• KL1NISCHE WOCHENSCHRIFT 2. JAHRGANG. Nr. 9 26. FEBRUAR I923 WILHELM CONRAD VON RONTGEN t. Nie hat ein Nichtmediziner eillen so gewaltigell EinfluB auf das Wissen und K6nnen der )krzte ausgefibt wie WIL- I~ELM CONRAD VON RONmGBN, der nunmehr~ nahezu 78j~hrig; aus seinem schaffensreichen Leben abberufen worden ist. Als R6~TG~ zum ersten Male den empfindlichell Schirm unter der Wirkung der Ka- thodenstrahlen aufleuchten sah, bedeutete dies eille Etappe innerhalb einer systematischen Reihe yon Ulltersuchungen, gleichzeitig den Beginn einer Gruppe neuer Untersuchungen, gerichtet auf die Erforschullg bestimmter Wellell, zun~iehst ohne ein eigentlich praktisches Ziel, in Anlage und Dnrchfiih- rung ein Musterbeispiel streng wissensehaftlicher Arbeit . . Der Blitz des Genies aber erhellte ' sofort fiber die n~chsten Be- Iunde hinaus angrenzellde Ge- b ie te . Als sich erwies, daB die neu entdecktell X-Strahlen die Materie in sehr verschiedener Weise, je Ilach ihrer Dichtig- keit, durchdringen, priifte RONT- G~N ileben den mannigfachsten Gebilden anderer Art auch die Kllochen des menschlichen Ske- letts, und als er sah, daB diese nicht bloB auf dem Leucht- schirm, sonderll auch auf der photographischen l~latte als scharfumschriebene Schatten yon ihrer Umgebung sich ab- hoben, erkannte er die Fruchtbarkeit seines Verfahrens fiir die Medizin ulld stellte, in vorllehmer Zurfickhaltung jedes weitere Verdiellst ablehnend, Arzten und Anat0men seine Apparatur zur Verfiignng. Von der denkwiirdigen Sitzung in der Physikalisch-medizi- nischen Gesellschaft zu Wiirzburg, in der zu.erst die staunell- erregenden Ergebnisse dureh eine Anfnahme der Hand I{6LLIKERS vorgefiihrt wurdell, datiert dann eine Epoche unabl~ssigen Studiums. Physik und Medizin arbeiteten ill regem Wetteifer ; die technische Vervollkommllung der R6hren erm6glichte eine immer steigende Verfeinerung und Ver- sch~rfullg der Bilder und schuI damit ~rztlichem Urteil ulld Handelil lleue Sicherheit, und w~hrend einerseits ungeahnte Einblicke in den ,feiilsten Bau der Materie sich erschlossen, wurden auf der anderen Seite auch die Wirkungen auf die lebelldige Substanz erkannt, und, was an!~Lnglich llur in Gestalt sch~dlicher Nebell- erscheinungen auftrat, schlieB- lich zu heilenden Krgften um- gewertet. Der so b~grfindete Ausbau der Diagnostik und Therapie ist ein unzerst6rbarer Besitz ~rztlieher Kunst gewordell. Aus - gel6st dutch rein wissenschaft- liche Experimentalforschung ist eine fortwirkende Bewegung an- gebahnt, die Iloch heute, nach einem Vierteljahrhundert, in starken Schwingungen andauert Ilnd auf dem ganzen Gebiete der Strahlenforschung immer weitergreifend tgg!ich lleue Pro- bleme ,ill Angriff nimmt, in ent- Iegenere Fernen elndringt -- ,,hier muB sich manches Rgtsel 16sell, doch manches R~tsel kniipft sich auch". Der Urheber dieser Bewegullg" ist in der stolzen Bescheidenheit einer echtell Gelehrtennatur stets hinter seinem Werke zuriick- getreten; seill Werk aber wollen wir in dankbarer Verehrung nicht auih6ren als ein6 der gr6Bten und folgeilreichsten Ent- deckungell zu "preisen -- stolz darauf, dab ein Deutscher der Welt ein Gescheilk hinterlassen hat, welches seinem Namen die Unsterblichkeit sichert. Kiinische Wochenschriit, z. Jahrg. 27
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  • KL1NISCHE WOCHENSCHRIFT 2. JAHRGANG. Nr. 9 26. FEBRUAR I923 WILHELM CONRAD VON RONTGEN t. Nie hat ein Nichtmediziner eillen so gewaltigell EinfluB auf das Wissen und K6nnen der )krzte ausgefibt wie WIL- I~ELM CONRAD VON RONmGBN, der nunmehr~ nahezu 78j~hrig; aus seinem schaffensreichen Leben abberufen worden ist. Als R6~TG~ zum ersten Male den empfindlichell Schirm unter der Wirkung der Ka- thodenstrahlen aufleuchten sah, bedeutete dies eille Etappe innerhalb einer systematischen Reihe yon Ulltersuchungen, gleichzeitig den Beginn einer Gruppe neuer Untersuchungen, gerichtet auf die Erforschullg bestimmter Wellell, zun~iehst ohne ein eigentlich praktisches Ziel, in Anlage und Dnrchfiih- rung ein Musterbeispiel streng wissensehaftlicher Arbeit . . Der Blitz des Genies aber erhellte ' sofort fiber die n~chsten Be- Iunde hinaus angrenzellde Ge- b ie te . Als sich erwies, daB die neu entdecktell X-Strahlen die Materie in sehr verschiedener Weise, je Ilach ihrer Dichtig- keit, durchdringen, priifte RONT- G~N ileben den mannigfachsten Gebilden anderer Art auch die Kllochen des menschlichen Ske- letts, und als er sah, daB diese nicht bloB auf dem Leucht- schirm, sonderll auch auf der photographischen l~latte als scharfumschriebene Schatten yon ihrer Umgebung sich ab- hoben, erkannte er die Fruchtbarkeit seines Verfahrens fiir die Medizin ulld stellte, in vorllehmer Zurfickhaltung jedes weitere Verdiellst ablehnend, Arzten und Anat0men seine Apparatur zur Verfiignng. Von der denkwiirdigen Sitzung in der Physikalisch-medizi- nischen Gesellschaft zu Wiirzburg, in der zu.erst die staunell- erregenden Ergebnisse dureh eine Anfnahme der Hand I{6LLIKERS vorgefiihrt wurdell, datiert dann eine Epoche unabl~ssigen Studiums. Physik und Medizin arbeiteten ill regem Wetteifer ; die technische Vervollkommllung der R6hren erm6glichte eine immer steigende Verfeinerung und Ver- sch~rfullg der Bilder und schuI damit ~rztlichem Urteil ulld Handelil lleue Sicherheit, und w~hrend einerseits ungeahnte Einblicke in den ,feiilsten Bau der Materie sich erschlossen, wurden auf der anderen Seite auch die Wirkungen auf die lebelldige Substanz erkannt, und, was an!~Lnglich llur in Gestalt sch~dlicher Nebell- erscheinungen auftrat, schlieB- lich zu heilenden Krgften um- gewertet. Der so b~grfindete Ausbau der Diagnostik und Therapie ist ein unzerst6rbarer Besitz ~rztlieher Kunst gewordell. Aus - gel6st dutch rein wissenschaft- liche Experimentalforschung ist eine fortwirkende Bewegung an- gebahnt, die Iloch heute, nach einem Vierteljahrhundert, in starken Schwingungen andauert Ilnd auf dem ganzen Gebiete der Strahlenforschung immer weitergreifend tgg!ich lleue Pro- bleme ,ill Angriff nimmt, in ent- Iegenere Fernen elndringt -- ,,hier muB sich manches Rgtsel 16sell, doch manches R~tsel kniipft sich auch". Der Urheber dieser Bewegullg" ist in der stolzen Bescheidenheit einer echtell Gelehrtennatur stets hinter seinem Werke zuriick- getreten; seill Werk aber wollen wir in dankbarer Verehrung nicht auih6ren als ein6 der gr6Bten und folgeilreichsten Ent- deckungell zu "preisen -- stolz darauf, dab ein Deutscher der Welt ein Gescheilk hinterlassen hat, welches seinem Namen die Unsterblichkeit sichert. Kiinische Wochenschriit, z. Jahrg. 27
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