- de des grundlegenden Kraft- trainings. Das zweite Stadium des Kreisgehens basiert auf einer Meditationsmethode, die schon vor Tausenden von Jahren in daoistischen Kls- tern gebt wurde: der Ersten Hand" (Single Palm Change), die dem ersten Trigramm des I Ging entspricht, das Himmel" (oder auf Chinesisch Chien) genannt wird. Sie konzentriert sich auf den Gebrauch von Kraft in jeweils einer Handflche, steht fr die Essenz der Yang-Energie und ist die primre Methode zur Erzeugung von Chi im Ba Gua. Das dritte Stadium besteht aus der Zweiten Hand (Double Palm Change), die das zweite Trigramm des I Ging reprsentiert, das Erde" (oder auch Chinesisch Kun) genannt wird. Sie steht fr die Essenz der Yin-Energie und ist die primre Methode des Ba Gua zur Erzeugung der Yin-Energie oder weichen Energie. Die Technik konzentriert sich darauf, beide Handflchen zusammen zu benutzen. Sie werden solange miteinander koordiniert, bis sie wie eins sind und sie die Qualitt der Energie zwischen ihnen flssig und kraftvoll verndern knnen. Das vierte Stadium macht Gebrauch von den grundlegenden acht Mutterhnden, wobei jede dieser Hnde die Energie, die besonderen Eigenarten, die Strategien und die subtilen Qua- 335 Die Zweite Hand (Double Palm Change) des Ba Gua.
  • 336. litten eines der acht Trigramme des I Ging reprsentiert. In manchen Systemen des Ba Gua konzentriert man sich nicht auf die Energien des I Ging selbst, sondern auf die Eigenschaften der mit den jeweiligen Tri- grammen assoziierten Tiere. Im fnften Stadium des Kreisgehens wird das Repertoire auf 64 Techniken oder Hnde ausgeweitet, wobei jede dieser Hnde versucht, die Vielfalt der Eigenschaften der 64 Hexagramme des I Ging zum Ausdruck zu bringen. Charakteristika des Kreisgehens Auch wenn die Meditation in Bewegung und die Kultivierung von Energie die Essenz des Ba Gua Chang darstellen, geht es im anfnglichen Training nicht um solche esoterischen Belan- ge. Die Methode des Kreisgehens im Ba Gua betont vielmehr zuerst die Krpermechanik. Der bende geht in einem Kreis, der gewhnlich einen Durchmesser von zwei bis drei Meter hat, auch wenn einige Schulen emp- fehlen, Anfnger sollten einen Kreis verwenden, dessen Umfang acht oder zwlf Schritte lang ist. Dieses Gehen wird mit drei grundlegenden Schritten vollzogen: 1. Ein gerader Schritt, der direkt nach vorn geht; 2. ein Zehen einwrts"-Schritt, bei dem das Bein und der Fu in einer Kurve einwrts auf die Wirbelsule zu vorangetrieben werden und der uere Fu gegen das Zentrum des Kreises hin bewegt wird; 3. ein Zehen auswrts"-Schritt, der Sie vom Zentrum des Kreises wegtreibt. (Zu den weiteren Schritten gehren Schritte nach hinten, zur Seite, drehende, springende, zickzackfrmige, hpfende Schritte, Kreuzschritte und Halbschritte.) Wird das Gehen richtig ausgefhrt, dann ffnen sich die Energiekanle des Krpers auf natrliche Weise und der Krper wird gesund und stark. In China ist das Ba Gua - sowohl als Kampfkunst als auch als Kunst der Energiekultivierung - dafr bekannt, dass es auf der Fuarbeit basiert. Es ist nicht selten, dass Ba-Gua-Praktizierende eine Drehung von 270 Grad machen, wobei ein Fu fest auf dem Boden stehen bleibt und der andere (der Zehen auswrts"-Fu) im Bogen herum schwingt. Diese Art von Schritt vermag man nur auszufhren, wenn die Hften und der Rest des Krpers nach langer bung offen und entspannt sind und die drehende Bewegung der tiefsten Krpermuskeln sehr stark geworden ist. Die Hnde des Ba Gua werden blicherweise nicht im Zeitlupentempo ausgefhrt. Dies steht in direktem Gegensatz zur grundlegenden Methode des Tai Chi, wo man sich in den Soloformen im Zeitlupentempo bewegt. Auch wenn die bung anfnglich in einer langsamen Gangart ausgefhrt wird, wird die Geschwindigkeit im Laufe von ein bis zwei Jahren der bung 336
  • 337. auf die Ganggeschwindigkeit der modernen Sportart des Gehens" erhht, wobei es blitzschnelle Bewegungen in der Taille und der Arme sowie Dre- hungen und dauernde Richtungswechsel gibt. Das anfangliche langsame Tempo der bung ist nicht obligatorisch, wie im Tai Chi, sondern wird nur gebraucht, damit der bende zuerst einmal die vielen unabdingbaren technischen Erfordernisse zu stabilisieren vermag. Die Grundprinzipien des Ba Gua mssen erst einmal in Fleisch und Blut bergehen. In den Anfangsstadien der bung des Ba Gua ist es praktisch unmglich, schnell zu gehen, ohne gegen einige dieser Prinzipien zu verstoen. Eines der wichtigsten dieser Prinzipien ist das Verdrehen des Krpers, insbesondere der Beine und der Taille. Im Ba Gua wendet und dreht sich der Krper stndig. Keine Aktion im Ba Gua wird in einer geraden Linie ausgefhrt, selbst bei den relativ linearen bungsmethoden nicht. Selbst scheinbar geradlinige Techniken werden sich bei nherem Hinsehen als ganz leicht gekrmmt erweisen. Eine der einzigartigen Eigenschaften dieser Kunst ist, dass viele ihrer Be- wegungen vollkommen sphrisch sind. Die totale Flexibilitt des Krpers ist im Ba Gua ganz wesentlich, und in der Tat bildet das Ba-Gua-Training im Vergleich zu allen anderen Kampfknsten die kontinuierlichste Kr- perbiegsamkeit heran. Zustzlich zur Drehung des Krpers und der Geschmeidigkeit, mit der er im Ba Gua dahinflieen kann, gibt es noch viele spezifische krperliche Prinzipien, die man selbst dann bercksichtigen muss, wenn man nur die grundlegendste Form des Kreisgehens ausfuhrt. Dazu gehrt das Prinzip der Beherrschung der Krperausrichtungen, welches die folgenden Attribute hat: a) das Gewicht wird in die Beine abgesenkt; b) die Wirbelsule und der Kopf sind aufrecht; c) der ganze Krper ist entspannt, aber zum Zentrum des Kreises hin gewunden; d) das Steibein zeigt nach vorn; und e) die beiden Arme knnen sich entweder in Koordination miteinander bewegen oder voneinander vllig unabhngig Bewegungen ausfhren. Die krperlichen Eigenschaften des Kreisgehens Um es noch einmal zu wiederholen: Das Ba-Gua-Training konzentriert sich zu Anfang darauf, den Krper gesund, flexibel und stark zu machen. Dies ist der unmittelbarste Nutzen, den der Anfnger aus der bung des Ba Gua zieht. Viele Menschen in Chinas ben das Ba Gua allein aus diesem Grunde und sind mit den Resultaten sehr zufrieden. Anfnglich ist das 337
  • 338. Ba Gua jedoch nicht fr Menschen zu empfehlen, die an einer Verletzung des Rckens oder der Gelenke leiden. Wenn das Gehen im Ba Gua in einer lebhaften Trainingssitzung schnell ausgefhrt wird, belastet es den R- cken und die Gelenke. Diese Belastung kann ein unverletzter Krper gut verkraften, doch sie kann alte Verletzungen verschlimmern. Leidet man unter Verletzungen des Rckens oder der Gelenke, so ist es am besten, diese zuerst durch die bung von Chi Gung oder Tai Chi zu heilen. Hat sich der Zustand deutlich verbessert, kann man dann mit der bung des Ba Gua beginnen. Lassen wir fr den Moment einmal das Thema des Chi beiseite (das von absoluter Wichtigkeit fr das Ba Gua ist), so ist das, was den Krper physisch stark macht, die fr das Ba Gua typische dauernde Dehnung des weichen Gewebes, das ffnen und Schlieen der Gelenke und Krperhh- lungen und das Drehen der Muskeln, Faszien und Bnder. Die Bewegun- gen des Ba Gua beanspruchen den Krper stark. Fr einen ungeschulten Beobachter mag es so aussehen, als ginge eine Person nur sinnlos im Kreise herum, doch das Drehen und Wenden beim Kreisgehen bt einen massiven Druck auf die inneren Organe und das System von Knochen und Muskeln aus. Das Kreisgehen an sich wird schon zu einer ffnung und Strkung des Unterkrpers fhren. Damit sich dieser Prozess fortsetzt und auch die ffnung und Strkung des Rumpfes und der Arme bewirkt, sind Dutzende von Stellungen mit ausgestreckten Armen fr den Oberkrper entwickelt worden, die beim Kreisgehen angewendet werden. Sie sind speziell dazu gedacht, die Gewebe und Gelenke des oberen Rckens, des Nackens, des Brustkorbs und der Arme zu ffnen und den Krper physisch und energe- tisch auszubalancieren. Das ffnen des Krpers vollzieht sich allmhlich ber Wochen, Monate und Jahre des Kreisgehens. Indem der Krper sich streckt und strker wird und mehr Energie zu zirkulieren beginnt, wird der Krper allmhlich immer vitaler und zugleich entspannter. Die energetischen Eigenschaften des Kreisgehens Das Ba Gua ist zuerst und vor allem eine Kunst der inneren Energiebewe- gung. Wie schon erwhnt, besteht das grundlegende Training der inneren Energie im Ba Gua aus den acht Hnden" (Palm Changes). Auf den fort- geschritteneren Ebenen des Ba Gua benutzt jede dieser Hnde im Kampf direkt die Energie, die den Trigrammen des I Ging innewohnt. Wenn wir 338
  • 339. auf diese Ebenen fortschreiten, dann mag es sein, dass die Bewegungen anfanglich ganz bestimmte energetische Krafteigenschaften annehmen. Sie knnten zum Beispiel etwas Leichtes oder Durchdringendes fr das Trigramm, das den Himmel reprsentiert, annehmen, oder etwas Schwe- res, Abwrtsdrckendes oder Amorphes fr das Trigramm, das die Erde reprsentiert. Vielleicht nehmen sie fr die anderen Trigramme auch etwas von pltzlichem, abruptem Schock an, von Vibration, Wirbeln, Einsaugen und Nach-auen-Drehen und so weiter. Im Laufe vieler Jahre werden die acht Hnde in das Kreisgehen integriert. Das macht es uns mglich, uns Techniken der Selbstverteidigung anzueignen, den Unterkrper weiter zu strken und zu ffnen und der acht primren Energien des I Ging gewahr zu werden. Nach Ansicht der Daoisten sind die acht Energien, die den acht Krpern des Menschen entsprechen, die folgenden: der physische Krper, der therische oder Chi-Krper, der emotionale Krper, der mentale Kr- per, der Krper bersinnlicher Energie, der Kausalkrper und der Krper des Dao. Jeder dieser Krper besitzt eine unterschiedliche energetische Schwingungsebene. In bereinstimmung mit dem l Ging kombiniert das Ba Gua die acht primren Energien stndig miteinander und transformiert sie. Zu Beginn des Trainings werden Metaphern, die auf die acht Energien verweisen, in Bewegungen von Krper und Chi bersetzt. Der Zweck des Trainings auf dieser frhen Stufe ist, den Krper zu koordinieren, den Geist zu beruhigen und den absichtslosen Bewusstseinszustand, denn die Daoisten Wu Wei nennen, hervortreten zu lassen. Die Energien des I Ging - Der Beginn des fortgeschrittenen Ba Gua Ist man erst einmal in der Lage, beim Kreisgehen die grundlegenden Prin- zipien zu beachten, dann beginnt man den Kreis in gemigtem und schlielich immer schnellerem Tempo zu gehen, wobei man Drehungen und Armbewegungen mit stndigen Richtungswechseln verbindet. Mit der Zeit entwickeln sich das schnelle Kreisgehen und die Hnde (Palm Changes) zu einem Wirbelsturm mit extrem schnellen Spiralbewegungen des Krpers und augenblicklichen Richtungswechseln. 339
  • 340. Sobald Sie den Zustand der Absichtslosigkeit" erreicht haben, beginnen zuerst Ihr Bewusstsein und dann Ihr Krper erste Einblicke in die tatsch- liche lebendige Realitt der acht Energien zu erhaschen, diese allmhlich deutlicher zu erfahren und sie in Ihr Dasein zu integrieren. Dieses Begreifen der acht Energien basiert auf Erfahrung und lsst sich unmglich zutreffend in Worte fassen. Direkte bertragungen von Herz-Geist zu Herz-Geist sind fr den Prozess der Lehre ganz wesentlich. Auch wenn die klassischen Me- taphern des Daoismus dem begrifflichen Denken entgegenkommen, muss man die Realitt dieser Energien doch in den Zellen des eigenen Krpers erfahren. Dann beginnt man unmittelbar wahrzunehmen, wie diese acht Energien sich sowohl innerlich als auch in der sich stndig im ueren manifestierenden Welt auf Ebenen stndig zunehmender Komplexitt ma- nifestieren. Dieser Prozess wird im Ba Gua durch ein reibungsloses und ununterbrochenes Flieen durch die acht Hnde zum Ausdruck gebracht. Dieses Flieen ist ganz wesentlich fr die meditativen und heilenden As- pekte des Ba Gua. Es ist auch die Grundlage fr die Wirksamkeit des Ba Gua im Kampf, da der andauernde Ortswechsel und der Wechsel von Richtungen und Kampfwinkeln die Gegner verwirrt. Die acht Mutterhnde Jede der acht Hnde ist so konzipiert, dass sie die Fhigkeit eines Menschen, die damit korrespondierende Energie anzuwenden, erhht. Allerdings wird jede Hand auch in unterschiedlichem Ausma von den Energien der sieben anderen Hnde beeinflusst. In der ursprnglichen Schule des Ba Gua bten viele der besten Praktizierenden jahrelang die Erste Hand, bevor sie weitere Hnde erlernten. So bte zum Beispiel Shi Liu, der mit Tung Hai Chuan zusammenlebte und einer seiner besseren Schler war, fr die ersten sechs Jahre seiner Schulung die Erste Hand. Das war alles, was er tat, und doch waren seine Anwendungen ausgezeichnet, weil seine Bemhungen auf eine Sache konzentriert und nicht auf viele verschiedene Formen aufgeteilt waren. Ein zeitgenssisches Beispiel fr eine solche Zerstreuung der Energie findet man in manchen Schulen, die alle 64 Hnde fr das Kampfkunst- training verwenden. Die Schler dieser Schule sind oft nicht in der Lage, die Handtechniken wirksam einzusetzen, was ein Hinweis darauf ist, dass hier zuviel Information gegeben wird, aber zuwenig wahres Verstndnis und echte Verkrperung der Kunst vorhanden ist. 340
  • 341. Es gibt - je nach der Linie (siehe Seite 511 f.), in der man sich schult, und nach deren Entwicklung ber die Generationen hinweg - viele verschiedene Versionen der acht Mutterhnde. Es gibt jedoch nur zwei Kategorien der verschiedenen Sets von Mutterhnden, nmlich jene, die der vorgeburt- lichen, und jene, die der nachgeburtlichen Methode entsprechen. Zu den nachgeburtlichen Sets gehrt, dass man all die Bewegungen erlernt und die Formen oder Hsing die sie enthalten in Hinsicht auf ihre Anwendung im Kampf zu unterscheiden. Diese Methode ist eine Annherung, die von au- en nach innen fortschreitet und die eher uerliche Trainingsmethode der Acht ueren Hnde verwendet. Die Wai-Ba-Chang-Bewegung wird mehr oder weniger wie die Hsing in der Form mit wenig Variation angewendet. Im Gegensatz dazu, geht die vorgeburtliche Methode alles von innen nach auen an und benutzt das Training der Acht inneren Hnde. Bei der vor- geburtlichen Methode internalisiert man das, was man tut, dergestalt, dass eine ganz kleine Mikrobewegung alle energetischen Aspekte, die inneren Krpermechanismen und die Kampfanwendungen einer Form enthalten kann. Auch wenn dabei innerlich sehr viel geschehen mag, wird das fr das ungeschulte Auge mglicherweise nicht sichtbar. Traditionellerweise werden sieben der acht Hnde mit der offenen Handflche ausgefhrt und nur zu einer der acht gehrt der Gebrauch der geschlossenen Faust. Im Allgemeinen ist die Methode der Acht inneren Hnde wirkungsvoller, weil ihre kleineren Bewegungen es Ihnen ermglichen, die Wandlungen schneller zu vollziehen. Die Kenntnis einer groen Anzahl von Hsing oder Formen vergrert nicht unbedingt Ihr Vermgen, die Wandlungen ohne jegliche Trgheit schneller zu vollziehen. Die Frage der Wandlungsfhigkeit ist jedoch die wesentlichste fr die Anwendung dieser Kunst im Kampf oder als spirituelle Methode. Als Faustregel kann man sagen: Je mehr man uerlich sieht, desto weniger geschieht innerlich. Umgekehrt ist es auch richtig: Je mehr im Inneren geschieht, desto weniger sieht man das uerlich. Dies trifft vor allem fr die Besten unter den Ausbenden des Ba Gua zu. Wenn sie Solobewegungen praktizieren, erscheint das, was sie tun, auerordentlich simpel zu sein. Wenn sie es jedoch im Kampf anwenden, wird die Sache auerordentlich komplex. Genau das Gegenteil trifft oft bei Praktizierenden zu, die komplexe uere Formen beherrschen. Wenn sie ihre Kunst im Kampf anwenden wollen, erweisen sich ihre Anwendungen als allzu simpel und unwirksam, weil es ihnen an Wandlungsfhigkeit mangelt und sie sich unter dem Druck des krperlichen Kontakts im Kampf nicht gut genug auf Vernderungen einzustellen vermgen. 341
  • 342. Shi Liu und die kondensierte Erste Hand Fr Shi Liu und andere nahm Tung die Acht inneren Hnde und konden- sierte sie noch weiter zur Ersten Hand. In die Erste Hand und die Zweite Hand wurden winzige Bewegungen inkorporiert, die smtliche Prinzipien, Energien und Anwendungen des ganzen Systems der Acht Hnde enthal- ten. Diese Erste Hand war so vollstndig, weil sie innerhalb des Geistes voll entwickelt wurde. Es waren keine zustzlichen Formen ntig, weil das I" oder die Intention, woraus alle Gedanken von Shi Liu entspran- gen, ein komplettes Verstndnis der Natur der Wandlungen umfasste und augenblicklich jede physische Bewegung zu manifestieren vermochte, die in der jeweiligen Situation vonnten war. Hierin besteht eine groe hnlichkeit zu den auf Intention basierenden Schulen des Hsing-I. Wenn der Geist sich hier eine krperliche Bewegung vorstellen konnte und das Chi durch die entsprechenden Energiebahnen zu lenken vermochte, dann konnte der Krper dies augenblicklich mit voller Geschwindigkeit und Kraft in krperliche Bewegung bersetzen. Diese Methode der Konden- sierung des gesamten Energiesystems des Ba Gua in die Erste Hand war die traditionelle in den Klstern gebte Methode des Ba Gua. Hier ging es nicht um Kampfkunst, sondern allein um die innere Alchimie, daoistische Meditation und Praktiken zur Frderung der Gesundheit. Fr Tungs Schler Shi Liu wurden winzige Bewegungen innerhalb der Ersten Hand zum Mittel der Kultivierung seiner Energie. Es mag nur eine Bewegung eines Fingers zu einer neuen Gestalt der Handflche gewesen sein, die tief in seinem Geist die Energiekanle und die Psyche miteinander verband und ihm die Fhigkeit verlieh, dies in eine Kampfanwendung zu transformieren. Ein anderer Praktizierender des Ba Gua mochte vielleicht zwei oder drei ausgreifende Bewegungen bentigen, um dasselbe Resultat zu erzielen. Shi Lius Bewegung war auf der krperlichen Ebene vielleicht nur ein Hundertstel so gro, doch sie war tatschlich gleich wirksam oder sogar wirksamer, sowohl in Hinsicht auf die Lenkung des Chi durch den Krper als auch zum Zweck des Kmpfens. Bei einer solch differenzierten Ausrichtung auf die Erste Hand gab es verschiedene Ebenen des Trainings, die jeweils einen unterschiedlichen Zweck verfolgten. Der Zweck einiger Trainingsmethoden besteht darin, die inneren Aspekte Ihres Krpers zu strken. Man kann zum Beispiel den Kreis gehen und sich dabei auf einen spezifischen inneren Prozess kon- zentrieren wie etwa das Pulsieren der inneren Organe. Zu einem anderen 342
  • 343. Zeitpunkt konzentrieren Sie sich vielleicht auf einen anderen Prozess, etwa das Variieren des inneren Drucks der zerebro-spinalen Flssigkeit, oder sie konzentrieren sich auf mehrere Prozesse gleichzeitig. Diese selektive Aus- richtung auf einen individuellen Prozess wird blicherweise eine Zeitlang aufrechterhalten, bis einem diese Ablufe in Krper und Geist eingeprgt sind. Ein Beobachter wrde nur sehen, wie dieselbe uere Bewegung wieder und wieder wiederholt wird, und htte keine Ahnung von den unterschiedlichen inneren Prozessen, die dabei eingebt werden. Tung war der einzige, von dem es heit, dass er vollstndigen Gebrauch von allen acht Hnden machen konnte. Seit der dritten Generation der ursprnglichen von Tung begrndeten Ba-Gua-Schule vermochte nur selten jemand das volle Potential aller acht Mutterhnde auszuschpfen. Die meisten der Ba-Gua-Praktizierenden - und selbst die besten unter ihnen - benutzten nur drei oder vier der Hnde, weil es schon Jahre dau- ern konnte, nur eine der Hnde (Palm Changes) zu begreifen. Ein wahres Begreifen einer Hand setzt voraus, dass man die inneren Mechanismen dieser Hand bis in alle Einzelheiten versteht, nicht nur die ueren Be- wegungen. Fr die Ba-Gua-Adepten sind die ueren Bewegungen nicht mehr als die Verpackung" des inneren Gehalts. In westlichen Geschften findet man heute viele Nah- rungsmittel, die eigentlich nur einige Gramm wiegen, die aber aufgrund einer volumin- sen Verpackung nach mehr" aussehen sollen. Essbar sind allerdings nur die paar Gramm Nahrung, nicht das Verpa- ckungsmaterial. Einige der Ba-Gua-Adepten lernten, ihre Bewegungen komprimiert zu halten. Andere, wie zum Bei- spiel Cheng Ting Hua und Yin Fu, dehnten ihre Bewegungen aus. Wie auch immer - man geht blicherweise davon aus, dass die Essenz des Ba Gua in der Ersten Hand und der Zwei- ten Hand enthalten ist. 343 Liu Hung Chieh lehrt den Autor die Erste Hand (Single Palm Change).
  • 344. Spontane Bewegungen Wenn sich Ihre Ba-Gua-Praxis innerlich und uerlich immer mehr ent- wickelt, mag es zu Momenten oder gar Zeitabschnitten der spontanen Bewegung kommen. In der Sprache des Ba Gua nennt man dies Der Drache kommt aus seiner Hhle hervor". Spontane Bewegungen knnen auftreten, whrend Sie die Form ben. Sie mgen auch spontan beginnen, Energie auf sehr machtvolle Weise freizusetzen und Fa-Jin-Bewegungen auszufhren, die Ihnen niemand breigebracht hat. Es kann auch sein, dass Sie alle mglichen bersinnlichen Erfahrungen machen. Bien Hua und die Kunst des Wandels nach dem I Ging Im I Ging, dem Buch der Wandlungen", geht es darum, wie eine Energie, ein Ereignis, eine Situation oder ein Ding sich in ein anderes verwandelt. Benutzt man das I Ging zum Orakelnehmen, dann wirft man die Schaf- garbenstngel oder die Mnzen, um eine bewegte Linie zu erhalten, die dann wiederum ein neues Hexagramm hervorbringt, und dieses neue He- xagramm ist ein Bien Hua oder eine Wandlung". Eines der wesentlichen Ziele der Praxis des Ba Gua ist, die inneren Chi-Regeln des Wandels aus dem Bauch heraus und nicht nur rein intellektuell zu verstehen. Wenn Sie persnlich zu verstehen beginnen, wie sich das Chi innerhalb Ihres eigenen Krper/Geistes wandelt, dann beginnen Sie auch zu begreifen, wie das Chi funktioniert, welches Ereignisse und Situationen bestimmt. Das Ba Gua, die persnliche Praxis des I Ging, zeigt Ihnen dann, wie Sie beginnen knnen, das I Ging vierundzwanzig Stunden am Tag in Ihrem Leben anzuwenden. Sie tun dies, indem Sie lernen, die verschiedenen Ar- ten von Chi und die energetischen Prozesse unmittelbar in Ihrem Krper wahrzunehmen, jene Prozesse, die: 1. Wandel einleiten; 2. das tragende Element und die Sttze fr einen Wandel sind; 3. verhindern, dass ein Wan- del sich auf natrliche Weise entfalten kann, weil Sie ihn durch Trgheit oder unsichtbaren inneren Widerstand bremsen; und die 4. auf natrliche oder unnatrliche Weise einen Wandel zum Stillstand bringen. Es geht dabei nicht allein darum, die tiefere Bedeutung des I Ging intellektuell zu verstehen, sondern diese Bedeutung fr das persnliche Leben relevant 344
  • 345. und im Alltag anwendbar zu machen. Dazu braucht man eine regelmige persnliche bung. Und zu eben diesem Zweck wurde das Ba Gua von den alten Daoisten entwickelt. Ob das Ba Gua nun als Kampfkunst oder aus gesundheitlichen oder spirituellen Grnden praktiziert wird, auf jeden Fall gehrt die Natur des Wandels zu seinen wichtigsten Studienobjekten. In den meisten Formen der Kampfkunst wie auch in vielen anderen Bereichen des Lebens geht man davon aus, dass es eine richtige" und eine falsche" Weise gibt, die Dinge zu tun. So gibt es zum Beispiel in den ueren Kampfknsten eine richtige Weise, einen bestimmten Hieb auszufhren. Mchte man den Angriffs- winkel verndern, so muss man eine andere uere Form anwenden, die den entsprechenden Winkel besitzt. Doch das Ba Gua funktioniert anders. Der Ba-Gua-Praktizierende verwandelt den inneren Widerstand im Krper, so dass der Krper sich den Umstnden anpassen und augenblicklich mit dem neuen Winkel anzugreifen oder zu verteidigen vermag, ohne eine neue uere Form anzunehmen. Die Anwendung des Bien Hua ist ganz wesentlich fr die Kampfan- wendungen im Ba Gua. Es heit, dass die Erste Hand die zehntausend Energie- und Kampf-Strategien/Techniken des I Ging enthlt. (Die Zahl Zehntausend" bedeutet im Chinesischen blicherweise nie endend", My- riaden" oder unendlich viele".) Die Erste Hand verndert sich in dem Mae, in dem das Knnen des Praktizierenden zunimmt, so wie sich auch unser Verstndnis der inneren Bedeutung des I Ging verndert, je lnger man damit arbeitet. Die Art und Weise, auf die die Praktizierenden ihr Inneres bewegen, ihre Aufmerksamkeit sammeln und die Energie innerhalb ihres Krpers verndern, all das hat eine Auswirkung auf die mglichen Winkel des Angriffs und der Verteidigung mit der Ersten Hand. So wie Tung Hai Chuan es lehrte, gibt es jedoch nur etwa zehn bis fnfzehn grundlegende Formbewegungen, die alle formell die Erste Hand genannt werden. Tung passte die Erste Hand dem einzigartigen Krper und Geist und der einzigartigen Energie jedes Schlers an. Er berlieferte eine physische Form, die es vielen verschiedenen individuellen Chi-Strukturen erlaubte, Bien Hua oder eine Wandlung durchzumachen. Traurigerweise wurden diese Variationen ber einzelne Hnde im Pro- zess der berlieferung ber einige Generationen hinweg zu uerst starren Formen festgeschrieben. Manche Schulen des Ba Gua gehen sogar so weit zu sagen, es gbe nur eine korrekte Weise, die Erste Hand auszufhren. Die besseren Schler von Tung jedoch berlieferten, wie man diese Wand- 345
  • 346. lungen hervorbringen und abwandeln kann, und sie brachten wiederum ihre eigenen Formen hervor, die dann ihr eigenes ihnen innewohnendes Bien Hua hervorbrachten, und so weiter. Es ist dieser Aspekt, der aus dem Ba Gua eine sich entwickelnde Kunst macht. Das ist mit einem sich selbst generierenden Computerprogramm mit sehr vielen Permutationen vergleichbar, das fhig ist, aus seinen eigenen Fehlern zu lernen. Darin unterscheidet sich das Ba Gua deutlich von den ueren Kampfknsten, wo die Formen oft nicht flexibel sind, weil ihr Zweck darin besteht, eine bestimmte uere Wirkung zu erzielen. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Der Drache kommt aus seiner Hhle hervor Bevor ich meinem Lehrer Liu Hung Chieh begegnete, hatte ich im Kontext des Ba Gua Chang niemals wirk- lich spontane Bewegungen erlebt. Wenn ich mich mit fortgeschrittenen Ba-Gua-Adepten in Beijing unterhielt, hrte ich von ihnen, dass nur Praktizierende der Ba- Gua-Meditation diese Art von Erfahrungen machten. Meine erste Begeg- nung mit den spontanen Bewegungen hatte ich im Jahr 1981 in Lius Heim in Beijing. Die Erfahrung hielt nur einige Wochen an. Eine Person, die das ganze beobachtete, beschrieb es als der Drache schttelt den Schwanz", weil mein Rcken und meine Wirbelsule dabei so stark vi- brierten, dass es aussah, als kme ein Schwanz aus meiner Wirbelsule hervor. Die Quelle dieser unglaublich schnellen und doch flieenden Be- wegungen ist die Freisetzung des inneren Bewusstseins eines Menschen. In diesem Prozess beginnt Ihre Energie sich mit der Energie in der Umwelt zu vermischen, so dass sie Zugang zu den ursprnglichen Energien erhal- ten, aus denen die Ba-Gua-Linie hervorgegangen ist. Die Metapher des Drachen ist durchaus angemessen fr die spontanen Ba-Gua-Bewegungen. Im chinesischen Denken hat der Drache sehr viele Bedeutungsebenen. Er ist das Symbol des Kaisers, so wie der Phnix das Symbol der Kaiserin ist. Der Drache ist ein Glckssymbol und ein Sym- bol des Strebens nach dem Hheren und der Spiritualitt. Die spontanen Bewegungen, die ich erlebte, hneln dem, was man in der Tradition der Shaktipat-Meditation des indischen Kundalini-Yoga Kriya oder sponta- ne Handlungen nennt. Der einzige Unterschied ist, dass diese spontanen Bewegungen eine Form annahmen, die dem Ba Gua und der Kampfkunst 346
  • 347. angemessen ist, und sich nicht als eine emotionale oder kathartische Ent- ladung uerten.44 So wie sie sich in diesen spontanen Bewegungen manifestiert, wird die Energie des Universums im Daoismus der Drache", von den Kundalini- Adepten in Indien die Kundalini" genannt. Es geht bei den spontanen Bewegungen nicht darum, dass man sich einfach frei bewegen darf, so wie in manchen Formen des Tanzes, der Psychotherapie oder einigen Chi- Gung-Praktiken, oder dass man zuvor gelernte Bewegungen in einer Art Improvisation, die der des improvisierenden Jazzmusikers gleicht, mitein- ander kombiniert, sondern um etwas Tieferes und Machtvolleres. Eine le- bendige Energie steigt zugleich aus der Erde auf und vom Himmel herab. Wenn diese Energien sich innerhalb Ihres Krpers vermischen, werden sie zu einer lebendigen Kraft, die Ihren Krper zu bewegen beginnt. Es gibt hier gewisse Parallelen zu der Besessenheit des Schamanen, zu den spon- tanen Bewegungen der Kundalini-Energie oder der Bewegung des Heili- gen Geistes im Christentum, aber das ganze hat doch eine andere Qualitt und fhlt sich anders an. Dabei werden auch spontan Fertigkeiten in der Kampfkunst und Chi-Flsse hervorgebracht, die durch das gewhnlich Kampfkunsttraining im Ba Gua, soviel Mhe man sich dabei auch geben mag, nur uerst schwer zu erreichen wren. Der Drache ergreift buchstblich Ihren Krper/Geist und beginnt Sie zu bewegen und Sie zu lehren, was Sie tun sollen. Dies nennt man die himmlische Unterweisung des Ba Gua". Es sind dies Lehren, die wir direkt vom Himmel empfangen. Es ist nicht so, dass Sie eine Bewegung ausfiih- ren; Sie werden vielmehr bewegt, manchmal auf ziemlich heftige Weise. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie es war, als mir das in Lius kleinem Zimmer passierte: Ich htte auf einer kleinen Mnze herumwir- beln knnen, wo ich normalerweise irgendetwas umgestoen htte. Die spontane Bewegung enthielt einen Grad an krperlicher Koordination, der selbst nach zwanzig Jahren der Praxis in den Kampfknsten jenseits meiner normalen Fertigkeiten lag. Und doch tat ich all das. Mein Krper machte unmgliche Luftsprnge, Sprnge, die ich zuvor nie fr mglich gehalten htte. Ich erlebte die Anfnge des Ching Gung, der Leichtigkeit der krperlichen Fertigkeiten, die historisch gesehen eine Spezialitt des 44 Jahre spter erlebte ich in Taiwan wieder eine mildere Form dieser spontanen Bewegungen in einer Gruppe von Schlern von Huang Hsi I, die in Zentral-Taiwan spontanes Chi Gung praktizierten. Ich sah dort, wie Menschen, die zuvor nie etwas mit Kampfkunst zu tun gehabt hatten, spontan alle mglichen Kampfkunstformen hervorbrachten. Sowohl bei Liu als auch bei Huang wurde diese Methode durch rein energetische bertragung gelehrt, ohne jegliche verbale oder psychologische Hinweise. 347
  • 348. Ba Gua ist. Doch da war keine besondere Technik im Spiel, es geschah mir einfach ganz pltzlich. Nachdem diese Periode der spontanen Bewegung zu Ende gegangen war, kamen die spontanen Bewegungen niemals in vollem Ausma wieder. Ich fragte mich, ob vielleicht all die Arbeit mit der Kundalini, die ich whrend meines zweijhrigen Aufenthalts in Indien geleistet (und danach noch ber Jahre weitergefhrt) hatte, jetzt im Ba Gua zum Ausdruck kam. Ich fragte Liu danach. Er sagte, er habe die spontanen Bewegungen zum ersten Mal erfahren, als er sich in den Bergen von Sichuan aufhielt, und sie seien eine grundlegende Komponente der daoistischen Meditation. Er sei allerdings erstaunt, dass sie bei mir in einem so frhen Stadium der Schulung auftrten. Als ich ihm von meiner frheren bung mit den Kriya des Kundalini-Yoga erzhlte, meinte Liu, dieser Hintergrund habe mich schon frher mit diesen Energien in Berhrung gebracht, und des- halb sei ich vielleicht schon in diesem frhen Stadium meiner Schulung im Ba Gua fr solche Erfahrungen offen. Die spontanen Bewegungen gelten als Teil der spirituellen Seite des Ba Gua. Sie setzen blockierte Emotionen frei und geben uns die Mglichkeit, die Energie in einem Ausma umzuwandeln, wie das mit der gewhn- lichen kontrollierten bung des Ba Gua nicht mglich ist. Wenn diese Dinge zu geschehen beginnen, gewinnt man Einblick in die Wurzeln des- sen, was Wandlung" im Ba Gua bedeutet. Die spontanen Bewegungen halten typischerweise nur fr einen begrenzten Zeitraum an, nicht lnger als einige Jahre, und man vermag nicht permanent auf den Ebenen des Gewahrseins, die man dabei erreicht, zu bleiben, bis der Geist hinreichend offen, stabil und ausgeglichen ist. Zur Thematik des Bien Hua gehrt auch die Frage, auf welche Weise Le- bewesen, einschlielich des Menschen, sich im Laufe der Zeit verndern und wandeln. Manchmal vollzieht sich die Wandlung in Hinsicht auf die Formarbeit ber einen Zeitraum von Wochen, Monaten oder Jahren, aber es kann auch whrend einer Kampfanwendung zu zehn Wandlungen in einer halben Sekunde kommen. Das Studium des Bien Hua ist etwas, das in den meisten Ba-Gua-Schulen im Westen fehlt. In den guten Ba-Gua- Schulen in China spricht man von der gesamten Schulung in Begriffen des Bien Hua, und alles Training wird in Hinsicht auf Bien Hua durch- gefhrt. Bien Hua oder Wandlung ist das Herz und die Seele des I Ging. Hsing oder die Form ist die Weise, auf die Ihr Krper sich bewegt, und die spezifischen ueren Haltungen, die er annimmt, und so ist Hsing das, 348
  • 349. worauf die ueren Kunstformen sich konzentrieren. Beim Bien Hua geht es auch darum, wie ihre innerliche Chi-Gestalt und Krperbeschaffenheit sich verndert, wenn etwa in Ihrem Krper eine neue Situation entsteht, wo das Chi von einer niederen Ebene der Befhigung auf eine hhere Ebene springt, oder wie sie sich bei einer Kampftechnik verndert, wenn Sie zum Beispiel von einem Hieb mit der Handflche zu einem Hieb mit dem Unterarm oder mit der Schulter bergehen. In Hinsicht auf den spi- rituellen Aspekt des Ba Gua geht es beim Bien Hua darum, wie Sie bei der bung der inneren Alchimie von einer Ebene des Bewusstseins auf eine andere zu springen vermgen. Im Kampf kann Bien Hua darin zum Ausdruck kommen, wie Sie eine bestimmte Bewegung abwandeln und sie ausfhren. Die Kraft kann sich nur geringfgig oder auch dramatisch verndern, je nachdem, wie ein Angreifer seine Kraft oder seinen Angriffswinkel verndert hat, und Ihre Krperpositur kann von Angriff zu Verteidigung oder von Verteidigung zu Angriff wandeln, vielleicht sogar viele Male in einer Sekunde. Wandel der Energie und der Kampfanwendungen Es gibt fr Ba-Gua-Praktizierende drei hauptschliche Methoden, mit denen sie die Fhigkeit entwickeln knnen, Energiewandlungen fr die Kampfkunst zu nutzen. Zuerst und vor allem mssen sie ben, eine Technik anzuwenden, wobei der Krper lernt, den Energien der Umwelt, den eige- nen Energien und denen des Gegners eine Form zu geben. Als Kampfkunst und spirituelle Kunst macht das Ba Gua aktiven Gebrauch vom Chi der Umgebung und bezieht Energie vom Himmel und der Erde. Das Ba Gua gilt eher als eine himmlische" denn als eine irdische Kunst, weil Praktizierende des Ba Gua buchstblich Energie von den Planeten und Sternen beziehen. Indem sie bersinnliche Verbindungen zu diesen natrlichen Krften her- stellen, machen Ba-Gua-bende Gebrauch von diesen Energien, whrend sie die Aura des benden durchdringen und damit in Wechselwirkung treten. Energien, die stndig aus der Erde aufsteigen und vom Himmel absteigen, vermischen sich mit der lokalen Energie der nheren Umgebung. Wenn Sie zum Beispiel in der Nhe von Bergen oder des Meeres leben, dann nimmt Ihr Krper die Energien dieser Umweltphnomene ebenso auf wie die des Windes und der Bume. Ihr Krper nimmt auch von einem Gegner, der Sie angreift, Energie auf. Die Kombination all dieser Energien ruft eine genau angemessene 349
  • 350. energetische Reaktion hervor, die zu der Kampfanwendung wird. In den ueren Kampiknsten basieren die Kampftechniken auf der Maxime: Er tut dies und ich tue jenes." (Er schlgt zu und ich wende daraufhin eine von vielen mglichen reflexartigen Anwendungen aus.) Im Ba Gua benutzt man jedoch keine Reflexe, um auf einen Angriff zu reagieren. Ihr Geist bleibt immer gegenwrtig und still, und Sie bewegen sich, wie schon an- gedeutet, spontan in Reaktion nicht nur auf Ihre eigenen Energien und die des Angreifers, sondern auch auf die Energien Ihrer Umwelt. Die meisten Kampfknste betonen nur, man solle der Energie oder der krperlichen Bewegung des Gegners gewahr sein. Zweitens gibt es bungen, bei denen eine Person angreift und eine Person sich entweder spontan oder nach abgesprochenen Regeln vertei- digt. Jene Schulen des Ba Gua, die abgesprochene Muster fr den Kampf zwischen zwei Personen verwenden, werden als Schulen angesehen, die auerhalb des Tores des traditionellen Ba Gua stehen. Die wahren Methoden der Wandlung lernt man nur, wenn zwei Personen frei miteinander ben und einander angreifen, wie es ihnen gefallt. Das kann man ben, wh- rend beide Personen zusammen den Kreis gehen oder sich auf irgendeinen anderen spontanen Austausch mit mglichst wenig Regeln einlassen (so kann der Angreifer zum Beispiel nur bestimmte Krperregionen mit einer beliebigen Technik angreifen, oder er benutzt nur einen ganz bestimmten Hieb). Die dritte Methode zu lernen, wie man bei Kampfanwendungen die En- ergie und die Winkel verndert, ist das Rou Shou (siehe Seite 360). Dies ist eine Trainingsmethode, die dem Push Hands des Tai Chi hnelt. Allerdings darf man beim Rou Shou schlagen, werfen, treten und Hebel anwenden. In der Anfangsphase schlgt man nur leicht zu, so dass man niemandem weh tut oder ihn verletzt, aber immerhin hart genug, dass der Schlag zu spren ist. Es ist nicht wie beim Karate oder Shaolin, wo man einen Hieb im letzten Moment zurckzieht, sondern eher wie bei einem leichten Sparring im Boxen. Hat man erst einmal gelernt, Hiebe so weitgehend zu absorbieren, dass man auch starke Hiebe leicht verkraften kann, beginnen die Partner im Sparring immer heftiger zuzuschlagen. Die unsichtbare Umwandlung der Energie, die Ihrem Herz-Geist ent- springt, ist eine wesentliche Komponente des Ba Gua sowohl als Kampf- kunst als auch als spirituelle Kunst. Voraussetzung dafr ist, dass Sie in der Lage sind, innerhalb des Hsing oder der Form zu variieren und sich an die Vernderung der eigenen Energie oder die Ihres Gegners anzupas- 350
  • 351. sen, ohne an ihre uere Formbewegung gebunden zu sein. Im Ba Gua kann man eine einige krperliche Bewegung auf hundert unterschiedliche Weisen ausfhren, von denen jede als eine Wandlung (Bien Hua) gilt. Jede Wandlung beschreibt eine unterschiedliche Weise, auf die das Chi an einen bestimmten Ort in Ihrem Krper gelangt oder auf die das Chi eine bestimm- te Energieebene erreicht und sich dann in etwas anderes verwandelt. Der Wandel beruht darauf, dass stndig Energie zusammenkommt und sich wieder trennt. Diese Verschmelzung und Aufspaltung setzt unglaublich viel Energie frei und erffnet unendlich viele Mglichkeiten. Der Punkt, an dem diese potentielle Verschmelzung oder Spaltung geschieht, bestimmt, welche Form die Energie als nchstes annehmen wird. Im Ba Gua ist alles immer drauf abgestellt, dass es zu dieser pltzlichen Freisetzung oder Absorption von Energie kommen kann und dass man diese intensiven sich wandelnden Energien fruchtbar zu nutzen vermag. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Acht trunkene Unsterbliche In einem Park in Taipei beobachtete ich eines Nachmit- tags eine Gruppe von acht Personen, die unter einem Baum eine ungewhnliche Kampfkunst praktizierten. Die Gruppe wurde angefhrt von einem alten Mann, der sich bewegte wie ein Teenager. Ich sah eine Weile zu, und schon bald entwickelte sich ein Gesprch zwischen mir und dem Lehrer. Er war berrascht zu hren, dass ich Chinesisch sprach und den Daoismus liebte. Er erzhlte mir, seine Methode nenne sich Acht trunkene Unsterbliche und gehre zu einer daoistischen berlieferungslinie und sei kein Teil der Methode des Shaolin. Er fragte mich, ob ich sie lernen wollte. Als ich ihn fragte, wo ich mich zum Training einfinden sollte, antworte er, wenn er lehre, dann tue er das auf dem Rasen unter diesem Baum, und zwar an jedem Sptnachmittag von Montag bis Donnerstag. Alle meine Versuche, ihm oder seinen Schlern zu entlocken, ob es noch anderswo ein hnliches Training gbe, blieben erfolglos. Die Situation blieb immer die gleiche. Ich kam zu diesem Baum und trainierte dort einige Jahre lang ziemlich regelmig. Dann war die Gruppe eines Tages ohne jedes vorherige Anzeichen verschwunden. Niemand wusste zu sagen, wohin sie gegangen waren oder wer genau dazugehrt hatte. Ich sah keinen von ihnen je wieder. 351
  • 352. Die trunkenen Boxer brechen stndig zusammen und springen dann pltzlich wieder auf wie ein Kastenteufel. Sie scheinen total das Gleich- gewicht zu verlieren und/oder auf dem Boden herumzurollen, und sie beherrschen die unglaublichsten Falltechniken (breakfalls) und springen dann pltzlich wieder auf, um anzugreifen. Wenn sie aufrecht stehen, scheint ihr Krper oft nicht die geringste Festigkeit zu besitzen. Sie sehen total verletzlich aus und scheinen vllig ungeschtzt zu sein, doch wenn ein Gegner glaubt, das ausnutzen zu knnen, findet er sich pltzlich in einem Wrgegriff, ohne zu wissen, wie und warum ihm das widerfahren ist. Alles in allem ist dies die spielerischste Kampfkunst die ich jemals praktiziert habe. Es gibt zwei Schulen des Acht trunkene Unsterbliche. Die erste entstand aus der Ti Tang genannten Shaolin-Linie des Erdboxens, die sich auf Techniken fr den Bodenkampf spezialisiert hat. Wenn Ausbende des Erdboxens zu Boden fallen, dann schlagen sie ihre Gegner vielleicht auf dem Weg nach unten und/oder ziehen sie mit sich hinab. Wenn sie erst einmal auf dem Boden liegen, dann benutzen Praktizierende des Acht trunkene Unsterbliche sehr hoch entwickelte Bodentechniken, insbeson- dere Tritte, Nervenhiebe, Wrgegriffe und Hebel. Sie wenden diese gegen einen Gegner an, den sie bereits zu Boden geworfen haben oder der noch steht und versucht, sie zu treten. Die zweite Schule ist rein daoistischen Ursprungs. Sie pflegt eine Kampfkunst, die die Daoisten ihren Kindern und Jugendlichen beigebracht haben, um ihren physischen Krper und ihr Chi zu entwickeln, solange sie noch zu jung waren, sich der strengen Disziplin zu unterwerfen, die ntig ist, um die inneren Kampfknste mit Erfolg zu praktizieren. Acht trunkene Unsterbliche trainiert auf ganz ausgezeichnete Art und Weise die grundlegendsten Prinzipien der inneren Kampfknste. Diese Kampfkunst verlsst sich allerdings mehr auf eine kreative Manifestation dieser Prinzipien und haftet nicht so sehr an der Form. Sie besitzt ein ausgezeichnetes Chi-Gung-System und entwickelt einige Elemente des sechzehnteiligen Nei-Gung-Systems sehr gut, wenn auch nicht das ganze System und nicht bis zu der Ebene der Przision, die man in den inneren Kampfknsten findet. Zu diesem System gehrt ein tiefes Verstndnis dafr, wie das Krpergewicht und Schwungkraft sich auswirken, und die Praktizierenden knnen diese Elemente im Krper manipulieren, whrend sie sich im Raum bewegen. In mancher Hinsicht, wrde ich sagen, hat Acht trunkene Unsterbliche die Flexibilitt des Affenboxens, dessen Geschicklichkeit beim Fallen und dessen besondere Fhigkeit, sich in alle Richtungen zu bewegen, einen Schritt weiter entwickelt. An die Stelle der Bsartigkeit des Affen hat es 352
  • 353. jedoch etwas Spielerisches sowie einen Sinn guter Kameradschaft gesetzt - sowohl in der Art und Weise, wie Gegner besiegt werden, als auch in seiner allgemeinen philosophischen Geisteshaltung. In seiner Weichheit hnelt das Acht trunkene Unsterbliche am ehesten dem Tai Chi. In sei- ner Weise anzugreifen, stellt es eine Mischung von Tai Chi und Ba Gua dar, mit einigen ganz eigentmlichen Techniken. In seiner Fuarbeit, den Prinzipien des Ausweichens und seiner Betonung der Wandlung und des Unvorhersehbaren kommt es dem Ba Gua am nchsten. Acht trunkene Unsterbliche betont mehrere ungewhnliche Kampfkunst- qualitten. Es verkrpert mehr Techniken des Einknickens der Gelenke und des Krpers als jede andere uere und innere/uere Kampfkunst. Man erlangt dadurch die Fhigkeit, den Krper wie eine Stoffpuppe zu- sammenzufalten, so dass der Praktizierende mit jedem Teil des Krpers, einschlielich des Hinterns und des Rckens, aus vllig unvorhersehbaren Winkeln zu blockieren und anzugreifen vermag. Die extreme Geschick- lichkeit der trunkenen Boxer beim Einfalten des Krpers macht es prak- tisch unmglich, einen Hebel bei ihnen anzusetzen. Auch wenn manch- mal angenommen wird, dass trunkene Boxer ihre Gelenke auskugeln, um sich gegen Hebel zu verteidigen, ist dies nicht der Fall. Es sind die auerordentlich feinen Bewegungen der Schulter und der Gegend unter den Rippen, welche diese Illusion erzeugen. Acht trunkene Unsterbliche ist weder ein dies"- noch ein das"-Stil, und es benutzt gleichermaen Schlge, Hand- und Fingerhiebe und ein breites Repertoire an gewhn- lichen und ungewhnlichen Tritten aus seltsamen Winkeln, Hebel und alle mglichen Wrfe, die sowohl aus einer kauernden Position als auch im Stehen ausgefhrt werden, und es macht auf dem Boden ausgiebigen Gebrauch von den Beinen. Auch wenn Acht trunkene Unsterbliche fortgeschrittene Energiearbeit umfasst, betont es hinsichtlich der Kraft und der Bewegung hauptschlich die Verlagerung des Krpergewichts und nicht so sehr die reine Energie- arbeit, die um Erfolg zu haben, keiner Schwungkraft durch Gewichts- verlagerung bedarf. Darum erlernt ein solcher Kampfknstler die exakte Wissenschaft der krperlichen Schwungkraft aus jedem nur mglichen Winkel der Krperbewegung: stehend, im Sprung und auf dem Boden. Er ist besonders gut darin, die Richtung des Krperschwungs auf ganz geringem Raum umzukehren. Dieses spezifische Interesse treibt die Aus- benden des Acht trunkene Unsterbliche dazu zu ben, bis sie aueror- dentliche Kontrolle ber die Bewegung ihres Krpergewichts im Raum er- langen, sowohl bei Projektionen wie dem Vorwrtsrollen, als auch wenn sie vorwrts, rckwrts oder seitwrts taumeln. Diese Bewegungen und andere, wie etwa das Wachsen und Schrumpfen, werden in Hinsicht dar- 353
  • 354. auf untersucht, wie Verschiebungen der Schwungkraft des Ausbenden dementsprechend die Schwungkraft und das krperliche Gleichgewicht des Gegners beeinflussen knnen. Diese przise Kontrolle des eigenen Raumes und des Raumes des Geg- ners erlaubt es den trunkenen Boxern, optische Tuschungen zu erzeugen und solche Tuschungsmanver sehr effektiv zu ihrem eigenen Vorteil einzusetzen. Ein anderer wichtiger Punkt der Gewichtsverlagerung ist die Fhigkeit, jeden Punkt am Krper - sagen wir einmal die Spitze ei- nes Ellbogens, den Kopf, das Dantien oder ein Knie - zum Angelpunkt der Balance und der Bewegung zu machen und willkrlich rasch von irgendeinem von vielen Angelpunkten zum nchsten berzugehen. Sol- che Manver erlauben es den trunkenen Boxern auszusehen, als seien sie vllig aus dem Gleichgewicht, whrend ihre Balance doch vollkommen ist. Auf diese Weise wird der Gegner in alle mglichen Fallen gelockt. Auf fortgeschritteneren Ebenen der Praxis ermglicht diese Fhigkeit den trunkenen Boxern, ihren Krper reibungslos in sich separat bewegende Teile, die doch durch einen gemeinsamen Faden des Gleichgewichts mit- einander verbunden sind, aufzuteilen. Das luft letztlich auf die Fhigkeit hinaus, die gesamte Kraft oder das Gewicht des ganzen Krpers in einen einzigen Teil des Krpers wie etwa eine Schulter oder einen Unterarm zu legen, oder sogar, was noch besser ist, in einen winzigen einzelnen Punkt wie etwa eine Fingerspitze. Diese Methode wird in den inneren Kampf- knsten hufig angewendet, allerdings sehr viel unsichtbarer und mit viel mehr innerer Kraft. In Acht trunkene Unsterbliche gibt es eine ganze Bandbreite von Chi- Techniken, die sowohl in getrennten Chi-bungen als auch in Formbe- wegungen entwickelt werden. Am Anfang ist der trunkene Boxer bemht, willentlich universelle gttliche Energie vom Himmel herab in seinen Krper zu ziehen. In der daoistischen Methode des Acht trunkene Un- sterbliche ist es eben dieses universelle Chi, das durch die Bewegungen der Praktizierenden fliet, welches sie trunken" macht. Dabei spielen weder echte Gefhle noch Schauspielerei eine Rolle. Ein Teil des Trai- nings ist darauf ausgerichtet, diese universelle Energie in jedes der drei Dantien des Krpers hineinzuziehen, sie zwischen den Dantien wie eine lebendige Kraft flieen zu lassen und sie dann aus jedem der Dantien in einen spezifischen Teil des Krpers zu schicken, wo sie eine bestimmte Wirkung haben soll. Die Chi-Arbeit der trunkenen Boxer lsst ihren Krper sehr leicht oder sehr schwer werden, und zwar allmhlich oder augenblicklich. Abstei- gende Energie wird benutzt, um das Chi abzusenken, was die Hnde des Praktizierenden sinken lsst, um durch die seines Gegners hindurch zu 354
  • 355. schlagen. Diese Schwere macht Verteidigungstechniken mglich, die den Angriff eines Gegners abwrgen, und sie legt unter Verwendung der Zen- trifugalkraft enorme Kraft in das Ende eines Hiebes. Bei dieser Technik vergrert die Leichtigkeit der Arme und des Krpers die Geschwindig- keit, whrend der trunkene Boxer seinen Hieb verstrkt, indem er die Hand am Schluss sehr schwer werden lsst. Die Kontrolle der Energie im Inneren des Krpers macht es dem Ausbenden mglich, sich schnell und eindrucksvoll auf und ab zu bewegen, vor und zurck, nach links und nach rechts und auerdem zu schrumpfen und zu einer Kugel zusam- menzufallen, um dann wieder zu wachsen und wie ein Blitz nach auen zu schnellen. Die Wandlung von Angriffswinkeln: Kreise, Spiralen, Dreirecke und Vierecke Wie schon angedeutet, knnen die Wandlungen, die als Bien Hua Aus- druck finden, sich sowohl auf Vernderungen krperlicher Angriffswinkel beziehen als auch auf Vernderungen in Ihrer eigenen Energie oder der des Gegners. Die technisch am weitesten entwickelten ueren/inneren Kampfknste in China aber auch in Indonesien und Japan benutzen die Techniken von Kreis, Spirale, Dreieck und Viereck. Gewhnlich werden diese Techniken dort jedoch nur in groen Bewegungen angewendet, die mehrere Zentimeter oder Dezimeter Raum zu ihrer erfolgreichen Ausfh- rung voraussetzen. Im Gegensatz dazu ist das Ba Gua aufgrund seiner Fhigkeit, das Innere des Krpers einzufalten und umzuformen, im Allge- meinen in der Lage, diese Winkel innerhalb krzester Distanz anzuwenden. Diese Ba-Gua-Techniken knnten eine beraus ntzliche Ergnzung etwa zum Aikido sein. Beim Ba Gua geht es um die acht grundlegenden Winkel der Annhe- rung an eine Person: von vorn, von hinten, von links und rechts (sowohl oberhalb als auch unterhalb der Taille), und aus den vier Diagonalen. Die Vernderung der Winkel ist eines der wichtigsten Anliegen. Wenn ein versierter Praktizierender des Ba Gua mit seinen Gegnern in Kontakt kommt, dann verndert er einen Winkel vielleicht nur geringfgig, ent- weder indem er geht oder indem er den Drachenkrper wendet oder das Handgelenk, den Ellbogen oder die Schultergelenke einklappt, so dass es aussieht, als bewegte er sich in drei Richtungen gleichzeitig. Mitten in 355
  • 356. Liu Hung Chieh und der Autor beginnen mit der Sparringpraxis des Ba-Gua- Kreisgehens. all diesen Richtungswechseln wird der Gegner getroffen, ohne dass er wsste, wie und von wo. Die rasche Vernderung der Winkel lsst einen Ba-Gua-Adepten pltzlich verschwinden und wieder auftauchen, was viele Menschen in China dazu veranlasst hat, das Ba Gua mit den Aktionen eines Gespensts zu vergleichen. Das Ba Gua Chang als Kampfkunst unterteilt den horizontalen Raum in acht Richtungswinkel, die man sich als persnliche (nicht geographische) Kardinalpunkte vorstellen kann, wobei Norden immer die Richtung ist, in die man schaut. Die acht Punkte bestehen aus den vier Hauptrichtungen (Norden, Sden, Osten, Westen) und ihren Diagonalen (Nordost, Sdost, Sdwest, Nordwest). Beim Kreisgehen kann man die Anwendung dieser verschiedenen Winkel in der Kampfkunst einben. Zuerst entwickelt man dabei ein Bewusstsein dieser Winkel. Als nchstes lernt man, wie man sich 356
  • 357. mit einem fest verwurzelten Bein nach hinreichender bung mit voller Geschwindigkeit und Kraft von einem dieser Kardinalpunkte in die sieben anderen Richtungen drehen kann. Die schnellen Richtungswechsel im Ba Gua sind mglich, weil jeder neue Schritt acht weitere mgliche Winkel der Bewegung erffnet. Dieses Konzept mag sich einfach anhren, es zu praktizieren ist allerdings nicht so leicht. Nachdem man durch das Kreisgehen ein Verstndnis fr die horizontalen Winkel erreicht hat, trainiert man durch die acht Hnde ein Gespr fr die Vertikale. Mit diesen verwendet der bende beim Kreisgehen vertikale auf und ab Bewegungen und entwickelt damit sein Verstndnis von Hhe und Tiefe. Indem er diese Dimensionen in seine Praxis inkorpo- riert, werden die Kampfwinkel im horizontalen kreisfrmigen Raum des Ba Gua Chang ganz betrchtlich in die drei Dimensionen einer Kugel hinein ausgeweitet. Die Ba-Gua-Kmpfer erreichen besonders mit den vorgeburt- lichen Praktiken ein kugelfrmiges 360 Grad Rundumgewahrsein des sie umgebenden Raumes und sind auch in der Lage, das Chi ber ihnen und im Boden unter ihnen wahrzunehmen. Kreise und Spiralen In allen Kampfknsten sind Kampfwinkel mehr oder weniger wichtig. Die meisten Kampfknste benutzen jedoch Winkel, die nur auf einer oder zwei Ebenen liegen. Dass man im Ba Gua mit Winkeln im dreidimensi- onalen Raum arbeitet, macht es mglich, die spiralfrmige Energie, die durch das Kreisgehen entwickelt wird, voll und ganz zur Anwendung zu bringen. Im Ba Gua Chang hat jeder Winkel eine Krmmung, auch wenn diese sehr geringfgig sein mag. Indem man diese spiralige Energie be- nutzt, kann man kraftvoll aus Winkeln angreifen, die Praktizierende der anderen Kampfknste meist nicht zu kontern wissen oder aus denen sie keinen Konter erwarten. Es mag so aussehen, als wrden die Angriffstechniken des Ba Gua ebenso wie seine Verteidigungstechniken nicht nur in einer gekrmmten, kreisfrmigen, spiraligen oder schlngelnden Linie, sondern auch in ge- rader Linie ausgefhrt. Doch im Ba Gua folgen die Bewegungen ebenso wie im Tai Chi fast nie einer geraden Linie. Sie sind zumindest geringfgig gekrmmt, auch wenn sie gerade aussehen. Was wie eine gerade Angriffs- linie aussieht, wird in Wirklichkeit von unsichtbaren inneren Spiralen her- vorgebracht, die vom Chi einer Person und der Verwindung ihres weichen OC7JDI
  • 358. Krpergewebes - der Muskeln, Bnder, Sehen und Faszien - verursacht werden. Auerdem kann eine spiralige und/oder kreisfrmige krperliche Bewegung durchaus gerade Linien der Projektion von Kraft hervorbringen. Eine hackende oder schneidende Aktion kann entsprechend der subtilen Bewegungen relativ gerade, gekrmmt oder spiralig sein. Ein Aufwrtshieb mit der Handflche kann folgendermaen aussehen: a) gerade; b) ge- krmmt; c) gerade aus einem kleinen Kreis hervorkommend; d) gekrmmt aus einem kleinen Kreis hervorkommend; und e) spiralig. Scheinbar ge- radlinige Angriffe knnen auch die bertragung von Kraft in eine der Bahn des Angriffs entgegengesetzte Richtung enthalten. Kreise, Spiralen und gerade Linien knnen miteinander wechselwirken und innerlich wie uerlich miteinander kombiniert werden. Dreiecke und Vierecke Der nchste wichtige Aspekt der Bewegungen und der Strategie im Ba Gua ist die Verwendung von Dreiecken und Vierecken. Ebenso wie gerade Linien mit Kreisen und Spiralen wechselwirken und mit diesen kombiniert werden knnen, knnen auch die geradlinigen Komponenten eines Dreiecks oder Vierecks diese kreisfrmigen oder spiraligen Eigenschaften besitzen. Das Dreieck wird hauptschlich dazu benutzt, die Kraft aus zwei Punkten des Krpers auf einen dritten Punkt auszurichten oder um einen Kraftvektor zu erzeugen. So kann zum Beispiel Kraft, die ihren Ursprung in den Punk- ten A und B hat, in einen Punkt C zusammengefhrt werden, oder sie kann eine Kraftlinie von Punkt C zu Punkt D erzeugen. Diese Dreiecksgestalt kann verschiedene Formen annehmen: a) die Kraft Ihres Gegners trifft Ihren linken Arm und wird auf einer dreieckigen Bahn in Ihren rechtren Arm umgelenkt; b) Sie fhren Kraft aus Ihren linken hinteren Bein und Ihrer rechten Hand dreiecksfrmig zusammen; oder c) Sie fhren Kraft aus Ihrem rechten vorderen Bein und Ihrer rechten oder linken Fhrhand dreiecksfrmig zusammen. In einem solchen Fall werden Angriff oder Verteidigung mit den Armen und Beinen in einem Winkel zwischen 30 und 75 Grad ausgefhrt. Winkel von 45 Grad sind dabei am hufigsten, 30 oder 60 Grad sind die zweithufigsten. Das Viereck wird angewendet, wenn man sich in Zickzackmanier be- wegt, zur Seite, dann vorwrts und dann wieder zur Seite. Dabei knnen Sie mit Ihrem Gegner in Kontakt bleiben oder sich ganz von ihm lsen und sich zur Seite bewegen, wo die Kraftlinien Ihres Gegners Ihre Bewegungs- 358
  • 359. freiheit nicht beeintrchtigen oder Sie sich fr einen sofortigen Gegenan- griff in Stellung bringen knnen. Von diesem unbehinderten Raum aus knnen Sie dann den Gegenangriff starten. Die Dreiecksmethoden zielen im Allgemeinen daraufhin, die Kraftlinie eines Gegners zu durchkreuzen, sie zu stoppen und dann zu kontern. Die Viereckmethoden sind gewhn- lich dazu gedacht, den Kraftlinien eines Gegners oder einem drohenden Angriff aus dem Weg zu gehen und dann in einem Winkel von 90 Grad anzugreifen. blicherweise wechselt man andauernd zwischen Dreieck und Viereck hin und her, oft auf einem Raum von weniger als einem Viertelmillimeter45 , so dass diese stndigen Vernderungen den Gegner total verwirren. Diese Verschiebungen werden mit schnellen Drehungen in der Taille, dem Einknicken von Gelenken und schneller Fuarbeit mit Vorwrts- und Rckwrtsbewegungen sowie mit schnellem Absenken und Anheben des Krpers kombiniert. Wenn man all dies in Betracht zieht, dann fllt es leicht, sich vorzustellen, wie das Ba Gua einen Gegner durch seine Unvorhersehbarkeit und seine Fhigkeit, Kraft aus unerwarteten Winkeln zu projizieren (was zu seinen Spezialitten gehrt), verwirren kann. Sparringbungen Wie im Tai Chi und im Hsing-I entwickelt man auch im Ba Gua seine Kampffertigkeiten durch eine methodische Abfolge von Solobungen und bungen mit Partnern. Wie schon erwhnt, ist im Ba Gua das Kreisgehen unter Ausbung der 16 grundlegenden Energiepraktiken des Nei Gung die wichtigste aller bungen zur Entwicklung der Kraft fr die Kampfkunst. Wird dies mit dem Halten von Posituren, Solobungen und der bung der Hnde (Palm Changes) kombiniert, dann lsst sich das Ba Gua damit als krperliche, energetische und spirituelle Kunst voll verwirklichen. Auch wenn die Solobungen allein schon zu einer gewissen Kompetenz als Kmpfer fhren knnen, ist es doch fr jemanden, der das Ba Gua als Kampfkunst voll ausschpfen mchte, unerlsslich, diese Solobungen durch ganz spezifische bungen mit einem Partner zu ergnzen. Es gibt einfach keinerlei Ersatz fr die Arbeit mit einer anderen Person. Zu den Techniken der Einbungen von Anwendungen fr zwei Personen gehren: 1. Rou Shou; 2. Kreisgehen mit zusammengelegten Handflchen, wobei 45 Auf dieser Ebene des Knnens sind Sensibilitt fr Berhrung, Zentrierung, die Fhigkeit, an den Armen des Gegners zu kleben und schnelle, geschmeidige Hftbewegungen wesentliche Voraussetzungen. 359
  • 360. man sowohl abgesprochene als auch spontane Angriffe und Verteidigungen einbt; 3. Angriffe und Verteidigungen aus naher, mittlerer und weiter Dis- tanz (sowohl abgesprochen als auch spontan); und 4. Freistil-Sparring. Rou Shou, die weichen Hnde" Eine der wichtigen Kampfkunstpraktiken im Ba Gua ist das Rou Shou, was weiche Hnde" bedeutet. In den verschiedenen Schulen des Ba Gua wird das Rou Shou in unterschiedlichen Formen verwendet. Die wichtigsten Ziele der bung des Rou Shou sind: 1. Schulung der Sensibilitt und Lebendigkeit der Berhrung; 2. berwindung der Tendenz, whrend des Kampfes zu erstarren oder berzureagieren; 3. (wie im Push Hands des fai Chi) Entwicklung der Fhigkeit, die Taille und die Armgelenke a) zu verwurzeln, b) einzuknicken und zu verdrehen, und c) die Federung in den Beinen fr die vertikale und horizontale Bewegung zu entwickeln; 4. einen sicheren und praktischen Rahmen zur Verfgung zu stellen, in dem, ohne dass es zum tatschlichen Kampf kommt, realistische Kampftechniken und KampfWinkel entwickelt werden knnen. Das Rou Shou knnte fr Ausbende des Tai Chi von unschtzbarem Wert sein, weil es eine natrliche Brcke zwischen dem Push Hands (das an sich fr die praktische Selbstverteidigung nicht ausreichend ist) und dem Sparring darstellt. Diese sichere Methode des bergangs fehlt bedauerli- cherweise in den meisten heutigen Schulen des Tai Chi. In der Vergangen- heit war das Rou Shou bei den Ba-Gua-Schulen in Tianjin sehr beliebt, whrend es von den Schulen in Beijing weniger gebt wurde. Wie das Push Hands des Tai Chi, das Randori im Judo und Aikido und die klebenden Hnden im Wing Chun46 sowie allen Formen des Ringens, wird das Rou Shou mit einem Partner ausgefhrt. Wie auch das Push Hands des Tai Chi, entwickelt das Rou Shou Ihr Vermgen, sich zu verwurzeln, whrend Sie 46 Zu den anderen bekannten Kampfkunst-bungen fr zwei Personen gehren: 1. bungen mit zusammengelegten Hnden im Penchat/Silat; das Kaki Te des Goju- Karate; die bungen mit zusammengelegten Hnden in den meisten sdchinesischen Kung-Fu-Systemen der kurzen und mittleren Hand sowie den nordchinesischen Systemen der langen Hand. Hinzuzhlen msste man alle Systeme, in denen man durch die krperliche Berhrung der Arme in die Lage versetzt wird, einen Gegner zu kontrollieren und zu besiegen. 360
  • 361. versuchen, die andere Person aus dem Gleichgewicht zu bringen. Aller- dings unterscheidet sich das Rou Shou insofern vom Push Hands, als man dabei versucht, den Partner zu schlagen und ihn nicht nur zu stoen oder zu drcken (engl.: push). Wenn man mchte, kann man natrlich stoen, aber dies ist nicht das primre Ziel. Das Stoen ist vielmehr nur eine unter vielen Mglichkeiten, wozu auch Hebel, Hiebe mit der leeren Hand, Wrfe, Beinfeger und schlielich auch das Zeigen" auf den Krper (d. h. das Dian Xue oder Dim Mak) gehren. Das Rou Shou gleicht den klebenden Hnden des Wing Chun insofern, als es in beiden Praktiken darum geht zu schlagen, aber darber hinaus sind die Unterschiede betrchtlich. Die Angriffswinkel des Wing Chun sind ziemlich linear, whrend das Rou Shou kreisfrmig und sphrisch ist. Auerdem sind die Hnde im Rou Shou gewhnlich geffnet, whrend in den klebenden Hnden Fausthiebe vorwiegen. Diese Praxis wird deshalb weiche Hnde" genannt, weil man dabei ganz bewusst die Handgelenke entspannt und die Hnde weich hlt. Das gestattet es, den Partner krftig zu schlagen, ohne ihn zu verletzen. Den- ken Sie stets daran, dass die Sicherheit Ihres Partners hchste Prioritt besitzt.47 Wird ein Partner verletzt, so kann er vielleicht nicht weiter mit Ihnen ben. Wenn sie ihm wehtun, dann werden auerdem unntige Hass- gefhle geweckt. In unserer heutigen Gesellschaft sollte man auch deshalb Verletzungen vermeiden, weil man am nchsten Tag zur Arbeit gehen und seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Die Abfolge des Trainings Rou Shou steht in der Mitte zwischen dem Ba Gua als Solobung und dem Ba Gua als Kampfkunst. Beim Rou Shou schreitet man von einer sehr strukturierten und sanften Interaktion mit dem Partner zu einer frei flie- enden kontrollierten Gewaltanwendung fort (bei der keine Verletzungen zugefgt werden). Die Praxis des Rou Shou schreitet ganz methodisch voran, wobei eine Ebene des Knnens auf der anderen aufbaut. Haben Sie es also nicht zu eilig damit, zur nchsten Ebene voranzuschreiten. Es ist wie beim Bau eines Hauses: Das Fundament muss fest sein, damit der ganze Bau stabil ist. Andererseits sollten Sie aber auch nicht fr mehrere 47 Professionelle Kampfknstler, Wachpersonal, Leibwchter, Polizisten, Gangster und Soldaten trainieren gewhnlich mit grerer Hrte, weil sie mit dem Kmpfen ih- ren Lebensunterhalt verdienen und mangelhaftes Knnen sich als tdlich erweisen kann. 361
  • 362. Jahre auf einer Ebene der bung stecken bleiben. Das Rou Shou ist (ebenso wie das Push Hands im Tai Chi) ein Mittel zum Zweck (der Fhigkeit, sich selbst zu verteidigen) und kein Selbstzweck. Wenn Sie mit dem Rou Shou beginnen, sollten Sie Ihre Fe nicht bewegen. Verlagern Sie Ihr Gewicht unter Verwendung einer Bogen-Stand- positur hin und her von einem Bein auf das andere. Halten Sie Ihre Arme in einem groen vertikalen Kreis vor Ihrem Krper. Dann bewegen Sie Ihre Arme kreisfrmig, um ein Gefhl fr Ihren Krper als Kugel zu be- kommen. Lockern Sie den Krper, whrend Sie das Krpergewicht vor und zurck verlagern. Verdrehen Sie die Taille und die Beine, whrend Sie sich bewegen. Sie und Ihr Partner knnen nun die Handgelenke zusammenle- gen, whrend sie sie weiter in groen Kreisen bewegen. bernehmen sie beide dabei abwechselnd die Fhrung, wobei der Folgende leicht an den Handgelenken des Fhrenden klebt. Machen Sie all Ihre Bewegungen leicht und kreisfrmig. Vermeiden Sie jegliche Unterbrechung Ihrer Bewegung, whrend Ihre Arme mit der Zeit immer mehr beginnen, sich spiralig um den Unterarm Ihres Partners herumzuwinden wie ein Korkenzieher. Das Rou Shou hat einen vllig anderen Charakter als das Push Hands. Es besitzt eine sehr deutliche Yang-Qualitt. Es macht einen soliden und zupackenden Eindruck. Doch die im Tai Chi erlernten Fertigkeiten (Fa Jin, Verwurzeln, Nachgeben, Kreisfrmigkeit der Bewegungen, Einknicken der Gelenke und Biegsamkeit des Krpers) sind eine ausgezeichnete Grundlage fr die Praxis des Rou Shou. Andererseits wird das Rou Shou Ihr Tai Chi deutlich verbessern und dem Push Hands des Tai Chi interessante und lehrreiche neue Dimensionen hinzufgen. Auch fr Ausbende des Aikido, die ihr Chi strken und ihre Fertigkeiten im Aikido auf der groben wie der subtilen Ebene verbessern mchten, kann das Rou Shou sehr wertvoll sein. Wenn sie richtig ausgefhrt werden, knnen die schlangenartigen Bewegungen des Rou Shou unglaublich schn anzusehen sein. Versuchen Sie in der Anfangsphase des Rou Shou nicht anzugreifen oder zu verteidigen. Erst wenn Sie diese erste Phase lange Zeit gebt haben, knnen Sie mit ganz behutsamen Angriffen und Verteidigungen begin- nen. Bewegen Sie Ihre Arme dabei weiterhin spiralfrmig, kleben sie am Handgelenk Ihres Partners und verlagern Sie das Gewicht vor und zurck. Fhlen Sie, wie Ihre eigene Energie und die Ihres Partners fliet, wie sie anschwillt und abebbt. Wo kommt die bei Ihnen ankommende Energie Ihres Partners her? Auf welchen Bahnen bewegt sie sich? Wohin zielt sie? Wie knnen Sie diese Energie umlenken, sie verndern, sie absorbieren oder sie 362
  • 363. (3) Der Autor dreht sich erneut in der Taille, um mit einem Hieb zum Nacken anzugreifen; die Bewegung knnte sich zu einem Wurf fortsetzen. (2) Whrend der Angreifer versucht, rckwrts zu entkommen, drngt der Autor die Arme des Angreifers auseinander und kontrolliert sie, indem er einen Arm nach oben und den anderen zur Seite drckt. ROD SHOl) (1) Der Autor (rechts) dreht sich in der Taille und verteidigt sich, indem er den Angreifer aus dem Gleichgewicht bringt und ihn nach vom lenkt. Beachten Sie, dass die untere Hand des Autors bereit ist, den Angreifer gegen die Rippen zu schlagen. Dieser Hieb wrde durch eine weitere Drehung in der Taille erzeugt. 363
  • 364. umgehen? Und was machen Sie mit Ihrer eigenen Energie, um mit Ihrem Partner in Kontakt zu kommen? Wie verndern Sie Ihre Energie, um auf die Verteidigung des Partners zu reagieren? Welche Winkel funktionieren und welche nicht? Bei welchen Winkeln ist Ihre wirkende Kraft stark, schwach oder neutral? Kommt der Angriff/die Verteidigung schwach oder mit starker Energie an? Welche Abfolge von Aktionen und Reaktionen fuhrt zu einer Bresche? Ba-Gua-Praktizierende versuchen nicht, gewaltsam durch die Arme eines Gegners hindurchzubrechen. Der Schlssel zu einem erfolgreichen Angriff ist fr sie, eine deutliche Bresche in der Verteidigung des Gegners zu erzeugen - so etwas wie ein Loch in einem Hemd, das es einer Mcke erlaubt zuzustechen. Im Falle des Ba Gua lsst bereits eine Lcke von der Gre eines Moskitos einen Tiger zum Biss kommen. Fr den Schler auf einer mittleren Ebene des Trainings ist der wichtigs- te Punkt, dass er seine Techniken immer rund hlt, so dass er ohne Pausen, die durch Trgheit, emotionales Erstarren oder krperliche Spannung ver- ursacht werden, flssig von einer Technik zur nchsten bergehen kann. So entwickelt man die Fhigkeit, ruhig zu bleiben und unter Druck nicht zu erstarren. Da man einen Gegner letztlich berhren muss, damit eine Kampftechnik wirksam ist, beginnt im Rou Shou der Prozess der Wand- lung an dem Punkt, an dem Ihr Krper den Ihres Gegners berhrt - also gewhnlich irgendwo an einem Arm. Das Rou Shou stellt eine Brcke dar zwischen dem Wahren einer Distanz und dem Schock aufeinander pral- lender Krper, dem Werfen und Hebeln. Rou Shou ist insofern eine sehr praxisorientierte bung, als es Ihnen erlaubt, Ihren Partner oder Gegner mit Geschwindigkeit und Kraft zu schlagen. Es kann Ihren Krper auch an den Schock gewhnen, geschlagen oder abgeblockt zu werden. Wenn Sie sich nicht daran gewhnen, kann es sein, dass sie in einem wirklichen Kampf pltzlich erstarren wie ein Kaninchen bei Nacht im Scheinwerfer- licht eines Autos. Die bung des Rou Shou entwickelt Ihr Vermgen, sich zu bewegen und schlielich auch zu kmpfen. Whrend Sie Ihren Krper drehen und wenden, sollten Sie auch Ihre Wirbelsule und Ihre Gelenke sowie die Hhlungen Ihres Krpers ffnen und schlieen. Ebenso wie im Tai Chi und im Hsing-I, macht dieses ffnen und Schlieen es Ihrem Krper mglich, wie eine krftige Sprungfeder zu agieren, die Energie zu absorbieren und sie wieder freizusetzen. Es erlaubt Ihnen auch, sich mit groer Leichtigkeit auf und ab zu bewegen, was fr Angriff und Verteidigung von entschei- dender Wichtigkeit ist. Das Drehen und Wenden von Armen, Beinen und 364
  • 365. Krper ist notwendig, um eine auf uns zu kommende Kraft abzulenken. Oft scheinen die Hnde und die Taille sich in verschiedene Richtungen zu bewegen, was zu tuschenden Angriffswinkeln fhrt, die die meisten Menschen nicht fr mglich halten wrden. Mit der Zeit sollten Sie die Grenzen Ihrer Rou-Shou-Praxis immer weiter ausdehnen. ben Sie mit so vielen verschiedenen Partnern wie mglich Rou Shou. Jede einzelne Person wird ganz individuelle krperliche, energeti- sche und emotionale Eigenschaften aufweisen. Bei jeder Form der bung knnen Sie und Ihr Partner sich darauf einigen, welche Art von Rou Shou sie zusammen ben wollen. Sie knnen zum Beispiel die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen oder die Kraft ihrer Hiebe variieren. Haben Sie Spa dabei! Stellen Sie einfach nur sicher, dass jede Eskalation langsam und in Einklang mit der Entwicklung Ihrer Fhigkeiten und der Ihres Partners vollzogen wird, denn in einem unkontrollierten Sparring kann man ernst- hafte Verletzungen erleiden. Es ist nicht gerade eine weise Strategie, sich beim Erlernen von Selbstverteidigung bleibende Verletzungen zuzuziehen. Aus diesem Grunde wurden die bungen fr zwei Personen entwickelt. Rou Shou braucht nicht schwchlich" und ohne krperliche Kraft zu sein. Sie knnen sich dabei durchaus blaue Flecken zuziehen, aber natrlich wollen Sie nicht ben, Ihr Chi zu strken und Ihre Gesundheit, Kraft und Ihre Kampffertigkeiten zu verbessern, indem Sie sich und Ihrem Gegner Verletzungen zufgen. Es stellt bereits eine betrchtliche Eskalation des Rou Shou dar, wenn Sie Ihren Fen erlauben, sich zu bewegen. Auf diese Weise beginnen Sie Ihre Fuarbeit zu trainieren und die Koordination von Fen, Hnden und Krper einzuben. Eine weitere Eskalation besteht darin, dass Sie die Kraft Ihrer Hiebe vergrern, so dass Ihr Partner heftigere Treffer einstecken muss. Wenn Ihre Techniken die Fhigkeit einschlieen, sich in der Hfte zu biegen, dann gibt Ihnen das nicht nur die ntige Flexibilitt fr Hiebe mit der Handflche, sondern auch die Mglichkeit, den Krper Ihres Part- ners ziemlich heftig zu treffen, ohne ihm jedoch Verletzungen zuzufgen. Abhngig davon, ob Ihr Handgelenk und Ihre Handflche weich oder hart sind, kann derselbe Hieb entweder unangenehm", sehr schmerzhaft, potentiell verletzend oder gar tdlich sein. Unangenehm" ist aber vllig ausreichend, damit Sie und Ihr Partner einen Treffer verzeichnen knnen. Alles, was unter dieser Schwelle liegt, mag die Frage offen lassen, was wirklich geschehen ist, und Sie lernen dabei nicht, auf realistische Weise zu agieren und zu reagieren. Wenn Sie die Hrte eskalieren, kann es leicht 365
  • 366. dazu kommen, dass negative Gefhle entstehen. Dies ist ein realistischer Testfall dafr, ob Sie wirklich einen stillen, meditativen Geist besitzen. Wenn Sie lernen, auch bei zunehmender Hrte weiterhin entspannt zu bleiben, so ist das auch von unschtzbarem Wert fr die Entwicklung der Fhigkeit, mit dem Stress umzugehen, der durch eine Aggression oder einfach den Zeitdruck in unserem gehetzten Alltag entsteht. Solange Sie nicht eine fortgeschrittene Ebene der Praxis erreicht haben, sollten Sie dem Rou Shou keine Tritte hinzufgen. Ihre Verwurzelung muss dazu sehr gut entwickelt sein. Haben Sie keine gute Verbindung zur Wur- zel, dann geraten Sie krperlich und energetisch aus dem Gleichgewicht, wenn Sie treten. Statt durch die Ausfhrung einer neuen Tritttechnik etwas hinzuzugewinnen, werden Sie etwas verlieren, weil Sie ein Haus ohne stabiles Fundament bauen. Das wird es Ihrem Partner leicht machen, Sie umzuwerfen. Das Rou Shou entwickelt Ihre Fhigkeit, sich in Reaktion auf die Aktio- nen Ihres Partners blitzschnell zu verndern. Wenn Sie mit dem Rou Shou beginnen, mgen Ihr Gewahrsein des eigenen Chi und Ihre Sensibilitt fr die Energie Ihres Partners noch ziemlich begrenzt sein. Machen Sie sich keine Gedanken deshalb und haben Sie Geduld. Mit der Zeit werden Ihr Gewahrsein und Ihr Vermgen, die Bewegungen Ihres Partners zu erspren, zunehmen. Wenn Sie das Rou Shou ben, wird das Ihre Fhigkeit vergr- ern, das Chi in Ihrem Krper zu lenken und es zum Zweck des Kampfes einzusetzen. In den Anfangsphasen des Rou Shou sind Sie in stndigem Kontakt mit Ihrem Partner. Das macht es Ihnen mglich, den Krper und die Energie des Partners direkt zu fhlen. Nachdem Sie jedoch eine Zeit- lang Rou Shou praktiziert haben, knnen Sie Abstand von Ihrem Partner nehmen, so dass Sie auf Distanz ein Verstndnis oder ein Gefhl fr die Energie Ihres Partners entwickeln knnen, ohne ihn zu berhren. Damit beginnen Sie, eine Brcke zwischen dem Rou Shou und dem praktischen Kmpfen herzustellen. Sie werden herausfinden, dass die Ent- fernung zwischen Ihnen und Ihrem Gegner mit zunehmender Sensibilitt keine groe Rolle mehr spielt. Sie weiten Ihren Geist aus und knnen nun den Krper einer anderen Person spren und sich dementsprechend be- wegen. In diesem Stadium ist es wichtig, dass Sie beginnen, Angriff und Verteidigung auf nahe, mittlere und weite Distanz zu ben. Hier beginnen Sie nicht mehr mit der Berhrung, sondern berbrcken die Distanz mit einer der aus den Formbewegungen abgeleiteten praktischen Methoden. Auf den hheren Ebenen des Schulung im Ba Gua gibt es sehr ausgefeilte 366
  • 367. Angriffe und Verteidigungen, welche Ihre Fhigkeit entwickeln, in die Angriffs- und Verteidigungsaktionen Ihres Gegners einzugreifen, indem Sie Fhigkeiten und Sensibilitten ins Spiel bringen, die Sie durch das Rou Shou erlangt haben. Portrait eines Meisters der innere Kampfkunst Liu Hung Chieh - die Kunst in hchster Vollkommenheit Mein letzter Lehrer in Chi- na, Liu Hung Chieh, war ein Meister des Ba Gua, des Tai Chi und des Hsing-I sowie der daoistischen Meditation. Auerdem war er ein Meis- terkalligraph und klassischer chinesischer Gelehrter, der zudem das volle Wissen der Theorie der chinesischen Medizin besa. Wenn ich das Kreisgehen bte, dann war Liu in der Lage, auf der geistigen Ebene einen Kontakt mit meinem Krper herzustellen und mich durch die Kontrolle der Energie in meinem Krper buchstblich durch den Raum zu bewe- gen. Er vermochte dies zu tun, wenn er entweder mit mir bte, wenn er in Medita- tion sa oder, am kraftvolls- ten, wenn er Kalligraphie bte, was er jeden Tag tat. Wenn er schrieb, war das wie in den Geschichten ber die alten Daoisten, die durch das Schreiben von Talismanen mystische Geschehnisse bewirken konnten. Manchmal, wenn er mich mit seinem Chi bewegte, war mir, als senkte sich ein Nebel vom Himmel auf mich herab, seltsamerweise ein Nebel, der schwer zu wiegen schien. Ich hatte zuerst das Gefhl, dass dieser Nebel 367
  • 368. mich ganz ausfllte, und dann bewegte mich etwas durch den Raum. Bei anderen Gelegenheiten hatte ich das Gefhl, als versuchte ich durch eine dicke Wand aus Schlamm hindurchzugehen. Es war unglaublich. Durch die Kalligraphie wurde Lius Kraft wie mit einer Linse fokussiert. Liu erzhlte mir, dass sein Lehrer Ma Shr Ching mit Schwertern oder mit der leeren Hand zu ben pflegte, whrend Tung Hai Chuan in Meditation sa. Tung korrigierte Ma dann mit geschlossenen Augen und sagte ihm, was er tun solle. Wenn Liu das mit mir machte, konnte ich fhlen, wie seine Energie in meinem System aufwallte. Er brauchte nichts zu sagen, seine Energie kam einfach bei mir an. Zu seiner Lehrmethode gehrten auch einige krperliche Korrekturen und Unterweisungen, aber er arbei- tete hauptschlich mit solchen Chi-bertragungen. Da ich bereits solch umfangreiche Erfahrungen mit krperlichen Bewegungen und den Tech- niken der Kampfknste gesammelt hatte, konzentrierte Liu sich darauf, mir zu zeigen, wie meine innere Energie flieen sollte, indem er seine eigene Energie anwendete und sie in meinen Krper bertrug, whrend ich Solobungen machte. Er trainierte mich auch in den freien Kampf- kunst-Handtechniken sowie in der Heilmethoden der Chi-Gung-Therapie des Ba Gua und im Tui Na, einer Form von Krperarbeit (siehe Seite 422). Wang Shu Jin, Hung I Hsiang und Liu Hung Chieh besaen alle eine unglaubliche Kraft. Alle drei waren fhig, Energie freizusetzen (Fa Jin), mit der sie einen Gegner mhelos und schmerzlos entwurzeln und selbst die strksten Mnner mehrere Meter in jede gewnschte Richtung davon- schleudern konnten. Sie besaen auch die Fhigkeit, einen Gegner ohne offensichtliche Kraftanstrengung zu berhren und ihre Energie in seinen Krper zu projizieren, um dort, wenn es ntig war, Schmerzen auszulsen oder eine Verletzung zuzufgen. Liu besa darber hinaus auch die F- higkeit, mit derselben leichten Fa-Jin-Berhrung zu heilen. Liu besa die meiste Kraft von den dreien. Es mag schwer fallen, das zu glauben, denn Liu wog weniger als 50 Kilo, whrend Hung ber 100 Kilo wog und Wang sogar um die 130 Kilo. An einem meiner ersten Tage bei Liu fragte Liu mich nach meinem Kampfkunsthintergrund. Er meinte, ich she gro und stark aus, was auch stimmte, da ich ber 90 Kilo wog. Er machte einen kleinen Test mit mir: Er stand auf, nahm mit der Hand die Positur der Ersten Hand (Single Palm Change) ein und forderte mich auf, seine Hand zu bewegen. Ich war nicht dazu fhig. Auch unter Aufwendung all meiner Kraft und trotz al der F- higkeiten und Krfte, die ich in zwanzig Jahren des Kampfkunsttrainings erworben hatte, vermochte ich nicht einmal einen seiner Finger zu bewe- gen. Genau wie Wang gesagt hatte, meinte auch Liu, es sei wichtiger, Chi zu besitzen, als ber Gre, Jugend oder Kraft zu verfgen. 368
  • 369. Liu kam aus einer reichen Familie. Er war ursprnglich ein eher schwch- licher junger Mann gewesen, der sich auf das Studium des Konfuzianis- mus konzentrierte. Er promovierte sogar an der Universitt von Beijing, was zu seiner Zeit fr einen knftigen Meister der Kampfkunst eher un- gewhnlich war.48 Da er in seiner Jugend so zart besaitet war, sagte Liu sich, er knne in seinem spteren Leben leicht gesundheitliche Probleme bekommen, wenn er nichts zur Strkung seines Krpers tte. Anders als viele andere knftige Meister der Kampfkunst, kam er nicht vom Lande oder aus der Arbeiterklasse, wo man seinen Krper durch harte krper- liche Arbeit krftigte. Da er genauso stark sein wollte wie die meisten seiner mnnlichen Altersgenossen und da er ein begeisterter Leser der Kampfkunstromane jener Zeit war, bat er seine Eltern um Erlaubnis, die Kampfkunst zu studieren. Liu kam aus einer Familie, die schon seit vielen Generationen rzte der traditionellen chinesischen Medizin hervorgebracht hatte. Deshalb woll- ten seine Eltern, dass Liu sein Chi und sein Blut strkte und aus eigener krperlicher Erfahrung die Grundlagen der chinesischen Medizin kennen lernte. Auerdem meinten sie, dass es in ihrer politisch instabilen Zeit durchaus ntzlich sein knnte, sich gegen physische Gewalt verteidigen zu knnen. Deshalb erfllte seine Familie ihm seinen Wunsch, als Liu elf Jahre alt war. Sie brachten ihn zum Training zu einem angesehenen Meister des Systems der Kampfkunst des Sechs-Kombinationen-Stils des Nrdlichen Shaolin. Lius Situation hnelte damals der der meisten heu- tigen amerikanischen oder europischen Stadtbewohner aus der Mittel- schicht oder Oberschicht, die eine Kampfkunst erlernen mchten. Er wid- mete sich der Kampfkunst mit groem Enthusiasmus und machte schnell Fortschritte, da er sehr eifrig bte. Bald war sein Meister der Ansicht, er habe die Grundlagen der Kunst trefflich erlernt. Er meinte auch die Ver- antwortung zu haben, einen talentierten Schler wie Liu an einen Meister mit greren Fhigkeiten weiterzugeben, bei dem Liu eher sein volles Potential ausschpfen knnte. Also brachte Lius Shaolin-Lehrer ihn zu der letzten intakten Schule der ursprnglichen Ba-Gua-Tradition Beijings. Dies war die Schule von Cheng Ting Hua in Chang Wen Men Wai Hua Shi, wo es die grte Versammlung von Ba-Gua-Praktizierenden in Beijing gab. Liu wurde von Cheng Ting Huas Sohn You Lung formell in die Linie eingefhrt. 48 In den spten Tagen der Ching-Dynastie und in der frhen Zeit der chinesischen Republik waren die meisten der allgemein bekannten Meister der inneren Kampfknste Menschen von minimaler formeller Erziehung; einige von ihnen waren sogar Analphabeten. 369
  • 370. Mit seinen vierzehn Jahren war Liu die letzte Person, die zu der ursprng- lichen Ba-Gua-Schule zugelassen wurde. Der nchstjngste Schler war 30 Jahre alt. Hier kamen nicht nur die Schler zusammen, die sich im Cheng-Stil schulten, sondern auch Praktizierende aller anderen Stile des Ba Gua, um miteinander zu ben. Die jngeren Schler wurden von lte- ren Praktizierenden unterrichtet, die manchmal dreiig oder vierzig Jahre lter waren und schon seit Jahrzehnten Ba Gua praktiziert hatten. Liu lernte nicht nur den Cheng-Ting-Hua-Drachenstil, sondern auch den Yin- Fu-Weidenblatthand-Stil. In einer groen Trainingshalle nahmen sich die einzelnen lteren Sch- ler jeden Abend einen jngeren Schler vor, um mit ihm zwei bis drei Stunden lang die Technik des Gehens zu trainieren. Von jedem Schler erwartete man, dass er am Vormittag allein fr sich das bte, was er am Abend zuvor gelernt hatte, und Liu tat genau das. Nach der Soloarbeit machte Liu bungen mit einem Partner, sowohl mit der leeren Hand als auch mit Waffen, und praktizierte zudem Sparring. Jeden Abend ging Liu nach Beendigung seiner Schularbeiten in die Kampfkunstschule. Das ging zweieinhalb Jahre so weiter, bis die Schule aufgelst wurde. Liu verbeugte sich formell vor Cheng You Lung und Cheng unterwies ihn. Da Liu jnger war als alle anderen Besucher der Schule, wurde er zu deren Maskottchen. Chinas erster nationaler Vollkontakt-Kampfkunst-Wettbewerb in Nanjing im Jahre 1921 370
  • 371. Er bekam von vielen der lteren Schler Einsichten und bungsmethoden bermittelt. So wurde er auch in das Hsing-I Chuan eingefhrt und be- gann es zu ben. Diese Schule war in der Tat eine Arena, in der sich die besten Ba-Gua-Praktizierenden aus ganz Beijing trafen. Nachdem die Schule aufgelst worden war, lernte Liu noch fr ein weite- res Jahrzehnt bei den Praktizierenden, die er in der Schule getroffen hatte. Ju Wen Bao unterrichtete Liu anfangs in den Meditationstechniken des Ba Gua. Die Person, von der Liu nach eigener Aussage jedoch das meiste ber die Meditation und die Chi-bungen des Ba Gua lernte, war Ma Gui (Ma Shr Ching). Ma war einer der besten vier Schler von Tung Hai Chun und nahm offiziell keine Schler an. Doch Ma mochte Liu und fhrte ihn deshalb in die Energiearbeit auf hherer Ebene ein, die er bei Tung gelernt hatte. Ma war damals bereits ziemlich alt und liebte es zu trinken, und er meinte, es sei ein Jammer, dass er Liu nicht schon in jngeren Jah- ren begegnet sei. Liu sagte stets, seine Ba-Gua-Bewegungen seien zwar grundstzlich die der Cheng-Schule, er habe die meisten Aspekte seiner inneren Chi-Arbeit aber bei Ma Gui gelernt. Liu erzhlte mir, es habe vor 1928 eine sehr aktive Kampfkunstgemein- schaft in Beijing gegeben, die aus Menschen bestand, die das Gung Fu wirklich verstanden und die die Kampfkunst tatschlich anzuwenden Der Pfeil zeigt auf Liu Hung Chieh. 371
  • 372. wussten. Er meinte, es habe auch viele gegeben, die nur herumspielten und die kein Gung Fu besaen, aber er habe etwa 200 Praktizierende gekannt, die es tatschlich hatten". Das waren diejenigen, um die sich Legenden rankten, und jeder von ihnen vermochte das Potential seines Gung-Fu-Systems zu manifestieren. Heutzutage findet man eine solche Masse an Knnen nicht mehr an einem einzigen Ort konzentriert. hnlich wie es im Paris der 1920er Jahre einen Boom der Knstler und Literaten gab, war diese ra das Goldene Zeitalter der Kampfknste in Beijing. 1928 fand das erste moderne Turnier der Kampfknstler auf nationaler Ebene in China statt. Liu Hung Chieh war bei diesem Turnier der Vertreter seiner Pekinger Schule. Damals war auer Hieben in die Leistengegend, die Augen und gegen die Kehle alles erlaubt. Die Wettkmpfe waren au- erordentlich brutal und mussten nach zwei Tagen abgebrochen werden, da man frchte, es wrde zu viele Tote und Verkrppelte geben. Es gab so viel Gewalt, dass man bereits nach der Hlfte des Turniers den Gewinner einfach durch Abstimmung bestimmte. Die Entscheidung fiel zugunsten der Hsing-I-Schule. Obwohl die Ausbenden der Ba-Gua-Schule genauso viel Schaden htten anrichten knnen wie die Hsing-I-Leute, waren sie nicht bereit, leichthin die Option der grten Gewaltanwendung zu wh- len, nur um zu gewinnen. Liu gewann alle seine Kmpfe, jedoch mit einer interessanten Wendung. Die Eltern des jungen Mannes, der sein letzter Gegner sein sollte, flehten Liu an, ihren Sohn nicht zu verletzen oder zu verstmmeln. Dies war in den meisten Kmpfen das bliche Verhalten, weil der berlegene keinen Zweifel daran lassen wollte, wer wirklich ge- wonnen hatte. Die Eltern sagten Liu, sie wrden sehr zu leiden haben, wenn ihr Sohn nicht in der Lage sein wrde, sie im Alter zu versorgen. Zu jener Zeit war Liu ein ergebener Anhnger der konfuzianischen Tradition, und ihm war klar, wie dringlich ihr Anliegen sein musste, denn dadurch, dass sie ihn anbettelten, verloren sie ihr Gesicht. Als Akt des Mitgefhls bercksichtigte er die Bitte der Eltern: Nachdem er seine berlegenheit gengend deutlich demonstriert hatte, um den Kampf zu gewinnen, hielt er sich von dem jungen Mann fern, statt die endgltige Konfrontation zu suchen, wie er das ursprnglich geplant hatte. An jenem Turnier nahmen brigens auch Lius Freund Wang Lai Sheng teil, ebenso wie Wu Tu Nan, ein Schler von Wu Jien Chuan, der drei oder vier Jahre lter war als Liu. Es war vor allem Lius Abschneiden bei diesem Turnier, weshalb er von 1932 bis 1934 zum Hauptlehrer der Kampfkunst-Akademie der Zentralre- gierung der Provinz Hunan in Changsha ernannt wurde. Whrend dieser Zeit waren Wu Jien Chuans Shne Wu Gong I und Wu Gong Zao Assis- tenzlehrer unter Liu. Wu Jien Chuan und sein Vater Chuan You begrnde- 372
  • 373. ten gemeinsam den Wu-Stil des Tai Chi Chuan, der nach dem Yang-Stil, aus dem er hervorging, zum zweitpopulrsten Stil des Tai Chi in China wurde. Obwohl die beiden Wus nicht stark genug waren, um Liu physisch von den Qualitten des Tai Chi zu berzeugen, erregten ihre langen Ge- sprche ber die Philosophie des Tai Chi, die das Weiche und das Nach- geben betont, doch sein Interesse. Diese Beziehung fhrte letztlich dazu, dass Liu im Haus von Wu Jien Chuan in Hongkong lebte und zu seinem Schler wurde. Nachdem Liu Tan Hsiu Fa Shr, einen erleuchteten Meister der Tien-Tai- Schule getroffen hatte, begann er sich fr den Buddhismus und seine spi- rituelle Lebensweise zu interessieren. Tan Hsiu lud ihn ein, in sein Kloster zu kommen und von ihm zu lernen. Liu wollte allerdings nicht wie ein Mnch leben. Doch sein Meister verlangte nicht von Liu, ein Mnch zu werden, sondern nur, sich in seinem Kloster zu schulen. Wieder erwies Liu sich als besonders talentierter Schler, und Tan Hsiu begann ihn privat zu unterweisen. Nach relativ kurzer Zeit besttigte Tan Hsiu, dass Liu die Natur der Leere begriffen habe; dies ist das wichtigste Ziel der spirituellen Praxis des Mahayana-Buddhismus, das, was im Westen oft als Erleuch- tung bezeichnet wird. Nachdem er unter der Fhrung von Tan Hsiu Fa Shr die spirituellen Lehren des Tien-Tai-Buddhismus verwirklicht hatte, verbrachte Liu zehn Jahre allein in den Bergen von Westchina, wo er sich unter verschiedenen daoistischen Meistern schulte, von denen er die Methoden der daoistischen inneren Alchimie erlernte. Seine erste Begegnung mit dem Daoismus hatte er im Alter von zehn Jahren gehabt, als der Tempel der Weien Wolken in Beijing zu Neujahr fr die Allgemeinheit geffnet war. Der Tempel war fr den Jungen ein magischer Ort, und das, was ihn am meisten beeindruckt hatte, war eine Gruppe von Adepten gewesen, die ber eine Woche lang vierundzwanzig Stunden am Tag bewegungslos in Meditation saen. Im westlichen China schulte Liu sich bei einzelnen daoistischen Adepten und umging so den Weg des Klosterlebens, den er im Buddhismus kennen gelernt hatte. In seinen Gesprchen mit mir konzentrierte Liu, der von Natur aus nicht gerade gesprchig war, sich auf die bungen und lie nicht viel ber seine Lehijahre in der Vergangenheit verlauten. Er sagte, er habe bei jenen daoistischen Adepten seine Studien ber das Chi ab- geschlossen und dort die Wurzeln des I Ging und deren Manifestationen begriffen. In der Folge verlagerte Liu den Schwerpunkt seiner Aktivitten von der Kampfkunst hin zum Daoismus, wozu auch die Totalitt des Ba Gua gehrte. Whrend der folgenden siebenunddreiig Jahre in Beijing arbeitete Liu vor allem fr das spirituelle Wohl der Menschheit, da er zum Oberhaupt der nrdlichen Linie des Daoismus ernannt worden war. 373
  • 374. Whrend er mich unterwies, gab es ein stndiges Hin und Her zwischen unterschiedlichen Themen, mit deren Hilfe Liu mir seine daoistischen Lehren vermittelte. Er meinte, es sei ein glcklicher Umstand, dass wir viele Interessen gemeinsam htten - Chi Gung, die inneren Kampfknste, Meditation und die innere Alchimie. Er htte mich gern mit den Mitteln der Literatur und der Kalligraphie geschult, aber da ich das klassische Chinesisch dazu nicht hinreichend beherrschte, unterwies Liu mich durch direkt erfahrbare Chi-bertragungen und nicht mit Hilfe der intellektuel- len literarischen Tradition. Noch am Tag bevor er starb, sagte mir Liu, wie schon einige Male zuvor, er habe all sein Wissen in mein Bewusstsein bertragen, so dass weitere bung dafr sorgen knne, diese Samen zu Bumen heranwachsen zu lassen. Da ich nur ein gewhnlicher Sterblicher bin, wachsen diese Samen in mir nur langsam, aber Liu ist fr mich immer noch eine Quelle nie en- dender Inspiration in Hinsicht auf die Mglichkeiten des Geistes. Am letzten Tag seines Lebens lehrte Liu mich die inneren Aspekte der letz- ten Hand des Ba Gua und den letzten Teil der transformierenden Chi-Ar- beit des Wu-Stil Tai Chi. Dies war die intensivste energetische Arbeit, die ich je erfahren habe. Als ich Liu das sagte, meinte er, fr ihn sei das ganze noch viel anstrengender. Er verbrachte an jenem Tag viel Zeit damit, sein Wissen mit mir zu teilen und noch offene Fragen zu beantworten. Am nchsten Tag starb Liu nur eine Stunde vor Beginn unseres gewhnlichen Unterrichts. Drei Tage spter war sein Krper noch immer weich und bieg- sam - ein Zeichen dafr, dass hier ein Adept gestorben war. Sein Leichnam wurde verbrannt. Ich war lange Zeit sehr traurig ber seinen Abschied. Der Unterrichtsstil von Liu Liu benutzte smtliche Lehrmethoden von Wang, Hung, Huang und Bai Hua und band einzelne Strnge ihrer Lehren zu einem kohrenten Gan- zen zusammen. Er ging aber auch ber ihre Lehren hinaus in vllig neue Bereiche. In der Kampfkunst bevorzugte er die groen Bewegungen von Wang und Bai Hua, weil sie forderlicher fr die Gesundheit des Krpers waren und man damit die rohe krperliche Kraft am besten entwickeln konnte. Er nahm dann all die inneren Komponenten kleiner Bewegungen und kombinierte sie innerlich zu groen Bewegungen. Wenn Liu also einen Hieb ausfhrte, vernderte er den inneren Druck seines Hiebes (mit demselben Grad an Przision, wie es Hung und Huang bei ihren kleinen Bewegung und ihrer Verlagerung der Krpermechanik taten), ohne dass sich seine uere Form im Geringsten vernderte. Liu besa auch einen Gesamtberblick ber das Netzwerk des Chi Gung und verstand dieses zu kommunizieren. Diese Erfahrung war etwas ganz 374
  • 375. anderes als das, was ich mit meinen anderen Lehrern erlebt habe. Sie waren Adepten spezieller Bereiche des Chi Gung, aber sie vermochten nicht die unterschiedlichen Strnge im Gesamtgewebe des Chi Gung zu- sammenzufassen. Liu war auch sehr gut darin, zu erklren, wie die ver- schiedenen Techniken der Kampfkunst, wenn man sie separat oder in un- terschiedlichen Kombinationen ausfhrt, das Chi des Krpers in medizi- nischer Hinsicht verndern. Er wusste zudem, welche Chi-Kombinationen gut zusammenpassen, und welche sich in ihrer Wirkung neutralisieren oder unvertrglich sind. Er uerte sich auch sehr detailliert darber, wie die Kampfkunsttechniken des Ba Gua, Tai Chi und zu einem geringen Grad des Hsing-I in der daoistischen Meditation direkt angewendet wer- den knnen, so dass eine echte spirituelle Praxis daraus wird. Lius moralische Lehren Liu lie keinen Zweifel am spirituellen Wert der daoistischen Moralitt, die viel mit den Werten der normalen chinesischen Kampfknste oder der jdisch-christlichen Moralitt gemeinsam hat, sich oft aber auch sehr von diesen unterscheidet. Zu den grundlegenden moralischen Werten des Daoismus gehrt die Regel, nicht in das natrliche Chi oder die Freiheit eines anderen Individuums oder in ein spontan entstehendes Ereignis einzugreifen oder diese zu manipulieren, wenn das nicht ausdrcklich gewnscht wird. Pragmatismus und Integritt basieren im Daoismus auf innerem Gewahrsein und Geistesklarheit und nicht auf Eigeninteresse oder spezifischen ueren Formen und Regeln, die uns von der Gesell- schaft auferlegt werden. Hier erwartet man, dass jemand das tut, was er sagt, und nur sagt, was er wirklich zu tun beabsichtigt und willens ist zu tun. Die Goldene Regel des Daoismus besagt: Tue fr andere, was du dir wnscht, das sie es fr dich tun" sowie Was du nicht willst, das man dir tu, das fg auch keinem andern zu". Man sollte im Rahmen der eigenen Fhigkeiten und Einsichten immer das Bestmgliche versuchen, um Gleichgewicht und Harmonie in alle Situationen, die uns widerfahren, zu bringen. 375
  • 376. Geschwindigkeit kann in jeder Kampfkunst wesentlich sein. Whrend eines Karate-Sparrings wird hier ein Rundum-Rckwrtstritt verwendet, um sich gegen einen geraden Hieb zu verteidigen. Dabei sind die Geschwindigkeit und das Timing des Tritts von entscheidender Bedeutung.
  • 377. Geschwindigkeit Das Wesen der Geschwindigkeit in allen Stilen der Kampfkunst Wie man die vier grundlegenden Arten der Geschwindigkeit erreicht Wo in den Kampfknsten Krper mit Krper zusammenprallt, ist die Ge- schwindigkeit eine ganz wesentliche Komponente. In den Kampfknsten gibt es vier verschiedene Arten von Geschwindigkeit, jede wiederum mit klar unterscheidbaren Schattierungen. Wenn zwei Gegner in allen anderen Aspekten gleichrangig sind, dann gewinnt gewhnlich deijenige, der ber eine Art von Geschwindigkeit verfgt, an der es dem anderen mangelt. Verschiedene Schulen der Kampfkunst pflegen sich auf bestimmte Arten von Geschwindigkeit zu konzentrieren, wobei sie viele wichtige Typen der Geschwindigkeit vernachlssigen, die nicht Teil ihres grundlegenden philosophischen Systems oder ihres Arsenals an Techniken sind. Oft mag eine Art von Geschwindigkeit einer anderen sehr hnlich sehen, obwohl sie sich tatschlich radikal unterscheiden. Weil viele Praktizie- rende glauben, ihre Geschwindigkeit msse sich in allen Bereichen ihrer Praxis bemerkbar machen, bleibt es ihnen ein Rtsel, warum sie nicht in all diesen Bereichen wirkliche Geschwindigkeit erreichen. Manchmal knnen Ausbende der Kampfkunst allein schon durch die Beachtung der simplen Tatsache, dass es verschiedene Arten von Geschwindigkeit gibt, ihre Fertigkeiten im Bereich der Geschwindigkeit ausbauen und dadurch zu einer Wertschtzung von Dingen gelangen, die sie zuvor belchelt haben, weil sie anders" waren. Die vier Arten von Geschwindigkeiten der Kampfkunst gibt es in allen Stilen, seien diese nun uerlich, uerlich/innerlich oder rein innerlich. 377 7
  • 378. Typ I: Geschwindigkeit von Punkt A zu Punkt B Bei diesem Typ von Geschwindigkeit, der sich in Meter pro Sekunde messen lsst, geht es darum, wie schnell sich Ihr Krper oder verschiedene Teile davon durch unverstellten Raum oder durch Wasser von Punkt A nach Punkt B bewegen knnen. Geschwindigkeit von Hnden und Armen Die Geschwindigkeit von Hnden und Armen ist in den meisten Kampfknsten von wesentlicher Bedeutung. Wo es darum geht, Ihren Gegner zu schlagen, ist die Notwen- digkeit von Geschwindigkeit offensichtlich. Auch Ringer brauchen schnelle Hnde, wenn sie ihren Gegner zu fassen bekommen wollen, insbesondere in empfindlichen Gegenden wie an den Geschlechtsteilen, Ohren, Haaren oder an der Kehle. Wenn Sie mit Waffen kmpfen, dann bewegen diese sich umso schneller, je schneller Ihre Hand und Ihr Arm sich bewegen. Oft reicht das Gewicht, die Spitze oder die Schneide der Waffe aus, um die erforderliche Verletzung zuzufgen, so dass die Geschwindigkeit und nicht die Kraft das entscheidende Moment ist. Bewegung des Arms Abhngig davon, welche Handpositur Sie ver- wenden, knnen Sie mit genau derselben Armbewegung unterschiedlich schnell zuschlagen. Vergessen Sie nicht, dass es zu den herausfordernden Grundstzen der Kampfknste gehrt, dass man die Hnde im Kampf weder zu locker, noch extrem angespannt halten darf. Wenn Ihr Arm sich bewegt, um einen Hieb auszufhren, kann Ihre Hand unterschiedliche Formen annehmen: 1. Verschiedene Arten von Fusten - flache Faust, vertikale Faust, Aufwrtshaken, Hammerhand, Daumen seitlich der geschlossenen Faust, Vorstehen verschiedener Fingerknchel. 2. Peitschenschlge mit den Fingern, der Handflche oder dem Rcken der offenen oder zur Faust geschlossenen Hand. 3. Schneidende Bewegung mit den Fingerkncheln, dem Handballen oder der Handkante der offenen Hand. 4. Fingerhiebe und Krallen. 5. Hiebe mit der offenen Hand - mit der Handkante, dem Handballen, dem Handgelenk und der Mitte der Handflche. 378
  • 379. Schnelle Bewegung der Arme in alle Richtungen Bei einer bestimmten Armbewegung werden vielleicht andere Muskeln benutzt als bei einer anderen. Dieselben Muskeln knnen auch in unterschiedlicher Abfolge benutzt werden, wobei jeder Muskel unterschiedlich belastet wird. Da- bei sind die jeweiligen neuromuskulren Vernderungen abgeschlossen, wenn man von einer Armbewegung zu einer anderen Annbewegung in eine andere Richtung bergeht. Die grundlegenden Annbewegungen, die separat trainiert werden mssen, damit man Geschwindigkeit erlangt, sind vorwrts, rckwrts, seitlich, auf derselben Krperseite (der rechte Arm bewegt sich auf der rechten Seite des Krpers) und schrg ber den Krper. Rckwrts, seitlich und schrg ber den Krper sind am schwierigsten. Was den Kampf angeht, so ist es gewhnlich leichter, die Arme vorwrts zu bewegen als sie mit Geschwindigkeit rckwrts zu bewegen. Die Geschwindigkeit verschiedener Handposituren Es gibt mehrere Faktoren, die ebenso zutreffen, wenn Hnde sich berhren; sie sind fr die unterschiedlichen Geschwindigkeiten bei unterschiedlichen Handposituren verantwortlich: 1. Handpositur und weiches Gewebe In unterschiedlichen Sequenzen bringen verschiedenen Handposituren gleichartige weiche Gewebe - das heit Muskeln, Sehnen und Bnder - in Ihrer Hand ins Spiel. Abhngig von der spezifischen Abfolge, in der die weichen Gewebe aktiviert werden, kann Ihre Hand sich schneller oder langsamer ver- formen. Zu diesen Unterschieden kann es kommen, weil einige der weichen Gewebe vielleicht unterentwickelt sind, es ihnen an Tonus mangelt, sie zu angespannt sind oder sie Muskelfasern haben, die bermig gedehnt oder verkrzt sind. Je mehr Spannung es in der Hand gibt, desto langsamer werden sich Arm und Hand zusammen bewegen, wenn Sie eine schnelle Technik ausfhren wollen. 2. Wechselwirkungen zwischen weichen Geweben Wenn Sie einen Hieb ausfhren, bringen die von der jeweiligen Handpositur be- anspruchten weichen Gewebe andere weiche Gewebe bis in den Arm und die Schulter hinauf ins Spiel und je nachdem, wie lo- cker oder angespannt Sie sind, sogar bis in die Brust, den R- cken, die Hften oder sogar bis hinab in die Fe. Einige dieser Muskeln in Ihrem Arm oder sonst wo mgen mehr oder weniger gestreckt (lockerer oder angespannter) sein. Deshalb werden sich 379
  • 380. einige schneller oder langsamer bewegen als andere. Manche die- ser Gewebe mgen sogar nur eingeschrnkt funktionsfhig sein. Wenn Sie eine Handpositur benutzen, die schlecht funktionieren- de Gewebe weiter oben im Arm oder in Ihrem Krper mit ein- bezieht, dann wird Ihre Hand sich langsamer bewegen als sonst. Sagen wir zum Beispiel Sie fhren mit grter Geschwindigkeit drei verschiedene Hiebe mit der Hand aus (Faust, offene Handflche und Handkante), wobei Sie dieselbe Bewegung mit ausgestreck- tem geradem Arm machen. Das Resultat ist: Die vertikale Faust geht sehr schnell, die vertikale Handflche geht mig schnell, und eine Handflche zur Seite geht noch langsamer. Warum? Der ver- tikale Fausthieb benutzt bliche Muskelpfade, die bei den meisten Menschen einigermaen offen und frei von Hindernissen sind. Der vertikale Hieb mit der Hand bedient sich natrlicherweise einiger Muskeln an der Oberseite und im Inneren der Schulter, die bei den meisten von uns normalerweise angespannter sind, wenn wir sie nicht speziell gedehnt und trainiert haben. Der seitliche Handfl- chenhieb benutzt nicht nur die normalerweise gespannten Muskeln an der Oberseite und innerhalb der Schulter, sondern setzt auch voraus, dass die Latissimus-dorsi-Muskeln stark gedehnt sind (was sie normalerweise nicht sind), weil sie sonst die Geschwindigkeit der Handbewegung hemmen. Um solche Probleme mit der Geschwin- digkeit zu berwinden, was Kampfknstler, die Hchstleistungen erbringen wollen, erreichen mssen, werden in den Kampfknsten eine Reihe ausgeklgelter Trainingsmethoden angewendet. Bei den meisten von uns werden diese weichen Gewebe entweder dadurch entwickelt, dass sie an natrlichen Bewegungen beteiligt sind (bei Stadtbewohnern wahrscheinlich weniger intensiv), oder sie werden durch spezifische Krperertchtigungen trainiert (Sport, Klettern auf Bume etc.). Bettigt man sich nicht auf eine Weise, die normalerweise die weichen Gewebe trainiert, die an Hieben mit der Hand beteiligt sind, dann braucht man spezielle bungen oder Aktivitten, die inneren Ablufe in den benutzten weichen Gewe- ben verndern. Sonst werden Ihre Handhiebe auch nach Jahren des Trainings immer noch relativ langsam sein. Auch wenn Sie die langsame Technik immer wieder allein ben, ist das wahrscheinlich keine groe Hilfe zu berwindung des Mangels an Geschwindig- keit. 380
  • 381. 3. Zustand der Bindegewebe Verklebtes Bindegewebe (Faszien) wird Muskeln und Bnder miteinander verbinden, die sich normalerweise frei bewegen knnen, und wird damit deren Vermgen, sich flssig und schnell zu bewegen, hemmen. Um diese Situation zu beheben, muss man die Faszien strecken und voneinander trennen. Wenn man das nicht tut, werden die straffen Faszien nicht zulassen, dass sich die mit ihnen verklebten Muskeln und Bnder frei bewegen knnen. Methoden zur Lockerung der Faszien in der Bewegung sind eine Spezialitt der inneren Kampfknste Chinas. Wer eine uere Kampfkunst praktiziert, fr den werden Tiefenmassage der Faszien, Yoga-artige Streckbungen und Tai Chi besonders hilfreich sein. 4. Nervensignale Es kann auf der neurologischen Ebene deutlich str- kere Signale zu bestimmten ausgewhlten Muskelgruppen geben als zu anderen. Im Krper gibt es viele Energiebahnen. Wenn diese Energiebahnen ganz oder teilweise blockiert sind, dann hemmen sie die Geschwindigkeit, mit der Signale sich durch die Nerven bewegen. 5. Kreislauf Ein schlechter Blutkreislauf kann ebenfalls alle mgli- chen Arten krperlicher Geschwindigkeit behindern, besonders die Geschwindigkeit der Hnde. Geschwindigkeit der Beine und Fe Tritte Tritte sind ein notwendiger Bestandteil der Kampfknste, weil wir nie wissen knnen, ob unsere Hnde nicht gebunden oder anderweitig beschftigt sein werden. Einige Kampfknste haben sich auf Tritte, ins- besondere hohe Tritte, spezialisiert. Es kann sein, dass Sie bei bestimmten Tritten Geschwindigkeit erreichen, bei anderen aber nicht. Sie knnen zum Beispiel Geschwindigkeit bei hohen, mittelhohen oder niedrigen Tritten be- sitzen, bei Tritten whrend Sie auf dem Boden sitzen oder liegen, whrend Sie auf einem Stuhl sitzen oder in die Luft springen. Die Geschwindigkeit eines Trittes kann variieren, je nachdem, von welcher Position Sie dabei ausgehen. Derselbe Tritt mag schneller oder langsamer sein, je nachdem, ob Sie in einer starken Standpositur die Fe flach auf dem Boden haben oder ob Sie auf der Ferse stehen. Die Trittgeschwindigkeit ist normaler- weise hher, wenn Ihr Krpergewicht gut verteilt ist. Knnen Sie jedoch auch dann Ihre Geschwindigkeit aufrechterhalten, wenn Sie sich nicht im Gleichgewicht befinden? Der Faktor Gleichgewicht kann in einem echten Kampf ber Leben oder Tod entscheiden. 381
  • 382. Fuarbeit Testen Sie sich selbst, um herauszufinden, ob Sie ein gewisses Ma an Geschwindigkeit bei verschiedenen Arten der Fuarbeit besitzen. Gibt es eine bestimmte Fuarbeit, die Sie besonders schnell ausfhren knnen? Gibt es welche, bei der Sie besonders langsam sind? Gibt es eine Fuarbeit, die Sie berhaupt nicht beherrschen? Knnen Ihre Fe sich ber kurze Distanz schnell, aber ber lange Distanz nur langsam bewegen, oder umgekehrt? Sind Sie sehr gut darin, Ihren Standpunkt beizubehal- ten und Ihr Gewicht zu verlagern, aber sind Sie langsam, wenn Sie Ihre Fe in irgendeine Richtung bewegen mssen? Knnen Sie Ihr Gewicht schnell verlagern? Wie steht es mit Ihrer Geschwindigkeit bei linearen Fubewegungen nach vorn oder zurck oder zur Seite? Die meisten Men- schen knnen sich schneller bewegen, wenn sie einen Schritt nach vorn machen, als wenn sie nach hinten oder zur Seite gehen. Dann gib es ja noch Halbschritte, hpfende Schritte, springende Schritte, und das Rck- wrtstreten - sind Sie dabei schnell oder langsam? Die Frage der Geschwindigkeit stellt sich auch dann, wenn Sie sich in unterschiedlichen ungewhnlichen Winkeln nach vorn oder zurck bewe- gen, etwa im Winkel von 30, 45, 60 oder 135 Grad. Dann gibt es zirkulres Schreiten, Stundenglasschritte und Schritte mit Zehen einwrts oder Zehen auswrts, wie sie in den Schwerttechniken, den inneren Kampfknsten, im Aikido, Ninjutsu, Judo und vielen anderen Kampfknsten, in denen die Wrfe wichtig sind, verwendet werden. Prfen Sie sich selbst! Haben Sie bei allen Arten der Fuarbeit die gleiche Geschwindigkeit, oder sind Sie bei manchen Arten schneller als bei anderen? Hft- und Krperdrehungen Die Drehungen von Krper und Taille sind in allen Stilen der Kampfkunst eines der grundlegenden Mittel zur Erzeu- gung von Kraft. Viele Menschen, die ihre Hnde der Fe schnell bewegen knnen, vermgen das nicht zu tun, wenn sie ihren Krper drehen oder sich in der Taille drehen. In allen Kampfknsten - den ueren, den ueren/ inneren und in den rein inneren - ist es ideal, wenn Sie Ihre Arme, Fe und Taille auf koordinierte Weise mit derselben Geschwindigkeit bewegen knnen. Die verschiedenen Variablen in Hinsicht auf die Geschwindigkeit, die ins Spiel kommen, wenn Sie sich in der Hfte und im Krper drehen, sind die folgenden: 382
  • 383. 1. Sie benutze eine oder beide Hnde, um zu schlagen, zu greifen, zu ziehen oder um den Gegner zu lenken. 2. Sie treten entweder mit dem vorderen oder dem hinteren Bein. 3. Sie treten und schlagen entweder simultan oder hintereinander. 4. Sie heben den Krper an oder senken ihn ab. 5. Die Fe sind fixiert und stehen flach auf dem Boden. 6. Die Fe sind fixiert und eine Ferse oder beide Fersen sind ange- hoben. 7. Der vordere Fu ist fixiert, whrend der hintere Fu sich dreht, entweder flach auf dem Boden oder mit angehobener Ferse. 8. Beide Fe drehen sich und bewegen sich simultan oder in Sequenz, whrend die Hnde sich bewegen oder nicht bewegen. Jede dieser Variablen setzt die Meisterung verschiedener Arten von Bein- geschwindigkeit voraus, wobei manche leichter, andere schwieriger zu beherrschen sind. Typ II: Geschwindigkeit in der Berhrung Die Geschwindigkeit eines Objekts, das sich von A nach B bewegt, ist relativ leicht zu beurteilen. Man kann sie sehen und sie messen - sie ist bei einem sich bewegenden Fu, einer Hand oder eine Taille in Bewegung leicht zu erkennen. Im Gegensatz dazu ist die Geschwindigkeit in einer Berhrung nicht so offensichtlich. Man kann sie nicht so einfach auf ob- jektive Weise messen, aber man kann sie subjektiv fhlen. Zu ihr gehrt Sensibilitt ebenso wie die reine athletische Befhigung. Diese Faktoren sind im Spiel, weil es in der Berhrung, ber den Druck und die Kraft hinaus, die sich zwischen zwei Gegnern bewegen, noch den zustzlichen Faktor eines Individuum gibt, das versucht, jede Bewegung, die ein anderer macht, innerhalb von Sekundenbruchteilen zu kontern. Viele hervorragende Ringer und Praktizierende von Judo und Aikido knnen sich in der Berhrung unglaublich schnell bewegen, sind aber relativ langsam bei der Ausfhrung von Hieben und Tritten. Andererseits sind viele, die schnell treten und schlagen knnen, in der Berhrung relativ langsam, so dass sie in Schwierigkeiten geraten, wenn man nah an sie herankommt und sie zu fassen bekommt, weil sie sich dann nicht schnell 383
  • 384. genug zu bewegen vermgen. Die meisten Kampfknste, die sehr stark mit Geschwindigkeit in der Berhrung arbeiten, pflegen sich fast ausschlielich entweder auf Schlge oder auf Wrfe zu konzentrieren. So konzentrieren sich zum Beispiel unter den Kampfknsten, die im Westen gut bekannt sind, Wing Chun und Hsing-I vor allem auf das Schlagen und machen nur minimalen Gebrauch von Wurftechniken. Judo, Jiu Jitsu und Aikido konzentrieren sich hauptschlich auf Wrfe und Hebel. In manchen sind beide Aspekte bercksichtigt, etwa im Ninjutsu, Tai Chi und Ba Gua. Wenn wir zwei Kmpfer in Aktion sehen, knnen wir gewhnlich Kon- takte von Armen, Beinen, Hften und sogar den Rcken beobachten. Wir sehen vielleicht, wie Gliedmaen sich schnell berhren, jedoch nicht auf dieselbe dramatische Weise wie Arme, Beine oder Hften sich schnell durch den unverstellten Raum bewegen. Was fr den uneingeweihten Beobachter nicht offensichtlich ist, ist die Tatsache, dass die Geschwindigkeit der Bewe- gung von Gliedmaen von der Geschwindigkeit kleiner Muskelbewegungen innerhalb des Torsos abhngt, Bewegungen, die unsichtbar erscheinen, die jedoch wesentlich dafr sind, den Armen, Beinen und Hften in der Berhrung Geschwindigkeit zu verleihen. Es gibt unterschiedliche Grundtypen der Geschwindigkeit in der Berh- rung; sie alle mssen separat und ausgiebig trainiert werden, damit man sie erfolgreich einsetzen kann. Wenn man in einer dieser Arten schnell ist, bedeutet das noch lange nicht, dass die Geschwindigkeit sich auch auf die anderen Arten bertrgt. Die grundlegenden Arten von Geschwindigkeit in der Berhrung sind: 1. Hand und Arm zu Hand und Arm In der Berhrung ist die Ge- schwindigkeit von Handflchen, Fingern, Rckseiten der Hnde und Handgelenken ganz etwas anderes als Geschwindigkeit in den Unterarmen, Ellbogen, Oberarmen, Schultern und Schulterblttern. Viele Ausbende haben Geschwindigkeit in den Hnden, aber nicht in den Armen, oder aber sie haben schnelle Arme und langsame Hnde. Es kann auch sein, dass eine Person in verschiedenen Teilen Geschwindigkeit besitzt, sie diese Teile jedoch nicht alle zusammen auf koordinierte Weise einzusetzen vermag. Eines der Kennzeichen eines wirklich erstklassigen Kampfkunstmeisters ist, dass bei ihm alle Krperteile nahtlos, schnell und sensibel zusammenarbeiten. 2. Bein zu Bein Diesen Kontakt sieht man in Wrfen, Fufegern, Hebeln des Knies, Fugelenks und unteren Rckens und bei Hieben 384
  • 385. zu Akupunkturpunkten mit dem Knie, whrend man das Bein des Gegners mit dem Fugelenk an seinem Fugelenkt fixiert hat. Wenn zwei Beine sich berhren, gibt es zwei Arten der Geschwindigkeit. Eine davon wird bentigt, um die Bewegungen und Gegenbewegun- gen eines Angreifers zu kontern. Die andere ist die Geschwindigkeit, die ntig ist, um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen, ihn zu entwurzeln und verschiedene seiner Strken zu berwinden, um sich ihn fr einen Wurf oder einen Beinhebel zurechtzulegen oder sein Bein mit Ihrem Bein zu treffen oder um seinen gesamten Krper aus dem Gleichgewicht zu bringen, whrend Ihre Hnde ihn schlagen oder etwas anderes tun. 3. Hfte zu Hfte Die Geschwindigkeit der Hftdrehung und Berh- rungssensibilitt in der Hfte sind fr die Ausfhrung von Wrfen ebenso wichtig wie fr das Kontern eines Versuchs des Gegners, Sie zu werfen, sowie fr die Destabilisierung der Balance des Geg- ners, bevor Sie schlagen oder treten. Diese Geschwindigkeit in der Berhrung ist fr alle Arten des Bodenkampfs wichtig, aber auch dann, wenn unser Rcken gegen eine Wand gedrckt wird. In allen oben genannten Fllen ist die Geschwindigkeit bei der Bewegung der Fe anders als wenn die Fe stillstehen. Im Allgemeinen ist es leich- ter, Geschwindigkeit in der Berhrung aufrecht zu erhalten, wenn die Fe still stehen. Viele Menschen sind effektiv, wenn die Fe flach auf dem Boden stehen, verlieren jedoch an Wirksamkeit, wenn sie einen Schritt machen. Es verlangt eine vllig andere Art von Ruhe und Kontrolle, die Geschwindigkeit in der Berhrung aufrecht zu erhalten, wenn man sich durch den Raum bewegt. Die Geschwindigkeit in Ihren Hnden und Fen ist davon abhngig, ob sich Ihre Taille bewegt oder nicht. Mangelndes Gleichgewicht beein- trchtigt die Geschwindigkeit. Es ist schwieriger, die innere Balance zu behalten, wenn die Taille in Bewegung ist als wenn sie in Ruhe ist. In den meisten Fllen ist es anfangs einfacher, Geschwindigkeit in Hnden und Fen zu erzeugen, wenn die Taille sich nicht bewegt. Doch wenn Sie in der Lage sind, Ihre Bewegung in der Taille mit der von Beinen und Fen zu koordinieren, dann erreicht die Geschwindigkeit von Hnden und Fen ihr Maximum. Dies trifft auch dann zu, wenn Ihre Hnde sich durch die Luft bewegen und Sie noch nicht in Kontakt mit dem Gegner sind. 385
  • 386. Meine persnliche Reise durch die Kampfknste Nrdliches Shaolin Die andauernde Anspannung am Ende jedes Schlages und Tritts des Karate, das ich in meiner Jugend prakti- ziert habe, hinterlie einen betrchtlichen Eindruck in meinem Krper, meinen Gefhlen und meinem zentra- len Nervensystem. Ich habe meine gesamte Teenager- zeit hindurch intensiv Karate gebt, so dass mir whrend einer wichtigen Phase meiner Entwicklung in meine ganze Daseinsweise eingeprgt wur- de, dass man sich krperlich und emotional anspannen muss, um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich heute zurckschaue, scheint mir, dass diese Gewohnheit der Anspannung sich bis weit in meine Dreiiger hinein auf alle Aspekte mei- nes Lebens bertragen hat. Das brachte viel Stress mit sich und machte es mir schwierig, mich in die Praxis der inneren Kampfknste hinein zu entspannen. Der Katalysator, der diese Gewohnheit vernderte, war aus- gerechnet ein Stil des Nrdlichen Shaolin. Ich lernte das Sechs-Kombi- nationen-Boxen des Nrdlichen Shaolin in Hongkong von Bai Hua, kurz bevor ich nach Beijing zurckkehrte, um mich unter Liu Hung Chieh zu schulen. Zwischen dem Shotokan Karate (der in Japan populrste Stil und der Stil, den ich so lange gebt hatte) und dem Nrdlichen Shaolin gibt es viele Parallelen. Beides sind grundstzlich Stile der mittleren und wei- ten Reichweite, die Kraft und Aggressivitt betonen. Beide verwenden niedrige Standposituren, lange ausgreifende Handtechniken, schnelle und starke Drehungen in der Taille und Tritte sowohl aus dem Stand als auch aus dem Sprung, besonders den hohen Tritt nach vorn, den Rundum- tritt, den Rckwrts- und den Seitwrts-Tritt. In beiden Praktiken werden die Formen in einem schnellen Kampftempo gebt. Es gibt jedoch einen bedeutsamen Unterschied zwischen diesen beiden Kampfkunstarten: Im Nrdlichen Shaolin werden die Muskeln niemals angespannt, sie bleiben immer entspannt, whrend die Muskeln im Shotokan Karate am Ende einer Technik immer angespannt werden, um Kraft zu erzeugen. Trotzdem ist das Nrdliche Shaolin in der Lage, ohne Muskelanspannung ebenso viel Schlagkraft zu erzeugen wie das Karate. Es ist dazu fhig, indem es zwei Komponenten des sechzehnteiligen Nei-Gung-Systems (siehe Sei- te 121) anwendet. Die eine Komponente arbeitet mit Atemtechniken und die andere mit der schnellen Auswrtsstreckung der weichen Gewebe ent- 386
  • 387. lang der Muskeln, die mit den Yang-Akupunkturmeridianen verbunden sind, und der Einwrtsstreckung enang der Muskeln, die mit den Yin- Akupunkturmeridianen verbunden sind. Die Auswrtsstreckung erzeugt Projektionskraft fr einen durchdringenden Hieb zum Gegner, die Ein- wrtsbewegung der weichen Gewebe erzeugt Ziehbewegungen, Kraftblo- ckaden, Paraden und schneidende Bewegungen. Im Nrdlichen Shaolin entsteht die Strke eines Hiebes aus der Geschwindigkeit, mit der die weichen Gewebe sich bewegen, nicht aus der Anspannung der Muskeln am Ende der Technik. Die allgemeine Geisteshaltung bei der Ausfhrung einer Form des Nrdli- chen Shaolin ist fast dieselbe wie bei der Ausfhrung einer Karate-Form: Nach der anfnglichen Verteidigung schlgt oder tritt man zu und erle- digt den Gegner mit einem klaren Treffer. Die grundlegenden Prinzipen der beiden Kampfknste sind jedoch geradezu entgegengesetzt. Im Nrd- lichen Shaolin projizieren Sie am Ende Ihrer Technik, wenn Sie den Geg- ner erledigen, unendlich hinaus in den Raum, ohne sich geistig auf einen spezifischen Ort im Raum vor Ihnen zu fixieren. An dem Punkt, wo Sie Ihren Hieb fokussieren, kontrahieren Sie nicht Ihre groen Muskeln, den Bauch, das Gesicht und den Kiefer, wie Sie das im Karate tun. Sie ffnen und entspannen diese Muskeln vielmehr in einem kurzen und explosi- ven Ausbruch wie beim Feuern einer Laserkanone. Im Karate dagegen konzentriert man an dem Punkt, wo man einen Gegner erledigt, seine Aufmerksamkeit auf den Krper des Gegners oder auf eine Visualisation des Krpers, man spannt den Krper an, schreit49 und wird wild. Da die Bewegungen dieser beiden Kampfknste so hnlich sind, spannte ich mich zu Anfang meiner bung der Form des Nrdlichen Shaolin am Ende eines Hiebes immer offensichtlich oder unterschwellig an. Indem ich mich mental immer und immer wieder daran erinnerte, mich zu ent- spannen und loszulassen, war es mir nach einer Weile jedoch mglich, die Anspannung zu vermeiden, und ich vermochte allein die Gewebsverln- gerungsmethode des Nei Gung zu benutzen. Anfangs vermochte ich das nur ber ein oder zwei Bewegungen hintereinander aufrecht zu erhalten, doch nach einigen Wochen war es mir mglich, dies ber den gesamten Verlauf einer Form hinweg zu tun. Indem ich die Spannung auflste, whrend ich eine Form nach der an- deren trainierte, begann meine Geschwindigkeit allmhlich zuzunehmen. Die allgemeine Absicht - das Ziel, den Gegner zu erledigen - war immer noch vorhanden, aber sie war nicht begleitet von der inneren mentalen 49 Der Schrei, der in Japan Kiai genannt wird, kann hrbar und laut sein oder subtil und praktisch unhrbar. Die Funktion dieses Schreis ist, die innere Kraft des Ausbenden zu fokussieren. 387
  • 388. Kontraktion, die mit dem Bestreben einhergeht, einen spezifischen Feind, auf den man sich konzentriert, zu zerstren, und auch nicht von der Ego- Aufladung, die einer solchen Geisteshaltung zumeist folgt wie ein dunkler Schatten. Eines Tages dann erhhte sich whrend dreier aufeinander fol- gender Sets meine Geschwindigkeit dramatisch, als liefe alles von selbst ab. Jedes Mal, wenn ich mit voller Absicht einen Hieb ausfhrte, konnte ich spren, wie etwas von der tiefen unterschwelligen Spannung aus mei- ner Karate-Zeit verschwand. Schlielich, am Ende der dritten Form, war die unterschwellige Spannung total verschwunden und kehrte auch nie mehr zurck. Dieser Wandel half mir, ungehindert in die Tiefen der inne- ren Kampfknste vorzudringen. Mir wurde aus dem Bauch heraus klar, dass aus der Entspannung heraus ebensoviel Kraft, Strke und Effektivitt im Kampf zu gewinnen ist, wie aus der Anspannung, die ich in meiner Jugend fr den einzigen Weg zu einer solchen Leistung gehalten hatte. Geschwindigkeit in dem Zwischenraum zwischen der Berhrung und dem Zurckziehen In jeder Kampfsituation gibt es gewhnlich eine Zeitverzgerung in dem Zwischenraum zwischen Angriff und Rckzug. Whrend dieses Zwischenraums ist der Praktizierende besonders verletzlich und vielleicht nicht in der Lage, einen Vorteil, den er sich gerade verschafft hat, wirklich auszunutzen. Besonders Anfanger neigen dazu, in den Zwi- schenrumen zwischen Treffen und Greifen, Berhren und Schlagen und so weiter zu erstarren oder dramatisch langsamer zu werden. Whrend dieser Intervalle, misst man die Zeit gewhnlich in Sekundenbruchteilen. Es ist nicht so leicht, sich in diesen Momenten ganz natrlich zu erholen und flssig und ohne Verlust von Geschwindigkeit umzuschalten. Um Geschwindigkeit in diesen Zwischenrumen zu entwickeln, muss man wh- rend des Trainings ganz bewusst auf die verschiedenen inneren Mechanis- men achten, die ablaufen, wenn man einfriert oder sich versteift, und muss sich Methoden erarbeiten, den Krper und den Geist in diesen schwierigen bergangssituationen zu entspannen. Anspannung, Furcht oder Angst sind gewhnlich die Quelle einer solchen zeitweiligen Lhmung. Eine Anmerkung zur Geschwindigkeit bei Berhrung und Nichtberh- rung Zum Erlangen aller Arten von Geschwindigkeit in der Berhrung ist eine feine motorische Kontrolle vonnten. Wenn die Herzschlagfrequenz dramatisch zunimmt (gewhnlich aufgrund von Furcht oder mangelnder innerer Ruhe des Ausbenden) geschehen zwei Dinge: Zuerst einmal be- 388
  • 389. ginnt die bewusste Kontrolle der feinen motorischen Vorgnge abzuneh- men, was es dem Kmpfer schwerer macht zu fhlen oder zu reagieren. Zweitens verengt sich das Blickfeld zunehmend. Deshalb ist es notwendig sicherzustellen, dass Ihre schnellen Reaktionen in der Berhrung gengend eingebt sind, so dass sie Ihrem Unterbewusstsein dermaen eingeprgt sind, dass sie automatisch ablaufen, also wie ein Reflex und ohne die Notwendigkeit, zu denken. Ebenso wichtig fr die Meisterung tatschlicher Kampftechniken ist es, durch das Training Ruhe und Stille des Geistes zu erreichen, so dass Ihr Geist unter starkem Druck ruhig bleibt und Ihre Pulsfrequenz nicht dramatisch ansteigt. Wer hauptschlich eine Berhrungskampfkunst praktiziert und sie auch zu pragmatischer Selbstverteidigung benutzen will, fr den ist es auerdem ungemein ntzlich, als Rckendeckung einige simple Handhiebe und Tritte zu erlernen, die minimale feinmotorische Koordination verlangen. Typ III: Geschwindigkeit unter wechselnden Bedingungen Nachfhrung (Tracking) und Timing - die Richtung mitten in der Be- wegung ndern Bei allen Arten von Berhrungs- und Niehtberhrungs- Techniken ist die krperliche Geschwindigkeit eng mit dem Timing ver- bunden. Zum Timing gehrt, dem Krper zu signalisieren, wann und wie schnell oder wie langsam er sich bewegen soll. Man kann einen Kampf nicht nur dann gewinnen, wenn man sich schneller bewegt als der Gegner, sondern auch dann, wenn man gleich schnell, oder sogar langsamer ist als der Gegner, sich aber im rechten Moment und/oder mit dem richtigen Win- kel zu bewegen wei. Timing ist im Wesentlichen die Verbindung zwischen der Fhigkeit Ihres Krpers, sich schnell zu bewegen, und dem mentalen Vermgen wahrzunehmen, wann und wie Sie sich am besten bewegen soll- ten. Die wesentlichste Komponente dieses Vermgens - das koordinierende Verbindungsglied - ist das Vermgen des zentralen Nervensystems, diese beiden Aspekte miteinander zu verbinden. Die Flssigkeit Ihrer Bewegung und Ihr Vermgen, Techniken schnell abzuwechseln werden von der Ge- schwindigkeit bestimmt, mit der Signale sich ber smtliche Nerven und Energiekanle des Krpers einschlielich der Bahnen im Oberen Dantien, in der Haut, im Rckenmark und im Gehirn ausbreiten. Wenn Sie die Reaktionszeit Ihres Nervensystems verbessern wollen, ms- sen Sie Ihr Timing verbessern und es Ihrem Unterbewusstsein einprgen. 389
  • 390. Je dnner die Barriere zwischen Ihrem bewussten und Ihrem unbewussten Geist wird, desto leichter wird es, Geschwindigkeit und Timing miteinander zu koordinieren. Was heit das? Die Empfindung der Zeitlupenbewegung oder der Dehnung der Zeit (wenn die Dinge in einem surreal erscheinend langsamen Tempo abzulaufen scheinen), die viele Athleten erleben, wenn sie sich mit Spitzengeschwindigkeit bewegen, kommt zum Teil daher, weil das Unterbewusstsein keine Empfindung eines linearen Zeitablaufs hat. Wenn Sie das Gefhl haben, dass die Dinge langsamer ablaufen, muss das nicht unbedingt heien, dass der uere Ablauf tatschlich verlangsamt ist. Es knnte auch sein, dass die Geschwindigkeit Ihres zentralen Ner- vensystems sich dramatisch erhht hat und es sich sehr viel schneller mit Ihrem Unbewussten verbindet, als Sie es gewohnt sind. (Ehe ich wusste, was ich tat, war es schon vorbei.") Nehmen wir an, dass Sie sich mit ho- her Geschwindigkeit bewegen, und dieses Mal wird der Schleier zwischen Ihrem bewussten und Ihrem unbewussten Geist ganz dnn. Die Erfahrung, die Sie dabei machen, ist die einer totalen Entspannung; Sie scheinen alle Zeit der Welt zur Verfgung zu haben, ohne jedoch gleichzeitig das Gefhl einer surrealen Verlangsamung der Zeit zu haben. Dieser Timing-Effekt kann die folgenden Implikationen haben: 1. Geschwindigkeit, die eine fixe oder sich konstant beschleunigende Laufbahn hat (wie die aus einem Gewehr abgeschossene Kugel) unterscheidet sich von Geschwindigkeit, die an jedem Punkt in der Bewegung die Richtung wechseln kann (wie eine Rakete mit Hitze- suchkopf, die im Zickzack einem ausweichenden Kmpfet folgt). Bewegung entlang einer fixen Laufbahn bedarf nur eines einzigen klaren Signals vom zentralen Nervensystem. Bewegung, die dauernd die Richtung wechselt, bedarf innerhalb kurzer Zeit vieler Reakti- onen des Nervensystems. Geschwindigkeit, die stndig die Rich- tung wechselt, ist eine Spezialitt der inneren Kampfknste sowie derjenigen, die mit Schwertern oder Messern mit Doppelschneide kmpfen. 2. Die Geschwindigkeit ist eine andere, je nachdem ob sie eine Kampf- kunsttechnik aus der Bewegungslosigkeit heraus ausfhren oder ob Ihr Krper bereits in Bewegung ist. Kmpfer verwenden oft Finten, um sich zu grerer Geschwindigkeit anzustacheln, bevor sie einen wirklichen Angriff starten. Wenn Sie andererseits in einem Kampf bemerken, wie Ihr Gegner sein Nervensystem in Fahrt bringt, dann 390
  • 391. knnen Sie verschiedene Methoden anwenden, um seine Muster zu durchbrechen und ihn zu verwirren, so dass Sie die Situation zu Ihrem taktischen Vorteil ausnutzen knnen. 3. Die Geschwindigkeit in dem Zwischenraum (wie gro er auch sein mag) zwischen dem Abschluss einer Technik und dem Beginn einer neuen Technik innerhalb desselben Mediums von Berhrung oder der freien Bewegung durch die Lust hngt direkt von Ihrem Gefhl fr das Timing ab. 4. Geschwindigkeit bei der Umkehrung der Links-nach-rechts-Drehung in der Taille ist ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil der Meisterung einer Kampfkunst. Lineare und zirkulre Techniken Zirkulre Techniken sind ihrer Natur nach komplexer als lineare Technikern und sind deshalb schwieriger zu erlernen. Allgemein gesagt, ist es anfnglich leichter, in einer linearen Technik auergewhnliche Geschwindigkeit zu erreichen, wenn sich Ihre Hand, Ihr Fu oder Ihr Krper also in einer einfachen geraden Linie von hier nach dort bewegt. Letztlich haben jedoch die zirkulren Techniken den eingebauten Geschwindigkeitsvorteil, die Trgheit zur verringern. Unbeweglichkeit hemmt die Geschwindigkeit und kann dazu fhren, dass das Nervensystem verlangsamt wird und Sie erstarren. Zirkulre Techniken reduzieren die Trgheit strker als lineare Techniken, weil es damit leichter ist, sowohl die Muskeln zu entspannen als auch die geschwindigkeitser- zeugende Kraft der Zentrifugalkraft einzusetzen. Typ IV: Geschwindigkeit in Relation zur Kraft Geschwindigkeit mit minimaler, mittelgroer und maximaler Kraft Ei- ne der Eigenschaften, die einen erstklassigen Kampfknstler auszeichnen, sei er nun spindeldrr oder von massivem Krperbau, besteht darin, dass in seinen Bewegungen gleichermaen Geschwindigkeit, Anmut und Kraft zum Ausdruck kommen. Diese Kombination ist ideal, sie ist allerdings nicht so leicht zu verwirklichen. Es kann Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte intensiven Training brauchen, bevor man sie meistert. Es ist in den Kampfknsten nichts Ungewhnliches, einen Praktizie- renden beobachten zu knnen, der sich sehr schn oder mit erstaunlicher Geschwindigkeit bewegen kann, der jedoch keine Kraft besitzt. Wie kommt 391
  • 392. das? Man muss ein gewisses Ma an Geschwindigkeit unter der Haut tief innerhalb des Krpers anwenden, um den Krper innerlich zu verbinden, damit man Kraft zu jemand anderem hin projizieren kann oder die Kraft eines anderen zu absorbieren vermag, ohne umgeworfen zu werden. Wenn Teile des Krpers schlaff oder unverbunden sind, dann knnen sie einander nicht untersttzen oder gegenseitig ihre Kraft verstrken. Je schneller die Verbindungen hergestellt werden, desto strker ist schlielich die Fhigkeit, Kraft zu projizieren oder sie zu absorbieren. Die innere Geschwindigkeit, die ntig ist, um innerliche physische Kohsion zu erzeugen, unterscheidet sich von der Geschwindigkeit der Bewegung von Krperteilen durch den Raum. Wahre Geschwindigkeit bedeutet, dass Sie Ihre inneren Verbin- dungen aufrechterhalten und gleichzeitig Ihren Krper schnell durch den Raum bewegen knnen. Einer der Freuden, die der Besitz eines physischen Krpers mit sich bringt, besteht darin, ihn flssig und schnell bewegen zu knnen, was zu den Eigenarten einer Reihe von Kampfknsten und Tanzstilen gehrt. Wenn Sie jedoch auch nur den geringsten Ehrgeiz besitzen, die Kunst des Kmpfens zu beherrschen, dann ist es notwendig, dass Sie wissen, welche Ebenen von Geschwindigkeit Sie realistisch zusammen mit unterschied- lichen Ebenen der Kraft erreichen knnen. Um jemandem auf den Hoden oder in die Augen zu schlagen oder um jemandem auszuweichen, wenn es noch nicht zum Krperkontakt gekommen ist, braucht man keine Kraft, nur Geschwindigkeit. Es ist gut zu lernen, wie man mit einem Minimum an Kraft ein Maximum an Geschwindigkeit erzeugen kann. Natrlich ist es ebenfalls ntzlich zu lernen, wie Sie auf der Ebene wirk- sam sein knnen, auf der sowohl Ihre Kraft als auch Ihre Geschwindigkeit irgendwo im mittleren Bereich Ihres Vermgens zum Einsatz kommen. Vielleicht wollen Sie bei einem Aufeinandertreffen, das nicht lebensbe- drohend ist, nur jemanden kontrollieren und weder den anderen noch sich selbst verletzen. Hier ist das Ausweichen von einiger Wichtigkeit, aber es mag auch notwendig sein, dass Sie einen Hieb als eine Art Warnschuss platzieren, damit die Situation nicht bis zu dem Punkt eskaliert, wo Sie den Angreifer wirklich verletzen mssen, um ihn aufzuhalten. Es ist auch ntzlich, sich dessen bewusst zu sein, was die schnellste Geschwindigkeit ist, die man unter Einsatz von maximaler Kraft erzeugen kann und daran zu arbeiten, diese Geschwindigkeit Schritt fr Schritt zu erhhen. Das Training fr diese Ebene der Beherrschung von Geschwin- digkeit ist besonders aufwendig und verlangt den grten Einsatz. 392
  • 393. Auch hier mssen Sie wiederum das Verhltnis von Geschwindigkeit zu Kraft in Ihren Hand- und Futechniken trainieren. ben Sie mit fixierten Fen und Drehung in der Taille oder keiner Drehung in der Taille sowie mit Bewegung der Fe und mit oder ohne Drehung in der Taille. Das Schnell-langsam-Paradoxon der inneren Kampfknste Die inneren Kampfknste, insbesondere das Tai Chi, werden oft in sehr langsamem Tempo praktiziert. Viele Menschen, die Schlsse aus der Beob- achtung dieser langsamen Formbewegungen ziehen, glauben, die inneren Kampfknste seien zu langsam zum Kmpfen. Das ist sogar zum Thema von Witzen geworden, wie der folgende, den ich einmal in San Francisco gehrt habe: Es war zwlf Uhr mittags und ich war auf dem Weg zu ei- nem Restaurant. Da sah ich, wie dieser Tai-Chi-Typ berfallen wurde. Er schlug so wunderschn zu, dass ich stehen blieb, um zuzusehen. Allerdings musste ich um ein Uhr wieder auf der Arbeit sein, deshalb habe ich leider nicht gesehen, ob der Hieb auch getroffen hat." Genauso wie mit den ueren Kampfknsten, kann man mit den inneren Kampfknsten jedoch sehr wohl kmpfen und sich im Kampf blitzschnell bewegen, sowohl in der Berhrung als auch von Punkt A zu Punkt B. Von ihrer Vorgehensweise funktionieren sie jedoch anders als die meisten u- eren Kampfknste. Die Leistungsfhigkeit dieser von innen angetriebenen Geschwindigkeitstechniken setzt zwar ebenfalls einen guten Muskeltonus voraus, aber das Wichtigste dabei ist ein wirksames und nichtblockiertes Nervensystem. Jede der drei inneren Kampfknste besitzt auch ihre spezialisierten Trainingsmethoden und Kampftechniken zur Erzeugung uerlich sicht- barer Geschwindigkeit fr die Bewegung im Raum von A nach B. Im Tai Chi sind die deutlichsten Beispiele die Seidenarme, die Hiebe in mehrere Richtungen und die geradlinigen Hiebe, die schnelles ffnen und Schlieen benutzen. Bei den Seidenarmen bewegen sich die Fuste sehr schnell und bearbeiten beide Seiten des Krpers des Gegners von oben nach unten, wobei sie flssig zwischen geraden Hieben, seitwrts schneidenden Hieben und Haken abwechseln wie die Spitze eines Seidentuches, das im Wind flattert. Das macht es mglich, dass die Hiebe sehr schnell die Richtung 393
  • 394. wechseln - es kann bis zu zehn Hiebe auf kurze, mittlere oder lange Distanz in drei Sekunden geben, wobei die Vorderseite der Faust und der Hammerteil der geschlossenen Hand zum Schlagen benutzt werden. Whrend dies geschieht, scheinen die Arme und Ellbogen keine Knochen zu haben, da sie sich nahtlos krmmen und beugen wie ein Stck Stoff. Das Ba Gua hat eine hnliche Technik, nur dass der Hieb sich hier nicht seidenartig sondern spiralig bewegt, im Zickzack ber den Krper des Gegners, wobei mit allen Teilen der Faust aus jedem erdenklichen Win- kel gleichermaen zugeschlagen wird, kratzend, bohrend und schneidend sowie mit direkten Treffern. Im Hsing-I kann das Chi, das die untere explodierende Hand des Feu- erelements (Pao Chuan) manifestiert, klar als schneller Hieb ausgefhrt werden, oder es kann der ueren Geschwindigkeit in jedem Hieb mit der Hand angepasst werden. Bei bestimmten Arten der Formarbeit im Ba Gua sowie im Chen-Stil des Tai Chi ist die Geschwindigkeit sowohl der Krper- bewegung als auch der Handhiebe ganz offensichtlich und kein bisschen verborgen. In den inneren Kampfknsten kann jeder Hieb von Punkt A nach B wie eine hitzesuchende Rakete fungieren, die ein ausweichendes Ziel im Zickzack verfolgt und dann trifft, oder er kann wie eine Kugel einer fixierten Bahn folgen. Auch wenn in den inneren Kampfknsten die Geschwindigkeit von A nach B ohne Berhrung sehr wohl vorhanden ist, wird sie weniger betont als die Geschwindigkeit in Berhrung. Hier werden das Timing und die Geschwindigkeit in der Berhrung str- ker betont, sowohl auf der krperlichen als auch auf der mentalen Ebene, besonders die Geschwindigkeit, mit der man gnstige Kampfwinkel erkennt und sie einzunehmen vermag. Es gibt in den inneren Kampfknsten zwei wichtige strukturelle Aspekte, die diese Ausrichtung erklren: der erste ist die Methode der Erzeugung von Kraft, der zweite ist die Betonung der nichtkr- perlichen Aspekte des Kampfes gegenber den blo physischen Aspekten. Beim Trommeln gibt es den Beat, dann einen Zwischenraum, und dann einen weiteren Beat. Was die Methode der Erzeugung von Kraft angeht, so arbeiten die inneren Kampfknste, was die Geschwindigkeit angeht, mehr mit dem Zwischenraum zwischen den Beats als mit den Beats selbst, wie es eher in den ueren Kampfknsten blich ist. Das geschieht in ber- einstimmung mit einem in den Tai-Chi-Klassikern deutlich formulierten Leitsatz: Von Positur zu Positur bleibt die innere Kraft ununterbrochen." Dies bedeutet, dass jederzeit durchgehende innere Kraft aufrechterhalten wird. Aus einer anderen Perspektive gesehen, ist es so, dass Ihre Glied- 394
  • 395. maen oder Ihr Krper zu keiner Zeit whrend einer Bewegung schlaff und ohne Kraft sind. Nehmen wir einmal an, dass man Ihren Output von Kraft mit dem Schlagen einer Trommel (Beat) gleichsetzt. In den inneren Kampfknsten wird die Kraft ohne Unterscheidung durchgngig whrend der Beats sowie zwischen den Beats aufrechterhalten. Am Einschlagpunkt wird die Kraft verstrkt, und zwar indem man die Geschwindigkeit der inneren Bewegung unter der Haut vergrert (ein Prozess, der fr das nackte Auge unsichtbar bleibt), nicht durch eine Anspannung der Mus- keln. In den ueren Kampfknsten wird die Kraft gewhnlich whrend der Beats ausgebt, nicht unbedingt indem man den Schwung der Aktion vergrert, sondern indem man Muskelkontraktionen verwendet, die die Geschwindigkeit der Aktion sogar mglicherweise verlangsamen. Nach diesen Muskelkontraktionen gibt es gewhnlich eine kurze Lcke, in der keine Kraft vorhanden ist und die es dem Krper erlaubt, sich wieder aufzuladen, bevor erneut Kraft angewendet wird. Dieses Prinzip der Beschleunigung oder Verlangsamung der inneren Geschwindigkeit, um den Output von Kraft an irgendeinem Punkt des Krperkontakts zu verstrken oder abzuschwchen, wird gleichermaen in der Berhrung verwendet wie bei der Bewegung von A nach B. So mag sich zum Beispiel die Hand eines Praktizierenden der inneren Kampfkunst bei einem Hieb, was die Bewegung von A nach B angeht, nicht schnel- ler bewegen, doch je nachdem, ob die innere Geschwindigkeit zunimmt oder abnimmt, wenn die Hand sich dem Ziel nhert, wird die Kraft am Einschlagpunkt grer oder kleiner sein. Diese Zunahme der inneren Ge- schwindigkeit kann mit irgendeiner der Chi-Bewegungen des sechzehn- teiligen Nei-Gung-Systems (siehe Seite 121) in Zusammenhang stehen und/oder von dieser hervorgebracht werden. Dazu gehren: die Geschwin- digkeit des ffnens und Schlieens der Gelenke und der Wirbelsule, die Freisetzung von Energie aus dem Unteren Dantien in die Hand sowie die Verlngerung der weichen Gewebe entlang der inneren (Yin) oder ueren (Yang) Oberflchen des Krpers (siehe Seite 211). Was das Schlagen angeht, ist der Einsatz von Geschwindigkeit in den ueren Kampfknsten, insbesondere im Karate (welches das Bild, das die breite ffentlichkeit von den ueren Kampfknsten hat, stark geprgt hat), ganz anders geartet. Das allgemeine uere Prinzip von Geschwindigkeit und Kraft folgt stets demselben, sich stndig wiederholenden Muster: explodieren, entspannen und ausruhen, sich fr die nchste Explosion aufputschen. Das heit mit anderen Worten: 395
  • 396. 1. Die Kraft wird angefacht und explodiert, gewhnlich unter Anspan- nung der Muskeln,50 was in den Techniken der inneren Kampfknste an keinem Punkt geschieht. 2. Es gibt einen kurzen Moment des Ausruhens, in dem die Muskeln und Nerven sich entspannen und regenerieren. Die Lcke stellt einen notwendigen Raum zur Verfgung, in dem man sich wieder aufladen kann, so wie ein Gewichtheber sich zwischen einzelnen Sets des Gewichthebens erholt. Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, dass es physische Grenzen gibt fr den Zeitraum, whrend dessen Muskeln angespannt bleiben knnen, bevor es zu Ermdung kommt oder die Nerven, die den Muskeln das Signal zur Anspannung geben, nicht mehr mit maximaler Effizienz funktionieren. 3. Die Muskeln und Nerven weder wieder angestachelt, um sie auf den nchsten Angriff oder die nchste Verteidigung vorzubereiten. Die krperliche Geschwindigkeit der Bewegung von Punkt A nach B oder auch die Geschwindigkeit in der Berhrung lsst sich zu einem bestimm- ten Grad quantifizieren. Die Geschwindigkeit in Berhrung und die Ge- schwindigkeit des Timings sind auf die nichtphysischen Eigenschaften von Geschwindigkeit ausgerichtet, die nicht so leicht uerlich quantifizierbar sind, auch wenn diese Eigenschaften fr die Wirksamkeit der Kampfanwen- dungen der inneren Kampfknste von wesentlicher Bedeutung sind. Diese Methode wird gleichermaen fr Angriff und Verteidigung verwendet. Sie konzentriert sich auf die innere Geschwindigkeit der Wahrnehmung, die in Aktion bertragen werden kann und die es erlaubt, unter Druck schnell durch folgenden Phasen hindurchzugehen: die Synchronisierung mit der Energie des Gegners, das Interpretieren dieser Energie, das Auffinden von Schwachpunkten, das mentale Eindringen in die Lcken, in denen der Gegner unachtsam ist oder den Schwung seiner krperlichen Bewegung nicht zu verndern vermag, und die Anwendung der angemessenen Technik oder der Gebrauch eines Kampfwinkels, der zum Erfolg fhrt (oder durch den Sie wenigstens unverletzt bleiben, so dass Sie eine weitere Chance haben). Sie knnen diesen Prozess erfolgreich abschlieen, ob Sie sich nun schneller bewegen als Ihr Gegner, mit gleicher Geschwindigkeit wie ihr Gegner oder langsamer als er. Die krperliche Geschwindigkeit als 50 Siehe erstes Kapitel, Seite 41 f.) Das Animalische, das Humane und das Spirituelle. Drei Anstze fr die Kampfknste". 396
  • 397. solche ist ein Nebenprodukt, nicht das hauptschliche Ziel. Das, was in den inneren Kampfknsten dem Finden des Heiligen Grals" entspricht, ist in der Tat die Fhigkeit, sich langsamer zu bewegen als der Gegner und trotzdem zu gewinnen. Geringere Geschwindigkeit, die trotzdem gewinnt, setzt voraus, dass drei Arten von Geschwindigkeit gleichzeitig zusammenkommen: 1. Timing; 2. die Signale, die notwendig sind, um eine Ebene durchgngiger Kraft aufrechtzuerhalten (ansonsten knnte die Kraft Ihres Gegners Ihrem Kr- per einen Schock versetzen und Ihre Aufmerksamkeit unterbrechen); und 3. die Fhigkeit, die inneren Rderwerke des Krpers freizusetzen, die dann, wenn sie einfrieren, auch eine momentane mentale Lcke erzeugen knnen, durch die die Verbindung zwischen Ihnen und Ihrem Gegner unterbrochen wird. Diese Methode wird in den Tai-Chi-Klassikern in der Form einer Frage formuliert: Wie ist es mglich, das ein alter Mann eine Gruppe junger Mnner zu besiegen vermag?" Zweifellos verfgen ltere Mnner, auch wenn sie auerordentlich talentiert sind, physisch einfach nicht ber die Geschwindigkeit junger Mnner. Es gehrt praktisch zur Definition des lteren Menschen, dass er sich langsamer bewegt, und doch sind jene alten Mnner" - die Meister der inneren Kampfknste - zu Recht dafr bekannt, dass sie jngere und schnelle Mnner zu besiegen wissen, weil sie in die Lcken einzudringen vermgen. Gemeinsame Eigenschaften In allen zuvor erwhnten Arten von Geschwindigkeit, die in den inneren Kampfknsten mit oder ohne Berhrung verwendet werden, gibt es auch gemeinsame Elemente. Ihr Geist muss sich sprbar sowohl mit Ihrem Krper als auch durch ihn hindurchbewegen knnen, und er muss ein konkretes Gefhl fr die Luft haben, die Sie umgibt. Wenn Ihr Geist diese subjektiven aber sehr realen Empfindungen zu entwickeln vermag, dann wird Ihr Chi beginnen zu folgen. Wenn Ihr Geist durch Ihren Krper reist oder auch in den Krper ei- nes Angreifers, um Verbindung zu seiner Energie und seiner Intention herzustellen, dann muss er das flssig und lckenlos tun. Es geht darum, innerlich vollkommen verbunden zu sein und allmhlich jene Stellen zu verkleinern, an denen Ihr Gewahrsein aussetzt, bis es keine Lcken mehr gibt. Diese Fhigkeit setzt extreme Entspannung und die Entwicklung ei- 397
  • 398. nes sehr feinen Gesprs fr den inneren Fluss des Nervensystems voraus. Die Schaffung eines reibungslos und flssig funktionierenden Nerven- systems ist notwendig fr das Entwickeln von Geschwindigkeit in den inneren Kampfknsten. Diese Errungenschaft fhrt auch dazu, dass es dem Krper im Allgemeinen besser geht, und sie ist eine starke Komponente der Stressreduktion und der Entwicklung von Ausdauer in den inneren Kampfknsten. Wenn Ihr Nervensystem erst einmal reibung