Yuval Noah Harari - ? Homo sapiens dieses Gewichts misst dagegen stolze bis ... Yuval Noah

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    24-Aug-2018

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Yuval Noah HarariEine kurze Geschichteder MenschheitAus dem Englischenvon Jrgen NeubauerPantheonDie hebrische Originalausgabe ist 2011 unter dem TitelA Brief History of Mankind Kizur Toldot Ha-Enoshutbei Kinneret Zmora-Bitan Dvir in Or Yehuda erschienen.Der Verlag weist ausdrcklich darauf hin, dass im Textenthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunktder Buchverffentlichung eingesehen werden konnten.Auf sptere Vernderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss.Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.Verlagsgruppe Random House FSC N001967Zweiundzwanzigste AuflagePantheon-Ausgabe Mrz 2015Copyright der deutschsprachigen Ausgabe2013 by Deutsche Verlags-Anstalt, Mnchen,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MnchenUmschlaggestaltung: Jorge Schmidt, MnchenKarten und Grafiken: Peter Palm, BerlinTypografie und Satz: Brigitte MllerDruck und Bindung: CPI books GmbH, LeckPrinted in GermanyISBN 978-3-570-55269-8www.pantheon-verlag.dewww.fsc.orgMIXPapier aus verantwor-tungsvollen QuellenFSC C083411Im Andenken an meinen VaterShlomo Harari7InhaltTeil 1: Die kognitive Revolution1 Ein ziemlich unaulliges Tier 112 Der Baum der Erkenntnis 323 Ein Tag im Leben von Adam und Eva 574 Die Sintut 85Teil 2: Die landwirtschaftliche Revolution5 Der grte Betrug der Geschichte 1016 Pyramiden bauen 1267 Speicher voll 1528 Die Geschichte ist nicht gerecht 168Teil 3: Die Vereinigung der Menschheit9 Der Pfeil der Geschichte 20110 Der Geruch des Geldes 21311 Der Traum vom Weltreich 23112 Das Gesetz der Religion 25313 Das Erfolgsgeheimnis 289Teil 4: Die wissenschaftliche Revolution14 Die Entdeckung der Unwissenheit 30115 Wissenscha und Weltreich 33616 Die Religion des Kapitalismus 37417 Das Rderwerk der Industrie 40818 Eine permanente Revolution 42719 Und sie lebten glcklich bis ans Endeihrer Tage 45820 Das Ende des Homo sapiens 484Nachwort 507Karten 509Abbildungen 510Anmerkungen 512TEIL 1DIE KOGNITIVERE VOLUTION101. Abdruck einer menschlichen Hand in der Chauvet-Hhle in Sdfrankreich.Diese Kunstwerke sind etwa 30 000 Jahre alt und wurden von Menschen hin-terlassen, die aussahen, dachten und fhlten wie wir. Vielleicht wollte er odersie sagen: Ich war hier!11Kapitel 1Ein ziemlich unaulliges TierVor rund 13,5 Milliarden Jahren entstanden Materie, Energie, Raumund Zeit in einem Ereignis namens Urknall. Die Geschichte diesergrundlegenden Eigenschaen unseres Universums nennen wir Physik.Etwa 300 000 Jahre spter verbanden sich Materie und Energiezu komplexeren Strukturen namens Atome, die sich wiederum zuMoleklen zusammenschlossen. Die Geschichte der Atome, Mole-kle und ihrer Reaktionen nennen wir Chemie.Vor 3,8 Milliarden Jahren begannen auf einem Planeten namensErde bestimmte Molekle, sich zu besonders groen und komplexenStrukturen zu verbinden, die wir als Organismen bezeichnen. DieGeschichte dieser Organismen nennen wir Biologie.Und vor gut 70 000 Jahren begannen Organismen der Art Homosapiens mit dem Auau von noch komplexeren Strukturen namensKulturen. Die Entwicklung dieser Kulturen nennen wir Geschichte.Die Geschichte der menschlichen Kulturen wurde von drei gro-en Revolutionen geprgt. Die kognitive Revolution vor etwa 70 000Jahren brachte die Geschichte berhaupt erst in Gang. Die land-wirtschaliche Revolution vor rund 12 000 Jahren beschleunigtesie. Und die wissenschaliche Revolution, die vor knapp 500 Jah-ren ihren Anfang nahm, knnte das Ende der Geschichte und derBeginn von etwas vllig Neuem sein. Dieses Buch erzhlt, welcheKonsequenzen diese drei Revolutionen fr den Menschen und seineMitlebewesen hatten und haben.Die kognitive Revolution12Menschen gab es schon lange vor dem Beginn der Geschichte. Die ers-ten menschenhnlichen Tiere betraten vor etwa 2,5 Millionen Jahrendie Bhne. Aber ber zahllose Generationen hinweg stachen sie nichtaus der Vielzahl der Tiere heraus, mit denen sie ihren Lebensraumteilten. Wenn wir 2 Millionen Jahre in die Vergangenheit reisen undeinen Spaziergang durch Ostafrika unternehmen knnten, wrdenwir dort vermutlich Gruppen von Menschen begegnen, die uerlichgewisse hnlichkeit mit uns haben. Besorgte Mtter tragen ihre Babysauf dem Arm, Kinder spielen im Matsch. Von irgendwoher dringtdas Gerusch von Steinen, die aufeinandergeschlagen werden, undwir sehen einen ernst dreinblickenden jungen Mann, der sich in derKunst der Werkzeugherstellung bt. Die Technik hat er sich bei zweiMnnern abgeschaut, die sich gerade um einen besonders fein gear-beiteten Feuerstein streiten; knurrend und mit geetschten Zhnentragen sie eine weitere Runde im Kampf um die Vormachtstellung inder Gruppe aus. Whrenddessen zieht sich ein lterer Herr mit weienHaaren aus dem Trubel zurck und strei allein durch ein nahe gelege-nes Waldstck, wo er von einer Horde Schimpansen berrascht wird.Diese Menschen liebten, stritten, zogen ihren Nachwuchs auf underfanden Werkzeuge genau wie die Schimpansen. Niemand, schongar nicht die Menschen selbst, konnte ahnen, dass ihre Nachfahreneines Tages ber den Mond spazieren, Atome spalten, das Genomentschlsseln oder Geschichtsbcher schreiben wrden. Die pr-historischen Menschen waren unaullige Tiere, die genauso vieloder so wenig Einuss auf ihre Umwelt hatten wie Gorillas, Libellenoder Quallen.Biologen teilen Lebewesen in verschiedene Arten ein. Tiere geh-ren derselben Art an, wenn sie sich miteinander paaren und fort-panzungsfhige Nachkommen zeugen. Pferde und Esel haben einengemeinsamen Vorfahren und viele gemeinsame Eigenschaen, dochwas die Fortpanzung angeht, haben sie kein Interesse aneinander.Man kann sie zwar dazu bringen, sich zu paaren, doch die Maul-tiere, die aus dieser Verbindung hervorgehen, sind unfruchtbar. Das13Ein ziemlich unaulliges Tierist ein Zeichen dafr, dass sie unterschiedlichen Arten angehren.Anders Bulldoggen und Cockerspaniel: Sie unterscheiden sich zwaruerlich ganz erheblich, doch sie paaren sich sehr bereitwillig, undihr Nachwuchs kann mit anderen Hunden neue Welpen zeugen.Bulldoggen und Cockerspaniel sind also Angehrige derselben Art,nmlich der Hunde.Arten mit einem gemeinsamen Vorfahren werden o zu Gattun-gen zusammengefasst. Lwen, Tiger, Leoparden und Jaguare sindbeispielsweise unterschiedliche Arten der Gattung Panthera. Biolo-gen geben Lebewesen zweiteilige lateinische Namen: der erste Teilbezeichnet die Gattung, der zweite die Art. Der Lwe heit zumBeispiel Panthera leo: die Art Leo aus der Gattung der Panthera. AlsLeser dieses Buchs gehren Sie vermutlich den Homo sapiens an der Art Sapiens (weise) aus der Gattung Homo (Mensch).Gattungen werden wiederum zu Familien zusammengefasst,zum Beispiel den Katzen (Lwen, Geparden, Hauskatzen), Hun-den (Wlfe, Fchse, Schakale) oder Elefanten (Elefanten, Mammuts,Mastodonten). Alle Angehrigen einer Familie lassen sich auf einengemeinsamen Urahn zurckfhren. Alle Katzen, vom zahmstenHausktzchen zum wildesten Lwen, gehen auf einen gemeinsamenKatzenvorfahren zurck, der vor rund 25 Millionen Jahren lebte.Natrlich gehrt auch der Homo sapiens einer Familie an. Diesescheinbar so banale Tatsache war eines der bestgehteten Geheim-nisse der Geschichte. Der Homo sapiens tat nmlich lange so, alshabe er nichts mit dem Rest der Tierwelt zu tun und sei ein Waisen-kind ohne Geschwister und Vettern und vor allem ohne Eltern. Dasist natrlich nicht der Fall. Ob es uns gefllt oder nicht, wir gehrender groen und krawalligen Familie der Menschenaen an. Unserenchsten lebenden Verwandten sind Gorillas und Orang-Utans. Amallernchsten stehen uns jedoch die Schimpansen. Vor gerade ein-mal sechs Millionen Jahren brachte eine n zwei Tchter zur Welt:Eine der beiden wurde die Urahnin aller Schimpansen, die andereist unsere eigene Ur-Ur-Ur-Gromutter.14Leichen im KellerDer Homo sapiens hat aber ein noch viel dunkleres Geheimnis geh-tet. Wir haben nmlich nicht nur eine Horde von unzivilisiertenVettern. Es gab eine Zeit, in der wir auch eine Menge Brder undSchwestern hatten. Wir nehmen zwar den Namen Mensch fruns allein in Anspruch, doch frher gab es auch eine ganze Reiheanderer Menschenarten. Menschen waren sie deshalb, weil sie derGattung Homo angehrten, die vor rund 2,5 Millionen Jahren auseiner lteren Aengattung namens Australopithecus, dem sdlichenAen, hervorging. Vor rund 2 Millionen Jahren verlieen dieseUrmenschen ihre ursprngliche Heimat in Ostafrika und machtensich auf den langen Marsch nach Nordafrika, Europa und Asien.Und da das berleben in den verschneiten Wldern Nordeuropasandere Fhigkeiten erfordert als im schwlen Dschungel Indonesi-ens, entwickelten sich die Auswanderergruppen in unterschiedlicheRichtungen. Das Ergebnis waren verschiedene Arten, die von Wis-senschalern mit jeweils eigenen, hochtrabend klingenden lateini-schen Namen getau wurden.In Europa und Westasien entwickelte sich der Mensch zum Homoneanderthalensis, dem Mensch aus dem Neandertal oder kurzNeandertaler. Dieser Neandertaler war kriger gebaut und mus-kulser als der moderne Mensch und bestens auf das Eiszeitklima inEurasien eingestellt. Auf der indonesischen Insel Java lebte dagegender Homo soloensis, der Solo-Mensch, der besser an das Lebenin den Tropen angepasst war. Ebenfalls im indonesischen Archipel,auf der kleinen Insel Flores, lebten Menschen, die in der Presse gernsalopp als Hobbits bezeichnet werden, die in der Wissenschajedoch als Homo oresiensis bekannt sind. Diese speerschwingendenZwerge wurden nur einen Meter gro und wogen gerade einmal25 Kilogramm. Feige waren sie trotzdem nicht: Sie machten sogarJagd auf die Elefanten der Insel (wobei man dazusagen sollte, dasses sich um Zwergelefanten handelte). Die Weiten Asiens wurden15Ein ziemlich unaulliges Tierschlielich vom Homo erectus bevlkert, dem aufrecht gehendenMenschen, der hier anderthalb Millionen Jahre lang berlebte unddamit die langlebigste Menschenart aller Zeiten war.Als Wissenschaler im Jahr 2010 bei Ausgrabungen in der Denis-sowa-Hhle in Sibirien auf einen versteinerten Fingerknochen stie-en, wurde ein weiteres Geschwisterchen entdeckt und damit vordem Vergessen bewahrt. Genanalysen ergaben, dass es sich umeine bis dahin unbekannte Menschenart handelte, die den NamenHomo denisova erhielt. Wer wei, wie viele Verwandte noch daraufwarten, in anderen Hhlen, Klimaten und Inselreichen entdecktzu werden.Whrend sich diese Menschen in Europa und Asien entwickel-ten, blieb die Evolution in Afrika natrlich nicht stehen. Die Wiegeder Menschheit brachte zahlreiche neue Arten hervor, darunter denHomo rudolfensis, den Menschen vom Rudolfsee, den Homo ergas-ter, den werkenden Menschen, und schlielich unsere eigene Art,2. Und so knnten unsere Geschwister ausgesehen haben. Von links: Homorudolfensis (Ostafrika, vor rund 2 Millionen Jahren), Homo erectus (Asien, vorrund 2 Millionen Jahren, ausgestorben vor rund 50 000 Jahren) und Homoneanderthalensis (Europa und Westasien, vor rund 400 000 Jahren, ausgestor-ben vor rund 30 000 Jahren). Es handelt sich jedoch um spekulative Rekons-truktionen, die mit gewisser Vorsicht zu genieen sind.Die kognitive Revolution16die wir in der fr uns typischen Bescheidenheit Homo sapiens, denweisen Menschen getau haben.Einige dieser Menschenarten waren Riesen, andere Zwerge. Einigewaren gefrchtete Jger, andere friedliebende Vegetarier. Einige leb-ten auf einer einzigen Insel, andere durchstreien ganze Kontinente.Aber sie alle gehrten der Gattung Homo an: Sie waren Menschen.Lange glaubte man, dass diese Arten in einem langen Stamm-baum aufeinanderfolgten: Aus dem ergaster ging der erectus her-vor, aus dem erectus der Neandertaler und aus dem Neandertalerschlielich wir. Diese Vorstellung ist jedoch falsch und erweckt denirrigen Eindruck, dass immer nur eine Menschenart den Planetenbevlkerte und dass alle anderen Arten nichts anderes waren alsVorlufermodelle des modernen Menschen. In Wirklichkeit lebtenzwei Millionen Jahre lang, bis vor rund 10 000 Jahren, gleichzei-tig mehrere Menschenarten auf unserem Planeten. Warum auchnicht? Heute existieren ja auch viele Arten von Fchsen, Bren oderSchweinen nebeneinander. Noch vor hunderttausend Jahren gab esmindestens sechs verschiedene Menschenarten. Diese Vielfalt istviel weniger erstaunlich als die Tatsache, dass wir heute allein sind.Im Gegenteil, wenn wir heute die einzige verbliebene Menschenartsind, dann wir das einige Fragen auf. Wie wir gleich noch sehenwerden, knnte der Homo sapiens gute Grnde gehabt haben, dieErinnerung an seine Geschwister zu verdrngen.Der Preis des GehirnsBei allen Unterschieden haben die verschiedenen Menschenarteneinige entscheidende Gemeinsamkeiten, die sie berhaupt erst zuMenschen machen. Vor allem verfgen sie im Vergleich zu anderenTieren ber ungewhnlich groe Gehirne. Sugetiere mit einem Kr-pergewicht von 60 Kilogramm haben im Durchschnitt ein Gehirnmit einem Volumen von 200 Kubikzentimetern. Das Gehirn eines17Ein ziemlich unaulliges TierHomo sapiens dieses Gewichts misst dagegen stolze 1200 bis 1400Kubikzentimeter. Die ersten Menschen, die vor 2,5 Millionen Jahrenlebten, hatten zwar noch ein kleineres Gehirn, doch im Vergleichzu dem eines Leoparden, der etwa genauso viel wog, war es sehrgro. Im Laufe der Entwicklung sollte dieser Unterschied immergrer werden.Rckblickend scheint es uns vollkommen logisch, dass die Evo-lution immer grere Gehirne hervorbrachte. Weil wir derart inunsere Intelligenz verliebt sind, gehen wir davon aus, dass mehrHirnpower automatisch besser ist. Aber wenn dem so wre, dannhtte die Evolution doch sicher auch Katzen hervorgebracht, dieDierenzialgleichungen lsen knnen. Warum hat also im gesam-ten Tierreich nur die Gattung Homo einen derart leistungsfhigenDenkapparat entwickelt?Tatsache ist, dass ein solch gewaltiges Gehirn auch gewaltige Krakostet. Schon rein krperlich ist es eine Last, zumal es in einemschweren Schdel herumgeschleppt werden muss. Vor allem aberfrisst es Unmengen an Energie. Beim Homo sapiens macht dasGehirn zwar nur 2 bis 3 Prozent des gesamten Krpergewichts aus,doch im Ruhezustand verbraucht es sage und schreibe 25 Prozentder Krperenergie. Zum Vergleich: Bei anderen Aen sind es nurrund 8 Prozent. Unsere Vorfahren zahlten einen hohen Preis fr ihrgroes Gehirn: Erstens mussten sie mehr Zeit mit der Nahrungssu-che zubringen, und zweitens bildeten sich ihre Muskeln zurck. Wieein Staat, der den Militrhaushalt krzt und in die Bildung investiert,lenkte der Mensch seine Energie von Muskelmasse in Hirnschmalzum. Dabei war keineswegs klar, dass dies in der Savanne eine klugeberlebensstrategie war. Ein Homo sapiens kann einen Schimpan-sen zwar an die Wand diskutieren, doch der Ae kann den Men-schen auseinandernehmen wie ein Stopppchen.Es scheint sich allerdings gelohnt zu haben, denn sonst httendie Menschen mit ihren berdimensionierten Gehirnen schlielichnicht berlebt. Nur wie macht der Zuwachs an Hirn den VerlustDie kognitive Revolution18an Muckis wett? Im Zeitalter von Albert Einstein mag diese Fragealbern klingen, aber wir sollten nicht vergessen, dass Einstein nochein recht junges Phnomen ist. Zwei Millionen Jahre lang wuchsdas menschliche Gehirn zwar munter weiter, aber abgesehen voneinigen Steinmessern und angespitzten Stcken brachte es den Men-schen recht wenig. Aus evolutionrer Sicht ist die Entwicklung desmenschlichen Gehirns mindestens genauso paradox wie die Ent-wicklung von unhandlichen Pfauenfedern oder schweren Hirsch-geweihen. Wozu der ganze Aufwand?Eine andere menschliche Eigenheit ist der aufrechte Gang. Aufzwei Beinen stehend konnten unsere Vorfahren in der Savanne bes-ser nach Futter oder Feinden Ausschau halten. Und die Arme, dienun nicht mehr zur Fortbewegung gebraucht wurden, lieen sich zuanderen Zwecken nutzen, etwa um Steine zu werfen oder Zeichenzu geben.Nachdem die Hnde durch den zweibeinigen Gang frei gewor-den waren, lieen sie sich zu allen mglichen Ttigkeiten ver-wenden. Je mehr sie bewerkstelligen konnten, umso erfolgreicherwurden ihre Besitzer, weshalb die Evolution eine zunehmendeKonzentration von Nerven und fein aufeinander abgestimmtenMuskeln in Hnden und Fingern frderte. So kommt es, dass wirmit unseren Hnden ligranste Ttigkeiten ausfhren knnen. Vorallem knnen wir komplizierte Werkzeuge herstellen und benut-zen. Die ltesten Hinweise auf den Gebrauch von Werkzeugenreichen 2,5 Millionen Jahre zurck, und wenn Archologen einenneuen Fund machen, sind Spuren ihrer Herstellung und Verwen-dung ein entscheidender Hinweis, dass es sich tatschlich umfrhe Menschen handelt.Aber auch der aufrechte Gang hatte seine zwei Seiten. Unsereschen Vorfahren hatten ber Jahrmillionen hinweg ein Skelettentwickelt, das fr den Gang auf vier Beinen ausgelegt war und nureinen relativ leichten Kopf zu tragen hatte. Die Umstellung zum auf-rechten Gang stellte eine beachtliche Herausforderung dar, zumal19Ein ziemlich unaulliges Tierdas Gestell einen immer schwereren Schdel tragen musste. DerPreis fr die bessere Sicht und eiige Hnde waren Rckenschmer-zen und steife Hlse.Die Menschenweibchen kam die Umstellung noch teurer zu ste-hen. Der aufrechte Gang verlangte schmalere Hen und damiteinen engeren Geburtskanal und das obwohl gleichzeitig die Kpfeder Suglinge immer grer wurden. Daher liefen sie zunehmendGefahr, die Geburt ihres Nachwuchses nicht zu berleben. DieWeibchen, die ihre Jungen zu einem frheren Zeitpunkt zur Weltbrachten, als der Kopf noch verhltnismig klein und formbar war,berlebten eher und bekamen mehr Nachwuchs. Auf diese Weisesorgte ein Prozess der natrlichen Auslese dafr, dass die Kinderimmer frher geboren wurden. Im Vergleich zu anderen Tieren sindmenschliche Suglinge Frhgeburten: Sie kommen halbfertig zurWelt, wenn berlebenswichtige Systeme noch unterentwickelt sind.Ein Fohlen steht kurz nach der Geburt auf eigenen Beinen, und einKatzenjunges fngt im Alter von wenigen Wochen an, seine Umweltzu erkunden. Menschenjunge sind dagegen bei Geburt vllig hilosund mssen von ihren Eltern ber Jahre hinweg ernhrt, beschtztund aufgezogen werden.Dieser Tatsache verdankt die Menschheit ihre auergewhn-lichen Fhigkeiten, aber auch viele der fr sie typischen Schwierig-keiten. Alleinerziehende Mtter sind kaum in der Lage, die Nah-rung fr sich und ihren Nachwuchs heranzuschaen, whrend sieihre qukenden Kinder im Schlepptau haben. Die Aufzucht derSprsslinge erfordert konstante Untersttzung von Verwandtenund Nachbarn. Zur Erziehung eines Kindes ist ein ganzer Stammerforderlich. Daher hat die Evolution diejenigen bevorzugt, die inder Lage waren, starke soziale Beziehungen einzugehen. Da Men-schen in einem frhen Entwicklungsstadium geboren werden, sindsie auerdem formbarer als alle anderen Lebewesen. Die meistenanderen Tiere kommen weitgehend fertig aus dem Mutterleib, wiegebrannte Tpfe aus einem Ofen. Jeder Versuch, sie zu verndern,Die kognitive Revolution20wrde sie zerbrechen. Menschliche Suglinge kommen dagegeneher wie geschmolzenes Glas aus dem Ofen; sie lassen sich nocherstaunlich gut ziehen, drehen und formen. Deshalb knnen wirunsere Kinder heute zu Christen oder Buddhisten, Kapitalistenoder Sozialisten, Kriegern oder Pazisten erziehen.*Wir gehen wie selbstverstndlich davon aus, dass ein groes Gehirn,der Gebrauch von Werkzeugen, verbesserte Lernfhigkeit undkomplexe gesellschaliche Strukturen automatisch einen gewalti-gen berlebensvorteil darstellen. Aus heutiger Sicht scheint es unsvollkommen oensichtlich, dass der Mensch seinen Aufstieg zummchtigsten Tier der Erde nur diesen Eigenschaen verdankt. Dochtrotz dieser Vorteile blieben die Menschen zwei Millionen Jahrelang schwache und unaullige Geschpfe. Zwischen Indonesienund der spanischen Halbinsel lebten nicht einmal eine MillionMenschen, und das mehr schlecht als recht. Sie lebten in dauernderAngst vor Raubtieren, erlegten selten groe Beute und ernhrtensich vor allem von Panzen, Insekten, Kleintieren und dem Aas, dasgrere Fleischfresser zurckgelassen hatten.Die Steinwerkzeuge verwendeten sie brigens hauptschlich, umKnochen zu knacken und an das Mark in deren Inneren zu gelan-gen. Einige Wissenschaler meinen, dies sei unsere kologischeNische gewesen: Genau wie sich die Spechte darauf spezialisierthaben, Insekten aus der Baumrinde herauszupicken, verlegten sichdie Menschen darauf, das Mark aus den Knochen zu pulen. Aberwarum ausgerechnet Knochenmark? Ganz einfach: Stellen Sie sichvor, Sie beobachten, wie ein Lwenrudel eine Girae zur Streckebringt und sich daran gtlich tut. Sie warten geduldig ab, bis sichdie Raubkatzen den Magen vollgeschlagen haben, und dann sehensie zu, wie sich die Hynen und Schakale (mit denen Sie sich aufkeinen Fall anlegen wollen) ber die Reste hermachen. Erst dann21Ein ziemlich unaulliges Tierwagen Sie sich mit Ihrer Horde aus der Deckung, schleichen sichan die verbleibenden Knochen heran und suchen nach den letztenFetzchen von essbarem Gewebe.Dies ist auch ein Schlssel zum Verstndnis der menschlichenGeschichte und Psyche. Bis vor Kurzem befand sich die GattungHomo irgendwo in der Mitte der Nahrungskette. Jahrmillionen langjagten Menschen kleinere Tiere und aen, was sie eben bekommenkonnten, whrend sie gleichzeitig auf dem Speisezettel von grerenRubern standen. Erst vor 400 000 Jahren begannen einige Men-schenarten damit, regelmig auch greren Beutetieren nachzu-stellen. Erst in den vergangenen 100 000 Jahren, mit dem Aufstiegdes Homo sapiens, schae die Gattung Mensch den Sprung an dieSpitze der Nahrungskette.Dieser spektakulre Aufstieg hatte weitreichende Auswirkungen.Die Menschen waren es nicht gewhnt, an der Spitze der Nah-rungskette zu stehen, und konnten nicht sonderlich gut mit dieserneuen Rolle umgehen. Andere Raubtiere wie Lwen oder Haie hat-ten sich ber Jahrmillionen hinweg hochgebissen und angepasst.Die Menschen dagegen fanden sich fast von einem Tag auf denanderen an der Spitze wieder und hatten kaum Gelegenheit, sichdarauf einzustellen. Viele Katastrophen der Menschheitsgeschichtelassen sich mit dieser berhasteten Entwicklung erklren, ange-fangen von der Massenvernichtung in Kriegen bis hin zur Zerst-rung unserer kosysteme. Die Menschheit ist kein Wolfsrudel, dasdurch einen unglcklichen Zufall Panzer und Atombomben in dieFinger bekam. Die Menschheit ist vielmehr eine Schaerde, diedank einer Laune der Evolution lernte, Panzer und Atombombenzu bauen. Aber bewanete Schafe sind ungleich gefhrlicher alsbewanete Wlfe.22Das kochende TierEin wichtiger Schritt auf dem Weg an die Spitze der Nahrungskettewar die Bndigung des Feuers. Wir wissen nicht genau, wann, wound wie Menschen dies schaen. Doch vor rund 300 000 Jahrenscheint das Feuer fr viele zum Alltag gehrt zu haben. Damithatten sie eine verlssliche Licht- und Wrmequelle und eine wir-kungsvolle Wae gegen die lauernden Lwen. Damals starteten dieMenschen ihre ersten groangelegten Unternehmungen: die gezielteBrandrodung von Wldern. Nachdem die Feuer erloschen waren,wanderten die Steinzeitunternehmer durch die Asche und sammel-ten gerstete Tiere, Nsse und Wurzeln ein. Ihnen folgten die erstenLandschasplaner. Mit einem sorgfltig gelegten Buschfeuer liesich ein undurchdringliches Dickicht in eine Steppe verwandeln, aufder es von Beutetieren nur so wimmelte. Aber das Beste am Feuerwar, dass man damit kochen konnte.Die Kochkunst erschloss der Menschheit neue Regalreihen imSupermarkt der Natur. Panzen, die der menschliche Magen in roherForm nicht verwerten konnte zum Beispiel Weizen, Reis oder Kar-toeln , wanderten pltzlich auf die Liste der Grundnahrungsmittel.Das Feuer vernderte jedoch nicht nur die Chemie der Nahrungsmittel,sondern auch ihre Biologie. Die Hitze ttete Bakterien und Parasitenab und machte traditionelle Leckerbissen wie Frchte, Nsse, Insektenund Aas leichter kau- und verdaubar. Whrend Schimpansen fnfStunden am Tag damit zubrachten, auf ihrer Rohkost herumzukauen,reichte den Menschen mit ihren gekochten Mahlzeiten eine Stunde.Dank dieser Erndung konnten die Menschen eine grereBandbreite von Nahrungsmitteln zu sich nehmen, sie sparten Zeitbeim Essen und kamen mit kleineren Zhnen und krzeren Dr-men aus. Einige Wissenschaler sehen einen direkten Zusammen-hang zwischen der Entdeckung des Kochens, der Verkrzung desDarms und dem Wachstum des Gehirns. Da lange Drme genausogroe Energiefresser sind wie groe Gehirne, ist es kaum mglich,23Ein ziemlich unaulliges Tierbeide gleichzeitig zu unterhalten. Weil das Kochen jedoch eineVerkrzung des Verdauungstrakts und damit Energieeinsparungenermglichte, bereitete es ganz nebenbei den gewaltigen Gehirnendes Neandertalers und des Homo sapiens den Boden.1Das Feuer riss auerdem einen ersten Graben zwischen den Men-schen und dem Rest der Tierwelt auf. Die Strke eines Tiers hngt inder Regel direkt mit seinen krperlichen Eigenschaen zusammen,zum Beispiel seiner Muskelkra, seiner Flgelspannweite oder derGre seiner Zhne. Obwohl Tiere in der Lage sind, Lu- oder Was-serstrmungen fr sich zu nutzen, stellen ihre krperlichen Anlagenimmer eine Obergrenze dar, die sie nicht berwinden knnen. Adlersind zwar imstande, aufsteigende Warmlu zu erkennen und sichvon der ermik nach oben tragen zu lassen. Aber sie knnen dieseLusulen nicht nach Belieben an- und abschalten, und die Kra,mit der sie ihre Beute abtransportieren knnen, hngt immer vonihrer Flgelspannweite ab.Als die Menschen das Feuer bndigten, erlangten sie dagegen dieKontrolle ber eine willige und potenziell grenzenlose Kra. Andersals die Adler konnten sie frei entscheiden, wann und wo sie ein Feuerentzndeten, und sie konnten dieses neue Werkzeug fr eine ganzeReihe von Ttigkeiten einsetzen. Vor allem aber war die Macht des Feu-ers nicht vom menschlichen Krperbau abhngig. Mit einem Feuer-stein oder einem Reibholz bewanet, konnte eine einzelne Frau inner-halb weniger Stunden einen ganzen Wald abfackeln. Die Bndigungdes Feuers war ein erster Hinweis auf das, was noch kommen sollte. Ingewisser Hinsicht war es der erste Schritt auf dem Weg zur Atombombe.Der Hter unserer BrderWann kam die erste Homo sapiens zur Welt und wo lebte sie? Aufdiese Frage gibt es keine eindeutige Antwort, nur einige eorien.Die meisten Wissenschaler sind sich jedoch einig, dass in OstafrikaDie kognitive Revolution24vor 150 000 Jahren die ersten anatomisch modernen Menschenlebten. Wenn heute ein Pathologe einen dieser Menschen auf demSeziertisch vor sich htte, dann wrde ihm nichts Besonderes aual-len. Wissenschaler sind sich auerdem einig, dass der Homo sapi-ens vor rund 70 000 Jahren von Ostafrika nach Arabien wanderteund sich von dort aus rasch ber weite Teile Europas und Asiensausbreitete.Als der Homo sapiens nach Arabien kam, lebten in Europa undAsien jedoch schon andere Menschenarten. Was passierte mit denen?Karte 1. Der Homo sapiens erobert die WeltPazischer OzeanIndischerOzeanAtlantischerOzeanAtlantischerOzeanNordpolarmeerNordpolarmeerBering-meerHomo sapiens, vor 100 000 JahrenDie Zahlen bezeichnen, vor wie vielen Jahrender Homo sapiens dort angekommen ist.Neandertaler, vor 100 000 JahrenAndere Menschenarten, vor 100 000 JahrenEuropa45 000Afrika150 000Australien45 000Ostasien60 00070 000Alaska16 000Amerika14 000Sdamerika12 00025Ein ziemlich unaulliges TierDazu gibt es zwei widerstreitende eorien. Die Vermischungshy-pothese erzhlt eine pikante Geschichte von gegenseitiger Anzie-hung, Vermischung und Sex. Wenn man dieser eorie glaubt, trie-ben es die afrikanischen Migranten auf ihren Wanderungen mit allen,die ihnen ber den Weg liefen. Daher verdankten die verschiedenenGruppen von Homo sapiens in aller Welt ihre Gene und damit ihrekrperlichen und geistigen Eigenschaen zum Teil auch den Ange-hrigen lterer Menschenarten.Die zweite eorie, die Verdrngungshypothese, zeichnet einganz anderes Bild von Unvertrglichkeit, gegenseitiger Ablehnungund vielleicht sogar Vlkermord. Nach dieser eorie fanden dieNeuankmmlinge aus Afrika die alteingesessenen Menschen allesandere als attraktiv. Und selbst wenn es hier und da zu Paarun-gen gekommen sein sollte, sei aus diesen Verbindungen kein fort-panzungsfhiger Nachwuchs hervorgegangen, weil der genetischeGraben zwischen beiden Arten bereits zu gro gewesen sei. Odervielleicht schlachteten die Einwanderer ihre fremd aussehendenKonkurrenten ganz einfach ab. Nach dieser Hypothese verschwan-den die lteren Menschenarten, ohne genetische Spuren im moder-nen Menschen zu hinterlassen. Wenn diese eorie stimmt, gehenalle heute lebenden Menschen ausschlielich auf Vorfahren zurck,die vor 70 000 Jahren in Ostafrika lebten.In der Diskussion zwischen diesen beiden Hypothesen stehteiniges auf dem Spiel. Aus evolutionrer Sicht sind 70 000 Jahreein relativ kurzer Zeitraum. Wenn die Verdrngungshypothesestimmt, haben alle Menschen mehr oder weniger dasselbe geneti-sche Material und die Unterschiede zwischen den verschiedenenethnischen Gruppierungen von heute sind vernachlssigbar. Wenndagegen die Vermischungshypothese stimmt, knnte es zwischenAfrikanern, Europern und Asiaten beachtliche genetische Unter-schiede geben, die Hunderttausende von Jahren zurckreichen.Rassisten wrden es sicher gern hren, dass Indonesier einmaligeDie kognitive Revolution26oresiensis-Gene mitbringen und Chinesen klar unterscheidbareerectus-Gene.Da die Beweislage unklar ist, neigt die Expertenmeinung mit jederneuen Entdeckung und jedem neuen Experiment mal zu der einenund mal zu der anderen Hypothese. Ein entscheidender Zankap-fel ist der Neandertaler. Diese Menschen waren grer, muskul-ser und besser an die Lebensbedingungen in kalten Klimazonenangepasst als wir, und sie hatten auerdem ein mindestens ebensogroes Gehirn. Sie benutzten Werkzeuge und Feuer, waren ausge-zeichnete Jger, und es gibt Hinweise, dass sie ihre Toten bestattetenund sich um Kranke und Schwache kmmerten. Archologen habenKnochen von Neandertalern gefunden, die jahrelang mit schwerenkrperlichen Behinderungen berlebten, was darauf schlieen lsst,dass sie von den Angehrigen ihrer Gruppe versorgt worden sein3. Spekulative Rekonstruktion eines Neandertalerkindes. Genanalysen lassendarauf schlieen, dass zumindest ein Teil der Neandertaler hellhutig gewesensein knnte.27Ein ziemlich unaulliges Tiermssen. Doch als der Homo sapiens in ihren Lebensraum vordrang,wichen sie zurck und verschwanden schlielich ganz. Die letztenNeandertaler, von denen wir Kenntnis haben (weil wir ihre Knochengefunden haben), lebten vor 30 000 Jahren in Sdspanien aus Sichtder Evolution ist das so, als wre das noch gestern Abend gewesen.Nach der Vermischungshypothese kreuzten sich Sapiens* undNeandertaler, bis die beiden Arten ineinander aufgingen. Solltendie Vertreter dieser eorie Recht haben, verschwand der Neander-taler also nicht vielmehr tragen die heutigen Europer und Asia-ten den Neandertaler in sich. Vertreter der Verdrngungshypothesewidersprechen dem jedoch. Ihrer Ansicht nach unterschieden sichSapiens und Neandertaler nicht nur hinsichtlich ihres Krperbaus,sondern auch hinsichtlich ihres Paarungsverhaltens und ihres Kr-pergeruchs. Daher htten sie vermutlich kaum Gefallen aneinandergefunden. Selbst wenn ein Neandertaler-Romeo und eine Sapiens-Julia sich unsterblich ineinander verliebt htten, oder wenn einSapiens-Pascha sich einen Harem von Neandertaler-Frauen gehal-ten htte, dann wren ihre Kinder vermutlich unfruchtbar gewesen.Vielmehr htten die beiden Arten nebeneinander gelebt, und als dieNeandertaler ausstarben oder ausgerottet wurden, verschwandenihre Gene mit ihnen.In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Forschung von derVerdrngungshypothese beherrscht. Sie schien durch archologi-sche Beweise untermauert zu werden und vor allem war sie politischkorrekt (die Wissenschaler hatten kein Interesse daran, ein rassis-tisches Fass aufzumachen und von groen genetischen Unterschie-den unter den modernen Menschen zu sprechen). Das nderte sichjedoch im Jahr 2010, als nach vierjhriger Arbeit Teile des Nean-dertalergenoms entschlsselt worden waren. Genforscher hatten* In der Folge verwende ich fr die Angehrigen der Art Homo sapiens die verein-fachte Bezeichnung Sapiens (und zwar fr Singular und Plural, da das s amEnde des lateinischen Worts nicht fr einen Plural steht). Wenn ich die Art alsGanze meine, verwende ich weiter die kursiv gedruckte lateinische Bezeichnung.Die kognitive Revolution28ausreichende Mengen von intaktem Erbgut aus den Fossilien vonNeandertalern gesammelt, um einen Vergleich zwischen modernenMenschen und ihren stmmigen Vorlufern anstellen zu knnen.Die Ergebnisse verblen die Fachwelt: Es stellte sich heraus, dass4 Prozent aller Gene der modernen Menschen in Europa und demNahen Osten von Neandertalern stammen. So bescheiden das klin-gen mag, ist es gar nicht wenig. Eine zweite berraschung folgteeinige Monate spter, als sich herausstellte, dass der Besitzer des ver-steinerten Fingers aus der Denissowa-Hhle sogar 6 Prozent seinesErbguts mit den Genen der heutigen Ureinwohner von Melanesienund Australien gemeinsam hatte.Aber wie knnte die biologische Beziehung zwischen Sapiens,Neandertalern und Denissowern ausgesehen haben? Oenbarwaren es keine grundstzlich verschiedenen Arten, wie zum BeispielPferde und Esel. Aber es handelte sich auch nicht einfach um ver-schiedene Unterarten derselben Art, wie Doggen und Cockerspaniel.Die biologische Wirklichkeit ist selten so eindeutig. Zwei Arten, dieaus einem gemeinsamen Vorfahren hervorgehen, wie Pferde undEsel, waren irgendwann einmal einfach Varianten, wie Doggen undCockerspaniel. Im Laufe der Evolution wurden die Unterschiedeimmer grer, bis die beiden getrennte Wege gingen. Es muss einenPunkt gegeben haben, an dem sich die Arten zwar schon deutlichunterschieden, aber hin und wieder noch zeugungsfhige Nachkom-men hervorbringen konnten. Zwei oder drei Genmutationen spterwurde die Verbindung dann fr immer gekappt.An diesem Punkt mssen sich Sapiens, Neandertaler und Denis-sower vor etwa 50 000 Jahren befunden haben. Wie wir im kommen-den Kapitel sehen werden, unterschieden sich die Sapiens damalsnicht nur genetisch und krperlich, sondern auch hinsichtlich ihrerkognitiven und sozialen Fhigkeiten erheblich von ihren Vettern.Trotzdem konnten sie in seltenen Fllen noch Nachwuchs mit ihnenzeugen. Die Arten verschmolzen also nicht es gelang lediglichein paar Neandertalergenen, als blinde Passagiere auf den Sapiens-29Ein ziemlich unaulliges TierExpress aufzuspringen. Es ist ein aufregender, aber auch beunruhi-gender Gedanke, dass Sapiens irgendwann einmal in der Lage waren,mit Angehrigen anderer Tierarten Nachkommen zu zeugen.Aber wenn die Neandertaler nicht mit in Sapiens aufgingen,warum sind sie dann verschwunden? Es kann durchaus sein, dassdie Neandertaler ausstarben, weil sie der Konkurrenz durch denHomo sapiens nicht gewachsen waren. Stellen Sie sich vor, eineGruppe von Sapiens kommt in ein Tal auf dem Balkan, das seitHunderttausenden Jahren von Neandertalern bewohnt wird. DieNeuankmmlinge jagen Wild und sammeln Nsse und Beeren,die auch auf dem Speisezettel der Neandertaler stehen. Dank ihrerberlegenen Technologie und Sozialkompetenz sind die Sapiensbessere Jger und Sammler und vermehren sich rasch. Die wenigergeschickten Neandertaler nden dagegen immer weniger Nahrung,ihre Population wird stetig kleiner und stirbt irgendwann aus.Es ist allerdings durchaus denkbar, dass der Konkurrenzkampfin Gewalt und Blutvergieen ausartete. Der Homo sapiens ist nichtgerade fr seine Toleranz bekannt. In der Geschichte der Art reichteo schon ein winziger Unterschied in Hautfarbe, Dialekt oder Reli-gion, damit eine Gruppe von Sapiens eine andere ausrottete. Warumsollten die frhen Sapiens mit einer gnzlich anderen Menschen-art zimperlicher umgesprungen sein? Es ist gut mglich, dass dieBegegnung zwischen Sapiens und Neandertalern mit der ersten undgrndlichsten ethnischen Suberung der Geschichte endete.Was auch immer passiert sein mag, die Neandertaler bieten Anlasszu faszinierenden Gedankenspielen. Stellen Sie sich vor, was passiertwre, wenn die Neandertaler neben dem Homo sapiens berlebthtten. Welche Kulturen, Gesellschaen und politischen Struktu-ren wren in einer Welt entstanden, in der mehrere Menschenartenfriedlich nebeneinander existierten? Wie htten sich beispielsweisedie Religionen entwickelt? Knnten wir heute in der Bibel lesen,dass der Neandertaler von Adam und Eva abstammte? Wre Jesusauch fr die Snden der Neandertaler ans Kreuz genagelt worden?Die kognitive Revolution30Wrde der Koran allen Rechtglubigen einen Platz im Paradies ver-sprechen, egal welcher Art sie angehren? Htten die Neandertalerin den Legionen des Rmischen Reichs und in der ausuferndenBrokratie der chinesischen Kaiser gedient? Htte Karl Marx dieProletarier aller Arten aufgerufen, sich zu vereinigen? Wrde dieErklrung der Menschenrechte fr alle Angehrigen der GattungHomo gelten?In den vergangenen 30 000 Jahren haben wir Sapiens uns der-art daran gewhnt, die einzige Menschenart zu sein, dass es unsschwerfllt, uns eine andere Mglichkeit auch nur vorzustellen.Ohne Brder und Schwestern el es uns leichter zu glauben, wirseien die Krone der Schpfung, die durch einen unberwindlichenAbgrund vom Rest der Tierwelt getrennt sei. Als Charles Darwinerklrte, der Mensch sei nur eine von vielen Tierarten, waren seineZeitgenossen emprt. Selbst heute weigern sich viele, diese Tat-sache anzuerkennen. Aber wrden wir uns auch dann noch frein auserwhltes Wesen halten, wenn die Neandertaler berlebthtten? Vielleicht war das ja der Grund, warum unsere Vorfahrendie Neandertaler ausrotteten: Sie waren zu hnlich, um sie zu igno-rieren, und zu anders, um sie zu dulden.*Welche Rolle die Sapiens dabei auch gespielt haben mgen woimmer sie auauchten, verschwanden die einheimischen Men-schenarten. Die letzten Angehrigen des Homo soloensis segnetenvor 50 000 Jahren das Zeitliche, der Homo denisova folgte 10 000Jahre spter. Die letzten Neandertaler verabschiedeten sich vor rund30 000 Jahren, und die Zwergmenschen von der Insel Flores gin-gen vor 12 000 Jahren dahin. Zurck blieben ein paar Knochen undSteinwerkzeuge, eine Handvoll Gene in unserem Genom und eineMenge unbeantworteter Fragen. Einige Wissenschaler hegen dieHonung, sie knnten eines Tages in den unberhrten Tiefen desEin ziemlich unaulliges Tierindonesischen Urwalds auf eine Gruppe von Liliputanern treen.Leider sind wir dazu einige zehntausend Jahre zu spt dran.Was war das Erfolgsgeheimnis des Sapiens? Wie gelang es uns,so schnell so unterschiedliche und rumlich so weit auseinanderliegende Lebensrume zu besiedeln? Wie haben wir es gescha,alle anderen Menschenarten zu verdrngen? Warum berlebte nichteinmal der muskulse, intelligente und klteresistente Neander-taler unseren Ansturm? Die Debatte darber verlu hitzig. Diewahrscheinlichste Antwort ist jedoch genau das Instrument, mitdem diese Debatte gefhrt wird: Wenn der Homo sapiens die Welteroberte, dann vor allem dank seiner einmaligen Sprache.32Kapitel 2Der Baum der ErkenntnisDie Sapiens, die vor 100 000 Jahren in Ostafrika lebten, waren reinuerlich nicht von uns zu unterscheiden und hatten schon genausogroe Gehirne. Aber dachten und sprachen sie auch wie wir? Ver-mutlich nicht. Sie verwendeten noch keine sonderlich ausgefeiltenWerkzeuge, vollbrachten keine aulligen Leistungen und hattengegenber anderen Menschenarten kaum einen Vorteil. Im Gegen-teil, als sich einige von ihnen vor rund 100 000 Jahren in den NahenOsten vorwagten, in dem damals die Neandertaler lebten, konnten siesich dort nicht lange halten. Wir wissen nicht, ob sie von ihren feind-seligen Vettern, dem ungnstigen Klima oder unbekannten Parasi-ten vertrieben wurden, Tatsache ist jedenfalls, dass sich die Sapienswieder zurckzogen und die Levante den Neandertalern berlieen.Das Scheitern dieser Unternehmung lsst darauf schlieen, dasssich das Gehirn der damaligen Sapiens strukturell ganz erheblichvon unserem Gehirn unterschied. Sie sahen zwar uerlich so auswie wir, doch ihre kognitiven Fhigkeiten ihre Lernfhigkeit, ihrGedchtnis und ihre kommunikative Kompetenz waren nochvergleichsweise begrenzt. Es htte vermutlich wenig Zweck, diesenUr-Sapiens eine moderne Sprache beibringen, sie in einer Religionunterweisen oder ihnen die Evolutionstheorie erklren zu wollen.Umgekehrt wrde es uns wahrscheinlich genauso schwerfallen, ihreSprache zu lernen oder uns in ihren Kopf zu versetzen.Aber eines Tages, irgendwann vor 70 000 Jahren, begann der Homosapiens, erstaunliche Leistungen zu vollbringen. Damals verlieen33Der Baum der Erkenntnisneue Gruppen von Sapiens den afrikanischen Kontinent. Dieses Malvertrieben sie die Neandertaler und die brigen Menschenarten, undzwar nicht nur aus dem Nahen Osten, sondern vom gesamten Pla-neten. Innerhalb krzester Zeit breiteten sich die Sapiens bis nachEuropa und Ostasien aus. Vor rund 45 000 Jahren gelang es ihnenirgendwie, das oene Meer zu berqueren und bis nach Australienvorzudringen einen Kontinent, auf den bis dahin noch kein Menschseinen Fu gesetzt hatte. Sie erfanden Boote, llampen, Pfeil undBogen und sogar Nadeln (mit denen sie sich warme Kleider nhenkonnten). Die ersten Gegenstnde, die manals Kunst und Schmuck bezeichnen kann,stammen aus dieser Zeit, genau wie die ers-ten Hinweise auf Religion, Handel und gesell-schaliche Schichten.Die meisten Forscher sehen in diesen bei-spiellosen Leistungen einen Hinweis darauf,dass die kognitiven Fhigkeiten des Homosapiens einen Quantensprung gemacht hat-ten. Die Menschen, die den Neandertalerausrotteten, Australien besiedelten und denLwenmenschen schnitzten, dachten undsprachen bereits so wie wir. Wenn wir denSchpfern dieser Elfenbeingur begegnenwrden, dann knnten sie unsere Sprache4. Elfenbeingur eines Lwenmenschen aus demHohlenstein-Stadel auf der Schwbischen Alb miteinem menschlichen Krper und dem Kopf einesLwen. Die Figur ist rund 32 000 Jahre alt und damiteines der ltesten Kunstwerke der Menschheit. Sie istzugleich einer der ersten Hinweise auf Religion unddie Fhigkeit des Menschen, sich Dinge vorzustellen,die nicht existieren.Die kognitive Revolution34lernen und wir ihre. Wir knnten ihnen unser Wissen vermitteln von Alice im Wunderland bis zur Wunderwelt der Quantenmecha-nik und sie knnten uns erklren, wie sie die Welt sehen.Die Entstehung neuer Denk- und Kommunikationsformen indem Zeitraum, der vor rund 70 000 Jahren begann und vor etwa30 000 Jahren endete, wird als kognitive Revolution bezeichnet. Waswar der Auslser dieser Revolution? Diese Frage lsst sich nichtbeantworten. Die gngigste eorie geht davon aus, dass zuflligeGenmutationen die Kabel im Gehirn des Sapiens neu verschaltethatten und dass sie deshalb lernen konnten, in noch nie dagewese-ner Weise zu denken und mit einer vllig neuen Form von Sprachezu kommunizieren. Diese Vernderung knnte man als Baum derErkenntnis-Mutation bezeichnen. Aber warum passierte sie nurin den Genen des Homo sapiens und nicht im Erbgut des Nean-dertalers? Soweit wir das heute beurteilen knnen, war das reinerZufall. Aber es ist viel interessanter, sich die Folgen dieser Mutationanzusehen als nach ihren Ursachen zu suchen. Was war denn sobesonders an der neuen Sprache des Homo sapiens, dass sie uns dieEroberung der Welt ermglichte?Es war schlielich nicht die erste Sprache. Jedes Tier hat seineeigene Sprache. Selbst Insekten wie Bienen und Ameisen verwendenausgeklgelte Kommunikationssysteme, um sich ber Futterquel-len zu verstndigen. Es war noch nicht einmal die erste Lautspra-che. Viele Tiere kommunizieren mithilfe von Lauten, darunter alleAenarten. Grnmeerkatzen verstndigen sich beispielsweise mitunterschiedlichen Schreien. Einen dieser Schreie bersetzen Aen-forscher als Vorsicht Adler! und einen anderen, der etwas andersklingt, mit Vorsicht Lwe!. Als die Forscher einer Gruppe vonGrnmeerkatzen eine Tonbandaufnahme des ersten Schreis vor-spielten, hielten die Tiere inne und sphten ngstlich in den Himmel.Und als dieselben Aen eine Aufnahme der Lwenwarnung hrten,kletterten sie eilig den nchsten Baum hinauf. Sapiens knnen deut-lich mehr unterschiedliche Laute hervorbringen als Grnmeerkat-35Der Baum der Erkenntniszen, doch Wale und Elefanten haben ein hnlich beeindruckendesRepertoire wie wir. Papageien knnen smtliche Laute nachahmen,die wir von uns geben, und obendrein eine schier endlose Vielfaltanderer Gerusche wie klingelnde Telefone, zuschlagende Trenoder heulende Sirenen imitieren. Was ist also das Besondere anunserer Sprache?Eine mgliche Antwort ist die extreme Flexibilitt. Mit einerbegrenzten Zahl von Lauten und Zeichen knnen wir eine unend-liche Zahl von Stzen mit ihrer jeweils eigenen Bedeutung produ-zieren. Damit knnen wir gewaltige Mengen an Information berunsere Umwelt aufnehmen, speichern und weitergeben. Eine Grn-meerkatze kann ihren Artgenossen zurufen: Achtung Lwe! Aberein Mensch kann seinen Stammesgenossen berichten, dass er heuteMorgen in der Nhe der Flussbiegung einen Lwen gesehen hat, dereine Belherde beobachtete. Er kann den Ort genau beschreibenund erklren, wie man dorthin kommt. Mit dieser Information kanndie Gruppe gemeinsam berlegen, ob sie sich zum Fluss aufmacht,um den Lwen zu vertreiben und die Bel zu jagen.Eine zweite eorie geht ebenfalls davon aus, dass sich unsereSprache entwickelte, um Informationen ber die Umwelt auszu-tauschen. Doch nach dieser eorie ging es den Menschen nichtdarum, sich ber Lwen und Bel zu unterhalten, sondern berihre Artgenossen. Mit anderen Worten dient unsere Sprache vorallem der Verbreitung von Klatsch und Tratsch. Der Homo sapiensist ein Herdentier, und die Kooperation in der Gruppe ist entschei-dend fr das berleben und die Fortpanzung. Dazu reicht es nichtaus, zu wissen, wo sich Lwen und Bel aualten. Es ist viel wich-tiger zu wissen, wer in der Gruppe wen nicht leiden kann, wer mitwem schl, wer ehrlich ist und wer andere beklaut.Es ist ganz erstaunlich, wie viel Information man aufnehmen undim Kopf haben muss, um das sich stndig verndernde Beziehungs-geecht zwischen einigen Dutzend Personen im Blick zu behalten.(In einer Gruppe von 50 Menschen gibt es allein 1225 Zweierbezie-Die kognitive Revolution36hungen und eine schier unberschaubare Vielzahl von Dreiecks-,Vierecks- und anderen ber-Eck-Beziehungen.) Smtliche Aen-arten haben groes Interesse an sozialen Informationen, aber keinekann so gut klatschen wie wir. Neandertaler und die ersten Sapienswaren vermutlich noch nicht besonders gebt darin, hinter vor-gehaltener Hand ber andere zu reden eine Fhigkeit, die in letzterZeit etwas in Misskredit geraten ist, obwohl sie eine entscheidendeVoraussetzung fr die Zusammenarbeit in greren Gruppen ist.Mit der neuen Sprachkompetenz, die der moderne Homo sapiensvor rund 70 000 Jahren erwarb, konnte er dagegen stundenlang berandere tratschen. Mit Hilfe von verlsslichen Informationen berzuverlssige Mitmenschen konnten die Sapiens ihre Gruppen starkerweitern, enger miteinander zusammenarbeiten und komplexereFormen der Zusammenarbeit entwickeln.1So witzig die Klatsch-eorie vielleicht klingen mag, sie wird vonvielen Untersuchungen besttigt. Machen wir uns nichts vor, unsereE-Mails, Telefongesprche oder Zeitungsberichte bestehen bis heutezum grten Teil aus Klatsch. Dass er uns so leicht ber die Lippenkommt, lsst vermuten, dass sich die Sprache tatschlich zu diesemZweck entwickelt haben knnte. Sie glauben doch nicht etwa, dasssich Geschichtswissenschaler beim Mittagessen nur ber histori-sche Ereignisse austauschen, oder dass Physiker ihre Kaeepausemit der Errterung von Quarks zubringen? Natrlich nicht. Sieunterhalten sich ber die Professorin, die ihren Mann mit eineranderen erwischt hat, ber den Streit zwischen dem Fachbereichs-leiter und der Dekanin oder ber das Gercht, dass sich ein Kol-lege von den Forschungsgeldern der Studienstiung einen Mercedesgekau hat. Klatsch beschigt sich vor allem mit Fehltritten. Dieersten Journalisten waren Klatschbasen, die den Rest der Gruppevor Betrgern, Hochstaplern und Schnorrern warnten.*37Der Baum der ErkenntnisBeide Hypothesen die Klatsch-eorie und die Lwe-am-Fluss-eorie haben einiges fr sich. Doch das wirklich Einmalige anunserer Sprache ist nicht, dass wir damit Informationen ber Men-schen und Lwen weitergeben knnen. Das Einmalige ist, dass wiruns ber Dinge austauschen knnen, die es gar nicht gibt. Soweitwir wissen, kann nur der Sapiens ber Mglichkeiten spekulierenund Geschichten ernden.Legenden, Mythen, Gtter und Religionen tauchen erstmals mitder kognitiven Revolution auf. Viele Tier- und Menschenartenkonnten Vorsicht Lwe! rufen. Aber dank der kognitiven Revo-lution konnte nur der Sapiens sagen: Der Lwe ist der Schutzgeistunseres Stammes. Nur mit der menschlichen Sprache lassen sichDinge ernden und weitererzhlen. Man knnte sie deshalb als k-tive Sprache bezeichnen.Nur der Mensch kann ber etwas sprechen, das gar nicht exis-tiert, und noch vor dem Frhstck sechs unmgliche Dinge glau-ben. Einen Aen wrden Sie jedenfalls nie im Leben dazu bringen,Ihnen eine Banane abzugeben, indem Sie ihm einen Aenhimmelausmalen und grenzenlose Bananenschtze nach dem Tod verspre-chen. Auf so einen Handel lassen sich nur Sapiens ein. Aber warumist diese ktive Sprache dann so wichtig? Sind Phantasiegeschichtennicht gefhrlich und irrefhrend? Ist es nicht pure Zeitverschwen-dung, sich Legenden ber Einhrner auszudenken, und wrden wirunsere Zeit mit Jagen, Kmpfen und Vgeln nicht viel besser nutzen?Gefhrdet es nicht sogar unser berleben, wenn wir uns den Kopfmit Mrchen fllen?Aber mit der ktiven Sprache knnen wir uns nicht nur Dingeausmalen wir knnen sie uns vor allem gemeinsam vorstellen. Wirknnen Mythen ernden, wie die Schpfungsgeschichte der Bibel,die Traumzeit der Aborigines oder die nationalistischen Mythender modernen Nationalstaaten. Diese und andere Mythen verlei-hen dem Sapiens die beispiellose Fhigkeit, exibel und in gro-en Gruppen zusammenzuarbeiten. Ameisen und Bienen arbeitenDie kognitive Revolution38zwar auch in groen Gruppen zusammen, doch sie spulen starreProgramme ab und kooperieren nur mit ihren Geschwistern.Schimpansen sind exibler als Ameisen, doch auch sie arbeitennur mit einigen wenigen Artgenossen zusammen, die sie gut ken-nen. Sapiens sind dagegen ausgesprochen exibel und knnen miteiner groen Zahl von wildfremden Menschen kooperieren. Undgenau deshalb beherrschen die Sapiens die Welt, whrend Ameisenunsere Essensreste verzehren und Schimpansen in unseren Zoosund Forschungslabors herumhocken.Die Peugeot-LegendeUnsere nchsten Verwandten, die Schimpansen, leben in kleinenGruppen mit wenigen Dutzend Artgenossen. Sie pegen engeFreundschaen und kmpfen Seite an Seite gegen Paviane, Gepar-den und feindliche Schimpansen. Ihre Rudel sind hierarchisch orga-nisiert, und das Leittier, fast immer ein Mnnchen, wird als Alphabezeichnet. Andere Mnnchen und Weibchen demonstrieren die-sem Alphamnnchen ihre Unterwrgkeit, indem sie sich vor ihmducken und dabei Grunzlaute ausstoen fast wie menschlicheUntertanen, die sich vor dem Knig auf den Boden werfen. DasAlphamnnchen ist darum bemht, die Harmonie in der Horde zuerhalten. Wenn sich zwei Schimpansen in die Haare bekommen,geht er dazwischen und trennt die Streitenden. In seinen wenigersozialen Momenten beansprucht er die besten Leckerbissen fr sichund hindert seine mnnlichen Untergebenen daran, sich mit denWeibchen zu paaren.Wenn sich zwei Mnnchen um die Alpha-Position streiten,schmieden sie in der Regel groe Allianzen von mnnlichen undweiblichen Untersttzern innerhalb der Gruppe. Die verbndetenFamilienmitglieder pegen ihre Beziehung in tglichem und inti-mem Kontakt, indem sie einander umarmen, berhren, kssen und39Der Baum der Erkenntnislausen. Sie erweisen sich gegenseitig Geflligkeiten und helfen ein-ander aus der Patsche. Normalerweise setzt sich das Alphamnn-chen nicht deshalb an die Spitze des Rudels, weil es das Strkere ist,sondern weil es sich ein groes und stabiles Untersttzernetzwerkaufgebaut hat.Gruppen, die ber diese intimen Bndnisse zusammengehaltenwerden, knnen eine bestimmte Gre nicht berschreiten. Wennsie funktionieren sollen, mssen sich die einzelnen Angehrigengut kennen. Zwei Schimpansen, die einander nie gesehen, nie mit-einander gekmp und einander nie die Luse aus dem Pelz gesuchthaben, wissen nicht, ob sie einander ber den Weg trauen knnen,ob es sich lohnt, dem anderen zu helfen, oder welcher der beiden inder Rangordnung ber dem anderen steht. Mit zunehmender Greder Gruppe wird die soziale Bindung immer schwcher, bis sichirgendwann eine Untergruppe abspaltet und ein eigenes Rudel bildet.In der Natur besteht eine Schimpansenhorde aus zwanzig bisfnfzig Tieren. Grere Gruppen sind instabil, und nur in weni-gen Fllen haben Zoologen in freier Wildbahn Rudel mit mehr alshundert Tieren gesichtet. Die verschiedenen Gruppen arbeiten nurselten zusammen und konkurrieren eher um Territorien und Fut-ter. Forscher haben sogar Kriege zwischen verschiedenen Hordenbeobachtet und beschreiben regelrechte Vlkermorde, wenn eineHorde eine andere systematisch ausrottete.2Das Sozialleben der Frhmenschen sah ganz hnlich aus, unddie ersten Homo sapiens waren keine Ausnahme. Auch Menschenhaben soziale Instinkte, und dank ihrer konnten unsere Vorfah-ren Freundschaen knpfen, Hierarchien auauen und gemein-sam jagen und kmpfen. Wie bei den Schimpansen waren diesesozialen Instinkte der Frhmenschen nur auf kleine und intimeGruppen ausgelegt. Wenn eine Gruppe zu gro wurde, verlor siean Zusammenhalt und teilte sich irgendwann auf. Selbst wenn es ineinem besonders fruchtbaren Tal genug Nahrung fr fnundertMenschen gab, konnten unmglich so viele Fremde zusammenleben.Die kognitive Revolution40Wie sollten sie sich auf einen Rudelfhrer einigen, wer sollte wojagen, wer dure sich mit wem paaren?Nach der kognitiven Revolution lernten die Menschen, mit Hilfedes Klatsches grere und stabilere Gruppen zu bilden. Aber auchder Klatsch hat seine Grenzen. Soziologen haben in Untersuchungenherausgefunden, dass eine natrliche Gruppe, die nur von Klatschzusammengehalten wird, maximal aus 150 Personen bestehen kann.Mit mehr Menschen knnen wir keine engen Beziehungen pegen,und ber mehr Menschen knnen wir nicht eektiv tratschen. Dasist bis heute die magische Obergrenze unserer natrlichen Orga-nisationsfhigkeit. Bis zu einer Gre von 150 Personen reichenenge Bekanntschaen und Gerchte als Kitt fr Gemeinschaen,Unternehmen, soziale Netzwerke und militrische Einheiten aus,und es sind keine Rangabzeichen, Titel und Gesetzbcher ntig,um Ordnung zu halten.3Beim Militr kann ein Zug mit dreiig oder eine Kompanie mithundert Soldaten auf der Grundlage von engen Beziehungen funk-tionieren und bentigt nur ein Minimum von Befehl und Gehorsam.Ein erfahrener Feldwebel kann zur Mutter der Kompanie werden,und sogar ranghhere Oziere hren auf ihn. Ein kleines Familien-unternehmen kann auch ohne Aufsichtsrat, Vorstandsvorsitzendenund Finanzvorstand ein Vermgen verdienen. Aber sobald die magi-sche Grenze von 150 berschritten ist, funktioniert dieses Prinzipnicht mehr. Eine Division mit 10 000 Soldaten lsst sich nicht so fh-ren wie eine Kompanie. Erfolgreiche Familienunternehmen geratenin eine Krise, sobald sie expandieren und mehr Personal einstellenmssen wenn sie sich nicht neu ernden knnen, gehen sie pleite.Aber wie gelang es dem Homo sapiens, diese kritische Schwelle zuberwinden? Wie schae er es, Stdte mit Zehntausenden Einwoh-nern und Riesenreiche mit Millionen von Untertanen zu grnden?Sein Erfolgsgeheimnis war die ktive Sprache. Eine groe Zahl vonwildfremden Menschen kann eektiv zusammenarbeiten, wenn allean gemeinsame Mythen glauben.UNVERKUFLICHE LESEPROBEYuval Noah HarariEine kurze Geschichte der Menschheit Paperback, Klappenbroschur, 528 Seiten, 12,5 x 20,0 cmISBN: 978-3-570-55269-8PantheonErscheinungstermin: Februar 2015Der Mensch: Krone der Schpfung oder Schrecken des kosystems? Wie haben wir, Homo Sapiens, es geschafft, den Kampf der sechs menschlichen Speziesums berleben fr uns zu entscheiden? Warum lieen unsere Vorfahren, die einst Jger undSammler waren, sich nieder, betrieben Ackerbau und grndeten Stdte und Knigreiche?Warum begannen wir, an Gtter zu glauben, an Nationen, an Menschenrechte? Warum setzenwir Vertrauen in Geld, Bcher und Gesetze und unterwerfen uns der Brokratie, Zeitplnen unddem Konsum? Und hat uns all dies im Lauf der Jahrtausende glcklicher gemacht? Vor 100 000 Jahren war Homo sapiens noch ein unbedeutendes Tier, das unauffllig ineinem abgelegenen Winkel des afrikanischen Kontinents lebte. Unsere Vorfahren teilten sichden Planeten mit mindestens fnf weiteren menschlichen Spezies, und die Rolle, die sie imkosystem spielten, war nicht grer als die von Gorillas, Libellen oder Quallen. Vor 70 000Jahren dann vollzog sich ein mysteriser und rascher Wandel mit dem Homo sapiens, undes war vor allem die Beschaffenheit seines Gehirns, die ihn zum Herren des Planeten undzum Schrecken des kosystems werden lie. Bis heute hat sich diese Vorherrschaft stetigzugespitzt: Der Mensch hat die Fhigkeit zu schpferischem und zu zerstrerischem Handelnwie kein anderes Lebewesen. Und die Menschheit steht jetzt an einem Punkt, an dem sieentscheiden muss, welchen Weg sie von hier aus gehen will. http://www.randomhouse.de/Paperback/Eine-kurze-Geschichte-der-Menschheit/Yuval-Noah-Harari/Pantheon/e441313.rhd

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