• 1. Hausmitteilung4. Juni 2012Betr.: Titel, Cannes, Fußball-EMHat Israel jene U-Boote mit Nu- klearwaffen bestückt, die in Kielgebaut und aus dem Bundeshaushaltmitfinanziert wurden? Hat die deut-sche Regierung gewusst, dass sie da-mit die atomare Aufrüstung Israelsunterstützt? Diesen Fragen ging einSPIEGEL-Team um Holger Stark, 42,und Mitarbeiter Ronen Bergman, 39,über Monate nach. Die Recherchen ZIV KOREN / POLARISbelegen, dass die israelische Marinedie Boote als Abschussrampen fürAtomwaffen nutzen kann. Und hoch-rangige deutsche Regierungsmitarbei-ter offenbarten, ihnen sei klar gewe- Bergman, Stark im U-Boot in Haifasen, wozu die Boote taugen. Starkwar überrascht, dass israelische Militärs ihm als erstem ausländischen Reporterden Zutritt zu einem der Boote gewährten. Die Marinesoldaten gestatteten Bergmanund ihm einen Blick durch das Periskop und auf Navigationspapiere – aber nichtauf die Decks 2 und 3, wo Torpedos und Marschflugkörper lagern. Als Stark einenOffizier nach nuklearen Gefechtsköpfen an Bord fragte, sagte der nur: „Wenn ichdiese Frage beantworte, komme ich in den Gulag“ (Seite 20).E s ist die Wiederkehr des immer Gleichen: Stars laufen mit perfektem Lächelnüber den roten Teppich, und am Ende der Festspiele gibt es die Goldene Palmefür den angeblich besten Film. Im Verborgenen, in den Katakomben des Festspiel-hauses, erlebte SPIEGEL-Reporter Alexander Smoltczyk, 53, ein anderes Cannes –den Marché du Film, den „Maschinenraum der Kinowelt“, wie Smoltczyk dieMesse nennt. Er begleitete Martin Moszkowicz, 54, Vorstand der Constantin FilmAG, durch eine Welt der Rechtehändler, Produzenten und Verleiher, die nichtweniger besessen und durchtrieben sind als die Bösewichte ihrer Filme; „großesKino“, sagt Smoltczyk (Seite 68).Die deutsche Nationalmannschaft gilt wegen ihrer talentierten Offensivspieler als einer der Favoriten der Fußball-Europameisterschaft – doch in der Vertei-digung offenbarte sie zuletzt Schwächen. „Die Defensive ist die Problemzone“,sagt SPIEGEL-Redakteur Jörg Kramer, 50, der mit den Kollegen Dirk Kurbjuweit,49, und Maik Großekathöfer, 40, aus Polen und der Ukraine berichten wird. Kramerporträtiert in diesem Heft die Innenverteidiger Holger Badstuber und Mats Hum-mels. Schon beim Spiel am Samstag gegen Portugal erwartet die deutsche Defensive schwere Arbeit: Ihr steht Stürmer- star Cristiano Ronaldo von RealBORIS STREUBEL / ACTION PRESS / DER SPIEGEL Madrid gegenüber. „Ronaldo will sich bei der EM zum WeltfußballerGREGOR SCHLÄGER / DER SPIEGEL des Jahres küren“, sagt SPIEGEL- Autor Cordt Schnibben, 59, der die Rekordjagd beschreibt, die sich Ro- naldo und Lionel Messi, sein Rivale vom FC Barcelona, in den spani- schen und europäischen Clubwett-Großekathöfer, Kurbjuweit, Kramerbewerben liefern (Seiten 108, 116).Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 3
  • 2. In diesem Heft TitelDeutsche Schiffe, israelische Atomwaffen –die geheime Kooperation ............................... 20 DeutschlandPanorama: Merkel will Rettungsschirmfür Spanien / Bundestagswahl ohne Termin /Tragischer Tod in Nigeria ............................... 15Energiewende: Der Umstieg auf Wind- undSonnenstrom wird zur sozialen Frage ............ 34Interview mit Umweltminister Peter Altmaierüber die Kosten des Atomausstiegs ................ 37Opposition: SPD und Grüne uneins überEuro-Bonds .................................................... 40Parlament: Das Brandzeichen für Pferdespaltet die schwarz-gelbe Koalition ................ 42First Lady: Wie die Lebensgefährtin denBundespräsidenten erdet ................................ 44Kommentar: Die Sehnsucht der Muslime ....... 46Finanzpolitik: Wie Bundestagsabgeordnetedas permanente Krisen-Geschäft bewältigen ... 48Naturschutz: Der Kampf um einen neuenNationalpark in Nordrhein-Westfalen ............ 52Sozialpolitik: Hilflose Menschen werdenWer zahlt die Rechnung? Seiten 34, 37CAROLINE SEIDEL / DPAvon ihren Betreuern ausgebeutet ................... 54Weil sich viele Haushalte die steigenden Stromkosten nicht leistenKriminalität: Die mafiösen Strukturen können, wird die Energiewende zur sozialen Frage. Die schwarz-gelbeder Hells Angels ............................................. 58 Koalition streitet, wie Geringverdiener entlastet werden können.Kinderbetreuung: Kita-Platz oderSchadensersatz – die Rechtsansprücheder Eltern ....................................................... 62Thüringens Bildungsminister ChristophMatschie (SPD) kritisiert das Betreuungsgeld ... 63First Lebensgefährtin GesellschaftSzene: Prinz Charles als DJ / Warum Männer Seite 44jetzt Schlumpfmützen tragen ......................... 66Eine Meldung und ihre Geschichte – über Daniela Schadt gab ihren Beruf als Politik-Journalistin auf, als ihr Mann Präsi-einen südafrikanischen Professor, der dent wurde. Nun hat sie mehr Einfluss als je zuvor. Selbst das schwierigewegen eines Schlaglochs Entschädigung Verhältnis zwischen Joachim Gauck und der Kanzlerin könnte sie entspannen.von seiner Regierung einklagt ........................ 67Filmindustrie: Wie die Produzenten inder Unterwelt von Cannes dealen .................. 68Ortstermin: In Eisenach schlagen sich diedeutschen Burschenschaften .......................... 74 WirtschaftGierige Helfer Seite 54Trends: Verkehrsminister Ramsauer willMehr als 1,3 Millionen Deutsche entscheiden nicht mehr frei über ihr Leben,Mautsystem ausschreiben / DGB-Chef fordertsondern stehen unter Betreuung. Viele werden gegen ihren Willen ins HeimStärkung der Rechte von Haushaltshilfen / abgeschoben oder von ihren angeblichen Unterstützern ausgenommen.Rösler will für Opel kämpfen ......................... 76Investoren: Pensionskassen, Fonds undVersicherungen wissen kaum noch,wo sie ihr Geld sicher anlegen sollen ............. 78Altersvorsorge: Verbraucherschützerattackieren die Allianz wegen unrentablerAufklärung statt PornoRiester-Renten ................................................ 82Internet: Fünf Lehren aus FacebooksBörsenfiasko .................................................. 85S. 138Handel: Schlecker-Insolvenzverwalter Während der sexuellenArndt Geiwitz rechnet mit dem Management Revolution in den siebzi-des Unternehmens ab .................................... 86ger Jahren schien es, alsBildung: Elektronische Schultafeln für rede eine ganze Gesell-deutsche Klassenzimmer ................................ 88 schaft ständig über Sex. Heute wird er nur noch Ausland gezeigt – auf Litfaßsäulen,Panorama: Verzögerung des 9/11-Prozesses im Internet, in Musik-in Guantanamo / Der georgische videos. Das Aufklärungs-Oppositionsführer Iwanischwili will denPräsidenten in Tiflis stürzen ........................... 90 buch „Make Love“ einesSyrien: Assads Geister-Armee ........................ 92 Berliner Verlags will HEJI SHINEssay: Warum die Weltgemeinschaft Liebespaar in „Make Love“alles zeigen und alles an-trotz der Massaker im Syrien-Konflikt nichtsprechen.militärisch eingreifen kann ............................. 964D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 3. Griechenland: Der Schriftsteller Nikos Dimou über die Angst der Griechen, aus Europa hinausgeworfen zu werden .......... 98 Vatikan: In der Arrestzelle des Papstes ......... 100 Euro-Raum: Irland, Europas angeblicher Musterschüler, ist noch lange nicht gerettet ... 102 Global Village: In Chennai lässt ein indischer Ingenieur eine Motorradlegende aus Großbritannien neu produzieren ............ 105Sport Szene: Dirk Nowitzki über seinen Entschluss, bis 2014 bei den Dallas Mavericks zu bleiben / Klinikum Aachen richtet Hotline für psychisch erkrankte Sportler ein ............. 107 Euro 2012: Stürmerstar Cristiano Ronaldo und seine Jagd nach dem Goldenen Ball ...... 108 Warum Holger Badstuber und Mats Hummels, die besten Innenverteidiger der Bundesliga, im Nationalteam so schwer zusammenfinden .... 116Assads BlutsaugerSeiten 92, 96Wissenschaft·Technik JOHN CANTLIE / GETTY IMAGES Prisma: Bakterien besiedeln BabysMit Schattenmilizen, die wohl auch für das Massaker in Hula verant-schon vor der Geburt /wortlich sind, versucht das Regime in Damaskus, seine Macht zu retten. Windmühle produziert Trinkwasser ............. 120Doch die „Schabiha“, die Geister, hat es nicht mehr unter Kontrolle. Computer: Wie gefährlich ist der neue Spionagevirus „Flame“? ............................... 122 Höhlenforschung: Die bizarren Wetterverhältnisse in U-Bahn-Tunneln ......... 125 Denkmalschutz: Wie sich die vom Zerfall bedrohten Schlösser in Mecklenburg-Vorpommern retten lassen ...... 126Verrat im Vatikan Automobile: Beim Ausdauerrennen von Seite 100 Le Mans starten erstmals Spritsparautos ...... 129Der eine sitzt im Gefängnis, der andere lässt sich feiern: Papst BenediktsKulturKammerdiener Paolo Gabriele und der Journalist Gianluigi Nuzzi Szene: Amerikanische TV-Serie „Girls“ überhaben einen Skandal ausgelöst, der die katholische Kirche erschüttert. das desillusionierte Leben von vier New Yorker Frauen / Berliner Ausstellung zur Ästhetik und Psychologie moderner Stadionbauten ... 130 Kunst: Eine Vorabbesichtigung der 13. Documenta in Kassel ............................... 132Feuriger SupervirusSeite 122 Debatte: Das maschinenhafte Menschenbild der Piraten ............................. 136Moskauer Software-Experten haben einen besonders trickreichen Computer-Sexualität: „Make Love“, ein Aufklärungsbuch für die Generation Porno .............................. 138virus enttarnt: „Flame“ spionierte Rechner im Nahen Osten aus. Ist das Bestseller ..................................................... 140ferngesteuerte Spähprogramm eine neue Waffe im Cyberkrieg gegen Iran? Psychologie: Die französische Historikerin Elisabeth Roudinesco im SPIEGEL-Gespräch über Sigmund Freud und den Niedergang der Psychoanalyse ........................................ 142Kunst ist Buchkritik: Der doppelbödige Roman „Tony & Susan“ des Amerikaners Austin Wright ............................................... 146Chefsache Seite 132 MedienDie Documenta in Kassel gilt Trends: Böser Brief von Verleger Nevenseit Jahrzehnten als weltweitDuMont / Niggemeiers Medienlexikon ......... 147wichtigste Kunstschau, amTV-Stars: Schwächelnde Quoten machenSamstag startet die 13. Aus- RTL-Titan Dieter Bohlen angreifbar ............. 148gabe. Deren Leiterin, dieVerlage: Weshalb der Erbstreit um dasAmerikanerin Carolyn Vermögen von Axel Cäsar Springer neuChristov-Bakargiev, will erst- entflammen könnte ...................................... 150 OLIVER MARK / AGENTUR FOCUSmals ein Millionenpublikumnach Kassel locken. Sie zeigtBriefe ............................................................... 6Schockierendes, Unterhalt- Impressum, Leserservice .............................. 152sames, Tiefsinniges – undRegister ........................................................ 154illustriert vor allem eines: Documenta-Chefin Christov-Bakargiev Personalien ................................................... 156ihre eigene Weltanschauung.Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 158 Titelbild: Fotos imago, Getty images, Ziv Koren / Laif (2) D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 5
  • 4. Briefe Tod“, einen Freitod, wählen und recht- zeitig ausführen. Die Voraussetzungen„Leben in der Gewissheit, dass ich hierfür zu schaffen (Erreichbarkeit von Medikamenten, Selbsthilfegruppen, Ent-sterben muss, vielleicht qualvoll: tabuisierung u. a.) ist ein überfälliges Pro- jekt gerade der alternden Gesellschaft.eine ungeheuerliche Zumutung. ANNE MODERSOHN, ZEISKAM (RHLD.-PF.)Gut, dass Ihr Artikel der Verdrän- Klar, ich habe auch Angst vor einem elen-gung entgegenwirkt und Solidarität den Sterben, aber Angst vor dem Tod habe ich nie empfunden. Den Tod erwar-mit Sterbenden fördert.“ te ich mit einer gewissen freudigen Neu- gier, denn er wird mir endlich beantwor- HELMUT SCHLEICHER, OBERHAUSEN ten, wer denn nun recht hat, die Atheis-SPIEGEL-Titel 22/2012ten oder die Gläubigen.MANFRED SCHWARZ, PADERBORNNr. 22/2012, Ein gutes Ende – Wege zu Welch ein wunderbarer Artikel, den ich Meiner 91-jährigen, hinscheidenden Mut-einem würdevollen Sterben als palliativ behandelnder Unfallarzt the- ter war von einem Palliativmediziner dermatisch-medizinisch-ästhetisch ergreifendVerzicht auf Essen und Trinken empfoh-Mit freudiger Neugier und als krebskranker alternder Leser ein-len worden. Hunger und Durst machten ihr aber sehr wohl zu schaffen. SolangeKompliment für das Anpacken dieses Staat und Kirche dem Einzelnen dasTabuthemas und die vielseitige Recher- Recht verweigern, selbst über Zeitpunktche dazu. Sehr einfühlsam geschriebenund Art des Sterbens zu entscheiden, istund hilfreich für die eigene Wegfindung. der Weg zu einem würdevollen Sterben DIETER FRIEDRICH DUWE, HAMBURGnoch nicht zu Ende gegangen! CLAUDIA MAIGNÉ, MÜHLTAL (HESSEN)Der sanfte und rechtzeitige Tod ist derWunsch der Lebenden. Wenn die Zeit ge-kommen ist, wollen die meisten Sterben- ARCHIVO TERZANI Nr. 21/2012, SPIEGEL-Gespräch mit demden, die bei klarem Verstand sind, nur Nobelpreisträger Daniel Kahneman übernoch eines: leben. Ich gehe besser davon die Tücken intuitiven Denkensaus, dass für mich dasselbe gilt.WOLF-PETER WEINERT, BAD BEVENSEN (NIEDERS.) Schriftsteller Terzani, Sohn in der Toskana 2004 Was kostet der Ball?Spuren hinterlassen und nicht nur Staub,fach vorbildlich durchdacht und geschrie-Wir haben uns die halbe Nacht gestrittenGutes tun, auf das man zurückblickenben fand. Viele andere Leser werdenund geprügelt. Sollten Sie nicht umge-kann, wenn nichts mehr geht, darauf ach-auch geweint haben.hend bekanntgeben, wie viel der Baseballten, dass das Letzte, was ein Sterbender DR. PETER WAGEMANN, kostet, tragen Sie die Scheidungskosten.ertastet, nicht die kalte Wand ist in einem DEUTSCH EVERN (NIEDERS.) INGRID UND VOLKER FLEIG,dunklen Zimmer, sondern eine Hand, dieHÖRGERSDORF (BAYERN)ihn hält. So kann das Sterben für beide Das Anspruchsdenken des Menschen darfein Gewinn sein.nicht so weit gehen, das erstrebenswerte Dieser Bericht war ebenso lehrreich wie GERLINDE DORMEIER, SOLMS (HESSEN)Ziel eines würdevollen Sterbens mit derverblüffend. Lehrreich, weil er eine an-maßlosen Forderung nach einem Rechtschauliche, fast spielerische EinführungAm Taj Mahal überfielen meinen Freund auf präzise langjährige Vorhersehbarkeit in die Psychologie beziehungsweise in dieauf einer Weltreise plötzlich rasende des eigenen Todes zu verwechseln. Diesemenschlichen Verhaltensweisen gibt. Ver-Kopfschmerzen, er brach die Reise abKenntnis würde kaum ein Leben sinnvol- blüffend, wie man mit einer vermeintlichund kehrte zurück nach Würzburg. Dia- ler und glücklicher machen.simplen Rechenaufgabe auch Menschengnose: Hirntumor, inoperabel. Jedoch mit KERSTIN SCHWANZER, BAD NAUHEIM (HESSEN) mit einem sicherlich akzeptablen IQ (Stu-der Möglichkeit, schmerzfrei zu leben bisdenten) in Verlegenheit bringt oder siezum Ende. Er flog wieder nach IndienWenn so viele Menschen Angst vor Siech-aufs Glatteis führt. Hoffentlich bin ichund vollendete seine knapp zwei Monatetum und Fremdbestimmtheit haben: Da- mit meiner Antwort nicht auch durchge-lange Reise, veranstaltete nach seinergegen könnte man etwas tun. Nämlichfallen. Sie lautet: Der Ball kostet 5 Cent.Rückkehr in Deutschland eine Abschieds- mit Überlegung einen wirklich „guten GÜNTER RIEMER, MÜNSTERparty und starb einige Wochen später. ERICH STEGER, SCHWAIG (BAYERN)Wer die Betreuung pflegebedürftiger An-Diskutieren Sie im Internetgehöriger nicht nur Fremden überlässt www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegelund hinter die Kulissen sehen kann,macht mit Ärzten, Pflegediensten und‣ Titel Soll Deutschland Israel bei der AtomrüstungHeimen Erfahrungen, die wertvoller sind helfen?als alle Beschreibungen. Er lernt, zwi- ‣ Energiewende Wie teuer darf der Verzicht auf Stromschen Heuchelei und echter Fürsorge zuaus Kernkraftwerken werden?unterscheiden. Und er erfährt, was ihnerwartet, wenn er alt und dement wird.‣ EM Ist Cristiano Ronaldo der beste Spieler der Welt?ANNEMARIE FISCHER, WIELENBACH (BAYERN)6D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 5. BriefeNr. 21/2012, Ultras provozieren deutsche nehmen zu müssen. Auswahl des Lese-Profi-Clubszeichens, Diskussion eines jeden Satzes mit Lektor und Korrektor, OrganisationPöbel für den Soundtrack von zig Lesungen und Talkshows, Über- setzungen ins Englische und Japanische?Die Kickerei ist zu einem Programman-Daran ist doch bei jemandem, der im Ni-gebot geworden, das mit Casting-Showsschenbereich schreibt, nicht zu denken –und Volksmusik konkurriert. Die Gefah- trotz hervorragender Rezensionen!renzone ist das Stadion. Doch die Besu-TONIO GAS, HANNOVER Dieser Bericht ist in seiner schnörkellos ehrlichen Darstellung wunderbar ein- drucksvoll. Ich habe Kriminalhörspiele geschrieben, immerhin 52. Fast alle nachts. Die Dunkelheit und Stille der LARS BARON / GETTY IMAGES Nacht verstärkten das Gefühl grenzen- loser Freiheit der Phantasie. Ich kann Fer- dinand von Schirachs schriftstellerische Offenbarung nur bewundern und unter- schreiben. Das gilt auch für das, was er über repräsentative Demokratie schreibtBengalische Feuer im Düsseldorfer Stadion– absolut treffend.DR. WILFRIED OTTERSTEDT, BREMENcher der Arenen sind DFL, Sky und ARDso ziemlich egal. Der Pöbel hat für denEs bleibt bei der Tatsache, dass sich auchSoundtrack zum Event zu sorgen. Dass das menschengemachte Weltnetz dendie Ultras sehr viel Energie in die Choreosebenso menschengemachten geltendenstecken und ihren Verein bedingungslos Gesetzen einschließlich des Urheberrechtsbei Heim- und Auswärtsspielen unterstüt- zu unterwerfen hat. Im Übrigen bin ichzen, rückt in den Hintergrund. Bei ARD es allmählich leid, konstruierte Beispieleund ZDF werden die teuer ersteigertenvon ach so armen 15-Jährigen zu lesen,TV-Übertragungen mit gewaltiger Unter- die sich den neuen Walser-Roman nichtstützung der Radioprogramme hochge-leisten können! Wie wäre es mit Borgen?jazzt. Die Bolzerei bekommt einen völlig Stadtbücherei? Zeitungenaustragen? Oderüberhöhten Stellenwert. Denn es wird Verkauf des Smartphones?vergessen, worum es eigentlich geht: UmHANS GREGOR NJEMZ, KIEL22 Männer, die in kurzer Hose über eineWiese rennen.Man kann den Irrglauben, dass das Urhe- RALF ALBERS, OSNABRÜCKberrecht vor allem Verbraucher benach- teilige, nicht genug bekämpfen. Sonst gibtAuch wenn in Ihrem Artikel wenigstenses in wenigen Jahren nur noch Büchermal auf die Choreos und die eben nur von einigen Spinnern. Welcher vernünf-durch die leidenschaftliche Präsenz derUltras unvergleichliche Stimmung in denKurven hingewiesen wird, läuft es wiederauf die 600 Gewaltdelikte und 400 Ver-letzten hinaus. Dabei bleiben die „Ge-ISOLDE OHLBAUM / LAIFwaltbereiten“ unter sich, und mein Mit-gefühl mit herumstolzierenden Termina-toren in Uniform hält sich in Grenzen.Man muss nicht in die Kurve; wer Kir-chentags-Atmosphäre mag, kann nachWolfsburg fahren, aber ein Stadion ohneAutor SchirachUltras wäre wie Formel 1 heute: hochpro-fessionell, keimfrei und stinklangweilig.tige Mensch nimmt (bei allem Idealismus)STEPHAN SUTTKA, KNEITLINGEN (NIEDERS.) den Aufwand des Schreibens eines Buchs auf sich, wenn schließlich alles für lau ist und der kostenlosen Unterhaltung einigerNr. 21/2012, Urheberrecht / Bestseller-Online-Freaks dient?autor Ferdinand von Schirach über dieOLIVER BLUM, NÜRNBERGMühen, ein Buch zu schreiben Schade, dass Herr Schirach seinen beacht-Blutsauger gegen Edelfedernlichen Essay über das Schreiben mit einer doch recht unreflektierten BetrachtungHerr von Schirach leidet auf einem hohen zur direkten Demokratie einleitet. Es istNiveau! In meinem Bereich, dem wissen- einfühlbar, dass die Aktivitäten und Er-schaftlichen Schreiben, habe ich schon folge der Piraten in Deutschland geeignetGlück gehabt, nicht noch die Druckkos- sind, Abwehrreaktionen zu generieren.ten für meine Habilitationsschrift über- Daraus aber zu folgern, dass repräsenta-10D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 6. Briefetive Demokratien besser funktionierenren. Deshalb wird dies auch an Hochschu- Schwester vernichtete – und zu deutlich„als jede andere Staatsform, die wir ken-len gelehrt. Und nun kommt bei uns einemilderen, wenngleich noch immer aus-nen“, ist kühn. Die Schweiz hat es mit Horde von Ignoranten, Laien und grünen sagekräftigen Urteilen kommen.diesem System immerhin fertiggebracht, Fundamentalisten und glaubt, dies hierFRIEDRICH KINZ, WEIMARwährend der Finanzkrise ihre Gesamt- innerhalb kürzester Zeit komplett umbau-schulden zu senken, im Gegensatz zu denen zu können. Der Artikel beschreibt nur„besser funktionierenden“ Ländern wieden Anfang vom Chaos.Nr. 21/2012, Der schwierige Versuch,Deutschland, Japan, USA und Österreich. DIPL.-ING. MICHAEL HEUBERGER, in einem boomenden Hamburger ViertelDR. ALFRED TROESCH, ZOLLIKON (SCHWEIZ) SELIGENPORTEN (BAYERN) den Straßenstrich zu verbietenNr. 21/2012, Die Energiewende gerät insNr. 21/2012, Im Ehrenmord-Fall Arzu ÖzmenStundenhotels zu WohnraumStocken, bevor sie richtig gestartet ist wurden fünf Geschwister verurteilt – Mir ist die ganze Aufregung über die Pro- doch welche Rolle spielte der Vater? stituierten am Hansaplatz unverständlich.Lobbyismus contra Zukunft Diese waren schon zu meiner SchulzeitZunächst muss man fordern, dass die de- In Hot Pants ins Männercafé? vor über 60 Jahren ortsansässig. Damalszentrale Stromerzeugung in Zukunft im Die Äußerungen des jesidischen Gelehr-Vordergrund steht, damit die Macht derten sind an Unverfrorenheit und Anma-ULRICH GEHNER / TEAMWORK / DER SPIEGELvier Stromriesen E.on, RWE, EnBW undßung nicht zu überbieten. Wer in einemVattenfall aufgebrochen wird. Der Aus-Staat mit freiheitlich-demokratischerbau der Netze von Nord nach Süd sollteGrundordnung und dem festgeschriebe-entlang von Autobahnen und Schienen-nen Selbstbestimmungsrecht der Frau le-strängen erfolgen. Damit können lang- ben will, hat dieses auch anzuerkennen.wierige Planfeststellungsverfahren undWas würde der Geistliche wohl sagen,Bürgerproteste eingeschränkt werden.wenn westliche Touristinnen in seinem FELIX KÖTTING, HAVIXBECK (NRW) Herkunftsland sich in Spaghetti-Top undHot Pants ungeniert in ein MännercaféDa sollen irgendwelche Provinzfürsten, setzen würden mit der Rechtfertigung:Hansaplatz in Hamburgdie fast alle Jura studiert haben und somit „Man kannte unsere Gepflogenheiten, alsLaien darstellen, die jeder für sich Lob- man uns Touristen einreisen ließ“?gab es in St. Georg noch drei Schulen,byisten für ihr Bundesland sind, gemein- ANNE ESSMANN, BERLIN heute leidet die einzige unter Schüler-sam einen sinnvollen Masterplan für die mangel. Kein Mensch hat sich damals amJeder Mensch sollte nicht nur vor dem Straßenstrich gestört.Gesetz das Recht auf freie Entfaltung ha- DETLEF M. HARTMANN, HAMBURGben, sondern auch in seinem familiärenUmfeld. Diese Urteile sollten eine Signal-Nur weil Verstöße gegen die Sperrgebiets-wirkung haben, damit junge Frauen ein verordnung in St. Georg über Jahre nichtselbstbestimmtes Leben führen können. verfolgt wurden, besteht noch lange nicht ANNE FLÖTER, POTSDAM das Gewohnheitsrecht auf einen Verstoß.ARMIN WEIGEL / DPAAls Anwohner begrüße ich es, wenn Stun- Danke für diesen ausführlichen und, so-denhotels in Wohnraum umgewandelt weit ich es beurteilen kann, ausgewoge-werden und der Hansaplatz zukünftig nen Bericht. Danke vor allem dafür, dass Kindern als Spielplatz dient statt derStromtrasseSie das Unwort „Ehrenmord“ mit dem aggressiven Prostitution als Laufsteg. vorangestellten „sogenannt“ relativieren. DIRK GARZ, HAMBURGkommenden Generationen ausarbeiten?HANS MENDE, HAMBURGDaran glaube ich nicht. Genau dies sind Ich bin keine Vertreterin feministischerdie Situationen, in denen ich an die Vor-Auch wenn es beim Vater, der sich über Weltanschauung, aber diese Frauen sindteile einer Technokratie denke. Es gehtsein Zeugnisverweigerungsrecht freuenweder alle „arme“ Mädchen noch allehier nicht um einzelne Länder, es geht darf, nicht für einen Schuldspruch reichen drogenabhängig, noch kriminell. Sie leis-um die komplette Bundesrepublik. sollte: Ein deutsches Gericht sollte (euro-ten, genau betrachtet, in der Tat einen PATRICK KULINSKI, MAGSTADT (BAD.-WÜRTT.)päischen Wertvorstellungen gemäß) in Dienst an der Gesellschaft. Hinter vorge- der Lage sein, Sirin und Osman Özmen haltener Hand würden wohl viele Män-In Deutschland ist es inzwischen so, dassauch in ihrer Rolle als Opfer des gleichen ner dieser Aussage zustimmen. Natürlichnur noch investiert wird, wenn Subven- abscheulichen Systems zu sehen, das ihre gibt es sie, die dunkle Seite der Prostitu-tionen fließen. Die Industrie blockiert sotion, die es zu eliminieren gilt, aber daslange, bis die Politik Milliarden locker- Gewerbe nicht weiter zu differenzierenmacht. Der Lobbyismus zerstört alle zu- kommt einem Denkfehler gleich. Sexar-kunftsweisenden Entscheidungen. beiterinnen üben einen Beruf aus, und esHENNING SIMON, WUPPERTALbesteht eine Nachfrage – ob uns das nunpasst oder nicht. Wozu sollen wir sie alsoEnergieversorgung ist technisch und wirt- an den Rand drängen?SEDA HAGEMANN / LZ.DEschaftlich eine Wissenschaft für sich. Es SANDRINE HOELTGEN,werden Investitionsgüter konzipiert mit ESCH-ALZETTE (LUXEMBURG)einer Lebensdauer von 30 und mehr Jah-Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mitren, zu erheblichen Kosten und mit demAnschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-Ziel, für eine Volkswirtschaft eine sichere tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:und bezahlbare Versorgung zu garantie- Brüder Özmen im Gerichtssaal leserbriefe@spiegel.de12 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 7. PanoramaDeutschlandROBERT SCHLESINGER / PICTURE ALLIANCE / DPAMerkel, Schäuble EURO-KRISEsorgen könne. In der vergangenen Woche musste das Landbei Anleiheplatzierungen 6,7 Prozent an Zinsen bieten. Bei Spanien soll unterdiesen Größenordnungen waren Portugal und Irland imvergangenen Jahr unter den Rettungsschirm geschlüpft, auchauf Druck der übrigen Euro-Staaten. Guindos ließ Schäubleden Schirmjedoch abblitzen. Sein Land könne die Mittel allein aufbrin-gen, erklärte der Spanier. Zudem wolle er zunächst abwarten,auf welchen tatsächlichen Finanzbedarf Unternehmensbera-ter kommen, die derzeitBundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolf-die spanischen Kredit- Spanische Staatsanleihengang Schäuble (beide CDU) wollen Spanien unter den euro-institute durchleuchten. Rendite zehnjähriger Papiere,päischen Rettungsschirm EFSF drängen. Nach Einschätzung Experten der Bundesre- in Prozent 6,5der beiden ist das Land allein nicht in der Lage, die Schieflagegierung rechnen damit,seiner Banken zu beheben. Diese Linie verabredeten Merkel dass die spanische Ban-und Schäuble Anfang vergangener Woche. Mit dem Schrittkenwirtschaft eine Kapi-6,0will die Bundesregierung die Gefahr eindämmen, dass sichtalspritze in Höhe von 50die Euro-Krise nach einem möglichen Ausscheiden Griechen- bis 90 Milliarden Eurolands in den angeschlagenen südlichen Ländern der Wäh-benötigt. Madrid hatte inrungsunion verschärft. Vorigen Mittwoch setzte Schäuble den vergangenen Wochen5,5den spanischen Wirtschaftsminister Luis de Guindos bei des- mehrmals Geld für seinesen Besuch in Berlin unter Druck. Spanien müsse sich Geld Banken außerhalb des bis-vom Rettungsschirm besorgen, um damit das Kapital seinerherigen Rettungsverfah-5,0Banken aufzupolstern, forderte der Deutsche. Die Schwierig- rens gefordert. Das hatteQuelle: Thomson Reuters Datastreamkeiten des Finanzsektors führten dazu, dass Spanien sich nurdie Bundesregierung ab-noch zu steigenden Zinsen Geld an den Finanzmärkten be- gelehnt.Jan. Febr. März April Mai GEISELNAHM Efreiung des im Januar entführtenkriminalamt hat Spezialisten nachMitarbeiters des Mannheimer Bau-Nigeria geschickt, die den Fall unter- Tragisches Endekonzerns Bilfinger Berger. Sein Auf-enthaltsort war nicht be-kannt. Bei dem Zugriff töte-suchen sollen. Im Zusammenhang mit der Geiselnahme war im März eine Video-Bot-Der in Nigeria getötete Deutscheten die Militärs vier Boko-schaft aufgetaucht. DarinEdgar Fritz R. starb offenbar bei dem Haram-Kämpfer. Die Sicher- forderten Mitglieder derVersuch einer Sondereinheit der heitskräfte fanden die LeicheTerrororganisation al-QaidaArmee, hochrangige Mitglieder der von Edgar Fritz R. an Hän- im islamischen Maghrebislamistischen Sekte Boko Haram den und Füßen gefesselt. die Freilassung der infestzunehmen. Die Operation in derDer Körper war mit Stich-Deutschland inhaftiertenMillionenstadt Kano galt nach Er- wunden übersät. Außerdem Ehefrau des Anführers der AFPkenntnissen der deutschen Sicher- hatte er eine Schussverlet-Sauerland-Gruppe, Fritzheitsbehörden jedoch nicht der Be-zung am Kopf. Das Bundes- Geisel Edgar Fritz R.Gelowicz.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 215
  • 8. Panorama A F G H A N I S TA N - A B Z U G Wenige Visafür Helfer Die Bundesregierung will afgha- nischen Angestellten der Bundes- wehr nach dem Abzug der Sol- daten Ende 2014 nur restriktiv Schutz gewähren. Besonders un- ter den knapp 500 Dolmetschern gibt es massive Ängste, dass die Taliban die ehemaligen Helfer der ausländischen Soldaten be- drohen und Rache an ihnen neh-WOLFGANG KUMM / DPA men könnten. Zunächst müsse ge- klärt werden, „in welchen Fällen eine Gefährdung überhaupt vor- liegen könnte“, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung an den grünen Abgeordneten Hans- Bundeswehrsoldat in einem Trainingscamp für afghanische Polizisten Christian Ströbele, erst dann kön- ne man „situationsangemessen“ über Lösungen für die soge- Hilfestellung geben. Bei gefährdeten Mitarbeitern gebe es nannten Ortskräfte nachdenken. Grundsätzlich sei beabsich- den Willen, diese nach dem Abzug der Bundeswehr nach tigt, die Betroffenen „in ein neues Beschäftigungsverhältnis Deutschland zu holen. Die Zahl der Visa für die Ortskräfte in Afghanistan zu überführen“, dabei wolle die Regierung soll aber möglichst klein gehalten werden.URHEBERRECHTübten die Branchenvertreter am ver- Problem nach Ansicht der Branchen-gangenen Mittwoch massive Kritik. vertreter nicht. „Leutheusser-Schnar-Spiel auf Zeit„Im Koalitionsvertrag steht, dass dasUrheberrecht reformiert werden soll,aber die zuständige Ministerin hat bis-renberger versteckt sich hinter EU-Richtlinien, statt das Problem auf na-tionaler Ebene anzugehen“, sagt Alex-Wegen der Verschleppung der Urhe- her nichts getan“, sagt Jürgen Doetz, ander Skipis vom Börsenverein desberrechtsreform gerät Bundesjustiz- Präsident des Verbands Privater Rund- Deutschen Buchhandels. Teilnehmernministerin Sabine Leutheusser-Schnar- funk und Telemedien. „Wir fordern,zufolge rechtfertigte Leutheusser-renberger (FDP) unter Druck. Bei ei-dass sie noch vor der Sommerpause Schnarrenberger ihr Abwarten auchnem Treffen der Ministerin mit deretwas auf den Tisch legt.“ Ein Zei- damit, dass es innerhalb der FDP bis-Deutschen Content Allianz, einem Zu-tungsbeitrag der Ministerin zum The-lang keine einheitliche Position zumsammenschluss von Medienanbietern,ma am vorigen Donnerstag löst das Urheberrecht gebe. PA R T E I E Ngenkommen“, schreibt SPD-Fraktions-geschäftsführer Thomas Oppermann an Qual des Wahltermins Bundesinnenminister Hans-Peter Fried-rich (CSU). Auch aus Kostengründensei das einheitliche Datum geboten:Zwischen Regierung und Opposition „Ein zusätzlicher Wahltermin in Bayernbahnt sich eine Auseinandersetzungdürfte deutlich über 10 Millionen Euroum den Termin für die Bundestagswahlkosten, und Tausende von ehrenamt-2013 an. Die SPD fordert, die Wahllichen Wahlhelfern müssten zwei Sonn-bereits am 15. September anzusetzen,tage opfern“, so Oppermann. CSU-dem ersten Sonntag nach Ende derChef Horst Seehofer bevorzugt einSommerferien in allen Ländern. DamitDatum, das mindestens zwei Wochenkönnten Bundestag und bayerisches nach der eigenen Landtagswahl liegt, PONIZAK / CAROParlament am selben Tag gewählt wer-da er sich so bessere Chancen ausrech-den. „Dies würde dem sicher von allen net. Den Termin stimmt das Innenmi-Parteien getragenen Ziel einer mög- nisterium üblicherweise mit dem Bun-lichst großen Wahlbeteiligung entge-Plenarsaal des Bundestags destag und den Ländern ab.16 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 9. DeutschlandStudierende aus dem Ausland QUERSCHNITTAnteil in Prozent im Wintersemester 2010/11 Berlin Hauptstadt-Bonus Mecklenburg- 13,0 Saarland 11,8BremenVorpommernBerlin zieht Studenten aus Schleswig- 11,5aller Welt an. Im Winter-Holstein 4,8 Branden-semester 2010/2011 war dort 5,5 burg9,3der Anteil von Studierenden Thüringen6,6aus dem Ausland höher als in Baden-allen anderen Bundesländern. Bayern 7,39,2 Württem- bergBesonders beliebt sind dieKunstwissenschaften, hier 8,8 Sachsenbetrug der Anteil bundes-Rheinland- 7,5weit 12,4 Prozent. Erst dann Pfalz7,5 8,6folgte das Ingenieurwesen. Nordrhein- 7,57,9 Hessen Westfalen 7,8Sachsen-HamburgNieder-AnhaltQuelle: Statistisches Bundesamt 2012 sachsen GRÜNE 2017 wird das ehrgeizige Ziel ange- strebt, dass Deutschland 0,7 Prozent Entwicklungshilfe statt seiner Wirtschaftsleistung für die Ent- wicklungshilfe einsetzt. Eine Erhö-Hartz IV hung der Hartz-IV-Sätze auf 420 Euro, vom grünen Parteitag 2007 beschlos- sen, wird dagegen zurückgestellt. InDie Grünen wollen im Fall einer Re-einem ersten Schritt soll der Regelsatzgierungsbeteiligung im Bund die Ent- von derzeit 374 Euro auf 391 Euro er-wicklungshilfe ausdehnen, dafür aber höht werden. Insgesamt wollen diebei der Erhöhung der Hartz-IV-SätzeGrünen im Haushaltsjahr 2014 rundsparen. Das geht aus einem Zwischen- zwölf Milliarden Euro zusätzlich aus-bericht der Projektgruppe „Prioritä- geben, wenn sie regieren könnten. Imten“ für die Bundestagsfraktion her- Gegenzug sollen unter anderem „öko-vor. Danach soll der Bund allein imlogisch schädliche Subventionen“ ab-Jahr 2014 zusätzlich 1,7 Milliardengebaut, das Ehegattensplitting gekapptEuro für internationale Klima- und und der Spitzensteuersatz auf 49 Pro-Entwicklungsprojekte ausgeben. Bis zent erhöht werden.BETREUUNGSGELD nisterium von FDP-Chef Philipp Rös- ler am vergangenen Freitag eine Ge- Rösler bremst sprächsrunde im Familienministerium von Kristina Schröder (CDU). Bei dem Treffen sollten Einwände gegen dieDie schwarz-gelbe Koalition streitet umstrittene Sozialleistung ausgeräumterbittert über das Betreuungsgeld. Sowerden. Wie bereits mitgeteilt wordenboykottierte das Bundeswirtschaftsmi-sei, werde seitens des Wirtschaftsres- sorts „Leitungsvorbehalt eingelegt“, heißt es in einem Schreiben. „Dieser Vorbehalt kann nur auf Minister-Ebene aufgelöst werden.“ Deshalb sehe das Wirtschaftsressort „derzeit keine Not- wendigkeit“ für ein Gespräch auf Ebe- ne der Abteilungsleiter oder Staats- sekretäre. In dem Brief macht Röslers Haus mehrere Bedenken gegen dasAXEL SCHMIDT / DAPD Projekt geltend. Vor allem verlangt es Klarheit über die zu erwartenden Kos- ten und fordert, das Gesetz erst im Au- gust und nicht schon im Januar nächs-Rösler ten Jahres in Kraft zu setzen. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 17
  • 10. DeutschlandPanorama GORLEBENSchlüssel in der HandJULIAN STRATENSCHULTE / DPA Erkundungsbergwerk Gorleben Bundeskanzlerin Angela Merkel muss sich bei ihrer AussageHand“, heißt es dazu warnend in einem Vermerk des Kanz- vor dem Gorleben-Untersuchungsausschuss auf Fragen zuleramts. Um dem zu entgehen, müsse sich die Erkundung – möglichen Tricksereien der früheren Regierung Kohl einstel-auch „unter Inkaufnahme erhöhter Risiken“ – auf Areale im len. Dabei geht es um sogenannte Salzrechte am geplanten Besitz der Bundesregierung beschränken, so die Empfehlung atomaren Endlager. Neu aufgetauchte Akten des Kanzleramtsvon Mitarbeitern der damaligen Bundesumweltministerin Mer- von 1997 zeigen, dass Experten der damaligen Regierung die kel. Erst für den tatsächlichen Ausbau des Salzstocks zum Erkundung der Lagerstätten ursprünglich nur für machbarEndlager solle sich die Regierung die entsprechenden Rechte hielten, wenn private Salzrechte-Inhaber enteignet würden. beschaffen. Für Sylvia Kotting-Uhl, grüne Obfrau im Unter- Ansonsten könnten die Erkundungsstrecken geologisch „nicht suchungsausschuss, ist damit klar, dass Merkel bewusst „Risi- optimal durchgeführt werden“. Für eine solche Enteigungken und Abstriche bei der Sicherheit in Kauf nahm, als sie hätte jedoch das Atomgesetz geändert werden müssen, wassich für eine reduzierte Gorleben-Erkundung entschied“. Die nur mit Zustimmung des Bundesrats möglich ist. „Die SPDKanzlerin soll Ende September als letzte Zeugin des Ausschus- hätte damit auf jeden Fall den Schlüssel für Gorleben in der ses vernommen werden.MODE V E R FA S S U N G S S C H U T Z Auf rechts gedreht Nicht ohne RichterDie klassischen Waren- und Versand- Nach dem Ermittlungsdesaster gegen STEFAN BONESS / IPONhäuser in Deutschland sind sich uneinsdie Zwickauer Neonazi-Terroristenüber den Umgang mit der bei Neo-fordert der ehemalige brandenburgi-nazis beliebten Textil- und Schuhmar- sche Verfassungsschutzchef und heuti-ke Lonsdale. Rechtsextremisten tragen ge Bundesanwalt Hans-Jürgen Förstergern Shirts des britischen Herstellers, Konsequenzen für die Geheimdienste.weil der groß aufgedruckte Marken-Neonazis auf einer Demo in Berlin Er möchte, dass sogenannte V-Leutename die Buchstabenfolge NSDA ent-künftig erst nach einer „Zulassung“hält, die an Hitlers Partei erinnert. Ga- Jahren“ nicht mehr. Neckermann so-durch einen Richter rekrutiert werdenleria Kaufhof hat schon im Jahr 2000wie der Otto-Versand mit seinen Töch- dürfen. Förster erhofft sich dadurch ei-Lonsdale aus dem Warenhaus- und tern Baur und Schwab verkaufennen „Zuwachs an Legitimität und An-Online-Sortiment entfernt, „da derdemgegenüber die Produkte weiterhin,sehen“ von Geheimoperationen. Zu-Ruf der ,rechten Nähe‘ diese Markedenn der Hersteller habe sich glaub-dem diene das Verfahren einer „Dis-schon damals begleitet“ habe, so einwürdig von rechtem Gedankengutziplinierung nach innen“, weil die Ver-Sprecher. Auch Karstadt führt das La- distanziert und engagiere sich seit fassungsschützer wüssten, dass ihre Ar-bel nach eigenen Angaben „schon seitJahren gegen rechte Gewalt, heißt es. beit überprüft würde.18 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 11. TitelKommandozentrale eines israelischen „Dolphin“-U-Boots: „Deutschland kann stolz sein, die Existenz des Landes gesichert zu haben“Made in GermanyDie Bundesrepublik exportiert U-Boote nach Israel, über deren technische Ausrüstungseit Jahren spekuliert wird. Experten in Deutschland und in Jerusalem bestätigennun: Die Schiffe sind mit Atomsprengköpfen bewaffnet. Und Berlin weiß das seit langem.20D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 12. ZIV KOREN / POLARIS / LAIFD er Stolz der israelischen Marine sagt: „Willkommen auf der ‚Tekuma‘, will- der Gang zu einer Kommandozentrale, wiegt sanft in der Dünung des Mit- kommen auf meinem Spielzeug.“ deren Arbeitsplätze um ein Periskop telmeers, auf der WasseroberflächeEr schiebt einen Riegel zurück und öff-gruppiert sind. Der Seemann bleibt ste-spiegelt sich die Silhouette des Karmel-Ge- net den Kühlschrank. Zucchini lagernhen und zeigt auf eine Reihe von Bild-birges. Wer auf die „Tekuma“ möchte,dort, eine Palette Joghurtbecher und eine schirmen, neben denen Firmenschildermuss am Pier des Hafenbeckens von Haifa Zwei-Liter-Flasche Cola light. Die „Teku- von Siemens und von der Bremer Elek-einen Steg aus Holz passieren, um in einenma“ ist erst im Morgengrauen von einertronikschmiede Atlas angeschraubt sind.Tunnelschacht zu steigen, der in das In-geheimen Mission zurückgekehrt.„Combat Information Center“ nennennere des U-Boots führt. Der für Besucher Der Marineoffizier, dessen Namen die die Israelis die Kommandozentrale, siezuständige Marineoffizier, ein sehniger Militärzensur unter Verschluss hält, führtist das Herzstück des U-Boots, in demMann in den Vierzigern, der seine Augen die Besucher vorbei an ein paar Kojen,sämtliche Informationen zusammenlau-hinter einer Ray-Ban-Sonnenbrille ver-entlang an Gestängen aus Stahl. Die Luftfen und alle Operationen geleitet werden.birgt, federt die Stufen hinab. Als er dasriecht verbraucht wie im Wohnzimmer Von zwei Ledersesseln aus wird das SchiffUnterdeck erreicht, dreht er sich um undeiner Männer-WG. Mitschiffs weitet sich gesteuert, es sieht aus wie im Cockpit ei-D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 221
  • 13. Titelnes Kleinflugzeugs. Ein rot leuchtendes gen. In ungewöhnlicher Offenheit waren Doch nun räumen ehemalige deutscheDisplay zeigt an, dass der Kiel derzeit hochrangige Politiker und Soldaten des Spitzenbeamte die atomare Dimension7,15 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Judenstaates nun aber bereit, über die Be- erstmals ein: „Ich bin von vornherein da-„Das alles ist in Deutschland gebautdeutung der deutsch-israelischen Rüs- von ausgegangen, dass die U-Boote nu-worden, nach israelischen Vorgaben“,tungskooperation und über Deutschlands klearfähig sein sollen“, sagt Hans Rühle,sagt der Marineoffizier, „auch die Waf- Rolle zu sprechen, wenn auch zumeist un- Ende der achtziger Jahre Chef des Pla-fensysteme.“ Die „Tekuma“ ist 57 Meterter der Bedingung der Anonymität. „Am nungsstabs im deutschen Verteidigungs-lang und 7 Meter breit, ein in THW-blau Ende ist es ganz einfach“, sagt der israe- ministerium. Auch Lothar Rühl, seiner-gestrichenes Prunkstück an Präzisions-lische Verteidigungsminister Ehud Barak, zeit Staatssekretär auf der Hardthöhe, hatarbeit made in Germany, genauer: Präzi- „Deutschland hilft, Israels Sicherheit zu nie daran gezweifelt, dass „Israel auf densionsarbeit, die zum Atomwaffeneinsatzverteidigen. Die Deutschen können stolz Schiffen Nuklearwaffen stationiert“. Undgeeignet ist. darauf sein, die Existenz des Staates Israel Wolfgang Ruppelt, in der entscheidenden Denn die Unterseeboote bergen tief infür viele Jahre gesichert zu haben.“ Phase Rüstungschef im Verteidigungsmi-ihrem Inneren, auf Deck 2 und 3, ein Ge- Andererseits lag über der Recherche, nisterium, gibt an, ihm sei sofort klar ge-heimnis, das selbst in Israel nur wenigesoweit sie in Israel stattfand, der Bann wesen, dass die Israelis die Schiffe alsEingeweihte kennen: nukleare Spreng-der Zensur. Zitate von israelischen Ge- „Träger für Waffen wollten, die ein klei-köpfe, klein genug, um auf einen Marsch-sprächspartnern mussten dem Militär nes Land wie Israel an Land nicht statio-flugkörper montiert zu werden, aber ex- ebenso vorgelegt werden wie die Bilder nieren kann“. Noch deutlicher werdenplosiv genug, um einen Atomschlag mit des Fotografen. Nachfragen nach den nu- deutsche Spitzenbeamte im Schutz derverheerenden Folgen auszuführen. Dieses klearen Fähigkeiten Israels, an Land oder Anonymität: „Die Boote dienten von An-Geheimnis zählt zu den bestgeschütztenzu Wasser, sind tabu. Und Deck 2 und 3, fang an vornehmlich dem Zweck der nu-der modernen Militärhistorie. Wer in Is-dort, wo die Waffen lagern, blieben dem klearen Ausrüstung“, sagt ein zuständigerrael offen darüber spricht, riskiert eine Besucher verschlossen. Ministerialer.hohe Gefängnisstrafe.In der Bundesrepublik ist die militäri- Die Flugkörper für die Kernwaffen-Op- Recherchen des SPIEGEL in Deutsch- sche Aufbauhilfe bei den U-Booten seit tion, so sagen es Insider, sind in der israe-land, Israel und den USA, bei noch am-rund 25 Jahren umstritten, sie beschäftig- lischen Waffenschmiede Raphael gebauttierenden und ehemaligen Ministern, bei te Öffentlichkeit und Parlament. Die worden. Es handle sich um eine Weiter-beteiligten Militärs, Rüstungsingenieuren Kanzlerin fürchtet die gesellschaftliche entwicklung des Marschflugkörpers vomsowie Geheimdiensten lassen nun keinenDebatte – so, wie sie Literaturnobelpreis- Typ „Popeye Turbo SLCM“, die eineZweifel mehr: Mit Hilfe der maritimen träger Günter Grass mit einem israelisch- Reichweite von etwa 1500 Kilometern ha-Technik aus Deutschland ist es Israel ge- kritischen Gedicht zuletzt neu entfachte. ben sollen und mit einem bis zu 200 Kilo-lungen, sich ein schwimmendes Atomwaf-Angela Merkel besteht auf Geheimhal- gramm schweren Gefechtskopf Iran er-fen-Arsenal zuzulegen. Aus U-Booten tung, sie will nicht, dass Details des Deals reichen könnten. Die nukleare Ladungsind A-Boote geworden.publik werden. Bis heute beharrt die Bun- stammt aus der Negev-Wüste, wo Israel Nie zuvor durften ausländische Jour- desregierung darauf, über die Ausrüstung seit den sechziger Jahren in Dimona ei-nalisten auf eines der Kampfschiffe stei- mit Atomwaffen nichts zu wissen. nen Reaktor und eine unterirdische An-Die GeheimwaffeBrennstoffzellenanlage zur direktenDeutsche U-Boote für IsraelGewinnung elektrischer Energie aus Wasserstoff und SauerstoffPeriskope und AntennenAntriebsstrang Elektromotor Tanks mit Wasserstoff und Sauerstoff Mannschaftsräume,„Dolphin“-Klasse Kombüse, Speiseraum,Länge: 57,3 mDuschen, ToilettenBreite: 6,8mHöhe: 12,7 m (mit Turm) AkkusDrei U-Boote dieses Typswurden 1999 und 2000DieselmotorenTechnischeran Israel ausgeliefert, und GeneratorenLeitstand, Maschinen-Kommando-damals noch mit einemzentralekonventionellen diesel-kontrollraum Akkuselektrischen Antrieb.Waffenkammer für Torpedos,Marschflugkörper und Seeminen22 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 14. lage zur Plutoniumgewinnung betreibt.Wie ausgereift die israelischen Marsch-flugkörper sind, ist umstritten. Deren Ent-wicklung ist ein komplexes Projekt, öf-fentlich ruchbar wurde nur ein einzigerTest, den die Israelis vor der Küste SriLankas durchgeführt haben sollen. Die U-Boote sind die militärische Ant-wort auf die Bedrohung in einer Region,WOLFGANG KUMM / DAPD„in der es keine Gnade für die Schwachengibt“, wie Verteidigungsminister Baraksagt. Sie sind eine Versicherung gegendie Urangst der Israelis, dass „die Araberuns morgen schlachten könnten“, wie esder Staatsgründer David Ben-Gurion for- Staatspräsidenten Peres, Gauck*: Teil der deutschen Staatsräson?mulierte. „Nie wieder“, das war die Leh-re, die Ben-Gurion und andere ausAuschwitz zogen: „Nie wieder lassen wiruns wie Lämmer zur Schlachtbank füh-ren.“ Mit Kernwaffen ausgerüstet, sind dieU-Boote ein Signal an jeden Gegner, dassder Judenstaat selbst im Fall eines ato-maren Angriffs nicht völlig wehrlos wäre,sondern mit der ultimativen Vergeltungs-waffe zurückschlagen könnte. Die U-Boo-te sollten „garantieren, dass der Feindsich nicht verlockt fühlt, präventiv mitnichtkonventionellen Waffen zuzuschla-gen, und doch ungestraft davonkommt“,so hat es der israelische Admiral AvrahamBozer ausgedrückt.GETTY IMAGES Atomare Zweitschlagskapazität heißtdiese Variante eines Wie-du-mir-so-ich-Dir, in der Hunderttausende Tote mitebenso vielen Opfern vergolten würden.Regierungschefs Merkel, Netanjahu 2011: „Der hört ohnehin nicht zu“Es ist eine Strategie, wie sie die USA und März 2008 in einer Rede vor der Knesset„Dolphin-II“-Klasse Russland im Kalten Krieg praktizierten, bekannte? „Das heißt, die Sicherheit Is-Ein U-Boot ist noch in Bau, eines in Erprobung, ein indem sie stets einen Teil ihres nuklearen raels ist für mich als deutsche Bundes-drittes wurde vor kurzem bestellt. Dieser Typ ist mit Arsenals auf U-Booten in Bereitschaft kanzlerin niemals verhandelbar“, erklär-68m Länge deutlich größer als die Vorgänger. Er hielten. Für Israel, das so groß wie Hessen te Merkel vor den Abgeordneten. Dieverfügt über eine zusätzliche Sektion zur Aufnahmeist und mit einem atomaren Schlag aus- Tücken einer solchen bedingungsloseneines Brennstoffzellenantriebs, der die Boote von gelöscht werden kann, ist die Absiche- Solidarität hat der neue Bundespräsidentder Außenluft unabhängig macht und so Tauch-rung seines Drohpotentials existentiell. Joachim Gauck bei seinem Antritts-fahrten bis zu mehreren Wochen ermöglicht.Zugleich trägt das nukleare Arsenal dazu besuch in Jerusalem in der vergangenenbei, dass Staaten wie Iran, aber auch Sy- Woche angesprochen: „Ich will mir nichtrien und Saudi-Arabien angst- und neid- jedes Szenario ausdenken, das die Bun-voll auf die atomaren Kapazitäten Israels deskanzlerin in enorme Schwierigkeitenblicken und ihrerseits den Bau von Nu- bringt, ihren Satz, dass die Sicherheit Is-klearwaffen erwägen. raels deutsche Staatsräson ist, politisch Umso mehr stellt sich für die Bundes- umzusetzen.“republik die Frage nach ihrer weltpoliti- Für die Bundesregierung gilt von jeherschen Verantwortung. Darf Deutschland, eine ungeschriebene Lex Israel, die in-das Land der Täter, Israel, dem Land der zwischen ein halbes Jahrhundert und alleOpfer, beim Aufbau einer Atomwaffen- Regierungswechsel überdauert hat undstreitmacht helfen, die geeignet ist, Hun- die der damalige Bundeskanzler Gerhardderttausende Menschenleben auszulö- Schröder 2002 auf den Punkt brachte:schen? „Ich will ganz unmissverständlich sagen: Fördert Berlin fahrlässig ein Wettrüsten Israel bekommt das, was es für die Auf-in Nahost? Oder muss Deutschland viel- rechterhaltung seiner Sicherheit braucht.“leicht sogar, als historische Verpflichtungaus den Verbrechen der Nationalsozialis- Franz Josef Strauß und der Beginnten, eine Verantwortung übernehmen, die„Teil der Staatsräson“ geworden ist, wie der Rüstungskooperation Zehn Torpedorohre (davon sechs mit Kaliber 533 mm, vier mit Kaliber 650 mm). Statt mit Druckluft werden Torpedos oder Marschflug-die Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wer dieser Logik folgt, ist oft auch bereit, körper durch ein Hydrauliksystem hinaus-das Rüstungsexportrecht zu verletzen. katapultiert. Ein Abschuss erfolgt dadurch * Vergangene Woche beim Besuch der Holocaust-Ge- Seit Konrad Adenauer schummelten deut- nahezu lautlos.denkstätte Jad Vaschem in Jerusalem. sche Regierungschefs diverse Militär-D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 223
  • 15. Titelgereisten war der Mann, der über die fol-genden Jahrzehnte zur Schlüsselfigur derWaffengeschäfte mit der Bundesrepublikwurde und auch zum Vater der israeli-schen Atombombe: Schimon Peres, spä-ter Premier – und mit 88 Jahren Israelsaktueller Präsident. Heute weiß man, dass die Waffenliefe-rungen spätestens 1958 begannen. Derdeutsche Verteidigungsminister ließ heim-lich sogar Waffen und Gerät aus Depotsder Bundeswehr wegschaffen und an-schließend das Material bei der Polizeials gestohlen melden. Viele der Zusendungen erreichten Is-rael auf Umwegen und waren als „Leih-gaben“ deklariert. Es handelte sich umSikorsky-Hubschrauber, Noratlas-Trans-ISAAC BEREZportflugzeuge, umgebaute M48-Panzer,Flugabwehrgeschütze, Haubitzen, lenk-Gesprächspartner Strauß, Ben-Gurion 1963: Panzergranaten „für die Boys in Tel Aviv“ bare Panzerabwehrraketen. Für die Lieferungen gebe es „keine kla-re gesetzliche oder haushaltsrechtlicheGrundlage“, räumte ein Beamter seiner-zeit intern ein. Doch Adenauer deckteseinen Minister, und wie richtig dieser inseiner Einschätzung lag, zeigte sich 1967,als Israel einem Angriff seiner Nachbarnzuvorkam und im Sechs-Tage-Krieg einenglänzenden Sieg errang. Strauß-FreundPeres erinnerte seine Landsleute fortandaran, dass sie nicht vergessen dürften,„womit wir gewonnen haben“. Dass die deutsche Sicherheitsgarantiekeine Frage der Parteipolitik war, zeigtesich sechs Jahre später, als in Bonn inzwi-schen der Sozialdemokrat Willy Brandtregierte – und Israel im Jom-Kippur-Krieg1973 an den Rand einer Niederlage geriet.Obwohl sich die Bundesrepublik offiziellaus dem Krieg heraushielt, genehmigteder Kanzler persönlich Waffenlieferun-gen an Jerusalem, wie Brandt-Biograf Pe-Vermerk über Treffen zwischen Strauß und Ben-Gurion 1961: Bonner Mitwisserschaftter Merseburger berichtete. Brandts Ent-scheidung war nach den Erinnerungengeschäfte mit Israel am Parlament vorbei, denstaat die Hilfe Deutschlands akzep-von Beteiligten ein „Rechtsbruch“, denhielten den zuständigen Bundessicher- tieren sollte, war in der israelischen Öf-Brandts Redenschreiber Klaus Harpp-heitsrat außen vor oder brachten, wie der fentlichkeit umstritten. Der spätere Pre- recht mit übergesetzlichem Notstanddamalige Verteidigungsminister Franz Jo-mierminister Menachem Begin etwa, der rechtfertigte. Der Kanzler habe es als „do-sef Strauß (CSU), explosives Gerät schondurch den Holocaust einen Großteil sei- minierende Pflicht des deutschen Regie-mal persönlich vorbei. So geschehen An- ner Familie verloren hatte, sah in der Bun- rungschefs“ gesehen, jenen Staat zu ret-fang der sechziger Jahre, als Strauß mitdesrepublik nur das „Land der Mörder“.ten, den die Holocaust-Überlebenden auf-einer Limousine bei der israelischen Mis- Bis heute laufen die Finanzhilfen für Is- gebaut hatten.sion in Köln vorfuhr und einem Verbin-rael in den meisten Fällen unter dem Be-dungsoffizier des Mossad einen in einen griff „Wiedergutmachung“. Finanzierte die Bundesregierung dasMantel eingewickelten Gegenstand über- Umso problematischer war eine Koope-reichte, „für die Boys in Tel Aviv“. Es war ration in Rüstungsfragen. Sie begann zu israelische Atomprogramm?das neue Modell einer Panzergranate.Zeiten von Strauß, der früh erkannte, In den sechziger Jahren war Israel längst Heikel war die Rüstungskooperation dass Hilfe für Israel nicht nur ein morali- nicht mehr nur an konventionellemunter jedem Kanzler. So fürchtete Bonnscher Imperativ war, sondern realpoliti-Kriegsgerät interessiert. Schon Ben-Gu-während des Kalten Krieges, es könnescher Notwendigkeit entsprang. Niemandrion hatte Peres ein besonders sensiblesdie arabische Welt an die DDR verlieren,konnte dem neuen Deutschland besser Projekt anvertraut: Operation „Samson“,wenn es offen mit Israel paktierte. Spä-zu Ansehen verhelfen als die Überleben- benannt nach der biblischen Figur, die zuter kam die Angst um das arabische Öl den des Holocaust.Zeiten gelebt haben soll, als die Israelitendazu, den Schmierstoff des Wirtschafts-Und so traf sich Strauß im Dezemberdurch die Philister unterdrückt wurden;wunders.1957 in seinem Privathaus bei Rosenheim jener Samson galt im Kampf als unbesieg- Auch für die jeweilige Regierung in Je-zu einem Gespräch mit einer kleinen is- bar, aber auch als zerstörerisch. Ziel derrusalem barg die Zusammenarbeit Bri-raelischen Delegation. Prominentestes Operation: der Bau der Atombombe. Ge-sanz. Ob und in welcher Weise der Ju- Mitglied auf der Seite der aus Israel An- genüber den Verbündeten behaupteten24D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 16. die Israelis, sie benötigten billigen Atom-strom, um Meerwasser zu entsalzen. Mitdem Wasser wolle man die Negev-Wüstefruchtbar machen. Auch die Bundesregierung wurde zu-nächst im Unklaren gelassen – wohl bisauf Franz Josef Strauß. Der CSU-Mannwar offenbar 1961 eingeweiht worden.Das legt ein als „streng geheim“ einge-stufter Vermerk vom 12. Juni 1961 nahe,den Strauß nach einem Treffen mit Peresund Ben-Gurion in Paris diktierte: „Ben-Gurion ist auf die Produktion atomarerWaffen zu sprechen gekommen.“ Über die Gründe des aus Polen stam-ISRAEL SUN / SIPA PRESSmenden israelischen Sozialdemokraten,ausgerechnet den bayerischen Konserva-tiven ins Bild zu setzen, kann man nurspekulieren. Manches spricht dafür, dassJerusalem auf finanzielle Hilfe für dieOperation „Samson“ hoffte. Militärführer Dajan (r.) im Sechs-Tage-Krieg 1967: Sieg mit deutschen Waffen Israel war damals klamm, der Bau derBombe verschlang enorme Summen, undBen-Gurion verhandelte mit Adenauerunter größter Geheimhaltung über einenMilliardenkredit. Den deutschen Ver-handlungsunterlagen zufolge, die nun dieBundesregierung auf Antrag des SPIE-GEL freigegeben hat, wollte Ben-Guriondas Geld ausgerechnet für eine Infrastruk-turmaßnahme in der Negev-Wüste einset-zen. Auch von einer „Meerwasser-Entsal-zungsanlage“ war die Rede. Pläne für eine solche atombetriebenezivile Anlage gab es tatsächlich. Und dieEntwicklung der Negev-Wüste war einesder größten Projekte in der kurzen Ge-schichte Israels. Als der Unionsfraktions-vorsitzende Rainer Barzel in Jerusalemnachfragte, erklärten die Israelis, Wasser-gewinnung durch Entsalzung sei eine„epochale Aufgabe“. Barzels Begleiter no-tierte: „Die erforderliche Atomkraft wer-de international kontrolliert und nicht mi-Vermerke über Gespräch zwischen Schmidt und Dajan 1977: „Verheerende Folgen“litärisch nutzbar sein. Wir könnten da un-besorgt sein.“Gegenüber dem deutschen Verbünde- Als erste Bundeskanzler sahen sich Aber eine atomar betriebene Entsal- ten wählten die Politiker hingegen eineBrandt und Schmidt in den siebziger Jah-zungsanlage wurde nie gebaut, und wasAusdrucksweise, die den wahren Sach- ren mit dem dringenden Wunsch der Is-genau mit den insgesamt 630 Millionenverhalt kaum verschleierte. Als im raelis nach U-Booten konfrontiert. DreiMark aus Deutschland passierte, die bisHerbst 1977 der legendäre frühere Ver- Schiffe sollten in Großbritannien nach1965 überwiesen wurden, ist unklar. Dieteidigungsminister Mosche Dajan nach deutschen Plänen gebaut werden, die dasZahlungen liefen über die KreditanstaltBonn kam, erzählte er Kanzler Helmut Industriekontor Lübeck (IKL) erstellte.für Wiederaufbau in Frankfurt, deren Schmidt von der Angst des ägyptischenDie Ausfuhr der Unterlagen erforderteChef intern erklärte, die Verwendung der Nachbarn, „dass Israel möglicherweisejedoch eine Exportgenehmigung, und umMittel sei „niemals geprüft“ worden. „Al-Atomwaffen benutzen könne“. Dajandiese zu umgehen, vereinbarte IKL mitles spricht dafür, dass die israelische Bom- zeigte Verständnis für die Ägypter, eindem Verteidigungsministerium, die Zeich-be auch mit deutschen Geldern finanziert Einsatz der Bombe gegen den Assuan-nungen gleich auf dem Geschäftspapierwurde“, glaubt Avner Cohen, israelischer Staudamm würde auch nach seiner Ein- einer britischen Werft zu fertigen und mitNuklearhistoriker am Monterey Instituteschätzung „verheerende Folgen“ haben.einer Maschine der Briten ins englischeof International Studies in Kalifornien. Die Existenz einer Kernwaffe dementier-Barrow fliegen zu lassen, wo die Schiffe 1967 hatte Israel wohl seine erste Kern-te er gar nicht erst.zusammengesetzt wurden.waffe zusammengebaut. Fragen zu sei-Längst ging es bei der deutsch-israeli-nem atomaren Arsenal speiste Jerusa- Die ersten U-Boote werdenschen Rüstungskooperation nicht mehrlem mit einer Standardformel ab, dienur um die Sicherheit Israels, es war zu-auf Peres zurückgeht: „Wir werden nichtheimlich in England montiert gleich ein Bombengeschäft für die bun-die Ersten sein, die im Nahen OstenWer aber die Bombe hat, der sucht auch desrepublikanische Industrie.Atomwaffen einführen.“ Diese bewusst nach einem sicheren Lagerungsort und 1977 lief das letzte dieser ersten dreischwammig gehaltene Formulierung ist einer sicheren Abschussrampe. Nach ei- U-Boote in Haifa ein. An die nuklearebis heute offizielle Sprachregelung. nem U-Boot zum Beispiel. Zweitschlagskapazität dachte damals nie- D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 25
  • 17. Titel Rabin wusste, dass in Bonn erst 1982neue „Politische Grundsätze“ für denWaffenexport eingeführt worden waren.Danach durften Lieferungen „nicht zu ei-ner Erhöhung der bestehenden Spannun-gen beitragen“. U-Boote für Israel ermög-lichte diese wachsweiche Formulierungallemal – zumal der alte Genscher-Satzgalt: „Alles, was schwimmt, geht“, weilvon Booten aus gemeinhin nicht aufDemonstranten oder Oppositionelle ge-schossen wird. Den Deutschen hatten die Alliiertennach dem Zweiten Weltkrieg zunächst CONTRAST PRESSuntersagt, große Unterseeschiffe zu bau-en, und so hatte sich der Hoflieferant derdeutschen Marine, die Howaldtswerke-Außenminister Genscher (M.) in Tel Aviv 1991: „Alles, was schwimmt, geht“ Deutsche Werft AG in Kiel, auf kleine,manövrierfähige Boote verlegt, die auchin der Ost- und Nordsee operieren konn-ten. Die Israelis suchten Schiffe, die inähnlich flachen Gewässern navigierenkonnten, entlang der libanesischen Küstezum Beispiel, wo es darum geht, auf See-rohrtiefe zu liegen, den Funkverkehr mit-zuhören und die Geräusche von Schiffs-schrauben mit einer bordeigenen Daten-bank zu vergleichen. Die Israelis holtenAngebote aus den USA, Großbritannienund den Niederlanden ein, aber „diedeutschen Boote waren die besten“, sagtein an der Entscheidung beteiligter Israeli. Wenige Wochen nach dem Mauerfall1989 gab die Bundesregierung – von derÖffentlichkeit fast unbemerkt – grünes APIrakischer Raketenangriff auf Tel Aviv 1991: Mobilmachung der AtomwaffenLicht für den Bau von zwei „Dolphins“,mit Option auf ein drittes Boot.mand; erst als Anfang der achtziger Jahresche Tiefe“, sagt Ajalon. „Für das Land Beinahe wäre der strategische Jahrhun-mehr und mehr israelische Offiziere vonwar der Kauf der U-Boote die wichtigstedert-Deal dann doch noch geplatzt. ZwarUS-Militärakademien zurückkehrten undstrategische Entscheidung.“hatten die Deutschen zugesagt, einen Teilvon den amerikanischen U-Booten Strategische Tiefe. Oder: nukleareder Kosten zu finanzieren, davon aberschwärmten, begann die Diskussion über Zweitschlagskapazität. explizit die Waffensysteme ausgenom-eine Modernisierung der israelischen Flot-Am Ende der Debatte benannte diemen; ein weiterer Zuschuss sollte aus dente – und die nukleare Option.Marine neun Korvetten und drei U-Boote USA kommen. Aber in der Zwischenzeit Zu jener Zeit tobte ein Machtkampf in als Bedarf – „eine größenwahnsinnige hatten die Israelis eine neue Regierungder israelischen Armee. Zwei Planungs- Forderung“, wie der später zum Navy- gewählt, die erbittert über die Investitio-teams entwickelten unterschiedliche Stra-Chef aufgestiegene Ajalon heute zugibt.nen stritt.tegien für die Marine. Die eine Fraktion Doch die Marinestrategen hätten die Hoff- Vor allem der im Juni 1990 ernannteplädierte für neue, größere Raketenkor-nung auf ein haushalterisches Wunder ge- Verteidigungsminister Mosche Arens be-vetten des Typs „Saar“, die zweite für habt.kämpfte den Vertrag – erfolgreich: Dieden Kauf von U-Booten. Israel sei „eine Oder die Hoffnung auf einen reichen Israelis teilten der Werft in Kiel am 30.kleine Insel, auf die 97 Prozent aller Gü- Gönner, der bereit war, ein paar U-Boote November 1990 mit, dass sie von demter über das Wasser gelangen“, sagt Amizu verschenken.Kontrakt zurücktreten wollten.Ajalon, seinerzeit stellvertretender ChefDer Traum von der nuklearen Zweit-der Marine und späterer Leiter des In- Kohl und Rabin machen Israel zuschlagskapazität: perdu? Mitnichten.landsgeheimdienstes Schin Bet. Im Januar 1991 griffen die US-Luft- Schon damals zeichnete sich laut Aja- einer modernen U-Boot-Machtstreitkräfte den Irak an, und Saddam rea-lon ab, „dass im Nahen Osten Kurs in Die beiden Männer, die Israel schließlichgierte, indem er modifizierte „Scud“-Ra-Richtung Atombewaffnung genommen in den Kreis der modernen U-Boot-Mäch- keten auf Tel Aviv und Haifa schießenwurde“, vor allem im Irak. Dass arabischete katapultierten, waren Helmut Kohl ließ. Knapp sechs Wochen lang dauerteStaaten sich ernsthaft für den Bau von und Jizchak Rabin. Rabins Vater hatteder Beschuss. Gasmasken, die zum TeilKernwaffen interessieren, habe Israels schon im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger aus Deutschland stammten, wurden anVerteidigungsdoktrin verändert. „Ein U-in der Jüdischen Legion der britischen die Haushalte verteilt. „Es war ein un-Boot kann als taktische Waffe für ver- Armee gekämpft, er selbst führte die is- fassbares Szenario“, erinnert sich der heu-schiedene Missionen eingesetzt werden, raelische Armee 1967 im Sechs-Tage-tige Verteidigungsminister Barak. In je-aber im Zentrum unserer Diskussionen Krieg als Stabschef zum Sieg. Nach einer nen Tagen seien jüdische Immigrantenin den achtziger Jahren stand die Frage, ersten Amtszeit als Regierungschef Mitte aus Russland in Israel eingetroffen, „de-ob die Marine eine zusätzliche Aufgabe der siebziger Jahre wechselte er 1984 alsnen wir noch auf dem Flughafen Gasmas-erhalten sollte: die sogenannte strategi-Verteidigungsminister ins Kabinett.ken in die Hand drücken mussten, um sie26 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 18. vor Raketen zu schützen, die der Irak mitHilfe der Russen und der Deutschen ge-baut hatte“. Ein paar Tage nach Beginn des „Scud“-Bombardements bat im Kanzleramt eindeutscher Militär um einen Termin, legteeinen geheimen Auswertebericht vor undpräsentierte den Inhalt eines Beutels. Aufdem Tisch breitete er Dutzende Elektro-nikteile aus, Bestandteile des Steuerungs-werks und des Aufschlagzünders der mo-difizierten „Scud“-Raketen, die eines ein-te: Sie waren made in Germany. Ohnedeutsche Technologie keine „Scud“, ohne„Scud“ keine toten Israelis. Deutschland trug wieder einmal eineMitschuld, das war auch die Botschaft,die Hanan Alon bei einer Bonn-Visitekurz nach Kriegsbeginn gegenüber Kohlvorbrachte: „Es wäre sehr unerfreulich,wenn über die Medien herauskommenwürde, dass Deutschland dem Irak gehol-fen hat, Giftgas herzustellen, um uns an-schließend Ausrüstung dagegen zu liefern,Herr Bundeskanzler“, so der hochrangigeMitarbeiter des Verteidigungsministeri-ums. Alon soll, so berichten es israelischeOffizielle, gedroht haben: „Sie wissen ja,dass die Worte Gas und Deutschland zu-sammen nicht sehr gut klingen.“ Die Botschaft saß. „Israel – Deutsch-land – Gas“ habe in der Welt einen „furcht-baren Dreiklang“, warnte AußenministerHans-Dietrich Genscher intern. Am 30.Januar 1991, zwei Wochen nach Beginndes Golfkriegs, sagte die Bundesregierungdie Lieferung von Rüstungsgütern imWert von 1,2 Milliarden Mark zu, darun-ter die komplette Finanzierung von zweiU-Booten mit 880 Millionen Mark. Dashaushalterische Wunder war eingetreten.Israel hatte seinen Gönner gefunden. Wer ein oder zwei U-Boote ordert, derkauft auch ein drittes, so lautet eine Weis-heit der Militärs. Ein U-Boot liegt zumeistim Dock, die beiden anderen lösen sichbei den Operationen ab. „Nachdem wirdie ersten beiden Boote bestellt hatten,war klar, dass wir in ein Geschäft mit Folge-aufträgen eingestiegen waren“, sagt eindamaliges israelisches Kabinettsmitglied. An einem Wintertag 1994 landete ge-gen 18 Uhr auf dem militärischen Teil desFlughafens Köln-Bonn eine Maschine derisraelischen Luftwaffe, deren Passagiereüber die Zukunft Israels und des NahenOstens reden wollten. An Bord waren Ra-bin, mittlerweile Premierminister, sein si-cherheitspolitischer Berater sowie Mos-sad-Chef Schabtai Schavit. Die kleine De-legation fuhr zum Kanzlerbungalow, woHelmut Kohl bereits mit seinem außen-politischen Berater Joachim Bitterlichund seinem GeheimdienstkoordinatorBernd Schmidbauer wartete. An jenem Abend diskutierten Kohlund Rabin den Weg zu einem Frieden imNahen Osten. Gemeinsam mit Jassir Ara-fat und Peres hatte Rabin im selben JahrD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 27
  • 19. Titelmeter breit sind – eine Sonderkonstruk-tion, wie sie auf keinem anderen U-Bootder westlichen Welt zum Einsatz kommt. Welchem Zweck dienen die großenRohre? In einem vertraulichen Vermerkvon 2006 argumentiert die Bundesregie-rung, diese Rohre seien eine „Option zurVerbringung von Spezialkräften und derdruckfesten Stauung von deren Ausrüs-tung“ – Kampfschwimmern zum Bei-spiel –, die durch den schmalen Schachtfür geheime Kommandoaktionen ausge-schleust werden können. So begründenes auch die Israelis.PATRICK BAZ / AFP Vor allem in den USA wird hingegenseit langem darüber spekuliert, ob diebreiteren Schächte für atomar bestückteMarschflugkörper gedacht sein könnten.Gesprächspartner Rabin, Kohl 1995: Nach den Spielregeln einer MännerfreundschaftGenährt wurde der Verdacht durch eineAnfrage der Israelis im Jahr 2000 nachCruise Missiles des Typs „Tomahawk“.Diese haben eine Reichweite von über1600 Kilometern, Nuklearversionen flie-gen sogar rund 2500 Kilometer weit. Wa-shington lehnte diesen Wunsch allerdingszweimal ab. Deshalb sind die Israelis bisheute auf selbstentwickelte Marschflug-körper angewiesen – zum Beispiel „Pop-eye Turbo“. Dessen Einsatz als nukleareTrägerwaffe ist in den „Dolphins“ ohneweiteres möglich. Anders als öffentlich angenommen, hatHDW die israelischen U-Boote statt miteinem Druckluft- mit einem neuartig ent-wickelten hydraulischen Ausstoßsystemausgestattet. Dabei wird Wasser mit HilfeTaufe der „Tekuma“ in Kiel 1998: Revolutionäre Technik durch Brennstoffzellen eines Hydraulikkolbens komprimiert unddie Waffe anschließend mit dem dabeiden Friedensnobelpreis erhalten. Erst-chen Welt vorangetrieben, es entwickelteentstandenen Druck aus dem Schacht ka-mals seit langer Zeit schien eine Einigungsich auch eine spezielle Form der tapultiert.zwischen Juden und Palästinensern mög-deutsch-israelischen Völkerverständi-Die Wucht, die dadurch entsteht, ist al-lich, mit Deutschland als Mittler.gung. Ein halbes Dutzend Israelis arbei-lerdings begrenzt, sie reicht nicht, um eine In Bonn sprach Rabin lange über dastet bis heute dauerhaft auf der Werft.drei bis fünf Tonnen schwere Mittelstre-noch immer schwierige deutsch-israeli-Zwischen den HDW-Technikern und ih- ckenrakete aus dem Boot zu jagen, so sa-sche Verhältnis. Zum Essen überraschteren Angehörigen sowie den israelischengen es jedenfalls Insider. Anders sei es beiKohl dann seine Besucher, indem erFamilien sind teils enge Freundschaften leichteren Flugkörpern mit einem GewichtWeißbier servieren ließ. Die Israelis wa- entstanden, gemeinsam werden Festevon bis zu 1,5 Tonnen wie „Popeye Turbo“ren begeistert. „Das Bier schmeckt toll“, gefeiert. Bei aller Sympathie achten dieoder auch der „Tomahawk“, die samtlobte Rabin. Das Eis war gebrochen. Israelis jedoch stets darauf, dass kein Atomsprengkopf ebenso viel wiegt. An diesem Abend bat der israelischeAußenstehender an die Boote herandarf. Manches spricht daher dafür, dass diePremier die Deutschen um ein drittes U- Selbst Managern von ThyssenKrupp, das Israelis sich mit den erweiterten RohrenBoot. Kohl sagte spontan zu. Gegen Mit- HDW 2005 übernommen hatte, wird der die Option auf künftige voluminösereternacht brachte Schmidbauer Rabin zu-Zutritt verwehrt. „Das Hauptziel allerEntwicklungen offenhalten wollen.rück zum Flughafen. Kohl, der die Spiel-Beteiligter war es, dass es keine öffent-regeln der Männerfreundschaft in der Po-liche Debatte über das Projekt gab, we- Die Deutschen und die A-Frage:litik wie kaum ein Zweiter beherrschte, der in Israel noch in Deutschland“, sagtließ zu Weihnachten 1994 einen Kasten Ex-Marine-Chef Ajalon. Deshalb liegt biskeine Fragen, keine ProblemeWeißbier nach Israel schicken.heute ein Schleier der GeheimhaltungDie Deutschen wollen davon nichts wissen, Ein paar Monate nach dem Geheimbe- über allem, auch, was die Ausrüstung dersie wollen, dass die A-Boote offiziell U-such von Bonn, im Februar 1995, wurde Schiffe betrifft. Boote bleiben. „Jedem von uns war un-der Vertrag für U-Boot Nummer drei, dieZu den Besonderheiten zählt die spe- ausgesprochen bewusst, dass die Boote„Tekuma“, unterzeichnet, bei der Deutsch- zielle Ausstattung der nach dem erstenauf die Bedürfnisse der Israelis zugeschnit-land 220 Millionen Mark übernahm. Schiff benannten „Dolphin“-Klasse. An-ten wurden und dass das auch nukleareders als herkömmliche U-Boote verfügenFähigkeiten umfassen konnte“, sagt einDie gutgeschützten Geheimnisse derdie „Dolphins“ im stählernen Bug nichtwährend der Kohl-Ära beteiligter deut-nur über Torpedorohre von 533 Millime-scher Spitzenbeamter, „aber es gibt in derWerft in Kiel tern Durchmesser. Auf speziellen Wunsch Politik Fragen, die man besser nicht stellt,In Kiel wird seitdem nicht nur eines derder Israelis entwarfen die HDW-Techni-weil die Antwort ein Problem wäre.“ Undgeheimsten Rüstungsprojekte der westli- ker vier zusätzliche Rohre, die 650 Milli-bis heute erklären Genscher und auch der28D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 20. TitelUPI / LAIFIranische Raketenparade in Teheran 2011: „Keine Gnade für die Schwachen“ehemalige Verteidigungsminister Volker ten Vermerk von Finanzstaatssekretär des Völkerrechts. Tatsächlich ist ein Ein-Rühe (CDU), sie glaubten nicht, dass Israel Karl Diller an den Haushaltsausschuss satz der U-Boote in einem Krieg mit Irandie U-Boote nuklear bestückt habe.des Bundestags vom 29. August 2006.unwahrscheinlich, solange Teheran keine Militärexperten der Bundeswehr zwei-Frei übersetzt heißt das: Ausgeliefert Atomraketen besitzt – auch wenn die is-feln wiederum nicht an der Atomwaffen- wird ein konventionelles U-Boot, was die raelische Regierung in der Vergangenheitfähigkeit, sie bezweifeln aber, ob sich auf Israelis damit machen, ist ihre Sache. Die die „Samson“-Option mindestens zwei-der Basis der „Popeye Turbo“ Marsch- Bundesregierung, so hatte es schon 1999 mal erwogen hat.flugkörper entwickeln lassen, die 1500 Ki- die damalige Staatssekretärin Brigitte Die militärische Lage nach dem Über-lometer weit fliegen können.Schulte geschrieben, könne „keine Bestü- raschungsangriff der Ägypter und Syrer Manche Rüstungsfachleute vermuten ckung ausschließen, zu der die Betreiber- während des Jom-Kippur-Feiertages 1973daher, dass die israelische Regierung bluf- marine nach entsprechender Umrüstung war so verzweifelt, dass Ministerpräsiden-fe – Iran solle glauben, dass der Juden- in der Lage wäre“.tin Golda Meïr – wie man heute aus Ge-staat bereits über eine Zweitschlagskapa-heimdienstberichten weiß – ihrem Vertei-zität zur See verfüge. Schon das würde Krieg um die Bombe: der Konfliktdigungsminister Mosche Dajan den BefehlTeheran zwingen, große Ressourcen zurerteilte, mehrere Atombomben gefechts-Abwehr zu mobilisieren. Der Erste, der zwischen Israel und Iranbereit zu machen. Die Kernwaffen wur-öffentlich Verdacht schöpfte, dass die Seit 2006 hat sich der Konflikt zwischen den zu Luftwaffeneinheiten transportiert.Bundesrepublik Israels atomare Aufrüs- Israel und Iran stetig verschärft. Die Ge- Kurz bevor die Gefechtsköpfe scharf ge-tung beförderte, war Norbert Gansel. Im fahr eines Krieges ist real. Seit Monaten macht werden sollten, wendete sich je-Bundestag erklärte der Kieler Sozialde- bereitet Israel die Regierungen der Welt doch das Blatt auf dem Schlachtfeld. Isra-mokrat, dass die SPD die Lieferungen und die internationale Öffentlichkeit auf els Streitkräfte gewannen die Oberhand,von „für nukleare Missionen geeignete eine Bombardierung der nuklearen An- die Bomben wanderten zurück in ihre un-U-Boote“ an Israel ablehne. lagen von Natans, Fordu und Isfahan mit terirdischen Bunker. Mindestens einen Vorstoß hat die Bun- modernsten konventionellen, bunkerbre- Und in den ersten Stunden des Golf-desregierung immerhin unternommen, chenden Waffen vor. Premierminister kriegs 1991 wurde von einem amerikani-um die A-Frage zu klären. Das war 1988, Benjamin Netanjahu und sein Verteidi- schen Satelliten registriert, dass Israel aufals Verteidigungsstaatssekretär Lothar gungsminister Barak sind davon über- den Beschuss mit irakischen „Scud“-Ra-Rühl während eines Besuchs in Israel bei zeugt, dass sich das Zeitfenster schließt, keten mit der Mobilisierung seiner Atom-dem damaligen stellvertretenden Gene- in dem ein solcher Angriff effektiv sein streitmacht reagiert hatte. Israelischeralstabschef Ehud Barak nachfragte, was könnte – weil Iran dabei sei, einen großen Analysten hatten fälschlicherweise ange-der „operative und strategische Sinn der Teil seiner Nuklearanreicherung tief unter nommen, die „Scuds“ wären mit GiftgasBoote“ sei. Baraks Antwort: „Wir brau- die Erde zu verlegen. armiert. Offen blieb, wie Jerusalem ge-chen sie für die maritime Vorfeld- Günter Grass sieht in den U-Booten, handelt hätte, wenn eine mit Nervengassicherung.“ Der Israeli verwies auf die deren „Spezialität darin besteht, allesver- bestückte „Scud“-Rakete ein Wohnviertelägyptische Seeblockade im Golf von Aka- nichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu getroffen hätte.ba vor dem Sechs-Tage-Krieg. Gegen so können, wo die Existenz einer einzigenWie nahe die Welt heute einem neueneinen Schritt wolle man gewappnet sein. Atombombe unbewiesen ist“, den mögli- Krieg ist, wissen wohl nur Netanjahu undDas klang plausibel, geglaubt hat Rühl es cherweise entscheidenden Schritt zu ei- der iranische Revolutionsführer Ali Cha-ihm nicht.ner nuklearen Katastrophe im Iran-Kon- menei. Der israelische Premierminister Der Brisanz des Themas war sich bis- flikt. Weltweit hagelte es Protest. Israel und sein iranischer Gegenspieler hättenlang jede Bundesregierung bewusst. Als und Iran auf eine Stufe zu stellen sei „eines gemeinsam“, sagt Walther Stützle,das Bundesfinanzministerium 2006 die „nicht geistreich, sondern absurd“, kon- der ehemalige Staatssekretär im Bundes-Mittel für die Finanzierung der U-Boote terte Außenminister Guido Westerwelle verteidigungsministerium: „Die Lust amNummer 4 und 5 anmelden musste, wan- (FDP). Netanjahu sprach von einem „ab- Konflikt. Greift Israel an, schlüpft Iranden sich die Ministerialen spürbar. Das soluten Skandal“, sein Innenminister ver- aus der Täter- in die Opferrolle.“ Ein le-vorgesehene Waffensystem sei „für die bot Grass die Einreise nach Israel.gitimierendes Mandat der Uno werde esVerwendung nuklear bestückter Flugkör- Aber der Schriftsteller fand auch Zu- für einen Waffengang nicht geben, Israelper nicht tauglich. Die U-Boote werden stimmung. Grass habe eine wichtige De- würde zum Rechtsbrecher, argumentiertdamit nicht für den Verschuss von Nukle- batte angestoßen, sagt SPD-Mann Gansel, Stützle, der heute bei der Stiftung Wis-arwaffen gebaut und ausgerüstet“, heißt denn Netanjahus „Schwadronieren über senschaft und Politik wirkt. „Wahrees in einem als Verschlusssache eingestuf- den Präventivkrieg“ gehe an den Nerv Freundschaft“, glaubt er, „verlangt, dass30 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 21. Titeldie Kanzlerin Netanjahu in den Arm fälltMerkel hat das wie ihr Vorgänger ten gebe es kein strategisches Hinterland.und ihn vom Waffengang abhält. Zur Schröder, der 2005 noch am letzten Ar-Nur der Luftraum und die See seien Puf-Schutzpflicht Deutschlands gegenüber Is- beitstag im Amt die Lieferung der U-Boo-ferzonen. „Wir brauchen dieses sechsterael gehört, den jüdischen Staat vor selbst- te 4 und 5 genehmigen ließ, von AnfangBoot“, soll Netanjahu während seinesmörderischen Abenteuern zu bewahren.“ an anders gesehen. Für die Kanzlerin gab Berlin-Besuchs nach Angaben von Teil- Helmut Schmidt ging – lange vor der es nie einen Zweifel, dass sie tun würde, nehmern gesagt haben – verbunden mitGrass-Debatte – noch weiter. „Hier wagt was Jerusalem wünscht – auch um dender Bitte, dass Deutschland dafür zahle,kaum einer, Kritik an Israel zu üben, aus Preis, damit gegen die eigenen Rüstungs- wie bislang noch bei jedem der Boote.Angst vor dem Vorwurf des Antisemitis- exportrichtlinien zu verstoßen. Das im Merkel formulierte in ihrer Antwortmus“, sagte der Altkanzler im Gespräch Jahr 2000 unter der rot-grünen Koalitiondrei inhaltliche Wünsche. Die Israelis soll-mit dem jüdischen US-Historiker Fritz novellierte Regelwerk erlaubt zwar bei ten ihre expansive Siedlungspolitik stop-Stern. Dabei sei Israel ein Staat, „der „besonderen außen- oder sicherheitspoli- pen, die eingefrorenen Steuergelder derdurch seine Siedlungspolitik auf der tischen Interessen“ die Lieferung von palästinensischen AutonomiebehördeWestbank und länger schon im Gaza- Kriegswaffen in Staaten, die nicht der EU freigeben und ein Klärwerk im Gaza-Streifen eine friedliche Lösung praktisch oder der Nato angehören. Aber für Kri- Streifen, das Deutschland finanziert,unmöglich macht“. Schmidt prangert an, senregionen gibt es eine eindeutige Vor-müsse weitergebaut werden dürfen. Ent-dass sich die Bundeskanzlerin de facto gabe: Die Lieferung „wird nicht geneh-scheidend, so die Kanzlerin, sei aber größ-in Geiselhaft begeben habe. „Ich frage migt in Länder, die in bewaffnete Ausein- te Verschwiegenheit. Wenn Einzelheitenmich, ob es aus Nähe zur amerikanischen andersetzungen verwickelt sind oder wo durchsickerten, sei der Deal nicht zu ma-Politik geschah oder aus unklaren mora- eine solche droht“. Dazu zählt Israel ohne chen, der Widerstand im Bundestag wür-lischen Motiven, dass Frau Merkel als Frage. Die Kanzlerin hat das ebenso we-de zu groß werden. Die Einzelheiten, dar-Kanzlerin 2008 öffentlich gesagt hat, dass nig von dem Deal über U-Boot Nummer auf verständigten sich die beiden Regie-Deutschland Verantwortung trage für die 6 abgehalten wie Benjamin Netanjahus rungschefs, sollten Christoph Heusgen so-Sicherheit des Staates Israel. In meinen fehlendes Entgegenkommen. wie Netanjahus Sicherheitsberater UziAugen eine schwere Übertreibung, das Arad besprechen.klingt fast nach einer Art Bündnisver- Der Deal um U-Boot Nummer 6Arad ist als impulsiver Charakter undpflichtung.“ Hitzkopf bekannt, der kein Problem da- Für Schmidt ist klar, dass Berlin eine und nichterfüllte Wünschemit hat, die Deutschen zu beschimpfen.Politik der Abenteuer nicht mittragen Im August 2009 stellte sich Netanjahu, Als Merkel im Juli 2009 im Bundestagdarf. Er zieht dabei klare Grenzen: der wenige Monate zuvor zum Premier- eine Rede gehalten und dabei Israel we-„Deutschland hat eine besondere Verant- minister (wieder-)gewählte Chef des kon- gen der Siedlungspolitik kritisiert hatte,wortung dafür, dass solche Verbrechen servativen Likud-Blocks, in Berlin vor.rief Arad im Kanzleramt an und decktewie der Holocaust sich niemals wieder- Netanjahu erklärte Merkel, wie wichtigHeusgen mit einer ganzen Salve wüsterholen. Deutschland hat keine Verantwor- die U-Boote seien: Wohin ein Israeli auchBeschwerden ein. Das Telefonat endetetung für Israel.“schaue, im Norden, im Süden und im Os-mit der Forderung, Merkel solle sich nichtZIV KOREN / POLARIS / LAIFIsraelisches U-Boot im Einsatz: „Nie wieder lassen wir uns zur Schlachtbank führen“32 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 22. nur entschuldigen, sondern die Aussagen die Aussage überliefert, zu Netanjahu von den Motoren fast nichts mehr“, sagtzurückziehen. müsse man keinen Ton mehr sagen, weil der zuständige Marineoffizier. Mit 20 Dass Arad die Verhandlungen führen er ohnehin nicht zuhöre.Knoten und mehr kann die „Tekuma“sollte, verzögerte die Gespräche über dasAber soll die Bundesregierung deshalbdurchs Wasser pflügen, ein ebenso kraft-sechste Boot noch einmal. Schließlich bat die U-Boot-Produktion anhalten? Es wäre volles wie geschmeidiges Raubtier. AberNetanjahu den israelischen Botschafter in ein Signal an die Israelis, dass Deutsch- die Kunst, sagt der Marinemann, sei dieBerlin, Joram Ben-Zeev, einzuspringen.land mit seiner Unterstützung auch in-langsame Fahrt, in der Nähe der feind- Am 28. November 2011 kehrte Ben- haltliche Forderungen verbindet; aber eslichen Küste, überall dort, wo die israeli-Zeev nach Ende seiner Amtszeit zurück käme auch einer Einschränkung der Soli- sche Marine im Verborgenen operiert undnach Israel. Er stand im Garten seinesdarität gleich, was Merkel nicht will.wo die „Tekuma“ und ihre Schwesterboo-Hauses in Zahala, einem Vorort von Tel Die Kanzlerin hat eine Chance ver- te sich wie auf Zehenspitzen an ihr ZielAviv, als sein Handy klingelte. Am ande-passt, mit einem der wenigen Hebel, überherantasten.ren Ende war Jaakov Amidror, Netanja- die die deutsche Regierung verfügt, aufDer Offizier sieht sein Boot als „einenhus neuer Sicherheitsberater. die israelische Regierung Einfluss zu neh-der Orte, an denen Israel verteidigt wird“,„Sitzt du?“, fragte Amidror.men, die auf palästinensischem Territori- er spricht mit fester Stimme, die keinen„Ich stehe in meinem verwahrlostenum als Besatzungsmacht auftritt. Anfang Zweifel lässt, dass er tun wird, was immerGarten“, antwortete Ben-Zeev. Mai ist in Kiel das vierte Boot, dienötig ist, wenn er sein Heimatland be-„Netanjahu hat noch eine Bitte“, sagte„Tanin“, zu Wasser gelassen worden; die droht sieht. „Die israelische Marine hatAmidror. „Die Deutschen sind bereit,Auslieferung ist für Anfang 2013 geplant. dieses Boot gebraucht“, sagt er.den U-Boot-Deal zu unterschreiben. Du U-Boot Nummer 5 soll 2014 folgen, Num- Er hat die Debatte um das Gedicht vonmusst sofort das nächste Flugzeug nachmer 6 bis 2017. Günter Grass verfolgt, er sagt, er sei über-Berlin nehmen.“Für die Israelis sind die neuen Booterascht gewesen von der Heftigkeit der Am Ende vereinbarten Ben-Zeev undbesonders wichtig, weil sie mit einer tech- Diskussion. Seine Familie stammt ausHeusgen die noch offenen Details am Te- nischen Revolution ausgerüstet sind: demDeutschland, seine Großeltern entkamenlefon, und am 20. März 2012 wurde der Antrieb mit Brennstoffzellen, der die dem Holocaust. Sie flohen 1934 aus einemVertrag in der Residenz des israelischenSchiffe noch leiser und ausdauernderMünchner Vorort, gehörten später zurBotschafters in Berlin unterschrieben. Ba-macht. Früher mussten die „Dolphins“Gründergeneration Israels. „Wir könnenrak, der Verteidigungsminister, war ei- nach ein paar Tagen auftauchen, um diedie Vergangenheit nicht vergessen“, sagtgens eingeflogen, für die deutsche SeiteDieselmotoren anzuwerfen und die Bat- er, „aber wir können alles tun, einen neu-unterzeichnete Rüdiger Wolf, der Vertei-terien für die weitere Unterwasserfahrt en Holocaust zu verhindern.“digungsstaatssekretär. Weil die israelische aufzuladen. Der neue, von der AußenluftDer Marineoffizier wird wohl noch lan-Regierung wieder einmal finanzielle Pro-unabhängige Antrieb verbessert die Ein- ge an Bord eines U-Boots gebraucht. Inbleme hat, kam ihr die Bundesregierungsatzmöglichkeiten der Boote enorm: DieTel Aviv, Berlin und Kiel reden sie schonerneut entgegen. Deutschland zahlt 135Zeit für die Unterwasserfahrt wird sich davon, dass die Israelis bald die U-BooteMillionen Euro, ein Drittel des Boots, Je-im Vergleich zu der ersten „Dolphin“-Se-7, 8 und 9 bestellen wollen.rusalem erhält zudem eine Stundung sei- rie mindestens vervierfachen; 18 TageRONEN BERGMAN, ERICH FOLLATH,nes Anteils und muss erst 2015 zahlen.und mehr erlaubt die Brennstoffzelle un-EINAT KEINAN, OTFRIED NASSAUER,Netanjahu bedankte sich daraufhin artig ter Wasser. Der Persische Golf vor IransJÖRG SCHMITT, HOLGER STARK, THOMASmit einem handverfassten Schreiben. Küste ist als Operationsgebiet nicht mehrWIEGOLD, KLAUS WIEGREFE Die Enttäuschung im Kanzleramt ist unerreichbar, der Wertarbeit aus Deutsch-dennoch groß. Grund ist die Ignoranz, land sei Dank. Video:mit der Netanjahu auf Merkels Anliegen Im Hafen von Haifa schnurren die Die- Im Inneren des gehei-reagierte. Israels Siedlungspolitik schrei- selmotoren auf der „Tekuma“, so dass men Atom-U-Bootestet unvermindert voran, der Bau des Klär- man sich gerade noch unterhalten kann. Für Smartphone-Benutzer:werks ruht. Nur die Steuermillionen wur-Draußen auf See, wenn es ernst wird undBildcode scannen, etwa mitden freigegeben. Von der Kanzlerin istalle Systeme sauber arbeiten, „hört mander App „Scanlife“.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 33
  • 23. Deutschland ENERGIEWENDE AbgeklemmtDas Missmanagement beim Umbau der deutschen Stromversorgung kommt die Verbraucher teuer zu stehen, die hohen Preise werden zum Armutsrisiko. Hunderttausende sitzen bereits im Dunkeln. Die Bundesregierung fürchtet eine Gerechtigkeitsdebatte.N ach zwei Wochenregierung selbst. Vor allem kommt die ersteder ungebremste Ausbau Mahnung. Nach drei der hochsubventioniertenWochen die zweite. In der Photovoltaik-Anlagen treibtvierten Woche klingelt es anden Strompreis nach oben,der Tür: der Vattenfall-Mon-ohne dass damit ein entspre-teur. Er hat einen schwarzenchender Nutzen für die Ver-Werkzeugkoffer unter demsorgung verbunden wäre.Arm; nun wird es ernst. Eigentlich wollten UnionAminta Seck, 39, hat es und FDP die Solarförderungschon zweimal erlebt. Wennlängst kürzen. Doch dersie dem Mann vom Elektri- Bundesrat hat das Gesetzzitätswerk jetzt kein Geldeinstweilen blockiert, undgibt, um wenigstens einen es sieht nicht so aus, als wür-Teil seiner Forderung zu be-den sich die Beteiligtengleichen, wird er den Strom noch vor der Sommerpauseabklemmen. Dann sitzen sieauf einen Kompromiss ver-und ihr dreijähriger Sohn ständigen.Liam in ihrer Zwei-Zimmer- Ein Jahr ist es her, dassWohnung wie im finsterender Bundestag unter demMittelalter: ohne Licht, ohne Eindruck der Reaktorkata-funktionierenden Herd und strophe im japanischen Fu-Kühlschrank, ohne Fernseh-kushima den Beschluss fass-bild. te, so schnell wie möglich Um mehr als zehn Pro-alle Atomkraftwerke abzu-zent ist der Strompreis ge- schalten und möglichststiegen, seit die schwarz-durch erneuerbare Energiengelbe Koalition regiert – das zu ersetzen. Doch über dieist zu viel für die arbeitslose Kosten des Ausstiegs wirdDekorateurin aus dem Ber- erst jetzt ernsthaft diskutiert.liner Bezirk Prenzlauer Nach dem Rauswurf ihresBerg. „Etwa jeder zehnteUmweltministers Norbert WOLFGANG RATTAY / REUTERSHaushalt hat derzeit Proble-Röttgen hat Bundeskanzle-me, die steigenden Energie- rin Angela Merkel die Ener-kosten zu bezahlen“, sagt giewende zur Chefsache er-Holger Krawinkel vom Bun- hoben, doch zentrale Fragendesverband der Verbrau- sind bis heute ungeklärt.cherzentralen.Wer finanziert das angebli- Rund 200 000 Hartz IV- Kanzlerin Merkel*: Versprechen wird nicht gehaltenche „Gemeinschaftswerk“Empfängern wurde im ver- (Merkel)? Wo verläuft die fi-gangenen Jahr wegen unbezahlter Rech- Das Bundeswirtschaftsministerium rech-nanzielle Belastungsgrenze, wann schlägtnungen der Strom gesperrt, so eine Schät- net intern mit drei bis maximal fünf Cent die positive Haltung der Wähler zumzung des Paritätischen Gesamtverbands. pro Kilowattstunde, die in den nächstenAtomausstieg in Frust über steigende Kos-Die Verbraucherzentrale Nordrhein-West- zwölf Monaten hinzukommen, um Öko-ten um?falen geht in einer Hochrechnung sogar stromsubventionen und Netzausbau zu„Ich bin wegen der Entwicklung dervon jährlich etwa 600 000 Betroffenen aus. bezahlen. Eine dreiköpfige Familie würde Strompreise sehr besorgt“, sagt Bundes-Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozial- demnach mit 105 bis 175 Euro im Jahr zu-wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP)verbands VdK, spricht von „Stromarmut“ sätzlich belastet. und spricht von einem „Kampf um dieund einer „eklatanten Verletzung sozialerFür Verbraucherschützer und Sozial-Bezahlbarkeit von Energie“. Thomas Ba-Grundrechte“.verbände steht auch fest, wer für denreiß, der energiepolitische Koordinator Und die nächste Erhöhung steht bereits Anstieg verantwortlich ist: die Bundes- der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, pro-an. „Der Strompreis wird jetzt steigen, phezeit: „Wir werden eine massive Dis-das ist ganz klar“, sagt Jochen Homann, * Beim Besuch des Netzbetreibers Amprion am vergan- kussion bekommen, wer die Energiewen-Chef der staatlichen Bundesnetzagentur. genen Dienstag im rheinischen Pulheim.de bezahlt.“34 D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 24. Mangelnden Gerechtigkeitssinn und so- binettskollegen Röttgen drang Rösler mit lich über sechs Cent“ pro Kilowattstun-ziale Kälte will sich die Kanzlerin nicht seinen Plänen nie durch; nun hofft er,de – das wäre dann ein Aufschlag vonvorwerfen lassen, schon gar nicht im Jahr dass Röttgen-Nachfolger Altmaier der Sa-fast 70 Prozent.vor der Bundestagswahl. Und so machen che aufgeschlossener gegenübersteht. Die Hauptursache lässt sich auf deut-sich führende Köpfe der Koalition Gedan- Der Strompreis-Anstieg ist für die Re- schen Dächern besichtigen. Allein die bisken darüber, welches Mittel gegen die gierenden auch deshalb so blamabel, weilEnde 2011 installierten Solaranlagen müs-steigenden Strompreise helfen könnte, sie bis vor kurzem behaupteten, sie hät-sen von den Stromkunden in den nächs-auch um von den Versäumnissen der ver- ten die Kosten im Griff. Merkel hatte beiten 20 Jahren mit real 100 Milliarden Eurogangenen zwölf Monate abzulenken.ihrer Rede zur Energiewende vor einembezuschusst werden. Und in den ersten Die Liste der Vorschläge reicht von So- Jahr im Bundestag eine Art Preisgarantie Monaten dieses Jahres kamen noch ein-zialtarifen für Geringverdiener bis zu ei- abgegeben. „Die Unternehmen genausomal mindestens fünf Milliarden Euro annem neuen milliardenschweren Förder- wie die Bürgerinnen und Bürger inHilfen hinzu.programm für erneuerbare Energien und Deutschland müssen auch in Zukunft mit Doch für viele Geringverdiener undSpeicherkapazitäten. „Strom darf nicht bezahlbarem Strom versorgt werden“, so Arbeitslose ist die Belastungsgrenze er-zum Luxusgut werden“,reicht, wie das Beispiel vonsagt der neue Umweltminis- Aminta Seck aus Prenz-ter Peter Altmaier (CDU) lauer Berg zeigt. Als Allein-und kündigt an, sich bald- erziehende bekommt siemöglichst mit den Wohl-vom Amt insgesamt 860fahrtsverbänden zusam- Euro pro Monat. Davonmenzusetzen (siehe Inter-sind 40 Euro vor allem fürview Seite 37).Strom gedacht, so regelt es Abgeordnete von Union das Gesetz.und FDP werben in ihren In der Realität reicht dasFraktionen bereits dafür,Geld aber nicht aus. Ob-die beim Haushaltsstromwohl Seck aus ihrer altenaufgeschlagene Ökosteuer Wohnung bereits in eineabzuschaffen. So könne der kleinere umgezogen ist, feh-Strompreis für die Bürgerlen jeden Monat ein paarper Saldo vorerst stabil blei- Euro, die sie am Ende desben. Andere Parlamenta-Jahres dann in Summerier sind dafür, den Finanz- nachzahlen muss. „Im Som-minister anzugehen. Einmer komme ich mit demZuschuss aus Steuermitteln Stromgeld hin“, sagt sie,soll helfen, die neuen „aber im Winter, wenn esStromtrassen von Nord- dunkel ist, klappt das ein-nach Süddeutschland zu be- fach nicht.“zahlen. Die Konsequenz: Ist der Strom einmal ab-Entweder müssten die geschaltet, wird es für dieStaatsausgaben an andererBetroffenen schwierig, sichStelle gekürzt oder dieaus der Schuldenfalle zu be-Steuern erhöht werden. freien. Neben den offenen An einem neuen Finan- Rechnungen müssen sie biszierungsmodell für den zu 80 Euro dafür zahlen,Ökostrom arbeitet Bundes-dass der Strom wieder an-wirtschaftsminister Rösler.geschaltet wird. „MeineDas Erneuerbare-Energien-Kunden warten mindestensGesetz (EEG), das die Kos- eine Woche darauf, im Ex-ten von Solardächern,tremfall hat es schon bis zuWindrädern und Biogas- zwei Monaten gedauert“,VARIO IMAGESanlagen per Zwangsumlage sagt die Sozialarbeiterin Re-den Stromkunden auf- nate Stark, die bei der Ca-drückt, will er am liebstenritas in Prenzlauer Bergabschaffen. „Die geplante Bau eines Strommastes: Opfer für die Ökowendeeine Beratung für säumigeKürzung bei den Photovol-Stromkunden anbietet.taik-Subventionen ist nur ein erster die Kanzlerin damals. „Die EEG-Umlage Die Folgen der Energiewende machtenSchritt“, sagt Rösler. soll nicht über ihre heutige Größenord-sich bei ihr bereits bemerkbar. „Früher Zu den Alternativkonzepten, die seine nung hinaus steigen.“kam höchstens ein Klient im Monat zuFachleute derzeit duchrechnen, gehörtDieses Versprechen wird die Kanzlerinmir, weil er seine Stromrechnung nichtein Vorschlag der Monopolkommission. nicht halten können. Im Herbst wird diebezahlen konnte“ sagt Stark, „heute sindDemnach würde die Regierung den Bundesnetzagentur eine Zahl verkünden,es mindestens 30.“Stromversorgern künftig eine bestimmte die um 30 bis 50 Prozent höher ist als derUmso erstaunlicher ist, wie lässig dieÖkostromquote vorschreiben. Wie diese heutige Wert. Statt wie bislang 3,59 Cent Politiker bislang über die sozialen FolgenQuote erfüllt wird, bliebe jedoch den pro Kilowattstunde Strom, werden dieihres Projekts hinwegsahen, und zwar inUnternehmen überlassen. Die Fachleute Verbraucher für die Subventionierungallen Lagern. Während sich Regierungglauben, dass die Investoren dann die je- von Ökostrom dann voraussichtlich zwi-und Opposition monatelang über die Fra-weils kostengünstigste Energietechnik ein- schen 4,7 und 5,3 Cent bezahlen müssen – ge zanken konnten, ob Hartz-IV-Empfän-setzen. Für die Stromkunden würde es zuzüglich Mehrwertsteuer. CDU-Energie- ger nun fünf Euro mehr oder weniger be-dadurch billiger. Bei seinem früheren Ka- experte Bareiß spricht sogar von „womög-kommen sollten, gab es bei den Subven-D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 235
  • 25. bewusst, dass sie die Hauptlast bei derEnergiewende tragen sollen, währendsich für Industrie und Energiekonzerneein Förder-Dorado auftut. Den gebeutel-ten Stromkunden stehen subventionsver-wöhnte Geschäftemacher wie der Solar-fabrikant Frank Asbeck gegenüber, deres mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetzzum Multimillionär mit Privatschloss,Jagdrevier und Maserati gebracht hat.THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL Der Unternehmer bekam am Dienstagvergangener Woche gleich einen Terminbeim neuen Umweltminister Altmaier,um diesem seine Sicht der Dinge dar-zulegen. Auch für die am Netzausbau be-teiligten Investoren wird sich die Energie-Hartz-IV-Empfängerin Seck, Sohn Liam: Jeden Monat fehlen ein paar Eurowende lohnen. Die staatlich garantierteRendite auf ihr Eigenkapital liegt bei etwationen für Solardachbesitzer im Prinzip Geringverdiener über seine Stromrech- neun Prozent; von einer solchen Verzin-eine große Koalition. nung den Eigenheimbesitzer mit Solar- sung können Normalsterbliche mit Ries- Alle Parteien wollten irgendwie ökodach subventioniert, schien die vom grü-ter-Rente nur träumen.sein. Manche Politiker wussten auch gar nen Zeitgeist erfasste SPD nicht zu „Die Privathaushalte sollen für die plan-nicht so genau, wie das System funktio- stören. Das Geld dient ja der Solarkraft, lose Energiewende zahlen“, sagt Holgerniert. Der damalige Minister Röttgenalso einer „guten Sache“, so etwa der Krawinkel von der Verbraucherzentrale,etwa war ganz überrascht, als er – eher SPD-Umweltpolitiker Ulrich Kelber. Da „das geht nicht.“ Und Ulrich Schneidergegen Ende seiner Amtszeit – davon hör- brauche man sich über die paar Cent vom Paritätischen Gesamtverband kün-te, dass Hartz-IV-Empfänger ihre Strom- nicht aufzuregen. Und die Grünen warendigt Proteste an. „Wir können nur dannrechnung von ihrem normalen Satz be-ohnehin der Auffassung, dass man fürauf erneuerbare Energien setzen, wennzahlen müssen.die „ökologische Transformation der wir die Kosten gerecht verteilen“, so Auch die Oppositionsparteien sahen Gesellschaft“ finanzielle Opfer bringen Schneider. „Wer mit der Energiewendegroßzügig über die skurrile Umvertei- müsse.Wahlkampf macht, muss auch erklären,lungswirkung der Ökostromförderung Doch nun scheint die Stimmung zu kip-wer sie bezahlen soll.“hinweg. Dass der zur Miete wohnende pen. Den Bürgern wird mehr und mehr ALEXANDER NEUBACHER, CATALINA SCHRÖDER
  • 26. Deutschlandder Vergangenheit verbesserungsbedürf-tig war. Durch den Wechsel im Amt des„Strom ist kein Luxusgut“Umweltministers besteht jetzt die Chance,solche Blockaden zu überwinden.SPIEGEL: In Ihrer eigenen Partei forderndie ersten Wirtschaftspolitiker schon, dieAtomkraftwerke länger laufen zu lassen, CDU-Bundesumweltminister Peter Altmaier, 53, über die Fehler wenn die Energiewende nicht gelingt. seines Vorgängers Norbert Röttgen, den schleppendenAltmaier: Die Energiewende ist akzeptiert, Netzausbau und die Frage, wer den Atomausstieg bezahlen soll auch beim Wirtschaftsflügel meiner Par-tei. Sie muss jetzt aber auch ein Erfolgwerden. Deshalb ist es meine Aufgabe,die Reibungsverluste der Umweltpolitikmit der Wirtschaft zu verringern.SPIEGEL: Das Umweltressort ist bekanntdafür, sich die Realität schönzurechnen.So geht es davon aus, dass der Stromver-brauch in der Zukunft sinkt. In Wahrheitist die Tendenz eher steigend. Wie wollenSie auf der Grundlage solcher Prognosendie Stromversorgung eines großen Indu-strielandes binnen weniger Jahre kom-plett umstellen?Altmaier: Die Energiewende kann gelin-gen, aber nur, wenn wir von realistischenGrundannahmen ausgehen. In keiner un-serer Broschüren fehlt der Hinweis, dass35 Prozent unseres Stroms bis zum Jahr2020 aus erneuerbaren Energien stammensollen. Ob wir dieses Ziel erreichen undwas wir dafür tun müssen, hängt jedocherkennbar von der Frage ab, wie hochder Stromverbrauch im Jahr 2020 über-haupt sein wird. Nur wer das realistischeinschätzen kann, weiß auch, welcheMaßnahmen er ergreifen muss, um dasZiel zu erreichen.SPIEGEL: Was folgern Sie daraus?Altmaier: Ich habe angeordnet, bis zurSommerpause die Prognosen, mit denenwir bisher arbeiten, zu überprüfen, ins-besondere im Hinblick darauf, was wirbisher erreicht haben und was nicht. Dasgilt für unsere Erwartungen an den künf-tigen Stromverbrauch genauso wie fürdie Einsparszenarien etwa durch mehr THOMAS IMO/PHOTOTHEK.NETEnergieeffizienz. Auch die Ausbauzielebei den erneuerbaren Energien werdenwir uns noch einmal genau ansehen. DieWirtschaft wird nur in den Umbau inves- Asse-Besucher Altmaier*tieren, wenn sie unsere Ziele und Pro-gnosen für realistisch hält.SPIEGEL: Man hat den Eindruck, die Kanz-SPIEGEL: Herr Minister, was hat Ihr Vor-nigen Stellen, etwa beim Netzausbau, hin- lerin habe mit dem verlorenen letztengänger Norbert Röttgen falsch gemacht?ter unseren Zeitplänen her. Das könnenJahr der Energiewende nichts zu tun.Altmaier: Ich glaube, er hat viel richtig ge- wir uns nicht leisten.Altmaier: Nur weil es Versäumnisse gab,macht. Er hat versucht, der Umweltpolitik SPIEGEL: Ihre Berufung ändert nichts an ist das erste Jahr der Energiewende docheinen höheren Stellenwert zu verschaffen. den Konstruktionsmängeln der Energie- nicht verloren. Der Netzausbau und derDas war nicht leicht, gerade zu Beginnwende. Nach wie vor gibt es kein Ener-Ausbau der erneuerbaren Energien wa-seiner Amtszeit, als die Laufzeit der Kern- gieministerium und auch keinen Energie- ren nicht hinreichend abgestimmt. Daskraftwerke erst einmal verlängert wurde.koordinator im Kanzleramt.stimmt. Beim Ausbau der SolarenergieSPIEGEL: Wenn alle so zufrieden mit Rött- Altmaier: Die Energiewende ist ein Projekt, haben wir unsere Ziele weit übertroffen,gen sind – warum setzt die Kanzlerin dann bei dem von vielen Seiten politische Füh- bei den Netzen noch lange nicht erreicht.auf einen Neustart in der Energiewende? rung gefragt ist. Wahr ist aber, dass das Das hat dazu geführt, dass die Energie inAltmaier: Die Kanzlerin hat gesagt, dassZusammenspiel zwischen unterschiedli- vielen Fällen nicht bis zum Verbraucherwir für die Energiewende neuen Schwungchen Akteuren, zwischen den Ministerien transportiert werden kann.brauchen. Das ist auch mein Eindruck. oder zwischen Politik und Wirtschaft, inSPIEGEL: Die Probleme beim NetzausbauEs war richtig, die Energiewende einzu- fangen damit an, den Strom von denleiten, aber inzwischen hinken wir an ei- * Am vergangenen Freitag. Windanlagen in der Nordsee an Land zu D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 37
  • 27. Deutschland schränke, die viel Strom fressen, und kön- nen sich teure Energiesparlampen nicht leisten. Jetzt sollen sie auch noch mehr für den Strom zahlen. Die Küchengeräte von gutverdienenden Selbständigen und Top-Beamten dagegen sind meist auf dem neuesten Stand. Und einige von ihnen haben noch Solaranlagen auf dem Dach, mit denen sie Subventionen kassieren. Wird die Energiewende zur neuen sozia- len Frage? Altmaier: Das müssen wir verhindern. SPIEGEL: Die Frage bleibt: Wie wollen Sie verhindern, dass die Strompreise steigen? Altmaier: Grundsätzlich halte ich die Kür- zung der Solarförderung für den richtigen INGO WAGNER / DPA Ansatzpunkt, um steigenden Stromprei- sen wirksam zu begegnen. Die Förderung der Solarenergie mag am Anfang nötig gewesen sein, um den Aufbau der erneu-Windpark in der Nordsee: „Die Energiewende ist nicht umsonst zu haben“ erbaren Energien in Gang zu bringen. Jetzt geht es darum, den Marktmechanis-bringen. Vor allem der Netzbetreiber Ten- auch die Rente steigt nicht mit demmen wieder Geltung zu verschaffen. Esnet klagt, er könne die nötigen Investi- Strompreis. darf keinen unbeherrschbaren Ausbautionen in Höhe von 15 Milliarden Euro Altmaier: Über die besondere Situation der Photovoltaik geben. Ich will abernicht stemmen. Muss jetzt der deutsche bei einkommensschwachen Haushaltenauch, dass es in Deutschland weiter eineStaat einspringen? werde ich mit den Wohlfahrtsverbänden Solarindustrie gibt, die auf den Weltmärk-Altmaier: Nun mal langsam. Bevor wir reden. Die Belastungen beim Strompreisten eine Chance hat. Deshalb müssen wirüber gravierende Maßnahmen wie eine müssen erträglich bleiben. Der Staat ist nach Lösungen suchen, etwa im HinblickStaatsbeteiligung sprechen, möchte ich da gefordert, Hilfen anzubieten. Stromauf unfaire Wettbewerbspraktiken auslän-daran erinnern, dass Tennet schlicht eine darf nicht zum Luxusgut werden. Oftdischer Anbieter.vertragliche Verpflichtung zu erfüllen hat. fehlt den Menschen aber das Bewusstsein, SPIEGEL: Die steigenden Strompreise sindEs gibt aber einen Punkt, wo der Staat dass es einfache Einsparmöglichkeiten nur ein Grund für den Unmut über dieunter Umständen helfen kann: bei der wie Energiesparlampen gibt. Energiewende. Viele Menschen wehrenFrage des Haftungsrisikos für einen feh- SPIEGEL: Die Wahrheit ist doch eine ande- sich dagegen, dass riesige Stromautobah-lerhaften oder verspäteten Netzanschluss. re. Sozial Schwächere haben oft alte Kühl- nen durch ihre Heimat gebaut werdenDa will ich mit Wirtschaftsminister Phil-sollen. Wie wollen Sie das Wutbürger-ipp Rösler bis zur Sommerpause eine ver- Problem in den Griff kriegen?nünftige Lösung auf den Tisch legen. Lange Leitungen Altmaier: Der Volksentscheid über Stutt-SPIEGEL: Der Boom bei den Solaranlagen Stromnetzbetreiber und dergart 21 hat gezeigt, dass beides geht: Manführt dazu, dass die Umlage auf die geplante Ausbau der Stromtrassen kann die Bürger in einem transparentenStromverbraucher von derzeit 3,6 CentVerfahren an der Planung von Großpro-pro Kilowattstunde wohl bald auf über 5jekten beteiligen – und Großprojekte aufCent steigen wird. Eine Durchschnitts- den Weg bringen. Die EnergiewendeStromtrassefamilie muss dann im Jahr etwa 50kann nur gelingen, wenn die Stromleitun-Euro mehr für den Strom bezahlen,gen von Norden nach Süden auch in Ge-von weiteren Kosten für die Netzegenden gebaut werden, wo die Menschenganz abgesehen. Wie wollen Sie davon unmittelbar keinen Nutzen haben.einen Anstieg der Stromkosten ver-TenneTTSODer Gesamtnutzen für alle besteht darin,hindern? dass die Stromversorgung stabil und be-Altmaier: Die neuen Zahlen erfahrenzahlbar bleibt. Das müssen wir erklären. 50Hertzwir im Herbst. Davor spekuliereSPIEGEL: Was halten Sie von der Idee, dieich nicht über steigende Strom-Betroffenen an den Stromtrassen wirt-preise. Grundsätzlich war je-schaftlich zu beteiligen?doch von Anfang an klar, dassAmpiron Altmaier: Ich bin jetzt seit ungefähr zehndie Energiewende nicht umsonst Tagen Minister, und in dieser Zeit habezu haben ist. Richtig ist auch,ich ungefähr 30 gutgemeinte und attrakti-dass es einen Kostendruck gibt,150 km ve Vorschläge gehört, wie man dieses Pro-weil wir die Ziele bei der Solar-blem und andere Probleme lösen kann.energie um das Doppelte über-Sie haben alle nur einen Haken: Sie füh-troffen haben. Für installierteren zu weiteren Belastungen für dieSolaranlagen gibt es finanzielle Zu- Stromkunden. Wir können sie aber nichtsagen für 20 Jahre, was den Strom- endlos strapazieren. Uns ist nicht gehol-preis belastet.fen, wenn die Wutbürger ihren Wider-SPIEGEL: Wie sollen Rentner oder Sozial- TransnetBWstand gegen den Trassenausbau einstel-hilfeempfänger mit solchen Zusatzkos-len – und dann die Energiewende wegenten klarkommen? Bei den Hartz-IV-Re- steigender Preise nicht mehr akzeptieren.gelsätzen werden die Preissteigerungen INTERVIEW: KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,nicht automatisch berücksichtigt, und Quelle: Netzentwicklungsplan PETER MÜLLER38 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 28. Deutschland OPPOSITION Bündnis für Bonds In der Euro-Krise standen SPD und Grüne bisher stramm an derSeite der Kanzlerin. Nun wächst in beiden Parteien derWunsch, sich stärker abzugrenzen: weniger Merkel, mehr Hollande.B erlin-Mitte, Admiralspalast: Wo auch sie trauen sich nicht, klare Alterna- sonst E-Gitarren dröhnen, ist jetzt tiven zur Regierungspolitik zu formulie- der Mensch Frank-Walter Stein- ren. Beide Parteiführungen eint die Angstmeier gefragt. „Würden Sie sich persön- vor dem Volkszorn. Wer vermeintlich fau-lich eine Welt wünschen, in der Banken len Südländern auch noch Geld hinter-keinen Gewinn machen dürfen?“, fragt herwerfen will, gerät öffentlich schnell inihn der Buchautor Richard David Precht. eine Minderheitenposition. „Sie als Sozialdemokrat! Von ihren Doch in beiden Parteien sieht sich dieÜberzeugungen her! Nicht als Realpoliti- Spitze gefordert, die Kanzlerin in derker!“, bohrt er weiter. „Können Sie sich Euro-Frage unter Druck zu setzen. Beidas vorstellen?“ den Grünen wird der Wunsch nach einem Donnerstagabend vergangener Woche, Parteitag laut, der Alternativen zu Mer-Steinmeier und Precht reden mit dem kels Euro-Politik debattieren soll. UndOccupy-Vordenker David Graeber über bei den Sozialdemokraten wird inzwi-die internationale Finanzwelt. „Ach“, win- schen flügelübergreifend eine Kurskor-det sich Steinmeier, „es geht doch nicht rektur gefordert. „Ich bin dafür, dass diedarum, ob ich mir das vorstellen kann.“SPD sich proeuropäisch aufstellt“, sagt „Doch“, raunen Zuhörer in den Sitz- etwa der baden-württembergische SPD-reihen, aber der SPD-Fraktionschef sagt: Wirtschafts- und Finanzminister Nils„Auch in 50 Jahren wird man es noch mit Schmid, „damit grenzen wir uns von derinternationalen Finanzinstitutionen zu Bundesregierung ab.“tun haben, Gefährdungen müssen nunSchmid ist beileibe niemand, der zumSozialdemokrat Gabriel, Sozialist Hollande: Dervermieden werden.“ Dünner Applaus. linken Rebellentum neigen würde. Dass Steinmeier bleibt Steinmeier, er gibt sich nun einer wie er zu Wort meldet,Doch wenn er über seine eigene Parteijenes staatstragende Bild ab, das die Op- zeigt, wie ernst die Lage ist. Bis weit inspricht, klingt er kein bisschen fröhlicher.position seit Wochen und Monaten vor den rechten Parteiflügel hinein suchen„Offenbar haben wir vor François Hol-allem dann zur Schau stellt, wenn es um die Genossen nach Alternativen zu Mer-lande noch mehr Angst als vor Angeladie derzeit drängendste, größte politische kels Euro-Kurs, aus inhaltlichen, aber Merkel“, sagt Roth. „Anders kann ich esFrage geht: die Lösung der europäischen auch aus strategischen Gründen. Es geht mir nicht erklären, dass wir momentanKrise. um den bevorstehenden Bundestags-wieder ständig betonen, wie gut wir die Deutschland ist mit seinem Einsatz für wahlkampf und die Frage, ob sich diedeutschen Interessen wahren, statt für ei-einen harten Sparkurs international zu- deutsche Opposition stärker an Meinungs-nen solidarischen Weg aus der Krise fürnehmend isoliert. Doch umfragen oder den Po-ganz Europa zu werben“, so der Abge-statt das zu nutzen undsitionen ihrer europäi-ordnete. „Da sind wir Frau Merkel or-Angela Merkel im Schul-schen Schwesterparteiendentlich auf den Leim gegangen.“terschluss mit ihren aus-orientieren sollte. Was er meint: Statt Alternativen zurländischen Kritikern zuMichael Roth hat dazuPolitik der Bundesregierung zu formulie-attackieren, haben sicheine klare Meinung. Es ist ren, sei die SPD ängstlich darauf bedacht,SPD und Grüne bislangder Donnerstag vergange- nur ja nicht als „Vaterlandsverräter“ ab-an die Seite der Kanzle- ner Woche, der europapo- gestempelt zu werden. An den Stamm-rin gestellt.litische Sprecher der SPD- tischen der Republik würde das verhee- Währenddessen macht Bundestagsfraktion war-rend wirken, und dort wird eben auchder neue französischetet in Madrid auf seinen SPD gewählt.Präsident François Hol-Rückflug, hinter ihm liegtEntsprechend groß ist die Angst derlande der deutschen Op-ein politischer Kurzbe-Parteispitze vor den eigenen Wählern,position vor, wie es ge- such. „Wenn man schlech- etwa beim Thema Euro-Bonds. „Die fan-hen könnte. Mit seinen te Laune hat, sollte man den wir erst recht vernünftig, wenn sieForderungen nach Euro- nicht hierher fahren“, sagtan Bedingungen geknüpft sind“, sagtCHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELBonds und Wachstums- der Generalsekretär derRoth. „Aber dann haben einige unsererprogrammen bedrängt er Hessen-SPD am Telefon. Leute plötzlich kalte Füße bekommen.“die Kanzlerin, während „Die wird hier garantiert Tatsächlich gab es vor nicht einmal ei-die SPD-Führung über noch schlechter.“nem Jahr kaum ein Interview der SPD-Euro-Bonds am liebsten Roth hat mit VertreternSpitze, das nicht den dringenden Appellnicht mehr reden würde.der spanischen Sozialis- enthielt, möglichst rasch europäische Ge- Ähnlich zaghaft kom- Grüner Trittin ten gesprochen, einermeinschaftsanleihen einzuführen. Beson-men die Grünen daher, Kein starker Hebel Schwesterpartei der SPD. ders tat sich dabei die Troika aus Partei-40D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 29. Mut und die Kraft haben, unsere alterna-tiven Positionen zu formulieren und beiAbstimmungen durchzuhalten.“ Und derHaushaltspolitiker Sven Kindler sagt: „Die-ser Fiskalpakt steht für die ökonomischverheerende Sparpolitik Merkels, dieEuropa immer tiefer in die Krise führt. Diedeutsche Opposition hat eine Mitverant-wortung, diesen Irrweg zu korrigieren.“ Der Forderungskatalog der grünenEuro-Rebellen ist so lang, dass es den Ver-handlungsführern schwindlig werdenkönnte: ökologisch abgestimmte Kon-junkturimpulse, eine Finanztransaktion-steuer, eine Vermögensabgabe zur Schul-dentilgung, die Einführung von Euro-Bonds, alles steht bei einem Kongress derParteilinken am kommenden Wochen-ende auf der Tagesordnung. Doch der Hebel, den die Grünen-Füh-rung in der Hand hat, ist nicht allzu stark.Im Bundestag kann Merkel auch dannauf die nötige Zweidrittelmehrheit hoffen,wenn nur die SPD mitstimmt. Und imBundesrat haben die Grünen über ihreRegierungsbeteiligungen in den Ländernnur ein Mitspracherecht. Parteichef CemÖzdemir versucht deshalb, die Erwartun-gen zu dämpfen: „Wir wären schlecht be-raten, nicht mehr entlang der Sache zuAXEL SCHMIDT / DAPDentscheiden, sondern aus prinzipiellen Er-wägungen heraus auf drastische Positio-nen zu setzen.“ Am vergangenen Freitag gab die Partei-französische Präsident macht der deutschen Opposition vor, wie es gehen könnteführung dem Druck dennoch nach. Wennsich die Verhandlungen mit der Bundes- chef Sigmar Gabriel, Fraktionschef Stein- Auch die Grünen-Spitze gerät unter regierung über den Fiskalpakt bis in den meier und dem ehemaligen Finanzminis-Druck, in der Euro-Krise eine klare Hal-Herbst ziehen, wird es Anfang September ter Peer Steinbrück hervor.tung gegen die Regierung einzunehmen. einen Sonderparteitag geben. Wenn nicht,Doch nun herrscht ein ganz andererUnter Führung des Bundestagsabgeord-würde ein kleiner Parteitag Ende Juni über Ton. „Was sind Euro-Bonds?“, fragte Ga-neten Gerhard Schick und des ehema- das Stimmverhalten der Grünen befinden. briel kürzlich im ARD-Interview. „Dasligen Parteichefs Reinhard Bütikofer ver- Jetzt müssen Fraktionschef Jürgen Trittin sind gemeinschaftlich garantierte Schul- langten jüngst etwa 50 einflussreiche Grü-und seine Mitstreiter möglichst viel her- den. Das wird es in der Allgemeinheit ga-ne aus der zweiten und dritten Reiheausholen, um sich eine Abrechnung mit rantiert nicht geben.“ einen Sonderparteitag, um über die Posi-ihrem Europakurs zu ersparen.Stattdessen führt die SPD jetzt recht-tion der Partei zu entscheiden. Es sindAuch die Genossen haben harte Debat- liche Bedenken ins Feld. EntscheidendRealos wie Linke, Landes- und Europa- ten über den Fiskalpakt vor sich. Beim dürfte aber vor allem sein, dass laut Um-politiker, die unzufrieden sind.Parteikonvent Mitte Juni dürfte das The- fragen weit mehr als zwei Drittel der Bei den Grünen ist es weniger das Reiz-ma eine wichtige Rolle spielen. Deutschen gegen Euro-Bonds sind. wort Euro-Bonds, das den Zorn der BasisDie Spitzen der Opposition verschär-Doch viele Genossen wünschen sich,erregt. Stattdessen wenden sich die Funk- fen schon mal den Ton, wie am vergan- auch mal unpopuläre Wahrheiten aus-tionäre vor allem gegen den Fiskalpakt, genen Freitag im Kanzleramt deutlich zusprechen. „Meiner Meinung nach wer-mit dem Merkel die europäischen Partner wurde. Dorthin waren sie geladen, um den wir diese Krise nicht lösen, wennim vergangenen Jahr auf das Modell derabermals über die Bedingungen zu reden, Deutschland sich nicht endlich für einedeutschen Schuldenbremse einschwor. unter denen sie dem Fiskalpakt zustim- Form gemeinsamer Haftung öffnet“, sagtDie grünen Kritiker wollen kein kate-men könnten. Vorstandsmitglied Niels Annen. „Diegorisches Nein zum Fiskalpakt, sondern Zu Beginn teilte Kanzleramtsminister Leute haben ein Recht darauf, dass wir substantielle Veränderungen. Trotzdem Ronald Pofalla ein Papier aus und bot le- ihnen das ehrlich sagen, statt den Ein-liest sich ihr offener Brief wie eine Miss- diglich an, bei Bedarf Fragen zu beant- druck zu erwecken, Haushaltsdisziplintrauenserklärung an die Parteispitze: „Zu worten. Doch die rot-grünen Verhand- allein werde das Problem schon lösen.“ wenig ist in letzter Zeit deutlich gewor- lungsführer wollten sich von Pofalla nichtÄhnlich denkt der baden-württember- den, dass uns darin, was jetzt getan wer- behandeln lassen wie einst der CDU-Bun- gische Finanzminister Schmid, der eben-den muss, sehr viel vom Kurs der Bundes-destagsabgeordnete Wolfgang Bosbach falls einen europaweiten Oppositions-regierung unterscheidet.“ („Ich kann deine Fresse nicht mehr se- bund für Gemeinschaftsanleihen schmie-Mitinitiator Schick sieht die Frage auch hen“). Und so blaffte einer der Opposi- den will. Für ihn sind Euro-Bonds „nachals eine Art Reifeprüfung für die Opposi- tionsvertreter zurück: „Wir sind hier nicht wie vor ein Ziel“. Die SPD, sagt er, stehe tionspartei: „Wenn wir ernsthaft den An-Ihr Bosbach.“ „hinter der Idee der Vergemeinschaftungspruch haben, die führende Kraft der lin-RALF BESTE, CHRISTOPH HICKMANN, von Schulden“. ken Mitte zu sein, müssen wir auch den GORDON REPINSKID E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 241
  • 30. Deutschland len eine solch belastende PA R L A M E N TRegelung auf den Weg brin- Bekehrung im gen kann, ist mir schleier- haft“, erregte sich Aigners Parteifreund, der CSU-Grunewald Mann Max Straubinger, vor kurzem in der Unions- fraktion. Das eigentliche Thema der Sitzung – der Agrarministerin Ilse Aigner willRauswurf von Umwelt-den Schenkelbrand bei Pferdenminister Norbert Röttgen – verbieten. Damit treibt sie einen geriet in den Hintergrund.Auch Bundesarbeits-weiteren Spalt in die Koalition. ministerin Ursula von der Leyen (CDU), die ihreE s gibt wenige Minister, die von der Töchter am Wochenende Bedeutung ihres Amtes so vollstän-gern zu Reitturnieren dig durchdrungen sind wie Guido durch Niedersachsen kut-Westerwelle. Meldet sich der Bundes- schiert, zeigt sich gewohntaußenminister in der wöchentlichen Ka- meinungsstark. „Großar-binettssitzung zu Wort, dann geht es stets tig“ sei Straubingers Inter-um die wichtigen, um die ganz großen vention, lobte sie per Text-Fragen der Welt. Die Aufstände in Syrien mitteilung, als der seineetwa oder die atomare Abrüstung. Schimpftirade in der Frak- ANDRE RIVAL / AGENTUR FOCUS Und so warteten die Kollegen am vor-tion noch gar nicht been-vergangenen Mittwoch gespannt, was der det hatte.Chefdiplomat der Republik wohl dieses Der Schenkelbrand-Dis-Mal zur Weltlage beizutragen hätte. Nun, kurs bringt auch den neu-sagte Westerwelle, heute wolle er sich en Parlamentarischen Ge-mal als „Privatperson“ äußern. schäftsführer der Unions- Er könne beim besten Willen nicht ver-FDP-Politiker Westerwelle: Private Wortmeldungfraktion in Schwierigkeiten.stehen, warum die Kollegin Ilse Aigner Mit Michael Grosse-Brömerdas Brandzeichen für Pferde untersagen brennungen dritten Grades und sei Tier- ist ein bekennender Befürworter an diewolle. Das Schenkelbrand-Verbot sei „un- quälerei.Fraktionsspitze aufgerückt. Schon in seinerverhältnismäßig“, kritisierte der Vize-Hort des Widerstands gegen die Aigner- Eigenschaft als Chef der niedersächsischenkanzler a. D., dessen Lebenspartner in Pläne sind die Bundesländer, in denen Landesgruppe im Bundestag hatte er gegenAachen das sogenannte „Weltfest desmit Pferden Geld verdient wird. So will Aigners Tierschutznovelle mobilgemacht.Pferdesports“ organisiert. Schleswig-Holstein, Sitz berühmter Tra-„Das Brandzeichen der Hannoveraner Die ungewöhnliche Kabinetts-Interven- kehner-Gestüte, das fälschungssichere ist wie ein Mercedes-Stern, und Mercedestion des Außenministers zeigt, dass manBrandzeichen unbedingt behalten. 35 000 käme bestimmt nicht auf die Idee, aufzu den großen Streitthemen der schwarz-Pferdezüchter und Pferdefreunde unter- das Erfolgssymbol zu verzichten“, ließ ergelben Koalition – Euro-Rettung, Betreu- schrieben dort kürzlich eine Protestnote. sich zitieren. In seinem neuen Job mussungsgeld, innere Sicherheit – nun noch In Niedersachsen kann sich Minister- er jetzt dafür sorgen, dass Aigners Reformein weiteres dazurechnen muss: den präsident David McAllister kaum noch in der Fraktion eine Mehrheit erhält.Schenkelbrand. Die Landwirtschafts-auf einer Reitveranstaltung blicken lassen,Vom Berichterstatter der Unionsfrak-ministerin will in ihrer Novelle des Tier- ohne sich äußern zu müssen. „Unsere tion für den Tierschutz kann sich Aignerschutzgesetzes Schluss machen mit derPferde sind in der ganzen Welt berühmt keine Hilfe erwarten. Dieter Stier, ein ge-jahrhundertealten Tradition, auf dem lin-und begehrt. Die Pferdezucht ist in Nie- lernter Zootechniker aus Sachsen-Anhalt,ken Hinterschenkel die Herkunft der Pfer-dersachsen ein wichtiger Wirtschafts- zählt zu den bekennenden Schenkel-de zu markieren. zweig. Die Herkunft der Tiere muss ein- brand-Befürwortern. Stier unterstützte „Da seit Jahren das elektronische Chip- wandfrei nachweisbar sein“, sagt er. eine Einladung der Deutschen Reiter-pen zur Kennzeichnung von Pferden vor- Ein Riss zieht sich in der Schenkel- lichen Vereinigung. Bei einer „prak-geschrieben ist, ist die bisherige Ausnah- brand-Frage quer durch die Regierungs- tischen Demonstration der Kennzeich-meregelung für das Brandzeichen hinfäl-parteien. „Wie eine Politikerin aus Ober- nung von Fohlen mittels Schenkelbrand“lig“, sagt Aigner. „Der Tierschutz hat für bayern ein Jahr vor entscheidenden Wah- sollten Bundestagsabgeordnete von derdie Bundesregierung hohe Priorität.“Harmlosigkeit der Kennzeichnung mit Mit Hingabe streiten sich die Koalitio-dem Brenneisen überzeugt werden.näre um die Frage, was mehr schmerzt: Die Veranstaltung fand bereits im ver-das Brennen eines Kennzeichens mit ei-gangenen Jahr statt, und die Teilnehmernem 800 Grad heißen Eisen oder eine waren offenbar beeindruckt. Der Unions-Mini-Operation, mit der ein Chip am Umweltpolitiker Ingbert Liebing etwa ist CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELMähnenkamm eingepflanzt wird. seit der Vorführung im Berliner Grune- Die Befürworter der traditionellen wald erst recht vom Schenkelbrand über-Heißbrand-Methode argumentieren, derzeugt. Er habe nicht erkennen können,Schmerz sei bei den Tieren schnell vor- dass vom Brennen eine Gefahr für diebei, der Chip dagegen könne ein Pferde- Tiere ausgehe, sagt er: „Das Fohlen hatleben lang durch die Muskulatur wan-nur einen kleinen Satz zur Seite ge-dern. Pure Propaganda, kontern die Ministerin Aignermacht.“Gegner, das Brenneisen verursache Ver- „Tierschutz hat hohe Priorität“ PETER MÜLLER42 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 31. DeutschlandFI RST LADY Wider den Weihrauch 25 Jahre lang kommentierte Daniela Schadt als Journalistin die große Politik. Nun fliegt sie mit Präsident Gauck durch dieWelt – und hilft ihm, nicht abzuheben. Von Markus FeldenkirchenIm historischen Kaisersaal auf dem Öl- „Stört es Sie, wenn ich die Schuhe aus-berg von Jerusalem mal wieder das ziehe?“, fragt Schadt. Dann macht sie esübliche Bild. Der Bundespräsiden hatsich auf dem Sofa bequem.eine warme Ansprache gehalten, große Schön wäre es natürlich, wenn manWorte, große Emotion, nun tummeln sichjetzt auch noch rauchen dürfte, wie frü-die Gäste des Empfangs um Joachim her im Flieger, aber die Zeiten sind leiderGauck. Sie wollen ihn sprechen, ihm dan-vorbei. Man lästert ein wenig über denken, ihn berühren. Als sei der MessiasZeitgeist der Vernunft, der allen Spaß ver-doch noch ins Heilige Land zurückge-schlingt, dann sagt Schadt einen ihrerkehrt.typisch ironischen Schadt-Sätze: dass ja In einer Ecke des Saals steht seineohnehin alles schlechter werde, und dieLebensgefährtin und betrachtet das im-Frage nur sei, wann das eigentlich ange-mer dicker werdende Knäuel aus Men- fangen habe.schen. Sie hält ein kühles Glas Wasser inEs müsse wohl zu jener Zeit gewesender Hand und pustet die Luft nach oben. sein, sagt sie, als in ihrer Redaktion beiIsrael glüht an diesem letzten Donners- der „Nürnberger Zeitung“ der „Pirelli-tag im Mai, es fehlt die Klimaanlage. Die Kalender“ mit nackten Frauen von derLuft steht träge und feucht im Saal, es Wand durch einen Kalender mit lang-müffelt.weiligen Landschaftsaufnahmen ersetzt„Na ja, für uns ist es ja noch erträglich worden sei. „Ich fand das doof“, sagt diehier“, sagt Daniela Schadt und blickt wie-First Lady.der hinüber zum Knäuel, wo ihr MannEs ist ein weiter Weg von der Redak-fast erdrückt wird. „Aber wie heiß muss tionsstube in Nürnberg mit ihren Pirelli-es erst für Seine Seligkeit sein?“Kalendern bis ins Schloss Bellevue. Sie Moment. Hat sie ihren Lebensgefähr-sagt, dass es ihr nicht leichtgefallen sei,ten, den Freund der großen, weihevollen,sich von der eigenen Arbeit zu verab-oft pastoralen Worte gerade als „Seineschieden. Gut 25 Jahre lang schrieb sieSeligkeit“ bezeichnet?für die „Nürnberger Zeitung“, immer„Nein, nein“, sagt Schadt und mussüber Politik, erst als freie Mitarbeiterin, Paar Gauck, Schadt: „Wer sagt, der 30. Kommentarlaut lachen. „So weit ist es dann dochdann als Volontärin, am Ende leitete sienoch nicht.“ Gemeint ist Theophilos III., mit einem Kollegen das Politikressort.jeder: „Da schreibt nicht Daniela Schadt,der orthodoxe Patriarch der Heiligen Im „Stern“ stand neulich ein Text mitsondern Joachim Gauck.“Stadt Jerusalem, der berufsbedingt mitder superoriginellen Überschrift „Schade Vielleicht muss man ihre Entscheidungschwerem schwarzem Umhang erschie-Dani!“, in dem ihr die Kündigung übel-nüchterner betrachten, Frauenbewegungnen ist. Zugetraut hätte man es ihr trotz-hin, Feminismus her, und sich fragen, wel-dem.che Perspektive die interessantere ist: Daniela Schadt, 52, seit drei MonatenIm Schloss Bellevue wirdNach 25 Jahren in der PolitikredaktionFirst Lady des Landes, ist mit ihrer tro- sie mehr Einfluss auf die der „Nürnberger Zeitung“ die Jahre 26,ckenen, nüchternen Art jedenfalls ein ge- 27, 28, 29 folgen zu lassen oder das Land,sunder Kontrast zu Joachim Gauck, mit Spitzen der Politik haben ja die Welt aus einer neuen, höchst privi-dem sie zwar nicht verheiratet ist, den legierten Rolle zu erleben?sie nach zwölf Jahren Beziehung aberals zuvor bei der Zeitung.„Wer sagt, der 30. Kommentar zur Pfle-„meinen Mann“ nennt.gereform sei spannender als das, was ich Sollte Gauck, dessen hoher Ton imgenommen wurde. „Eigentlich warst dujetzt mache, der hat einen an der Waffel“,hohen Amt nicht niedriger zu werden eine von uns. Ein Working Class Girl. So- sagt Schadt. Sie hält kurz inne und schautscheint, am Ende doch auf dem Teppich gar eine mit Führungsaufgabe!“, schrieb zum Sprecher des Präsidialamts, der ge-bleiben, dann wird das auch an dieser die Autorin. „Und jetzt ist alles vorbei.“rade in die Kabine gekommen ist. „OderFrau liegen. Schadt weiß, dass viele Frauen ihren wie sagt man das jetzt diplomatisch?“ Auf dem Rückflug von Tel Aviv nach Schritt kritisieren, gerade in diesen frau- „Einen an der Waffel ist schon richtig“,Berlin bittet sie am späten Abend in eine enpolitisch bewegten Zeiten. Aber sie sagt der Sprecher.Privatkabine des neuen Airbus der Flug- habe doch keine andere Wahl gehabt, ver- Ihren eigenen, politischen Kopf hat siebereitschaft. Gemütliches Schummerlicht,teidigt sie sich, sie sei eben politische mit dem Umzug nach Berlin jedenfallsWohnzimmeratmosphäre, zwei Sofas, ein Journalistin. „Etwas anderes Gescheites nicht in Nürnberg gelassen. Sie wird sichCouchtisch, tief unten Bukarest. Ein ge-habe ich nun mal nicht gelernt.“ Undnicht auf das „Sonderprogramm“ beischniegelter Steward serviert Wein in gro-wenn sie jetzt weiter die große Politik Reisen des Präsidenten beschränken, dasßen Gläsern.kommentieren würde, dann denke doch politisch korrekt nicht mehr „Damenpro-44D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 32. Als Journalistin verfolge sie, was da ge- schrieben werde, natürlich besonders in- teressiert, sagt Schadt auf ihrem Flugzeug- Sofa. Gerade jetzt, da sie einen tieferen Einblick habe, als man ihn als Journalist haben könne. Die Sache mit Röttgen sei in den Medien falsch bewertet worden. An der Geschichte mit der Staatsräson sei hingegen etwas dran. „Es ist nicht je- der deutsche Politiker, der nach Israel kommt, verpflichtet, ,Staatsräson, Staats- räson, Staatsräson‘ zu rufen.“ Bei jeder Nennung des Wortes schnippt sie mit den Fingern.In ihren Kommentaren in der „Nürn- berger Zeitung“ ließ Schadt eine eher konservativ-liberale Haltung erkennen. Und fast immer verteidigte sie in ihren Texten Angela Merkel: gegen Kritik aus der eigenen Koalition – und erst recht gegen die Opposition: „Merkel in der Offensive“ oder „Respekt, Frau Merkel“. Schadt schätzt die Kanzlerin.Als First Lady wird sie vermutlich mehr Einfluss auf die Spitzen der Republik ha- ben als bislang bei der Zeitung. Auf das Verhältnis zwischen Merkel und ihrem Mann jedenfalls könnte sie ebenso er- dend wirken, wie sie das auch bei ande- ren Gelegenheiten tut.Im Gästehaus der Deutschen Botschaft in Den Haag luden Gauck und sie die mit- reisenden Journalisten neulich zu einem Gespräch in kleiner Runde. Eben erst hat- te der Präsident die große Festrede zum niederländischen Befreiungstag gehalten, DOMINIK BUTZMANN/LAIF große, richtige Worte, alle waren glück- lich, alle zufrieden mit ihm, die Holländer, die deutsche Delegation und natürlich auch Gauck selbst.Man saß auf fürstlichen Sesseln, umge-zur Pflegeversicherung sei spannender als das, was ich jetzt mache, der hat einen an der Waffel“ ben von goldenem Stuck und Wandkron- leuchtern unter einem barocken Decken-gramm“ genannt wird. Sie bespricht sich nicht mehr der Jüngste, also entschuldige, gemälde, und Gauck wurde gefragt, obin allen wesentlichen Fragen mit ihremaber du bist ja jetzt auch nicht mehr 20 …“er, der als Bürger der DDR eng mit denMann. Sie macht ihm, der für einen Prä-Es ist diese Art, mit der sie immer wie-Freiheitsbewegungen Osteuropas vertrautsidenten noch immer erstaunlich frei- der den Weihrauch verscheucht, der rundsei, überhaupt einen Bezug zu den Nie-zügig redet, die öffentliche Wirkung sei- um Gauck aufzusteigen droht, entfachtderlanden habe.ner Worte bewusst.entweder von ihm selbst oder von denNa und ob die Niederlande ihm nahe Die großen Fragen an Gaucks Präsi- vielen, die ihn verehren.gewesen seien, antwortete Gauck, geradedentschaft lauten ja, ob seine Offenher- Das Präsidenten-Flugzeug nähert sichwegen ihres mutigen Freiheitskampfes.zigkeit vereinbar ist mit den diplomati-Berlin, Schadt nippt an ihrem Rotwein, „Sie müssen sich den 13-jährigen Gauckschen Zwängen des Amts und ob er sich das Gespräch soll bald enden. „Noch fünf vorstellen, wie er abends im Bett seinenentweder um Kopf und Kragen reden Minuten.“ Höchste Zeit, um über Angela ,Egmont‘ las.“ Er meinte das große Trau-wird oder ob am Ende nichts mehr vonMerkel zu reden und über die Spannun-erspiel über den niederländischen Frei-jenem eigenwilligen Charakter übrig gen zwischen der Kanzlerin und ihrem heitskämpfer Lamoral Graf von Egmond.bleibt, der ihn in das Präsidentenamt ge- Mann, der ersten Frau und dem ersten „Ja, ja, ich habe überhaupt viel Schillerführt hat. Gauck selbst spricht von einem Mann des Staates.gelesen, damals“, schob Gauck noch hin-„Selbstversuch mit offenem Ausgang“. Den Medien war aufgefallen, dassterher. Neulich wurde Schadt im Beisein ihresGauck bei der Verabschiedung von Nor- Schadt sah ihren Mann irritiert an.Mannes gefragt, wie dieser Selbstversuchbert Röttgen gewohnt warme Worte ge- „Ähm, Jochen, der ,Egmont‘ ist aber vonwohl ausgehen werde. Sie sei sich sicher, funden hatte, während Merkel kaltenGoethe.“dass noch eine große Portion JoachimBlickes danebenstand. Sie werteten das„Was?“Gauck übrig bleiben werde, antwortete sie.als eine bewusste Spitze des Präsidenten. „Der ist von Goethe, der ,Egmont‘.Dann sah sie ihren Mann lächelnd von der Während der Israel-Reise dann der Nicht von Schiller.“Seite an, zwinkerte ein paarmal, um so- nächste Konflikt. Anders als die Kanzle-Ein kurzer Moment der Stille.gleich darauf anzuspielen, dass man anrin mochte Gauck in Jerusalem nicht da- „Ja, ja, klar“, sagte der Präsident schließ-alten Männer in der Regel nicht mehr viel von sprechen, dass das Existenzrecht Is- lich. „Ich meinte die anderen Sachen vonändern könne. „Ich meine, du bist ja auch raels Teil der deutschen Staatsräson sei.Schiller.“ D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 45
  • 33. Deutschland KO M M E N TA RMekka Deutschland Von Bernhard Zand I n den vergangenen Tagen waren Abendlandes so elegant übersehen,Vielleicht schlägt der belesene Prä-es gleich zwei prominente Chris- die hellen aber so ganz und gar für sident auch einmal ein Lexikon auften, die Deutschlands Muslimen sich allein haben möchten. Das und geht, um gleich den ersten Buch- bei der Identitätsfindung halfen. Der Abendland, sagt Aiman Mazyek, der staben zu nehmen, der Etymologie bayerische Finanzminister Markus Chef des Zentralrats der Muslime, ste- von Wörtern wie „Admiral“, „Alge- Söder sprach vor türkischen Migran- he „auch auf muslimisch-morgenlän- bra“, „Alkohol“ oder „Atlas“ nach. ten und überraschte sie mit der Ein- dischen Beinen“. Oder er nimmt, wie ihm der Vorsit- sicht, der Islam sei „ein BestandteilNatürlich hat Mazyek recht. Die zende der Türkischen Gemeinde riet, von Bayern“. Bundespräsident Joa- Dreistigkeit, mit der Friedrich ausge- „einen Blick in die Geschichtsbücher“: chim Gauck sagte in einem Gespräch rechnet das Christentum mit der Auf- Sultan Mehmet, der 1453 Konstanti- mit der „Zeit“, er teile die nopel eroberte, hat ein isla- Intention seines Vorgän- misches Reich begründet, gers, hätte dessen berühm- „In den USA diskutieren das 300 Jahre lang mal mit testen Satz aber anders for-Politiker nicht ernsthaft, ob derden anglikanischen Briten, muliert, und zwar so: „Die mal mit den katholischen Muslime, die hier leben, ge-Islam zu Amerika gehöre.“Franzosen koalierte, vor al- hören zu Deutschland.“ lem, um die Habsburger zuDamit sind es jetzt fünfbezwingen. an der Zahl. Christian Wulff, Die womöglich gewonne- von dem sich Gauck distan- nen Erkenntnisse könnten zierte, hatte den Anfang ge- Gauck helfen, allmählich macht: „Der Islam gehört den anthropologischen Gra- inzwischen auch zu Deutsch-ben einzuebnen, den die land.“ Innenminister Hans- Anschläge vom 11. Septem- Peter Friedrich widersprach: ber 2001 aufgerissen haben. Das lasse sich „aus der His- In wenigen Ländern ist er torie nirgends belegen“; so tief wie in Deutschland; Deutschlands Identität sei weder in den vom dschiha- „durch das Christentum distischen Terror viel härter und die Aufklärung“ ge-getroffenen USA noch in prägt. Und Unions-Frak-Großbritannien diskutieren tionschef Volker KauderPolitiker ernsthaft, ob der HERMANN BREDEHORST stellte fest: „Der Islam ist Islam zu Amerika oder nicht Teil unserer Tradition zum Königreich gehöre. und Identität.“ Aber genau darum, umsWer oder was gehört nun Dazugehören und ums zu Deutschland? Der Islam? Fremdbleiben, geht es der Die Aufklärung? Die Musli-Muslimische Frauen in Berlin weit überwiegenden Mehr- me? Das Christentum? heit der deutschen Mus-Als sich Konrad Adenauer in seiner klärung zusammenrührt, sie dann als lime. Deshalb nehmen sie jede Nuan- ersten Regierungserklärung 1949 dem Fundament deutscher Identität preist ce in der deutschen Islam-Debatte so „Geist christlich-abendländischer Kul- und am Ende ihre Zerstörung vor ge- persönlich. tur“ verpflichtete, war von dieser Kul- rade einmal zwei Generationen unter- Wahrscheinlich versteht Joachim tur nicht mehr viel übrig. schlägt, ist geschichtslos und selbst- Gauck die Muslime im europäischenDem Abendland, Deutschland vor- vergessen. Abendland besser als viele andere an, war es gelungen, die Errungen- Und mit seinem Verständnis für die Deutsche. „Das Ziel meiner Sehn- schaften von Humanismus und Auf- Frage: „Wo hat denn der Islam dieses sucht war der Westen“, sagt er in der klärung in nur wenigen Jahren zu Europa geprägt?“, fordert Bundes- „Zeit“ über sein Leben in der DDR. zerschlagen. präsident Gauck geradezu heraus, „Aber eigentlich bin ich ein Sehn-Das wissen auch manche, die aus dass man ihn auf eine nächste Aus- suchts-Ossi.“ dem Morgenland kommen, die meis- landsreise nach Andalusien oder Mal-Da teilt der Präsident eine Erfah- ten haben es an deutschen Schulen lorca, nach Malta oder Bosnien rung mit vielen Muslimen: Auch das oder Universitäten gelernt. Und ihnen schicken möchte. Oder zu einem Ziel ihrer Sehnsucht war irgendwann leuchtet nicht ein, warum Männer wie Besuch ins Theater Lübeck, wo zur- einmal der Westen, deshalb sind sie Kauder, Friedrich und Gauck die zeit die „Entführung aus dem Serail“ hier. Und deshalb gehören sie zu schwarzen Seiten des europäischen gegeben wird. Deutschland.46 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 34. DeutschlandKLAUS STUTTMANN FINANZPOLITI KLast Exit EntenhausenDie Rettung der Euro-Zone ist zur Daueraufgabe geworden. Gefragt ist dabei nicht nur ökonomisches Fachwissen. Was bedeutet die chronische Krise eigentlich für die Psyche der Politiker? Von Dirk KurbjuweitW enn der Bundestagsabgeordnete Kahrs sitzt im Berliner Café EinsteinDas Parlament hat in Deutschland ei- Johannes Kahrs erschöpft ist und trägt einen blauen Pullover, auf des- nen großen Einfluss auf den Haushalt der von der Finanzkrise, wenn er sen Brust sich schräg zwei dicke weißeBundesregierung und damit auf Themen,abschalten muss, liest er „Micky Maus“. Streifen kreuzen. Mercer Club Polo Team,bei denen Geld ausgegeben wird. BeimEr liegt im Bett und liest eines dieser sagt ein Wappen auf der Brust. In diesemEuro könnte eine Menge Geld ausgege-„Lustigen Taschenbücher“, von denen erunernsten Aufzug, in dieser Buntheitben werden, über die Garantien für diealle hat, 427, wenn er sich jetzt richtig er- wirkt Johannes Kahrs Entenhausen näherRettungsfonds vor allem. Der Haushalts-innert. Kahrs nimmt sie immer wiederals dem Haushaltsausschuss des Bundes-ausschuss ist das parlamentarische Gre-zur Hand, auch ein 20. Mal. Ihm wirdtags. Aber da sitzt er drin, und deshalbmium, das sich damit vorrangig befassendann leicht.ist er einer der wichtigeren Akteuremuss. Abgeordnete wie Kahrs sind also Zwar haben auch diese herzigen Tier- dieser Krise. Johannes Kahrs, 48 (SPD), Leute, die im Zentrum der Krise stehen,chen ihre Probleme, aber sie finden im- Freund von Micky Maus, soll die Weltdie daran mitarbeiten müssen, die Krisemer eine Lösung. Alles wird gut.retten. zu lösen. Es soll jetzt nicht um deren Kon-48 D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 35. zepte gehen, sondern darum, was diesePriska Hinz zeigt sich ruhig in diesem gehört bei ihm auch dazu, nach vorn sin-Aufgabe mit ihnen macht. Gespräch, erzählt unaufgeregt und ist sou- ken und für einige Zeit ins eigene Gemüt Es ist eine übermenschliche Aufgabe: verän genug einzuräumen, dass sie eintauchen, grübeln, dann auftauchendie Euro-Länder zusammenhalten, den schwer trägt an ihrer Verantwortung, ob- und sprudeln.deutschen Wohlstand sichern, den Zusam- wohl sie in der Opposition ist. Sie joggt Frickes Beistand in der Euro-Krise istmenbruch von Griechenland und anderen zur Entspannung, aber auch dafür fehlt Gott. Er hält häufig „Zwiesprache“ mitverhindern, die Märkte so beruhigen, ihr nun manchmal die Zeit. Vor großen ihm, teilt Gott seine Überlegungen mitdass es nicht zu einer Rezession kommt, Entscheidungen lag sie in ihrem Bett, und hofft auf Eingebungen, die ihn dasdie die ganze Welt erfassen könnte. Dar- wälzte die Gedanken, wägte das Für und Richtige tun lassen. Aber Frickes Glaubeum geht es. Und Menschen sollen das Wider ab und suchte nach einem Moment ist nicht so simpel, dass er denkt, er kön-lösen. der Sicherheit, einer Vergewisserung, dass ne nur richtig handeln, da er ja von Gott Klein wirken sie da. Wie kommen die es auf jeden Fall richtig sei, für den geleitet ist. Die Zweifel bleiben.Menschen, die Haushälter in diesem Fall, Rettungsschirm zu stimmen, oder auf je-Er ist wieder abgetaucht und grübelt,mit der Verantwortung und der Bean- den Fall richtig sei, gegen den Rettungs- während neben ihm Fische durch seinspruchung klar? Welche Folgen hat das schirm zu stimmen. Aber es gibt diese Aquarium gleiten. Es steht in seinemfür die Politik, dass sie so stark durch die Sicherheit nicht. Büro im Jakob-Kaiser-Haus im Regie-Euro-Krise belastet – überlas-rungsviertel. Fricke tauchttet? – werden?auf und sagt, dass ihm manch- Neun Abgeordnete haben mal eine Liedzeile von De-für diese Geschichte Aus- peche Mode einfalle: „If Godkunft gegeben. Teil der Re- has a masterplan“ – wenn TANJA SCHNITZLER / CARO (R.); CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL (L.)cherche war auch eine An- Gott einen Masterplan hat.hörung des Haushaltsaus- Hat er? Einen Masterplanschusses zu den Themenfür die Euro-Krise? Fricke„Europäischer Fiskalpakt“ weiß es nicht. Gott hilft ihm,und „Permanenter Rettungs-indem er für ihn da ist, ihnschirm ESM“. Sie zeigte die anhört, nicht, indem er ihmHaushälter in Aktion und boteinen Plan verkündet. Frickeeinen Abgleich zu dem, wasmuss die gleiche Ungewiss-sie gesagt haben. heit aushalten wie Priska Marie - Elisabeth - Lüders-Hinz. Nun zückt er ein iPad,Haus, ein runder Saal, 10.30für ihn ein weltlicher Bei-Uhr. Petra Merkel, 64, SPD, stand, für andere auch schonVorsitzende des Haushaltsaus- Hinz Kahrsbeinahe etwas Göttliches, je-schusses, eröffnet die Anhö-denfalls Vergöttertes.rung von Finanzexperten mitEr ruft eine Seite auf mitden Worten, dass dieser Ter-den Kursen von Staatsanlei-min „von erheblicher Bedeu- hen, Frankreich, Portugal, Ir-tung ist“. Auf den Tischen lie- land, Spanien, dann Aktien-gen Schriftstücke, iPads undkurse. Da schaut er nun re-Handys, Johannes Kahrs trägtgelmäßig hin, ein bisscheneinen dunklen Dreiteiler. was lernt er aus diesen Die erste Frage richtet sich Charts, aber die große Er-an Klaus Regling, den Chefleuchtung liefern sie auchdes temporären Rettungs-nicht. Fricke sagt, er sei „keinschirms EFSF. „Wie wichtigBörsengläubiger“.die zügige Einführung des Fis- So wie Priska Hinz freimü- PAULUS PONIZAK / CAROkalpakts einzuschätzen ist“,tig über ihre Erschöpfung re-will der Obmann der CDU,det, redet er freimütig überNorbert Barthle, wissen. Reg- seine Angst. „Wer in der Poli-ling beginnt, alle hören zu.Bartsch tik nicht weiß, dass er Fehler Unter den Abgeordneten machen kann, ist fehl amsitzt Priska Hinz, 53, Grüne. Haushaltspolitiker des Bundestags: Angst vor falschen Entscheidungen Platz“, sagt er. Er hat Angst,Bei einem Gespräch in ihrem dass die nachfolgende Gene-Büro hat sie gesagt, dass „die zeitliche Priska Hinz ist in einer Situation, in ration eines Tages zu ihm kommt undBelastung in den letzten zwei Jahren sehr der sie nicht wissen kann, was falsch und sagt, wir haben recherchiert, was du ge-stark geworden ist“. Für alle sei das „ein was richtig ist, in einer Situation zudem, macht hast damals. Er hat Angst, dass siesehr neues Themenfeld gewesen“. Von in der eine falsche Entscheidung katastro- sagen könnten, er sei schuld an demBeruf ist sie Erzieherin, sie war Umwelt- phale Folgen haben könnte. Schlamassel, in dem sie vielleicht einmalund Familienministerin in Hessen.Die Euro-Krise ist eine Aufgabe, die stecken werden, weil er einer von denen Als Haushälterin des Bundestags hat den Menschen überfordern kann, und war, die falsche Entscheidungen getroffensie sich vor allem mit dem nationalen deshalb scheint Otto Fricke auf den ers- haben.Budget befasst. Jetzt geht es bei den Sit- ten Blick ganz gut gerüstet dafür, dennDiese Sorge hat Dietmar Bartsch nicht.zungen zu 60 Prozent um den Euro. Sie er hat einen Beistand. Fricke, 46, von Bartsch, 54, von Beruf Ökonom, hat „dasmusste sich da einarbeiten, musste lesen Beruf Anwalt, ist Mitglied der FDP im Privileg, in der Opposition zu sein“, wieund Experten befragen, aber sie würde Haushaltsausschuss. Er sagt, dass er gut er sagt. Er sitzt für die Linke im Haus-nicht behaupten, dass sie alles verstan- schlafen kann. Anders als Priska Hinz haltsausschuss und hat gegen alles ge-den hat. Niemand kann das von sich be- zeigt er ein quirliges Gemüt, spricht stimmt, was die Regierung vorschlug. Inhaupten. schnell und viel. Ein bisschen Theatralik seinem Büro im Jakob-Kaiser-Haus steht D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 249
  • 36. Thema auf einmal verarbeiten und bear-beiten könne, und das sei derzeit dieEuro-Krise.„Die demografische Entwicklungkommt als Thema zu kurz“, sagt er, ob-wohl es so wichtig und fordernd sei. „Sieerfordert die Umorganisation der Gesell-schaft und einen Mentalitätswandel.“Aber kaum einer kümmere sich darum. Für Norbert Barthle, 60, CDU, von Be-ruf Gymnasiallehrer, leidet die Arbeit inden Wahlkreisen. Er ist Obmann seinerFraktion im Haushaltsausschuss, und dieEuro-Krise fordert ihn so stark, dass erauch in den sitzungsfreien Wochen einoder zwei Tage in Berlin verbringt. Daheim sagten ihm die Leute: Du ver-nachlässigst uns. Barthle sieht darin ein„ernstes Problem“. Viele Bürger hättenDANIEL PILAR / LAIFohnehin den Eindruck, dass sie keine Rol-le spielten im politischen Prozess. Unddann müssten sie auch noch erfahren,dass ihr Wahlkreisabgeordneter so sehrFDP-Mann Fricke (r.): Hat Gott einen Masterplan?in diesem fernen, unverständlichen Berlineingespannt ist, dass er ihnen nicht mehrbreitschultrig eine MEGA, eine Marx-En-Zur Anhörung ist Bartsch nicht gekom-so viel Zeit widmen kann wie früher. Undgels-Gesamtausgabe. Ist das sein Bei- men, Fricke auch nicht. das wegen der Euro-Krise, die für vielestand? Er findet, dass die beiden manchesEs ist 11.03 Uhr, die Anhörung dauertBürger abstrakt ist, jenseits ihrer Erfah-erstaunlich gut vorhergesehen haben, er eine halbe Stunde, als der Abgeordneterungswelt. Und wäre es nicht ohnehinredet auch viel von Kapital und Kapital-Rüdiger Kruse, 50, von Beruf Mediziner, besser, man überließe die Griechen ihremvernichtung, aber die große Anleitung ge- den Saal verlässt. Um 11.38 Uhr kommt Schicksal, statt ihnen so viel Zeit undgen die Euro-Krise liefert ihm die MEGA er zurück, eine Minute später geht Johan- Geld zu widmen?nicht.nes Kahrs. Kruse checkt sein iPad, wischtSo haben die Abgeordneten das selt- Bartsch sagt klar, was die meisten an- mit der Hand über den Bildschirm, ver-same Problem, dass sie stark belastet sindderen nur angedeutet haben: „Das Ver- schwindet im Lesen und Schreiben. Reg-wegen einer Sache, von der viele Wählerstehen aller Prozesse ist unmöglich ge- ling redet, Sachverständigenratsmitglieddenken, dass sie den Aufwand nicht wertworden, diese Krise ist eine Überforde- Peter Bofinger redet, die Wirtschafts-sei. Das ist in besonderer Weise schwierigrung aller Abgeordneten.“ Er selbst habeweise Claudia Buch redet. Es geht um diefür einen Oppositionsabgeordneten, der„abgeschlossen damit, das alles zu lesen“.ganz große Frage. Wie rettet man denso richtig nicht Opposition machen kann,Er meint die dicken Konvolute, die derEuro? für einen Johannes Kahrs also.Internationale Währungsfonds, die Euro-Der Abgeordnete Steffen Kampeter, 49, Die SPD hat fast allem zugestimmt, waspäische Zentralbank und die EU-Kom- von Beruf Volkswirt, seit 2009 Parlamen-Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte.mission zu den Krisenländern verfassen. tarischer Staatssekretär im Finanzminis-Wenn Kahrs nun zu einem SkatturnierEr habe Mitarbeiter, die das lesen, „undterium, sitzt in der ersten Reihe gleichim Hamburger Stadtteil Veddel einlädt,es gibt extrem viele Anhörungen“. Daneben der Vorsitzenden Petra Merkel und Teil seines Wahlkreises, dann sagen ihmkönne er sich informieren.ist wahnsinnig beschäftigt. Vor ihm sta-die Leute: Was soll der Scheiß? „Reines Wie Fricke spricht Bartsch von den peln sich Akten. Er blättert, schreibt, Bullshit-Bingo“ nennt er die Diskussio-nachfolgenden Generationen. Würdenstreicht, klebt Zettel hinein, zerknüllt Pa-nen, die er dann führen muss – Schimp-die mal im Schlamassel stecken, könne pier, zerreißt Papier. Vor lauter Betrieb-fereien, denen schwer zu begegnen ist.er sagen: „Ich hab ja immer dagegen ge- samkeit stößt er sein Wasserglas um, muss „30 bis 40 Prozent der Bevölkerungstimmt.“ Jetzt lacht er, schnellt vor,nun wischen und wischt den Tisch, wischtsind gegen diese Euro-Politik, aber keineschnellt zurück, spuckt ein großes, diony-das iPad von Petra Merkel, wischt eineder etablierten Parteien ist dagegen“, sagtsisches Lachen heraus, das kaum enden Akte. Kahrs. Manche Leute wenden sich ab,will. „Man ist ja fein raus“, prustet Diet-Gegen Mittag erläutert Regling, wasmanche fangen an, ihre Abgeordnetenmar Bartsch.passieren würde, wenn Griechenland diezu bearbeiten. Er bekomme mehr Bür- Dann sitzt er wieder still vor seinerEuro-Zone verließe. „Also, es wäre wirk-geranfragen als bislang, und die FragenMEGA, schiebt die Hände in die Hosen- lich ein katastrophales Szenario“, sagt er. würden drängender.taschen und sagt: „Man ist nicht fein Kampeter bückt sich unter den Tisch. Ein weiteres Problem sieht Kahrs darin,raus.“Dort steht seine Aktentasche, er zieht eindass die Regierung weder die Zeit noch Die Enkel könnten ihn ja fragen, war-Buch hervor, liest darin. 12 von 21 Abge- die Kraft habe, sich gegen die Verwaltungum er nicht in der Lage gewesen sei, dieordneten, die von der Pressetribüne aus zu wehren. „Die Beamten dominieren“,Mehrheit zu überzeugen, sagt er. Bartschzu sehen sind, lesen gegen 12.45 Uhr in sagt er. Sein Beispiel ist die Wasser- undist klug genug, um zu wissen, dass eineinem Buch oder sind mit ihren Handys Schifffahrtsverwaltung des Bundes. DiePolitiker immer in der Verantwortung ist, und ihrem iPad beschäftigt. Regierungsparteien wollen sie zu einerentweder für seine Konzepte oder dafür,Auf die Frage, ob die Nicht-Euro-Kri-Auftragsverwaltung machen und damitdass er die Bürger nicht dafür gewinnen sen-Politik unter der Euro-Krisen-Politik zum Teil privatisieren. Doch die Beamtenkonnte, obwohl die Konzepte womöglich leide, sagt Rüdiger Kruse in seinem Bürowehrten sich, die Regierung werde „vonrichtig sind. Es ist nur die Frage, wie man ja. Er spricht von einer One Issue Society, der eigenen Verwaltung gegen die Wandmit seiner Verantwortung umgeht.von einer Gesellschaft, die nur ein großesgefahren“. Kahrs freut das einerseits, weil50D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 37. Deutschlander gegen die Privatisierung ist. Es stört ihn zu viel verändert. Sie wurde dort im üb- „Dies ist eine gute Zeit für die Regie-aber auch, weil er als Politiker auf demlichen Trott abgearbeitet. Es gab insge- rung und für Lobbyisten“, sagt CarstenPrimat der Politik besteht. Doch der ist in samt so wenig Aufmerksamkeit, dass esSchneider, 36, SPD, von Beruf Bankkauf-Zeiten der Euro-Krise schwer zu wahren. ein Affront gegenüber den Experten war.mann. Die Kontrolle wird schlechter. Kahrs schafft es an jenem VormittagTermine ihrer Parteien fanden Bartsch Deshalb ist das eigentliche Problemnicht mehr in die Sitzung zurück. Andert- und Fricke wichtiger, auch das klingt nach nicht, dass die Politiker den Stress nichthalb von zweieinhalb Stunden sind ihm üblichen Mustern. Fricke ist vor kurzemaushalten können. Das eigentliche Pro-entgangen. Steffen Kampeter ist es gelun- Schatzmeister der FDP geworden und da- blem ist, dass die Politik, die nicht Euro-gen, all seine Akten durchzusehen, ob-für aus dem Neuner-Gremium des Haus- Politik ist, durch die Krise schlechter wird.wohl ein Mitarbeiter in einer Tüte Nach-haltsausschusses ausgetreten, das sich mit Den Parlamentariern fehlt Zeit für dieschub brachte. Als er mit diesem Stapel besonders drängenden Fragen der Euro-Kontrolle der Regierung, sie können sichdurch war, hat er fast nie zugehört, weil Krise befasst. Die Partei geht vor.nicht mehr wie zuvor um ihre Wählersein Handy und sein iPad ihn ablenkten.kümmern. Wichtige Themen werden un-Das gilt auch für Rüdiger Kruse, der zwi-zureichend behandelt, und die Opposi-schendurch noch eine kleine Runde durch „Dies ist eine gutetionsparteien SPD und Grüne sind soden Saal gedreht hat, um mit Kollegen Zeit für die stark in die Krisenpolitik eingebunden,zu quatschen. Priska Hinz war von derdass sie kaum noch als Opposition wahr-Pressetribüne aus nicht zu sehen, Norbert Regierung und fürgenommen werden.Barthle dagegen war ein Muster an Auf-Die Euro-Krise kostet die Deutschenmerksamkeit.Lobbyisten.“ mehr als Geld. Barthle verteidigt seine Kollegen. ErNach der Vormittagsrunde der Anhö-sagt, die Experten hätten schriftliche Sind die Politiker also gar nicht über- rung wird der Parlamentarische Staats-Statements abgegeben, die habe sicher-lastet durch die Euro-Krise? Sie arbeitensekretär Steffen Kampeter draußen vonlich jeder gelesen. Gleichzeitig findet er, mehr, sie sind manchmal extrem gestresst,Journalisten erwartet. Er stellt sich breitdie Beschäftigung mit iPad und Handyaber sie haben auch Strategien gefunden, auf, die Hände in die Hüften gestemmt,habe tatsächlich überhandgenommen.wie sie die Krisenpolitik in ihren Alltagdas Sakko hinter die Hände geschoben,„Manche Kollegen sind wohl ein Wunder integrieren, zu ihrem Alltag machen. Sie als wolle er mit der gesamten Fülle seinesdes Multitaskings.“ Dietmar Bartsch er- lassen andere Dinge wegfallen. Alle neun Körpers wirken. Die Anhörung, sagt er,klärt sein Fehlen damit, dass er einen Par- Haushälter, die für diese Geschichte in- habe gezeigt, dass die Euro-Politik derteitermin habe wahrnehmen müssen. Bei terviewt wurden, haben gesagt, dass sieBundesregierung bei den Experten breiteOtto Fricke ist es genauso. sich nicht mehr so gründlich mit dem Unterstützung finde. Fragt sich, woher er Nimmt man nur die Anhörung, dann deutschen Haushalt befassen können wie das weiß. Kampeter muss tatsächlich einhat die Euro-Krise in der Politik nicht all-bislang. Es rutscht ihnen manches durch. Wunder des Multitaskings sein.
  • 38. Waldbesitzer Prinz zur Lippe„Rücken gerade halten und nicht aufgeben“ maus in der Region keine Unbekannte. Sie verzögerte bereits die Fertigstellung der Autobahn 33, noch immer klafft eine kilometerlange Lücke. Nun soll die Fle- dermaus den Naturschützern im Kampf um einen Nationalpark beistehen.MATTHIAS GROPPE / DER SPIEGELBis jetzt verhinderte eine zugezogene Spezies, dass die Senne zum National- park werden konnte: die britischen Streit- kräfte. Sie nutzen das Gebiet als Trup- penübungsplatz, bauten dort auch Dörfer mit einer Moschee nach, um den Häuser- kampf für Afghanistan zu üben. Wenn die Panzer rollen und MunitionssplitterNacht davor mehrere Bäume und errich-die Heide in Brand setzen, trägt dies im- N AT U R S C H U T Z teten daraus Straßenblockaden. Auch einmerhin zum Erhalt der Landschaft bei:Senne darfSchlichter wurde schon berufen, doch der Die Streitkräfte roden dadurch die Senne,Kampf geht weiter. wie es früher die Heidebauern taten. Und die Wüste lebt. Wer nachts mit In einigen Jahren soll das Kriegsspiel nicht sterbender Taschenlampe durchs Gebüsch zieht, enden, die Briten wollen sich voraussicht-sieht Dutzende Augenpaare: Damwild,lich 2020 zurückziehen. UmweltpolitikerWildschweine und allerhand Kleingetier.Remmel spricht von einer „einmaligenJetzt, im Frühjahr, sind die Grasflächen historischen Chance“. Schon im Koali- Im östlichsten Zipfel Nordrhein- von einem satten Grün überzogen. Abertionsvertrag vor zwei Jahren hatte die da-Westfalens stemmen sich in der Sommersonne wird das Gras ver-malige rot-grüne Minderheitsregierung Anwohner gegen die Pläne dorren und sich braun färben.das Vorhaben propagiert, es soll auch den Der Naturschützer Hans-Dieter Wiese-Tourismus in der Region ankurbeln. Seitder Regierung, einenmann schwärmt von einem „unglaubli-der Wahl am 13. Mai haben die Grünen Nationalpark einzurichten. chen Artenreichtum“. Wohl kein Blüm- zusammen mit der SPD eine klare Mehr-chen, kein Tier in der Senne, das derheit im Landtag. Remmel ist entschlossen,Im Jahr 1669 entdeckte Bischof Fer-Mann mit dem weißen Bart nicht beimjetzt Fakten zu schaffen, und bringt als dinand von Fürstenberg mitten in Namen nennen kann. Etwa tausend ge-Schirmherrn für den Nationalpark gern Deutschland eine Wüste. „Desertumfährdete Pflanzen- und Tierarten sindPrinz Charles ins Gespräch. „Das wäresennae“ taufte er jene sandige Landschaft,hier zu finden. Der Senner Moorfroscheine interessante Variante, oder?“die sich im Osten des heutigen Nordrhein- (Rana arvalis) zum Beispiel und die Bech- In Hövelhof, am Rande der Senne,Westfalen erstreckt: die Senne. steinfledermaus (Myotis bechsteinii), zu kommen Remmels Pläne gar„Wenn man durch die Senne fährt,erkennen an den besonders langen Ohren nicht gut an. Vielen Ein-kann man schon das Gefühl bekommen, und dem schneeweißen Bauch.wohnern graust vor ei-das ist unsere Serengeti“, sagt der Grü- Auch wenn der Laie sie nur schwer zunem „Nationalpark-Re-nen-Politiker Johannes Remmel, bishe- Gesicht bekommt, ist die Bechsteinfleder-gime“, wie sie es nen-riger und wohl auch künftiger Umwelt-minister in Nordrhein-Westfalen. EinHauch von Afrika mitten in Ostwestfalen-Lippe, Sanddünen inklusive. In der Nähe,jenseits von Bielefeld, sind sogar Löwen,Elefanten und Zebras zu Hause, wennauch nur in einem Zoo, dem SafariparkStukenbrock. Um die Landschaft, öd und ziemlichleer, tobt ein Streit, der heftiger kaumsein könnte. Remmel und die übrigenWahlsieger von SPD und Grünen in Düs-seldorf wollen circa 11 600 Hektar der Sen-ne zum Nationalpark erheben, in die Kö-nigsklasse der Schutzgebiete, wo die Na-tur weitgehend sich selbst überlassenbleibt. Aber viele Anwohner sind gegenden Nationalpark, zahlreiche Kommunenziehen nicht mit. Die Kontrahenten erstatteten Straf-anzeigen, errichteten Straßenbarrikadenund bewaffneten sich mit Info-Broschü-ren, Aufklebern und teuren Gutachten.Als die Nationalpark-Fans eine Wande-rung ankündigten, um für ihr Anliegenzu werben, fällten Unbekannte in der52D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 39. Deutschlandnen. Sie sorgen sich, dass die Durchgangs-straßen und die Wanderwege dann ge-sperrt würden. Und dass ihre schöne Sen-ne zuwuchert, wenn der Mensch nichtmehr eingreift. Damit kein Missverständnis aufkommt:„Wir sind absolut für den Naturschutz“,sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Vol-ker Jung. Nur verstehen er und die übri-gen Gegner darunter etwas anderes alsdie Befürworter. Auch in den Buchenwäldern des an-grenzenden Teutoburger Waldes wird derKampf um den Nationalpark geführt. Alsdie Pläne für die Senne vor knapp zehnJahren ins Stocken gerieten, verfielen dieNaturschützer auf die Idee, einen Teil desTeutoburger Waldes in ihre Planungeneinzubeziehen, weil sie sich dadurch grö-ßere Erfolgschancen ausrechneten. Stattdessen riefen sie noch mehr Geg-ner auf den Plan. Sie fürchten, dassArbeitsplätze und Einnahmen verloren-gehen, wenn der Wald nicht mehr bewirt-schaftet werden darf. Der ist teilweisePrivateigentum, viele Hektar gehören derFamilie von Stephan Prinz zur Lippe,einem eigentlich umgänglichen Mann. Ihm gefielen schon die Pläne für dieSenne nicht, aber als sich herausstellte,dass seine Waldflächen zum Kern einesNationalparks werden sollten, war es mitder Zurückhaltung vorbei. „Der Wald istunser Gründungsmythos“, sagt Prinz zurLippe. Er besann sich auf seine Herkunft:„Was macht den Adel aus? Rücken geradehalten und nicht aufgeben.“ Im Wald steht die Ruine der Falken-burg, der Wiege des Hauses Lippe, errich-tet im Jahre 1194. Der Weg dorthin iststeil, aber Prinz zur Lippe steigt zügig hin-auf. „Die Burg wurde niemals erobert“,sagt er. Das soll auch jetzt nicht passieren.Prinz zur Lippe sorgt sich um dieforstwirtschaftliche Nutzung des Waldes –und darum, dass der über Generationengepflegte Wald aus Buchen und Fichtenaus dem Gleichgewicht geraten könnte. Warum das rot-grüne Bündnis in Düs-seldorf unbedingt einen Nationalparkschaffen will, bleibt vielen Menschen inOstwestfalen-Lippe ein Rätsel. Der Um-weltminister habe doch sogar Verwandt-schaft in der Region, erzählen sie, er seihier früher auf Bäume geklettert. Johannes Vogt, einer der Gegner desNationalparks, kennt den Minister bes-tens – sie sind Cousins. Vogt ist sich sicher:„Urgroßvater würde sich im Grabe um-drehen.“KATHARINA HEIMEIER360°-Foto:Die Senne imPanoramaFür Smartphone-Benutzer:Bildcode scannen, etwa mitder App „Scanlife“.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 253
  • 40. Deutschland ARNO BURGI / PICTURE ALLIANCE / DPASeniorenheim in Dresden: Ohne Grund werden alte Menschen ihrer Selbständigkeit beraubtSOZIALPOLITIK„Als Depperte abgestempelt“ Mehr als 1,3 Millionen alte und kranke Deutsche stehen unter amtlicher Betreuung. Mit der wachsenden Zahl nehmen auch die Fälle von Unrecht und Missbrauch zu – etwa wenn die Betreuten Opfer der Raffgier ihrer angeblichen Helfer werden.Die Unterschrift war schon etwas Erste, was der Betreuer machte: Er ver- Die amtliche Betreuung ist einer derzittrig. Aber was Alwin Schmau- kaufte das begehrte Grundstück an die schwersten Eingriffe in das Persönlichkeits-der, 77, im August 2005 der Stadt Stadt. Jutta, Schmauders andere Tochter, recht: Der Betreuer kann regeln, was mitAalen mitteilte, war von großer Klarheit. ist davon überzeugt, dass der Deal rund dem Geld seines Klienten geschehen soll,Er werde „weder in Zukunft noch jetzt“ 30 000 Euro unter Marktpreis abgewickelt in welches Heim er kommt und zu wel-sein Grundstück an die Gemeinde ver- wurde. Im vergangenen Jahr stellte sie chem Arzt er geht. Aber zuallererst sollenäußern, schrieb der ehemalige Landwirt. Strafanzeige und klagte gegen den Be- die vom Amt bestellten Helfer dafür sorgen, Die Stadtverwaltung wollte ihm ein treuer sowie gegen den Notar, der ihn dass die ihnen anvertrauten Menschen ihrStück Land abkaufen, um ein Baugebiet eingesetzt hatte.Leben so selbstbestimmt wie möglich wei-zu erschließen. Doch Schmauderterführen können. Sie sollen derenfühlte sich übervorteilt. Aalens Ver- Willen ermitteln, respektieren und er-treter hätten sich „uns gegenüber Betreuungsverfahren in Deutschland 2010 füllen. So fordert es das Betreuungs-ausnahmslos verhalten wie moder-gesetz, das vor 20 Jahren das anti-ne Raubritter“, schrieb er, „niemals, 1,3 Mio.quierte Vormundschaftsrecht ablöste. Anteil nach Betreuungsart *niemals bekommt ihr auch nur ein In der Praxis sehe es jedoch anderskleines Stück von uns“. Selbständige Betreuungs- aus, urteilt Peter Winterstein, der Vor- Wenig später ging es Schmauder 924 624 Berufsbetreuer verein 6,2% sitzende des Betreuungsgerichtstages,gesundheitlich zunehmend schlech-29,7 % in dem Juristen, Beamte und Sozial-ter: erst das Herz, dann Depressio-sonst. Ehren- arbeiter zusammengeschlossen sind: Zunahme amtlichenen. Ein gutes halbes Jahr spätergegenüber„Die rechtliche Betreuung wird ent-konnte er sich nicht mehr wehren.5,5 %weder als Vormundschaft mit Macht- 2000 Familien- Seine Tochter Petra erzwang, dassangehörige Betreuungs- befugnissen oder als allumfassendefür ihn ein amtlicher Betreuer ein-+42 %58,2%behördeSorge für alle Belange und Bedürfnis-gesetzt wurde. Fortan konnte 0,4 %se einer Person missverstanden.“Schmauder nicht mehr über sein Mehr als 1,3 Millionen DeutscheVermögen verfügen. Und mit das 2000 2010 *bei Erstbestellungen Quelle: Bundesamt für Justiz sind derzeit abhängig von Betreu-54D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 41. Deutschland FOTOS: THOMAS KLINK / DER SPIEGELRentner Schmauder 2002, Tochter Jutta: „Niemals bekommt ihr auch nur ein kleines Stück von mir“ern. Jedes Jahr stellen die Gerichte inAlwin Schmauder starb im Altersheim.den einzelnen Fall. „Es ist eine Schande,rund 240 000 Betreuungsverfahren fest,Wegen des Verkaufs des Grundstücks be- wie mit diesen Menschen umgegangendass ein Individuum nicht für sich selbst schwerte sich Tochter Jutta beim Ober- wird“, sagt Michael Ramstetter, Vorstandentscheiden kann – meist geschieht dies bürgermeister. Aufgrund des Zustandesder Vereinigung für Vorsorge- und Be-auf Antrag der Angehörigen, wenn Men- des Grundstücks sei „ein Abschlag vomtreuungsrecht. Auch Gerichte spielten da-schen dement oder psychisch krank wer-Richtwert“ vorgenommen worden, recht-bei eine zweifelhafte Rolle.den, wenn sie ins Koma fallen oder durchfertigte Aalens Verwaltungschef das Vor-Jüngst hat Anwalt Ramstetter einenDrogen handlungsunfähig werden. Oft gehen. Schließlich schaltete Jutta Schmau- dieser Fälle verloren. Eine vorausschau-übernehmen nahe Verwandte die Auf-der den Freiburger Rechtsanwalt Frank- ende Frau hatte einen Freund zum Ver-gabe, doch in einem Drittel der Fälle be- Ulrich Mann ein. Seine Einschätzung: walter und Teilerben ihres Vermögensstimmt ein Gericht einen der 12 000 Be- Der Notar, der über die Betreuung ent- von rund fünf Millionen Euro bestimmt.rufsbetreuer in Deutschland (siehe Grafik scheidet, und die Stadt hätten „Hand inAls die alte Dame dement wurde, ließSeite 54).Hand gearbeitet“.ein Neffe das Testament zu seinen Guns- So geschehen auch bei LandwirtDie Causa Schmauder mag in einigenten ändern und seine Tante unter Betreu-Schmauder aus Aalen in Baden-Württem- Belangen ein Extrem darstellen. Und in ung stellen. Die Seniorin kam in einberg. Er lebte zu Hause, zusammen mit Tausenden Fällen steht die Lauterkeit derHeim. Der eigentliche Wille der Frau –seiner Tochter Jutta. Die ausgebildeteBetreuer außer Frage. Aber in vielen Ver-zu Zeiten klaren Geisteszustandes schrift-Arztassistentin hatte eine notarielle Voll- fahren werden die hehren Ziele des Ge- lich niedergelegt – wurde ignoriert. Ihrmacht, kümmerte sich um ihn. Ihre setzes verfehlt. Freund hatte fortan keinen Einfluss mehr.Schwester Petra war mit dieser Rollenver-Das hat viel zu tun mit dem enormenZu selten, klagen Anwälte, machtenteilung jedoch nicht einverstanden. Sie Anstieg der Betreuungsverfahren. Und sich die Richter die Mühe, genau heraus-stellte den Antrag für einen amtlichenweil nicht alle Alten über ein Vermögenzufinden, wie sich alte Menschen ihrenBetreuer. In einem vom Notar veranlass- oder eine üppige Rente verfügen, müssenLebensabend vorstellen. Das Selbstbe-ten Gutachten diagnostizierte daraufhin die Bundesländer mit Zuschüssen an die stimmungsrecht bleibe auf der Strecke,ein Psychiater, dass Schmauder unter ei-Betreuer aushelfen – im vergangenender Willkür seien die Türen geöffnet.ner depressiven Episode leide. Schmau-Jahr rund 800 Millionen Euro. Das gilt besonders in Württemberg.ders Hausarzt urteilte später, der MannUm die Kosten zu dämpfen, beschloss Dort entscheidet nicht ein Richter, son-sei „geistig voll orientiert“ und „voll ge- der Gesetzgeber 2005 eine Pauschalver- dern der örtliche Notar, ob eine Betreu-schäftsfähig“. Trotzdem blieb er unter Be-gütung. Das hatte fatale Folgen: Für ung eingerichtet wird. Juristen halten die-treuung.Rechtsanwälte sind die Betreuungen bei se Konstruktion für verfassungswidrig. Alwin Schmauder beklagte sich mehr-einem festgeschriebenen Stundensatz von In der Praxis hat sie zuweilen absurdefach schriftlich über den fremden Betreu- maximal 44 Euro unattraktiv geworden.Folgen: So passte ein Mitarbeiter des Aa-er. Die zuständigen Stellen ignorierten Einige Berufsbetreuer versuchen, mit der lener Ordnungsamts den ehemaligen Kon-jedoch seine Eingaben, sie ließen sogar Übernahme von immer mehr Fällen ih-strukteur Karl K., der zeitweise unter De-den Grundstücksverkauf zu. „Herrrem Einkommensverlust entgegenzuwir- pressionen litt, beim Brötchenholen ab.Schmauder möchte dies eigentlich nicht“,ken. Manche haben inzwischen bis zuDer Beamte sorgte dafür, dass K. in dieschrieb der Betreuer an den Notar, aber hundert Menschen zu versorgen. Psychiatrie eingewiesen und wenige Wo-es sei „unumgänglich“, weil noch Rech- Eine intensive Betreuung ist da schlichtchen später zu einem Notar vorgeladennungen zu begleichen seien. Das sei „al-unmöglich. Auch deshalb werden viele wurde, der ihn unter amtliche Betreuungles Quatsch“, sagt Jutta Schmauder. Ihr Betreute gegen ihren Willen in Heime ab- stellte. Betreuerin wurde die Ehefrau desVater habe über eine gute Rente verfügt.geschoben. Das mindert den Aufwand für Ordnungsamts-Mitarbeiters – obwohl der56D E R S P I E G E L2 3 / 2 0 1 2
  • 42. Bruder von Karl K. angeboten hatte, sich heizt war. Als der alte Mann bei einemum dessen finanziellen Belange zu küm- zweiten Besuch in höflichem Ton erzähl-mern. te, man wolle ihn umbringen, vermuteten Eigentlich sollen Angehörige laut Ge- die Prüfer eine wahnhafte Krankheit undsetz Vorrang haben vor professionellen befürworteten eine Betreuung.Betreuern. Im Fall des Karl K. brauchteIrgendwann zogen die Eltern freiwilliges aber das Einschalten eines Gutachters, aus dem Haus aus. Die Kinder nahmeneinen fast zwei Jahre dauernden Rechts- daraufhin ihren Antrag auf Betreuungstreit und ein Urteil des Landgerichts Ell- zurück. Da war es aber schon zu spät.wangen, um die Entscheidung des Notars Das Amtsgericht Wetzlar verlangte einezu heilen. K. hat inzwischen geheiratet Untersuchung des Mannes, notfalls mitund lebt in seiner eigenen Wohnung. Zwangsmaßnahmen. Der Fall landete Nach ähnlichem Muster wie K. sollte schließlich in Karlsruhe. Die Verfassungs-auch der Mathematiker Herbert B. unter richter entschieden gegen die Behörden,Zwangsbetreuung gestellt werden. Her- weil dem alten Mann nicht die Chancebert B. beschwerte sich leidenschaftlich eingeräumt worden war, sich zu äußern.bei Mitgliedern des Gemeinderates. ZwarJutta Schmauder hatte bisher wenigerverbot ihm der Bürgermeister daraufhin Erfolg. Ihre Anzeige gegen den Betreuerwegen seiner vorgetragenen Klagen, Mit- und den Notar stellte die Staatsanwalt-arbeiter des Rathauses zu belästigen – die schaft ein. Ihr Zivilverfahren scheiterte,angedrohte Betreuung konnte B. aber im- zumindest teilweise, in der ersten Instanz.merhin abwenden.Es sei zwar nicht alles korrekt verlaufen Am besten wäre der Gerechtigkeit ge- mit dem Herrn Schmauder, befand dasdient, meint der Mannheimer Betreuungs- Gericht, er sei etwa nicht in alle Entschei-rechtsexperte Ramstetter, wenn sich die dungen eingebunden gewesen, aberRichter mehr Mühe gäben, sich von der „grob falsch“ habe niemand gehandelt.Hilfsbedürftigkeit persönlich zu überzeu-Der Notar bestreitet alle Vorwürfe. Erhabe sich an die Gesetze gehalten, teilteer dem Gericht mit. Auch der BetreuerDer Geschäftsführer eines will alles rechtmäßig gemacht haben. Al-Heims kaufte Reizwäsche lerdings verurteilte ihn das LandgerichtEllwangen in erster Instanz zu einer Zah-– angeblich für einelung von 3000 Euro, weil er mit Schmau-ders Geld zu lax umgegangen war.über 90 Jahre alte Dame. Es gibt, so lehren derartige Fälle, viele,die für die Misere der Betreuten verant-gen. Viele jedoch seien wegen Überlas- wortlich sind: Angehörige, die voreiligtung dazu gar nicht in der Lage: Im Be- Anträge stellen; Ärzte, die schnelle Gut-zirk des für Betreuungsrecht zuständigen achten schreiben; Behörden und Richter,Amtsgerichts in München etwa verwalten denen das Schicksal der Betroffenen16 Richter 13 300 Fälle.gleichgültig scheint – und schließlich über- Willkür in der Betreuungsmaschinerie forderte oder geldgierige Betreuer.gibt es also nicht allein, wenn es ums GeldWie wichtig die Arbeit eines umsichti-geht. Auf einen Gefährdungshinweis folgt gen Betreuers sein kann, zeigt ein Fallallzu oft die beinahe routinemäßige Be- aus Hopsten im Münsterland. Dort küm-auftragung eines Betreuers. Behörden merte sich der Sozialpädagoge Wernerund Gerichte würden Menschen ihre Selb- Drees-Leggewie um eine über 90-jährigeständigkeit in viel zu vielen Fällen ohne Frau, die in einem Haus für Betreutessorgfältige Prüfung abnehmen, moniert Wohnen lebte und schwerst dement war.der Münchner Anwalt Alexander Frey:Schon lange gab es in der kleinen Ort-„Die werden als Depperte abgestempelt, schaft Gerüchte, dass sich das Geschäfts-so vernichtet man Menschen.“führer-Ehepaar des Heims seinen aufwen- Dabei hat das Bundesverfassungs- digen Lebensstil auf nichtlegale Art fi-gericht im Oktober 2010 die Rechte der nanzierte. Drees-Leggewie kontrollierteBetroffenen noch einmal ausdrücklich ge- die Kontobewegungen seines Schützlings.stärkt: Bei Entscheidungen von Betreu- Er stellte fest, dass unter anderem vielungsgerichten müssten sie persönlich ge- Geld für hochhackige Schuhe und Reiz-hört werden, betonten die Richter.wäsche ausgegeben wurde. Als er die Ge- In dem Fall, der seinerzeit zur Verhand- schäftsführer zur Rede stellte, antworte-lung anstand, hatten die Kinder ihre El- ten die, die alte Dame ziehe sich ebentern aufgefordert, ihr Haus zu räumen. gern schön an.Sie wollten das Grundstück verkaufen,Der Fall kam vor Gericht. Die Betrei-um Schulden abzuzahlen. Als sich der ber des Heims, so stellte sich heraus, hat-Vater weigerte, sein Haus zu verlassen, ten die Seniorin ausgeplündert. Und nichtveranlassten die Kinder, dass Strom, Gas nur die: Nun müssen sie sich wegen wei-und Wasser abgedreht wurden – und sie terer Fälle betrügerischer Abrechnungenstellten einen Betreuungsantrag. Der zu- vor Gericht verantworten.ständigen Behörde fiel bei einem Kon- GUIDO KLEINHUBBERT, MICHAEL LOECKX,trollgang auf, dass die Wohnung unbe- UDO LUDWIG D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 257
  • 43. DeutschlandMARTIN STEINERHells Angel Hanebuth (r.) 2010 auf dem Steintorfest in Hannover: Hierarchisch strukturierte Organisation, vergleichbar mit der Mafia?den Mord ein eigenes Charter, wie sieK R I M I N A L I TÄT ihre Gruppen nennen, in Hamburg habe Der Präsident von Hannovergründen dürfen? „Alles Blödsinn“, versi-chert Hanebuth. Es habe nie einen Mord-auftrag oder derartige Befehle in Rich-tung Kiel gegeben: „Ich bin Präsident vonHannover, das war’s.“ Der angebliche Hat ein Hells-Angels-Boss einen Mord in Auftrag gegeben? Mord sei vorgeschoben, in Wahrheit seiErmittler sehen sich durch die Aussagen eines Kronzeugen bestätigt: das Ziel, „Zufallsfunde für ein Verbots-verfahren zu machen“. Sie halten die Rockergilde für eine kriminelle Organisation.In der Tat geht es in diesen Wochennicht um Frank Hanebuth allein, denDer Rocker ist auf dem Handy er-Am Telefon verweist der Rockerboss die schillernden Inhaber einer Sicherheits-reichbar, kein Problem. Das mag Darstellungen des Aussteigers Steffen R.firma, einer Immobilienverwaltung understaunen angesichts seiner Pro-ins Reich der Phantasie. Er ist noch immerzweier Bordelle: Es geht um die Existenzminenz und seines Rufs. Eine Mengehörbar sauer über die Polizeiaktion auf sei-der Hells Angels in Deutschland. Ihr Fort-Polizeifahnder halten ihn schließlich für nem Grundstück, den Tod seines Hundes bestand hängt davon ab, ob der Kronzeu-den Kopf einer kriminellen Organisation.und darüber, „dass mein elfjähriger Sohnge, ein Mann mit krimineller Vergangen-Natürlich würde Frank Hanebuth, 47, alles mitansehen musste“. Den Mordvor-heit, die Wahrheit gesagt hat.ehemaliger Boxer, Kiezgröße und Präsi-wurf weist er hingegen betont cool zurück. Beschuldigt wegen Zuhälterei, räube-dent des „Charters Hannover“ der Ro-Er kenne weder Steffen R. noch den an-rischer Erpressung und Körperverlet-ckergruppe Hells Angels, lieber schwei- geblich getöteten Türken Tekin Biçer. zung – was er überwiegend bestreitet –,gen; würde den Mythos des Männer-Und dass, wie vom Kronzeugen ausge-hatte Steffen R., 40, acht Monate lang inbundes wirken lassen, die Kutten, die sagt, ein Hells Angel als Belohnung für Untersuchungshaft geschwiegen, so wiemartialischen Aufnäher, all diese ein-es die Regeln unter Rockern verlangen.schüchternden Symbole.Mitte Februar aber begann der ehemaligeAber Schweigen geht jetzt nicht mehr. Chef der Hells-Angels-Hilfstruppe „Legi-Nicht mehr, seitdem sich in der Woche on 81“ zu reden, über die illegalen Ge-vor Pfingsten um fünf Uhr morgens überschäfte der Rockergilde, über Prostitution,seinem wie eine Festung gesicherten Drogen, Schutzgeld – und über angebli-Haus GSG-9-Kräfte aus einem Hub-che Mordaufträge.schrauber abseilten, seinen anatolischen Etwa ein Dutzend Mal ließ sich der ausHirtenhund erschossen, Hanebuth inSachsen-Anhalt stammende VorbestrafteFesseln legten und bei der Razzia zweivernehmen. Dabei berichtete er auch vonLaptops, eine Handvoll Handys und ein einem zweiten Mordauftrag, den Hane-paar Dekorationsgewehre beschlagnahm- buth abgesegnet habe – der vorige WocheTIM RIEDIGER / DAPDten. Und erst recht nicht, seit vergan- vor Gericht aber nicht zur Sprache kam.genen Donnerstag ein Kronzeuge vorDemnach habe Hanebuth „grünes Licht“einem deutschen Gericht behauptete, gegeben, den Chef der RockertruppeFrank Hanebuth habe den Auftrag erteilt,Tigers, einen Mann namens Hakan, zueinen lästigen Kieler Rivalen zu er-Leichensuche in einer Lagerhalle bei Kiel töten. Man solle es so machen, dass esmorden. „Alles Blödsinn“„keinen großen Aufriss“ gebe. Drei Hells-58D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 44. Angels-Mitglieder hätten dann den Auf-trag bekommen, Hakan auszukundschaf-ten. Warum der Mordplan nicht umge-setzt wurde, konnte Steffen R. indes nichtsagen. Hanebuth bezeichnet auch diesenVorwurf als „völligen Blödsinn“. Die umfangreichen Aussagen des Kron-zeugen führten kurz vor Pfingsten zu ei-nem massiven Schlag der Polizei gegendie Hells Angels. 1200 Beamte rücktenzur Großrazzia in norddeutsche Gaststät-ten, Bordelle und Wohnungen aus, amKieler Stadtrand suchen Experten mitschwerem Gerät eine Lagerhalle ab, inderen Fundament laut Steffen R. der spur-los verschwundene Türke einbetoniertworden sein soll. Die Staatsanwaltschaftführt rund 200 Ermittlungsverfahren ge-gen 69 Beschuldigte. So wie Steffen R. hat bislang noch keinInsider ausgepackt. Seine Einlassungenschärfen den Blick auf die Hells Angels –und sie stützen, wenn sie denn wahr sind,die These der Ermittlungsbehörden. Dem-nach bilden die Rocker eine hierarchischstrukturierte Organisation, vergleichbarmit der Mafia. Schon seit Jahren beobachtet das Bun-deskriminalamt, dass Rockergangs immeröfter in Verfahren der Organisierten Kri-minalität auftauchen. In vielen Städtenkontrollieren sie inzwischen das Rotlicht-milieu. Und wo sie die Vorherrschaftnoch nicht erlangt haben, versuchen sieihren Einfluss mit großer Brutalität, mitMacheten, Beilen und Schusswaffen zuerweitern. BKA-Vizepräsident JürgenStock konstatiert „ein hohes Gewalt-potenzial und brutale Auseinandersetzun-gen auch im öffentlichen Raum“. BeiDurchsuchungen finde die Polizei regel-mäßig Pistolen, Handgranaten undSprengstoff. Das BKA zählt laut einem internen Be-richt mehr als 3500 Mitglieder allein inden vier größten Clubs Hells Angels, Ban-didos, Outlaws und Gremium. Ihre kri-minellen Geschäfte, so die Ermittler,versuchten die Gangs mit vermeintlichsauberen Firmen zu tarnen, etwa als Si-cherheitsunternehmen, Bar- oder Bordell-betreiber. Insbesondere Security-Betriebedienten oft der Schutzgelderpressung. In der Öffentlichkeit präsentieren sichdie Rocker gern als raue Gesellen mit wei-chem Herz, Frank Hanebuth war Gastder Herrenabende des hannoverschenProminentenanwalts Götz von Fromberg,an denen auch schon lokale Größen wieCarsten Maschmeyer, Michael Frenzeloder Gerhard Schröder teilnahmen. Die Nähe zu Politikern oder Wirt-schaftsmanagern zu suchen gehört zumKonzept. Spenden für soziale Zweckesind ein gängiges Mittel: So überreichtenBandidos am Brandenburger Tor einenScheck für die Kinderkrebshilfe, die HellsAngels stifteten für Alzheimer-Patienten.Für BKA-Vize Stock ist das pure Camou- D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 59
  • 45. Deutschlandflage: „Das sind äußerst beunruhigende raten wurde und die Polizei in leergefegte Schlie mit Genugtuung eine neue Auf-Merkmale Organisierter Kriminalität.“Räume eindrang, war dabei der Höhe-geschlossenheit: Beeindruckt von den Bei Teilen der Hells Angels registrier- punkt einer offenbar seit langem beste-Aussagen des Kronzeugen, denken nunten die Fahnder zudem einen „massivenhenden fruchtbaren Zusammenarbeit dermehrere Innenminister aus den Bundes-Expansionsdrang“ nach Südeuropa. LautRocker mit korrupten Beamten.ländern darüber nach, andere Saiten auf-der europäischen Polizeibehörde Europol Der Kreis der Verdächtigen ist groß.zuziehen.gebe es Bestrebungen, auf der sogenann-Im Landeskriminalamt befassen sich zweiUnd Schlie geht gleich einen Schrittten Balkanroute, dem klassischen Weg Fachkommissariate mit der Rockerkrimi- weiter: „Wenn sich in den laufenden Ver-des Heroins nach Mitteleuropa, neuenalität, aber auch ein Leck in Verwaltungfahren der Verdacht verdichten sollte,Gruppen zu gründen, etwa in Kroatien,oder Justiz ist nicht auszuschließen.dass die Rocker ein kriminelles NetzwerkSerbien, Albanien und der Türkei. Die Die Nähe zwischen Rockercliquen und bilden und bestimmte Personen Füh-Gewinne aus dem Drogengeschäft, davonPolizei ist auch andernorts eklatant. Man- rungspositionen in diesen kriminellengehen die EU-Fahnder aus, werden zu ei-che Beamte werden offenbar von den Strukturen einnehmen, wird es Zeit, übernem Gutteil in der Schweiz angelegt. Motorradclubs mit ihren Ritualen und ein bundesweites Verbot nachzudenken.“ Seit mehr als zehn Jahren sammelt Uniformen, mit ihren Rangabzeichen und Denn die Zweifel mehren sich unterEuropol Informationen über „Outlaw ihrem Machotum geradezu angezogen. Experten, ob der Kampf gegen die Ge-Motorcycle Gangs“, wie die Rocker dort So ermittelte die Essener Polizei 2010 ge- setzlosen im föderalen Kleinklein erfolg-genannt werden. Deutschland sei, was gen einen Kripo-Mann, weil er die Ban- reich geführt werden kann. Der Vorsit-die Zahl der Mitglieder angehe, europa-didos mit Informationen aus dem Dienst-zende des Bundes Deutscher Kriminal-weit am stärksten betroffen. Laut Europolcomputer versorgt haben soll.beamter, André Schulz, ist überzeugt,sind 64 Prozent aller Rocker vorbestraft. In Frankfurt wurden im selben Jahrdass ein bundesweites Phänomen wie„Bei nahezu jeder Hausdurchsuchung fin-fünf Beamte suspendiert, darunter ein 50-Rockerbanden auch „zentral untersucht“det die Polizei Waffen und Drogen“, be-jähriger Erster Hauptkommissar des LKA,werden müsse.Für Schulz belegen die jüngs- ten Vorwürfe gegen Frank Ha- nebuth, dass die örtlichen oder regionalen Charter längst nicht so eigenständig sind wie immer behauptet; und dass ein kon- zertiertes Eingreifen der Si- cherheitsorgane auf Bundes- ebene sinnvoll sein könnte.Wie mächtig Hanebuth in Wahrheit ist, wie weit sein Ein- fluss reicht, erschloss sich im Mai 2010: In der Kanzlei seines NORMAN REMBARZ / DAPD Intimus und Rechtsanwalts Götz von Fromberg besiegelte er mit PR-Getöse den bundes- weiten Friedensschluss mit Bandidos-Boss Peter Maczol-Razzia in Potsdam am vergangenen Mittwoch: Fruchtbare Zusammenarbeit der Rocker mit Polizeikreisen lek. Der Handschlag mit dem Erzfeind war verbindlich fürrichtet ein Beamter aus der Zentrale in weil sie Interna an die Hells Angels alle Hells Angels in Deutschland und be-Den Haag. durchgestochen haben sollen; zwei Be- siegelte auch die Verabredung, ein Jahr Die Erkenntnisse von Europol decken schuldigte sollen sogar selbst mit Drogen lang keine neuen Charter zu gründen.sich mit den Ermittlungen der Berliner gehandelt haben. In einem weiteren FallDiese Woche wird die Suche nach derFahnder, die jüngst zum Verbot des in Berlin fand die Polizei bei einer Durch- angeblich einbetonierten Leiche fortge-„Hells Angels Motorcycle Club Berlin suchung einen Zettel vor: „Ihr braucht setzt. Innenminister Schlie will nicht lo-City“ geführt haben. Wer die Geschäfte die Tür nicht einzutreten. Sie ist offen.“ ckerlassen, er hält den Kronzeugen fürder Rocker störte, heißt es in der Verbots- In Schleswig-Holstein, so hat es Kron- glaubwürdig.verfügung der Innenbehörde, wurde zeuge Steffen R. behauptet, sollen drei In einem Detail jedoch mussten ihmdurch „Einschüchterungsversuche oder Beamte – je einer von der Polizei, dem seine Ermittler inzwischen erklären, dassnotfalls gewaltsam und unter Inkaufnah- Justizvollzug und der Kieler Stadt- Steffen R. wohl falschliege. Der Kronzeu-me von schwersten Verletzungen bis hin verwaltung – den Hells Angels bei ihren ge hatte ausgesagt, für die Hilfe beimzum Tod ausgeschaltet“. Geschäften behilflich gewesen sein. In- Mord an dem Türken habe ein weiterer Aus dem Landeskriminalamt heißt es, nenminister Klaus Schlie ist entsetzt, Gefolgsmann ein eigenes Charter inbereits im Jahr 2008 hätte man gegen den „welche Anstrengungen die Rocker unter- Polen gründen dürfen.späteren Kopf der Bande Kadir P. vorge- nehmen, tief in staatliche Strukturen ein-Als die Rockerclique am 10. April 2010hen können – und müssen. Laut einem zudringen“. die neue Dependance mit einer großenLKA-Insider gab es bereits damals eineSchlie war der erste deutsche Minister, Sause feierte, war Tekin Biçer jedochVorlage für eine Verbotsverfügung, die der nach vielen Jahren mal wieder ein noch gar nicht verschwunden – das ge-aber in der Senats-Innenverwaltung hän- Verbotsverfahren einleitete, 2010 gegen schah erst 20 Tage später.genblieb. Bandidos und Hells Angels. Manche sei-An der Party nahmen auch zwei In Kreisen der Hells Angels wird be- ner Kollegen in den Bundesländern wa- Rocker teil, die sich heute gegenseitig derhauptet, ihnen sei seit Februar bekannt ren damals nicht erbaut vom Tatendrang Lüge bezichtigen: Steffen R. und Frankgewesen, dass der Senat eine Verbotsver- des ebenso bodenständigen wie furcht- Hanebuth.fügung vorbereite. Dass ihnen der Zeit- losen Holsteiners. Bei der Innenminister-MARKUS DEGGERICH, HUBERT GUDE,punkt der Razzia vergangene Woche ver- konferenz vorigen Donnerstag bemerkteANDREAS ULRICH60 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 46. Deutschlanddeshalb ein Elternteil nicht arbeiten ge-hen kann? Was also, wenn eine Grund-KINDERBETREUUNG schullehrerin zu Hause bleiben und sichBauen oder zahlenum ihren eigenen Sohn kümmern muss,statt die Kinder anderer zu unterrichten?Wenn eine Verkäuferin nur noch in denwenigen Stunden arbeiten kann, in denender Vater trotz Vollzeitjob auf die TochterDer Mangel an Kita-Plätzen dürfte für den Staat teuer werden: aufpasst? Verdienen die Eltern weniger, weil sie zu Hause In solchen Fällen müssen die Kommu-nen nach Ansicht von Thomas Meysen, bleiben müssen, können sie Schadensersatz verlangen. Fachlicher Leiter des Deutschen Institutsfür Jugendhilfe und Familienrecht, „Scha-D ie Mutter war früh genug dran, Plätze für Kinder unter drei Jahren zur densersatz aus Amtshaftung“ leisten –das dachte sie jedenfalls. DerVerfügung stehen“, konstatiert der Haupt- und der umfasse Einkommensverluste,zweite Geburtstag ihrer Tochter geschäftsführer des Deutschen Städtetagsdie auf fehlende Betreuungsmöglich-stand erst in einigen Monaten an, daStephan Articus. Und sein Kollege Gerdkeiten zurückzuführen seien. „Die An-schrieb die Frau der Mainzer Stadtver-Landsberg vom Deutschen Städte- und spruchsvoraussetzungen liegen vor“, sagtwaltung, dass sie für ihr Kind einen PlatzGemeindebund prophezeit: „Die Klagender promovierte Jurist.in einer Tagesstätte brauche. Mehrmalswerden sich gegen die Kommunen rich- Mit anderen Worten: Die Grundschul-hakte sie nach, immer vergebens.ten, und die Kommunen werden die Kla- lehrerin und die Verkäuferin können für Dabei ist das Gesetz in Rheinland-Pfalzgen verlieren.“ die Zeit, in der sie ihr Kind betreueneindeutig formuliert. Seit 2008 ist festge-Kommunalvertreter haben bisher vor mussten, ihren Verdienstausfall in Rech-schrieben, dass alle Zweijährigen in demallem Fälle wie jenen aus Mainz im Blick. nung stellen.Bundesland einen Anspruch auf „Erzie- Dabei geht es um, wie Juristen sagen,Die Kommunen stehen vor einem un-hung, Bildung und Betreuung im Kinder-„Aufwendungsersatz“ für die zusätzli- kalkulierbaren Risiko. Niemand weiß, ingarten“ haben. Ohne Wenn und Aber – chen Kosten, die Eltern bei privaten An-wie vielen Fällen und in welcher Höheund seit zwei Jahren sogar ohne Gebüh-bietern entstehen – also die Differenzsolcher Schadensersatz künftig verlangtren. Mehr als 500 neue Betreuungsplätze zwischen den Gebühren, die in einer wird. Sicheren Schutz vor Klagen bötehat allein die Landeshauptstadt seit 2009 staatlichen Krippe anfallen, und höherennur ein Angebot, das tatsächlich „be-geschaffen. Preisen auf dem freien Markt. darfsgerecht“ ist, so dass alle einen Platz Doch die Mainzer Mutter ging leer aus.Das würde für die Kommunen schon finden. Stattdessen werden wohl nochSie meldete ihr Kind schließlich in einer teuer genug, ist aber noch nicht alles. mehr Kita-Plätze fehlen als bislang an-privaten Einrichtung an. Die Kosten für Fachleute gehen davon aus, dass die An- genommen.die Privatbetreuung, knapp 400 Euro pro sprüche der Eltern weiter reichen. Was Die Bundesregierung rechnete zu-Monat, wollte sie von der Stadt ersetzt passiert, wenn die Eltern keine Betreuung nächst damit, dass etwa 750 000 Plätzehaben. Nach längerem Hin und Her er-finden, weder staatlich noch privat, undbenötigt würden. Doch in ihrem jüngstenhob sie Klage – und das Verwaltungsge-richt gab der Mutter vor wenigen Tagenweitgehend recht. Wenn eine Kommunekeine ausreichenden Kapazitäten bereit-halte, stelle dies eine „Pflichtverletzung“dar, für die sie geradestehen müsse. Das Urteil des Verwaltungsgerichts istnoch nicht rechtskräftig, aber es schürtdie Befürchtungen von Kämmerern auchin anderen Bundesländern. Im Sommerkommenden Jahres, am 1. August 2013,soll bundesweit eine ähnliche Regelungin Kraft treten: ein verbindlicher An-spruch auf Förderung in einer Kinder-tagesstätte oder bei einer Tagesmutterschon ab dem ersten Geburtstag. Vielerorts dürfte sich dies als leeres Ver-sprechen herausstellen, vermutlich werdenZehntausende Plätze fehlen. Bundesfami-lienministerin Kristina Schröder (CDU)präsentierte in der vergangenen Wocheein Zehn-Punkte-Programm, um bis zumStichtag ein „bedarfsgerechtes Angebot“zu schaffen. Doch die Nachfrage dürftegrößer sein. Die Folge: Zu den hohen Kos-ten für den Kita-Ausbau könnten beträcht-liche Zahlungen an Eltern kommen.MICHAEL LATZ / DAPD Es bestehe „eindeutig die Gefahr“, dassbis Sommer 2013 „nicht überall genügend* Bei einem Besuch im Stuttgarter Kinderhaus Bärchen-insel am 14. Februar 2011.Familienministerin Schröder*: Unkalkulierbares Risiko62D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 47. Zwischenbericht geht sie von einem hö-heren Bedarf aus. Sie erwartet nun, dass „Stümperei“für 42 Prozent der Einjährigen und für65 Prozent der Zweijährigen Betreuungs-plätze benötigt werden. Die Regierunghabe ihre Prognose um 30 000 Plätze er-höht, sagte Ministerin Schröder in derChristoph Matschie, 50 (SPD), Vize-Ministerpräsident undvergangenen Woche.Bildungsminister von Thüringen, über das Betreuungsgeld Selbst das ist womöglich nicht genug.Nach neuen Berechnungen der Dortmun-SPIEGEL: Glückwunsch, Matschie: Wie könnteder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfe-Herr Matschie, Thürin- ich? Die Bundesregie-statistik werden im August 2013 für die gen hat ein Betreuungs-rung ist dabei, die Ver-Betreuung der Kinder unter drei Jahrengeld schon vor sechs einbarkeit von Berufsogar etwa 80 000 Plätze mehr benötigt alsJahren eingeführt. Nun und Familie zu erschwe-ursprünglich geplant. folgt der Bund dem Er- ren. Sie mindert die Zu- Während die neuen Bundesländer gut furter Modell. kunftschancen unsererdastehen, hinken weite Teile des WestensMatschie: Ach wo, dieKinder. Die RechnungALEX KRAUS/LAIFhinterher. Vor allem in Nordrhein-West- Bundesregierung stiftetlautet offenbar: Wir ma-falen gebe es viele „Nachzügler“, hat das Chaos. Die Familienmi- chen ein paar MillionenDeutsche Jugendinstitut in Münchennisterin spricht von für das Betreuungsgeldermittelt: Bezirke, die nur eine geringeWahlfreiheit für Eltern. locker und drücken unsZahl an Plätzen anbieten und gleichwohl Für mich heißt das: Wer seine Kinder so vor Investitionen in Kindergärten.nur geringe Anstrengungen unternom- in die Kita schicken will, sollte dasDas ist eine zynische Politik.men haben, daran etwas zu ändern. tun können. In Thüringen haben wir SPIEGEL: Thüringen ist mit Kita-Plät- „Viel hängt von den Kommunalpoli-ausreichend Betreuungsmöglichkeitenzen gut versorgt. In anderen Bundes-tikern vor Ort ab“, sagt der Jugendinsti- geschaffen. Ein Großteil der Republikländern ist das Angebot bei weitemtut-Abteilungsleiter Bernhard Kalicki,ist davon noch weit entfernt.nicht ausreichend. Bundesfamilienmi-„und ob es Eltern gibt, die Druck ma- SPIEGEL: Wie kommt das Betreuungs- nisterin Schröder will nun mit einemchen.“geld – monatlich mindestens 150 Euro Zehn-Punkte-Plan gegensteuern. Dabei wird der Betreuungsbedarf in pro Kind – in Thüringen an?Matschie: Das ist schlimmste Stümpe-den Regionen stark unterschiedlich aus- Matschie: Das Betreuungsgeld wirdrei. Die Engpässe bei der Betreuungfallen. Ausgerechnet Großstädte und pro-vor allem von sozial schwachen Fami- waren absehbar, aber die Bundesre-sperierende Kommunen, von denen die lien in Anspruch genommen. Das gierung hat das Problem ignoriert.meisten über ein vergleichsweise großes führt dazu, dass Kinder, die professio-Wir brauchen mehr Kita-Plätze, undAngebot verfügen, werden wohl am här- nelle Betreuung dringend nötig hätten, wir brauchen mehr Erzieher. Um bei-testen von Klagen getroffen werden: weilzu Hause bleiben.des hat sich Frau Schröder bis heutehier viele Mütter berufstätig sind oder zu- SPIEGEL: Warum wollen Sie vorschrei- nicht gekümmert.mindest sein wollen – und weil beim „ge-ben, wie Eltern ihre Kinder erziehen?SPIEGEL: Die Kinderbetreuung ist Län-bildeten, hochqualifizierten Publikum die Matschie: Das tue ich nicht. Aber ichdersache.Klagebereitschaft höher sein dürfte“, wie wehre mich entschieden gegen das Be- Matschie: Aber die Länder müssenes Henriette Katzenstein vom Deutschentreuungsgeld, es setzt die falschen An-vom Bund besser unterstützt werden.Institut für Jugendhilfe und Familienrechtreize. Es hemmt viele Kinder in ihrerDie Bundesregierung hat für den 1.formuliert. Entwicklung. Und es lockt Eltern mit August 2013 einen Rechtsanspruch auf Selbst die Hoffnung, mit einer verstärk- niedrigen Einkommen in die Armuts- Betreuungsplätze geschaffen. Dannten Ausbildung von Tagesmüttern zusätz- falle, weil sie nach längerem Ausstieg muss sie diesen auch durchsetzen.liche Betreuungsangebote zu schaffennur schwer wieder Jobs bekommen. Stattdessen diskutiert Schwarz-Gelbund so die befürchtete Klagewelle abzu- SPIEGEL: Sind die Thüringer Kindergär- seit Monaten über das irrsinnige Be-schwächen, könnte trügen. Grundsätzlich ten verwaist, seit es das Betreuungs-treuungsgeld, das niemandem hilft.bestehe „Wahlfreiheit“ der Eltern zwi-geld gibt? SPIEGEL: Warum haben Sie das Betreu-schen Kindertagesstätte und Tagesmutter,Matschie: Nein. In Thüringen besucht ungsgeld in Thüringen nicht abge-sagt der Karlsruher Anwalt und Betreu-fast die Hälfte der Kinder unter dreischafft, wenn Sie es für einen Fehlerungsrechtsexperte Eckart Riehle. „WennJahren eine Kita. Das zeigt: Die Elternhalten?eine Mutter sagt, ich möchte bitte unbe-nehmen dieses Angebot gern an. Wir Matschie: Wir sind in einer Großendingt einen Kita-Platz, und sie bekommt haben bereits 2010 einen gesetzlichenKoalition – die CDU verhindert dasden nicht, dann könnte sie schon deswe- Anspruch auf täglich zehn Stundenbisher. Aber ein Blick auf den Haus-gen klagen.“professionelle Betreuung für jedes halt zeigt: Das Betreuungsgeld ist Im Mainzer Fall wird die Stadt vermut- Kind geschaffen. Und anders als derauch finanziell untragbar. Die Zu-lich in Berufung gehen, doch der Anwalt Bund sind wir in der Lage, diesem An-schüsse aus dem Solidarpakt sinken,der Mutter gibt sich siegessicher: „Wennspruch nachzukommen. In ThüringenThüringen kann in Zukunft wenigerdas keine Konsequenzen hätte, könntemuss niemand klagen, weil dem Kind Geld ausgeben. Wir müssen uns alsoder Gesetzgeber ja beliebig Rechte ein- ein Kita-Platz verwehrt wird.entscheiden. Entweder wir investierenführen, ohne eine Sanktionierung fürch- SPIEGEL: Thüringen zahlt 30 Millionenin eine moderne Familienpolitik undten zu müssen“, sagt Ulrich Mühl. Euro jährlich an Eltern, die ihre Kin- bauen unser Betreuungsangebot aus. Seine Mandantin hat mittlerweile er- der zu Hause betreuen. Diese Summe Oder wir verschwenden weiterhin Mil-reicht, was sie ursprünglich erreichenkönnten Sie sparen, sobald der Bundlionen für das Betreuungsgeld. Beideswollte. Kaum hatte der Prozess begonnen,sein Betreuungsgeld einführt. Sie soll-ist nicht zu haben.fand die Stadt einen Kita-Platz für die ten sich freuen.INTERVIEW: MAXIMILIAN POPPTochter.DIETMAR HIPP D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 63
  • 48. Szene Was war da los, Frau L’Oquenz?L’Oquenz, Musikerin aus Toronto,über eine königliche Party: „Ichhabe Prinz Charles die Basicsdes Plattenauflegens gezeigt.Seine Hauptaufgabe bestanddarin, einen Song zu mischen.Es war Elektromusik, ein Liedmit dem Namen ,Lick‘. Ich ar-beite für eine Organisation, dieJugendlichen beibringt, Turn-tables zu bedienen, und PrinzCharles hat uns auf einer Mes-se besucht. Er sah scharf ausin seinem Anzug, und er hatteeinen guten Style am Platten-spieler. Er hat mir auch gesagt,dass er Musik möge, aber lei-der kein Instrument spiele. Ersagte, er sei ein Disco-Fan. Ich ANWAR HUSSEIN / WIREIMAGEglaube, wenn wir ein wenigmehr Zeit gehabt hätten zuüben, hätte die königliche Ho-heit ihre eigene Party schmei-ßen können.“ L’Oquenz Warum tragen Männer Schlumpfmützen, Herr Roetzel?Der Stilkritiker Bernhard Roetzel, 45,SPIEGEL: Was sehen Männer, die sichSPIEGEL: Die Mütze von Sherlockschrieb die Modebibel „Dersolche Mützen aufsetzen, wenn sie in Holmes?Gentleman“. Nun erklärt er, was den Spiegel schauen? Roetzel: Engländer nennen diese Mützeauf Deutschlands Köpfen los ist.Roetzel: Peter Mustermann sieht wahr-„Deerstalker“. Wird meist bei derscheinlich Ashton Kutcher. Ich glaube, Jagd getragen.SPIEGEL: Hat der deutsche SängerKutcher hat diesen Trend gesetzt.SPIEGEL: Wann darf ein Mann eineRoman Lob nur den achten Platz in Aber Mode ist ja immer ein wenig Roman-Lob-Mütze tragen?Baku gemacht, weil er diese Mütze seltsam. Plötzlich finden Menschen Roetzel: In der Freizeit. Wenn jungetrug? das toll, was sie vorher blöd fanden.Leute Flipflops, Tanktop und ShortsRoetzel: Ich habe mich auch gewun-Und dann setzen sie sich eben auch anhaben, können sie auch diesedert, was das auf seinem Kopf war. Es solche Teewärmer auf den Kopf. Schlumpfmützen aufsetzen.sah ein wenig aus wie eine Feinripp-SPIEGEL: Es gibt auch andere MännerSPIEGEL: Gibt es eine stilvollere Mög-Unterhose. Ich glaube aber, seine Plat- mit seltsamen Kopfbedeckungen alslichkeit, sein Haupt zu bedecken?zierung lag eher an der Musik.Markenzeichen. Wie finden SieRoetzel: Ich habe eine umfangreicheSPIEGEL: Wieso tragen Männerden Hut von Udo Linden-Hutsammlung. Filzhut zum Anzug,solche Mützen, wenn es garberg?eine Baskenmütze auf Reisen. Ichnicht kalt ist? Roetzel: Lindenberg ist einhabe auch einen Bowler, aber denRoetzel: Ich bin heute Morgen Altrocker, das passt.setze ich nur für mich zu Hause auf.S-Bahn gefahren und habe ei-SPIEGEL: Die Hüte von ErichDamit traue ich mich nicht vor die Tür.nen Mann gesehen, der kurze Honecker?SPIEGEL: Wenn ein 18-jähriger JungeHosen und eine Mütze trug.Roetzel: Honecker trug imsich eine Schlumpfmütze wünscht,Ich wollte ihn erst fragen, was Sommer einen Kunstpanama-was soll man ihm sagen?HARALD TITTEL / DAPDdas soll. Ich meine, beobach- hut, der war zwar nicht ausRoetzel: Wer 18 ist, darf machen, wastet zu haben, dass bei diesem Panamapalme, aber maner will. Da können Sie nur vorleben,Trend auch wichtig ist, die musste an Lateinamerikawie es schöner wäre. Meine KinderMütze weit nach hinten zu denken – somit an Kuba, undsind zwei und drei Jahre alt. Sie tra-schieben, wie ein Rastamann. Sänger Lob das hat dann auch gepasst. gen Hut.66D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 49. Gesellschaft Der letzte SchlagEINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Ein Südafrikaner zieht wegen eines Straßenschadens vor Gericht.Drei Stunden lang saß er neben sei- gien. Sein Forschungsgebiet ist die Spra-der Stadt Klerksdorp, waren noch malnem Auto mit den zerfetzten Rei- che Afrikaans, die aus dem Dialekt der anderthalb Stunden vergangen. Die Män-fen, wartete auf Hilfe, mehr als niederländischen Siedler entstand, die imner in der Werkstatt zogen neue Reifen500 Kilometer lagen noch vor ihm, über 17. Jahrhundert in den Süden Afrikas auf und rieten Carstens davon ab, nochder Landstraße wurde es hell. Wannie kamen. Er wirbt auf der ganzen Welt fürweit zu fahren. Das Fahrgestell könnteCarstens konnte nun deutlich erkennen, die Sprache, deren Ruf noch darunter etwas abbekommen haben.was ihn aufgehalten hatte.leidet, dass sie auch die Sprache desWannie Carstens rief seine Schwester Er sah ein Schlagloch, mehr als andert- Regimes der Rassentrennung war. Apart- an, in ihrem Haus wollten sie späterhalb Meter lang, einen Krater im grauen heid ist ein Wort aus dem Afrikaans. Cars-gemeinsam essen. Wannies Bruder warAsphalt, mit zackigen Rändern.tens hat in der Stadt Gent in Belgien ge- schon bei ihr, er war 900 Kilometer weit Zwei Monate ist das her, Cars-gefahren, allerdings die ganzetens ist längst wieder zu Hause, Strecke bei Tageslicht. Die Ge-sein Auto repariert, aber dasschwister wollten eine kleine,Schlagloch beschäftigt ihn immer persönliche Feier für ihre Mutter,noch. An dem Schlagloch kann einen Gottesdienst, das Essen,er erklären, was in seinem Land, und Wannie, der Älteste von ih-Südafrika, schiefläuft. Möglicher- nen, sollte eine Rede halten.weise geht von dem Schlagloch Er würde es nicht schaffen,sogar eine kleine Protestbewe- sagte er seiner Schwester. Wie-gung aus, bei Carstens haben der nicht. Drei Tage zuvor warsich schon einige Leute gemeldet,die Mutter gestorben. Sie war 79die sich ihm anschließen wollen. Jahre alt und seit einer Weile an Er hat wegen des SchlaglochsKrebs erkrankt. Als es ihr plötz-einen Anwalt beauftragt, der be- lich schlechter ging, war Carstensreitet eine Klage gegen die Re-auf einer Reise und konnte nichtgierung der Nordwestprovinzschnell genug zu ihr.vor. Dort lebt Carstens, dort ge- „Jeder verdient doch eine Ge-schah der Unfall, gegen sechslegenheit, sich von einem gelieb-Uhr am Morgen des 24. März, Carstens ten Menschen zu verabschieden“,auf der R 507, etwa 15 Kilometer sagt er, man hört ihn schluchzenhinter dem Ort Ottosdal. am Telefon. Die Regierung hat Carstens war auf dem Weg zurihn um seinen Abschied ge-Trauerfeier für seine Mutter. Ne-bracht, weil sie dieses Schlaglochben ihm saß seine Frau Wilma,nicht hat reparieren lassen. Sosie waren seit zwei Stunden un-sieht er die Sache inzwischen.terwegs, es war noch dunkel. Carstens hat einen Teil seiner Eigentlich fahre er nicht gernTrauer in Wut verwandelt.nachts, sagt Carstens. Er leitetAus der „Süddeutschen Zeitung“Seine Frau und seine Kinderdie Sprachfakultät der Northwest haben versucht, ihn von derUniversity in der Stadt Potchef- Klage abzuhalten. Aber es ist dasstroom, am Telefon meldet er Letzte, was Carstens noch fürsich mit „Professor Wannie“. Er ist 60 holfen, eine Sammlung von Gedichtbän-seine Mutter tun kann. Falls er gewinnt,Jahre alt, seine Stimme klingt freundlich, den in Afrikaans aufzubauen. will er das bekannt machen, ständig ver-man will ihm glauben, wenn er sagt, dass Er fühlt sich Europa nah, sprachlich,unglücken Menschen wegen der kaputtener sonst ein positiv gestimmter Mensch auch kulturell. Aber er liebe auch Süd-Straßen, niemand solle das mehr hinneh-sei, keiner, der dauernd Ärger suche. afrika, sagt er. Verrät er sein Land, wennmen müssen, sagt er. An diesem Tag musste er nachts los, er sich in ihm glatte Straßen wie inCarstens will 4500 Rand, etwa 430seine Mutter hatte in Upington gelebt, Europa wünscht? Er zahle doch Steuern, Euro, für die Reparaturen am Auto undmehr als 650 Kilometer von Potchef- er sei doch ein guter Staatsbürger, sagtSchmerzensgeld für seinen emotionalenstroom entfernt. Die Trauerfeier war er. Er habe doch als Hochschullehrer und Schaden, er muss jetzt zum Psychologen,nachmittags um drei. Carstens rechnete Forscher viel für sein Land getan. sich begutachten lassen.mit acht Stunden für die Fahrt und schlugDas Schlagloch zerriss beide Reifen auf Am vergangenen Wochenende ist ernoch drei Stunden drauf, er nahm den der linken Seite, Carstens brachte das noch einmal zu der Unfallstelle gefahren,großen Wagen, seinen Mercedes C200, Auto zum Stehen, seiner Frau und ihmauf die R 507, hinter Ottosdal. Er wolltenicht das kleine Auto seiner Frau.war zum Glück nichts passiert. Er rief sei- das Schlagloch fotografieren, für seine„Es reist sich hier leider nicht wie in ne Versicherung an, dann wartete er.Unterlagen und die Klage. Als er ausstieg,Europa“, sagt er. In Europa ist er oft, vorNach drei Stunden kam der Abschlepp- sah er es nicht mehr. Die Straße war frischallem in den Niederlanden und in Bel- wagen. Bis sie in der Werkstatt waren, in geteert. WIEBKE HOLLERSEN D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 267
  • 50. GesellschaftXAVIER LAMBOURS / LAIF / DER SPIEGEL Constantin-Film-Boss Moszkowicz, Schauspielerin Diane Kruger in Cannes: Wenn die Palme verliehen wird, ist das Geschäft längst vorbei undFILMINDUSTRIEHarvey will Tarzan kaufenIn der Unterwelt von Cannes läuft der echte Film, dort dealen die Produzentenund Händler und bestimmen, was in die Kinos der Welt kommt – wenn ihnen Piraten nicht das Milliardengeschäft kaputtmachen. Von Alexander Smoltczyk Nach dem Abspann gehen sie nochMeine Güte. Und? Gehen wir noch wasschlechten Film. Mit einem Unterschied.raus vors Kino, blinzeln in die trinken?“Der Mann auf der Vespa hat gerade nichtSonne. „Ich fass es nicht, das war Drei Leute vor dem Kino „Olympia“ inein paar Euro für den Film bezahlt. komplett Achtziger, Action wie bei Don Cannes. Der eine, ein Lockenkopf mit der Sondern ein paar Millionen Euro. Siegel.“ – „Ein paar gute Ideen gab’sStatur eines Wagner-Helden, kramt denGefallen hat er ihm trotzdem nicht. schon, aber die hätte man weiter-Mopedhelm aus dem Sitz seiner VespaMartin Moszkowicz knattert los. „Das ist drehen müssen. Ich mag Ballerfilme so- und zwängt sich hinter den Lenker: „Kann eben Kino“, hat er gesagt. „Du weißt wieso nicht.“ – „Wie kann man Sylves-nicht, muss weiter.“ Eine sehr gewöhnli- nicht genau, was kommt.“ Was natürlich ter Stallone heute noch so zeigen? che Szene, vor dem Kino, nach einemgelogen ist. Wenn jemand weiß, was 68 D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 51. ALBERTO PIZZOLI / AFPdie eigentlichen Akteure sind schon wieder abgereistnächsten Sommer in Deutschlands Kinostrennt. Es heißt, wer diese 24 Stufen im den-Dollar-Geschäft um Rechte an Fil-kommt, dann ist es Martin Moszkowicz.Blitzgewitter der Fotografen einmal em-men und Stoffen.Das Filmfestival von Cannes gibt esporgeschritten ist, der sei aufgenommen Mit weniger Pailletten und Lipgloss alsseit 66 Jahren. Immer Ende Mai verdrei-in den Olymp des Kinos.in der Oberwelt, aber voller Illusionen,facht sich die Bevölkerungszahl des Städt-Wie jedes Jahr lagern gegenüber die Freundschaft und frecher Lüge, voll Bluffchens, und in der Marina liegen engver-Unbedingten, die Salafisten des Kino-und Traum und tragischem Irrtum, mittäut die Superyachten, am Heck einschlä- kults, die Fans und Groupies. Zu Dutzen- absurden Plots, oft unmöglichen Beset-gig exotische Namen, „St. George – den haben sie ihre Alu-Leitern in Position zungen und, irgendwo verborgen, sehrCayman“, „Kingstown“, „Isle of Man“. gebracht, wachen nächtelang davor, umviel Geld. Großes Kino eben.Dann promenieren auf der Croisette den besten Blick auf Brad und IsabelleUnd deswegen ist Martin Moszkowiczhendlbraune Ruheständler in Tennis-zu erwischen und die anderen Ikonen deshier. Er ist im Vorstand von Constantinshorts, baumlange Verwaltungsfachfrau- Tapis rouge. Film für Film und Fernsehen zuständig.en mit Bollywood-Taillen, echte Huren Aber es gibt eine Welt jenseits des Tep-Er sagt: „Ich kenne Leute, die seit 30 Jah-auf falschen Louboutins und falsche aufpichs, unerreichbar für die meisten Festi- ren nach Cannes kommen und noch nieechten. Es ist ein ungeniertes Gewimmel, val-Besucher. Unter den Treppen deseinen Film gesehen haben. Hi Bruno, nicewo jeder fröhlich zeigt, was er zu zeigenFestspielgebäudes liegen die Katakombento see you ...“ – und begrüßt einen fal-hat: Hubraumgröße oder Körbchenmaße, des Palastes, eine luft- und lichtlose Welt, tenlosen Chinesen, der an einem der vor-Schweizer Uhren, Cineasten-Augenringe, wo Gestalten auf dem Boden kauern, die deren Tische des Eden Roc sitzt. Das istTrophy-Ladys. Alles geht, und jedermannGesichter matt von ihren iPads beschie-Bruno Wu, ein Medientitan, der geradehier steht für die zwölf Festival-Tage un- nen, neben sich die Bibel von Cannes,dabei ist, Hollywood aufzukaufen.term Generalverdacht der Wichtigkeit.den 1140-seitigen Katalog aller Klein- undDas Eden Roc ist die VIP-Lounge inAls Allerheiligstes von Cannes gilt derKleinstproduzenten, -verleiher, -techni- diesem Markt des Films, dem Festspiel-rote Teppich vor dem Festspielgebäude, ker und Subsubhändler. Hier beginnt diegebäude weit vorgelagert auf einem Fel-ein 60 Meter langes Stück Nadelflor- Gegenwelt des Marché du Film, der Film-sen außerhalb der Stadt. Hier sitzen sie,Spannware, das Glamour von Versagern markt. Grob geschätzt ein Vier-Milliar-die wirklich Reichen, hier sind die Frauen D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 269
  • 52. Gesellschaftunmenschlich schön, jedes Pigment sitzt schäft mit Risikostaffelung wie auf denausbleibt. Das erklärt, weshalb Filmbossewie mit Photoshop gezeichnet, jede Be-Finanzmärkten ...“ Sein BlackBerry regtalles tun, das Risiko zu verteilen.wegung erfolgt mit einer Nonchalance, sich, es scheint wichtig zu sein. „Harvey Um einen Film zu finanzieren, werdenwie sie nur strengste Selektion hervor- will Tarzan kaufen“, sagt Moszkowicz die Aufführungs-, DVD-, Fernsehrechtebringt. Moszkowicz bestellt das Lamm. dann, steckt das Handy weg und vertieftnach Territorien verkauft. Für die Rechte Es ist sein 35. Cannes. Das erste Malsich wieder in sein Lamm.in Deutschland muss man gut zehn Pro-war kurz vor dem Abi. Er schlief mit„Tarzan“ ist das, was derzeit in den Ba- zent der Produktionskosten übernehmen,Kumpels im Auto. Es war das Jahr vonvaria-Studios produziert wird. ConstantinFrankreich ist billiger, LateinamerikaMartin Scorseses „Taxi Driver“, und von Film hatte zufällig erfahren, dass Film- ganz billig. Es ist eine Art Vorverkauf,Wim Wenders lief „Im Laufe der Zeit“rechte am Tarzan-Stoff frei seien. Jetzt um den Markt besser abzuschöpfen. „Ter-im Wettbewerb. Seine Schulzeit hatteschwingen in München Stuntmen an Ka- ritorialisierung ist das Kernstück der Film-Moszkowicz großteils in der Cinemathekbeln herum, mit Sensoren, Armverlänge- finanzierung.“des Münchner Stadtmuseums verbracht.rungen und gewaltigen Gorilla-Hintern Verleihfirma und Produzent oderCannes war wie – Cannes. Wie der ersteausgestattet.Zwischenhändler unterschreiben ein ein-Sex, aber in Breitwand und Technicolor. „Harvey“ sitzt derzeit auf der Terrasseseitiges „Deal Memo“, in dem eine un- Von da an kam er jedes Jahr hierher. des Eden Roc, trägt sein schäbiges schwar- gefähre Beschreibung des Films steht, ne-Irgendwann, als Kleinproduzent, dann zu-zes Sweatshirt und ist Harvey Weinstein, ben der Lizenzart und -dauer und densammen mit Bernd Eichinger und dessen einer der mächtigen Studiobosse derKonditionen. Bei internationalen Produk-Firma Neue Constantin Film. 1982 hatteUSA. Ein Gewächs aus Queens mit dentionen wird etwa die Hälfte der KostenMoszkowicz im Palais eine Erscheinung:vollendeten Umgangsformen eines Gentle-durch Lizenzen aufgebracht. Der Rest durch Kredite und staatliche Produktions- hilfen.Mit dem Memo kann sich der Verleiher Geld bei der Bank leihen, um die Lizenz zu bezahlen. Und er kann die Rechte wei- terverkaufen. Für den Fall, dass die Hauptdarstellerin und/oder der ganze Film stirbt, gibt es Versicherungen, „Com- pletion Bonds“. Bald geht es nur noch darum, den Film fertigzustellen und die Beteiligten bei Laune zu halten, bis zu dem Tag, an welchem sie im Kino Olym- pia sitzen und erstmals präsentiert be- kommen, wofür sie ein paar Millionen Euro im Vorverkauf bezahlt haben.Film ist ein Geschäft mit Futures, wie man es von den Finanzmärkten kennt und fürchtet. Und die Akteure haben ähn-XAVIER LAMBOURS / LAIF / DER SPIEGEL lich blanke Nerven.Zwischen dem Fußvolk in den Kata- komben und den Herren des Dschungels im Eden Roc erstreckt sich eine Mixed Zone, markiert von der Lounge des Ho- tels Majestic, dem Grand und der Terrasse des Carlton. Hier haben die großen Ver- leiher, Rechtehändler, ProduktionsfirmenMogul Weinstein: Wer blinzelt, hat verlorenihre Logos aus dem Fenster gehängt.Der Großteil des weltweiten Film-„‚E. T‘., ich habe erlebt, dass man Leute man oder eines Berggorillas, je nachdem. geschäfts läuft hier, die wichtigsten Dealsin 90 Minuten glücklich machen kann.“ „Der einzige Mensch, gegenüber dem ich werden in den ersten Tagen des FestivalsHeute, mit 54 Jahren, ist er einer der je handgreiflich geworden bin“, sagtgemacht. Wenn die Goldene Palme ver-Mächtigen im deutschen Filmgeschäft. Moszkowicz. Aber das ist eine alte, längstgeben wird, sind die Lizenzhändler, Pro-Projekte unter fünf Millionen kann er vergessene Geschichte. Es ging wohl dar- ducer, Verleiher, Käufer und Zwischen-ohne Rücksprache abnicken. um, dass Weinstein „Das Geisterhaus“händler längst abgereist. Sie können auch „Im Grunde ist der Markt hier reine dann doch nicht wollte und für die Rechte ohne das Bling-Bling von L’Oréal undFiktion, Pre-Sale, Vorverkauf“, sagt Mosz- auch nichts mehr zahlen wollte. Swarovski. Umgekehrt nicht.kowicz. „Von praktisch keinem Film, derAber Weinstein hat einen Riecher für Im 30-Minuten-Rhythmus ihrer Out-in Cannes gehandelt wird, ist bis jetzt Erfolg. Er hat „Pulp Fiction“, „Der engli- look-Kalender werden die „Sales Di-auch nur ein Meter gedreht worden.“sche Patient“, „The King’s Speech“ ge-rectors“ und „Heads of Acquisitions“ von Am Nebentisch sitzen wie frisch ver- wittert. Wenn er die US-Lizenz für „Tar- Termin zu Termin getrieben, unterm Armliebt Arielle Dombasle, die Actrice, und zan“ kauft, wird 2013 kein Unglücksjahr die Extraausgaben des „Hollywood Re-ihr Gatte, der Philosoph Bernard-Henri für Constantin. porter“ und „Screen“, wo kryptischeLévy. Sie essen Obstsalat, und die Pla-Harvey sitzt unten auf der Terrasse des Marktmeldungen stehen à la „Woo bringtteau-Schuhe der Dombasle sind fast so Eden Roc und schaut über die Bucht. Er Biest-Nachmache nach Hause“.schwindelerregend wie die These von macht nicht viele Worte: „Ich will mit dirJeder will wissen, was der andere imLévys Festival-Beitrag: Ihm allein sei der an der Liane schwingen, Martin.“Rohr hat. Da werden HochglanzmappenNato-Einsatz in Libyen zu verdanken. Film ist etwas, das über Jahre vorbe- verteilt und wild zusammengeklebte „Es geht nur um Lizenzen“, fährt Mosz- reitet wird, um eventuell an einem Wo- „Teaser“-Filme, die „einen Eindruck ge-kowicz fort, „eigentlich ein Futures-Ge- chenende zu scheitern, wenn der Hypeben“ sollen und an denen oft nichts rea-70D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 53. listisch ist außer den Rechnungen, die sein Partner Gerhard Meixner sind über- Zeichen von Schwäche – nacheinanderschon aufgelaufen sind. nächtigt, ausgelaugt vom 18-Stunden-Tag und jedes Mal aufblickend die Liste der Es ist ein Jagen, Lauern, Locken um aus Kontaktemachen und Werben, Erklä- Schauspieler herunterzulesen. Es sind be-Rechte und Ideen, ein meist vergebliches ren, Imagebauen. „Der Markt ist ein kannte Namen darunter. Bühler ist nichtWittern nach dem Hype der Saison, ein Speed-Dating, aber auf Marathonstre- überzeugt: „Der hier, der ist ein Ein-Trick-Umeinanderkreisen auf kleinstem Raum, cke“, sagt Roman Paul. „Nicht vier Tage, Zirkuspony ... Okay, solange er seinendessen Beteiligte sich oft seit Jahrzehnten wie bei der Frankfurter Buchmesse, son- Oberkörper nicht frei macht ... Habt ihrkennen wie das Personal einer Daily dern zehn.“ Und wer klein ist, geht über den tatsächlich gebucht? Ich hörte, derSoap. All dies in einer rauen Umwelt, wo die volle Distanz. dreht mit Stephen.“der Espresso zehn Euro kostet und die Es ist ein fortwährendes Suchen und „Pitching“ nennt man es. Darum geht1000-Dollar-Zimmer zehn Tage im Voraus Sichten. Der Drehbuchschreiber sucht es, 16 Stunden am Tag. Das eigene Pro-zu bezahlen sind. Constantin lässt sich den Produzenten, der Produzent sucht jekt so unwiderstehlich zu machen wieCannes 100 000 Euro kosten. den Lizenzkäufer, der sucht nach Verlei- die Starlets auf dem Teppich. Und das Couchecken werden zu Büros, Café- hern, Förderern, Pre-Sales-Partnern, In- Projekt der anderen nach allen Regelnhaus- zu Konferenztischchen, ein iPad vestmentfonds, Festival-Zusagen, und alle der Kunst zu dekonstruieren: Drehbuch,und ein BlackBerry genügen, um Fea- haben ihren Blick im Scanning-Modus.Besetzung, Regie, Drehort, Zielgruppe,turettes zu zeigen, und hinter all denIm Kinofilm würde man jetzt in eine Lizenztauglichkeit.Luftküssen ist deutlich das Klingeln von Hotelsuite des Grand Hotel hineinzoo-„Thank you, boys, wir sehen uns.“ Sa-Kinokassen zu hören. Ein aufgeschnapp- men, wo Sasha Bühler, die Chefeinkäu- sha Bühler verschwindet zum nächstentes „400“ bedeutet im Zweifelsfall ferin von Constantin, gerade ihren achten Termin.400 000 Dollar für irgendwelche Rechte. Es gibt nur eine Handvoll europäischerProduzenten, die auf dem internationalenMarkt Erfolg haben, wie Pathé in Frank-reich, Medusa in Italien, Senator undConstantin Film in Deutschland. Constantin Film ist Produktionsfirmaund Verleih zugleich. Moszkowiczbraucht ungefähr alle zwei Wochen einenneuen Film: „Zehn bis zwölf davon pro-duzieren wir selbst, davon zwei für deninternationalen Markt. Den Rest kaufenwir, das meiste in Cannes.“ Seine neue Tochterfirma „MisterSmith“ hat eine Suite gemietet, kunst-samtbezogene Werbeboxen aufstellen las-sen und ist das ganze Festival über damitbeschäftigt, „3096 Tage“ zu verkaufen, XAVIER LAMBOURS / LAIF / DER SPIEGELeinen Film über die Gefangenschaft derNatascha Kampusch. Und die erste Folgevon „Die Chroniken der Unterwelt“, ei-nem Fantasythriller, der die Teenager imnächsten Jahr umtreiben soll. Nur mit dem richtigen Zugangsumhän-ger sind die Hotels entlang der Croisettein diesen Tagen zu erreichen. Aber ein-mal angekommen auf diesem Archipel, Kleinproduzenten Paul, Meixner im Palais des Festivals: „Der Markt ist ein Speed-Dating“genügt es, sich in eines der aufgeblasenenPlastiksofas vorm Grand Hotel zu setzen, Termin des Tages hat. Drei Wochen vor-Es war im Mai ’68, als ein Kommandoum die großen Fische vorbeischwimmen her hat sie die Drehbücher bekommen, revolutionärer Regisseure – darunterzu sehen. Da sitzt David Cronenberg. lesen lassen und sich eine „Tracking“-Lis- künftige Klassiker wie Truffaut, Polanski,Dort drüben, ein Mann mit Skilehrer- te von 50, 60 Projekten zusammengestellt. Lelouch und Godard – das Festival-Palaisgesicht, der jetzt wieder allgemein hofiert Darunter die „Musst-du-haben“ und die enterte und aus Solidarität mit den Stu-wird, seit er mit „Ziemlich beste Freunde“ „Wäre-gut-zu-haben“. denten und Arbeitern den Abbruch desseine Kasse aufgefüllt hat, und weiter hin- Pathé hat eine Art „Rocky“ im Ange- Spektakels durchsetzte. Inzwischen gibtten flirtet ein älterer Herr mit dem Aus- bot, nur angesiedelt im Springreiter- es für ästhetische und soziale Anliegensehen eines Revival-Rockstars: „Das ist milieu. Das läuft nicht. Dafür ist die neue eine feste Programmnische, und Rebel-Bob“, sagt jemand. „270 Filme. Zwei Cha- Komödie mit Sophie Marceau besser als lion wird nur noch als Klamauk simuliert,galls im Wohnzimmer. Ohne den hätte es gedacht: „Dranbleiben“, hat Bühler sich wenn Sacha Baron Cohen mit seinen Ka-,Herr der Ringe‘ nicht gegeben.“notiert. Der jungen Frau gegenüber sitzen laschnikow-Amazonen auf einem Kamel Es ist unmöglich, im Majestic oder drei Herren eines britischen Lizenzhänd- über die Croisette reitet.Grand einen Flur zu überqueren, ohne lers, die ihr ein Filmprojekt verkaufen Es sind andere Kommandos, die denmindestens eine Filmmusik und drei wollen, die aber nicht wissen, dass auch Betrieb ernsthaft stören. Es sind die Frei-Scripts aufgedrängt zu bekommen. „Mich Sasha Bühler längst weiß: Die Finanzie- beuter der Download-Portale und Tausch-hat mal jemand auf dem Klo angespro- rung dieses „handschweißtreibenden börsen. Denn die Studenten und Arbeiterchen: Hey, I’ve got a cool project.“Thrillers mit Blockbuster-Potential“ ist haben längst die Macht übernommen. Sie Das sagt Roman Paul von Razor Film, keineswegs gesichert.praktizieren den Kino-Kommunismuseiner unabhängigen Produktionsfirma „Wir haben eine You’ll-love-it-Beset- und laden sich herunter, was sie brauchen.aus Berlin. Es ist sein 15. Cannes. Er und zung“, sagt der eine und beginnt – erstes „Wir müssen etwa zehn Prozent auf dieD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 271
  • 54. Gesellschaftmehr ein guter Trailer. Es muss ein Hypeim Netz aufgebaut werden, mit einer Fol-ge von Trailern und Fangruppen, die aufMachinima.com eigene Filme zu demFilm produzieren, bevor der ins Kinokommt. „Panem“ ist das Vorbild. „Die Leute müssen einen Film schonmögen, bevor sie ins Kino gehen. Aberwenn sie dann reingehen, muss der Filmsie auch noch überraschen.“ In den USAsind die Kosten für Kopien und Werbungoft so hoch wie die der ganzen Produktion. Umso wichtiger, Leute zu finden, dieeinem die Last abnehmen. Auch wennsie schäbige schwarze Sweatshirts tragen. „Tarzan“-Produzent Robert Kulzersteht im Olympia-Kino, vor sich einen de-monstrativ gelangweilten Harvey Wein-stein, umgeben von seinem Hofstaat.„Der Film spielt in der Gegenwart. Na-türlich in 3-D. Wir haben Tarzan als 19- VENTURELLI / WIREIMAGEJährigen genommen. Sein Körper ist ab-solut realistisch, sein Gesicht nicht, wegendes uncanny valley ...“ Aus den Tiefen der Sitze kommt einwissendes Grunzen. „Uncanny valley“ istSatiriker Cohen bei Werbeaktion in Cannes: Die Rebellen verbergen sich im Netzein Begriff aus der Wahrnehmungspsy-chologie: Wenn eine animierte Figur zuProduktionskosten für Piratenabwehr zu- Moszkowicz fühlt sich da sehr müderealistisch ist, identifiziert sich der Zu-schlagen. Netzbeobachtung, Anwälte et und verspricht ein Treffen in Shanghai. schauer nicht mehr mit ihr. Das war Spiel-cetera“, sagt David Garrett von Mister„Wir haben hier Paradiesvögel“, sagtbergs Problem bei „Tim und Struppi“.Smith Entertainment. Er findet das nicht er, „die Leuten mit zu viel Geld von ir-Weinstein lässt den Trailer regungsloslustig. Der Branche sei es gelungen, die gendwelchen Filmprojekten erzählen, dieüber sich ergehen. „Thanks“, sagt er undLecks während der Herstellung zu stop- reine Phantasie sind“, sagt Moszkowicz.verschwindet. Nur keine Begeisterung. Esfen, per „Wasserzeichen“ und sicheren Manche dieser Projekte zirkulieren schonist das übliche Spiel: Wer zuerst blinzelt,Datenleitungen. Aber der unentgeltliche seit Jahren durch den Markt. „Und es gibt hat verloren. Harvey kennt das GesetzTausch von DVDs im Netz ist als Ge- Leute, wir nennen sie die Barzahler, diedes Dschungels. Er will die US-Rechte ha-schäftsmodell ziemlich unschlagbar. versenken 300 000 in ein Projekt, nur umben. Er blinzelt nicht. Es trifft auch die kleinen. Die Leute sagen zu können: Ich bin beim Film.“Alles nur Kino. „Für Harvey ist ein Ver-von Razor Film entdeckten ihren „WaltzKino ist sexy, jedenfalls verglichen mittrag nur der Beginn des Verhandelns“,with Bashir“-Film neulich in voller Länge der Produktion von Dichtungsringen. sagt Moszkowicz, als er wieder vor demauf YouTube. Jeder nicht bezahlte Down- Olympia steht. Diesmal unter einemload bremst jetzt die Finanzierung ihresSchirm, es regnet seit Tagen. „Er will vorneuen Films über ein Mädchen in Saudi- Manche Projekteallem seine Finger überall drinhaben.“Arabien, das Rad fahren möchte.in Cannes sind reineEs sei in diesem Jahr kein Mammut-„Es würde schon reichen, Warnhinwei-markt gewesen, sagt er und meint damit,se nach dem Downloaden zu verschicken, Phantasie. Das ist dass seine Constantin nur gut 50 Millio-wie in Frankreich. Drei Warnungen und nen Euro umgesetzt hat. Nicht 100 wiedann Internetsperre“, sagt Moszkowicz. vielleicht auch besser so. im Jahr zuvor. Moszkowicz hat dafür ge-„Aber die Telekom stellt sich taub, und sorgt, dass in den deutschen Kinos imdie Politik fürchtet, dass sie es sich mitEin hagerer, fast kahler Mann tigertSommer nächsten Jahres „Scary Movieder Jugend verderben könnte.“ durchs Gedränge vor dem Grand Hotel V“ und „Die Chroniken der Unterwelt“ Er erhebt sich mühsam – Sportunfall und sagt: „Filme sind immer schlechter laufen werden, weltweit die Geschichtebeim Joggen – und geht zum Goeland- als das Drehbuch. Aber in jedem schlech-der Natascha Kampusch und in den USAGebäude, wo auf der Terrasse im 6. Stock ten Film, der erfolgreich ist, steckt ein gu-ein deutscher „Tarzan“ in 3-D.schon ein Chinese mit einer erloschenen ter Film. Die Leute wollen keine schlech-Nachher kommen noch seine Vor-Cohiba in den Kinderhänden auf einem ten Filme sehen.“ Das ist Herman Weigel, standskollegen, dann Kulturstaatsminis-Fünf-Euro-Campingstuhl sitzt, um Mosz- der Mann, der von sich sagt, er sei derter Bernd Neumann, und Harvey musskowicz ein Angebot zu machen. Der „Chefideologe der Constantin Film“. Sei-auch noch angerufen werden. Moszko-Mann trägt Gaultier und ist James Wang, ne Kollegen nennen ihn „Dr. No“.wicz zählt die Tage, bis das alles hierder zusammen mit seinem Bruder Denis„Ich habe einen schlechten Ge-vorüber ist. Die falschen „Muss-man-ha-einen Großteil von Chinas Kinogeschäft schmack“, sagt Weigel von sich. „Aberben“ und die verpassten Kinoknüller auskontrolliert. „James ist interessiert, sich der ist super.“ Außerdem hat er den ku- Nordfrankreich. Dieser Mahlstrom deran ihrem Weltvertrieb Mister Smith zu riosen Grundsatz, jeden Film zu Ende zu Wichtigen, Schönen, Klugen und Nicht-beteiligen“, lässt James einen gepiercten schauen. Er ist jetzt 62 Jahre alt. Vermut- blinzler. „Das Absurde ist“, sagt er, „dassDolmetscher sagen, obwohl er hervorra- lich hat niemand in Cannes mehr Filme90 Prozent all dieser so unglaublichgend Englisch spricht. „James schlägt vor, gesehen als Herman Weigel. wichtigen und phantastischen Filme nie-einen Film über chinesische MythologieEr sagt, es sei schwerer geworden, Leu- mals gemacht werden.“ Es klingt wiezu produzieren.“te ins Kino zu bringen. Da reicht nicht Erleichterung.72 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 55. Gesellschaft EISENACH Der Pirat ORTSTERMIN: In Eisenach zeigt sich die Deutsche Burschenschaft als rechtsextremer Haufen.Friedrich Engelke sieht nervös aus. hoeffer, evangelischer Theologe und Wi-mus an Autofähnchen, bunte PerückenEr hat viel nachgedacht in den ver- derstandskämpfer, war kurz vor dem Ende und Fanmeilen, die bei Özil-Toren aus-gangenen Wochen. Wenn sein Plan des Zweiten Weltkriegs nach einem SS- flippen. Man hat nicht das Gefühl, dassheute funktioniert, könnte alles anders Standgerichtsurteil gehängt worden. Mitt- irgendjemand wieder in Polen einmar-werden. Ein Befreiungsschlag. Deutsch- lerweile ermittelt die Bonner Staatsanwalt-schieren möchte. Heute kommen Deut-land würde danach vielleicht sagen, schaft wegen des Verdachts auf Verun- sche fahnenschwenkend als EM-Schlach-schaut, Burschenschaftler, das sind keine glimpfung des Andenkens Verstorbener. tenbummler.Irren, keine Rechtsextremen, nur TypenIm vergangenen Jahr hatte Weidners Engelke kehrt euphorisch aus der Hallemit Mütze, Bändchen über der Brust und Verbindung, die „Alte Breslauer Bur- zurück. Er sieht aus wie ein Schaffner mitder albernen Vorliebe, sich mit Klingen schenschaft der Raczeks zu Bonn“, den seiner roten Tellermütze. Die Halle ist fürNarben ins Gesicht zu hauen. Aber keine Vorschlag gemacht, eine Verbindung ausJournalisten gesperrt. BurschenschaftlerNazis, nur etwas konservativer als andere. dem Dachverband auszuschließen, weil haben jahrzehntelang ihre Debatten internDas würde Deutschland vielleicht den- die einen Burschenschaftler mit chinesi-geführt. Man redete nicht mit den Medien.ken. Allerdings, glaubt En- Engelke ist das jetzt egal. Esgelke, müsse dafür sein Planist die neue Zeit. Neue Of-funktionieren.fenheit. Transparenz wie„Seit 1815 gibt es Bur- bei den Piraten.schenschaften, heute ist ein Der DringlichkeitsantragSchicksalstag“, sagt Fried- ist angenommen. In derrich Engelke. Ein älterer,nächsten Stunde wird ent-etwas aufgeregter Herr, schieden, ob Weidner raus-Mitglied der Rostocker Bur- fliegt. Um den Dringlich-schenschaft Obotritia. En-keitsantrag auf die Tagesord-gelke ist 63 Jahre alt, nung zu setzen, brauchte er SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELRechtsanwalt in Hamburg,eine Zweidrittelmehrheit.seit Ende der sechziger Jah-War kein Problem. Ein gu-re Burschenschaftler undtes Zeichen, findet Engelke.politisch irgendwo zwi-Es könnte der Momentschen Gauweiler, Koch und sein, in dem die deutschenBeckstein zu verorten. EinBurschenschaften im Jahr„Wertkonservativer“, wie2012 ankommen. Der Au-er sagt.genblick, in dem die Rück- Es ist kurz nach drei Uhr, wärtsgewandten nach vornin zehn Minuten beginnt schauen, eine Art Achtund-der Deutsche Burschentag Rebell Engelke: „Was sind das für Menschen“sechzig, über vierzig Jahrein der Werner-Aßmann- zu spät, aber immerhin.Halle, das Jahrestreffen derVor ein paar Tagen hatterund 120 deutschen undein Bündnis von Gewerk-österreichischen Burschenschaften. Der schen Eltern aufgenommen hatte. Unterschaften, SPD und Bündnis 90/Die Grü-Verband hat knapp 10 000 Mitglieder. anderem, weil er zu einer „außereuropäi- nen noch erklärt, dass der „rechte Aka-Rund 400 Delegierte sind angereist. Ein- schen populationsgenetischen Gruppie-demikerbund“ immer weiter nach rechtsmal im Jahr treffen sich die deutschen rung“ gehöre und nicht zur deutschen „ge-rücke. Teilweise dominiert von einer „of-Burschenschaften in Eisenach. Engelke schichtlichen Schicksalsgemeinschaft“.fen völkischen und extrem rechten Strö-steht schon eine Weile vor der grauen Sich von der Welt abwenden, in diemung“. Vielleicht dreht sich das heute.Halle. Er raucht Kette. eigene Burg zurückziehen – Burschen-Engelke tänzelt in die Halle zurück. Es ist eine Revolution, die Engelke da schaftler sind eine besonders harte Spe- Vier Stunden später ist alles vorbei. En-vorhat. Er möchte mit einem Dringlich- zies von Globalisierungsverweigerern.gelke, der in seiner Wohnung mehr alskeitsantrag dafür sorgen, dass Norbert Seit Jahren gehen die Mitgliederzahlen 1800 Bücher zur NS-Zeit hat, sitzt in derWeidner, Chefredakteur ihrer Verbands- zurück. Studentische BurschenschaftenBar des Thüringer Hofs in der Eisenacherzeitung „Burschenschaftliche Blätter“, ab- stehen für Vaterlandsliebe, für einen et-Innenstadt. Er betrinkt sich. Der Bur-gesetzt wird. Weidner rauszuwerfen wäre was ranzigen Patriotismus. Opis alte Ge-schentag hat Weidner nicht entlassen. Dieein Zeichen, das alle verstehen würden. schichten. Königsberg, Dresdner Bomben- Mehrheit der Delegierten findet, der Ver-So einer gehört nicht zu uns. nacht, Ostgebiete. Solche Dinge.bandsfunktionär solle bleiben. Weidner, ein Chefredakteur, der ungern Dabei ist es keine schlechte Zeit für Pa-„Was sind das für Menschen“, fragt En-mit Journalisten redet, hatte kürzlich Diet- triotismus. Seit der Weltmeisterschaft gelke nach ein paar Bier und schaut insrich Bonhoeffer einen „Landesverräter“ 2006 kommen die Deutschen wieder bes-Glas.genannt und seine Hinrichtung durch die ser mit ihrem Nationalstolz klar. Aller- Burschenschaftler.Nazis „rein juristisch“ gerechtfertigt. Bon- dings denkt man beim neuen Patriotis- JUAN MORENO74 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 56. Trends FRANK RUMPENHORST / PICTURE ALLIANCE / DPA Demonstrierende Opel-MitarbeiterAU TO I N D U ST R I EGeneral Motors düpiert den Vizekanzler Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler hofft, dass er auf von einem Entwicklungszentrum weltweit geführt werden. seiner USA-Reise Mitte Juni endlich mit einem Vorstands-Bei VW ist das Wolfsburg, bei GM soll es Detroit werden. mitglied des Opel-Mutterkonzerns General Motors (GM) spre-Opel-Manager fürchten, dass die Techniker in den USA die chen kann. Rösler will wissen, was GM mit dem kriselndenVorgaben für neue Modelle an den Erwartungen der US-Kun- deutschen Autobauer plant. „Bislang hat GM nicht mit offe-den ausrichten und nicht an den anspruchsvolleren Anforde- nen Karten gespielt“, sagt Rösler. „Das unwürdige Schauspielrungen europäischer Autokäufer. Opel würde technisch noch muss endlich aufhören, die Mitarbeiter brauchen Klarheit.“weiter hinter Volkswagen zurückfallen. Auf Unterstützung GM hat auf die Terminanfrage des Ministers bislang nichtdurch Wirtschaftsminister Rösler bauen die Opel-Entwickler reagiert. Im Opel-Entwicklungszentrum Rüsselsheim wächstgar nicht erst. Sie wissen, wie wenig die GM-Führungsriege unterdessen die Unruhe: Manager fürchten eine Entmachtung.von dem FDP-Politiker hält. Bereits zweimal war ein Ge- GM hat intern die Organisation des VW-Konzerns zum Vor- spräch zwischen Wirtschaftsministerium und GM angesetzt. bild erklärt. Demnach soll die Entwicklung neuer ModelleBeide Termine sagte der Konzern kurzfristig ab. B AY E R N L B che Anwesenheitspflicht an, der Hauptgeschäftsführer des Bundesver-Ex-Vorstand darf bandes Deutscher Banken, Michael Kemmer, wird an diesem Tag aber Prozess schwänzen wohl nicht in München sein. Der DANIEL ROLAND / AFP frühere BayernLB-Vorstand hat eine wichtige Besprechung mit EU-Ver- Es ist eine beispiellose juristische Aus- bandsvertretern. Deshalb gewährte die einandersetzung: Die BayernLB hat Richterin ihm Dispens. Den anderen acht frühere Vorstände auf 200 Millio-Beklagten wie Ex-BayernLB-Chef nen Euro Schadensersatz verklagt. Werner Schmidt oder dem unter ande- ZAHL DER WOCHE 2007 hatte die Landesbank das Kärnt-rem wegen Bestechung angeklagten ner Skandalinstitut Hypo Group Alpe einstigen Risikovorstand Gerhard 470 833 Euro Adria gekauft, das sich in der Finanz- krise zum Milliardengrab entwickelte. Beim Auftakt zum ersten Zivilverfah- Gribkowsky dürfte es dagegen kaum gelingen, sich zu drücken. Im Gegen- satz zu Kemmer haben sie zumeist Übergangsgeld pro Monat bekommt ren vor dem Münchner Landgerichtkeinen Fulltime-Job: Sie beziehen teil- Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann am 19. Juni dürfte der prominentesteweise schon Rente, Gribkowsky sitzt bis einschließlich November 2012. Beklagte allerdings fehlen. Zwar ord- in U-Haft. Er bestreitet die gegen ihn nete die zuständige Richterin persönli- erhobenen Vorwürfe.76D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 57. WirtschaftVERLAGE auch gegen das Buch ging Schertz vor – allerdings zunächst mit Schrei-WWF-Buch hat ben an Buchhändler wie zum Beispiel Amazon. Darin warnte er potentielle es schwer „Störer“. Obwohl es bisher keine ge- richtliche Entscheidung gegen Inhalte des Buches gibt, verfehlten die War-Bereits Mitte April erschien ein kriti-nungen offenbar nicht ihr Ziel: Wedersches Buch über den World Wide bei Amazon noch bei großen deut-Fund for Nature (WWF) – doch es istschen Buchhändlern wie Thalia ist dasnoch immer schwer erhältlich. DasWerk vorhanden. Bei Thalia rechtfer-„Schwarzbuch WWF“ stammt von Wil-tigt man den Schritt mit bestehendenfried Huismann, der insgesamt drei-Rechtsunsicherheiten – das Unterneh- SAIPUL SIAGIANCHEERS / WWF / DPAmal den renommierten Adolf-Grimme- men führe nur „unstrittige Titel“ imPreis gewonnen und für den WDR Sortiment. Dass zu einer Veröffentli-auch einen Film über die mächtigstechung so massiv Druck ausgeübt wer-Umweltschutzorganisation der Weltde, habe er „noch nie erlebt, nicht malund ihre Nähe zur Industrie gedrehtbei Schwarzbüchern über Scientology“,hat. Gegen den Film erwirkte der Ber-sagt dagegen Rainer Dresen, Justitiarliner Medienanwalt Christian Schertz beim Huismann-Verlag Randomhouse.bereits einstweilige Verfügungen. Und WWF-Aktivisten auf Bali„Das gleicht einer Vorzensur.“ VERKEHR Ramsauer will Lkw-Maut neu ausschreibenHARTMUT SCHWARZBACH / ARGUSBundesverkehrsminister Peter Ram- erhielt ein Konsortium, dem die TÜV-sauer (CSU) ist offenbar bereit, sich Rheinland-Tochter InterTraffic, diebeim milliardenschweren Geschäft mitAnwaltskanzlei Beiten Burckhardt undder Lkw-Maut vom bisherigen Betrei- die Unternehmensberatung KPMGberkonsortium Toll Collect zu trennen.angehören. Der Betreibervertrag mitWie aus einem internen Vermerk desToll Collect, zu dessen Gesellschafter-Ministeriums hervorgeht, heuertekreis unter anderem die KonzerneARBEITNEHMERRamsauer Ende Mai hochrangige Bera- Daimler und Deutsche Telekomtungsfirmen an. Sie sollen den Bundbei der „zukünftigen technischen,gehören, läuft Ende August 2015 aus.Zwar funktioniert der Betrieb der Mehr Rechte fürwirtschaftlichen und rechtlichen Aus-gestaltung des neuen Mautsystems“sowie bei der Vorbereitung und Durch-Lkw-Maut inzwischen ohne größereProbleme, allerdings hat es in Ram-sauers Ressort immer wieder Vor-Haushaltshilfenführung des europaweiten Vergabe- behalte gegen einen weiteren Auftrag Der Deutsche Gewerkschaftsbundverfahrens unterstützen. Den Zuschlag für Toll Collect gegeben.(DGB) fordert von der Bundesregie- rung, die Rechte von Angestellten in Privathaushalten zu stärken und deshalb ein entsprechendes Überein- kommen der Internationalen Arbeits- organisation zu ratifizieren. Das er- kennt erstmals Hausarbeit als reguläre Lohnarbeit an und fordert unter ande- rem den Zugang der Angestellten zu den sozialen Sicherungssystemen. Mit der Ratifizierung ein Jahr nach der Verabschiedung des Übereinkommens würde die Bundesregierung ein Zei- chen setzen, sagt DGB-Chef Michael Sommer: „Es ist einem so fortschritt- lichen Land wie Deutschland unwür- dig, dass insbesondere Frauen als Hausangestellte mit Niedriglöhnen und ohne jede Sicherung im Alter ab- JENS-ULRICH KOCH / DAPD gespeist werden.“ In Deutschland sind in vier Millionen Haushalten Angestell- te beschäftigt. Doch über 80 ProzentRamsauer der Arbeitgeber zahlen weder Steuern noch Sozialabgaben, so der DGB. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 77
  • 58. WirtschaftINVESTORENWohin mit all dem Geld?Während die Staaten durch die Schuldenkrise taumeln, wissen Pensionskassen, Fonds und Versicherungen kaum noch, wie sie ihre Milliardensicher investieren sollen. Einer der Krisengewinner ist Deutschland. D er Mann, der über mehr als 450 Plus auf rund ein Prozent gesackt. „DieProfessionelle Anleger verwalten rund Milliarden Euro herrscht, trägt tür- Lage auf den Finanzmärkten ist extrem um den Globus zurzeit über 60 Billionen kis-rosa-rote Ringelsocken, eine schwierig geworden“, sagt Slyngstad.Euro – mehr als doppelt so viel wie vor Pünktchenkrawatte und die Vollglatze ak-Weltweit sind die Zinsen auf Talfahrt, zehn Jahren. Von einem „Anlagenot- kurat poliert. Auch sonst ist Yngve Slyng- und die Bundesrepublik profitiert wie stand“ ist auf den internationalen Finanz- stad eher der norwegisch-lockere Typ. Er kein zweites Land in Europa von der märkten die Rede, und das Bedenkliche lacht viel und garniert seine AntwortenAngst, dass die Euro-Zone auseinander-ist, dass er weniger unter Milliardären gern mit einem Schuss Selbstironie.brechen könnte. oder gierigen „Heuschrecken“ grassiertWie es so ist als einer der mächtigstenSeit der Austritt Griechenlands aus derals vielmehr unter den größten Akteuren Investoren der Welt im Jahre 2012? „Frü- Währungsunion eine realistische Optiondes Finanzmarkts: Staatsfonds wie der her waren wir auf der Suche nach der ri- ist, Spanien verzweifelt um seine finan-aus Norwegen, japanische Versicherun- sikofreien Rendite.“ Kunstpause. „Heutezielle Selbständigkeit kämpft und die Bür-gen, US-Pensionskassen oder deutsche wissen wir, dass es vor allem Anlagen mitger Südeuropas ihre Konten räumen, hatVersorgungswerke. renditefreiem Risiko gibt.“sich die Fluchtbewegung in den vermeint- Das Gros dieser Investoren sammeltDer 49-Jährige macht diese Erfahrunglich sichersten Hafen Europas noch einmal das Geld von Kleinanlegern ein, die Ver- gerade immer wieder: Jeden Tag muss er verstärkt.walter der Milliarden wollen damit nicht viel neues Geld investieren und altes er- In der vorvergangenen Woche besorgte zocken, sondern es so investieren, dass neut anlegen. Aber er weiß nicht wie.sich der deutsche Finanzminister für zwei sie den Kunden später eine schöne RenteAls Chef des norwegischen Staatsfonds Jahre Kredite – ohne dass er dafür einenoder Lebensversicherung auszahlen kön- sammelt er die Öleinnahmen seines Lan- Cent Zinsen zahlen muss. Selbst wer dem nen. Das funktioniert in der Regel aller- des ein, zurzeit mehr als hundert Millio-hiesigen Fiskus für ein Jahrzehnt Gelddings nur, wenn das Geld sicher verwahrt nen Euro. Täglich. Mit diesen Erträgen leiht, gibt sich derzeit mit einer Prämie ist und gleichzeitig ein paar Prozent Ren-dite abwirft. Doch davon kann vielfach keine Redemehr sein, seit die Gläubiger Griechen-lands auf einen Großteil ihrer Forderun-gen verzichten mussten. Damals wurdeSVEIN ERIK FURULUND/AFTENPOSTEN/PICTURE ALLIANCE/DPAein Grundgesetz der Geldanlage zerstört.Staatsanleihen von großen Industrielän-dern galten über Jahrzehnte als risikolos.Nun kann man auch damit sein Geld ver-lieren. Niemand weiß mehr, was über-haupt noch eine sichere Anlage ist. Der Frankfurter Bankier Friedrich vonMetzler, 69, erlebt das gerade als spätenTriumph, er hat seinen Kunden schonimmer Bescheidenheit gepredigt. An derWand des Konferenzraums in seiner Zen-trale hängen Ölgemälde mit Porträts der Staatsfonds-Chef Slyngstad: „Die Lage auf den Finanzmärkten ist extrem schwierig“Vorfahren: Die Privatbank ist seit fast 350Jahren im Familienbesitz, sie hat Seuchen, soll der Fonds dem Land dauerhaftenvon 1,2 Prozent pro Jahr zufrieden. Die Hyperinflationen und Weltkriege überlebt. Wohlstand sichern. Keine leichte Auf-Renditen von US-Staatsanleihen und ja-Metzlers Privatkunden können ihr Geld gabe, denn die Regierung erwartet, dasspanischen Schuldscheinen bewegen sich in Anleihen, Aktien oder Liquidität anle- Slyngstad und seine mehr als 300 Mit-auf ähnlich mickrigen Niveaus.gen. Basta. „Wem das nicht reicht, der arbeiter eine Rendite von vier ProzentDoch was manchen Finanzministern muss zur Konkurrenz gehen“, sagt er. erwirtschaften.hilft, sorgt für Frust bei den Anlegern. Viele Vermögende schreckt das nicht Früher hätten Investmentprofis diesenRechnet man die Inflation heraus, bleibtab – im Gegenteil. Das Geschäft läuft bes- Anspruch als langweilig abgetan. Dochvielen Investoren angesichts der Miniren- ser denn je. Immer öfter muss der Bank- die Zeiten haben sich geändert: Zwischen diten am Ende nur ein Minus. Die Geld-chef sein Mantra vortragen, das der 1999 und 2007 erzielte der norwegische anlage wird zur Geldvernichtung; denn esmenschlichen Gier zuwiderläuft: „Auf Staatsfonds im Schnitt fast sechs Prozentgibt wenige Investments, die wirklich nochlange Sicht ist es bereits ein Erfolg, sein Rendite pro Jahr, seitdem ist das jährlicheetwas abwerfen. Vermögen real zu erhalten.“ 78 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 59. Börse in Frankfurt am MainHANNELORE FOERSTER / ECOPIX FOTOAGENTUR Bargeld und Einlagen Was die Deutschen besitzen z.B. Festgeld Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland, in Milliarden Euro 1928 Mrd. €Ansprüche gegenüberVersicherungeninsgesamtStand: 4. Quartal 2011 Quelle: Bundesbank1393 Mrd. €4715Milliarden €Effektivzinsen auf6,1%Laufende VerzinsungInvestment-SonstigesEinlagen privatervon Lebensver-zertifikateHaushalte*sicherungen* Fest-AktienVermögen 3,9%verzinsliche Sonstige Be- 1,9%Wertpapiereteiligungen Febr. * Laufzeit bis 2 Jahre *Marktdurchschnitt 395 247222 203 327 Quelle: Bundesbank Quelle: Assekurata 2012 2002 2012 Das Problem ist nur, dass genau dasNur ein Drittel dürfen sie in andere niger Profit ab, und so sinkt die Durch-für viele Akteure auf den Finanzmärkten Anlageformen stecken – von Immobilienschnittsverzinsung der Anlagen. Langsamein geradezu utopisches Ziel geworden über Unternehmensanleihen bis hin zu zwar, aber stetig.ist; beispielsweise für die deutschen Ver-Hedgefonds. Das ist ihr Spielgeld. Doch Hinzu kommt: Millionen Versichertesicherer. Die Branche ist streng reguliert. selbst wenn sie damit hohe Risiken ein-haben Verträge abgeschlossen, die ihnenNach dem Börsen-Crash 2000 musstengehen, liegt die Gesamtrendite für neu-vier Prozent Verzinsung pro Jahr garan-die Anbieter den Großteil ihrer Aktienangelegtes Geld derzeit bestenfalls beitieren. Erwirtschaftet die Versicherung dasverkaufen, und sie sind verpflichtet, min-3,5 Prozent. nicht, muss sie von ihren Reserven zeh-destens zwei Drittel ihrer Kundengelder Auf Dauer führt das zu einem massivenren. Entsprechend groß ist der Druck aufabsolut sicher anzulegen – und das heißtProblem. Noch haben die Anbieter viele die Branche, mehr Rendite rauszuholen.nach allgemeiner Lesart noch immer vorPapiere aus alten Zeiten in den Büchern,Volker Blau ist einer von denen, dieallem in Staatsanleihen allerbester Bo- die für höhere Erträge sorgen. Die neuen sich daran abarbeiten. Er verwaltet fürnität.Investments aber werfen durchweg we- die Fondsgesellschaft Pimco Versiche-D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 79
  • 60. Wirtschaftrungsgelder der Allianz und anderer eu- Prozent verzinst, ähnliche Produkte im Stadt Wiesbaden einen Kredit von 20 Mil-ropäischer Assekuranz-Konzerne. Eineeuropäischen Ausland werfen noch mehr lionen Euro.Versicherung in Deutschland, das sei wieab. Doch Schuldverschreibungen, die mitAnleihen von Unternehmen undein Porsche, den man nur im ersten Gang spanischen Immobilien besichert sind, ha- Schwellenländern, einst etwas für Mutige,fahren dürfe, sagt Blau. Allein in Lebens-ben eben auch größere Risiken. gelten plötzlich als sichere Häfen. Undpolicen stecken in Deutschland 734 Mil-So ist das mit neuen Pfaden. Manchmal während hohe Haushaltsdefizite, Schul-liarden Euro. Reichlich PS, begrenzte ist unklar, ob es nicht nur die alten Irr- den und knappe Währungsreserven vieleMöglichkeiten.wege sind. Investoren früher abschreckten, ihr Geld Als die konservative Allianz AG vor Früher kaufte Volker Blau bedenkenlos in Boom-Regionen anzulegen, habenzwölf Jahren den US-Investor PimcoAnleihen von Banken. Doch seit Lehman- Staaten wie Brasilien oder Südkorea in-übernahm, war das der Versuch, wenigs-Pleite und Griechen-Desaster leiht kein zwischen einen Ruf als solide Schuldner.tens in den zweiten Gang zu schalten undInvestor Kreditinstituten mehr Geld, „Starke Industrieadressen, aber auchdafür auch einmal den riskanteren Feld- ohne dafür im Gegenzug hohe Sicherhei- Schwellenländer können teils mehr Si-weg in Kauf zu nehmen. Nur, was tun,ten zu fordern. Stattdessen baut Blau heu- cherheit bieten als manche Staatsanleihenwenn der immer unwegsamer wird? te häufiger auf Geschäfte, wie sie früher aus Industriestaaten“, findet Blau. Staatsanleihen? „Schon vor der Euro- Geldhäuser machten: Er investiert bei- Daniel Just steht unter noch größeremKrise sind viele Versicherer verstärkt ausspielsweise in Immobilien. Als die Deut- Druck als die Versicherungsmanager,Staatsanleihen rausgegangen, die Zinsen sche Bank ihre frisch renovierten Zwil- langfristig eine ordentliche Rendite zusind ja schon sehr lange sehr niedrig“, lingstürme vergangenes Jahr an ihre erwirtschaften. Just ist Anlagechef dersagt Blau.Fondstochter DWS verkaufte, kamen die Bayerischen Versorgungskammer, die 55 Aktien? „Die Aktienquoten der Ver- Kredite dafür von der Allianz. Milliarden Euro verwaltet. Ob Ärzte,sicherer befinden sich auf historisch nied-Die Phantasie der Versicherungsmana- Rechtsanwälte oder Schornsteinfeger –rigem Niveau.“ Zuletzt legten sie imger bei der Suche nach Rendite kennt für diese Berufsgruppen sind die einge-Schnitt nur noch 3,3 Prozent in Aktienkaum Grenzen: Infrastrukturprojekte, zahlten Beiträge oft die einzige Alters-an. Selbst Branchengrößen wie die Alli- Windparks, ja sogar Parkuhren sind der vorsorge. Würde Deutschland dauerhaftanz und die Munich Re haben sich beim neueste Schrei. Eine Milliarde Euro hat von der Niedrigzinskrankheit angesteckt,Börsen-Crash 2000 die Finger verbrannt. die Allianz vor zwei Jahren mit Partnern hätte das fatale Folgen für Millionen Men- Wohin also mit dem vielen Geld? Blau in die Automaten in Chicago investiert. schen.zeigt sich gelassen. Es gebe viele festver- Und während Banken sich scheuen, Den Zinseszinseffekt kann man garzinsliche Anlagen, die ähnlich sicher sei-Deutschlands klamme Kommunen zu fi- nicht hoch genug einschätzen: Wer jedenen wie Bundesanleihen, aber mehr Ren- nanzieren, finden Versicherer diese Dar- Monat 500 Euro spart, hat bei vier Pro-dite brächten. Zehnjährige Pfandbriefelehen zunehmend interessant. Die R+V zent jährlicher Rendite nach 30 Jahrenetwa werden in Deutschland mit rund 2,5 Lebensversicherung gönnte kürzlich der fast 350 000 Euro zusammen, bei nur zwei
  • 61. Prozent sind es rund 100 000 Nichts zu holenstelle eine Investitionsmöglich-Euro weniger. keit dar – von Bundeswert- Just hat der Versorgungs- Renditen auf Staatsanleihen mitpapieren über Unternehmens-kammer deshalb schon vor Jah- zehnjähriger Laufzeit ausgewählteranleihen aus Entwicklungslän-ren eine Revolution verordnet. Länder in Europa, in Prozent dern bis zu einem Rohstoff wieEr setzt vor allem auf dieGold.Schwellenländer. Die Idee da- bis 3,0 bis 5,5 ab 5,6 Im Moment stürzten sich allehinter: Junge, wachsendeauf wenige Fächer, vor allemVolkswirtschaften in Asien undauf das Fach mit deutschenLateinamerika sollen die Ren- Staatsanleihen. Er malt jetzt ei-ten der alternden deutschen nen dicken roten Kreis darum.Gesellschaft finanzieren. So ist„Die meisten übersehen, wiedie Kammer heute nicht nurhochattraktiv der restlichestolzer Waldeigentümer in den Markt ist“, sagt der Investor, derUSA, sondern besitzt auch mit seinen Fonds insgesamt 1,1Büro-Immobilien in China undMilliarden Euro verwaltet. „IchBrasilien sowie ein Einkaufs- genieße die Situation total.“zentrum in Chile.Dort, wo es die Anlagepoli- Alles, was langfristige und zum Vergleich: tik erlaubt, hat er nach demstete Zahlungsströme ver- USA: 1,5% Motto „Wenn schon Risiko,spricht, gilt als attraktiv. In-dann richtig“ zum Beispielzwischen hat allerdings ein Pfandbriefe irischer Geldhäu-Wettlauf der Großinvestoren ser gekauft (siehe Seite 102).auf reale Werte wie Immo-Sein bevorzugtes Ziel ist der-bilien und Infrastrukturprojek- zeit das von allen verschmähtete eingesetzt. Entsprechend Griechenland. Gleich von meh-schnell steigen die Preise. „Es wird zu-„Es ist immer falsch, das zu tun, was reren Unternehmen hat er Aktien erwor-nehmend aufwendiger, attraktive Invest- alle machen“, sagt Hendrik Leber in sei- ben – unter anderem von einem Lotterie-ments zu finden“, sagt Just. So besehen nem übersichtlich möblierten Büro im anbieter. Was mehr als nur mutig wirkt,ist das neue Problem in der Anlagewelt Frankfurter Bankenviertel. Er hat extra kann Leber ganz nüchtern begründen:das alte. Die Finanzbranche ist wie eine ein paar Buntstifte mitgebracht. Mit Blau „Die Griechen haben schon immer ge-Herde, die allzu oft in die gleiche Rich- malt Leber einen Setzkasten auf ein Blatt zockt, das werden sie auch weiterhin tun.“tung läuft.Papier. Jedes der rund 50 Fächer, sagt er, SVEN BÖLL, MARTIN HESSE
  • 62. Wirtschaft ner, kinderreiche Familien und ältere Ver- sicherte. Ihnen würden unrechtmäßig Hun- A LT E R S V O R S O R G Ederte Millionen Euro an Überschusszah-Schnitzeljagd für Anleger lungen vorenthalten. Bei einem Durch- schnittsvertrag gehe es um 3500 Euro.Die Allianz findet das „in keiner Weise nachvollziehbar“, tatsächlich würden ge- rade die genannten Gruppen „durch dieVerbraucherschützer attackieren den Allianz-Konzern: Versichertengemeinschaft unterstützt“. Der Versicherungsriese benachteilige etliche Riester-Rentner – Die Verbraucherschützer dagegen spre- chen von einer „massiven Verletzungausgerechnet arme und kinderreiche Kunden. des Täuschungsverbots“. Die Ungleich- behandlung sei allenfalls für „überdurch- schnittlich qualifizierte“ Kunden über- haupt erkennbar. Starker Tobak für den Versicherungsriesen, der sich gern als Saubermann der Branche präsentiert und mit einer „Transparenzinitiative“ punk- ten will. Doch die Kritik an den Produk- ten für die Riester-Rente wird immer lau- ter. Sogar Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) fordert, die „Leit- planken“ für die Versicherer „enger zu setzen“. Auch sie weiß: „Riestern ist für die Anbieter zu einem attraktiven Ge- schäft geworden.“20 Prozent der Sparsumme oder mehr veranschlagen die Konzerne bei manchen Verträgen als Kosten. Das zehrt teilweise die staatlichen Zulagen komplett auf, wie die Verbraucherzentrale BundesverbandNORBERT MICHALKE / DER SPIEGEL beklagt. Dabei bekommt jeder Riester- Sparer pro Jahr 154 Euro staatliche För- derung und für jedes Kind noch einmal bis zu 300 Euro obendrauf.Mathematiker Kleinlein und die DIW- Expertin Kornelia Hagen kamen jüngst bei Berechnungen zur Rendite der gängi-Branchenkritiker Kleinlein: „Vollkommen unverständlich und wenig rentabel“ gen Produkte zu verheerenden Ergebnis- sen (SPIEGEL 47/2011). „Riestern ist oftE in erstes Gefecht wurde „Workshop Brief fordert Kleinlein – diesmal in Koope- nicht besser als das Geld in den Spar- Riester-Rente“ genannt und fand ration mit der Verbraucherzentrale Ham- strumpf zu stecken“, so das Fazit. am vergangenen Freitag im Deut- burg – eine Unterlassungserklärung von Die Reaktionen der Versicherungswirt-schen Institut für Wirtschaftsforschung seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Alli- schaft waren entsprechend heftig. Der(DIW) statt. Berichterstattung uner- anz Lebensversicherungs AG in Stuttgart.Branchenverband GDV forderte vomwünscht. Denn von vornherein war klar:Das Unternehmen soll sich verpflichten,DIW eine „Entschuldigung für die be-Es würde Krach geben.seine „Allianz RiesterRente Klassik“ in der wusste Irreführung der Öffentlichkeit“ Der Streit über Sinn und Unsinn der aktuellen Form nicht mehr zu vertreiben.und präsentierte Gegenkalkulationen.staatlich geförderten Riester-Rente ist „Sonst ziehen wir vor Gericht“, sagt Klein-Unbeteiligte Branchenkenner wollen sichzehn Jahre nach ihrer Einführung eska- lein trocken. Sein Vorwurf: Das Produkt nicht festlegen, wer nun besser gerechnetliert. Und neben ihrem Erfinder Walter benachteilige ausgerechnet Geringverdie-hat. Der Grund ist schlicht: Selbst Exper-Riester (SPD) und Industrievertretern warten verlieren sich schnell im Wirrwarr ausam Freitag auch der Mann geladen, der 15,4 Förder- und Steuerparagrafen.dafür maßgeblich mitverantwortlich ist: 15Zehn Jahre nach ihrer Einführung sindAxel Kleinlein, 42, seit einem halben Jahr etliche Riester-Produkte immer noch einChef des Bundes der Versicherten. Die dritte Säule Mysterium: „Sie kriegen irgendwelche Kleinlein ist Versicherungsmathemati- Bestand an Riester- Zahlen vorgesetzt, die nicht überprüfbarker und arbeitete früher selbst für jene Verträgen in Mio.;sind“, fasst Edda Castelló von der Ver-Branche, mit deren Riester-Renten er nun jeweils am 10 braucherzentrale Hamburg ihre Erfahrun-abrechnet. „Die Masse der Produkte ist Jahresende 8,1gen mit den Policen zusammen.vollkommen unverständlich und wenig Ein Produkt wie die „RiesterRenterentabel“, sagt Kleinlein. Klassik“ der Allianz ist für Versicherungs- Gemeinsam mit einer DIW-Wissen- mathematiker Kleinlein ein besonders5schaftlerin hat er kurz nach seinem Job- krasses Beispiel. Kunden, die Genaueresantritt eine vernichtende Studie zu denüber ihre Rentenansprüche erfahren wol-Renditen der gängigen Riester-Angebote 1,4 len, müssten sich „auf eine Art Schnitzel-vorgelegt. Und als er am Freitag das Po- jagd durch etliche Dokumente begeben“.dium in Berlin bestieg, war sein zweiterWie allen „Riester-Rentnern“ stehtCoup schon auf den Weg gebracht: Via 200120062011auch den Allianz-Kunden nicht nur der82D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 63. Wirtschaftgesetzlich verankerte Garantiezins vonderzeit 1,75 Prozent auf ihr eingezahltesKapital zu. Sie haben zudem eigentlichAnspruch auf Teile der Überschüsse, diedie Versicherer erwirtschaften, etwawenn ihre Kosten geringer sind als ge-plant. So steht es auch im „Produktinfor-mationsblatt“ der Allianz. Wenn ein Kun-de dann aber verstehen will, was das fürdie eigene Rente bedeutet, müsse er sichdurch sieben verschiedene Posten in denVersicherungsbedingungen und schließ-lich noch im Geschäftsbericht wühlen,moniert Kleinlein. Der Wahl-Berliner hat sichtlich Spaßdaran, sich mit Hilfe seines Computersdurch den Dschungel der Querverweisezu zoomen: Die Überschüsse würden nachGruppen verteilt, heißt es da etwa. „Zuwelcher Gruppe Ihre Versicherung gehört,können Sie den Versicherungsinformatio-nen entnehmen.“ Dort wiederum findetder Kunde nur die Information, dass erbeispielsweise zur Gruppe EZ, „Untergrup-pe“ HVAVMG0112 gehört. Was das bedeutet, steht irgendwo im 86Seiten starken Geschäftsbericht – und istwenig erfreulich: Wenn der Kunde im Lau-fe seines Arbeitslebens weniger als 40 000Euro in den Kapitaltopf bei der Allianzeinzahlt, muss er auf die Auszahlung vonKostenüberschüssen generell verzichten. Die Allianz findet das nur fair: Kostenwürden „überwiegend im Verhältnis zumVolumen des Beitrags“ erhoben. Die späte-re Überschussbeteiligung erfolge also „nachdem Verursacherprinzip“. „Details“ könn-ten Kunden „mit einem Anruf in unserenServicecentern rasch in Erfahrung bringen“. Kleinlein dagegen hält die Regel für„abstrus“. Jedes Kind mache es dem Kun-den sogar noch schwerer, die von der Al-lianz gesetzte 40 000-Euro-Schwelle zuüberwinden, behauptet er. Denn dieseGrenze müsse der Versicherte alleindurch seine eigenen Einzahlungen errei-chen – also ohne staatliche Zuschüsse.Für jeden Sohn und jede Tochter aberkommt Förderung hinzu, so dass der Ei-genanteil schwindet. Und mehr als vierProzent seines Gehalts darf der Kundeinsgesamt nicht „verriestern“. Ein 35-jäh-riger Durchschnittsverdiener mit einemJahreseinkommen von 30 000 Euro gehö-re nach der Geburt des ersten Kindes soschon nicht mehr zu den Vorzugskundendes Versicherers, so Kleinlein. Dabei hatte Riester selbst doch bei sei-nem Konzept gerade auch jene Menschenim Sinn, „die wenig Geld zum Zurückle-gen haben“, wie er sagte. Der altgedienteSPD-Politiker findet dennoch, man dürfedie Policen nicht nur mit Blick auf ihreRendite beurteilen. Zugespitzt sei dieRentenversicherung am Ende „eine Wetteauf den Todeszeitpunkt“. Dafür könneder Kunde sich auf lebenslange Zahlun-gen verlassen.ANNE SEITH84D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 64. das Interesse. Facebook wurde bereits vordem Börsengang am Zweitmarkt gehan-INTERNETdelt, wo Investoren ihre wenigen heiß-OP misslungen, Patient lebtbegehrten Anteile quasi unter der Handweiterreichten – was den Preis nach obentrieb. Doch sobald mit dem Beginn desoffiziellen Handels viele Aktien da warenund es erste Zweifel an den Gewinnaus-Fünf Lehren aus Facebooks Börsenfiaskosichten gab, war die Luft raus.4. Facebook ist kein zweites AOL.1. Die Banker sind nicht so schlau,Klicks ausgeglichen werden. Solche Pro-Selbst bei weiter fallendem Börsenkurswie sie denken, aber so gierig wie bleme deuten darauf hin, dass es an ei-hat Facebook eine große Zukunft, dennbefürchtet.nem ausgereiften Geschäftsmodell fehlt,es ist längst nicht bloß ein Internetphä-Die Facebook-Aktie startete am 18. Mai um die hohe Bewertung zu rechtfertigen.nomen wie einst AOL, das nach einemmit einem Preis von 38 Dollar. Ende ver- All das war bekannt. Wer als Kleininves- kurzen Höhenflug abstürzte, sonderngangener Woche war sie noch 28 Dollartor nun trotzdem 10 000, 20 000, 30 000eine globale Kulturmacht. Auf jeden Ko-wert – gut ein Viertel weniger. Die Vor- Dollar verloren hat, ist selbst schuld.lumnisten, der Facebook nun vorschnellgänge hinter den Kulissen des missglück-für tot erklärt, kommen täglich 200 000ten Börsengangs haben die Illusion zer-3. Es gibt keine neue Internetblase. neue Nutzer in Asien hinzu. Bald wirdstört, dass die führenden Investmentban- Vor Facebooks Börsengang hieß es oft,das Unternehmen eine Milliarde User ha-ken als Folge der Finanzkrise vorsichtiger das Silicon Valley sei auf dem Weg zurückben – ohne echte Konkurrenz.geworden seien. Die Wall-Street-Banker ins Jahr 1999 – samt überdrehten Bewer- Entsprechend werden sich die Folgenhatten das soziale Netzwerk deutlich zutungen und Goldrausch-Übertreibungen.des Fiaskos für die Stimmung im Siliconhoch eingepreist und damit den Absturz Wie beim ersten Internetboom sei auchValley in Grenzen halten: Den Firmengrün-provoziert. Aus zwei Gründen. dern wird jetzt nicht das GeldDer eine ist Gier: Die Börsen-ausgehen. Die Risikokapital-experten um die Bank Morgan firmen können Geld kaumStanley wollten herausholen,schnell genug bei Investorenwas geht. Sie haben dabei of- rund um die Welt einsammeln.fenbar einkalkuliert, dass dieIn den vergangenen Wochen„dummen“ Kleininvestoren –wurden Wagniskapitalfonds„dumb money“ – mangels In-im Wert von mehreren Mil-formationen bereit seien, fastliarden Dollar aufgelegt.jeden Preis für die Aktie zuzahlen. Doch sie haben nicht 5. Die Web-Branche istvorhergesehen, wie schnell das nicht die neue Auto-„smart money“ – große Hedge- industrie, das muss siefonds und Anteilseigner wieaber auch nicht sein.Goldman Sachs – die Flucht er- Der Facebook-Börsengang istgreifen würde. Dazu kommtnicht deshalb gescheitert, weilSelbstüberschätzung: Die Ban-alle plötzlich eingesehen ha-ker haben sich wieder vomben, dass ein acht Jahre jun-eigenen Größenwahn treiben ges Online-Unternehmen mitlassen, den größten, bestenknapp vier Milliarden DollarMARIAN KAMENSKY / HUMOR-KAMENSKY.SKTechnologie-Börsengang der Umsatz nicht fast doppelt soGeschichte durchziehen zuviel wert sein darf wie etwawollen. Sie warfen viel zu viele Daimler. Produktion von Gü-Anteile zu überhöhten Preisentern im landläufigen Sinnauf den Markt. kann nicht die Aufgabe dieser Branche sein. Es wäre ein2. Übertreibung bleibt Missverständnis zu glauben,Übertreibung.die Bedeutung der Internet-Seit Monaten wurden vor al-wirtschaft könne nur darinlem Kleinanleger immer wie-liegen, dass wir alle künftigder gewarnt, sie sollten im großen Me- heute eine Spekulationsblase die Folge.bei Internetfirmen arbeiten werden unddien-Tamtam nicht den Blick auf die nack-Diese These ist widerlegt. die Volkswirtschaften irgendwie Internetten Fakten vergessen. Die kursierendenDer Hype vor der Börsenpremiere umproduzieren.Bewertungen seien zu hoch, die Aktie sei Facebook war kurzfristig und kam vorNein, die Bedeutung der Web-Brancheriskant. Die Facebook-Zahlen waren und allem durch einen Mangel an Angebotliegt in ihrer technologischen Breitenwir-sind zwar beeindruckend, aber zuletztbei zu hoher Nachfrage zustande: Imkung. Zum Vergleich: Auch die Erfindungtauchten diverse Fragezeichen auf. Nachklang der Finanzkrise gibt es an der des Flugzeugs hat nicht dazu geführt, dass Das Unternehmen macht mehr als acht-Wall Street zu viel Geld auf der Suche die Luftfahrt zur dominierenden Industriezig Prozent seines Umsatzes mit Wer- nach neuen Erfolgsgeschichten, und die der Welt wurde. Aber ohne Transport istbung, dort blieb in den vergangenen Mo-Technologiefirmen aus dem Silicon Valley die globale Wirtschaft heute nicht denk-naten das erwartete hohe Wachstum aus. erfüllen diesen Wunsch noch am deut- bar. Genauso wenig ist schon jetzt kaumNoch bedenklicher: Der Wert von On-lichsten. Doch in den vergangenen zwei noch ein Wirtschaftszweig ohne Internet-line-Anzeigen sinkt generell beständig Jahren wagten sich nur wenige Unterneh-anwendungen denkbar.und muss durch immer mehr Nutzer und men an die Börse, entsprechend groß istTHOMAS SCHULZD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 85
  • 65. Schlecker-Mitarbeiterinnen „Die Probleme waren viel größer“Lohns verzichten. Tatsächlich waren dieGewerkschafter nur zum Verzicht auf10 Prozent bereit. War das ein Fehler?Geiwitz: Ich bleibe dabei: Ich hätte das füradäquat gehalten. Im Branchenvergleichhat Schlecker Personalkosten, die 22 Pro-zent höher sind als bei dm, Rossmannoder Müller. Ich musste das MaximaleCHRISTIAN DITSCH / VERSIONfordern, um diesen Unterschied zu ver-ringern.SPIEGEL: Warum hat sich niemand aus Fa-milie oder Management richtig für dasUnternehmen in die Bresche geworfen?Geiwitz: Eine berechtigte Frage. AntonSchlecker ist ja offiziell vermögenslos.Aber die Familie hat noch Vermögen, undHANDELich habe gefragt, ob sie bereit sei, eine„Eine Giftpille“Verlustfinanzierung zu leisten.SPIEGEL: Für den Juni wären sieben bisneun Millionen Euro fällig gewesen.Geiwitz: Die Familie war entweder nichtbereit oder nicht in der Lage, diese Sum- Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz, 43, rechnet mitme zu zahlen. der Politik und dem Management des Unternehmens ab.SPIEGEL: Die Schlecker-Kinder Lars undMeike hatten mit dem Emirat Katar einenpotentiellen Partner gefunden, um dasSPIEGEL: Herr Geiwitz, Sie wollten biserkennen konnte. Es waren deutlich mehr Unternehmen selbst weiterzuführen. War-Pfingsten den Verkauf der insolventen Investitionen in die Warenverfügbarkeit um ist diese Lösung gescheitert?Drogeriekette Schlecker abschließen.notwendig, als uns gesagt worden ist. Die Geiwitz: Die haben genauso die RisikenNun haben Sie die Zerschlagung verkün-Probleme im Bereich der Personalpla-gesehen wie meine Investoren. Am Endedet. Was ist schiefgelaufen?nung waren viel größer, als wir das ge- wollten sie auch einen ausreichenden Ri-Geiwitz: Wir haben zwei große Baustellenahnt haben. sikopuffer.nicht in den Griff bekommen. Zum einenSPIEGEL: Weil Anton Schlecker den Über- SPIEGEL: Zuletzt wurde der Karstadt-Besit-ist es nicht gelungen, eine Transfergesell- blick verloren hatte? zer Nicolas Berggruen als Retter gehandelt,schaft für die ersten 10 000 entlassenenGeiwitz: Die Realität war in vielen Berei-aber auch der wollte nur kaufen, wenn derSchlecker-Frauen zu gründen – mit der chen eine ganz andere, als das Manage-Hauptgläubiger die Risiken übernimmt.Folge, dass wir rund 4500 Kündigungskla-ment selbst geglaubt hat. Zum BeispielGeiwitz: Nach meiner Einschätzung hättengen erhalten haben. Daraufhin haben sichgab es die Hoffnung, man könnte alleinwir aber mit der Berggruen Holding amdie ersten Investoren zurückgezogen.durch Ladenumbauten eine Sanierungehesten eine Einigung erzielen können,Gleichzeitig haben wir zwar den Jahres- realisieren. Das war falsch, weil man da- nachdem hier die Chancen des Sanie-verlust von 200 Millionen auf 20 Millio-durch den negativen Umsatztrend nur rungskonzepts ebenfalls gesehen wurden.nen Euro reduziert. Aber wenn Sie jeden verschoben, aber nicht beseitigt hat. Das Allerdings gab es letztendlich BedenkenTag mehrere hunderttausend Euro Ver-war die erste echte Ernüchterung. aufgrund der extremen Öffentlichkeits-lust machen, ist das immer noch zu viel.SPIEGEL: Sie haben Anton Schlecker seinewirkung des Schlecker-Verfahrens.SPIEGEL: Die Transfergesellschaft ist vor Intransparenz vorgeworfen. Gleichzeitig SPIEGEL: Sie hatten bis zuletzt Kontakt zuallem an der Haltung von Bundeswirt-hat sich Ver.di beschwert, von Ihnen zu Anton Schlecker. Räumt der inzwischenschaftsminister Philipp Rösler von derwenig Informationen zu Geschäftszahleneigene Fehler ein?FDP gescheitert. Ist er also schuld?und Konzepten zu bekommen … Geiwitz: Für die Familie ist es ein Schock.Geiwitz: Es gibt zumindest eine gewisse Geiwitz: … was nicht stimmt. Das war einAnton Schlecker hat mir gesagt, dass erNähe zwischen parteipolitischen Proble- Schattenkampf. Es gab kein Gremium, ineiniges falsch gemacht habe. Er habe zumen und den Äußerungen von Herrn Rös- dem Ver.di nicht drin saß. Der Wirtschafts- spät auf die veränderten Marktbedingun-ler. Die FDP kann eine Transfergesell-prüfer von Ver.di hatte alle Informationengen reagiert, zu lange nur auf Wachstumschaft ja aus ordnungspolitischen Grün- von McKinsey und von uns. Eine Gewerk-gesetzt, auch bei der Personalführungden ablehnen. Dann muss sie aber auch schaft wie Ver.di muss eine denkt er heute anders als vordie Konsequenzen klar benennen undderartige Position aufbauen:einigen Jahren. EMILY WABITSCH / PICTURE ALLIANCE / DPAnicht nur auf die Vermittler der Arbeits- Schlecker war ein Paradebei-SPIEGEL: Halten Sie das Ver-agentur verweisen. Das hat nicht nur unsspiel, um den Flächentarifver-schwinden von Schlecker fürden Garaus gemacht, sondern war auchtrag im Einzelhandel zu ver-einen Verlust?eine Farce für die Betroffenen. teidigen, denn in Deutschland Geiwitz: Ja.SPIEGEL: Ende Januar sagten Sie noch, das haben wir zunehmend Dum-SPIEGEL: Kratzt es am Ego, eineUnternehmen habe „in vielerlei Hinsicht pinglöhne in diesem Bereich.solch bedeutende InsolvenzSubstanz“, die Marke Schlecker werdeFür die Sanierung aber warnicht abgewendet zu haben?nicht spurlos von der Landkarte ver-das eine Giftpille. Geiwitz: Es ist frustrierend, dasschwinden. Haben Sie sich verschätzt? SPIEGEL: Immerhin haben Sie kann ich nicht leugnen.Geiwitz: Die Lage war tatsächlich viel dra- Investoren versprochen,Ver.di Wirtschaftsprüfer GeiwitzINTERVIEW: SUSANNE AMANN,matischer, als ich in den ersten Wochen würde auf 15 Prozent des „Eine Farce“ JANKO TIETZ86D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 66. WirtschaftChance, die „Parallelwelt Schule, dieHöhle mit der Kreidewand“, zu verlassen. Doch es gibt auch Kritik: „Endlich kön-nen Schüler Musik hören statt im Unter-richt mitzuschreiben“, witzelte die „Zeit“in einem nostalgischen Schiefertafel-Plä-doyer – am Ende der Stunde könne ja ehalles ausgedruckt werden. Es klang einwenig, als würden die besseren Zeitungs-texte noch immer mit dem Füllfederhaltergeschrieben. Skepsis ist dennoch angebracht: InHamburg etwa war es nach der staatli-chen Geldspritze den Schulvereinen über-lassen, für weiteren Nachschub bei dengut 4000 Euro teuren Tafeln zu sorgen –der Medienetat der Stadt für 2012 ist der- GREGOR SCHLAEGER / DER SPIEGELweil um 25 Prozent gekürzt worden. Während einige Gymnasien in reichenStadtteilen bereits alle Klassenräume be-stückt haben, könnte manchen Schulenin ärmeren Vierteln die digitale Zweitklas-sigkeit drohen. „Das ist Mittelalter“, sagtMarianne Demmer von der GewerkschaftSchüler Jannis bei Vorführung des Whiteboards*: Die Höhle mit der Kreidewand verlassenErziehung und Wissenschaft. Der Staatkönne nicht erst die Schulen anfixen, diehierzulande gerade mal 11. Für die FirmaFinanzierung dann aber dem Zufall über-BILDUNG mit 790 Millionen Dollar Umsatz ist lassen. Auch die Wartung der teils anfäl- Alle am Board?Deutschland ein Markt, der wachsen soll.ligen Geräte müsse kalkuliert werden und Um nach dem Pisa-Schock nicht noch die Ausbildung der Lehrer, sonst verkä-als digitales Entwicklungsgebiet verspot- men die Boards zu Daddelautomaten.tet zu werden, begannen die Länder, ihre Strittig ist auch, wer Zugriff auf die ge- Interaktive Tafeln sollen zumSchulen nachzurüsten – erst mit Compu-speicherten Bilder und Texte aus dem Un- Standard in den Klassenzimmern tern, nun mit Whiteboards. Erste Rück-terricht haben darf. Zudem sind Urheber- werden. Hersteller locken diemeldungen zeigen zumindest, dass dierechte betroffen, wenn munter Schulbuch-Schüler motivierter scheinen. material eingescannt wird. Lizenzverträge,Schulen mit Rabatten, doch die Einen Song oder ein Vogelgeräuschwelche die digitale Nutzung einschließen, Anschaffung bleibt teuer.hören oder Unterrichtsfilme sehen? In lassen hierzulande auf sich warten.einer Umrisskarte Europas bestimmteRoy Krüger von der Ingelheimer FirmaJ annis Fischer steht an einer Tafel und Länder verorten? Ergebnisse aus Grup- Fischer-Tafeln, die noch die klassisch-grü- zeigt seinen Schülern, wie er grünepenarbeiten grafisch zusammenfügen? nen Tafeln produziert, ist sich angesichts Figuren hin und her schiebt. Er kann Das war bislang ohne technischen Groß-solcher Anlaufprobleme sowieso sicher,sie von der Tafel verschwinden oder auf einsatz kaum möglich. Wer seinen Schü-dass die ganze Digitalisierung der Schu-Wunsch furzen lassen. Statt mit Kreidelern heute dagegen kurz das menschliche len „zusammenbrechen“ werde: „Das istschreibt Fischer mit dem Finger.Skelett in Erinnerung rufen will, musseine Zeiterscheinung.“ Sein Publikum staunt. Dabei zeigt Fi-nicht unbedingt mit dem alten Schiebe- Allerdings spürt auch seine Firma diescher nur, was mit einer elektronischen gerippe in der Klasse auflaufen. Oft findet Konkurrenz: Das VorgängerunternehmenSchultafel, die mit Laptop und Beamer er das, was er sucht, im Netz, wo Lehrer- ging vor einiger Zeit pleite. Die rundverbunden ist, alles möglich ist. Es siehtkollegen Tausende Unterrichtsmateria- tausend Euro teuren Klassik-Tafeln lässtaus, als arbeitete er an einem riesigen lien zur freien Nutzung hinterlegt haben. Krügers verbliebene Restfirma nun in Un-Tablet-Computer. Recht emsig sind an diesem Austausch garn herstellen. Jannis Fischer ist acht Jahre alt, besucht Lehrer aus Hamburg beteiligt, dem ersten Ob sich die Digitalisierung des Klassen-selbst die zweite Klasse und macht hier Bundesland, das mit einer flächendecken-raums und das sogenannte E-Learning –klassischen Frontalunterricht. Seine Schü-den interaktiven Ausstattung an seinenvom Spaßfaktor mal abgesehen – über-ler sehen nicht nur alt aus, sie sind es: Schulen begann. Mit dem Herstellerhaupt positiv auf schulische Leistungenallesamt Schulleiter aus Hamburg, die ler-Smart wird eng kooperiert: Das Unter- auswirken werden, ist ohnehin noch nichtnen sollen, sich im Klassenzimmer der nehmen spendierte die ersten paar Dut-belegt. Im Smartboard-Paradies Groß-Zukunft zurechtzufinden. Für die altenzend Tafeln, die Stadt legte ein paar Mil-britannien mögen die Schüler nun mehrgrünen Tafeln samt quietschiger Kreidelionen Euro aus Sondermitteln drauf.Medienkompetenz besitzen. In den Pisa-scheint da bald kein Platz mehr zu sein. Begeisterte Pädagogen wie MichaelTests sind sie zurückgefallen. Über 80 000 der sogenannten White- Weißer, Projektleiter beim HamburgerNILS KLAWITTERboards soll es bereits in deutschen Schu- Landesinstitut für Lehrerbildung, sorgenlen geben. Für den Marktführer Smartfür die entsprechende PR: Der Trend, be-Technologies aus Kanada ist das erst derhauptet Weißer in seinen Schulungen,Video:Anfang. Die „Klassenraum-Penetration“ gehe schon zum „Zweitboard“, die neuenSo funktioniert die elek-liege „Lichtjahre hinter Großbritannien“, Modelle gebe es sogar mit Gestensteue-tronische Schultafelsagt der deutsche Smart-Chef Carlo Stall- rung. Die Boards seien eine einmalige Für Smartphone-Benutzer:mann. 80 Prozent der britischen Schul-Bildcode scannen, etwa mitzimmer seien schon interaktiv versorgt, * Vor Lehrern in Hamburg. der App „Scanlife“.88 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 67. Panorama CH INA Fassaden der Macht Regierungsgebäude in Tai`an (o.) und in Fuyang Protz, Verschwendung von Steuergeldern, Imponiergehabe der Lokalfunktionäre – die Architektur chinesischer Regie- rungsgebäude spricht für sich. Die Provinz kann noch so arm sein, für ehrfurchtheischende Baumaßnahmen reicht das Geld immer. Bestes Beispiel: das nachgeahmte Kapitol in der Stadt Fuyang. Selbst Premier Wen Jiabao sah sich zu einer Mahnung genötigt und erklärte, der Bau von Partei- und Regierungsgebäuden solle künftig strikt kontrolliert wer- den, um die Verwaltungskosten zu senken. Der Prunk, mit dem sich die Lokalregierungen umgeben, trägt zu ihrem schlechten Image bei. Der Fotograf Bai Xiaoci hat sich nun in über 80 Städten umgesehen und eine Galerie von staat- lichem Pomp ins Internet gestellt. In einer Umfrage befanden über 90 Prozent der Befragten, dass diese Bauten „von einer schweren Luxuskrankheit befallen seien“. Der Fotograf selbst stellte fest: „Wenn ich vor diesen Gebäuden stehe, fühle ich mich wie eine winzige Ameise.“ Das soll wohl auch so sein.SPIEGEL: Wo wird der Machtkampf um Iwanischwili: Wir planen eine Demon- GEORGIENGeorgien entschieden: auf der Straße stration in der zweitgrößten Stadt„Hoffnung auf Wandel“ oder an den Urnen bei der Parlaments-wahl im Herbst?Iwanischwili: In den Wahllokalen, ich Kutaissi. Saakaschwili hat vorsorglich den zentralen Platz dort sperren lassen, angeblich für Schulkonzerte. Der Milliardär und hoffe, wir kommen ohne die StraßeSPIEGEL: Saakaschwili war der Held der Oppositionsführeraus. Wir werden aber einen großendemokratischen Rosen-Revolution Bidsina Iwanischwi-Vorsprung benötigen, damit Saaka-2003 und ein Verbündeter des Wes-VANO SHLAMOV/AFP li, 56, über seinenschwili sich in seine Niederlage fügttens. Warum bekämpfen Sie ihn jetzt? Kampf gegen Präsi- und nicht versucht, das Ergebnis zuIwanischwili: Ich war sogar mit ihm dent Micheil Saaka-manipulieren. Wir sind in der Lage,befreundet und wollte ihm helfen, eine schwilizwei Drittel der Stimmen zu holen. echte Demokratie aufzubauen. DannSPIEGEL: Werden die Wahlen frei undaber ging er 2007 gewaltsam gegen SPIEGEL: Jüngst folgten Ihnen 80 000 fair verlaufen?friedliche Demonstranten vor und Georgier zu Protesten auf die StraßenIwanischwili: Wir werden die Regierung zeigte sein wahres Gesicht. in Tiflis. Was treibt Ihre Anhänger? dazu zwingen. Die freien Bürger Geor-SPIEGEL: Falls Sie siegen: Was wird mit Iwanischwili: Die Hoffnung auf Wandelgiens, die Zivilgesellschaft und unab- Saakaschwili passieren? und der Hass auf die Regierung von hängige Journalisten werden über die Iwanischwili: Wir werden ihn nicht poli- Präsident Saakaschwili. Die Bevölke- Wahlen wachen. tisch verfolgen. Andererseits hat er rung verarmt, Saakaschwilis Umfeld SPIEGEL: Was haben Sie als Nächstesviele Gesetze verletzt. Darum werden aber bereichert sich.vor? sich die Gericht kümmern müssen. 90D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 68. Ausland G R O S S B R I TA N N I E NBetende Gefangene in GuantanamoQueen senkt BruttoinlandsproduktDie Königin feiert: Weil Elizabeth II.,der Rezession steckt. Extravagant-86, seit 60 Jahren auf dem Thron sitzt,kostspielige Familienfeste sind die Bri-geben sich die Briten bis Dienstag die-ten von ihren Royals gewohnt. AlsBRENNAN LINSLEY / APser Woche gleich viertägigen Feierlich-2011 der Erbe des Thronfolgers heirate-keiten hin, unter anderem mit einerte, gönnte Premier David Cameronimposanten Schiffsparade auf der dem Land einen Sonderfeiertag. Auf-Themse. Beeindruckend ist auch das grund der Hochzeit von Prinz WilliamLoch in der Kasse, das die Queen-und Kate Middleton ging die Wirt-Sause hinterlässt. Büros, Fabriken und schaftsleistung im zweiten QuartalBanken schließen, Millionen Arbeit-2011 um 0,4 Prozent zurück. Das FestUSAnehmer nutzen die Brückentage fürsoll 1,7 Milliarden Euro gekostet ha-Kurzurlaube im Ausland. Das Brutto-inlandsprodukt im zweiten Quartal, sokalkuliert Mervyn King, Gouverneur ben. Auch die Olympischen Spiele im Sommer versprechen keinen wirt- schaftlichen Aufschwung. Londoner Verzögerter Prozessder Bank of England, wird sich wegen Hotels und Gastronomen profitierenDer Prozess gegen die mutmaßlichendes Thron-Jubiläums um 0,5 Prozent wohl vom Andrang, im großen RestHintermänner der Terroranschlägereduzieren. Das ist umso bedenklicher, des Königreichs aber werden weniger vom 11. September 2001 vor dem mili-als die britische Wirtschaft ohnehin inTouristen erwartet als sonst. tärischen Sondergericht im US-Ge- fangenenlager Guantanamo gerät ins Stocken. So wurde der zweite Pro- zesstermin vom Gericht nun um zwei Monate auf Anfang August verlegt. Grund für die Verzögerung sind Be- schwerden der Verteidiger, die mehr Zeit verlangen, um sich mit ihren Man- danten vorzubereiten. Außerdem be- antragten sie, Ex-Präsident George W. Bush und auch Barack Obama vor das Militärtribunal zu laden. Beide hätten durch ihre Verurteilungen der Ange- klagten in der Öffentlichkeit einen fai-JOHN SWANNELL / CAMERA PRESS ren Prozess unmöglich gemacht. Die Verschiebung des Termins zeigt, dass das Gericht die Beschwerden ernst nimmt. Der Jahrhundertprozess wird nun wohl erst 2013 richtig starten; er Königin Elizabeth II. soll mehrere Jahre dauern. Ob er dann noch gegen alle fünf Angeklagten gleichzeitig geführt wird, ist ungewiss. Militärrichter James Pohl deutete an, er wolle die Verfahren möglicherweise POLEN ma dieser Fehler, als er dem polni- trennen, da eine gemeinsame Beweis- schen Widerstandskämpfer Jan Karski erhebung zu kompliziert werde. Gekränkte Opfer die „Medal of Freedom“ verlieh. Kars- ki hatte sich 1942 in ein Deportations- lager einschleusen lassen und derGenau 199 Beschwerdebriefe an Zei- Welt einen der ersten Augenzeugen- ZAHL DER WOCHEtungen und Sender weltweit verschick-berichte vom Holocaust geliefert. Inte das Außenministerium in den ver-seiner Laudatio sprach nun auch Oba-gangenen drei Jahren, um sich gegeneine besonders ärgerliche Form von ma von einem „polnischen Todes- lager“. Die Regierung in Warschau 12 000 000 000Geschichtsklitterung zu wehren.reagierte entrüstet. Offenbar sei vie-PatronenTatsächlich werden immer wieder For- len Zeitgenossen unbekannt, welchemulierungen wie „polnisches Kon- Verbrechen die Nazis an der polni-werden pro Jahr produziert – genug,zentrationslager“ benutzt, wennschen Zivilbevölkerung begangen ha- um die Menschheit fast zweimaleigentlich ein deutsches KZ im besetz- ben. Spätestens wenn die Kriegsgene-auszulöschen. Im Juli will die Uno inten Polen gemeint ist. Unter den ration ausgestorben sei, so wird in New York ein internationalesGerügten sind die „New York Times“,Warschau befürchtet, werde in Verges- Kontrollabkommen beschließen, das„The Economist“, „Haaretz“, diesenheit geraten, dass die Polen in ers- auch den Munitionshandel„Süddeutsche Zeitung“, aber auch der ter Linie Opfer waren. Das Weißeregelt. Drei Länder sind dagegen:SPIEGEL. Vergangene Woche unter- Haus hat mittlerweile einen Entschul- Ägypten, die USA und Syrien.lief selbst US-Präsident Barack Oba- digungsbrief geschickt. D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 291
  • 69. AuslandAFPGetötetes Kind in Hula: „Wir haben die Uno-Beobachter während des Massakers gerufen, aber sie haben sich geweigert zu kommen“ SYRIEN Faustischer Pakt Dem bedrängten Assad-Clan bleibt einzig die Flucht nach vorn: Sieg über die Opposition. Um den zu erreichen, setzt der Staatschef auf eine erprobte Mördertruppe – die „Schabiha“, Geister, denen kein Auftrag zu blutig ist.Die Metaphern drängten sich gera- die meisten von Todesschwadronen ausAnnan sprach von einem „Wendepunkt“,dezu auf, als die Bilder und De- umliegenden Dörfern, deren Schergen ih- der neugewählte französische Präsidenttails bekannt wurden vom Massa-ren Nachbarn mit Messern die KehleFrançois Hollande forderte gleich eineker im westsyrischen Hula: My Lai, Sre-durchschnitten oder sie aus nächster Nähe Militärintervention.brenica, Ruanda wurden bemüht als Em-exekutierten.Langsam begreifen Europa, die USA,bleme des Grauens. Mehr als hundertDie Welt war entsetzt. Sogar Chinavielleicht auch Kofi Annan: Es wird kei-Menschen, davon die Hälfte Kinder undund Russland, die treuen Verbündetennen Kompromiss mit Baschar al-Assadein Drittel Frauen waren am Abend desdes syrischen Systems, stimmten einer Er- geben, weil es keinen geben kann. Weil25. Mai nach dem Freitagsgebet im Orts-klärung des Uno-Sicherheitsrats zu, die jene Phase, als die Demonstranten nochteil Taldu umgebracht worden, manche das Massaker verurteilte, ohne freilich friedlich aufmarschierten und Verhand-vom stundenlangen Beschuss durch Pan-die Täter zu nennen. Auch der stets zu- lungen, Übergangsregierungen, Kompro-zer und Geschütze der syrischen Armee, rückhaltende Uno-Sondergesandte Kofimisse möglich waren, nach mehr als92 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 70. 10 000 Toten und Zehntausenden Gefol-terten unwiderruflich vorbei ist. Als das Regime seinen Abgang hätteverhandeln können, wollte es nicht. Nunkann es nicht mehr. Jedes Anzeichen vonSchwäche würde seinen Sturz bedeuten. Nicht der Umstand, dass das Regime Zi-vilisten massakrieren lässt, um sich zu ret-ten, hat diese Erkenntnis befördert, solcheBlutbäder hat es schon früher gegeben: InHoms verschwanden im April vergange-nen Jahres über 60 Menschen spurlos,nachdem Regierungstruppen ein friedli-ches Sit-in niederwalzten. Im Südostenvon Homs wurden im Januar mehrere Fa-milien auf ähnliche Art wie in Hula mas-sakriert. Als Wochen später der zuvor inTrümmer geschossene Stadtteil Bab Amrvon Regimeeinheiten eingenommen wur-de, berichteten Zeugen von Massenexeku-tionen jener, die nicht geflohen waren. Neu war diesmal allerdings, dass nurStunden nach der Tötungsorgie, am Sams-tagvormittag, ein Team von Uno-Beob-achtern es schaffte, nach Hula zu kom-men: die Leichen zu sehen, sie zu zählenund zu bezeugen, was Überlebende denBeobachtern berichteten und was die Spu-ren der Panzer verrieten. „Die Beweislageist mitnichten unklar“, sagte DeutschlandsUno-Botschafter Peter Wittig, „es gibt kla-re Belege für die Täterschaft der Regie-rung an diesem Massaker.“ Lagen bei frü-heren Massakern nur Berichte der syri-schen Opposition und Videoaufnahmenvor, die nicht überprüft werden konnten,so sah die Lage diesmal anders aus. Im Scheitern, so scheint es, entfaltetdie Uno-Mission ihre Wirkung. Die APknapp 300 unbewaffneten BeobachterSchabiha-Trupp in Damaskus, Gesprächspartner Annan, Assad*: „Verflucht sei die Mission“können unmöglich eine nicht wirklichexistierende Waffenruhe überwachen, dieAuf jeden Fall zogen daraufhin bewaff- um Raum wurde durchkämmt, jeder um-bis Ende vergangener Woche über 2000nete Rebellen der Freien Syrischen Ar-gebracht, manche mit Messern, mancheOpfer zugelassen hat (siehe Grafik Seitemee, FSA, los, um die Stützpunkte der erschossen. Bis in die Morgenstunden94). Sie können das Geschehen nicht ver-Assad-Truppen außerhalb von Hula an-währte das Morden. Als die Uno-Beob-hindern, wohl aber seine Vertuschung. zugreifen. Ob sie vor dem Panzerbe- achter kamen, fanden sie in jenen Dör-Das ist nicht viel und den aufgebrachtenschuss zurückwichen oder sich in dem un-fern, die von Regimetruppen kontrolliertSyrern viel zu wenig, die Bilder von Kofi übersichtlichen Gelände versteckt hielten,werden, nur noch Tote. Die Überleben-Annan verbrannten. „Wir haben die Be- ist unklar. Auf jeden Fall waren nur noch den hatten sich in Ortsteile geflüchtet, dieobachter während des Massakers geru-wenige Männer im Ortsteil Taldu, als dervon der FSA gehalten werden, wo sie diefen“, wurde ein Mann aus Hula zitiert,schwere Beschuss am Nachmittag stopptegeborgenen Leichen auf Matten in derder sich Abu Emad nennt, „aber sie ha-und danach Bewaffnete kamen.Moschee betteten, filmten und beerdig-ben sich geweigert zu kommen und das Die Männer, teils in Zivil, teils in Ar- ten.Morden zu stoppen. Verflucht seien sie, meeuniformen, zogen von Haus zu Haus,Das Massaker konnte die Führung inverflucht sei die ganze Mission!“ berichteten Überlebende wie etwa derDamaskus nicht leugnen. Aber Außenmi- Sie kamen – zu spät, aber sie kamen. elfjährige Ali gegenüber dem Sender nisteriumssprecher Dschihad Makdissi er- Nach weitgehend übereinstimmendenCBS: „Zu uns kamen sie nachts, holten klärte umgehend „bewaffnete Terroris-Aussagen Überlebender und den Ermitt- erst meinen Vater und meinen ältesten ten“ und „Islamisten“ für die Täter – wielungen der Uno-Beobachter sowie der un- Bruder heraus. Meine Mutter schrie, war-immer. Moskau, dessen eiserne Blockadeabhängigen Menschenrechtsorganisation um tut ihr das? Dann erschossen sie beide.bislang jede Verurteilung Syriens im Welt-Human Rights Watch hatten am Mittag Danach meine Mutter. Dann kam einer sicherheitsrat verhindert hat, versuchtedes 25. Mai die Menschen aus Ortsteilen der Männer mit einer Taschenlampe, sahsich auf dem Basar der Schuldzuweisun-von Hula nach dem Freitagsgebet fried-meine Schwester Rascha. Er schoss ihr ingen mit einem bizarren Handel: Der Pan-lich für den Sturz des Regimes demon- den Kopf.“ Ali versteckte sich mit seinen zer- und Mörserbeschuss, so Außenminis-striert, als Beschuss erst durch Panzer,zwei kleinen Brüdern, der Mann sah sie, ter Sergej Lawrow, gehe wohl auf Kostendann durch schwere Artilleriegeschützeerschoss auch sie, aber verfehlte Ali.des Regimes. Aber die bestialischen Mor-einsetzte. Andere Zeugen gaben an, dassAndere Überlebende, die sich versteck-Soldaten zuvor direkt auf Demonstranten ten oder tot stellten, erzählten den stets* Oben: am 14. August 2011 vor der Hassan-Moschee;gefeuert hätten.gleichen Ablauf: Haus um Haus, Raum unten: am vergangenen Dienstag in Damaskus.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 293
  • 71. Auslandde wurden, so Alexej Puschkow, Vorsit- verfügten über immense Mengen Spreng- die regulären Truppen ein und vertreibenzender des Parlamentsausschusses für In- stoff, kamen problemlos damit durch alle oder erschießen die letzten Rebellen.ternationale Angelegenheiten, „definitiv Kontrollposten – und detonierten ihre Dann erst kommen jene Helfer, die dasvon der anderen Seite begangen“.Sprengsätze dann vor zumeist leeren Ge- Regime rief und die es immer weniger Igor Pankin, Russlands Vize-Uno-Bot- bäuden. Die Totenzahlen wurden vom kontrollieren kann: die Schabiha, dieschafter, sekundierte: „Wir können uns Regime herausgegeben, die veröffentlich- Geister.nicht vorstellen, dass es im Interesse der ten Listen des ersten Anschlags am 23.Was früher einmal Schlägertrupps undsyrischen Regierung ist, den Besuch des Dezember enthielten die Namen von Schmugglergruppen aus den Hügeln rundSonderbeauftragten Kofi Annan in Da- Männern, die bereits zuvor andernorts um Latakia waren, der Heimat des Assad-maskus zu sabotieren.“ Womit er recht gestorben waren. Bei der pompösen Be- Clans, ist ein vieltausendköpfiges Heerhat: Ein Massaker an Kindern ist nach stattungsfeier in der Umajjaden-Moschee aus Freischärlern geworden. Die BandenPR-Maßgaben dem Assad-Regime nicht klebten dann lauter Zettel „anonymer werden unterstützt von den Nutznießerndienlich. Unrecht hatte er dennoch und Märtyrer“ an den Särgen. Als am 9. Mai des Regimes, jenen, die bei der Errichtungbrachte unfreiwillig Russlands wachsende eine Bombe in der Nähe des Konvois von einer marktwirtschaftlichen Fassade fürFrustration mit seinem Verbündeten auf Uno-Missionschef Robert Mood explo- das Land am meisten profitiert und nunden Punkt: Denn Syriens Führung tut dierte, waren die Fahrzeuge zuvor an ei- am meisten zu verlieren haben. Es ist einschon lange nicht mehr, was im Sinne ei- nem Militärcheckpoint just so lange auf- faustischer Pakt: Solange sie loyal zu As-ner politischen Lösung der Krise klug gehalten worden, dass sie zum Zeitpunkt sad sind, dürfen sie morden, plündern,wäre zu tun.der Detonation in der Nähe waren.vergewaltigen. Wie in Hula, wo die Scha- Indem sie nach und nachbiha aus den südlichen Nach-ihre Macht auf die alawitischebardörfern kamen.Minderheit, welcher der Assad- Töten ohne Ende Opfer in den syrischen ProvinzenErkennbar war das WirkenClan entstammt, konzentriertTÜRKEIdieser Gespenster schon im Au-hat, schürt sie einen Konfes- gust 2011 in der Hauptstadt Da-sionskampf gegen die sunniti-57 maskus. Jeden Abend währendsche Mehrheit, den sie zu ver-Aleppo 528Hasakades Fastenmonats Ramadan276859hindern vorgibt. Nun hat Assad Aleppo standen sie zu Dutzenden vor Rakkasich in eine Ecke manövriert, den Moscheen sunnitischeraus der er nur einen Ausweg252557 Viertel, bereit, jeden niederzu-kennt: Sieg. Weshalb auch der knüppeln und zu verschleppen,neueste Vorschlag aus Berlin 1791 der beim Herauskommen nachDeir al-Sorund Washington, es doch mitTartus dem Gebet sein Wort gegen dasHomsder „jemenitischen Lösung“ zu Regime erhob. Gegen 20 UhrHoms6256versuchen, Baschar al-Assad LIBANON kamen sie in Schwärmen ausabzusetzen und das Regime zuerhalten, nicht klappen wird. 340SY RI E N 2122seit Kofi AnnansToteden Quartieren der Geheim-dienste, wurden in requiriertenDas Regime setzt ausschließ-Friedensplan vomNahverkehrsbussen zu ihrenDamaskus12. April 2012lich auf Gewalt, begleitet von Kunaitra Einsatzorten gefahren und lau-einer monströsen Propaganda- IRAK Quelle:Database, Syrian Revolutionerten dort, bis sich die Beten-MartyrInszenierung, nach der auslän- Suwaida138430. Mai 2012den nach dem Verlassen derdische Terroristen und al-Qaida1532 100 kmMoscheen verliefen.hinter dem Aufstand steckten.Es sind Kriminelle, Tagelöh-JORDANIEN Diese konspirative Manie ist ner, die meisten Alawiten, abernicht neu: Schon ab 2003 orga-es sind auch Kurden der PKKnisierten die Geheimdienste den Transfer Konspirative Gewalt gehört in Syrien darunter, Angehörige regimeloyaler sun-von Dschihadisten aus Saudi-Arabien, Li- zum Überlebensprinzip des Regimes. Die- nitischer Clans aus Aleppo, vereinzeltbyen, Kuwait über die syrische Grenze in ser paranoide Zug erklärt sich aus seiner Christen. Die Schattentruppe eines Re-den Irak, um den Amerikanern jedweden Geschichte: Als der Luftwaffengeneral gimes, das seiner eigenen Armee nichtAppetit auf den angedrohten Regime- a. D. Hafis al-Assad im November 1970 mehr traut – sondern ein Monster geschaf-wechsel auch in Damaskus zu nehmen – mit kalter Brillanz putschte, brachte der fen hat, das sich verselbständigt und denwährend sich das Regime gleichzeitig als Senior damit seine Familie, seinen Clan, syrischen Staat untergräbt lange vor einerBollwerk im Kampf gegen al-Qaida emp- letztlich die kleine, jahrhundertelang de- militärischen Niederlage.fahl. Später festgenommene Ausländer klassierte Minderheit der Alawiten an die Der Autor Jassin al-Hadsch Salihberichteten, wie sie in Homs in Lagern Macht – die es fortan um jeden Preis ge- schrieb vor Monaten aus dem Untergrundder Geheimdienste auf ihren Transfer ge- gen alle demografische Unterlegenheit zu in Damaskus: „Selbst wenn das Regimewartet hatten.verteidigen galt.die Konfrontation mit den Aufständischen Auch als Anfang 2006 mehrere skandi-Die Illusion von einem Staat, der an- gewinnt, wird das künftige System ein Re-navische Botschaften nach dem Karika- geblich sogar Reformen will, versucht As- gime der Mafia sein.“ Eine Herrschaft ma-turenstreit in Damaskus angeblich vom sad junior aufrechtzuerhalten. Er ließ vor rodierender Banden, getrieben von Gierislamistischen Mob verwüstet wurden, Monaten ein Referendum abhalten, um und Angst vor Vergeltung, die mit jederhatte das Regime die Männer geschickt die jahrzehntelang zementierte Vormacht Welle des Mordens berechtigter wird.und vorsorglich noch die Wachen vor der Baath-Partei zu beenden, inszeniertedem Haus eines Generals neben der nor- vor Wochen noch Parlamentswahlen –wegischen Botschaft abgezogen. Nach und lässt mit dem Massaker von Hula allVideo:den schweren Sprengstoffanschlägen der dies bedenkenlos wieder einreißen.Warum eine Invasionvergangenen Monate in Damaskus, Alep-Was dort geschah, folgte dem Muster Syriens so schwierig istpo und Deir al-Sor gibt es keine Beweise früherer Angriffe etwa in Homs: Erst wird Für Smartphone-Benutzer:für die Urheberschaft des Regimes, aber mit Panzern und Artillerie aus großer Ent- Bildcode scannen, etwa mitreihenweise Merkwürdigkeiten: Die Täter fernung geschossen. Anschließend rollender App „Scanlife“.94 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 72. AuslandE S S AYAssads willige Helfer Warum die Welt beim Morden in Syrien zum Zuschauen verurteilt istVon Ullrich FichtnerI. Von Rechts wegen müsste das Morden in Syrien seit gutLuftwaffe und Artillerie zerstörten große Teile der Altstadt, sechs Wochen vorüber sein. Baschar al-Assad, Präsident es wurden Menschen verschleppt, gefoltert, und vor allem wur-seines uralten, binnen 15 Monaten zertrümmerten Landes, de gemordet: Bis zu 30 000 Menschen sollen umgebracht wor-hätte am 10. April den Rückzug seiner Truppen befehlen und den sein, um jeden Ansatz einer Rebellion zu ersticken und48 Stunden später eine Waffenruhe mit den Rebellen beginnen allen Untertanen im Land die Botschaft zukommen zu lassen,müssen. Darauf verpflichtete ihn der Sechs-Punkte-Plan des dass Widerstand in Syrien sinnlos sei.Uno-Unterhändlers Kofi Annan, dem Assad nach zwei WochenBis heute sind die genauen Umstände dieses Massakers nichtBedenkzeit am 27. März zugestimmt hatte. Der Plan redete aufgeklärt, aber es ist gewiss nicht falsch zu sagen, dass dasvom sofortigen Stopp aller Kampf-heutige Syrien damals seinen bru-handlungen, vom Fortschritt zumtalen Gründungsakt erlebte. DerFrieden – und er war weiterhin inAssad-Clan stabilisierte sich in denKraft, als am 25. Mai Todesschwa-Folgejahren, und das Massaker vondronen durch die bei Homs gelege-Hama wurde der syrischen Elitene Ortschaft Hula zogen, um dort zum Muster dafür, wie mit Gegnernein Massaker anzurichten, dessen umzuspringen sei.Details Bilder der Hölle heraufbe-schwören. Kaum jemand am Sitz der Unoin New York hat Zweifel daran, dassIII. Wie mit ruchlosen Regimenumzugehen wäre, dafür gibt es so klare Muster nicht. Dassdieses Massaker auf Assads Konto die Welt nichts versucht hätte, dieund das seiner Schabiha-MilizenGewalt in Syrien aufzuhalten, ist SHAAM NEWS / AFPgeht; kaum eine Regierung auf derein falscher Eindruck. Schon vor derWelt glaubt die Lügengeschichte derspektakulären Aktion von vorigersyrischen Regierung, hier seienWoche, die syrischen Botschafter„ausländische Kräfte“ am Werk ge-aus einem Dutzend großer Haupt-wesen, Terroristen, al-Qaida. As-Kinderleichname in Hula städte auszuweisen, waren die Ara-sads Clan, so viel ist jetzt klar, willbische Liga, die Europäische Union,die Macht im Land nicht aufgeben, Assads Opfer werden mit rus- der Uno-Sicherheitsrat, die Uno-und sei es um den Preis, das eigeneVollversammlung, der Uno-Sonder-Volk umbringen zu müssen.sischen Waffen, mit russischembeauftragte Annan und nicht zuletzt Die zugehörigen Fragen aller-Kriegsgerät umgebracht.Uno-Generalsekretär Ban Ki Moondings sind schneller gestellt als be-geradezu fieberhaft darum bemüht,antwortet: Wieso unternimmt diedas Morden zu stoppen.Welt nichts, um den Amoklauf des syrischen Regimes zu stop- Seit Monaten gibt es immer neue Anläufe, scharfe Resolu-pen? Warum steigen über Syrien nicht Kampfflugzeuge der tionen und Sanktionen gegen Syrien auf den Weg zu bringen.Nato auf, wie über Libyen? Warum werden nicht wenigstens Vielstimmig haben Regierungen in aller Welt, auch der arabi-die Rebellen mit Waffen versorgt, um sich wehren zu können? schen, das Treiben der Assad-Regierung verurteilt – und manUnd: Was taugt die Arbeit dieses Uno-Sicherheitsrats, wenn mag all das, angesichts ausbleibender Erfolge, für leeres Ge-er stets dann handlungsunfähig wird, sobald es für die großen fuchtel halten. Aber nur so kann Weltpolitik auf zivile WeiseMächte ans Eingemachte geht?vonstattengehen, so wird am großen Rad der Diplomatie ge-dreht, mit Erklärungen, Textentwürfen, Debatten, weil andern-II.Geschichte speist sich aus Geschichten, und wo von alten falls immer nur der Krieg als erstes Mittel zur Verfügung stünde Völkern die Rede ist, liegt ein dichtes Gespinst aus Le- und also weiterhin das Faustrecht gälte.genden und Erfahrungen über allem. Syrien schaut auf mehr Das Schlimme ist nur: Syrien lehrt auch, dass das Faustrechtals zehn Jahrtausende zurück, Bücher wären zu schreiben, um fortlebt. Dass es immer wiederkehren will, dass es nie ver-dem gerecht zu werden, aber selbst dann müsste einem ein- schwindet, sondern aufgehoben bleibt, bei Bedarf beanspruchtschneidenden kollektiven Erlebnis von vor 30 Jahren ein eige- von despotischen Regimen, die sich einen Dreck scheren umnes Kapitel gewidmet sein.Menschenrechte und Zivilität. Und Syrien lehrt, dass sich die Im Februar 1982 verteidigte sich das Assad-Regime, damals Völker der Welt über Fragen des Faustrechts auch im 21. Jahr-noch geführt von Hafis al-Assad, dem Vater des heutigen Prä- hundert höchst uneins sind, womöglich ist sogar ein neuer Ost-sidenten, gegen Umtriebe der Muslimbruderschaft in der alten West-Konflikt im Gange, denn: Wenn Assad und die Seinen inStadt Hama. Zunächst wurden ausländische Beobachter des diesen Wochen weiter morden können, dann sind dafür dieLandes verwiesen, die Journalisten zuerst, dann, am 2. des Regierungen Russlands und Chinas entscheidend verant-Monats, rückte die Armee gegen Hama vor.wortlich.96 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 73. Vor allem die Moskauer Regierung, die als Putin-Regime schloss. Aber dies ist eine weitere dramatische Erkenntnis ausauch nicht falsch bezeichnet wäre, hätte es in der Hand, die den Vorgängen in Syrien: Zum Erbe des mit Lügen begründetenMörder in Damaskus aufzuhalten. Ehemalige Botschafter in Irak-Einmarsches gehört, dass die US-Politik keine Autoritätder Region sind sich sicher, dass Assad sofort fallen würde, mehr besitzt, im Nahen Osten als Ordnungsmacht aufzutreten.wenn ihm Russland die Unterstützung entzöge. Assads OpferEinen von der Uno, der Nato oder dem Westen angeführtenwerden mit russischen Waffen, mit russischem Kriegsgerät, mit Militäreinsatz gegen das syrische Regime wird es deshalb nichtrussischer Munition umgebracht. Und die Frachtschiffe, die geben, und das ist in diesem Fall, ganz anders als im Fall Libyen,das Material bringen, fahren auch jetzt, sie fuhren weiter nach auch gut so. So verständlich der Antrieb ist, Mörder zur Re-dem Massaker von Hula, an Bord auch Russlands Schande.chenschaft zu ziehen, so quälend die Bilder und Nachrichten In Kommentaren ist jetzt oft zu lesen, es bestünden zwischen sind, so erschütternd die Hilferufe aus Syrien, so verrückt istMoskau und Damaskus alte Beziehungen, aber hinter dieser doch auch die Idee, in diesem blutigen Chaos ausgerechnetgemütlich klingenden Floskel stecken ganz handfeste Interessen. mit noch mehr Waffen Frieden schaffen zu können.Russland unterhält in Tartus seinen einzigen MarinestützpunktAuch wer glaubt, die Rebellen bewaffnen zu sollen, riskiertam Mittelmeer. Es mag wie ein Raunen aus fernen Zeiten des ein noch größeres Unheil, einen Vergeltungskrieg der sunniti-Kalten Krieges klingen, wenn von der Wichtigkeit eines „eis- schen Mehrheit gegen den Militärapparat und die Granden derfreien“ Hafens die Rede ist; aber dieses Interesse, schon zu alawitischen Regierungsclique. Die Christen im Land würdenSowjetzeiten jahrzehntelang strategisch verfolgt, bleibt auch mitmischen müssen, die drusische Minderheit, und bald würdefür das heutige Russland höchst bedeutsam.das libanesische Szenario der achtziger Jahre neuerlich aktuell, Nicht zufällig fand in diesem Winter ein Marinemanöver der Horror von Beirut, das Auge-um-Auge im Kleinkrieg bru-der russischen Seekriegsflotte in den Gewässern vor Syrien taler Milizen. Und dass dieser Bürgerkrieg an den syrischenstatt, nicht zufällig kreuzte der Flugzeugträger „Admiral Kusne- Grenzen haltmachte, wäre unwahrscheinlich. Der Libanon ge-zow“ vor Tartus. Es ging um eine klassische Demonstration riete ins Schussfeld, Jordanien könnte schnell betroffen sein,militärischer Stärke, so als hätten sie im Kreml falsche Schub- die große Türkei, das Nato-Mitglied, müsste sich rühren, alleinladen aus den fünfziger Jahren auf-schon, um den Anspruch als Regio-gezogen. nalmacht zu unterstreichen. Für Russland steht mehr auf demEs ist leider wahrscheinlich, dassSpiel als dieser Hafen im Mittelmeer.dieses Szenario ohnehin bevorsteht,Es geht auch um mehr als den ganz gleich, wie sich der Rest derSchutz eines sehr guten Rüstungs-Welt zu Syrien verhält. Tatsächlichkunden oder um die gemeinsamescheint Assad seinem Land nur dieErschließung eines syrischen Öl- Wahl zwischen Friedhofsruhe undfeldes. Moskau kämpft, nach demBürgerkrieg lassen zu wollen. Schonarabischen Frühling, in dessen Wir-häufen sich Berichte, dass Iran mitbeln viel Einfluss verlorenging, bewaffneten Truppen in Syrien mit-„buchstäblich um seinen letzten An-mischt, dass Saudi-Arabien die XINHUA / ACTION PRESSkerplatz im Herzen des Nahen Os- Opposition mit Waffen belieferntens“, wie ein Uno-Botschafter aus will oder schon beliefert. Es fühltdem Sicherheitsrat sagt. sich an, als seien Vorbereitungen für Ein Blick auf die Landkarte hilft.einen Stellvertreterkrieg auf syri-Syrien hat im Süden Israel, Jorda- schem Boden im Gang – und dasnien und den Libanon als Nachbarn,Abstimmung im Weltsicherheitsrat wäre für die Zivilbevölkerung dasim Osten den Irak, im Norden die finsterste Szenario. Und für die gan-Türkei. Mit all diesen Ländern ist Sy-Einen von der Uno angeführtenze Welt ein schlimmer Rückschlag.rien eng verbunden oder wenigstens Militäreinsatz wird es nichttief verstrickt, mit keinem dieser Län-der kann sich Russland eng verbün-det wähnen. Überdies ist die Region, geben, und das ist auch gut so. V. Die Arbeit der Diplomaten muss weitergehen, trotz allem. Gegen Syrien ist aufgrund russi-wenn man so will, der Balkan des scher und chinesischer Blockaden21. Jahrhunderts. Wenn hier heute eine Lunte Feuer fängt, weiß noch nicht einmal ein umfassendes Waffenembargo verhängt.niemand, was am Ende alles in die Luft fliegt. Und dieser Um- Keine der vielen möglichen Sanktionen nach Kapitel VII derstand erklärt, neben Russlands und Chinas Sonderrollen, die Uno-Charta ist auf den Weg gebracht, das ist angesichts derzweite Bremse gegen ein „robustes“ Eingreifen in Syrien.immer neuen Gewaltausbrüche unerträglich. Der Schlüssel zur Lösung liegt aber in Russland. Das klingtIV.Hemdsärmelig wie eh meldeten sich konservative US- wieder wie ein Satz aus vergangenen Zeiten, aber er ist aktuell. Politiker zu Wort und forderten, wie der einstige Präsi- Die Regierung in Moskau hat die Gewalt, Assad zu stoppendentschaftskandidat und Vietnam-Veteran John McCain, „Flug- und einen Bürgerkrieg vielleicht gerade noch zu verhindern,verbotszonen“ in Syrien. Der aktuelle Bewerber Mitt Romney und sie muss mit aller zivilen Macht gezwungen werden, dieseverlangte noch vergangene Woche wahlkampftauglich zumin- Gewalt auszuüben. Es kann nicht sein, dass aufgrund geopoli-dest die Bewaffnung der Opposition. Aber beide wirken mit tischer Denkmuster aus dem 19. Jahrhundert Frauen und Kin-ihrem simplen Geschwafel so unzeitgemäß wie die Russen, die der im 21. Jahrhundert massakriert werden.sich wie alte Sowjets gebärden.Vergangene Woche war Wladimir Putin, von dem man gar Es ist, als hätten ausgerechnet diese beiden Amerikaner nicht nicht mehr weiß, ob er sich gerade zum Präsidenten oder zumbemerkt, dass gleich neben Syrien gerade ein Krieg durch den Premierminister hat wählen lassen, erst in Berlin, danach inIrak gerollt ist, der das Ansehen der USA ruiniert hat. So gründ- Paris. Seine Kollegen dort, das wäre ein Anfang und ein starkeslich ruiniert, dass Amerika im Nahen Osten keine Lösungen Zeichen gewesen, hätten ihn ausschließlich in Gespräche übermehr vorzuschlagen hat, sondern selbst Teil des Problems ge- Syrien zwingen sollen, immer wieder Syrien, über das Morden,worden ist. Iran, Israel, Syrien, Irak – nirgends ist Amerika im- über die Möglichkeiten, die Gewalt zu stoppen. Sie haben esstande, vernünftige Abkommen auf den Weg zu bringen, was natürlich nicht getan, Syrien war nur ein Thema unter vielen.seine Rolle als führende Weltmacht früher doch einmal ein- Alles andere wäre zu undiplomatisch gewesen. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 97
  • 74. Ausland tapultiert wurde, einen Kulturschock er- lebt hat. Irgendwo zwischen Osten undGRIECHENLAND Westen, antiker Glorie und heutiger Ar- „Wir denken mit dem Gemüt“ mut, zwischen Orthodoxie und Aufklä- rung hat er ein Identitätsproblem. Das ist es, was ihn bis heute verunsichert und beunruhigt. Er fühlt sich immer bedroht. SPIEGEL: Heißt das, die Griechen sind nie Der Schriftsteller Nikos Dimou beschreibt den richtig in Europa angekommen? Seelenzustand seiner Landsleute und spricht über die eigene Dimou: Sie waren lange nicht frei, waren Teil eines multinationalen Reiches, in Angst, aus Europa verbannt zu werden. dem es verschiedene Sprachen gab. Dann lebten sie 500 Jahre unter der Herrschaft der Türken. Und mussten danach auf ein- mal Europäer werden, alle Institutionen wurden importiert. Und deshalb hat der Grieche bis heute keine gute Beziehung zu seinem Staat. SPIEGEL: Warum ist das alles so wichtig? Dimou: Es ist wichtig, wenn man mit den Griechen zusammenarbeiten oder aber ihr Land reformieren will. Dann muss man wissen, welch tiefverwurzelten Ängste die griechische Seele quälen. Und ich glaube, dass sie gerade, wenn es eine Krisensituation wie die jetzige gibt, wie- der zum Vorschein kommen. Dann sehen die traditionell gastfreundlichen Griechen andere auf einmal als Feinde an, die ih- nen ihre Seele stehlen wollen. SPIEGEL: Glauben Sie, dass diese Mischung aus Verunsicherung und Aggression zu dem Wahlergebnis vom 6. Mai führte? Dimou: Ja, ganz sicher. Aber es hängt auch damit zusammen, dass die Griechen in der Politik ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Nehmen Sie den Chef des Links- NIKOS PILOS / DER SPIEGEL bündnisses Syriza, Alexis Tsipras: Er ist jung, er sieht gut aus, er ist optimistisch. Man glaubt, mit ihm könne einem nichts Schlechtes passieren, weil er ja so zuver- sichtlich ist. Dabei wissen alle, dass auchPhilosoph Dimou: „Der Grieche hat ein Identitätsproblem“ Tsipras nicht zaubern kann. Trotzdem haben sie ihn gewählt, aus einem GefühlDimou, 76, schrieb schon vor 37 Jahren mehr sicher, das liegt zum Teil in ihrerheraus. Ich hoffe, dass die Parlaments-„Über das Unglück, ein Grieche zu sein“, Geschichte begründet. Sie haben ja viel wahl am 17. Juni rationaler ausfallen wird.so der Titel seines 1975 erschienenen Apho- gelitten. Aber Unsicherheit führt auch zuSPIEGEL: Im Moment sieht es aber nichtrismenbands. Bereits damals stellte er fest, Aggressionen. Wir Griechen lieben Ver-gerade danach aus.der Grieche tue alles, „was er kann, um schwörungstheorien: Sie erklären und un- Dimou: Bei der Wahl im Mai haben sichdie Kluft zwischen Wunsch und Wirklich- termauern unsere Unsicherheit irgendwie. 35 Prozent der Griechen enthalten, 19keit zu vergrößern“. Zum Gespräch emp- Deshalb denken wir nicht nur mit demProzent gingen an kleine Parteien, die esfängt er in seiner Athener Wohnung, im Kopf und dem Verstand, sondern auch nicht ins Parlament geschafft haben.Botschaftsviertel der Stadt mitten im Grü- mit dem Gemüt. Sie müssen immer be- Macht zusammen unberechenbare 54nen gelegen. Es riecht nach Jasmin, drau- denken, dass die Griechen schon in der Prozent. Und ich setze darauf, dass vieleßen läuft der Rasensprenger, auf dem Sofa Antike von den ägyptischen Weisen alsLeute nun einen kühleren Kopf haben.schläft Dimous dreibeinige Katze Azurro. „Kinder“ bezeichnet wurden. Aber dieseTsipras wird zwar noch mehr StimmenDimou, der auch in München studiert hat, Unreife hat auch eine Art Schönheit.bekommen, aber nicht genug, um eineserviert Kaffee und Kuchen, obwohl er sich SPIEGEL: Und Sie glauben tatsächlich, die Regierung zu bilden. Und dann könntegerade sehr über den SPIEGEL geärgert griechische Geschichte bestimme bis heu- es doch zu einer Koalition der Pro-Euro-hat. Das „Akropolis adieu!“-Titelbild hat te das Verhalten Ihrer Landsleute, geradeParteien kommen: der Nea Dimokratia,ihn, wie viele Griechen, verletzt. jetzt in der Krise? der Pasok und kleineren Parteien. Dimou: Ja, sicherlich, die Neu-Griechen SPIEGEL: Ist den Griechen bewusst, dassSPIEGEL: Herr Dimou, Sie haben sich mit werden immer unter dem leiden, was die diese Wahl auch ein Votum für oder ge-der Seele der Griechen beschäftigt wie alten Griechen geschaffen haben, denn gen den Euro sein wird?kaum ein anderer, Sie haben sie geradezu sie können es weder vergessen noch über-Dimou: Wenn wir die Sparvorgaben nichtseziert. Wie steht es um die griechische treffen. Meine These ist, dass der Griecheerfüllen, dann verlieren wir auch dieSeele heute? durch die Tatsache, dass er im 19. Jahr-Währung. Das eine geht nicht ohne dasDimou: Das vorherrschende Gefühl ist Un- hundert innerhalb weniger Jahre vom andere. Ich hoffe, dass das viele nach-sicherheit. Die Griechen fühlen sich nicht feudalen Zustand in die Modernität ka-denklich macht. Diese Wahl ist nicht eine98D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 75. Diese Angela Merkel, dieser Schäuble, warum haben sie uns das bloß angetan? Ich frage dann zurück: „Was hat die Mer- kel mit uns zu tun? Nichts. Wir haben Schulden gemacht und die Europäer um Hilfe gebeten. Deshalb sind sie hier.“ Dann antworten meine Gesprächs- partner in der Regel, die Euro- päer würden gut daran verdie- nen, oder es handle sich um eine Verschwörung der Banken oder des Weltkapitalismus ge- gen Griechenland. SPIEGEL: Das könnte, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, einem anderen griechischen Wesens- zug entsprechen, dem der Übertreibung. Dimou: Genau, wir leben gern über unsere Verhältnisse. Wenn Sie „Alexis Sorbas“ lesen, se- hen Sie diese Lust zu leben: Wir wollen alles haben, alles genie- ßen. Der Wesenszug der Über- treibung geht eng einher mit dem der Verdrängung. Grie- chenland ist nicht nur die Hei- mat der Demokratie, sondern auch die der Tragödie. Und der tragische Held ist der Mensch, der übertreibt und gegen die Weltordnung verstößt. SPIEGEL: Können Deutsche und Griechen sich jemals verstehen, wenn sie so unterschiedlich sind?KOSTAS TSIRONIS / AP Dimou: Das können sie, wenn sie einander ergänzen. Der Grie- che braucht den Deutschen, weil der Dinge kann, die erZeremonie zur Übergabe des Olympischen Feuers*: „Griechenland ist die Heimat der Tragödie“ nicht kann, und der Deutsche braucht den Griechen, weil erzwischen der Rechten und der Linken, habe mich immer als Europäer gefühlt, diese Lust am Leben hat, die den Deut-sondern eine zwischen Euro und Drach- ein Europäer, der aus Griechenland schen glücklich macht.me. Wenn das von den Parteien so kom- stammt. Nach Ihrem Titelbild hatte ich SPIEGEL: Was haben die Deutschen ausmuniziert würde, stünde ihr Ausgang das Gefühl, ich befinde mich auf einem heutiger Sicht bei dem Rettungsversuchschon jetzt fest: 78 bis 81 Prozent aller Schiff, das sich vom Ufer entfernt, und Griechenlands falsch gemacht?Griechen sind für den Erhalt des Euro. Europa verschwindet langsam, aber si- Dimou: Zunächst einmal: Die größteAber leider kommt nicht nur das Wort cher am Horizont, ich werde verbannt.Schuld liegt bei den griechischen Politi-Demokratie aus dem Griechischen, son- SPIEGEL: Sie fanden es anmaßend vom kern, sie haben diese Krise herbeigeführtdern auch das Wort Chaos.SPIEGEL, einen solchen Titel zu dru- und nicht schnell genug auf sie reagiert.SPIEGEL: Und das Wort Dilemma. cken?Außerdem haben sie den Leuten nicht er-Dimou: Ja, all das ist sehr charakteristisch Dimou: Es war ein brutaler Eingriff in einer klärt, wie ernst die Situation war, sondernfür die Mentalität der Griechen. Und es sehr empfindlichen Situation. Wissen Sie, haben, wieder einmal, die Schuld den an-wird Generationen dauern, bis sich das die Akropolis ist das griechische Heilig- deren gegeben, haben behauptet: „Ja, die-ändert. Ich hoffe, dass wir diese Krise mit tum. Für uns war Ihr Titel deshalb, wie se Maßnahmen sind barbarisch, aber sieEuropas Hilfe trotzdem überleben. Aber man in der Fußballersprache sagen wür- werden uns aufgezwungen vom Interna-es gibt natürlich auch das andere Dreh- de, ein Foul. tionalen Währungsfonds, der EU, derbuch, das sagt, es geht alles zugrunde, SPIEGEL: Vor über 30 Jahren haben Sie in EZB, also der Troika.“ Den europäischenund wir fangen wieder am Anfang an.einem SPIEGEL-Gespräch gesagt, dass Vertretern hatten sie zuvor gesagt: „WirSPIEGEL: Macht Ihnen dieses Szenario die Griechen in schlechteren Momenten brauchen diese Maßnahmen, bitte gebtAngst? ihrer Geschichte die Schuld immer bei uns das Geld.“ Es war eine doppelzüngigeDimou: Ja, als ich den SPIEGEL-Titel anderen suchen und nicht bei sich selbst. Politik. Ich glaube, die Griechen sind vor„Akropolis adieu!“ sah, hatte ich das Ge- Dimou: Das gilt auch heute noch. Wenn allem Opfer ihrer politischen Elite.fühl, dass man mich einfach aus Europa Sie mit Leuten hier sprechen, sagen sie: SPIEGEL: Trotzdem hätten die Deutschen,rauswirft. Das war ein Schock, ich bindie Europäer, sicherlich das eine oder an-vielleicht nicht repräsentativ, aber ich * Im Mai in Olympia. dere besser machen können. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 299
  • 76. Dimou: Ich denke, man hat die falschenMaßnahmen ergriffen. Viel zu viele Spar-programme, ergo: Es droht eine Defla-tion. Aber es gibt auch ein Kommunika-tionsproblem. Die Troika hat den Grie-chen ihre Ideen und Lösungsansätze niewirklich erklärt. Sie hatte keinen Spre-cher, der versuchte, mit den Griechen tat-sächlich ins Gespräch zu kommen, nichtals Vertreter einer Kommandantur desvierten Reiches, sondern als Teil einerGruppe von Leuten, die dem Land helfenwill. Stattdessen haben sie sich verhaltenwie autoritäre Bürokraten, die alle dreiMonate kommen, Befehle erteilen, aberdann wieder gehen und nicht dableiben.SPIEGEL: Aber die Griechen beklagen sichschon jetzt über zu viel Fremdbestim-mung.Dimou: Ich bin davon überzeugt, man hät-te das Vorgehen einfach besser erklärenmüssen. Ich verstehe, dass viele Griechenden Eindruck hatten, unter deutscheroder europäischer Besatzung zu leben,ALESSANDRO BIANCHI / REUTERSauch wenn ich diesen Eindruck nicht tei-le. Durch das Auftreten der Troika unddie Art, wie sie von griechischen Politi-kern instrumentalisiert wurde, ist einegroße Chance vertan worden. Wenn manden Griechen eine andere Mentalität na-hebringen will, muss man sehr vorsichtigsein, wie man das tut, sonst erzielt man Kammerdiener Gabriele, Chef Benedikt: „Schwere Prüfung“schnell den gegenteiligen Effekt.SPIEGEL: Hinzu kamen Zurechtweisungenaus Berlin.VA T I K A N Im VerliesDimou: Ja, Wolfgang Schäuble hat wie einSchulmeister mit erhobenem Zeigefingerimmer wieder gesagt: Die Griechen sindböse Buben. Merkel war etwas humaner,aber trotzdem protestantisch streng, siehat mit dem Begriff der Schuld gearbeitet. Vom Papst unterzeichnete Papiere sind auch nicht mehr das, wasMan hätte sehen können, dass man sosie mal waren: geheim. Eine Flut von Dokumenten zeigtnicht das gewünschte Resultat erzielt, eswar einfach das falsche Vorgehen. ein eher ungeschickt und hilflos agierendes Kirchenoberhaupt.SPIEGEL: Was prophezeien Sie für die kom- Kmende Parlamentswahl?ennen sich die beiden? Ist der eine Seitdem gilt Gabriele als Verräter, ge-Dimou: Ich wage keine Prognose, was wie- die Quelle des anderen? Wolltennannt „il corvo“, der Rabe, ein Tier, demderum auch eine Prognose ist. Aber ich sie etwa gemeinsam dem Ober- man einen Hang zum Diebstahl nachsagt.hoffe inständig, dass wir einen Ausweg haupt der katholischen Kirche schaden, Anfang dieser Woche soll er endlich ver-finden. Wenn Griechenland die Euro-dem deutschen Pontifex Benedikt XVI.?nommen werden, seine Anwälte teiltenZone verlässt, wäre das ein schwerer Über wenige andere Römer wird in die-mit, er sei bereit auszupacken.Schlag. Nicht nur für Griechenland. Am sen Tagen so heftig spekuliert wie über Ist dies der Höhepunkt einer seit JanuarEnde würde auch ein Europa ohne Grie-diese beiden, die, so will’s der Zufall, ein-schwelenden Affäre, „Vatileaks“ genannt,chenland ein lahmes Europa sein, ein ander örtlich ganz nahe sind und sich in in der immer neue GeheimdokumenteStück würde fehlen. Deshalb versuche absehbarer Zeit wohl doch nicht treffenans Tageslicht dringen, oder ist es erst de-ich ständig, meinen Landsleuten zu er- werden.ren Anfang? Sicherlich ist die aus demklären, warum es nicht in ihrem Interesse Der eine blickt aus einer vier mal vier Vatikan hervorquellende Papierflut einsein kann, dass wir den Euro verlieren.Meter großen Arrestzelle in der Vatikan- Indiz für eine der „schlimmsten KrisenWie ein Psychoanalytiker rate ich demGendarmerie auf Mauern, die den Kir- in der Geschichte des Kirchenstaats“, wiegriechischen Patienten, die Dinge diesmalchenstaat umgeben. Seit bald zwei Wo-das italienische Wochenmagazin „Pano-sehr rational zu sehen.chen sitzt er dort, fast jeder kennt seinenrama“ schreibt, und eine „schwere Prü-SPIEGEL: Wie lange wird Ihre TherapieNamen: Paolo Gabriele, 46 Jahre, der fung“ für den Papst, so die Wortwahl desdauern?Kammerdiener des Papstes.Vatikan-Sprechers Federico Lombardi.Dimou: Das hängt vom Patienten ab.Kurz vor Pfingsten soll ihn Benedikts Auf jeden Fall ist es ein Krimi, den sichWenn der sehr griechisch reagiert, dannPrivatsekretär Georg Gänswein höchst-Dan Brown auch nicht besser hätte aus-wird er noch nicht einmal zur zweitenselbst als Spion überführt haben. Vier Kis-denken können – in dem Gabriele aberTherapiestunde kommen. ten mit Kopien von streng vertraulichenmöglicherweise nur eine Randfigur ist, INTERVIEW: JULIA AMALIA HEYER,Dokumenten an und von Papst Benedikt denn nach den wirklichen Drahtziehern BRITTA SANDBERG fanden die Ermittler in seiner Wohnung.wird weiterhin gefahndet.100D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 77. Ausland Nach den jüngsten Ereignissen im Verhaltens in der Affäre um die Piusbrü- Nuzzi sagt: „Das Erschütterndste war,Manipulationsskandal des italienischen der kritisiert hatte. Vor allem aber sindzu sehen, wie einsam dieser Papst ist undFußballs hatte Premierminister Mario in dem Buch böse Briefe über den Kardi-wie groß seine Mühen, den Laden zusam-Monti angeregt, die Serie A für ein paar nalstaatssekretär Tarcisio Bertone nach- menzuhalten oder an Informationen her-Jahre schlicht auf die Bank zu schicken, zulesen. Er soll einen Erzbischof ange-anzukommen, wegen all der Filter undund viele Römer finden, das sei im Prin- schwärzt haben, der als Aufräumer galt Intriganten um ihn herum.“zip keine schlechte Idee – nur, dass die und prompt strafversetzt wurde. Wer steckte Nuzzi die Dokumente zu,Fußballer spielen sollten und der Kirchen- Nuzzi sagt, er befürchte keine Anzeige,wem ist daran gelegen, dass die Welt vonstaat schließen könnte.er habe seine Arbeit gewissenhaft ge-angeblichen Missständen im Vatikan er- Der Vatikan hingegen igelte sich ein. macht. Natürlich gibt er seine Quellen fährt? Es wird viel spekuliert auf dem Pe-Während seiner Generalaudienz am ver- nicht preis. Er nennt sie summarisch „Ma- tersplatz oder in der Sala Stampa bei dengangenen Mittwoch äußerte sich Bene- ria“, und die Geschichte der Kontakt-jetzt täglichen Pressekonferenzen mitdikt erstmals zu Vatileaks und stellte sich aufnahme mit Maria liest sich wie ein einem peinlich berührten Papstsprecherhinter seine Mitarbeiter, auch hinter die Thriller, wie das Treffen der Watergate-und Vaticanisti, die täglich viele Seitenilloyalen. Der vatikanische Innenminister Enthüller mit „Deep Throat“ in einer Wa-füllen müssen über die Palast-Intrigen amgeißelte die Veröffentlichung der Geheim- shingtoner Tiefgarage.Hofe Benedikts.dokumente sogar als einen „unmorali- Vor einem Jahr will Nuzzi zwei Ver- Die Spekulationen handeln oft vonschen Akt von unerhörter Schwere“ und mittler getroffen haben, die seine Vertrau- Machtkämpfen zwischen italienischen Kir-ermunterte die Journalisten, „auf Distanz enswürdigkeit prüften und ihn nach einerchenfürsten, die ihre Kandidaten für diezu gehen“ zur „kriminellen Energie“ eines Irrfahrt im Auto in eine leere Wohnungnächste Papstwahl in Stellung bringenihrer Kollegen.im römischen Stadtteil Prati führten. Dort wollten. Oder von einer Verschwörung Dieser Kollege heißt Gianluigi Nuzzi. sollte er auf einem Plastikstuhl Platz neh-gegen die Nummer zwei im Vatikan, ge-Für den Vatikan ist er offensichtlich der men, ihm gegenüber seine Hauptquelle, gen Bertone, den Vertrauten des Papstes,eigentliche Verbrecher in dieser Affäre, die „niemals“, darauf legt Nuzzi Wert, der vielen zu eigenmächtig ist. Anhängerein bekannter investigativer Journalist, „auch nur einen Cent bekam“. Er bestä- dieser Theorie weisen darauf hin, dass esder in einem früheren Buch bereits Kor- im Gefolge des Missbrauchs-ruption und Geldwäsche in der Vatikan-skandals schon einmal einebank aufgedeckt hat. Wegen seines neuen Zeit gegeben habe, in der sogarWerks „Seine Heiligkeit. Die Geheim-Kirchenmänner die Absetzungdokumente von Benedikt XVI.“ drohtBertones gefordert hatten.ihm der Vatikan jetzt mit einer Anzeige.Vatileaks und Nuzzis Ent- Und dieser Nuzzi hält nur wenige Kilo- hüllungen beweisen vor allem,meter von der vatikanischen Gendarme- dass Vatikan-Politik noch im-rie entfernt Hof im Hotel Ambasciatorimer wenig dazu taugt, ansin der Via Veneto. Die war einmal be- Licht der Öffentlichkeit gezo-rühmt für ihr Dolce Vita, als der Starregis-gen zu werden. Und insoweitseur Federico Fellini noch lebte und we-hat sich nichts geändert hinterder der Vatikan noch Italien von Krisen den Mauern des Kirchenstaats. TONY MONDELLO / LAIFheimgesucht wurden. Gabriele ist nicht einmal der Vor Nuzzi auf dem Couchtisch klingelnerste enttarnte Spion dort.zwei Handys, Kollegen melden, dass einDer fast vergessene Fall ei-Politiker seine Verhaftung fordere. Allenes weiteren Raben findet sichpaar Minuten kommen Fans, sogar An- ausgerechnet bei Benediktsgestellte aus dem nahen Vatikan, die sich Autor Nuzzi: „Sie wussten, was sie taten“ Namensvorgänger Benediktdas Buch signieren lassen. Sie tuscheln XV. Dessen Geheimkämmererund rätseln über Nuzzis sagenumwobene tigt, dass sich „Maria“ aus mehreren Per- Rudolf von Gerlach versuchte, die PolitikQuellen. sonen zusammensetze, sie gaben mir die des Papstes zu hintertreiben, der im Ers- Dabei sind Nuzzis Enthüllungen kei- Dokumente, sagt er, „sie wussten, was sieten Weltkrieg die Neutralität der Kircheneswegs überwältigend, aber sie bieten taten“.bewahren wollte.einen einzigartigen Einblick in den Vati-Nuzzi sagt, die Kontaktpersonen aus Der Kämmerer, erheblich einflussrei-kan und liefern den Beweis dafür, wie im dem Kirchenstaat seien frustriert gewesencher als der schlichte Butler Gabriele,Herrschaftsbereich des Heiligen Vaters über das unerträgliche Verschweigen undpflegte beste Verbindungen zu den Ach-Politik betrieben wird. Wie anderswo Vertuschen im Vatikan, das sei ihr Motiv senmächten. Man klagte ihn des Verratsauch: Es gibt Lügen, Intrigen und erbitter- gewesen. Er hoffe jetzt auf eine Debatte, an, der Papst selbst geriet ins Kreuzfeuerte Fehden zwischen rivalisierenden Par- auf eine Perestroika, aber das klingt alles und sah sich als Opfer einer antiklerikalenteien. ein wenig hergeholt und naiv.Verschwörung. Ein paar der gut 30 Faksimiles berich-Sein Buch sei gar kein Anti-Papst-Buch, Und Rudolf, der Rabe? Der wurdeten vom banalen Alltag des Papstes: im Gegenteil, sagt Nuzzi, er halte denzwar zu lebenslangem Gefängnis verur-Showgrößen bieten Geldspenden und Papst für revolutionär, weil er Transpa-teilt. Da jedoch war er längst entkommen,bitten um eine Audienz. Ein Dokument renz in die Geschäfte der Vatikanbankweilte bereits in der Schweiz, wo er seinzeigt die Kontonummer des Papstes. Das bringen wolle und weil er den Kindes-Priesterdasein abstreifte, ein luxuriösessoll den Privatdetektiv Gänswein auf die missbrauch bekämpfe wie keiner seinerLeben führte und bis zu seinem Lebens-Spur von Gabriele gebracht haben, weil Amtsvorgänger. Eigentlich, so behauptetende beste Kontakte zum Papst in Romnur der Zugang zu diesem Papier gehabt er jedenfalls, möchte Nuzzi den Papstpflegte.haben konnte.durch seine Veröffentlichung in SchutzAuch ein kurzer Aufenthalt in den Ver- Andere Dokumente jedoch sind brisan- nehmen. In Wahrheit aber schadet er ihm,liesen des Vatikans braucht also keines-ter: etwa Benedikts Notiz für den Nuntius weil die Dokumente vor allem eines zei- wegs das Ende einer Karriere mit sich zuin Berlin, er möge bei Kanzlerin Angela gen: die Führungsschwäche von Benediktbringen.Merkel protestieren, die ihn wegen seines XVI.FIONA EHLERSD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 101
  • 78. Ausland Irlands Abstieg 6 Wirtschaftsleistung 4 Veränderung gegenüber dem Vorjahresquartal, in Prozent 2 ZunahmeRückgang 2Schätzung 4März 2012 14,5 6 Quellen: Oxford Economics, Eurostat Januar 2007 4,4ArbeitslosenquotePETER MORRISON / APin Prozent, saisonbereinigt 200720082009 20102011Stimmenauszählung in Dublin: Angst, dass die Europäer den Geldhahn zudrehen Mit 10 Milliarden Euro müssten beispiels- E U RO - RAU Mweise die Lehrer bezahlt und die Arbeits- Einsame Insel losen unterstützt werden. Die Gegner des Fiskalpakts könnten nicht sagen, woher das Geld kommen soll.Dieses Argument überzeugte offenbar viele ihrer Landsleute. Denn nur die Un-Die Iren stimmen dem EU-Fiskalpakt zu. Doch das vermeintlicheterzeichner des Fiskalpakts können Hilfs-Vorbild in puncto Staatssanierung ist noch lange nicht gelder aus dem europäischen Superfonds ESM erwarten, der ab Sommer mit 700gerettet. Die Banken brauchen bald weitere Milliardenhilfen. Milliarden Euro ausgestattet sein soll. Of- fiziell hält die Regierung an ihrem PlanS t. Patrick’s Day, den Nationalfeiertag anderen Europäer große Hoffnungen, fest, ihr Defizit möglichst bald wiederder Iren, verbrachte Henry Healy im dass das Schlimmste vorbei sei. Die Iren über die Kapitalmärkte zu finanzieren.Weißen Haus in Washington. Sein galten zuletzt als Musterknaben des ge-Doch bei ihrer Wahlkampagne schürtenentfernter Cousin Barack Obama hattesamten Euro-Raums. 2011 wuchs die Wirt-die Minister selbst Zweifel. Die Zinsenihn eingeladen, mütterlicherseits hat der schaft, wenn auch nur um 0,7 Prozent.für langfristige irische Anleihen stiegen –US-Präsident irische Vorfahren. „Wir gin- Doch die Zuversicht trog.auch wegen der Turbulenzen in Griechen-gen in eine Bar und tranken ein Glas Guin- Nach heutigem Stand muss Irland ein land und Spanien – seit Mitte Mai wiederness zusammen“, erzählt Healy.zweites Mal gerettet werden. Die Bankenauf weit über sieben Prozent. Vergangene Woche war dem Buchhal-erweisen sich als Fass ohne Boden. Sie„Die Lage ist weiterhin sehr ernst“, sagtter aus dem irischen Marktflecken Mo- müssen noch einmal rekapitalisiert wer-Stefan Gerlach, der Vize-Gouverneur derneygall nicht mehr nach Feiern. „Ich reiheden. Die bisherigen Abschreibungen der irischen Zentralbank. Das jährliche Haus-mich unter die Arbeitslosen ein“, twitter-zehn größten Verbraucherbanken inhaltsdefizit liegt immer noch bei überte er seinen Freunden. Seine Firma, ein Höhe von 118 Milliarden Euro reichen im- neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts,irischer Bauzulieferer, hatte ihn nachmer noch nicht aus.deutlich höher als in Spanien oder Portu-sechs Jahren entlassen. „Es musste wohlDie Finanznot des Landes war auch gal. „Als extrem offene, exportorientiertesein“, sagt Healy einsichtig, „die Bauindu- das Hauptthema bei der Volksabstim-Volkswirtschaft hängen wir direkt vonstrie in Irland wird immer kleiner.“mung, bei der die Iren am Donnerstag den Entwicklungen in den anderen Län- Wie Healy ergeht es Hunderttausen- vergangener Woche über den EU-Fiskal-dern Europas ab“, sagt der gebürtigeden Iren. Seit 2008 kämpft die grüne Inselpakt entschieden. Eine Mehrheit stimmteSchwede, der bis Herbst 2011 an deram Rande Europas gegen die Wirtschafts- widerwillig für den von BundeskanzlerinFrankfurter Universität lehrte.krise an – und findet keinen Weg ausAngela Merkel initiierten Sparpakt, der Es sind vor allem die Sünden der Ver-dem Elend. Die Arbeitslosenquote ver- exzessives Schuldenmachen künftig ver- gangenheit, die den Iren keine Ruhe las-harrt seit vielen Monaten bei rund 14 hindern soll. Letztlich überwog bei densen. Fünf der sechs Banken des LandesProzent. Viele junge Iren wandern lieberIren die Angst, dass die Europäer sonstwurden verstaatlicht und insgesamt mitgleich aus. den Geldhahn zudrehen würden.64 Milliarden Euro gestützt. Die irische Die europäische Gemeinschaft musste Europa-Ministerin Lucinda Creighton Zentralbank stiftete zusätzlich Nothilfendas Land im Jahr 2010 mit 67,5 Milliarden ging noch am Vorabend des Referendumsin Höhe von über 40 Milliarden Euro, undEuro stützen. Irlands lokale Banken hat-in ihrem Dubliner Wahlkreis von Tür zu über die Europäische Zentralbank (EZB)ten sich mit Immobilienkrediten verzocktTür, um die Wähler von einem No abzu-sind alle Mitgliedstaaten mit weiteren Mil-und waren mit einer umfassenden Staats- halten. „Wir brauchen 2014 rund 18 Mil-liarden beteiligt. Doch die ganze Wahr-garantie gerettet worden. Bald darauf liarden Euro“, rechnete die Politikerinheit liegt immer noch nicht auf dem Tisch.machten sich die Iren und mit ihnen die kämpferisch den vielen Skeptikern vor. Die Banken brauchten weitere drei bis102D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 79. CRISPIN RODWELL / DER SPIEGELALAMYFinanzzentrum in Dublin, Europa-Ministerin Creighton: „Überproportional belastet“vier Milliarden Euro frisches Kapital, Bei über zehn Prozent aller Immobi-sich der Staat selbst das Geld, immerhinheißt es vorsichtig bei der Zentralbank.lienkredite gibt es Unregelmäßigkeiten. 3,1 Milliarden Euro, um die Zinsen zu Das dürfte kaum ausreichen. Es gibt Dass es noch bei deutlich mehr Verträgen überweisen.Geisterstädte, in denen kein Mensch woh- zu Zahlungsverzögerungen kommt, will „Irland wird durch die Zinsen für dienen will. Die Zeitungen sind voller An- auch Zentralbanker Gerlach nicht aus- Bankhilfe überproportional belastet“,zeigen von Zwangsvollstreckern, die Im- schließen: „Diese Rückstände sind eines sagt Europaministerin Creighton. Siemobilien loswerden wollen. Im Unter- der größten nationalen Probleme.“ Wenn rechnet mit Vorschlägen der EZB, dassschied zur Situation vor einem Jahr die Kreditnehmer nicht mehr zahlen kön- die Zinsen deutlich reduziert werden.kommt es heute immerhin zu tatsächli- nen, landen die Immobilien über den Um-So ist es nicht verwunderlich, dass diechen Verkäufen, weil die Preise allmäh- weg der nationalisierten Banken letztlich kleine Republik zurzeit mit großer Sym-lich ein realistisches Niveau erreichen.beim Staat. pathie den Vorstoß der Spanier begleitet, Hotelangestellte konnten für 60 000 Bisher sind die meisten Geldinstituteder ESM solle doch direkt ihre BankenEuro ihr Hotel auf dem Land erwerben, das Problem mit den Krediten noch nicht retten. Was die Spanier möglicherweisedas vor wenigen Jahren für einen hohen ernsthaft angegangen. Die Banker hofften durchsetzen, so das Kalkül auf der einsa-Millionenbetrag gebaut worden war. Broc auf ein Wunder. Doch die Immobilien-men Insel, könne ihnen ja nicht vorent-House, ein dreistöckiger Appartement- preise fielen um beinahe 50 Prozent, tie- halten werden. Schon einmal ist die Rech-Block aus den Siebzigern direkt neben fer als in den USA, Spanien oder den an-nung aufgegangen. Als den Griechen nied-einem Dubliner Golfplatz, wird zurzeit deren Krisenstaaten. Mittlerweile ist dierige Zinsen für die Hilfen durch Europafür 1,2 Millionen Euro angeboten. Ein Ab- Zahlungsmoral so im Keller, dass die Ban- und den IWF gewährt wurden, konnteschlag von 87 Prozent gegenüber dem ken ihre Kunden in der vergangenen Wo-auch Irland einen Rabatt durchsetzen.Preis aus dem Jahr 2006.che sogar aufforderten, ihren geplantenAnsonsten bestehen zwischen Grie- Joe Kiernan, 55, Stoppelschnitt, mus- Trip zur Fußball-Europameisterschaft chenland und Irland große Unterschiede.kelbepackt, hat bei einer Abrissfirma nicht mit dem Aussetzen der Zinszahlun- Dank niedriger Unternehmensteuern, gutzwölf wilde Boomjahre miterlebt. Keiner gen für ihre Kredite zu finanzieren.ausgebildeter Arbeitskräfte sowie einerder alten Ziegelbauten in der Innenstadt Nun hat die Zentralbank den Banken funktionierenden Verwaltung hat die In-Dublins war vor seiner Abrissbirne und eine Frist gesetzt, endlich ihre Politik der sel im Gegensatz zu Griechenland einden kühnen Plänen der Immobilienent- gewollten Ahnungslosigkeit aufzugeben. intaktes Geschäfts- und Gesellschafts-wickler sicher, die in den Jahren des „Die Institute müssen wissen, wo die Kre- modell – Steuervorteile inklusive.Booms darangingen, die einst von James dite nie mehr zurückgezahlt werden kön- Insbesondere amerikanische KonzerneJoyce so meisterhaft verewigte Stadt für nen und wo vielleicht Anpassungsmaß- nutzen Irland gern. Google, Facebookdie Zukunft fit zu machen. „Manchmal nahmen helfen“, sagt Gerlach.und Twitter haben ihre Europa-Zentralenhat es einem schon leidgetan“, sagt er.Ein neues privates Insolvenzrecht soll hier platziert. Apple hat 500 neue Jobs Heute steht Kiernan vor dem Arbeits- helfen, die Bürger aus der Schuldenfalleversprochen. Intel will seine neuesteamt am Redmonds’ Hill. Seit zwei Jahren zu befreien. Eigentlich vernünftig. DochChipgeneration ebenfalls unter anderemmuss der Spezialist für Abriss- und Bo- die Analysten der Deutschen Bank war- in Irland produzieren. Und selbst Healy,denarbeiten sich hier einmal im Monat nen bereits vor den dann notwendigender Verwandte des US-Präsidenten, istmelden, um seine 188 Euro wöchentliche Milliardenabschreibungen.zuversichtlich, dass er in Kürze wiederStütze zu bekommen.Um den Banken und damit letztlicheinen Job hat. „Der Wissensindustrie ge- Kiernan kann davon den Tabak für sei- sich selbst das Leben zu erleichtern, ver- hört die Zukunft“, sagt er. Mit seinem Di-ne selbstgedrehten Zigaretten, das Bier sucht die Regierung alle möglichen Tricks.plom habe er ganz gute Chancen.„Dasund auch die Miete zahlen. „Zum Glück Eigentlich müssten die verstaatlichtenGras auf unserer Insel wächst wieder“,habe ich nicht auf die Banken gehört, die Banken, so eine Auflage der EZB, neun sagte er bei seinem Besuch in Washingtonmir unbedingt eine Immobilienfinanzie- Prozent Zinsen für die ihnen gewährten dem besorgten Präsidenten. Die Iren sei-rung aufquatschen wollten“, sagt er. An- Kredite in Höhe von 31 Milliarden Euro en gut darin, immer wieder aufzustehen.dere waren nicht so klug. Hilfe zahlen. Vergangenen Monat liehCHRISTOPH PAULY104 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 80. AuslandCHENNAI 500 ccm ReinkarnationWie ein indischer Ingenieur mit amerikanischem OptimismusGLOBAL VILLAGE:und deutscher Ehrlichkeit britische Motorräder bautG anesha, der Hindu-Gott mit dem 1500 Mann schwitzen heute in der Fa- 2008 kam er mit Frau und Kindern zurück Elefantenkopf, gilt den Indern als brik in Chennai. Draußen hat es um die in seine Heimat – wo er einen Kultur- Symbol für den Neuanfang. Sie 40 Grad, Frauen in Sari und blauer Ar- schock erlebte: „Ich hatte noch nie in die-verehren ihn als den „Entferner aller Hin- beitsbluse fegen mit kleinen Grasbesen sem Land gearbeitet. Ich war an so schö-dernisse“, als Gott der Intelligenz und die Werkhallen. In Deutschland würde ne deutsche Tugenden wie Pünktlichkeitder Weisheit. Im Designstudio der Royal- man die Anlage wohl eine Manufaktur und Zuverlässigkeit gewöhnt.“Enfield-Fabrik im südindischen Chennai nennen. Von einigen Neuerungen abge-Seine Erfolgsstrategie hat sich der In-sitzt eine Ganesha-Figur auf einem Mo- sehen, wird die Bullet noch immer nach genieur selbst zusammengemixt, wie eintorradmodell namens Bullet: Der Rüssel Originalbauplan gefertigt, überwiegend gut abgestimmtes Masala, die indischebiegt sich im Fahrtwind nach hinten, Ga- in Handarbeit. In Indien, dem Land der Gewürzmischung: ein wenig vom „Opti-nesha trägt ein Grinsen im Göttergesicht. ungezählten Arbeitskräfte, ist das renta- mismus der Amerikaner“, dazu die „un- Kein Bollywood-Star, keine Kricket- bel. 150 000 Rupien, umgerechnet 2100 schlagbare Anpassungsfähigkeit der In-Legende käme für Venki Padmanabhan Euro, kostet die 500er Bullet zwischen der“, abgerundet mit einer Prise „brutalerin Frage, wenn es um diedeutscher Ehrlichkeit“. Da-Wahl einer Werbefigur für mit will er 2012 zum erstendie legendäre britische Mo- Mal mehr als 100 000 Mo-torradmarke geht. „Nurtorräder produzieren. Heu-Götter können dieses Mo-te müssen die Käufer rundtorrad fahren“, sagt derneun Monate lang auf eineRoyal-Enfield-Chef, 49. Royal Enfield warten. Die Bullet ist ein Fossil Doch Venki Padmana-auf zwei Rädern. Die Mar- bhan denkt nicht nur an sei-ke Royal Enfield ist älterne ungeduldigen Privatkun-als Harley-Davidson, sieden: „Stellen Sie sich einenentstand 1893 durch die Brand in einem indischenFusion einer FahrradfabrikSlum vor. Kein Feuerwehr-und einer Waffenfirma aus auto passt durch diese en-dem britischen Enfield. gen Gassen“, sagt er. „Oder NAMAS BHOJANI / DER SPIEGELAus dieser Zeit stammt derSie haben einen Herz-offizielle Slogan der Marke:infarkt und müssen schnell„Made like a gun“, herge- ins Krankenhaus. Die Am-stellt wie ein Gewehr.bulanz bleibt hier doch im- Die britische Armeemer im Stau stecken.“ Pad-nutzte die Motorräder immanabhan deutet auf eineZweiten Weltkrieg, späterFabrikchef Padmanabhan: „Die Bullet ist Kult“rotlackierte Bullet, an dergriff auch Indiens Armeestatt Satteltaschen zweiauf sie zurück. Doch in Feuerlöscher und ein Blau-England wurde die Produk- licht montiert sind. „Mittion 1970 eingestellt. In Thiruvottiyur, Mumbai und Kalkutta, etwa 6000 Euro dieser Bullet kommen Sie überall durch.“einem staubigen Stadtteil des einstigen für Enfield-Freunde in Deutschland.Seit 1994 gehört Royal Enfield zu einemMadras, überlebte die Marke.Technisch kann die Maschine mit mo- Firmenverband mit dem eher unindischen Das Verhältnis der Inder zu ihrer kolo- dernen Motorrädern nicht mithalten. Namen Eicher Group. Gegründet in dernialen Vergangenheit ist gespalten. Von Eine Bullet schafft nur rund 130 Stunden- ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alsden Briten benutzte Städte- und Straßen- kilometer, die Maschine ist vor allem ein „Gebrüder Eicher Traktorenbau“ im ober-namen haben sie abgeschüttelt wie muf- Liebhaberstück. Aber mit Tradition allein bayrischen Forstern, starb die Firma 1992fige alte Kleider, aus Madras wurde Chen- lässt sich nur begrenzt Gewinn machen. einen ähnlichen Tod wie Royal Enfieldnai, aus Bombay Mumbai. Auf andere 325 Motorräder rollen täglich in Chennai in England. Doch auch Eicher überlebteErrungenschaften der alten Besatzungs- vom Band, bislang gehen nur rund fünf in Indien und ist dort heute der drittgröß-macht lassen die Inder aber bis heute Prozent davon in den Export. Venki Pad- te Lkw-Hersteller. Die gelben Laster ge-nichts kommen: auf Kricket zum Beispiel, manabhan ist der Mann, der das ändern hören zum indischen Straßenbild wie diedie „Tea time“ oder eben die Bullet. soll. „Die Bullet ist Kult“, sagt er, „darauf heiligen Kühe und die Bullets. „Die Seele der Bullet zu bewahren ist müssen wir bauen.“ Sein Vorbild ist die Eine schöne Ironie der Geschichte, fin-eine große Verantwortung“, sagt Venki italienische Rollermarke Vespa.det Venki Padmanabhan. Wo, wenn nichtPadmanabhan. „Und ich habe kein Pro-Padmanabhan stammt aus einer Brah- im Land der stetigen Reinkarnation, kön-blem damit, dass wir mit dieser britischen manenfamilie und ist in Indien aufge- ne eine alte europäische Marke zu neuemErfindung Geld verdienen.“ Die Maschi- wachsen. Aber er hat in Pittsburgh stu- Leben erwachen. „Wir Inder sind schließ-ne ist inzwischen von der Bremse bis zum diert, promoviert und zuletzt zwei Jahre lich die Spezialisten für Wiedergeburt.“Auspuff ein indisches Produkt. lang in Stuttgart bei Mercedes gearbeitet.SIMONE KAISER D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2105
  • 81. SzeneSportDEPRESSIONEN Hotline für AthletenDer Selbstmord des ehemaligen Fuß-ball-Nationaltorwarts Robert Enkeveranlasst immer mehr Profi-Sportlerdazu, sich wegen einer möglichenpsychischen Erkrankung behandeln zulassen. Deswegen plant die Robert-Enke-Stiftung, die vor rund zwei Jah-ren vom Deutschen Fußball-Bund,dem Ligaverband und Hannover 96 ge-gründet wurde, eine Service-Hotlinefür psychisch erkrankte Leistungs- LARRY W. SMITH / PICTURE ALLIANCE / DPAsportler am UniversitätsklinikumAachen einzurichten. „Wir werden täg-lich von Sportlern kontaktiert, die unsum medizinische Hilfe bitten“, sagtJan Baßler, Geschäftsführer der Stif-tung, „darunter Profi-Fußballer, Tisch-tennisspieler, Leichtathleten und Handballer.“ Unter Nowitzki der kostenfreien Ser- vicenummer sollenROLAND WEIHRAUCH / DPA von diesem Herbst BASKETBALL an Betroffene einen „Das war Stress pur“ Psychiater und Psy- chotherapeuten nahe ihrem WohnortEnke 2009erreichen können, der sie anonym be- Dirk Nowitzki, 33, über die verkorkstegefeiert zu haben. Hinzu kam der Ein-rät und an speziell ausgebildete Me-NBA-Saison mit den Dallas Mavericks satz für die Nationalmannschaft bei derdiziner bundesweit vermittelt. Leiter und seinen Junggesellenabschied in LasEM – all dies soll Ihnen Regenerations-der Einrichtung ist Frank Schneider,Vegas zeit geraubt haben.Direktor der Klinik für Psychiatrie Nowitzki: Das ist dummes Zeug, wir ha-Aachen. „Bundesweit wird dies ein SPIEGEL: Nachdem Sie im vorigen Jahrben doch bis Dezember kaum trainiert.einmaliger Service für Leistungs- den NBA-Titel gewonnen haben, sindKlar haben wir gefeiert, das gehörtsportler sein. Damit wird Depressio-Sie in dieser Saison mit den Mavericksdoch wohl dazu. Oder hätte ich insnen vorgebeugt“, sagt Schneider.früh in den Playoffs ausgeschieden. Kloster gehen sollen? Meinen EM-Ein-Was ist dran an den Gerüchten, Siesatz hatte ich im Jahr zuvor zugesagt,würden den Verein verlassen oder so-das Versprechen habe ich eingelöst.gar Ihre Karriere beenden?Diejenigen, die behaupten, ich hätte ZAHL DER WOCHE Nowitzki: An diesen Gerüchten ist nichtsmeine Wurfgenauigkeit verloren, soll-dran. Ich bleibe. Ich werde meinen Ver- ten übrigens bedenken, dass zwischentrag bei den Mavs erfüllen. Er läuft bisden Spielen keine Zeit zum Trainieren172FußballprofisSommer 2014.SPIEGEL: War es ein verlorenes Jahr?Nowitzki: Ich habe die verkürzte Saisonwar. Außerdem musste ich mehr Würfeals sonst aus den abenteuerlichsten Ent-fernungen abfeuern, weil in der Truppevon insgesamt 368, die bei der Euro-schon abgehakt. Wir hatten wegen desnicht alles rund lief. Im Sommer wirdpameisterschaft in den 16 National- Streits um die Gehälter später angefan- die Mannschaft durch neue Spieler ver-kadern stehen, spielten in der abge-gen. Dieser Lockout hat alles durchein- stärkt. Mit dem frischen Team werdenlaufenen Saison bei Clubs im Auslandandergewirbelt. Als die Saison im De- wir dann versuchen, neu anzugreifen.– und nicht in der jeweiligen heimi-zember überraschend startete, war SPIEGEL: Sie haben vor zwei Wochenschen Liga. Von den 23 irischen Fuß-kaum ein Spieler richtig fit. Wir haben Ihren Junggesellenabschied in Las Ve-ballern spielte sogar kein einziger für uns alle mehr oder weniger durchge- gas gefeiert. Unter den Gästen war un-einen Verein aus Irland. Die engli- wurschtelt. Wir hatten teilweise drei ter anderen der englische Fußballstarschen Auswahlkicker dagegen stan- Spiele in drei Tagen. Das war Stress pur. Wayne Rooney.den allesamt in England unter Vertrag.Trotzdem haben wir mit der extrem aus-Nowitzki: Gast ist übertrieben. Vegas istAuch die deutsche Mannschaft istgedünnten Meistermannschaft die Play- ein Dorf. Jeder weiß, wer sich geradeheimattreu. Nur vier Profis verdientenoffs erreicht, und ich wurde sogar inswo aufhält. Er war, wie ein paar andereihr Geld außerhalb der Bundesliga:All-Star-Team gewählt – das ist mehr, Spieler, zum selben Zeitpunkt dort undSami Khedira, Mesut Özil (beide Realals ich vor der Saison erwartet hatte.ist mir über den Weg gelaufen. DaMadrid), Per Mertesacker (FC Arsenal) SPIEGEL: Kritiker werfen Ihnen vor, imhabe ich gesagt, du kannst gerne mit-und Miroslav Klose (Lazio Rom). vorigen Jahr wochenlang mit den Fansfeiern. Befreundet sind wir nicht. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 107
  • 82. SportDUELLE Der goldene SchreiWenn Cristiano Ronaldo der Superstar der EM wird, hat er gute Chancen, endlichMessi zu schlagen und als Weltfußballer den Ballon d’Or zu gewinnen. Beide übertreffen einander auf der Jagd nach Rekorden. Von Cordt SchnibbenGibt es etwas Lächerli- können nur Ronaldo oder wieder Messi im Training, beim Freistoßschießen, dascheres, als zwei Fußbal- Weltfußballer werden – wegen der Anzahl bestimmt sein Spiel und jeden Torjubel,ler in ihrer Einzigartig- von Toren, die jeder von ihnen geschossen der inszeniert wird wie die Bestätigungkeit zu vergleichen? hat, Messi unfassbare 73 in 60 Spielen, Ro- der Bestimmung, der Größte zu sein.Noch lächerlicher wäre naldo 60 in 54 Spielen.Ja, er sei im Moment besser als Messi,es, diese beiden nicht zu Ronaldo – hätte er mit Real Madrid im hat er kürzlich in einem CNN-Interviewvergleichen. Zwergen- Finale gesiegt – wäre der Goldene Ball si- gesagt. Und er glaube daran, dass Portu-haft der eine, ein Modellathlet der andere, cher gewesen. Und so erfasste den Portu- gal – am kommenden Samstag ersterTorjäger, Werbefiguren, Multimillionäre giesen nach dem verschossenen Elfmeter Gegner Deutschlands – bei der Europa-sind sie beide, bewundert und bestaunt eine tiefe, verzweifelte, grausame Trauer. meisterschaft Chancen auf den Titel habewird der eine, gefürchtet und verlacht der Sein Denken, soweit es sich in seinen Re- und ihm dann auch der Goldene Ball si-andere. Sie spielten beide die Saison ihres den ausdrückt, wird beherrscht vom Gol- cher sei. Die Trainer und Kapitäne derLebens – und dann kamen diese beiden denen Ball, seit er Fußball spielt. Der Bes- Nationalmannschaften sowie etwa hun-Tage Ende April. te der Welt zu sein, „eine Legende zu wer- dert Sportjournalisten, die den Weltfuß- Als alles vorbei war, versuchte der eine, den“, wie er sagt, das treibt ihn an, das baller küren, wählten ihn erst einmal,im Rasen des Stadions Camp Nou in Bar- lässt ihn Extraschichten im Gym machen, vor vier Jahren.celona zu versinken. Weil das nicht Messi gegen Ronaldo, das ist Mu- F O U R F O U RT WO A P P / O PTAklappte, verbarg er sein Gesicht in sei- hammad Ali gegen Joe Frazier, das istnem Trikot und wartete darauf, dass Spielervergleich Pete Sampras gegen Andre Agassi, dasihn jemand tröstete. Es kam keiner. Alle Pässe von Cristiano Ronaldo ist ein Duell, das es im Mannschafts-Der andere hockte traurig auf dem Ra- im Champions-League-Halbfinalspielsport eigentlich nicht geben darf. Essen des Bernabéu-Stadions in Madrid, Real Madrid – Bayern München, nach 90 Minuten erregt Millionen Fußballfans, füllt je-immerhin mit athletisch hochgestell- den Tag Dutzende Websites, Foren,ten Fersen, stand abrupt auf, ging mit Blogs, es tobt ein Kampf der Idioten,schnellen Schritten auf die Kabinender Nerds, der Groupies, der Kenner.zu, konnte aber nicht verhindern, dass Real Madrids Alfredo Di Stéfano präg-sein bleiches, leeres Gesicht zerfiel in te die Fünfziger, der Brasilianer Pelédie weinende Grimasse eines Kindes,die Sechziger, Hollands Johan Cruyffnoch bevor er aus dem Blickfeld derdie Siebziger, Maradona die Achtziger,Zuschauer verschwunden war.Zinédine Zidane die Neunziger, Ro- Cristiano Ronaldo hatte im Halb-naldinho die ersten Jahre des 21. Jahr-finale der Champions League einenhunderts. Seither duellieren sich zweiElfmeter verschossen, Real MadridÜberfußballer, die beide einer Ära ih-war gegen Bayern München ausge-ren Namen geben könnten.schieden. Lionel Messi hatte einen TagSie befeuern die Schlacht der Gläu-zuvor im Halbfinale einen ElfmeterAlle Pässe von Lionel Messibigen, sie überbieten sich von Saisonverschossen, der FC Barcelona war ge- im Champions-League-Halbfinalspiel FC Barcelona – FC Chelseazu Saison mit Torrekorden und Tro-gen den FC Chelsea ausgeschieden,phäen, Messi hat mit dem FC Barcelo-und so mussten die beiden Übermen- na 19 Titel erobert, darunter fünfmalschen des Weltfußballs niederen Spottdie spanische Meisterschaft und drei-ertragen, der so wuchtig über sie kammal die Champions League. Ronaldowie sonst der Ruhm.hat mit Manchester United und Real Den Champions-League-Pokal konn-Madrid elf Titel eingefahren, darunterten sie in diesem Jahr nicht in den Him- vier nationale Meisterschaften undmel recken; der eine wurde mit seinereinmal die Champions League.Mannschaft immerhin spanischer Meis-Messi ist Torjäger und Vorbereiter,ter, der andere spanischer Pokalsieger,Einzelgänger und Mannschaftsspieler,aber der Pokal, der sie in Wahrheitseine Dribblings sind wild und ansatz-noch mehr interessiert, ist der Ballon los, mit dem Ball am Fuß ist er schnel-d’Or, jener vergoldete Ball, den dergelungener Passler als ohne Ball; stürzt er auf vier,beste Spieler der Welt bekommt. InFehlpass fünf Gegenspieler zu mit viereinhalbden vergangenen drei Jahren durfteTorvorlage Quelle: OptaSchritten pro Sekunde, stürzt er eineihn Messi umarmen, in diesem Jahrhalbe Mannschaft in die Lächerlich-108 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 83. ULLSTEIN BILDModellathlet Ronaldo: Sein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, sich zum Gott des Balles zu tunen D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 109
  • 84. Sportkeit. Die Richtungswechsel in seinen gen den perfekten, athletischen Body ei- einem Straßenfußballer wie Messi denSturmläufen sind intuitiv, nichts ist ein- nes vollkommenen Spielers geformt, der Raum, sich über die ganze Breite desstudiert, keine Übersteiger, keine Hacken- beidfüßig, schnell, kopfballstark, trick- Platzes zu bewegen zwischen Mittellinietricks, einfach nur das lustvolle Anrennen reich inzwischen in jeder Saison über 40 und Tor.eines Jungen, der weiß, dass er es gleich Tore produziert. Ronaldo hat seine Sprints, Flankenläu-wieder schaffen wird, durch die dichte Seine Lieblingsbeschäftigung seien fe und Weitschüsse im Konterfußball beiKette aus massiven Körpern hindurchzu- „Sit-ups“, sagt Ronaldo. Sein ganzes Le- Manchester United und Real Madrid ver-schlüpfen und den Ball ins Tor zu heben, ben ist darauf ausgerichtet, sich zum Gott vollkommnet. Wie abhängig die beidenzu schieben, zu lupfen, zu schlenzen.des Balles zu tunen. Als die Motorölfirma „Außerirdischen“ – wie sie gern von 26 seiner 73 Saisontore für den FC Bar- Castrol, einer seiner Werbepartner, ihn Sportjournalisten genannt werden – vomcelona hat er so erzielt, von jedem Punkt in einem Hochleistungslabor testen ließ irdischen Spiel ihrer Teams sind, zeigtin der gegnerischen Hälfte kann sein wie einen neuen Sportwagen, stießen die sich besonders dann, wenn sie scheiternSturmlauf losbrechen, gegen Real Madrid Wissenschaftler auf erstaunliche Werte: am Spiel ihrer Mannschaft.und den FC Getafe hat er mal von der Bei seinen Freistößen beschleunigt derIn den beiden Halbfinals der Cham-Mittellinie aus sein Dribbling angezogen, Ball dreimal schneller als eine „Apollo“- pions League rissen die Kombinations-zwischen vier, fünf, sechs grätschende, Rakete beim Start; bei seinen Dribblings fäden zwischen Messi und den Mittelfeld-tretende, stürzende Männer hindurch. schafft er 13 Sidesteps, Finten und Über- spielern zu oft, die Gegenspieler des FC Das ist der eine Messi. Der andere Messi steiger in 13 Sekunden. Chelsea konnten Messi häufig isolieren,ist der Mitspieler, die Gummiwand, ein Ronaldo springt höher als durchschnitt- zu ungenauen Abspielen verleiten oderPassautomat, der Bälle manchmal „mit 100 liche NBA-Basketballspieler, er hat die zu ungenauen Schüssen. Beim Spiel inStundenkilometern“ auf den Fußseiner Mitspieler jagt, genau zumrichtigen Zeitpunkt, genau in denLauf, so gespielt, dass die Bälleden Weg zurückfinden auf seinenFuß, an staunenden, verwirrten,hilflosen Gegenspielern vorbei,die nur noch den Ball aus demNetz holen dürfen. 23 seiner Sai-sontore sind solche Co-Produk-tionen, 10 davon im Doppelpass,im Doppeldoppelpass oder imDoppeldoppeldoppelpass. Wenn man beschreiben will,wie Cristiano Ronaldo die Toreschießt, die nur er schießenkann, dann sieht man einenMIGUELEZ SPOR / CORDON PRESS / IMAGOMann vor sich, 1,86 Meter groß,mit gezupften Augenbrauen undgegelten Haaren, der erst denTorwart fixiert und dann denBall, der die Angst genießt, diein diesem Moment seine Gegen-spieler erfasst, der vom Ball ausfünf Schritte rückwärts geht, dersich breitbeinig aufstellt, dieHände in Coltstellung wie Wyatt Freistoßkünstler Ronaldo: Die Hände in Coltstellung wie Wyatt Earp im FilmEarp im Film, der sich in Vor-freude die Lippen leckt, der mit energi- langen Beine eines Sprinters, die Figur Barcelona kamen nur 74 Prozent seinerschen Schritten anläuft und den Ball mit eines Mittelstreckenläufers und weniger Pässe an, normal für ihn sind 90 Prozent.dem vorderen, inneren Teil des Voll- Körperfett als ein Super-Model. Beson- Er war 108-mal am Ball und verlor ihnspanns so trifft, dass er über die Mauer ders verblüffend: Er traf Bälle mit dem 27-mal, in Dribblings oder durch einender Gegenspieler fliegt, so hoch, als wollte Fuß und dem Kopf in vollkommener Dun- Fehlpass, ein katastrophaler Wert für ihn.er die Zuschauer hinter dem Tor treffen, kelheit, nachdem er gesehen hatte, wie Allein in den letzten 15 Minuten, als Bar-um dann urplötzlich die Flugbahn abzu- sie bei Scheinwerferlicht abgeschlagen celona die Entscheidung erzwingen muss-senken und ins Netz zu rauschen. wurden.te, verlor er 12-mal den Ball. Wenn es ein Patent für todsichere Frei- Wenn man irgendwann mal aus Gen-Ronaldo schoss im Halbfinal-Rückspielstöße gäbe, Ronaldo wäre der legitime material den idealen Fußballer züchten gegen Bayern München zwei schnelleInhaber. Wie kein anderer Spieler zele- könnte, würde einer wie Ronaldo auf Tore, ließ sich feiern, als hätte er schonbriert er seine Freistöße, wie kein anderer dem Platz stehen. Messi würde aussor- die Champions League und den Ballontrainiert er diese ballistischen Wunder- tiert. Zu klein, zu schwach, zu wild, ein d’Or gewonnen, und verbrachte die rest-kurven, während seine Mitspieler schon Junge, der nur mit Wachstumshormon liche Spielzeit stolzierend, hadernd undunter der Dusche stehen. auf 169 Zentimeter gebracht werden beleidigt auf der linken Außenbahn. Diese Akribie und Ausdauer, aber auch konnte. Nur 6-mal gelang es ihm, den Ball ge-der Showdown und die Angeberei, dieSo unterschiedlich ihre Körper sind gen Münchner Spieler zu erobern, aberzu jedem seiner Freistöße gehören, ma- und ihre Art, Fußball zu spielen, so 17-mal verlor er ihn, nur 65-mal war erchen seine Art des Spiels aus. Ronaldo unterschiedlich sind die Spielsysteme, in überhaupt am Ball – kein Madrider Feld-hat aus dem schlaksigen, hoch aufgeschos- denen sie Stars geworden sind. Barce- spieler war so unbeteiligt am Spiel wiesenen Körper eines pubertierenden Jun- lonas verwirrendes Passkarussell lässt er. Nur in 22 Zweikämpfe traute er sich,110D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 85. in 120 Minuten. Messi ließ sich gegen Auswirkungen die Aktionen eines Spie- und er sagt über sich: „Die Leute sindChelsea auf 29 Zweikämpfe ein, in 90 Mi-lers auf den Erfolg oder Misserfolg seinerneidisch auf mich, weil ich schön bin undnuten. Nur 37 Pässe spielte Ronaldo, Mes- Mannschaft haben. Am Ende dieser Sai- reich.“si mehr als das Doppelte. son lag Messi mit 1195 Punkten an derMessi spricht lieber mit dem Ball als Weil Ronaldo den langen Anlauf für Spitze, Ronaldo mit 932 Punkten nur auf mit Journalisten, ist Unicef-Botschafter,seine Dribblings will, spielt er lieber auf Platz vier. Gründer der Leo-Messi-Stiftung, die be-der Außenbahn, statt im gesamten RaumZahlen sind für manche das Wichtigstenachteiligten Kindern gleiche Chancenzwischen Mittellinie und Tor seine Tech-im Fußball, sie beweisen, was man gese- bieten will, und er sagt über sich: „Nachnik, seine Ballbeherrschung und seinhen hat, wenn auch nicht immer. Unter-einem Krankenhausbesuch ist mir die be-Tempo zu nutzen. Weil Messi den gesam-nehmen wie Opta und Amisco erhebensondere Rolle als öffentlicher Menschten Platz vor und im Strafraum für dieinzwischen mit aufwendiger Technikklargeworden.“Entfaltung seiner Torgefahr beansprucht Hunderttausende Daten pro Match, umRonaldo inszeniert seinen Körper, sei-und deshalb klassische Mittelstürmer wiedie Spieler und das Spiel für die Trainer nen Reichtum, seinen Aufstieg, Messi seinDavid Villa, Samuel Eto’o und Zlatanund die Medien zu durchleuchten. DieHerz, seine Bescheidenheit, seinen Auf-Ibrahimović aus der Sturmmitte oder aus Zahlen sprechen für Messi; wer lieber sei-stieg. Ronaldo ist böse bis zur Ehrlichkeit,der Mannschaft vertrieben hat, fehlt ge-nen Augen vertraut, sieht einen kleinen Messi gut bis zur Lächerlichkeit, der Teu-gen sehr defensive Mannschaften wie Kerl, der Zuschauer zum Staunen bringt, fel motiviert sich durch Hass, der EngelChelsea ein Vollstrecker im Strafraum.zum Kopfschütteln, zum ungläubigen La-durch Zuneigung. Beide Inszenierungen So heimtückisch ist Fußball: Immer chen; und einen Model-Fußballer, derbringen ähnlich viel Geld: Nike, Armani,und immer wieder führen Messi und Ro- Übersteiger macht wie kein anderer, der Coca-Cola, Konami, Clear Shampoo undandere Firmen zahlen Ronaldojährlich etwa 25 Millionen Euro,Real Madrid legt noch mal 13Millionen drauf. Adidas, Dolce& Gabbana, Pepsi, Herbalife,EA Sports und andere zahlenMessi 20 Millionen Euro, Barce-lona legt jährlich noch mal 11Millionen drauf. Sie sind als Fußballtypen soverschieden wie als Werbeträ-ger, aber ihr Leben verlief ähn-licher, als man annimmt. Siesind beide der Beweis dafür,dass man Überirdische – bei ent-sprechendem Genmaterial –züchten kann wie seltene Blütenim botanischen Garten. Als Kin-der und Jugendliche waren sieAußenseiter, zu klein der eine,mit Herzproblemen der andere,an der Schule waren sie wenigREINALDO CODDOUinteressiert, nur auf den Ball fi-xiert, früh als Ausnahmetalenteentdeckt, von Rosario in Argen-tinien nach Barcelona ver-Nationalspieler Messi: Mit Tempo in den Strafraum eindringen und Angst verbreiten pflanzt und von Madeira nachLissabon, auf Ball-Internaten ge-naldo ihre Mannschaften zum Sieg. InTore mit der Hacke erzielt, aus elf Me- drillt und gefördert, von der Familie ge-diesen beiden Spielen stürzten sie Madrid tern – und der von gegnerischen Fanstrennt, jahrelang und oft weinend demund Barcelona in die Niederlage – weilgern „Messi“ gerufen wird.Debüt als Profi-Spieler entgegenschuf-die Gegner die Stärke der beiden zur Ronaldo wird geliebt von Mädchen wie tend. Messi bekommt sein erstes Spiel imSchwäche der Mannschaften machten.Paris Hilton und Irina Shayk, dem russi-Profi-Team von Barcelona im November Die Abhängigkeit Barcelonas von Mes- schen Unterwäsche-Model, von Marke- 2003 mit 16 Jahren, Ronaldo bei Sportingsi ist größer als die Madrids von Ronaldo:tingmanagern und von Schwulen, sie wäh- Lissabon im Juli 2002 mit 17 Jahren, beideIn den Spielen der spanischen Liga ver- len ihn gern zum „Sexiest man alive“. sorgen bei Zuschauern und Gegnern fürwertete Messi 34 Prozent seiner Torchan-Messi wird nie ein Tattoo haben, undErstaunen.cen (Ronaldo 22 Prozent), er hatte durch- wenn er seinen rotsamtenen Anzug von Man musste Messi nicht viel beibrin-schnittlich 90 Ballkontakte pro Spiel (Ro-Dolce & Gabbana trägt, sieht er aus, alsgen, sagen seine Jugendtrainer, mit sie-naldo 61), er riskierte 329 Dribblingshätte ihm seine Mutter den falschen Kon-ben Jahren führte er den Ball schon so(Ronaldo 205), von denen er gut die Hälf- firmationsanzug gekauft.eng wie heute, auch der Zug zum Tor warte gewann (Ronaldo etwas mehr als einRonaldo hat schon mit 22 Jahren einenschon entwickelt. Der rücksichtslose Sie-Drittel). Bildband über sein Leben veröffentlicht,geswille war bei beiden gleich, Niederla- Noch mehr Zahlen? Ronaldos Sponsor er gründete sein Modelabel CR7, amgen wurden beweint, Ronaldo arbeiteteCastrol betreibt im Netz ein Ranking derHandgelenk trägt er schon mal eine „Mec-verbissen daran, beidfüßig gleich gut zubesten europäischen Spieler, lässt ihre caniche Veloci Quattro Valvole Podium sein, schulte sein Kopfballspiel und ersteLeistungen von Sportdatensammlern inNite Lite“-Uhr für 25 000 Euro, er fährtGesten der Arroganz.jedem Spiel erheben und von Expertenvon Bugatti über Bentley, Ferrari, Merce-Nachdem der 18-Jährige 2003 fürgewichten und danach bewerten, welche des bis Porsche alle Protzwagen der Welt, 17 Millionen Euro zu Manchester UnitedD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 111
  • 86. Sport vielbeiniger sind und enger stehen als zu Zeiten ihrer legendären Vorbilder.Maradona, der über Messi sagt, er spü- re seinen Geist in dessen Körper, war langsamer, berechenbarer und weniger torgefährlich als Messi (allerdings mehr auf Droge), aber er wurde mit Argenti- nien Weltmeister. Messi und Ronaldo sind einzigartige Vereinsspieler, als National- spieler umweht sie der Makel der Erfolg- losen. Der Materialist kann sagen, Siege im Nationaltrikot lassen sich schlechter vermarkten, weltweit. Der Idealist wird sagen, nach 60 Spielen im Vereinstrikot bleibt am Ende der Saison zu wenig Messi übrig und zu wenig Ronaldo, um auch noch im Nationaltrikot zu triumphieren.Nach der EM-Finalniederlage 2004, nach dem vierten Platz bei der WM 2006 ANDRES KUDACKI / DAPD könnte die EM nun für Ronaldo zwei Er- folge bringen: endlich als guter National- spieler zu gelten und den Ballon d’Or zu gewinnen.Aber ihm hängt der Elfmeter aus demRivalen Messi, Ronaldo: Gut bis zur Lächerlichkeit, böse bis zur Ehrlichkeit verlorenen Halbfinale gegen Bayern Mün- chen im Kopf: Ronaldo verschoss danachgewechselt war, pumpte er seinem Körperder Anarchie, Ronaldo gibt ihm das Vor- noch einen Elfmeter. Messi traf nach sei-zehn Kilo Muskelmasse drauf und ver- bild einer Menschmaschine, die kotzt, nem Halbfinaltrauma in der Liga viermalschmolz seine Ballfertigkeit mit dem für wenn seine Mannschaft 5:1 gewinnt, aber vom Elfmeterpunkt und zudem noch fünf-Tempo und Härte berühmten englischen er kein Tor geschossen hat. Der eine spielt mal, einmal auch im Pokalfinale: Er holteFußball eines Alex Ferguson zu dem Stil, Fußball mit der Energie eines Terminators,mit Barcelona nach dem Weltpokal, demden er heute bei Real Madrid unter Joséder andere mit dem Trotz eines Forrestspanischen und dem europäischen Super-Mourinho perfektioniert: Der schnellsteGump. Ein besonderer Mensch zu sein,cup den vierten Titel der Saison. AberWeg zum Tor ist eine Gerade; ist sie ver-diese Gewissheit treibt sie immer wiederauch für ihn blieb das verpasste Münch-stellt, versuch in drei Spielzügen zum Tor an, jedes Tor ist der Beweis, jeder Ballonner Finale in der Champions League diezu kommen, spiel den Ball vertikal, hori-d’Or der Heiligenschein.große Enttäuschung seiner Karriere.zontal, vertikal! In Spanien, das mussteMessi bei Real Madrid, Ronaldo beiIn der 71. Minute dieses spanischen Po-Ronaldo lernen, wird der Weg vom eige- Barcelona, wer würde der Mannschaft kalfinales vor eineinhalb Wochen sahennen Torwart zum gegnerischen Tor spie- mehr helfen? Messi und Ronaldo, die bes-die Zuschauer ihn allerdings wieder, denlerischer überwunden als in England. ten Fußballer aller Zeiten? Da ist sie, die unwiderstehlich tanzenden Messi, den Messi lernte in La Masia, dem Internatlächerlichste aller Fragen, die so ernst be-Kleinen in kurzen Hosen, der über sichdes FC Barcelona, seinen Straßenfußballsagt, mit Tempo in den Strafraum einzu-mit Barças Kombinationsgewitter zu ver-dringen und Angst zu verbreiten, das seibinden. Der schönste Weg zum Tor be- Messi schenkt dem für ihn Fußball, Angst zu verbreiten wiesteht aus möglichst vielen Kurven; der Fußball die ein Hai, der Blut gerochen hat.zweitschönste Weg sind möglichst vieleMessi schnappt sich den Ball in der ei-Kurzpässe; verlierst du den Ball, hol ihnAnarchie, Ronaldo die genen Hälfte, verfolgt von einem Spielerdir sofort zurück, verstehst du, sofort! Bilbaos, der ihn mit einer Beinschere nie- Im 4-3-3-System spielte er, als Linksfuß, Menschmaschine. derreißen will, ein zweiter Gegenspielerauf der linken Seite, dann schob ihn seinkommt ihm von der Seite in die Quere,Trainer Frank Rijkaard – gegen Messisantwortet werden muss wie alle lächer-Messi schüttelt sie ab wie KampfhundeProtest – auf die rechte Seite, um ihn inlichen Fußballfragen und so sorgfältig wieohne Zähne, spielt den nächsten Manndie bessere Position für Dribblings undkeine andere. Moment, sagt Pelé, die soll-aus, überläuft zwei weitere, schießt nun –Schüsse zu bringen. Sein Nachfolger Pepten erst mal meine 1000 Tore geschossen nachdem die halbe Mannschaft erledigtGuardiola beförderte Messi in die Zen- haben und dreimal Weltmeister gewesen ist – aus spitzem Winkel aufs Tor.trale des Offensivspektakels und machtesein. Pelé war halb Messi, halb Ronaldo, Ein Slalomtanz wie das Jahrhundert-ihn so zur ultimativen Tormaschine – er hatte den angeborenen Instinkt, densolo gegen den FC Getafe ist das. DerMessi brach in dieser Saison den legen-Gegner durch Körpertäuschungen zu Torwart erwischt das Leder mit der Fuß-dären Torrekord von Gerd Müller ausüberwinden, und er hatte die Schusstech-spitze und verhindert, dass die Kugel zumdem Jahr 1973 (67 Tore). nik einer athletischen Tormaschine. goldenen Ball wird und zum goldenen Mehr Tore als ein klassischer Mittelstür-Zinédine Zidane konnte das Spiel sei-Schrei, und dennoch ist es dieser Moment,mer! Mal spielt Messi so, wie früher einener Mannschaft besser dirigieren alsvon dem die Zuschauer nach dem Spiel„9“ unterwegs war, mal ist er eine „7“,Messi, er war halb Messi und halb Xavi, sprechen, dieser Moment, der auf You-mal eine „11“, mal eine „8“, mal eine „6“. Barças Ballverteiler, Zidane bewegte sich Tube über 100 000-mal geklickt wird, ob-Aus Messi ist dank Guardiola eine „10“ geschmeidig über den Platz, als hätte erwohl kein Tor zu bestaunen ist, dieserneuen Typs geworden, eine Sturmspitze, Opernarien im Ohr. Messis BewegungenMoment, in dem Fußball mehr wird alsein Flügelstürmer und ein Ballverteiler, folgen einem nervösen Beat. Allerdingseine Ballsportart, dieser Moment, in demwie es ihn vorher im Fußball so nicht gab. müssen sich Messi und Ronaldo heut- ein Fuß mit einem Ball etwas macht, dasMessi schenkt dem Fußball die Schönheitzutage durch Abwehrreihen schlagen, die man nie wieder vergisst.114D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 87. SportDEUTSCHLANDDas ungleiche Paar Holger Badstuber und Mats Hummels sind moderne Verteidiger, die das Spiel mitgestalten. Sie entstammen derselben Nachwuchsschule und scheinen als Gespann in derAbwehrzentrale der Nationalelf wie füreinander bestimmt. Ob sie auch harmonieren würden? Mats Hummels, der Dort- munder Verteidiger, hat kürzlich verraten, dass er neuerdings von geg- nerischen Stürmern ge- deckt werde. Sie attackie- ren ihn, weil er als derheimliche Spielmacher seiner Mannschaftgilt. Er kenne kaum einen Innenvertei-diger, dem das passiere. Das mache ihnstolz. Jetzt sitzt Holger Badstuber, der Ver-teidiger des FC Bayern, wenige Tage vorder Abreise zur Nationalmannschaft ineinem Balkonzimmer der MünchnerKommunikationsagentur, die ihn berät.Er trägt einen sommerlichen Schlabber-style zur Schau, zur Sprache kommt dieBewachung durch gegnerische Stürmer.Das habe er „schon oft“ erlebt, dass sieihn „zustellen“, wie Fußballer sagen, weilsie ihn aus dem Spiel nehmen wollen.Nicht erst in der vorigen Saison sei dasvorgekommen, sagt Badstuber achsel-zuckend, irgendwie emotionslos. Im Trainingslager der Nationalmann-schaft im französischen Tourrettes machtHummels es sich dann vier Tage späterim Leseraum des Spa-Bereichs bequemund erklärt das mit den Stürmern nochmal genau. Dass ihn einer ständig atta-ckiere, bevor er auch nur mit dem Ball inBerührung komme, sei im Grunde nichtneu. Schon im Oktober 2010 sei ihm daspassiert, gegen Bayern München. Also kann er immer noch stolz sein. Erwar der Erste. Vor Badstuber. Die Nationalspieler Hummels und Bad-FIRO SPORTPHOTOstuber, beide 23, sind die besten Innen-verteidiger der abgelaufenen Bundesliga-Saison, der eine wurde Deutscher Meisterund Pokalsieger, der andere gewann dasHalbfinale der Champions League gegen Nationalspieler Hummels: „Schwierig und risikoreich“Real Madrid. Nun sollen sie für Deutsch-land bei der Europameisterschaft vertei-Zeit und Raum für den überlegten Spiel- land, der war mit den Vätern beider Spie-digen, vielleicht gleich zu Beginn des Tur- aufbau fehlen, obliegt es den Hünen inler befreundet. Vor vier Jahren prophe-niers gemeinsam. Sie kennen sich langeder Abwehrzentrale, von hinten den Tonzeite Gerland, Entdecker ungezähltergenug. Würden sie auch harmonieren? anzugeben. Sie entscheiden, über welche Talente: Badstuber und Hummels, das Immerhin erfüllen sie als Fachkräfte Seite ein Angriff gestartet wird, obwerde mal das Innenverteidigerpaaralle Kriterien für gehobene Spitzenklasse.schnell gespielt wird, hoch oder flach. Deutschlands.Es reicht nicht mehr aus, hinten die Zwei-Hummels und Badstuber wurden inBei Paaren, die eine dauerhafte Bezie-kämpfe zu gewinnen, die Angreifer des Bayern Münchens Nachwuchsschule aus-hung eingehen sollen oder wollen, gibtGegners zu befehden am Boden und in gebildet, sie lernten dann in der zweiten es schon mal Potential für Konflikte. Derder Luft. Weil im Mittelfeld zusehendsMannschaft bei Trainer Hermann Ger- Anspruch auf Anerkennung genügt, um116 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 88. sie auszulösen, Missgunst auch. NochMuss Hummels, den mancher am Ball über 95 Prozent“ erreichen, dann sei aberwirkt das ungleiche Fußballer-Paar nicht für stärker hält und er sich selbst vermut-kein entscheidender Ball dabei.wie ein Team, kurz vor der EM reden dielich auch, also erst einmal weichen? DerBei Borussia Dortmund schlägt erbeiden eher wie rivalisierende Brüder. smarte Anführer des Deutschen Meisters manchmal ansatzlos Pässe bis vorn in den Die Abwehr erwies sich in Testpartien Borussia Dortmund lässt erkennen, dass Strafraum, beckenbaueresk mit dem Au-zuletzt als Problembezirk in der deut- er die Kunst des Wartens beherrscht. Bei ßenrist, manchmal fällt daraufhin ein Tor.schen Elf. Bundestrainer Joachim Löw der Junioren-EM der U 21 vor drei Jahren Davon kämen natürlich nicht acht vonhat sich noch nicht festgelegt, wen er amhabe er auch anfangs nicht in der Startelf zehn Bällen beim Mitspieler an, sagt er,Samstag gegen Portugal in der Defensiv-gestanden, bemerkt er trocken, doch im dafür seien die Pässe „zu schwierig undzentrale spielen lässt.gewonnenen Finale war er dabei. Er kannrisikoreich“. Er hatte die einstigen Lieblingsschüler Druck ausüben auf die Konkurrenz undLöw hat ihm diese hochfliegenden Vor-Gerlands als Lösung im Blick, bevor Persubtil für sich werben.lagen verboten. Der Bundestrainer willMertesacker, der alte Platzhirsch und Man redet zum Beispiel über Statistik.den Ball flach halten und den Gegner amStammspieler schon bei der WM 2006,Es wird ja über jeden Schritt und Tritt im Boden ausspielen lassen. Im Test gegendie Schweiz in Basel misslang Hummelsein halbhoher Beckenbauer-Pass, undLöw bekam einen mittleren Tobsuchts-anfall. Badstuber, sein Lieblings-Innenvertei-diger, mache es richtig: „sehr, sehr gut inder Spielauslösung“ – ein modernerTrainerbegriff für die ersten Ballkontakte,die das Spiel von hinten in Gang bringen,auslösen sollen. Badstubers Pässe kom-men scharf und flach, oft diagonal übersFeld auf die offensiven Außenspieler. Hummels sagt, das könne er auch. Der Dortmunder, im Rheinland gebo-ren, wuchs in München auf, der VaterFußballlehrer, die Mutter Sportjourna-listin. Mit sieben kickte er schon beimFC Bayern. Als er 14 war, trainerte ihn sein VaterHermann. Damals trat der etwas jüngereund schmächtigere Badstuber, vom VfBStuttgart gekommen, ins Team, er spielteim offensiven Mittelfeld. Hummels warMittelstürmer, doch als er nach einemWachstumsschub an Schnelligkeit einbüß-te, zog ihn der Vater ins Mittelfeld zurück. Später spielten sie zusammen in Bay-ern Münchens Regionalliga-Team. TrainerHermann Gerland, den sie den „Tiger“nennen, nahm gern die Talentiertestenbesonders hart ran. „Wer mehr kann,muss mehr leisten“, sagte er. Hummelshatte kein Problem damit und wechseltetrotzdem zur Saisonhalbzeit Anfang 2008 FIRO SPORTPHOTO / PICTURE ALLIANCE / DPAden Verein. Damit ebnete er dem dünnen Badstu-ber den Weg nach oben. Hummels, da-mals körperlich weiter entwickelt, hatteschon einen Profivertrag unterschriebenund ein Bundesliga-Spiel für Bayern ab-solviert. Doch er kam an den Abwehr-konkurrenten Martín Demichelis, Lúcio,Daniel van Buyten nicht vorbei, oben-Nationalspieler Badstuber: „Sehr, sehr gut in der Spielauslösung“ drein wurde der Brasilianer Breno ge-kauft.aus seiner dreimonatigen Verletzungspau- Fußball öffentlich Buch geführt. So hat Er wollte es als Leihspieler woandersse kam. Mertesacker wirkte im Training etwa Badstuber eine überragende Pass- versuchen. Der Vater riet zur TSG Hof-überraschend präsent und beweglich.quote; in der Bundesliga kamen 89,4 Pro- fenheim, damals ein aufstrebender Zweit- Auch technisch, sagt Löw, erscheine zent der von ihm gespielten Bälle an, der ligist. Also rein in das Dorf im Kraichgau,der Wahl-Londoner nach nur einer Sai- Münchner ist der fünftbeste Passgeber „doch nach hundert Metern war der Ortson beim FC Arsenal in der Premier Lea- der Liga. Hummels liegt auf Platz 115.zu Ende“, erinnert sich Großstadtmenschgue „ein Stück versierter“. Zuletzt beimSolche Zahlen, erklärt Hummels, seien Hummels mit Schrecken. Er entschied2:0 gegen Israel blieb Mertesacker, kaum ihm ein Gräuel. Sie sagten nichts über sich für Dortmund, Liga eins.gefordert, an der Seite Badstubers zumin- die Qualität der Pässe aus. Wenn er wolle, Dort setzte er sich in der folgenden Sai-dest fast fehlerfrei.könne er in jedem Spiel eine Quote „von son bei Coach Jürgen Klopp durch – den D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2117
  • 89. Sporthatte Vater Hermann Hummels früher machten einst zusammen den Fußballleh- te ihn Joachim Löw nach einem Gegentormal bei Mainz 05 trainiert. Anfang 2009 rer-Schein.im Test gegen Frankreich für eine falschegab Mats Hummels den Plan von derHermann Badstuber starb, gerade als Entscheidung: Er hatte die AbwehrlinieRückkehr nach München auf, für 4,2 Mil- der Sohn den Profivertrag hatte, vor gut verlassen, um den Ballführenden zu atta-lionen Euro Ablöse gehörte er nun end- drei Jahren an einem Krebsleiden; er sah ckieren. „Ob das Kritik war, glaube ichgültig der Borussia. den Jungen nie im Profifußball spielen. nicht“, sagt Badstuber, „das war einfach Als er verkauft war, wurde Badstuber Als Jugendcoach beim VfB Stuttgart und eine Analyse von ihm, was ich beimbei Bayern Profi. „So war für jeden von beim SSV Ulm sowie im Lehrstab des nächsten Mal besser machen kann.“beiden etwas dabei“, scherzt Vater Hum- Württembergischen Verbandes war Bad-Solche Entscheidungen würden „in Milli-mels – der eine geht und macht Platz für stuber senior Ausbilder der sogenannten sekunden getroffen“. Er spricht vomden anderen, beide treffen sich in der Na- Stuttgarter Schule, die als Keimzelle des „Raumverhältnis“ und dem Vertrauen,tionalelf wieder. So wären ja alle zufrie- modernisierten deutschen Fußballs gilt: das er in der Situation in die Mitspielerden. hohe Laufbereitschaft, giftige, systemati- habe, die ihm den Rücken stärken sollen Doch Mats Hummels hält noch einen sche Balleroberung, offensives Spiel – sol- für den Fall, dass er ausgespielt wird. „IchAspekt für „relevant“. Damals war in che Ideen kommen von dort.habe keine Angst, die falsche Entschei-München Jürgen Klinsmann Trainer, derDer Mainzer Bundesliga-Trainer Tho- dung zu treffen. Ich bin der festen Über-erwies sich dort nicht gerade als ein För- mas Tuchel hat erzählt, wie ihn Lehrmeis- zeugung, dass ich gut genug geschult bin.“derer der Jugend. Wäre Louis van Gaal ter Badstuber mit seiner Akribie geprägtAuf dem Rasen in Südfrankreich gingschon da gewesen, „hätte es sein können, es beim Taktiktraining in der vorvergan-dass ich zu Bayern zurückgegangengenen Woche um genau diese Dinge. Diewäre“, sagt Hummels. So aber nahm vanBayern-Spieler waren noch nicht da, PerGaal in der Saison 2009/2010 den jungenMertesacker bildete mit Hummels dieBadstuber in seine Stammelf. Innenverteidigung. Und Mertesacker Badstuber, das ist die versteckte Bot-übernahm wie selbstverständlich dasschaft in Hummels’ Hypothese, hat also Kommando. „Zurückweichen. WiederGlück gehabt.vor. Gut so. Rücken stärken. Vorsicht“, Der Nationalspieler Badstuber ist trotz-so hörte man ihn rufen. Von Hummelsdem stolz, dass er sich bei Bayern durch-hörte man nichts.gesetzt hat, „ohne Ausleihe“ zwischen- „Wenn ich weiß, der Per sagt was, mussdurch, wie er betont.ich nicht auch was sagen, das ist sinnlos“, Er spielte schon 2010 bei der WM in erklärte er kleinlaut am Nachmittag. TagsSüdafrika, ein Umstand, für den Mats darauf die gleiche Übung, da sprang ihmHummels, der selbst gern dabei gewesen Löw zur Seite, um sein Stellungsspiel zuwäre, in einem Interview einen Bayern- korrigieren. Erst wenn der Ball den FußBonus verantwortlich machte. Er selbst des gegnerischen Passgebers verlassenhabe bei Dortmund, damals zwischen habe, dürfe er sich vom Stürmer aus derPlatz 13 und 6 in der Tabelle, halt nichtAbwehrkette herauslocken lassen.so im Blickpunkt gestanden. Hummels, das Dortmunder Alphatier, Badstuber ärgert diese Aussage. Ermachte einen verstörten Eindruck, viel-stellt klar, dass er 2010 bereits inter- leicht weil er nicht das Sagen hat. „Ich MARCUS BRANDT / DPAnationale Erfahrung in der Champions mag es gar nicht, Mitläufer zu sein“, be-League gesammelt hatte, „auf hohem kennt er. Das Gefühl, wichtig zu sein,Niveau“, und außerdem vielseitig gewe- brauche er, die Anerkennung der Kame-sen sei. Löw wollte ihn links als Außen- raden, um Leistung zu bringen. „Mit elfverteidiger. Spielern wie mir würde eine Mannschaft Manchmal wird Badstuber eigentüm- Trainer Löw, Verteidiger Mertesackernicht funktionieren“, das weiß er. Dochlich laut im Gespräch, er wirkt konzen- „Zurückweichen, wieder vor, gut so“so seien nun mal seine unterschiedlichentriert, streut hier und da ein entgeistertes Darbietungen zu erklären, die starken in„Ach so“ in die Unterhaltung ein, auch habe. Der habe die Spieler Demut gelehrt Dortmund, die durchwachsenen im DFB-das Fußballer-typische „Ja“, das immer und ihnen erklärt, dass ihr Talent eine Team. „Es ist im Verein einfach eine ganzso klingt, als werde eine prägnante For- Verpflichtung bedeute: an sich zu arbei- andere Akzeptanz da.“mulierung angekündigt. Er arbeitet sich ten, das Talent für höchste Ansprüche zuDa kann ihm jetzt keiner helfen. Beiin die Themen hinein wie sonst – ja – in nutzen. allem Respekt, sagt Bundestrainer Löw,den Zweikampf. Holger Badstuber sagt, das sei klug. ob die Dortmunder Spieler auch interna- Dort, auf dem Platz, sucht er oft mit „Es entscheidet sich in den Köpfen. Die tional Topleistungen bringen könnten,merkwürdig verdrehten Armen die Ba- nicht zu den Hellsten gehören, ruhen sich müssten sie erst noch beweisen. „Ich legelance oder die richtige Stellung zum Ball. auf ihrem Talent aus.“ Über den Vater internationale Maßstäbe an. Wir spielenDas sieht nicht elegant aus wie bei Hum- und dessen Tod will er nicht reden. bei der EM nicht gegen Stuttgart, Nürn-mels, doch das Resultat ist seine Präzision. Heute ist er ein selbstbewusster Spieler, berg, Augsburg oder Hoffenheim.“Badstuber will seiner Mannschaft „von der seinen Hang zur übertriebenen Selbst- So steht Mats Hummels bislang anders-hinten raus Vertrauen geben“. Ein „siche- kritik („mein Naturell“) in den Griff be- wo im Vordergrund. In der DFB-Werbe-res Auftreten“ nennt er das. kommen hat. Badstuber gehört in Mün- kampagne für den neuen Mercedes zum Jahrelang gab es Zweifel, ob er für ei- chen der sogenannten Gärtnerplatz-Gang Beispiel. Den entsprechenden Blick hatnen Verteidiger schnell genug werden um die Bayern-Stars Bastian Schweinstei- er drauf: „Entschlossen, heroisch, das istwürde. Gerland, der Entdecker, vertraute ger, Mario Gomez und Manuel Neuer an, mittlerweile in der Werbeindustrie dasden Genen. Er hatte die Mutter Helga die dort die angesagten Cafés aufsuchen. Gewollte“, stellt er fest.Badstuber mal gegen seine eigene Toch- Früher, weiß Mentor Gerland, sei Bad-Er habe dort einen ganz guten Ruf, inter rennen sehen, den Vater Hermann stuber, wenn ihm ein Fehler unterlaufen der Werbeindustrie.kannte er vom Sport sowieso. Die beiden war, in sich zusammengefallen. Jetzt rüg-JÖRG KRAMER118D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 90. PrismaApp zum EierlegenExperiment eines engli-schen Gartenbesitzers: Als SOUTH WEST NEWS / ACTION PRESSseine Henne ihren Hahn aneinen Fuchs verloren hatte,zeigte das Herrchen ihrFilme von Artgenossen aufeinem Tablet-Computer –und sie legte wieder Eier.MEDIZIN von Schlaganfällen und anderen töd-Arzt Guarinonius etwa schrieb 1610, lichen Krankheiten.fette Menschen hätten kaum Verstand,„Fett mit Petersilie SPIEGEL: Wie dick waren die Men- schen?und verglich sie mit übermästetenSchweinen. Die Bevölkerung dagegenaustreiben“Stolberg: Der Arzt Thomas Bartholinus beschrieb vor mehr als 350 Jahren ein zehnjähriges Mädchen, das 200 Pfundhatte keine Vorurteile gegen Dicke.SPIEGEL: Wie erklärten die Ärzte dieFettsucht?Der Medizinhistorikerwog und auf Jahrmärkten gezeigtStolberg: Sie dachten, die NahrungW. M. WEBER / DER SPIEGELMichael Stolberg, 55,wurde. Eine Straßburger Seilerin wog werde von der Lebenswärme verkocht,von der Universität480 Pfund. einer Art Flamme im Körper. BeiWürzburg über dieSPIEGEL: Welches Image hatten DickeDicken sei die Lebenswärme überfor-erstaunlich lange Ge-in früheren Zeiten?dert: Die Nahrung häufe sich roh imschichte der Fettsucht Stolberg: In der Medizinliteratur stehen Körper an und beginne zu faulen.und ihrer Behandlung sehr abwertende Urteile. Der Tiroler SPIEGEL: Und was rieten die Ärzte?Stolberg: Neben dem Rat, weniger zuSPIEGEL: Sie haben untersucht, ob Men-essen, wollten sie das Fett austreiben:schen schon in früheren Jahrhunder- etwa mit Petersilie, um den Harnflussten fettsüchtig waren. Was haben Siezu fördern, mit Abführmitteln oderherausgefunden? durch Bewegung und Schwitzen.Stolberg: Viele glauben, die Leute hät- SPIEGEL: Warum war Ärzten das Thematen damals gar nicht genug zu essen so wichtig?gehabt, um dick zu werden. Aber das Stolberg: Dass Dicke rascher sterben,stimmt so nicht. Viele Menschen stand schon bei Hippokrates. Aber diekonnten es sich auch früher schon leis- Ärzte hatten auch ein kräftiges Interes-ten, üppiger zu essen als nötig. Seit se daran, dicke Menschen für krank zuWELLCOME IMAGESdem 15. Jahrhundert beschreiben füh-erklären. Sie bauschten die Gefahr aufrende Ärzte die Fettsucht als Ursache und versuchten, sich als Experten für Dicke Männer in England* Ernährungsratschläge einen Markt zu* Kolorierte Radierung von Charles Williams, 1806.erschließen.120 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 91. Wissenschaft · Technik MIKROBIOLOGIE Keimbesiedlung schon im MutterleibDie Fruchtblase gilt als keimfreieZone – doch womöglich besiedeln Bak-terien Menschen bereits vor deren Ge-burt. So wurden spanische Forscherfündig, als sie die Ausscheidungen von20 Babys untersuchten, die gerade aufdie Welt gekommen waren. Im Innerndes „Kindspechs“, das man bisher fürsteril hielt, fanden sie DNA, die vonMilchsäure- und Kolibakterien stamm-ten. Offenbar wandern die Keime überdie Plazenta ein und bilden den Grund-stock der lebenswichtigen Darmflora.ENERGIE Beschlagnahmung von Elfenbein in Malaysia DAPDWasser aus Wind ARTENSCHUTZNicht nur Strom, sondern auch Trink-wasser kann eine neuartige Turbineaus dem Wind ernten. Der französi-Illegales Elfenbein in Chinasche Hersteller Eole Water testet die China bleibt der wichtigste Markt für etwa 60 Prozent auch Geschäfte mitAnlage im Emirat Abu Dhabi. Die 24Elfenbein von gewilderten Elefanten Stoßzähnen von gewilderten Tieren.Meter hohe Windmühle stellt zunächstaus Afrika, klagen Mitarbeiter desIhr Trick: Statt das legale Elfenbeinelektrischen Strom her, der dann be-Internationalen Tierschutz-Fondsmit Identifikationskarten zu verkau-nutzt wird, um Luft anzusaugen und(IFAW). Die Aktivisten besuchten ver- fen, behielten sie die Dokumente ein-sie mit einem Kompressor zu kühlen. deckt 158 Geschäfte und Werkstätten fach ein, um sie für illegales ElfenbeinAuf diese Weise wird der Luft Feuch-in China, in denen Elfenbein verkauft zu benutzen oder an andere Händlertigkeit entzogen; das Kondenswasser und verarbeitet wird. 101 dieser Betrie-zu verhökern. Der IFAW fordert daherfließt über Stahlrohre in einen Sam-be besaßen nicht einmal eine Lizenz wieder ein generelles Handelsverbotmelbehälter am Fuß der Anlage. Es für den Handel mit legalem Elfenbein, für Elfenbein. Die Hoffnung, legalewird gefiltert, gereinigt und mit Mine- das von Tieren stammt, die eines na-Lieferungen würden Chinas Nachfrageralien versetzt. Die Anlage kann täg- türlichen Todes starben. Und von dendecken und das Wildern von Elefantenlich tausend Liter Trinkwasser liefern. 57 zugelassenen Betrieben machten verringern, habe sich zerschlagen.QUERSCHNITTDemenzkranke in Millionen2050Asien*2010 116119 Planet der GreiseNordamerika4 10Europa Die Zahl der Demenz- patienten wird sich weltweit 16 bis 2050 verdreifachen: auf 115 Millionen. Der Zuwachs69 wird in heutigen Entwick- Afrika120 Mio. lungs- und Schwellenländern 12 besonders dramatisch aus- Zentralamerika 80 fallen, weil auch dort die 9 Menschen immer älter SüdamerikaEntwicklung in Ländern mit40 werden. Von den über 2 niedrigem und mittlerem 60-Jährigen leiden etwa * inkl. Australien und PazifikEinkommen 0 4,7 Prozent unter Demenz. Schätzungen; Quelle: WHO hohem Einkommen 2010 2050D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2121
  • 92. SEBASTIAN WIDMANN / DAPDSoftware-Code von „Flame“ (Auszug), Virenexperte Kamljuk (r.): Regelmäßig schickt der digitale Schädling seine Beute übers Internet an dieCOMPUTER Ansteckende NeugierRussische Sicherheitsexperten haben einen besonders raffinierten Computervirus entdeckt. Das ferngesteuerte Spionageprogramm konnte jahrelangunbemerkt Rechner im Nahen Osten ausspähen. Hat der Cyberkrieg begonnen?E in einziges Mal kamen die Viren- Sie nannten es „Flame“.gaunern. Der Virus speichert die Beute jäger ihrem rätselhaften Gegenspie-Die russischen Ermittler beschlossen,dann, um sie bei nächster Gelegenheit ler ganz nahe. Es geschah, als sieder Sache auf den Grund zu gehen. Sie übers Internet in die Zentrale zu schicken,sich kurz von ihrem Computer abwand- präparierten einen Computer und setzten wo die Hintermänner sitzen.ten. Minuten später waren mehrere Da-den Schädling dort in Gang, um zu sehen, Flame kann sogar Mobiltelefone aus-teien aus dem Speicher verschwunden. was er anstellt. Am zweiten Tag fandenspionieren, die zufällig in die Nähe des Der Zugriff kam übers Internet von ir-sie keine Spur mehr von ihm. Zuvor hatteWirtscomputers geraten. Dazu muss nurgendwoher, vielleicht aus Israel, vielleicht Flame, wie das Protokoll zeigte, Verbin-auf beiden Geräten der Datenfunk Blue-aus den USA. Sicher war nur: Der Unbe- dung mit einem fernen Netzrechner auf-tooth eingeschaltet sein. Dann genügt es,kannte ging planvoll zu Werk. Er vernich-genommen – und von dort offenbar dendass ein Mensch mit Handy nichtsahnendtete aus der Ferne genau jenen Compu-Befehl zur Selbstzerstörung erhalten. vorbeispaziert – und schon ist sein Adress-tervirus, den die Experten gerade unter-„Da hat in der Zentrale wohl jemandbuch abgesaugt, womöglich seine Identi-suchen wollten – und den er vermutlich Verdacht geschöpft“, sagt Witalij Kamljuk,tät festgestellt.selbst geschaffen hatte. Virenfahnder bei Kaspersky.Das ist eine Hinterlist neuen Typs. Bis- Der Rechner, den der Angreifer mani- Vergangene Woche machten die Rus-lang waren Viren, egal wie spukhaft undpulierte, stand mitten in Moskau, im un- sen ihren Fund publik. Das Aufsehen war ungreifbar, in die Sphäre der Computerscheinbaren Hauptquartier der Sicher-enorm, denn Flame scheint ein perfekter und ihrer Netze verbannt. Flame aberheitsfirma Kaspersky Lab. Sie ist einerSpion zu sein. Der Virus nimmt den er-greift auch in die reale Welt über.der Weltmarktführer für Software, dieoberten Rechner rundum in Besitz. Ohne Das meiste, was das SpähprogrammViren aufspürt und unschädlich macht.dass der Benutzer etwas bemerkt, werden kann, ist für sich genommen nicht neu.Jenes besondere Exemplar war ihren Spe-fortan seine Lebensregungen überwacht Doch scheint Flame besonders vielseitigzialisten kurz zuvor in die Hände gefal- (siehe Grafik): Das eingebaute Mikrofon und wandelbar zu sein: 20 Zusatzpro-len: ein eigenartiges Spionageprogramm,schneidet Gespräche und Telefonate mit; gramme, die sich bei Bedarf einzeln nach-das schon Hunderte Computer im Nahen die Tastatur zeichnet jeden Anschlag auf, laden lassen, zählten die Ermittler bislang.Osten befallen hatte.um Passwörter und Zugangsdaten zu er- Als rundum gerüsteter Allzweckspion122D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 93. TechnikRechner sind, wie üblich, ihrerseits wie-der nur ferngesteuert. Die wahren Pup-penspieler sitzen woanders. Unter ihrerRegie konnte Flame jahrelang unentdecktvon Rechner zu Rechner springen: alseine Art digitaler Spähroboter. Wer also steckt dahinter? Wer kann soetwas programmieren? Dass staatlicheOrganisationen im Spiel sein müssen,schien früh klar zu sein. Der Verdachtfiel auf Israel. Dafür spricht, dass die meis-ten Infektionen in Iran gefunden wurden.Etliche ranghohe Beamte dort geben an,der Virus habe bei ihnen massive Daten-bestände ausspioniert. Die Firma Kaspersky nennt Flame„eine der komplexesten Bedrohungen, dieje entdeckt worden sind“. Freilich heizenVirenjäger seit je ihr Geschäft gern mal YEVGENY KONDAKOV / DER SPIEGELmit Alarmrufen an. „Die Branche findetalle paar Monate den gefährlichsten Virusaller Zeiten“, sagt Sandro Gaycken, Spe-zialist für Software-Sicherheit an der FUBerlin. „Da tritt beim Publikum eine ge-wisse Ermüdung ein.“ Dennoch machte in den Medien raschferne Kommandozentrale, wo die Hintermänner sitzendas Wort von einer neuen „Superwaffe“die Runde, von einem Vorboten für die kommt der Virus auf die stattliche Größebefällt nur auf Kommando ausgewählte „Cyberkriege“ der Zukunft. In Wahrheit von 20 Megabyte – weit mehr als das Hun-Rechner in Reichweite; die Softwaregeht der Virus nicht einmal als Waffe dertfache des typischen Digitalschädlings.bleibt dabei immer in Verbindung mit ih- durch, weil er nichts zerstört. Schlimms-Und dennoch blieb Flame lange unent- ren Kontrollzentren im Internet. Sie kanntenfalls droht Datenverlust. deckt. Bis mindestens Anfang 2010 lassensogar prüfen, ob der neue Wirt eine Be- Die russischen Experten stießen auf sich erste Infektionen zurückverfolgen. siedelung überhaupt lohnt. Wenn nicht, das neue Spähprogramm, als sie ab An- Wenn so ein Brocken allen Virenwäch-räumt Flame obendrein penibel hinter fang Mai einen Vorfall in Iran untersuch- tern entgeht, ist dann nicht überall mitsich auf und tilgt alle Spuren – entwederten. „Dort war es zu einer Cyberattacke verborgenen Spionen zu rechnen? automatisch oder, wie die Kaspersky-Leu- auf die ölverarbeitende Industrie gekom-Gewöhnliche Viren fliegen schnellerte beobachten konnten, per ferngezünde-men“, sagt Witalij Kamluk, leitender auf, weil sie sich wie Seuchen verbreiten:ter Selbstzerstörung.Fahnder bei Kaspersky. „Ein Virus hatte Sie stecken wahllos so viele ComputerRund 80 Kontrollrechner zur Steuerung auf Hunderten Computern Daten ge- an wie möglich. Eine Masseninfektionvon Flame haben die Virenforscher ge-löscht; einige funktionierten danach nicht aber bleibt auf Dauer so wenig geheim zählt; sie kennen auch deren Netzadres-mehr.“ Die Suche nach diesem Schad- wie eine Grippewelle. Flame dagegen sen, aber das hilft nicht weiter, denn diese programm, „Wiper“ genannt, brachte die Der Superspion Was der „Flame“-Tonüberwachung Virus kann Bluetooth Das Programm kann dasZugriff über das Bluetooth- Mikrofon steuern und Funknetz auf aktive Geräte Gespräche des Nutzersim Umfeld des befallenen Bildschirmfotos (z. B. bei Nutzung Computers wie z. B. Head- Aufnahmen des von Skype) sowie sets oder Handys. Bildschirms nachseine Umgebung einem ausgeklügel-aufzeichnen. ten Zeit- Fernsteuerung schema, jeÜbermittlung der ausgespähten Informationen nachdem,an eine Steuerungszentrale. Dort wird u. a. ent- welches schieden, welches benachbarte System als Programmnächstes infiziert werden soll. Erweist sich ein geradebefallener Computer als uninteressant, wird aktiv ist.ein Selbstzerstörungsmechanismus ausgelöst, der alle Spuren des Textüberwachung Befalls löscht. Der Virus protokolliert 1010010 Tastatureingaben. 1010010 0010101 0010101 01101012 601101017 0 3 Festplattenzugriff NetzwerkDie Software kann nach Überwachung desInformationen suchen, Programme nach-Datenverkehrs undinstallieren und auch Daten löschen. Erfassung von Passwörtern.D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 123
  • 94. TechnikFirma erst auf die Spur von Flame. Ein Realität immer mehr auf solche Horror- wiederum hält mit einer eigenen EinheitLöschangriff macht freilich nicht viel szenarien zusteuert“, sagt Amin. dagegen, die unter dem Kürzel „Maher“kaputt. So gut wie jedes Unternehmen Für den Kriegsforscher Rid zeigt Flame (zu Deutsch: Fachmann) operiert. Maherhat Sicherheitskopien aller wichtigen hingegen etwas anderes: dass die wirk- behauptet, schon vor Monaten den VirusDaten.liche Gefahr in der bald allgegenwärtigen Flame aufgestöbert zu haben. Vergange- Die einzige Software, die es bislang zu digitalen Schnüffelei liegt. Fürs Spionie- ne Woche reklamierten denn auch dieechter Waffenwirkung brachte, war der ren im Verborgenen sei die körperlose Teheraner Tageszeitungen den Sieg fürsComputerwurm „Stuxnet“, der 2010 in Software wie geschaffen.eigene Land. Das linientreue Blatt „Kay-der iranischen Atomanlage von Natans Rid vermutet, wie die meisten Fach- han“ etwa bejubelte, sichtlich erfolgstrun-umging. Dort hat er wohl an die tausend leute, dass Flame und auch Stuxnet in ken, die Abwehr des Angriffs einer „Cy-Zentrifugen zur Anreicherung von Uran Israel entwickelt wurden, wohl unter ber-Nuklearwaffe“.zerstört. Stuxnet nistete sich im Kontroll- maßgeblicher Beteiligung der USA. Ver- Auf der Website von Maher steht an-rechner ein, erhöhte nach einer Weile gangene Woche erst meldete die „New geblich auch schon eine Abwehr-Soft-gezielt die Drehzahl der Rotoren, um York Times“, Präsident Barack Obama ware zum Herunterladen bereit. Das im-sie später stark abzusenken – viele der selbst habe schon in den ersten Monaten merhin ist durchaus glaubhaft: Ist ein Vi-schweren Maschinen hielten dem unge- seiner Amtszeit den Marschbefehl zum rus erst einmal identifiziert, lässt er sichplanten Lastwechsel nicht stand.verstärkten Einsatz von Computerviren ohne viel Mühe unschädlich machen. Die Stuxnet ging so geschickt vor, dass das gegen iranische Atomanlagen gegeben. gängigen Antiviren-Programme erken-Personal keinen Verdacht schöpfte. Der Dass Israel mit im Spiel war, ist zumin- nen Flame inzwischen ebenfalls. DamitVirus, einmal in die Steuerelektronik dest plausibel, denn kaum ein Land ist so ist der Schädling vorerst erledigt. Für Pri-gelangt, las dort sogar mit, vatleute bestand ohnehin niewelche Werte die Überwa- ernsthafte Gefahr.chungssensoren der Maschi-Und wie können sichnen meldeten, um richtig zuUnternehmen oder Staatenreagieren – eine Maßarbeit,schützen vor dem nächstendie genaueste Kenntnis des Cyberspion? Der BerlinerZielsystems voraussetzt. Sicherheitsforscher Gaycken Die Kehrseite: Software als sieht in aller Welt noch vielWaffe lässt sich meist nur ge- Schludrigkeit am Werk: „Vorgen ein einziges Ziel einset-vielen Ministerien stehenzen. Wer ein zweites Ziel an-zwar bewaffnete Wachen,greifen will, muss ein zweites aber viele RegierungsstellenProgramm schreiben. Einerbenutzen unsichere Windows-Rakete ist es egal, wohin manComputer, die nicht einmalsie abfeuert; sie explodiert die neuesten Sicherheits-Up-überall. Ein Software-Virusdates aufgespielt haben.“dagegen muss sich quasi vor Sogar die LeitzentralenOrt genau auskennen, umvon Kraftwerken, so Gay-die Fähigkeiten der dortigen cken, haben mehr oder weni-Maschinerie destruktiv gegen ger direkte Schnittstellen zumdiese selbst zu richten. Internet: „Die Schutzwälle Deshalb sei es auch über- dazwischen sind natürlich an-trieben, vor drohenden Cy- greifbar“, sagt er. Auch beiberkriegen zu warnen, meintden Banken, die untereinan-Thomas Rid, Experte fürder ein physisch selbständigesNeue Technologien und Kon- Geldnetz namens SwiftnetREUTERSflikte am Londoner King’sbetreiben, gebe es „zahlrei-College. Im Gegenteil, es wer- che Übergänge ins Internet“.de immer schwerer, mit Soft- Kontrollraum in Atomfabrik Natans: Fast tausend Zentrifugen zerstört Banken, Energieversorgerware echten Schaden anzu-und Industrieunternehmenrichten: „Kraftwerke oder Staudämme gut für kriegerische Konflikte im Netz sollten, wenn es nach Gaycken geht, wich-werden meist von speziellen, teils auf- gerüstet. In Israel wuchs über Jahrzehnte tige Computersysteme radikal vom Inter-wendig umgearbeiteten Programmen ge- ein einzigartiges Ökosystem aus Armee, net abkoppeln – das ist unpraktisch, um-steuert. Kaum eine Installation gleicht Universitäten und Hightech-Firmen heran. ständlich und verlangsamt das Geschäfts-der anderen.“Schon in der Schule werden junge Is- leben ungemein. Aber echte Sicherheit, Dennoch malen Visionäre unentwegt raelis unter eifriger Beihilfe der Armee glaubt der Fachmann, ist ohne gezielteSchreckensbilder, zuletzt wieder in Mos- im Programmieren trainiert. Ihren Wehr- Entnetzung nicht mehr zu haben.kau, wo sich vergangene Woche Hunder- dienst leisten jedes Jahr Tausende künf- KIAN BADRNEJAD, MANFRED DWORSCHAK,te Hacker und Sicherheitsleute zu den tiger Netzkrieger dann in speziellen Ein- JULIANE VON MITTELSTAEDT, MATTHIAS SCHEPP,„Positive Hack Days“ trafen. Dort sprach heiten ab. Am bekanntesten ist die sa- HILMAR SCHMUNDTauch Mohd Noor Amin, Direktor von Im- genumwobene Unit 8200, aus der schonpact, einer „Internationalen Partnerschaft etliche Gründer von Computerfirmen her-gegen Cyber-Bedrohungen“ unter dem vorgegangen sind. Besonders die Unter-Dach der Uno. Amin reist seit Jahren mit nehmen für Internetsicherheit bleibenVideo:einem Propagandafilm um die Welt, in dem Militär, in dem sie verwurzelt sind, Woher kommt derdem Staudämme bersten und Flugzeuge häufig eng verbunden, und der Staat Computervirus „Flame“?vom Himmel fallen, weil sich Finsterlinge schießt eine Menge Fördergelder zu. Für Smartphone-Benutzer:der Steuerungselektronik bemächtigt ha-Israel hat auch ein nationales Zentrum Bildcode scannen, etwa mitben. „Stuxnet und Flame zeigen, dass die zur Cyberabwehr gegründet, und Irander App „Scanlife“.124D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 95. Geograf Pflitsch Disco-Nebel im Bahnhof dürfte die nächste Station (Bod- dinstraße) in sechs Minuten er- reichen, die danach in zehn Mi- nuten. Die Nachbarstationen in anderen Richtungen dagegen werden noch lange vom Gas unbehelligt bleiben.Mit einem solchen U-Bahn- Wetterbericht wäre eine ge- nauere und schnellere Evakuie- rung als heute möglich. „Viele Menschen würden spontan zur großen, zentralen Treppe lau- fen, um sich in Sicherheit zu bringen“, so Pflitsch. „Aber in diesem Fall wäre das genau das Falsche, weil dorthin auch der AMIN AKHTAR / DER SPIEGEL Rauch zieht.“ Besser wäre es, zu den Treppen an den Bahn- steigenden zu laufen; bei der derzeit herrschenden Tunnel- wetterlage blieben sie rauchfrei.Dass menschliche Intuition ins Verderben führen kann, fach“, sagt der Bochumer Geografiepro-zeigte sich vor gut zehn Jahren im öster- HÖHLENFORSCHUNG fessor Andreas Pflitsch, der Mann mit reichischen Kaprun, als im Führerstand Giftgas im der Gasflasche im Arm. „Dabei könneneiner Gletscherbahn ein Feuer ausbrach. wir im Ernstfall helfen, MenschenlebenViele Passagiere rannten vom Feuer weg zu retten.“ den Tunnel hinauf – ein tödlicher Fehler. UntergrundDas bei dem Experiment verwendeteHauptrisiko bei Bränden sind nicht die Gas heißt Schwefelhexafluorid, es ist Flammen selbst, sondern der Rauch. Nur ungiftig und dient lediglich als Test: Diewenige liefen damals dem Feuer entge- Sensoren schlagen an, das versuchsweise gen, an den Flammen vorbei – sie über-Wohin fliehen, wenn es im Tunnel installierte Warnsystem funktioniert. „Or-lebten.brennt? Um Fahrgäste bessergamir“ heißt das vom Bundesforschungs- „In Notsituationen suchen wir nachevakuieren zu können, erkunden ministerium mit 3,2 Millionen Euro ge-Führung, und wenn ein paar Leute in die förderte Projekt. Beteiligt sind Chemiker,falsche Richtung laufen, gibt es meist ei- Forscher die Wetter-Psychologen und Ingenieure der Univer-nen Herdeneffekt“, sagt die Psychologinverhältnisse in U-Bahn-Stationen.sitäten in Jena, Paderborn und Bochum.Gesine Hofinger, die für das Projekt dieAuf den ersten Blick erscheint die Auf-Fluchtwege untersucht hat. „AußerdemM enschen hasten über Treppen gabe simpel. Warum nicht einfach einsind wir Gewohnheitstiere, dort, wo wir und durch Gänge. Auf dempaar Rauchmelder, wie es sie in jedem reingehen, gehen wir meist wieder hin- Bahnsteig steht ein Mittfünfziger Hotelzimmer gibt, an die Tunnelwändeaus – auch wenn es dort verraucht ist.“mit Wollmütze und Gleisarbeiterklamot- schrauben? „U-Bahnen sind dynamische Kleinere Brände brechen in deutschenten neben einer 25-Liter-Gasflasche. Systeme, hier unten herrscht ein ganz U-Bahnen immer wieder aus. Die Orga- Der Mann wirkt angespannt, er schauteigenes Wetter“, sagt Tunnelklimatologe mir-Forscher wollen aber auch Terror-sich um. Dann greift er zur RohrzangePflitsch. „Früher dachte man, dass Rauchattacken vorbeugen: Giftgasanschlägenund schraubt das Ventil auf. Laut zischt hauptsächlich durch die Züge wie vonwie in Tokio, Bomben wie in London undein unsichtbares Gas heraus. Besorgt einem Kolben durch die Tunnel gedrücktMadrid. Doch auf welche Gase solltenbleibt ein Fahrgast stehen.wird. Doch das stimmt nicht.“ Warnsensoren reagieren? Oben am Ausgang des U-Bahnhofs Die Orgamir-Forscher verkabelten die„Wir hatten auf unserer Liste ursprüng-Hermannplatz in Berlin-Neukölln ver- Station Hermannplatz mit elf Gas- und lich 180 gefährliche Stoffe“, sagt Karinfolgt eine Gruppe ernster Männer an ei-Windmessgeräten. Ihr erstaunlicher Be-Potje-Kamloth vom Institut für Mikrotech-nem Rechner das Geschehen. Bei ihnen fund: Beinahe stündlich verändern sichnik in Mainz, die für Orgamir das Analy-laufen die Messdaten von Sensoren ein, in einem U-Bahn-Tunnel Windrichtung sesystem entworfen hat. Eine derart um-die sie überall in der U-Bahn-Station ver- und -stärke.fassende Überwachung sei jedoch lang-teilt haben.Aufgrund ihrer Messdaten haben die sam und teuer; allzu häufig komme es Auf dem Überwachungsmonitor ist zuForscher inzwischen ein Computermo- auch zu Fehlalarmen. Aus diesem Grundsehen, wie sich das unsichtbare Gas aus- dell erstellt, das vorhersagen soll, wohinbeschränken sich die Forscher derzeit aufbreitet. „ALARM“ steht auf dem Bild- freigesetzter Rauch ziehen wird. Kurz 14 hochgiftige gasförmige Stoffe, darunterschirm, daneben ein Totenkopfsymbol. nach der Freisetzung des TestgasesPhosgen („Grünkreuz“), SchwefeldioxidEine Grafik zeigt die Ausbreitung derspuckt die Simulation ihre Prognose aus:und CS (Tränengas).Gaswolke – und die Fluchtwege. Wie in einem Kamin zieht die GaswolkeEs ist ein schmaler Grat zwischen Vor- Doch keiner rennt weg.durch das zentrale Treppenhaus hoch zur sorge und Panikmache. „U-Bahn-Fahren„Früher galt mein Forschungsgebiet U8, von dort aus weiter durch den Tun-ist viel sicherer als Autofahren“, beteuertder U-Bahn-Klimatologie als Orchideen- nel aufwärts Richtung Süden. Das GasPflitsch. Er lobt die vielgescholtenen Ber- D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2125
  • 96. Wissenschaftliner Verkehrsbetriebe für ihre Unterstüt-zung. Es sei nicht leicht gewesen, einenPartner für das Experiment zu finden;viele Verkehrsbetriebe fürchten, mit Ka-tastrophenplanungen ihre Kunden zuverschrecken – oder schlimmer noch:bescheinigt zu bekommen, teure Umbau-maßnahmen vornehmen zu müssen. Bei der Feuerwehr stößt Orgamir ledig-lich auf verhaltene Zustimmung. „Aufden ersten Blick könnte so ein Systemhelfen“, sagt Karsten Göwecke, der Vizedes Berliner Landesbranddirektors. Erschränkt aber ein: „Die theoretische unddie tatsächliche Rauchausbreitung kön-nen stark voneinander abweichen.“ Seine Karriere als U-Bahn-Expertebegann Pflitsch in New York. Testweisestellte er seine Messgeräte in einer U-Bahn- BEN BEHNKE / DER SPIEGELStation auf – mit überraschenden Ergeb-nissen über die Launenhaftigkeit desunterirdischen Wetters. Seither hat seinTeam auch das U-Bahn-Klima von Wa-shington, D. C., München, Dortmund unddem britischen Newcastle untersucht. Schloss Kummerow, neuer Eigentümer Kunert: „In Amerika ist die Siedleridee noch lebendig, Noch mehr jedoch faszinieren ihn na-türliche Höhlen. Gerade hat er auf Ha-waii in 3600 Meter Höhe eine EishöhleDENKMALSCHUTZKulisse der Geisterschlössererkundet. Und in einem Fachaufsatz spe-kuliert er darüber, ob die Jewel Cave unddie Wind Cave in South Dakota mitein-ander verbunden sind. Die Höhlenein-gänge liegen 50 Kilometer voneinanderentfernt, möglicherweise verbunden Mecklenburg-Vorpommern verliert sein steinernes Erbe.durch windige Ritzen.Über 200 Feudalbauten stehen leer. Viele sind schon zu Ruinen Das scheinbare Ein- und Ausatmen vonHöhlen geschieht bei Wetterumschwün-zerfallen. Bringen Idealisten aus dem Westen die Rettung?gen: Zieht ein Hochdruckgebiet auf,Efaucht der Wind teils mit Orkanstärkerst wollte Torsten Kunert, 50, einBei der Führung wird allerdings schnelldurch die Spalten, bis der DruckausgleichFerienhaus auf den Liparischen In- klar, dass hier noch mal der Maler durch-zwischen innen und außen erreicht ist. seln kaufen. Auch in der Toskana muss. Im ersten Stock prangen verblassteWenn eine Gewitterfront anrückt, tritt und auf Mallorca sah er sich um. Am Lenin-Parolen. Nach der Wende dientedieser Effekt auch in U-Bahnen auf.Ende entschied sich der Vater von vier das Gemäuer als Bordell. Die kostbaren Und es gibt noch eine Gemeinsam- Kindern für ein Schloss in der Nähe.Fußbodenplatten in der Eingangshalle ha-keit zwischen Höhlen und Tunneln: Kein Der Berliner Unternehmer steht am ben Diebe gestohlen. An den Pfeilern haf-U-Bahnhof gleicht dem anderen, jeder Kummerower See, zwei Autostunden von ten 30 Farbanstriche.muss einzeln vermessen werden. der Hauptstadt entfernt, und zeigt aufMit vier bis fünf Millionen Euro Sanie- Berlin, Alexanderplatz, kurz nach Mit- sein neues Eigenheim: Es hat eine baro- rungskosten rechnet der neue Besitzer. Erternacht: Touristen, Geschäftsleute, Be- cke Fassade, 2500 Quadratmeter Wohn- will auf dem Anwesen ein Fotografiemu-soffene irren durch das Labyrinth der Un- fläche und einen Park, angelegt vom seum einrichten – und dort auch wohnen.tergrundbahn. Ein Uhr nachts, Betriebs- preußischen Gartenkünstler Peter Josef Etwas ratlos überblickt er die Ansamm-schluss, die letzte Bahn rattert davon, der Lenné.lung potenzierter Verwahrlosung aus rot-Sicherheitsdienst verschließt die Stahl- Der Kaufpreis? Der Mann zögert: tem Putz und eingestürzten Stallungen.tore. Diesmal wirft Pflitsch eine Nebel- „136 000 Euro. Eine Zwangsversteige- Vielleicht steht Kunert nur deshalb hier,maschine an, wie sie sonst in Diskotheken rung.“weil seine Frau aus den USA stammt. „Inzum Einsatz kommt. Träge ziehen dieSchwaden aufwärts in Richtung Ausgang. Die Forscher schleppen Computer undMessgeräte herbei. Per Hand entnehmensie mühsam 560 Luftproben. Wieder zischt Gas, ein weiterer Daten- FOTOS: BEN BEHNKE / DER SPIEGELsatz, um die unsichtbare Welt aus Windzu enträtseln. Um vier Uhr morgens ist der Spuk vor-bei, die Bahnen donnern wieder durchdie Tunnel, als wäre nichts gewesen. Nurder feuchtkalte Lufthauch auf der Treppefühlt sich irgendwie anders an als sonst. HILMAR SCHMUNDTHerrenhaus Wrangelsburg, Eingangshalle von Schloss Lüssow: „Sehr ruhige Lage“126D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 97. Doch die Finanzkraft der Investorenreicht nicht aus, um alle Prachtbauten vordem Zerfall zu retten. Ostelbiens Ritterlebten zu pompös. Nirgendwo sonst inEuropa türmen sich so viele herrschaft-liche Anwesen. Eine Prüfung des Schweriner Kultur-ministeriums ergab, dass es im Lande 2192Adelssitze gibt. 1012 davon stehen unterDenkmalschutz. Der Zustand der ande-ren ist nicht aktenkundig. Der Verfallkönnte also noch umfangreicher sein. Dabei wirkt schon Drägers Alarmkartebeschämend. Vor allem abseits der Küstesind auf dem Plan Ballungen mit hohemLeerstand zu sehen. Cornelia Stoll wohnt in solch einer Ka-puttzone. Die Maklerin betreibt ein Bürofür Uralt-Immobilien in Anklam. DerzeitBEN BEHNKE / DER SPIEGELhat sie neun Feudalbauten im Angebot,alle zu Schnäppchenpreisen, darunterauch die Wrangelsburg. Über eine zerschlissene Rampe geht eshinauf zum Eingangsportal des elfachsi-da sind die Leute bereit, sich breit im Leben aufzustellen“ gen Putzbaus, benannt nach einem schwe-dischen Feldherrn. Die Gemeinde feierteAmerika“, sagt er, „ist die SiedlerideeVon der Elbe bis nach Usedom zieht hier bis vor kurzem Kaffeekränzchen. Imnoch lebendig, da sind die Leute bereit,sich eine Kulisse von Geisterschlössern.Wintergarten steht altes Fitnessgerät dersich breit im Leben aufzustellen.“Vor Ort sieht rosa so aus: tropfende Dach-Dorfjugend. Bonanza, Big Valley, Gründerzeit: Der- rinnen, abgeplatzte Stuckdecken, Geruch„Sehr ruhige Lage“, lobt die Maklerin.lei zupackender Mut ist in Mecklenburg- von Moder und Durchfeuchtung. Vanda-Man könnte den Landstrich auch aus-Vorpommern selten geworden. Das ganze len haben Edelkamine herausgerissen,gestorben nennen. Die Kommune hat nurLand wirkt verzagt und kraftlos. JetztGärten sind zugewuchert, Ringgräben noch 14 Einwohner pro Quadratkilome-droht der Kahlschlag, der Verlust der ar- versumpft.ter. Dafür stimmt der Preis: Er liegt beichitektonischen Tradition. Für einige Herrensitze ist es bereits zu 120 000 Euro. Dicht bei dicht überziehen Renaissance-spät. In Divitz (bei Barth an der Ostsee)Noch weniger, 100 000 Euro, kostetbauten, klassizistische Schlösser und Guts- zerfällt gerade eine Wasserburg. Das Her- Schloss Lüssow nahe der Peene, einemhäuser im Tudorstil den Nordosten der renhaus Löwitz hat im April ein Baggerder schönsten Urstromtäler Nordeuropas.Republik. Viele stammen aus der Zeit, als niedergerissen. Grellenberg fiel von allein Mit seinen Türmen und Giebeln könntedie Landjunker im 19. Jahrhundert ihreum. Dräger reagiert mit Frust – und das 1867 errichtete Bauwerk fast mit Neu-Erträge mit der Einfuhr von Vogelkot-Dün- streicht die Ruinen von der Denkmalliste: schwanstein wetteifern – wenn es nichtger (Guano) explosionsartig steigerten. „Wir brauchten einen Rettungsfonds fürso verlottert wäre. Doch die Pracht ist verschlissen. Erst-akute Bauschäden.“ Düster und dunkel, auf 2200 Quadrat-mals hat das Landesamt für Denkmal-Während Berlins Elite gern auf Sardi-meter ziehen sich die Ballsäle und Zim-pflege in Schwerin jetzt Bilanz gezogen nien urlaubt oder verfallene Weingütermerfluchten hin. Fenster sind mit Bret-und sein bröckelndes Erbe gesichtet. Er-in Südfrankreich aufmöbelt, verkommttern vernagelt. „Der jetzige Besitzer woll-gebnis: Über 400 Feudalbauten sind in vor der Haustür das geschichtliche Erbe.te hier ein Seniorenheim einrichten“,keinem guten Zustand, müssen saniert Zwar rückten nach der Wende vieleerzählt Stoll. „Die alten Leute solltenwerden oder fallen gerade auseinander.Liebhaber alten Stucks an und wandelten Trecker fahren und Marmelade kochen.“ Beatrix Dräger von der „Dezernats- zerschlissene Adelssitze in Museen, Al-Der Plan scheiterte.gruppe Denkmale im ländlichen Raum“ tenheime oder Suchtkliniken um. Wie ge-Derlei verquaste Nutzungskonzeptebreitet eine Landkarte aus, auf der es vonschmiert lief auch die Hotel-Idee: Vommuss sich die Maklerin immer wiederrosa Schlosssymbolen wimmelt. Insge-Schaalsee bis zur Oder werden heute Gäs-anhören: „Oft kommen Privatleute, diesamt sind es 203 Markierungen. „Rosate in Beletagen gelockt, in denen schon von einem Leben wie bei Rosamundesteht für Leerstand“, sagt Dräger.Kaiser Wilhelm nächtigte. Pilcher träumen“, erzählt sie. 2000 Qua-dratmeter Wohnfläche würden solcheRomantiker nicht abschrecken: „Die sa-gen: ‚Unsere Schwiegereltern ziehen jamit ein.‘“ Aber auch gewerbliche Nutzer liegennicht selten daneben. Als die TreuhandFOTOS: BEN BEHNKE / DER SPIEGELdie Liegenschaften nach 1990 billig ab-stieß, griffen viele Schaumschläger zu.Der eine projektierte ein Kinderhotel, derandere einen Swingerclub auf vier Eta-gen. Blühende Geschäfte versprachen dieGlücksritter. Am Ende verfiel alles. Das Barockschloss Bothmer, gelegenSchloss Ivenack, Eingangsportal: Ruiniertes Rittergut auf einer 345 Meter langen künstlichenD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2127
  • 98. Und doch gibt es sie, die neuen Siedlerund Kolonisten, die sich gegen den Trendstemmen und versuchen, weiterer Ab-wanderung und einer Verödung der hei-mischen Scholle zu trotzen. Eine neue Gründerzeit müsse her, for-dert etwa Burghard Rübcke von Veltheim.Mit Schwielen an den Händen sitzt dergrauhaarige Herrscher von Schloss Quit-zin am lodernden Kamin und sagt: „DuFOTOS: BEN BEHNKE / DER SPIEGELmusst dich zu dem Land bekennen undhier leben wollen.“ Der Mann ist eigentlich Pfarrer. Nachder Wende besuchte er erstmals den Jagd-sitz seiner Vorfahren – und war scho-ckiert. Auf dem Dach lag Wellblech, dieFenster waren zum Teil zugemauert.Schloss Quitzin, Eigentümer Rübcke von VeltheimRübcke wollte zurückkaufen. Bei ei-Der Gottesmann zog in die Bruchbude nem Dorftreffen blickte er in die gegerb-ten Gesichter bildungsferner Erntehelfer habe ich auf dem Dachboden des Schlos- und Mähdrescherfahrer. „Ihr müsst uns ses gespielt, es gehörte meinem Onkel“,willkommen heißen und unsere Kinder erzählt sie, „wir fuhren Kutsche, es war annehmen“, sagte er, „sonst kommen wir die schönste Zeit meines Lebens.“ Nunnicht.“ wächst Gras im alten Zierteich. Aus Kase- Nach einigem Zögern gab ihm der matten strömt muffiger Geruch. Dorfchef, ein Schmied, die Hand undZur Ehrenrettung des Eigentümers seinickte. gesagt, dass Ivenack schon in den zwan- So zog der Gottesmann in die Bruch- ziger Jahren des 20. Jahrhunderts zeit-bude im Niemandsland um. Aus der Was- weise leer stand. Am Ende des Zweitenserleitung floss bräunliches Wasser. Die Weltkriegs hausten Flüchtlinge darin. In Familie schlief auf Feldbetten. Rübcke der DDR diente der Bau als Altenheim.fuhr Trecker, schulte auf Landwirt umDerlei Schicksale bis hin zur sozialisti- und hob in Eigenarbeit den neuen Dach- schen Kaputtnutzung durchliefen fast allestuhl empor. Er pflasterte, er grub, er Ostschlösser. Lädiert erreichten sie die mauerte und pflanzte. Halbtags betrieb Wendezeit. Leider ging der Verfall da- er weiter Seelsorge. nach oft noch schneller voran. In Ivenack Heute ist das Schloss ein Juwel, umge-Insel, geriet für den symbolischen Preis hat jüngst ein Sturm Löcher ins Dach ge- ben von Grünland und wogenden Getrei-von einer Mark in die Hand eines kauzi-rissen. Mit jedem Regenguss prasselt Was-defeldern.gen Politologen aus dem Westen – und ser in das Rittergut. Eichenbalken mo-„Zum Schwarzsehen besteht keinverkam.dern, an Türzargen blühen Pilze. Grund“, sagt der Pfarrer. Er sieht die Ge- Laut Denkmalbehörde stehen derzeit Zwar gibt es für jeden Eigner eine „Er- gend trotz aller Probleme im Aufwind:121 der unbewohnten Schlösser „ohnehaltungspflicht“. Kümmert er sich um Sein Schlosskollege Kunert spricht garPerspektive“ da. Ihnen droht der meteo-nichts, kann die Behörde auf eigene Faustvon einem „Boom“.rologische Abriss: die Vernichtung durch Instandsetzungsarbeiten durchführen. Da-In begehrten Ecken steigt bereits dieWind und Wetterfür aber müsste sie finanziell in Vorleis- Nachfrage. Selbst aus dem entlegenen Am schlimmsten ist es in Ivenack. tung treten. Davor scheuen die klammen Anklam meldet die Maklerin Stoll reges Die riesige barocke Gutsanlage (Akten-Gemeinden meist zurück. Dräger: „Wir Interesse – schon wegen der verlocken-vermerk: „außerordentlich hoher ge-sind zahnlose Tiger.“den Preise. Ihr günstigstes Angebot istschichtlicher Dokumentationswert“) er-Bei einigen Gemeinden ist die Wut soein verfallenes Anwesen im englischenstreckt sich über zehn Fußballfelder. Es groß, dass sie sich wehren. Der Käufer Landhausstil mit 40 000 Quadratmetergibt ein Schloss, eine Kirche, Teehaus,des Herrenhauses Johannstorf wurde Land: Es kostet 35 000 Euro.Orangerie, Marstall und ein Verwalter- kürzlich gerichtlich gezwungen, die ver-Hat die geschundene Region also diegebäude. Um das Jahr 1750 lebte auf demwahrloste Immobilie für 108 000 Euro anTalsohle durchschritten? Klar ist: DieAnwesen ein Reichsgraf, dem 2000 Leib- die Stadt Dassow zurückzugeben.Sonne scheint auf Mallorca auch nichteigene zuarbeiteten.Doch das sind Ausnahmen. Die Denk-schöner. Meck-Pomms Sandstrand ist fein Die Vollblutzucht des Guts war be-malämter träumen nach wie vor vomund weiß, die Tierwelt einzigartig.rühmt. Napoleon ließ hier den Hengst guten Investor. Kunstsinnig soll er sein, „Hier wird nichts veröden“, sagtHerodot stehlen. Der Dichter Fritz Reuterfinanzstark und so masochistisch veran-Rübcke von Veltheim und stapft zum Ab-verglich den entlegenen Ort mit einerlagt, dass er gern mürbe Holzgauben ent- schied seine gepflasterte Auffahrt zum„schlummernden Najade“.wurmt und aus Authentizitätsgründenschmiedeeisernen Gatter hinauf. Ent- Heute sieht Ivenack aus wie das bibli-aufs Einsetzen von Fensterdichtungen schlossen blickt er über das weite vor-sche Sodom, nachdem Gott es mit Feuerverzichtet.pommersche Land – fast so, als wollte erund Schwefel strafte. Der Grund: Seit Nur, wo sollen all diese Liebhaber her- gleich einen Apfelbaum pflanzen.1999 gehört das Anwesen einem Parkett- kommen? Wie lassen sich die Gemäuer Dann sagt der Pfarrer: „Deutschlandfabrikanten aus Stuttgart, dem alsbald sinnvoll nutzen? Das Bundesland ist arm, ist viel zu stark industrialisiert und be-das Geld ausging.aber nicht sexy. Dem einen liegt es zu siedelt. Weiße Flecken werden wir uns Bei einem Ortsbesuch ringt Marion von abseits, dem anderen ist die Ostsee zu nie leisten können.“Keller, 72, mit den Tränen. „Als Kindkalt.MATTHIAS SCHULZ128 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 99. Technik Mit dem Ziel des Hybrid-Prinzips, nen- von Spa im Mai, eine Art Generalprobe AU TOM O B I L E nenswerte Verbrauchssenkungen zu er-für Le Mans. Die Version mit Hybrid- Elektrischezielen, hat dieses kurzatmige Strom-Ping- Antrieb war dort haarscharf unterlegen,pong nichts zu tun. Das Reglement er- was Ullrich vorwiegend auf die unter-laubt einen Elektroschub von maximalschiedliche Reifenwahl bei wechselndenSchubser500 Kilojoule, gerade ausreichend, um Wetterverhältnissen zurückführt. In sei-für drei Sekunden 200 zusätzliche PS an ner schnellsten Runde jedoch absolviertedie Antriebsräder zu schicken. Der Leis-der Hybrid-Audi die Sieben-Kilometer-tungsgewinn ist marginal: Die Haupt-Strecke um gut eine halbe SekundeMit Hybrid-Autos wollen Audimotoren – bei Toyota ein Benziner, beischneller als das Bruderfahrzeug ohneund Toyota das Ausdauerrennen Audi ein Diesel – leisten dauerhaft überElektrohilfe. Auf der knapp doppelt sovon Le Mans gewinnen. 500 PS und dürften im Renneinsatz 40langen Rundstrecke von Le Mans schätztbis 50 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer Ullrich den technischen Vorteil auf eine Macht die Spritspartechnik die verbrennen. Sekunde. Wagen auch schneller? Die elektrischen Schubser machen dasUnklar ist indes, wo Toyota steht. DerAuto nicht spürbar sparsamer, unter Um- japanische Riesenkonzern, bekannt fürUm das 24-Stunden-Rennen von Le ständen aber ein klein bisschen flotter. hohe Qualität und Innovationskraft im Se-Mans zu gewinnen, bedarf es zu- „Das Potential zum Schnellerfahren istrienbau, hat im Rennsport wenig Fortune.verlässiger, wenn auch nicht weg- durch das System gegeben“, erklärt Audi-Im vergangenen Jahrzehnt verschwendeteweisender Technik. Es gewann dort schon Sportchef Wolfgang Ullrich. Toyota über zwei Milliarden Euro an ei-ein Auto mit Kreiskolbenmotor;nen erfolglosen Formel-1-Auf-ein Durchbruch dieses Maschi- tritt. „Ein Stück Wehmut hängtnentyps im Serienbau blieb bisnoch nach“, meint Rob Leupen,heute aus.Direktor bei der Toyota Motor- Inzwischen dominiert Audisport GmbH in Köln.das Ausdauerrennen südlich der Das weniger aufwendige Le-Normandie mit Aggregaten, die Mans-Engagement soll diefrüher eher Traktoren und Last- Schmach nun lindern – es be-wagen antrieben: Sechsmal ingann aber gleich mit einemFolge triumphierten Diesel- schweren Trainingsunfall, beiRennwagen in Le Mans, fünf- dem das Monocoque des Renn-mal davon die Modelle der VW- gefährts beschädigt wurde. GERARD JULIEN / AFPTochter.Toyota konnte deshalb in Spa In diesem Jahr soll nun erst-nicht teilnehmen und bringt denmals ein Öko-Antrieb Renn-Hybrid somit ohne Rennerfah-ruhm erlangen: Audi und Toyo- rung nach Le Mans, gleichwohlta treten in Le Mans mit je zweiaber mit erbittertem Siegeswil-Hybrid-Rennwagen an.len. „Es ist unser klares Ziel“, Die Kombination aus Verbren- sagt Leupen, „als Erster mit ei-nungs- und Elektromotor gilt alsnem Hybrid-Fahrzeug Le MansSparwunder und Schlüsseltech- zu gewinnen.“nik auf dem Weg zur Elektromo- Weder Toyota noch Audibilität, scheint jedoch eher unge-geht es dabei um eine konstruk-eignet für den Renneinsatz. Der tive Weiterentwicklung derphysikalische Clou des HybridsSpartechnik; es geht um Marke-ist seine Fähigkeit, Bremsenergie ting. Der Hybrid-Pionier Toyotain einer Batterie zu sammelnmag diesen Triumph nicht aus-und beim Beschleunigen wieder gerechnet einem Herstellerabzugeben; das spart Kraftstoff überlassen, der bisher sehr we-und funktioniert besonders gutnig für die Entwicklung diesesbei defensiver Fahrweise. Mischantriebs geleistet hat. Der Rennbetrieb hingegen ist Hybrid-Rennwagen von Toyota, Audi: Pingpong mit StromAudi nutzt den Wagen alsein frenetisches Wechselspiel Werbeträger für andere Felder:aus Vollgas und Vollbremsung. Eine Bat-Ullrich sieht den Hauptvorteil vor al- Er wird als „e-tron quattro“ antreten, sollterie kann in diesem Tempo kaum Ener- lem bei Regen, da der Elektroantrieb desalso Audis Verdienste um Elektro- undgie aufnehmen. Die Hybrid-Renner wer- Audi auf die Vorderräder wirkt und demAllradantrieb illustrieren, Techniken, dieden deshalb mit völlig anderen Strom- sonst heckgetriebenen Rennwagen vor-dieser Rennwagen nur als Marginalien intanks ausgestattet sein.übergehend die Vorzüge eines Allrad-sich trägt. Sein Sieg wäre doppelte Rekla- Audi setzt einen Schwungrad-Speicher autos verleiht. Der „Teilzeit-quattro“ (Ull-me – mithin die perfekte Illusion techni-ein, der ursprünglich von Williams für rich) kann somit auf nasser, rutschigerschen Fortschritts.die Formel 1 entwickelt wurde. Der beim Fahrbahn zügiger beschleunigen, jeden-CHRISTIAN WÜSTBremsen generierte Stromstoß bringt falls für einen kurzen Moment.darin einen Rotor auf extreme Dreh-Audi wird den Effekt sogar exakt be-zahl. Zum Beschleunigen wird umge- ziffern können, da im Team zwei Refe- Video:schaltet und Strom für den Antrieb ge- renzautos ohne Hybrid-Installation mit- So sehen die Hybrid-nutzt. In den Toyotas wiederum fangen fahren, die sonst vollkommen baugleich Rennwagen ausKondensatoren die Bremsenergie blitz- sind und ebenfalls in Le Mans antreten Für Smartphone-Benutzer:artig ein und geben sie ebenso rasch wie- werden. Dass der Unterschied winzig ist, Bildcode scannen, etwa mitder ab. zeigte bereits das Sechs-Stunden-Rennender App „Scanlife“.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2129
  • 100. HBO/PHOTOFEST „Girls“-Darstellerinnen Allison Williams, Jemima Kirke, Dunham, Zosia MametFERNSEHENManhattan, hatten meist glamourösen Sex. Es war eine verlo-gene Welt, die auch dadurch nicht wahrhaftiger wurde, dassSchock and the Citydie Serie sie immer wieder ironisch brach. Die vier Mädchenaus „Girls“ aber sind aus Geldmangel nach Brooklyn ausge-wichen. Für die Hauptfigur Hannah, 24 – gespielt von LenaDunham, die gleichzeitig die Erfinderin, DrehbuchschreiberinDie neue amerikanische HBO-Fernsehserie „Girls“ liefert die und Regisseurin der Serie ist –, ist Sex nur noch BedrohungBestandsaufnahme eines modernen Überlebenskampfs – vonaus Geschlechtskrankheiten, ungewollten Schwangerschaftenjungen, gutausgebildeten Menschen zwischen unbezahltenund Unterwerfung, und das New York, das die Serie zeigt,Praktika, Neurosen und desillusioniertem Sex. Die Serie überhat nichts mehr von dem einstigen Versprechen, dass jede esvier junge Frauen in New York ist schockierend, komisch und hier zu etwas bringen könne. Immerhin sind seit den lustigenvon lakonischer Schonungslosigkeit – und als Referenzrahmen Geschichten von „Sex and the City“ diverse Finanz- unddient ihr eine andere HBO-Produktion: „Sex and the City“, Schuldenkrisen über die Stadt gekommen. „Girls“ zeige dasdie vor gut zehn Jahren aus dem Leben von vier nicht mehr Leben, als würde man es als eine Art frühe Rohfassung leben,ganz so jungen New Yorkerinnen erzählte. Diese Frauen hat-schrieb die Zeitschrift „New York“. Ab Herbst zeigt der deut-ten noch Jobs in Medien oder Werbung, sie lebten in Lofts insche Bezahlsender Glitz die Serie.MASSENPSYCHOLOGI E Spiele von 1936 und dem Münchner OlympiastadionMacht und Rausch der „heiteren Spiele“ von 1972. Wie also lassen sich Menschen lenken, etwa inPünktlich zum Beginn der Fußball-einer Arena in Pjöngjang,Europameisterschaft und mitten hineinoder: Wie geraten sie außerin die Diskussion um Ultra-Fans undKontrolle wie vor kurzembengalische Feuer eröffnet Kulturstaats- beim Bundesliga-Relega-minister Bernd Neumann diesen Diens- tionsspiel in Düsseldorf?tag in der Berliner Akademie der Küns- Politisch ist dazu viel gesagt,te eine Ausstellung zum Thema „Cho-meistens: Hooligans sindreographie der Massen“. Der Architektschuld. Wer aber, wie dieVolkwin Marg vom Büro von Gerkan,Kuratoren, das Stadion „alsMarg und Partner sowie der Architek- bauliche Reflexion sozialerturhistoriker Gert Kähler erforschen inOrganisation“ begreift,CONTRAST / IMAGOTon und Bild ästhetische, soziale undkommt möglicherweise zupsychologische Aspekte des moderneneinem anderen Schluss: SagStadionbaus. Gleichzeitig widmen sie mir, wie du baust, und ichsich zwei Beispielen der Geschichte, sage dir, wie sich die Men-dem Berliner Olympiastadion der Nazi-Fans des FC St. Pauli schen verhalten.130 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 101. Szene Kultur KINO IN KÜRZE„Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief undsein Operndorf in Burkina Faso“. UNIVERSUM FILMEin heiliger Narr sucht und findet einen Gral – das ist dasThema von Sibylle Dahrendorfs Dokumentarfilm über das Afri-ka-Projekt von Christoph Schlingensief. Die Regisseurin zeigtden Künstler, wie er 2009, ein Jahr vor seinem Tod, nach Bur-kina Faso reist. Dort, unweit der Hauptstadt Ouagadougou, „Deutschland von oben“ könnte kaum besser aussehensuchte Schlingensief einen Standort für sein sogenanntesals in diesem Film. Die Dokumentarfilmer Petra Höfer undOperndorf aus, das einmal ein Gesamtkunstwerk aus Schule, Freddie Röckenhaus („Terra X“) fliegen über ihre Heimat, um-Krankenstation und Festspielhaus werden soll. Dahrendorfkreisen die Gipfel der Alpen, gleiten über das Wattenmeer,filmt burkinische Musiker, die Ankunft der ersten Container manchmal setzen sie auf dem Boden auf, um sich die deut-mit Theaterstühlen und den Architekten Francis Kéré bei der schen Städte genauer anzusehen. Der mit einem Off-Kom-Arbeit. Und sie lässt anlässlich der Eröffnung der Operndorf- mentar versehene Film feiert Deutschland als eine wahreSchule im Oktober 2011 die Witwe des Meisters sprechenSchönheit. Vorbei die Zeiten, in denen Günter Wallraff in sei-sowie die Anwohner der Opernsiedlung. Dah-ner Dokumentation „Ganz unten“ Bergarbeitern in die Tieferendorfs Film ist voller Neugier, komisch,folgte und Deutschland schwarzmalte. Aus der Höhe wirkenanrührend und ziemlich chaotisch – und gera-selbst Tagebaugruben, Autobahnkreuze und Stahlwerke gran-de darum der Arbeit des Künstlers, dessen dios. Doch nach fast zwei Stunden Bilderpracht und dröhnen-Sterben und Vermächtnis er dokumentiert,der Musik fühlt sich der Zuschauer wie nach einer Dauerwer-sehr nah. besendung für ein Produkt, das ihm im Grunde schon gehört.NACHTLEBEN teten an, nach eher willkürlichen Kri-er, wie ein Lude ihn nach Dienst- terien auszuwählen, wem Einlass zuschluss umbringen wollte, wie ein Son-Von Hasen und Hühnerngewähren sei und wem nicht. „Sie hassten uns. Die meisten Leute hielten mich und meinen Kollegen für Kotz- dereinsatzkommando der Polizei vor dem P1 anrückte, als der Rapper Coo- lio am Tischkicker wirbelte – und wasFür 200 D-Mark Honorar hing einbrocken, denen es Spaß bereitete, mit man im P1 gern sah und was nicht:Jesusdarsteller acht Stunden lang am brachialer Autorität über den Fortgang„Hey, in Wahrheit fanden wir es alleHolzkreuz über der Tanzfläche, darun-der Nacht zu richten“, erzählt Gunsch-geil, wenn es tolldreiste P1-Menschenter hüpften Männer in Toga-Tüchern mann. Diese Einschätzung ist nichtauf den Toiletten trieben. Ficken istund ein paar „süße Schwabinger Stu-völlig falsch. Anekdotenselig schildert immerhin besser als Koksen.“dentinnen“, kostümiert „als lasziveRömerinnen mit Kleidchen aus Nichts“– von solchen Aufregungen, die tat-sächlich in den achtziger Jahren fürBoulevardschlagzeilen sorgten, berich-tet ein neues Buch über den einstmalsberühmtesten Tanzclub in Deutsch-land: das im Münchner Haus derKunst untergebrachte P1. „Du kommsthier nicht rein! Der Mann an der här-testen Tür Deutschlands packt aus“, soAMW / INTERFOTOHUG / INTERFOTOsind die Erinnerungen des langjähri-gen Türstehers und zeitweiligen Ge-schäftsführers Klaus Gunschmann beti-telt (Heyne Verlag; 12,99 Euro). Junge P1-Gäste Frederic Prinz von Anhalt 1984, Jagger 1986Frauen heißen in diesem Buch „Ha-sen“ oder „Hühner“. In den Hauptrol-len: verkrachte Künstler, Zuhälter undSchlägertypen sowie eine stets in Su-perlativen gepriesene Kneipenbesat-zung. In Nebenparts aber treten Welt-stars auf wie Mick Jagger, Tom Cruiseoder Oliver Kahn. Gunschmann, 48,BENNO GRIESHABER / VISUMerzählt in einer sehr münchnerischenMischung aus Selbstbegeisterung undFELIX HÖRHAGER / DPALeser-Ankumpelei von den Jahren ab1983, als der Junggastronom MichaelKäfer das P1 übernommen hatte: An-geblich als erster Disco-Betreiber inDeutschland wies er seine Türbediens-P1-EingangNoah Becker als DJD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2131
  • 102. BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO/DER SPIEGEL (O.R./U.); VU GIANG HUONG (O.L.) Documenta-Beiträge von Lê, Durant, Boghiguian (u.): Mit Optimismus gegen Nationalismus, Krieg und Todesstrafe 132 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 103. KulturKUNST Die perfekte Welle Am Wochenende startet die 13. Documenta. Erwartet werden eine Million Besucher. Mehr als 180 Künstler nehmen teil, der größteStar aber ist die Ausstellungsleiterin Carolyn Christov-Bakargiev.D as zweitbrutalste Kunst-der beste ist, auch um den Zu- objekt dieser Documen-stand der Kunst, und darum, ta wird sich schnell zu wie das alles zusammenhängt.einem der Lieblingswerke der Diese Schau ist eine Beschwö-Besucher entwickeln. Es stehtrung der Kunst. Ihr und nur ihrin der idyllischen Karlsaue am wird die Kraft unterstellt, dieEnde einer Allee und vor ei- Konflikte und Traumata diesernem See. Die riesige Konstruk- Welt lösen und heilen zu kön-tion aus hellem Holz ähneltnen. Diese Documenta neigteinem Klettergerüst und besitztmehr als alle Vorgängerveran-eine erhöhte Plattform. Dort staltungen zur Überhöhung ih-oben kann man sich ausruhen, rer selbst – und natürlich zu derden Ausblick genießen und viel-ihrer Macher.leicht sogar die Kunst verges-Schon die Weise, wie diesen. Davor hat ein Eisverkäu-Werke inszeniert werden, ver-fer seinen Stand, aber das ist rät viel. Die Arbeiten dürfenZufall.viel Raum einnehmen, so als Man sieht dem Gebilde nicht müsse jedem Objekt noch Platzsofort an, dass es ein Schafottfür seine Aura zugestandensein soll, dass es aus Nachbau-werden. Manche Präsentationten von Galgen besteht – wie wirkt weihevoll. Zu den übli-von jenem, der schon 1863 in chen Standorten Museum Fri-den USA benutzt wurde, um 38 dericianum, Documenta-Halle,Dakota-Indianer hinzurichten,Orangerie und Hauptbahnhofoder von dem, mit dem 2006 kommen eigens errichtete Holz-im Irak Saddam Hussein getö- häuser zwischen den Bäumentet wurde. der Karlsaue hinzu, die moder- Das Werk des Amerikanersne Kapellen sein könnten.OLIVER MARK / AGENTUR FOCUSSam Durant, 50, zur Todesstra-Die Leiterin Christov-Bakar-fe ist schlicht und irreführend, giev sitzt in ihrem Büro, bieteteine großartige Arbeit. Schwe- Tee an, in der Ecke liegt ihrrer auszuhalten dürfte die Vi- Malteserhund. Draußen ver-deoprojektion des Libanesenwandelt sich Kassel in die wich-Rabih Mroué, 44, sein, die die tigste Kunstschau der Welt. SieErmordung von Regimegeg- Documenta-Chefin Christov-Bakargiev: Abdrücke ihrer Ansichten spricht von Michel Foucault,nern in Syrien dokumentiert. von Andy Warhol und auch da-Einige der Aufnahmen stammen von den ler Hoffnung, auch Optimismus.“ Viel- von, dass sie keine Apple-Produkte ver-Handys der Erschossenen. leicht sollte man daher an dieser Stelle wende, weil ihr die Politik dieses Kon- Oppositionelle filmten Todesschützen, den fast fertiggestellten Skulpturengarten zerns nicht gefalle.sie filmten noch in dem Moment, als dann für Menschen und Hunde erwähnen. Es ist ihre Documenta, die da entsteht:auf sie selbst gefeuert wurde. Die Auf- Oder die ästhetisch perfekte Welle, die Ausdruck ihres kuratorischen Selbstbe-nahmen fanden ihren Weg zu YouTube ein Künstler in einem minimalistischen wusstseins und ihres moralischen Sen-und von dort zu Mroué. Am verstörends- Bassin hin- und herschwappen lässt, er- dungsbewusstseins, Abdruck ihrer An-ten ist womöglich, dass der Künstler eini- zeugt durch einen künstlich hergestellten sichten und ihrer Weltanschauung. Mange Bilder seiner Videos ausdruckte und Mini-Tsunami. wird nach der Eröffnung am Samstag we-daraus ein Daumenkino bastelte. Eine ab-Nur: In großem Maßstab würde er eine niger über eine politische Kunst sprechensurde Spielerei. Katastrophe auslösen. Und auch das Vor- als über eine Kunst, die für eine gewisse Am kommenden Wochenende beginnt haben einer Künstlerin, die Erdatmosphä- Haltung steht. Und das ist die Haltungdie 13. Ausgabe der Documenta. Und ih- re zum Welterbe erklären zu lassen, zeugt der Kuratorin.re Leiterin, die Amerikanerin Carolyn zwar von Hoffnung – doch ist sie mitIhre Liste verzeichnet 188 Teilnehmer,Christov-Bakargiev, legt viel Wert auf die ihrem Anliegen, natürlich, gescheitert. etwa 160 Werke wurden neu produziert,Feststellung, dass es kein düsteres Erleb-Es geht also um viel auf der Documen- also von ihr bestellt. Einige Arbeiten wür-nis sein wird. „Diese Documenta ist vol- ta 13. Um den Zustand der Welt, der nie den ohne ihren Einfluss – oder jedenfallsD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 133
  • 104. Kulturohne ihre Anregungen – wahrscheinlichanders aussehen. Sie fragt nach den Be-dingungen, unter denen Kunst in diesenZeiten entsteht. Sie nennt Stichworte wie„unter Belagerung“ oder „im Zustand derHoffnung“, sie kommt durchaus auch zusprechen auf das den Künstlern aufge-zwungene Gefühl, sich wie auf einer Büh-ne bewegen zu müssen – gerade in Kassel.Doch was ist mit ihrer eigenen Rolle, derRolle der Ausstellungsmacherin? Kuratoren sind die wahren Stars desKunstbetriebs. Sie sind nicht mehr ein-fach nur die Leute, die dafür sorgen, dassdie von ihnen ausgewählten Künstlerpünktlich liefern. Die Zahl von Überblicksschauen zurzeitgenössischen Kunst nimmt allgemeinzu. Und die Documenta, die alle fünf Jah-re in Kassel stattfindet, ist das Vorbild fürdie dominierende Form der Kunstpräsen-tation: Man zeigt möglichst viele Werke,100 oder gar 200 – und die inhaltlicheKlammer besteht darin, dass diese Arbei-ten den Geschmack des Kurators treffen,dass sie seinen Thesen entsprechen. DieSubjektivität in der Kunst ist längst diedes Kurators. Er ist der Visionär, dieAvantgarde. Carolyn Christov-Bakargiev ist 54 Jahrealt. Ihr Vater war ein Arzt aus Bulgarien,ihre Mutter eine italienische Archäologin.Sie ist in den USA geboren, hat Literaturund Kunstgeschichte in Italien studiert,als Journalistin gearbeitet. Sie war Kura-torin in New York, auch in Turin, sie hatals Leiterin der Kunstbiennale in Sydneydie Besucherzahlen um 38 Prozent auf436 000 gesteigert, und nun will sie zumersten Mal bei einer Documenta mehr alseine Million Kunstinteressierte nach Kas-sel locken. Das wären 250 000 mehr als2007 bei ihrem Vorgänger Roger Buergel,dem damit bereits ein Rekord gelang. Sieerwähnt das mit der Million gleich zu Be-ginn des Gesprächs, ganz unbescheiden. Viel von dem, was nun in Kassel zumkünstlerischen Motiv wird, lässt sich ausder Biografie der Kuratorin ableiten. IhreDocumenta-Werke von Rakowitz, Favaretto, Mroué, Wedemeyer (r.): Weihevolle PräsentationenMutter versammelte in Washington Geg-ner des Vietnam-Kriegs um sich. Ihr Vater stücke, sondern die privaten Skizzen: mu- Sie bildeten Bücher nach, oder doch we-flüchtete aus seiner Heimat Bulgarien.sizierende Soldaten; Männer, die lesen, nigstens deren Form, die 1941 verbrann-Das Engagement des Einzelnen, die er- schreiben, baden; Frauen in ziviler Klei- ten, als Bomben die Bibliothek im Kasse-zwungene Wurzellosigkeit vieler Men-dung und mit Gewehr in der Hand. Dasler Fridericianum trafen.schen, die in dem Bewusstsein leben, an Alltägliche aber passt nicht zum Krieg,Rakowitz hat alte Fotos gesehen, dar-einem Ort sein zu müssen und an einem es lässt ihn noch grotesker erscheinen, auf Kinder, die versuchen, Bücher zu ret-anderen Ort sein zu wollen, das sind fürund so werden die Bilder zu Mahnmalen.ten. Ihn habe das sehr bewegt, sagt er.sie Themen.Es sind nicht die einzigen. Michael Ra-Nun hat er einige der Bücher ins Frideri- Diaspora-Künstler nennt Christov-Ba- kowitz, 38, ist ein Amerikaner mit jü-cianum zurückgebracht, oder zumindestkargiev Leute wie den gebürtigen Viet-disch-irakischen Wurzeln. Vor ein paarihre Stellvertreter aus Stein. Man kannnamesen Dinh Q. Lê, 44. Seine Familie Monaten hat er begonnen, in Afghanistan sie nicht lesen, aber sie zeigen den Verlustflüchtete in den späten siebziger Jahreneinheimische Studenten in der Steinbild-von Kultur durch Krieg.über Thailand nach Amerika. Dort lebtehauerei zu schulen. Er unterrichtete sie In den USA ist Rakowitz vor allem we-er seit dem Teenageralter, kehrte späterin Bamian, in dem Tal, wo die Taliban gen seiner „Enemy Kitchen“ ein Begriff.in seine Heimat zurück und gründete ein 2001 die weltberühmten, 1500 Jahre altenEr kocht irakische Rezepte nach, in Schu-Kunstzentrum. In Kassel wird er Zeich-Buddha-Statuen sprengten. len, Universitäten, Ausstellungen. Zuletztnungen von alten Vietcong-Kriegsmalern Ausgerechnet dort, in Afghanistan, er- mietete er für seine „Feindesküche“ ei-ausstellen, und zwar keine der für die Öf-schufen sie aus Bamian-Stein neu, was nen Truck. Irak-Kriegs-Veteranen helfenfentlichkeit entstandenen Propaganda- einst in Deutschland zerstört worden war. darin beim Zubereiten der Speisen. Er134 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 105. für Mädchen. Eine Journalistin namensUlrike Meinhof prangerte Ende der sech-ziger Jahre in einem Rundfunkbeitrag diedortigen Missstände an. Auch dieses En-gagement für die der Gewalt ausgesetztenMädchen führte zu Meinhofs politischerRadikalisierung. Es ist ein Ort der Unterwerfung, desAusschlusses, der Vernichtung. Die Grün-dung einer psychiatrischen Anstalt sollte1974 ein Neuanfang sein. Christov-Bakargiev sagt, sie mache kei-ne Ausstellung zum Thema Gefängnisse,aber wenn man Breitenau kenne, erfahreman eine Menge über ihre Documenta.Breitenau ist womöglich sogar das Zen-trum, das dann doch düstere Herz dieserSchau. Clemens von Wedemeyer, derdeutsche Filmkünstler, hat für die Aus-stellung ein Videotriptychon über Brei-tenau geschaffen und damit ein Werk zurdeutschen Geschichte. Christov-Bakargiev hat an alles undjeden gedacht, ihre Documenta ist intel-lektuell genug für die Intellektuellen,feministisch für die Feministinnen, mas-sentauglich, emotional, gelegentlich er-staunlich naiv, sie ist sogar tierlieb undüberhaupt ganzheitlich. Das Essen wirdbiologisch sein, das Papier der Katalogeumweltfreundlich. Sie hat arrivierteKünstler geladen wie William Kentridge,Pierre Huyghe und Rosemarie Trockelund solche, die echte Entdeckungen sind.FOTOS: BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL (O.L./M.L./R.)Etwa die ägyptische Künstlerin AnnaBoghiguian, die 65 Jahre alt ist und außereiner Installation expressive autobiogra-fische Zeichnungen zeigt. Einige fast ab-strakt, andere schemenhaft. Worte wie„Nationalismus“ tauchen auf, manchmalFotos von Reisen durch die ganze Welt.Kunst im alten Sinne, Kunst, die entsteht,weil der Künstler nicht anders kann. Alles ist ausbalanciert. Dass mancheKunstwerke schwächer sind als andere,dass eine Landschaft aus Schrott – kom-poniert von der Italienerin Lara Favaret-to – zwar imposant und bedrohlich, abermit viel Platz für die Aura auch ziemlich plakativ wirkt, ist das klei-nere Problem.könnte von der Kocherei wahrscheinlichStars der Kunstwelt geführt werden.Das größere besteht darin, dass dieselängst leben, sagt er und lacht.Künstler sind, mehr denn je, Ideenliefe-Documenta so unbedingt alles richtig ma- Die Ästhetik ordnet sich bei den Do- ranten, Impulsgeber, Choreografen. Siechen will. In solchen Fällen springt dercumenta-Künstlern dem guten Zweck un- nähern sich der Arbeitsweise und demFunke schwerer über.ter. Das muss aber nicht gegen sie spre-Leitbild des Kurators an. AngekündigtFür die Stimmung sind manchmal Klei-chen. Gegenwartskunst darf wie bei Ra-worden war diese Documenta übrigens nigkeiten entscheidend. Gerade erst hatkowitz aus Stein gemeißelt sein und inals eine Schau ohne Konzept, ohne The-sich die Kuratorin – unter bundesweiteraltmodischen Vitrinen ausgestellt werden, ma. Nur ein Motto wurde genannt: „Zu- Beobachtung – mit einer nahen Kirchen-obwohl das anachronistisch wirkt. Kunst sammenbruch und Wiederaufbau“.gemeinde angelegt, weil die im Rahmendarf am Herd entstehen, sie darf aus Als Erstes führte Christov-Bakargiev einer eigenen Ausstellung eine SkulpturFundstücken bestehen, aus Zeichnungen,viele ihrer Künstler in eine Klosteranlageauf ihrem Kirchturm installiert hatte.die man nicht selber schafft, sondern bei nahe Kassel. Das Kloster Breitenau warChristov-Bakargiev aber befürchtete, manehemaligen Vietcong-Soldaten auftreibt. im 19. Jahrhundert in eine Besserungs-könne das Werk mit Documenta-KunstSie darf sich bei YouTube bedienen. anstalt für Bettler und Prostituierte um- verwechseln. Ihre Forderung nach Entfer- Der Künstler Tino Sehgal engagiertegewandelt worden, später richteten dienung dieser Figur wirkte überzogen, un-Tänzer, die auf die Bewegungen der Be-Nazis dort ein Konzentrationslager ein. geschickt.sucher reagieren werden, nennt diese Auf- 1952 – wenige Jahre vor der ersten, so Und nun gucken alle erst recht auf denführungen aber Skulpturen. Sehgal, 35,atemberaubend zeitgemäßen Documen-Kirchturm.gehört zu den Teilnehmern, die längst als ta – entstand dort ein UmerziehungsheimULRIKE KNÖFELD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2135
  • 106. Kultur D E B AT T EDer neue Mensch Über die alberne Hoffnung auf eine Jugendrevolte im NetzVon Matthias MatussekHERMANN BREDEHORST / POLARIS / STUDIO X Delegierte beim Piraten-Parteitag: Ein Cybernauten-Traum von Erlösung und ewigem Leben im InternetW as an der Beschäftigung mit den Piraten wohl amMagazin, schwärmt von 3-D-Druckern, die Geschirr ausspucken meisten verstört, ist die Bereitschaft vieler Meinungs-und anderes Zeug, hat immer das „nächste große Ding“ im Vi- macher zur Regression. Was müssen wir mit unseremsier und sowieso das Gefühl, die anderen, die Unwissenden,Latein am Ende sein, wenn wir die Zukunft in die Hände dieser meilenweit abzuhängen.mal ratlosen, mal zynischen Rasselbande legen wollen. WirUnd plötzlich schweben Erfindungen wie „Liquid Democra-scheinen auf eine neue Jugendrevolte zu hoffen – wer kann cy“ über uns wie bunte Luftballons über einem ewigen Kin-schon den Kapitalismus leiden in diesen Tagen! Aber was für dergeburtstag und sollen die Welt retten.ein Trugschluss, sie unter den Piraten zu suchen. Der neue Sie geben sich kapitalismuskritisch, aber ihre Vorstöße zumMensch, der sich da so auffällig in Szene setzt, ist erst mal nur Urheberrecht sind nichts anderes als Aufstände aus der Weltein junger Mensch, der anders spricht und anders konsumiert.der Wohlstandsverwahrlosten, die alles umsonst haben wollen Eine ganze Gesellschaft lächelt nachsichtig über den Netz- und ergo diejenigen, die ihnen das verweigern, als „humorlos“revolutionär, um nicht als dumm oder gestrig oder dummgestrig beschimpfen. Die Autoren und Künstler, die sich mit ihremzu gelten. Der Streit ums Urheberrecht hat das einmal mehrAufruf gegen die Ideologie des Massenklaus zur Wehr setzten,vorgeführt. Stets geht es um diesen imaginären 17-Jährigenseien, so heißt es, aufgeblasen und machten Angst. Auf ihrem(oder noch Jüngeren), der mal einen Song „aus dem Netz“ her-Weg in eine grandiose Zukunft haben die Kids zwar noch keineuntergeladen hat und nun vor maßlosen Verfolgungen durchAntworten, aber sie fühlen sich den „professionellen Antwort-bösartige Inkassounternehmen geschützt werden soll. Ja, ein habern“ moralisch um Meilen voraus.ganzer rechtlicher Rahmen soll korrumpiert werden, um diesen Wie vor knapp einem halben Jahrhundert scheint der Jugend-Wohlstandsteenager zu schützen, der den neuesten Lady-Gaga- kult der wirksamste Schutz für jede Sauerei zu sein. In einerSong kostenfrei haben will. 101 Punkte umfassenden Liste zu einem neuen Urheberrecht Meistens stellt man ihn sich als umweltbewegten idealisti- meldeten sich 101 Piraten mit ihren Eingaben. Schon der zweiteschen Nerd ohne Taschengeld vor. Wieso eigentlich? Könnte Eintrag spricht mahnend davon, dass derzeit „Kids krimina-er nicht auch ein aufgepumpter Bully sein, der anderen Kindernlisiert werden, die nichts anderes tun als wir damals, wenn wirdas Handy wegnimmt? Kassetten auf dem Schulhof getauscht und kopiert haben“. Es Doch die Bullerbü-Version eines geistesgeschichtlichen Epo-sind doch Kinder, herrgottnochmal!chenwandels hält sich hartnäckig. Vielleicht weil auch die neu-Die Piraten formulieren ihre Bürgerverachtung mit der glei-en, jungen Netzmenschen ihren Jargon der Eigentlichkeit ha- chen Überheblichkeit wie die 68er. Der Unterschied: Damalsben. Es ist nicht das ontologische Murmeln Heideggers, sondernwurde gelesen, gelesen, gelesen. Ein Emblem der 68er war derdas genauso erratische Mechaniker-Gequatsche von Program- Büchertisch vor der Uni-Mensa mit, jawohl, den Raubdruckenmierern. Er, der Netzaktivist, liest das amerikanische „Wired“- von Benjamin, Trotzki, Bakunin, Adorno, Reich. Doch dieser136 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 107. revolutionäre Bildungshunger etablierte tatsächlich einen Ka- Mitmenschen. Das Unrechtsbewusstsein schwindet, es sei denn,non unterdrückter Literatur. In der Copy-and-Paste-Kultur des es handelt sich um Politiker, die man nicht mag – dann bildenNetzes von heute dagegen wird nicht mehr gelesen, sondern die Plagiatsfahnder die allergehässigsten Jagdgemeinschaften.gescannt. Von Büchern bleiben Slogans und Klappentexte, und Dschon das ist eine Entwertung der Autoren.ie französischen Revolutionäre hatten im Urheberrecht Möglicherweise verdankt sich die dröhnende politische Leerenoch das Naturrecht und ergo: ein Menschenrecht er-aller Piraten-Verlautbarungen dieser feuilletonistischen Jagd nachkannt. Schon immer haben sich Autoren gegen dasdem neuesten Reiz. Dem nächsten Ding. Übrig bleibt das tauto- Pirateriewesen zur Wehr gesetzt. Charles Dickens zum Beispiel,logische „Dada“ der Netzavantgarde, die in erster Linie auf – der unermüdliche Agitator gegen die Elendsverhältnisse desdas Netz verweist. Sie macht ihre Methode zum Inhalt, und die- Frühkapitalismus, verwandelte seine erste Amerika-Reise inse Mechanik greift über auf andere Protestmilieus. In der New eine Kampagne gegen amerikanische Raubkopisten und machteYorker Occupy-Zeltstadt, dem Happening für Kapitalismuskri- sich die Nation zum Feind.tiker, war es die Methode des „menschlichen Megafons“, die Dickens genoss seinen Ruhm – und kämpfte um Honorare.gefeiert wurde, und nichts als das. Einer spricht vor, 5 sprechen Aber da wären ihm die Leviten gelesen worden von Pavel Mayer,nach, dann 50, dann 500. Dass auf diese Weise nicht mehr trans- einem Cheftheoretiker der Piraten: „Materielle Unzufrieden-portiert werden kann als die verkürzte Losung, macht nichts. heit bei den Wohlhabenderen ist primär ein Problem fehlgelei-Auf solchem Entdeckerniveau wird an der neuen Welt gebastelt. teter Willensbildung.“ Womit wir dann Bullerbü verlassen undEs ist das Theorieniveau des „Yps“-Magazins, das uns erklärte, uns direkt ins Reich der Umerziehungslager begeben.wie man mit einer Scherbe und einer Paketschnur Feuer macht. Mayer ist nicht irgendeiner. Er rühmt sich als Verfasser der In den albernen Trivialmythen der neuen Netznomaden flie- Abhandlung „Braucht die Welt die Piratenpartei oder die An-ßen unübersehbare Elemente der Science-Fiction-Literatur und kunft der zweiten postmateriellen Internationale“. Es geht darinder Comics zusammen. Die Kolumne des sicherlich amüsantesten – wie im ehrwürdigen „Kommunistischen Manifest“ – um nichtsNetzkolumnisten, des Irokesen Sascha Lobo, heißt: „Die Mensch- Geringeres als den Epochenwandel und den neuen Menschen.Maschine“. Darin steckt der Cybernautentraum von Erlösung Mayer ist ein erster Bewohner der postmaterialistischen Welt.und ewigem Leben im Netz, natürlich eine kindische theologische Er muss zwar weiterhin im Supermarkt einkaufen und bezah-Travestie, die aber unendlich viele Phantasien befeuert. Der len (warum eigentlich?) und wahrscheinlich auch aufs Klo undneue, der erlöste, der gerechtfertigte Mensch ist der verkabelte ganz gewöhnliche Grippen durchstehen, aber ansonsten ist er –– erste Exemplare lassen sich auf den Parteitagen der Piraten frei! O-Ton Mayer: „Die Piraten sind sogar derart postmateria-hinter dem Kabelsalat ihrer Rechner be- listisch, dass man wohl treffender densichtigen. Die reale Welt, das ist derBegriff ‚Immaterialisten‘ für die Piraten-Grundverdacht vieler Piraten-Aktivisten,Ein Aufstand aus der Welt parteistark nach einemKlingt das nicht-nehmen sollte.“verdankt ihre Probleme Programmierfeh-dochdieser kontaktlern, die zu beheben wären. der Wohlstands- gestörten Spinner aus der US-Soap „The Diese Maschinenmenschen rufen zwarverwahrlosten, die alles Big-Bang-Theory“?ständig den Tod des Autors aus, aber das Piraten leben von einer höchst zwie-tun sie dann doch mit der allergrößtenumsonst haben wollen. lichtigen Selbstlegitimation als Kultur-Autoren-Angeberei. Alles, so die Be-revolutionäre, sind aber ohne jeden mo-hauptung, sei ein großer Textfluss, der ralischen Kompass unterwegs. Was auf-über die Bildschirme ströme, der von Tausenden Autoren stam- fällt, ist, so die „FAZ“, eine „leichtentzündliche Wut“, mit derme und sich nur zufällig verdichte im Einzelnen. Da ist der Ge- sie alle überziehen, die weniger ergriffen sind vom Internet alsdanke an eine völkische Textgemeinschaft nicht weit. Interes- sie selber. Sie sind: dagegen. Sie sind: die Reaktion auf Origi-santerweise wurde der Urhebergedanke auch während der nale. Sie reagieren „auf offizielles Zeug“, sagt Marina Weis-Nazi-Zeit stark abgewertet – da galt der Autor dann lediglich band, und die ist noch eine der Sympathischen.als „Treuhänder des Werkes“ für die Volksgemeinschaft. Sie wollen die totale Transparenz, sie wollen ohne Hierar- chien arbeiten. Das ist die nicht gerade neue Utopie, die sie inIhr Protest, so die Piraten, richte sich gegen die Verwerter, unser System tragen wollen. Im New Yorker Zuccotti-Park wur-ein Begriff, der eine grauenhafte Konnotation enthält, näm- de sie von den Occupy-Aktivisten schon einmal versucht. Sielich die einer selbst nicht kreativen Zwischenschicht, die scheiterten bereits an den Trommlern, die sich auf der Südseitesich vampiristisch auf der einen Seite am Talent und auf der des Parks breitgemacht hatten und alle anderen terrorisiertenanderen Seite am (Netz-)Volk gütlich tut. In den Karikaturen – mit ihrem Trommeln, auf dem sie als ihrer Form der Kommu-der dreißiger Jahre kam sie als Parasitenbande von jüdischen nikation bestanden. Außerdem gelang es nicht, der ÜbergriffeKrämern, Händlern und Finanzbossen vor.auf Frauen oder der Drogendealer Herr zu werden, geschweige Wird der Netzrevolutionär die Welt retten? Quatsch! Er ko- denn, den Kapitalismus zu überwinden.piert lediglich überholte Protestformen. Sibylle Lewitscharoff,Das Vertrackte am Traum totaler Herrschaftsfreiheit ist ja,Autorin des wunderbaren Romans „Blumenberg“, erkannte dass er in der Praxis Repressionsapparate und Terror geradezujüngst in der Anmaßung der Piraten Ideologeme der eigenen gebiert. Müssen wir das immer neu lernen? Die naive Spaß-Kulturkampfzeit wieder. Sie erinnerte sich – in der „Frankfurter guerilla der Kommune 1 hat durchaus mitgearbeitet am TerrorAllgemeinen“ – an Tage, als der Diebstahl von Büchern als re- der RAF, weil sie den Systemsturz zu Pop machte. Gleichzeitigvolutionäre Tat galt. Es waren die Tage der „Klau mich“-Be- haben die Aktionen der amerikanischen SDS (Students for awegung. Doch dann, mit 17, sei ihr klar geworden, wie kurzge- Democratic Society) und der radikalen Yippies letztlich erstschlossen dieses Indianerspiel war.zum Wahlsieg Nixons geführt. Für sie stand tatsächlich Kultur auf dem Spiel, und dazu ge-Die Verletzungsbereitschaft und die Geistfeindlichkeit man-hörte durchaus die Tatsache, dass man warten musste, bis man cher Netzpropagandisten und Kolumnisten sprechen jenseitssich leisten konnte, das betreffende Buch – bei ihr war es eines aller Inhalte eine eigene Sprache. Es ist das rote Glühen einerüber Kathedralen – besitzerstolz nach Hause zu tragen. Auch neuen Religiosität, einer Selbstgerechtigkeit, die mit Zaudererndieser kultivierte Triebaufschub erhöhte ihr den Wert des Buchs. nicht viel Federlesens machen wird. Auch das Begeisterungs-Mit der Subito-Befriedigung durch einen Buchklau im Netz da- feuer von Halbwüchsigen kann, wie wir von den totalitärengegen wird das Werk entwertet und der Autor. Uns kommt etwas Jugendkohorten des vergangenen Jahrhunderts wissen, zu Ver-abhanden: die Achtung vor geistiger Leistung. Und die vorm heerungen führen. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2137
  • 108. KulturJunge Paare beim Sex (Fotos aus „Make Love“): Die ganze Bandbreite des Begehrens S E X UA L I TÄT Liebe in Zeiten der Pornografie Wenn Kinder und Jugendliche wissen wollen, was Sex ist, suchen sie Antworten im Internet. Soziologen sprechen von der Generation Porno. Ein Berliner Verlag veröffentlichtdennoch ein Aufklärungsbuch für diejenigen, die schon alles gesehen haben. Von Claudia VoigtÜ ber Sex reden. Als ich vier Jahre beiden unterscheiden. Es wird ein biss- ihren Umgang mit der Freiheit an sich.alt war, kam ich in einen Kinder-chen gedruckst, gekichert, schließlichDoch die allgegenwärtigen Bilder führengarten für sexuelle Frühaufklä-fasst sich ein Mädchen ein Herz: „Ist dochzu einem Verstummen. Was soll manrung. Wie in jedem Kindergarten habenklar, der Junge hat einen Penis, das Mäd- noch sagen, wenn alles gezeigt wird.wir dort gemalt, gesungen und getobt,chen eine Scheide.“ Das war 1970. DieMein Sohn ist bald zwölf Jahre alt. Dieund manchmal saßen wir im Schneider- ganze Gesellschaft, na ja, fast die ganze Kinder und Jugendlichen von heute kön-sitz in einem Kreis, um darüber zu spre- Gesellschaft redete damals über Sex.nen, wenn sie wollen, alles gesehen haben,chen, wie Babys entstehen. Das NDR- Heute schweigen wir vom Sex. Wir zei-bevor sie auch nur ihren ersten Kuss erle-Fernsehen hat damals eine Dokumen- gen ihn nur noch. An den Litfaßsäulen ben. Was bedeutet das für ihr späterestation gedreht, sie zeigt Jungen und hängen riesige H&M-Plakate für die Ba-Liebesleben? Und wie soll man sich alsMädchen, die zwei nackte Puppen herum- demode dieses Sommers; mit zwei KlicksMutter oder Vater da eigentlich verhalten?reichen und sagen sollen, worin sich die kann jeder auf die Internetseite von You-Aufklärung war zwischen Eltern und Porn gelangen; in den Wartezonen vonKindern nie ideal aufgehoben, zu vielAnn-Marlene Henning, Tina Bremer-Olszewski: „Make Flughäfen laufen Videos von Lady Gaga.Scham ist im Spiel. Auf Seiten der KinderLove“. Verlag Rogner & Bernhard, Berlin; 256 Seiten; Wie offen eine Gesellschaft mit Sexualitätstellt sich die unausgesprochene Frage:22,95 Euro.umgeht, sagt immer auch etwas aus überWie macht ihr es eigentlich?, auf die viele138D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 109. hat für „Make Love“ Paare fotografiert,die Sex miteinander haben, echten Sex.Ein Buch für die Generation, die schonalles gesehen hat. Gleichzeitig gibt es eine Menge Textin „Make Love“, denn es ist auch ein idea-listisches Buch, eines, das die Sprachlo-sigkeit beenden möchte. Gleich in derEinleitung listen die Autorinnen Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Ol-szewski alle Wörter auf, die ihnen für dasweibliche und das männliche Geschlechts-organ einfallen, von Muschi bis Funkturmsind es zusammengenommen fast 140 Be-griffe. Manche davon sind abwegig, an-dere lustig, es ist eine Liste kleiner Tabu-brüche, ein leichthändiger Einstieg. Der Text richtet sich direkt an den ju-gendlichen Leser. „Es begann schon imTraum. Jedenfalls bist du mit dieser Lustaufgewacht. So viel Lust, dass du dich an-fassen willst.“ Die Kapitel heißen „Daserste Mal“, „Das zweite Mal“ oder „Durchdie Betten“. Es ist ein Ratgeberbuch fürdie sogenannte Generation Porno. „Heute gibt es ja mehr Bücher übersJoggen als über Sex“, sagt die AutorinHenning. Sie wurde in Dänemark gebo-ren, studierte in Deutschland Psycholo-gie, in Dänemark Sexologie (das Fachheißt tatsächlich so) und arbeitet heuteals Paar- und Sexualtherapeutin in Ham-burg. FOTOS: HEJI SHIN Henning hat eine klare Botschaft anihre Leser: Wenn ihr miteinander schlaft,redet auch miteinander. Es ist ein Buchüber das Vergnügen am Sex. Schwanger-schaft und Krankheiten kommen nur amKinder aber keinesfalls eine Antwort be-Rande vor. Stattdessen gibt es eine Seitekommen möchten. Auf Seiten der Eltern über Porno-Lügen, und durch das ganzeherrscht nicht selten Verlegenheit, weilBuch zieht sich der Appell, die eigenenüber Sex zu sprechen auch immer ein Wünsche und Grenzen kennenzulernen,Nachdenken über das eigene Liebeslebensie ernst zu nehmen und mit dem Partnerbedeutet. darüber zu sprechen. Viele Jahre erlösten Kindergärtnerin- Sprechen, Reden, Kommunikation –nen und Biologielehrer die meisten Fa-trotz seines betont jugendlichen Tonfallsmilien aus dieser Situation. Inzwischen liest sich das Buch sehr pädagogisch. Wä-haben die Bilder schleichend die Herr-ren da nicht die Fotos von Heji Shin, hätteschaft übernommen, gegen ihre Macht „Make Love“ auch schon vor 40 Jahrensind die Schautafeln und Fachbegriffe imerscheinen können.Schulunterricht nur noch lächerlich. GibtEs sind romantische Fotos darunter mites einen Weg aus dieser Misere? verliebten Blicken und Liebkosungen, Ein Aufklärungsbuch scheint da zu- und es gibt ganz explizite Fotos, erigiertenächst eine Idee von gestern zu sein. Penisse, gespreizte Schamlippen, Blow-„Make Love“ heißt es, und der Titel er- jobs. „Die Absicht war zu zeigen, wie un-innert vermutlich nicht nur zufällig an terschiedlich Sexualität von Jugendlichendie Flowerpower-Zeit der siebziger Jahre. gelebt wird“, sagt die Fotografin HejiDas Buch sieht gut aus, es hatShin. Die Bandbreite sexuellenfestes Papier, ein klares, farbi- Begehrens.ges Layout, die Leute vom Ver- Shin hat die Paare in Berlinlag haben sich offensichtlich auf der Straße oder in CafésMühe gegeben, ein coolesangesprochen, Schwule, Les-Buch zu gestalten.ben und Heteros, auch ein Auf dem Titelbild sind ein Transsexueller ist zu sehen,Junge und ein Mädchen zu se-etwa zwei Drittel der Ange-hen, die sich küssen. Fotos sprochenen waren bereit, beispielen überhaupt eine ent- dem Projekt mitzumachen.scheidende Rolle in diesemVorher hatte die FotografinBuch. Die Fotografin Heji Shinauch in Hamburg versucht, D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2139
  • 110. Kulturjunge Männer und Frauen zu finden, er-folglos. „Dieses Projekt war so wohl ambesten in Berlin möglich“, sagt Shin, die Bestsellerin Südkorea geboren wurde und heute inBerlin lebt. Weil es hier eine Jugendkul- Belletristiktur gebe wie in keiner anderen Stadt, in1 (1) Jonas JonassonDer Hundertjährige, der aus demder es darum gehe, flügge zu werden,Fenster stieg und verschwandFamilienballast abzuwerfen. Carl’s Books; 14,99 Euro Mehrmals haben sich die Fotografin 2 (–) P. C. Cast / Kristin Castund die Frauen und Männer, die zwischen Bestimmt – House of NIght 918 und 25 Jahre alt waren, in privatenFJB; 16,99 EuroWohnungen getroffen, es gab keine ge- 3 (–) Donna Leonnauen Verabredungen für diese Treffen,Reiches Erbejedes Paar ist so weit gegangen, wie es Diogenes; 22,90 Eurowollte. Shin hielt sich im Hintergrund und4 (2) Suzanne Collinsnahm keinen Einfluss, aber es ist natür-Die Tribute von Panem –Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Eurolich ihr subjektiver Blick auf das Gesche-hen, der sichtbar wird. Die jungen Leute5 (3) Suzanne CollinsDie Tribute von Panem –sollten sich in den Fotos wiederfindenFlammender Zorn Oetinger; 18,95 Eurokönnen, deswegen war es Shin wichtig,6 (5) Jean-Luc Bannalecdass wirklicher Sex auf den Bildern er- Bretonische Verhältnissekennbar ist.Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro Es wird Diskussionen geben um diese7 (4)Suzanne CollinsFotos. Weil sie pornografisch sind und Die Tribute von Panem – Tödlichegleichzeitig die Gefühle der MenschenSpiele Oetinger; 17,90 Euroeinfangen, die auf ihnen zu sehen sind. 8 (15) Rachel JoyceEs sind Fotos, die den Betrachter in die Die unwahrschein-Rolle eines Voyeurs drängen. Wenn sieliche Pilgerreisein einer Galerie hingen, wäre das eine des Harold Frybeachtliche Ausstellung.Krüger; 18,99 Euro Aber weil sie in einem Aufklärungs-buch veröffentlicht werden, haftet ihnen Berührender Selbstfindungs- roman: Während einesauch etwas Anbiederndes an. Sie sollenlangen Fußmarschs lernteinen Anreiz liefern, dieses Buch in dieein Renter, sich selbstHand zu nehmen. Nicht die Grenzüber-und das Leben zu begreifenschreitung ist das Problem, sondern das 9 (6)Jussi Adler-OlsenEingeständnis, dass wir beim öffentlichenDas Alphabethaus dtv; 15,90 EuroReden und Schreiben über Sex offensicht- 10 (11) Dora Heldtlich nicht mehr hinter Bilder voller Geil- Bei Hitze ist es wenigstensheit zurückkönnen. nicht kalt dtv; 14,90 Euro Es gab vor fast vierzig Jahren schon11 (7) Sarah Larkeinmal ein Aufklärungsbuch, dessen Fotos Die Tränen der Maori-Göttindiskutiert wurden. „Zeig mal!“, hieß es.Bastei Lübbe; 15,99 EuroAuf Wunsch des Fotografen Will McBride 12 (10) Michael Robothamwurde es Mitte der neunziger Jahre vom Der InsiderGoldmann; 14,99 EuroMarkt genommen, weil sich McBridenicht mehr länger dem Vorwurf der Pädo-13 (9) Nicholas Sparksphilie aussetzen wollte. Heute ist „ZeigMein Weg zu dirHeyne; 19,99 Euromal!“ nur noch gebraucht zu kaufen oderin Bibliotheken auszuleihen. 14 (12) Martin Walker Delikatessen McBride hatte ein etwa fünf Jahre altesDiogenes; 22,90 EuroMädchen und einen gleichaltrigen Jungen15 (8) Josephine Angelinifotografiert, die ihre Körper entdecktenGöttlich verlorenund untersuchten. Neu und bahnbre-Dressler; 19,95 Eurochend an McBrides Projekt war, dass16 (13) Jussi Adler-Olsennicht Text und Schaubilder, sondern Fo-Erlösungtos die Funktion übernahmen, aufkläre-dtv; 14,90 Eurorisch zu wirken. 17 (14) Jussi Adler-Olsen Von heute aus betrachtet haben Mc-SchändungBrides Aufnahmen etwas Unschuldiges,dtv; 14,90 Euround genau wie Heji Shins Fotos für 18 (16) Markus Heitz„Make Love“ sind sie ein Ausdruck derOneiros – Tödlicher FluchKnaur; 14,99 EuroZeit, in der sie entstanden sind. Zu Beginn der siebziger Jahre ereigne-19 (19) Susanne Fröhlich Lackschadenten sich die großen Veränderungen in derKrüger; 16,99 EuroSexualität. Mit der Einführung der Pille 20 (20) Ursula Poznanskirutschte das durchschnittliche Alter beimFünf„ersten Mal“ von Anfang 20 auf 17 Jahre.Wunderlich; 14,95 EuroHeute liegt es bei 16. Die Pille veränderte140D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 111. Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vomdie ganze Gesellschaft. Ohne Pille wäreFachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- die 68er-Bewegung nicht denkbar gewe- kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestsellersen, und bald sollte auch die Erziehungder Kinder im Geist von Liberalität und Sachbücher Freiheit erfolgen. Sexuelle Frühaufklärung 1 (–) Thilo Sarrazin im Kindergarten war eine größere Selbst- Europa braucht den Euro nicht verständlichkeit, als man heute denkt. DVA; 22,99 Euro Heute stellt sich die Frage, ob die all-gegenwärtige Pornografie für Sex undAufklärung eine ähnlich nachhaltige Ver-änderung bedeutet wie die Pille damals. Die Soziologin Silja Matthiesen arbei- Sarrazins Euro-Schelte:tet im Hamburger Institut für Sexualfor-zähes Zahlenwerk zur finanziellen Lage schung und Forensische Psychiatrie. Sie der Nationen hat zwischen 2009 und 2011 eine um-fassende Studie über das Sexleben von 2 (1) Philippe Pozzo di BorgoJugendlichen geleitet („Sexuelle und so- Ziemlich beste Freunde Hanser Berlin; 14,90 Euroziale Beziehungen 17- und 18-jähriger 3 (2) Rolf DobelliFrauen und Männer“). Auslöser war die Die Kunst des klaren Denkens zunehmende öffentliche Diskussion um Hanser; 14,90 Euro die Generation Porno und um sexuelle 4 (12) David Graeber Verwahrlosung. Schulden – Die ersten 5000 JahreDie Ergebnisse sind überraschend. Die Klett-Cotta; 26,95 Eurojungen Männer und Frauen haben heute 5 (–) Daniel Kahnemann eher traditionelle Wünsche nach Liebe Schnelles Denken, langsamesund Treue. Manche Beziehung dauert Denken Siedler; 26,99 Euro allerdings nur drei Monate, die nächste 6 (3) Samuel Koch / Christoph Faselschließt sich an, serielle Monogamie nennt Zwei Leben Adeo; 17,99 Euroman das. Offensichtlich können die Ju-gendlichen eine klare Trennung zwischen 7 (8) Jürgen Domian Interview mit dem Todihrem eigenen Liebesleben und dem Sex Gütersloher Verlagshaus; 16,99 Euroin Porno-Filmen ziehen. Sie unterscheiden 8 (4) Hans-Ulrich Grimmzwischen den Wünschen, die sie an ihren Vom Verzehr wird abgeraten Partner oder an ihre Partnerin haben, und Droemer; 18 Euro den Bildern, die sie aus Pornos kennen. 9 (7) Carsten Maschmeyer Die echte Welt, die unechte Welt. SelfmadeWobei die meisten Jungs gern Pornos Ariston; 19,99 Eurogucken – es gilt unter ihnen durchaus als10 (5) Joachim GauckSymbol von Männlichkeit, die eine oder Freiheit Kösel; 10 Euroandere Sequenz auf dem Handy zu ha-11 (6) Norbert Robers ben. Und natürlich schauen sie sich Joachim Gauck – Vom Pastor zum Präsidenten – Die Biografie manche Stellung ab. Die Mädchen dage- Koehler & Amelang; 19,90 Eurogen üben ihr weibliches Rollenverständ-12 (9)Adam Zamoyski nis ein, indem sie Pornos erst mal eklig1812 – Napoleons Feldzug in finden und wenig damit zu tun habenRussland C. H. Beck; 29,95 Euro wollen. In ihren Beziehungen aber wün-13 (13) Joe Bauschschen sich beide Geschlechter Sex mitKnast Ullstein; 19,99 EuroGefühlen.14 (11) Bill Mockridge Das alles klingt so, als profitierten dieJe oller, je doller jungen Frauen und Männer auch heute Scherz; 14,99 Euro noch von der Offenheit, die mit der Idee15 (10) Dieter Nuhr der sexuellen Aufklärung in die Gesell-Der ultimative Ratgeber für alles schaft kam. Es klingt auch so, als ob sie Bastei Lübbe; 12,99 Euromiteinander über Sex redeten. Und sie16 (20) Wibke Bruhnsscheinen souveräner mit Pornos und ihrerNachrichtenzeit Droemer; 22,99 Euroeigenen Lust umgehen zu können, als17 (14) Walter Isaacson wir, ihre Mütter und Väter, uns das vor-Steve Jobsstellen können. Womöglich sind wir die C. Bertelsmann; 24,99 Euro Überforderten, die Generation, für die18 (19) Cid Jonas Gutenrath die Dr.-Sommer-Kolumnen in der „Bra-110 – Ein Bulle hört zu – Aus der vo“ schon den Hauch des VerbotenenNotrufzentrale der Polizeihatten und erst recht der „Playboy“, den Ullstein extra; 14,99 Euroman auf dem Flohmarkt kaufte.19 (15) Thomas Kistner Es klingt so, als könnten wir unserenFifa-Mafia Droemer; 19,99 EuroSöhnen und Töchtern zutrauen, in einerWelt voller sexualisierter Bilder ihren20 (16) Gunter FrankSchlechte Medizin – Ein Wutbuch eigenen Weg zu finden zu dem Gefühl Knaus; 16,99 Euround zu den Worten: Ich liebe dich. Unddas ist doch mal eine gute Nachricht. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2141
  • 112. KulturSPI EGEL-GESPRÄCH „Kurieren durchdas Wort“Die französische Historikerin Elisabeth Roudinesco ist Spezialistin für die Geschichte derPsychoanalyse – und kämpft um den Ruf der Zunft.D ie Couch – die Werkbank des Psy- Frankreich, wo 6000 Psychoanalytiker choanalytikers – hat einen promi- eingetragen sind, gilt als eine ihrer letzten nenten Platz im Arbeitszimmer Bastionen – vor allem auch dank einervon Elisabeth Roudinesco in Paris, ob- Reihe von berühmten Vordenkern wiewohl die Wissenschaftlerin und Publizis- dem 1981 verstorbenen Jacques Lacan,tin seit längerem nicht mehr praktiziert.den Roudinesco schon als Jugendliche imSie kam nach dem Studium über den Um-Haus ihrer Mutter kennenlernte.weg der Literatur und der Philosophie Die Demontage der freudschen Lehrezur Psychoanalyse, deren Theorie und in Frankreich begann 2005 mit einer überGeschichte sie seitdem erforscht.800 Seiten starken Streitschrift: In einem Zusammen mit dem marxistischen Phi- „Schwarzbuch der Psychoanalyse“ (nachlosophen Alain Badiou hat Roudinesco,dem Vorbild des berühmten „Schwarz-67, jetzt einen Appell zur Rettung der buchs des Kommunismus“) zogen mehrebenso schillernden wie umstrittenen als 30 internationale Autoren eine uner-Disziplin veröffentlicht. Denn die Psy-bittliche Bilanz: War Sigmund Freud einchoanalyse, die sich bis in die sechzigerLügner? Kann seine Methode überhauptJahre hinein in einem scheinbar unauf- heilen? Welchen Beitrag leistet sie zumhaltsamen Siegeszug um die Welt verbrei- Verständnis der Menschen? Seitdem reißttete und in den USA eine Modeerschei-die Polemik nicht ab.nung wurde, ist heute für die Deutung Nicht Freuds Vermächtnis, nicht das sei-und Behandlung psychischer Krankhei- ner geistigen Nachfolger wie Lacan undten in den meisten Ländern marginalauch nicht die psychoanalytische Disziplingeworden.als solche seien hinfällig, meint Roudi- Die kognitive Psychologie, die dennesco, Autorin einer auch auf Deutsch er- Diwan im Londoner Freud-Museum: „Der TragikMenschen als informationsverarbeitendesschienenen Lacan-Biografie und einesSystem begreift, die Verhaltenstherapie, zweibändigen Standardwerks über die Roudinesco: Ich möchte Ihnen lieber einedie sich mit den Möglichkeiten der „Geschichte der Psychoanalyse in Frank- Gegenfrage stellen: Glauben Sie, dass diemenschlichen Lernfähigkeit beschäftigt,reich“. Doch die Praktiker der Psychoana- Anthropologie wissenschaftliche und phi-die Neurowissenschaften mit der Erfor- lyse müssten sich aus ihrem Dogmatismus losophische Erkenntnisse über die Naturschung der Gehirnfunktionen und diebefreien und einen neuen Anschluss an des Menschen erbringt?Verbreitung hochwirksamer Psychophar-die moderne gesellschaftliche Entwick-SPIEGEL: Sie kann durchaus Wesensmerk-maka haben sie an den Rand gedrängt. lung von Sexualität und Familie suchen. male des Menschen von universeller Be- deutung festlegen. SPIEGEL: Madame Roudinesco, die heroi-Roudinesco: Sehen Sie, und ich denke, die sche Zeit der Psychoanalyse ist lange vor-Psychoanalyse kann das auch. Sie ist eine bei, als Heilmethode ist sie weltweit auf Disziplin, die auf einem rationalen Denk- PATRICK ZACHMANN / MAGNUM PHOTO / DER SPIEGEL dem Rückzug. Auch in Frankreich, vonsystem aus dem Bereich der Humanwis- jeher eine ihrer intellektuellen Hochbur- senschaften beruht. Ich glaube, dass das gen, muss sie sich heftiger Attacken er-Unbewusste universell ist. Und ich glaube, wehren. Ist die Psychoanalyse überhaupt dass Sigmund Freud derjenige Entdecker eine Wissenschaft?ist, der den Strukturen des Unbewussten Roudinesco: Ich könnte es mir einfach ma- am nächsten gekommen ist – durch seine chen und eine Menge Polemik aus der Traumdeutung und seine Studien über Debatte entweichen lassen, indem ichdie Verdrängungsmechanismen. Er hat sage: Weder ist sie eine exakte Wissen- den Apparat der Psyche erstmals systema- schaft noch eine medizinische Therapie. tisch offengelegt. SPIEGEL: Aber?SPIEGEL: Warum setzt sich dann heute dieAutorin Roudinesco Ansicht durch, dass es sich ohne Freud„Heute leidet man an Narzissmus“ Das Gespräch führte der Redakteur Romain Leick. besser lebt und denkt?142 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 113. Subjekt zu erfassen. Insofern ist sie eben-so sehr eine emanzipatorische wie einetherapeutische Disziplin. Sie hat, wie Dar-wins Evolutionstheorie oder Marx’ Ge-sellschaftsanalyse, unsere Sicht der Weltverändert. So gesehen, sind die hasserfüll-ten Attacken auf die Psychoanalyse, de-nen ich entgegentrete, ein Symptom derglobalen intellektuellen Krise, in der wiruns befinden. Mit der Postmoderne istdas Ende der „großen Erzählungen“ ge-kommen, wie der Philosoph Jean-Fran-çois Lyotard geschrieben hat. Man akzep-tiert keine allgemeingültigen Erklärungs-prinzipien mehr.SPIEGEL: Ist damit auch das Ende des klas-sischen Humanismus und der Aufklärungerreicht, eine Rückentwicklung vom auto-nomen Subjekt zum begrenzten Indivi-duum?Roudinesco: Freud, daran besteht keinZweifel, war ein Vertreter des Humanis-mus und der Aufklärung, einschließlichihrer dunklen Seite. Er hatte, wie die Grie-chen in ihren Mythen, eine tragische Auf-fassung von der menschlichen Existenz.Er stand Diderot mit dessen bürgerlichemTrauerspiel und Zweifeln am optimisti-schen Weltbild näher als Rousseau.SPIEGEL: Seine Analyse der Triebstrukturverbietet den naiven Glauben, dass derMensch von Natur aus gut sei?Roudinesco: Ja, und doch hielt das Tra-gische die Griechen nicht davon ab, dieGrundzüge der Demokratie, also derEmanzipation und der Befreiung, zudenken. Bei Freud findet sich ebenfallsein fast romantischer Glaube an den mög-lichen Triumph des Guten. Er war zutiefst BRIDGEMANART.COMvom alten k. u. k. Regime geprägt, aberer dachte demokratisch, weil er an denFortschritt der Zivilisation, also an diemögliche Beherrschung der aggressiven,der menschlichen Existenz kann man nicht entkommen“ mörderischen Impulse des Menschendurch die Vernunft glaubte. Das ist das Roudinesco: Darauf würde die klassische schung der Mythen, die Entschlüsselung Thema seiner Schriften wie „Das Unbe- Psychoanalyse wohl erwidern, dass diese ihrer Bedeutung, ist unverzichtbarer Be- hagen in der Kultur“ oder „Totem und heftige Ablehnung, die bis zum Hassaus- standteil der Humanwissenschaften. Tabu“ – die Herrschaft des Gesetzes. bruch gehen kann, Teil der Verdrängungs-SPIEGEL: Sicherlich, aber bewegt man sichSPIEGEL: Also besteht das gelungene Le- problematik ist.da nicht eher im philosophischen als imben darin, Trieb und Moral in einem pre- SPIEGEL: Eine typische Reaktion des Selbst- klinischen Bereich?kären Gleichgewicht zu vereinbaren? schutzes gegen jede Kritik. Roudinesco: Freud hat im Grunde, ohne es Roudinesco: Im Grunde handelt es sich in Roudinesco: Keineswegs. Dagegen sage ichso auszuführen, eine Theorie des mensch- der Psychoanalyse um einen Erziehungs- lieber, dass man der Condition humainelichen Subjekts im philosophischen Sinne prozess, um das Erlangen der Selbstkon- in ihrer Tragik nicht entkommen kann. ausgearbeitet. Das große „ICH“ statt des trolle, eine Reise zu sich selbst. Es geht Davon gibt es keine Heilung.kleinen „ich“. Seine Stärke ist es, indivi-darum, die Barbarei in der Zivilisation SPIEGEL: Und was zeichnet diese Condi-duelle Schicksale aus einer rein medizini- zu zähmen, die aggressiven Impulse, den tion humaine, die Lebensbedingungen schen Psychologie herausgenommen und Todestrieb, durch Sublimierung umzu- des Menschen aus? auf Invariablen der Menschheit zurück- formen. Die Psychoanalyse versucht eine Roudinesco: Freuds Geniestreich, vergli-geführt zu haben.Kur, oder meinetwegen eine Therapie, chen mit den psychologischen Theorien SPIEGEL: Die Medizin kümmert sich um durch das Wort. und Spekulationen seiner Zeit, bestandden Einzelnen, die Psychoanalyse um dasSPIEGEL: Das klingt nach sanfter Medizin. darin, die großen Konstanten der mensch-menschliche Subjekt in seiner Allgemein- Der Versuch einer Psychotherapie durch lichen Psyche auf den griechischen Mythos heit? Aber wie kann die Psychoanalysedie Rede bringt aber nicht unbedingt die und dessen Tragödien zurückzuführen.mit diesem Ansatz dem jeweiligen Patien- Erlösung. Sie kann sogar destabilisierend SPIEGEL: Nicht gerade eine naturwissen- ten individuell helfen?wirken, wie die Praxis der Psychoanalyse schaftliche Methode.Roudinesco: Das Subjekt ist mehr als der oft genug zeigt. Roudinesco: Es ist ein Denken in Mythen.Einzelne in seiner Spezifität. Die Psycho- Roudinesco: Die Psychoanalyse kann nicht Ist es deshalb weniger wahr? Die Erfor- analyse hilft dem Individuum, sich als alle seelischen Krankheiten therapieren, D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2143
  • 114. Kulturschon gar nicht schwerste Stö- men, die puritanischen, vonrungen wie Psychose undsexuellen Frustrationen ge-Schizophrenie. Aber selbst inprägten Gesellschaften eigendiesen Fällen ist sie notwen-sind und die man damals alsdig, weil sie den Patienten er-hysterisch bezeichnete.mächtigt zu reden, statt ihn SPIEGEL: Und heute?einfach mit Medikamenten Roudinesco: Leidet man an sichvollzustopfen. Freud war keinselbst, an Narzissmus. Die Pa-Hedonist, er trug das Erbe des thologie hat sich geändert, soPuritanismus in sich. Derwie die Gesellschaft mit ihrenMensch kann nicht machen,Sitten, aber viele Psychoana-was er will, er muss seine lytiker halten am alten ModellTriebe kontrollieren, sonstfest, um neues Leiden zu be-werden sie grenzenlos. Der handeln. Die gegenwärtigeTodestrieb, die Lust an derKritik an der psychoanalyti-Vernichtung des anderen undschen Theorie zielt daneben,seiner selbst ist das absolute die an den PsychoanalytikernBöse, das später in Auschwitzund ihrer Praxis dagegen ist RON REID / CAMERA PRESS / PICTURE PRESSkulminierte. Freud steht inoft genug berechtigt. Manch-dieser christlich-jüdischen Tra- mal habe ich den Eindruck,dition.dass die meisten von ihnenSPIEGEL: So sehr, dass seine nur skeptische, von der mo-Lehre eine Art Religion wer- dernen Gesellschaft losgelös-den konnte? Wir reden jetztte, unpolitische oder sogarüber ein Welt- und Menschen- reaktionäre Ästheten sind.bild, über Mythen und Erzäh- SPIEGEL: Woran liegt das?lungen, Tragik und Erlösung. Roudinesco: Die freudsche Leh-Das sind spannende Geschich- Hippie-Festival in Glastonbury 1971: „Freud war kein Hedonist“re bedarf der ständigen Inter-ten – sie erklären, warumpretation und Evolution, sieDichter und Filmemacher in Hollywood ker, schlossen sich der These vom Primat darf nicht wie die Bibel oder der Talmudsich davon faszinieren ließen. Aber die der Sexualität an und sahen im wahren gehandhabt werden. Die HilfesuchendenKritik an der Psychoanalyse will diese Glauben einen Schutz vor der Neurose. erwarten aber eine konkrete Lösung ihrerdoch auf den Boden der Alltagsrealität Freud war Atheist und Jude, für ihn war Probleme. Sie haben keine Lust, sich aufzurückholen. Letztlich geht es um Heilen die Psychoanalyse weder religiös noch das endlose intellektuelle Abenteuer ei-oder zumindest Lindern psychischer Stö- das Gegenteil, ein Instrument, dessen sich ner Psychoanalyse als Zugang zu einerrungen, um eine medizinische Leistung. Geistliche wie Laien bedienen können.höheren Form der Weisheit einzulassen.Erweisen sich davor all die interessanten SPIEGEL: Rückt das die Psychoanalyse Die Dauer der Analyse muss begrenztphilosophischen Theorien nicht als Ho- nicht weg von der Wissenschaft hin zur und drastisch verkürzt werden, der Ana-kuspokus? Magie?lytiker kann sich nicht mehr darauf be-Roudinesco: Überhaupt nicht. Ja, Freud Roudinesco: Zwischen Wissenschaft und schränken, schweigend zuzuhören.war Arzt, ausgebildeter Neuropathologe. Magie liegt noch ein weiter Bereich des SPIEGEL: Können Sie diese doktrinäre Er-Er wählte dann einen anderen, theoreti- Rationalen. Freud wünschte ganz sicher starrung belegen?schen Weg, hielt aber am therapeutischen nicht, dass aus der Psychoanalyse eine Re- Roudinesco: Zum Beispiel ist es unsinnig,Auftrag fest, mit durchwachsenem Erfolg. ligion oder eine Ideologie würde. Aber es an der sexuellen Differenz der Eltern alsSPIEGEL: Eher mit dürftigem Erfolg. steckte ein messianisches Element in ihm. Vorbedingung für die Herausbildung derRoudinesco: Er scheute die Behandlung Er wollte mit seiner Methode zum Glück kindlichen Identität festzuhalten, wennwirklich schwerer Fälle, von Irren und des Menschen beitragen, ohne das Tragi- es längst homosexuelle Ehen, Leihmütter,Verrückten, wie man damals sagte. Sie sche auszublenden. Also nicht simples künstliche Befruchtung und sogar einhaben schon recht, seine wahre Bedeu- Wohlbefinden, einfach gut drauf sein. Das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtlichetung liegt im Denkerischen. Er war ja auch wäre nur amerikanische Seelenhygiene.Partner gibt. Als ob Kinder, die bei einerein sehr guter Schriftsteller und unermüd- SPIEGEL: Das Lustprinzip darf keinen Vor- alleinerziehenden Mutter oder bei Homo-licher Briefeschreiber. Und die Idee des rang haben? Sexuelle Befreiung gehörte sexuellen aufwachsen, den UnterschiedKurierens durch das Wort, der Offenba- auch zu den erklärten Zielen der 68er, zwischen Mann und Frau nicht mehr ken-rung des Menschen vor sich selbst, kommt die Freud mit Herbert Marcuse und Wil- nen würden! Freud analysierte die Sexua-von weither aus den Tiefen der Geschich- helm Reich wiedergelesen haben.lität und die bürgerliche Familie an derte, eigentlich mit der Entstehung des Roudinesco: Jedenfalls glaubte er nicht, Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die-Beichtstuhls. dass Lust und totale sexuelle Befreiung ser Ballast muss weg.SPIEGEL: Noch ein religiöser Aspekt der ein Ende von Schuld und Leiden bringen SPIEGEL: Klingt so, als glaubten Sie nichtPsychoanalyse.könnten, obwohl er natürlich für den Wan- an den Ödipuskomplex.Roudinesco: Das Konzil von Trient hat im del der Familie und die sexuelle Emanzi- Roudinesco: Ehrlich gesagt, nein. Die Faszi-16. Jahrhundert dekretiert, dass das Sa- pation aufgeschlossen war. Und er hatte nation für die „König Ödipus“-Tragödiekrament der Buße aus Reue, Beichte und recht! Heute genießen wir alle möglichen von Sophokles liegt ja gerade nicht darin,Genugtuung besteht. Der Gedanke, der sexuellen Freiheiten, und die Menschen dass Ödipus seine Mutter begehrt und dendem zugrunde liegt, ist die Suche des Bö- hören nicht auf zu leiden. Zu Freuds Zeit Vater dafür tötet, sondern dass er schuldigsen in sich selbst. Nicht von ungefähr sind litt man unter sexueller Frustration, einer wird, ohne es zu wissen, und infolgedessendie Katholiken seit den fünfziger Jahren starren paternalistischen Familienordnung vom Zenit der Macht in den tiefsten Ab-fasziniert gewesen von der Psychoanaly- mit allen möglichen Verboten und autori- grund stürzt. Die besten Interpretationense. Und protestantische Pastoren wie Os- tärer Erziehung. Die Psychoanalyse von Freud machen heute nicht die Psycho-kar Pfister wurden selbst Psychoanalyti- Freuds entstand angesichts von Sympto- analytiker, sondern Philosophen, Litera-144 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 115. ten, Künstler. Seine Überlegun- jekt nicht in seiner Gesamt-gen zur weiblichen Sexualität heit erfassen. Die psychoana-hat bezeichnenderweise Si-lytische Theorie wollte diemone de Beauvoir aufgegriffen psychische Krankheit humani-und weiterentwickelt. Im Um-sieren; die funktionale Verhal-feld der 68er hat Jacques Lacan tenstherapie und die kognitiveder Psychoanalyse zu neuerPsychologie verdinglichenBlüte verholfen, indem er die den Menschen zu einem ein-Philosophie von Hegel bis stellbaren Apparat.Heidegger mit der freudschenSPIEGEL: Aber sie können Er-Lehre verband. Nietzsche undgebnisse vorweisen, etwa inSchopenhauer und Sartre inder Behandlung autistischerFrankreich waren als Philoso- Kinder. In Frankreich habenphen zugleich große Psycho- zornige Eltern autistischer Kin-logen. Heute praktiziert dieder wegen der Unfähigkeit derfünfte Generation von Psycho- Psychoanalytiker und derenanalytikern nach Freud. Ich be- Tendenz, ihnen eine Mitschuldhaupte, seit zwei Generationenzu geben, einen regelrechtensehen wir keine intellektuelleSturm entfacht. Manche seriö-Neuerung mehr, nicht die ge-se Psychoanalytiker räumenringste. Lacans Schriften wer-ein, dass es berechtigte Kritikden heute ebenso sehr von Phi-an ihrer Disziplin gibt. Ist derlosophen und Literaten wieKampf um die Psychoanalysevon Klinikern studiert. schon verloren? ULLSTEIN BILDSPIEGEL: Lacan war zwar Arzt, Roudinesco: Das steht zu be-aber als Therapeut umstritten.fürchten. Die PsychoanalyseEin Meisterdenker vielleichtist zu wichtig, als dass manoder auch ein Guru, aber kein Denker Freud*: „Es steckte ein messianisches Element in ihm“den Psychoanalytikern alleinguter Praktiker.ihre Verteidigung überlassenRoudinesco: Ein Guru, niemals, diesen SPIEGEL: Für die von Hollywood geprägten darf. Es gibt Tausende klinischer Thera-Ausdruck weise ich zurück, trotz einiger Kulturschaffenden bot die Psychoanalyse peuten, Psychologen und Psychiater, dieÜberschreitungen gegen Ende seines eine Art von radikalem Schick. Inzwi- Grundelemente der Psychoanalyse in ihreLebens. Denn er war auch ein großer schen hat sich dagegen von den USA aus Methodik integrieren – so wie bestimmteKliniker, der sich allerdings teuer be- der wissenschaftliche Siegeszug der Ko- Denkfiguren und Begriffe Freuds ja auchzahlen ließ. Zu Freud hat er eine wun- gnitivisten, Behavioristen und Verhaltens- Bestandteile des allgemeinen Kulturver-derbare Anekdote verbreitet: Danach soll therapeuten ausgeweitet.ständnisses geworden sind. Wenn diesesSigmund Freud, als er 1909 in die USA Roudinesco: Die Verhaltenstherapeuten, Erbe verschwinden würde, ginge derkam, beim Anblick der Freiheitsstatue in die auf dem Behaviorismus aufbauen, ha- Menschheit viel verloren – ein Teil derNew York gesagt haben: „Sie wissen ben Erfolg in der Konditionierung ihrer Aufklärung in ihrer emanzipatorischen,nicht, dass wir ihnen die Pest bringen.“ Patienten, im Beheben funktionaler An- rebellischen Dimension wäre dahin. SoPsychoanalyse und eine zwischen Porno- passungsstörungen. Aber sie heilen nicht wie man auch den Marxismus auf dengrafie und Puritanismus hin und her ge- wirklich, sie gehen dem Leiden nicht auf Müllhaufen der Ideengeschichte zu wer-rissene Gesellschaft, wie die amerikani- den Grund, weil sie das menschliche Sub- fen versucht hat.sche, das konnte ja auch auf Dauer nicht SPIEGEL: Madame Roudinesco, wir dankengutgehen. * Mit dem Bildhauer Oscar Nemon 1931.Ihnen für dieses Gespräch.
  • 116. KulturWille und WillkürBUCHKRITIK: Der Roman „Tony & Susan“ des Amerikaners Austin Wrightist Thriller und Literaturstudie zugleich.Ein unattraktiver Titel. Eine nichts- san, Verfechterin sämtlicher Frauenrechte strophen einen Spannungsabfall vermei-sagende Aufmachung. Ein unbe- außer ihrer eigenen“, wie es lapidar heißt.den will“. Und worauf will er überhauptkannter Autor. Und ein exzellentesDen Beginn der Lektüre schiebt sie wo- hinaus? Auf Vergewaltigung und Mord?Buch, ein raffiniertes literarisches Expe- chenlang vor sich her. Ihr ist nicht wohlSusan wird bewusst, in welchem Aus-riment. bei der Sache. Sie will die Wirkung dermaß das, was mit den Romanfiguren ge- Erst auf den zweiten Blick offenbart „Nachttiere“ an sich selbst beobachten,schieht, der Willkür des Autors unterliegt.der Titel des Romans „Tony & Susan“ um Argumente für das Gespräch mit Ed-„Willkür heißt der Wille da, wo ihn dievon Austin Wright seinen Witz: Tony und ward zu sammeln. Und sie ist eine genaue Erkenntnis beleuchtet“, hat einst Scho-Susan nämlich sind kein Paar, können es und wache Leserin. penhauer eigenwillig definiert. Susan je-gar nicht sein. Tony ist der tragische Held Was ist das für eine Geschichte, die ihr denfalls ist von der Erzählkraft ihres Ex-eines Romans, den Susan liest.da vorgesetzt wird? Es ist ein HorrortripManns tief beeindruckt: „Das Buch hat Klingt nach fader Literatur? Alles an- sondergleichen, in den ein Universitäts- sie in seinem Bann, so viel steht fest.“dere als das. Der Roman im Roman ist professor für Mathematik, Tony Hastings,Und mehr noch: Sie sieht sich, ihr schein-ein fintenreicher Thriller,bar so sicheres Leben undder auch ohne die Rahmen-die eigene Vergangenheithandlung bestens bestehenin anderem Licht.könnte. Aber erst durch Ein gewagtes Spiel fürSusans Gegenwart als Lese- den Autor Austin Wright,rin und ihre sehr spezielleder sich das alles ausge-Wahrnehmung wird aus all-dacht hat. Würde die Kri-dem ein spannendes Vexier- mi-Handlung, der Romanspiel. im Roman, nicht halten, Denn Susan Morrow liest was die fiktive Leserin Su-nicht irgendeinen Roman, san behauptet, so wäre diesondern den ihres früheren ganze Konstruktion vonEhemanns. Von ihm, Ed- „Tony & Susan“ unglaub-ward Sheffield, hat sie 20 würdig und zunichte.A. WRIGHT/LUCHTERHAND VERLAGJahre lang nichts mehr ge-Aber Wright, der 2003hört. Und nun bringt ihr die im Alter von 80 Jahren inPost ein Manuskript mitCincinnati starb, hat diedem Titel „Nachttiere“ ins beiden Ebenen seines Wer-Haus. Der Ex-Mann bittet kes elegant verknüpft undnicht nur um Lektüre, son- ausbalanciert. Der ameri-dern auch um Ratschlägekanische Schriftsteller warund Beurteilung.Autor Wright Hochschullehrer für Lite- Edward hat schon wäh- ratur und publizierte 1982rend ihrer Ehe Schriftstellereine Studie über das Form-werden wollen. Damals batprinzip des Romans.er sie, ihm ehrlich zu sagen, was sie von mitsamt Frau und Tochter hineingezogen, Wrights 1993 erschienener Roman, derseinen Gedichten und Erzählungen halte. ja geradezu hineingesogen wird. Die Fa-sein bekanntester geblieben ist, wurde„Also versuchte sie es, versuchte ihm zu milie hat auf dem Weg in den Urlaub be- von hochkarätigen Schriftstellern wieerklären, was sie störte. Das war ein Feh- schlossen, die Nacht durchzufahren. Saul Bellow und Ian McEwan gepriesen,ler. So ehrlich musst du auch wieder nichtPlötzlich ist da dieses andere Auto aufvon Krimi-Autorinnen wie Ruth Rendellsein, sagte er.“ Und als ihn Susan dann dem einsamen Highway, und es ist keinund Donna Leon bewundert. Eine Neu-eines Tages auch noch fragte, ob er sich Vorbeikommen. Die drei Insassen machenausgabe erschien in den USA 2010.nicht lieber einen anderen Beruf suchen sich einen Spaß daraus, Tony zu einem In deutscher Sprache ist das Buch erst-wolle, war das der Ehe gewiss nicht för- gewagten Überholmanöver zu provozie-mals 1994 veröffentlicht worden und nunderlich.ren, das missglückt. Und sie zwingen ihn in vorzüglicher Neuübersetzung wieder Nun wird von Susan wieder ein Urteil zum Anhalten. Zwei der Burschen fahren erhältlich. Der Roman liest sich jetzt fastverlangt. Sie hat sich inzwischen in ihrem mit Tonys Wagen und den verängstigten so gut wie im Original.Leben als Mutter und Ehefrau eingerich- Frauen davon, der andere zwingt den Ma- Die subtilen Beobachtungen der Lese-tet. Auf eine Universitätslaufbahn hat sie thematiker in sein Gefährt und setzt ihnrin Susan bleiben faszinierend bis zuletzt,zugunsten der Arztkarriere ihres treu- nachts irgendwo in einem Wald aus. Dasbis das Buch im Buch endet. „Susan hatlosen zweiten Ehemanns verzichtet. „Su- ist dann kein Spaß mehr. es dahinschwinden sehen, letztes Kapitel,Fasziniert folgt Susan im trauten Heim letzte Seite, letzter Absatz, letztes Wort.“Austin Wright: „Tony & Susan“. Aus dem amerikani-der Story, die sich ihr Ex-Mann ausge-Und es heißt: „Sie braucht Stille, bevorschen Englisch von Sabine Roth. Luchterhand Litera- dacht hat. Mittendrin fragt sie sich be- sie zu sich selbst zurückkehrt.“turverlag, München; 416 Seiten; 19,99 Euro. sorgt, wie Edward „ohne weitere Kata- VOLKER HAGE146D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 117. TrendsMedien VERLAGEBöser Brief aus KölnDem Rauswurf von Doppel-Chefredakteur Uwe Vorkötter, 58,bei der „Berliner Zeitung“ und der „Frankfurter Rundschau“ging offenbar ein Zerwürfnis mit dem Verleger Alfred NevenDuMont, 85, voran. Vorkötter hatte im November in seinenBlättern viel Platz für ein Interview mit Springer-Chef MathiasDöpfner freigeräumt. Auf den aber ist Neven DuMont nichtgut zu sprechen. Der greise Verleger soll immer noch erbostdarüber sein, dass „Bild“ einst über den Familienstreit zwi-schen ihm und seinem Sohn Konstantin ausführlich berichtethatte. Dass Vorkötter danach Döpfnereine große Bühne bot, soll Neven Du-Mont als Vertrauensbruch empfunden FEDERICO GAMBARINI / PICTURE ALLIANCE / DPAhaben. Nach dem Interview habe Vor-kötter kaum noch einen direktenUWE ANSPACH / PICTURE-ALLIANCE / DPADraht zu dem Patriarchen gefunden,erzählen Verlags-Insider. Der Verlegerführte später Gespräche über Vorköt-ters Nachfolge, auch mit externen Kan-didaten. Für weiteren Groll des Verle-gers, der auch als Romancier aktiv ist,sorgte eine Lesereise nach Hamburg –wenige Tage nach dem Interview. DortNeven DuMontstellte Neven DuMont sein neuesDruck der „Frankfurter Rundschau“Buch „Vaters Rückkehr“ vor – undweder die Springer-Zeitung „Hamburger Abendblatt“ noch später für einen Text Neven DuMonts zum 100. Geburtstag„Bild“ berichteten, nur die „Welt“ rang sich ein paar Zeilen Axel Springers – wiederum in der „Berliner Zeitung“ – be-ab. Neven DuMont schrieb daraufhin einen zornigen Brief an dankte. Vorkötters Nachfolger in Berlin wird nun seine Stell-Döpfner, in dem er sich beschwerte, nicht ohne Verweis auf vertreterin Brigitte Fehrle. Bei der „Frankfurter Rundschau“den Platz, den die „Berliner Zeitung“ Döpfner geboten hatte. soll Arnd Festerling Chefredakteur werden. Der Verlag wollteDer Zorn des Alten soll erst abgeebbt sein, als Döpfner sich weder Briefwechsel noch Personalie kommentieren.N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO NGrass‘ im Feuilleton der ‚Süddeutschen king News weiterverbreiteten. Als die Zeitung‘ zu platzieren.“ Die beabsich- Satire endlich als Satire verstanden tigte Aussage war dieselbe, aber der wurde, schrieb ein Online-Journalist Iro|nie Einsatz ungleich höher. Der Text war der „Rhein-Zeitung“ wütend, dass er zugleich ein Test: Würden die Leser dasseitdem keine Möglichkeit mehr sehe,die: Reklamationsgrund im Journalismus neue Grass-Gedicht so bekloppt finden, „das Feuilleton dieser angesehenen Zei- dass sie es auch für eine Persiflage der tung weiter zuverlässig ernst nehmenGünter Grass (Bild) hat also noch mal„Titanic“ halten könnten?zu können“.ein Fass aufgemacht und ein weiteres Nur unter dieser Voraussetzung konn- Diese Menschen wollen, dass sie nichtGedicht aus seiner Feder fließen las-te man eigentlich auf Weidermannsnachdenken müssen beim Lesen.sen, diesmal über Griechenland. DieIronie hereinfallen. Sein satirischerIronie war immer schon ein riskantes„Süddeutsche Zeitung“ hat sich erneutText war ein bisschen plump, aberStilmittel im Journalismus. Aber imfür den Vertrieb zur Verfügung ge- eine bewusste Irritation, die den auf- Zeitalter von Twitter heißt die ver-stellt. Und Volker Weidermann, merksamen Leser dazu bringen sollte, schärfte Mindestanforderung anFeuilletonchef der „Frankfurter Allge- sich genau diese Frage zuArtikel: Sie müssen someinen Sonntagszeitung“, erinnerte stellen: Sind die Wort-formuliert sein, dass siedas Werk an eine Parodie der Satire- meldungen von Grass in-sich unverstanden weiter-zeitschrift „Titanic“ – so schlecht seizwischen so, dass man sietwittern lassen.das Gedicht. nicht mehr von ihren eige- Oder wie Grass selbst es inNatürlich hätte er das genau so formu- nen Parodien unterscheiden seinem Gedicht „Twitterslieren können: „So schlecht, dass es kann?Schande“ so treffend formu-auch von der ‚Titanic‘ stammen könn- Auf Twitter fanden sich nunlierte: „Was mit der Seelete“, aber wo wäre da der Witz gewe-sofort etliche Journalistengesucht, als Wahrheit Dirsen? Stattdessen schrieb er: „Dem Sati-und andere Menschen, die galt / heißt Satire nun,remagazin ‚Titanic‘ ist es gelungen, ein aufgeregt die bewusste unter Schrottwert taxiert.Gedicht unter dem Namen ‚GünterFalschbehauptung als Brea- Pls RT.“D E R S P I E G E L2 3 / 2 0 1 2 147
  • 118. Medien T V- S TA R STitanen-Dämmerung RTL-Scharfrichter Dieter Bohlen ist angeschlagen: Während seine Quotenschwächeln, wächst hinter den Kulissen der Unmut über seineManieren und Allüren. Selbst sein Image als treusorgender Vater hat gelitten.Z uletzt ist es Dieter Bohlen ergan- gen wie dem Wolf, der Kreide ge- fressen hatte, um seine Stimmesanft zu machen – und bei den siebenGeißlein abblitzte, weil sie natürlichdurchschauten, dass da nicht ihre Mutteran die Tür klopfte, sondern ein Bösewicht. Bohlen, der große, böse Wolf von RTL,war erschreckend lieb in den zurücklie-genden Wochen. In der ersten Kinder-Staffel von „Deutschland sucht den Super-star“ („DSDS Kids“) putzte der 58-Jähri-ge die kleinen Kandidaten nicht herunter,vielmehr fand er so ziemlich alles „super“oder „Wahnsinn“. Vor einer achtjährigenSängerin warf er sich auf die Knie. Die Zuschauer waren befremdet – undblieben fern. Nachdem das Frühjahr überschon die nunmehr neunte Staffel von„DSDS“ mit Quotenschwund zu kämpfengehabt hatte, wurde „DSDS Kids“ zumDesaster: Das Finale am vorvergangenenFreitag wollten nur gut zwei Millionensehen. Bohlen auf nett getrimmt, das warungefähr so überzeugend, als ließe RTLdie Klitschkos im Ring häkeln statt prügeln. Beim Sender will man sich zwar nochnicht dazu durchringen, „DSDS Kids“ ein-zustellen. Auf Anfrage teilt RTL mit, dieSendung passe zu Bohlen „sicher auch,weil er selbst mehrfacher Vater ist undsehr gut mit Kindern umgehen kann“.Aber gerade an den Papi-Qualitäten desPop-Titanen lässt ein bislang kaum be-kannter Gerichtsbeschluss leise Zweifelaufkommen: Der Plattenmillionär ist neu-erdings dazu verpflichtet, für seinen sechs-jährigen Sohn Maurice Cassian monatlichgut 600 Euro mehr Unterhalt zu zahlenals bisher. Mit dem Beschluss des AmtsgerichtsTostedt endet vorerst eine knapp zwei-jährige Auseinandersetzung zwischenBohlen und seiner früheren Lebensge-fährtin Estefania Küster, 32. GestrittenR.STOETZEL / BABIRADPICTURE / ABPworden war nicht nur um Krankenversi-cherungskosten und Schulgeld – eigent-lich Nichtigkeiten angesichts von BohlensVermögen. Es ging auch um die Kostenfür die musikalische Ausbildung des Ti-tanen-Juniors. Nun mag es Kinder geben, denen dasSchicksal übler mitspielt als Maurice Cas- Chefjuror Bohlen bei der RTL-Show „Das Supertalent“: Der große, böse Wolf wurde lieb148D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 119. sian; aber dass Bohlen am Klavierunter- ter optimal ausgeleuchtet sei. Unter ihm ihm etwas nicht passt, droht er schon mal,richt des eigenen Sohns spart, ist nungelitten hat das Team zwar schon früher. nie wieder bei RTL aufzutreten. Ausba-nicht gerade die allerbeste Referenz fürJetzt aber ist der Titan quotenmäßig auf den muss es dann Tom Sänger, Unterhal-die Präsentation einer Show mit singen- dem Weg zum Titänchen. „Wenn es wei- tungschef des Senders und seit nunmehrden Pimpfen. Der Richterspruch kommtter bergab geht, muss man sich fragen, zehn Jahren persönlicher Bohlen-Beauf-für ihn auch deshalb zur Unzeit, weil bei wie lange RTL sich das noch gefallen tragter. Er federt ab, besänftigt, erduldet.„DSDS“ die Titanen-Dämmerung begon- lässt“, sagt einer, der seit Jahren in wich- Zur Zusammenarbeit mit Bohlen will ernen hat. Hinter den Kulissen wird bereits tiger Position bei „DSDS“ arbeitet. „Dusich lieber nicht äußern.die Frage laut, ob die Show nicht auchkannst den Larry nur raushängen lassen, Vor jeder Staffel „DSDS“ wird die Zu-ohne Bohlen funktionieren könnte. solange du Tore machst.“ sammenstellung der Jury überprüft. Es Es heißt, sein Umgang mit dem TeamBislang waltete Bohlen wie ein Guts-gibt eine Liste mit rund 80 Namen mögli-unterscheide sich nur wenig von der Art,herr. Heuerte. Und feuerte. Vor zwei Jah-cher Juroren. Immer wieder wurde über-wie er in der Show mit den Kandidaten ren war zu lesen, die Schauspielerin So- legt, ob man nicht einen anderen auf denumspringt. Auch wenn die Scheinwerfer phia Thomalla solle Jurorin bei „DSDS“ Chefsessel setzen könnte. Herbert Grö-erloschen sind, bespiele der Chefjurorwerden, Testaufnahmen waren abgedreht. nemeyer? Udo Lindenberg? Am Ende Zenit überschritten Zuschauer von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), in Millionen DSDS 6,5 6,4 5,55,1 6. Staffel7. Staffel8. Staffel9. Staffel 2009201020112012RAPHAEL STÖTZEL / SCHNEIDER-PRESS 3,7DSDS Kids2,8 2,72,3 Sendung11. Mai 18. MaiFinale5. Mai25. MaiQuelle: RTL; Zuschauer ab 3 JahrenKandidatin bei „DSDS Kids“: „Da fängt mein Herz ganz doll an zu blubbern“gern die Schimpfwortklaviatur; das Wört- Plötzlich nahm jedoch Popsängerin Fer- griff man stets auf das bewährte Modellchen „Scheiße“ finde inflationäre Ver- nanda Brandao ihren Platz ein. In der zurück: ein meinungsstarker Bohlen pluswendung. Keiner habe nämlich Ahnung. Kölner Medienszene deutete man dies als zwei schmückende Sekundanten.Keiner, außer ihm. Zumindest stelle er Racheakt Bohlens an Thomallas Manager Von „DSDS Kids“ hatte RTL sich indas gern so dar: Sound und Sänger seien Alain Midzic. Der war mal mit Verona Zeiten sinkender Quoten Aufwind er-ihm zu schlecht, er selbst fühle sich chro- Pooth liiert, als sie noch Feldbusch hieß, hofft. „Ich habe selber fünf Kinder“, hattenisch unterbezahlt und von RTL-Chefin und in dieser Funktion der direkte Vor- Bohlen vor dem Start der Sendung er-Anke Schäferkordt, die nicht zu seinen gänger Bohlens. klärt. „Ich werde sehr, sehr nett zu dengrößten Fans zählt, zu wenig hofiert. Al- Brandao wiederum wurde vom obers- Kindern in der Show sein. Ich werde sieles Scheiße. Außer Dieter. Auf die Bitte ten Scharfrichter am Tag des Finales via alle wie meine eigenen behandeln.“ Naum Stellungnahme ließ Bohlen anwaltlich „Bild“ abserviert, Co-Juror Patrick Nuo ja, will man das?mitteilen, dass er Fragen nicht beantwor- gleich mit. „Ich freue mich auf zwei neueWährend Bohlen zu den drei Kindernten werde.Kollegen“, verkündete Bohlen dort fröh- aus erster Ehe immer Kontakt gehalten Im Kölner Studiokomplex Coloneum, lich. RTL-Sprecher Christian Körner sagt: hat und die einjährige Tochter bei ihmwo seine Shows „DSDS“ und „Das Su- „Diese Aktion war mit uns nicht abge- und seiner aktuellen Gefährtin Carinapertalent“ produziert werden, spürt man sprochen, und wir fanden sie nicht gut. aufwächst, soll er Maurice Cassian seitdie Furcht vor Bohlens Ausbrüchen. Man- Das haben wir Dieter Bohlen auch gesagt. Jahren nicht gesehen haben. Angeblichche machen sich offenbar auch über ihn Er hat es eingesehen.“kennt der Kleine seinen Vater nicht mal.lustig, indem sie Bohlen-Sprüche an die „DSDS“-Moderator Marco Schreyl Der Sechsjährige lebt mit seiner MutterTüren kleben: „Wenn jemand ein Pro- musste Ende April in „Bild“ lesen, er sei Estefania Küster auf Mallorca. Sie warblem mit mir hat, kann er es gern behal- von der kommenden Staffel an nicht fünf Jahre lang an Bohlens Seite. Im Maiten. Es ist ja seins.“mehr dabei. RTL beschwichtigt: Noch sei 2005, als sie hochschwanger war, erschien Wehe, das VIP-Catering werde wieder zu den Veränderungen bei der Show „Bild am Sonntag“ mit Fotos, die ihn aufso aufgebaut, dass der Duft in seine Gar- nichts entschieden; woher die Meldung Mallorca zeigten, eine andere küssend.derobe zieht. Und wehe, Bohlen werde komme, wisse man nicht. Wieder eine Knapp ein Jahr nach Maurice Cassiansnicht recht ins Bild gerückt. Angeblich Bohlen-Aktion? Auch dazu von ihm kein Geburt verließ Küster den Kindsvater.will er am liebsten nur von vorn gefilmt Kommentar. Besonders harmoniert ha- Das alleinige Sorgerecht liegt bei ihr.werden, mit aufgehelltem Licht, dann ben er und Schreyl jedenfalls nie.Nach der Trennung war vereinbart worden,sieht man seine Falten nicht so. Seine 30 Mitarbeiter der Castingshow beschrei- dass Bohlen monatlich 1000 Euro UnterhaltJahre jüngere Freundin Carina soll vor ben Bohlen als kleines Kind, das so lange bezahlt. Plus Krankenkassenbeiträge. De-der Sendung akribisch prüfen, ob ihr Die- schreit, bis es seinen Lolli kriegt. Wenn ren Zahlung stellte er Anfang 2009 ein.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 149
  • 120. Bohlen mag das Verfahren nicht kommen-tieren. Küsters Anwältin teilt ebenfallsmit: „Meine Mandantin möchte sich zu SVEN SIMON / VERLAGE HAFFMANS & TOLKEMITTdieser Sache nicht äußern.“ Der Rechtsstreit um das Schulgeld be-gann, als der Junge in die erste Klassekam. Seine Mutter hatte eine englisch-sprachige Privatschule ausgesucht. Boh-len lehnte eine Übernahme der Kostenab und befand, eine staatliche Einrich-tung hätte es womöglich auch getan. Küster argumentierte, dort werde in ka- Verleger Springer, Enkel Axel Sven, spätere Ehefrau Friede 1976talanischer Sprache unterrichtet, was fürdas spätere Leben ihres Sohnes wenig hilf-reich sei. Zudem gebe es auf einer Privat-Und was, wenn gar Entscheidungen derschule weniger deutsche Kinder, die Mau-VERLAGE vergangenen Jahre unwirksam würden?Die letztenrice Cassian Bohlen fragen könnten, ob erAuch Peter Tamm, Ex-Springer-Chef,mit dem berühmten Dieter verwandt sei.war „sprachlos“, als das zweiseitige Schrei-Darauf brachte Bohlen den kostensparen- ben bei ihm einging. Darin fordert dasWillenden Gedanken ins Spiel, sie könne ja denGericht den 84-Jährigen auf, binnen zweiNachnamen des Kindes ändern.Monaten zu erklären, ob er das Amt des Im Februar verurteilte das Amtsgericht Ersatz-Testamentsvollstreckers annehme.Tostedt ihn in einem Beschluss, gegen „Ich war davon ausgegangen, dass die Tes-den grundsätzlich eine Beschwerde mög-Der lange Streit um das Erbetamentsvollstreckung vor Jahren beendetlich ist, zur Zahlung von monatlich 525 des Verlegers Axel Cäsar Springer wurde.“ Darauf nämlich hatten sich dieEuro Schulgeld und 115 Euro für Musik- flammt wieder auf. Der Erben 1995 mit den Willensvollstreckernund Klavierunterricht, beides rückwir-nach endloser Streiterei geeinigt. Fortankend zum Oktober 2010. Zudem muss erAnlass könnte kaum banaler sein.wollten sie das Erbe selbst managen.nachträglich mehrere tausend Euro Kran-Doch für das Amtsgericht gilt offenbarAkenversicherung begleichen sowie den xel Cäsar Springer hat seinen Er-allein Springers letzter formgültiger Wille.größten Teil der Gerichtskosten.ben eine Menge hinterlassen: sei- Anders ist kaum zu erklären, warum sich Das Geld wird Bohlen, der schon malne Anteile am Verlag, viel Geld,das Gericht jetzt an Tamm wandte. Indamit prahlte, mehr zu verdienen als deretliche Immobilien. Und einen Parkplatz.dem Testament, das Springer zwei Jahregerade aus dem Amt geschiedene Deut-Das kleine Areal mit Platz für zwei Autos vor seinem Tod aufgesetzt hatte, benann-sche-Bank-Chef Josef Ackermann, auf-liegt in einer Münchner Tiefgarage undte er Tamm als Ersatz-Testamentsvollstre-bringen. Unschön ist der Rechtsspruch belebt neuerdings den jahrelangen Streitcker, sollte einer der amtierenden Nach-für ihn, weil er die etwas andere Seite je- um das Testament des einst mächtigstenlassverwalter versterben. Doch direktnes Dieter Bohlen zeigt, der in Interviewsdeutschen Verlegers.nach Springers Tod hatte der Anwalt undgern erzählt, er könne an keinem Kinder- Immerhin sieben Jahre lang hatte sichSpringer-Aufsichtsratschef Bernhard Ser-wagen vorbeigehen, ohne hineinzuschau-Springers Enkel Axel Sven mit seinervatius den Erben erklärt, der Verlegeren: „Da fängt mein Herz ganz doll an zu Stiefgroßmutter Friede Springer um diehabe sein Testament kurz vor seinem Todblubbern.“Verteilung des Vermögens gestritten. 2009 noch ändern wollen, sei dazu aber nicht Vor Maurice Cassians Geburt hatte er verlor er endgültig vor Gericht. Doch nun mehr gekommen.von seiner künftigen Patchwork-Familiewird ausgerechnet wegen dieses Parkplat- In der neuen, von Servatius vorgetra-geschwärmt: „Für mich ist ganz wichtig, zes die Frage wieder aktuell, ob bei Sprin- genen Version des letzten Willens spieltedass das hier mein viertes Kind ist. Nichtgers letztem Willen alles mit rechten Din-Tamm keine Rolle mehr. Und für Axelmein drittes plus eins. Es gibt nicht die gen zuging. Sven blieben statt 25 Prozent nur 5 Pro-eine und die andere Familie. Wir sind einNoch zu Lebzeiten hatte der Patriarchzent des Vermögens, Friede Springer be-großes glückliches Ganzes.“ OffenbarAxel Svens Mutter eine Wohnung in Mün-kam indes 70 statt 50 Prozent. Die Erben,währte der Wille zur Harmonie nur kurz. chen geschenkt. Die dazugehörigen Park- auch der Enkel, unterschrieben das neue Jetzt muss er ohnehin erst mal „DSDS“plätze wurden im Grundbuch nicht mitTestament 1985. Doch Axel Sven Springerretten. Wollte er dem Format etwas Gutesübertragen. Als die Kinder nach dem Tod focht die Regelung 2002 an, weil er sichtun, könnte Bohlen sich an Simon Cowell der Mutter die Wohnung samt Stellplät-im Nachhinein betrogen fühlte.orientieren. Der britische TV- und Musik- zen verkaufen wollten, fiel der Fehler auf.Er scheiterte mehrfach vor Gericht, un-produzent gilt als sein Vorbild, er war derDas Grundbuchamt verweigerte den ter anderem, weil er mit dem Ende deroberste Juror bei „American Idol“, derVerkauf. Die Begründung: Die Testaments-Testamentsvollstreckung 1995 eingewilligtUS-Ausgabe der Superstar-Show, undvollstreckung laufe über 30 Jahre. So ste-hatte, „alle gegenseitigen Ansprüche“ ausdort ein mindestens ebenso harter Hundhe es im Erbschein des Verlegers. Ohneder Vergangenheit fallen zu lassen.wie Bohlen hierzulande. Zustimmung der TestamentsvollstreckerWas aber, wenn es dabei bliebe, dass Die US-Verantwortlichen hatten sichließe sich demnach bis 2015 aus Springers die Vollstreckung gar nicht beendet wur-immer vor dem Tag gefürchtet, an demErbe nichts veräußern. Anfang Mai ver-de? Dass der durch alle Instanzen geführ-Cowell aussteigen würde. Vor zwei Jah-schickte das Berliner Amtsgericht Schö- te Erbstreit von vorn beginnt, scheint fürsren, als der Erfolg der Show nachließ,neberg einen brisanten Beschluss: „Eine Erste unwahrscheinlich, doch womöglichnahm er tatsächlich seinen Abschied und Beendigung der Testamentsvollstreckungfördert das neue Verfahren noch weiterewurde ersetzt durch Steven Tyler, den ist nicht aktenkundig und nicht belegt.“Überraschungen zutage.Sänger von Aerosmith; zur Seite bekamSelbst altgediente Springer-Kräfte sind Friede Springer jedenfalls hat Ende Maidieser Jennifer Lopez. Danach haben die beunruhigt, denn das Schreiben berührtgegen den Beschluss des AmtsgerichtsQuoten sich erst einmal wieder erholt.die Kernfrage des Erbstreits: Welcher letz- schon mal Beschwerde eingelegt.ALEXANDER KÜHNte Wille von Axel Cäsar gilt denn nun?ISABELL HÜLSEN150 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 121. Jeden Tag. 24 Stunden.MONTAG, 4. 6., 23.00 – 23.30 UHR | SAT.1SPIEGEL TV REPORTAGEHäuserkampf – Wenn Mieter aufSpekulanten treffenDie Preise für Wohnimmobilien in Ber-lin stiegen im vergangenen Jahr umbis zu 45 Prozent. Entsprechend rabiatsind die Methoden der Spekulanten,um Mieter loszuwerden: zugemauerteFenster, Baulärm und ein juristischerKleinkrieg. Utta Seidenspinner überden Kampf ums Betongold.PETER ANDREWS / REUTERSSONNTAG, 10. 6., 22.15 – 23.00 UHR | RTLSPIEGEL TV MAGAZIN THEMA DER WOCHE Europa feiert sein FußballfestBei der EM in Polen und der Ukraine peiltdie deutsche Nationalmannschaft denTitelgewinn an. Aber schon in der VorrundeSPIEGEL TVwarten mit Portugal, Dänemarkund den Niederlanden schwere Gegner.Venus-Transit 2004Impfen gegen Krebs? – Neue Wege in‣ Alle Partien im neuen Livetickerder Therapie; Venus-Transit – Ein Jahr-‣ Livevideos von den DFB-Pressekonferenzenhundertereignis wird zelebriert; AlteMieter raus! Neue Mieter rein! – Verdrän-gung am Wohnungsmarkt. POLITIK | Merkel gibt die Super NannyFREITAG, 8. 6., 20.15 – 21.05 UHR | PAY-TV In der schwarz-gelben Koalition herrschen Streit und Misstrauen. Bei einem SPIEGEL TV WISSEN Spitzentreffen mit den Partnern von FDP und CSU will die Die Hauptstadtklinik – Beobachtun- Regierungschefin endlich wichtige Konfliktpunkte ausräumen.gen an der Berliner Charité, Teil 3Die Berliner Charité ist Europas größ- WIRTSCHAFT | Der Öko-Bauer tes Universitätsklinikum. In der sechs- E.on-Chef Johannes Teyssen muss Europas größten Energieversorger vom teiligen Serie begleitet SPIEGEL TV Kohle- und Atomkonzern zum Umweltunternehmen umbauen. Ein InterviewWISSEN Ärzte und Patienten beim über steigende Strompreise, sinkende Renditen und die Kulturrevolution.Hoffen auf Heilung. Im Jahr 1710 alsPesthaus gegründet, beschäftigt die NETZWELT | ZockerzentraleCharité heute mehr als 13000 Mitarbei- Bei der Electronic Entertainment Expo in Los Angeles wird die neuesteter und erwirtschaftet rund eine Mil- Generation der Videospiele vorgeführt – und womöglich eine neue Playstationliarde Euro Umsatz im Jahr. Professor oder Xbox. SPIEGEL ONLINE ist vor Ort. Wolfgang Henrich steht auf der Stationfür Geburtsmedizin ein besondererKaiserschnitt bevor: Eine 31-Jährigeerwartet Drillinge. Ein Team von rund| Advantage Wunderkind! zwanzig Ärzten und Schwestern istSie war das Mädchen mit der Killer-Vorhand: bereit, um den Frühgeborenen sicherVor 25 Jahren gewann Steffi Graf mit gerade auf die Welt zu helfen. In der Abtei-AFP / PICTURE ALLIANCE / DPA17 Jahren ihren ersten Grand-Slam-Titel: im lung von Professor Klaus Schaser stehtFinale der French Open gegen die Weltranglisten-ebenfalls eine aufwendige OP an:Erste Martina Navratilova. einestages.de über Einem 36-jährigen Unfallopfer wird einein legendäres Tennisduell, das mit TränenTitangerüst in den Oberschenkel ope-endete – und einen Teenager zur Königin des riert. Spezialisten an der Charité habenFrauentennis machte.eine neuartige Knochenprothese ent-wickelt, die so geformt ist, dass sie imKörper vollständig mit Knochen durch- www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig ist wächst und ein Leben lang halten soll.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2153
  • 122. Register GESTORBENgezeichneter Sänger und trat jahrelangmit seinem Sohn Merle auf, der 1985 beiKlaas Carel Faber, 90. Er gehörte zur einem Unfall ums Leben kam. Für seingroßen Schar der Nazi-Täter, die unbe-Werk wurde der bis zuletzt aktive Wat-helligt blieben. Bei Klaas Carel Faber wa-son mit insgesamt acht Grammys ausge-ren es zwischenstaat- zeichnet. Doc Watson starb am 29. Mailiche Verwicklungen,in Winston-Salem, North Carolina.die ihn vor einerStrafe bewahrten. InFriedrich Hirzebruch, 84. Unter den Wis-seiner Heimat hatte senschaften tat sich die deutsche Mathe-NEWS INTERNATIONAL / BULLSPRESSder niederländische matik besonders schwer, wieder An-Nationalsozialist als schluss an jene Bedeutung zu finden, dieSS-Freiwilliger unter sie vor dem Zweiten Weltkrieg gehabtanderem im Durch- hatte. Dass sie inzwischen doch wiedergangslager Wester-international beachtet wird, daran hatbork mitgemordet. Hirzebruch maßgeblich Anteil. Am In-Sein Bruder Piet wur- stitute for Advanced Study im amerika-de für diese Verbre-nischen Princeton hatte er als jungerchen hingerichtet, Klaas’ Todesurteil wur-Gastwissenschaftler nicht nur Berühmt-de in lebenslange Freiheitsstrafe umge- heiten wie Albert Einstein und Kurt Gö-wandelt. An Weihnachten 1952 konnte erdel erlebt, sondern auch eine einzigartigeaus dem Gefängnis Breda fliehen und sichForschungsinstitutionin die Bundesrepublik absetzen. Dortkennengelernt. Etwaswurde Faber Deutscher, auf GrundlageÄhnliches, beschlosseines Hitler-Erlasses, wonach ausländi- er, müsse es auch insche Schergen in SS, Polizei und Wehr-Deutschland geben.macht die Staatsbürgerschaft erhalten Mehr als ein Jahr-sollten. Die neue Nationalität schützte zehnt hat er dafür ge-THOMAS VOGT / DMVFaber vor der Auslieferung, um die sich kämpft, dann wurdedie Niederlande sofort bemüht hatten. sein Traum Wirklich-Das Landgericht Düsseldorf stellte seinekeit: 1980 nahm dasErmittlungen 1957 ein. 1961 zog Faber Bonner Max-Planck-nach Ingolstadt, wo er über 50 Jahre lang Institut für Mathema-lebte. 2004 verwahrte sich das dortigetik seine Forschungsarbeit auf. Bis heuteLandgericht gegen das Ansinnen, die inist es die wohl wichtigste Adresse derden Niederlanden verhängte Haftstrafe deutschen Mathematik. Friedrich Hirze-zu vollstrecken. Anfang 2012 schien esbruch starb am 27. Mai nach einem Sturz.noch einmal, als könne sich die bayeri-sche Justiz bewegen. Klaas Carel FaberGerhard Pohl, 74. Ein paar Worte brach-starb am 24. Mai im Klinikum Ingolstadt.ten all die Hilflosigkeit auf den Punkt,die dieser Mann ausstrahlte. Wie viel Pro-Doc Watson, 89. Von der Geschwindig-zent denn westdeutsche Firmen in Joint-keit seiner Fingerpickings konnte jedem Venture-Projekten mit Ost-Betriebenmittelmäßigen Gitarristen schwindelig übernehmen könnten, wurde er gefragt.werden. Der Folkmusiker aus den Appa- Kurzes Zögern, dann die Antwort: Bis zulachen spielte selbst für Geige und Banjo hundert Prozent selbstverständlich. Daskonzipierte Stücke wie „Black Mountainwar 1990, Gerhard Pohl war Wirtschafts-Rag“ so leichtfingrig auf seiner Western- minister der DDR. Zumindest trug er dengitarre, als wären deren Stahlsaiten ausTitel. Denn Pohl, grauer Anzug, mühsa-Butter. „Doc“, mit bürgerlichem Namen mer Redefluss, war einfach überfordert.Arthel Lane, war schon als Kleinkind er-Der Handwerker und studierte Ingenieurblindet und lernte das Spielen nach Ge- stammte aus der Lausitz, einer Gegendhör. Seit den sechziger Jahren nahm eram östlichen Rand der Republik. Überra-Platten auf, es sollten über 50 Alben wer-schend wurde er – Mitglied der DDR-den. Watson trug mit seinem immensenCDU – ins Zentrum des sich vereinigen-Repertoire zur Re-den Deutschlands katapultiert. Lothar denaissance der ameri-Maizière machte ihn zum Wirtschafts-kanischen Country-minister. Aber was war das für eine Wirt-Musik bei und blieb schaft? Und was konnte ein Übergangs-dabei stiloffen; seineminister schon ausrichten? Im AugustTechnik wurde zum 1990 bat er um seine Entlassung und ver-Vorbild für Genera- schwand von einer Bühne, auf die er nichttionen von Folk- undpasste. Später lebte er zurückgezogen imBluegrass-Gitarristen.Brandenburgischen, zuletzt führte er einWie viele Instrumen-kleines Unternehmen. Gerhard Pohl wur-REUTERStalisten seines Genresde am 30. Mai tot im Schwielochsee ge-war er auch ein aus-funden.154 D E R S P I E G E L2 3 / 2 0 1 2
  • 123. PersonalienLena Adelsohn Liljeroth, 56, schwedischeKulturministerin, hat sich ihr Image durchein Happening im Stockholmer Museumfür Moderne Kunst ruiniert. Der KünstlerMakode Linde, 30, hatte dort eine dunkelglasierte Torte in Form einer afrikani-schen Venusstatuette ausgestellt, dazusein Gesicht geschminkt und als Kopf desTorsos posiert. Die Besucher der Perfor-mance durften – und sollten – die Torteverzehren. Immer wenn ein Messer durchdie Kuchenmasse fuhr, schrie Linde wieam Spieß. Er wolle mit der Aktion gegendie Beschneidung afrikanischer Frauenprotestieren, sagte er. Die Ministerin ließsich für die fragwürdige Performance be-reitwillig einspannen, Fotos und Filme da-von verbreiteten sich schnell. Nachdemselbst internationale Medien wie CNNund al-Dschasira die Meldung über denangeblichen „racist cake“ verbreitet hat-ten, sah sich die Ministerin Rassismusvor-würfen und Rücktrittsforderungen ausge-setzt. Zerknirscht reagierte sie nun: „Ichwar völlig überrascht von der Aktion undLinde, Adelsohn Liljeroth hatte keine Gelegenheit, mich zuvor mitdem Kunstwerk auseinanderzusetzen.“Gerhard Gribkowsky, 54, ehemaliger Ri-Elena Arzak, 42, ausgezeichnet mit demsikovorstand der BayernLB und Unter-Veuve-Clicquot-Preis „Beste Köchin dersuchungshäftling, singt hinter Gittern. Welt 2012“, hält nichts von bierernsterSeit Monaten gehört der Münchner Ban- Haute Cuisine. So hat die Baskin ein Ge-ker, den Formel-1-Chef Bernie Ecclestonericht mit dem überaus schlichten Namenmit 44 Millionen Dollar bestochen haben „Steak mit Kartoffeln“ auf die Karte ge-soll, zur Stammbesetzung des Gefange- bracht – um die Gäste an der Nase her-nenchors in der JVA München-Stadel- umzuführen. Denn das „Steak“ entpupptheim. Entlassene Häftlinge berichten, sich als Loup de Mer, den kolorierte Kar-Gribkowskys Einsatz bei der Sangestrup- toffeln wie Schuppen bedecken – dunkel-FRED DUFOUR / AFPpe sei „extrem leidenschaftlich“. Er sitztblau gefleckt von Tintenfisch oder rotseit 17 Monaten in Untersuchungshaftvon Paprika. Vor der Reaktion der Kun-und hat die Bestechungsvorwürfe, genauden habe sie gezittert, so Arzak, „aberPellerinwie Ecclestone, von Anfang an bestritten. es hat sich niemand beschwert“. Sie kochtGribkowsky will das Geld für Berater- im Tandem mit ihrem Vater Juan Maridienste bekommen haben. Um die Zeit Arzak im Drei-Sterne-Restaurant Arzak Fleur Pellerin, 38, Frankreichs neue Mi-im Gefängnis besser zu ertragen, nimmtin San Sebastian. Schon ihre Großmutter nisterin für Innovation und E-Business,er auch regelmäßig an Bibelstunden teil.und ihre Tante waren Chefköchinnen. wird in Südkorea als Stolz der Nation ge-feiert. „Jong-sook“ („diskret“, „ehrlich“),wie ihr Vorname im Reisepass lautet, wur- ZITATde 1973 als Neugeborene in Seoul auf derStraße gefunden und wenig später voneinem französischen Ehepaar adoptiert. „Machen Sie für eine Das Findelkind entwickelte sich prächtigStunde am Tag das und schaffte in seiner neuen Heimat be-reits 16 Jahre später das Abitur an einemDing aus. Gucken Siedeutsch-französischen Gymnasium; da-nach besuchte Pellerin mehrere Elitehoch-nicht auf den Bildschirm, schulen. In ihrem Geburtsland gilt diesondern blicken Sie französische Politikerin nun als leuchten-des Beispiel – eine Vorbildfunktion, diedem Menschen in die Pellerin offenbar nicht behagt; sie wollesich weder vereinnahmen noch auf Äu-Augen, den Sie lieben.“ ßerlichkeiten reduzieren lassen, sagt sieSTEVEN SENNE / APund findet dafür klare Worte: „Ich binEric Schmidt, 57, Google-Verwaltungs- nicht so weit gekommen, weil ich eineratschef, in einer Ansprache vorFrau bin oder weil ich Schlitzaugen habe,Hochschulabsolventen in Bostonsondern weil ich kompetent bin.“156 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 124. Michael Caine, 79, britischer Schauspie-ler, und seine Ehefrau Shakira Caine, 65,üben sich in bürgerlichem Ungehorsam.Beide schickten einen Protestbrief an denGemeinderat ihres Heimatdistrikts MoleValley in Surrey. Sir und Lady Caine sindgegen den Bau eines Luxushotels mitGolfplatz in ihrer Nachbarschaft – und siesind nicht die Einzigen. In den vergange-nen Wochen gingen zahlreiche Schreibenmit Einwänden gegen das Projekt bei derBehörde ein. Die Planungen betreffen dasehemalige Anwesen des einstigen Presse-Tycoons Lord Beaverbrook, der in denschlossähnlichen Gemäuern WinstonChurchill und H. G. Wells empfing. Geg-ner des Umbaus fürchten vor allem dieZerstörung der Landschaft: Ein beträcht-licher Teil des 150 Hektar großen Grund-stücks besteht aus seltenen Wiesenflächen,die Golfrasen weichen sollen.Tony Blair, 59, ehemaliger Premierminis-ter Großbritanniens und konvertierter Ka-tholik, gefällt sich in der Rolle des Predi-gers. Der frühere Chef der Labour-Parteiwarnte vor 4000 Zuhörern in London beieiner Konferenz, eine Welt ohne Glaubenwürde unaufhaltsam in „Tragödie undUnglück“ versinken. Er forderte „mehr Aishwarya Rai, 38, Demut“, denn dies erlaube der Mensch- Bollywood-Star, brachteheit, „Fortschritte zu machen“. In seinem mit einem Auftritt inletzten Amtsjahr (bis Juni 2007) hatten Cannes Kritiker zumKritiker oft bemängelt, Blair trenne reli- Verstummen. Nach der giöse Ansichten und politische Aktivitä- Geburt ihres Kindes im ten nicht scharf genug. In seiner Rede of- November vergange- fenbarte Blair nun, er habe oft überlegt, nen Jahres war sie von ob er seine Ansprachen mit einem „Gott der Klatschpresse alssegne Großbritannien“ abschließen solle. übergewichtig verspot- Seine Berater seien entsetzt gewesen, ei- PASCAL LE SEGRETAIN/AMFAR12 / GETTY IMAGES FOR AMFAR tet worden. An der ner habe eines Tages „sehr missbilligend“ Côte d’Azur zeigte sichgesagt: „Denken Sie daran, wir sind hier die Inderin zwar nicht nicht in Amerika.“ Daraufhin, so Blair, ganz so schlank wiehabe er die Idee endgültig aufgegeben. vor der Schwanger- schaft, bewies aber, Alice Schwarzer, 69, Berufsfeministin, warum sie oft alshat zusammen mit der Fernsehköchin „schönste Frau der Sarah Wiener, 49, vergangenen Mittwoch Welt“ gefeiert wird. bei Jörg Pilawas „Quizshow“ im ZDF150 000 Euro gewonnen. Bei der öffent-lich-rechtlichen Rateshow geht es darum,möglichst viel Geld für einen gutenZweck zu ergattern. Die beiden FrauenMona Eltahawy, 44, ägyptischstämmige habe „die Revolution noch nicht einmal erzählten auch gleich, wofür sie spendenPublizistin, fordert den Aufstand derbegonnen“. Eine „giftige Mischung auswollten. Schwarzer gibt 5000 Euro an einFrauen in der arabischen Welt. In ihremKultur und Religion“, so Eltahawy, sei für Jugendzentrum, 70 000 Euro soll der Frau-Essay „Warum hassen sie uns?“, erschie-die Missachtung des weiblichen Teils der enMediaTurm in Köln bekommen. Einnen im US-Magazin „Foreign Policy“, be-Bevölkerung in Staaten wie Ägypten, Ma-„ganz stolzes Frauenarchiv“, schwärmteklagt Eltahawy unter anderem, dass der rokko oder Saudi-Arabien – wo Zwangs-Schwarzer in der Sendung, vergaß aberarabische Frühling die Situation der Frau- heirat zum Alltag gehört – verantwortlich. zu erwähnen, dass es sich dabei um ihren nicht verbessert habe. Die Empörung Ihr Kampfaufruf stößt nicht nur auf Zu-umstrittenes Lebenswerk (SPIEGELgegen die Unterdrücker in den Palästen stimmung. Die ägyptische Aktivistin Sa-5/2012) handelt. Auch Wiener kämpftemüsse sich auch gegen die Unterdrücker rah Nagib findet die Hass-These wenigüberwiegend für die eigene Sache: Derauf der Straße und in den Familien rich- hilfreich: „Das ist, als würde man sagen,Großteil ihres Gewinns geht an eine Ein-ten, fordert Eltahawy und meint damitalle Muslime seien Terroristen, alle Juden richtung, die sich für gesunde Ernährungdie arabischen Ehemänner, Brüder, Väter. seien böse und der amerikanische Traum von Kindern und Jugendlichen einsetzt –Wenn das nicht passiere, so die Autorin, funktioniere immer noch.“die Sarah Wiener Stiftung. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2157
  • 125. HohlspiegelRückspiegelDie Oberhaveler „Dorfzeitung“ über ei-Zitatenen Tomatenparasiten: „Es empfiehlt sichaber vor allem Vegetariern, die angefal-Die „New York Times“ zum SPIEGEL-lenen Früchte nicht zu verzehren, da es Bericht „Währungspolitik – Judo am Ab-sich bei den abgelegten Eiern um ein tie- grund“ über EU-Strukturreformpläne derrisches Produkt handelt.“ Kanzlerin zur Euro-Rettung (Nr. 22/2012):Das Magazin DER SPIEGEL berichtete,dass ein Sechs-Punkte-Plan entwickeltworden sei, der Anreize für mittlere Un-ternehmen enthalte, Lockerung des Kün-digungsschutzes und Sonderwirtschafts-zonen vorsehe und sogar das deutscheduale Ausbildungssystem – Schule undArbeit im Betrieb – propagiere. StaatlicheUnternehmen sollen laut dem Plan nachdem Treuhand-Prinzip verkauft werden,Schild in der SPIEGEL-Kantine der Organisation, die dafür sorgte, dassOstdeutschlands Wirtschaft privatisiertwurde. „Der Mittelmeerraum soll werdenAus dem Bonner „General-Anzeiger“: „Mit wie die Bundesrepublik, nur mit besse-anderen Worten: Der Lindt-Hase sieht aus, rem Wetter“, schrieb das Magazin.wie Schoko-Hasen halt aussehen, beson-ders zu Ostern und Weihnachten.“Die italienische Zeitung „Il Fatto Quoti-diano“ zum SPIEGEL-Bericht „Europa –Operation Selbstbetrug“ über Akten derBundesregierung, die belegen, dass Ita-lien wider besseres Wissen in die Euro-Zone aufgenommen wurde (Nr. 19/2012):Kleinanzeige im „Kölner Stadt-Anzeiger“ Ein Artikel des SPIEGEL enthüllt, dassDeutschland Italien 1997/98 nicht für reifhielt, dem Euro beizutreten, und dass Ita-Aus der „Westfälischen Rundschau“: „Als lien geschönte Zahlen einreichte … Einer den Fahrausweis des 25-Jährigen kon- löblicher Akt der Transparenz ist die Tattrollieren wollte, stellte sich heraus, dassBerlins, den Journalisten die Akten zurer ohne Fahrschein die S-Bahn nutzte. Verfügung gestellt zu haben. Man könnteBeim Versuch, die Personalien festzustellen,aber auch böse sein und ein verdächtigeswurde der Mitarbeiter von ihm zur Seite Timing bemerken. Der SPIEGEL erinnertgestoßen und versuchte, beim Halt inuns daran, dass wir Kohls FreundlichkeitUnna-Massen aus der S-Bahn zu flüchten.“den Euro zu verdanken haben, nicht nurder Entschlossenheit Ciampis und Prodis.Dass wir uns also gar nicht so sehr vonGriechenland unterscheiden, das seinDefizit fälschte, um angenommen zuwerden. Und dass wir folglich nicht dieGlaubwürdigkeit besitzen, um der Euro-Zone eine Linie vorzugeben. Heute wiedamals, scheint der Subtext zu heißen,liegen die letzten Entscheidungen einzigbei Deutschland.Schild vor einem Berliner Kunstgewerbe- Der „Tagesspiegel“ zum SPIEGEL-Be-geschäftricht „Rundfunk – Eingemauert“ überdie ARD-Vorsitzende Monika Piel (Nr.22/2012):Bildunterschrift im „Reutlinger General-Anzeiger“: „Zwanzig Jahre hat sie bereits WDR-Rundfunkrats-Vorsitzende Hiero-auf den Schuppen: die giftige Prärie-Plap-nymi lobt Piel für die Schärfung des Pro-perschlange des Reutlinger Exotariums.“ fils „etwa durch mehr Sondersendungenbei aktuellen Themen“. Dafür schwindetder Rückhalt im eigenen Lager. So konnteAus dem „Odenwälder Echo“: „Mehrere der SPIEGEL aus einem BeschwerdebriefGenossinnen zeigten sich erschüttert über an Piel von Helmut Reitze, dem Inten-den Auftritt Gabriels und stellten offen des- danten des Hessischen Rundfunks, zitie-sen Eignung als SPD-Kanzlerkandidat für ren. Reitze warf Piel vor, die anderen In-die Bundestagswahl 2013 in Frage. ‚Ich ha-tendanten nicht schnell genug über denbe große Zweifel, mich dir als Kanzler vor- Stand des App-Streits mit den Verlegernzustellen‘, empörte sich eine Rednerin.“informiert zu haben.158 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
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    Der Spiegel 2012 23 mit grosser Hells Angel Reportage

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    • 1. Hausmitteilung4. Juni 2012Betr.: Titel, Cannes, Fußball-EMHat Israel jene U-Boote mit Nu- klearwaffen bestückt, die in Kielgebaut und aus dem Bundeshaushaltmitfinanziert wurden? Hat die deut-sche Regierung gewusst, dass sie da-mit die atomare Aufrüstung Israelsunterstützt? Diesen Fragen ging einSPIEGEL-Team um Holger Stark, 42,und Mitarbeiter Ronen Bergman, 39,über Monate nach. Die Recherchen ZIV KOREN / POLARISbelegen, dass die israelische Marinedie Boote als Abschussrampen fürAtomwaffen nutzen kann. Und hoch-rangige deutsche Regierungsmitarbei-ter offenbarten, ihnen sei klar gewe- Bergman, Stark im U-Boot in Haifasen, wozu die Boote taugen. Starkwar überrascht, dass israelische Militärs ihm als erstem ausländischen Reporterden Zutritt zu einem der Boote gewährten. Die Marinesoldaten gestatteten Bergmanund ihm einen Blick durch das Periskop und auf Navigationspapiere – aber nichtauf die Decks 2 und 3, wo Torpedos und Marschflugkörper lagern. Als Stark einenOffizier nach nuklearen Gefechtsköpfen an Bord fragte, sagte der nur: „Wenn ichdiese Frage beantworte, komme ich in den Gulag“ (Seite 20).E s ist die Wiederkehr des immer Gleichen: Stars laufen mit perfektem Lächelnüber den roten Teppich, und am Ende der Festspiele gibt es die Goldene Palmefür den angeblich besten Film. Im Verborgenen, in den Katakomben des Festspiel-hauses, erlebte SPIEGEL-Reporter Alexander Smoltczyk, 53, ein anderes Cannes –den Marché du Film, den „Maschinenraum der Kinowelt“, wie Smoltczyk dieMesse nennt. Er begleitete Martin Moszkowicz, 54, Vorstand der Constantin FilmAG, durch eine Welt der Rechtehändler, Produzenten und Verleiher, die nichtweniger besessen und durchtrieben sind als die Bösewichte ihrer Filme; „großesKino“, sagt Smoltczyk (Seite 68).Die deutsche Nationalmannschaft gilt wegen ihrer talentierten Offensivspieler als einer der Favoriten der Fußball-Europameisterschaft – doch in der Vertei-digung offenbarte sie zuletzt Schwächen. „Die Defensive ist die Problemzone“,sagt SPIEGEL-Redakteur Jörg Kramer, 50, der mit den Kollegen Dirk Kurbjuweit,49, und Maik Großekathöfer, 40, aus Polen und der Ukraine berichten wird. Kramerporträtiert in diesem Heft die Innenverteidiger Holger Badstuber und Mats Hum-mels. Schon beim Spiel am Samstag gegen Portugal erwartet die deutsche Defensive schwere Arbeit: Ihr steht Stürmer- star Cristiano Ronaldo von RealBORIS STREUBEL / ACTION PRESS / DER SPIEGEL Madrid gegenüber. „Ronaldo will sich bei der EM zum WeltfußballerGREGOR SCHLÄGER / DER SPIEGEL des Jahres küren“, sagt SPIEGEL- Autor Cordt Schnibben, 59, der die Rekordjagd beschreibt, die sich Ro- naldo und Lionel Messi, sein Rivale vom FC Barcelona, in den spani- schen und europäischen Clubwett-Großekathöfer, Kurbjuweit, Kramerbewerben liefern (Seiten 108, 116).Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 3
  • 2. In diesem Heft TitelDeutsche Schiffe, israelische Atomwaffen –die geheime Kooperation ............................... 20 DeutschlandPanorama: Merkel will Rettungsschirmfür Spanien / Bundestagswahl ohne Termin /Tragischer Tod in Nigeria ............................... 15Energiewende: Der Umstieg auf Wind- undSonnenstrom wird zur sozialen Frage ............ 34Interview mit Umweltminister Peter Altmaierüber die Kosten des Atomausstiegs ................ 37Opposition: SPD und Grüne uneins überEuro-Bonds .................................................... 40Parlament: Das Brandzeichen für Pferdespaltet die schwarz-gelbe Koalition ................ 42First Lady: Wie die Lebensgefährtin denBundespräsidenten erdet ................................ 44Kommentar: Die Sehnsucht der Muslime ....... 46Finanzpolitik: Wie Bundestagsabgeordnetedas permanente Krisen-Geschäft bewältigen ... 48Naturschutz: Der Kampf um einen neuenNationalpark in Nordrhein-Westfalen ............ 52Sozialpolitik: Hilflose Menschen werdenWer zahlt die Rechnung? Seiten 34, 37CAROLINE SEIDEL / DPAvon ihren Betreuern ausgebeutet ................... 54Weil sich viele Haushalte die steigenden Stromkosten nicht leistenKriminalität: Die mafiösen Strukturen können, wird die Energiewende zur sozialen Frage. Die schwarz-gelbeder Hells Angels ............................................. 58 Koalition streitet, wie Geringverdiener entlastet werden können.Kinderbetreuung: Kita-Platz oderSchadensersatz – die Rechtsansprücheder Eltern ....................................................... 62Thüringens Bildungsminister ChristophMatschie (SPD) kritisiert das Betreuungsgeld ... 63First Lebensgefährtin GesellschaftSzene: Prinz Charles als DJ / Warum Männer Seite 44jetzt Schlumpfmützen tragen ......................... 66Eine Meldung und ihre Geschichte – über Daniela Schadt gab ihren Beruf als Politik-Journalistin auf, als ihr Mann Präsi-einen südafrikanischen Professor, der dent wurde. Nun hat sie mehr Einfluss als je zuvor. Selbst das schwierigewegen eines Schlaglochs Entschädigung Verhältnis zwischen Joachim Gauck und der Kanzlerin könnte sie entspannen.von seiner Regierung einklagt ........................ 67Filmindustrie: Wie die Produzenten inder Unterwelt von Cannes dealen .................. 68Ortstermin: In Eisenach schlagen sich diedeutschen Burschenschaften .......................... 74 WirtschaftGierige Helfer Seite 54Trends: Verkehrsminister Ramsauer willMehr als 1,3 Millionen Deutsche entscheiden nicht mehr frei über ihr Leben,Mautsystem ausschreiben / DGB-Chef fordertsondern stehen unter Betreuung. Viele werden gegen ihren Willen ins HeimStärkung der Rechte von Haushaltshilfen / abgeschoben oder von ihren angeblichen Unterstützern ausgenommen.Rösler will für Opel kämpfen ......................... 76Investoren: Pensionskassen, Fonds undVersicherungen wissen kaum noch,wo sie ihr Geld sicher anlegen sollen ............. 78Altersvorsorge: Verbraucherschützerattackieren die Allianz wegen unrentablerAufklärung statt PornoRiester-Renten ................................................ 82Internet: Fünf Lehren aus FacebooksBörsenfiasko .................................................. 85S. 138Handel: Schlecker-Insolvenzverwalter Während der sexuellenArndt Geiwitz rechnet mit dem Management Revolution in den siebzi-des Unternehmens ab .................................... 86ger Jahren schien es, alsBildung: Elektronische Schultafeln für rede eine ganze Gesell-deutsche Klassenzimmer ................................ 88 schaft ständig über Sex. Heute wird er nur noch Ausland gezeigt – auf Litfaßsäulen,Panorama: Verzögerung des 9/11-Prozesses im Internet, in Musik-in Guantanamo / Der georgische videos. Das Aufklärungs-Oppositionsführer Iwanischwili will denPräsidenten in Tiflis stürzen ........................... 90 buch „Make Love“ einesSyrien: Assads Geister-Armee ........................ 92 Berliner Verlags will HEJI SHINEssay: Warum die Weltgemeinschaft Liebespaar in „Make Love“alles zeigen und alles an-trotz der Massaker im Syrien-Konflikt nichtsprechen.militärisch eingreifen kann ............................. 964D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 3. Griechenland: Der Schriftsteller Nikos Dimou über die Angst der Griechen, aus Europa hinausgeworfen zu werden .......... 98 Vatikan: In der Arrestzelle des Papstes ......... 100 Euro-Raum: Irland, Europas angeblicher Musterschüler, ist noch lange nicht gerettet ... 102 Global Village: In Chennai lässt ein indischer Ingenieur eine Motorradlegende aus Großbritannien neu produzieren ............ 105Sport Szene: Dirk Nowitzki über seinen Entschluss, bis 2014 bei den Dallas Mavericks zu bleiben / Klinikum Aachen richtet Hotline für psychisch erkrankte Sportler ein ............. 107 Euro 2012: Stürmerstar Cristiano Ronaldo und seine Jagd nach dem Goldenen Ball ...... 108 Warum Holger Badstuber und Mats Hummels, die besten Innenverteidiger der Bundesliga, im Nationalteam so schwer zusammenfinden .... 116Assads BlutsaugerSeiten 92, 96Wissenschaft·Technik JOHN CANTLIE / GETTY IMAGES Prisma: Bakterien besiedeln BabysMit Schattenmilizen, die wohl auch für das Massaker in Hula verant-schon vor der Geburt /wortlich sind, versucht das Regime in Damaskus, seine Macht zu retten. Windmühle produziert Trinkwasser ............. 120Doch die „Schabiha“, die Geister, hat es nicht mehr unter Kontrolle. Computer: Wie gefährlich ist der neue Spionagevirus „Flame“? ............................... 122 Höhlenforschung: Die bizarren Wetterverhältnisse in U-Bahn-Tunneln ......... 125 Denkmalschutz: Wie sich die vom Zerfall bedrohten Schlösser in Mecklenburg-Vorpommern retten lassen ...... 126Verrat im Vatikan Automobile: Beim Ausdauerrennen von Seite 100 Le Mans starten erstmals Spritsparautos ...... 129Der eine sitzt im Gefängnis, der andere lässt sich feiern: Papst BenediktsKulturKammerdiener Paolo Gabriele und der Journalist Gianluigi Nuzzi Szene: Amerikanische TV-Serie „Girls“ überhaben einen Skandal ausgelöst, der die katholische Kirche erschüttert. das desillusionierte Leben von vier New Yorker Frauen / Berliner Ausstellung zur Ästhetik und Psychologie moderner Stadionbauten ... 130 Kunst: Eine Vorabbesichtigung der 13. Documenta in Kassel ............................... 132Feuriger SupervirusSeite 122 Debatte: Das maschinenhafte Menschenbild der Piraten ............................. 136Moskauer Software-Experten haben einen besonders trickreichen Computer-Sexualität: „Make Love“, ein Aufklärungsbuch für die Generation Porno .............................. 138virus enttarnt: „Flame“ spionierte Rechner im Nahen Osten aus. Ist das Bestseller ..................................................... 140ferngesteuerte Spähprogramm eine neue Waffe im Cyberkrieg gegen Iran? Psychologie: Die französische Historikerin Elisabeth Roudinesco im SPIEGEL-Gespräch über Sigmund Freud und den Niedergang der Psychoanalyse ........................................ 142Kunst ist Buchkritik: Der doppelbödige Roman „Tony & Susan“ des Amerikaners Austin Wright ............................................... 146Chefsache Seite 132 MedienDie Documenta in Kassel gilt Trends: Böser Brief von Verleger Nevenseit Jahrzehnten als weltweitDuMont / Niggemeiers Medienlexikon ......... 147wichtigste Kunstschau, amTV-Stars: Schwächelnde Quoten machenSamstag startet die 13. Aus- RTL-Titan Dieter Bohlen angreifbar ............. 148gabe. Deren Leiterin, dieVerlage: Weshalb der Erbstreit um dasAmerikanerin Carolyn Vermögen von Axel Cäsar Springer neuChristov-Bakargiev, will erst- entflammen könnte ...................................... 150 OLIVER MARK / AGENTUR FOCUSmals ein Millionenpublikumnach Kassel locken. Sie zeigtBriefe ............................................................... 6Schockierendes, Unterhalt- Impressum, Leserservice .............................. 152sames, Tiefsinniges – undRegister ........................................................ 154illustriert vor allem eines: Documenta-Chefin Christov-Bakargiev Personalien ................................................... 156ihre eigene Weltanschauung.Hohlspiegel / Rückspiegel ............................. 158 Titelbild: Fotos imago, Getty images, Ziv Koren / Laif (2) D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 5
  • 4. Briefe Tod“, einen Freitod, wählen und recht- zeitig ausführen. Die Voraussetzungen„Leben in der Gewissheit, dass ich hierfür zu schaffen (Erreichbarkeit von Medikamenten, Selbsthilfegruppen, Ent-sterben muss, vielleicht qualvoll: tabuisierung u. a.) ist ein überfälliges Pro- jekt gerade der alternden Gesellschaft.eine ungeheuerliche Zumutung. ANNE MODERSOHN, ZEISKAM (RHLD.-PF.)Gut, dass Ihr Artikel der Verdrän- Klar, ich habe auch Angst vor einem elen-gung entgegenwirkt und Solidarität den Sterben, aber Angst vor dem Tod habe ich nie empfunden. Den Tod erwar-mit Sterbenden fördert.“ te ich mit einer gewissen freudigen Neu- gier, denn er wird mir endlich beantwor- HELMUT SCHLEICHER, OBERHAUSEN ten, wer denn nun recht hat, die Atheis-SPIEGEL-Titel 22/2012ten oder die Gläubigen.MANFRED SCHWARZ, PADERBORNNr. 22/2012, Ein gutes Ende – Wege zu Welch ein wunderbarer Artikel, den ich Meiner 91-jährigen, hinscheidenden Mut-einem würdevollen Sterben als palliativ behandelnder Unfallarzt the- ter war von einem Palliativmediziner dermatisch-medizinisch-ästhetisch ergreifendVerzicht auf Essen und Trinken empfoh-Mit freudiger Neugier und als krebskranker alternder Leser ein-len worden. Hunger und Durst machten ihr aber sehr wohl zu schaffen. SolangeKompliment für das Anpacken dieses Staat und Kirche dem Einzelnen dasTabuthemas und die vielseitige Recher- Recht verweigern, selbst über Zeitpunktche dazu. Sehr einfühlsam geschriebenund Art des Sterbens zu entscheiden, istund hilfreich für die eigene Wegfindung. der Weg zu einem würdevollen Sterben DIETER FRIEDRICH DUWE, HAMBURGnoch nicht zu Ende gegangen! CLAUDIA MAIGNÉ, MÜHLTAL (HESSEN)Der sanfte und rechtzeitige Tod ist derWunsch der Lebenden. Wenn die Zeit ge-kommen ist, wollen die meisten Sterben- ARCHIVO TERZANI Nr. 21/2012, SPIEGEL-Gespräch mit demden, die bei klarem Verstand sind, nur Nobelpreisträger Daniel Kahneman übernoch eines: leben. Ich gehe besser davon die Tücken intuitiven Denkensaus, dass für mich dasselbe gilt.WOLF-PETER WEINERT, BAD BEVENSEN (NIEDERS.) Schriftsteller Terzani, Sohn in der Toskana 2004 Was kostet der Ball?Spuren hinterlassen und nicht nur Staub,fach vorbildlich durchdacht und geschrie-Wir haben uns die halbe Nacht gestrittenGutes tun, auf das man zurückblickenben fand. Viele andere Leser werdenund geprügelt. Sollten Sie nicht umge-kann, wenn nichts mehr geht, darauf ach-auch geweint haben.hend bekanntgeben, wie viel der Baseballten, dass das Letzte, was ein Sterbender DR. PETER WAGEMANN, kostet, tragen Sie die Scheidungskosten.ertastet, nicht die kalte Wand ist in einem DEUTSCH EVERN (NIEDERS.) INGRID UND VOLKER FLEIG,dunklen Zimmer, sondern eine Hand, dieHÖRGERSDORF (BAYERN)ihn hält. So kann das Sterben für beide Das Anspruchsdenken des Menschen darfein Gewinn sein.nicht so weit gehen, das erstrebenswerte Dieser Bericht war ebenso lehrreich wie GERLINDE DORMEIER, SOLMS (HESSEN)Ziel eines würdevollen Sterbens mit derverblüffend. Lehrreich, weil er eine an-maßlosen Forderung nach einem Rechtschauliche, fast spielerische EinführungAm Taj Mahal überfielen meinen Freund auf präzise langjährige Vorhersehbarkeit in die Psychologie beziehungsweise in dieauf einer Weltreise plötzlich rasende des eigenen Todes zu verwechseln. Diesemenschlichen Verhaltensweisen gibt. Ver-Kopfschmerzen, er brach die Reise abKenntnis würde kaum ein Leben sinnvol- blüffend, wie man mit einer vermeintlichund kehrte zurück nach Würzburg. Dia- ler und glücklicher machen.simplen Rechenaufgabe auch Menschengnose: Hirntumor, inoperabel. Jedoch mit KERSTIN SCHWANZER, BAD NAUHEIM (HESSEN) mit einem sicherlich akzeptablen IQ (Stu-der Möglichkeit, schmerzfrei zu leben bisdenten) in Verlegenheit bringt oder siezum Ende. Er flog wieder nach IndienWenn so viele Menschen Angst vor Siech-aufs Glatteis führt. Hoffentlich bin ichund vollendete seine knapp zwei Monatetum und Fremdbestimmtheit haben: Da- mit meiner Antwort nicht auch durchge-lange Reise, veranstaltete nach seinergegen könnte man etwas tun. Nämlichfallen. Sie lautet: Der Ball kostet 5 Cent.Rückkehr in Deutschland eine Abschieds- mit Überlegung einen wirklich „guten GÜNTER RIEMER, MÜNSTERparty und starb einige Wochen später. ERICH STEGER, SCHWAIG (BAYERN)Wer die Betreuung pflegebedürftiger An-Diskutieren Sie im Internetgehöriger nicht nur Fremden überlässt www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegelund hinter die Kulissen sehen kann,macht mit Ärzten, Pflegediensten und‣ Titel Soll Deutschland Israel bei der AtomrüstungHeimen Erfahrungen, die wertvoller sind helfen?als alle Beschreibungen. Er lernt, zwi- ‣ Energiewende Wie teuer darf der Verzicht auf Stromschen Heuchelei und echter Fürsorge zuaus Kernkraftwerken werden?unterscheiden. Und er erfährt, was ihnerwartet, wenn er alt und dement wird.‣ EM Ist Cristiano Ronaldo der beste Spieler der Welt?ANNEMARIE FISCHER, WIELENBACH (BAYERN)6D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 5. BriefeNr. 21/2012, Ultras provozieren deutsche nehmen zu müssen. Auswahl des Lese-Profi-Clubszeichens, Diskussion eines jeden Satzes mit Lektor und Korrektor, OrganisationPöbel für den Soundtrack von zig Lesungen und Talkshows, Über- setzungen ins Englische und Japanische?Die Kickerei ist zu einem Programman-Daran ist doch bei jemandem, der im Ni-gebot geworden, das mit Casting-Showsschenbereich schreibt, nicht zu denken –und Volksmusik konkurriert. Die Gefah- trotz hervorragender Rezensionen!renzone ist das Stadion. Doch die Besu-TONIO GAS, HANNOVER Dieser Bericht ist in seiner schnörkellos ehrlichen Darstellung wunderbar ein- drucksvoll. Ich habe Kriminalhörspiele geschrieben, immerhin 52. Fast alle nachts. Die Dunkelheit und Stille der LARS BARON / GETTY IMAGES Nacht verstärkten das Gefühl grenzen- loser Freiheit der Phantasie. Ich kann Fer- dinand von Schirachs schriftstellerische Offenbarung nur bewundern und unter- schreiben. Das gilt auch für das, was er über repräsentative Demokratie schreibtBengalische Feuer im Düsseldorfer Stadion– absolut treffend.DR. WILFRIED OTTERSTEDT, BREMENcher der Arenen sind DFL, Sky und ARDso ziemlich egal. Der Pöbel hat für denEs bleibt bei der Tatsache, dass sich auchSoundtrack zum Event zu sorgen. Dass das menschengemachte Weltnetz dendie Ultras sehr viel Energie in die Choreosebenso menschengemachten geltendenstecken und ihren Verein bedingungslos Gesetzen einschließlich des Urheberrechtsbei Heim- und Auswärtsspielen unterstüt- zu unterwerfen hat. Im Übrigen bin ichzen, rückt in den Hintergrund. Bei ARD es allmählich leid, konstruierte Beispieleund ZDF werden die teuer ersteigertenvon ach so armen 15-Jährigen zu lesen,TV-Übertragungen mit gewaltiger Unter- die sich den neuen Walser-Roman nichtstützung der Radioprogramme hochge-leisten können! Wie wäre es mit Borgen?jazzt. Die Bolzerei bekommt einen völlig Stadtbücherei? Zeitungenaustragen? Oderüberhöhten Stellenwert. Denn es wird Verkauf des Smartphones?vergessen, worum es eigentlich geht: UmHANS GREGOR NJEMZ, KIEL22 Männer, die in kurzer Hose über eineWiese rennen.Man kann den Irrglauben, dass das Urhe- RALF ALBERS, OSNABRÜCKberrecht vor allem Verbraucher benach- teilige, nicht genug bekämpfen. Sonst gibtAuch wenn in Ihrem Artikel wenigstenses in wenigen Jahren nur noch Büchermal auf die Choreos und die eben nur von einigen Spinnern. Welcher vernünf-durch die leidenschaftliche Präsenz derUltras unvergleichliche Stimmung in denKurven hingewiesen wird, läuft es wiederauf die 600 Gewaltdelikte und 400 Ver-letzten hinaus. Dabei bleiben die „Ge-ISOLDE OHLBAUM / LAIFwaltbereiten“ unter sich, und mein Mit-gefühl mit herumstolzierenden Termina-toren in Uniform hält sich in Grenzen.Man muss nicht in die Kurve; wer Kir-chentags-Atmosphäre mag, kann nachWolfsburg fahren, aber ein Stadion ohneAutor SchirachUltras wäre wie Formel 1 heute: hochpro-fessionell, keimfrei und stinklangweilig.tige Mensch nimmt (bei allem Idealismus)STEPHAN SUTTKA, KNEITLINGEN (NIEDERS.) den Aufwand des Schreibens eines Buchs auf sich, wenn schließlich alles für lau ist und der kostenlosen Unterhaltung einigerNr. 21/2012, Urheberrecht / Bestseller-Online-Freaks dient?autor Ferdinand von Schirach über dieOLIVER BLUM, NÜRNBERGMühen, ein Buch zu schreiben Schade, dass Herr Schirach seinen beacht-Blutsauger gegen Edelfedernlichen Essay über das Schreiben mit einer doch recht unreflektierten BetrachtungHerr von Schirach leidet auf einem hohen zur direkten Demokratie einleitet. Es istNiveau! In meinem Bereich, dem wissen- einfühlbar, dass die Aktivitäten und Er-schaftlichen Schreiben, habe ich schon folge der Piraten in Deutschland geeignetGlück gehabt, nicht noch die Druckkos- sind, Abwehrreaktionen zu generieren.ten für meine Habilitationsschrift über- Daraus aber zu folgern, dass repräsenta-10D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 6. Briefetive Demokratien besser funktionierenren. Deshalb wird dies auch an Hochschu- Schwester vernichtete – und zu deutlich„als jede andere Staatsform, die wir ken-len gelehrt. Und nun kommt bei uns einemilderen, wenngleich noch immer aus-nen“, ist kühn. Die Schweiz hat es mit Horde von Ignoranten, Laien und grünen sagekräftigen Urteilen kommen.diesem System immerhin fertiggebracht, Fundamentalisten und glaubt, dies hierFRIEDRICH KINZ, WEIMARwährend der Finanzkrise ihre Gesamt- innerhalb kürzester Zeit komplett umbau-schulden zu senken, im Gegensatz zu denen zu können. Der Artikel beschreibt nur„besser funktionierenden“ Ländern wieden Anfang vom Chaos.Nr. 21/2012, Der schwierige Versuch,Deutschland, Japan, USA und Österreich. DIPL.-ING. MICHAEL HEUBERGER, in einem boomenden Hamburger ViertelDR. ALFRED TROESCH, ZOLLIKON (SCHWEIZ) SELIGENPORTEN (BAYERN) den Straßenstrich zu verbietenNr. 21/2012, Die Energiewende gerät insNr. 21/2012, Im Ehrenmord-Fall Arzu ÖzmenStundenhotels zu WohnraumStocken, bevor sie richtig gestartet ist wurden fünf Geschwister verurteilt – Mir ist die ganze Aufregung über die Pro- doch welche Rolle spielte der Vater? stituierten am Hansaplatz unverständlich.Lobbyismus contra Zukunft Diese waren schon zu meiner SchulzeitZunächst muss man fordern, dass die de- In Hot Pants ins Männercafé? vor über 60 Jahren ortsansässig. Damalszentrale Stromerzeugung in Zukunft im Die Äußerungen des jesidischen Gelehr-Vordergrund steht, damit die Macht derten sind an Unverfrorenheit und Anma-ULRICH GEHNER / TEAMWORK / DER SPIEGELvier Stromriesen E.on, RWE, EnBW undßung nicht zu überbieten. Wer in einemVattenfall aufgebrochen wird. Der Aus-Staat mit freiheitlich-demokratischerbau der Netze von Nord nach Süd sollteGrundordnung und dem festgeschriebe-entlang von Autobahnen und Schienen-nen Selbstbestimmungsrecht der Frau le-strängen erfolgen. Damit können lang- ben will, hat dieses auch anzuerkennen.wierige Planfeststellungsverfahren undWas würde der Geistliche wohl sagen,Bürgerproteste eingeschränkt werden.wenn westliche Touristinnen in seinem FELIX KÖTTING, HAVIXBECK (NRW) Herkunftsland sich in Spaghetti-Top undHot Pants ungeniert in ein MännercaféDa sollen irgendwelche Provinzfürsten, setzen würden mit der Rechtfertigung:Hansaplatz in Hamburgdie fast alle Jura studiert haben und somit „Man kannte unsere Gepflogenheiten, alsLaien darstellen, die jeder für sich Lob- man uns Touristen einreisen ließ“?gab es in St. Georg noch drei Schulen,byisten für ihr Bundesland sind, gemein- ANNE ESSMANN, BERLIN heute leidet die einzige unter Schüler-sam einen sinnvollen Masterplan für die mangel. Kein Mensch hat sich damals amJeder Mensch sollte nicht nur vor dem Straßenstrich gestört.Gesetz das Recht auf freie Entfaltung ha- DETLEF M. HARTMANN, HAMBURGben, sondern auch in seinem familiärenUmfeld. Diese Urteile sollten eine Signal-Nur weil Verstöße gegen die Sperrgebiets-wirkung haben, damit junge Frauen ein verordnung in St. Georg über Jahre nichtselbstbestimmtes Leben führen können. verfolgt wurden, besteht noch lange nicht ANNE FLÖTER, POTSDAM das Gewohnheitsrecht auf einen Verstoß.ARMIN WEIGEL / DPAAls Anwohner begrüße ich es, wenn Stun- Danke für diesen ausführlichen und, so-denhotels in Wohnraum umgewandelt weit ich es beurteilen kann, ausgewoge-werden und der Hansaplatz zukünftig nen Bericht. Danke vor allem dafür, dass Kindern als Spielplatz dient statt derStromtrasseSie das Unwort „Ehrenmord“ mit dem aggressiven Prostitution als Laufsteg. vorangestellten „sogenannt“ relativieren. DIRK GARZ, HAMBURGkommenden Generationen ausarbeiten?HANS MENDE, HAMBURGDaran glaube ich nicht. Genau dies sind Ich bin keine Vertreterin feministischerdie Situationen, in denen ich an die Vor-Auch wenn es beim Vater, der sich über Weltanschauung, aber diese Frauen sindteile einer Technokratie denke. Es gehtsein Zeugnisverweigerungsrecht freuenweder alle „arme“ Mädchen noch allehier nicht um einzelne Länder, es geht darf, nicht für einen Schuldspruch reichen drogenabhängig, noch kriminell. Sie leis-um die komplette Bundesrepublik. sollte: Ein deutsches Gericht sollte (euro-ten, genau betrachtet, in der Tat einen PATRICK KULINSKI, MAGSTADT (BAD.-WÜRTT.)päischen Wertvorstellungen gemäß) in Dienst an der Gesellschaft. Hinter vorge- der Lage sein, Sirin und Osman Özmen haltener Hand würden wohl viele Män-In Deutschland ist es inzwischen so, dassauch in ihrer Rolle als Opfer des gleichen ner dieser Aussage zustimmen. Natürlichnur noch investiert wird, wenn Subven- abscheulichen Systems zu sehen, das ihre gibt es sie, die dunkle Seite der Prostitu-tionen fließen. Die Industrie blockiert sotion, die es zu eliminieren gilt, aber daslange, bis die Politik Milliarden locker- Gewerbe nicht weiter zu differenzierenmacht. Der Lobbyismus zerstört alle zu- kommt einem Denkfehler gleich. Sexar-kunftsweisenden Entscheidungen. beiterinnen üben einen Beruf aus, und esHENNING SIMON, WUPPERTALbesteht eine Nachfrage – ob uns das nunpasst oder nicht. Wozu sollen wir sie alsoEnergieversorgung ist technisch und wirt- an den Rand drängen?SEDA HAGEMANN / LZ.DEschaftlich eine Wissenschaft für sich. Es SANDRINE HOELTGEN,werden Investitionsgüter konzipiert mit ESCH-ALZETTE (LUXEMBURG)einer Lebensdauer von 30 und mehr Jah-Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mitren, zu erheblichen Kosten und mit demAnschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-Ziel, für eine Volkswirtschaft eine sichere tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:und bezahlbare Versorgung zu garantie- Brüder Özmen im Gerichtssaal leserbriefe@spiegel.de12 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 7. PanoramaDeutschlandROBERT SCHLESINGER / PICTURE ALLIANCE / DPAMerkel, Schäuble EURO-KRISEsorgen könne. In der vergangenen Woche musste das Landbei Anleiheplatzierungen 6,7 Prozent an Zinsen bieten. Bei Spanien soll unterdiesen Größenordnungen waren Portugal und Irland imvergangenen Jahr unter den Rettungsschirm geschlüpft, auchauf Druck der übrigen Euro-Staaten. Guindos ließ Schäubleden Schirmjedoch abblitzen. Sein Land könne die Mittel allein aufbrin-gen, erklärte der Spanier. Zudem wolle er zunächst abwarten,auf welchen tatsächlichen Finanzbedarf Unternehmensbera-ter kommen, die derzeitBundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolf-die spanischen Kredit- Spanische Staatsanleihengang Schäuble (beide CDU) wollen Spanien unter den euro-institute durchleuchten. Rendite zehnjähriger Papiere,päischen Rettungsschirm EFSF drängen. Nach Einschätzung Experten der Bundesre- in Prozent 6,5der beiden ist das Land allein nicht in der Lage, die Schieflagegierung rechnen damit,seiner Banken zu beheben. Diese Linie verabredeten Merkel dass die spanische Ban-und Schäuble Anfang vergangener Woche. Mit dem Schrittkenwirtschaft eine Kapi-6,0will die Bundesregierung die Gefahr eindämmen, dass sichtalspritze in Höhe von 50die Euro-Krise nach einem möglichen Ausscheiden Griechen- bis 90 Milliarden Eurolands in den angeschlagenen südlichen Ländern der Wäh-benötigt. Madrid hatte inrungsunion verschärft. Vorigen Mittwoch setzte Schäuble den vergangenen Wochen5,5den spanischen Wirtschaftsminister Luis de Guindos bei des- mehrmals Geld für seinesen Besuch in Berlin unter Druck. Spanien müsse sich Geld Banken außerhalb des bis-vom Rettungsschirm besorgen, um damit das Kapital seinerherigen Rettungsverfah-5,0Banken aufzupolstern, forderte der Deutsche. Die Schwierig- rens gefordert. Das hatteQuelle: Thomson Reuters Datastreamkeiten des Finanzsektors führten dazu, dass Spanien sich nurdie Bundesregierung ab-noch zu steigenden Zinsen Geld an den Finanzmärkten be- gelehnt.Jan. Febr. März April Mai GEISELNAHM Efreiung des im Januar entführtenkriminalamt hat Spezialisten nachMitarbeiters des Mannheimer Bau-Nigeria geschickt, die den Fall unter- Tragisches Endekonzerns Bilfinger Berger. Sein Auf-enthaltsort war nicht be-kannt. Bei dem Zugriff töte-suchen sollen. Im Zusammenhang mit der Geiselnahme war im März eine Video-Bot-Der in Nigeria getötete Deutscheten die Militärs vier Boko-schaft aufgetaucht. DarinEdgar Fritz R. starb offenbar bei dem Haram-Kämpfer. Die Sicher- forderten Mitglieder derVersuch einer Sondereinheit der heitskräfte fanden die LeicheTerrororganisation al-QaidaArmee, hochrangige Mitglieder der von Edgar Fritz R. an Hän- im islamischen Maghrebislamistischen Sekte Boko Haram den und Füßen gefesselt. die Freilassung der infestzunehmen. Die Operation in derDer Körper war mit Stich-Deutschland inhaftiertenMillionenstadt Kano galt nach Er- wunden übersät. Außerdem Ehefrau des Anführers der AFPkenntnissen der deutschen Sicher- hatte er eine Schussverlet-Sauerland-Gruppe, Fritzheitsbehörden jedoch nicht der Be-zung am Kopf. Das Bundes- Geisel Edgar Fritz R.Gelowicz.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 215
  • 8. Panorama A F G H A N I S TA N - A B Z U G Wenige Visafür Helfer Die Bundesregierung will afgha- nischen Angestellten der Bundes- wehr nach dem Abzug der Sol- daten Ende 2014 nur restriktiv Schutz gewähren. Besonders un- ter den knapp 500 Dolmetschern gibt es massive Ängste, dass die Taliban die ehemaligen Helfer der ausländischen Soldaten be- drohen und Rache an ihnen neh-WOLFGANG KUMM / DPA men könnten. Zunächst müsse ge- klärt werden, „in welchen Fällen eine Gefährdung überhaupt vor- liegen könnte“, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung an den grünen Abgeordneten Hans- Bundeswehrsoldat in einem Trainingscamp für afghanische Polizisten Christian Ströbele, erst dann kön- ne man „situationsangemessen“ über Lösungen für die soge- Hilfestellung geben. Bei gefährdeten Mitarbeitern gebe es nannten Ortskräfte nachdenken. Grundsätzlich sei beabsich- den Willen, diese nach dem Abzug der Bundeswehr nach tigt, die Betroffenen „in ein neues Beschäftigungsverhältnis Deutschland zu holen. Die Zahl der Visa für die Ortskräfte in Afghanistan zu überführen“, dabei wolle die Regierung soll aber möglichst klein gehalten werden.URHEBERRECHTübten die Branchenvertreter am ver- Problem nach Ansicht der Branchen-gangenen Mittwoch massive Kritik. vertreter nicht. „Leutheusser-Schnar-Spiel auf Zeit„Im Koalitionsvertrag steht, dass dasUrheberrecht reformiert werden soll,aber die zuständige Ministerin hat bis-renberger versteckt sich hinter EU-Richtlinien, statt das Problem auf na-tionaler Ebene anzugehen“, sagt Alex-Wegen der Verschleppung der Urhe- her nichts getan“, sagt Jürgen Doetz, ander Skipis vom Börsenverein desberrechtsreform gerät Bundesjustiz- Präsident des Verbands Privater Rund- Deutschen Buchhandels. Teilnehmernministerin Sabine Leutheusser-Schnar- funk und Telemedien. „Wir fordern,zufolge rechtfertigte Leutheusser-renberger (FDP) unter Druck. Bei ei-dass sie noch vor der Sommerpause Schnarrenberger ihr Abwarten auchnem Treffen der Ministerin mit deretwas auf den Tisch legt.“ Ein Zei- damit, dass es innerhalb der FDP bis-Deutschen Content Allianz, einem Zu-tungsbeitrag der Ministerin zum The-lang keine einheitliche Position zumsammenschluss von Medienanbietern,ma am vorigen Donnerstag löst das Urheberrecht gebe. PA R T E I E Ngenkommen“, schreibt SPD-Fraktions-geschäftsführer Thomas Oppermann an Qual des Wahltermins Bundesinnenminister Hans-Peter Fried-rich (CSU). Auch aus Kostengründensei das einheitliche Datum geboten:Zwischen Regierung und Opposition „Ein zusätzlicher Wahltermin in Bayernbahnt sich eine Auseinandersetzungdürfte deutlich über 10 Millionen Euroum den Termin für die Bundestagswahlkosten, und Tausende von ehrenamt-2013 an. Die SPD fordert, die Wahllichen Wahlhelfern müssten zwei Sonn-bereits am 15. September anzusetzen,tage opfern“, so Oppermann. CSU-dem ersten Sonntag nach Ende derChef Horst Seehofer bevorzugt einSommerferien in allen Ländern. DamitDatum, das mindestens zwei Wochenkönnten Bundestag und bayerisches nach der eigenen Landtagswahl liegt, PONIZAK / CAROParlament am selben Tag gewählt wer-da er sich so bessere Chancen ausrech-den. „Dies würde dem sicher von allen net. Den Termin stimmt das Innenmi-Parteien getragenen Ziel einer mög- nisterium üblicherweise mit dem Bun-lichst großen Wahlbeteiligung entge-Plenarsaal des Bundestags destag und den Ländern ab.16 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 9. DeutschlandStudierende aus dem Ausland QUERSCHNITTAnteil in Prozent im Wintersemester 2010/11 Berlin Hauptstadt-Bonus Mecklenburg- 13,0 Saarland 11,8BremenVorpommernBerlin zieht Studenten aus Schleswig- 11,5aller Welt an. Im Winter-Holstein 4,8 Branden-semester 2010/2011 war dort 5,5 burg9,3der Anteil von Studierenden Thüringen6,6aus dem Ausland höher als in Baden-allen anderen Bundesländern. Bayern 7,39,2 Württem- bergBesonders beliebt sind dieKunstwissenschaften, hier 8,8 Sachsenbetrug der Anteil bundes-Rheinland- 7,5weit 12,4 Prozent. Erst dann Pfalz7,5 8,6folgte das Ingenieurwesen. Nordrhein- 7,57,9 Hessen Westfalen 7,8Sachsen-HamburgNieder-AnhaltQuelle: Statistisches Bundesamt 2012 sachsen GRÜNE 2017 wird das ehrgeizige Ziel ange- strebt, dass Deutschland 0,7 Prozent Entwicklungshilfe statt seiner Wirtschaftsleistung für die Ent- wicklungshilfe einsetzt. Eine Erhö-Hartz IV hung der Hartz-IV-Sätze auf 420 Euro, vom grünen Parteitag 2007 beschlos- sen, wird dagegen zurückgestellt. InDie Grünen wollen im Fall einer Re-einem ersten Schritt soll der Regelsatzgierungsbeteiligung im Bund die Ent- von derzeit 374 Euro auf 391 Euro er-wicklungshilfe ausdehnen, dafür aber höht werden. Insgesamt wollen diebei der Erhöhung der Hartz-IV-SätzeGrünen im Haushaltsjahr 2014 rundsparen. Das geht aus einem Zwischen- zwölf Milliarden Euro zusätzlich aus-bericht der Projektgruppe „Prioritä- geben, wenn sie regieren könnten. Imten“ für die Bundestagsfraktion her- Gegenzug sollen unter anderem „öko-vor. Danach soll der Bund allein imlogisch schädliche Subventionen“ ab-Jahr 2014 zusätzlich 1,7 Milliardengebaut, das Ehegattensplitting gekapptEuro für internationale Klima- und und der Spitzensteuersatz auf 49 Pro-Entwicklungsprojekte ausgeben. Bis zent erhöht werden.BETREUUNGSGELD nisterium von FDP-Chef Philipp Rös- ler am vergangenen Freitag eine Ge- Rösler bremst sprächsrunde im Familienministerium von Kristina Schröder (CDU). Bei dem Treffen sollten Einwände gegen dieDie schwarz-gelbe Koalition streitet umstrittene Sozialleistung ausgeräumterbittert über das Betreuungsgeld. Sowerden. Wie bereits mitgeteilt wordenboykottierte das Bundeswirtschaftsmi-sei, werde seitens des Wirtschaftsres- sorts „Leitungsvorbehalt eingelegt“, heißt es in einem Schreiben. „Dieser Vorbehalt kann nur auf Minister-Ebene aufgelöst werden.“ Deshalb sehe das Wirtschaftsressort „derzeit keine Not- wendigkeit“ für ein Gespräch auf Ebe- ne der Abteilungsleiter oder Staats- sekretäre. In dem Brief macht Röslers Haus mehrere Bedenken gegen dasAXEL SCHMIDT / DAPD Projekt geltend. Vor allem verlangt es Klarheit über die zu erwartenden Kos- ten und fordert, das Gesetz erst im Au- gust und nicht schon im Januar nächs-Rösler ten Jahres in Kraft zu setzen. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 17
  • 10. DeutschlandPanorama GORLEBENSchlüssel in der HandJULIAN STRATENSCHULTE / DPA Erkundungsbergwerk Gorleben Bundeskanzlerin Angela Merkel muss sich bei ihrer AussageHand“, heißt es dazu warnend in einem Vermerk des Kanz- vor dem Gorleben-Untersuchungsausschuss auf Fragen zuleramts. Um dem zu entgehen, müsse sich die Erkundung – möglichen Tricksereien der früheren Regierung Kohl einstel-auch „unter Inkaufnahme erhöhter Risiken“ – auf Areale im len. Dabei geht es um sogenannte Salzrechte am geplanten Besitz der Bundesregierung beschränken, so die Empfehlung atomaren Endlager. Neu aufgetauchte Akten des Kanzleramtsvon Mitarbeitern der damaligen Bundesumweltministerin Mer- von 1997 zeigen, dass Experten der damaligen Regierung die kel. Erst für den tatsächlichen Ausbau des Salzstocks zum Erkundung der Lagerstätten ursprünglich nur für machbarEndlager solle sich die Regierung die entsprechenden Rechte hielten, wenn private Salzrechte-Inhaber enteignet würden. beschaffen. Für Sylvia Kotting-Uhl, grüne Obfrau im Unter- Ansonsten könnten die Erkundungsstrecken geologisch „nicht suchungsausschuss, ist damit klar, dass Merkel bewusst „Risi- optimal durchgeführt werden“. Für eine solche Enteigungken und Abstriche bei der Sicherheit in Kauf nahm, als sie hätte jedoch das Atomgesetz geändert werden müssen, wassich für eine reduzierte Gorleben-Erkundung entschied“. Die nur mit Zustimmung des Bundesrats möglich ist. „Die SPDKanzlerin soll Ende September als letzte Zeugin des Ausschus- hätte damit auf jeden Fall den Schlüssel für Gorleben in der ses vernommen werden.MODE V E R FA S S U N G S S C H U T Z Auf rechts gedreht Nicht ohne RichterDie klassischen Waren- und Versand- Nach dem Ermittlungsdesaster gegen STEFAN BONESS / IPONhäuser in Deutschland sind sich uneinsdie Zwickauer Neonazi-Terroristenüber den Umgang mit der bei Neo-fordert der ehemalige brandenburgi-nazis beliebten Textil- und Schuhmar- sche Verfassungsschutzchef und heuti-ke Lonsdale. Rechtsextremisten tragen ge Bundesanwalt Hans-Jürgen Förstergern Shirts des britischen Herstellers, Konsequenzen für die Geheimdienste.weil der groß aufgedruckte Marken-Neonazis auf einer Demo in Berlin Er möchte, dass sogenannte V-Leutename die Buchstabenfolge NSDA ent-künftig erst nach einer „Zulassung“hält, die an Hitlers Partei erinnert. Ga- Jahren“ nicht mehr. Neckermann so-durch einen Richter rekrutiert werdenleria Kaufhof hat schon im Jahr 2000wie der Otto-Versand mit seinen Töch- dürfen. Förster erhofft sich dadurch ei-Lonsdale aus dem Warenhaus- und tern Baur und Schwab verkaufennen „Zuwachs an Legitimität und An-Online-Sortiment entfernt, „da derdemgegenüber die Produkte weiterhin,sehen“ von Geheimoperationen. Zu-Ruf der ,rechten Nähe‘ diese Markedenn der Hersteller habe sich glaub-dem diene das Verfahren einer „Dis-schon damals begleitet“ habe, so einwürdig von rechtem Gedankengutziplinierung nach innen“, weil die Ver-Sprecher. Auch Karstadt führt das La- distanziert und engagiere sich seit fassungsschützer wüssten, dass ihre Ar-bel nach eigenen Angaben „schon seitJahren gegen rechte Gewalt, heißt es. beit überprüft würde.18 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 11. TitelKommandozentrale eines israelischen „Dolphin“-U-Boots: „Deutschland kann stolz sein, die Existenz des Landes gesichert zu haben“Made in GermanyDie Bundesrepublik exportiert U-Boote nach Israel, über deren technische Ausrüstungseit Jahren spekuliert wird. Experten in Deutschland und in Jerusalem bestätigennun: Die Schiffe sind mit Atomsprengköpfen bewaffnet. Und Berlin weiß das seit langem.20D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 12. ZIV KOREN / POLARIS / LAIFD er Stolz der israelischen Marine sagt: „Willkommen auf der ‚Tekuma‘, will- der Gang zu einer Kommandozentrale, wiegt sanft in der Dünung des Mit- kommen auf meinem Spielzeug.“ deren Arbeitsplätze um ein Periskop telmeers, auf der WasseroberflächeEr schiebt einen Riegel zurück und öff-gruppiert sind. Der Seemann bleibt ste-spiegelt sich die Silhouette des Karmel-Ge- net den Kühlschrank. Zucchini lagernhen und zeigt auf eine Reihe von Bild-birges. Wer auf die „Tekuma“ möchte,dort, eine Palette Joghurtbecher und eine schirmen, neben denen Firmenschildermuss am Pier des Hafenbeckens von Haifa Zwei-Liter-Flasche Cola light. Die „Teku- von Siemens und von der Bremer Elek-einen Steg aus Holz passieren, um in einenma“ ist erst im Morgengrauen von einertronikschmiede Atlas angeschraubt sind.Tunnelschacht zu steigen, der in das In-geheimen Mission zurückgekehrt.„Combat Information Center“ nennennere des U-Boots führt. Der für Besucher Der Marineoffizier, dessen Namen die die Israelis die Kommandozentrale, siezuständige Marineoffizier, ein sehniger Militärzensur unter Verschluss hält, führtist das Herzstück des U-Boots, in demMann in den Vierzigern, der seine Augen die Besucher vorbei an ein paar Kojen,sämtliche Informationen zusammenlau-hinter einer Ray-Ban-Sonnenbrille ver-entlang an Gestängen aus Stahl. Die Luftfen und alle Operationen geleitet werden.birgt, federt die Stufen hinab. Als er dasriecht verbraucht wie im Wohnzimmer Von zwei Ledersesseln aus wird das SchiffUnterdeck erreicht, dreht er sich um undeiner Männer-WG. Mitschiffs weitet sich gesteuert, es sieht aus wie im Cockpit ei-D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 221
  • 13. Titelnes Kleinflugzeugs. Ein rot leuchtendes gen. In ungewöhnlicher Offenheit waren Doch nun räumen ehemalige deutscheDisplay zeigt an, dass der Kiel derzeit hochrangige Politiker und Soldaten des Spitzenbeamte die atomare Dimension7,15 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Judenstaates nun aber bereit, über die Be- erstmals ein: „Ich bin von vornherein da-„Das alles ist in Deutschland gebautdeutung der deutsch-israelischen Rüs- von ausgegangen, dass die U-Boote nu-worden, nach israelischen Vorgaben“,tungskooperation und über Deutschlands klearfähig sein sollen“, sagt Hans Rühle,sagt der Marineoffizier, „auch die Waf- Rolle zu sprechen, wenn auch zumeist un- Ende der achtziger Jahre Chef des Pla-fensysteme.“ Die „Tekuma“ ist 57 Meterter der Bedingung der Anonymität. „Am nungsstabs im deutschen Verteidigungs-lang und 7 Meter breit, ein in THW-blau Ende ist es ganz einfach“, sagt der israe- ministerium. Auch Lothar Rühl, seiner-gestrichenes Prunkstück an Präzisions-lische Verteidigungsminister Ehud Barak, zeit Staatssekretär auf der Hardthöhe, hatarbeit made in Germany, genauer: Präzi- „Deutschland hilft, Israels Sicherheit zu nie daran gezweifelt, dass „Israel auf densionsarbeit, die zum Atomwaffeneinsatzverteidigen. Die Deutschen können stolz Schiffen Nuklearwaffen stationiert“. Undgeeignet ist. darauf sein, die Existenz des Staates Israel Wolfgang Ruppelt, in der entscheidenden Denn die Unterseeboote bergen tief infür viele Jahre gesichert zu haben.“ Phase Rüstungschef im Verteidigungsmi-ihrem Inneren, auf Deck 2 und 3, ein Ge- Andererseits lag über der Recherche, nisterium, gibt an, ihm sei sofort klar ge-heimnis, das selbst in Israel nur wenigesoweit sie in Israel stattfand, der Bann wesen, dass die Israelis die Schiffe alsEingeweihte kennen: nukleare Spreng-der Zensur. Zitate von israelischen Ge- „Träger für Waffen wollten, die ein klei-köpfe, klein genug, um auf einen Marsch-sprächspartnern mussten dem Militär nes Land wie Israel an Land nicht statio-flugkörper montiert zu werden, aber ex- ebenso vorgelegt werden wie die Bilder nieren kann“. Noch deutlicher werdenplosiv genug, um einen Atomschlag mit des Fotografen. Nachfragen nach den nu- deutsche Spitzenbeamte im Schutz derverheerenden Folgen auszuführen. Dieses klearen Fähigkeiten Israels, an Land oder Anonymität: „Die Boote dienten von An-Geheimnis zählt zu den bestgeschütztenzu Wasser, sind tabu. Und Deck 2 und 3, fang an vornehmlich dem Zweck der nu-der modernen Militärhistorie. Wer in Is-dort, wo die Waffen lagern, blieben dem klearen Ausrüstung“, sagt ein zuständigerrael offen darüber spricht, riskiert eine Besucher verschlossen. Ministerialer.hohe Gefängnisstrafe.In der Bundesrepublik ist die militäri- Die Flugkörper für die Kernwaffen-Op- Recherchen des SPIEGEL in Deutsch- sche Aufbauhilfe bei den U-Booten seit tion, so sagen es Insider, sind in der israe-land, Israel und den USA, bei noch am-rund 25 Jahren umstritten, sie beschäftig- lischen Waffenschmiede Raphael gebauttierenden und ehemaligen Ministern, bei te Öffentlichkeit und Parlament. Die worden. Es handle sich um eine Weiter-beteiligten Militärs, Rüstungsingenieuren Kanzlerin fürchtet die gesellschaftliche entwicklung des Marschflugkörpers vomsowie Geheimdiensten lassen nun keinenDebatte – so, wie sie Literaturnobelpreis- Typ „Popeye Turbo SLCM“, die eineZweifel mehr: Mit Hilfe der maritimen träger Günter Grass mit einem israelisch- Reichweite von etwa 1500 Kilometern ha-Technik aus Deutschland ist es Israel ge- kritischen Gedicht zuletzt neu entfachte. ben sollen und mit einem bis zu 200 Kilo-lungen, sich ein schwimmendes Atomwaf-Angela Merkel besteht auf Geheimhal- gramm schweren Gefechtskopf Iran er-fen-Arsenal zuzulegen. Aus U-Booten tung, sie will nicht, dass Details des Deals reichen könnten. Die nukleare Ladungsind A-Boote geworden.publik werden. Bis heute beharrt die Bun- stammt aus der Negev-Wüste, wo Israel Nie zuvor durften ausländische Jour- desregierung darauf, über die Ausrüstung seit den sechziger Jahren in Dimona ei-nalisten auf eines der Kampfschiffe stei- mit Atomwaffen nichts zu wissen. nen Reaktor und eine unterirdische An-Die GeheimwaffeBrennstoffzellenanlage zur direktenDeutsche U-Boote für IsraelGewinnung elektrischer Energie aus Wasserstoff und SauerstoffPeriskope und AntennenAntriebsstrang Elektromotor Tanks mit Wasserstoff und Sauerstoff Mannschaftsräume,„Dolphin“-Klasse Kombüse, Speiseraum,Länge: 57,3 mDuschen, ToilettenBreite: 6,8mHöhe: 12,7 m (mit Turm) AkkusDrei U-Boote dieses Typswurden 1999 und 2000DieselmotorenTechnischeran Israel ausgeliefert, und GeneratorenLeitstand, Maschinen-Kommando-damals noch mit einemzentralekonventionellen diesel-kontrollraum Akkuselektrischen Antrieb.Waffenkammer für Torpedos,Marschflugkörper und Seeminen22 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 14. lage zur Plutoniumgewinnung betreibt.Wie ausgereift die israelischen Marsch-flugkörper sind, ist umstritten. Deren Ent-wicklung ist ein komplexes Projekt, öf-fentlich ruchbar wurde nur ein einzigerTest, den die Israelis vor der Küste SriLankas durchgeführt haben sollen. Die U-Boote sind die militärische Ant-wort auf die Bedrohung in einer Region,WOLFGANG KUMM / DAPD„in der es keine Gnade für die Schwachengibt“, wie Verteidigungsminister Baraksagt. Sie sind eine Versicherung gegendie Urangst der Israelis, dass „die Araberuns morgen schlachten könnten“, wie esder Staatsgründer David Ben-Gurion for- Staatspräsidenten Peres, Gauck*: Teil der deutschen Staatsräson?mulierte. „Nie wieder“, das war die Leh-re, die Ben-Gurion und andere ausAuschwitz zogen: „Nie wieder lassen wiruns wie Lämmer zur Schlachtbank füh-ren.“ Mit Kernwaffen ausgerüstet, sind dieU-Boote ein Signal an jeden Gegner, dassder Judenstaat selbst im Fall eines ato-maren Angriffs nicht völlig wehrlos wäre,sondern mit der ultimativen Vergeltungs-waffe zurückschlagen könnte. Die U-Boo-te sollten „garantieren, dass der Feindsich nicht verlockt fühlt, präventiv mitnichtkonventionellen Waffen zuzuschla-gen, und doch ungestraft davonkommt“,so hat es der israelische Admiral AvrahamBozer ausgedrückt.GETTY IMAGES Atomare Zweitschlagskapazität heißtdiese Variante eines Wie-du-mir-so-ich-Dir, in der Hunderttausende Tote mitebenso vielen Opfern vergolten würden.Regierungschefs Merkel, Netanjahu 2011: „Der hört ohnehin nicht zu“Es ist eine Strategie, wie sie die USA und März 2008 in einer Rede vor der Knesset„Dolphin-II“-Klasse Russland im Kalten Krieg praktizierten, bekannte? „Das heißt, die Sicherheit Is-Ein U-Boot ist noch in Bau, eines in Erprobung, ein indem sie stets einen Teil ihres nuklearen raels ist für mich als deutsche Bundes-drittes wurde vor kurzem bestellt. Dieser Typ ist mit Arsenals auf U-Booten in Bereitschaft kanzlerin niemals verhandelbar“, erklär-68m Länge deutlich größer als die Vorgänger. Er hielten. Für Israel, das so groß wie Hessen te Merkel vor den Abgeordneten. Dieverfügt über eine zusätzliche Sektion zur Aufnahmeist und mit einem atomaren Schlag aus- Tücken einer solchen bedingungsloseneines Brennstoffzellenantriebs, der die Boote von gelöscht werden kann, ist die Absiche- Solidarität hat der neue Bundespräsidentder Außenluft unabhängig macht und so Tauch-rung seines Drohpotentials existentiell. Joachim Gauck bei seinem Antritts-fahrten bis zu mehreren Wochen ermöglicht.Zugleich trägt das nukleare Arsenal dazu besuch in Jerusalem in der vergangenenbei, dass Staaten wie Iran, aber auch Sy- Woche angesprochen: „Ich will mir nichtrien und Saudi-Arabien angst- und neid- jedes Szenario ausdenken, das die Bun-voll auf die atomaren Kapazitäten Israels deskanzlerin in enorme Schwierigkeitenblicken und ihrerseits den Bau von Nu- bringt, ihren Satz, dass die Sicherheit Is-klearwaffen erwägen. raels deutsche Staatsräson ist, politisch Umso mehr stellt sich für die Bundes- umzusetzen.“republik die Frage nach ihrer weltpoliti- Für die Bundesregierung gilt von jeherschen Verantwortung. Darf Deutschland, eine ungeschriebene Lex Israel, die in-das Land der Täter, Israel, dem Land der zwischen ein halbes Jahrhundert und alleOpfer, beim Aufbau einer Atomwaffen- Regierungswechsel überdauert hat undstreitmacht helfen, die geeignet ist, Hun- die der damalige Bundeskanzler Gerhardderttausende Menschenleben auszulö- Schröder 2002 auf den Punkt brachte:schen? „Ich will ganz unmissverständlich sagen: Fördert Berlin fahrlässig ein Wettrüsten Israel bekommt das, was es für die Auf-in Nahost? Oder muss Deutschland viel- rechterhaltung seiner Sicherheit braucht.“leicht sogar, als historische Verpflichtungaus den Verbrechen der Nationalsozialis- Franz Josef Strauß und der Beginnten, eine Verantwortung übernehmen, die„Teil der Staatsräson“ geworden ist, wie der Rüstungskooperation Zehn Torpedorohre (davon sechs mit Kaliber 533 mm, vier mit Kaliber 650 mm). Statt mit Druckluft werden Torpedos oder Marschflug-die Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wer dieser Logik folgt, ist oft auch bereit, körper durch ein Hydrauliksystem hinaus-das Rüstungsexportrecht zu verletzen. katapultiert. Ein Abschuss erfolgt dadurch * Vergangene Woche beim Besuch der Holocaust-Ge- Seit Konrad Adenauer schummelten deut- nahezu lautlos.denkstätte Jad Vaschem in Jerusalem. sche Regierungschefs diverse Militär-D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 223
  • 15. Titelgereisten war der Mann, der über die fol-genden Jahrzehnte zur Schlüsselfigur derWaffengeschäfte mit der Bundesrepublikwurde und auch zum Vater der israeli-schen Atombombe: Schimon Peres, spä-ter Premier – und mit 88 Jahren Israelsaktueller Präsident. Heute weiß man, dass die Waffenliefe-rungen spätestens 1958 begannen. Derdeutsche Verteidigungsminister ließ heim-lich sogar Waffen und Gerät aus Depotsder Bundeswehr wegschaffen und an-schließend das Material bei der Polizeials gestohlen melden. Viele der Zusendungen erreichten Is-rael auf Umwegen und waren als „Leih-gaben“ deklariert. Es handelte sich umSikorsky-Hubschrauber, Noratlas-Trans-ISAAC BEREZportflugzeuge, umgebaute M48-Panzer,Flugabwehrgeschütze, Haubitzen, lenk-Gesprächspartner Strauß, Ben-Gurion 1963: Panzergranaten „für die Boys in Tel Aviv“ bare Panzerabwehrraketen. Für die Lieferungen gebe es „keine kla-re gesetzliche oder haushaltsrechtlicheGrundlage“, räumte ein Beamter seiner-zeit intern ein. Doch Adenauer deckteseinen Minister, und wie richtig dieser inseiner Einschätzung lag, zeigte sich 1967,als Israel einem Angriff seiner Nachbarnzuvorkam und im Sechs-Tage-Krieg einenglänzenden Sieg errang. Strauß-FreundPeres erinnerte seine Landsleute fortandaran, dass sie nicht vergessen dürften,„womit wir gewonnen haben“. Dass die deutsche Sicherheitsgarantiekeine Frage der Parteipolitik war, zeigtesich sechs Jahre später, als in Bonn inzwi-schen der Sozialdemokrat Willy Brandtregierte – und Israel im Jom-Kippur-Krieg1973 an den Rand einer Niederlage geriet.Obwohl sich die Bundesrepublik offiziellaus dem Krieg heraushielt, genehmigteder Kanzler persönlich Waffenlieferun-gen an Jerusalem, wie Brandt-Biograf Pe-Vermerk über Treffen zwischen Strauß und Ben-Gurion 1961: Bonner Mitwisserschaftter Merseburger berichtete. Brandts Ent-scheidung war nach den Erinnerungengeschäfte mit Israel am Parlament vorbei, denstaat die Hilfe Deutschlands akzep-von Beteiligten ein „Rechtsbruch“, denhielten den zuständigen Bundessicher- tieren sollte, war in der israelischen Öf-Brandts Redenschreiber Klaus Harpp-heitsrat außen vor oder brachten, wie der fentlichkeit umstritten. Der spätere Pre- recht mit übergesetzlichem Notstanddamalige Verteidigungsminister Franz Jo-mierminister Menachem Begin etwa, der rechtfertigte. Der Kanzler habe es als „do-sef Strauß (CSU), explosives Gerät schondurch den Holocaust einen Großteil sei- minierende Pflicht des deutschen Regie-mal persönlich vorbei. So geschehen An- ner Familie verloren hatte, sah in der Bun- rungschefs“ gesehen, jenen Staat zu ret-fang der sechziger Jahre, als Strauß mitdesrepublik nur das „Land der Mörder“.ten, den die Holocaust-Überlebenden auf-einer Limousine bei der israelischen Mis- Bis heute laufen die Finanzhilfen für Is- gebaut hatten.sion in Köln vorfuhr und einem Verbin-rael in den meisten Fällen unter dem Be-dungsoffizier des Mossad einen in einen griff „Wiedergutmachung“. Finanzierte die Bundesregierung dasMantel eingewickelten Gegenstand über- Umso problematischer war eine Koope-reichte, „für die Boys in Tel Aviv“. Es war ration in Rüstungsfragen. Sie begann zu israelische Atomprogramm?das neue Modell einer Panzergranate.Zeiten von Strauß, der früh erkannte, In den sechziger Jahren war Israel längst Heikel war die Rüstungskooperation dass Hilfe für Israel nicht nur ein morali- nicht mehr nur an konventionellemunter jedem Kanzler. So fürchtete Bonnscher Imperativ war, sondern realpoliti-Kriegsgerät interessiert. Schon Ben-Gu-während des Kalten Krieges, es könnescher Notwendigkeit entsprang. Niemandrion hatte Peres ein besonders sensiblesdie arabische Welt an die DDR verlieren,konnte dem neuen Deutschland besser Projekt anvertraut: Operation „Samson“,wenn es offen mit Israel paktierte. Spä-zu Ansehen verhelfen als die Überleben- benannt nach der biblischen Figur, die zuter kam die Angst um das arabische Öl den des Holocaust.Zeiten gelebt haben soll, als die Israelitendazu, den Schmierstoff des Wirtschafts-Und so traf sich Strauß im Dezemberdurch die Philister unterdrückt wurden;wunders.1957 in seinem Privathaus bei Rosenheim jener Samson galt im Kampf als unbesieg- Auch für die jeweilige Regierung in Je-zu einem Gespräch mit einer kleinen is- bar, aber auch als zerstörerisch. Ziel derrusalem barg die Zusammenarbeit Bri-raelischen Delegation. Prominentestes Operation: der Bau der Atombombe. Ge-sanz. Ob und in welcher Weise der Ju- Mitglied auf der Seite der aus Israel An- genüber den Verbündeten behaupteten24D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 16. die Israelis, sie benötigten billigen Atom-strom, um Meerwasser zu entsalzen. Mitdem Wasser wolle man die Negev-Wüstefruchtbar machen. Auch die Bundesregierung wurde zu-nächst im Unklaren gelassen – wohl bisauf Franz Josef Strauß. Der CSU-Mannwar offenbar 1961 eingeweiht worden.Das legt ein als „streng geheim“ einge-stufter Vermerk vom 12. Juni 1961 nahe,den Strauß nach einem Treffen mit Peresund Ben-Gurion in Paris diktierte: „Ben-Gurion ist auf die Produktion atomarerWaffen zu sprechen gekommen.“ Über die Gründe des aus Polen stam-ISRAEL SUN / SIPA PRESSmenden israelischen Sozialdemokraten,ausgerechnet den bayerischen Konserva-tiven ins Bild zu setzen, kann man nurspekulieren. Manches spricht dafür, dassJerusalem auf finanzielle Hilfe für dieOperation „Samson“ hoffte. Militärführer Dajan (r.) im Sechs-Tage-Krieg 1967: Sieg mit deutschen Waffen Israel war damals klamm, der Bau derBombe verschlang enorme Summen, undBen-Gurion verhandelte mit Adenauerunter größter Geheimhaltung über einenMilliardenkredit. Den deutschen Ver-handlungsunterlagen zufolge, die nun dieBundesregierung auf Antrag des SPIE-GEL freigegeben hat, wollte Ben-Guriondas Geld ausgerechnet für eine Infrastruk-turmaßnahme in der Negev-Wüste einset-zen. Auch von einer „Meerwasser-Entsal-zungsanlage“ war die Rede. Pläne für eine solche atombetriebenezivile Anlage gab es tatsächlich. Und dieEntwicklung der Negev-Wüste war einesder größten Projekte in der kurzen Ge-schichte Israels. Als der Unionsfraktions-vorsitzende Rainer Barzel in Jerusalemnachfragte, erklärten die Israelis, Wasser-gewinnung durch Entsalzung sei eine„epochale Aufgabe“. Barzels Begleiter no-tierte: „Die erforderliche Atomkraft wer-de international kontrolliert und nicht mi-Vermerke über Gespräch zwischen Schmidt und Dajan 1977: „Verheerende Folgen“litärisch nutzbar sein. Wir könnten da un-besorgt sein.“Gegenüber dem deutschen Verbünde- Als erste Bundeskanzler sahen sich Aber eine atomar betriebene Entsal- ten wählten die Politiker hingegen eineBrandt und Schmidt in den siebziger Jah-zungsanlage wurde nie gebaut, und wasAusdrucksweise, die den wahren Sach- ren mit dem dringenden Wunsch der Is-genau mit den insgesamt 630 Millionenverhalt kaum verschleierte. Als im raelis nach U-Booten konfrontiert. DreiMark aus Deutschland passierte, die bisHerbst 1977 der legendäre frühere Ver- Schiffe sollten in Großbritannien nach1965 überwiesen wurden, ist unklar. Dieteidigungsminister Mosche Dajan nach deutschen Plänen gebaut werden, die dasZahlungen liefen über die KreditanstaltBonn kam, erzählte er Kanzler Helmut Industriekontor Lübeck (IKL) erstellte.für Wiederaufbau in Frankfurt, deren Schmidt von der Angst des ägyptischenDie Ausfuhr der Unterlagen erforderteChef intern erklärte, die Verwendung der Nachbarn, „dass Israel möglicherweisejedoch eine Exportgenehmigung, und umMittel sei „niemals geprüft“ worden. „Al-Atomwaffen benutzen könne“. Dajandiese zu umgehen, vereinbarte IKL mitles spricht dafür, dass die israelische Bom- zeigte Verständnis für die Ägypter, eindem Verteidigungsministerium, die Zeich-be auch mit deutschen Geldern finanziert Einsatz der Bombe gegen den Assuan-nungen gleich auf dem Geschäftspapierwurde“, glaubt Avner Cohen, israelischer Staudamm würde auch nach seiner Ein- einer britischen Werft zu fertigen und mitNuklearhistoriker am Monterey Instituteschätzung „verheerende Folgen“ haben.einer Maschine der Briten ins englischeof International Studies in Kalifornien. Die Existenz einer Kernwaffe dementier-Barrow fliegen zu lassen, wo die Schiffe 1967 hatte Israel wohl seine erste Kern-te er gar nicht erst.zusammengesetzt wurden.waffe zusammengebaut. Fragen zu sei-Längst ging es bei der deutsch-israeli-nem atomaren Arsenal speiste Jerusa- Die ersten U-Boote werdenschen Rüstungskooperation nicht mehrlem mit einer Standardformel ab, dienur um die Sicherheit Israels, es war zu-auf Peres zurückgeht: „Wir werden nichtheimlich in England montiert gleich ein Bombengeschäft für die bun-die Ersten sein, die im Nahen OstenWer aber die Bombe hat, der sucht auch desrepublikanische Industrie.Atomwaffen einführen.“ Diese bewusst nach einem sicheren Lagerungsort und 1977 lief das letzte dieser ersten dreischwammig gehaltene Formulierung ist einer sicheren Abschussrampe. Nach ei- U-Boote in Haifa ein. An die nuklearebis heute offizielle Sprachregelung. nem U-Boot zum Beispiel. Zweitschlagskapazität dachte damals nie- D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 25
  • 17. Titel Rabin wusste, dass in Bonn erst 1982neue „Politische Grundsätze“ für denWaffenexport eingeführt worden waren.Danach durften Lieferungen „nicht zu ei-ner Erhöhung der bestehenden Spannun-gen beitragen“. U-Boote für Israel ermög-lichte diese wachsweiche Formulierungallemal – zumal der alte Genscher-Satzgalt: „Alles, was schwimmt, geht“, weilvon Booten aus gemeinhin nicht aufDemonstranten oder Oppositionelle ge-schossen wird. Den Deutschen hatten die Alliiertennach dem Zweiten Weltkrieg zunächst CONTRAST PRESSuntersagt, große Unterseeschiffe zu bau-en, und so hatte sich der Hoflieferant derdeutschen Marine, die Howaldtswerke-Außenminister Genscher (M.) in Tel Aviv 1991: „Alles, was schwimmt, geht“ Deutsche Werft AG in Kiel, auf kleine,manövrierfähige Boote verlegt, die auchin der Ost- und Nordsee operieren konn-ten. Die Israelis suchten Schiffe, die inähnlich flachen Gewässern navigierenkonnten, entlang der libanesischen Küstezum Beispiel, wo es darum geht, auf See-rohrtiefe zu liegen, den Funkverkehr mit-zuhören und die Geräusche von Schiffs-schrauben mit einer bordeigenen Daten-bank zu vergleichen. Die Israelis holtenAngebote aus den USA, Großbritannienund den Niederlanden ein, aber „diedeutschen Boote waren die besten“, sagtein an der Entscheidung beteiligter Israeli. Wenige Wochen nach dem Mauerfall1989 gab die Bundesregierung – von derÖffentlichkeit fast unbemerkt – grünes APIrakischer Raketenangriff auf Tel Aviv 1991: Mobilmachung der AtomwaffenLicht für den Bau von zwei „Dolphins“,mit Option auf ein drittes Boot.mand; erst als Anfang der achtziger Jahresche Tiefe“, sagt Ajalon. „Für das Land Beinahe wäre der strategische Jahrhun-mehr und mehr israelische Offiziere vonwar der Kauf der U-Boote die wichtigstedert-Deal dann doch noch geplatzt. ZwarUS-Militärakademien zurückkehrten undstrategische Entscheidung.“hatten die Deutschen zugesagt, einen Teilvon den amerikanischen U-Booten Strategische Tiefe. Oder: nukleareder Kosten zu finanzieren, davon aberschwärmten, begann die Diskussion über Zweitschlagskapazität. explizit die Waffensysteme ausgenom-eine Modernisierung der israelischen Flot-Am Ende der Debatte benannte diemen; ein weiterer Zuschuss sollte aus dente – und die nukleare Option.Marine neun Korvetten und drei U-Boote USA kommen. Aber in der Zwischenzeit Zu jener Zeit tobte ein Machtkampf in als Bedarf – „eine größenwahnsinnige hatten die Israelis eine neue Regierungder israelischen Armee. Zwei Planungs- Forderung“, wie der später zum Navy- gewählt, die erbittert über die Investitio-teams entwickelten unterschiedliche Stra-Chef aufgestiegene Ajalon heute zugibt.nen stritt.tegien für die Marine. Die eine Fraktion Doch die Marinestrategen hätten die Hoff- Vor allem der im Juni 1990 ernannteplädierte für neue, größere Raketenkor-nung auf ein haushalterisches Wunder ge- Verteidigungsminister Mosche Arens be-vetten des Typs „Saar“, die zweite für habt.kämpfte den Vertrag – erfolgreich: Dieden Kauf von U-Booten. Israel sei „eine Oder die Hoffnung auf einen reichen Israelis teilten der Werft in Kiel am 30.kleine Insel, auf die 97 Prozent aller Gü- Gönner, der bereit war, ein paar U-Boote November 1990 mit, dass sie von demter über das Wasser gelangen“, sagt Amizu verschenken.Kontrakt zurücktreten wollten.Ajalon, seinerzeit stellvertretender ChefDer Traum von der nuklearen Zweit-der Marine und späterer Leiter des In- Kohl und Rabin machen Israel zuschlagskapazität: perdu? Mitnichten.landsgeheimdienstes Schin Bet. Im Januar 1991 griffen die US-Luft- Schon damals zeichnete sich laut Aja- einer modernen U-Boot-Machtstreitkräfte den Irak an, und Saddam rea-lon ab, „dass im Nahen Osten Kurs in Die beiden Männer, die Israel schließlichgierte, indem er modifizierte „Scud“-Ra-Richtung Atombewaffnung genommen in den Kreis der modernen U-Boot-Mäch- keten auf Tel Aviv und Haifa schießenwurde“, vor allem im Irak. Dass arabischete katapultierten, waren Helmut Kohl ließ. Knapp sechs Wochen lang dauerteStaaten sich ernsthaft für den Bau von und Jizchak Rabin. Rabins Vater hatteder Beschuss. Gasmasken, die zum TeilKernwaffen interessieren, habe Israels schon im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger aus Deutschland stammten, wurden anVerteidigungsdoktrin verändert. „Ein U-in der Jüdischen Legion der britischen die Haushalte verteilt. „Es war ein un-Boot kann als taktische Waffe für ver- Armee gekämpft, er selbst führte die is- fassbares Szenario“, erinnert sich der heu-schiedene Missionen eingesetzt werden, raelische Armee 1967 im Sechs-Tage-tige Verteidigungsminister Barak. In je-aber im Zentrum unserer Diskussionen Krieg als Stabschef zum Sieg. Nach einer nen Tagen seien jüdische Immigrantenin den achtziger Jahren stand die Frage, ersten Amtszeit als Regierungschef Mitte aus Russland in Israel eingetroffen, „de-ob die Marine eine zusätzliche Aufgabe der siebziger Jahre wechselte er 1984 alsnen wir noch auf dem Flughafen Gasmas-erhalten sollte: die sogenannte strategi-Verteidigungsminister ins Kabinett.ken in die Hand drücken mussten, um sie26 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 18. vor Raketen zu schützen, die der Irak mitHilfe der Russen und der Deutschen ge-baut hatte“. Ein paar Tage nach Beginn des „Scud“-Bombardements bat im Kanzleramt eindeutscher Militär um einen Termin, legteeinen geheimen Auswertebericht vor undpräsentierte den Inhalt eines Beutels. Aufdem Tisch breitete er Dutzende Elektro-nikteile aus, Bestandteile des Steuerungs-werks und des Aufschlagzünders der mo-difizierten „Scud“-Raketen, die eines ein-te: Sie waren made in Germany. Ohnedeutsche Technologie keine „Scud“, ohne„Scud“ keine toten Israelis. Deutschland trug wieder einmal eineMitschuld, das war auch die Botschaft,die Hanan Alon bei einer Bonn-Visitekurz nach Kriegsbeginn gegenüber Kohlvorbrachte: „Es wäre sehr unerfreulich,wenn über die Medien herauskommenwürde, dass Deutschland dem Irak gehol-fen hat, Giftgas herzustellen, um uns an-schließend Ausrüstung dagegen zu liefern,Herr Bundeskanzler“, so der hochrangigeMitarbeiter des Verteidigungsministeri-ums. Alon soll, so berichten es israelischeOffizielle, gedroht haben: „Sie wissen ja,dass die Worte Gas und Deutschland zu-sammen nicht sehr gut klingen.“ Die Botschaft saß. „Israel – Deutsch-land – Gas“ habe in der Welt einen „furcht-baren Dreiklang“, warnte AußenministerHans-Dietrich Genscher intern. Am 30.Januar 1991, zwei Wochen nach Beginndes Golfkriegs, sagte die Bundesregierungdie Lieferung von Rüstungsgütern imWert von 1,2 Milliarden Mark zu, darun-ter die komplette Finanzierung von zweiU-Booten mit 880 Millionen Mark. Dashaushalterische Wunder war eingetreten.Israel hatte seinen Gönner gefunden. Wer ein oder zwei U-Boote ordert, derkauft auch ein drittes, so lautet eine Weis-heit der Militärs. Ein U-Boot liegt zumeistim Dock, die beiden anderen lösen sichbei den Operationen ab. „Nachdem wirdie ersten beiden Boote bestellt hatten,war klar, dass wir in ein Geschäft mit Folge-aufträgen eingestiegen waren“, sagt eindamaliges israelisches Kabinettsmitglied. An einem Wintertag 1994 landete ge-gen 18 Uhr auf dem militärischen Teil desFlughafens Köln-Bonn eine Maschine derisraelischen Luftwaffe, deren Passagiereüber die Zukunft Israels und des NahenOstens reden wollten. An Bord waren Ra-bin, mittlerweile Premierminister, sein si-cherheitspolitischer Berater sowie Mos-sad-Chef Schabtai Schavit. Die kleine De-legation fuhr zum Kanzlerbungalow, woHelmut Kohl bereits mit seinem außen-politischen Berater Joachim Bitterlichund seinem GeheimdienstkoordinatorBernd Schmidbauer wartete. An jenem Abend diskutierten Kohlund Rabin den Weg zu einem Frieden imNahen Osten. Gemeinsam mit Jassir Ara-fat und Peres hatte Rabin im selben JahrD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 27
  • 19. Titelmeter breit sind – eine Sonderkonstruk-tion, wie sie auf keinem anderen U-Bootder westlichen Welt zum Einsatz kommt. Welchem Zweck dienen die großenRohre? In einem vertraulichen Vermerkvon 2006 argumentiert die Bundesregie-rung, diese Rohre seien eine „Option zurVerbringung von Spezialkräften und derdruckfesten Stauung von deren Ausrüs-tung“ – Kampfschwimmern zum Bei-spiel –, die durch den schmalen Schachtfür geheime Kommandoaktionen ausge-schleust werden können. So begründenes auch die Israelis.PATRICK BAZ / AFP Vor allem in den USA wird hingegenseit langem darüber spekuliert, ob diebreiteren Schächte für atomar bestückteMarschflugkörper gedacht sein könnten.Gesprächspartner Rabin, Kohl 1995: Nach den Spielregeln einer MännerfreundschaftGenährt wurde der Verdacht durch eineAnfrage der Israelis im Jahr 2000 nachCruise Missiles des Typs „Tomahawk“.Diese haben eine Reichweite von über1600 Kilometern, Nuklearversionen flie-gen sogar rund 2500 Kilometer weit. Wa-shington lehnte diesen Wunsch allerdingszweimal ab. Deshalb sind die Israelis bisheute auf selbstentwickelte Marschflug-körper angewiesen – zum Beispiel „Pop-eye Turbo“. Dessen Einsatz als nukleareTrägerwaffe ist in den „Dolphins“ ohneweiteres möglich. Anders als öffentlich angenommen, hatHDW die israelischen U-Boote statt miteinem Druckluft- mit einem neuartig ent-wickelten hydraulischen Ausstoßsystemausgestattet. Dabei wird Wasser mit HilfeTaufe der „Tekuma“ in Kiel 1998: Revolutionäre Technik durch Brennstoffzellen eines Hydraulikkolbens komprimiert unddie Waffe anschließend mit dem dabeiden Friedensnobelpreis erhalten. Erst-chen Welt vorangetrieben, es entwickelteentstandenen Druck aus dem Schacht ka-mals seit langer Zeit schien eine Einigungsich auch eine spezielle Form der tapultiert.zwischen Juden und Palästinensern mög-deutsch-israelischen Völkerverständi-Die Wucht, die dadurch entsteht, ist al-lich, mit Deutschland als Mittler.gung. Ein halbes Dutzend Israelis arbei-lerdings begrenzt, sie reicht nicht, um eine In Bonn sprach Rabin lange über dastet bis heute dauerhaft auf der Werft.drei bis fünf Tonnen schwere Mittelstre-noch immer schwierige deutsch-israeli-Zwischen den HDW-Technikern und ih- ckenrakete aus dem Boot zu jagen, so sa-sche Verhältnis. Zum Essen überraschteren Angehörigen sowie den israelischengen es jedenfalls Insider. Anders sei es beiKohl dann seine Besucher, indem erFamilien sind teils enge Freundschaften leichteren Flugkörpern mit einem GewichtWeißbier servieren ließ. Die Israelis wa- entstanden, gemeinsam werden Festevon bis zu 1,5 Tonnen wie „Popeye Turbo“ren begeistert. „Das Bier schmeckt toll“, gefeiert. Bei aller Sympathie achten dieoder auch der „Tomahawk“, die samtlobte Rabin. Das Eis war gebrochen. Israelis jedoch stets darauf, dass kein Atomsprengkopf ebenso viel wiegt. An diesem Abend bat der israelischeAußenstehender an die Boote herandarf. Manches spricht daher dafür, dass diePremier die Deutschen um ein drittes U- Selbst Managern von ThyssenKrupp, das Israelis sich mit den erweiterten RohrenBoot. Kohl sagte spontan zu. Gegen Mit- HDW 2005 übernommen hatte, wird der die Option auf künftige voluminösereternacht brachte Schmidbauer Rabin zu-Zutritt verwehrt. „Das Hauptziel allerEntwicklungen offenhalten wollen.rück zum Flughafen. Kohl, der die Spiel-Beteiligter war es, dass es keine öffent-regeln der Männerfreundschaft in der Po-liche Debatte über das Projekt gab, we- Die Deutschen und die A-Frage:litik wie kaum ein Zweiter beherrschte, der in Israel noch in Deutschland“, sagtließ zu Weihnachten 1994 einen Kasten Ex-Marine-Chef Ajalon. Deshalb liegt biskeine Fragen, keine ProblemeWeißbier nach Israel schicken.heute ein Schleier der GeheimhaltungDie Deutschen wollen davon nichts wissen, Ein paar Monate nach dem Geheimbe- über allem, auch, was die Ausrüstung dersie wollen, dass die A-Boote offiziell U-such von Bonn, im Februar 1995, wurde Schiffe betrifft. Boote bleiben. „Jedem von uns war un-der Vertrag für U-Boot Nummer drei, dieZu den Besonderheiten zählt die spe- ausgesprochen bewusst, dass die Boote„Tekuma“, unterzeichnet, bei der Deutsch- zielle Ausstattung der nach dem erstenauf die Bedürfnisse der Israelis zugeschnit-land 220 Millionen Mark übernahm. Schiff benannten „Dolphin“-Klasse. An-ten wurden und dass das auch nukleareders als herkömmliche U-Boote verfügenFähigkeiten umfassen konnte“, sagt einDie gutgeschützten Geheimnisse derdie „Dolphins“ im stählernen Bug nichtwährend der Kohl-Ära beteiligter deut-nur über Torpedorohre von 533 Millime-scher Spitzenbeamter, „aber es gibt in derWerft in Kiel tern Durchmesser. Auf speziellen Wunsch Politik Fragen, die man besser nicht stellt,In Kiel wird seitdem nicht nur eines derder Israelis entwarfen die HDW-Techni-weil die Antwort ein Problem wäre.“ Undgeheimsten Rüstungsprojekte der westli- ker vier zusätzliche Rohre, die 650 Milli-bis heute erklären Genscher und auch der28D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 20. TitelUPI / LAIFIranische Raketenparade in Teheran 2011: „Keine Gnade für die Schwachen“ehemalige Verteidigungsminister Volker ten Vermerk von Finanzstaatssekretär des Völkerrechts. Tatsächlich ist ein Ein-Rühe (CDU), sie glaubten nicht, dass Israel Karl Diller an den Haushaltsausschuss satz der U-Boote in einem Krieg mit Irandie U-Boote nuklear bestückt habe.des Bundestags vom 29. August 2006.unwahrscheinlich, solange Teheran keine Militärexperten der Bundeswehr zwei-Frei übersetzt heißt das: Ausgeliefert Atomraketen besitzt – auch wenn die is-feln wiederum nicht an der Atomwaffen- wird ein konventionelles U-Boot, was die raelische Regierung in der Vergangenheitfähigkeit, sie bezweifeln aber, ob sich auf Israelis damit machen, ist ihre Sache. Die die „Samson“-Option mindestens zwei-der Basis der „Popeye Turbo“ Marsch- Bundesregierung, so hatte es schon 1999 mal erwogen hat.flugkörper entwickeln lassen, die 1500 Ki- die damalige Staatssekretärin Brigitte Die militärische Lage nach dem Über-lometer weit fliegen können.Schulte geschrieben, könne „keine Bestü- raschungsangriff der Ägypter und Syrer Manche Rüstungsfachleute vermuten ckung ausschließen, zu der die Betreiber- während des Jom-Kippur-Feiertages 1973daher, dass die israelische Regierung bluf- marine nach entsprechender Umrüstung war so verzweifelt, dass Ministerpräsiden-fe – Iran solle glauben, dass der Juden- in der Lage wäre“.tin Golda Meïr – wie man heute aus Ge-staat bereits über eine Zweitschlagskapa-heimdienstberichten weiß – ihrem Vertei-zität zur See verfüge. Schon das würde Krieg um die Bombe: der Konfliktdigungsminister Mosche Dajan den BefehlTeheran zwingen, große Ressourcen zurerteilte, mehrere Atombomben gefechts-Abwehr zu mobilisieren. Der Erste, der zwischen Israel und Iranbereit zu machen. Die Kernwaffen wur-öffentlich Verdacht schöpfte, dass die Seit 2006 hat sich der Konflikt zwischen den zu Luftwaffeneinheiten transportiert.Bundesrepublik Israels atomare Aufrüs- Israel und Iran stetig verschärft. Die Ge- Kurz bevor die Gefechtsköpfe scharf ge-tung beförderte, war Norbert Gansel. Im fahr eines Krieges ist real. Seit Monaten macht werden sollten, wendete sich je-Bundestag erklärte der Kieler Sozialde- bereitet Israel die Regierungen der Welt doch das Blatt auf dem Schlachtfeld. Isra-mokrat, dass die SPD die Lieferungen und die internationale Öffentlichkeit auf els Streitkräfte gewannen die Oberhand,von „für nukleare Missionen geeignete eine Bombardierung der nuklearen An- die Bomben wanderten zurück in ihre un-U-Boote“ an Israel ablehne. lagen von Natans, Fordu und Isfahan mit terirdischen Bunker. Mindestens einen Vorstoß hat die Bun- modernsten konventionellen, bunkerbre- Und in den ersten Stunden des Golf-desregierung immerhin unternommen, chenden Waffen vor. Premierminister kriegs 1991 wurde von einem amerikani-um die A-Frage zu klären. Das war 1988, Benjamin Netanjahu und sein Verteidi- schen Satelliten registriert, dass Israel aufals Verteidigungsstaatssekretär Lothar gungsminister Barak sind davon über- den Beschuss mit irakischen „Scud“-Ra-Rühl während eines Besuchs in Israel bei zeugt, dass sich das Zeitfenster schließt, keten mit der Mobilisierung seiner Atom-dem damaligen stellvertretenden Gene- in dem ein solcher Angriff effektiv sein streitmacht reagiert hatte. Israelischeralstabschef Ehud Barak nachfragte, was könnte – weil Iran dabei sei, einen großen Analysten hatten fälschlicherweise ange-der „operative und strategische Sinn der Teil seiner Nuklearanreicherung tief unter nommen, die „Scuds“ wären mit GiftgasBoote“ sei. Baraks Antwort: „Wir brau- die Erde zu verlegen. armiert. Offen blieb, wie Jerusalem ge-chen sie für die maritime Vorfeld- Günter Grass sieht in den U-Booten, handelt hätte, wenn eine mit Nervengassicherung.“ Der Israeli verwies auf die deren „Spezialität darin besteht, allesver- bestückte „Scud“-Rakete ein Wohnviertelägyptische Seeblockade im Golf von Aka- nichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu getroffen hätte.ba vor dem Sechs-Tage-Krieg. Gegen so können, wo die Existenz einer einzigenWie nahe die Welt heute einem neueneinen Schritt wolle man gewappnet sein. Atombombe unbewiesen ist“, den mögli- Krieg ist, wissen wohl nur Netanjahu undDas klang plausibel, geglaubt hat Rühl es cherweise entscheidenden Schritt zu ei- der iranische Revolutionsführer Ali Cha-ihm nicht.ner nuklearen Katastrophe im Iran-Kon- menei. Der israelische Premierminister Der Brisanz des Themas war sich bis- flikt. Weltweit hagelte es Protest. Israel und sein iranischer Gegenspieler hättenlang jede Bundesregierung bewusst. Als und Iran auf eine Stufe zu stellen sei „eines gemeinsam“, sagt Walther Stützle,das Bundesfinanzministerium 2006 die „nicht geistreich, sondern absurd“, kon- der ehemalige Staatssekretär im Bundes-Mittel für die Finanzierung der U-Boote terte Außenminister Guido Westerwelle verteidigungsministerium: „Die Lust amNummer 4 und 5 anmelden musste, wan- (FDP). Netanjahu sprach von einem „ab- Konflikt. Greift Israel an, schlüpft Iranden sich die Ministerialen spürbar. Das soluten Skandal“, sein Innenminister ver- aus der Täter- in die Opferrolle.“ Ein le-vorgesehene Waffensystem sei „für die bot Grass die Einreise nach Israel.gitimierendes Mandat der Uno werde esVerwendung nuklear bestückter Flugkör- Aber der Schriftsteller fand auch Zu- für einen Waffengang nicht geben, Israelper nicht tauglich. Die U-Boote werden stimmung. Grass habe eine wichtige De- würde zum Rechtsbrecher, argumentiertdamit nicht für den Verschuss von Nukle- batte angestoßen, sagt SPD-Mann Gansel, Stützle, der heute bei der Stiftung Wis-arwaffen gebaut und ausgerüstet“, heißt denn Netanjahus „Schwadronieren über senschaft und Politik wirkt. „Wahrees in einem als Verschlusssache eingestuf- den Präventivkrieg“ gehe an den Nerv Freundschaft“, glaubt er, „verlangt, dass30 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 21. Titeldie Kanzlerin Netanjahu in den Arm fälltMerkel hat das wie ihr Vorgänger ten gebe es kein strategisches Hinterland.und ihn vom Waffengang abhält. Zur Schröder, der 2005 noch am letzten Ar-Nur der Luftraum und die See seien Puf-Schutzpflicht Deutschlands gegenüber Is- beitstag im Amt die Lieferung der U-Boo-ferzonen. „Wir brauchen dieses sechsterael gehört, den jüdischen Staat vor selbst- te 4 und 5 genehmigen ließ, von AnfangBoot“, soll Netanjahu während seinesmörderischen Abenteuern zu bewahren.“ an anders gesehen. Für die Kanzlerin gab Berlin-Besuchs nach Angaben von Teil- Helmut Schmidt ging – lange vor der es nie einen Zweifel, dass sie tun würde, nehmern gesagt haben – verbunden mitGrass-Debatte – noch weiter. „Hier wagt was Jerusalem wünscht – auch um dender Bitte, dass Deutschland dafür zahle,kaum einer, Kritik an Israel zu üben, aus Preis, damit gegen die eigenen Rüstungs- wie bislang noch bei jedem der Boote.Angst vor dem Vorwurf des Antisemitis- exportrichtlinien zu verstoßen. Das im Merkel formulierte in ihrer Antwortmus“, sagte der Altkanzler im Gespräch Jahr 2000 unter der rot-grünen Koalitiondrei inhaltliche Wünsche. Die Israelis soll-mit dem jüdischen US-Historiker Fritz novellierte Regelwerk erlaubt zwar bei ten ihre expansive Siedlungspolitik stop-Stern. Dabei sei Israel ein Staat, „der „besonderen außen- oder sicherheitspoli- pen, die eingefrorenen Steuergelder derdurch seine Siedlungspolitik auf der tischen Interessen“ die Lieferung von palästinensischen AutonomiebehördeWestbank und länger schon im Gaza- Kriegswaffen in Staaten, die nicht der EU freigeben und ein Klärwerk im Gaza-Streifen eine friedliche Lösung praktisch oder der Nato angehören. Aber für Kri- Streifen, das Deutschland finanziert,unmöglich macht“. Schmidt prangert an, senregionen gibt es eine eindeutige Vor-müsse weitergebaut werden dürfen. Ent-dass sich die Bundeskanzlerin de facto gabe: Die Lieferung „wird nicht geneh-scheidend, so die Kanzlerin, sei aber größ-in Geiselhaft begeben habe. „Ich frage migt in Länder, die in bewaffnete Ausein- te Verschwiegenheit. Wenn Einzelheitenmich, ob es aus Nähe zur amerikanischen andersetzungen verwickelt sind oder wo durchsickerten, sei der Deal nicht zu ma-Politik geschah oder aus unklaren mora- eine solche droht“. Dazu zählt Israel ohne chen, der Widerstand im Bundestag wür-lischen Motiven, dass Frau Merkel als Frage. Die Kanzlerin hat das ebenso we-de zu groß werden. Die Einzelheiten, dar-Kanzlerin 2008 öffentlich gesagt hat, dass nig von dem Deal über U-Boot Nummer auf verständigten sich die beiden Regie-Deutschland Verantwortung trage für die 6 abgehalten wie Benjamin Netanjahus rungschefs, sollten Christoph Heusgen so-Sicherheit des Staates Israel. In meinen fehlendes Entgegenkommen. wie Netanjahus Sicherheitsberater UziAugen eine schwere Übertreibung, das Arad besprechen.klingt fast nach einer Art Bündnisver- Der Deal um U-Boot Nummer 6Arad ist als impulsiver Charakter undpflichtung.“ Hitzkopf bekannt, der kein Problem da- Für Schmidt ist klar, dass Berlin eine und nichterfüllte Wünschemit hat, die Deutschen zu beschimpfen.Politik der Abenteuer nicht mittragen Im August 2009 stellte sich Netanjahu, Als Merkel im Juli 2009 im Bundestagdarf. Er zieht dabei klare Grenzen: der wenige Monate zuvor zum Premier- eine Rede gehalten und dabei Israel we-„Deutschland hat eine besondere Verant- minister (wieder-)gewählte Chef des kon- gen der Siedlungspolitik kritisiert hatte,wortung dafür, dass solche Verbrechen servativen Likud-Blocks, in Berlin vor.rief Arad im Kanzleramt an und decktewie der Holocaust sich niemals wieder- Netanjahu erklärte Merkel, wie wichtigHeusgen mit einer ganzen Salve wüsterholen. Deutschland hat keine Verantwor- die U-Boote seien: Wohin ein Israeli auchBeschwerden ein. Das Telefonat endetetung für Israel.“schaue, im Norden, im Süden und im Os-mit der Forderung, Merkel solle sich nichtZIV KOREN / POLARIS / LAIFIsraelisches U-Boot im Einsatz: „Nie wieder lassen wir uns zur Schlachtbank führen“32 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 22. nur entschuldigen, sondern die Aussagen die Aussage überliefert, zu Netanjahu von den Motoren fast nichts mehr“, sagtzurückziehen. müsse man keinen Ton mehr sagen, weil der zuständige Marineoffizier. Mit 20 Dass Arad die Verhandlungen führen er ohnehin nicht zuhöre.Knoten und mehr kann die „Tekuma“sollte, verzögerte die Gespräche über dasAber soll die Bundesregierung deshalbdurchs Wasser pflügen, ein ebenso kraft-sechste Boot noch einmal. Schließlich bat die U-Boot-Produktion anhalten? Es wäre volles wie geschmeidiges Raubtier. AberNetanjahu den israelischen Botschafter in ein Signal an die Israelis, dass Deutsch- die Kunst, sagt der Marinemann, sei dieBerlin, Joram Ben-Zeev, einzuspringen.land mit seiner Unterstützung auch in-langsame Fahrt, in der Nähe der feind- Am 28. November 2011 kehrte Ben- haltliche Forderungen verbindet; aber eslichen Küste, überall dort, wo die israeli-Zeev nach Ende seiner Amtszeit zurück käme auch einer Einschränkung der Soli- sche Marine im Verborgenen operiert undnach Israel. Er stand im Garten seinesdarität gleich, was Merkel nicht will.wo die „Tekuma“ und ihre Schwesterboo-Hauses in Zahala, einem Vorort von Tel Die Kanzlerin hat eine Chance ver- te sich wie auf Zehenspitzen an ihr ZielAviv, als sein Handy klingelte. Am ande-passt, mit einem der wenigen Hebel, überherantasten.ren Ende war Jaakov Amidror, Netanja- die die deutsche Regierung verfügt, aufDer Offizier sieht sein Boot als „einenhus neuer Sicherheitsberater. die israelische Regierung Einfluss zu neh-der Orte, an denen Israel verteidigt wird“,„Sitzt du?“, fragte Amidror.men, die auf palästinensischem Territori- er spricht mit fester Stimme, die keinen„Ich stehe in meinem verwahrlostenum als Besatzungsmacht auftritt. Anfang Zweifel lässt, dass er tun wird, was immerGarten“, antwortete Ben-Zeev. Mai ist in Kiel das vierte Boot, dienötig ist, wenn er sein Heimatland be-„Netanjahu hat noch eine Bitte“, sagte„Tanin“, zu Wasser gelassen worden; die droht sieht. „Die israelische Marine hatAmidror. „Die Deutschen sind bereit,Auslieferung ist für Anfang 2013 geplant. dieses Boot gebraucht“, sagt er.den U-Boot-Deal zu unterschreiben. Du U-Boot Nummer 5 soll 2014 folgen, Num- Er hat die Debatte um das Gedicht vonmusst sofort das nächste Flugzeug nachmer 6 bis 2017. Günter Grass verfolgt, er sagt, er sei über-Berlin nehmen.“Für die Israelis sind die neuen Booterascht gewesen von der Heftigkeit der Am Ende vereinbarten Ben-Zeev undbesonders wichtig, weil sie mit einer tech- Diskussion. Seine Familie stammt ausHeusgen die noch offenen Details am Te- nischen Revolution ausgerüstet sind: demDeutschland, seine Großeltern entkamenlefon, und am 20. März 2012 wurde der Antrieb mit Brennstoffzellen, der die dem Holocaust. Sie flohen 1934 aus einemVertrag in der Residenz des israelischenSchiffe noch leiser und ausdauernderMünchner Vorort, gehörten später zurBotschafters in Berlin unterschrieben. Ba-macht. Früher mussten die „Dolphins“Gründergeneration Israels. „Wir könnenrak, der Verteidigungsminister, war ei- nach ein paar Tagen auftauchen, um diedie Vergangenheit nicht vergessen“, sagtgens eingeflogen, für die deutsche SeiteDieselmotoren anzuwerfen und die Bat- er, „aber wir können alles tun, einen neu-unterzeichnete Rüdiger Wolf, der Vertei-terien für die weitere Unterwasserfahrt en Holocaust zu verhindern.“digungsstaatssekretär. Weil die israelische aufzuladen. Der neue, von der AußenluftDer Marineoffizier wird wohl noch lan-Regierung wieder einmal finanzielle Pro-unabhängige Antrieb verbessert die Ein- ge an Bord eines U-Boots gebraucht. Inbleme hat, kam ihr die Bundesregierungsatzmöglichkeiten der Boote enorm: DieTel Aviv, Berlin und Kiel reden sie schonerneut entgegen. Deutschland zahlt 135Zeit für die Unterwasserfahrt wird sich davon, dass die Israelis bald die U-BooteMillionen Euro, ein Drittel des Boots, Je-im Vergleich zu der ersten „Dolphin“-Se-7, 8 und 9 bestellen wollen.rusalem erhält zudem eine Stundung sei- rie mindestens vervierfachen; 18 TageRONEN BERGMAN, ERICH FOLLATH,nes Anteils und muss erst 2015 zahlen.und mehr erlaubt die Brennstoffzelle un-EINAT KEINAN, OTFRIED NASSAUER,Netanjahu bedankte sich daraufhin artig ter Wasser. Der Persische Golf vor IransJÖRG SCHMITT, HOLGER STARK, THOMASmit einem handverfassten Schreiben. Küste ist als Operationsgebiet nicht mehrWIEGOLD, KLAUS WIEGREFE Die Enttäuschung im Kanzleramt ist unerreichbar, der Wertarbeit aus Deutsch-dennoch groß. Grund ist die Ignoranz, land sei Dank. Video:mit der Netanjahu auf Merkels Anliegen Im Hafen von Haifa schnurren die Die- Im Inneren des gehei-reagierte. Israels Siedlungspolitik schrei- selmotoren auf der „Tekuma“, so dass men Atom-U-Bootestet unvermindert voran, der Bau des Klär- man sich gerade noch unterhalten kann. Für Smartphone-Benutzer:werks ruht. Nur die Steuermillionen wur-Draußen auf See, wenn es ernst wird undBildcode scannen, etwa mitden freigegeben. Von der Kanzlerin istalle Systeme sauber arbeiten, „hört mander App „Scanlife“.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 33
  • 23. Deutschland ENERGIEWENDE AbgeklemmtDas Missmanagement beim Umbau der deutschen Stromversorgung kommt die Verbraucher teuer zu stehen, die hohen Preise werden zum Armutsrisiko. Hunderttausende sitzen bereits im Dunkeln. Die Bundesregierung fürchtet eine Gerechtigkeitsdebatte.N ach zwei Wochenregierung selbst. Vor allem kommt die ersteder ungebremste Ausbau Mahnung. Nach drei der hochsubventioniertenWochen die zweite. In der Photovoltaik-Anlagen treibtvierten Woche klingelt es anden Strompreis nach oben,der Tür: der Vattenfall-Mon-ohne dass damit ein entspre-teur. Er hat einen schwarzenchender Nutzen für die Ver-Werkzeugkoffer unter demsorgung verbunden wäre.Arm; nun wird es ernst. Eigentlich wollten UnionAminta Seck, 39, hat es und FDP die Solarförderungschon zweimal erlebt. Wennlängst kürzen. Doch dersie dem Mann vom Elektri- Bundesrat hat das Gesetzzitätswerk jetzt kein Geldeinstweilen blockiert, undgibt, um wenigstens einen es sieht nicht so aus, als wür-Teil seiner Forderung zu be-den sich die Beteiligtengleichen, wird er den Strom noch vor der Sommerpauseabklemmen. Dann sitzen sieauf einen Kompromiss ver-und ihr dreijähriger Sohn ständigen.Liam in ihrer Zwei-Zimmer- Ein Jahr ist es her, dassWohnung wie im finsterender Bundestag unter demMittelalter: ohne Licht, ohne Eindruck der Reaktorkata-funktionierenden Herd und strophe im japanischen Fu-Kühlschrank, ohne Fernseh-kushima den Beschluss fass-bild. te, so schnell wie möglich Um mehr als zehn Pro-alle Atomkraftwerke abzu-zent ist der Strompreis ge- schalten und möglichststiegen, seit die schwarz-durch erneuerbare Energiengelbe Koalition regiert – das zu ersetzen. Doch über dieist zu viel für die arbeitslose Kosten des Ausstiegs wirdDekorateurin aus dem Ber- erst jetzt ernsthaft diskutiert.liner Bezirk Prenzlauer Nach dem Rauswurf ihresBerg. „Etwa jeder zehnteUmweltministers Norbert WOLFGANG RATTAY / REUTERSHaushalt hat derzeit Proble-Röttgen hat Bundeskanzle-me, die steigenden Energie- rin Angela Merkel die Ener-kosten zu bezahlen“, sagt giewende zur Chefsache er-Holger Krawinkel vom Bun- hoben, doch zentrale Fragendesverband der Verbrau- sind bis heute ungeklärt.cherzentralen.Wer finanziert das angebli- Rund 200 000 Hartz IV- Kanzlerin Merkel*: Versprechen wird nicht gehaltenche „Gemeinschaftswerk“Empfängern wurde im ver- (Merkel)? Wo verläuft die fi-gangenen Jahr wegen unbezahlter Rech- Das Bundeswirtschaftsministerium rech-nanzielle Belastungsgrenze, wann schlägtnungen der Strom gesperrt, so eine Schät- net intern mit drei bis maximal fünf Cent die positive Haltung der Wähler zumzung des Paritätischen Gesamtverbands. pro Kilowattstunde, die in den nächstenAtomausstieg in Frust über steigende Kos-Die Verbraucherzentrale Nordrhein-West- zwölf Monaten hinzukommen, um Öko-ten um?falen geht in einer Hochrechnung sogar stromsubventionen und Netzausbau zu„Ich bin wegen der Entwicklung dervon jährlich etwa 600 000 Betroffenen aus. bezahlen. Eine dreiköpfige Familie würde Strompreise sehr besorgt“, sagt Bundes-Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozial- demnach mit 105 bis 175 Euro im Jahr zu-wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP)verbands VdK, spricht von „Stromarmut“ sätzlich belastet. und spricht von einem „Kampf um dieund einer „eklatanten Verletzung sozialerFür Verbraucherschützer und Sozial-Bezahlbarkeit von Energie“. Thomas Ba-Grundrechte“.verbände steht auch fest, wer für denreiß, der energiepolitische Koordinator Und die nächste Erhöhung steht bereits Anstieg verantwortlich ist: die Bundes- der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, pro-an. „Der Strompreis wird jetzt steigen, phezeit: „Wir werden eine massive Dis-das ist ganz klar“, sagt Jochen Homann, * Beim Besuch des Netzbetreibers Amprion am vergan- kussion bekommen, wer die Energiewen-Chef der staatlichen Bundesnetzagentur. genen Dienstag im rheinischen Pulheim.de bezahlt.“34 D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 24. Mangelnden Gerechtigkeitssinn und so- binettskollegen Röttgen drang Rösler mit lich über sechs Cent“ pro Kilowattstun-ziale Kälte will sich die Kanzlerin nicht seinen Plänen nie durch; nun hofft er,de – das wäre dann ein Aufschlag vonvorwerfen lassen, schon gar nicht im Jahr dass Röttgen-Nachfolger Altmaier der Sa-fast 70 Prozent.vor der Bundestagswahl. Und so machen che aufgeschlossener gegenübersteht. Die Hauptursache lässt sich auf deut-sich führende Köpfe der Koalition Gedan- Der Strompreis-Anstieg ist für die Re- schen Dächern besichtigen. Allein die bisken darüber, welches Mittel gegen die gierenden auch deshalb so blamabel, weilEnde 2011 installierten Solaranlagen müs-steigenden Strompreise helfen könnte, sie bis vor kurzem behaupteten, sie hät-sen von den Stromkunden in den nächs-auch um von den Versäumnissen der ver- ten die Kosten im Griff. Merkel hatte beiten 20 Jahren mit real 100 Milliarden Eurogangenen zwölf Monate abzulenken.ihrer Rede zur Energiewende vor einembezuschusst werden. Und in den ersten Die Liste der Vorschläge reicht von So- Jahr im Bundestag eine Art Preisgarantie Monaten dieses Jahres kamen noch ein-zialtarifen für Geringverdiener bis zu ei- abgegeben. „Die Unternehmen genausomal mindestens fünf Milliarden Euro annem neuen milliardenschweren Förder- wie die Bürgerinnen und Bürger inHilfen hinzu.programm für erneuerbare Energien und Deutschland müssen auch in Zukunft mit Doch für viele Geringverdiener undSpeicherkapazitäten. „Strom darf nicht bezahlbarem Strom versorgt werden“, so Arbeitslose ist die Belastungsgrenze er-zum Luxusgut werden“,reicht, wie das Beispiel vonsagt der neue Umweltminis- Aminta Seck aus Prenz-ter Peter Altmaier (CDU) lauer Berg zeigt. Als Allein-und kündigt an, sich bald- erziehende bekommt siemöglichst mit den Wohl-vom Amt insgesamt 860fahrtsverbänden zusam- Euro pro Monat. Davonmenzusetzen (siehe Inter-sind 40 Euro vor allem fürview Seite 37).Strom gedacht, so regelt es Abgeordnete von Union das Gesetz.und FDP werben in ihren In der Realität reicht dasFraktionen bereits dafür,Geld aber nicht aus. Ob-die beim Haushaltsstromwohl Seck aus ihrer altenaufgeschlagene Ökosteuer Wohnung bereits in eineabzuschaffen. So könne der kleinere umgezogen ist, feh-Strompreis für die Bürgerlen jeden Monat ein paarper Saldo vorerst stabil blei- Euro, die sie am Ende desben. Andere Parlamenta-Jahres dann in Summerier sind dafür, den Finanz- nachzahlen muss. „Im Som-minister anzugehen. Einmer komme ich mit demZuschuss aus Steuermitteln Stromgeld hin“, sagt sie,soll helfen, die neuen „aber im Winter, wenn esStromtrassen von Nord- dunkel ist, klappt das ein-nach Süddeutschland zu be- fach nicht.“zahlen. Die Konsequenz: Ist der Strom einmal ab-Entweder müssten die geschaltet, wird es für dieStaatsausgaben an andererBetroffenen schwierig, sichStelle gekürzt oder dieaus der Schuldenfalle zu be-Steuern erhöht werden. freien. Neben den offenen An einem neuen Finan- Rechnungen müssen sie biszierungsmodell für den zu 80 Euro dafür zahlen,Ökostrom arbeitet Bundes-dass der Strom wieder an-wirtschaftsminister Rösler.geschaltet wird. „MeineDas Erneuerbare-Energien-Kunden warten mindestensGesetz (EEG), das die Kos- eine Woche darauf, im Ex-ten von Solardächern,tremfall hat es schon bis zuWindrädern und Biogas- zwei Monaten gedauert“,VARIO IMAGESanlagen per Zwangsumlage sagt die Sozialarbeiterin Re-den Stromkunden auf- nate Stark, die bei der Ca-drückt, will er am liebstenritas in Prenzlauer Bergabschaffen. „Die geplante Bau eines Strommastes: Opfer für die Ökowendeeine Beratung für säumigeKürzung bei den Photovol-Stromkunden anbietet.taik-Subventionen ist nur ein erster die Kanzlerin damals. „Die EEG-Umlage Die Folgen der Energiewende machtenSchritt“, sagt Rösler. soll nicht über ihre heutige Größenord-sich bei ihr bereits bemerkbar. „Früher Zu den Alternativkonzepten, die seine nung hinaus steigen.“kam höchstens ein Klient im Monat zuFachleute derzeit duchrechnen, gehörtDieses Versprechen wird die Kanzlerinmir, weil er seine Stromrechnung nichtein Vorschlag der Monopolkommission. nicht halten können. Im Herbst wird diebezahlen konnte“ sagt Stark, „heute sindDemnach würde die Regierung den Bundesnetzagentur eine Zahl verkünden,es mindestens 30.“Stromversorgern künftig eine bestimmte die um 30 bis 50 Prozent höher ist als derUmso erstaunlicher ist, wie lässig dieÖkostromquote vorschreiben. Wie diese heutige Wert. Statt wie bislang 3,59 Cent Politiker bislang über die sozialen FolgenQuote erfüllt wird, bliebe jedoch den pro Kilowattstunde Strom, werden dieihres Projekts hinwegsahen, und zwar inUnternehmen überlassen. Die Fachleute Verbraucher für die Subventionierungallen Lagern. Während sich Regierungglauben, dass die Investoren dann die je- von Ökostrom dann voraussichtlich zwi-und Opposition monatelang über die Fra-weils kostengünstigste Energietechnik ein- schen 4,7 und 5,3 Cent bezahlen müssen – ge zanken konnten, ob Hartz-IV-Empfän-setzen. Für die Stromkunden würde es zuzüglich Mehrwertsteuer. CDU-Energie- ger nun fünf Euro mehr oder weniger be-dadurch billiger. Bei seinem früheren Ka- experte Bareiß spricht sogar von „womög-kommen sollten, gab es bei den Subven-D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 235
  • 25. bewusst, dass sie die Hauptlast bei derEnergiewende tragen sollen, währendsich für Industrie und Energiekonzerneein Förder-Dorado auftut. Den gebeutel-ten Stromkunden stehen subventionsver-wöhnte Geschäftemacher wie der Solar-fabrikant Frank Asbeck gegenüber, deres mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetzzum Multimillionär mit Privatschloss,Jagdrevier und Maserati gebracht hat.THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL Der Unternehmer bekam am Dienstagvergangener Woche gleich einen Terminbeim neuen Umweltminister Altmaier,um diesem seine Sicht der Dinge dar-zulegen. Auch für die am Netzausbau be-teiligten Investoren wird sich die Energie-Hartz-IV-Empfängerin Seck, Sohn Liam: Jeden Monat fehlen ein paar Eurowende lohnen. Die staatlich garantierteRendite auf ihr Eigenkapital liegt bei etwationen für Solardachbesitzer im Prinzip Geringverdiener über seine Stromrech- neun Prozent; von einer solchen Verzin-eine große Koalition. nung den Eigenheimbesitzer mit Solar- sung können Normalsterbliche mit Ries- Alle Parteien wollten irgendwie ökodach subventioniert, schien die vom grü-ter-Rente nur träumen.sein. Manche Politiker wussten auch gar nen Zeitgeist erfasste SPD nicht zu „Die Privathaushalte sollen für die plan-nicht so genau, wie das System funktio- stören. Das Geld dient ja der Solarkraft, lose Energiewende zahlen“, sagt Holgerniert. Der damalige Minister Röttgenalso einer „guten Sache“, so etwa der Krawinkel von der Verbraucherzentrale,etwa war ganz überrascht, als er – eher SPD-Umweltpolitiker Ulrich Kelber. Da „das geht nicht.“ Und Ulrich Schneidergegen Ende seiner Amtszeit – davon hör- brauche man sich über die paar Cent vom Paritätischen Gesamtverband kün-te, dass Hartz-IV-Empfänger ihre Strom- nicht aufzuregen. Und die Grünen warendigt Proteste an. „Wir können nur dannrechnung von ihrem normalen Satz be-ohnehin der Auffassung, dass man fürauf erneuerbare Energien setzen, wennzahlen müssen.die „ökologische Transformation der wir die Kosten gerecht verteilen“, so Auch die Oppositionsparteien sahen Gesellschaft“ finanzielle Opfer bringen Schneider. „Wer mit der Energiewendegroßzügig über die skurrile Umvertei- müsse.Wahlkampf macht, muss auch erklären,lungswirkung der Ökostromförderung Doch nun scheint die Stimmung zu kip-wer sie bezahlen soll.“hinweg. Dass der zur Miete wohnende pen. Den Bürgern wird mehr und mehr ALEXANDER NEUBACHER, CATALINA SCHRÖDER
  • 26. Deutschlandder Vergangenheit verbesserungsbedürf-tig war. Durch den Wechsel im Amt des„Strom ist kein Luxusgut“Umweltministers besteht jetzt die Chance,solche Blockaden zu überwinden.SPIEGEL: In Ihrer eigenen Partei forderndie ersten Wirtschaftspolitiker schon, dieAtomkraftwerke länger laufen zu lassen, CDU-Bundesumweltminister Peter Altmaier, 53, über die Fehler wenn die Energiewende nicht gelingt. seines Vorgängers Norbert Röttgen, den schleppendenAltmaier: Die Energiewende ist akzeptiert, Netzausbau und die Frage, wer den Atomausstieg bezahlen soll auch beim Wirtschaftsflügel meiner Par-tei. Sie muss jetzt aber auch ein Erfolgwerden. Deshalb ist es meine Aufgabe,die Reibungsverluste der Umweltpolitikmit der Wirtschaft zu verringern.SPIEGEL: Das Umweltressort ist bekanntdafür, sich die Realität schönzurechnen.So geht es davon aus, dass der Stromver-brauch in der Zukunft sinkt. In Wahrheitist die Tendenz eher steigend. Wie wollenSie auf der Grundlage solcher Prognosendie Stromversorgung eines großen Indu-strielandes binnen weniger Jahre kom-plett umstellen?Altmaier: Die Energiewende kann gelin-gen, aber nur, wenn wir von realistischenGrundannahmen ausgehen. In keiner un-serer Broschüren fehlt der Hinweis, dass35 Prozent unseres Stroms bis zum Jahr2020 aus erneuerbaren Energien stammensollen. Ob wir dieses Ziel erreichen undwas wir dafür tun müssen, hängt jedocherkennbar von der Frage ab, wie hochder Stromverbrauch im Jahr 2020 über-haupt sein wird. Nur wer das realistischeinschätzen kann, weiß auch, welcheMaßnahmen er ergreifen muss, um dasZiel zu erreichen.SPIEGEL: Was folgern Sie daraus?Altmaier: Ich habe angeordnet, bis zurSommerpause die Prognosen, mit denenwir bisher arbeiten, zu überprüfen, ins-besondere im Hinblick darauf, was wirbisher erreicht haben und was nicht. Dasgilt für unsere Erwartungen an den künf-tigen Stromverbrauch genauso wie fürdie Einsparszenarien etwa durch mehr THOMAS IMO/PHOTOTHEK.NETEnergieeffizienz. Auch die Ausbauzielebei den erneuerbaren Energien werdenwir uns noch einmal genau ansehen. DieWirtschaft wird nur in den Umbau inves- Asse-Besucher Altmaier*tieren, wenn sie unsere Ziele und Pro-gnosen für realistisch hält.SPIEGEL: Man hat den Eindruck, die Kanz-SPIEGEL: Herr Minister, was hat Ihr Vor-nigen Stellen, etwa beim Netzausbau, hin- lerin habe mit dem verlorenen letztengänger Norbert Röttgen falsch gemacht?ter unseren Zeitplänen her. Das könnenJahr der Energiewende nichts zu tun.Altmaier: Ich glaube, er hat viel richtig ge- wir uns nicht leisten.Altmaier: Nur weil es Versäumnisse gab,macht. Er hat versucht, der Umweltpolitik SPIEGEL: Ihre Berufung ändert nichts an ist das erste Jahr der Energiewende docheinen höheren Stellenwert zu verschaffen. den Konstruktionsmängeln der Energie- nicht verloren. Der Netzausbau und derDas war nicht leicht, gerade zu Beginnwende. Nach wie vor gibt es kein Ener-Ausbau der erneuerbaren Energien wa-seiner Amtszeit, als die Laufzeit der Kern- gieministerium und auch keinen Energie- ren nicht hinreichend abgestimmt. Daskraftwerke erst einmal verlängert wurde.koordinator im Kanzleramt.stimmt. Beim Ausbau der SolarenergieSPIEGEL: Wenn alle so zufrieden mit Rött- Altmaier: Die Energiewende ist ein Projekt, haben wir unsere Ziele weit übertroffen,gen sind – warum setzt die Kanzlerin dann bei dem von vielen Seiten politische Füh- bei den Netzen noch lange nicht erreicht.auf einen Neustart in der Energiewende? rung gefragt ist. Wahr ist aber, dass das Das hat dazu geführt, dass die Energie inAltmaier: Die Kanzlerin hat gesagt, dassZusammenspiel zwischen unterschiedli- vielen Fällen nicht bis zum Verbraucherwir für die Energiewende neuen Schwungchen Akteuren, zwischen den Ministerien transportiert werden kann.brauchen. Das ist auch mein Eindruck. oder zwischen Politik und Wirtschaft, inSPIEGEL: Die Probleme beim NetzausbauEs war richtig, die Energiewende einzu- fangen damit an, den Strom von denleiten, aber inzwischen hinken wir an ei- * Am vergangenen Freitag. Windanlagen in der Nordsee an Land zu D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 37
  • 27. Deutschland schränke, die viel Strom fressen, und kön- nen sich teure Energiesparlampen nicht leisten. Jetzt sollen sie auch noch mehr für den Strom zahlen. Die Küchengeräte von gutverdienenden Selbständigen und Top-Beamten dagegen sind meist auf dem neuesten Stand. Und einige von ihnen haben noch Solaranlagen auf dem Dach, mit denen sie Subventionen kassieren. Wird die Energiewende zur neuen sozia- len Frage? Altmaier: Das müssen wir verhindern. SPIEGEL: Die Frage bleibt: Wie wollen Sie verhindern, dass die Strompreise steigen? Altmaier: Grundsätzlich halte ich die Kür- zung der Solarförderung für den richtigen INGO WAGNER / DPA Ansatzpunkt, um steigenden Stromprei- sen wirksam zu begegnen. Die Förderung der Solarenergie mag am Anfang nötig gewesen sein, um den Aufbau der erneu-Windpark in der Nordsee: „Die Energiewende ist nicht umsonst zu haben“ erbaren Energien in Gang zu bringen. Jetzt geht es darum, den Marktmechanis-bringen. Vor allem der Netzbetreiber Ten- auch die Rente steigt nicht mit demmen wieder Geltung zu verschaffen. Esnet klagt, er könne die nötigen Investi- Strompreis. darf keinen unbeherrschbaren Ausbautionen in Höhe von 15 Milliarden Euro Altmaier: Über die besondere Situation der Photovoltaik geben. Ich will abernicht stemmen. Muss jetzt der deutsche bei einkommensschwachen Haushaltenauch, dass es in Deutschland weiter eineStaat einspringen? werde ich mit den Wohlfahrtsverbänden Solarindustrie gibt, die auf den Weltmärk-Altmaier: Nun mal langsam. Bevor wir reden. Die Belastungen beim Strompreisten eine Chance hat. Deshalb müssen wirüber gravierende Maßnahmen wie eine müssen erträglich bleiben. Der Staat ist nach Lösungen suchen, etwa im HinblickStaatsbeteiligung sprechen, möchte ich da gefordert, Hilfen anzubieten. Stromauf unfaire Wettbewerbspraktiken auslän-daran erinnern, dass Tennet schlicht eine darf nicht zum Luxusgut werden. Oftdischer Anbieter.vertragliche Verpflichtung zu erfüllen hat. fehlt den Menschen aber das Bewusstsein, SPIEGEL: Die steigenden Strompreise sindEs gibt aber einen Punkt, wo der Staat dass es einfache Einsparmöglichkeiten nur ein Grund für den Unmut über dieunter Umständen helfen kann: bei der wie Energiesparlampen gibt. Energiewende. Viele Menschen wehrenFrage des Haftungsrisikos für einen feh- SPIEGEL: Die Wahrheit ist doch eine ande- sich dagegen, dass riesige Stromautobah-lerhaften oder verspäteten Netzanschluss. re. Sozial Schwächere haben oft alte Kühl- nen durch ihre Heimat gebaut werdenDa will ich mit Wirtschaftsminister Phil-sollen. Wie wollen Sie das Wutbürger-ipp Rösler bis zur Sommerpause eine ver- Problem in den Griff kriegen?nünftige Lösung auf den Tisch legen. Lange Leitungen Altmaier: Der Volksentscheid über Stutt-SPIEGEL: Der Boom bei den Solaranlagen Stromnetzbetreiber und dergart 21 hat gezeigt, dass beides geht: Manführt dazu, dass die Umlage auf die geplante Ausbau der Stromtrassen kann die Bürger in einem transparentenStromverbraucher von derzeit 3,6 CentVerfahren an der Planung von Großpro-pro Kilowattstunde wohl bald auf über 5jekten beteiligen – und Großprojekte aufCent steigen wird. Eine Durchschnitts- den Weg bringen. Die EnergiewendeStromtrassefamilie muss dann im Jahr etwa 50kann nur gelingen, wenn die Stromleitun-Euro mehr für den Strom bezahlen,gen von Norden nach Süden auch in Ge-von weiteren Kosten für die Netzegenden gebaut werden, wo die Menschenganz abgesehen. Wie wollen Sie davon unmittelbar keinen Nutzen haben.einen Anstieg der Stromkosten ver-TenneTTSODer Gesamtnutzen für alle besteht darin,hindern? dass die Stromversorgung stabil und be-Altmaier: Die neuen Zahlen erfahrenzahlbar bleibt. Das müssen wir erklären. 50Hertzwir im Herbst. Davor spekuliereSPIEGEL: Was halten Sie von der Idee, dieich nicht über steigende Strom-Betroffenen an den Stromtrassen wirt-preise. Grundsätzlich war je-schaftlich zu beteiligen?doch von Anfang an klar, dassAmpiron Altmaier: Ich bin jetzt seit ungefähr zehndie Energiewende nicht umsonst Tagen Minister, und in dieser Zeit habezu haben ist. Richtig ist auch,ich ungefähr 30 gutgemeinte und attrakti-dass es einen Kostendruck gibt,150 km ve Vorschläge gehört, wie man dieses Pro-weil wir die Ziele bei der Solar-blem und andere Probleme lösen kann.energie um das Doppelte über-Sie haben alle nur einen Haken: Sie füh-troffen haben. Für installierteren zu weiteren Belastungen für dieSolaranlagen gibt es finanzielle Zu- Stromkunden. Wir können sie aber nichtsagen für 20 Jahre, was den Strom- endlos strapazieren. Uns ist nicht gehol-preis belastet.fen, wenn die Wutbürger ihren Wider-SPIEGEL: Wie sollen Rentner oder Sozial- TransnetBWstand gegen den Trassenausbau einstel-hilfeempfänger mit solchen Zusatzkos-len – und dann die Energiewende wegenten klarkommen? Bei den Hartz-IV-Re- steigender Preise nicht mehr akzeptieren.gelsätzen werden die Preissteigerungen INTERVIEW: KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,nicht automatisch berücksichtigt, und Quelle: Netzentwicklungsplan PETER MÜLLER38 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 28. Deutschland OPPOSITION Bündnis für Bonds In der Euro-Krise standen SPD und Grüne bisher stramm an derSeite der Kanzlerin. Nun wächst in beiden Parteien derWunsch, sich stärker abzugrenzen: weniger Merkel, mehr Hollande.B erlin-Mitte, Admiralspalast: Wo auch sie trauen sich nicht, klare Alterna- sonst E-Gitarren dröhnen, ist jetzt tiven zur Regierungspolitik zu formulie- der Mensch Frank-Walter Stein- ren. Beide Parteiführungen eint die Angstmeier gefragt. „Würden Sie sich persön- vor dem Volkszorn. Wer vermeintlich fau-lich eine Welt wünschen, in der Banken len Südländern auch noch Geld hinter-keinen Gewinn machen dürfen?“, fragt herwerfen will, gerät öffentlich schnell inihn der Buchautor Richard David Precht. eine Minderheitenposition. „Sie als Sozialdemokrat! Von ihren Doch in beiden Parteien sieht sich dieÜberzeugungen her! Nicht als Realpoliti- Spitze gefordert, die Kanzlerin in derker!“, bohrt er weiter. „Können Sie sich Euro-Frage unter Druck zu setzen. Beidas vorstellen?“ den Grünen wird der Wunsch nach einem Donnerstagabend vergangener Woche, Parteitag laut, der Alternativen zu Mer-Steinmeier und Precht reden mit dem kels Euro-Politik debattieren soll. UndOccupy-Vordenker David Graeber über bei den Sozialdemokraten wird inzwi-die internationale Finanzwelt. „Ach“, win- schen flügelübergreifend eine Kurskor-det sich Steinmeier, „es geht doch nicht rektur gefordert. „Ich bin dafür, dass diedarum, ob ich mir das vorstellen kann.“SPD sich proeuropäisch aufstellt“, sagt „Doch“, raunen Zuhörer in den Sitz- etwa der baden-württembergische SPD-reihen, aber der SPD-Fraktionschef sagt: Wirtschafts- und Finanzminister Nils„Auch in 50 Jahren wird man es noch mit Schmid, „damit grenzen wir uns von derinternationalen Finanzinstitutionen zu Bundesregierung ab.“tun haben, Gefährdungen müssen nunSchmid ist beileibe niemand, der zumSozialdemokrat Gabriel, Sozialist Hollande: Dervermieden werden.“ Dünner Applaus. linken Rebellentum neigen würde. Dass Steinmeier bleibt Steinmeier, er gibt sich nun einer wie er zu Wort meldet,Doch wenn er über seine eigene Parteijenes staatstragende Bild ab, das die Op- zeigt, wie ernst die Lage ist. Bis weit inspricht, klingt er kein bisschen fröhlicher.position seit Wochen und Monaten vor den rechten Parteiflügel hinein suchen„Offenbar haben wir vor François Hol-allem dann zur Schau stellt, wenn es um die Genossen nach Alternativen zu Mer-lande noch mehr Angst als vor Angeladie derzeit drängendste, größte politische kels Euro-Kurs, aus inhaltlichen, aber Merkel“, sagt Roth. „Anders kann ich esFrage geht: die Lösung der europäischen auch aus strategischen Gründen. Es geht mir nicht erklären, dass wir momentanKrise. um den bevorstehenden Bundestags-wieder ständig betonen, wie gut wir die Deutschland ist mit seinem Einsatz für wahlkampf und die Frage, ob sich diedeutschen Interessen wahren, statt für ei-einen harten Sparkurs international zu- deutsche Opposition stärker an Meinungs-nen solidarischen Weg aus der Krise fürnehmend isoliert. Doch umfragen oder den Po-ganz Europa zu werben“, so der Abge-statt das zu nutzen undsitionen ihrer europäi-ordnete. „Da sind wir Frau Merkel or-Angela Merkel im Schul-schen Schwesterparteiendentlich auf den Leim gegangen.“terschluss mit ihren aus-orientieren sollte. Was er meint: Statt Alternativen zurländischen Kritikern zuMichael Roth hat dazuPolitik der Bundesregierung zu formulie-attackieren, haben sicheine klare Meinung. Es ist ren, sei die SPD ängstlich darauf bedacht,SPD und Grüne bislangder Donnerstag vergange- nur ja nicht als „Vaterlandsverräter“ ab-an die Seite der Kanzle- ner Woche, der europapo- gestempelt zu werden. An den Stamm-rin gestellt.litische Sprecher der SPD- tischen der Republik würde das verhee- Währenddessen macht Bundestagsfraktion war-rend wirken, und dort wird eben auchder neue französischetet in Madrid auf seinen SPD gewählt.Präsident François Hol-Rückflug, hinter ihm liegtEntsprechend groß ist die Angst derlande der deutschen Op-ein politischer Kurzbe-Parteispitze vor den eigenen Wählern,position vor, wie es ge- such. „Wenn man schlech- etwa beim Thema Euro-Bonds. „Die fan-hen könnte. Mit seinen te Laune hat, sollte man den wir erst recht vernünftig, wenn sieForderungen nach Euro- nicht hierher fahren“, sagtan Bedingungen geknüpft sind“, sagtCHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELBonds und Wachstums- der Generalsekretär derRoth. „Aber dann haben einige unsererprogrammen bedrängt er Hessen-SPD am Telefon. Leute plötzlich kalte Füße bekommen.“die Kanzlerin, während „Die wird hier garantiert Tatsächlich gab es vor nicht einmal ei-die SPD-Führung über noch schlechter.“nem Jahr kaum ein Interview der SPD-Euro-Bonds am liebsten Roth hat mit VertreternSpitze, das nicht den dringenden Appellnicht mehr reden würde.der spanischen Sozialis- enthielt, möglichst rasch europäische Ge- Ähnlich zaghaft kom- Grüner Trittin ten gesprochen, einermeinschaftsanleihen einzuführen. Beson-men die Grünen daher, Kein starker Hebel Schwesterpartei der SPD. ders tat sich dabei die Troika aus Partei-40D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 29. Mut und die Kraft haben, unsere alterna-tiven Positionen zu formulieren und beiAbstimmungen durchzuhalten.“ Und derHaushaltspolitiker Sven Kindler sagt: „Die-ser Fiskalpakt steht für die ökonomischverheerende Sparpolitik Merkels, dieEuropa immer tiefer in die Krise führt. Diedeutsche Opposition hat eine Mitverant-wortung, diesen Irrweg zu korrigieren.“ Der Forderungskatalog der grünenEuro-Rebellen ist so lang, dass es den Ver-handlungsführern schwindlig werdenkönnte: ökologisch abgestimmte Kon-junkturimpulse, eine Finanztransaktion-steuer, eine Vermögensabgabe zur Schul-dentilgung, die Einführung von Euro-Bonds, alles steht bei einem Kongress derParteilinken am kommenden Wochen-ende auf der Tagesordnung. Doch der Hebel, den die Grünen-Füh-rung in der Hand hat, ist nicht allzu stark.Im Bundestag kann Merkel auch dannauf die nötige Zweidrittelmehrheit hoffen,wenn nur die SPD mitstimmt. Und imBundesrat haben die Grünen über ihreRegierungsbeteiligungen in den Ländernnur ein Mitspracherecht. Parteichef CemÖzdemir versucht deshalb, die Erwartun-gen zu dämpfen: „Wir wären schlecht be-raten, nicht mehr entlang der Sache zuAXEL SCHMIDT / DAPDentscheiden, sondern aus prinzipiellen Er-wägungen heraus auf drastische Positio-nen zu setzen.“ Am vergangenen Freitag gab die Partei-französische Präsident macht der deutschen Opposition vor, wie es gehen könnteführung dem Druck dennoch nach. Wennsich die Verhandlungen mit der Bundes- chef Sigmar Gabriel, Fraktionschef Stein- Auch die Grünen-Spitze gerät unter regierung über den Fiskalpakt bis in den meier und dem ehemaligen Finanzminis-Druck, in der Euro-Krise eine klare Hal-Herbst ziehen, wird es Anfang September ter Peer Steinbrück hervor.tung gegen die Regierung einzunehmen. einen Sonderparteitag geben. Wenn nicht,Doch nun herrscht ein ganz andererUnter Führung des Bundestagsabgeord-würde ein kleiner Parteitag Ende Juni über Ton. „Was sind Euro-Bonds?“, fragte Ga-neten Gerhard Schick und des ehema- das Stimmverhalten der Grünen befinden. briel kürzlich im ARD-Interview. „Dasligen Parteichefs Reinhard Bütikofer ver- Jetzt müssen Fraktionschef Jürgen Trittin sind gemeinschaftlich garantierte Schul- langten jüngst etwa 50 einflussreiche Grü-und seine Mitstreiter möglichst viel her- den. Das wird es in der Allgemeinheit ga-ne aus der zweiten und dritten Reiheausholen, um sich eine Abrechnung mit rantiert nicht geben.“ einen Sonderparteitag, um über die Posi-ihrem Europakurs zu ersparen.Stattdessen führt die SPD jetzt recht-tion der Partei zu entscheiden. Es sindAuch die Genossen haben harte Debat- liche Bedenken ins Feld. EntscheidendRealos wie Linke, Landes- und Europa- ten über den Fiskalpakt vor sich. Beim dürfte aber vor allem sein, dass laut Um-politiker, die unzufrieden sind.Parteikonvent Mitte Juni dürfte das The- fragen weit mehr als zwei Drittel der Bei den Grünen ist es weniger das Reiz-ma eine wichtige Rolle spielen. Deutschen gegen Euro-Bonds sind. wort Euro-Bonds, das den Zorn der BasisDie Spitzen der Opposition verschär-Doch viele Genossen wünschen sich,erregt. Stattdessen wenden sich die Funk- fen schon mal den Ton, wie am vergan- auch mal unpopuläre Wahrheiten aus-tionäre vor allem gegen den Fiskalpakt, genen Freitag im Kanzleramt deutlich zusprechen. „Meiner Meinung nach wer-mit dem Merkel die europäischen Partner wurde. Dorthin waren sie geladen, um den wir diese Krise nicht lösen, wennim vergangenen Jahr auf das Modell derabermals über die Bedingungen zu reden, Deutschland sich nicht endlich für einedeutschen Schuldenbremse einschwor. unter denen sie dem Fiskalpakt zustim- Form gemeinsamer Haftung öffnet“, sagtDie grünen Kritiker wollen kein kate-men könnten. Vorstandsmitglied Niels Annen. „Diegorisches Nein zum Fiskalpakt, sondern Zu Beginn teilte Kanzleramtsminister Leute haben ein Recht darauf, dass wir substantielle Veränderungen. Trotzdem Ronald Pofalla ein Papier aus und bot le- ihnen das ehrlich sagen, statt den Ein-liest sich ihr offener Brief wie eine Miss- diglich an, bei Bedarf Fragen zu beant- druck zu erwecken, Haushaltsdisziplintrauenserklärung an die Parteispitze: „Zu worten. Doch die rot-grünen Verhand- allein werde das Problem schon lösen.“ wenig ist in letzter Zeit deutlich gewor- lungsführer wollten sich von Pofalla nichtÄhnlich denkt der baden-württember- den, dass uns darin, was jetzt getan wer- behandeln lassen wie einst der CDU-Bun- gische Finanzminister Schmid, der eben-den muss, sehr viel vom Kurs der Bundes-destagsabgeordnete Wolfgang Bosbach falls einen europaweiten Oppositions-regierung unterscheidet.“ („Ich kann deine Fresse nicht mehr se- bund für Gemeinschaftsanleihen schmie-Mitinitiator Schick sieht die Frage auch hen“). Und so blaffte einer der Opposi- den will. Für ihn sind Euro-Bonds „nachals eine Art Reifeprüfung für die Opposi- tionsvertreter zurück: „Wir sind hier nicht wie vor ein Ziel“. Die SPD, sagt er, stehe tionspartei: „Wenn wir ernsthaft den An-Ihr Bosbach.“ „hinter der Idee der Vergemeinschaftungspruch haben, die führende Kraft der lin-RALF BESTE, CHRISTOPH HICKMANN, von Schulden“. ken Mitte zu sein, müssen wir auch den GORDON REPINSKID E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 241
  • 30. Deutschland len eine solch belastende PA R L A M E N TRegelung auf den Weg brin- Bekehrung im gen kann, ist mir schleier- haft“, erregte sich Aigners Parteifreund, der CSU-Grunewald Mann Max Straubinger, vor kurzem in der Unions- fraktion. Das eigentliche Thema der Sitzung – der Agrarministerin Ilse Aigner willRauswurf von Umwelt-den Schenkelbrand bei Pferdenminister Norbert Röttgen – verbieten. Damit treibt sie einen geriet in den Hintergrund.Auch Bundesarbeits-weiteren Spalt in die Koalition. ministerin Ursula von der Leyen (CDU), die ihreE s gibt wenige Minister, die von der Töchter am Wochenende Bedeutung ihres Amtes so vollstän-gern zu Reitturnieren dig durchdrungen sind wie Guido durch Niedersachsen kut-Westerwelle. Meldet sich der Bundes- schiert, zeigt sich gewohntaußenminister in der wöchentlichen Ka- meinungsstark. „Großar-binettssitzung zu Wort, dann geht es stets tig“ sei Straubingers Inter-um die wichtigen, um die ganz großen vention, lobte sie per Text-Fragen der Welt. Die Aufstände in Syrien mitteilung, als der seineetwa oder die atomare Abrüstung. Schimpftirade in der Frak- ANDRE RIVAL / AGENTUR FOCUS Und so warteten die Kollegen am vor-tion noch gar nicht been-vergangenen Mittwoch gespannt, was der det hatte.Chefdiplomat der Republik wohl dieses Der Schenkelbrand-Dis-Mal zur Weltlage beizutragen hätte. Nun, kurs bringt auch den neu-sagte Westerwelle, heute wolle er sich en Parlamentarischen Ge-mal als „Privatperson“ äußern. schäftsführer der Unions- Er könne beim besten Willen nicht ver-FDP-Politiker Westerwelle: Private Wortmeldungfraktion in Schwierigkeiten.stehen, warum die Kollegin Ilse Aigner Mit Michael Grosse-Brömerdas Brandzeichen für Pferde untersagen brennungen dritten Grades und sei Tier- ist ein bekennender Befürworter an diewolle. Das Schenkelbrand-Verbot sei „un- quälerei.Fraktionsspitze aufgerückt. Schon in seinerverhältnismäßig“, kritisierte der Vize-Hort des Widerstands gegen die Aigner- Eigenschaft als Chef der niedersächsischenkanzler a. D., dessen Lebenspartner in Pläne sind die Bundesländer, in denen Landesgruppe im Bundestag hatte er gegenAachen das sogenannte „Weltfest desmit Pferden Geld verdient wird. So will Aigners Tierschutznovelle mobilgemacht.Pferdesports“ organisiert. Schleswig-Holstein, Sitz berühmter Tra-„Das Brandzeichen der Hannoveraner Die ungewöhnliche Kabinetts-Interven- kehner-Gestüte, das fälschungssichere ist wie ein Mercedes-Stern, und Mercedestion des Außenministers zeigt, dass manBrandzeichen unbedingt behalten. 35 000 käme bestimmt nicht auf die Idee, aufzu den großen Streitthemen der schwarz-Pferdezüchter und Pferdefreunde unter- das Erfolgssymbol zu verzichten“, ließ ergelben Koalition – Euro-Rettung, Betreu- schrieben dort kürzlich eine Protestnote. sich zitieren. In seinem neuen Job mussungsgeld, innere Sicherheit – nun noch In Niedersachsen kann sich Minister- er jetzt dafür sorgen, dass Aigners Reformein weiteres dazurechnen muss: den präsident David McAllister kaum noch in der Fraktion eine Mehrheit erhält.Schenkelbrand. Die Landwirtschafts-auf einer Reitveranstaltung blicken lassen,Vom Berichterstatter der Unionsfrak-ministerin will in ihrer Novelle des Tier- ohne sich äußern zu müssen. „Unsere tion für den Tierschutz kann sich Aignerschutzgesetzes Schluss machen mit derPferde sind in der ganzen Welt berühmt keine Hilfe erwarten. Dieter Stier, ein ge-jahrhundertealten Tradition, auf dem lin-und begehrt. Die Pferdezucht ist in Nie- lernter Zootechniker aus Sachsen-Anhalt,ken Hinterschenkel die Herkunft der Pfer-dersachsen ein wichtiger Wirtschafts- zählt zu den bekennenden Schenkel-de zu markieren. zweig. Die Herkunft der Tiere muss ein- brand-Befürwortern. Stier unterstützte „Da seit Jahren das elektronische Chip- wandfrei nachweisbar sein“, sagt er. eine Einladung der Deutschen Reiter-pen zur Kennzeichnung von Pferden vor- Ein Riss zieht sich in der Schenkel- lichen Vereinigung. Bei einer „prak-geschrieben ist, ist die bisherige Ausnah- brand-Frage quer durch die Regierungs- tischen Demonstration der Kennzeich-meregelung für das Brandzeichen hinfäl-parteien. „Wie eine Politikerin aus Ober- nung von Fohlen mittels Schenkelbrand“lig“, sagt Aigner. „Der Tierschutz hat für bayern ein Jahr vor entscheidenden Wah- sollten Bundestagsabgeordnete von derdie Bundesregierung hohe Priorität.“Harmlosigkeit der Kennzeichnung mit Mit Hingabe streiten sich die Koalitio-dem Brenneisen überzeugt werden.näre um die Frage, was mehr schmerzt: Die Veranstaltung fand bereits im ver-das Brennen eines Kennzeichens mit ei-gangenen Jahr statt, und die Teilnehmernem 800 Grad heißen Eisen oder eine waren offenbar beeindruckt. Der Unions-Mini-Operation, mit der ein Chip am Umweltpolitiker Ingbert Liebing etwa ist CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELMähnenkamm eingepflanzt wird. seit der Vorführung im Berliner Grune- Die Befürworter der traditionellen wald erst recht vom Schenkelbrand über-Heißbrand-Methode argumentieren, derzeugt. Er habe nicht erkennen können,Schmerz sei bei den Tieren schnell vor- dass vom Brennen eine Gefahr für diebei, der Chip dagegen könne ein Pferde- Tiere ausgehe, sagt er: „Das Fohlen hatleben lang durch die Muskulatur wan-nur einen kleinen Satz zur Seite ge-dern. Pure Propaganda, kontern die Ministerin Aignermacht.“Gegner, das Brenneisen verursache Ver- „Tierschutz hat hohe Priorität“ PETER MÜLLER42 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 31. DeutschlandFI RST LADY Wider den Weihrauch 25 Jahre lang kommentierte Daniela Schadt als Journalistin die große Politik. Nun fliegt sie mit Präsident Gauck durch dieWelt – und hilft ihm, nicht abzuheben. Von Markus FeldenkirchenIm historischen Kaisersaal auf dem Öl- „Stört es Sie, wenn ich die Schuhe aus-berg von Jerusalem mal wieder das ziehe?“, fragt Schadt. Dann macht sie esübliche Bild. Der Bundespräsiden hatsich auf dem Sofa bequem.eine warme Ansprache gehalten, große Schön wäre es natürlich, wenn manWorte, große Emotion, nun tummeln sichjetzt auch noch rauchen dürfte, wie frü-die Gäste des Empfangs um Joachim her im Flieger, aber die Zeiten sind leiderGauck. Sie wollen ihn sprechen, ihm dan-vorbei. Man lästert ein wenig über denken, ihn berühren. Als sei der MessiasZeitgeist der Vernunft, der allen Spaß ver-doch noch ins Heilige Land zurückge-schlingt, dann sagt Schadt einen ihrerkehrt.typisch ironischen Schadt-Sätze: dass ja In einer Ecke des Saals steht seineohnehin alles schlechter werde, und dieLebensgefährtin und betrachtet das im-Frage nur sei, wann das eigentlich ange-mer dicker werdende Knäuel aus Men- fangen habe.schen. Sie hält ein kühles Glas Wasser inEs müsse wohl zu jener Zeit gewesender Hand und pustet die Luft nach oben. sein, sagt sie, als in ihrer Redaktion beiIsrael glüht an diesem letzten Donners- der „Nürnberger Zeitung“ der „Pirelli-tag im Mai, es fehlt die Klimaanlage. Die Kalender“ mit nackten Frauen von derLuft steht träge und feucht im Saal, es Wand durch einen Kalender mit lang-müffelt.weiligen Landschaftsaufnahmen ersetzt„Na ja, für uns ist es ja noch erträglich worden sei. „Ich fand das doof“, sagt diehier“, sagt Daniela Schadt und blickt wie-First Lady.der hinüber zum Knäuel, wo ihr MannEs ist ein weiter Weg von der Redak-fast erdrückt wird. „Aber wie heiß muss tionsstube in Nürnberg mit ihren Pirelli-es erst für Seine Seligkeit sein?“Kalendern bis ins Schloss Bellevue. Sie Moment. Hat sie ihren Lebensgefähr-sagt, dass es ihr nicht leichtgefallen sei,ten, den Freund der großen, weihevollen,sich von der eigenen Arbeit zu verab-oft pastoralen Worte gerade als „Seineschieden. Gut 25 Jahre lang schrieb sieSeligkeit“ bezeichnet?für die „Nürnberger Zeitung“, immer„Nein, nein“, sagt Schadt und mussüber Politik, erst als freie Mitarbeiterin, Paar Gauck, Schadt: „Wer sagt, der 30. Kommentarlaut lachen. „So weit ist es dann dochdann als Volontärin, am Ende leitete sienoch nicht.“ Gemeint ist Theophilos III., mit einem Kollegen das Politikressort.jeder: „Da schreibt nicht Daniela Schadt,der orthodoxe Patriarch der Heiligen Im „Stern“ stand neulich ein Text mitsondern Joachim Gauck.“Stadt Jerusalem, der berufsbedingt mitder superoriginellen Überschrift „Schade Vielleicht muss man ihre Entscheidungschwerem schwarzem Umhang erschie-Dani!“, in dem ihr die Kündigung übel-nüchterner betrachten, Frauenbewegungnen ist. Zugetraut hätte man es ihr trotz-hin, Feminismus her, und sich fragen, wel-dem.che Perspektive die interessantere ist: Daniela Schadt, 52, seit drei MonatenIm Schloss Bellevue wirdNach 25 Jahren in der PolitikredaktionFirst Lady des Landes, ist mit ihrer tro- sie mehr Einfluss auf die der „Nürnberger Zeitung“ die Jahre 26,ckenen, nüchternen Art jedenfalls ein ge- 27, 28, 29 folgen zu lassen oder das Land,sunder Kontrast zu Joachim Gauck, mit Spitzen der Politik haben ja die Welt aus einer neuen, höchst privi-dem sie zwar nicht verheiratet ist, den legierten Rolle zu erleben?sie nach zwölf Jahren Beziehung aberals zuvor bei der Zeitung.„Wer sagt, der 30. Kommentar zur Pfle-„meinen Mann“ nennt.gereform sei spannender als das, was ich Sollte Gauck, dessen hoher Ton imgenommen wurde. „Eigentlich warst dujetzt mache, der hat einen an der Waffel“,hohen Amt nicht niedriger zu werden eine von uns. Ein Working Class Girl. So- sagt Schadt. Sie hält kurz inne und schautscheint, am Ende doch auf dem Teppich gar eine mit Führungsaufgabe!“, schrieb zum Sprecher des Präsidialamts, der ge-bleiben, dann wird das auch an dieser die Autorin. „Und jetzt ist alles vorbei.“rade in die Kabine gekommen ist. „OderFrau liegen. Schadt weiß, dass viele Frauen ihren wie sagt man das jetzt diplomatisch?“ Auf dem Rückflug von Tel Aviv nach Schritt kritisieren, gerade in diesen frau- „Einen an der Waffel ist schon richtig“,Berlin bittet sie am späten Abend in eine enpolitisch bewegten Zeiten. Aber sie sagt der Sprecher.Privatkabine des neuen Airbus der Flug- habe doch keine andere Wahl gehabt, ver- Ihren eigenen, politischen Kopf hat siebereitschaft. Gemütliches Schummerlicht,teidigt sie sich, sie sei eben politische mit dem Umzug nach Berlin jedenfallsWohnzimmeratmosphäre, zwei Sofas, ein Journalistin. „Etwas anderes Gescheites nicht in Nürnberg gelassen. Sie wird sichCouchtisch, tief unten Bukarest. Ein ge-habe ich nun mal nicht gelernt.“ Undnicht auf das „Sonderprogramm“ beischniegelter Steward serviert Wein in gro-wenn sie jetzt weiter die große Politik Reisen des Präsidenten beschränken, dasßen Gläsern.kommentieren würde, dann denke doch politisch korrekt nicht mehr „Damenpro-44D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 32. Als Journalistin verfolge sie, was da ge- schrieben werde, natürlich besonders in- teressiert, sagt Schadt auf ihrem Flugzeug- Sofa. Gerade jetzt, da sie einen tieferen Einblick habe, als man ihn als Journalist haben könne. Die Sache mit Röttgen sei in den Medien falsch bewertet worden. An der Geschichte mit der Staatsräson sei hingegen etwas dran. „Es ist nicht je- der deutsche Politiker, der nach Israel kommt, verpflichtet, ,Staatsräson, Staats- räson, Staatsräson‘ zu rufen.“ Bei jeder Nennung des Wortes schnippt sie mit den Fingern.In ihren Kommentaren in der „Nürn- berger Zeitung“ ließ Schadt eine eher konservativ-liberale Haltung erkennen. Und fast immer verteidigte sie in ihren Texten Angela Merkel: gegen Kritik aus der eigenen Koalition – und erst recht gegen die Opposition: „Merkel in der Offensive“ oder „Respekt, Frau Merkel“. Schadt schätzt die Kanzlerin.Als First Lady wird sie vermutlich mehr Einfluss auf die Spitzen der Republik ha- ben als bislang bei der Zeitung. Auf das Verhältnis zwischen Merkel und ihrem Mann jedenfalls könnte sie ebenso er- dend wirken, wie sie das auch bei ande- ren Gelegenheiten tut.Im Gästehaus der Deutschen Botschaft in Den Haag luden Gauck und sie die mit- reisenden Journalisten neulich zu einem Gespräch in kleiner Runde. Eben erst hat- te der Präsident die große Festrede zum niederländischen Befreiungstag gehalten, DOMINIK BUTZMANN/LAIF große, richtige Worte, alle waren glück- lich, alle zufrieden mit ihm, die Holländer, die deutsche Delegation und natürlich auch Gauck selbst.Man saß auf fürstlichen Sesseln, umge-zur Pflegeversicherung sei spannender als das, was ich jetzt mache, der hat einen an der Waffel“ ben von goldenem Stuck und Wandkron- leuchtern unter einem barocken Decken-gramm“ genannt wird. Sie bespricht sich nicht mehr der Jüngste, also entschuldige, gemälde, und Gauck wurde gefragt, obin allen wesentlichen Fragen mit ihremaber du bist ja jetzt auch nicht mehr 20 …“er, der als Bürger der DDR eng mit denMann. Sie macht ihm, der für einen Prä-Es ist diese Art, mit der sie immer wie-Freiheitsbewegungen Osteuropas vertrautsidenten noch immer erstaunlich frei- der den Weihrauch verscheucht, der rundsei, überhaupt einen Bezug zu den Nie-zügig redet, die öffentliche Wirkung sei- um Gauck aufzusteigen droht, entfachtderlanden habe.ner Worte bewusst.entweder von ihm selbst oder von denNa und ob die Niederlande ihm nahe Die großen Fragen an Gaucks Präsi- vielen, die ihn verehren.gewesen seien, antwortete Gauck, geradedentschaft lauten ja, ob seine Offenher- Das Präsidenten-Flugzeug nähert sichwegen ihres mutigen Freiheitskampfes.zigkeit vereinbar ist mit den diplomati-Berlin, Schadt nippt an ihrem Rotwein, „Sie müssen sich den 13-jährigen Gauckschen Zwängen des Amts und ob er sich das Gespräch soll bald enden. „Noch fünf vorstellen, wie er abends im Bett seinenentweder um Kopf und Kragen reden Minuten.“ Höchste Zeit, um über Angela ,Egmont‘ las.“ Er meinte das große Trau-wird oder ob am Ende nichts mehr vonMerkel zu reden und über die Spannun-erspiel über den niederländischen Frei-jenem eigenwilligen Charakter übrig gen zwischen der Kanzlerin und ihrem heitskämpfer Lamoral Graf von Egmond.bleibt, der ihn in das Präsidentenamt ge- Mann, der ersten Frau und dem ersten „Ja, ja, ich habe überhaupt viel Schillerführt hat. Gauck selbst spricht von einem Mann des Staates.gelesen, damals“, schob Gauck noch hin-„Selbstversuch mit offenem Ausgang“. Den Medien war aufgefallen, dassterher. Neulich wurde Schadt im Beisein ihresGauck bei der Verabschiedung von Nor- Schadt sah ihren Mann irritiert an.Mannes gefragt, wie dieser Selbstversuchbert Röttgen gewohnt warme Worte ge- „Ähm, Jochen, der ,Egmont‘ ist aber vonwohl ausgehen werde. Sie sei sich sicher, funden hatte, während Merkel kaltenGoethe.“dass noch eine große Portion JoachimBlickes danebenstand. Sie werteten das„Was?“Gauck übrig bleiben werde, antwortete sie.als eine bewusste Spitze des Präsidenten. „Der ist von Goethe, der ,Egmont‘.Dann sah sie ihren Mann lächelnd von der Während der Israel-Reise dann der Nicht von Schiller.“Seite an, zwinkerte ein paarmal, um so- nächste Konflikt. Anders als die Kanzle-Ein kurzer Moment der Stille.gleich darauf anzuspielen, dass man anrin mochte Gauck in Jerusalem nicht da- „Ja, ja, klar“, sagte der Präsident schließ-alten Männer in der Regel nicht mehr viel von sprechen, dass das Existenzrecht Is- lich. „Ich meinte die anderen Sachen vonändern könne. „Ich meine, du bist ja auch raels Teil der deutschen Staatsräson sei.Schiller.“ D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 45
  • 33. Deutschland KO M M E N TA RMekka Deutschland Von Bernhard Zand I n den vergangenen Tagen waren Abendlandes so elegant übersehen,Vielleicht schlägt der belesene Prä-es gleich zwei prominente Chris- die hellen aber so ganz und gar für sident auch einmal ein Lexikon auften, die Deutschlands Muslimen sich allein haben möchten. Das und geht, um gleich den ersten Buch- bei der Identitätsfindung halfen. Der Abendland, sagt Aiman Mazyek, der staben zu nehmen, der Etymologie bayerische Finanzminister Markus Chef des Zentralrats der Muslime, ste- von Wörtern wie „Admiral“, „Alge- Söder sprach vor türkischen Migran- he „auch auf muslimisch-morgenlän- bra“, „Alkohol“ oder „Atlas“ nach. ten und überraschte sie mit der Ein- dischen Beinen“. Oder er nimmt, wie ihm der Vorsit- sicht, der Islam sei „ein BestandteilNatürlich hat Mazyek recht. Die zende der Türkischen Gemeinde riet, von Bayern“. Bundespräsident Joa- Dreistigkeit, mit der Friedrich ausge- „einen Blick in die Geschichtsbücher“: chim Gauck sagte in einem Gespräch rechnet das Christentum mit der Auf- Sultan Mehmet, der 1453 Konstanti- mit der „Zeit“, er teile die nopel eroberte, hat ein isla- Intention seines Vorgän- misches Reich begründet, gers, hätte dessen berühm- „In den USA diskutieren das 300 Jahre lang mal mit testen Satz aber anders for-Politiker nicht ernsthaft, ob derden anglikanischen Briten, muliert, und zwar so: „Die mal mit den katholischen Muslime, die hier leben, ge-Islam zu Amerika gehöre.“Franzosen koalierte, vor al- hören zu Deutschland.“ lem, um die Habsburger zuDamit sind es jetzt fünfbezwingen. an der Zahl. Christian Wulff, Die womöglich gewonne- von dem sich Gauck distan- nen Erkenntnisse könnten zierte, hatte den Anfang ge- Gauck helfen, allmählich macht: „Der Islam gehört den anthropologischen Gra- inzwischen auch zu Deutsch-ben einzuebnen, den die land.“ Innenminister Hans- Anschläge vom 11. Septem- Peter Friedrich widersprach: ber 2001 aufgerissen haben. Das lasse sich „aus der His- In wenigen Ländern ist er torie nirgends belegen“; so tief wie in Deutschland; Deutschlands Identität sei weder in den vom dschiha- „durch das Christentum distischen Terror viel härter und die Aufklärung“ ge-getroffenen USA noch in prägt. Und Unions-Frak-Großbritannien diskutieren tionschef Volker KauderPolitiker ernsthaft, ob der HERMANN BREDEHORST stellte fest: „Der Islam ist Islam zu Amerika oder nicht Teil unserer Tradition zum Königreich gehöre. und Identität.“ Aber genau darum, umsWer oder was gehört nun Dazugehören und ums zu Deutschland? Der Islam? Fremdbleiben, geht es der Die Aufklärung? Die Musli-Muslimische Frauen in Berlin weit überwiegenden Mehr- me? Das Christentum? heit der deutschen Mus-Als sich Konrad Adenauer in seiner klärung zusammenrührt, sie dann als lime. Deshalb nehmen sie jede Nuan- ersten Regierungserklärung 1949 dem Fundament deutscher Identität preist ce in der deutschen Islam-Debatte so „Geist christlich-abendländischer Kul- und am Ende ihre Zerstörung vor ge- persönlich. tur“ verpflichtete, war von dieser Kul- rade einmal zwei Generationen unter- Wahrscheinlich versteht Joachim tur nicht mehr viel übrig. schlägt, ist geschichtslos und selbst- Gauck die Muslime im europäischenDem Abendland, Deutschland vor- vergessen. Abendland besser als viele andere an, war es gelungen, die Errungen- Und mit seinem Verständnis für die Deutsche. „Das Ziel meiner Sehn- schaften von Humanismus und Auf- Frage: „Wo hat denn der Islam dieses sucht war der Westen“, sagt er in der klärung in nur wenigen Jahren zu Europa geprägt?“, fordert Bundes- „Zeit“ über sein Leben in der DDR. zerschlagen. präsident Gauck geradezu heraus, „Aber eigentlich bin ich ein Sehn-Das wissen auch manche, die aus dass man ihn auf eine nächste Aus- suchts-Ossi.“ dem Morgenland kommen, die meis- landsreise nach Andalusien oder Mal-Da teilt der Präsident eine Erfah- ten haben es an deutschen Schulen lorca, nach Malta oder Bosnien rung mit vielen Muslimen: Auch das oder Universitäten gelernt. Und ihnen schicken möchte. Oder zu einem Ziel ihrer Sehnsucht war irgendwann leuchtet nicht ein, warum Männer wie Besuch ins Theater Lübeck, wo zur- einmal der Westen, deshalb sind sie Kauder, Friedrich und Gauck die zeit die „Entführung aus dem Serail“ hier. Und deshalb gehören sie zu schwarzen Seiten des europäischen gegeben wird. Deutschland.46 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 34. DeutschlandKLAUS STUTTMANN FINANZPOLITI KLast Exit EntenhausenDie Rettung der Euro-Zone ist zur Daueraufgabe geworden. Gefragt ist dabei nicht nur ökonomisches Fachwissen. Was bedeutet die chronische Krise eigentlich für die Psyche der Politiker? Von Dirk KurbjuweitW enn der Bundestagsabgeordnete Kahrs sitzt im Berliner Café EinsteinDas Parlament hat in Deutschland ei- Johannes Kahrs erschöpft ist und trägt einen blauen Pullover, auf des- nen großen Einfluss auf den Haushalt der von der Finanzkrise, wenn er sen Brust sich schräg zwei dicke weißeBundesregierung und damit auf Themen,abschalten muss, liest er „Micky Maus“. Streifen kreuzen. Mercer Club Polo Team,bei denen Geld ausgegeben wird. BeimEr liegt im Bett und liest eines dieser sagt ein Wappen auf der Brust. In diesemEuro könnte eine Menge Geld ausgege-„Lustigen Taschenbücher“, von denen erunernsten Aufzug, in dieser Buntheitben werden, über die Garantien für diealle hat, 427, wenn er sich jetzt richtig er- wirkt Johannes Kahrs Entenhausen näherRettungsfonds vor allem. Der Haushalts-innert. Kahrs nimmt sie immer wiederals dem Haushaltsausschuss des Bundes-ausschuss ist das parlamentarische Gre-zur Hand, auch ein 20. Mal. Ihm wirdtags. Aber da sitzt er drin, und deshalbmium, das sich damit vorrangig befassendann leicht.ist er einer der wichtigeren Akteuremuss. Abgeordnete wie Kahrs sind also Zwar haben auch diese herzigen Tier- dieser Krise. Johannes Kahrs, 48 (SPD), Leute, die im Zentrum der Krise stehen,chen ihre Probleme, aber sie finden im- Freund von Micky Maus, soll die Weltdie daran mitarbeiten müssen, die Krisemer eine Lösung. Alles wird gut.retten. zu lösen. Es soll jetzt nicht um deren Kon-48 D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 35. zepte gehen, sondern darum, was diesePriska Hinz zeigt sich ruhig in diesem gehört bei ihm auch dazu, nach vorn sin-Aufgabe mit ihnen macht. Gespräch, erzählt unaufgeregt und ist sou- ken und für einige Zeit ins eigene Gemüt Es ist eine übermenschliche Aufgabe: verän genug einzuräumen, dass sie eintauchen, grübeln, dann auftauchendie Euro-Länder zusammenhalten, den schwer trägt an ihrer Verantwortung, ob- und sprudeln.deutschen Wohlstand sichern, den Zusam- wohl sie in der Opposition ist. Sie joggt Frickes Beistand in der Euro-Krise istmenbruch von Griechenland und anderen zur Entspannung, aber auch dafür fehlt Gott. Er hält häufig „Zwiesprache“ mitverhindern, die Märkte so beruhigen, ihr nun manchmal die Zeit. Vor großen ihm, teilt Gott seine Überlegungen mitdass es nicht zu einer Rezession kommt, Entscheidungen lag sie in ihrem Bett, und hofft auf Eingebungen, die ihn dasdie die ganze Welt erfassen könnte. Dar- wälzte die Gedanken, wägte das Für und Richtige tun lassen. Aber Frickes Glaubeum geht es. Und Menschen sollen das Wider ab und suchte nach einem Moment ist nicht so simpel, dass er denkt, er kön-lösen. der Sicherheit, einer Vergewisserung, dass ne nur richtig handeln, da er ja von Gott Klein wirken sie da. Wie kommen die es auf jeden Fall richtig sei, für den geleitet ist. Die Zweifel bleiben.Menschen, die Haushälter in diesem Fall, Rettungsschirm zu stimmen, oder auf je-Er ist wieder abgetaucht und grübelt,mit der Verantwortung und der Bean- den Fall richtig sei, gegen den Rettungs- während neben ihm Fische durch seinspruchung klar? Welche Folgen hat das schirm zu stimmen. Aber es gibt diese Aquarium gleiten. Es steht in seinemfür die Politik, dass sie so stark durch die Sicherheit nicht. Büro im Jakob-Kaiser-Haus im Regie-Euro-Krise belastet – überlas-rungsviertel. Fricke tauchttet? – werden?auf und sagt, dass ihm manch- Neun Abgeordnete haben mal eine Liedzeile von De-für diese Geschichte Aus- peche Mode einfalle: „If Godkunft gegeben. Teil der Re- has a masterplan“ – wenn TANJA SCHNITZLER / CARO (R.); CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL (L.)cherche war auch eine An- Gott einen Masterplan hat.hörung des Haushaltsaus- Hat er? Einen Masterplanschusses zu den Themenfür die Euro-Krise? Fricke„Europäischer Fiskalpakt“ weiß es nicht. Gott hilft ihm,und „Permanenter Rettungs-indem er für ihn da ist, ihnschirm ESM“. Sie zeigte die anhört, nicht, indem er ihmHaushälter in Aktion und boteinen Plan verkündet. Frickeeinen Abgleich zu dem, wasmuss die gleiche Ungewiss-sie gesagt haben. heit aushalten wie Priska Marie - Elisabeth - Lüders-Hinz. Nun zückt er ein iPad,Haus, ein runder Saal, 10.30für ihn ein weltlicher Bei-Uhr. Petra Merkel, 64, SPD, stand, für andere auch schonVorsitzende des Haushaltsaus- Hinz Kahrsbeinahe etwas Göttliches, je-schusses, eröffnet die Anhö-denfalls Vergöttertes.rung von Finanzexperten mitEr ruft eine Seite auf mitden Worten, dass dieser Ter-den Kursen von Staatsanlei-min „von erheblicher Bedeu- hen, Frankreich, Portugal, Ir-tung ist“. Auf den Tischen lie- land, Spanien, dann Aktien-gen Schriftstücke, iPads undkurse. Da schaut er nun re-Handys, Johannes Kahrs trägtgelmäßig hin, ein bisscheneinen dunklen Dreiteiler. was lernt er aus diesen Die erste Frage richtet sich Charts, aber die große Er-an Klaus Regling, den Chefleuchtung liefern sie auchdes temporären Rettungs-nicht. Fricke sagt, er sei „keinschirms EFSF. „Wie wichtigBörsengläubiger“.die zügige Einführung des Fis- So wie Priska Hinz freimü- PAULUS PONIZAK / CAROkalpakts einzuschätzen ist“,tig über ihre Erschöpfung re-will der Obmann der CDU,det, redet er freimütig überNorbert Barthle, wissen. Reg- seine Angst. „Wer in der Poli-ling beginnt, alle hören zu.Bartsch tik nicht weiß, dass er Fehler Unter den Abgeordneten machen kann, ist fehl amsitzt Priska Hinz, 53, Grüne. Haushaltspolitiker des Bundestags: Angst vor falschen Entscheidungen Platz“, sagt er. Er hat Angst,Bei einem Gespräch in ihrem dass die nachfolgende Gene-Büro hat sie gesagt, dass „die zeitliche Priska Hinz ist in einer Situation, in ration eines Tages zu ihm kommt undBelastung in den letzten zwei Jahren sehr der sie nicht wissen kann, was falsch und sagt, wir haben recherchiert, was du ge-stark geworden ist“. Für alle sei das „ein was richtig ist, in einer Situation zudem, macht hast damals. Er hat Angst, dass siesehr neues Themenfeld gewesen“. Von in der eine falsche Entscheidung katastro- sagen könnten, er sei schuld an demBeruf ist sie Erzieherin, sie war Umwelt- phale Folgen haben könnte. Schlamassel, in dem sie vielleicht einmalund Familienministerin in Hessen.Die Euro-Krise ist eine Aufgabe, die stecken werden, weil er einer von denen Als Haushälterin des Bundestags hat den Menschen überfordern kann, und war, die falsche Entscheidungen getroffensie sich vor allem mit dem nationalen deshalb scheint Otto Fricke auf den ers- haben.Budget befasst. Jetzt geht es bei den Sit- ten Blick ganz gut gerüstet dafür, dennDiese Sorge hat Dietmar Bartsch nicht.zungen zu 60 Prozent um den Euro. Sie er hat einen Beistand. Fricke, 46, von Bartsch, 54, von Beruf Ökonom, hat „dasmusste sich da einarbeiten, musste lesen Beruf Anwalt, ist Mitglied der FDP im Privileg, in der Opposition zu sein“, wieund Experten befragen, aber sie würde Haushaltsausschuss. Er sagt, dass er gut er sagt. Er sitzt für die Linke im Haus-nicht behaupten, dass sie alles verstan- schlafen kann. Anders als Priska Hinz haltsausschuss und hat gegen alles ge-den hat. Niemand kann das von sich be- zeigt er ein quirliges Gemüt, spricht stimmt, was die Regierung vorschlug. Inhaupten. schnell und viel. Ein bisschen Theatralik seinem Büro im Jakob-Kaiser-Haus steht D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 249
  • 36. Thema auf einmal verarbeiten und bear-beiten könne, und das sei derzeit dieEuro-Krise.„Die demografische Entwicklungkommt als Thema zu kurz“, sagt er, ob-wohl es so wichtig und fordernd sei. „Sieerfordert die Umorganisation der Gesell-schaft und einen Mentalitätswandel.“Aber kaum einer kümmere sich darum. Für Norbert Barthle, 60, CDU, von Be-ruf Gymnasiallehrer, leidet die Arbeit inden Wahlkreisen. Er ist Obmann seinerFraktion im Haushaltsausschuss, und dieEuro-Krise fordert ihn so stark, dass erauch in den sitzungsfreien Wochen einoder zwei Tage in Berlin verbringt. Daheim sagten ihm die Leute: Du ver-nachlässigst uns. Barthle sieht darin ein„ernstes Problem“. Viele Bürger hättenDANIEL PILAR / LAIFohnehin den Eindruck, dass sie keine Rol-le spielten im politischen Prozess. Unddann müssten sie auch noch erfahren,dass ihr Wahlkreisabgeordneter so sehrFDP-Mann Fricke (r.): Hat Gott einen Masterplan?in diesem fernen, unverständlichen Berlineingespannt ist, dass er ihnen nicht mehrbreitschultrig eine MEGA, eine Marx-En-Zur Anhörung ist Bartsch nicht gekom-so viel Zeit widmen kann wie früher. Undgels-Gesamtausgabe. Ist das sein Bei- men, Fricke auch nicht. das wegen der Euro-Krise, die für vielestand? Er findet, dass die beiden manchesEs ist 11.03 Uhr, die Anhörung dauertBürger abstrakt ist, jenseits ihrer Erfah-erstaunlich gut vorhergesehen haben, er eine halbe Stunde, als der Abgeordneterungswelt. Und wäre es nicht ohnehinredet auch viel von Kapital und Kapital-Rüdiger Kruse, 50, von Beruf Mediziner, besser, man überließe die Griechen ihremvernichtung, aber die große Anleitung ge- den Saal verlässt. Um 11.38 Uhr kommt Schicksal, statt ihnen so viel Zeit undgen die Euro-Krise liefert ihm die MEGA er zurück, eine Minute später geht Johan- Geld zu widmen?nicht.nes Kahrs. Kruse checkt sein iPad, wischtSo haben die Abgeordneten das selt- Bartsch sagt klar, was die meisten an- mit der Hand über den Bildschirm, ver-same Problem, dass sie stark belastet sindderen nur angedeutet haben: „Das Ver- schwindet im Lesen und Schreiben. Reg-wegen einer Sache, von der viele Wählerstehen aller Prozesse ist unmöglich ge- ling redet, Sachverständigenratsmitglieddenken, dass sie den Aufwand nicht wertworden, diese Krise ist eine Überforde- Peter Bofinger redet, die Wirtschafts-sei. Das ist in besonderer Weise schwierigrung aller Abgeordneten.“ Er selbst habeweise Claudia Buch redet. Es geht um diefür einen Oppositionsabgeordneten, der„abgeschlossen damit, das alles zu lesen“.ganz große Frage. Wie rettet man denso richtig nicht Opposition machen kann,Er meint die dicken Konvolute, die derEuro? für einen Johannes Kahrs also.Internationale Währungsfonds, die Euro-Der Abgeordnete Steffen Kampeter, 49, Die SPD hat fast allem zugestimmt, waspäische Zentralbank und die EU-Kom- von Beruf Volkswirt, seit 2009 Parlamen-Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte.mission zu den Krisenländern verfassen. tarischer Staatssekretär im Finanzminis-Wenn Kahrs nun zu einem SkatturnierEr habe Mitarbeiter, die das lesen, „undterium, sitzt in der ersten Reihe gleichim Hamburger Stadtteil Veddel einlädt,es gibt extrem viele Anhörungen“. Daneben der Vorsitzenden Petra Merkel und Teil seines Wahlkreises, dann sagen ihmkönne er sich informieren.ist wahnsinnig beschäftigt. Vor ihm sta-die Leute: Was soll der Scheiß? „Reines Wie Fricke spricht Bartsch von den peln sich Akten. Er blättert, schreibt, Bullshit-Bingo“ nennt er die Diskussio-nachfolgenden Generationen. Würdenstreicht, klebt Zettel hinein, zerknüllt Pa-nen, die er dann führen muss – Schimp-die mal im Schlamassel stecken, könne pier, zerreißt Papier. Vor lauter Betrieb-fereien, denen schwer zu begegnen ist.er sagen: „Ich hab ja immer dagegen ge- samkeit stößt er sein Wasserglas um, muss „30 bis 40 Prozent der Bevölkerungstimmt.“ Jetzt lacht er, schnellt vor,nun wischen und wischt den Tisch, wischtsind gegen diese Euro-Politik, aber keineschnellt zurück, spuckt ein großes, diony-das iPad von Petra Merkel, wischt eineder etablierten Parteien ist dagegen“, sagtsisches Lachen heraus, das kaum enden Akte. Kahrs. Manche Leute wenden sich ab,will. „Man ist ja fein raus“, prustet Diet-Gegen Mittag erläutert Regling, wasmanche fangen an, ihre Abgeordnetenmar Bartsch.passieren würde, wenn Griechenland diezu bearbeiten. Er bekomme mehr Bür- Dann sitzt er wieder still vor seinerEuro-Zone verließe. „Also, es wäre wirk-geranfragen als bislang, und die FragenMEGA, schiebt die Hände in die Hosen- lich ein katastrophales Szenario“, sagt er. würden drängender.taschen und sagt: „Man ist nicht fein Kampeter bückt sich unter den Tisch. Ein weiteres Problem sieht Kahrs darin,raus.“Dort steht seine Aktentasche, er zieht eindass die Regierung weder die Zeit noch Die Enkel könnten ihn ja fragen, war-Buch hervor, liest darin. 12 von 21 Abge- die Kraft habe, sich gegen die Verwaltungum er nicht in der Lage gewesen sei, dieordneten, die von der Pressetribüne aus zu wehren. „Die Beamten dominieren“,Mehrheit zu überzeugen, sagt er. Bartschzu sehen sind, lesen gegen 12.45 Uhr in sagt er. Sein Beispiel ist die Wasser- undist klug genug, um zu wissen, dass eineinem Buch oder sind mit ihren Handys Schifffahrtsverwaltung des Bundes. DiePolitiker immer in der Verantwortung ist, und ihrem iPad beschäftigt. Regierungsparteien wollen sie zu einerentweder für seine Konzepte oder dafür,Auf die Frage, ob die Nicht-Euro-Kri-Auftragsverwaltung machen und damitdass er die Bürger nicht dafür gewinnen sen-Politik unter der Euro-Krisen-Politik zum Teil privatisieren. Doch die Beamtenkonnte, obwohl die Konzepte womöglich leide, sagt Rüdiger Kruse in seinem Bürowehrten sich, die Regierung werde „vonrichtig sind. Es ist nur die Frage, wie man ja. Er spricht von einer One Issue Society, der eigenen Verwaltung gegen die Wandmit seiner Verantwortung umgeht.von einer Gesellschaft, die nur ein großesgefahren“. Kahrs freut das einerseits, weil50D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 37. Deutschlander gegen die Privatisierung ist. Es stört ihn zu viel verändert. Sie wurde dort im üb- „Dies ist eine gute Zeit für die Regie-aber auch, weil er als Politiker auf demlichen Trott abgearbeitet. Es gab insge- rung und für Lobbyisten“, sagt CarstenPrimat der Politik besteht. Doch der ist in samt so wenig Aufmerksamkeit, dass esSchneider, 36, SPD, von Beruf Bankkauf-Zeiten der Euro-Krise schwer zu wahren. ein Affront gegenüber den Experten war.mann. Die Kontrolle wird schlechter. Kahrs schafft es an jenem VormittagTermine ihrer Parteien fanden Bartsch Deshalb ist das eigentliche Problemnicht mehr in die Sitzung zurück. Andert- und Fricke wichtiger, auch das klingt nach nicht, dass die Politiker den Stress nichthalb von zweieinhalb Stunden sind ihm üblichen Mustern. Fricke ist vor kurzemaushalten können. Das eigentliche Pro-entgangen. Steffen Kampeter ist es gelun- Schatzmeister der FDP geworden und da- blem ist, dass die Politik, die nicht Euro-gen, all seine Akten durchzusehen, ob-für aus dem Neuner-Gremium des Haus- Politik ist, durch die Krise schlechter wird.wohl ein Mitarbeiter in einer Tüte Nach-haltsausschusses ausgetreten, das sich mit Den Parlamentariern fehlt Zeit für dieschub brachte. Als er mit diesem Stapel besonders drängenden Fragen der Euro-Kontrolle der Regierung, sie können sichdurch war, hat er fast nie zugehört, weil Krise befasst. Die Partei geht vor.nicht mehr wie zuvor um ihre Wählersein Handy und sein iPad ihn ablenkten.kümmern. Wichtige Themen werden un-Das gilt auch für Rüdiger Kruse, der zwi-zureichend behandelt, und die Opposi-schendurch noch eine kleine Runde durch „Dies ist eine gutetionsparteien SPD und Grüne sind soden Saal gedreht hat, um mit Kollegen Zeit für die stark in die Krisenpolitik eingebunden,zu quatschen. Priska Hinz war von derdass sie kaum noch als Opposition wahr-Pressetribüne aus nicht zu sehen, Norbert Regierung und fürgenommen werden.Barthle dagegen war ein Muster an Auf-Die Euro-Krise kostet die Deutschenmerksamkeit.Lobbyisten.“ mehr als Geld. Barthle verteidigt seine Kollegen. ErNach der Vormittagsrunde der Anhö-sagt, die Experten hätten schriftliche Sind die Politiker also gar nicht über- rung wird der Parlamentarische Staats-Statements abgegeben, die habe sicher-lastet durch die Euro-Krise? Sie arbeitensekretär Steffen Kampeter draußen vonlich jeder gelesen. Gleichzeitig findet er, mehr, sie sind manchmal extrem gestresst,Journalisten erwartet. Er stellt sich breitdie Beschäftigung mit iPad und Handyaber sie haben auch Strategien gefunden, auf, die Hände in die Hüften gestemmt,habe tatsächlich überhandgenommen.wie sie die Krisenpolitik in ihren Alltagdas Sakko hinter die Hände geschoben,„Manche Kollegen sind wohl ein Wunder integrieren, zu ihrem Alltag machen. Sie als wolle er mit der gesamten Fülle seinesdes Multitaskings.“ Dietmar Bartsch er- lassen andere Dinge wegfallen. Alle neun Körpers wirken. Die Anhörung, sagt er,klärt sein Fehlen damit, dass er einen Par- Haushälter, die für diese Geschichte in- habe gezeigt, dass die Euro-Politik derteitermin habe wahrnehmen müssen. Bei terviewt wurden, haben gesagt, dass sieBundesregierung bei den Experten breiteOtto Fricke ist es genauso. sich nicht mehr so gründlich mit dem Unterstützung finde. Fragt sich, woher er Nimmt man nur die Anhörung, dann deutschen Haushalt befassen können wie das weiß. Kampeter muss tatsächlich einhat die Euro-Krise in der Politik nicht all-bislang. Es rutscht ihnen manches durch. Wunder des Multitaskings sein.
  • 38. Waldbesitzer Prinz zur Lippe„Rücken gerade halten und nicht aufgeben“ maus in der Region keine Unbekannte. Sie verzögerte bereits die Fertigstellung der Autobahn 33, noch immer klafft eine kilometerlange Lücke. Nun soll die Fle- dermaus den Naturschützern im Kampf um einen Nationalpark beistehen.MATTHIAS GROPPE / DER SPIEGELBis jetzt verhinderte eine zugezogene Spezies, dass die Senne zum National- park werden konnte: die britischen Streit- kräfte. Sie nutzen das Gebiet als Trup- penübungsplatz, bauten dort auch Dörfer mit einer Moschee nach, um den Häuser- kampf für Afghanistan zu üben. Wenn die Panzer rollen und MunitionssplitterNacht davor mehrere Bäume und errich-die Heide in Brand setzen, trägt dies im- N AT U R S C H U T Z teten daraus Straßenblockaden. Auch einmerhin zum Erhalt der Landschaft bei:Senne darfSchlichter wurde schon berufen, doch der Die Streitkräfte roden dadurch die Senne,Kampf geht weiter. wie es früher die Heidebauern taten. Und die Wüste lebt. Wer nachts mit In einigen Jahren soll das Kriegsspiel nicht sterbender Taschenlampe durchs Gebüsch zieht, enden, die Briten wollen sich voraussicht-sieht Dutzende Augenpaare: Damwild,lich 2020 zurückziehen. UmweltpolitikerWildschweine und allerhand Kleingetier.Remmel spricht von einer „einmaligenJetzt, im Frühjahr, sind die Grasflächen historischen Chance“. Schon im Koali- Im östlichsten Zipfel Nordrhein- von einem satten Grün überzogen. Abertionsvertrag vor zwei Jahren hatte die da-Westfalens stemmen sich in der Sommersonne wird das Gras ver-malige rot-grüne Minderheitsregierung Anwohner gegen die Pläne dorren und sich braun färben.das Vorhaben propagiert, es soll auch den Der Naturschützer Hans-Dieter Wiese-Tourismus in der Region ankurbeln. Seitder Regierung, einenmann schwärmt von einem „unglaubli-der Wahl am 13. Mai haben die Grünen Nationalpark einzurichten. chen Artenreichtum“. Wohl kein Blüm- zusammen mit der SPD eine klare Mehr-chen, kein Tier in der Senne, das derheit im Landtag. Remmel ist entschlossen,Im Jahr 1669 entdeckte Bischof Fer-Mann mit dem weißen Bart nicht beimjetzt Fakten zu schaffen, und bringt als dinand von Fürstenberg mitten in Namen nennen kann. Etwa tausend ge-Schirmherrn für den Nationalpark gern Deutschland eine Wüste. „Desertumfährdete Pflanzen- und Tierarten sindPrinz Charles ins Gespräch. „Das wäresennae“ taufte er jene sandige Landschaft,hier zu finden. Der Senner Moorfroscheine interessante Variante, oder?“die sich im Osten des heutigen Nordrhein- (Rana arvalis) zum Beispiel und die Bech- In Hövelhof, am Rande der Senne,Westfalen erstreckt: die Senne. steinfledermaus (Myotis bechsteinii), zu kommen Remmels Pläne gar„Wenn man durch die Senne fährt,erkennen an den besonders langen Ohren nicht gut an. Vielen Ein-kann man schon das Gefühl bekommen, und dem schneeweißen Bauch.wohnern graust vor ei-das ist unsere Serengeti“, sagt der Grü- Auch wenn der Laie sie nur schwer zunem „Nationalpark-Re-nen-Politiker Johannes Remmel, bishe- Gesicht bekommt, ist die Bechsteinfleder-gime“, wie sie es nen-riger und wohl auch künftiger Umwelt-minister in Nordrhein-Westfalen. EinHauch von Afrika mitten in Ostwestfalen-Lippe, Sanddünen inklusive. In der Nähe,jenseits von Bielefeld, sind sogar Löwen,Elefanten und Zebras zu Hause, wennauch nur in einem Zoo, dem SafariparkStukenbrock. Um die Landschaft, öd und ziemlichleer, tobt ein Streit, der heftiger kaumsein könnte. Remmel und die übrigenWahlsieger von SPD und Grünen in Düs-seldorf wollen circa 11 600 Hektar der Sen-ne zum Nationalpark erheben, in die Kö-nigsklasse der Schutzgebiete, wo die Na-tur weitgehend sich selbst überlassenbleibt. Aber viele Anwohner sind gegenden Nationalpark, zahlreiche Kommunenziehen nicht mit. Die Kontrahenten erstatteten Straf-anzeigen, errichteten Straßenbarrikadenund bewaffneten sich mit Info-Broschü-ren, Aufklebern und teuren Gutachten.Als die Nationalpark-Fans eine Wande-rung ankündigten, um für ihr Anliegenzu werben, fällten Unbekannte in der52D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 39. Deutschlandnen. Sie sorgen sich, dass die Durchgangs-straßen und die Wanderwege dann ge-sperrt würden. Und dass ihre schöne Sen-ne zuwuchert, wenn der Mensch nichtmehr eingreift. Damit kein Missverständnis aufkommt:„Wir sind absolut für den Naturschutz“,sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Vol-ker Jung. Nur verstehen er und die übri-gen Gegner darunter etwas anderes alsdie Befürworter. Auch in den Buchenwäldern des an-grenzenden Teutoburger Waldes wird derKampf um den Nationalpark geführt. Alsdie Pläne für die Senne vor knapp zehnJahren ins Stocken gerieten, verfielen dieNaturschützer auf die Idee, einen Teil desTeutoburger Waldes in ihre Planungeneinzubeziehen, weil sie sich dadurch grö-ßere Erfolgschancen ausrechneten. Stattdessen riefen sie noch mehr Geg-ner auf den Plan. Sie fürchten, dassArbeitsplätze und Einnahmen verloren-gehen, wenn der Wald nicht mehr bewirt-schaftet werden darf. Der ist teilweisePrivateigentum, viele Hektar gehören derFamilie von Stephan Prinz zur Lippe,einem eigentlich umgänglichen Mann. Ihm gefielen schon die Pläne für dieSenne nicht, aber als sich herausstellte,dass seine Waldflächen zum Kern einesNationalparks werden sollten, war es mitder Zurückhaltung vorbei. „Der Wald istunser Gründungsmythos“, sagt Prinz zurLippe. Er besann sich auf seine Herkunft:„Was macht den Adel aus? Rücken geradehalten und nicht aufgeben.“ Im Wald steht die Ruine der Falken-burg, der Wiege des Hauses Lippe, errich-tet im Jahre 1194. Der Weg dorthin iststeil, aber Prinz zur Lippe steigt zügig hin-auf. „Die Burg wurde niemals erobert“,sagt er. Das soll auch jetzt nicht passieren.Prinz zur Lippe sorgt sich um dieforstwirtschaftliche Nutzung des Waldes –und darum, dass der über Generationengepflegte Wald aus Buchen und Fichtenaus dem Gleichgewicht geraten könnte. Warum das rot-grüne Bündnis in Düs-seldorf unbedingt einen Nationalparkschaffen will, bleibt vielen Menschen inOstwestfalen-Lippe ein Rätsel. Der Um-weltminister habe doch sogar Verwandt-schaft in der Region, erzählen sie, er seihier früher auf Bäume geklettert. Johannes Vogt, einer der Gegner desNationalparks, kennt den Minister bes-tens – sie sind Cousins. Vogt ist sich sicher:„Urgroßvater würde sich im Grabe um-drehen.“KATHARINA HEIMEIER360°-Foto:Die Senne imPanoramaFür Smartphone-Benutzer:Bildcode scannen, etwa mitder App „Scanlife“.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 253
  • 40. Deutschland ARNO BURGI / PICTURE ALLIANCE / DPASeniorenheim in Dresden: Ohne Grund werden alte Menschen ihrer Selbständigkeit beraubtSOZIALPOLITIK„Als Depperte abgestempelt“ Mehr als 1,3 Millionen alte und kranke Deutsche stehen unter amtlicher Betreuung. Mit der wachsenden Zahl nehmen auch die Fälle von Unrecht und Missbrauch zu – etwa wenn die Betreuten Opfer der Raffgier ihrer angeblichen Helfer werden.Die Unterschrift war schon etwas Erste, was der Betreuer machte: Er ver- Die amtliche Betreuung ist einer derzittrig. Aber was Alwin Schmau- kaufte das begehrte Grundstück an die schwersten Eingriffe in das Persönlichkeits-der, 77, im August 2005 der Stadt Stadt. Jutta, Schmauders andere Tochter, recht: Der Betreuer kann regeln, was mitAalen mitteilte, war von großer Klarheit. ist davon überzeugt, dass der Deal rund dem Geld seines Klienten geschehen soll,Er werde „weder in Zukunft noch jetzt“ 30 000 Euro unter Marktpreis abgewickelt in welches Heim er kommt und zu wel-sein Grundstück an die Gemeinde ver- wurde. Im vergangenen Jahr stellte sie chem Arzt er geht. Aber zuallererst sollenäußern, schrieb der ehemalige Landwirt. Strafanzeige und klagte gegen den Be- die vom Amt bestellten Helfer dafür sorgen, Die Stadtverwaltung wollte ihm ein treuer sowie gegen den Notar, der ihn dass die ihnen anvertrauten Menschen ihrStück Land abkaufen, um ein Baugebiet eingesetzt hatte.Leben so selbstbestimmt wie möglich wei-zu erschließen. Doch Schmauderterführen können. Sie sollen derenfühlte sich übervorteilt. Aalens Ver- Willen ermitteln, respektieren und er-treter hätten sich „uns gegenüber Betreuungsverfahren in Deutschland 2010 füllen. So fordert es das Betreuungs-ausnahmslos verhalten wie moder-gesetz, das vor 20 Jahren das anti-ne Raubritter“, schrieb er, „niemals, 1,3 Mio.quierte Vormundschaftsrecht ablöste. Anteil nach Betreuungsart *niemals bekommt ihr auch nur ein In der Praxis sehe es jedoch anderskleines Stück von uns“. Selbständige Betreuungs- aus, urteilt Peter Winterstein, der Vor- Wenig später ging es Schmauder 924 624 Berufsbetreuer verein 6,2% sitzende des Betreuungsgerichtstages,gesundheitlich zunehmend schlech-29,7 % in dem Juristen, Beamte und Sozial-ter: erst das Herz, dann Depressio-sonst. Ehren- arbeiter zusammengeschlossen sind: Zunahme amtlichenen. Ein gutes halbes Jahr spätergegenüber„Die rechtliche Betreuung wird ent-konnte er sich nicht mehr wehren.5,5 %weder als Vormundschaft mit Macht- 2000 Familien- Seine Tochter Petra erzwang, dassangehörige Betreuungs- befugnissen oder als allumfassendefür ihn ein amtlicher Betreuer ein-+42 %58,2%behördeSorge für alle Belange und Bedürfnis-gesetzt wurde. Fortan konnte 0,4 %se einer Person missverstanden.“Schmauder nicht mehr über sein Mehr als 1,3 Millionen DeutscheVermögen verfügen. Und mit das 2000 2010 *bei Erstbestellungen Quelle: Bundesamt für Justiz sind derzeit abhängig von Betreu-54D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 41. Deutschland FOTOS: THOMAS KLINK / DER SPIEGELRentner Schmauder 2002, Tochter Jutta: „Niemals bekommt ihr auch nur ein kleines Stück von mir“ern. Jedes Jahr stellen die Gerichte inAlwin Schmauder starb im Altersheim.den einzelnen Fall. „Es ist eine Schande,rund 240 000 Betreuungsverfahren fest,Wegen des Verkaufs des Grundstücks be- wie mit diesen Menschen umgegangendass ein Individuum nicht für sich selbst schwerte sich Tochter Jutta beim Ober- wird“, sagt Michael Ramstetter, Vorstandentscheiden kann – meist geschieht dies bürgermeister. Aufgrund des Zustandesder Vereinigung für Vorsorge- und Be-auf Antrag der Angehörigen, wenn Men- des Grundstücks sei „ein Abschlag vomtreuungsrecht. Auch Gerichte spielten da-schen dement oder psychisch krank wer-Richtwert“ vorgenommen worden, recht-bei eine zweifelhafte Rolle.den, wenn sie ins Koma fallen oder durchfertigte Aalens Verwaltungschef das Vor-Jüngst hat Anwalt Ramstetter einenDrogen handlungsunfähig werden. Oft gehen. Schließlich schaltete Jutta Schmau- dieser Fälle verloren. Eine vorausschau-übernehmen nahe Verwandte die Auf-der den Freiburger Rechtsanwalt Frank- ende Frau hatte einen Freund zum Ver-gabe, doch in einem Drittel der Fälle be- Ulrich Mann ein. Seine Einschätzung: walter und Teilerben ihres Vermögensstimmt ein Gericht einen der 12 000 Be- Der Notar, der über die Betreuung ent- von rund fünf Millionen Euro bestimmt.rufsbetreuer in Deutschland (siehe Grafik scheidet, und die Stadt hätten „Hand inAls die alte Dame dement wurde, ließSeite 54).Hand gearbeitet“.ein Neffe das Testament zu seinen Guns- So geschehen auch bei LandwirtDie Causa Schmauder mag in einigenten ändern und seine Tante unter Betreu-Schmauder aus Aalen in Baden-Württem- Belangen ein Extrem darstellen. Und in ung stellen. Die Seniorin kam in einberg. Er lebte zu Hause, zusammen mit Tausenden Fällen steht die Lauterkeit derHeim. Der eigentliche Wille der Frau –seiner Tochter Jutta. Die ausgebildeteBetreuer außer Frage. Aber in vielen Ver-zu Zeiten klaren Geisteszustandes schrift-Arztassistentin hatte eine notarielle Voll- fahren werden die hehren Ziele des Ge- lich niedergelegt – wurde ignoriert. Ihrmacht, kümmerte sich um ihn. Ihre setzes verfehlt. Freund hatte fortan keinen Einfluss mehr.Schwester Petra war mit dieser Rollenver-Das hat viel zu tun mit dem enormenZu selten, klagen Anwälte, machtenteilung jedoch nicht einverstanden. Sie Anstieg der Betreuungsverfahren. Und sich die Richter die Mühe, genau heraus-stellte den Antrag für einen amtlichenweil nicht alle Alten über ein Vermögenzufinden, wie sich alte Menschen ihrenBetreuer. In einem vom Notar veranlass- oder eine üppige Rente verfügen, müssenLebensabend vorstellen. Das Selbstbe-ten Gutachten diagnostizierte daraufhin die Bundesländer mit Zuschüssen an die stimmungsrecht bleibe auf der Strecke,ein Psychiater, dass Schmauder unter ei-Betreuer aushelfen – im vergangenender Willkür seien die Türen geöffnet.ner depressiven Episode leide. Schmau-Jahr rund 800 Millionen Euro. Das gilt besonders in Württemberg.ders Hausarzt urteilte später, der MannUm die Kosten zu dämpfen, beschloss Dort entscheidet nicht ein Richter, son-sei „geistig voll orientiert“ und „voll ge- der Gesetzgeber 2005 eine Pauschalver- dern der örtliche Notar, ob eine Betreu-schäftsfähig“. Trotzdem blieb er unter Be-gütung. Das hatte fatale Folgen: Für ung eingerichtet wird. Juristen halten die-treuung.Rechtsanwälte sind die Betreuungen bei se Konstruktion für verfassungswidrig. Alwin Schmauder beklagte sich mehr-einem festgeschriebenen Stundensatz von In der Praxis hat sie zuweilen absurdefach schriftlich über den fremden Betreu- maximal 44 Euro unattraktiv geworden.Folgen: So passte ein Mitarbeiter des Aa-er. Die zuständigen Stellen ignorierten Einige Berufsbetreuer versuchen, mit der lener Ordnungsamts den ehemaligen Kon-jedoch seine Eingaben, sie ließen sogar Übernahme von immer mehr Fällen ih-strukteur Karl K., der zeitweise unter De-den Grundstücksverkauf zu. „Herrrem Einkommensverlust entgegenzuwir- pressionen litt, beim Brötchenholen ab.Schmauder möchte dies eigentlich nicht“,ken. Manche haben inzwischen bis zuDer Beamte sorgte dafür, dass K. in dieschrieb der Betreuer an den Notar, aber hundert Menschen zu versorgen. Psychiatrie eingewiesen und wenige Wo-es sei „unumgänglich“, weil noch Rech- Eine intensive Betreuung ist da schlichtchen später zu einem Notar vorgeladennungen zu begleichen seien. Das sei „al-unmöglich. Auch deshalb werden viele wurde, der ihn unter amtliche Betreuungles Quatsch“, sagt Jutta Schmauder. Ihr Betreute gegen ihren Willen in Heime ab- stellte. Betreuerin wurde die Ehefrau desVater habe über eine gute Rente verfügt.geschoben. Das mindert den Aufwand für Ordnungsamts-Mitarbeiters – obwohl der56D E R S P I E G E L2 3 / 2 0 1 2
  • 42. Bruder von Karl K. angeboten hatte, sich heizt war. Als der alte Mann bei einemum dessen finanziellen Belange zu küm- zweiten Besuch in höflichem Ton erzähl-mern. te, man wolle ihn umbringen, vermuteten Eigentlich sollen Angehörige laut Ge- die Prüfer eine wahnhafte Krankheit undsetz Vorrang haben vor professionellen befürworteten eine Betreuung.Betreuern. Im Fall des Karl K. brauchteIrgendwann zogen die Eltern freiwilliges aber das Einschalten eines Gutachters, aus dem Haus aus. Die Kinder nahmeneinen fast zwei Jahre dauernden Rechts- daraufhin ihren Antrag auf Betreuungstreit und ein Urteil des Landgerichts Ell- zurück. Da war es aber schon zu spät.wangen, um die Entscheidung des Notars Das Amtsgericht Wetzlar verlangte einezu heilen. K. hat inzwischen geheiratet Untersuchung des Mannes, notfalls mitund lebt in seiner eigenen Wohnung. Zwangsmaßnahmen. Der Fall landete Nach ähnlichem Muster wie K. sollte schließlich in Karlsruhe. Die Verfassungs-auch der Mathematiker Herbert B. unter richter entschieden gegen die Behörden,Zwangsbetreuung gestellt werden. Her- weil dem alten Mann nicht die Chancebert B. beschwerte sich leidenschaftlich eingeräumt worden war, sich zu äußern.bei Mitgliedern des Gemeinderates. ZwarJutta Schmauder hatte bisher wenigerverbot ihm der Bürgermeister daraufhin Erfolg. Ihre Anzeige gegen den Betreuerwegen seiner vorgetragenen Klagen, Mit- und den Notar stellte die Staatsanwalt-arbeiter des Rathauses zu belästigen – die schaft ein. Ihr Zivilverfahren scheiterte,angedrohte Betreuung konnte B. aber im- zumindest teilweise, in der ersten Instanz.merhin abwenden.Es sei zwar nicht alles korrekt verlaufen Am besten wäre der Gerechtigkeit ge- mit dem Herrn Schmauder, befand dasdient, meint der Mannheimer Betreuungs- Gericht, er sei etwa nicht in alle Entschei-rechtsexperte Ramstetter, wenn sich die dungen eingebunden gewesen, aberRichter mehr Mühe gäben, sich von der „grob falsch“ habe niemand gehandelt.Hilfsbedürftigkeit persönlich zu überzeu-Der Notar bestreitet alle Vorwürfe. Erhabe sich an die Gesetze gehalten, teilteer dem Gericht mit. Auch der BetreuerDer Geschäftsführer eines will alles rechtmäßig gemacht haben. Al-Heims kaufte Reizwäsche lerdings verurteilte ihn das LandgerichtEllwangen in erster Instanz zu einer Zah-– angeblich für einelung von 3000 Euro, weil er mit Schmau-ders Geld zu lax umgegangen war.über 90 Jahre alte Dame. Es gibt, so lehren derartige Fälle, viele,die für die Misere der Betreuten verant-gen. Viele jedoch seien wegen Überlas- wortlich sind: Angehörige, die voreiligtung dazu gar nicht in der Lage: Im Be- Anträge stellen; Ärzte, die schnelle Gut-zirk des für Betreuungsrecht zuständigen achten schreiben; Behörden und Richter,Amtsgerichts in München etwa verwalten denen das Schicksal der Betroffenen16 Richter 13 300 Fälle.gleichgültig scheint – und schließlich über- Willkür in der Betreuungsmaschinerie forderte oder geldgierige Betreuer.gibt es also nicht allein, wenn es ums GeldWie wichtig die Arbeit eines umsichti-geht. Auf einen Gefährdungshinweis folgt gen Betreuers sein kann, zeigt ein Fallallzu oft die beinahe routinemäßige Be- aus Hopsten im Münsterland. Dort küm-auftragung eines Betreuers. Behörden merte sich der Sozialpädagoge Wernerund Gerichte würden Menschen ihre Selb- Drees-Leggewie um eine über 90-jährigeständigkeit in viel zu vielen Fällen ohne Frau, die in einem Haus für Betreutessorgfältige Prüfung abnehmen, moniert Wohnen lebte und schwerst dement war.der Münchner Anwalt Alexander Frey:Schon lange gab es in der kleinen Ort-„Die werden als Depperte abgestempelt, schaft Gerüchte, dass sich das Geschäfts-so vernichtet man Menschen.“führer-Ehepaar des Heims seinen aufwen- Dabei hat das Bundesverfassungs- digen Lebensstil auf nichtlegale Art fi-gericht im Oktober 2010 die Rechte der nanzierte. Drees-Leggewie kontrollierteBetroffenen noch einmal ausdrücklich ge- die Kontobewegungen seines Schützlings.stärkt: Bei Entscheidungen von Betreu- Er stellte fest, dass unter anderem vielungsgerichten müssten sie persönlich ge- Geld für hochhackige Schuhe und Reiz-hört werden, betonten die Richter.wäsche ausgegeben wurde. Als er die Ge- In dem Fall, der seinerzeit zur Verhand- schäftsführer zur Rede stellte, antworte-lung anstand, hatten die Kinder ihre El- ten die, die alte Dame ziehe sich ebentern aufgefordert, ihr Haus zu räumen. gern schön an.Sie wollten das Grundstück verkaufen,Der Fall kam vor Gericht. Die Betrei-um Schulden abzuzahlen. Als sich der ber des Heims, so stellte sich heraus, hat-Vater weigerte, sein Haus zu verlassen, ten die Seniorin ausgeplündert. Und nichtveranlassten die Kinder, dass Strom, Gas nur die: Nun müssen sie sich wegen wei-und Wasser abgedreht wurden – und sie terer Fälle betrügerischer Abrechnungenstellten einen Betreuungsantrag. Der zu- vor Gericht verantworten.ständigen Behörde fiel bei einem Kon- GUIDO KLEINHUBBERT, MICHAEL LOECKX,trollgang auf, dass die Wohnung unbe- UDO LUDWIG D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 257
  • 43. DeutschlandMARTIN STEINERHells Angel Hanebuth (r.) 2010 auf dem Steintorfest in Hannover: Hierarchisch strukturierte Organisation, vergleichbar mit der Mafia?den Mord ein eigenes Charter, wie sieK R I M I N A L I TÄT ihre Gruppen nennen, in Hamburg habe Der Präsident von Hannovergründen dürfen? „Alles Blödsinn“, versi-chert Hanebuth. Es habe nie einen Mord-auftrag oder derartige Befehle in Rich-tung Kiel gegeben: „Ich bin Präsident vonHannover, das war’s.“ Der angebliche Hat ein Hells-Angels-Boss einen Mord in Auftrag gegeben? Mord sei vorgeschoben, in Wahrheit seiErmittler sehen sich durch die Aussagen eines Kronzeugen bestätigt: das Ziel, „Zufallsfunde für ein Verbots-verfahren zu machen“. Sie halten die Rockergilde für eine kriminelle Organisation.In der Tat geht es in diesen Wochennicht um Frank Hanebuth allein, denDer Rocker ist auf dem Handy er-Am Telefon verweist der Rockerboss die schillernden Inhaber einer Sicherheits-reichbar, kein Problem. Das mag Darstellungen des Aussteigers Steffen R.firma, einer Immobilienverwaltung understaunen angesichts seiner Pro-ins Reich der Phantasie. Er ist noch immerzweier Bordelle: Es geht um die Existenzminenz und seines Rufs. Eine Mengehörbar sauer über die Polizeiaktion auf sei-der Hells Angels in Deutschland. Ihr Fort-Polizeifahnder halten ihn schließlich für nem Grundstück, den Tod seines Hundes bestand hängt davon ab, ob der Kronzeu-den Kopf einer kriminellen Organisation.und darüber, „dass mein elfjähriger Sohnge, ein Mann mit krimineller Vergangen-Natürlich würde Frank Hanebuth, 47, alles mitansehen musste“. Den Mordvor-heit, die Wahrheit gesagt hat.ehemaliger Boxer, Kiezgröße und Präsi-wurf weist er hingegen betont cool zurück. Beschuldigt wegen Zuhälterei, räube-dent des „Charters Hannover“ der Ro-Er kenne weder Steffen R. noch den an-rischer Erpressung und Körperverlet-ckergruppe Hells Angels, lieber schwei- geblich getöteten Türken Tekin Biçer. zung – was er überwiegend bestreitet –,gen; würde den Mythos des Männer-Und dass, wie vom Kronzeugen ausge-hatte Steffen R., 40, acht Monate lang inbundes wirken lassen, die Kutten, die sagt, ein Hells Angel als Belohnung für Untersuchungshaft geschwiegen, so wiemartialischen Aufnäher, all diese ein-es die Regeln unter Rockern verlangen.schüchternden Symbole.Mitte Februar aber begann der ehemaligeAber Schweigen geht jetzt nicht mehr. Chef der Hells-Angels-Hilfstruppe „Legi-Nicht mehr, seitdem sich in der Woche on 81“ zu reden, über die illegalen Ge-vor Pfingsten um fünf Uhr morgens überschäfte der Rockergilde, über Prostitution,seinem wie eine Festung gesicherten Drogen, Schutzgeld – und über angebli-Haus GSG-9-Kräfte aus einem Hub-che Mordaufträge.schrauber abseilten, seinen anatolischen Etwa ein Dutzend Mal ließ sich der ausHirtenhund erschossen, Hanebuth inSachsen-Anhalt stammende VorbestrafteFesseln legten und bei der Razzia zweivernehmen. Dabei berichtete er auch vonLaptops, eine Handvoll Handys und ein einem zweiten Mordauftrag, den Hane-paar Dekorationsgewehre beschlagnahm- buth abgesegnet habe – der vorige WocheTIM RIEDIGER / DAPDten. Und erst recht nicht, seit vergan- vor Gericht aber nicht zur Sprache kam.genen Donnerstag ein Kronzeuge vorDemnach habe Hanebuth „grünes Licht“einem deutschen Gericht behauptete, gegeben, den Chef der RockertruppeFrank Hanebuth habe den Auftrag erteilt,Tigers, einen Mann namens Hakan, zueinen lästigen Kieler Rivalen zu er-Leichensuche in einer Lagerhalle bei Kiel töten. Man solle es so machen, dass esmorden. „Alles Blödsinn“„keinen großen Aufriss“ gebe. Drei Hells-58D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 44. Angels-Mitglieder hätten dann den Auf-trag bekommen, Hakan auszukundschaf-ten. Warum der Mordplan nicht umge-setzt wurde, konnte Steffen R. indes nichtsagen. Hanebuth bezeichnet auch diesenVorwurf als „völligen Blödsinn“. Die umfangreichen Aussagen des Kron-zeugen führten kurz vor Pfingsten zu ei-nem massiven Schlag der Polizei gegendie Hells Angels. 1200 Beamte rücktenzur Großrazzia in norddeutsche Gaststät-ten, Bordelle und Wohnungen aus, amKieler Stadtrand suchen Experten mitschwerem Gerät eine Lagerhalle ab, inderen Fundament laut Steffen R. der spur-los verschwundene Türke einbetoniertworden sein soll. Die Staatsanwaltschaftführt rund 200 Ermittlungsverfahren ge-gen 69 Beschuldigte. So wie Steffen R. hat bislang noch keinInsider ausgepackt. Seine Einlassungenschärfen den Blick auf die Hells Angels –und sie stützen, wenn sie denn wahr sind,die These der Ermittlungsbehörden. Dem-nach bilden die Rocker eine hierarchischstrukturierte Organisation, vergleichbarmit der Mafia. Schon seit Jahren beobachtet das Bun-deskriminalamt, dass Rockergangs immeröfter in Verfahren der Organisierten Kri-minalität auftauchen. In vielen Städtenkontrollieren sie inzwischen das Rotlicht-milieu. Und wo sie die Vorherrschaftnoch nicht erlangt haben, versuchen sieihren Einfluss mit großer Brutalität, mitMacheten, Beilen und Schusswaffen zuerweitern. BKA-Vizepräsident JürgenStock konstatiert „ein hohes Gewalt-potenzial und brutale Auseinandersetzun-gen auch im öffentlichen Raum“. BeiDurchsuchungen finde die Polizei regel-mäßig Pistolen, Handgranaten undSprengstoff. Das BKA zählt laut einem internen Be-richt mehr als 3500 Mitglieder allein inden vier größten Clubs Hells Angels, Ban-didos, Outlaws und Gremium. Ihre kri-minellen Geschäfte, so die Ermittler,versuchten die Gangs mit vermeintlichsauberen Firmen zu tarnen, etwa als Si-cherheitsunternehmen, Bar- oder Bordell-betreiber. Insbesondere Security-Betriebedienten oft der Schutzgelderpressung. In der Öffentlichkeit präsentieren sichdie Rocker gern als raue Gesellen mit wei-chem Herz, Frank Hanebuth war Gastder Herrenabende des hannoverschenProminentenanwalts Götz von Fromberg,an denen auch schon lokale Größen wieCarsten Maschmeyer, Michael Frenzeloder Gerhard Schröder teilnahmen. Die Nähe zu Politikern oder Wirt-schaftsmanagern zu suchen gehört zumKonzept. Spenden für soziale Zweckesind ein gängiges Mittel: So überreichtenBandidos am Brandenburger Tor einenScheck für die Kinderkrebshilfe, die HellsAngels stifteten für Alzheimer-Patienten.Für BKA-Vize Stock ist das pure Camou- D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 59
  • 45. Deutschlandflage: „Das sind äußerst beunruhigende raten wurde und die Polizei in leergefegte Schlie mit Genugtuung eine neue Auf-Merkmale Organisierter Kriminalität.“Räume eindrang, war dabei der Höhe-geschlossenheit: Beeindruckt von den Bei Teilen der Hells Angels registrier- punkt einer offenbar seit langem beste-Aussagen des Kronzeugen, denken nunten die Fahnder zudem einen „massivenhenden fruchtbaren Zusammenarbeit dermehrere Innenminister aus den Bundes-Expansionsdrang“ nach Südeuropa. LautRocker mit korrupten Beamten.ländern darüber nach, andere Saiten auf-der europäischen Polizeibehörde Europol Der Kreis der Verdächtigen ist groß.zuziehen.gebe es Bestrebungen, auf der sogenann-Im Landeskriminalamt befassen sich zweiUnd Schlie geht gleich einen Schrittten Balkanroute, dem klassischen Weg Fachkommissariate mit der Rockerkrimi- weiter: „Wenn sich in den laufenden Ver-des Heroins nach Mitteleuropa, neuenalität, aber auch ein Leck in Verwaltungfahren der Verdacht verdichten sollte,Gruppen zu gründen, etwa in Kroatien,oder Justiz ist nicht auszuschließen.dass die Rocker ein kriminelles NetzwerkSerbien, Albanien und der Türkei. Die Die Nähe zwischen Rockercliquen und bilden und bestimmte Personen Füh-Gewinne aus dem Drogengeschäft, davonPolizei ist auch andernorts eklatant. Man- rungspositionen in diesen kriminellengehen die EU-Fahnder aus, werden zu ei-che Beamte werden offenbar von den Strukturen einnehmen, wird es Zeit, übernem Gutteil in der Schweiz angelegt. Motorradclubs mit ihren Ritualen und ein bundesweites Verbot nachzudenken.“ Seit mehr als zehn Jahren sammelt Uniformen, mit ihren Rangabzeichen und Denn die Zweifel mehren sich unterEuropol Informationen über „Outlaw ihrem Machotum geradezu angezogen. Experten, ob der Kampf gegen die Ge-Motorcycle Gangs“, wie die Rocker dort So ermittelte die Essener Polizei 2010 ge- setzlosen im föderalen Kleinklein erfolg-genannt werden. Deutschland sei, was gen einen Kripo-Mann, weil er die Ban- reich geführt werden kann. Der Vorsit-die Zahl der Mitglieder angehe, europa-didos mit Informationen aus dem Dienst-zende des Bundes Deutscher Kriminal-weit am stärksten betroffen. Laut Europolcomputer versorgt haben soll.beamter, André Schulz, ist überzeugt,sind 64 Prozent aller Rocker vorbestraft. In Frankfurt wurden im selben Jahrdass ein bundesweites Phänomen wie„Bei nahezu jeder Hausdurchsuchung fin-fünf Beamte suspendiert, darunter ein 50-Rockerbanden auch „zentral untersucht“det die Polizei Waffen und Drogen“, be-jähriger Erster Hauptkommissar des LKA,werden müsse.Für Schulz belegen die jüngs- ten Vorwürfe gegen Frank Ha- nebuth, dass die örtlichen oder regionalen Charter längst nicht so eigenständig sind wie immer behauptet; und dass ein kon- zertiertes Eingreifen der Si- cherheitsorgane auf Bundes- ebene sinnvoll sein könnte.Wie mächtig Hanebuth in Wahrheit ist, wie weit sein Ein- fluss reicht, erschloss sich im Mai 2010: In der Kanzlei seines NORMAN REMBARZ / DAPD Intimus und Rechtsanwalts Götz von Fromberg besiegelte er mit PR-Getöse den bundes- weiten Friedensschluss mit Bandidos-Boss Peter Maczol-Razzia in Potsdam am vergangenen Mittwoch: Fruchtbare Zusammenarbeit der Rocker mit Polizeikreisen lek. Der Handschlag mit dem Erzfeind war verbindlich fürrichtet ein Beamter aus der Zentrale in weil sie Interna an die Hells Angels alle Hells Angels in Deutschland und be-Den Haag. durchgestochen haben sollen; zwei Be- siegelte auch die Verabredung, ein Jahr Die Erkenntnisse von Europol decken schuldigte sollen sogar selbst mit Drogen lang keine neuen Charter zu gründen.sich mit den Ermittlungen der Berliner gehandelt haben. In einem weiteren FallDiese Woche wird die Suche nach derFahnder, die jüngst zum Verbot des in Berlin fand die Polizei bei einer Durch- angeblich einbetonierten Leiche fortge-„Hells Angels Motorcycle Club Berlin suchung einen Zettel vor: „Ihr braucht setzt. Innenminister Schlie will nicht lo-City“ geführt haben. Wer die Geschäfte die Tür nicht einzutreten. Sie ist offen.“ ckerlassen, er hält den Kronzeugen fürder Rocker störte, heißt es in der Verbots- In Schleswig-Holstein, so hat es Kron- glaubwürdig.verfügung der Innenbehörde, wurde zeuge Steffen R. behauptet, sollen drei In einem Detail jedoch mussten ihmdurch „Einschüchterungsversuche oder Beamte – je einer von der Polizei, dem seine Ermittler inzwischen erklären, dassnotfalls gewaltsam und unter Inkaufnah- Justizvollzug und der Kieler Stadt- Steffen R. wohl falschliege. Der Kronzeu-me von schwersten Verletzungen bis hin verwaltung – den Hells Angels bei ihren ge hatte ausgesagt, für die Hilfe beimzum Tod ausgeschaltet“. Geschäften behilflich gewesen sein. In- Mord an dem Türken habe ein weiterer Aus dem Landeskriminalamt heißt es, nenminister Klaus Schlie ist entsetzt, Gefolgsmann ein eigenes Charter inbereits im Jahr 2008 hätte man gegen den „welche Anstrengungen die Rocker unter- Polen gründen dürfen.späteren Kopf der Bande Kadir P. vorge- nehmen, tief in staatliche Strukturen ein-Als die Rockerclique am 10. April 2010hen können – und müssen. Laut einem zudringen“. die neue Dependance mit einer großenLKA-Insider gab es bereits damals eineSchlie war der erste deutsche Minister, Sause feierte, war Tekin Biçer jedochVorlage für eine Verbotsverfügung, die der nach vielen Jahren mal wieder ein noch gar nicht verschwunden – das ge-aber in der Senats-Innenverwaltung hän- Verbotsverfahren einleitete, 2010 gegen schah erst 20 Tage später.genblieb. Bandidos und Hells Angels. Manche sei-An der Party nahmen auch zwei In Kreisen der Hells Angels wird be- ner Kollegen in den Bundesländern wa- Rocker teil, die sich heute gegenseitig derhauptet, ihnen sei seit Februar bekannt ren damals nicht erbaut vom Tatendrang Lüge bezichtigen: Steffen R. und Frankgewesen, dass der Senat eine Verbotsver- des ebenso bodenständigen wie furcht- Hanebuth.fügung vorbereite. Dass ihnen der Zeit- losen Holsteiners. Bei der Innenminister-MARKUS DEGGERICH, HUBERT GUDE,punkt der Razzia vergangene Woche ver- konferenz vorigen Donnerstag bemerkteANDREAS ULRICH60 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 46. Deutschlanddeshalb ein Elternteil nicht arbeiten ge-hen kann? Was also, wenn eine Grund-KINDERBETREUUNG schullehrerin zu Hause bleiben und sichBauen oder zahlenum ihren eigenen Sohn kümmern muss,statt die Kinder anderer zu unterrichten?Wenn eine Verkäuferin nur noch in denwenigen Stunden arbeiten kann, in denender Vater trotz Vollzeitjob auf die TochterDer Mangel an Kita-Plätzen dürfte für den Staat teuer werden: aufpasst? Verdienen die Eltern weniger, weil sie zu Hause In solchen Fällen müssen die Kommu-nen nach Ansicht von Thomas Meysen, bleiben müssen, können sie Schadensersatz verlangen. Fachlicher Leiter des Deutschen Institutsfür Jugendhilfe und Familienrecht, „Scha-D ie Mutter war früh genug dran, Plätze für Kinder unter drei Jahren zur densersatz aus Amtshaftung“ leisten –das dachte sie jedenfalls. DerVerfügung stehen“, konstatiert der Haupt- und der umfasse Einkommensverluste,zweite Geburtstag ihrer Tochter geschäftsführer des Deutschen Städtetagsdie auf fehlende Betreuungsmöglich-stand erst in einigen Monaten an, daStephan Articus. Und sein Kollege Gerdkeiten zurückzuführen seien. „Die An-schrieb die Frau der Mainzer Stadtver-Landsberg vom Deutschen Städte- und spruchsvoraussetzungen liegen vor“, sagtwaltung, dass sie für ihr Kind einen PlatzGemeindebund prophezeit: „Die Klagender promovierte Jurist.in einer Tagesstätte brauche. Mehrmalswerden sich gegen die Kommunen rich- Mit anderen Worten: Die Grundschul-hakte sie nach, immer vergebens.ten, und die Kommunen werden die Kla- lehrerin und die Verkäuferin können für Dabei ist das Gesetz in Rheinland-Pfalzgen verlieren.“ die Zeit, in der sie ihr Kind betreueneindeutig formuliert. Seit 2008 ist festge-Kommunalvertreter haben bisher vor mussten, ihren Verdienstausfall in Rech-schrieben, dass alle Zweijährigen in demallem Fälle wie jenen aus Mainz im Blick. nung stellen.Bundesland einen Anspruch auf „Erzie- Dabei geht es um, wie Juristen sagen,Die Kommunen stehen vor einem un-hung, Bildung und Betreuung im Kinder-„Aufwendungsersatz“ für die zusätzli- kalkulierbaren Risiko. Niemand weiß, ingarten“ haben. Ohne Wenn und Aber – chen Kosten, die Eltern bei privaten An-wie vielen Fällen und in welcher Höheund seit zwei Jahren sogar ohne Gebüh-bietern entstehen – also die Differenzsolcher Schadensersatz künftig verlangtren. Mehr als 500 neue Betreuungsplätze zwischen den Gebühren, die in einer wird. Sicheren Schutz vor Klagen bötehat allein die Landeshauptstadt seit 2009 staatlichen Krippe anfallen, und höherennur ein Angebot, das tatsächlich „be-geschaffen. Preisen auf dem freien Markt. darfsgerecht“ ist, so dass alle einen Platz Doch die Mainzer Mutter ging leer aus.Das würde für die Kommunen schon finden. Stattdessen werden wohl nochSie meldete ihr Kind schließlich in einer teuer genug, ist aber noch nicht alles. mehr Kita-Plätze fehlen als bislang an-privaten Einrichtung an. Die Kosten für Fachleute gehen davon aus, dass die An- genommen.die Privatbetreuung, knapp 400 Euro pro sprüche der Eltern weiter reichen. Was Die Bundesregierung rechnete zu-Monat, wollte sie von der Stadt ersetzt passiert, wenn die Eltern keine Betreuung nächst damit, dass etwa 750 000 Plätzehaben. Nach längerem Hin und Her er-finden, weder staatlich noch privat, undbenötigt würden. Doch in ihrem jüngstenhob sie Klage – und das Verwaltungsge-richt gab der Mutter vor wenigen Tagenweitgehend recht. Wenn eine Kommunekeine ausreichenden Kapazitäten bereit-halte, stelle dies eine „Pflichtverletzung“dar, für die sie geradestehen müsse. Das Urteil des Verwaltungsgerichts istnoch nicht rechtskräftig, aber es schürtdie Befürchtungen von Kämmerern auchin anderen Bundesländern. Im Sommerkommenden Jahres, am 1. August 2013,soll bundesweit eine ähnliche Regelungin Kraft treten: ein verbindlicher An-spruch auf Förderung in einer Kinder-tagesstätte oder bei einer Tagesmutterschon ab dem ersten Geburtstag. Vielerorts dürfte sich dies als leeres Ver-sprechen herausstellen, vermutlich werdenZehntausende Plätze fehlen. Bundesfami-lienministerin Kristina Schröder (CDU)präsentierte in der vergangenen Wocheein Zehn-Punkte-Programm, um bis zumStichtag ein „bedarfsgerechtes Angebot“zu schaffen. Doch die Nachfrage dürftegrößer sein. Die Folge: Zu den hohen Kos-ten für den Kita-Ausbau könnten beträcht-liche Zahlungen an Eltern kommen.MICHAEL LATZ / DAPD Es bestehe „eindeutig die Gefahr“, dassbis Sommer 2013 „nicht überall genügend* Bei einem Besuch im Stuttgarter Kinderhaus Bärchen-insel am 14. Februar 2011.Familienministerin Schröder*: Unkalkulierbares Risiko62D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 47. Zwischenbericht geht sie von einem hö-heren Bedarf aus. Sie erwartet nun, dass „Stümperei“für 42 Prozent der Einjährigen und für65 Prozent der Zweijährigen Betreuungs-plätze benötigt werden. Die Regierunghabe ihre Prognose um 30 000 Plätze er-höht, sagte Ministerin Schröder in derChristoph Matschie, 50 (SPD), Vize-Ministerpräsident undvergangenen Woche.Bildungsminister von Thüringen, über das Betreuungsgeld Selbst das ist womöglich nicht genug.Nach neuen Berechnungen der Dortmun-SPIEGEL: Glückwunsch, Matschie: Wie könnteder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfe-Herr Matschie, Thürin- ich? Die Bundesregie-statistik werden im August 2013 für die gen hat ein Betreuungs-rung ist dabei, die Ver-Betreuung der Kinder unter drei Jahrengeld schon vor sechs einbarkeit von Berufsogar etwa 80 000 Plätze mehr benötigt alsJahren eingeführt. Nun und Familie zu erschwe-ursprünglich geplant. folgt der Bund dem Er- ren. Sie mindert die Zu- Während die neuen Bundesländer gut furter Modell. kunftschancen unsererdastehen, hinken weite Teile des WestensMatschie: Ach wo, dieKinder. Die RechnungALEX KRAUS/LAIFhinterher. Vor allem in Nordrhein-West- Bundesregierung stiftetlautet offenbar: Wir ma-falen gebe es viele „Nachzügler“, hat das Chaos. Die Familienmi- chen ein paar MillionenDeutsche Jugendinstitut in Münchennisterin spricht von für das Betreuungsgeldermittelt: Bezirke, die nur eine geringeWahlfreiheit für Eltern. locker und drücken unsZahl an Plätzen anbieten und gleichwohl Für mich heißt das: Wer seine Kinder so vor Investitionen in Kindergärten.nur geringe Anstrengungen unternom- in die Kita schicken will, sollte dasDas ist eine zynische Politik.men haben, daran etwas zu ändern. tun können. In Thüringen haben wir SPIEGEL: Thüringen ist mit Kita-Plät- „Viel hängt von den Kommunalpoli-ausreichend Betreuungsmöglichkeitenzen gut versorgt. In anderen Bundes-tikern vor Ort ab“, sagt der Jugendinsti- geschaffen. Ein Großteil der Republikländern ist das Angebot bei weitemtut-Abteilungsleiter Bernhard Kalicki,ist davon noch weit entfernt.nicht ausreichend. Bundesfamilienmi-„und ob es Eltern gibt, die Druck ma- SPIEGEL: Wie kommt das Betreuungs- nisterin Schröder will nun mit einemchen.“geld – monatlich mindestens 150 Euro Zehn-Punkte-Plan gegensteuern. Dabei wird der Betreuungsbedarf in pro Kind – in Thüringen an?Matschie: Das ist schlimmste Stümpe-den Regionen stark unterschiedlich aus- Matschie: Das Betreuungsgeld wirdrei. Die Engpässe bei der Betreuungfallen. Ausgerechnet Großstädte und pro-vor allem von sozial schwachen Fami- waren absehbar, aber die Bundesre-sperierende Kommunen, von denen die lien in Anspruch genommen. Das gierung hat das Problem ignoriert.meisten über ein vergleichsweise großes führt dazu, dass Kinder, die professio-Wir brauchen mehr Kita-Plätze, undAngebot verfügen, werden wohl am här- nelle Betreuung dringend nötig hätten, wir brauchen mehr Erzieher. Um bei-testen von Klagen getroffen werden: weilzu Hause bleiben.des hat sich Frau Schröder bis heutehier viele Mütter berufstätig sind oder zu- SPIEGEL: Warum wollen Sie vorschrei- nicht gekümmert.mindest sein wollen – und weil beim „ge-ben, wie Eltern ihre Kinder erziehen?SPIEGEL: Die Kinderbetreuung ist Län-bildeten, hochqualifizierten Publikum die Matschie: Das tue ich nicht. Aber ichdersache.Klagebereitschaft höher sein dürfte“, wie wehre mich entschieden gegen das Be- Matschie: Aber die Länder müssenes Henriette Katzenstein vom Deutschentreuungsgeld, es setzt die falschen An-vom Bund besser unterstützt werden.Institut für Jugendhilfe und Familienrechtreize. Es hemmt viele Kinder in ihrerDie Bundesregierung hat für den 1.formuliert. Entwicklung. Und es lockt Eltern mit August 2013 einen Rechtsanspruch auf Selbst die Hoffnung, mit einer verstärk- niedrigen Einkommen in die Armuts- Betreuungsplätze geschaffen. Dannten Ausbildung von Tagesmüttern zusätz- falle, weil sie nach längerem Ausstieg muss sie diesen auch durchsetzen.liche Betreuungsangebote zu schaffennur schwer wieder Jobs bekommen. Stattdessen diskutiert Schwarz-Gelbund so die befürchtete Klagewelle abzu- SPIEGEL: Sind die Thüringer Kindergär- seit Monaten über das irrsinnige Be-schwächen, könnte trügen. Grundsätzlich ten verwaist, seit es das Betreuungs-treuungsgeld, das niemandem hilft.bestehe „Wahlfreiheit“ der Eltern zwi-geld gibt? SPIEGEL: Warum haben Sie das Betreu-schen Kindertagesstätte und Tagesmutter,Matschie: Nein. In Thüringen besucht ungsgeld in Thüringen nicht abge-sagt der Karlsruher Anwalt und Betreu-fast die Hälfte der Kinder unter dreischafft, wenn Sie es für einen Fehlerungsrechtsexperte Eckart Riehle. „WennJahren eine Kita. Das zeigt: Die Elternhalten?eine Mutter sagt, ich möchte bitte unbe-nehmen dieses Angebot gern an. Wir Matschie: Wir sind in einer Großendingt einen Kita-Platz, und sie bekommt haben bereits 2010 einen gesetzlichenKoalition – die CDU verhindert dasden nicht, dann könnte sie schon deswe- Anspruch auf täglich zehn Stundenbisher. Aber ein Blick auf den Haus-gen klagen.“professionelle Betreuung für jedes halt zeigt: Das Betreuungsgeld ist Im Mainzer Fall wird die Stadt vermut- Kind geschaffen. Und anders als derauch finanziell untragbar. Die Zu-lich in Berufung gehen, doch der Anwalt Bund sind wir in der Lage, diesem An-schüsse aus dem Solidarpakt sinken,der Mutter gibt sich siegessicher: „Wennspruch nachzukommen. In ThüringenThüringen kann in Zukunft wenigerdas keine Konsequenzen hätte, könntemuss niemand klagen, weil dem Kind Geld ausgeben. Wir müssen uns alsoder Gesetzgeber ja beliebig Rechte ein- ein Kita-Platz verwehrt wird.entscheiden. Entweder wir investierenführen, ohne eine Sanktionierung fürch- SPIEGEL: Thüringen zahlt 30 Millionenin eine moderne Familienpolitik undten zu müssen“, sagt Ulrich Mühl. Euro jährlich an Eltern, die ihre Kin- bauen unser Betreuungsangebot aus. Seine Mandantin hat mittlerweile er- der zu Hause betreuen. Diese Summe Oder wir verschwenden weiterhin Mil-reicht, was sie ursprünglich erreichenkönnten Sie sparen, sobald der Bundlionen für das Betreuungsgeld. Beideswollte. Kaum hatte der Prozess begonnen,sein Betreuungsgeld einführt. Sie soll-ist nicht zu haben.fand die Stadt einen Kita-Platz für die ten sich freuen.INTERVIEW: MAXIMILIAN POPPTochter.DIETMAR HIPP D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 63
  • 48. Szene Was war da los, Frau L’Oquenz?L’Oquenz, Musikerin aus Toronto,über eine königliche Party: „Ichhabe Prinz Charles die Basicsdes Plattenauflegens gezeigt.Seine Hauptaufgabe bestanddarin, einen Song zu mischen.Es war Elektromusik, ein Liedmit dem Namen ,Lick‘. Ich ar-beite für eine Organisation, dieJugendlichen beibringt, Turn-tables zu bedienen, und PrinzCharles hat uns auf einer Mes-se besucht. Er sah scharf ausin seinem Anzug, und er hatteeinen guten Style am Platten-spieler. Er hat mir auch gesagt,dass er Musik möge, aber lei-der kein Instrument spiele. Ersagte, er sei ein Disco-Fan. Ich ANWAR HUSSEIN / WIREIMAGEglaube, wenn wir ein wenigmehr Zeit gehabt hätten zuüben, hätte die königliche Ho-heit ihre eigene Party schmei-ßen können.“ L’Oquenz Warum tragen Männer Schlumpfmützen, Herr Roetzel?Der Stilkritiker Bernhard Roetzel, 45,SPIEGEL: Was sehen Männer, die sichSPIEGEL: Die Mütze von Sherlockschrieb die Modebibel „Dersolche Mützen aufsetzen, wenn sie in Holmes?Gentleman“. Nun erklärt er, was den Spiegel schauen? Roetzel: Engländer nennen diese Mützeauf Deutschlands Köpfen los ist.Roetzel: Peter Mustermann sieht wahr-„Deerstalker“. Wird meist bei derscheinlich Ashton Kutcher. Ich glaube, Jagd getragen.SPIEGEL: Hat der deutsche SängerKutcher hat diesen Trend gesetzt.SPIEGEL: Wann darf ein Mann eineRoman Lob nur den achten Platz in Aber Mode ist ja immer ein wenig Roman-Lob-Mütze tragen?Baku gemacht, weil er diese Mütze seltsam. Plötzlich finden Menschen Roetzel: In der Freizeit. Wenn jungetrug? das toll, was sie vorher blöd fanden.Leute Flipflops, Tanktop und ShortsRoetzel: Ich habe mich auch gewun-Und dann setzen sie sich eben auch anhaben, können sie auch diesedert, was das auf seinem Kopf war. Es solche Teewärmer auf den Kopf. Schlumpfmützen aufsetzen.sah ein wenig aus wie eine Feinripp-SPIEGEL: Es gibt auch andere MännerSPIEGEL: Gibt es eine stilvollere Mög-Unterhose. Ich glaube aber, seine Plat- mit seltsamen Kopfbedeckungen alslichkeit, sein Haupt zu bedecken?zierung lag eher an der Musik.Markenzeichen. Wie finden SieRoetzel: Ich habe eine umfangreicheSPIEGEL: Wieso tragen Männerden Hut von Udo Linden-Hutsammlung. Filzhut zum Anzug,solche Mützen, wenn es garberg?eine Baskenmütze auf Reisen. Ichnicht kalt ist? Roetzel: Lindenberg ist einhabe auch einen Bowler, aber denRoetzel: Ich bin heute Morgen Altrocker, das passt.setze ich nur für mich zu Hause auf.S-Bahn gefahren und habe ei-SPIEGEL: Die Hüte von ErichDamit traue ich mich nicht vor die Tür.nen Mann gesehen, der kurze Honecker?SPIEGEL: Wenn ein 18-jähriger JungeHosen und eine Mütze trug.Roetzel: Honecker trug imsich eine Schlumpfmütze wünscht,Ich wollte ihn erst fragen, was Sommer einen Kunstpanama-was soll man ihm sagen?HARALD TITTEL / DAPDdas soll. Ich meine, beobach- hut, der war zwar nicht ausRoetzel: Wer 18 ist, darf machen, wastet zu haben, dass bei diesem Panamapalme, aber maner will. Da können Sie nur vorleben,Trend auch wichtig ist, die musste an Lateinamerikawie es schöner wäre. Meine KinderMütze weit nach hinten zu denken – somit an Kuba, undsind zwei und drei Jahre alt. Sie tra-schieben, wie ein Rastamann. Sänger Lob das hat dann auch gepasst. gen Hut.66D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 49. Gesellschaft Der letzte SchlagEINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Ein Südafrikaner zieht wegen eines Straßenschadens vor Gericht.Drei Stunden lang saß er neben sei- gien. Sein Forschungsgebiet ist die Spra-der Stadt Klerksdorp, waren noch malnem Auto mit den zerfetzten Rei- che Afrikaans, die aus dem Dialekt der anderthalb Stunden vergangen. Die Män-fen, wartete auf Hilfe, mehr als niederländischen Siedler entstand, die imner in der Werkstatt zogen neue Reifen500 Kilometer lagen noch vor ihm, über 17. Jahrhundert in den Süden Afrikas auf und rieten Carstens davon ab, nochder Landstraße wurde es hell. Wannie kamen. Er wirbt auf der ganzen Welt fürweit zu fahren. Das Fahrgestell könnteCarstens konnte nun deutlich erkennen, die Sprache, deren Ruf noch darunter etwas abbekommen haben.was ihn aufgehalten hatte.leidet, dass sie auch die Sprache desWannie Carstens rief seine Schwester Er sah ein Schlagloch, mehr als andert- Regimes der Rassentrennung war. Apart- an, in ihrem Haus wollten sie späterhalb Meter lang, einen Krater im grauen heid ist ein Wort aus dem Afrikaans. Cars-gemeinsam essen. Wannies Bruder warAsphalt, mit zackigen Rändern.tens hat in der Stadt Gent in Belgien ge- schon bei ihr, er war 900 Kilometer weit Zwei Monate ist das her, Cars-gefahren, allerdings die ganzetens ist längst wieder zu Hause, Strecke bei Tageslicht. Die Ge-sein Auto repariert, aber dasschwister wollten eine kleine,Schlagloch beschäftigt ihn immer persönliche Feier für ihre Mutter,noch. An dem Schlagloch kann einen Gottesdienst, das Essen,er erklären, was in seinem Land, und Wannie, der Älteste von ih-Südafrika, schiefläuft. Möglicher- nen, sollte eine Rede halten.weise geht von dem Schlagloch Er würde es nicht schaffen,sogar eine kleine Protestbewe- sagte er seiner Schwester. Wie-gung aus, bei Carstens haben der nicht. Drei Tage zuvor warsich schon einige Leute gemeldet,die Mutter gestorben. Sie war 79die sich ihm anschließen wollen. Jahre alt und seit einer Weile an Er hat wegen des SchlaglochsKrebs erkrankt. Als es ihr plötz-einen Anwalt beauftragt, der be- lich schlechter ging, war Carstensreitet eine Klage gegen die Re-auf einer Reise und konnte nichtgierung der Nordwestprovinzschnell genug zu ihr.vor. Dort lebt Carstens, dort ge- „Jeder verdient doch eine Ge-schah der Unfall, gegen sechslegenheit, sich von einem gelieb-Uhr am Morgen des 24. März, Carstens ten Menschen zu verabschieden“,auf der R 507, etwa 15 Kilometer sagt er, man hört ihn schluchzenhinter dem Ort Ottosdal. am Telefon. Die Regierung hat Carstens war auf dem Weg zurihn um seinen Abschied ge-Trauerfeier für seine Mutter. Ne-bracht, weil sie dieses Schlaglochben ihm saß seine Frau Wilma,nicht hat reparieren lassen. Sosie waren seit zwei Stunden un-sieht er die Sache inzwischen.terwegs, es war noch dunkel. Carstens hat einen Teil seiner Eigentlich fahre er nicht gernTrauer in Wut verwandelt.nachts, sagt Carstens. Er leitetAus der „Süddeutschen Zeitung“Seine Frau und seine Kinderdie Sprachfakultät der Northwest haben versucht, ihn von derUniversity in der Stadt Potchef- Klage abzuhalten. Aber es ist dasstroom, am Telefon meldet er Letzte, was Carstens noch fürsich mit „Professor Wannie“. Er ist 60 holfen, eine Sammlung von Gedichtbän-seine Mutter tun kann. Falls er gewinnt,Jahre alt, seine Stimme klingt freundlich, den in Afrikaans aufzubauen. will er das bekannt machen, ständig ver-man will ihm glauben, wenn er sagt, dass Er fühlt sich Europa nah, sprachlich,unglücken Menschen wegen der kaputtener sonst ein positiv gestimmter Mensch auch kulturell. Aber er liebe auch Süd-Straßen, niemand solle das mehr hinneh-sei, keiner, der dauernd Ärger suche. afrika, sagt er. Verrät er sein Land, wennmen müssen, sagt er. An diesem Tag musste er nachts los, er sich in ihm glatte Straßen wie inCarstens will 4500 Rand, etwa 430seine Mutter hatte in Upington gelebt, Europa wünscht? Er zahle doch Steuern, Euro, für die Reparaturen am Auto undmehr als 650 Kilometer von Potchef- er sei doch ein guter Staatsbürger, sagtSchmerzensgeld für seinen emotionalenstroom entfernt. Die Trauerfeier war er. Er habe doch als Hochschullehrer und Schaden, er muss jetzt zum Psychologen,nachmittags um drei. Carstens rechnete Forscher viel für sein Land getan. sich begutachten lassen.mit acht Stunden für die Fahrt und schlugDas Schlagloch zerriss beide Reifen auf Am vergangenen Wochenende ist ernoch drei Stunden drauf, er nahm den der linken Seite, Carstens brachte das noch einmal zu der Unfallstelle gefahren,großen Wagen, seinen Mercedes C200, Auto zum Stehen, seiner Frau und ihmauf die R 507, hinter Ottosdal. Er wolltenicht das kleine Auto seiner Frau.war zum Glück nichts passiert. Er rief sei- das Schlagloch fotografieren, für seine„Es reist sich hier leider nicht wie in ne Versicherung an, dann wartete er.Unterlagen und die Klage. Als er ausstieg,Europa“, sagt er. In Europa ist er oft, vorNach drei Stunden kam der Abschlepp- sah er es nicht mehr. Die Straße war frischallem in den Niederlanden und in Bel- wagen. Bis sie in der Werkstatt waren, in geteert. WIEBKE HOLLERSEN D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 267
  • 50. GesellschaftXAVIER LAMBOURS / LAIF / DER SPIEGEL Constantin-Film-Boss Moszkowicz, Schauspielerin Diane Kruger in Cannes: Wenn die Palme verliehen wird, ist das Geschäft längst vorbei undFILMINDUSTRIEHarvey will Tarzan kaufenIn der Unterwelt von Cannes läuft der echte Film, dort dealen die Produzentenund Händler und bestimmen, was in die Kinos der Welt kommt – wenn ihnen Piraten nicht das Milliardengeschäft kaputtmachen. Von Alexander Smoltczyk Nach dem Abspann gehen sie nochMeine Güte. Und? Gehen wir noch wasschlechten Film. Mit einem Unterschied.raus vors Kino, blinzeln in die trinken?“Der Mann auf der Vespa hat gerade nichtSonne. „Ich fass es nicht, das war Drei Leute vor dem Kino „Olympia“ inein paar Euro für den Film bezahlt. komplett Achtziger, Action wie bei Don Cannes. Der eine, ein Lockenkopf mit der Sondern ein paar Millionen Euro. Siegel.“ – „Ein paar gute Ideen gab’sStatur eines Wagner-Helden, kramt denGefallen hat er ihm trotzdem nicht. schon, aber die hätte man weiter-Mopedhelm aus dem Sitz seiner VespaMartin Moszkowicz knattert los. „Das ist drehen müssen. Ich mag Ballerfilme so- und zwängt sich hinter den Lenker: „Kann eben Kino“, hat er gesagt. „Du weißt wieso nicht.“ – „Wie kann man Sylves-nicht, muss weiter.“ Eine sehr gewöhnli- nicht genau, was kommt.“ Was natürlich ter Stallone heute noch so zeigen? che Szene, vor dem Kino, nach einemgelogen ist. Wenn jemand weiß, was 68 D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 51. ALBERTO PIZZOLI / AFPdie eigentlichen Akteure sind schon wieder abgereistnächsten Sommer in Deutschlands Kinostrennt. Es heißt, wer diese 24 Stufen im den-Dollar-Geschäft um Rechte an Fil-kommt, dann ist es Martin Moszkowicz.Blitzgewitter der Fotografen einmal em-men und Stoffen.Das Filmfestival von Cannes gibt esporgeschritten ist, der sei aufgenommen Mit weniger Pailletten und Lipgloss alsseit 66 Jahren. Immer Ende Mai verdrei-in den Olymp des Kinos.in der Oberwelt, aber voller Illusionen,facht sich die Bevölkerungszahl des Städt-Wie jedes Jahr lagern gegenüber die Freundschaft und frecher Lüge, voll Bluffchens, und in der Marina liegen engver-Unbedingten, die Salafisten des Kino-und Traum und tragischem Irrtum, mittäut die Superyachten, am Heck einschlä- kults, die Fans und Groupies. Zu Dutzen- absurden Plots, oft unmöglichen Beset-gig exotische Namen, „St. George – den haben sie ihre Alu-Leitern in Position zungen und, irgendwo verborgen, sehrCayman“, „Kingstown“, „Isle of Man“. gebracht, wachen nächtelang davor, umviel Geld. Großes Kino eben.Dann promenieren auf der Croisette den besten Blick auf Brad und IsabelleUnd deswegen ist Martin Moszkowiczhendlbraune Ruheständler in Tennis-zu erwischen und die anderen Ikonen deshier. Er ist im Vorstand von Constantinshorts, baumlange Verwaltungsfachfrau- Tapis rouge. Film für Film und Fernsehen zuständig.en mit Bollywood-Taillen, echte Huren Aber es gibt eine Welt jenseits des Tep-Er sagt: „Ich kenne Leute, die seit 30 Jah-auf falschen Louboutins und falsche aufpichs, unerreichbar für die meisten Festi- ren nach Cannes kommen und noch nieechten. Es ist ein ungeniertes Gewimmel, val-Besucher. Unter den Treppen deseinen Film gesehen haben. Hi Bruno, nicewo jeder fröhlich zeigt, was er zu zeigenFestspielgebäudes liegen die Katakombento see you ...“ – und begrüßt einen fal-hat: Hubraumgröße oder Körbchenmaße, des Palastes, eine luft- und lichtlose Welt, tenlosen Chinesen, der an einem der vor-Schweizer Uhren, Cineasten-Augenringe, wo Gestalten auf dem Boden kauern, die deren Tische des Eden Roc sitzt. Das istTrophy-Ladys. Alles geht, und jedermannGesichter matt von ihren iPads beschie-Bruno Wu, ein Medientitan, der geradehier steht für die zwölf Festival-Tage un- nen, neben sich die Bibel von Cannes,dabei ist, Hollywood aufzukaufen.term Generalverdacht der Wichtigkeit.den 1140-seitigen Katalog aller Klein- undDas Eden Roc ist die VIP-Lounge inAls Allerheiligstes von Cannes gilt derKleinstproduzenten, -verleiher, -techni- diesem Markt des Films, dem Festspiel-rote Teppich vor dem Festspielgebäude, ker und Subsubhändler. Hier beginnt diegebäude weit vorgelagert auf einem Fel-ein 60 Meter langes Stück Nadelflor- Gegenwelt des Marché du Film, der Film-sen außerhalb der Stadt. Hier sitzen sie,Spannware, das Glamour von Versagern markt. Grob geschätzt ein Vier-Milliar-die wirklich Reichen, hier sind die Frauen D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 269
  • 52. Gesellschaftunmenschlich schön, jedes Pigment sitzt schäft mit Risikostaffelung wie auf denausbleibt. Das erklärt, weshalb Filmbossewie mit Photoshop gezeichnet, jede Be-Finanzmärkten ...“ Sein BlackBerry regtalles tun, das Risiko zu verteilen.wegung erfolgt mit einer Nonchalance, sich, es scheint wichtig zu sein. „Harvey Um einen Film zu finanzieren, werdenwie sie nur strengste Selektion hervor- will Tarzan kaufen“, sagt Moszkowicz die Aufführungs-, DVD-, Fernsehrechtebringt. Moszkowicz bestellt das Lamm. dann, steckt das Handy weg und vertieftnach Territorien verkauft. Für die Rechte Es ist sein 35. Cannes. Das erste Malsich wieder in sein Lamm.in Deutschland muss man gut zehn Pro-war kurz vor dem Abi. Er schlief mit„Tarzan“ ist das, was derzeit in den Ba- zent der Produktionskosten übernehmen,Kumpels im Auto. Es war das Jahr vonvaria-Studios produziert wird. ConstantinFrankreich ist billiger, LateinamerikaMartin Scorseses „Taxi Driver“, und von Film hatte zufällig erfahren, dass Film- ganz billig. Es ist eine Art Vorverkauf,Wim Wenders lief „Im Laufe der Zeit“rechte am Tarzan-Stoff frei seien. Jetzt um den Markt besser abzuschöpfen. „Ter-im Wettbewerb. Seine Schulzeit hatteschwingen in München Stuntmen an Ka- ritorialisierung ist das Kernstück der Film-Moszkowicz großteils in der Cinemathekbeln herum, mit Sensoren, Armverlänge- finanzierung.“des Münchner Stadtmuseums verbracht.rungen und gewaltigen Gorilla-Hintern Verleihfirma und Produzent oderCannes war wie – Cannes. Wie der ersteausgestattet.Zwischenhändler unterschreiben ein ein-Sex, aber in Breitwand und Technicolor. „Harvey“ sitzt derzeit auf der Terrasseseitiges „Deal Memo“, in dem eine un- Von da an kam er jedes Jahr hierher. des Eden Roc, trägt sein schäbiges schwar- gefähre Beschreibung des Films steht, ne-Irgendwann, als Kleinproduzent, dann zu-zes Sweatshirt und ist Harvey Weinstein, ben der Lizenzart und -dauer und densammen mit Bernd Eichinger und dessen einer der mächtigen Studiobosse derKonditionen. Bei internationalen Produk-Firma Neue Constantin Film. 1982 hatteUSA. Ein Gewächs aus Queens mit dentionen wird etwa die Hälfte der KostenMoszkowicz im Palais eine Erscheinung:vollendeten Umgangsformen eines Gentle-durch Lizenzen aufgebracht. Der Rest durch Kredite und staatliche Produktions- hilfen.Mit dem Memo kann sich der Verleiher Geld bei der Bank leihen, um die Lizenz zu bezahlen. Und er kann die Rechte wei- terverkaufen. Für den Fall, dass die Hauptdarstellerin und/oder der ganze Film stirbt, gibt es Versicherungen, „Com- pletion Bonds“. Bald geht es nur noch darum, den Film fertigzustellen und die Beteiligten bei Laune zu halten, bis zu dem Tag, an welchem sie im Kino Olym- pia sitzen und erstmals präsentiert be- kommen, wofür sie ein paar Millionen Euro im Vorverkauf bezahlt haben.Film ist ein Geschäft mit Futures, wie man es von den Finanzmärkten kennt und fürchtet. Und die Akteure haben ähn-XAVIER LAMBOURS / LAIF / DER SPIEGEL lich blanke Nerven.Zwischen dem Fußvolk in den Kata- komben und den Herren des Dschungels im Eden Roc erstreckt sich eine Mixed Zone, markiert von der Lounge des Ho- tels Majestic, dem Grand und der Terrasse des Carlton. Hier haben die großen Ver- leiher, Rechtehändler, ProduktionsfirmenMogul Weinstein: Wer blinzelt, hat verlorenihre Logos aus dem Fenster gehängt.Der Großteil des weltweiten Film-„‚E. T‘., ich habe erlebt, dass man Leute man oder eines Berggorillas, je nachdem. geschäfts läuft hier, die wichtigsten Dealsin 90 Minuten glücklich machen kann.“ „Der einzige Mensch, gegenüber dem ich werden in den ersten Tagen des FestivalsHeute, mit 54 Jahren, ist er einer der je handgreiflich geworden bin“, sagtgemacht. Wenn die Goldene Palme ver-Mächtigen im deutschen Filmgeschäft. Moszkowicz. Aber das ist eine alte, längstgeben wird, sind die Lizenzhändler, Pro-Projekte unter fünf Millionen kann er vergessene Geschichte. Es ging wohl dar- ducer, Verleiher, Käufer und Zwischen-ohne Rücksprache abnicken. um, dass Weinstein „Das Geisterhaus“händler längst abgereist. Sie können auch „Im Grunde ist der Markt hier reine dann doch nicht wollte und für die Rechte ohne das Bling-Bling von L’Oréal undFiktion, Pre-Sale, Vorverkauf“, sagt Mosz- auch nichts mehr zahlen wollte. Swarovski. Umgekehrt nicht.kowicz. „Von praktisch keinem Film, derAber Weinstein hat einen Riecher für Im 30-Minuten-Rhythmus ihrer Out-in Cannes gehandelt wird, ist bis jetzt Erfolg. Er hat „Pulp Fiction“, „Der engli- look-Kalender werden die „Sales Di-auch nur ein Meter gedreht worden.“sche Patient“, „The King’s Speech“ ge-rectors“ und „Heads of Acquisitions“ von Am Nebentisch sitzen wie frisch ver- wittert. Wenn er die US-Lizenz für „Tar- Termin zu Termin getrieben, unterm Armliebt Arielle Dombasle, die Actrice, und zan“ kauft, wird 2013 kein Unglücksjahr die Extraausgaben des „Hollywood Re-ihr Gatte, der Philosoph Bernard-Henri für Constantin. porter“ und „Screen“, wo kryptischeLévy. Sie essen Obstsalat, und die Pla-Harvey sitzt unten auf der Terrasse des Marktmeldungen stehen à la „Woo bringtteau-Schuhe der Dombasle sind fast so Eden Roc und schaut über die Bucht. Er Biest-Nachmache nach Hause“.schwindelerregend wie die These von macht nicht viele Worte: „Ich will mit dirJeder will wissen, was der andere imLévys Festival-Beitrag: Ihm allein sei der an der Liane schwingen, Martin.“Rohr hat. Da werden HochglanzmappenNato-Einsatz in Libyen zu verdanken. Film ist etwas, das über Jahre vorbe- verteilt und wild zusammengeklebte „Es geht nur um Lizenzen“, fährt Mosz- reitet wird, um eventuell an einem Wo- „Teaser“-Filme, die „einen Eindruck ge-kowicz fort, „eigentlich ein Futures-Ge- chenende zu scheitern, wenn der Hypeben“ sollen und an denen oft nichts rea-70D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 53. listisch ist außer den Rechnungen, die sein Partner Gerhard Meixner sind über- Zeichen von Schwäche – nacheinanderschon aufgelaufen sind. nächtigt, ausgelaugt vom 18-Stunden-Tag und jedes Mal aufblickend die Liste der Es ist ein Jagen, Lauern, Locken um aus Kontaktemachen und Werben, Erklä- Schauspieler herunterzulesen. Es sind be-Rechte und Ideen, ein meist vergebliches ren, Imagebauen. „Der Markt ist ein kannte Namen darunter. Bühler ist nichtWittern nach dem Hype der Saison, ein Speed-Dating, aber auf Marathonstre- überzeugt: „Der hier, der ist ein Ein-Trick-Umeinanderkreisen auf kleinstem Raum, cke“, sagt Roman Paul. „Nicht vier Tage, Zirkuspony ... Okay, solange er seinendessen Beteiligte sich oft seit Jahrzehnten wie bei der Frankfurter Buchmesse, son- Oberkörper nicht frei macht ... Habt ihrkennen wie das Personal einer Daily dern zehn.“ Und wer klein ist, geht über den tatsächlich gebucht? Ich hörte, derSoap. All dies in einer rauen Umwelt, wo die volle Distanz. dreht mit Stephen.“der Espresso zehn Euro kostet und die Es ist ein fortwährendes Suchen und „Pitching“ nennt man es. Darum geht1000-Dollar-Zimmer zehn Tage im Voraus Sichten. Der Drehbuchschreiber sucht es, 16 Stunden am Tag. Das eigene Pro-zu bezahlen sind. Constantin lässt sich den Produzenten, der Produzent sucht jekt so unwiderstehlich zu machen wieCannes 100 000 Euro kosten. den Lizenzkäufer, der sucht nach Verlei- die Starlets auf dem Teppich. Und das Couchecken werden zu Büros, Café- hern, Förderern, Pre-Sales-Partnern, In- Projekt der anderen nach allen Regelnhaus- zu Konferenztischchen, ein iPad vestmentfonds, Festival-Zusagen, und alle der Kunst zu dekonstruieren: Drehbuch,und ein BlackBerry genügen, um Fea- haben ihren Blick im Scanning-Modus.Besetzung, Regie, Drehort, Zielgruppe,turettes zu zeigen, und hinter all denIm Kinofilm würde man jetzt in eine Lizenztauglichkeit.Luftküssen ist deutlich das Klingeln von Hotelsuite des Grand Hotel hineinzoo-„Thank you, boys, wir sehen uns.“ Sa-Kinokassen zu hören. Ein aufgeschnapp- men, wo Sasha Bühler, die Chefeinkäu- sha Bühler verschwindet zum nächstentes „400“ bedeutet im Zweifelsfall ferin von Constantin, gerade ihren achten Termin.400 000 Dollar für irgendwelche Rechte. Es gibt nur eine Handvoll europäischerProduzenten, die auf dem internationalenMarkt Erfolg haben, wie Pathé in Frank-reich, Medusa in Italien, Senator undConstantin Film in Deutschland. Constantin Film ist Produktionsfirmaund Verleih zugleich. Moszkowiczbraucht ungefähr alle zwei Wochen einenneuen Film: „Zehn bis zwölf davon pro-duzieren wir selbst, davon zwei für deninternationalen Markt. Den Rest kaufenwir, das meiste in Cannes.“ Seine neue Tochterfirma „MisterSmith“ hat eine Suite gemietet, kunst-samtbezogene Werbeboxen aufstellen las-sen und ist das ganze Festival über damitbeschäftigt, „3096 Tage“ zu verkaufen, XAVIER LAMBOURS / LAIF / DER SPIEGELeinen Film über die Gefangenschaft derNatascha Kampusch. Und die erste Folgevon „Die Chroniken der Unterwelt“, ei-nem Fantasythriller, der die Teenager imnächsten Jahr umtreiben soll. Nur mit dem richtigen Zugangsumhän-ger sind die Hotels entlang der Croisettein diesen Tagen zu erreichen. Aber ein-mal angekommen auf diesem Archipel, Kleinproduzenten Paul, Meixner im Palais des Festivals: „Der Markt ist ein Speed-Dating“genügt es, sich in eines der aufgeblasenenPlastiksofas vorm Grand Hotel zu setzen, Termin des Tages hat. Drei Wochen vor-Es war im Mai ’68, als ein Kommandoum die großen Fische vorbeischwimmen her hat sie die Drehbücher bekommen, revolutionärer Regisseure – darunterzu sehen. Da sitzt David Cronenberg. lesen lassen und sich eine „Tracking“-Lis- künftige Klassiker wie Truffaut, Polanski,Dort drüben, ein Mann mit Skilehrer- te von 50, 60 Projekten zusammengestellt. Lelouch und Godard – das Festival-Palaisgesicht, der jetzt wieder allgemein hofiert Darunter die „Musst-du-haben“ und die enterte und aus Solidarität mit den Stu-wird, seit er mit „Ziemlich beste Freunde“ „Wäre-gut-zu-haben“. denten und Arbeitern den Abbruch desseine Kasse aufgefüllt hat, und weiter hin- Pathé hat eine Art „Rocky“ im Ange- Spektakels durchsetzte. Inzwischen gibtten flirtet ein älterer Herr mit dem Aus- bot, nur angesiedelt im Springreiter- es für ästhetische und soziale Anliegensehen eines Revival-Rockstars: „Das ist milieu. Das läuft nicht. Dafür ist die neue eine feste Programmnische, und Rebel-Bob“, sagt jemand. „270 Filme. Zwei Cha- Komödie mit Sophie Marceau besser als lion wird nur noch als Klamauk simuliert,galls im Wohnzimmer. Ohne den hätte es gedacht: „Dranbleiben“, hat Bühler sich wenn Sacha Baron Cohen mit seinen Ka-,Herr der Ringe‘ nicht gegeben.“notiert. Der jungen Frau gegenüber sitzen laschnikow-Amazonen auf einem Kamel Es ist unmöglich, im Majestic oder drei Herren eines britischen Lizenzhänd- über die Croisette reitet.Grand einen Flur zu überqueren, ohne lers, die ihr ein Filmprojekt verkaufen Es sind andere Kommandos, die denmindestens eine Filmmusik und drei wollen, die aber nicht wissen, dass auch Betrieb ernsthaft stören. Es sind die Frei-Scripts aufgedrängt zu bekommen. „Mich Sasha Bühler längst weiß: Die Finanzie- beuter der Download-Portale und Tausch-hat mal jemand auf dem Klo angespro- rung dieses „handschweißtreibenden börsen. Denn die Studenten und Arbeiterchen: Hey, I’ve got a cool project.“Thrillers mit Blockbuster-Potential“ ist haben längst die Macht übernommen. Sie Das sagt Roman Paul von Razor Film, keineswegs gesichert.praktizieren den Kino-Kommunismuseiner unabhängigen Produktionsfirma „Wir haben eine You’ll-love-it-Beset- und laden sich herunter, was sie brauchen.aus Berlin. Es ist sein 15. Cannes. Er und zung“, sagt der eine und beginnt – erstes „Wir müssen etwa zehn Prozent auf dieD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 271
  • 54. Gesellschaftmehr ein guter Trailer. Es muss ein Hypeim Netz aufgebaut werden, mit einer Fol-ge von Trailern und Fangruppen, die aufMachinima.com eigene Filme zu demFilm produzieren, bevor der ins Kinokommt. „Panem“ ist das Vorbild. „Die Leute müssen einen Film schonmögen, bevor sie ins Kino gehen. Aberwenn sie dann reingehen, muss der Filmsie auch noch überraschen.“ In den USAsind die Kosten für Kopien und Werbungoft so hoch wie die der ganzen Produktion. Umso wichtiger, Leute zu finden, dieeinem die Last abnehmen. Auch wennsie schäbige schwarze Sweatshirts tragen. „Tarzan“-Produzent Robert Kulzersteht im Olympia-Kino, vor sich einen de-monstrativ gelangweilten Harvey Wein-stein, umgeben von seinem Hofstaat.„Der Film spielt in der Gegenwart. Na-türlich in 3-D. Wir haben Tarzan als 19- VENTURELLI / WIREIMAGEJährigen genommen. Sein Körper ist ab-solut realistisch, sein Gesicht nicht, wegendes uncanny valley ...“ Aus den Tiefen der Sitze kommt einwissendes Grunzen. „Uncanny valley“ istSatiriker Cohen bei Werbeaktion in Cannes: Die Rebellen verbergen sich im Netzein Begriff aus der Wahrnehmungspsy-chologie: Wenn eine animierte Figur zuProduktionskosten für Piratenabwehr zu- Moszkowicz fühlt sich da sehr müderealistisch ist, identifiziert sich der Zu-schlagen. Netzbeobachtung, Anwälte et und verspricht ein Treffen in Shanghai. schauer nicht mehr mit ihr. Das war Spiel-cetera“, sagt David Garrett von Mister„Wir haben hier Paradiesvögel“, sagtbergs Problem bei „Tim und Struppi“.Smith Entertainment. Er findet das nicht er, „die Leuten mit zu viel Geld von ir-Weinstein lässt den Trailer regungsloslustig. Der Branche sei es gelungen, die gendwelchen Filmprojekten erzählen, dieüber sich ergehen. „Thanks“, sagt er undLecks während der Herstellung zu stop- reine Phantasie sind“, sagt Moszkowicz.verschwindet. Nur keine Begeisterung. Esfen, per „Wasserzeichen“ und sicheren Manche dieser Projekte zirkulieren schonist das übliche Spiel: Wer zuerst blinzelt,Datenleitungen. Aber der unentgeltliche seit Jahren durch den Markt. „Und es gibt hat verloren. Harvey kennt das GesetzTausch von DVDs im Netz ist als Ge- Leute, wir nennen sie die Barzahler, diedes Dschungels. Er will die US-Rechte ha-schäftsmodell ziemlich unschlagbar. versenken 300 000 in ein Projekt, nur umben. Er blinzelt nicht. Es trifft auch die kleinen. Die Leute sagen zu können: Ich bin beim Film.“Alles nur Kino. „Für Harvey ist ein Ver-von Razor Film entdeckten ihren „WaltzKino ist sexy, jedenfalls verglichen mittrag nur der Beginn des Verhandelns“,with Bashir“-Film neulich in voller Länge der Produktion von Dichtungsringen. sagt Moszkowicz, als er wieder vor demauf YouTube. Jeder nicht bezahlte Down- Olympia steht. Diesmal unter einemload bremst jetzt die Finanzierung ihresSchirm, es regnet seit Tagen. „Er will vorneuen Films über ein Mädchen in Saudi- Manche Projekteallem seine Finger überall drinhaben.“Arabien, das Rad fahren möchte.in Cannes sind reineEs sei in diesem Jahr kein Mammut-„Es würde schon reichen, Warnhinwei-markt gewesen, sagt er und meint damit,se nach dem Downloaden zu verschicken, Phantasie. Das ist dass seine Constantin nur gut 50 Millio-wie in Frankreich. Drei Warnungen und nen Euro umgesetzt hat. Nicht 100 wiedann Internetsperre“, sagt Moszkowicz. vielleicht auch besser so. im Jahr zuvor. Moszkowicz hat dafür ge-„Aber die Telekom stellt sich taub, und sorgt, dass in den deutschen Kinos imdie Politik fürchtet, dass sie es sich mitEin hagerer, fast kahler Mann tigertSommer nächsten Jahres „Scary Movieder Jugend verderben könnte.“ durchs Gedränge vor dem Grand Hotel V“ und „Die Chroniken der Unterwelt“ Er erhebt sich mühsam – Sportunfall und sagt: „Filme sind immer schlechter laufen werden, weltweit die Geschichtebeim Joggen – und geht zum Goeland- als das Drehbuch. Aber in jedem schlech-der Natascha Kampusch und in den USAGebäude, wo auf der Terrasse im 6. Stock ten Film, der erfolgreich ist, steckt ein gu-ein deutscher „Tarzan“ in 3-D.schon ein Chinese mit einer erloschenen ter Film. Die Leute wollen keine schlech-Nachher kommen noch seine Vor-Cohiba in den Kinderhänden auf einem ten Filme sehen.“ Das ist Herman Weigel, standskollegen, dann Kulturstaatsminis-Fünf-Euro-Campingstuhl sitzt, um Mosz- der Mann, der von sich sagt, er sei derter Bernd Neumann, und Harvey musskowicz ein Angebot zu machen. Der „Chefideologe der Constantin Film“. Sei-auch noch angerufen werden. Moszko-Mann trägt Gaultier und ist James Wang, ne Kollegen nennen ihn „Dr. No“.wicz zählt die Tage, bis das alles hierder zusammen mit seinem Bruder Denis„Ich habe einen schlechten Ge-vorüber ist. Die falschen „Muss-man-ha-einen Großteil von Chinas Kinogeschäft schmack“, sagt Weigel von sich. „Aberben“ und die verpassten Kinoknüller auskontrolliert. „James ist interessiert, sich der ist super.“ Außerdem hat er den ku- Nordfrankreich. Dieser Mahlstrom deran ihrem Weltvertrieb Mister Smith zu riosen Grundsatz, jeden Film zu Ende zu Wichtigen, Schönen, Klugen und Nicht-beteiligen“, lässt James einen gepiercten schauen. Er ist jetzt 62 Jahre alt. Vermut- blinzler. „Das Absurde ist“, sagt er, „dassDolmetscher sagen, obwohl er hervorra- lich hat niemand in Cannes mehr Filme90 Prozent all dieser so unglaublichgend Englisch spricht. „James schlägt vor, gesehen als Herman Weigel. wichtigen und phantastischen Filme nie-einen Film über chinesische MythologieEr sagt, es sei schwerer geworden, Leu- mals gemacht werden.“ Es klingt wiezu produzieren.“te ins Kino zu bringen. Da reicht nicht Erleichterung.72 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 55. Gesellschaft EISENACH Der Pirat ORTSTERMIN: In Eisenach zeigt sich die Deutsche Burschenschaft als rechtsextremer Haufen.Friedrich Engelke sieht nervös aus. hoeffer, evangelischer Theologe und Wi-mus an Autofähnchen, bunte PerückenEr hat viel nachgedacht in den ver- derstandskämpfer, war kurz vor dem Ende und Fanmeilen, die bei Özil-Toren aus-gangenen Wochen. Wenn sein Plan des Zweiten Weltkriegs nach einem SS- flippen. Man hat nicht das Gefühl, dassheute funktioniert, könnte alles anders Standgerichtsurteil gehängt worden. Mitt- irgendjemand wieder in Polen einmar-werden. Ein Befreiungsschlag. Deutsch- lerweile ermittelt die Bonner Staatsanwalt-schieren möchte. Heute kommen Deut-land würde danach vielleicht sagen, schaft wegen des Verdachts auf Verun- sche fahnenschwenkend als EM-Schlach-schaut, Burschenschaftler, das sind keine glimpfung des Andenkens Verstorbener. tenbummler.Irren, keine Rechtsextremen, nur TypenIm vergangenen Jahr hatte Weidners Engelke kehrt euphorisch aus der Hallemit Mütze, Bändchen über der Brust und Verbindung, die „Alte Breslauer Bur- zurück. Er sieht aus wie ein Schaffner mitder albernen Vorliebe, sich mit Klingen schenschaft der Raczeks zu Bonn“, den seiner roten Tellermütze. Die Halle ist fürNarben ins Gesicht zu hauen. Aber keine Vorschlag gemacht, eine Verbindung ausJournalisten gesperrt. BurschenschaftlerNazis, nur etwas konservativer als andere. dem Dachverband auszuschließen, weil haben jahrzehntelang ihre Debatten internDas würde Deutschland vielleicht den- die einen Burschenschaftler mit chinesi-geführt. Man redete nicht mit den Medien.ken. Allerdings, glaubt En- Engelke ist das jetzt egal. Esgelke, müsse dafür sein Planist die neue Zeit. Neue Of-funktionieren.fenheit. Transparenz wie„Seit 1815 gibt es Bur- bei den Piraten.schenschaften, heute ist ein Der DringlichkeitsantragSchicksalstag“, sagt Fried- ist angenommen. In derrich Engelke. Ein älterer,nächsten Stunde wird ent-etwas aufgeregter Herr, schieden, ob Weidner raus-Mitglied der Rostocker Bur- fliegt. Um den Dringlich-schenschaft Obotritia. En-keitsantrag auf die Tagesord-gelke ist 63 Jahre alt, nung zu setzen, brauchte er SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELRechtsanwalt in Hamburg,eine Zweidrittelmehrheit.seit Ende der sechziger Jah-War kein Problem. Ein gu-re Burschenschaftler undtes Zeichen, findet Engelke.politisch irgendwo zwi-Es könnte der Momentschen Gauweiler, Koch und sein, in dem die deutschenBeckstein zu verorten. EinBurschenschaften im Jahr„Wertkonservativer“, wie2012 ankommen. Der Au-er sagt.genblick, in dem die Rück- Es ist kurz nach drei Uhr, wärtsgewandten nach vornin zehn Minuten beginnt schauen, eine Art Achtund-der Deutsche Burschentag Rebell Engelke: „Was sind das für Menschen“sechzig, über vierzig Jahrein der Werner-Aßmann- zu spät, aber immerhin.Halle, das Jahrestreffen derVor ein paar Tagen hatterund 120 deutschen undein Bündnis von Gewerk-österreichischen Burschenschaften. Der schen Eltern aufgenommen hatte. Unterschaften, SPD und Bündnis 90/Die Grü-Verband hat knapp 10 000 Mitglieder. anderem, weil er zu einer „außereuropäi- nen noch erklärt, dass der „rechte Aka-Rund 400 Delegierte sind angereist. Ein- schen populationsgenetischen Gruppie-demikerbund“ immer weiter nach rechtsmal im Jahr treffen sich die deutschen rung“ gehöre und nicht zur deutschen „ge-rücke. Teilweise dominiert von einer „of-Burschenschaften in Eisenach. Engelke schichtlichen Schicksalsgemeinschaft“.fen völkischen und extrem rechten Strö-steht schon eine Weile vor der grauen Sich von der Welt abwenden, in diemung“. Vielleicht dreht sich das heute.Halle. Er raucht Kette. eigene Burg zurückziehen – Burschen-Engelke tänzelt in die Halle zurück. Es ist eine Revolution, die Engelke da schaftler sind eine besonders harte Spe- Vier Stunden später ist alles vorbei. En-vorhat. Er möchte mit einem Dringlich- zies von Globalisierungsverweigerern.gelke, der in seiner Wohnung mehr alskeitsantrag dafür sorgen, dass Norbert Seit Jahren gehen die Mitgliederzahlen 1800 Bücher zur NS-Zeit hat, sitzt in derWeidner, Chefredakteur ihrer Verbands- zurück. Studentische BurschenschaftenBar des Thüringer Hofs in der Eisenacherzeitung „Burschenschaftliche Blätter“, ab- stehen für Vaterlandsliebe, für einen et-Innenstadt. Er betrinkt sich. Der Bur-gesetzt wird. Weidner rauszuwerfen wäre was ranzigen Patriotismus. Opis alte Ge-schentag hat Weidner nicht entlassen. Dieein Zeichen, das alle verstehen würden. schichten. Königsberg, Dresdner Bomben- Mehrheit der Delegierten findet, der Ver-So einer gehört nicht zu uns. nacht, Ostgebiete. Solche Dinge.bandsfunktionär solle bleiben. Weidner, ein Chefredakteur, der ungern Dabei ist es keine schlechte Zeit für Pa-„Was sind das für Menschen“, fragt En-mit Journalisten redet, hatte kürzlich Diet- triotismus. Seit der Weltmeisterschaft gelke nach ein paar Bier und schaut insrich Bonhoeffer einen „Landesverräter“ 2006 kommen die Deutschen wieder bes-Glas.genannt und seine Hinrichtung durch die ser mit ihrem Nationalstolz klar. Aller- Burschenschaftler.Nazis „rein juristisch“ gerechtfertigt. Bon- dings denkt man beim neuen Patriotis- JUAN MORENO74 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 56. Trends FRANK RUMPENHORST / PICTURE ALLIANCE / DPA Demonstrierende Opel-MitarbeiterAU TO I N D U ST R I EGeneral Motors düpiert den Vizekanzler Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler hofft, dass er auf von einem Entwicklungszentrum weltweit geführt werden. seiner USA-Reise Mitte Juni endlich mit einem Vorstands-Bei VW ist das Wolfsburg, bei GM soll es Detroit werden. mitglied des Opel-Mutterkonzerns General Motors (GM) spre-Opel-Manager fürchten, dass die Techniker in den USA die chen kann. Rösler will wissen, was GM mit dem kriselndenVorgaben für neue Modelle an den Erwartungen der US-Kun- deutschen Autobauer plant. „Bislang hat GM nicht mit offe-den ausrichten und nicht an den anspruchsvolleren Anforde- nen Karten gespielt“, sagt Rösler. „Das unwürdige Schauspielrungen europäischer Autokäufer. Opel würde technisch noch muss endlich aufhören, die Mitarbeiter brauchen Klarheit.“weiter hinter Volkswagen zurückfallen. Auf Unterstützung GM hat auf die Terminanfrage des Ministers bislang nichtdurch Wirtschaftsminister Rösler bauen die Opel-Entwickler reagiert. Im Opel-Entwicklungszentrum Rüsselsheim wächstgar nicht erst. Sie wissen, wie wenig die GM-Führungsriege unterdessen die Unruhe: Manager fürchten eine Entmachtung.von dem FDP-Politiker hält. Bereits zweimal war ein Ge- GM hat intern die Organisation des VW-Konzerns zum Vor- spräch zwischen Wirtschaftsministerium und GM angesetzt. bild erklärt. Demnach soll die Entwicklung neuer ModelleBeide Termine sagte der Konzern kurzfristig ab. B AY E R N L B che Anwesenheitspflicht an, der Hauptgeschäftsführer des Bundesver-Ex-Vorstand darf bandes Deutscher Banken, Michael Kemmer, wird an diesem Tag aber Prozess schwänzen wohl nicht in München sein. Der DANIEL ROLAND / AFP frühere BayernLB-Vorstand hat eine wichtige Besprechung mit EU-Ver- Es ist eine beispiellose juristische Aus- bandsvertretern. Deshalb gewährte die einandersetzung: Die BayernLB hat Richterin ihm Dispens. Den anderen acht frühere Vorstände auf 200 Millio-Beklagten wie Ex-BayernLB-Chef nen Euro Schadensersatz verklagt. Werner Schmidt oder dem unter ande- ZAHL DER WOCHE 2007 hatte die Landesbank das Kärnt-rem wegen Bestechung angeklagten ner Skandalinstitut Hypo Group Alpe einstigen Risikovorstand Gerhard 470 833 Euro Adria gekauft, das sich in der Finanz- krise zum Milliardengrab entwickelte. Beim Auftakt zum ersten Zivilverfah- Gribkowsky dürfte es dagegen kaum gelingen, sich zu drücken. Im Gegen- satz zu Kemmer haben sie zumeist Übergangsgeld pro Monat bekommt ren vor dem Münchner Landgerichtkeinen Fulltime-Job: Sie beziehen teil- Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann am 19. Juni dürfte der prominentesteweise schon Rente, Gribkowsky sitzt bis einschließlich November 2012. Beklagte allerdings fehlen. Zwar ord- in U-Haft. Er bestreitet die gegen ihn nete die zuständige Richterin persönli- erhobenen Vorwürfe.76D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 57. WirtschaftVERLAGE auch gegen das Buch ging Schertz vor – allerdings zunächst mit Schrei-WWF-Buch hat ben an Buchhändler wie zum Beispiel Amazon. Darin warnte er potentielle es schwer „Störer“. Obwohl es bisher keine ge- richtliche Entscheidung gegen Inhalte des Buches gibt, verfehlten die War-Bereits Mitte April erschien ein kriti-nungen offenbar nicht ihr Ziel: Wedersches Buch über den World Wide bei Amazon noch bei großen deut-Fund for Nature (WWF) – doch es istschen Buchhändlern wie Thalia ist dasnoch immer schwer erhältlich. DasWerk vorhanden. Bei Thalia rechtfer-„Schwarzbuch WWF“ stammt von Wil-tigt man den Schritt mit bestehendenfried Huismann, der insgesamt drei-Rechtsunsicherheiten – das Unterneh- SAIPUL SIAGIANCHEERS / WWF / DPAmal den renommierten Adolf-Grimme- men führe nur „unstrittige Titel“ imPreis gewonnen und für den WDR Sortiment. Dass zu einer Veröffentli-auch einen Film über die mächtigstechung so massiv Druck ausgeübt wer-Umweltschutzorganisation der Weltde, habe er „noch nie erlebt, nicht malund ihre Nähe zur Industrie gedrehtbei Schwarzbüchern über Scientology“,hat. Gegen den Film erwirkte der Ber-sagt dagegen Rainer Dresen, Justitiarliner Medienanwalt Christian Schertz beim Huismann-Verlag Randomhouse.bereits einstweilige Verfügungen. Und WWF-Aktivisten auf Bali„Das gleicht einer Vorzensur.“ VERKEHR Ramsauer will Lkw-Maut neu ausschreibenHARTMUT SCHWARZBACH / ARGUSBundesverkehrsminister Peter Ram- erhielt ein Konsortium, dem die TÜV-sauer (CSU) ist offenbar bereit, sich Rheinland-Tochter InterTraffic, diebeim milliardenschweren Geschäft mitAnwaltskanzlei Beiten Burckhardt undder Lkw-Maut vom bisherigen Betrei- die Unternehmensberatung KPMGberkonsortium Toll Collect zu trennen.angehören. Der Betreibervertrag mitWie aus einem internen Vermerk desToll Collect, zu dessen Gesellschafter-Ministeriums hervorgeht, heuertekreis unter anderem die KonzerneARBEITNEHMERRamsauer Ende Mai hochrangige Bera- Daimler und Deutsche Telekomtungsfirmen an. Sie sollen den Bundbei der „zukünftigen technischen,gehören, läuft Ende August 2015 aus.Zwar funktioniert der Betrieb der Mehr Rechte fürwirtschaftlichen und rechtlichen Aus-gestaltung des neuen Mautsystems“sowie bei der Vorbereitung und Durch-Lkw-Maut inzwischen ohne größereProbleme, allerdings hat es in Ram-sauers Ressort immer wieder Vor-Haushaltshilfenführung des europaweiten Vergabe- behalte gegen einen weiteren Auftrag Der Deutsche Gewerkschaftsbundverfahrens unterstützen. Den Zuschlag für Toll Collect gegeben.(DGB) fordert von der Bundesregie- rung, die Rechte von Angestellten in Privathaushalten zu stärken und deshalb ein entsprechendes Überein- kommen der Internationalen Arbeits- organisation zu ratifizieren. Das er- kennt erstmals Hausarbeit als reguläre Lohnarbeit an und fordert unter ande- rem den Zugang der Angestellten zu den sozialen Sicherungssystemen. Mit der Ratifizierung ein Jahr nach der Verabschiedung des Übereinkommens würde die Bundesregierung ein Zei- chen setzen, sagt DGB-Chef Michael Sommer: „Es ist einem so fortschritt- lichen Land wie Deutschland unwür- dig, dass insbesondere Frauen als Hausangestellte mit Niedriglöhnen und ohne jede Sicherung im Alter ab- JENS-ULRICH KOCH / DAPD gespeist werden.“ In Deutschland sind in vier Millionen Haushalten Angestell- te beschäftigt. Doch über 80 ProzentRamsauer der Arbeitgeber zahlen weder Steuern noch Sozialabgaben, so der DGB. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 77
  • 58. WirtschaftINVESTORENWohin mit all dem Geld?Während die Staaten durch die Schuldenkrise taumeln, wissen Pensionskassen, Fonds und Versicherungen kaum noch, wie sie ihre Milliardensicher investieren sollen. Einer der Krisengewinner ist Deutschland. D er Mann, der über mehr als 450 Plus auf rund ein Prozent gesackt. „DieProfessionelle Anleger verwalten rund Milliarden Euro herrscht, trägt tür- Lage auf den Finanzmärkten ist extrem um den Globus zurzeit über 60 Billionen kis-rosa-rote Ringelsocken, eine schwierig geworden“, sagt Slyngstad.Euro – mehr als doppelt so viel wie vor Pünktchenkrawatte und die Vollglatze ak-Weltweit sind die Zinsen auf Talfahrt, zehn Jahren. Von einem „Anlagenot- kurat poliert. Auch sonst ist Yngve Slyng- und die Bundesrepublik profitiert wie stand“ ist auf den internationalen Finanz- stad eher der norwegisch-lockere Typ. Er kein zweites Land in Europa von der märkten die Rede, und das Bedenkliche lacht viel und garniert seine AntwortenAngst, dass die Euro-Zone auseinander-ist, dass er weniger unter Milliardären gern mit einem Schuss Selbstironie.brechen könnte. oder gierigen „Heuschrecken“ grassiertWie es so ist als einer der mächtigstenSeit der Austritt Griechenlands aus derals vielmehr unter den größten Akteuren Investoren der Welt im Jahre 2012? „Frü- Währungsunion eine realistische Optiondes Finanzmarkts: Staatsfonds wie der her waren wir auf der Suche nach der ri- ist, Spanien verzweifelt um seine finan-aus Norwegen, japanische Versicherun- sikofreien Rendite.“ Kunstpause. „Heutezielle Selbständigkeit kämpft und die Bür-gen, US-Pensionskassen oder deutsche wissen wir, dass es vor allem Anlagen mitger Südeuropas ihre Konten räumen, hatVersorgungswerke. renditefreiem Risiko gibt.“sich die Fluchtbewegung in den vermeint- Das Gros dieser Investoren sammeltDer 49-Jährige macht diese Erfahrunglich sichersten Hafen Europas noch einmal das Geld von Kleinanlegern ein, die Ver- gerade immer wieder: Jeden Tag muss er verstärkt.walter der Milliarden wollen damit nicht viel neues Geld investieren und altes er- In der vorvergangenen Woche besorgte zocken, sondern es so investieren, dass neut anlegen. Aber er weiß nicht wie.sich der deutsche Finanzminister für zwei sie den Kunden später eine schöne RenteAls Chef des norwegischen Staatsfonds Jahre Kredite – ohne dass er dafür einenoder Lebensversicherung auszahlen kön- sammelt er die Öleinnahmen seines Lan- Cent Zinsen zahlen muss. Selbst wer dem nen. Das funktioniert in der Regel aller- des ein, zurzeit mehr als hundert Millio-hiesigen Fiskus für ein Jahrzehnt Gelddings nur, wenn das Geld sicher verwahrt nen Euro. Täglich. Mit diesen Erträgen leiht, gibt sich derzeit mit einer Prämie ist und gleichzeitig ein paar Prozent Ren-dite abwirft. Doch davon kann vielfach keine Redemehr sein, seit die Gläubiger Griechen-lands auf einen Großteil ihrer Forderun-gen verzichten mussten. Damals wurdeSVEIN ERIK FURULUND/AFTENPOSTEN/PICTURE ALLIANCE/DPAein Grundgesetz der Geldanlage zerstört.Staatsanleihen von großen Industrielän-dern galten über Jahrzehnte als risikolos.Nun kann man auch damit sein Geld ver-lieren. Niemand weiß mehr, was über-haupt noch eine sichere Anlage ist. Der Frankfurter Bankier Friedrich vonMetzler, 69, erlebt das gerade als spätenTriumph, er hat seinen Kunden schonimmer Bescheidenheit gepredigt. An derWand des Konferenzraums in seiner Zen-trale hängen Ölgemälde mit Porträts der Staatsfonds-Chef Slyngstad: „Die Lage auf den Finanzmärkten ist extrem schwierig“Vorfahren: Die Privatbank ist seit fast 350Jahren im Familienbesitz, sie hat Seuchen, soll der Fonds dem Land dauerhaftenvon 1,2 Prozent pro Jahr zufrieden. Die Hyperinflationen und Weltkriege überlebt. Wohlstand sichern. Keine leichte Auf-Renditen von US-Staatsanleihen und ja-Metzlers Privatkunden können ihr Geld gabe, denn die Regierung erwartet, dasspanischen Schuldscheinen bewegen sich in Anleihen, Aktien oder Liquidität anle- Slyngstad und seine mehr als 300 Mit-auf ähnlich mickrigen Niveaus.gen. Basta. „Wem das nicht reicht, der arbeiter eine Rendite von vier ProzentDoch was manchen Finanzministern muss zur Konkurrenz gehen“, sagt er. erwirtschaften.hilft, sorgt für Frust bei den Anlegern. Viele Vermögende schreckt das nicht Früher hätten Investmentprofis diesenRechnet man die Inflation heraus, bleibtab – im Gegenteil. Das Geschäft läuft bes- Anspruch als langweilig abgetan. Dochvielen Investoren angesichts der Miniren- ser denn je. Immer öfter muss der Bank- die Zeiten haben sich geändert: Zwischen diten am Ende nur ein Minus. Die Geld-chef sein Mantra vortragen, das der 1999 und 2007 erzielte der norwegische anlage wird zur Geldvernichtung; denn esmenschlichen Gier zuwiderläuft: „Auf Staatsfonds im Schnitt fast sechs Prozentgibt wenige Investments, die wirklich nochlange Sicht ist es bereits ein Erfolg, sein Rendite pro Jahr, seitdem ist das jährlicheetwas abwerfen. Vermögen real zu erhalten.“ 78 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 59. Börse in Frankfurt am MainHANNELORE FOERSTER / ECOPIX FOTOAGENTUR Bargeld und Einlagen Was die Deutschen besitzen z.B. Festgeld Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland, in Milliarden Euro 1928 Mrd. €Ansprüche gegenüberVersicherungeninsgesamtStand: 4. Quartal 2011 Quelle: Bundesbank1393 Mrd. €4715Milliarden €Effektivzinsen auf6,1%Laufende VerzinsungInvestment-SonstigesEinlagen privatervon Lebensver-zertifikateHaushalte*sicherungen* Fest-AktienVermögen 3,9%verzinsliche Sonstige Be- 1,9%Wertpapiereteiligungen Febr. * Laufzeit bis 2 Jahre *Marktdurchschnitt 395 247222 203 327 Quelle: Bundesbank Quelle: Assekurata 2012 2002 2012 Das Problem ist nur, dass genau dasNur ein Drittel dürfen sie in andere niger Profit ab, und so sinkt die Durch-für viele Akteure auf den Finanzmärkten Anlageformen stecken – von Immobilienschnittsverzinsung der Anlagen. Langsamein geradezu utopisches Ziel geworden über Unternehmensanleihen bis hin zu zwar, aber stetig.ist; beispielsweise für die deutschen Ver-Hedgefonds. Das ist ihr Spielgeld. Doch Hinzu kommt: Millionen Versichertesicherer. Die Branche ist streng reguliert. selbst wenn sie damit hohe Risiken ein-haben Verträge abgeschlossen, die ihnenNach dem Börsen-Crash 2000 musstengehen, liegt die Gesamtrendite für neu-vier Prozent Verzinsung pro Jahr garan-die Anbieter den Großteil ihrer Aktienangelegtes Geld derzeit bestenfalls beitieren. Erwirtschaftet die Versicherung dasverkaufen, und sie sind verpflichtet, min-3,5 Prozent. nicht, muss sie von ihren Reserven zeh-destens zwei Drittel ihrer Kundengelder Auf Dauer führt das zu einem massivenren. Entsprechend groß ist der Druck aufabsolut sicher anzulegen – und das heißtProblem. Noch haben die Anbieter viele die Branche, mehr Rendite rauszuholen.nach allgemeiner Lesart noch immer vorPapiere aus alten Zeiten in den Büchern,Volker Blau ist einer von denen, dieallem in Staatsanleihen allerbester Bo- die für höhere Erträge sorgen. Die neuen sich daran abarbeiten. Er verwaltet fürnität.Investments aber werfen durchweg we- die Fondsgesellschaft Pimco Versiche-D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 79
  • 60. Wirtschaftrungsgelder der Allianz und anderer eu- Prozent verzinst, ähnliche Produkte im Stadt Wiesbaden einen Kredit von 20 Mil-ropäischer Assekuranz-Konzerne. Eineeuropäischen Ausland werfen noch mehr lionen Euro.Versicherung in Deutschland, das sei wieab. Doch Schuldverschreibungen, die mitAnleihen von Unternehmen undein Porsche, den man nur im ersten Gang spanischen Immobilien besichert sind, ha- Schwellenländern, einst etwas für Mutige,fahren dürfe, sagt Blau. Allein in Lebens-ben eben auch größere Risiken. gelten plötzlich als sichere Häfen. Undpolicen stecken in Deutschland 734 Mil-So ist das mit neuen Pfaden. Manchmal während hohe Haushaltsdefizite, Schul-liarden Euro. Reichlich PS, begrenzte ist unklar, ob es nicht nur die alten Irr- den und knappe Währungsreserven vieleMöglichkeiten.wege sind. Investoren früher abschreckten, ihr Geld Als die konservative Allianz AG vor Früher kaufte Volker Blau bedenkenlos in Boom-Regionen anzulegen, habenzwölf Jahren den US-Investor PimcoAnleihen von Banken. Doch seit Lehman- Staaten wie Brasilien oder Südkorea in-übernahm, war das der Versuch, wenigs-Pleite und Griechen-Desaster leiht kein zwischen einen Ruf als solide Schuldner.tens in den zweiten Gang zu schalten undInvestor Kreditinstituten mehr Geld, „Starke Industrieadressen, aber auchdafür auch einmal den riskanteren Feld- ohne dafür im Gegenzug hohe Sicherhei- Schwellenländer können teils mehr Si-weg in Kauf zu nehmen. Nur, was tun,ten zu fordern. Stattdessen baut Blau heu- cherheit bieten als manche Staatsanleihenwenn der immer unwegsamer wird? te häufiger auf Geschäfte, wie sie früher aus Industriestaaten“, findet Blau. Staatsanleihen? „Schon vor der Euro- Geldhäuser machten: Er investiert bei- Daniel Just steht unter noch größeremKrise sind viele Versicherer verstärkt ausspielsweise in Immobilien. Als die Deut- Druck als die Versicherungsmanager,Staatsanleihen rausgegangen, die Zinsen sche Bank ihre frisch renovierten Zwil- langfristig eine ordentliche Rendite zusind ja schon sehr lange sehr niedrig“, lingstürme vergangenes Jahr an ihre erwirtschaften. Just ist Anlagechef dersagt Blau.Fondstochter DWS verkaufte, kamen die Bayerischen Versorgungskammer, die 55 Aktien? „Die Aktienquoten der Ver- Kredite dafür von der Allianz. Milliarden Euro verwaltet. Ob Ärzte,sicherer befinden sich auf historisch nied-Die Phantasie der Versicherungsmana- Rechtsanwälte oder Schornsteinfeger –rigem Niveau.“ Zuletzt legten sie imger bei der Suche nach Rendite kennt für diese Berufsgruppen sind die einge-Schnitt nur noch 3,3 Prozent in Aktienkaum Grenzen: Infrastrukturprojekte, zahlten Beiträge oft die einzige Alters-an. Selbst Branchengrößen wie die Alli- Windparks, ja sogar Parkuhren sind der vorsorge. Würde Deutschland dauerhaftanz und die Munich Re haben sich beim neueste Schrei. Eine Milliarde Euro hat von der Niedrigzinskrankheit angesteckt,Börsen-Crash 2000 die Finger verbrannt. die Allianz vor zwei Jahren mit Partnern hätte das fatale Folgen für Millionen Men- Wohin also mit dem vielen Geld? Blau in die Automaten in Chicago investiert. schen.zeigt sich gelassen. Es gebe viele festver- Und während Banken sich scheuen, Den Zinseszinseffekt kann man garzinsliche Anlagen, die ähnlich sicher sei-Deutschlands klamme Kommunen zu fi- nicht hoch genug einschätzen: Wer jedenen wie Bundesanleihen, aber mehr Ren- nanzieren, finden Versicherer diese Dar- Monat 500 Euro spart, hat bei vier Pro-dite brächten. Zehnjährige Pfandbriefelehen zunehmend interessant. Die R+V zent jährlicher Rendite nach 30 Jahrenetwa werden in Deutschland mit rund 2,5 Lebensversicherung gönnte kürzlich der fast 350 000 Euro zusammen, bei nur zwei
  • 61. Prozent sind es rund 100 000 Nichts zu holenstelle eine Investitionsmöglich-Euro weniger. keit dar – von Bundeswert- Just hat der Versorgungs- Renditen auf Staatsanleihen mitpapieren über Unternehmens-kammer deshalb schon vor Jah- zehnjähriger Laufzeit ausgewählteranleihen aus Entwicklungslän-ren eine Revolution verordnet. Länder in Europa, in Prozent dern bis zu einem Rohstoff wieEr setzt vor allem auf dieGold.Schwellenländer. Die Idee da- bis 3,0 bis 5,5 ab 5,6 Im Moment stürzten sich allehinter: Junge, wachsendeauf wenige Fächer, vor allemVolkswirtschaften in Asien undauf das Fach mit deutschenLateinamerika sollen die Ren- Staatsanleihen. Er malt jetzt ei-ten der alternden deutschen nen dicken roten Kreis darum.Gesellschaft finanzieren. So ist„Die meisten übersehen, wiedie Kammer heute nicht nurhochattraktiv der restlichestolzer Waldeigentümer in den Markt ist“, sagt der Investor, derUSA, sondern besitzt auch mit seinen Fonds insgesamt 1,1Büro-Immobilien in China undMilliarden Euro verwaltet. „IchBrasilien sowie ein Einkaufs- genieße die Situation total.“zentrum in Chile.Dort, wo es die Anlagepoli- Alles, was langfristige und zum Vergleich: tik erlaubt, hat er nach demstete Zahlungsströme ver- USA: 1,5% Motto „Wenn schon Risiko,spricht, gilt als attraktiv. In-dann richtig“ zum Beispielzwischen hat allerdings ein Pfandbriefe irischer Geldhäu-Wettlauf der Großinvestoren ser gekauft (siehe Seite 102).auf reale Werte wie Immo-Sein bevorzugtes Ziel ist der-bilien und Infrastrukturprojek- zeit das von allen verschmähtete eingesetzt. Entsprechend Griechenland. Gleich von meh-schnell steigen die Preise. „Es wird zu-„Es ist immer falsch, das zu tun, was reren Unternehmen hat er Aktien erwor-nehmend aufwendiger, attraktive Invest- alle machen“, sagt Hendrik Leber in sei- ben – unter anderem von einem Lotterie-ments zu finden“, sagt Just. So besehen nem übersichtlich möblierten Büro im anbieter. Was mehr als nur mutig wirkt,ist das neue Problem in der Anlagewelt Frankfurter Bankenviertel. Er hat extra kann Leber ganz nüchtern begründen:das alte. Die Finanzbranche ist wie eine ein paar Buntstifte mitgebracht. Mit Blau „Die Griechen haben schon immer ge-Herde, die allzu oft in die gleiche Rich- malt Leber einen Setzkasten auf ein Blatt zockt, das werden sie auch weiterhin tun.“tung läuft.Papier. Jedes der rund 50 Fächer, sagt er, SVEN BÖLL, MARTIN HESSE
  • 62. Wirtschaft ner, kinderreiche Familien und ältere Ver- sicherte. Ihnen würden unrechtmäßig Hun- A LT E R S V O R S O R G Ederte Millionen Euro an Überschusszah-Schnitzeljagd für Anleger lungen vorenthalten. Bei einem Durch- schnittsvertrag gehe es um 3500 Euro.Die Allianz findet das „in keiner Weise nachvollziehbar“, tatsächlich würden ge- rade die genannten Gruppen „durch dieVerbraucherschützer attackieren den Allianz-Konzern: Versichertengemeinschaft unterstützt“. Der Versicherungsriese benachteilige etliche Riester-Rentner – Die Verbraucherschützer dagegen spre- chen von einer „massiven Verletzungausgerechnet arme und kinderreiche Kunden. des Täuschungsverbots“. Die Ungleich- behandlung sei allenfalls für „überdurch- schnittlich qualifizierte“ Kunden über- haupt erkennbar. Starker Tobak für den Versicherungsriesen, der sich gern als Saubermann der Branche präsentiert und mit einer „Transparenzinitiative“ punk- ten will. Doch die Kritik an den Produk- ten für die Riester-Rente wird immer lau- ter. Sogar Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) fordert, die „Leit- planken“ für die Versicherer „enger zu setzen“. Auch sie weiß: „Riestern ist für die Anbieter zu einem attraktiven Ge- schäft geworden.“20 Prozent der Sparsumme oder mehr veranschlagen die Konzerne bei manchen Verträgen als Kosten. Das zehrt teilweise die staatlichen Zulagen komplett auf, wie die Verbraucherzentrale BundesverbandNORBERT MICHALKE / DER SPIEGEL beklagt. Dabei bekommt jeder Riester- Sparer pro Jahr 154 Euro staatliche För- derung und für jedes Kind noch einmal bis zu 300 Euro obendrauf.Mathematiker Kleinlein und die DIW- Expertin Kornelia Hagen kamen jüngst bei Berechnungen zur Rendite der gängi-Branchenkritiker Kleinlein: „Vollkommen unverständlich und wenig rentabel“ gen Produkte zu verheerenden Ergebnis- sen (SPIEGEL 47/2011). „Riestern ist oftE in erstes Gefecht wurde „Workshop Brief fordert Kleinlein – diesmal in Koope- nicht besser als das Geld in den Spar- Riester-Rente“ genannt und fand ration mit der Verbraucherzentrale Ham- strumpf zu stecken“, so das Fazit. am vergangenen Freitag im Deut- burg – eine Unterlassungserklärung von Die Reaktionen der Versicherungswirt-schen Institut für Wirtschaftsforschung seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Alli- schaft waren entsprechend heftig. Der(DIW) statt. Berichterstattung uner- anz Lebensversicherungs AG in Stuttgart.Branchenverband GDV forderte vomwünscht. Denn von vornherein war klar:Das Unternehmen soll sich verpflichten,DIW eine „Entschuldigung für die be-Es würde Krach geben.seine „Allianz RiesterRente Klassik“ in der wusste Irreführung der Öffentlichkeit“ Der Streit über Sinn und Unsinn der aktuellen Form nicht mehr zu vertreiben.und präsentierte Gegenkalkulationen.staatlich geförderten Riester-Rente ist „Sonst ziehen wir vor Gericht“, sagt Klein-Unbeteiligte Branchenkenner wollen sichzehn Jahre nach ihrer Einführung eska- lein trocken. Sein Vorwurf: Das Produkt nicht festlegen, wer nun besser gerechnetliert. Und neben ihrem Erfinder Walter benachteilige ausgerechnet Geringverdie-hat. Der Grund ist schlicht: Selbst Exper-Riester (SPD) und Industrievertretern warten verlieren sich schnell im Wirrwarr ausam Freitag auch der Mann geladen, der 15,4 Förder- und Steuerparagrafen.dafür maßgeblich mitverantwortlich ist: 15Zehn Jahre nach ihrer Einführung sindAxel Kleinlein, 42, seit einem halben Jahr etliche Riester-Produkte immer noch einChef des Bundes der Versicherten. Die dritte Säule Mysterium: „Sie kriegen irgendwelche Kleinlein ist Versicherungsmathemati- Bestand an Riester- Zahlen vorgesetzt, die nicht überprüfbarker und arbeitete früher selbst für jene Verträgen in Mio.;sind“, fasst Edda Castelló von der Ver-Branche, mit deren Riester-Renten er nun jeweils am 10 braucherzentrale Hamburg ihre Erfahrun-abrechnet. „Die Masse der Produkte ist Jahresende 8,1gen mit den Policen zusammen.vollkommen unverständlich und wenig Ein Produkt wie die „RiesterRenterentabel“, sagt Kleinlein. Klassik“ der Allianz ist für Versicherungs- Gemeinsam mit einer DIW-Wissen- mathematiker Kleinlein ein besonders5schaftlerin hat er kurz nach seinem Job- krasses Beispiel. Kunden, die Genaueresantritt eine vernichtende Studie zu denüber ihre Rentenansprüche erfahren wol-Renditen der gängigen Riester-Angebote 1,4 len, müssten sich „auf eine Art Schnitzel-vorgelegt. Und als er am Freitag das Po- jagd durch etliche Dokumente begeben“.dium in Berlin bestieg, war sein zweiterWie allen „Riester-Rentnern“ stehtCoup schon auf den Weg gebracht: Via 200120062011auch den Allianz-Kunden nicht nur der82D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 63. Wirtschaftgesetzlich verankerte Garantiezins vonderzeit 1,75 Prozent auf ihr eingezahltesKapital zu. Sie haben zudem eigentlichAnspruch auf Teile der Überschüsse, diedie Versicherer erwirtschaften, etwawenn ihre Kosten geringer sind als ge-plant. So steht es auch im „Produktinfor-mationsblatt“ der Allianz. Wenn ein Kun-de dann aber verstehen will, was das fürdie eigene Rente bedeutet, müsse er sichdurch sieben verschiedene Posten in denVersicherungsbedingungen und schließ-lich noch im Geschäftsbericht wühlen,moniert Kleinlein. Der Wahl-Berliner hat sichtlich Spaßdaran, sich mit Hilfe seines Computersdurch den Dschungel der Querverweisezu zoomen: Die Überschüsse würden nachGruppen verteilt, heißt es da etwa. „Zuwelcher Gruppe Ihre Versicherung gehört,können Sie den Versicherungsinformatio-nen entnehmen.“ Dort wiederum findetder Kunde nur die Information, dass erbeispielsweise zur Gruppe EZ, „Untergrup-pe“ HVAVMG0112 gehört. Was das bedeutet, steht irgendwo im 86Seiten starken Geschäftsbericht – und istwenig erfreulich: Wenn der Kunde im Lau-fe seines Arbeitslebens weniger als 40 000Euro in den Kapitaltopf bei der Allianzeinzahlt, muss er auf die Auszahlung vonKostenüberschüssen generell verzichten. Die Allianz findet das nur fair: Kostenwürden „überwiegend im Verhältnis zumVolumen des Beitrags“ erhoben. Die späte-re Überschussbeteiligung erfolge also „nachdem Verursacherprinzip“. „Details“ könn-ten Kunden „mit einem Anruf in unserenServicecentern rasch in Erfahrung bringen“. Kleinlein dagegen hält die Regel für„abstrus“. Jedes Kind mache es dem Kun-den sogar noch schwerer, die von der Al-lianz gesetzte 40 000-Euro-Schwelle zuüberwinden, behauptet er. Denn dieseGrenze müsse der Versicherte alleindurch seine eigenen Einzahlungen errei-chen – also ohne staatliche Zuschüsse.Für jeden Sohn und jede Tochter aberkommt Förderung hinzu, so dass der Ei-genanteil schwindet. Und mehr als vierProzent seines Gehalts darf der Kundeinsgesamt nicht „verriestern“. Ein 35-jäh-riger Durchschnittsverdiener mit einemJahreseinkommen von 30 000 Euro gehö-re nach der Geburt des ersten Kindes soschon nicht mehr zu den Vorzugskundendes Versicherers, so Kleinlein. Dabei hatte Riester selbst doch bei sei-nem Konzept gerade auch jene Menschenim Sinn, „die wenig Geld zum Zurückle-gen haben“, wie er sagte. Der altgedienteSPD-Politiker findet dennoch, man dürfedie Policen nicht nur mit Blick auf ihreRendite beurteilen. Zugespitzt sei dieRentenversicherung am Ende „eine Wetteauf den Todeszeitpunkt“. Dafür könneder Kunde sich auf lebenslange Zahlun-gen verlassen.ANNE SEITH84D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 64. das Interesse. Facebook wurde bereits vordem Börsengang am Zweitmarkt gehan-INTERNETdelt, wo Investoren ihre wenigen heiß-OP misslungen, Patient lebtbegehrten Anteile quasi unter der Handweiterreichten – was den Preis nach obentrieb. Doch sobald mit dem Beginn desoffiziellen Handels viele Aktien da warenund es erste Zweifel an den Gewinnaus-Fünf Lehren aus Facebooks Börsenfiaskosichten gab, war die Luft raus.4. Facebook ist kein zweites AOL.1. Die Banker sind nicht so schlau,Klicks ausgeglichen werden. Solche Pro-Selbst bei weiter fallendem Börsenkurswie sie denken, aber so gierig wie bleme deuten darauf hin, dass es an ei-hat Facebook eine große Zukunft, dennbefürchtet.nem ausgereiften Geschäftsmodell fehlt,es ist längst nicht bloß ein Internetphä-Die Facebook-Aktie startete am 18. Mai um die hohe Bewertung zu rechtfertigen.nomen wie einst AOL, das nach einemmit einem Preis von 38 Dollar. Ende ver- All das war bekannt. Wer als Kleininves- kurzen Höhenflug abstürzte, sonderngangener Woche war sie noch 28 Dollartor nun trotzdem 10 000, 20 000, 30 000eine globale Kulturmacht. Auf jeden Ko-wert – gut ein Viertel weniger. Die Vor- Dollar verloren hat, ist selbst schuld.lumnisten, der Facebook nun vorschnellgänge hinter den Kulissen des missglück-für tot erklärt, kommen täglich 200 000ten Börsengangs haben die Illusion zer-3. Es gibt keine neue Internetblase. neue Nutzer in Asien hinzu. Bald wirdstört, dass die führenden Investmentban- Vor Facebooks Börsengang hieß es oft,das Unternehmen eine Milliarde User ha-ken als Folge der Finanzkrise vorsichtiger das Silicon Valley sei auf dem Weg zurückben – ohne echte Konkurrenz.geworden seien. Die Wall-Street-Banker ins Jahr 1999 – samt überdrehten Bewer- Entsprechend werden sich die Folgenhatten das soziale Netzwerk deutlich zutungen und Goldrausch-Übertreibungen.des Fiaskos für die Stimmung im Siliconhoch eingepreist und damit den Absturz Wie beim ersten Internetboom sei auchValley in Grenzen halten: Den Firmengrün-provoziert. Aus zwei Gründen. dern wird jetzt nicht das GeldDer eine ist Gier: Die Börsen-ausgehen. Die Risikokapital-experten um die Bank Morgan firmen können Geld kaumStanley wollten herausholen,schnell genug bei Investorenwas geht. Sie haben dabei of- rund um die Welt einsammeln.fenbar einkalkuliert, dass dieIn den vergangenen Wochen„dummen“ Kleininvestoren –wurden Wagniskapitalfonds„dumb money“ – mangels In-im Wert von mehreren Mil-formationen bereit seien, fastliarden Dollar aufgelegt.jeden Preis für die Aktie zuzahlen. Doch sie haben nicht 5. Die Web-Branche istvorhergesehen, wie schnell das nicht die neue Auto-„smart money“ – große Hedge- industrie, das muss siefonds und Anteilseigner wieaber auch nicht sein.Goldman Sachs – die Flucht er- Der Facebook-Börsengang istgreifen würde. Dazu kommtnicht deshalb gescheitert, weilSelbstüberschätzung: Die Ban-alle plötzlich eingesehen ha-ker haben sich wieder vomben, dass ein acht Jahre jun-eigenen Größenwahn treiben ges Online-Unternehmen mitlassen, den größten, bestenknapp vier Milliarden DollarMARIAN KAMENSKY / HUMOR-KAMENSKY.SKTechnologie-Börsengang der Umsatz nicht fast doppelt soGeschichte durchziehen zuviel wert sein darf wie etwawollen. Sie warfen viel zu viele Daimler. Produktion von Gü-Anteile zu überhöhten Preisentern im landläufigen Sinnauf den Markt. kann nicht die Aufgabe dieser Branche sein. Es wäre ein2. Übertreibung bleibt Missverständnis zu glauben,Übertreibung.die Bedeutung der Internet-Seit Monaten wurden vor al-wirtschaft könne nur darinlem Kleinanleger immer wie-liegen, dass wir alle künftigder gewarnt, sie sollten im großen Me- heute eine Spekulationsblase die Folge.bei Internetfirmen arbeiten werden unddien-Tamtam nicht den Blick auf die nack-Diese These ist widerlegt. die Volkswirtschaften irgendwie Internetten Fakten vergessen. Die kursierendenDer Hype vor der Börsenpremiere umproduzieren.Bewertungen seien zu hoch, die Aktie sei Facebook war kurzfristig und kam vorNein, die Bedeutung der Web-Brancheriskant. Die Facebook-Zahlen waren und allem durch einen Mangel an Angebotliegt in ihrer technologischen Breitenwir-sind zwar beeindruckend, aber zuletztbei zu hoher Nachfrage zustande: Imkung. Zum Vergleich: Auch die Erfindungtauchten diverse Fragezeichen auf. Nachklang der Finanzkrise gibt es an der des Flugzeugs hat nicht dazu geführt, dass Das Unternehmen macht mehr als acht-Wall Street zu viel Geld auf der Suche die Luftfahrt zur dominierenden Industriezig Prozent seines Umsatzes mit Wer- nach neuen Erfolgsgeschichten, und die der Welt wurde. Aber ohne Transport istbung, dort blieb in den vergangenen Mo-Technologiefirmen aus dem Silicon Valley die globale Wirtschaft heute nicht denk-naten das erwartete hohe Wachstum aus. erfüllen diesen Wunsch noch am deut- bar. Genauso wenig ist schon jetzt kaumNoch bedenklicher: Der Wert von On-lichsten. Doch in den vergangenen zwei noch ein Wirtschaftszweig ohne Internet-line-Anzeigen sinkt generell beständig Jahren wagten sich nur wenige Unterneh-anwendungen denkbar.und muss durch immer mehr Nutzer und men an die Börse, entsprechend groß istTHOMAS SCHULZD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 85
  • 65. Schlecker-Mitarbeiterinnen „Die Probleme waren viel größer“Lohns verzichten. Tatsächlich waren dieGewerkschafter nur zum Verzicht auf10 Prozent bereit. War das ein Fehler?Geiwitz: Ich bleibe dabei: Ich hätte das füradäquat gehalten. Im Branchenvergleichhat Schlecker Personalkosten, die 22 Pro-zent höher sind als bei dm, Rossmannoder Müller. Ich musste das MaximaleCHRISTIAN DITSCH / VERSIONfordern, um diesen Unterschied zu ver-ringern.SPIEGEL: Warum hat sich niemand aus Fa-milie oder Management richtig für dasUnternehmen in die Bresche geworfen?Geiwitz: Eine berechtigte Frage. AntonSchlecker ist ja offiziell vermögenslos.Aber die Familie hat noch Vermögen, undHANDELich habe gefragt, ob sie bereit sei, eine„Eine Giftpille“Verlustfinanzierung zu leisten.SPIEGEL: Für den Juni wären sieben bisneun Millionen Euro fällig gewesen.Geiwitz: Die Familie war entweder nichtbereit oder nicht in der Lage, diese Sum- Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz, 43, rechnet mitme zu zahlen. der Politik und dem Management des Unternehmens ab.SPIEGEL: Die Schlecker-Kinder Lars undMeike hatten mit dem Emirat Katar einenpotentiellen Partner gefunden, um dasSPIEGEL: Herr Geiwitz, Sie wollten biserkennen konnte. Es waren deutlich mehr Unternehmen selbst weiterzuführen. War-Pfingsten den Verkauf der insolventen Investitionen in die Warenverfügbarkeit um ist diese Lösung gescheitert?Drogeriekette Schlecker abschließen.notwendig, als uns gesagt worden ist. Die Geiwitz: Die haben genauso die RisikenNun haben Sie die Zerschlagung verkün-Probleme im Bereich der Personalpla-gesehen wie meine Investoren. Am Endedet. Was ist schiefgelaufen?nung waren viel größer, als wir das ge- wollten sie auch einen ausreichenden Ri-Geiwitz: Wir haben zwei große Baustellenahnt haben. sikopuffer.nicht in den Griff bekommen. Zum einenSPIEGEL: Weil Anton Schlecker den Über- SPIEGEL: Zuletzt wurde der Karstadt-Besit-ist es nicht gelungen, eine Transfergesell- blick verloren hatte? zer Nicolas Berggruen als Retter gehandelt,schaft für die ersten 10 000 entlassenenGeiwitz: Die Realität war in vielen Berei-aber auch der wollte nur kaufen, wenn derSchlecker-Frauen zu gründen – mit der chen eine ganz andere, als das Manage-Hauptgläubiger die Risiken übernimmt.Folge, dass wir rund 4500 Kündigungskla-ment selbst geglaubt hat. Zum BeispielGeiwitz: Nach meiner Einschätzung hättengen erhalten haben. Daraufhin haben sichgab es die Hoffnung, man könnte alleinwir aber mit der Berggruen Holding amdie ersten Investoren zurückgezogen.durch Ladenumbauten eine Sanierungehesten eine Einigung erzielen können,Gleichzeitig haben wir zwar den Jahres- realisieren. Das war falsch, weil man da- nachdem hier die Chancen des Sanie-verlust von 200 Millionen auf 20 Millio-durch den negativen Umsatztrend nur rungskonzepts ebenfalls gesehen wurden.nen Euro reduziert. Aber wenn Sie jeden verschoben, aber nicht beseitigt hat. Das Allerdings gab es letztendlich BedenkenTag mehrere hunderttausend Euro Ver-war die erste echte Ernüchterung. aufgrund der extremen Öffentlichkeits-lust machen, ist das immer noch zu viel.SPIEGEL: Sie haben Anton Schlecker seinewirkung des Schlecker-Verfahrens.SPIEGEL: Die Transfergesellschaft ist vor Intransparenz vorgeworfen. Gleichzeitig SPIEGEL: Sie hatten bis zuletzt Kontakt zuallem an der Haltung von Bundeswirt-hat sich Ver.di beschwert, von Ihnen zu Anton Schlecker. Räumt der inzwischenschaftsminister Philipp Rösler von derwenig Informationen zu Geschäftszahleneigene Fehler ein?FDP gescheitert. Ist er also schuld?und Konzepten zu bekommen … Geiwitz: Für die Familie ist es ein Schock.Geiwitz: Es gibt zumindest eine gewisse Geiwitz: … was nicht stimmt. Das war einAnton Schlecker hat mir gesagt, dass erNähe zwischen parteipolitischen Proble- Schattenkampf. Es gab kein Gremium, ineiniges falsch gemacht habe. Er habe zumen und den Äußerungen von Herrn Rös- dem Ver.di nicht drin saß. Der Wirtschafts- spät auf die veränderten Marktbedingun-ler. Die FDP kann eine Transfergesell-prüfer von Ver.di hatte alle Informationengen reagiert, zu lange nur auf Wachstumschaft ja aus ordnungspolitischen Grün- von McKinsey und von uns. Eine Gewerk-gesetzt, auch bei der Personalführungden ablehnen. Dann muss sie aber auch schaft wie Ver.di muss eine denkt er heute anders als vordie Konsequenzen klar benennen undderartige Position aufbauen:einigen Jahren. EMILY WABITSCH / PICTURE ALLIANCE / DPAnicht nur auf die Vermittler der Arbeits- Schlecker war ein Paradebei-SPIEGEL: Halten Sie das Ver-agentur verweisen. Das hat nicht nur unsspiel, um den Flächentarifver-schwinden von Schlecker fürden Garaus gemacht, sondern war auchtrag im Einzelhandel zu ver-einen Verlust?eine Farce für die Betroffenen. teidigen, denn in Deutschland Geiwitz: Ja.SPIEGEL: Ende Januar sagten Sie noch, das haben wir zunehmend Dum-SPIEGEL: Kratzt es am Ego, eineUnternehmen habe „in vielerlei Hinsicht pinglöhne in diesem Bereich.solch bedeutende InsolvenzSubstanz“, die Marke Schlecker werdeFür die Sanierung aber warnicht abgewendet zu haben?nicht spurlos von der Landkarte ver-das eine Giftpille. Geiwitz: Es ist frustrierend, dasschwinden. Haben Sie sich verschätzt? SPIEGEL: Immerhin haben Sie kann ich nicht leugnen.Geiwitz: Die Lage war tatsächlich viel dra- Investoren versprochen,Ver.di Wirtschaftsprüfer GeiwitzINTERVIEW: SUSANNE AMANN,matischer, als ich in den ersten Wochen würde auf 15 Prozent des „Eine Farce“ JANKO TIETZ86D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 66. WirtschaftChance, die „Parallelwelt Schule, dieHöhle mit der Kreidewand“, zu verlassen. Doch es gibt auch Kritik: „Endlich kön-nen Schüler Musik hören statt im Unter-richt mitzuschreiben“, witzelte die „Zeit“in einem nostalgischen Schiefertafel-Plä-doyer – am Ende der Stunde könne ja ehalles ausgedruckt werden. Es klang einwenig, als würden die besseren Zeitungs-texte noch immer mit dem Füllfederhaltergeschrieben. Skepsis ist dennoch angebracht: InHamburg etwa war es nach der staatli-chen Geldspritze den Schulvereinen über-lassen, für weiteren Nachschub bei dengut 4000 Euro teuren Tafeln zu sorgen –der Medienetat der Stadt für 2012 ist der- GREGOR SCHLAEGER / DER SPIEGELweil um 25 Prozent gekürzt worden. Während einige Gymnasien in reichenStadtteilen bereits alle Klassenräume be-stückt haben, könnte manchen Schulenin ärmeren Vierteln die digitale Zweitklas-sigkeit drohen. „Das ist Mittelalter“, sagtMarianne Demmer von der GewerkschaftSchüler Jannis bei Vorführung des Whiteboards*: Die Höhle mit der Kreidewand verlassenErziehung und Wissenschaft. Der Staatkönne nicht erst die Schulen anfixen, diehierzulande gerade mal 11. Für die FirmaFinanzierung dann aber dem Zufall über-BILDUNG mit 790 Millionen Dollar Umsatz ist lassen. Auch die Wartung der teils anfäl- Alle am Board?Deutschland ein Markt, der wachsen soll.ligen Geräte müsse kalkuliert werden und Um nach dem Pisa-Schock nicht noch die Ausbildung der Lehrer, sonst verkä-als digitales Entwicklungsgebiet verspot- men die Boards zu Daddelautomaten.tet zu werden, begannen die Länder, ihre Strittig ist auch, wer Zugriff auf die ge- Interaktive Tafeln sollen zumSchulen nachzurüsten – erst mit Compu-speicherten Bilder und Texte aus dem Un- Standard in den Klassenzimmern tern, nun mit Whiteboards. Erste Rück-terricht haben darf. Zudem sind Urheber- werden. Hersteller locken diemeldungen zeigen zumindest, dass dierechte betroffen, wenn munter Schulbuch-Schüler motivierter scheinen. material eingescannt wird. Lizenzverträge,Schulen mit Rabatten, doch die Einen Song oder ein Vogelgeräuschwelche die digitale Nutzung einschließen, Anschaffung bleibt teuer.hören oder Unterrichtsfilme sehen? In lassen hierzulande auf sich warten.einer Umrisskarte Europas bestimmteRoy Krüger von der Ingelheimer FirmaJ annis Fischer steht an einer Tafel und Länder verorten? Ergebnisse aus Grup- Fischer-Tafeln, die noch die klassisch-grü- zeigt seinen Schülern, wie er grünepenarbeiten grafisch zusammenfügen? nen Tafeln produziert, ist sich angesichts Figuren hin und her schiebt. Er kann Das war bislang ohne technischen Groß-solcher Anlaufprobleme sowieso sicher,sie von der Tafel verschwinden oder auf einsatz kaum möglich. Wer seinen Schü-dass die ganze Digitalisierung der Schu-Wunsch furzen lassen. Statt mit Kreidelern heute dagegen kurz das menschliche len „zusammenbrechen“ werde: „Das istschreibt Fischer mit dem Finger.Skelett in Erinnerung rufen will, musseine Zeiterscheinung.“ Sein Publikum staunt. Dabei zeigt Fi-nicht unbedingt mit dem alten Schiebe- Allerdings spürt auch seine Firma diescher nur, was mit einer elektronischen gerippe in der Klasse auflaufen. Oft findet Konkurrenz: Das VorgängerunternehmenSchultafel, die mit Laptop und Beamer er das, was er sucht, im Netz, wo Lehrer- ging vor einiger Zeit pleite. Die rundverbunden ist, alles möglich ist. Es siehtkollegen Tausende Unterrichtsmateria- tausend Euro teuren Klassik-Tafeln lässtaus, als arbeitete er an einem riesigen lien zur freien Nutzung hinterlegt haben. Krügers verbliebene Restfirma nun in Un-Tablet-Computer. Recht emsig sind an diesem Austausch garn herstellen. Jannis Fischer ist acht Jahre alt, besucht Lehrer aus Hamburg beteiligt, dem ersten Ob sich die Digitalisierung des Klassen-selbst die zweite Klasse und macht hier Bundesland, das mit einer flächendecken-raums und das sogenannte E-Learning –klassischen Frontalunterricht. Seine Schü-den interaktiven Ausstattung an seinenvom Spaßfaktor mal abgesehen – über-ler sehen nicht nur alt aus, sie sind es: Schulen begann. Mit dem Herstellerhaupt positiv auf schulische Leistungenallesamt Schulleiter aus Hamburg, die ler-Smart wird eng kooperiert: Das Unter- auswirken werden, ist ohnehin noch nichtnen sollen, sich im Klassenzimmer der nehmen spendierte die ersten paar Dut-belegt. Im Smartboard-Paradies Groß-Zukunft zurechtzufinden. Für die altenzend Tafeln, die Stadt legte ein paar Mil-britannien mögen die Schüler nun mehrgrünen Tafeln samt quietschiger Kreidelionen Euro aus Sondermitteln drauf.Medienkompetenz besitzen. In den Pisa-scheint da bald kein Platz mehr zu sein. Begeisterte Pädagogen wie MichaelTests sind sie zurückgefallen. Über 80 000 der sogenannten White- Weißer, Projektleiter beim HamburgerNILS KLAWITTERboards soll es bereits in deutschen Schu- Landesinstitut für Lehrerbildung, sorgenlen geben. Für den Marktführer Smartfür die entsprechende PR: Der Trend, be-Technologies aus Kanada ist das erst derhauptet Weißer in seinen Schulungen,Video:Anfang. Die „Klassenraum-Penetration“ gehe schon zum „Zweitboard“, die neuenSo funktioniert die elek-liege „Lichtjahre hinter Großbritannien“, Modelle gebe es sogar mit Gestensteue-tronische Schultafelsagt der deutsche Smart-Chef Carlo Stall- rung. Die Boards seien eine einmalige Für Smartphone-Benutzer:mann. 80 Prozent der britischen Schul-Bildcode scannen, etwa mitzimmer seien schon interaktiv versorgt, * Vor Lehrern in Hamburg. der App „Scanlife“.88 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 67. Panorama CH INA Fassaden der Macht Regierungsgebäude in Tai`an (o.) und in Fuyang Protz, Verschwendung von Steuergeldern, Imponiergehabe der Lokalfunktionäre – die Architektur chinesischer Regie- rungsgebäude spricht für sich. Die Provinz kann noch so arm sein, für ehrfurchtheischende Baumaßnahmen reicht das Geld immer. Bestes Beispiel: das nachgeahmte Kapitol in der Stadt Fuyang. Selbst Premier Wen Jiabao sah sich zu einer Mahnung genötigt und erklärte, der Bau von Partei- und Regierungsgebäuden solle künftig strikt kontrolliert wer- den, um die Verwaltungskosten zu senken. Der Prunk, mit dem sich die Lokalregierungen umgeben, trägt zu ihrem schlechten Image bei. Der Fotograf Bai Xiaoci hat sich nun in über 80 Städten umgesehen und eine Galerie von staat- lichem Pomp ins Internet gestellt. In einer Umfrage befanden über 90 Prozent der Befragten, dass diese Bauten „von einer schweren Luxuskrankheit befallen seien“. Der Fotograf selbst stellte fest: „Wenn ich vor diesen Gebäuden stehe, fühle ich mich wie eine winzige Ameise.“ Das soll wohl auch so sein.SPIEGEL: Wo wird der Machtkampf um Iwanischwili: Wir planen eine Demon- GEORGIENGeorgien entschieden: auf der Straße stration in der zweitgrößten Stadt„Hoffnung auf Wandel“ oder an den Urnen bei der Parlaments-wahl im Herbst?Iwanischwili: In den Wahllokalen, ich Kutaissi. Saakaschwili hat vorsorglich den zentralen Platz dort sperren lassen, angeblich für Schulkonzerte. Der Milliardär und hoffe, wir kommen ohne die StraßeSPIEGEL: Saakaschwili war der Held der Oppositionsführeraus. Wir werden aber einen großendemokratischen Rosen-Revolution Bidsina Iwanischwi-Vorsprung benötigen, damit Saaka-2003 und ein Verbündeter des Wes-VANO SHLAMOV/AFP li, 56, über seinenschwili sich in seine Niederlage fügttens. Warum bekämpfen Sie ihn jetzt? Kampf gegen Präsi- und nicht versucht, das Ergebnis zuIwanischwili: Ich war sogar mit ihm dent Micheil Saaka-manipulieren. Wir sind in der Lage,befreundet und wollte ihm helfen, eine schwilizwei Drittel der Stimmen zu holen. echte Demokratie aufzubauen. DannSPIEGEL: Werden die Wahlen frei undaber ging er 2007 gewaltsam gegen SPIEGEL: Jüngst folgten Ihnen 80 000 fair verlaufen?friedliche Demonstranten vor und Georgier zu Protesten auf die StraßenIwanischwili: Wir werden die Regierung zeigte sein wahres Gesicht. in Tiflis. Was treibt Ihre Anhänger? dazu zwingen. Die freien Bürger Geor-SPIEGEL: Falls Sie siegen: Was wird mit Iwanischwili: Die Hoffnung auf Wandelgiens, die Zivilgesellschaft und unab- Saakaschwili passieren? und der Hass auf die Regierung von hängige Journalisten werden über die Iwanischwili: Wir werden ihn nicht poli- Präsident Saakaschwili. Die Bevölke- Wahlen wachen. tisch verfolgen. Andererseits hat er rung verarmt, Saakaschwilis Umfeld SPIEGEL: Was haben Sie als Nächstesviele Gesetze verletzt. Darum werden aber bereichert sich.vor? sich die Gericht kümmern müssen. 90D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 68. Ausland G R O S S B R I TA N N I E NBetende Gefangene in GuantanamoQueen senkt BruttoinlandsproduktDie Königin feiert: Weil Elizabeth II.,der Rezession steckt. Extravagant-86, seit 60 Jahren auf dem Thron sitzt,kostspielige Familienfeste sind die Bri-geben sich die Briten bis Dienstag die-ten von ihren Royals gewohnt. AlsBRENNAN LINSLEY / APser Woche gleich viertägigen Feierlich-2011 der Erbe des Thronfolgers heirate-keiten hin, unter anderem mit einerte, gönnte Premier David Cameronimposanten Schiffsparade auf der dem Land einen Sonderfeiertag. Auf-Themse. Beeindruckend ist auch das grund der Hochzeit von Prinz WilliamLoch in der Kasse, das die Queen-und Kate Middleton ging die Wirt-Sause hinterlässt. Büros, Fabriken und schaftsleistung im zweiten QuartalBanken schließen, Millionen Arbeit-2011 um 0,4 Prozent zurück. Das FestUSAnehmer nutzen die Brückentage fürsoll 1,7 Milliarden Euro gekostet ha-Kurzurlaube im Ausland. Das Brutto-inlandsprodukt im zweiten Quartal, sokalkuliert Mervyn King, Gouverneur ben. Auch die Olympischen Spiele im Sommer versprechen keinen wirt- schaftlichen Aufschwung. Londoner Verzögerter Prozessder Bank of England, wird sich wegen Hotels und Gastronomen profitierenDer Prozess gegen die mutmaßlichendes Thron-Jubiläums um 0,5 Prozent wohl vom Andrang, im großen RestHintermänner der Terroranschlägereduzieren. Das ist umso bedenklicher, des Königreichs aber werden weniger vom 11. September 2001 vor dem mili-als die britische Wirtschaft ohnehin inTouristen erwartet als sonst. tärischen Sondergericht im US-Ge- fangenenlager Guantanamo gerät ins Stocken. So wurde der zweite Pro- zesstermin vom Gericht nun um zwei Monate auf Anfang August verlegt. Grund für die Verzögerung sind Be- schwerden der Verteidiger, die mehr Zeit verlangen, um sich mit ihren Man- danten vorzubereiten. Außerdem be- antragten sie, Ex-Präsident George W. Bush und auch Barack Obama vor das Militärtribunal zu laden. Beide hätten durch ihre Verurteilungen der Ange- klagten in der Öffentlichkeit einen fai-JOHN SWANNELL / CAMERA PRESS ren Prozess unmöglich gemacht. Die Verschiebung des Termins zeigt, dass das Gericht die Beschwerden ernst nimmt. Der Jahrhundertprozess wird nun wohl erst 2013 richtig starten; er Königin Elizabeth II. soll mehrere Jahre dauern. Ob er dann noch gegen alle fünf Angeklagten gleichzeitig geführt wird, ist ungewiss. Militärrichter James Pohl deutete an, er wolle die Verfahren möglicherweise POLEN ma dieser Fehler, als er dem polni- trennen, da eine gemeinsame Beweis- schen Widerstandskämpfer Jan Karski erhebung zu kompliziert werde. Gekränkte Opfer die „Medal of Freedom“ verlieh. Kars- ki hatte sich 1942 in ein Deportations- lager einschleusen lassen und derGenau 199 Beschwerdebriefe an Zei- Welt einen der ersten Augenzeugen- ZAHL DER WOCHEtungen und Sender weltweit verschick-berichte vom Holocaust geliefert. Inte das Außenministerium in den ver-seiner Laudatio sprach nun auch Oba-gangenen drei Jahren, um sich gegeneine besonders ärgerliche Form von ma von einem „polnischen Todes- lager“. Die Regierung in Warschau 12 000 000 000Geschichtsklitterung zu wehren.reagierte entrüstet. Offenbar sei vie-PatronenTatsächlich werden immer wieder For- len Zeitgenossen unbekannt, welchemulierungen wie „polnisches Kon- Verbrechen die Nazis an der polni-werden pro Jahr produziert – genug,zentrationslager“ benutzt, wennschen Zivilbevölkerung begangen ha- um die Menschheit fast zweimaleigentlich ein deutsches KZ im besetz- ben. Spätestens wenn die Kriegsgene-auszulöschen. Im Juli will die Uno inten Polen gemeint ist. Unter den ration ausgestorben sei, so wird in New York ein internationalesGerügten sind die „New York Times“,Warschau befürchtet, werde in Verges- Kontrollabkommen beschließen, das„The Economist“, „Haaretz“, diesenheit geraten, dass die Polen in ers- auch den Munitionshandel„Süddeutsche Zeitung“, aber auch der ter Linie Opfer waren. Das Weißeregelt. Drei Länder sind dagegen:SPIEGEL. Vergangene Woche unter- Haus hat mittlerweile einen Entschul- Ägypten, die USA und Syrien.lief selbst US-Präsident Barack Oba- digungsbrief geschickt. D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 291
  • 69. AuslandAFPGetötetes Kind in Hula: „Wir haben die Uno-Beobachter während des Massakers gerufen, aber sie haben sich geweigert zu kommen“ SYRIEN Faustischer Pakt Dem bedrängten Assad-Clan bleibt einzig die Flucht nach vorn: Sieg über die Opposition. Um den zu erreichen, setzt der Staatschef auf eine erprobte Mördertruppe – die „Schabiha“, Geister, denen kein Auftrag zu blutig ist.Die Metaphern drängten sich gera- die meisten von Todesschwadronen ausAnnan sprach von einem „Wendepunkt“,dezu auf, als die Bilder und De- umliegenden Dörfern, deren Schergen ih- der neugewählte französische Präsidenttails bekannt wurden vom Massa-ren Nachbarn mit Messern die KehleFrançois Hollande forderte gleich eineker im westsyrischen Hula: My Lai, Sre-durchschnitten oder sie aus nächster Nähe Militärintervention.brenica, Ruanda wurden bemüht als Em-exekutierten.Langsam begreifen Europa, die USA,bleme des Grauens. Mehr als hundertDie Welt war entsetzt. Sogar Chinavielleicht auch Kofi Annan: Es wird kei-Menschen, davon die Hälfte Kinder undund Russland, die treuen Verbündetennen Kompromiss mit Baschar al-Assadein Drittel Frauen waren am Abend desdes syrischen Systems, stimmten einer Er- geben, weil es keinen geben kann. Weil25. Mai nach dem Freitagsgebet im Orts-klärung des Uno-Sicherheitsrats zu, die jene Phase, als die Demonstranten nochteil Taldu umgebracht worden, manche das Massaker verurteilte, ohne freilich friedlich aufmarschierten und Verhand-vom stundenlangen Beschuss durch Pan-die Täter zu nennen. Auch der stets zu- lungen, Übergangsregierungen, Kompro-zer und Geschütze der syrischen Armee, rückhaltende Uno-Sondergesandte Kofimisse möglich waren, nach mehr als92 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 70. 10 000 Toten und Zehntausenden Gefol-terten unwiderruflich vorbei ist. Als das Regime seinen Abgang hätteverhandeln können, wollte es nicht. Nunkann es nicht mehr. Jedes Anzeichen vonSchwäche würde seinen Sturz bedeuten. Nicht der Umstand, dass das Regime Zi-vilisten massakrieren lässt, um sich zu ret-ten, hat diese Erkenntnis befördert, solcheBlutbäder hat es schon früher gegeben: InHoms verschwanden im April vergange-nen Jahres über 60 Menschen spurlos,nachdem Regierungstruppen ein friedli-ches Sit-in niederwalzten. Im Südostenvon Homs wurden im Januar mehrere Fa-milien auf ähnliche Art wie in Hula mas-sakriert. Als Wochen später der zuvor inTrümmer geschossene Stadtteil Bab Amrvon Regimeeinheiten eingenommen wur-de, berichteten Zeugen von Massenexeku-tionen jener, die nicht geflohen waren. Neu war diesmal allerdings, dass nurStunden nach der Tötungsorgie, am Sams-tagvormittag, ein Team von Uno-Beob-achtern es schaffte, nach Hula zu kom-men: die Leichen zu sehen, sie zu zählenund zu bezeugen, was Überlebende denBeobachtern berichteten und was die Spu-ren der Panzer verrieten. „Die Beweislageist mitnichten unklar“, sagte DeutschlandsUno-Botschafter Peter Wittig, „es gibt kla-re Belege für die Täterschaft der Regie-rung an diesem Massaker.“ Lagen bei frü-heren Massakern nur Berichte der syri-schen Opposition und Videoaufnahmenvor, die nicht überprüft werden konnten,so sah die Lage diesmal anders aus. Im Scheitern, so scheint es, entfaltetdie Uno-Mission ihre Wirkung. Die APknapp 300 unbewaffneten BeobachterSchabiha-Trupp in Damaskus, Gesprächspartner Annan, Assad*: „Verflucht sei die Mission“können unmöglich eine nicht wirklichexistierende Waffenruhe überwachen, dieAuf jeden Fall zogen daraufhin bewaff- um Raum wurde durchkämmt, jeder um-bis Ende vergangener Woche über 2000nete Rebellen der Freien Syrischen Ar-gebracht, manche mit Messern, mancheOpfer zugelassen hat (siehe Grafik Seitemee, FSA, los, um die Stützpunkte der erschossen. Bis in die Morgenstunden94). Sie können das Geschehen nicht ver-Assad-Truppen außerhalb von Hula an-währte das Morden. Als die Uno-Beob-hindern, wohl aber seine Vertuschung. zugreifen. Ob sie vor dem Panzerbe- achter kamen, fanden sie in jenen Dör-Das ist nicht viel und den aufgebrachtenschuss zurückwichen oder sich in dem un-fern, die von Regimetruppen kontrolliertSyrern viel zu wenig, die Bilder von Kofi übersichtlichen Gelände versteckt hielten,werden, nur noch Tote. Die Überleben-Annan verbrannten. „Wir haben die Be- ist unklar. Auf jeden Fall waren nur noch den hatten sich in Ortsteile geflüchtet, dieobachter während des Massakers geru-wenige Männer im Ortsteil Taldu, als dervon der FSA gehalten werden, wo sie diefen“, wurde ein Mann aus Hula zitiert,schwere Beschuss am Nachmittag stopptegeborgenen Leichen auf Matten in derder sich Abu Emad nennt, „aber sie ha-und danach Bewaffnete kamen.Moschee betteten, filmten und beerdig-ben sich geweigert zu kommen und das Die Männer, teils in Zivil, teils in Ar- ten.Morden zu stoppen. Verflucht seien sie, meeuniformen, zogen von Haus zu Haus,Das Massaker konnte die Führung inverflucht sei die ganze Mission!“ berichteten Überlebende wie etwa derDamaskus nicht leugnen. Aber Außenmi- Sie kamen – zu spät, aber sie kamen. elfjährige Ali gegenüber dem Sender nisteriumssprecher Dschihad Makdissi er- Nach weitgehend übereinstimmendenCBS: „Zu uns kamen sie nachts, holten klärte umgehend „bewaffnete Terroris-Aussagen Überlebender und den Ermitt- erst meinen Vater und meinen ältesten ten“ und „Islamisten“ für die Täter – wielungen der Uno-Beobachter sowie der un- Bruder heraus. Meine Mutter schrie, war-immer. Moskau, dessen eiserne Blockadeabhängigen Menschenrechtsorganisation um tut ihr das? Dann erschossen sie beide.bislang jede Verurteilung Syriens im Welt-Human Rights Watch hatten am Mittag Danach meine Mutter. Dann kam einer sicherheitsrat verhindert hat, versuchtedes 25. Mai die Menschen aus Ortsteilen der Männer mit einer Taschenlampe, sahsich auf dem Basar der Schuldzuweisun-von Hula nach dem Freitagsgebet fried-meine Schwester Rascha. Er schoss ihr ingen mit einem bizarren Handel: Der Pan-lich für den Sturz des Regimes demon- den Kopf.“ Ali versteckte sich mit seinen zer- und Mörserbeschuss, so Außenminis-striert, als Beschuss erst durch Panzer,zwei kleinen Brüdern, der Mann sah sie, ter Sergej Lawrow, gehe wohl auf Kostendann durch schwere Artilleriegeschützeerschoss auch sie, aber verfehlte Ali.des Regimes. Aber die bestialischen Mor-einsetzte. Andere Zeugen gaben an, dassAndere Überlebende, die sich versteck-Soldaten zuvor direkt auf Demonstranten ten oder tot stellten, erzählten den stets* Oben: am 14. August 2011 vor der Hassan-Moschee;gefeuert hätten.gleichen Ablauf: Haus um Haus, Raum unten: am vergangenen Dienstag in Damaskus.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 293
  • 71. Auslandde wurden, so Alexej Puschkow, Vorsit- verfügten über immense Mengen Spreng- die regulären Truppen ein und vertreibenzender des Parlamentsausschusses für In- stoff, kamen problemlos damit durch alle oder erschießen die letzten Rebellen.ternationale Angelegenheiten, „definitiv Kontrollposten – und detonierten ihre Dann erst kommen jene Helfer, die dasvon der anderen Seite begangen“.Sprengsätze dann vor zumeist leeren Ge- Regime rief und die es immer weniger Igor Pankin, Russlands Vize-Uno-Bot- bäuden. Die Totenzahlen wurden vom kontrollieren kann: die Schabiha, dieschafter, sekundierte: „Wir können uns Regime herausgegeben, die veröffentlich- Geister.nicht vorstellen, dass es im Interesse der ten Listen des ersten Anschlags am 23.Was früher einmal Schlägertrupps undsyrischen Regierung ist, den Besuch des Dezember enthielten die Namen von Schmugglergruppen aus den Hügeln rundSonderbeauftragten Kofi Annan in Da- Männern, die bereits zuvor andernorts um Latakia waren, der Heimat des Assad-maskus zu sabotieren.“ Womit er recht gestorben waren. Bei der pompösen Be- Clans, ist ein vieltausendköpfiges Heerhat: Ein Massaker an Kindern ist nach stattungsfeier in der Umajjaden-Moschee aus Freischärlern geworden. Die BandenPR-Maßgaben dem Assad-Regime nicht klebten dann lauter Zettel „anonymer werden unterstützt von den Nutznießerndienlich. Unrecht hatte er dennoch und Märtyrer“ an den Särgen. Als am 9. Mai des Regimes, jenen, die bei der Errichtungbrachte unfreiwillig Russlands wachsende eine Bombe in der Nähe des Konvois von einer marktwirtschaftlichen Fassade fürFrustration mit seinem Verbündeten auf Uno-Missionschef Robert Mood explo- das Land am meisten profitiert und nunden Punkt: Denn Syriens Führung tut dierte, waren die Fahrzeuge zuvor an ei- am meisten zu verlieren haben. Es ist einschon lange nicht mehr, was im Sinne ei- nem Militärcheckpoint just so lange auf- faustischer Pakt: Solange sie loyal zu As-ner politischen Lösung der Krise klug gehalten worden, dass sie zum Zeitpunkt sad sind, dürfen sie morden, plündern,wäre zu tun.der Detonation in der Nähe waren.vergewaltigen. Wie in Hula, wo die Scha- Indem sie nach und nachbiha aus den südlichen Nach-ihre Macht auf die alawitischebardörfern kamen.Minderheit, welcher der Assad- Töten ohne Ende Opfer in den syrischen ProvinzenErkennbar war das WirkenClan entstammt, konzentriertTÜRKEIdieser Gespenster schon im Au-hat, schürt sie einen Konfes- gust 2011 in der Hauptstadt Da-sionskampf gegen die sunniti-57 maskus. Jeden Abend währendsche Mehrheit, den sie zu ver-Aleppo 528Hasakades Fastenmonats Ramadan276859hindern vorgibt. Nun hat Assad Aleppo standen sie zu Dutzenden vor Rakkasich in eine Ecke manövriert, den Moscheen sunnitischeraus der er nur einen Ausweg252557 Viertel, bereit, jeden niederzu-kennt: Sieg. Weshalb auch der knüppeln und zu verschleppen,neueste Vorschlag aus Berlin 1791 der beim Herauskommen nachDeir al-Sorund Washington, es doch mitTartus dem Gebet sein Wort gegen dasHomsder „jemenitischen Lösung“ zu Regime erhob. Gegen 20 UhrHoms6256versuchen, Baschar al-Assad LIBANON kamen sie in Schwärmen ausabzusetzen und das Regime zuerhalten, nicht klappen wird. 340SY RI E N 2122seit Kofi AnnansToteden Quartieren der Geheim-dienste, wurden in requiriertenDas Regime setzt ausschließ-Friedensplan vomNahverkehrsbussen zu ihrenDamaskus12. April 2012lich auf Gewalt, begleitet von Kunaitra Einsatzorten gefahren und lau-einer monströsen Propaganda- IRAK Quelle:Database, Syrian Revolutionerten dort, bis sich die Beten-MartyrInszenierung, nach der auslän- Suwaida138430. Mai 2012den nach dem Verlassen derdische Terroristen und al-Qaida1532 100 kmMoscheen verliefen.hinter dem Aufstand steckten.Es sind Kriminelle, Tagelöh-JORDANIEN Diese konspirative Manie ist ner, die meisten Alawiten, abernicht neu: Schon ab 2003 orga-es sind auch Kurden der PKKnisierten die Geheimdienste den Transfer Konspirative Gewalt gehört in Syrien darunter, Angehörige regimeloyaler sun-von Dschihadisten aus Saudi-Arabien, Li- zum Überlebensprinzip des Regimes. Die- nitischer Clans aus Aleppo, vereinzeltbyen, Kuwait über die syrische Grenze in ser paranoide Zug erklärt sich aus seiner Christen. Die Schattentruppe eines Re-den Irak, um den Amerikanern jedweden Geschichte: Als der Luftwaffengeneral gimes, das seiner eigenen Armee nichtAppetit auf den angedrohten Regime- a. D. Hafis al-Assad im November 1970 mehr traut – sondern ein Monster geschaf-wechsel auch in Damaskus zu nehmen – mit kalter Brillanz putschte, brachte der fen hat, das sich verselbständigt und denwährend sich das Regime gleichzeitig als Senior damit seine Familie, seinen Clan, syrischen Staat untergräbt lange vor einerBollwerk im Kampf gegen al-Qaida emp- letztlich die kleine, jahrhundertelang de- militärischen Niederlage.fahl. Später festgenommene Ausländer klassierte Minderheit der Alawiten an die Der Autor Jassin al-Hadsch Salihberichteten, wie sie in Homs in Lagern Macht – die es fortan um jeden Preis ge- schrieb vor Monaten aus dem Untergrundder Geheimdienste auf ihren Transfer ge- gen alle demografische Unterlegenheit zu in Damaskus: „Selbst wenn das Regimewartet hatten.verteidigen galt.die Konfrontation mit den Aufständischen Auch als Anfang 2006 mehrere skandi-Die Illusion von einem Staat, der an- gewinnt, wird das künftige System ein Re-navische Botschaften nach dem Karika- geblich sogar Reformen will, versucht As- gime der Mafia sein.“ Eine Herrschaft ma-turenstreit in Damaskus angeblich vom sad junior aufrechtzuerhalten. Er ließ vor rodierender Banden, getrieben von Gierislamistischen Mob verwüstet wurden, Monaten ein Referendum abhalten, um und Angst vor Vergeltung, die mit jederhatte das Regime die Männer geschickt die jahrzehntelang zementierte Vormacht Welle des Mordens berechtigter wird.und vorsorglich noch die Wachen vor der Baath-Partei zu beenden, inszeniertedem Haus eines Generals neben der nor- vor Wochen noch Parlamentswahlen –wegischen Botschaft abgezogen. Nach und lässt mit dem Massaker von Hula allVideo:den schweren Sprengstoffanschlägen der dies bedenkenlos wieder einreißen.Warum eine Invasionvergangenen Monate in Damaskus, Alep-Was dort geschah, folgte dem Muster Syriens so schwierig istpo und Deir al-Sor gibt es keine Beweise früherer Angriffe etwa in Homs: Erst wird Für Smartphone-Benutzer:für die Urheberschaft des Regimes, aber mit Panzern und Artillerie aus großer Ent- Bildcode scannen, etwa mitreihenweise Merkwürdigkeiten: Die Täter fernung geschossen. Anschließend rollender App „Scanlife“.94 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 72. AuslandE S S AYAssads willige Helfer Warum die Welt beim Morden in Syrien zum Zuschauen verurteilt istVon Ullrich FichtnerI. Von Rechts wegen müsste das Morden in Syrien seit gutLuftwaffe und Artillerie zerstörten große Teile der Altstadt, sechs Wochen vorüber sein. Baschar al-Assad, Präsident es wurden Menschen verschleppt, gefoltert, und vor allem wur-seines uralten, binnen 15 Monaten zertrümmerten Landes, de gemordet: Bis zu 30 000 Menschen sollen umgebracht wor-hätte am 10. April den Rückzug seiner Truppen befehlen und den sein, um jeden Ansatz einer Rebellion zu ersticken und48 Stunden später eine Waffenruhe mit den Rebellen beginnen allen Untertanen im Land die Botschaft zukommen zu lassen,müssen. Darauf verpflichtete ihn der Sechs-Punkte-Plan des dass Widerstand in Syrien sinnlos sei.Uno-Unterhändlers Kofi Annan, dem Assad nach zwei WochenBis heute sind die genauen Umstände dieses Massakers nichtBedenkzeit am 27. März zugestimmt hatte. Der Plan redete aufgeklärt, aber es ist gewiss nicht falsch zu sagen, dass dasvom sofortigen Stopp aller Kampf-heutige Syrien damals seinen bru-handlungen, vom Fortschritt zumtalen Gründungsakt erlebte. DerFrieden – und er war weiterhin inAssad-Clan stabilisierte sich in denKraft, als am 25. Mai Todesschwa-Folgejahren, und das Massaker vondronen durch die bei Homs gelege-Hama wurde der syrischen Elitene Ortschaft Hula zogen, um dort zum Muster dafür, wie mit Gegnernein Massaker anzurichten, dessen umzuspringen sei.Details Bilder der Hölle heraufbe-schwören. Kaum jemand am Sitz der Unoin New York hat Zweifel daran, dassIII. Wie mit ruchlosen Regimenumzugehen wäre, dafür gibt es so klare Muster nicht. Dassdieses Massaker auf Assads Konto die Welt nichts versucht hätte, dieund das seiner Schabiha-MilizenGewalt in Syrien aufzuhalten, ist SHAAM NEWS / AFPgeht; kaum eine Regierung auf derein falscher Eindruck. Schon vor derWelt glaubt die Lügengeschichte derspektakulären Aktion von vorigersyrischen Regierung, hier seienWoche, die syrischen Botschafter„ausländische Kräfte“ am Werk ge-aus einem Dutzend großer Haupt-wesen, Terroristen, al-Qaida. As-Kinderleichname in Hula städte auszuweisen, waren die Ara-sads Clan, so viel ist jetzt klar, willbische Liga, die Europäische Union,die Macht im Land nicht aufgeben, Assads Opfer werden mit rus- der Uno-Sicherheitsrat, die Uno-und sei es um den Preis, das eigeneVollversammlung, der Uno-Sonder-Volk umbringen zu müssen.sischen Waffen, mit russischembeauftragte Annan und nicht zuletzt Die zugehörigen Fragen aller-Kriegsgerät umgebracht.Uno-Generalsekretär Ban Ki Moondings sind schneller gestellt als be-geradezu fieberhaft darum bemüht,antwortet: Wieso unternimmt diedas Morden zu stoppen.Welt nichts, um den Amoklauf des syrischen Regimes zu stop- Seit Monaten gibt es immer neue Anläufe, scharfe Resolu-pen? Warum steigen über Syrien nicht Kampfflugzeuge der tionen und Sanktionen gegen Syrien auf den Weg zu bringen.Nato auf, wie über Libyen? Warum werden nicht wenigstens Vielstimmig haben Regierungen in aller Welt, auch der arabi-die Rebellen mit Waffen versorgt, um sich wehren zu können? schen, das Treiben der Assad-Regierung verurteilt – und manUnd: Was taugt die Arbeit dieses Uno-Sicherheitsrats, wenn mag all das, angesichts ausbleibender Erfolge, für leeres Ge-er stets dann handlungsunfähig wird, sobald es für die großen fuchtel halten. Aber nur so kann Weltpolitik auf zivile WeiseMächte ans Eingemachte geht?vonstattengehen, so wird am großen Rad der Diplomatie ge-dreht, mit Erklärungen, Textentwürfen, Debatten, weil andern-II.Geschichte speist sich aus Geschichten, und wo von alten falls immer nur der Krieg als erstes Mittel zur Verfügung stünde Völkern die Rede ist, liegt ein dichtes Gespinst aus Le- und also weiterhin das Faustrecht gälte.genden und Erfahrungen über allem. Syrien schaut auf mehr Das Schlimme ist nur: Syrien lehrt auch, dass das Faustrechtals zehn Jahrtausende zurück, Bücher wären zu schreiben, um fortlebt. Dass es immer wiederkehren will, dass es nie ver-dem gerecht zu werden, aber selbst dann müsste einem ein- schwindet, sondern aufgehoben bleibt, bei Bedarf beanspruchtschneidenden kollektiven Erlebnis von vor 30 Jahren ein eige- von despotischen Regimen, die sich einen Dreck scheren umnes Kapitel gewidmet sein.Menschenrechte und Zivilität. Und Syrien lehrt, dass sich die Im Februar 1982 verteidigte sich das Assad-Regime, damals Völker der Welt über Fragen des Faustrechts auch im 21. Jahr-noch geführt von Hafis al-Assad, dem Vater des heutigen Prä- hundert höchst uneins sind, womöglich ist sogar ein neuer Ost-sidenten, gegen Umtriebe der Muslimbruderschaft in der alten West-Konflikt im Gange, denn: Wenn Assad und die Seinen inStadt Hama. Zunächst wurden ausländische Beobachter des diesen Wochen weiter morden können, dann sind dafür dieLandes verwiesen, die Journalisten zuerst, dann, am 2. des Regierungen Russlands und Chinas entscheidend verant-Monats, rückte die Armee gegen Hama vor.wortlich.96 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 73. Vor allem die Moskauer Regierung, die als Putin-Regime schloss. Aber dies ist eine weitere dramatische Erkenntnis ausauch nicht falsch bezeichnet wäre, hätte es in der Hand, die den Vorgängen in Syrien: Zum Erbe des mit Lügen begründetenMörder in Damaskus aufzuhalten. Ehemalige Botschafter in Irak-Einmarsches gehört, dass die US-Politik keine Autoritätder Region sind sich sicher, dass Assad sofort fallen würde, mehr besitzt, im Nahen Osten als Ordnungsmacht aufzutreten.wenn ihm Russland die Unterstützung entzöge. Assads OpferEinen von der Uno, der Nato oder dem Westen angeführtenwerden mit russischen Waffen, mit russischem Kriegsgerät, mit Militäreinsatz gegen das syrische Regime wird es deshalb nichtrussischer Munition umgebracht. Und die Frachtschiffe, die geben, und das ist in diesem Fall, ganz anders als im Fall Libyen,das Material bringen, fahren auch jetzt, sie fuhren weiter nach auch gut so. So verständlich der Antrieb ist, Mörder zur Re-dem Massaker von Hula, an Bord auch Russlands Schande.chenschaft zu ziehen, so quälend die Bilder und Nachrichten In Kommentaren ist jetzt oft zu lesen, es bestünden zwischen sind, so erschütternd die Hilferufe aus Syrien, so verrückt istMoskau und Damaskus alte Beziehungen, aber hinter dieser doch auch die Idee, in diesem blutigen Chaos ausgerechnetgemütlich klingenden Floskel stecken ganz handfeste Interessen. mit noch mehr Waffen Frieden schaffen zu können.Russland unterhält in Tartus seinen einzigen MarinestützpunktAuch wer glaubt, die Rebellen bewaffnen zu sollen, riskiertam Mittelmeer. Es mag wie ein Raunen aus fernen Zeiten des ein noch größeres Unheil, einen Vergeltungskrieg der sunniti-Kalten Krieges klingen, wenn von der Wichtigkeit eines „eis- schen Mehrheit gegen den Militärapparat und die Granden derfreien“ Hafens die Rede ist; aber dieses Interesse, schon zu alawitischen Regierungsclique. Die Christen im Land würdenSowjetzeiten jahrzehntelang strategisch verfolgt, bleibt auch mitmischen müssen, die drusische Minderheit, und bald würdefür das heutige Russland höchst bedeutsam.das libanesische Szenario der achtziger Jahre neuerlich aktuell, Nicht zufällig fand in diesem Winter ein Marinemanöver der Horror von Beirut, das Auge-um-Auge im Kleinkrieg bru-der russischen Seekriegsflotte in den Gewässern vor Syrien taler Milizen. Und dass dieser Bürgerkrieg an den syrischenstatt, nicht zufällig kreuzte der Flugzeugträger „Admiral Kusne- Grenzen haltmachte, wäre unwahrscheinlich. Der Libanon ge-zow“ vor Tartus. Es ging um eine klassische Demonstration riete ins Schussfeld, Jordanien könnte schnell betroffen sein,militärischer Stärke, so als hätten sie im Kreml falsche Schub- die große Türkei, das Nato-Mitglied, müsste sich rühren, alleinladen aus den fünfziger Jahren auf-schon, um den Anspruch als Regio-gezogen. nalmacht zu unterstreichen. Für Russland steht mehr auf demEs ist leider wahrscheinlich, dassSpiel als dieser Hafen im Mittelmeer.dieses Szenario ohnehin bevorsteht,Es geht auch um mehr als den ganz gleich, wie sich der Rest derSchutz eines sehr guten Rüstungs-Welt zu Syrien verhält. Tatsächlichkunden oder um die gemeinsamescheint Assad seinem Land nur dieErschließung eines syrischen Öl- Wahl zwischen Friedhofsruhe undfeldes. Moskau kämpft, nach demBürgerkrieg lassen zu wollen. Schonarabischen Frühling, in dessen Wir-häufen sich Berichte, dass Iran mitbeln viel Einfluss verlorenging, bewaffneten Truppen in Syrien mit-„buchstäblich um seinen letzten An-mischt, dass Saudi-Arabien die XINHUA / ACTION PRESSkerplatz im Herzen des Nahen Os- Opposition mit Waffen belieferntens“, wie ein Uno-Botschafter aus will oder schon beliefert. Es fühltdem Sicherheitsrat sagt. sich an, als seien Vorbereitungen für Ein Blick auf die Landkarte hilft.einen Stellvertreterkrieg auf syri-Syrien hat im Süden Israel, Jorda- schem Boden im Gang – und dasnien und den Libanon als Nachbarn,Abstimmung im Weltsicherheitsrat wäre für die Zivilbevölkerung dasim Osten den Irak, im Norden die finsterste Szenario. Und für die gan-Türkei. Mit all diesen Ländern ist Sy-Einen von der Uno angeführtenze Welt ein schlimmer Rückschlag.rien eng verbunden oder wenigstens Militäreinsatz wird es nichttief verstrickt, mit keinem dieser Län-der kann sich Russland eng verbün-det wähnen. Überdies ist die Region, geben, und das ist auch gut so. V. Die Arbeit der Diplomaten muss weitergehen, trotz allem. Gegen Syrien ist aufgrund russi-wenn man so will, der Balkan des scher und chinesischer Blockaden21. Jahrhunderts. Wenn hier heute eine Lunte Feuer fängt, weiß noch nicht einmal ein umfassendes Waffenembargo verhängt.niemand, was am Ende alles in die Luft fliegt. Und dieser Um- Keine der vielen möglichen Sanktionen nach Kapitel VII derstand erklärt, neben Russlands und Chinas Sonderrollen, die Uno-Charta ist auf den Weg gebracht, das ist angesichts derzweite Bremse gegen ein „robustes“ Eingreifen in Syrien.immer neuen Gewaltausbrüche unerträglich. Der Schlüssel zur Lösung liegt aber in Russland. Das klingtIV.Hemdsärmelig wie eh meldeten sich konservative US- wieder wie ein Satz aus vergangenen Zeiten, aber er ist aktuell. Politiker zu Wort und forderten, wie der einstige Präsi- Die Regierung in Moskau hat die Gewalt, Assad zu stoppendentschaftskandidat und Vietnam-Veteran John McCain, „Flug- und einen Bürgerkrieg vielleicht gerade noch zu verhindern,verbotszonen“ in Syrien. Der aktuelle Bewerber Mitt Romney und sie muss mit aller zivilen Macht gezwungen werden, dieseverlangte noch vergangene Woche wahlkampftauglich zumin- Gewalt auszuüben. Es kann nicht sein, dass aufgrund geopoli-dest die Bewaffnung der Opposition. Aber beide wirken mit tischer Denkmuster aus dem 19. Jahrhundert Frauen und Kin-ihrem simplen Geschwafel so unzeitgemäß wie die Russen, die der im 21. Jahrhundert massakriert werden.sich wie alte Sowjets gebärden.Vergangene Woche war Wladimir Putin, von dem man gar Es ist, als hätten ausgerechnet diese beiden Amerikaner nicht nicht mehr weiß, ob er sich gerade zum Präsidenten oder zumbemerkt, dass gleich neben Syrien gerade ein Krieg durch den Premierminister hat wählen lassen, erst in Berlin, danach inIrak gerollt ist, der das Ansehen der USA ruiniert hat. So gründ- Paris. Seine Kollegen dort, das wäre ein Anfang und ein starkeslich ruiniert, dass Amerika im Nahen Osten keine Lösungen Zeichen gewesen, hätten ihn ausschließlich in Gespräche übermehr vorzuschlagen hat, sondern selbst Teil des Problems ge- Syrien zwingen sollen, immer wieder Syrien, über das Morden,worden ist. Iran, Israel, Syrien, Irak – nirgends ist Amerika im- über die Möglichkeiten, die Gewalt zu stoppen. Sie haben esstande, vernünftige Abkommen auf den Weg zu bringen, was natürlich nicht getan, Syrien war nur ein Thema unter vielen.seine Rolle als führende Weltmacht früher doch einmal ein- Alles andere wäre zu undiplomatisch gewesen. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 97
  • 74. Ausland tapultiert wurde, einen Kulturschock er- lebt hat. Irgendwo zwischen Osten undGRIECHENLAND Westen, antiker Glorie und heutiger Ar- „Wir denken mit dem Gemüt“ mut, zwischen Orthodoxie und Aufklä- rung hat er ein Identitätsproblem. Das ist es, was ihn bis heute verunsichert und beunruhigt. Er fühlt sich immer bedroht. SPIEGEL: Heißt das, die Griechen sind nie Der Schriftsteller Nikos Dimou beschreibt den richtig in Europa angekommen? Seelenzustand seiner Landsleute und spricht über die eigene Dimou: Sie waren lange nicht frei, waren Teil eines multinationalen Reiches, in Angst, aus Europa verbannt zu werden. dem es verschiedene Sprachen gab. Dann lebten sie 500 Jahre unter der Herrschaft der Türken. Und mussten danach auf ein- mal Europäer werden, alle Institutionen wurden importiert. Und deshalb hat der Grieche bis heute keine gute Beziehung zu seinem Staat. SPIEGEL: Warum ist das alles so wichtig? Dimou: Es ist wichtig, wenn man mit den Griechen zusammenarbeiten oder aber ihr Land reformieren will. Dann muss man wissen, welch tiefverwurzelten Ängste die griechische Seele quälen. Und ich glaube, dass sie gerade, wenn es eine Krisensituation wie die jetzige gibt, wie- der zum Vorschein kommen. Dann sehen die traditionell gastfreundlichen Griechen andere auf einmal als Feinde an, die ih- nen ihre Seele stehlen wollen. SPIEGEL: Glauben Sie, dass diese Mischung aus Verunsicherung und Aggression zu dem Wahlergebnis vom 6. Mai führte? Dimou: Ja, ganz sicher. Aber es hängt auch damit zusammen, dass die Griechen in der Politik ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Nehmen Sie den Chef des Links- NIKOS PILOS / DER SPIEGEL bündnisses Syriza, Alexis Tsipras: Er ist jung, er sieht gut aus, er ist optimistisch. Man glaubt, mit ihm könne einem nichts Schlechtes passieren, weil er ja so zuver- sichtlich ist. Dabei wissen alle, dass auchPhilosoph Dimou: „Der Grieche hat ein Identitätsproblem“ Tsipras nicht zaubern kann. Trotzdem haben sie ihn gewählt, aus einem GefühlDimou, 76, schrieb schon vor 37 Jahren mehr sicher, das liegt zum Teil in ihrerheraus. Ich hoffe, dass die Parlaments-„Über das Unglück, ein Grieche zu sein“, Geschichte begründet. Sie haben ja viel wahl am 17. Juni rationaler ausfallen wird.so der Titel seines 1975 erschienenen Apho- gelitten. Aber Unsicherheit führt auch zuSPIEGEL: Im Moment sieht es aber nichtrismenbands. Bereits damals stellte er fest, Aggressionen. Wir Griechen lieben Ver-gerade danach aus.der Grieche tue alles, „was er kann, um schwörungstheorien: Sie erklären und un- Dimou: Bei der Wahl im Mai haben sichdie Kluft zwischen Wunsch und Wirklich- termauern unsere Unsicherheit irgendwie. 35 Prozent der Griechen enthalten, 19keit zu vergrößern“. Zum Gespräch emp- Deshalb denken wir nicht nur mit demProzent gingen an kleine Parteien, die esfängt er in seiner Athener Wohnung, im Kopf und dem Verstand, sondern auch nicht ins Parlament geschafft haben.Botschaftsviertel der Stadt mitten im Grü- mit dem Gemüt. Sie müssen immer be- Macht zusammen unberechenbare 54nen gelegen. Es riecht nach Jasmin, drau- denken, dass die Griechen schon in der Prozent. Und ich setze darauf, dass vieleßen läuft der Rasensprenger, auf dem Sofa Antike von den ägyptischen Weisen alsLeute nun einen kühleren Kopf haben.schläft Dimous dreibeinige Katze Azurro. „Kinder“ bezeichnet wurden. Aber dieseTsipras wird zwar noch mehr StimmenDimou, der auch in München studiert hat, Unreife hat auch eine Art Schönheit.bekommen, aber nicht genug, um eineserviert Kaffee und Kuchen, obwohl er sich SPIEGEL: Und Sie glauben tatsächlich, die Regierung zu bilden. Und dann könntegerade sehr über den SPIEGEL geärgert griechische Geschichte bestimme bis heu- es doch zu einer Koalition der Pro-Euro-hat. Das „Akropolis adieu!“-Titelbild hat te das Verhalten Ihrer Landsleute, geradeParteien kommen: der Nea Dimokratia,ihn, wie viele Griechen, verletzt. jetzt in der Krise? der Pasok und kleineren Parteien. Dimou: Ja, sicherlich, die Neu-Griechen SPIEGEL: Ist den Griechen bewusst, dassSPIEGEL: Herr Dimou, Sie haben sich mit werden immer unter dem leiden, was die diese Wahl auch ein Votum für oder ge-der Seele der Griechen beschäftigt wie alten Griechen geschaffen haben, denn gen den Euro sein wird?kaum ein anderer, Sie haben sie geradezu sie können es weder vergessen noch über-Dimou: Wenn wir die Sparvorgaben nichtseziert. Wie steht es um die griechische treffen. Meine These ist, dass der Griecheerfüllen, dann verlieren wir auch dieSeele heute? durch die Tatsache, dass er im 19. Jahr-Währung. Das eine geht nicht ohne dasDimou: Das vorherrschende Gefühl ist Un- hundert innerhalb weniger Jahre vom andere. Ich hoffe, dass das viele nach-sicherheit. Die Griechen fühlen sich nicht feudalen Zustand in die Modernität ka-denklich macht. Diese Wahl ist nicht eine98D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 75. Diese Angela Merkel, dieser Schäuble, warum haben sie uns das bloß angetan? Ich frage dann zurück: „Was hat die Mer- kel mit uns zu tun? Nichts. Wir haben Schulden gemacht und die Europäer um Hilfe gebeten. Deshalb sind sie hier.“ Dann antworten meine Gesprächs- partner in der Regel, die Euro- päer würden gut daran verdie- nen, oder es handle sich um eine Verschwörung der Banken oder des Weltkapitalismus ge- gen Griechenland. SPIEGEL: Das könnte, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, einem anderen griechischen Wesens- zug entsprechen, dem der Übertreibung. Dimou: Genau, wir leben gern über unsere Verhältnisse. Wenn Sie „Alexis Sorbas“ lesen, se- hen Sie diese Lust zu leben: Wir wollen alles haben, alles genie- ßen. Der Wesenszug der Über- treibung geht eng einher mit dem der Verdrängung. Grie- chenland ist nicht nur die Hei- mat der Demokratie, sondern auch die der Tragödie. Und der tragische Held ist der Mensch, der übertreibt und gegen die Weltordnung verstößt. SPIEGEL: Können Deutsche und Griechen sich jemals verstehen, wenn sie so unterschiedlich sind?KOSTAS TSIRONIS / AP Dimou: Das können sie, wenn sie einander ergänzen. Der Grie- che braucht den Deutschen, weil der Dinge kann, die erZeremonie zur Übergabe des Olympischen Feuers*: „Griechenland ist die Heimat der Tragödie“ nicht kann, und der Deutsche braucht den Griechen, weil erzwischen der Rechten und der Linken, habe mich immer als Europäer gefühlt, diese Lust am Leben hat, die den Deut-sondern eine zwischen Euro und Drach- ein Europäer, der aus Griechenland schen glücklich macht.me. Wenn das von den Parteien so kom- stammt. Nach Ihrem Titelbild hatte ich SPIEGEL: Was haben die Deutschen ausmuniziert würde, stünde ihr Ausgang das Gefühl, ich befinde mich auf einem heutiger Sicht bei dem Rettungsversuchschon jetzt fest: 78 bis 81 Prozent aller Schiff, das sich vom Ufer entfernt, und Griechenlands falsch gemacht?Griechen sind für den Erhalt des Euro. Europa verschwindet langsam, aber si- Dimou: Zunächst einmal: Die größteAber leider kommt nicht nur das Wort cher am Horizont, ich werde verbannt.Schuld liegt bei den griechischen Politi-Demokratie aus dem Griechischen, son- SPIEGEL: Sie fanden es anmaßend vom kern, sie haben diese Krise herbeigeführtdern auch das Wort Chaos.SPIEGEL, einen solchen Titel zu dru- und nicht schnell genug auf sie reagiert.SPIEGEL: Und das Wort Dilemma. cken?Außerdem haben sie den Leuten nicht er-Dimou: Ja, all das ist sehr charakteristisch Dimou: Es war ein brutaler Eingriff in einer klärt, wie ernst die Situation war, sondernfür die Mentalität der Griechen. Und es sehr empfindlichen Situation. Wissen Sie, haben, wieder einmal, die Schuld den an-wird Generationen dauern, bis sich das die Akropolis ist das griechische Heilig- deren gegeben, haben behauptet: „Ja, die-ändert. Ich hoffe, dass wir diese Krise mit tum. Für uns war Ihr Titel deshalb, wie se Maßnahmen sind barbarisch, aber sieEuropas Hilfe trotzdem überleben. Aber man in der Fußballersprache sagen wür- werden uns aufgezwungen vom Interna-es gibt natürlich auch das andere Dreh- de, ein Foul. tionalen Währungsfonds, der EU, derbuch, das sagt, es geht alles zugrunde, SPIEGEL: Vor über 30 Jahren haben Sie in EZB, also der Troika.“ Den europäischenund wir fangen wieder am Anfang an.einem SPIEGEL-Gespräch gesagt, dass Vertretern hatten sie zuvor gesagt: „WirSPIEGEL: Macht Ihnen dieses Szenario die Griechen in schlechteren Momenten brauchen diese Maßnahmen, bitte gebtAngst? ihrer Geschichte die Schuld immer bei uns das Geld.“ Es war eine doppelzüngigeDimou: Ja, als ich den SPIEGEL-Titel anderen suchen und nicht bei sich selbst. Politik. Ich glaube, die Griechen sind vor„Akropolis adieu!“ sah, hatte ich das Ge- Dimou: Das gilt auch heute noch. Wenn allem Opfer ihrer politischen Elite.fühl, dass man mich einfach aus Europa Sie mit Leuten hier sprechen, sagen sie: SPIEGEL: Trotzdem hätten die Deutschen,rauswirft. Das war ein Schock, ich bindie Europäer, sicherlich das eine oder an-vielleicht nicht repräsentativ, aber ich * Im Mai in Olympia. dere besser machen können. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 299
  • 76. Dimou: Ich denke, man hat die falschenMaßnahmen ergriffen. Viel zu viele Spar-programme, ergo: Es droht eine Defla-tion. Aber es gibt auch ein Kommunika-tionsproblem. Die Troika hat den Grie-chen ihre Ideen und Lösungsansätze niewirklich erklärt. Sie hatte keinen Spre-cher, der versuchte, mit den Griechen tat-sächlich ins Gespräch zu kommen, nichtals Vertreter einer Kommandantur desvierten Reiches, sondern als Teil einerGruppe von Leuten, die dem Land helfenwill. Stattdessen haben sie sich verhaltenwie autoritäre Bürokraten, die alle dreiMonate kommen, Befehle erteilen, aberdann wieder gehen und nicht dableiben.SPIEGEL: Aber die Griechen beklagen sichschon jetzt über zu viel Fremdbestim-mung.Dimou: Ich bin davon überzeugt, man hät-te das Vorgehen einfach besser erklärenmüssen. Ich verstehe, dass viele Griechenden Eindruck hatten, unter deutscheroder europäischer Besatzung zu leben,ALESSANDRO BIANCHI / REUTERSauch wenn ich diesen Eindruck nicht tei-le. Durch das Auftreten der Troika unddie Art, wie sie von griechischen Politi-kern instrumentalisiert wurde, ist einegroße Chance vertan worden. Wenn manden Griechen eine andere Mentalität na-hebringen will, muss man sehr vorsichtigsein, wie man das tut, sonst erzielt man Kammerdiener Gabriele, Chef Benedikt: „Schwere Prüfung“schnell den gegenteiligen Effekt.SPIEGEL: Hinzu kamen Zurechtweisungenaus Berlin.VA T I K A N Im VerliesDimou: Ja, Wolfgang Schäuble hat wie einSchulmeister mit erhobenem Zeigefingerimmer wieder gesagt: Die Griechen sindböse Buben. Merkel war etwas humaner,aber trotzdem protestantisch streng, siehat mit dem Begriff der Schuld gearbeitet. Vom Papst unterzeichnete Papiere sind auch nicht mehr das, wasMan hätte sehen können, dass man sosie mal waren: geheim. Eine Flut von Dokumenten zeigtnicht das gewünschte Resultat erzielt, eswar einfach das falsche Vorgehen. ein eher ungeschickt und hilflos agierendes Kirchenoberhaupt.SPIEGEL: Was prophezeien Sie für die kom- Kmende Parlamentswahl?ennen sich die beiden? Ist der eine Seitdem gilt Gabriele als Verräter, ge-Dimou: Ich wage keine Prognose, was wie- die Quelle des anderen? Wolltennannt „il corvo“, der Rabe, ein Tier, demderum auch eine Prognose ist. Aber ich sie etwa gemeinsam dem Ober- man einen Hang zum Diebstahl nachsagt.hoffe inständig, dass wir einen Ausweg haupt der katholischen Kirche schaden, Anfang dieser Woche soll er endlich ver-finden. Wenn Griechenland die Euro-dem deutschen Pontifex Benedikt XVI.?nommen werden, seine Anwälte teiltenZone verlässt, wäre das ein schwerer Über wenige andere Römer wird in die-mit, er sei bereit auszupacken.Schlag. Nicht nur für Griechenland. Am sen Tagen so heftig spekuliert wie über Ist dies der Höhepunkt einer seit JanuarEnde würde auch ein Europa ohne Grie-diese beiden, die, so will’s der Zufall, ein-schwelenden Affäre, „Vatileaks“ genannt,chenland ein lahmes Europa sein, ein ander örtlich ganz nahe sind und sich in in der immer neue GeheimdokumenteStück würde fehlen. Deshalb versuche absehbarer Zeit wohl doch nicht treffenans Tageslicht dringen, oder ist es erst de-ich ständig, meinen Landsleuten zu er- werden.ren Anfang? Sicherlich ist die aus demklären, warum es nicht in ihrem Interesse Der eine blickt aus einer vier mal vier Vatikan hervorquellende Papierflut einsein kann, dass wir den Euro verlieren.Meter großen Arrestzelle in der Vatikan- Indiz für eine der „schlimmsten KrisenWie ein Psychoanalytiker rate ich demGendarmerie auf Mauern, die den Kir- in der Geschichte des Kirchenstaats“, wiegriechischen Patienten, die Dinge diesmalchenstaat umgeben. Seit bald zwei Wo-das italienische Wochenmagazin „Pano-sehr rational zu sehen.chen sitzt er dort, fast jeder kennt seinenrama“ schreibt, und eine „schwere Prü-SPIEGEL: Wie lange wird Ihre TherapieNamen: Paolo Gabriele, 46 Jahre, der fung“ für den Papst, so die Wortwahl desdauern?Kammerdiener des Papstes.Vatikan-Sprechers Federico Lombardi.Dimou: Das hängt vom Patienten ab.Kurz vor Pfingsten soll ihn Benedikts Auf jeden Fall ist es ein Krimi, den sichWenn der sehr griechisch reagiert, dannPrivatsekretär Georg Gänswein höchst-Dan Brown auch nicht besser hätte aus-wird er noch nicht einmal zur zweitenselbst als Spion überführt haben. Vier Kis-denken können – in dem Gabriele aberTherapiestunde kommen. ten mit Kopien von streng vertraulichenmöglicherweise nur eine Randfigur ist, INTERVIEW: JULIA AMALIA HEYER,Dokumenten an und von Papst Benedikt denn nach den wirklichen Drahtziehern BRITTA SANDBERG fanden die Ermittler in seiner Wohnung.wird weiterhin gefahndet.100D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 77. Ausland Nach den jüngsten Ereignissen im Verhaltens in der Affäre um die Piusbrü- Nuzzi sagt: „Das Erschütterndste war,Manipulationsskandal des italienischen der kritisiert hatte. Vor allem aber sindzu sehen, wie einsam dieser Papst ist undFußballs hatte Premierminister Mario in dem Buch böse Briefe über den Kardi-wie groß seine Mühen, den Laden zusam-Monti angeregt, die Serie A für ein paar nalstaatssekretär Tarcisio Bertone nach- menzuhalten oder an Informationen her-Jahre schlicht auf die Bank zu schicken, zulesen. Er soll einen Erzbischof ange-anzukommen, wegen all der Filter undund viele Römer finden, das sei im Prin- schwärzt haben, der als Aufräumer galt Intriganten um ihn herum.“zip keine schlechte Idee – nur, dass die und prompt strafversetzt wurde. Wer steckte Nuzzi die Dokumente zu,Fußballer spielen sollten und der Kirchen- Nuzzi sagt, er befürchte keine Anzeige,wem ist daran gelegen, dass die Welt vonstaat schließen könnte.er habe seine Arbeit gewissenhaft ge-angeblichen Missständen im Vatikan er- Der Vatikan hingegen igelte sich ein. macht. Natürlich gibt er seine Quellen fährt? Es wird viel spekuliert auf dem Pe-Während seiner Generalaudienz am ver- nicht preis. Er nennt sie summarisch „Ma- tersplatz oder in der Sala Stampa bei dengangenen Mittwoch äußerte sich Bene- ria“, und die Geschichte der Kontakt-jetzt täglichen Pressekonferenzen mitdikt erstmals zu Vatileaks und stellte sich aufnahme mit Maria liest sich wie ein einem peinlich berührten Papstsprecherhinter seine Mitarbeiter, auch hinter die Thriller, wie das Treffen der Watergate-und Vaticanisti, die täglich viele Seitenilloyalen. Der vatikanische Innenminister Enthüller mit „Deep Throat“ in einer Wa-füllen müssen über die Palast-Intrigen amgeißelte die Veröffentlichung der Geheim- shingtoner Tiefgarage.Hofe Benedikts.dokumente sogar als einen „unmorali- Vor einem Jahr will Nuzzi zwei Ver- Die Spekulationen handeln oft vonschen Akt von unerhörter Schwere“ und mittler getroffen haben, die seine Vertrau- Machtkämpfen zwischen italienischen Kir-ermunterte die Journalisten, „auf Distanz enswürdigkeit prüften und ihn nach einerchenfürsten, die ihre Kandidaten für diezu gehen“ zur „kriminellen Energie“ eines Irrfahrt im Auto in eine leere Wohnungnächste Papstwahl in Stellung bringenihrer Kollegen.im römischen Stadtteil Prati führten. Dort wollten. Oder von einer Verschwörung Dieser Kollege heißt Gianluigi Nuzzi. sollte er auf einem Plastikstuhl Platz neh-gegen die Nummer zwei im Vatikan, ge-Für den Vatikan ist er offensichtlich der men, ihm gegenüber seine Hauptquelle, gen Bertone, den Vertrauten des Papstes,eigentliche Verbrecher in dieser Affäre, die „niemals“, darauf legt Nuzzi Wert, der vielen zu eigenmächtig ist. Anhängerein bekannter investigativer Journalist, „auch nur einen Cent bekam“. Er bestä- dieser Theorie weisen darauf hin, dass esder in einem früheren Buch bereits Kor- im Gefolge des Missbrauchs-ruption und Geldwäsche in der Vatikan-skandals schon einmal einebank aufgedeckt hat. Wegen seines neuen Zeit gegeben habe, in der sogarWerks „Seine Heiligkeit. Die Geheim-Kirchenmänner die Absetzungdokumente von Benedikt XVI.“ drohtBertones gefordert hatten.ihm der Vatikan jetzt mit einer Anzeige.Vatileaks und Nuzzis Ent- Und dieser Nuzzi hält nur wenige Kilo- hüllungen beweisen vor allem,meter von der vatikanischen Gendarme- dass Vatikan-Politik noch im-rie entfernt Hof im Hotel Ambasciatorimer wenig dazu taugt, ansin der Via Veneto. Die war einmal be- Licht der Öffentlichkeit gezo-rühmt für ihr Dolce Vita, als der Starregis-gen zu werden. Und insoweitseur Federico Fellini noch lebte und we-hat sich nichts geändert hinterder der Vatikan noch Italien von Krisen den Mauern des Kirchenstaats. TONY MONDELLO / LAIFheimgesucht wurden. Gabriele ist nicht einmal der Vor Nuzzi auf dem Couchtisch klingelnerste enttarnte Spion dort.zwei Handys, Kollegen melden, dass einDer fast vergessene Fall ei-Politiker seine Verhaftung fordere. Allenes weiteren Raben findet sichpaar Minuten kommen Fans, sogar An- ausgerechnet bei Benediktsgestellte aus dem nahen Vatikan, die sich Autor Nuzzi: „Sie wussten, was sie taten“ Namensvorgänger Benediktdas Buch signieren lassen. Sie tuscheln XV. Dessen Geheimkämmererund rätseln über Nuzzis sagenumwobene tigt, dass sich „Maria“ aus mehreren Per- Rudolf von Gerlach versuchte, die PolitikQuellen. sonen zusammensetze, sie gaben mir die des Papstes zu hintertreiben, der im Ers- Dabei sind Nuzzis Enthüllungen kei- Dokumente, sagt er, „sie wussten, was sieten Weltkrieg die Neutralität der Kircheneswegs überwältigend, aber sie bieten taten“.bewahren wollte.einen einzigartigen Einblick in den Vati-Nuzzi sagt, die Kontaktpersonen aus Der Kämmerer, erheblich einflussrei-kan und liefern den Beweis dafür, wie im dem Kirchenstaat seien frustriert gewesencher als der schlichte Butler Gabriele,Herrschaftsbereich des Heiligen Vaters über das unerträgliche Verschweigen undpflegte beste Verbindungen zu den Ach-Politik betrieben wird. Wie anderswo Vertuschen im Vatikan, das sei ihr Motiv senmächten. Man klagte ihn des Verratsauch: Es gibt Lügen, Intrigen und erbitter- gewesen. Er hoffe jetzt auf eine Debatte, an, der Papst selbst geriet ins Kreuzfeuerte Fehden zwischen rivalisierenden Par- auf eine Perestroika, aber das klingt alles und sah sich als Opfer einer antiklerikalenteien. ein wenig hergeholt und naiv.Verschwörung. Ein paar der gut 30 Faksimiles berich-Sein Buch sei gar kein Anti-Papst-Buch, Und Rudolf, der Rabe? Der wurdeten vom banalen Alltag des Papstes: im Gegenteil, sagt Nuzzi, er halte denzwar zu lebenslangem Gefängnis verur-Showgrößen bieten Geldspenden und Papst für revolutionär, weil er Transpa-teilt. Da jedoch war er längst entkommen,bitten um eine Audienz. Ein Dokument renz in die Geschäfte der Vatikanbankweilte bereits in der Schweiz, wo er seinzeigt die Kontonummer des Papstes. Das bringen wolle und weil er den Kindes-Priesterdasein abstreifte, ein luxuriösessoll den Privatdetektiv Gänswein auf die missbrauch bekämpfe wie keiner seinerLeben führte und bis zu seinem Lebens-Spur von Gabriele gebracht haben, weil Amtsvorgänger. Eigentlich, so behauptetende beste Kontakte zum Papst in Romnur der Zugang zu diesem Papier gehabt er jedenfalls, möchte Nuzzi den Papstpflegte.haben konnte.durch seine Veröffentlichung in SchutzAuch ein kurzer Aufenthalt in den Ver- Andere Dokumente jedoch sind brisan- nehmen. In Wahrheit aber schadet er ihm,liesen des Vatikans braucht also keines-ter: etwa Benedikts Notiz für den Nuntius weil die Dokumente vor allem eines zei- wegs das Ende einer Karriere mit sich zuin Berlin, er möge bei Kanzlerin Angela gen: die Führungsschwäche von Benediktbringen.Merkel protestieren, die ihn wegen seines XVI.FIONA EHLERSD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 101
  • 78. Ausland Irlands Abstieg 6 Wirtschaftsleistung 4 Veränderung gegenüber dem Vorjahresquartal, in Prozent 2 ZunahmeRückgang 2Schätzung 4März 2012 14,5 6 Quellen: Oxford Economics, Eurostat Januar 2007 4,4ArbeitslosenquotePETER MORRISON / APin Prozent, saisonbereinigt 200720082009 20102011Stimmenauszählung in Dublin: Angst, dass die Europäer den Geldhahn zudrehen Mit 10 Milliarden Euro müssten beispiels- E U RO - RAU Mweise die Lehrer bezahlt und die Arbeits- Einsame Insel losen unterstützt werden. Die Gegner des Fiskalpakts könnten nicht sagen, woher das Geld kommen soll.Dieses Argument überzeugte offenbar viele ihrer Landsleute. Denn nur die Un-Die Iren stimmen dem EU-Fiskalpakt zu. Doch das vermeintlicheterzeichner des Fiskalpakts können Hilfs-Vorbild in puncto Staatssanierung ist noch lange nicht gelder aus dem europäischen Superfonds ESM erwarten, der ab Sommer mit 700gerettet. Die Banken brauchen bald weitere Milliardenhilfen. Milliarden Euro ausgestattet sein soll. Of- fiziell hält die Regierung an ihrem PlanS t. Patrick’s Day, den Nationalfeiertag anderen Europäer große Hoffnungen, fest, ihr Defizit möglichst bald wiederder Iren, verbrachte Henry Healy im dass das Schlimmste vorbei sei. Die Iren über die Kapitalmärkte zu finanzieren.Weißen Haus in Washington. Sein galten zuletzt als Musterknaben des ge-Doch bei ihrer Wahlkampagne schürtenentfernter Cousin Barack Obama hattesamten Euro-Raums. 2011 wuchs die Wirt-die Minister selbst Zweifel. Die Zinsenihn eingeladen, mütterlicherseits hat der schaft, wenn auch nur um 0,7 Prozent.für langfristige irische Anleihen stiegen –US-Präsident irische Vorfahren. „Wir gin- Doch die Zuversicht trog.auch wegen der Turbulenzen in Griechen-gen in eine Bar und tranken ein Glas Guin- Nach heutigem Stand muss Irland ein land und Spanien – seit Mitte Mai wiederness zusammen“, erzählt Healy.zweites Mal gerettet werden. Die Bankenauf weit über sieben Prozent. Vergangene Woche war dem Buchhal-erweisen sich als Fass ohne Boden. Sie„Die Lage ist weiterhin sehr ernst“, sagtter aus dem irischen Marktflecken Mo- müssen noch einmal rekapitalisiert wer-Stefan Gerlach, der Vize-Gouverneur derneygall nicht mehr nach Feiern. „Ich reiheden. Die bisherigen Abschreibungen der irischen Zentralbank. Das jährliche Haus-mich unter die Arbeitslosen ein“, twitter-zehn größten Verbraucherbanken inhaltsdefizit liegt immer noch bei überte er seinen Freunden. Seine Firma, ein Höhe von 118 Milliarden Euro reichen im- neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts,irischer Bauzulieferer, hatte ihn nachmer noch nicht aus.deutlich höher als in Spanien oder Portu-sechs Jahren entlassen. „Es musste wohlDie Finanznot des Landes war auch gal. „Als extrem offene, exportorientiertesein“, sagt Healy einsichtig, „die Bauindu- das Hauptthema bei der Volksabstim-Volkswirtschaft hängen wir direkt vonstrie in Irland wird immer kleiner.“mung, bei der die Iren am Donnerstag den Entwicklungen in den anderen Län- Wie Healy ergeht es Hunderttausen- vergangener Woche über den EU-Fiskal-dern Europas ab“, sagt der gebürtigeden Iren. Seit 2008 kämpft die grüne Inselpakt entschieden. Eine Mehrheit stimmteSchwede, der bis Herbst 2011 an deram Rande Europas gegen die Wirtschafts- widerwillig für den von BundeskanzlerinFrankfurter Universität lehrte.krise an – und findet keinen Weg ausAngela Merkel initiierten Sparpakt, der Es sind vor allem die Sünden der Ver-dem Elend. Die Arbeitslosenquote ver- exzessives Schuldenmachen künftig ver- gangenheit, die den Iren keine Ruhe las-harrt seit vielen Monaten bei rund 14 hindern soll. Letztlich überwog bei densen. Fünf der sechs Banken des LandesProzent. Viele junge Iren wandern lieberIren die Angst, dass die Europäer sonstwurden verstaatlicht und insgesamt mitgleich aus. den Geldhahn zudrehen würden.64 Milliarden Euro gestützt. Die irische Die europäische Gemeinschaft musste Europa-Ministerin Lucinda Creighton Zentralbank stiftete zusätzlich Nothilfendas Land im Jahr 2010 mit 67,5 Milliarden ging noch am Vorabend des Referendumsin Höhe von über 40 Milliarden Euro, undEuro stützen. Irlands lokale Banken hat-in ihrem Dubliner Wahlkreis von Tür zu über die Europäische Zentralbank (EZB)ten sich mit Immobilienkrediten verzocktTür, um die Wähler von einem No abzu-sind alle Mitgliedstaaten mit weiteren Mil-und waren mit einer umfassenden Staats- halten. „Wir brauchen 2014 rund 18 Mil-liarden beteiligt. Doch die ganze Wahr-garantie gerettet worden. Bald darauf liarden Euro“, rechnete die Politikerinheit liegt immer noch nicht auf dem Tisch.machten sich die Iren und mit ihnen die kämpferisch den vielen Skeptikern vor. Die Banken brauchten weitere drei bis102D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 79. CRISPIN RODWELL / DER SPIEGELALAMYFinanzzentrum in Dublin, Europa-Ministerin Creighton: „Überproportional belastet“vier Milliarden Euro frisches Kapital, Bei über zehn Prozent aller Immobi-sich der Staat selbst das Geld, immerhinheißt es vorsichtig bei der Zentralbank.lienkredite gibt es Unregelmäßigkeiten. 3,1 Milliarden Euro, um die Zinsen zu Das dürfte kaum ausreichen. Es gibt Dass es noch bei deutlich mehr Verträgen überweisen.Geisterstädte, in denen kein Mensch woh- zu Zahlungsverzögerungen kommt, will „Irland wird durch die Zinsen für dienen will. Die Zeitungen sind voller An- auch Zentralbanker Gerlach nicht aus- Bankhilfe überproportional belastet“,zeigen von Zwangsvollstreckern, die Im- schließen: „Diese Rückstände sind eines sagt Europaministerin Creighton. Siemobilien loswerden wollen. Im Unter- der größten nationalen Probleme.“ Wenn rechnet mit Vorschlägen der EZB, dassschied zur Situation vor einem Jahr die Kreditnehmer nicht mehr zahlen kön- die Zinsen deutlich reduziert werden.kommt es heute immerhin zu tatsächli- nen, landen die Immobilien über den Um-So ist es nicht verwunderlich, dass diechen Verkäufen, weil die Preise allmäh- weg der nationalisierten Banken letztlich kleine Republik zurzeit mit großer Sym-lich ein realistisches Niveau erreichen.beim Staat. pathie den Vorstoß der Spanier begleitet, Hotelangestellte konnten für 60 000 Bisher sind die meisten Geldinstituteder ESM solle doch direkt ihre BankenEuro ihr Hotel auf dem Land erwerben, das Problem mit den Krediten noch nicht retten. Was die Spanier möglicherweisedas vor wenigen Jahren für einen hohen ernsthaft angegangen. Die Banker hofften durchsetzen, so das Kalkül auf der einsa-Millionenbetrag gebaut worden war. Broc auf ein Wunder. Doch die Immobilien-men Insel, könne ihnen ja nicht vorent-House, ein dreistöckiger Appartement- preise fielen um beinahe 50 Prozent, tie- halten werden. Schon einmal ist die Rech-Block aus den Siebzigern direkt neben fer als in den USA, Spanien oder den an-nung aufgegangen. Als den Griechen nied-einem Dubliner Golfplatz, wird zurzeit deren Krisenstaaten. Mittlerweile ist dierige Zinsen für die Hilfen durch Europafür 1,2 Millionen Euro angeboten. Ein Ab- Zahlungsmoral so im Keller, dass die Ban- und den IWF gewährt wurden, konnteschlag von 87 Prozent gegenüber dem ken ihre Kunden in der vergangenen Wo-auch Irland einen Rabatt durchsetzen.Preis aus dem Jahr 2006.che sogar aufforderten, ihren geplantenAnsonsten bestehen zwischen Grie- Joe Kiernan, 55, Stoppelschnitt, mus- Trip zur Fußball-Europameisterschaft chenland und Irland große Unterschiede.kelbepackt, hat bei einer Abrissfirma nicht mit dem Aussetzen der Zinszahlun- Dank niedriger Unternehmensteuern, gutzwölf wilde Boomjahre miterlebt. Keiner gen für ihre Kredite zu finanzieren.ausgebildeter Arbeitskräfte sowie einerder alten Ziegelbauten in der Innenstadt Nun hat die Zentralbank den Banken funktionierenden Verwaltung hat die In-Dublins war vor seiner Abrissbirne und eine Frist gesetzt, endlich ihre Politik der sel im Gegensatz zu Griechenland einden kühnen Plänen der Immobilienent- gewollten Ahnungslosigkeit aufzugeben. intaktes Geschäfts- und Gesellschafts-wickler sicher, die in den Jahren des „Die Institute müssen wissen, wo die Kre- modell – Steuervorteile inklusive.Booms darangingen, die einst von James dite nie mehr zurückgezahlt werden kön- Insbesondere amerikanische KonzerneJoyce so meisterhaft verewigte Stadt für nen und wo vielleicht Anpassungsmaß- nutzen Irland gern. Google, Facebookdie Zukunft fit zu machen. „Manchmal nahmen helfen“, sagt Gerlach.und Twitter haben ihre Europa-Zentralenhat es einem schon leidgetan“, sagt er.Ein neues privates Insolvenzrecht soll hier platziert. Apple hat 500 neue Jobs Heute steht Kiernan vor dem Arbeits- helfen, die Bürger aus der Schuldenfalleversprochen. Intel will seine neuesteamt am Redmonds’ Hill. Seit zwei Jahren zu befreien. Eigentlich vernünftig. DochChipgeneration ebenfalls unter anderemmuss der Spezialist für Abriss- und Bo- die Analysten der Deutschen Bank war- in Irland produzieren. Und selbst Healy,denarbeiten sich hier einmal im Monat nen bereits vor den dann notwendigender Verwandte des US-Präsidenten, istmelden, um seine 188 Euro wöchentliche Milliardenabschreibungen.zuversichtlich, dass er in Kürze wiederStütze zu bekommen.Um den Banken und damit letztlicheinen Job hat. „Der Wissensindustrie ge- Kiernan kann davon den Tabak für sei- sich selbst das Leben zu erleichtern, ver- hört die Zukunft“, sagt er. Mit seinem Di-ne selbstgedrehten Zigaretten, das Bier sucht die Regierung alle möglichen Tricks.plom habe er ganz gute Chancen.„Dasund auch die Miete zahlen. „Zum Glück Eigentlich müssten die verstaatlichtenGras auf unserer Insel wächst wieder“,habe ich nicht auf die Banken gehört, die Banken, so eine Auflage der EZB, neun sagte er bei seinem Besuch in Washingtonmir unbedingt eine Immobilienfinanzie- Prozent Zinsen für die ihnen gewährten dem besorgten Präsidenten. Die Iren sei-rung aufquatschen wollten“, sagt er. An- Kredite in Höhe von 31 Milliarden Euro en gut darin, immer wieder aufzustehen.dere waren nicht so klug. Hilfe zahlen. Vergangenen Monat liehCHRISTOPH PAULY104 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 80. AuslandCHENNAI 500 ccm ReinkarnationWie ein indischer Ingenieur mit amerikanischem OptimismusGLOBAL VILLAGE:und deutscher Ehrlichkeit britische Motorräder bautG anesha, der Hindu-Gott mit dem 1500 Mann schwitzen heute in der Fa- 2008 kam er mit Frau und Kindern zurück Elefantenkopf, gilt den Indern als brik in Chennai. Draußen hat es um die in seine Heimat – wo er einen Kultur- Symbol für den Neuanfang. Sie 40 Grad, Frauen in Sari und blauer Ar- schock erlebte: „Ich hatte noch nie in die-verehren ihn als den „Entferner aller Hin- beitsbluse fegen mit kleinen Grasbesen sem Land gearbeitet. Ich war an so schö-dernisse“, als Gott der Intelligenz und die Werkhallen. In Deutschland würde ne deutsche Tugenden wie Pünktlichkeitder Weisheit. Im Designstudio der Royal- man die Anlage wohl eine Manufaktur und Zuverlässigkeit gewöhnt.“Enfield-Fabrik im südindischen Chennai nennen. Von einigen Neuerungen abge-Seine Erfolgsstrategie hat sich der In-sitzt eine Ganesha-Figur auf einem Mo- sehen, wird die Bullet noch immer nach genieur selbst zusammengemixt, wie eintorradmodell namens Bullet: Der Rüssel Originalbauplan gefertigt, überwiegend gut abgestimmtes Masala, die indischebiegt sich im Fahrtwind nach hinten, Ga- in Handarbeit. In Indien, dem Land der Gewürzmischung: ein wenig vom „Opti-nesha trägt ein Grinsen im Göttergesicht. ungezählten Arbeitskräfte, ist das renta- mismus der Amerikaner“, dazu die „un- Kein Bollywood-Star, keine Kricket- bel. 150 000 Rupien, umgerechnet 2100 schlagbare Anpassungsfähigkeit der In-Legende käme für Venki Padmanabhan Euro, kostet die 500er Bullet zwischen der“, abgerundet mit einer Prise „brutalerin Frage, wenn es um diedeutscher Ehrlichkeit“. Da-Wahl einer Werbefigur für mit will er 2012 zum erstendie legendäre britische Mo- Mal mehr als 100 000 Mo-torradmarke geht. „Nurtorräder produzieren. Heu-Götter können dieses Mo-te müssen die Käufer rundtorrad fahren“, sagt derneun Monate lang auf eineRoyal-Enfield-Chef, 49. Royal Enfield warten. Die Bullet ist ein Fossil Doch Venki Padmana-auf zwei Rädern. Die Mar- bhan denkt nicht nur an sei-ke Royal Enfield ist älterne ungeduldigen Privatkun-als Harley-Davidson, sieden: „Stellen Sie sich einenentstand 1893 durch die Brand in einem indischenFusion einer FahrradfabrikSlum vor. Kein Feuerwehr-und einer Waffenfirma aus auto passt durch diese en-dem britischen Enfield. gen Gassen“, sagt er. „Oder NAMAS BHOJANI / DER SPIEGELAus dieser Zeit stammt derSie haben einen Herz-offizielle Slogan der Marke:infarkt und müssen schnell„Made like a gun“, herge- ins Krankenhaus. Die Am-stellt wie ein Gewehr.bulanz bleibt hier doch im- Die britische Armeemer im Stau stecken.“ Pad-nutzte die Motorräder immanabhan deutet auf eineZweiten Weltkrieg, späterFabrikchef Padmanabhan: „Die Bullet ist Kult“rotlackierte Bullet, an dergriff auch Indiens Armeestatt Satteltaschen zweiauf sie zurück. Doch in Feuerlöscher und ein Blau-England wurde die Produk- licht montiert sind. „Mittion 1970 eingestellt. In Thiruvottiyur, Mumbai und Kalkutta, etwa 6000 Euro dieser Bullet kommen Sie überall durch.“einem staubigen Stadtteil des einstigen für Enfield-Freunde in Deutschland.Seit 1994 gehört Royal Enfield zu einemMadras, überlebte die Marke.Technisch kann die Maschine mit mo- Firmenverband mit dem eher unindischen Das Verhältnis der Inder zu ihrer kolo- dernen Motorrädern nicht mithalten. Namen Eicher Group. Gegründet in dernialen Vergangenheit ist gespalten. Von Eine Bullet schafft nur rund 130 Stunden- ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alsden Briten benutzte Städte- und Straßen- kilometer, die Maschine ist vor allem ein „Gebrüder Eicher Traktorenbau“ im ober-namen haben sie abgeschüttelt wie muf- Liebhaberstück. Aber mit Tradition allein bayrischen Forstern, starb die Firma 1992fige alte Kleider, aus Madras wurde Chen- lässt sich nur begrenzt Gewinn machen. einen ähnlichen Tod wie Royal Enfieldnai, aus Bombay Mumbai. Auf andere 325 Motorräder rollen täglich in Chennai in England. Doch auch Eicher überlebteErrungenschaften der alten Besatzungs- vom Band, bislang gehen nur rund fünf in Indien und ist dort heute der drittgröß-macht lassen die Inder aber bis heute Prozent davon in den Export. Venki Pad- te Lkw-Hersteller. Die gelben Laster ge-nichts kommen: auf Kricket zum Beispiel, manabhan ist der Mann, der das ändern hören zum indischen Straßenbild wie diedie „Tea time“ oder eben die Bullet. soll. „Die Bullet ist Kult“, sagt er, „darauf heiligen Kühe und die Bullets. „Die Seele der Bullet zu bewahren ist müssen wir bauen.“ Sein Vorbild ist die Eine schöne Ironie der Geschichte, fin-eine große Verantwortung“, sagt Venki italienische Rollermarke Vespa.det Venki Padmanabhan. Wo, wenn nichtPadmanabhan. „Und ich habe kein Pro-Padmanabhan stammt aus einer Brah- im Land der stetigen Reinkarnation, kön-blem damit, dass wir mit dieser britischen manenfamilie und ist in Indien aufge- ne eine alte europäische Marke zu neuemErfindung Geld verdienen.“ Die Maschi- wachsen. Aber er hat in Pittsburgh stu- Leben erwachen. „Wir Inder sind schließ-ne ist inzwischen von der Bremse bis zum diert, promoviert und zuletzt zwei Jahre lich die Spezialisten für Wiedergeburt.“Auspuff ein indisches Produkt. lang in Stuttgart bei Mercedes gearbeitet.SIMONE KAISER D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2105
  • 81. SzeneSportDEPRESSIONEN Hotline für AthletenDer Selbstmord des ehemaligen Fuß-ball-Nationaltorwarts Robert Enkeveranlasst immer mehr Profi-Sportlerdazu, sich wegen einer möglichenpsychischen Erkrankung behandeln zulassen. Deswegen plant die Robert-Enke-Stiftung, die vor rund zwei Jah-ren vom Deutschen Fußball-Bund,dem Ligaverband und Hannover 96 ge-gründet wurde, eine Service-Hotlinefür psychisch erkrankte Leistungs- LARRY W. SMITH / PICTURE ALLIANCE / DPAsportler am UniversitätsklinikumAachen einzurichten. „Wir werden täg-lich von Sportlern kontaktiert, die unsum medizinische Hilfe bitten“, sagtJan Baßler, Geschäftsführer der Stif-tung, „darunter Profi-Fußballer, Tisch-tennisspieler, Leichtathleten und Handballer.“ Unter Nowitzki der kostenfreien Ser- vicenummer sollenROLAND WEIHRAUCH / DPA von diesem Herbst BASKETBALL an Betroffene einen „Das war Stress pur“ Psychiater und Psy- chotherapeuten nahe ihrem WohnortEnke 2009erreichen können, der sie anonym be- Dirk Nowitzki, 33, über die verkorkstegefeiert zu haben. Hinzu kam der Ein-rät und an speziell ausgebildete Me-NBA-Saison mit den Dallas Mavericks satz für die Nationalmannschaft bei derdiziner bundesweit vermittelt. Leiter und seinen Junggesellenabschied in LasEM – all dies soll Ihnen Regenerations-der Einrichtung ist Frank Schneider,Vegas zeit geraubt haben.Direktor der Klinik für Psychiatrie Nowitzki: Das ist dummes Zeug, wir ha-Aachen. „Bundesweit wird dies ein SPIEGEL: Nachdem Sie im vorigen Jahrben doch bis Dezember kaum trainiert.einmaliger Service für Leistungs- den NBA-Titel gewonnen haben, sindKlar haben wir gefeiert, das gehörtsportler sein. Damit wird Depressio-Sie in dieser Saison mit den Mavericksdoch wohl dazu. Oder hätte ich insnen vorgebeugt“, sagt Schneider.früh in den Playoffs ausgeschieden. Kloster gehen sollen? Meinen EM-Ein-Was ist dran an den Gerüchten, Siesatz hatte ich im Jahr zuvor zugesagt,würden den Verein verlassen oder so-das Versprechen habe ich eingelöst.gar Ihre Karriere beenden?Diejenigen, die behaupten, ich hätte ZAHL DER WOCHE Nowitzki: An diesen Gerüchten ist nichtsmeine Wurfgenauigkeit verloren, soll-dran. Ich bleibe. Ich werde meinen Ver- ten übrigens bedenken, dass zwischentrag bei den Mavs erfüllen. Er läuft bisden Spielen keine Zeit zum Trainieren172FußballprofisSommer 2014.SPIEGEL: War es ein verlorenes Jahr?Nowitzki: Ich habe die verkürzte Saisonwar. Außerdem musste ich mehr Würfeals sonst aus den abenteuerlichsten Ent-fernungen abfeuern, weil in der Truppevon insgesamt 368, die bei der Euro-schon abgehakt. Wir hatten wegen desnicht alles rund lief. Im Sommer wirdpameisterschaft in den 16 National- Streits um die Gehälter später angefan- die Mannschaft durch neue Spieler ver-kadern stehen, spielten in der abge-gen. Dieser Lockout hat alles durchein- stärkt. Mit dem frischen Team werdenlaufenen Saison bei Clubs im Auslandandergewirbelt. Als die Saison im De- wir dann versuchen, neu anzugreifen.– und nicht in der jeweiligen heimi-zember überraschend startete, war SPIEGEL: Sie haben vor zwei Wochenschen Liga. Von den 23 irischen Fuß-kaum ein Spieler richtig fit. Wir haben Ihren Junggesellenabschied in Las Ve-ballern spielte sogar kein einziger für uns alle mehr oder weniger durchge- gas gefeiert. Unter den Gästen war un-einen Verein aus Irland. Die engli- wurschtelt. Wir hatten teilweise drei ter anderen der englische Fußballstarschen Auswahlkicker dagegen stan- Spiele in drei Tagen. Das war Stress pur. Wayne Rooney.den allesamt in England unter Vertrag.Trotzdem haben wir mit der extrem aus-Nowitzki: Gast ist übertrieben. Vegas istAuch die deutsche Mannschaft istgedünnten Meistermannschaft die Play- ein Dorf. Jeder weiß, wer sich geradeheimattreu. Nur vier Profis verdientenoffs erreicht, und ich wurde sogar inswo aufhält. Er war, wie ein paar andereihr Geld außerhalb der Bundesliga:All-Star-Team gewählt – das ist mehr, Spieler, zum selben Zeitpunkt dort undSami Khedira, Mesut Özil (beide Realals ich vor der Saison erwartet hatte.ist mir über den Weg gelaufen. DaMadrid), Per Mertesacker (FC Arsenal) SPIEGEL: Kritiker werfen Ihnen vor, imhabe ich gesagt, du kannst gerne mit-und Miroslav Klose (Lazio Rom). vorigen Jahr wochenlang mit den Fansfeiern. Befreundet sind wir nicht. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 107
  • 82. SportDUELLE Der goldene SchreiWenn Cristiano Ronaldo der Superstar der EM wird, hat er gute Chancen, endlichMessi zu schlagen und als Weltfußballer den Ballon d’Or zu gewinnen. Beide übertreffen einander auf der Jagd nach Rekorden. Von Cordt SchnibbenGibt es etwas Lächerli- können nur Ronaldo oder wieder Messi im Training, beim Freistoßschießen, dascheres, als zwei Fußbal- Weltfußballer werden – wegen der Anzahl bestimmt sein Spiel und jeden Torjubel,ler in ihrer Einzigartig- von Toren, die jeder von ihnen geschossen der inszeniert wird wie die Bestätigungkeit zu vergleichen? hat, Messi unfassbare 73 in 60 Spielen, Ro- der Bestimmung, der Größte zu sein.Noch lächerlicher wäre naldo 60 in 54 Spielen.Ja, er sei im Moment besser als Messi,es, diese beiden nicht zu Ronaldo – hätte er mit Real Madrid im hat er kürzlich in einem CNN-Interviewvergleichen. Zwergen- Finale gesiegt – wäre der Goldene Ball si- gesagt. Und er glaube daran, dass Portu-haft der eine, ein Modellathlet der andere, cher gewesen. Und so erfasste den Portu- gal – am kommenden Samstag ersterTorjäger, Werbefiguren, Multimillionäre giesen nach dem verschossenen Elfmeter Gegner Deutschlands – bei der Europa-sind sie beide, bewundert und bestaunt eine tiefe, verzweifelte, grausame Trauer. meisterschaft Chancen auf den Titel habewird der eine, gefürchtet und verlacht der Sein Denken, soweit es sich in seinen Re- und ihm dann auch der Goldene Ball si-andere. Sie spielten beide die Saison ihres den ausdrückt, wird beherrscht vom Gol- cher sei. Die Trainer und Kapitäne derLebens – und dann kamen diese beiden denen Ball, seit er Fußball spielt. Der Bes- Nationalmannschaften sowie etwa hun-Tage Ende April. te der Welt zu sein, „eine Legende zu wer- dert Sportjournalisten, die den Weltfuß- Als alles vorbei war, versuchte der eine, den“, wie er sagt, das treibt ihn an, das baller küren, wählten ihn erst einmal,im Rasen des Stadions Camp Nou in Bar- lässt ihn Extraschichten im Gym machen, vor vier Jahren.celona zu versinken. Weil das nicht Messi gegen Ronaldo, das ist Mu- F O U R F O U RT WO A P P / O PTAklappte, verbarg er sein Gesicht in sei- hammad Ali gegen Joe Frazier, das istnem Trikot und wartete darauf, dass Spielervergleich Pete Sampras gegen Andre Agassi, dasihn jemand tröstete. Es kam keiner. Alle Pässe von Cristiano Ronaldo ist ein Duell, das es im Mannschafts-Der andere hockte traurig auf dem Ra- im Champions-League-Halbfinalspielsport eigentlich nicht geben darf. Essen des Bernabéu-Stadions in Madrid, Real Madrid – Bayern München, nach 90 Minuten erregt Millionen Fußballfans, füllt je-immerhin mit athletisch hochgestell- den Tag Dutzende Websites, Foren,ten Fersen, stand abrupt auf, ging mit Blogs, es tobt ein Kampf der Idioten,schnellen Schritten auf die Kabinender Nerds, der Groupies, der Kenner.zu, konnte aber nicht verhindern, dass Real Madrids Alfredo Di Stéfano präg-sein bleiches, leeres Gesicht zerfiel in te die Fünfziger, der Brasilianer Pelédie weinende Grimasse eines Kindes,die Sechziger, Hollands Johan Cruyffnoch bevor er aus dem Blickfeld derdie Siebziger, Maradona die Achtziger,Zuschauer verschwunden war.Zinédine Zidane die Neunziger, Ro- Cristiano Ronaldo hatte im Halb-naldinho die ersten Jahre des 21. Jahr-finale der Champions League einenhunderts. Seither duellieren sich zweiElfmeter verschossen, Real MadridÜberfußballer, die beide einer Ära ih-war gegen Bayern München ausge-ren Namen geben könnten.schieden. Lionel Messi hatte einen TagSie befeuern die Schlacht der Gläu-zuvor im Halbfinale einen ElfmeterAlle Pässe von Lionel Messibigen, sie überbieten sich von Saisonverschossen, der FC Barcelona war ge- im Champions-League-Halbfinalspiel FC Barcelona – FC Chelseazu Saison mit Torrekorden und Tro-gen den FC Chelsea ausgeschieden,phäen, Messi hat mit dem FC Barcelo-und so mussten die beiden Übermen- na 19 Titel erobert, darunter fünfmalschen des Weltfußballs niederen Spottdie spanische Meisterschaft und drei-ertragen, der so wuchtig über sie kammal die Champions League. Ronaldowie sonst der Ruhm.hat mit Manchester United und Real Den Champions-League-Pokal konn-Madrid elf Titel eingefahren, darunterten sie in diesem Jahr nicht in den Him- vier nationale Meisterschaften undmel recken; der eine wurde mit seinereinmal die Champions League.Mannschaft immerhin spanischer Meis-Messi ist Torjäger und Vorbereiter,ter, der andere spanischer Pokalsieger,Einzelgänger und Mannschaftsspieler,aber der Pokal, der sie in Wahrheitseine Dribblings sind wild und ansatz-noch mehr interessiert, ist der Ballon los, mit dem Ball am Fuß ist er schnel-d’Or, jener vergoldete Ball, den dergelungener Passler als ohne Ball; stürzt er auf vier,beste Spieler der Welt bekommt. InFehlpass fünf Gegenspieler zu mit viereinhalbden vergangenen drei Jahren durfteTorvorlage Quelle: OptaSchritten pro Sekunde, stürzt er eineihn Messi umarmen, in diesem Jahrhalbe Mannschaft in die Lächerlich-108 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 83. ULLSTEIN BILDModellathlet Ronaldo: Sein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, sich zum Gott des Balles zu tunen D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 109
  • 84. Sportkeit. Die Richtungswechsel in seinen gen den perfekten, athletischen Body ei- einem Straßenfußballer wie Messi denSturmläufen sind intuitiv, nichts ist ein- nes vollkommenen Spielers geformt, der Raum, sich über die ganze Breite desstudiert, keine Übersteiger, keine Hacken- beidfüßig, schnell, kopfballstark, trick- Platzes zu bewegen zwischen Mittellinietricks, einfach nur das lustvolle Anrennen reich inzwischen in jeder Saison über 40 und Tor.eines Jungen, der weiß, dass er es gleich Tore produziert. Ronaldo hat seine Sprints, Flankenläu-wieder schaffen wird, durch die dichte Seine Lieblingsbeschäftigung seien fe und Weitschüsse im Konterfußball beiKette aus massiven Körpern hindurchzu- „Sit-ups“, sagt Ronaldo. Sein ganzes Le- Manchester United und Real Madrid ver-schlüpfen und den Ball ins Tor zu heben, ben ist darauf ausgerichtet, sich zum Gott vollkommnet. Wie abhängig die beidenzu schieben, zu lupfen, zu schlenzen.des Balles zu tunen. Als die Motorölfirma „Außerirdischen“ – wie sie gern von 26 seiner 73 Saisontore für den FC Bar- Castrol, einer seiner Werbepartner, ihn Sportjournalisten genannt werden – vomcelona hat er so erzielt, von jedem Punkt in einem Hochleistungslabor testen ließ irdischen Spiel ihrer Teams sind, zeigtin der gegnerischen Hälfte kann sein wie einen neuen Sportwagen, stießen die sich besonders dann, wenn sie scheiternSturmlauf losbrechen, gegen Real Madrid Wissenschaftler auf erstaunliche Werte: am Spiel ihrer Mannschaft.und den FC Getafe hat er mal von der Bei seinen Freistößen beschleunigt derIn den beiden Halbfinals der Cham-Mittellinie aus sein Dribbling angezogen, Ball dreimal schneller als eine „Apollo“- pions League rissen die Kombinations-zwischen vier, fünf, sechs grätschende, Rakete beim Start; bei seinen Dribblings fäden zwischen Messi und den Mittelfeld-tretende, stürzende Männer hindurch. schafft er 13 Sidesteps, Finten und Über- spielern zu oft, die Gegenspieler des FC Das ist der eine Messi. Der andere Messi steiger in 13 Sekunden. Chelsea konnten Messi häufig isolieren,ist der Mitspieler, die Gummiwand, ein Ronaldo springt höher als durchschnitt- zu ungenauen Abspielen verleiten oderPassautomat, der Bälle manchmal „mit 100 liche NBA-Basketballspieler, er hat die zu ungenauen Schüssen. Beim Spiel inStundenkilometern“ auf den Fußseiner Mitspieler jagt, genau zumrichtigen Zeitpunkt, genau in denLauf, so gespielt, dass die Bälleden Weg zurückfinden auf seinenFuß, an staunenden, verwirrten,hilflosen Gegenspielern vorbei,die nur noch den Ball aus demNetz holen dürfen. 23 seiner Sai-sontore sind solche Co-Produk-tionen, 10 davon im Doppelpass,im Doppeldoppelpass oder imDoppeldoppeldoppelpass. Wenn man beschreiben will,wie Cristiano Ronaldo die Toreschießt, die nur er schießenkann, dann sieht man einenMIGUELEZ SPOR / CORDON PRESS / IMAGOMann vor sich, 1,86 Meter groß,mit gezupften Augenbrauen undgegelten Haaren, der erst denTorwart fixiert und dann denBall, der die Angst genießt, diein diesem Moment seine Gegen-spieler erfasst, der vom Ball ausfünf Schritte rückwärts geht, dersich breitbeinig aufstellt, dieHände in Coltstellung wie Wyatt Freistoßkünstler Ronaldo: Die Hände in Coltstellung wie Wyatt Earp im FilmEarp im Film, der sich in Vor-freude die Lippen leckt, der mit energi- langen Beine eines Sprinters, die Figur Barcelona kamen nur 74 Prozent seinerschen Schritten anläuft und den Ball mit eines Mittelstreckenläufers und weniger Pässe an, normal für ihn sind 90 Prozent.dem vorderen, inneren Teil des Voll- Körperfett als ein Super-Model. Beson- Er war 108-mal am Ball und verlor ihnspanns so trifft, dass er über die Mauer ders verblüffend: Er traf Bälle mit dem 27-mal, in Dribblings oder durch einender Gegenspieler fliegt, so hoch, als wollte Fuß und dem Kopf in vollkommener Dun- Fehlpass, ein katastrophaler Wert für ihn.er die Zuschauer hinter dem Tor treffen, kelheit, nachdem er gesehen hatte, wie Allein in den letzten 15 Minuten, als Bar-um dann urplötzlich die Flugbahn abzu- sie bei Scheinwerferlicht abgeschlagen celona die Entscheidung erzwingen muss-senken und ins Netz zu rauschen. wurden.te, verlor er 12-mal den Ball. Wenn es ein Patent für todsichere Frei- Wenn man irgendwann mal aus Gen-Ronaldo schoss im Halbfinal-Rückspielstöße gäbe, Ronaldo wäre der legitime material den idealen Fußballer züchten gegen Bayern München zwei schnelleInhaber. Wie kein anderer Spieler zele- könnte, würde einer wie Ronaldo auf Tore, ließ sich feiern, als hätte er schonbriert er seine Freistöße, wie kein anderer dem Platz stehen. Messi würde aussor- die Champions League und den Ballontrainiert er diese ballistischen Wunder- tiert. Zu klein, zu schwach, zu wild, ein d’Or gewonnen, und verbrachte die rest-kurven, während seine Mitspieler schon Junge, der nur mit Wachstumshormon liche Spielzeit stolzierend, hadernd undunter der Dusche stehen. auf 169 Zentimeter gebracht werden beleidigt auf der linken Außenbahn. Diese Akribie und Ausdauer, aber auch konnte. Nur 6-mal gelang es ihm, den Ball ge-der Showdown und die Angeberei, dieSo unterschiedlich ihre Körper sind gen Münchner Spieler zu erobern, aberzu jedem seiner Freistöße gehören, ma- und ihre Art, Fußball zu spielen, so 17-mal verlor er ihn, nur 65-mal war erchen seine Art des Spiels aus. Ronaldo unterschiedlich sind die Spielsysteme, in überhaupt am Ball – kein Madrider Feld-hat aus dem schlaksigen, hoch aufgeschos- denen sie Stars geworden sind. Barce- spieler war so unbeteiligt am Spiel wiesenen Körper eines pubertierenden Jun- lonas verwirrendes Passkarussell lässt er. Nur in 22 Zweikämpfe traute er sich,110D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 85. in 120 Minuten. Messi ließ sich gegen Auswirkungen die Aktionen eines Spie- und er sagt über sich: „Die Leute sindChelsea auf 29 Zweikämpfe ein, in 90 Mi-lers auf den Erfolg oder Misserfolg seinerneidisch auf mich, weil ich schön bin undnuten. Nur 37 Pässe spielte Ronaldo, Mes- Mannschaft haben. Am Ende dieser Sai- reich.“si mehr als das Doppelte. son lag Messi mit 1195 Punkten an derMessi spricht lieber mit dem Ball als Weil Ronaldo den langen Anlauf für Spitze, Ronaldo mit 932 Punkten nur auf mit Journalisten, ist Unicef-Botschafter,seine Dribblings will, spielt er lieber auf Platz vier. Gründer der Leo-Messi-Stiftung, die be-der Außenbahn, statt im gesamten RaumZahlen sind für manche das Wichtigstenachteiligten Kindern gleiche Chancenzwischen Mittellinie und Tor seine Tech-im Fußball, sie beweisen, was man gese- bieten will, und er sagt über sich: „Nachnik, seine Ballbeherrschung und seinhen hat, wenn auch nicht immer. Unter-einem Krankenhausbesuch ist mir die be-Tempo zu nutzen. Weil Messi den gesam-nehmen wie Opta und Amisco erhebensondere Rolle als öffentlicher Menschten Platz vor und im Strafraum für dieinzwischen mit aufwendiger Technikklargeworden.“Entfaltung seiner Torgefahr beansprucht Hunderttausende Daten pro Match, umRonaldo inszeniert seinen Körper, sei-und deshalb klassische Mittelstürmer wiedie Spieler und das Spiel für die Trainer nen Reichtum, seinen Aufstieg, Messi seinDavid Villa, Samuel Eto’o und Zlatanund die Medien zu durchleuchten. DieHerz, seine Bescheidenheit, seinen Auf-Ibrahimović aus der Sturmmitte oder aus Zahlen sprechen für Messi; wer lieber sei-stieg. Ronaldo ist böse bis zur Ehrlichkeit,der Mannschaft vertrieben hat, fehlt ge-nen Augen vertraut, sieht einen kleinen Messi gut bis zur Lächerlichkeit, der Teu-gen sehr defensive Mannschaften wie Kerl, der Zuschauer zum Staunen bringt, fel motiviert sich durch Hass, der EngelChelsea ein Vollstrecker im Strafraum.zum Kopfschütteln, zum ungläubigen La-durch Zuneigung. Beide Inszenierungen So heimtückisch ist Fußball: Immer chen; und einen Model-Fußballer, derbringen ähnlich viel Geld: Nike, Armani,und immer wieder führen Messi und Ro- Übersteiger macht wie kein anderer, der Coca-Cola, Konami, Clear Shampoo undandere Firmen zahlen Ronaldojährlich etwa 25 Millionen Euro,Real Madrid legt noch mal 13Millionen drauf. Adidas, Dolce& Gabbana, Pepsi, Herbalife,EA Sports und andere zahlenMessi 20 Millionen Euro, Barce-lona legt jährlich noch mal 11Millionen drauf. Sie sind als Fußballtypen soverschieden wie als Werbeträ-ger, aber ihr Leben verlief ähn-licher, als man annimmt. Siesind beide der Beweis dafür,dass man Überirdische – bei ent-sprechendem Genmaterial –züchten kann wie seltene Blütenim botanischen Garten. Als Kin-der und Jugendliche waren sieAußenseiter, zu klein der eine,mit Herzproblemen der andere,an der Schule waren sie wenigREINALDO CODDOUinteressiert, nur auf den Ball fi-xiert, früh als Ausnahmetalenteentdeckt, von Rosario in Argen-tinien nach Barcelona ver-Nationalspieler Messi: Mit Tempo in den Strafraum eindringen und Angst verbreiten pflanzt und von Madeira nachLissabon, auf Ball-Internaten ge-naldo ihre Mannschaften zum Sieg. InTore mit der Hacke erzielt, aus elf Me- drillt und gefördert, von der Familie ge-diesen beiden Spielen stürzten sie Madrid tern – und der von gegnerischen Fanstrennt, jahrelang und oft weinend demund Barcelona in die Niederlage – weilgern „Messi“ gerufen wird.Debüt als Profi-Spieler entgegenschuf-die Gegner die Stärke der beiden zur Ronaldo wird geliebt von Mädchen wie tend. Messi bekommt sein erstes Spiel imSchwäche der Mannschaften machten.Paris Hilton und Irina Shayk, dem russi-Profi-Team von Barcelona im November Die Abhängigkeit Barcelonas von Mes- schen Unterwäsche-Model, von Marke- 2003 mit 16 Jahren, Ronaldo bei Sportingsi ist größer als die Madrids von Ronaldo:tingmanagern und von Schwulen, sie wäh- Lissabon im Juli 2002 mit 17 Jahren, beideIn den Spielen der spanischen Liga ver- len ihn gern zum „Sexiest man alive“. sorgen bei Zuschauern und Gegnern fürwertete Messi 34 Prozent seiner Torchan-Messi wird nie ein Tattoo haben, undErstaunen.cen (Ronaldo 22 Prozent), er hatte durch- wenn er seinen rotsamtenen Anzug von Man musste Messi nicht viel beibrin-schnittlich 90 Ballkontakte pro Spiel (Ro-Dolce & Gabbana trägt, sieht er aus, alsgen, sagen seine Jugendtrainer, mit sie-naldo 61), er riskierte 329 Dribblingshätte ihm seine Mutter den falschen Kon-ben Jahren führte er den Ball schon so(Ronaldo 205), von denen er gut die Hälf- firmationsanzug gekauft.eng wie heute, auch der Zug zum Tor warte gewann (Ronaldo etwas mehr als einRonaldo hat schon mit 22 Jahren einenschon entwickelt. Der rücksichtslose Sie-Drittel). Bildband über sein Leben veröffentlicht,geswille war bei beiden gleich, Niederla- Noch mehr Zahlen? Ronaldos Sponsor er gründete sein Modelabel CR7, amgen wurden beweint, Ronaldo arbeiteteCastrol betreibt im Netz ein Ranking derHandgelenk trägt er schon mal eine „Mec-verbissen daran, beidfüßig gleich gut zubesten europäischen Spieler, lässt ihre caniche Veloci Quattro Valvole Podium sein, schulte sein Kopfballspiel und ersteLeistungen von Sportdatensammlern inNite Lite“-Uhr für 25 000 Euro, er fährtGesten der Arroganz.jedem Spiel erheben und von Expertenvon Bugatti über Bentley, Ferrari, Merce-Nachdem der 18-Jährige 2003 fürgewichten und danach bewerten, welche des bis Porsche alle Protzwagen der Welt, 17 Millionen Euro zu Manchester UnitedD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 111
  • 86. Sport vielbeiniger sind und enger stehen als zu Zeiten ihrer legendären Vorbilder.Maradona, der über Messi sagt, er spü- re seinen Geist in dessen Körper, war langsamer, berechenbarer und weniger torgefährlich als Messi (allerdings mehr auf Droge), aber er wurde mit Argenti- nien Weltmeister. Messi und Ronaldo sind einzigartige Vereinsspieler, als National- spieler umweht sie der Makel der Erfolg- losen. Der Materialist kann sagen, Siege im Nationaltrikot lassen sich schlechter vermarkten, weltweit. Der Idealist wird sagen, nach 60 Spielen im Vereinstrikot bleibt am Ende der Saison zu wenig Messi übrig und zu wenig Ronaldo, um auch noch im Nationaltrikot zu triumphieren.Nach der EM-Finalniederlage 2004, nach dem vierten Platz bei der WM 2006 ANDRES KUDACKI / DAPD könnte die EM nun für Ronaldo zwei Er- folge bringen: endlich als guter National- spieler zu gelten und den Ballon d’Or zu gewinnen.Aber ihm hängt der Elfmeter aus demRivalen Messi, Ronaldo: Gut bis zur Lächerlichkeit, böse bis zur Ehrlichkeit verlorenen Halbfinale gegen Bayern Mün- chen im Kopf: Ronaldo verschoss danachgewechselt war, pumpte er seinem Körperder Anarchie, Ronaldo gibt ihm das Vor- noch einen Elfmeter. Messi traf nach sei-zehn Kilo Muskelmasse drauf und ver- bild einer Menschmaschine, die kotzt, nem Halbfinaltrauma in der Liga viermalschmolz seine Ballfertigkeit mit dem für wenn seine Mannschaft 5:1 gewinnt, aber vom Elfmeterpunkt und zudem noch fünf-Tempo und Härte berühmten englischen er kein Tor geschossen hat. Der eine spielt mal, einmal auch im Pokalfinale: Er holteFußball eines Alex Ferguson zu dem Stil, Fußball mit der Energie eines Terminators,mit Barcelona nach dem Weltpokal, demden er heute bei Real Madrid unter Joséder andere mit dem Trotz eines Forrestspanischen und dem europäischen Super-Mourinho perfektioniert: Der schnellsteGump. Ein besonderer Mensch zu sein,cup den vierten Titel der Saison. AberWeg zum Tor ist eine Gerade; ist sie ver-diese Gewissheit treibt sie immer wiederauch für ihn blieb das verpasste Münch-stellt, versuch in drei Spielzügen zum Tor an, jedes Tor ist der Beweis, jeder Ballonner Finale in der Champions League diezu kommen, spiel den Ball vertikal, hori-d’Or der Heiligenschein.große Enttäuschung seiner Karriere.zontal, vertikal! In Spanien, das mussteMessi bei Real Madrid, Ronaldo beiIn der 71. Minute dieses spanischen Po-Ronaldo lernen, wird der Weg vom eige- Barcelona, wer würde der Mannschaft kalfinales vor eineinhalb Wochen sahennen Torwart zum gegnerischen Tor spie- mehr helfen? Messi und Ronaldo, die bes-die Zuschauer ihn allerdings wieder, denlerischer überwunden als in England. ten Fußballer aller Zeiten? Da ist sie, die unwiderstehlich tanzenden Messi, den Messi lernte in La Masia, dem Internatlächerlichste aller Fragen, die so ernst be-Kleinen in kurzen Hosen, der über sichdes FC Barcelona, seinen Straßenfußballsagt, mit Tempo in den Strafraum einzu-mit Barças Kombinationsgewitter zu ver-dringen und Angst zu verbreiten, das seibinden. Der schönste Weg zum Tor be- Messi schenkt dem für ihn Fußball, Angst zu verbreiten wiesteht aus möglichst vielen Kurven; der Fußball die ein Hai, der Blut gerochen hat.zweitschönste Weg sind möglichst vieleMessi schnappt sich den Ball in der ei-Kurzpässe; verlierst du den Ball, hol ihnAnarchie, Ronaldo die genen Hälfte, verfolgt von einem Spielerdir sofort zurück, verstehst du, sofort! Bilbaos, der ihn mit einer Beinschere nie- Im 4-3-3-System spielte er, als Linksfuß, Menschmaschine. derreißen will, ein zweiter Gegenspielerauf der linken Seite, dann schob ihn seinkommt ihm von der Seite in die Quere,Trainer Frank Rijkaard – gegen Messisantwortet werden muss wie alle lächer-Messi schüttelt sie ab wie KampfhundeProtest – auf die rechte Seite, um ihn inlichen Fußballfragen und so sorgfältig wieohne Zähne, spielt den nächsten Manndie bessere Position für Dribblings undkeine andere. Moment, sagt Pelé, die soll-aus, überläuft zwei weitere, schießt nun –Schüsse zu bringen. Sein Nachfolger Pepten erst mal meine 1000 Tore geschossen nachdem die halbe Mannschaft erledigtGuardiola beförderte Messi in die Zen- haben und dreimal Weltmeister gewesen ist – aus spitzem Winkel aufs Tor.trale des Offensivspektakels und machtesein. Pelé war halb Messi, halb Ronaldo, Ein Slalomtanz wie das Jahrhundert-ihn so zur ultimativen Tormaschine – er hatte den angeborenen Instinkt, densolo gegen den FC Getafe ist das. DerMessi brach in dieser Saison den legen-Gegner durch Körpertäuschungen zu Torwart erwischt das Leder mit der Fuß-dären Torrekord von Gerd Müller ausüberwinden, und er hatte die Schusstech-spitze und verhindert, dass die Kugel zumdem Jahr 1973 (67 Tore). nik einer athletischen Tormaschine. goldenen Ball wird und zum goldenen Mehr Tore als ein klassischer Mittelstür-Zinédine Zidane konnte das Spiel sei-Schrei, und dennoch ist es dieser Moment,mer! Mal spielt Messi so, wie früher einener Mannschaft besser dirigieren alsvon dem die Zuschauer nach dem Spiel„9“ unterwegs war, mal ist er eine „7“,Messi, er war halb Messi und halb Xavi, sprechen, dieser Moment, der auf You-mal eine „11“, mal eine „8“, mal eine „6“. Barças Ballverteiler, Zidane bewegte sich Tube über 100 000-mal geklickt wird, ob-Aus Messi ist dank Guardiola eine „10“ geschmeidig über den Platz, als hätte erwohl kein Tor zu bestaunen ist, dieserneuen Typs geworden, eine Sturmspitze, Opernarien im Ohr. Messis BewegungenMoment, in dem Fußball mehr wird alsein Flügelstürmer und ein Ballverteiler, folgen einem nervösen Beat. Allerdingseine Ballsportart, dieser Moment, in demwie es ihn vorher im Fußball so nicht gab. müssen sich Messi und Ronaldo heut- ein Fuß mit einem Ball etwas macht, dasMessi schenkt dem Fußball die Schönheitzutage durch Abwehrreihen schlagen, die man nie wieder vergisst.114D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 87. SportDEUTSCHLANDDas ungleiche Paar Holger Badstuber und Mats Hummels sind moderne Verteidiger, die das Spiel mitgestalten. Sie entstammen derselben Nachwuchsschule und scheinen als Gespann in derAbwehrzentrale der Nationalelf wie füreinander bestimmt. Ob sie auch harmonieren würden? Mats Hummels, der Dort- munder Verteidiger, hat kürzlich verraten, dass er neuerdings von geg- nerischen Stürmern ge- deckt werde. Sie attackie- ren ihn, weil er als derheimliche Spielmacher seiner Mannschaftgilt. Er kenne kaum einen Innenvertei-diger, dem das passiere. Das mache ihnstolz. Jetzt sitzt Holger Badstuber, der Ver-teidiger des FC Bayern, wenige Tage vorder Abreise zur Nationalmannschaft ineinem Balkonzimmer der MünchnerKommunikationsagentur, die ihn berät.Er trägt einen sommerlichen Schlabber-style zur Schau, zur Sprache kommt dieBewachung durch gegnerische Stürmer.Das habe er „schon oft“ erlebt, dass sieihn „zustellen“, wie Fußballer sagen, weilsie ihn aus dem Spiel nehmen wollen.Nicht erst in der vorigen Saison sei dasvorgekommen, sagt Badstuber achsel-zuckend, irgendwie emotionslos. Im Trainingslager der Nationalmann-schaft im französischen Tourrettes machtHummels es sich dann vier Tage späterim Leseraum des Spa-Bereichs bequemund erklärt das mit den Stürmern nochmal genau. Dass ihn einer ständig atta-ckiere, bevor er auch nur mit dem Ball inBerührung komme, sei im Grunde nichtneu. Schon im Oktober 2010 sei ihm daspassiert, gegen Bayern München. Also kann er immer noch stolz sein. Erwar der Erste. Vor Badstuber. Die Nationalspieler Hummels und Bad-FIRO SPORTPHOTOstuber, beide 23, sind die besten Innen-verteidiger der abgelaufenen Bundesliga-Saison, der eine wurde Deutscher Meisterund Pokalsieger, der andere gewann dasHalbfinale der Champions League gegen Nationalspieler Hummels: „Schwierig und risikoreich“Real Madrid. Nun sollen sie für Deutsch-land bei der Europameisterschaft vertei-Zeit und Raum für den überlegten Spiel- land, der war mit den Vätern beider Spie-digen, vielleicht gleich zu Beginn des Tur- aufbau fehlen, obliegt es den Hünen inler befreundet. Vor vier Jahren prophe-niers gemeinsam. Sie kennen sich langeder Abwehrzentrale, von hinten den Tonzeite Gerland, Entdecker ungezähltergenug. Würden sie auch harmonieren? anzugeben. Sie entscheiden, über welche Talente: Badstuber und Hummels, das Immerhin erfüllen sie als Fachkräfte Seite ein Angriff gestartet wird, obwerde mal das Innenverteidigerpaaralle Kriterien für gehobene Spitzenklasse.schnell gespielt wird, hoch oder flach. Deutschlands.Es reicht nicht mehr aus, hinten die Zwei-Hummels und Badstuber wurden inBei Paaren, die eine dauerhafte Bezie-kämpfe zu gewinnen, die Angreifer des Bayern Münchens Nachwuchsschule aus-hung eingehen sollen oder wollen, gibtGegners zu befehden am Boden und in gebildet, sie lernten dann in der zweiten es schon mal Potential für Konflikte. Derder Luft. Weil im Mittelfeld zusehendsMannschaft bei Trainer Hermann Ger- Anspruch auf Anerkennung genügt, um116 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 88. sie auszulösen, Missgunst auch. NochMuss Hummels, den mancher am Ball über 95 Prozent“ erreichen, dann sei aberwirkt das ungleiche Fußballer-Paar nicht für stärker hält und er sich selbst vermut-kein entscheidender Ball dabei.wie ein Team, kurz vor der EM reden dielich auch, also erst einmal weichen? DerBei Borussia Dortmund schlägt erbeiden eher wie rivalisierende Brüder. smarte Anführer des Deutschen Meisters manchmal ansatzlos Pässe bis vorn in den Die Abwehr erwies sich in Testpartien Borussia Dortmund lässt erkennen, dass Strafraum, beckenbaueresk mit dem Au-zuletzt als Problembezirk in der deut- er die Kunst des Wartens beherrscht. Bei ßenrist, manchmal fällt daraufhin ein Tor.schen Elf. Bundestrainer Joachim Löw der Junioren-EM der U 21 vor drei Jahren Davon kämen natürlich nicht acht vonhat sich noch nicht festgelegt, wen er amhabe er auch anfangs nicht in der Startelf zehn Bällen beim Mitspieler an, sagt er,Samstag gegen Portugal in der Defensiv-gestanden, bemerkt er trocken, doch im dafür seien die Pässe „zu schwierig undzentrale spielen lässt.gewonnenen Finale war er dabei. Er kannrisikoreich“. Er hatte die einstigen Lieblingsschüler Druck ausüben auf die Konkurrenz undLöw hat ihm diese hochfliegenden Vor-Gerlands als Lösung im Blick, bevor Persubtil für sich werben.lagen verboten. Der Bundestrainer willMertesacker, der alte Platzhirsch und Man redet zum Beispiel über Statistik.den Ball flach halten und den Gegner amStammspieler schon bei der WM 2006,Es wird ja über jeden Schritt und Tritt im Boden ausspielen lassen. Im Test gegendie Schweiz in Basel misslang Hummelsein halbhoher Beckenbauer-Pass, undLöw bekam einen mittleren Tobsuchts-anfall. Badstuber, sein Lieblings-Innenvertei-diger, mache es richtig: „sehr, sehr gut inder Spielauslösung“ – ein modernerTrainerbegriff für die ersten Ballkontakte,die das Spiel von hinten in Gang bringen,auslösen sollen. Badstubers Pässe kom-men scharf und flach, oft diagonal übersFeld auf die offensiven Außenspieler. Hummels sagt, das könne er auch. Der Dortmunder, im Rheinland gebo-ren, wuchs in München auf, der VaterFußballlehrer, die Mutter Sportjourna-listin. Mit sieben kickte er schon beimFC Bayern. Als er 14 war, trainerte ihn sein VaterHermann. Damals trat der etwas jüngereund schmächtigere Badstuber, vom VfBStuttgart gekommen, ins Team, er spielteim offensiven Mittelfeld. Hummels warMittelstürmer, doch als er nach einemWachstumsschub an Schnelligkeit einbüß-te, zog ihn der Vater ins Mittelfeld zurück. Später spielten sie zusammen in Bay-ern Münchens Regionalliga-Team. TrainerHermann Gerland, den sie den „Tiger“nennen, nahm gern die Talentiertestenbesonders hart ran. „Wer mehr kann,muss mehr leisten“, sagte er. Hummelshatte kein Problem damit und wechseltetrotzdem zur Saisonhalbzeit Anfang 2008 FIRO SPORTPHOTO / PICTURE ALLIANCE / DPAden Verein. Damit ebnete er dem dünnen Badstu-ber den Weg nach oben. Hummels, da-mals körperlich weiter entwickelt, hatteschon einen Profivertrag unterschriebenund ein Bundesliga-Spiel für Bayern ab-solviert. Doch er kam an den Abwehr-konkurrenten Martín Demichelis, Lúcio,Daniel van Buyten nicht vorbei, oben-Nationalspieler Badstuber: „Sehr, sehr gut in der Spielauslösung“ drein wurde der Brasilianer Breno ge-kauft.aus seiner dreimonatigen Verletzungspau- Fußball öffentlich Buch geführt. So hat Er wollte es als Leihspieler woandersse kam. Mertesacker wirkte im Training etwa Badstuber eine überragende Pass- versuchen. Der Vater riet zur TSG Hof-überraschend präsent und beweglich.quote; in der Bundesliga kamen 89,4 Pro- fenheim, damals ein aufstrebender Zweit- Auch technisch, sagt Löw, erscheine zent der von ihm gespielten Bälle an, der ligist. Also rein in das Dorf im Kraichgau,der Wahl-Londoner nach nur einer Sai- Münchner ist der fünftbeste Passgeber „doch nach hundert Metern war der Ortson beim FC Arsenal in der Premier Lea- der Liga. Hummels liegt auf Platz 115.zu Ende“, erinnert sich Großstadtmenschgue „ein Stück versierter“. Zuletzt beimSolche Zahlen, erklärt Hummels, seien Hummels mit Schrecken. Er entschied2:0 gegen Israel blieb Mertesacker, kaum ihm ein Gräuel. Sie sagten nichts über sich für Dortmund, Liga eins.gefordert, an der Seite Badstubers zumin- die Qualität der Pässe aus. Wenn er wolle, Dort setzte er sich in der folgenden Sai-dest fast fehlerfrei.könne er in jedem Spiel eine Quote „von son bei Coach Jürgen Klopp durch – den D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2117
  • 89. Sporthatte Vater Hermann Hummels früher machten einst zusammen den Fußballleh- te ihn Joachim Löw nach einem Gegentormal bei Mainz 05 trainiert. Anfang 2009 rer-Schein.im Test gegen Frankreich für eine falschegab Mats Hummels den Plan von derHermann Badstuber starb, gerade als Entscheidung: Er hatte die AbwehrlinieRückkehr nach München auf, für 4,2 Mil- der Sohn den Profivertrag hatte, vor gut verlassen, um den Ballführenden zu atta-lionen Euro Ablöse gehörte er nun end- drei Jahren an einem Krebsleiden; er sah ckieren. „Ob das Kritik war, glaube ichgültig der Borussia. den Jungen nie im Profifußball spielen. nicht“, sagt Badstuber, „das war einfach Als er verkauft war, wurde Badstuber Als Jugendcoach beim VfB Stuttgart und eine Analyse von ihm, was ich beimbei Bayern Profi. „So war für jeden von beim SSV Ulm sowie im Lehrstab des nächsten Mal besser machen kann.“beiden etwas dabei“, scherzt Vater Hum- Württembergischen Verbandes war Bad-Solche Entscheidungen würden „in Milli-mels – der eine geht und macht Platz für stuber senior Ausbilder der sogenannten sekunden getroffen“. Er spricht vomden anderen, beide treffen sich in der Na- Stuttgarter Schule, die als Keimzelle des „Raumverhältnis“ und dem Vertrauen,tionalelf wieder. So wären ja alle zufrie- modernisierten deutschen Fußballs gilt: das er in der Situation in die Mitspielerden. hohe Laufbereitschaft, giftige, systemati- habe, die ihm den Rücken stärken sollen Doch Mats Hummels hält noch einen sche Balleroberung, offensives Spiel – sol- für den Fall, dass er ausgespielt wird. „IchAspekt für „relevant“. Damals war in che Ideen kommen von dort.habe keine Angst, die falsche Entschei-München Jürgen Klinsmann Trainer, derDer Mainzer Bundesliga-Trainer Tho- dung zu treffen. Ich bin der festen Über-erwies sich dort nicht gerade als ein För- mas Tuchel hat erzählt, wie ihn Lehrmeis- zeugung, dass ich gut genug geschult bin.“derer der Jugend. Wäre Louis van Gaal ter Badstuber mit seiner Akribie geprägtAuf dem Rasen in Südfrankreich gingschon da gewesen, „hätte es sein können, es beim Taktiktraining in der vorvergan-dass ich zu Bayern zurückgegangengenen Woche um genau diese Dinge. Diewäre“, sagt Hummels. So aber nahm vanBayern-Spieler waren noch nicht da, PerGaal in der Saison 2009/2010 den jungenMertesacker bildete mit Hummels dieBadstuber in seine Stammelf. Innenverteidigung. Und Mertesacker Badstuber, das ist die versteckte Bot-übernahm wie selbstverständlich dasschaft in Hummels’ Hypothese, hat also Kommando. „Zurückweichen. WiederGlück gehabt.vor. Gut so. Rücken stärken. Vorsicht“, Der Nationalspieler Badstuber ist trotz-so hörte man ihn rufen. Von Hummelsdem stolz, dass er sich bei Bayern durch-hörte man nichts.gesetzt hat, „ohne Ausleihe“ zwischen- „Wenn ich weiß, der Per sagt was, mussdurch, wie er betont.ich nicht auch was sagen, das ist sinnlos“, Er spielte schon 2010 bei der WM in erklärte er kleinlaut am Nachmittag. TagsSüdafrika, ein Umstand, für den Mats darauf die gleiche Übung, da sprang ihmHummels, der selbst gern dabei gewesen Löw zur Seite, um sein Stellungsspiel zuwäre, in einem Interview einen Bayern- korrigieren. Erst wenn der Ball den FußBonus verantwortlich machte. Er selbst des gegnerischen Passgebers verlassenhabe bei Dortmund, damals zwischen habe, dürfe er sich vom Stürmer aus derPlatz 13 und 6 in der Tabelle, halt nichtAbwehrkette herauslocken lassen.so im Blickpunkt gestanden. Hummels, das Dortmunder Alphatier, Badstuber ärgert diese Aussage. Ermachte einen verstörten Eindruck, viel-stellt klar, dass er 2010 bereits inter- leicht weil er nicht das Sagen hat. „Ich MARCUS BRANDT / DPAnationale Erfahrung in der Champions mag es gar nicht, Mitläufer zu sein“, be-League gesammelt hatte, „auf hohem kennt er. Das Gefühl, wichtig zu sein,Niveau“, und außerdem vielseitig gewe- brauche er, die Anerkennung der Kame-sen sei. Löw wollte ihn links als Außen- raden, um Leistung zu bringen. „Mit elfverteidiger. Spielern wie mir würde eine Mannschaft Manchmal wird Badstuber eigentüm- Trainer Löw, Verteidiger Mertesackernicht funktionieren“, das weiß er. Dochlich laut im Gespräch, er wirkt konzen- „Zurückweichen, wieder vor, gut so“so seien nun mal seine unterschiedlichentriert, streut hier und da ein entgeistertes Darbietungen zu erklären, die starken in„Ach so“ in die Unterhaltung ein, auch habe. Der habe die Spieler Demut gelehrt Dortmund, die durchwachsenen im DFB-das Fußballer-typische „Ja“, das immer und ihnen erklärt, dass ihr Talent eine Team. „Es ist im Verein einfach eine ganzso klingt, als werde eine prägnante For- Verpflichtung bedeute: an sich zu arbei- andere Akzeptanz da.“mulierung angekündigt. Er arbeitet sich ten, das Talent für höchste Ansprüche zuDa kann ihm jetzt keiner helfen. Beiin die Themen hinein wie sonst – ja – in nutzen. allem Respekt, sagt Bundestrainer Löw,den Zweikampf. Holger Badstuber sagt, das sei klug. ob die Dortmunder Spieler auch interna- Dort, auf dem Platz, sucht er oft mit „Es entscheidet sich in den Köpfen. Die tional Topleistungen bringen könnten,merkwürdig verdrehten Armen die Ba- nicht zu den Hellsten gehören, ruhen sich müssten sie erst noch beweisen. „Ich legelance oder die richtige Stellung zum Ball. auf ihrem Talent aus.“ Über den Vater internationale Maßstäbe an. Wir spielenDas sieht nicht elegant aus wie bei Hum- und dessen Tod will er nicht reden. bei der EM nicht gegen Stuttgart, Nürn-mels, doch das Resultat ist seine Präzision. Heute ist er ein selbstbewusster Spieler, berg, Augsburg oder Hoffenheim.“Badstuber will seiner Mannschaft „von der seinen Hang zur übertriebenen Selbst- So steht Mats Hummels bislang anders-hinten raus Vertrauen geben“. Ein „siche- kritik („mein Naturell“) in den Griff be- wo im Vordergrund. In der DFB-Werbe-res Auftreten“ nennt er das. kommen hat. Badstuber gehört in Mün- kampagne für den neuen Mercedes zum Jahrelang gab es Zweifel, ob er für ei- chen der sogenannten Gärtnerplatz-Gang Beispiel. Den entsprechenden Blick hatnen Verteidiger schnell genug werden um die Bayern-Stars Bastian Schweinstei- er drauf: „Entschlossen, heroisch, das istwürde. Gerland, der Entdecker, vertraute ger, Mario Gomez und Manuel Neuer an, mittlerweile in der Werbeindustrie dasden Genen. Er hatte die Mutter Helga die dort die angesagten Cafés aufsuchen. Gewollte“, stellt er fest.Badstuber mal gegen seine eigene Toch- Früher, weiß Mentor Gerland, sei Bad-Er habe dort einen ganz guten Ruf, inter rennen sehen, den Vater Hermann stuber, wenn ihm ein Fehler unterlaufen der Werbeindustrie.kannte er vom Sport sowieso. Die beiden war, in sich zusammengefallen. Jetzt rüg-JÖRG KRAMER118D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 90. PrismaApp zum EierlegenExperiment eines engli-schen Gartenbesitzers: Als SOUTH WEST NEWS / ACTION PRESSseine Henne ihren Hahn aneinen Fuchs verloren hatte,zeigte das Herrchen ihrFilme von Artgenossen aufeinem Tablet-Computer –und sie legte wieder Eier.MEDIZIN von Schlaganfällen und anderen töd-Arzt Guarinonius etwa schrieb 1610, lichen Krankheiten.fette Menschen hätten kaum Verstand,„Fett mit Petersilie SPIEGEL: Wie dick waren die Men- schen?und verglich sie mit übermästetenSchweinen. Die Bevölkerung dagegenaustreiben“Stolberg: Der Arzt Thomas Bartholinus beschrieb vor mehr als 350 Jahren ein zehnjähriges Mädchen, das 200 Pfundhatte keine Vorurteile gegen Dicke.SPIEGEL: Wie erklärten die Ärzte dieFettsucht?Der Medizinhistorikerwog und auf Jahrmärkten gezeigtStolberg: Sie dachten, die NahrungW. M. WEBER / DER SPIEGELMichael Stolberg, 55,wurde. Eine Straßburger Seilerin wog werde von der Lebenswärme verkocht,von der Universität480 Pfund. einer Art Flamme im Körper. BeiWürzburg über dieSPIEGEL: Welches Image hatten DickeDicken sei die Lebenswärme überfor-erstaunlich lange Ge-in früheren Zeiten?dert: Die Nahrung häufe sich roh imschichte der Fettsucht Stolberg: In der Medizinliteratur stehen Körper an und beginne zu faulen.und ihrer Behandlung sehr abwertende Urteile. Der Tiroler SPIEGEL: Und was rieten die Ärzte?Stolberg: Neben dem Rat, weniger zuSPIEGEL: Sie haben untersucht, ob Men-essen, wollten sie das Fett austreiben:schen schon in früheren Jahrhunder- etwa mit Petersilie, um den Harnflussten fettsüchtig waren. Was haben Siezu fördern, mit Abführmitteln oderherausgefunden? durch Bewegung und Schwitzen.Stolberg: Viele glauben, die Leute hät- SPIEGEL: Warum war Ärzten das Thematen damals gar nicht genug zu essen so wichtig?gehabt, um dick zu werden. Aber das Stolberg: Dass Dicke rascher sterben,stimmt so nicht. Viele Menschen stand schon bei Hippokrates. Aber diekonnten es sich auch früher schon leis- Ärzte hatten auch ein kräftiges Interes-ten, üppiger zu essen als nötig. Seit se daran, dicke Menschen für krank zuWELLCOME IMAGESdem 15. Jahrhundert beschreiben füh-erklären. Sie bauschten die Gefahr aufrende Ärzte die Fettsucht als Ursache und versuchten, sich als Experten für Dicke Männer in England* Ernährungsratschläge einen Markt zu* Kolorierte Radierung von Charles Williams, 1806.erschließen.120 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 91. Wissenschaft · Technik MIKROBIOLOGIE Keimbesiedlung schon im MutterleibDie Fruchtblase gilt als keimfreieZone – doch womöglich besiedeln Bak-terien Menschen bereits vor deren Ge-burt. So wurden spanische Forscherfündig, als sie die Ausscheidungen von20 Babys untersuchten, die gerade aufdie Welt gekommen waren. Im Innerndes „Kindspechs“, das man bisher fürsteril hielt, fanden sie DNA, die vonMilchsäure- und Kolibakterien stamm-ten. Offenbar wandern die Keime überdie Plazenta ein und bilden den Grund-stock der lebenswichtigen Darmflora.ENERGIE Beschlagnahmung von Elfenbein in Malaysia DAPDWasser aus Wind ARTENSCHUTZNicht nur Strom, sondern auch Trink-wasser kann eine neuartige Turbineaus dem Wind ernten. Der französi-Illegales Elfenbein in Chinasche Hersteller Eole Water testet die China bleibt der wichtigste Markt für etwa 60 Prozent auch Geschäfte mitAnlage im Emirat Abu Dhabi. Die 24Elfenbein von gewilderten Elefanten Stoßzähnen von gewilderten Tieren.Meter hohe Windmühle stellt zunächstaus Afrika, klagen Mitarbeiter desIhr Trick: Statt das legale Elfenbeinelektrischen Strom her, der dann be-Internationalen Tierschutz-Fondsmit Identifikationskarten zu verkau-nutzt wird, um Luft anzusaugen und(IFAW). Die Aktivisten besuchten ver- fen, behielten sie die Dokumente ein-sie mit einem Kompressor zu kühlen. deckt 158 Geschäfte und Werkstätten fach ein, um sie für illegales ElfenbeinAuf diese Weise wird der Luft Feuch-in China, in denen Elfenbein verkauft zu benutzen oder an andere Händlertigkeit entzogen; das Kondenswasser und verarbeitet wird. 101 dieser Betrie-zu verhökern. Der IFAW fordert daherfließt über Stahlrohre in einen Sam-be besaßen nicht einmal eine Lizenz wieder ein generelles Handelsverbotmelbehälter am Fuß der Anlage. Es für den Handel mit legalem Elfenbein, für Elfenbein. Die Hoffnung, legalewird gefiltert, gereinigt und mit Mine- das von Tieren stammt, die eines na-Lieferungen würden Chinas Nachfrageralien versetzt. Die Anlage kann täg- türlichen Todes starben. Und von dendecken und das Wildern von Elefantenlich tausend Liter Trinkwasser liefern. 57 zugelassenen Betrieben machten verringern, habe sich zerschlagen.QUERSCHNITTDemenzkranke in Millionen2050Asien*2010 116119 Planet der GreiseNordamerika4 10Europa Die Zahl der Demenz- patienten wird sich weltweit 16 bis 2050 verdreifachen: auf 115 Millionen. Der Zuwachs69 wird in heutigen Entwick- Afrika120 Mio. lungs- und Schwellenländern 12 besonders dramatisch aus- Zentralamerika 80 fallen, weil auch dort die 9 Menschen immer älter SüdamerikaEntwicklung in Ländern mit40 werden. Von den über 2 niedrigem und mittlerem 60-Jährigen leiden etwa * inkl. Australien und PazifikEinkommen 0 4,7 Prozent unter Demenz. Schätzungen; Quelle: WHO hohem Einkommen 2010 2050D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2121
  • 92. SEBASTIAN WIDMANN / DAPDSoftware-Code von „Flame“ (Auszug), Virenexperte Kamljuk (r.): Regelmäßig schickt der digitale Schädling seine Beute übers Internet an dieCOMPUTER Ansteckende NeugierRussische Sicherheitsexperten haben einen besonders raffinierten Computervirus entdeckt. Das ferngesteuerte Spionageprogramm konnte jahrelangunbemerkt Rechner im Nahen Osten ausspähen. Hat der Cyberkrieg begonnen?E in einziges Mal kamen die Viren- Sie nannten es „Flame“.gaunern. Der Virus speichert die Beute jäger ihrem rätselhaften Gegenspie-Die russischen Ermittler beschlossen,dann, um sie bei nächster Gelegenheit ler ganz nahe. Es geschah, als sieder Sache auf den Grund zu gehen. Sie übers Internet in die Zentrale zu schicken,sich kurz von ihrem Computer abwand- präparierten einen Computer und setzten wo die Hintermänner sitzen.ten. Minuten später waren mehrere Da-den Schädling dort in Gang, um zu sehen, Flame kann sogar Mobiltelefone aus-teien aus dem Speicher verschwunden. was er anstellt. Am zweiten Tag fandenspionieren, die zufällig in die Nähe des Der Zugriff kam übers Internet von ir-sie keine Spur mehr von ihm. Zuvor hatteWirtscomputers geraten. Dazu muss nurgendwoher, vielleicht aus Israel, vielleicht Flame, wie das Protokoll zeigte, Verbin-auf beiden Geräten der Datenfunk Blue-aus den USA. Sicher war nur: Der Unbe- dung mit einem fernen Netzrechner auf-tooth eingeschaltet sein. Dann genügt es,kannte ging planvoll zu Werk. Er vernich-genommen – und von dort offenbar dendass ein Mensch mit Handy nichtsahnendtete aus der Ferne genau jenen Compu-Befehl zur Selbstzerstörung erhalten. vorbeispaziert – und schon ist sein Adress-tervirus, den die Experten gerade unter-„Da hat in der Zentrale wohl jemandbuch abgesaugt, womöglich seine Identi-suchen wollten – und den er vermutlich Verdacht geschöpft“, sagt Witalij Kamljuk,tät festgestellt.selbst geschaffen hatte. Virenfahnder bei Kaspersky.Das ist eine Hinterlist neuen Typs. Bis- Der Rechner, den der Angreifer mani- Vergangene Woche machten die Rus-lang waren Viren, egal wie spukhaft undpulierte, stand mitten in Moskau, im un- sen ihren Fund publik. Das Aufsehen war ungreifbar, in die Sphäre der Computerscheinbaren Hauptquartier der Sicher-enorm, denn Flame scheint ein perfekter und ihrer Netze verbannt. Flame aberheitsfirma Kaspersky Lab. Sie ist einerSpion zu sein. Der Virus nimmt den er-greift auch in die reale Welt über.der Weltmarktführer für Software, dieoberten Rechner rundum in Besitz. Ohne Das meiste, was das SpähprogrammViren aufspürt und unschädlich macht.dass der Benutzer etwas bemerkt, werden kann, ist für sich genommen nicht neu.Jenes besondere Exemplar war ihren Spe-fortan seine Lebensregungen überwacht Doch scheint Flame besonders vielseitigzialisten kurz zuvor in die Hände gefal- (siehe Grafik): Das eingebaute Mikrofon und wandelbar zu sein: 20 Zusatzpro-len: ein eigenartiges Spionageprogramm,schneidet Gespräche und Telefonate mit; gramme, die sich bei Bedarf einzeln nach-das schon Hunderte Computer im Nahen die Tastatur zeichnet jeden Anschlag auf, laden lassen, zählten die Ermittler bislang.Osten befallen hatte.um Passwörter und Zugangsdaten zu er- Als rundum gerüsteter Allzweckspion122D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 93. TechnikRechner sind, wie üblich, ihrerseits wie-der nur ferngesteuert. Die wahren Pup-penspieler sitzen woanders. Unter ihrerRegie konnte Flame jahrelang unentdecktvon Rechner zu Rechner springen: alseine Art digitaler Spähroboter. Wer also steckt dahinter? Wer kann soetwas programmieren? Dass staatlicheOrganisationen im Spiel sein müssen,schien früh klar zu sein. Der Verdachtfiel auf Israel. Dafür spricht, dass die meis-ten Infektionen in Iran gefunden wurden.Etliche ranghohe Beamte dort geben an,der Virus habe bei ihnen massive Daten-bestände ausspioniert. Die Firma Kaspersky nennt Flame„eine der komplexesten Bedrohungen, dieje entdeckt worden sind“. Freilich heizenVirenjäger seit je ihr Geschäft gern mal YEVGENY KONDAKOV / DER SPIEGELmit Alarmrufen an. „Die Branche findetalle paar Monate den gefährlichsten Virusaller Zeiten“, sagt Sandro Gaycken, Spe-zialist für Software-Sicherheit an der FUBerlin. „Da tritt beim Publikum eine ge-wisse Ermüdung ein.“ Dennoch machte in den Medien raschferne Kommandozentrale, wo die Hintermänner sitzendas Wort von einer neuen „Superwaffe“die Runde, von einem Vorboten für die kommt der Virus auf die stattliche Größebefällt nur auf Kommando ausgewählte „Cyberkriege“ der Zukunft. In Wahrheit von 20 Megabyte – weit mehr als das Hun-Rechner in Reichweite; die Softwaregeht der Virus nicht einmal als Waffe dertfache des typischen Digitalschädlings.bleibt dabei immer in Verbindung mit ih- durch, weil er nichts zerstört. Schlimms-Und dennoch blieb Flame lange unent- ren Kontrollzentren im Internet. Sie kanntenfalls droht Datenverlust. deckt. Bis mindestens Anfang 2010 lassensogar prüfen, ob der neue Wirt eine Be- Die russischen Experten stießen auf sich erste Infektionen zurückverfolgen. siedelung überhaupt lohnt. Wenn nicht, das neue Spähprogramm, als sie ab An- Wenn so ein Brocken allen Virenwäch-räumt Flame obendrein penibel hinter fang Mai einen Vorfall in Iran untersuch- tern entgeht, ist dann nicht überall mitsich auf und tilgt alle Spuren – entwederten. „Dort war es zu einer Cyberattacke verborgenen Spionen zu rechnen? automatisch oder, wie die Kaspersky-Leu- auf die ölverarbeitende Industrie gekom-Gewöhnliche Viren fliegen schnellerte beobachten konnten, per ferngezünde-men“, sagt Witalij Kamluk, leitender auf, weil sie sich wie Seuchen verbreiten:ter Selbstzerstörung.Fahnder bei Kaspersky. „Ein Virus hatte Sie stecken wahllos so viele ComputerRund 80 Kontrollrechner zur Steuerung auf Hunderten Computern Daten ge- an wie möglich. Eine Masseninfektionvon Flame haben die Virenforscher ge-löscht; einige funktionierten danach nicht aber bleibt auf Dauer so wenig geheim zählt; sie kennen auch deren Netzadres-mehr.“ Die Suche nach diesem Schad- wie eine Grippewelle. Flame dagegen sen, aber das hilft nicht weiter, denn diese programm, „Wiper“ genannt, brachte die Der Superspion Was der „Flame“-Tonüberwachung Virus kann Bluetooth Das Programm kann dasZugriff über das Bluetooth- Mikrofon steuern und Funknetz auf aktive Geräte Gespräche des Nutzersim Umfeld des befallenen Bildschirmfotos (z. B. bei Nutzung Computers wie z. B. Head- Aufnahmen des von Skype) sowie sets oder Handys. Bildschirms nachseine Umgebung einem ausgeklügel-aufzeichnen. ten Zeit- Fernsteuerung schema, jeÜbermittlung der ausgespähten Informationen nachdem,an eine Steuerungszentrale. Dort wird u. a. ent- welches schieden, welches benachbarte System als Programmnächstes infiziert werden soll. Erweist sich ein geradebefallener Computer als uninteressant, wird aktiv ist.ein Selbstzerstörungsmechanismus ausgelöst, der alle Spuren des Textüberwachung Befalls löscht. Der Virus protokolliert 1010010 Tastatureingaben. 1010010 0010101 0010101 01101012 601101017 0 3 Festplattenzugriff NetzwerkDie Software kann nach Überwachung desInformationen suchen, Programme nach-Datenverkehrs undinstallieren und auch Daten löschen. Erfassung von Passwörtern.D E RS P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 123
  • 94. TechnikFirma erst auf die Spur von Flame. Ein Realität immer mehr auf solche Horror- wiederum hält mit einer eigenen EinheitLöschangriff macht freilich nicht viel szenarien zusteuert“, sagt Amin. dagegen, die unter dem Kürzel „Maher“kaputt. So gut wie jedes Unternehmen Für den Kriegsforscher Rid zeigt Flame (zu Deutsch: Fachmann) operiert. Maherhat Sicherheitskopien aller wichtigen hingegen etwas anderes: dass die wirk- behauptet, schon vor Monaten den VirusDaten.liche Gefahr in der bald allgegenwärtigen Flame aufgestöbert zu haben. Vergange- Die einzige Software, die es bislang zu digitalen Schnüffelei liegt. Fürs Spionie- ne Woche reklamierten denn auch dieechter Waffenwirkung brachte, war der ren im Verborgenen sei die körperlose Teheraner Tageszeitungen den Sieg fürsComputerwurm „Stuxnet“, der 2010 in Software wie geschaffen.eigene Land. Das linientreue Blatt „Kay-der iranischen Atomanlage von Natans Rid vermutet, wie die meisten Fach- han“ etwa bejubelte, sichtlich erfolgstrun-umging. Dort hat er wohl an die tausend leute, dass Flame und auch Stuxnet in ken, die Abwehr des Angriffs einer „Cy-Zentrifugen zur Anreicherung von Uran Israel entwickelt wurden, wohl unter ber-Nuklearwaffe“.zerstört. Stuxnet nistete sich im Kontroll- maßgeblicher Beteiligung der USA. Ver- Auf der Website von Maher steht an-rechner ein, erhöhte nach einer Weile gangene Woche erst meldete die „New geblich auch schon eine Abwehr-Soft-gezielt die Drehzahl der Rotoren, um York Times“, Präsident Barack Obama ware zum Herunterladen bereit. Das im-sie später stark abzusenken – viele der selbst habe schon in den ersten Monaten merhin ist durchaus glaubhaft: Ist ein Vi-schweren Maschinen hielten dem unge- seiner Amtszeit den Marschbefehl zum rus erst einmal identifiziert, lässt er sichplanten Lastwechsel nicht stand.verstärkten Einsatz von Computerviren ohne viel Mühe unschädlich machen. Die Stuxnet ging so geschickt vor, dass das gegen iranische Atomanlagen gegeben. gängigen Antiviren-Programme erken-Personal keinen Verdacht schöpfte. Der Dass Israel mit im Spiel war, ist zumin- nen Flame inzwischen ebenfalls. DamitVirus, einmal in die Steuerelektronik dest plausibel, denn kaum ein Land ist so ist der Schädling vorerst erledigt. Für Pri-gelangt, las dort sogar mit, vatleute bestand ohnehin niewelche Werte die Überwa- ernsthafte Gefahr.chungssensoren der Maschi-Und wie können sichnen meldeten, um richtig zuUnternehmen oder Staatenreagieren – eine Maßarbeit,schützen vor dem nächstendie genaueste Kenntnis des Cyberspion? Der BerlinerZielsystems voraussetzt. Sicherheitsforscher Gaycken Die Kehrseite: Software als sieht in aller Welt noch vielWaffe lässt sich meist nur ge- Schludrigkeit am Werk: „Vorgen ein einziges Ziel einset-vielen Ministerien stehenzen. Wer ein zweites Ziel an-zwar bewaffnete Wachen,greifen will, muss ein zweites aber viele RegierungsstellenProgramm schreiben. Einerbenutzen unsichere Windows-Rakete ist es egal, wohin manComputer, die nicht einmalsie abfeuert; sie explodiert die neuesten Sicherheits-Up-überall. Ein Software-Virusdates aufgespielt haben.“dagegen muss sich quasi vor Sogar die LeitzentralenOrt genau auskennen, umvon Kraftwerken, so Gay-die Fähigkeiten der dortigen cken, haben mehr oder weni-Maschinerie destruktiv gegen ger direkte Schnittstellen zumdiese selbst zu richten. Internet: „Die Schutzwälle Deshalb sei es auch über- dazwischen sind natürlich an-trieben, vor drohenden Cy- greifbar“, sagt er. Auch beiberkriegen zu warnen, meintden Banken, die untereinan-Thomas Rid, Experte fürder ein physisch selbständigesNeue Technologien und Kon- Geldnetz namens SwiftnetREUTERSflikte am Londoner King’sbetreiben, gebe es „zahlrei-College. Im Gegenteil, es wer- che Übergänge ins Internet“.de immer schwerer, mit Soft- Kontrollraum in Atomfabrik Natans: Fast tausend Zentrifugen zerstört Banken, Energieversorgerware echten Schaden anzu-und Industrieunternehmenrichten: „Kraftwerke oder Staudämme gut für kriegerische Konflikte im Netz sollten, wenn es nach Gaycken geht, wich-werden meist von speziellen, teils auf- gerüstet. In Israel wuchs über Jahrzehnte tige Computersysteme radikal vom Inter-wendig umgearbeiteten Programmen ge- ein einzigartiges Ökosystem aus Armee, net abkoppeln – das ist unpraktisch, um-steuert. Kaum eine Installation gleicht Universitäten und Hightech-Firmen heran. ständlich und verlangsamt das Geschäfts-der anderen.“Schon in der Schule werden junge Is- leben ungemein. Aber echte Sicherheit, Dennoch malen Visionäre unentwegt raelis unter eifriger Beihilfe der Armee glaubt der Fachmann, ist ohne gezielteSchreckensbilder, zuletzt wieder in Mos- im Programmieren trainiert. Ihren Wehr- Entnetzung nicht mehr zu haben.kau, wo sich vergangene Woche Hunder- dienst leisten jedes Jahr Tausende künf- KIAN BADRNEJAD, MANFRED DWORSCHAK,te Hacker und Sicherheitsleute zu den tiger Netzkrieger dann in speziellen Ein- JULIANE VON MITTELSTAEDT, MATTHIAS SCHEPP,„Positive Hack Days“ trafen. Dort sprach heiten ab. Am bekanntesten ist die sa- HILMAR SCHMUNDTauch Mohd Noor Amin, Direktor von Im- genumwobene Unit 8200, aus der schonpact, einer „Internationalen Partnerschaft etliche Gründer von Computerfirmen her-gegen Cyber-Bedrohungen“ unter dem vorgegangen sind. Besonders die Unter-Dach der Uno. Amin reist seit Jahren mit nehmen für Internetsicherheit bleibenVideo:einem Propagandafilm um die Welt, in dem Militär, in dem sie verwurzelt sind, Woher kommt derdem Staudämme bersten und Flugzeuge häufig eng verbunden, und der Staat Computervirus „Flame“?vom Himmel fallen, weil sich Finsterlinge schießt eine Menge Fördergelder zu. Für Smartphone-Benutzer:der Steuerungselektronik bemächtigt ha-Israel hat auch ein nationales Zentrum Bildcode scannen, etwa mitben. „Stuxnet und Flame zeigen, dass die zur Cyberabwehr gegründet, und Irander App „Scanlife“.124D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 95. Geograf Pflitsch Disco-Nebel im Bahnhof dürfte die nächste Station (Bod- dinstraße) in sechs Minuten er- reichen, die danach in zehn Mi- nuten. Die Nachbarstationen in anderen Richtungen dagegen werden noch lange vom Gas unbehelligt bleiben.Mit einem solchen U-Bahn- Wetterbericht wäre eine ge- nauere und schnellere Evakuie- rung als heute möglich. „Viele Menschen würden spontan zur großen, zentralen Treppe lau- fen, um sich in Sicherheit zu bringen“, so Pflitsch. „Aber in diesem Fall wäre das genau das Falsche, weil dorthin auch der AMIN AKHTAR / DER SPIEGEL Rauch zieht.“ Besser wäre es, zu den Treppen an den Bahn- steigenden zu laufen; bei der derzeit herrschenden Tunnel- wetterlage blieben sie rauchfrei.Dass menschliche Intuition ins Verderben führen kann, fach“, sagt der Bochumer Geografiepro-zeigte sich vor gut zehn Jahren im öster- HÖHLENFORSCHUNG fessor Andreas Pflitsch, der Mann mit reichischen Kaprun, als im Führerstand Giftgas im der Gasflasche im Arm. „Dabei könneneiner Gletscherbahn ein Feuer ausbrach. wir im Ernstfall helfen, MenschenlebenViele Passagiere rannten vom Feuer weg zu retten.“ den Tunnel hinauf – ein tödlicher Fehler. UntergrundDas bei dem Experiment verwendeteHauptrisiko bei Bränden sind nicht die Gas heißt Schwefelhexafluorid, es ist Flammen selbst, sondern der Rauch. Nur ungiftig und dient lediglich als Test: Diewenige liefen damals dem Feuer entge- Sensoren schlagen an, das versuchsweise gen, an den Flammen vorbei – sie über-Wohin fliehen, wenn es im Tunnel installierte Warnsystem funktioniert. „Or-lebten.brennt? Um Fahrgäste bessergamir“ heißt das vom Bundesforschungs- „In Notsituationen suchen wir nachevakuieren zu können, erkunden ministerium mit 3,2 Millionen Euro ge-Führung, und wenn ein paar Leute in die förderte Projekt. Beteiligt sind Chemiker,falsche Richtung laufen, gibt es meist ei- Forscher die Wetter-Psychologen und Ingenieure der Univer-nen Herdeneffekt“, sagt die Psychologinverhältnisse in U-Bahn-Stationen.sitäten in Jena, Paderborn und Bochum.Gesine Hofinger, die für das Projekt dieAuf den ersten Blick erscheint die Auf-Fluchtwege untersucht hat. „AußerdemM enschen hasten über Treppen gabe simpel. Warum nicht einfach einsind wir Gewohnheitstiere, dort, wo wir und durch Gänge. Auf dempaar Rauchmelder, wie es sie in jedem reingehen, gehen wir meist wieder hin- Bahnsteig steht ein Mittfünfziger Hotelzimmer gibt, an die Tunnelwändeaus – auch wenn es dort verraucht ist.“mit Wollmütze und Gleisarbeiterklamot- schrauben? „U-Bahnen sind dynamische Kleinere Brände brechen in deutschenten neben einer 25-Liter-Gasflasche. Systeme, hier unten herrscht ein ganz U-Bahnen immer wieder aus. Die Orga- Der Mann wirkt angespannt, er schauteigenes Wetter“, sagt Tunnelklimatologe mir-Forscher wollen aber auch Terror-sich um. Dann greift er zur RohrzangePflitsch. „Früher dachte man, dass Rauchattacken vorbeugen: Giftgasanschlägenund schraubt das Ventil auf. Laut zischt hauptsächlich durch die Züge wie vonwie in Tokio, Bomben wie in London undein unsichtbares Gas heraus. Besorgt einem Kolben durch die Tunnel gedrücktMadrid. Doch auf welche Gase solltenbleibt ein Fahrgast stehen.wird. Doch das stimmt nicht.“ Warnsensoren reagieren? Oben am Ausgang des U-Bahnhofs Die Orgamir-Forscher verkabelten die„Wir hatten auf unserer Liste ursprüng-Hermannplatz in Berlin-Neukölln ver- Station Hermannplatz mit elf Gas- und lich 180 gefährliche Stoffe“, sagt Karinfolgt eine Gruppe ernster Männer an ei-Windmessgeräten. Ihr erstaunlicher Be-Potje-Kamloth vom Institut für Mikrotech-nem Rechner das Geschehen. Bei ihnen fund: Beinahe stündlich verändern sichnik in Mainz, die für Orgamir das Analy-laufen die Messdaten von Sensoren ein, in einem U-Bahn-Tunnel Windrichtung sesystem entworfen hat. Eine derart um-die sie überall in der U-Bahn-Station ver- und -stärke.fassende Überwachung sei jedoch lang-teilt haben.Aufgrund ihrer Messdaten haben die sam und teuer; allzu häufig komme es Auf dem Überwachungsmonitor ist zuForscher inzwischen ein Computermo- auch zu Fehlalarmen. Aus diesem Grundsehen, wie sich das unsichtbare Gas aus- dell erstellt, das vorhersagen soll, wohinbeschränken sich die Forscher derzeit aufbreitet. „ALARM“ steht auf dem Bild- freigesetzter Rauch ziehen wird. Kurz 14 hochgiftige gasförmige Stoffe, darunterschirm, daneben ein Totenkopfsymbol. nach der Freisetzung des TestgasesPhosgen („Grünkreuz“), SchwefeldioxidEine Grafik zeigt die Ausbreitung derspuckt die Simulation ihre Prognose aus:und CS (Tränengas).Gaswolke – und die Fluchtwege. Wie in einem Kamin zieht die GaswolkeEs ist ein schmaler Grat zwischen Vor- Doch keiner rennt weg.durch das zentrale Treppenhaus hoch zur sorge und Panikmache. „U-Bahn-Fahren„Früher galt mein Forschungsgebiet U8, von dort aus weiter durch den Tun-ist viel sicherer als Autofahren“, beteuertder U-Bahn-Klimatologie als Orchideen- nel aufwärts Richtung Süden. Das GasPflitsch. Er lobt die vielgescholtenen Ber- D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2125
  • 96. Wissenschaftliner Verkehrsbetriebe für ihre Unterstüt-zung. Es sei nicht leicht gewesen, einenPartner für das Experiment zu finden;viele Verkehrsbetriebe fürchten, mit Ka-tastrophenplanungen ihre Kunden zuverschrecken – oder schlimmer noch:bescheinigt zu bekommen, teure Umbau-maßnahmen vornehmen zu müssen. Bei der Feuerwehr stößt Orgamir ledig-lich auf verhaltene Zustimmung. „Aufden ersten Blick könnte so ein Systemhelfen“, sagt Karsten Göwecke, der Vizedes Berliner Landesbranddirektors. Erschränkt aber ein: „Die theoretische unddie tatsächliche Rauchausbreitung kön-nen stark voneinander abweichen.“ Seine Karriere als U-Bahn-Expertebegann Pflitsch in New York. Testweisestellte er seine Messgeräte in einer U-Bahn- BEN BEHNKE / DER SPIEGELStation auf – mit überraschenden Ergeb-nissen über die Launenhaftigkeit desunterirdischen Wetters. Seither hat seinTeam auch das U-Bahn-Klima von Wa-shington, D. C., München, Dortmund unddem britischen Newcastle untersucht. Schloss Kummerow, neuer Eigentümer Kunert: „In Amerika ist die Siedleridee noch lebendig, Noch mehr jedoch faszinieren ihn na-türliche Höhlen. Gerade hat er auf Ha-waii in 3600 Meter Höhe eine EishöhleDENKMALSCHUTZKulisse der Geisterschlössererkundet. Und in einem Fachaufsatz spe-kuliert er darüber, ob die Jewel Cave unddie Wind Cave in South Dakota mitein-ander verbunden sind. Die Höhlenein-gänge liegen 50 Kilometer voneinanderentfernt, möglicherweise verbunden Mecklenburg-Vorpommern verliert sein steinernes Erbe.durch windige Ritzen.Über 200 Feudalbauten stehen leer. Viele sind schon zu Ruinen Das scheinbare Ein- und Ausatmen vonHöhlen geschieht bei Wetterumschwün-zerfallen. Bringen Idealisten aus dem Westen die Rettung?gen: Zieht ein Hochdruckgebiet auf,Efaucht der Wind teils mit Orkanstärkerst wollte Torsten Kunert, 50, einBei der Führung wird allerdings schnelldurch die Spalten, bis der DruckausgleichFerienhaus auf den Liparischen In- klar, dass hier noch mal der Maler durch-zwischen innen und außen erreicht ist. seln kaufen. Auch in der Toskana muss. Im ersten Stock prangen verblassteWenn eine Gewitterfront anrückt, tritt und auf Mallorca sah er sich um. Am Lenin-Parolen. Nach der Wende dientedieser Effekt auch in U-Bahnen auf.Ende entschied sich der Vater von vier das Gemäuer als Bordell. Die kostbaren Und es gibt noch eine Gemeinsam- Kindern für ein Schloss in der Nähe.Fußbodenplatten in der Eingangshalle ha-keit zwischen Höhlen und Tunneln: Kein Der Berliner Unternehmer steht am ben Diebe gestohlen. An den Pfeilern haf-U-Bahnhof gleicht dem anderen, jeder Kummerower See, zwei Autostunden von ten 30 Farbanstriche.muss einzeln vermessen werden. der Hauptstadt entfernt, und zeigt aufMit vier bis fünf Millionen Euro Sanie- Berlin, Alexanderplatz, kurz nach Mit- sein neues Eigenheim: Es hat eine baro- rungskosten rechnet der neue Besitzer. Erternacht: Touristen, Geschäftsleute, Be- cke Fassade, 2500 Quadratmeter Wohn- will auf dem Anwesen ein Fotografiemu-soffene irren durch das Labyrinth der Un- fläche und einen Park, angelegt vom seum einrichten – und dort auch wohnen.tergrundbahn. Ein Uhr nachts, Betriebs- preußischen Gartenkünstler Peter Josef Etwas ratlos überblickt er die Ansamm-schluss, die letzte Bahn rattert davon, der Lenné.lung potenzierter Verwahrlosung aus rot-Sicherheitsdienst verschließt die Stahl- Der Kaufpreis? Der Mann zögert: tem Putz und eingestürzten Stallungen.tore. Diesmal wirft Pflitsch eine Nebel- „136 000 Euro. Eine Zwangsversteige- Vielleicht steht Kunert nur deshalb hier,maschine an, wie sie sonst in Diskotheken rung.“weil seine Frau aus den USA stammt. „Inzum Einsatz kommt. Träge ziehen dieSchwaden aufwärts in Richtung Ausgang. Die Forscher schleppen Computer undMessgeräte herbei. Per Hand entnehmensie mühsam 560 Luftproben. Wieder zischt Gas, ein weiterer Daten- FOTOS: BEN BEHNKE / DER SPIEGELsatz, um die unsichtbare Welt aus Windzu enträtseln. Um vier Uhr morgens ist der Spuk vor-bei, die Bahnen donnern wieder durchdie Tunnel, als wäre nichts gewesen. Nurder feuchtkalte Lufthauch auf der Treppefühlt sich irgendwie anders an als sonst. HILMAR SCHMUNDTHerrenhaus Wrangelsburg, Eingangshalle von Schloss Lüssow: „Sehr ruhige Lage“126D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 97. Doch die Finanzkraft der Investorenreicht nicht aus, um alle Prachtbauten vordem Zerfall zu retten. Ostelbiens Ritterlebten zu pompös. Nirgendwo sonst inEuropa türmen sich so viele herrschaft-liche Anwesen. Eine Prüfung des Schweriner Kultur-ministeriums ergab, dass es im Lande 2192Adelssitze gibt. 1012 davon stehen unterDenkmalschutz. Der Zustand der ande-ren ist nicht aktenkundig. Der Verfallkönnte also noch umfangreicher sein. Dabei wirkt schon Drägers Alarmkartebeschämend. Vor allem abseits der Küstesind auf dem Plan Ballungen mit hohemLeerstand zu sehen. Cornelia Stoll wohnt in solch einer Ka-puttzone. Die Maklerin betreibt ein Bürofür Uralt-Immobilien in Anklam. DerzeitBEN BEHNKE / DER SPIEGELhat sie neun Feudalbauten im Angebot,alle zu Schnäppchenpreisen, darunterauch die Wrangelsburg. Über eine zerschlissene Rampe geht eshinauf zum Eingangsportal des elfachsi-da sind die Leute bereit, sich breit im Leben aufzustellen“ gen Putzbaus, benannt nach einem schwe-dischen Feldherrn. Die Gemeinde feierteAmerika“, sagt er, „ist die SiedlerideeVon der Elbe bis nach Usedom zieht hier bis vor kurzem Kaffeekränzchen. Imnoch lebendig, da sind die Leute bereit,sich eine Kulisse von Geisterschlössern.Wintergarten steht altes Fitnessgerät dersich breit im Leben aufzustellen.“Vor Ort sieht rosa so aus: tropfende Dach-Dorfjugend. Bonanza, Big Valley, Gründerzeit: Der- rinnen, abgeplatzte Stuckdecken, Geruch„Sehr ruhige Lage“, lobt die Maklerin.lei zupackender Mut ist in Mecklenburg- von Moder und Durchfeuchtung. Vanda-Man könnte den Landstrich auch aus-Vorpommern selten geworden. Das ganze len haben Edelkamine herausgerissen,gestorben nennen. Die Kommune hat nurLand wirkt verzagt und kraftlos. JetztGärten sind zugewuchert, Ringgräben noch 14 Einwohner pro Quadratkilome-droht der Kahlschlag, der Verlust der ar- versumpft.ter. Dafür stimmt der Preis: Er liegt beichitektonischen Tradition. Für einige Herrensitze ist es bereits zu 120 000 Euro. Dicht bei dicht überziehen Renaissance-spät. In Divitz (bei Barth an der Ostsee)Noch weniger, 100 000 Euro, kostetbauten, klassizistische Schlösser und Guts- zerfällt gerade eine Wasserburg. Das Her- Schloss Lüssow nahe der Peene, einemhäuser im Tudorstil den Nordosten der renhaus Löwitz hat im April ein Baggerder schönsten Urstromtäler Nordeuropas.Republik. Viele stammen aus der Zeit, als niedergerissen. Grellenberg fiel von allein Mit seinen Türmen und Giebeln könntedie Landjunker im 19. Jahrhundert ihreum. Dräger reagiert mit Frust – und das 1867 errichtete Bauwerk fast mit Neu-Erträge mit der Einfuhr von Vogelkot-Dün- streicht die Ruinen von der Denkmalliste: schwanstein wetteifern – wenn es nichtger (Guano) explosionsartig steigerten. „Wir brauchten einen Rettungsfonds fürso verlottert wäre. Doch die Pracht ist verschlissen. Erst-akute Bauschäden.“ Düster und dunkel, auf 2200 Quadrat-mals hat das Landesamt für Denkmal-Während Berlins Elite gern auf Sardi-meter ziehen sich die Ballsäle und Zim-pflege in Schwerin jetzt Bilanz gezogen nien urlaubt oder verfallene Weingütermerfluchten hin. Fenster sind mit Bret-und sein bröckelndes Erbe gesichtet. Er-in Südfrankreich aufmöbelt, verkommttern vernagelt. „Der jetzige Besitzer woll-gebnis: Über 400 Feudalbauten sind in vor der Haustür das geschichtliche Erbe.te hier ein Seniorenheim einrichten“,keinem guten Zustand, müssen saniert Zwar rückten nach der Wende vieleerzählt Stoll. „Die alten Leute solltenwerden oder fallen gerade auseinander.Liebhaber alten Stucks an und wandelten Trecker fahren und Marmelade kochen.“ Beatrix Dräger von der „Dezernats- zerschlissene Adelssitze in Museen, Al-Der Plan scheiterte.gruppe Denkmale im ländlichen Raum“ tenheime oder Suchtkliniken um. Wie ge-Derlei verquaste Nutzungskonzeptebreitet eine Landkarte aus, auf der es vonschmiert lief auch die Hotel-Idee: Vommuss sich die Maklerin immer wiederrosa Schlosssymbolen wimmelt. Insge-Schaalsee bis zur Oder werden heute Gäs-anhören: „Oft kommen Privatleute, diesamt sind es 203 Markierungen. „Rosate in Beletagen gelockt, in denen schon von einem Leben wie bei Rosamundesteht für Leerstand“, sagt Dräger.Kaiser Wilhelm nächtigte. Pilcher träumen“, erzählt sie. 2000 Qua-dratmeter Wohnfläche würden solcheRomantiker nicht abschrecken: „Die sa-gen: ‚Unsere Schwiegereltern ziehen jamit ein.‘“ Aber auch gewerbliche Nutzer liegennicht selten daneben. Als die TreuhandFOTOS: BEN BEHNKE / DER SPIEGELdie Liegenschaften nach 1990 billig ab-stieß, griffen viele Schaumschläger zu.Der eine projektierte ein Kinderhotel, derandere einen Swingerclub auf vier Eta-gen. Blühende Geschäfte versprachen dieGlücksritter. Am Ende verfiel alles. Das Barockschloss Bothmer, gelegenSchloss Ivenack, Eingangsportal: Ruiniertes Rittergut auf einer 345 Meter langen künstlichenD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2127
  • 98. Und doch gibt es sie, die neuen Siedlerund Kolonisten, die sich gegen den Trendstemmen und versuchen, weiterer Ab-wanderung und einer Verödung der hei-mischen Scholle zu trotzen. Eine neue Gründerzeit müsse her, for-dert etwa Burghard Rübcke von Veltheim.Mit Schwielen an den Händen sitzt dergrauhaarige Herrscher von Schloss Quit-zin am lodernden Kamin und sagt: „DuFOTOS: BEN BEHNKE / DER SPIEGELmusst dich zu dem Land bekennen undhier leben wollen.“ Der Mann ist eigentlich Pfarrer. Nachder Wende besuchte er erstmals den Jagd-sitz seiner Vorfahren – und war scho-ckiert. Auf dem Dach lag Wellblech, dieFenster waren zum Teil zugemauert.Schloss Quitzin, Eigentümer Rübcke von VeltheimRübcke wollte zurückkaufen. Bei ei-Der Gottesmann zog in die Bruchbude nem Dorftreffen blickte er in die gegerb-ten Gesichter bildungsferner Erntehelfer habe ich auf dem Dachboden des Schlos- und Mähdrescherfahrer. „Ihr müsst uns ses gespielt, es gehörte meinem Onkel“,willkommen heißen und unsere Kinder erzählt sie, „wir fuhren Kutsche, es war annehmen“, sagte er, „sonst kommen wir die schönste Zeit meines Lebens.“ Nunnicht.“ wächst Gras im alten Zierteich. Aus Kase- Nach einigem Zögern gab ihm der matten strömt muffiger Geruch. Dorfchef, ein Schmied, die Hand undZur Ehrenrettung des Eigentümers seinickte. gesagt, dass Ivenack schon in den zwan- So zog der Gottesmann in die Bruch- ziger Jahren des 20. Jahrhunderts zeit-bude im Niemandsland um. Aus der Was- weise leer stand. Am Ende des Zweitenserleitung floss bräunliches Wasser. Die Weltkriegs hausten Flüchtlinge darin. In Familie schlief auf Feldbetten. Rübcke der DDR diente der Bau als Altenheim.fuhr Trecker, schulte auf Landwirt umDerlei Schicksale bis hin zur sozialisti- und hob in Eigenarbeit den neuen Dach- schen Kaputtnutzung durchliefen fast allestuhl empor. Er pflasterte, er grub, er Ostschlösser. Lädiert erreichten sie die mauerte und pflanzte. Halbtags betrieb Wendezeit. Leider ging der Verfall da- er weiter Seelsorge. nach oft noch schneller voran. In Ivenack Heute ist das Schloss ein Juwel, umge-Insel, geriet für den symbolischen Preis hat jüngst ein Sturm Löcher ins Dach ge- ben von Grünland und wogenden Getrei-von einer Mark in die Hand eines kauzi-rissen. Mit jedem Regenguss prasselt Was-defeldern.gen Politologen aus dem Westen – und ser in das Rittergut. Eichenbalken mo-„Zum Schwarzsehen besteht keinverkam.dern, an Türzargen blühen Pilze. Grund“, sagt der Pfarrer. Er sieht die Ge- Laut Denkmalbehörde stehen derzeit Zwar gibt es für jeden Eigner eine „Er- gend trotz aller Probleme im Aufwind:121 der unbewohnten Schlösser „ohnehaltungspflicht“. Kümmert er sich um Sein Schlosskollege Kunert spricht garPerspektive“ da. Ihnen droht der meteo-nichts, kann die Behörde auf eigene Faustvon einem „Boom“.rologische Abriss: die Vernichtung durch Instandsetzungsarbeiten durchführen. Da-In begehrten Ecken steigt bereits dieWind und Wetterfür aber müsste sie finanziell in Vorleis- Nachfrage. Selbst aus dem entlegenen Am schlimmsten ist es in Ivenack. tung treten. Davor scheuen die klammen Anklam meldet die Maklerin Stoll reges Die riesige barocke Gutsanlage (Akten-Gemeinden meist zurück. Dräger: „Wir Interesse – schon wegen der verlocken-vermerk: „außerordentlich hoher ge-sind zahnlose Tiger.“den Preise. Ihr günstigstes Angebot istschichtlicher Dokumentationswert“) er-Bei einigen Gemeinden ist die Wut soein verfallenes Anwesen im englischenstreckt sich über zehn Fußballfelder. Es groß, dass sie sich wehren. Der Käufer Landhausstil mit 40 000 Quadratmetergibt ein Schloss, eine Kirche, Teehaus,des Herrenhauses Johannstorf wurde Land: Es kostet 35 000 Euro.Orangerie, Marstall und ein Verwalter- kürzlich gerichtlich gezwungen, die ver-Hat die geschundene Region also diegebäude. Um das Jahr 1750 lebte auf demwahrloste Immobilie für 108 000 Euro anTalsohle durchschritten? Klar ist: DieAnwesen ein Reichsgraf, dem 2000 Leib- die Stadt Dassow zurückzugeben.Sonne scheint auf Mallorca auch nichteigene zuarbeiteten.Doch das sind Ausnahmen. Die Denk-schöner. Meck-Pomms Sandstrand ist fein Die Vollblutzucht des Guts war be-malämter träumen nach wie vor vomund weiß, die Tierwelt einzigartig.rühmt. Napoleon ließ hier den Hengst guten Investor. Kunstsinnig soll er sein, „Hier wird nichts veröden“, sagtHerodot stehlen. Der Dichter Fritz Reuterfinanzstark und so masochistisch veran-Rübcke von Veltheim und stapft zum Ab-verglich den entlegenen Ort mit einerlagt, dass er gern mürbe Holzgauben ent- schied seine gepflasterte Auffahrt zum„schlummernden Najade“.wurmt und aus Authentizitätsgründenschmiedeeisernen Gatter hinauf. Ent- Heute sieht Ivenack aus wie das bibli-aufs Einsetzen von Fensterdichtungen schlossen blickt er über das weite vor-sche Sodom, nachdem Gott es mit Feuerverzichtet.pommersche Land – fast so, als wollte erund Schwefel strafte. Der Grund: Seit Nur, wo sollen all diese Liebhaber her- gleich einen Apfelbaum pflanzen.1999 gehört das Anwesen einem Parkett- kommen? Wie lassen sich die Gemäuer Dann sagt der Pfarrer: „Deutschlandfabrikanten aus Stuttgart, dem alsbald sinnvoll nutzen? Das Bundesland ist arm, ist viel zu stark industrialisiert und be-das Geld ausging.aber nicht sexy. Dem einen liegt es zu siedelt. Weiße Flecken werden wir uns Bei einem Ortsbesuch ringt Marion von abseits, dem anderen ist die Ostsee zu nie leisten können.“Keller, 72, mit den Tränen. „Als Kindkalt.MATTHIAS SCHULZ128 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 99. Technik Mit dem Ziel des Hybrid-Prinzips, nen- von Spa im Mai, eine Art Generalprobe AU TOM O B I L E nenswerte Verbrauchssenkungen zu er-für Le Mans. Die Version mit Hybrid- Elektrischezielen, hat dieses kurzatmige Strom-Ping- Antrieb war dort haarscharf unterlegen,pong nichts zu tun. Das Reglement er- was Ullrich vorwiegend auf die unter-laubt einen Elektroschub von maximalschiedliche Reifenwahl bei wechselndenSchubser500 Kilojoule, gerade ausreichend, um Wetterverhältnissen zurückführt. In sei-für drei Sekunden 200 zusätzliche PS an ner schnellsten Runde jedoch absolviertedie Antriebsräder zu schicken. Der Leis-der Hybrid-Audi die Sieben-Kilometer-tungsgewinn ist marginal: Die Haupt-Strecke um gut eine halbe SekundeMit Hybrid-Autos wollen Audimotoren – bei Toyota ein Benziner, beischneller als das Bruderfahrzeug ohneund Toyota das Ausdauerrennen Audi ein Diesel – leisten dauerhaft überElektrohilfe. Auf der knapp doppelt sovon Le Mans gewinnen. 500 PS und dürften im Renneinsatz 40langen Rundstrecke von Le Mans schätztbis 50 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer Ullrich den technischen Vorteil auf eine Macht die Spritspartechnik die verbrennen. Sekunde. Wagen auch schneller? Die elektrischen Schubser machen dasUnklar ist indes, wo Toyota steht. DerAuto nicht spürbar sparsamer, unter Um- japanische Riesenkonzern, bekannt fürUm das 24-Stunden-Rennen von Le ständen aber ein klein bisschen flotter. hohe Qualität und Innovationskraft im Se-Mans zu gewinnen, bedarf es zu- „Das Potential zum Schnellerfahren istrienbau, hat im Rennsport wenig Fortune.verlässiger, wenn auch nicht weg- durch das System gegeben“, erklärt Audi-Im vergangenen Jahrzehnt verschwendeteweisender Technik. Es gewann dort schon Sportchef Wolfgang Ullrich. Toyota über zwei Milliarden Euro an ei-ein Auto mit Kreiskolbenmotor;nen erfolglosen Formel-1-Auf-ein Durchbruch dieses Maschi- tritt. „Ein Stück Wehmut hängtnentyps im Serienbau blieb bisnoch nach“, meint Rob Leupen,heute aus.Direktor bei der Toyota Motor- Inzwischen dominiert Audisport GmbH in Köln.das Ausdauerrennen südlich der Das weniger aufwendige Le-Normandie mit Aggregaten, die Mans-Engagement soll diefrüher eher Traktoren und Last- Schmach nun lindern – es be-wagen antrieben: Sechsmal ingann aber gleich mit einemFolge triumphierten Diesel- schweren Trainingsunfall, beiRennwagen in Le Mans, fünf- dem das Monocoque des Renn-mal davon die Modelle der VW- gefährts beschädigt wurde. GERARD JULIEN / AFPTochter.Toyota konnte deshalb in Spa In diesem Jahr soll nun erst-nicht teilnehmen und bringt denmals ein Öko-Antrieb Renn-Hybrid somit ohne Rennerfah-ruhm erlangen: Audi und Toyo- rung nach Le Mans, gleichwohlta treten in Le Mans mit je zweiaber mit erbittertem Siegeswil-Hybrid-Rennwagen an.len. „Es ist unser klares Ziel“, Die Kombination aus Verbren- sagt Leupen, „als Erster mit ei-nungs- und Elektromotor gilt alsnem Hybrid-Fahrzeug Le MansSparwunder und Schlüsseltech- zu gewinnen.“nik auf dem Weg zur Elektromo- Weder Toyota noch Audibilität, scheint jedoch eher unge-geht es dabei um eine konstruk-eignet für den Renneinsatz. Der tive Weiterentwicklung derphysikalische Clou des HybridsSpartechnik; es geht um Marke-ist seine Fähigkeit, Bremsenergie ting. Der Hybrid-Pionier Toyotain einer Batterie zu sammelnmag diesen Triumph nicht aus-und beim Beschleunigen wieder gerechnet einem Herstellerabzugeben; das spart Kraftstoff überlassen, der bisher sehr we-und funktioniert besonders gutnig für die Entwicklung diesesbei defensiver Fahrweise. Mischantriebs geleistet hat. Der Rennbetrieb hingegen ist Hybrid-Rennwagen von Toyota, Audi: Pingpong mit StromAudi nutzt den Wagen alsein frenetisches Wechselspiel Werbeträger für andere Felder:aus Vollgas und Vollbremsung. Eine Bat-Ullrich sieht den Hauptvorteil vor al- Er wird als „e-tron quattro“ antreten, sollterie kann in diesem Tempo kaum Ener- lem bei Regen, da der Elektroantrieb desalso Audis Verdienste um Elektro- undgie aufnehmen. Die Hybrid-Renner wer- Audi auf die Vorderräder wirkt und demAllradantrieb illustrieren, Techniken, dieden deshalb mit völlig anderen Strom- sonst heckgetriebenen Rennwagen vor-dieser Rennwagen nur als Marginalien intanks ausgestattet sein.übergehend die Vorzüge eines Allrad-sich trägt. Sein Sieg wäre doppelte Rekla- Audi setzt einen Schwungrad-Speicher autos verleiht. Der „Teilzeit-quattro“ (Ull-me – mithin die perfekte Illusion techni-ein, der ursprünglich von Williams für rich) kann somit auf nasser, rutschigerschen Fortschritts.die Formel 1 entwickelt wurde. Der beim Fahrbahn zügiger beschleunigen, jeden-CHRISTIAN WÜSTBremsen generierte Stromstoß bringt falls für einen kurzen Moment.darin einen Rotor auf extreme Dreh-Audi wird den Effekt sogar exakt be-zahl. Zum Beschleunigen wird umge- ziffern können, da im Team zwei Refe- Video:schaltet und Strom für den Antrieb ge- renzautos ohne Hybrid-Installation mit- So sehen die Hybrid-nutzt. In den Toyotas wiederum fangen fahren, die sonst vollkommen baugleich Rennwagen ausKondensatoren die Bremsenergie blitz- sind und ebenfalls in Le Mans antreten Für Smartphone-Benutzer:artig ein und geben sie ebenso rasch wie- werden. Dass der Unterschied winzig ist, Bildcode scannen, etwa mitder ab. zeigte bereits das Sechs-Stunden-Rennender App „Scanlife“.D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2129
  • 100. HBO/PHOTOFEST „Girls“-Darstellerinnen Allison Williams, Jemima Kirke, Dunham, Zosia MametFERNSEHENManhattan, hatten meist glamourösen Sex. Es war eine verlo-gene Welt, die auch dadurch nicht wahrhaftiger wurde, dassSchock and the Citydie Serie sie immer wieder ironisch brach. Die vier Mädchenaus „Girls“ aber sind aus Geldmangel nach Brooklyn ausge-wichen. Für die Hauptfigur Hannah, 24 – gespielt von LenaDunham, die gleichzeitig die Erfinderin, DrehbuchschreiberinDie neue amerikanische HBO-Fernsehserie „Girls“ liefert die und Regisseurin der Serie ist –, ist Sex nur noch BedrohungBestandsaufnahme eines modernen Überlebenskampfs – vonaus Geschlechtskrankheiten, ungewollten Schwangerschaftenjungen, gutausgebildeten Menschen zwischen unbezahltenund Unterwerfung, und das New York, das die Serie zeigt,Praktika, Neurosen und desillusioniertem Sex. Die Serie überhat nichts mehr von dem einstigen Versprechen, dass jede esvier junge Frauen in New York ist schockierend, komisch und hier zu etwas bringen könne. Immerhin sind seit den lustigenvon lakonischer Schonungslosigkeit – und als Referenzrahmen Geschichten von „Sex and the City“ diverse Finanz- unddient ihr eine andere HBO-Produktion: „Sex and the City“, Schuldenkrisen über die Stadt gekommen. „Girls“ zeige dasdie vor gut zehn Jahren aus dem Leben von vier nicht mehr Leben, als würde man es als eine Art frühe Rohfassung leben,ganz so jungen New Yorkerinnen erzählte. Diese Frauen hat-schrieb die Zeitschrift „New York“. Ab Herbst zeigt der deut-ten noch Jobs in Medien oder Werbung, sie lebten in Lofts insche Bezahlsender Glitz die Serie.MASSENPSYCHOLOGI E Spiele von 1936 und dem Münchner OlympiastadionMacht und Rausch der „heiteren Spiele“ von 1972. Wie also lassen sich Menschen lenken, etwa inPünktlich zum Beginn der Fußball-einer Arena in Pjöngjang,Europameisterschaft und mitten hineinoder: Wie geraten sie außerin die Diskussion um Ultra-Fans undKontrolle wie vor kurzembengalische Feuer eröffnet Kulturstaats- beim Bundesliga-Relega-minister Bernd Neumann diesen Diens- tionsspiel in Düsseldorf?tag in der Berliner Akademie der Küns- Politisch ist dazu viel gesagt,te eine Ausstellung zum Thema „Cho-meistens: Hooligans sindreographie der Massen“. Der Architektschuld. Wer aber, wie dieVolkwin Marg vom Büro von Gerkan,Kuratoren, das Stadion „alsMarg und Partner sowie der Architek- bauliche Reflexion sozialerturhistoriker Gert Kähler erforschen inOrganisation“ begreift,CONTRAST / IMAGOTon und Bild ästhetische, soziale undkommt möglicherweise zupsychologische Aspekte des moderneneinem anderen Schluss: SagStadionbaus. Gleichzeitig widmen sie mir, wie du baust, und ichsich zwei Beispielen der Geschichte, sage dir, wie sich die Men-dem Berliner Olympiastadion der Nazi-Fans des FC St. Pauli schen verhalten.130 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 101. Szene Kultur KINO IN KÜRZE„Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief undsein Operndorf in Burkina Faso“. UNIVERSUM FILMEin heiliger Narr sucht und findet einen Gral – das ist dasThema von Sibylle Dahrendorfs Dokumentarfilm über das Afri-ka-Projekt von Christoph Schlingensief. Die Regisseurin zeigtden Künstler, wie er 2009, ein Jahr vor seinem Tod, nach Bur-kina Faso reist. Dort, unweit der Hauptstadt Ouagadougou, „Deutschland von oben“ könnte kaum besser aussehensuchte Schlingensief einen Standort für sein sogenanntesals in diesem Film. Die Dokumentarfilmer Petra Höfer undOperndorf aus, das einmal ein Gesamtkunstwerk aus Schule, Freddie Röckenhaus („Terra X“) fliegen über ihre Heimat, um-Krankenstation und Festspielhaus werden soll. Dahrendorfkreisen die Gipfel der Alpen, gleiten über das Wattenmeer,filmt burkinische Musiker, die Ankunft der ersten Container manchmal setzen sie auf dem Boden auf, um sich die deut-mit Theaterstühlen und den Architekten Francis Kéré bei der schen Städte genauer anzusehen. Der mit einem Off-Kom-Arbeit. Und sie lässt anlässlich der Eröffnung der Operndorf- mentar versehene Film feiert Deutschland als eine wahreSchule im Oktober 2011 die Witwe des Meisters sprechenSchönheit. Vorbei die Zeiten, in denen Günter Wallraff in sei-sowie die Anwohner der Opernsiedlung. Dah-ner Dokumentation „Ganz unten“ Bergarbeitern in die Tieferendorfs Film ist voller Neugier, komisch,folgte und Deutschland schwarzmalte. Aus der Höhe wirkenanrührend und ziemlich chaotisch – und gera-selbst Tagebaugruben, Autobahnkreuze und Stahlwerke gran-de darum der Arbeit des Künstlers, dessen dios. Doch nach fast zwei Stunden Bilderpracht und dröhnen-Sterben und Vermächtnis er dokumentiert,der Musik fühlt sich der Zuschauer wie nach einer Dauerwer-sehr nah. besendung für ein Produkt, das ihm im Grunde schon gehört.NACHTLEBEN teten an, nach eher willkürlichen Kri-er, wie ein Lude ihn nach Dienst- terien auszuwählen, wem Einlass zuschluss umbringen wollte, wie ein Son-Von Hasen und Hühnerngewähren sei und wem nicht. „Sie hassten uns. Die meisten Leute hielten mich und meinen Kollegen für Kotz- dereinsatzkommando der Polizei vor dem P1 anrückte, als der Rapper Coo- lio am Tischkicker wirbelte – und wasFür 200 D-Mark Honorar hing einbrocken, denen es Spaß bereitete, mit man im P1 gern sah und was nicht:Jesusdarsteller acht Stunden lang am brachialer Autorität über den Fortgang„Hey, in Wahrheit fanden wir es alleHolzkreuz über der Tanzfläche, darun-der Nacht zu richten“, erzählt Gunsch-geil, wenn es tolldreiste P1-Menschenter hüpften Männer in Toga-Tüchern mann. Diese Einschätzung ist nichtauf den Toiletten trieben. Ficken istund ein paar „süße Schwabinger Stu-völlig falsch. Anekdotenselig schildert immerhin besser als Koksen.“dentinnen“, kostümiert „als lasziveRömerinnen mit Kleidchen aus Nichts“– von solchen Aufregungen, die tat-sächlich in den achtziger Jahren fürBoulevardschlagzeilen sorgten, berich-tet ein neues Buch über den einstmalsberühmtesten Tanzclub in Deutsch-land: das im Münchner Haus derKunst untergebrachte P1. „Du kommsthier nicht rein! Der Mann an der här-testen Tür Deutschlands packt aus“, soAMW / INTERFOTOHUG / INTERFOTOsind die Erinnerungen des langjähri-gen Türstehers und zeitweiligen Ge-schäftsführers Klaus Gunschmann beti-telt (Heyne Verlag; 12,99 Euro). Junge P1-Gäste Frederic Prinz von Anhalt 1984, Jagger 1986Frauen heißen in diesem Buch „Ha-sen“ oder „Hühner“. In den Hauptrol-len: verkrachte Künstler, Zuhälter undSchlägertypen sowie eine stets in Su-perlativen gepriesene Kneipenbesat-zung. In Nebenparts aber treten Welt-stars auf wie Mick Jagger, Tom Cruiseoder Oliver Kahn. Gunschmann, 48,BENNO GRIESHABER / VISUMerzählt in einer sehr münchnerischenMischung aus Selbstbegeisterung undFELIX HÖRHAGER / DPALeser-Ankumpelei von den Jahren ab1983, als der Junggastronom MichaelKäfer das P1 übernommen hatte: An-geblich als erster Disco-Betreiber inDeutschland wies er seine Türbediens-P1-EingangNoah Becker als DJD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2131
  • 102. BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO/DER SPIEGEL (O.R./U.); VU GIANG HUONG (O.L.) Documenta-Beiträge von Lê, Durant, Boghiguian (u.): Mit Optimismus gegen Nationalismus, Krieg und Todesstrafe 132 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 103. KulturKUNST Die perfekte Welle Am Wochenende startet die 13. Documenta. Erwartet werden eine Million Besucher. Mehr als 180 Künstler nehmen teil, der größteStar aber ist die Ausstellungsleiterin Carolyn Christov-Bakargiev.D as zweitbrutalste Kunst-der beste ist, auch um den Zu- objekt dieser Documen-stand der Kunst, und darum, ta wird sich schnell zu wie das alles zusammenhängt.einem der Lieblingswerke der Diese Schau ist eine Beschwö-Besucher entwickeln. Es stehtrung der Kunst. Ihr und nur ihrin der idyllischen Karlsaue am wird die Kraft unterstellt, dieEnde einer Allee und vor ei- Konflikte und Traumata diesernem See. Die riesige Konstruk- Welt lösen und heilen zu kön-tion aus hellem Holz ähneltnen. Diese Documenta neigteinem Klettergerüst und besitztmehr als alle Vorgängerveran-eine erhöhte Plattform. Dort staltungen zur Überhöhung ih-oben kann man sich ausruhen, rer selbst – und natürlich zu derden Ausblick genießen und viel-ihrer Macher.leicht sogar die Kunst verges-Schon die Weise, wie diesen. Davor hat ein Eisverkäu-Werke inszeniert werden, ver-fer seinen Stand, aber das ist rät viel. Die Arbeiten dürfenZufall.viel Raum einnehmen, so als Man sieht dem Gebilde nicht müsse jedem Objekt noch Platzsofort an, dass es ein Schafottfür seine Aura zugestandensein soll, dass es aus Nachbau-werden. Manche Präsentationten von Galgen besteht – wie wirkt weihevoll. Zu den übli-von jenem, der schon 1863 in chen Standorten Museum Fri-den USA benutzt wurde, um 38 dericianum, Documenta-Halle,Dakota-Indianer hinzurichten,Orangerie und Hauptbahnhofoder von dem, mit dem 2006 kommen eigens errichtete Holz-im Irak Saddam Hussein getö- häuser zwischen den Bäumentet wurde. der Karlsaue hinzu, die moder- Das Werk des Amerikanersne Kapellen sein könnten.OLIVER MARK / AGENTUR FOCUSSam Durant, 50, zur Todesstra-Die Leiterin Christov-Bakar-fe ist schlicht und irreführend, giev sitzt in ihrem Büro, bieteteine großartige Arbeit. Schwe- Tee an, in der Ecke liegt ihrrer auszuhalten dürfte die Vi- Malteserhund. Draußen ver-deoprojektion des Libanesenwandelt sich Kassel in die wich-Rabih Mroué, 44, sein, die die tigste Kunstschau der Welt. SieErmordung von Regimegeg- Documenta-Chefin Christov-Bakargiev: Abdrücke ihrer Ansichten spricht von Michel Foucault,nern in Syrien dokumentiert. von Andy Warhol und auch da-Einige der Aufnahmen stammen von den ler Hoffnung, auch Optimismus.“ Viel- von, dass sie keine Apple-Produkte ver-Handys der Erschossenen. leicht sollte man daher an dieser Stelle wende, weil ihr die Politik dieses Kon- Oppositionelle filmten Todesschützen, den fast fertiggestellten Skulpturengarten zerns nicht gefalle.sie filmten noch in dem Moment, als dann für Menschen und Hunde erwähnen. Es ist ihre Documenta, die da entsteht:auf sie selbst gefeuert wurde. Die Auf- Oder die ästhetisch perfekte Welle, die Ausdruck ihres kuratorischen Selbstbe-nahmen fanden ihren Weg zu YouTube ein Künstler in einem minimalistischen wusstseins und ihres moralischen Sen-und von dort zu Mroué. Am verstörends- Bassin hin- und herschwappen lässt, er- dungsbewusstseins, Abdruck ihrer An-ten ist womöglich, dass der Künstler eini- zeugt durch einen künstlich hergestellten sichten und ihrer Weltanschauung. Mange Bilder seiner Videos ausdruckte und Mini-Tsunami. wird nach der Eröffnung am Samstag we-daraus ein Daumenkino bastelte. Eine ab-Nur: In großem Maßstab würde er eine niger über eine politische Kunst sprechensurde Spielerei. Katastrophe auslösen. Und auch das Vor- als über eine Kunst, die für eine gewisse Am kommenden Wochenende beginnt haben einer Künstlerin, die Erdatmosphä- Haltung steht. Und das ist die Haltungdie 13. Ausgabe der Documenta. Und ih- re zum Welterbe erklären zu lassen, zeugt der Kuratorin.re Leiterin, die Amerikanerin Carolyn zwar von Hoffnung – doch ist sie mitIhre Liste verzeichnet 188 Teilnehmer,Christov-Bakargiev, legt viel Wert auf die ihrem Anliegen, natürlich, gescheitert. etwa 160 Werke wurden neu produziert,Feststellung, dass es kein düsteres Erleb-Es geht also um viel auf der Documen- also von ihr bestellt. Einige Arbeiten wür-nis sein wird. „Diese Documenta ist vol- ta 13. Um den Zustand der Welt, der nie den ohne ihren Einfluss – oder jedenfallsD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2 133
  • 104. Kulturohne ihre Anregungen – wahrscheinlichanders aussehen. Sie fragt nach den Be-dingungen, unter denen Kunst in diesenZeiten entsteht. Sie nennt Stichworte wie„unter Belagerung“ oder „im Zustand derHoffnung“, sie kommt durchaus auch zusprechen auf das den Künstlern aufge-zwungene Gefühl, sich wie auf einer Büh-ne bewegen zu müssen – gerade in Kassel.Doch was ist mit ihrer eigenen Rolle, derRolle der Ausstellungsmacherin? Kuratoren sind die wahren Stars desKunstbetriebs. Sie sind nicht mehr ein-fach nur die Leute, die dafür sorgen, dassdie von ihnen ausgewählten Künstlerpünktlich liefern. Die Zahl von Überblicksschauen zurzeitgenössischen Kunst nimmt allgemeinzu. Und die Documenta, die alle fünf Jah-re in Kassel stattfindet, ist das Vorbild fürdie dominierende Form der Kunstpräsen-tation: Man zeigt möglichst viele Werke,100 oder gar 200 – und die inhaltlicheKlammer besteht darin, dass diese Arbei-ten den Geschmack des Kurators treffen,dass sie seinen Thesen entsprechen. DieSubjektivität in der Kunst ist längst diedes Kurators. Er ist der Visionär, dieAvantgarde. Carolyn Christov-Bakargiev ist 54 Jahrealt. Ihr Vater war ein Arzt aus Bulgarien,ihre Mutter eine italienische Archäologin.Sie ist in den USA geboren, hat Literaturund Kunstgeschichte in Italien studiert,als Journalistin gearbeitet. Sie war Kura-torin in New York, auch in Turin, sie hatals Leiterin der Kunstbiennale in Sydneydie Besucherzahlen um 38 Prozent auf436 000 gesteigert, und nun will sie zumersten Mal bei einer Documenta mehr alseine Million Kunstinteressierte nach Kas-sel locken. Das wären 250 000 mehr als2007 bei ihrem Vorgänger Roger Buergel,dem damit bereits ein Rekord gelang. Sieerwähnt das mit der Million gleich zu Be-ginn des Gesprächs, ganz unbescheiden. Viel von dem, was nun in Kassel zumkünstlerischen Motiv wird, lässt sich ausder Biografie der Kuratorin ableiten. IhreDocumenta-Werke von Rakowitz, Favaretto, Mroué, Wedemeyer (r.): Weihevolle PräsentationenMutter versammelte in Washington Geg-ner des Vietnam-Kriegs um sich. Ihr Vater stücke, sondern die privaten Skizzen: mu- Sie bildeten Bücher nach, oder doch we-flüchtete aus seiner Heimat Bulgarien.sizierende Soldaten; Männer, die lesen, nigstens deren Form, die 1941 verbrann-Das Engagement des Einzelnen, die er- schreiben, baden; Frauen in ziviler Klei- ten, als Bomben die Bibliothek im Kasse-zwungene Wurzellosigkeit vieler Men-dung und mit Gewehr in der Hand. Dasler Fridericianum trafen.schen, die in dem Bewusstsein leben, an Alltägliche aber passt nicht zum Krieg,Rakowitz hat alte Fotos gesehen, dar-einem Ort sein zu müssen und an einem es lässt ihn noch grotesker erscheinen, auf Kinder, die versuchen, Bücher zu ret-anderen Ort sein zu wollen, das sind fürund so werden die Bilder zu Mahnmalen.ten. Ihn habe das sehr bewegt, sagt er.sie Themen.Es sind nicht die einzigen. Michael Ra-Nun hat er einige der Bücher ins Frideri- Diaspora-Künstler nennt Christov-Ba- kowitz, 38, ist ein Amerikaner mit jü-cianum zurückgebracht, oder zumindestkargiev Leute wie den gebürtigen Viet-disch-irakischen Wurzeln. Vor ein paarihre Stellvertreter aus Stein. Man kannnamesen Dinh Q. Lê, 44. Seine Familie Monaten hat er begonnen, in Afghanistan sie nicht lesen, aber sie zeigen den Verlustflüchtete in den späten siebziger Jahreneinheimische Studenten in der Steinbild-von Kultur durch Krieg.über Thailand nach Amerika. Dort lebtehauerei zu schulen. Er unterrichtete sie In den USA ist Rakowitz vor allem we-er seit dem Teenageralter, kehrte späterin Bamian, in dem Tal, wo die Taliban gen seiner „Enemy Kitchen“ ein Begriff.in seine Heimat zurück und gründete ein 2001 die weltberühmten, 1500 Jahre altenEr kocht irakische Rezepte nach, in Schu-Kunstzentrum. In Kassel wird er Zeich-Buddha-Statuen sprengten. len, Universitäten, Ausstellungen. Zuletztnungen von alten Vietcong-Kriegsmalern Ausgerechnet dort, in Afghanistan, er- mietete er für seine „Feindesküche“ ei-ausstellen, und zwar keine der für die Öf-schufen sie aus Bamian-Stein neu, was nen Truck. Irak-Kriegs-Veteranen helfenfentlichkeit entstandenen Propaganda- einst in Deutschland zerstört worden war. darin beim Zubereiten der Speisen. Er134 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 105. für Mädchen. Eine Journalistin namensUlrike Meinhof prangerte Ende der sech-ziger Jahre in einem Rundfunkbeitrag diedortigen Missstände an. Auch dieses En-gagement für die der Gewalt ausgesetztenMädchen führte zu Meinhofs politischerRadikalisierung. Es ist ein Ort der Unterwerfung, desAusschlusses, der Vernichtung. Die Grün-dung einer psychiatrischen Anstalt sollte1974 ein Neuanfang sein. Christov-Bakargiev sagt, sie mache kei-ne Ausstellung zum Thema Gefängnisse,aber wenn man Breitenau kenne, erfahreman eine Menge über ihre Documenta.Breitenau ist womöglich sogar das Zen-trum, das dann doch düstere Herz dieserSchau. Clemens von Wedemeyer, derdeutsche Filmkünstler, hat für die Aus-stellung ein Videotriptychon über Brei-tenau geschaffen und damit ein Werk zurdeutschen Geschichte. Christov-Bakargiev hat an alles undjeden gedacht, ihre Documenta ist intel-lektuell genug für die Intellektuellen,feministisch für die Feministinnen, mas-sentauglich, emotional, gelegentlich er-staunlich naiv, sie ist sogar tierlieb undüberhaupt ganzheitlich. Das Essen wirdbiologisch sein, das Papier der Katalogeumweltfreundlich. Sie hat arrivierteKünstler geladen wie William Kentridge,Pierre Huyghe und Rosemarie Trockelund solche, die echte Entdeckungen sind.FOTOS: BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL (O.L./M.L./R.)Etwa die ägyptische Künstlerin AnnaBoghiguian, die 65 Jahre alt ist und außereiner Installation expressive autobiogra-fische Zeichnungen zeigt. Einige fast ab-strakt, andere schemenhaft. Worte wie„Nationalismus“ tauchen auf, manchmalFotos von Reisen durch die ganze Welt.Kunst im alten Sinne, Kunst, die entsteht,weil der Künstler nicht anders kann. Alles ist ausbalanciert. Dass mancheKunstwerke schwächer sind als andere,dass eine Landschaft aus Schrott – kom-poniert von der Italienerin Lara Favaret-to – zwar imposant und bedrohlich, abermit viel Platz für die Aura auch ziemlich plakativ wirkt, ist das klei-nere Problem.könnte von der Kocherei wahrscheinlichStars der Kunstwelt geführt werden.Das größere besteht darin, dass dieselängst leben, sagt er und lacht.Künstler sind, mehr denn je, Ideenliefe-Documenta so unbedingt alles richtig ma- Die Ästhetik ordnet sich bei den Do- ranten, Impulsgeber, Choreografen. Siechen will. In solchen Fällen springt dercumenta-Künstlern dem guten Zweck un- nähern sich der Arbeitsweise und demFunke schwerer über.ter. Das muss aber nicht gegen sie spre-Leitbild des Kurators an. AngekündigtFür die Stimmung sind manchmal Klei-chen. Gegenwartskunst darf wie bei Ra-worden war diese Documenta übrigens nigkeiten entscheidend. Gerade erst hatkowitz aus Stein gemeißelt sein und inals eine Schau ohne Konzept, ohne The-sich die Kuratorin – unter bundesweiteraltmodischen Vitrinen ausgestellt werden, ma. Nur ein Motto wurde genannt: „Zu- Beobachtung – mit einer nahen Kirchen-obwohl das anachronistisch wirkt. Kunst sammenbruch und Wiederaufbau“.gemeinde angelegt, weil die im Rahmendarf am Herd entstehen, sie darf aus Als Erstes führte Christov-Bakargiev einer eigenen Ausstellung eine SkulpturFundstücken bestehen, aus Zeichnungen,viele ihrer Künstler in eine Klosteranlageauf ihrem Kirchturm installiert hatte.die man nicht selber schafft, sondern bei nahe Kassel. Das Kloster Breitenau warChristov-Bakargiev aber befürchtete, manehemaligen Vietcong-Soldaten auftreibt. im 19. Jahrhundert in eine Besserungs-könne das Werk mit Documenta-KunstSie darf sich bei YouTube bedienen. anstalt für Bettler und Prostituierte um- verwechseln. Ihre Forderung nach Entfer- Der Künstler Tino Sehgal engagiertegewandelt worden, später richteten dienung dieser Figur wirkte überzogen, un-Tänzer, die auf die Bewegungen der Be-Nazis dort ein Konzentrationslager ein. geschickt.sucher reagieren werden, nennt diese Auf- 1952 – wenige Jahre vor der ersten, so Und nun gucken alle erst recht auf denführungen aber Skulpturen. Sehgal, 35,atemberaubend zeitgemäßen Documen-Kirchturm.gehört zu den Teilnehmern, die längst als ta – entstand dort ein UmerziehungsheimULRIKE KNÖFELD E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2135
  • 106. Kultur D E B AT T EDer neue Mensch Über die alberne Hoffnung auf eine Jugendrevolte im NetzVon Matthias MatussekHERMANN BREDEHORST / POLARIS / STUDIO X Delegierte beim Piraten-Parteitag: Ein Cybernauten-Traum von Erlösung und ewigem Leben im InternetW as an der Beschäftigung mit den Piraten wohl amMagazin, schwärmt von 3-D-Druckern, die Geschirr ausspucken meisten verstört, ist die Bereitschaft vieler Meinungs-und anderes Zeug, hat immer das „nächste große Ding“ im Vi- macher zur Regression. Was müssen wir mit unseremsier und sowieso das Gefühl, die anderen, die Unwissenden,Latein am Ende sein, wenn wir die Zukunft in die Hände dieser meilenweit abzuhängen.mal ratlosen, mal zynischen Rasselbande legen wollen. WirUnd plötzlich schweben Erfindungen wie „Liquid Democra-scheinen auf eine neue Jugendrevolte zu hoffen – wer kann cy“ über uns wie bunte Luftballons über einem ewigen Kin-schon den Kapitalismus leiden in diesen Tagen! Aber was für dergeburtstag und sollen die Welt retten.ein Trugschluss, sie unter den Piraten zu suchen. Der neue Sie geben sich kapitalismuskritisch, aber ihre Vorstöße zumMensch, der sich da so auffällig in Szene setzt, ist erst mal nur Urheberrecht sind nichts anderes als Aufstände aus der Weltein junger Mensch, der anders spricht und anders konsumiert.der Wohlstandsverwahrlosten, die alles umsonst haben wollen Eine ganze Gesellschaft lächelt nachsichtig über den Netz- und ergo diejenigen, die ihnen das verweigern, als „humorlos“revolutionär, um nicht als dumm oder gestrig oder dummgestrig beschimpfen. Die Autoren und Künstler, die sich mit ihremzu gelten. Der Streit ums Urheberrecht hat das einmal mehrAufruf gegen die Ideologie des Massenklaus zur Wehr setzten,vorgeführt. Stets geht es um diesen imaginären 17-Jährigenseien, so heißt es, aufgeblasen und machten Angst. Auf ihrem(oder noch Jüngeren), der mal einen Song „aus dem Netz“ her-Weg in eine grandiose Zukunft haben die Kids zwar noch keineuntergeladen hat und nun vor maßlosen Verfolgungen durchAntworten, aber sie fühlen sich den „professionellen Antwort-bösartige Inkassounternehmen geschützt werden soll. Ja, ein habern“ moralisch um Meilen voraus.ganzer rechtlicher Rahmen soll korrumpiert werden, um diesen Wie vor knapp einem halben Jahrhundert scheint der Jugend-Wohlstandsteenager zu schützen, der den neuesten Lady-Gaga- kult der wirksamste Schutz für jede Sauerei zu sein. In einerSong kostenfrei haben will. 101 Punkte umfassenden Liste zu einem neuen Urheberrecht Meistens stellt man ihn sich als umweltbewegten idealisti- meldeten sich 101 Piraten mit ihren Eingaben. Schon der zweiteschen Nerd ohne Taschengeld vor. Wieso eigentlich? Könnte Eintrag spricht mahnend davon, dass derzeit „Kids krimina-er nicht auch ein aufgepumpter Bully sein, der anderen Kindernlisiert werden, die nichts anderes tun als wir damals, wenn wirdas Handy wegnimmt? Kassetten auf dem Schulhof getauscht und kopiert haben“. Es Doch die Bullerbü-Version eines geistesgeschichtlichen Epo-sind doch Kinder, herrgottnochmal!chenwandels hält sich hartnäckig. Vielleicht weil auch die neu-Die Piraten formulieren ihre Bürgerverachtung mit der glei-en, jungen Netzmenschen ihren Jargon der Eigentlichkeit ha- chen Überheblichkeit wie die 68er. Der Unterschied: Damalsben. Es ist nicht das ontologische Murmeln Heideggers, sondernwurde gelesen, gelesen, gelesen. Ein Emblem der 68er war derdas genauso erratische Mechaniker-Gequatsche von Program- Büchertisch vor der Uni-Mensa mit, jawohl, den Raubdruckenmierern. Er, der Netzaktivist, liest das amerikanische „Wired“- von Benjamin, Trotzki, Bakunin, Adorno, Reich. Doch dieser136 D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 107. revolutionäre Bildungshunger etablierte tatsächlich einen Ka- Mitmenschen. Das Unrechtsbewusstsein schwindet, es sei denn,non unterdrückter Literatur. In der Copy-and-Paste-Kultur des es handelt sich um Politiker, die man nicht mag – dann bildenNetzes von heute dagegen wird nicht mehr gelesen, sondern die Plagiatsfahnder die allergehässigsten Jagdgemeinschaften.gescannt. Von Büchern bleiben Slogans und Klappentexte, und Dschon das ist eine Entwertung der Autoren.ie französischen Revolutionäre hatten im Urheberrecht Möglicherweise verdankt sich die dröhnende politische Leerenoch das Naturrecht und ergo: ein Menschenrecht er-aller Piraten-Verlautbarungen dieser feuilletonistischen Jagd nachkannt. Schon immer haben sich Autoren gegen dasdem neuesten Reiz. Dem nächsten Ding. Übrig bleibt das tauto- Pirateriewesen zur Wehr gesetzt. Charles Dickens zum Beispiel,logische „Dada“ der Netzavantgarde, die in erster Linie auf – der unermüdliche Agitator gegen die Elendsverhältnisse desdas Netz verweist. Sie macht ihre Methode zum Inhalt, und die- Frühkapitalismus, verwandelte seine erste Amerika-Reise inse Mechanik greift über auf andere Protestmilieus. In der New eine Kampagne gegen amerikanische Raubkopisten und machteYorker Occupy-Zeltstadt, dem Happening für Kapitalismuskri- sich die Nation zum Feind.tiker, war es die Methode des „menschlichen Megafons“, die Dickens genoss seinen Ruhm – und kämpfte um Honorare.gefeiert wurde, und nichts als das. Einer spricht vor, 5 sprechen Aber da wären ihm die Leviten gelesen worden von Pavel Mayer,nach, dann 50, dann 500. Dass auf diese Weise nicht mehr trans- einem Cheftheoretiker der Piraten: „Materielle Unzufrieden-portiert werden kann als die verkürzte Losung, macht nichts. heit bei den Wohlhabenderen ist primär ein Problem fehlgelei-Auf solchem Entdeckerniveau wird an der neuen Welt gebastelt. teter Willensbildung.“ Womit wir dann Bullerbü verlassen undEs ist das Theorieniveau des „Yps“-Magazins, das uns erklärte, uns direkt ins Reich der Umerziehungslager begeben.wie man mit einer Scherbe und einer Paketschnur Feuer macht. Mayer ist nicht irgendeiner. Er rühmt sich als Verfasser der In den albernen Trivialmythen der neuen Netznomaden flie- Abhandlung „Braucht die Welt die Piratenpartei oder die An-ßen unübersehbare Elemente der Science-Fiction-Literatur und kunft der zweiten postmateriellen Internationale“. Es geht darinder Comics zusammen. Die Kolumne des sicherlich amüsantesten – wie im ehrwürdigen „Kommunistischen Manifest“ – um nichtsNetzkolumnisten, des Irokesen Sascha Lobo, heißt: „Die Mensch- Geringeres als den Epochenwandel und den neuen Menschen.Maschine“. Darin steckt der Cybernautentraum von Erlösung Mayer ist ein erster Bewohner der postmaterialistischen Welt.und ewigem Leben im Netz, natürlich eine kindische theologische Er muss zwar weiterhin im Supermarkt einkaufen und bezah-Travestie, die aber unendlich viele Phantasien befeuert. Der len (warum eigentlich?) und wahrscheinlich auch aufs Klo undneue, der erlöste, der gerechtfertigte Mensch ist der verkabelte ganz gewöhnliche Grippen durchstehen, aber ansonsten ist er –– erste Exemplare lassen sich auf den Parteitagen der Piraten frei! O-Ton Mayer: „Die Piraten sind sogar derart postmateria-hinter dem Kabelsalat ihrer Rechner be- listisch, dass man wohl treffender densichtigen. Die reale Welt, das ist derBegriff ‚Immaterialisten‘ für die Piraten-Grundverdacht vieler Piraten-Aktivisten,Ein Aufstand aus der Welt parteistark nach einemKlingt das nicht-nehmen sollte.“verdankt ihre Probleme Programmierfeh-dochdieser kontaktlern, die zu beheben wären. der Wohlstands- gestörten Spinner aus der US-Soap „The Diese Maschinenmenschen rufen zwarverwahrlosten, die alles Big-Bang-Theory“?ständig den Tod des Autors aus, aber das Piraten leben von einer höchst zwie-tun sie dann doch mit der allergrößtenumsonst haben wollen. lichtigen Selbstlegitimation als Kultur-Autoren-Angeberei. Alles, so die Be-revolutionäre, sind aber ohne jeden mo-hauptung, sei ein großer Textfluss, der ralischen Kompass unterwegs. Was auf-über die Bildschirme ströme, der von Tausenden Autoren stam- fällt, ist, so die „FAZ“, eine „leichtentzündliche Wut“, mit derme und sich nur zufällig verdichte im Einzelnen. Da ist der Ge- sie alle überziehen, die weniger ergriffen sind vom Internet alsdanke an eine völkische Textgemeinschaft nicht weit. Interes- sie selber. Sie sind: dagegen. Sie sind: die Reaktion auf Origi-santerweise wurde der Urhebergedanke auch während der nale. Sie reagieren „auf offizielles Zeug“, sagt Marina Weis-Nazi-Zeit stark abgewertet – da galt der Autor dann lediglich band, und die ist noch eine der Sympathischen.als „Treuhänder des Werkes“ für die Volksgemeinschaft. Sie wollen die totale Transparenz, sie wollen ohne Hierar- chien arbeiten. Das ist die nicht gerade neue Utopie, die sie inIhr Protest, so die Piraten, richte sich gegen die Verwerter, unser System tragen wollen. Im New Yorker Zuccotti-Park wur-ein Begriff, der eine grauenhafte Konnotation enthält, näm- de sie von den Occupy-Aktivisten schon einmal versucht. Sielich die einer selbst nicht kreativen Zwischenschicht, die scheiterten bereits an den Trommlern, die sich auf der Südseitesich vampiristisch auf der einen Seite am Talent und auf der des Parks breitgemacht hatten und alle anderen terrorisiertenanderen Seite am (Netz-)Volk gütlich tut. In den Karikaturen – mit ihrem Trommeln, auf dem sie als ihrer Form der Kommu-der dreißiger Jahre kam sie als Parasitenbande von jüdischen nikation bestanden. Außerdem gelang es nicht, der ÜbergriffeKrämern, Händlern und Finanzbossen vor.auf Frauen oder der Drogendealer Herr zu werden, geschweige Wird der Netzrevolutionär die Welt retten? Quatsch! Er ko- denn, den Kapitalismus zu überwinden.piert lediglich überholte Protestformen. Sibylle Lewitscharoff,Das Vertrackte am Traum totaler Herrschaftsfreiheit ist ja,Autorin des wunderbaren Romans „Blumenberg“, erkannte dass er in der Praxis Repressionsapparate und Terror geradezujüngst in der Anmaßung der Piraten Ideologeme der eigenen gebiert. Müssen wir das immer neu lernen? Die naive Spaß-Kulturkampfzeit wieder. Sie erinnerte sich – in der „Frankfurter guerilla der Kommune 1 hat durchaus mitgearbeitet am TerrorAllgemeinen“ – an Tage, als der Diebstahl von Büchern als re- der RAF, weil sie den Systemsturz zu Pop machte. Gleichzeitigvolutionäre Tat galt. Es waren die Tage der „Klau mich“-Be- haben die Aktionen der amerikanischen SDS (Students for awegung. Doch dann, mit 17, sei ihr klar geworden, wie kurzge- Democratic Society) und der radikalen Yippies letztlich erstschlossen dieses Indianerspiel war.zum Wahlsieg Nixons geführt. Für sie stand tatsächlich Kultur auf dem Spiel, und dazu ge-Die Verletzungsbereitschaft und die Geistfeindlichkeit man-hörte durchaus die Tatsache, dass man warten musste, bis man cher Netzpropagandisten und Kolumnisten sprechen jenseitssich leisten konnte, das betreffende Buch – bei ihr war es eines aller Inhalte eine eigene Sprache. Es ist das rote Glühen einerüber Kathedralen – besitzerstolz nach Hause zu tragen. Auch neuen Religiosität, einer Selbstgerechtigkeit, die mit Zaudererndieser kultivierte Triebaufschub erhöhte ihr den Wert des Buchs. nicht viel Federlesens machen wird. Auch das Begeisterungs-Mit der Subito-Befriedigung durch einen Buchklau im Netz da- feuer von Halbwüchsigen kann, wie wir von den totalitärengegen wird das Werk entwertet und der Autor. Uns kommt etwas Jugendkohorten des vergangenen Jahrhunderts wissen, zu Ver-abhanden: die Achtung vor geistiger Leistung. Und die vorm heerungen führen. D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2137
  • 108. KulturJunge Paare beim Sex (Fotos aus „Make Love“): Die ganze Bandbreite des Begehrens S E X UA L I TÄT Liebe in Zeiten der Pornografie Wenn Kinder und Jugendliche wissen wollen, was Sex ist, suchen sie Antworten im Internet. Soziologen sprechen von der Generation Porno. Ein Berliner Verlag veröffentlichtdennoch ein Aufklärungsbuch für diejenigen, die schon alles gesehen haben. Von Claudia VoigtÜ ber Sex reden. Als ich vier Jahre beiden unterscheiden. Es wird ein biss- ihren Umgang mit der Freiheit an sich.alt war, kam ich in einen Kinder-chen gedruckst, gekichert, schließlichDoch die allgegenwärtigen Bilder führengarten für sexuelle Frühaufklä-fasst sich ein Mädchen ein Herz: „Ist dochzu einem Verstummen. Was soll manrung. Wie in jedem Kindergarten habenklar, der Junge hat einen Penis, das Mäd- noch sagen, wenn alles gezeigt wird.wir dort gemalt, gesungen und getobt,chen eine Scheide.“ Das war 1970. DieMein Sohn ist bald zwölf Jahre alt. Dieund manchmal saßen wir im Schneider- ganze Gesellschaft, na ja, fast die ganze Kinder und Jugendlichen von heute kön-sitz in einem Kreis, um darüber zu spre- Gesellschaft redete damals über Sex.nen, wenn sie wollen, alles gesehen haben,chen, wie Babys entstehen. Das NDR- Heute schweigen wir vom Sex. Wir zei-bevor sie auch nur ihren ersten Kuss erle-Fernsehen hat damals eine Dokumen- gen ihn nur noch. An den Litfaßsäulen ben. Was bedeutet das für ihr späterestation gedreht, sie zeigt Jungen und hängen riesige H&M-Plakate für die Ba-Liebesleben? Und wie soll man sich alsMädchen, die zwei nackte Puppen herum- demode dieses Sommers; mit zwei KlicksMutter oder Vater da eigentlich verhalten?reichen und sagen sollen, worin sich die kann jeder auf die Internetseite von You-Aufklärung war zwischen Eltern und Porn gelangen; in den Wartezonen vonKindern nie ideal aufgehoben, zu vielAnn-Marlene Henning, Tina Bremer-Olszewski: „Make Flughäfen laufen Videos von Lady Gaga.Scham ist im Spiel. Auf Seiten der KinderLove“. Verlag Rogner & Bernhard, Berlin; 256 Seiten; Wie offen eine Gesellschaft mit Sexualitätstellt sich die unausgesprochene Frage:22,95 Euro.umgeht, sagt immer auch etwas aus überWie macht ihr es eigentlich?, auf die viele138D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2
  • 109. hat für „Make Love“ Paare fotografiert,die Sex miteinander haben, echten Sex.Ein Buch für die Generation, die schonalles gesehen hat. Gleichzeitig gibt es eine Menge Textin „Make Love“, denn es ist auch ein idea-listisches Buch, eines, das die Sprachlo-sigkeit beenden möchte. Gleich in derEinleitung listen die Autorinnen Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Ol-szewski alle Wörter auf, die ihnen für dasweibliche und das männliche Geschlechts-organ einfallen, von Muschi bis Funkturmsind es zusammengenommen fast 140 Be-griffe. Manche davon sind abwegig, an-dere lustig, es ist eine Liste kleiner Tabu-brüche, ein leichthändiger Einstieg. Der Text richtet sich direkt an den ju-gendlichen Leser. „Es begann schon imTraum. Jedenfalls bist du mit dieser Lustaufgewacht. So viel Lust, dass du dich an-fassen willst.“ Die Kapitel heißen „Daserste Mal“, „Das zweite Mal“ oder „Durchdie Betten“. Es ist ein Ratgeberbuch fürdie sogenannte Generation Porno. „Heute gibt es ja mehr Bücher übersJoggen als über Sex“, sagt die AutorinHenning. Sie wurde in Dänemark gebo-ren, studierte in Deutschland Psycholo-gie, in Dänemark Sexologie (das Fachheißt tatsächlich so) und arbeitet heuteals Paar- und Sexualtherapeutin in Ham-burg. FOTOS: HEJI SHIN Henning hat eine klare Botschaft anihre Leser: Wenn ihr miteinander schlaft,redet auch miteinander. Es ist ein Buchüber das Vergnügen am Sex. Schwanger-schaft und Krankheiten kommen nur amKinder aber keinesfalls eine Antwort be-Rande vor. Stattdessen gibt es eine Seitekommen möchten. Auf Seiten der Eltern über Porno-Lügen, und durch das ganzeherrscht nicht selten Verlegenheit, weilBuch zieht sich der Appell, die eigenenüber Sex zu sprechen auch immer ein Wünsche und Grenzen kennenzulernen,Nachdenken über das eigene Liebeslebensie ernst zu nehmen und mit dem Partnerbedeutet. darüber zu sprechen. Viele Jahre erlösten Kindergärtnerin- Sprechen, Reden, Kommunikation –nen und Biologielehrer die meisten Fa-trotz seines betont jugendlichen Tonfallsmilien aus dieser Situation. Inzwischen liest sich das Buch sehr pädagogisch. Wä-haben die Bilder schleichend die Herr-ren da nicht die Fotos von Heji Shin, hätteschaft übernommen, gegen ihre Macht „Make Love“ auch schon vor 40 Jahrensind die Schautafeln und Fachbegriffe imerscheinen können.Schulunterricht nur noch lächerlich. GibtEs sind romantische Fotos darunter mites einen Weg aus dieser Misere? verliebten Blicken und Liebkosungen, Ein Aufklärungsbuch scheint da zu- und es gibt ganz explizite Fotos, erigiertenächst eine Idee von gestern zu sein. Penisse, gespreizte Schamlippen, Blow-„Make Love“ heißt es, und der Titel er- jobs. „Die Absicht war zu zeigen, wie un-innert vermutlich nicht nur zufällig an terschiedlich Sexualität von Jugendlichendie Flowerpower-Zeit der siebziger Jahre. gelebt wird“, sagt die Fotografin HejiDas Buch sieht gut aus, es hatShin. Die Bandbreite sexuellenfestes Papier, ein klares, farbi- Begehrens.ges Layout, die Leute vom Ver- Shin hat die Paare in Berlinlag haben sich offensichtlich auf der Straße oder in CafésMühe gegeben, ein coolesangesprochen, Schwule, Les-Buch zu gestalten.ben und Heteros, auch ein Auf dem Titelbild sind ein Transsexueller ist zu sehen,Junge und ein Mädchen zu se-etwa zwei Drittel der Ange-hen, die sich küssen. Fotos sprochenen waren bereit, beispielen überhaupt eine ent- dem Projekt mitzumachen.scheidende Rolle in diesemVorher hatte die FotografinBuch. Die Fotografin Heji Shinauch in Hamburg versucht, D E R S P I E G E L 2 3 / 2 0 1 2139
  • 110. Kulturjunge Männer und Frauen zu finden, er-folglos. „Dieses Projekt war so wohl ambesten in Berlin möglich“, sagt Shin, die Bestsellerin Südkorea geboren wurde und heute inBerlin lebt. Weil es hier eine Jugendkul- Belletristiktur gebe wie in keiner anderen Stadt, in1 (1) Jonas JonassonDer Hundertjährige, der aus demder es darum gehe, flügge zu werden,Fenster stieg und verschwandFamilienballast abzuwerfen. Carl’s Books; 14,99 Euro Mehrmals haben sich die Fotografin 2 (–) P. C. Cast / Kristin Castund die Frauen und Männer, die zwischen Bestimmt – House of NIght 918 und 25 Jahre alt waren, in privatenFJB; 16,99 EuroWohnungen getroffen, es gab keine ge- 3 (–) Donna Leonnauen Verabredungen für diese Treffen,Reiches Erbejedes Paar ist so weit gegangen, wie es Diogenes; 22,90 Eurowollte. Shin hielt sich im Hintergrund und4 (2) Suzanne Collinsnahm keinen Einfluss, aber es ist natür-Die Tribute von Panem –Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Eurolich ihr subjektiver Blick auf das Gesche-hen, der sichtbar wird. Die jungen Leute5 (3) Suzanne CollinsDie Tribute von Panem –sollten sich in den Fotos wiederfindenFlammender Zorn Oetinger; 18,95 Eurokönnen, deswegen war es Shin wichtig,6 (5) Jean-Luc Bannalecdass wirklicher Sex auf den Bildern er- Bretonische Verhältnissekennbar ist.Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro Es wird Diskussionen geben um diese7 (4)Suzanne CollinsFotos. Weil sie pornografisch sind und Die Tribute von Panem – Tödlichegleichzeitig die Gefühle der MenschenSpiele Oetinger; 17,90 Euroeinfangen, die auf ihnen zu sehen sind. 8 (15) Rachel JoyceEs sind Fotos, die den Betrachter in die Die unwahrschein-Rolle eines Voyeurs drängen. Wenn sieliche Pilgerreisein einer Galerie hingen, wäre das eine des Harold Frybeachtliche Ausstellung.Krüger; 18,99 Euro Aber weil sie in einem Aufklärungs-buch veröffentlicht werden, haftet ihnen Berührender Selbstfindungs- roman: Während einesauch etwas Anbiederndes an. Sie sollenlangen Fußmarschs lernteinen Anreiz liefern, dieses Buch in dieein Renter, sich selbstHand zu nehmen. Nicht die Grenzüber-und das Leben zu begreifenschreitung ist das Problem, sondern das 9 (6)Jussi Adler-OlsenEingeständnis, dass wir beim öffentlichenDas Alphabethaus dtv; 15,90 EuroReden und Schreiben über Sex offensicht- 10 (11) Dora Heldtlich nicht mehr hinter Bilder voller Geil- Bei Hitze ist es wenigstensheit zurückkönnen. nicht kalt dtv; 14,90 Euro Es gab vor fast vierzig Jahren schon11 (7) Sarah Larkeinmal ein Aufklärungsbuch, dessen Fotos Die Tränen der Maori-Göttindiskutiert wurden. „Zeig mal!“, hieß es.Bastei Lübbe; 15,99 EuroAuf Wunsch des Fotografen Will McBride 12 (10) Michael Robothamwurde es Mitte der neunziger Jahre vom Der InsiderGoldmann; 14,99 EuroMarkt genommen, weil sich McBridenicht mehr länger dem Vorwurf der Pädo-13 (9) Nicholas Sparksphilie aussetzen wollte. Heute ist „ZeigMein Weg zu dirHeyne; 19,99 Euromal!“ nur noch gebraucht zu kaufen oderin Bibliotheken auszuleihen. 14 (12) Martin Walker Delikatessen McBride hatte ein etwa fünf Jahre altesDiogenes; 22,90 EuroMädchen und einen gleichaltrigen Jungen15 (8) Josephine Angelinifotografiert, die ihre Körper entdecktenGöttlich verlorenund untersuchten. Neu und bahnbre-Dressler; 19,95 Eurochend an McBrides Projekt war, dass16 (13) Jussi Adler-Olsennicht Text und Schaubilder, sondern Fo-Erlösungtos die Funktion übernahmen, aufkläre-dtv; 14,90 Eurorisch zu wirken. 17 (14) Jussi Adler-Olsen Von heute aus betrachtet haben Mc-SchändungBrides Aufnahmen etwas Unschuldiges,dtv; 14,90 Euround genau wie Heji Shins Fotos für 18 (16) Markus Heitz„Make Love“ sind sie ein Ausdruck derOneiros – Tödlicher FluchKnaur; 14,99 EuroZeit, in der sie entstanden sind. Zu Beginn der siebziger Jahre ereigne-19 (19) Susanne Fröhlich Lackschadenten sich die großen Veränderungen in derKrüger; 16,99 EuroSexualität. Mit der Einführung der Pille 20 (20) Ursula Poznanskirutschte das durchschnittliche Alter