Titanic oder Arche Noah? - ? 1 Titanic oder Arche Noah? Die deutschen Elite-Internate und die

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    30-Mar-2019

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1 Titanic oder Arche Noah? Die deutschen Elite-Internate und die Krise des Mittelstands (Teil 1) Von Ulrich Lange* Seit ziemlich genau 25 Jah-ren bin ich Internatsberater. Kein Headhunter oder Provi-sionshai, der ahnungslosen Eltern zum eigenen pekuni-ren Nutzen die schne Welt der Internate verkauft, son-dern ehrenamtlicher Berater eines gemeinntzigen Ver-eins, der Verbraucherschutz im Bildungs- und Erzie-hungswesen betreibt. Das bedeutet, Fakten nchtern zu analysieren und im In-teresse der Ratsuchenden kritisch aufzubereiten. Mit diesem Berufethos bin ich in der heutigen Welt al-lerdings ein unverbesserli-cher Exot. Offenbar so exo-tisch, dass manche Ratsu-chenden meine Professi-onalitt anzweifeln. Unab-hngig? Kritisch auch noch!? Ja, kann man davon denn berhaupt leben? Zu Beginn meiner Ttigkeit war noch vieles anders. In Funk- und Pressehusern berwogen eine kritische Fragehaltung und investiga-tive Arbeitsweise. Verkl-rende Hofberichterstattung oder gar ungefilterter PR-Journalismus zugunsten ein-zelner Anbieter oder Ver-mittler waren absolut ver-pnt. Auch Internatsbera-tung auf der Grundlage von Provisionszahlungen der In-ternate galt allgemein als an-stig. Die Zyklen der Internatskonjunktur Zu Beginn der 1980er Jahre richtete ich ein Dokumen-ten-Archiv zum Thema In-ternate ein. Unter den ersten Archivarien war eine aktuelle Bestandsaufnahme von An-fang der 1970er Jahre unter dem Titel: Internate Elite-schulen der Nation? (ZEIT-Magazin Nr. 35 vom 1. Sep-tember 1972). Die Antwort auf diese wohl eher rheto-risch gemeinte Frage klang wenig ermutigend: Balanceakte am Rande der Pleite der wirtschaftlichen wie der pdagogischen, hie es da, das kennzeich- 2 net die Situation der deut-schen Internate. Schaut man sich einmal die Medienberichterstattung der letzten drei Jahrzehnte an, fllt ein Zyklus von jeweils fnf bis zehn Jahren auf, in dem abwechselnd ein Nie-dergang der Internate be-klagt oder im Gegenteil ein neuer Boom, ein Imagewan-del und eine glnzende Zu-kunft prognostiziert werden. Und noch etwas sticht ins Auge: Die Frohbotschaften in den Medien setzen immer genau dann ein, wenn es den Internaten am schlech-testen geht. Sie wirken ge-steuert. Aufhnger dieser Internate-sind-jetzt-wieder-wahn-sinnig-gefragt - Mel-dungen sind stets die aktuel-len bildungspolitischen Reiz-themen. Immer erscheinen Internate als Retter in der Not, haben just im richtigen Moment die passenden pdagogischen Konzepte und Rezepte. Mal empfehlen sie sich als traditionsbewuss -te Bollwerke gegenber lin-ken Rahmenrichtlinien und Gesamtschulreformen. Dann wieder treten sie als letzte Fluchtburgen einer humanen Erziehung (DER SPIEGEL Nr. 25/1979) auf, als pda-gogische Kuschelecken, als Avantgarde der Bildungsre-form. Bei anderer Gelegen-heit wiederum wollen sie als Orte von Zucht und Ordnung gelten, wohin besorgte El-tern ihren Nachwuchs in Si-cherheit bringen, um sie vor Drogen, Gewalt und Diszi-plinverfall an ffentlichen Lehranstalten zu schtzen. Momentan prsentieren sie sich - vor dem Hintergrund des PISA-Schocks - als leis-tungsorientierte Bildungs-sttten zuknftiger Eliten, denen die abstiegsbedrohte Mittelschicht angeblich die Tren einrennt, um ihrem Nachwuchs noch einen Platz zu sichern in den Netzwer-ken der (Erfolg-)Reichen und Prominenten dieser so un-bersichtlich gewordenen, globalisierten Welt. Schlechter Ruf und gute Presse Eine weitere Beobachtung: Die positiven Eigenschaften, die den Internaten jeweils zugeschrieben werden, ent-sprechen selten der Realitt. Kaum hat der Medien-Jubel seinen Hhepunkt erreicht, strzen sie schon in die nchste Krise, gibt es un-angenehme Enthllungen, stellen Skandale den sch-nen Schein wieder in Frage. Pltzlich dmmert dann der irregefhrten Kundschaft, dass man durch den Wech-sel ins Internat von der Rin-ne in die Traufe kommt. Denn Einrichtungen, die sich den Mhseligen und Belade-nen als letzte Rettung anbie-ten, werden hierdurch selbst zum Spiegelbild der jeweils beklagten gesellschaftlichen Zustnde. Sobald dies deutlich wird, solidarisiert sich die Inter-natspropaganda flugs mit allen, auf deren Kosten sie sich gerade noch profilieren wollte. Natrlich, verlautet dann heuchlerisch in ge-schickt lancierten Presse-beitrgen, seien eben auch Internate keine Inseln. Und die Jugend als Ganze sei doch im Grunde auch nicht besser als diejenige, die in teuren Internaten ein Luxus-leben geniee. Bestes Bei-spiel hierfr sind die Reak-tionen auf einen Enthl-lungsbericht der Zeitschrift Vanity Fair ber Salem (Titel: Segeln, Saufen, Sex, Heft 35/2007). Im berlin-ger Sdkurier vom 23.08. 2007 konnte man daraufhin lesen: Was beim ersten berflie-gen der sechsseitigen, reich bebilderten Story geradezu sensationell anmutet, redu-ziert sich rasch auf eine einfache Erkenntnis: Jungen und Mdchen aus gutem und zumeist besonders be-tuchtem Hause fhren sich in ihrer jugendlichen Sturm- und Drangzeit auch nicht anders auf als die Kinder von Otto Normalbrger. Die Salemer haben lediglich mehr Geld in der Tasche meist vom Papa, der bis zu 28000 Euro pro Jahr auf den Tisch der Lehranstalt blt-tert, damit der Sprssling brav sein Abitur macht. Bis zur Reifprfung aller-dings, so Vanity Fair, las-sen es die Salemer Schler so richtig krachen: Trinken puren Wodka in eiskalter Winternacht und nennen das Ganze angeblich "Stalin-grad-Saufen", weil als frh-licher Zecher nur derjenige zugelassen wird, der Opas alte Wehrmachtsuniform trgt. Oder sie bewerfen harmlose Passanten mit ei- gens bestellter Pizza grundlos, im Vorbeifahren, natrlich aus einem Cabrio heraus. Das alles passt wun-derbar zum Bild der von Haus aus zumeist verwhn-ten jungen Damen und Her-ren - doch das meiste, etwa das Pizza-Werfen nach tum-ben Einheimischen, darf ge-trost ins Reich der Legenden verwiesen werden. Denn so sind sie nicht, die Salemer. Sie treten zwar oft arrogant und berheblich in Erschei-nung, doch wer tut das nicht in einer Lebensphase, in der die Hormone Tango tanzen. 3 Der Unterschied in Salem: Um sich nahe zu kommen, leiht man sich nicht Vaters Auto mit gerumiger Rck-bank, sondern huscht des nchtens romantisch durchs Schloss, um seine Liebste zu besuchen. Der fahrbare Untersatz kommt spter, nach dem Abitur. Oft ein BMW, vielleicht ein Audi, manchmal auch ein Porsche - je nachdem, was Papi nach dem Abi als Belohnung springen lsst. Ob solche Gegendarstellun-gen wirklich geeignet sind, den guten Ruf von Salem und Co. zu verteidigen und einen falschen Eindruck zu korrigiern? Kritische Tne stren im medialen Mainstream Derzeit also befinden sich die deutschen Internatsschu-len und Schlerheime ein-mal wieder im Aufwind des Mainstreams, im Zenit jour-nalistischen Wohlwollens. Von diesem profitieren b-licherweise besonders die ob ihrer sozialen Exklusivitt gern als Elite-Internate titu-lierten Deutschen Lander-ziehungsheime. Zu diesen gehren Salem, Louisen-lund, Schloss Neubeuern, Birklehof, Schloss Stein a.d. Traun und andere mehr. Kritische Tne erscheinen bei all der medialen Inter-natsbegeisterung, deren Ur-sprung auch gern auf den Erfolg der Harry-Potter-B-cher und Filme zurckge-fhrt wird, wohl eher st-rend. Zwar werde ich immer noch von Journalisten als Internatsexperte angespro-chen und fr irgendeine der groen Tageszeitungen in-terviewt. Doch selten werden meine Antworten auch abgedruckt, und auf die versprochenen Belegexemplare warte ich oftmals ebenfalls vergebens. Die ungeschminkte Wahr-heit, die ich meinen Ge-sprchspartnern von der schreibenden Zunft nach bestem Wissen und Gewis-sen zu vermitteln versuche, befindet sich offenbar zu sehr im Widerspruch zu den Privatisierungsstrategien in-nerhalb des deutschen Bil-dungswesens, die von der verffentlichten Meinung massiv untersttzt werden. Hierzu gehren das Bashing der ffentlichen Schule nicht erst seit PISA, die unkriti-sche Hofberichterstattung ber Salem und andere ex-ponierte Vertreter der sog. Eliteinternate, und zuneh-mend auch dreiste Schleich-werbung sowie schamloser PR-Journalismus zugunsten privater Anbieter selbst in ffentlich-rechtlichen Sende-anstalten. Kaum ein Beitrag, der sich nicht ausschlielich auf die Aussagen gewerbs-miger Internatsvermittler sttzte und ohne Gegen-recherche die Positionen der Trgerverbnde oder einzel-ner Reprsentanten der In-ternatsbranche nachbetete. Gbe es nicht das demo-kratische Medium Internet die kritische Aufklrung un-serer unkommerziellen und gemeinntzigen Internatsbe-ratungsstelle wre lngst im Meer der gesponserten Mei-nungsmache versunken, tot-geschwiegen, marginalisiert. Denkverbote Wenn ich es recht bedenke, begann die unkritische Be-geisterung fr private Bil-dungsangebote ansatzweise bereits Ende der 1970er Jahre. An meinem alten er-ziehungswissenschaftlichen Fachbereich an der Marbur-ger Philipps-Universitt et-wa, wo whrend meiner Studentenzeit noch eifrig fr die Gesamtschulreform und den sozialen Aufstieg durch Bildung getrommelt worden war, propagierte jetzt Herr Prof. X., ein ziegenbrtiges Mnnlein in hirschledernen Kniebundhosen, giftig die Renaissance der Reform-pdagogik und inthronisierte ausgerechnet die Deutschen Landerziehungsheime als Wegweiser in eine goldene pdagogische Zukunft. Befremdlich schien mir dies vor allem deswegen, weil meine Frau und ich als Be-rufsanfnger an einer dieser reformpdagogischen Pilger-sttten eben erst hatten er-fahren mssen, dass nichts von den elitren Vorstellun-gen der Landerziehungs-heimgrnder in der hssli-chen Realitt des Internats-alltags berdauert hatte. Salem war nur noch ein Trmmerhaufen! beschreibt der ehemalige Leiter der Schule Schloss Salem, Dr. Bernhard Bueb, die Verhlt-nisse jener Jahre rckbli-ckend im SPIEGEL-Inter- view (Nr.29/ 2005, S.136). Die Schuluniformen waren abgeschafft, die Rituale ebenso, Alkohol, Drogen berall... Nichts mehr im Griff auf dem sinkenden Schiff. Wurde da nicht der sinkende Luxus-dampfer Titanic pltzlich wieder als neue Arche Noah verkauft? Mit der neuen Heilsbotschaft von Privatschulen und Inter-naten als vermeintlich letz- 4 ten Zufluchtsorten wahrer Humanitt und pdagogi-scher Kreativitt setzten brigens auch gleich die ent-sprechenden Denkverbote ein. Nicht nur an der Uni. Die Redaktion der Zeitschrift betrifft:erziehung zum Bei-spiel, fr die ich damals als freier Autor ttig war, wurde gezwungen, dem Bericht ei-nes ehemaligen Salemer Pdagogen ber unzumut-bare Arbeitsbedingungen an deutschen Landerziehungs-heimen (Titel: Salem Schloss der Gottesfurcht) eine umfangreiche Richtig-stellung folgen zu lassen, flankiert von Leserbriefen Salemer Schler, die eigent-lich kaum zum angestamm-ten Leserkreis pdagogi-scher Fachzeitschriften ge-zhlt haben drften, sich aber um so inbrnstiger zu Wort meldeten, um ihrem Ekel ber die Enthllungen ihres ehemaligen Lehrers Luft zu machen. Eingefdelt hatte dies wen wunderts ein illegitimer Adelsspross mit Salemer Vergangenheit aus der obersten Verlags-etage. Realistische Wende in der Krise Dass der realistische Blick auf Salem & Co. durch die antimodernistische Begeis-terung fr die Reformver-suche des ausgehenden 19. Jahrhunderts seinerzeit nicht vollkommen vernebelt wer-den konnte, lag vor allem an dem massiven Rckgang der Schlerzahlen Mitte der 1980er Jahre und dem hier-durch bedingten Einbruch der Schlernachfrage in den Internaten. Statt des noch bis Anfang der 1980er Jahre von vielen Medien-Schreibern vorher-gesagten Runs auf die Inter-nate drohte nun pltzlich der Kollaps der gesamten Bran-che. Innerhalb der letzten zehn Jahre, so berichtete die Welt am Sonntag 1992, habe sich die Zahl der In-stitute von 400 auf 250 ver-ringert. Von ehemals 50.000 Pltzen zwanzig Jahre zuvor hatte DIE ZEIT ihre Zahl noch mit 145.000 an-gegeben seien nur noch 30.000 brig geblieben, die aber lngst nicht alle belegt werden knnten. Mit der Schlernachfrage sank auch das Niveau von Erziehung und Unterricht in den notleidenden Instituten auf einen nie gekannten Tiefstand. Eine Anfang der 90er Jahre durchgefhrte Umfrage des Allensbacher Instituts fr De-moskopie kam zu dem alar-mierenden Ergebnis, dass deutsche Fhrungskrfte in Wirtschaft, Politik und Ver-waltung nur noch wenig von der Erziehung Jugendlicher in Internaten hielten. Fr ca. Dreiviertel der Befragten sei ein Internatsaufenthalt bes-tenfalls noch eine Notlsung bei schulischen und erziehe-rischen Schwierigkeiten. Insbesondere das deutsche Vorzeigeinternat Salem ge-riet als Symbol fr den Niedergang von Zucht und Ordnung in die Schlagzeilen, als der Markgraf von Baden dem Internat aus Protest gegen Disziplinlosigkeit, Suff und Sex (damals von Salem vehement geleugnet, mitt-lerweile aber von Insidern voll besttigt) den auslaufen-den Mietvertrag fr das re-prsentative Schlossensem-ble am Bodensee nicht pro-longieren wollte. Berichte zum Thema Inter-natserziehung trugen nun pltzlich Titel wie: Vor Son-nenuntergang, Deutsche Internate vom Aussterben bedroht oder Internate Alternative oder Auslaufmo-dell? Statt Nachfrageboom ein Boom bei den Vermittlungsagenturen Der Kampf um jeden Sch-ler (STERN vom 9. Oktober 1986) brachte in den 1990er Jahren lediglich einen Boom bei den Vermittlungsagen-turen und Kontaktbros der Privatschulverbnde hervor. Ihre umtriebige PR-Arbeit deckte die Redaktionen der-art mit guten Nachrichten ein, dass man wohl von sys-tematischer Desinformation der ffentlichkeit sprechen darf. Bis heute liest man nur noch von rasant steigenden Schlerzahlen und einem Imagewandel der Internate. 300.000 Mdchen und Jun-gen, so fabulierte das Ma-gazin FOCUS 1996 in einem deutlich von der Mnchner Euro-Internatsberatung in-spirierten Artikel, seien der-zeit in deutschen Landschul-heimen zu Hause, und um ca. 10.000 Schler wachse diese Zahl jhrlich an. Die-ser Aufschwung sei einer-seits Ausdruck des elterli-chen Strebens nach Elite-Zugehrigkeit in Krisenzei-ten, aber andererseits auch Ergebnis einer Fluchtbewe-gung vor fehlendem Leh-rerengagement, Drogen und Gewalt im staatlichen Schul-wesen. Doch auch das war reines Wunschdenken der profitgierigen Vermittlerzunft. Tatsache ist: Auch im an-geblichen Boom werden noch immer mehr Internate 5 geschlossen als neu gegrn-det. Die Branche schrumpft. Aktuell besuchen nach An-gabe des Bundesverbands Deutscher Internate (BVDI) gerade einmal 0,31% der SchlerInnen ein Internat. Mgen Schulen privater (vor allem kirchlicher) Trger auch erheblichen Zulauf zu verzeichnen haben - die In-ternate profitieren hiervon nicht. Jugendhilfe im Luxusinternat Es spricht geradezu der Wirklichkeit Hohn, wenn fr Internate mit der Behaup-tung geworben wird, es gebe dort weniger Probleme mit Drogen und Gewalt. Tat-schlich beobachtet man nirgendwo (auer vielleicht in Haftanstalten) mehr Dro-genmissbrauch, Mobbing und Gewaltexzesse als in Internaten. Der Mord an dem Heimleiter des oberbayri-schen Realschulinternats Schloss Brannenburg, ver-bt von einem Schler, der des Internats kurz zuvor wegen Drogenkonsums ver-wiesen worden war, oder die bestialische Bluttat in dem Landerziehungsheim Ur-springschule, wo ein 17-jh-riger seinen 16-jhrigen Ka-meraden im Streit um 50 Euro im Schlaf berrascht und mit etlichen Messer-stichen gettet hatte, sind nur die Spitze des sprich-wrtlichen Eisbergs. An solchen Beispielen wird deutlich, welche Risiken da-mit verbunden sind, wenn die Problemkinder in den In-ternaten berhand nehmen. Und genau dies ist der Fall. Um leerstehende Kapazit-ten auszulasten, lassen sich die meisten der Nobelinsti-tute sogar auf Deals mit Jugendmtern ein, die er-hebliche Summen einspa-ren knnen, wenn sie statt Heimen der Jugendhilfe und therapeutischen Wohngrup-pen Luxusinternate belegen. Erst Mitte Januar 2008 be-richtete das Hamburger Abendblatt ber die Praxis der Jugendbehrden der Hansestadt, Problemflle in Luxusinternaten unterzubrin-gen. Zitat: >>Auch auf Schloss Louisenlund haben die P-dagogen seit vielen Jahren Erfahrung mit Problemfllen aus Hamburg. Derzeit sind dort zwei untergebracht. "Eine vllig gngige Praxis", so Internatsleiter Dieter Pla-te. "Das kenne ich auch noch aus meiner Zeit in Salem." Gewalttter gebe es auf seinem Internat jedoch nicht. "Das hat uns das Jugendamt gesagt." 6 den PISA-Statistiken nicht ersichtlich. Allerdings spre-chen die Ergebnisse anderer Vergleiche und Rankings eher gegen die Annahme, dass Internatsschler bei PISA die Nase vorn gehabt htten. So wird selbst das hessische Leuchtturmpro-jekt zur Frderung Hoch-begabter, das staatliche Eli-te-Internat Schloss Hansen-berg bei Geisenheim, in dem Wettbewerb Mathema-tiques Sans Frontires Jahr fr Jahr auf hintere Pltze innerhalb des Schulbezirks verwiesen, whrend normale Tages- und Ganztagsschu-len mit exzellenten Ergebnis-sen brillieren. Das Capital-Ranking der 100 besten Schulen Deutschlands von 2005, das vor allem die Qua-litt der ueren Lernbedin-gungen bercksichtigte, er-klrte ein ffentliches Feld-Wald-und-Wiesen-Gymna- sium in Achern/Schwarz-wald zum Sieger ber 3480 Mitbewerber, darunter auch so bekannte Internatsschu-len wie das von Jesuiten geleitete Aloisiuskolleg in Bad Godesberg oder die Odenwaldschule bei Hep-penheim. Sffisant vermerkten die Kommentare zu der unter Statistikern stark umstritte-nen Capital-Rangliste, dass das berhmte englische Eli-te-Internat Eton nach den Kriterien des Vergleichs nur Platz 23 erreicht htte. Schwarzwald schlgt Eton titelte daraufhin die Illustrier-te STERN. Sicherung von Privilegien durch Elitezugehrigkeit? Das Streben nach Elitezu-gehrigkeit in Krisenzeiten, das Internatsvermittler als neues Nachfragemotiv sta-tusbewusster oder abstiegs-ngstlicher Mittelschichtel-tern entdeckt haben wollen, wirkt keineswegs rational und seris. Hier geht es den Eltern offensichtlich nicht um eine Auswahl der Besten im Sinne einer offenen de-mokratischen Leistungsge-sellschaft, die jedem Bef-higten den sozialen Aufstieg ermglicht, sondern darum, den eigenen Kindern Vortei-le im Kampf um eintrgliche Jobs zu verschaffen. Lngst hat die Soziologie die Vorstellung als Mythos ent-larvt, dass vor allem exzel-lente Leistungen an die Top- Positonen in Wirtschaft, Poli-tik und Verwaltung fhrten. Viel entscheidender sei der Oberschicht-Habitus, so die Eliteforscher, den nur dieje-nigen vorzuweisen htten, die in die Oberklasse bereits hineingeboren wurden. Ginge es nur oder zumin-dest ganz berwiegend nach Leistung und Noten, so der Darmstdter Eliteforscher Michael Hartmann, dann wre die groe Dominanz der Kinder aus den bes-seren Kreisen in den Chef-etagen nicht zu erklren. Klassenkampf im Klassenzimmer Seit der Optimismus der er-sten Nachkriegsjahrzehnte verflogen und deutlich ge-worden ist, dass die politi-schen Versprechungen von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit nicht ein-gelst wurden, seit mit der zunehmenden Marktsteue-rung des Bildungswesens (Privatisierung!) die Gefahr einer Verschrfung sozialer Selektions- und Segrega-tionsprozesse innerhalb des Bildungswesens weiter zu-nimmt, und seit sich der Abstand zwischen Reich und Arm permanent vergrert, whrend die Mittelschicht schrumpft, ist der Klassen-kampf im Klassenzimmer ausgebrochen. Hier verbn-det sich das alte Bildungs-brgertum mit den sozialen Aufsteigern, die dank gr-erer Durchlssigkeit des Bildungswesens im Nach-kriegsdeutschland noch in die Mittelschicht hatten auf-steigen knnen. Beim Stre-ben nach Absicherung des eigenen Nachwuchses spie-len Elite-Universitten, Pri-vatschulen und neuerdings offensichtlich auch soge-nannte Elite-Internate eine nicht zu unterschtzende Rolle. Rette sich, wer kann! In ihrer Abstiegsfurcht ist die Mittelschicht nicht whle-risch. Leicht ist sie auch auf sinkende Luxusdampfer zu locken. Dabei verdrngt man die Tatsache, dass auf der Titanic die Zahl der Ret-tungsboote lngst nicht fr alle ausreicht. Elitefrderung, die Elite verhindert Selbst die als konservativ geltende Frankfurter Allge-meine Sonntagszeitung be-klagte vor kurzem die ex-treme Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems. Nur bei Nichtakademikerkin-dern gebe es eine klare Be-ziehung zwischen geistigem Potenzial und Schulempfeh-lung. Je hher das Poten-zial, desto besser die Emp-fehlung. Bei Akademikerkindern gelte das nicht. Bei ihnen gibt es nur eine kleine Gruppe, die nicht das Gymnasium be-sucht, zitiert die FAZ die Soziologin Heike Solga. Ab einem bestimmten sehr 7 niedrigen Schwellenwert der Fhigkeiten gehen sie alle auf das Gymnasium. Ich fge hinzu: Bei sich abzeich-nender berforderung ge-hen dann all diese Kinder auf Privatschulen und Inter-nate. Der Zulauf zu den Privat-schulen verstrkt nach Auf-fassung der FAZ die soziale Ungleichheit nochmals er-heblich. Zitat des Mnchner Bildungskonomen Ludger Wmann: Die Reichen kaufen sich aus dem Sys-tem. Letzlich, so stellt die FAZ weiter fest, fhrten Bildungs-privilegien fr weniger be-gabte Akademikerkinder so-gar zu einem Niveauverlust bei den Eliten selbst. Nach Aussage von Elsbeth Stern, Professorin fr Lehr- und Lernforschung an der ETH Zrich gelangten auf die-se Weise Menschen in hohe und hchste Positionen, die zwar formal die richtigen Qualifikationen htten, aber eigentlich berfordert seien. Networking und pdagogische Korruption Von jeher wird besonders Luxusinternaten wie Salem die Funktion zugeschrieben, dem unterbelichteten oder eben nur mittelmigen Nachwuchs des Blut- und Geldadels ber Netzwerke und Seilschaften Positionen zu verschaffen, fr die er sich im Wettbewerb der Leistungsfhigsten vermut-lich nie qualifizieren knnte. Egal ob schlau oder reich, schreibt die Berliner Zeitung, nach ihrem Abi bilden die "Salemer" ein Netzwerk, das sich gegenseitig in die guten Positionen hievt. Daneben keimt immer wie-der der Verdacht der pda-gogischen Korruption auf. Bereits die Aufnahmepraxis von Instituten wie Salem hat ein Gschmckle. Aus einer Hrfunk-Reporta-ge des Sdwestfunks: Die Leistungstrger unter den Schlern, die sich in den sozialen Diensten engagie-ren, Schulsprecher sind oder im Schlerrat mitmachen, sind in der Regel Stipen-diaten. Etwa ein Drittel der Schler bekommt ein Stipen-dium. Sie werden sorgfltig ausgewhlt. Wer jedoch voll zahlt, wird unbesehen ge-nommen. Man wirbt um die Vollzahler, denn sie si-chern den Bestand der Schule, und mit ihren Ge-bhren bringen sie auch die Kosten fr die Stipendiaten auf. In puncto Leistungsvertei-lung ist es in Salem genau umgekehrt wie an anderen Schulen: Hier gibt es nicht die bliche Normalverteilung mit viel Durchschnitt, weni-gen Spitzen und ein paar Versagern, sondern mehr Extreme: Hohe Leistungen und diejenigen, die durchge-schleppt werden mssen. Unbersehbar ist hier eine interne Zwei-Klassen-Gesell-schaft. Die reichen Vollzah-ler lassen es sich gut gehen und treiben ihre dekadenten Spielchen. Derweil mhen sich die armen Stipendiaten um die Reputation ihres Internats, indem sie um gu-te Notendurchschnitte km-pfen und zustzlich Aufga-ben fr die Gemeinschaft bernehmen. Stichwort Ntzliche Idioten aus dem Basislexicon: Kennzeichen Ntzlicher Idi-oten ist, da sie [...] die Folgen von dem, fr was sie sich einsetzen, nie so recht abschtzen knnen (oder wollen). Sie laufen vielmehr stets den Meinungen und Auffassungen hinterher, an denen man ihrer Meinung nach rechtschaffene, verant-wortungsbewusste und auf-geschlossene Menschen er-kennt. Ihnen fehlt in ihrem Leben eine sichere eigene moralische Basis. Da ihre Meinung daher nur die je-weilige zeitbedingte Atmo-sphre widerspiegelt, mer-ken sie natrlich nicht. Wenn die Versetzung ge-fhrdet ist, spendiert Papa eben eine neue Auenfas-sade fr das Schloss, heit es in einer Reportage ber das Landerziehungsheim Schloss Neubeuern (Quelle: fluter.de, Magazin der Bun-deszentrale fr politische Bil-dung, 12.06.2006). Mag hier auch manches Le-gende sein; unbestreitbar ist jedenfalls, dass die Korrup-tion mit dem Grad der Pri-vatisierung des Bildungswe-sens zunimmt. Dies bewei-sen Vergleichsuntersuchun-gen zwischen Lndern mit besonders hohem und be-sonders niedrigem Privat-schulanteil. Echte und falsche Eliteinternate Zweifellos hat sich das Inter-natsangebot in Deutschland nach der Wiedervereinigung zu einem geringen Teil auch in Richtung auf echte Elite-frderung im Sinne einer Auswahl der Besten weiter-entwickelt. In Anlehnung an die Elite-schulen der ehemaligen DDR entstanden in den neu- 8 en wie den alten Bundes-lndern Internate ffentlicher Trger fr allgemein oder auf Spezialgebieten beson-ders befhigte Kinder und Jugendliche. In einigen Fl-len wurden traditionsreiche Institutionen reformiert wie etwa die Schsischen Frs-tenschulen in Meissen, Grimma und Schulpforta oder die beiden Internate der baden-wrttembergischen Seminarstiftung Kloster Maulbronn und Blaubeuren. Es entstanden aber auch moderne Modelleinrichtun-gen im Rahmen der Hoch-begabtenfrderung wie das Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern, das Lan-desgymnasium fr Hochbe-gabte in Schwbisch Gmnd, das Landesmusik-gymnasium in Montabaur oder die Internatsschule Schloss Hansenberg bei Geisenheim. In den neuen Bundesln-dern konnten sich zudem einige Spezialschulen fr na-turwissenschaftlich, musisch oder sprachlich Begabte be-haupten, die bereits zu DDR-Zeiten Bestandteil des staatlichen Systems zur Eli-terekrutierung waren. Eine Sonderrolle kommt den frheren Kinder und Jugend-sportschulen (KJS) aus der sozialistischen Erbmasse zu, die als Eliteschulen des Sports, sportbetonte Schu-len o.. fortgefhrt und in stark vernderter Form - auch in den alten Bundes-lndern zum Zweck der ge-zielten Untersttzung des Spitzensports neu installiert wurden. Doch diese neuen Internate fr Hochbegabte und Hoch-befhigte, die dank minima-ler Pensionsstze und zu-stzlicher Stipendien/Frder-gelder wirklich jedem zu-gnglich sind, der die stren-gen Auswahlverfahren ber-steht, haben mit Salem und Co. nicht das geringste zu tun. Sie bilden eine Welt fr sich und verfgen ber ei-gene Rekrutierungssysteme, um geeigneten Nachwuchs heranzuziehen (z.B. Kon-taktlehrer und Talent-Scouts, die besonders be-gabte Mdchen und Jungen aufspren und zur Teilnah-me an speziellen Auswahl-veranstaltungen einladen). Um eine Aussage darber treffen zu knnen, ob ihre Absolventen sich im Wettbe-werb um Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik und Ver-waltung einmal durchsetzen werden, bedarf es allerdings noch sorgfltiger Studien. Sollte sich hierbei die Fest-stellung der Eliteforscher be-wahrheiten, dass es zum Aufstieg in die Herrschafts-etagen eher des typischen Stallgeruchs der Oberklasse bedrfe als exzellenter F-higkeiten, knnte sich der Staat aus dieser Form von Elitefrderung getrost zu-rckziehen. Fr die Internatsvermittler-branche sind die oben be-schriebenen echten Elite-internate gnzlich uninter-essant, denn sie zahlen keine Provisionen. Auch als Sponsoren fr Internatsbei-lagen oder hnliche Sonder-verffentlichungen der Print-medien kommen sie nicht in Betracht, denn sie schalten keine Anzeigen. Daher be-richtet die verffentlichte Meinung auch kaum ber ihre Arbeit, ber Siege ihrer SchlerInnen bei Wettbe-werben oder ber ander- weitige Spitzenleistungen. In diesen Internaten lebt und lernt die diskreteste und be-scheidenste Elite, die man sich denken kann. Der Elitebegriff wird beliebig Teure Privatinstitute knnen hinsichtlich des in staatli-chen Internaten fr hoch be-fhigte und hochbegabte Mdchen und Jungen er-reichten Leistungsniveaus zwar nicht mithalten, protzen und prahlen dafr aber um so ungenierter mit dem Eli-te-Prdikat, das sie sich oft auch noch selbst anheften. Dies fhrt zwangslufig zu einer Inflationierung des Eli-tebrgriffs, zu seiner Entwert-ung. Und genau das ist das Ziel. Damit Luxusinternate sich als elitr prsentieren knnen, ohne sich dadurch lcherlich zu machen, muss Elitezugehrigkeit von be-sonderer Leistungsfhigkeit abgekoppelt und der Belie-bigkeit preisgegeben wer-den. Als ausreichende Leis-tung gilt am Ende schon, sich ein teures Internat berhaupt leisten zu knnen. Zusammen sein das ist Elite verlautbart da wertfrei die Internatsschule am Sei-lersee ber eine PR-Agen-tur und bietet als Kronzeu-gen den Direktor des Insti-tuts auf dem Rosenberg im schweizerischen Sankt Gal-len an. Der sagt: Wenn die Kinder zu acht oder neun gemeinsam leben, dann ist das eine Elite. Das Landheim Schondorf am Ammersee prsentiert auf einer Webseite mit der berschrift: Fr die Zukunft Ihres Kindes: ein Elite-Inter-nat eine solche Dichte des Schlsselworts Elite-Inter-nat, dass sich beim Lesen 9 schon nach wenigen Minu-ten allergischer Unwille mel-det. Noch rgerlicher: Alles, was fast alle Landheime bie-ten und schon immer gebo-ten haben, wird als typisches Kennzeichen eines Elite-In-ternats aufgefhrt. Den Be-griff Leistung sucht man al-lerdings vergebens. Statt-dessen wird darauf hinge-wiesen, dass man neben dem staatlich anerkannten Gymnasium auch einen staatlich genehmigten Gym-nasialzweig anbiete, der auch Kinder ohne staatliche Zugangsberechtigung auf-nehmen drfe und in dem es mglich sei, auch bei Nicht-erreichen des Klassenziels in die nchsthhere Klasse vorzurcken und selbst bei mehrfacher Nichtversetzung weiterhin ein Gymnasium zu besuchen. Ein Beitrag der Wochenzei-tung DIE ZEIT stellte vor einiger Zeit sogar die Sch-ler eines bayrischen Land-schulheims mit Frderschu-le fr teilleistungsgestrte und hyperaktive Kinder als verhinderte Elite dar, um dem Institut wenigstens noch ein wenig Glanz zu verleihen. Haben Eliteinternate Zukunft? In der SWR-Sendung Der feine Unterschied und seine Folgen - Bildungseliten und Elitenbildung in Deutschland (Sendung: 30.10.2004, 8.30 Uhr, SWR 2) vertritt Autor Karl-Heinz Heinemann fol-gende Einschtzung: Nicht nur in Salem, sondern in groen Teilen der Gesell-schaft ist das Klima umge-schlagen. Der feine Unter-schied hat wieder Konjunk-tur. Wer es sich leisten kann, der zieht eine Privatschule dem egalisierenden ffent-lichen Angebot vor. Mit einem Schulgeld von gut 25.000 Euro im Jahr gelangt man auf ein Terrain, von dem die Mehrheit der Bevl-kerung ausgeschlossen bleibt. Wer das eigene kul-turelle Kapital an seine Kin-der weitergeben will, sucht also sorgsam nach der richtigen Schule. Auch ande-re Institute profitieren von diesem Trend: Zum Beispiel die 18 privaten International Schools in Deutschland. Hier kostet ein Platz ohne In- ternatsbetrieb zwischen 9.000 und 20.000 Euro im Jahr. Noch fehlt in Deutschland die Tradition, dass sich aus diesen Schulen so mchtige Elitennetzwerke herausbil-den wie es in England, Frankreich oder in den USA der Fall ist. Noch ist es nicht so weit, dass die Elite ihre Kinder aus dem ffentlichen Schulsystem herausnimmt. Aber das wird sich ndern. Wenn sich die Bedingungen in den ffentlichen Schulen weiter verschlechtern, wenn der Wettbewerb um die Pltze an der Sonne hrter wird, wird auch hier der Drang zunehmen, den eige-nen Kindern bessere Start-chancen zu erkaufen und nach privaten Alternativen zu suchen. Das gesellschaftliche Klima knnte allerdings auch bald in die entgegengesetzte Richtung umschlagen. Deut-liche Anzeichen hierfr gibt es mittlerweile. Dann werden es die Eliteinternate von gestern in Zukunft wieder sehr viel schwerer haben. In der Mittelschicht beginnt man nmlich zu begreifen, dass eine Orientierung nach oben den eigenen Interes-sen schadet. Viel zu lange hat man sich bereits in die Riolle der ntzlichen Idioten drngen lassen und der Ver-armung der breiten Masse aus Besorgnis um die Erhal-tung der eigene Privilegien zugesehen. Nun zeigt sich, dass der Mittelstand auf die Massenkaufkraft angewie-sen ist. Auch das Kaputt-sparen des ffentlichen Bil-dungswesens zu Lasten der Frderung von Nichtakade-mikerkindern hat man hinge-nommen. Schlielich gab es ja noch den Fluchtweg in die Privatschulen und Nachhilfe-institute. Doch mittlerweile erkennt sogar die FAZ: Werden Begabungen nicht ausgeschpft, verzichtet das Land auf Kreativitt und am Ende auf Wohlstand. Vor diesem Hintergrund wird Elitefrderung auf Kosten der allgemeinen Qualitt des Bildungswesens zumindest mittelfristig vielleicht keine Akzeptanz mehr finden, Vor-zeige- und Leuchtturmpro-jekte eingeschlossen. Nicht zufllig hat der Lan-desverband Hochbegabung Baden-Wrttemberg e.V. als Interessenvertretung der El-tern hochbegabter Kinder sich schon vor Jahren ve-hement gegen die Plne der Landesregierung gestellt, die Frderung von Spitzensch-lern in einem Spezialinternat zu konzentrieren, weil Hoch-begabtenfrderung laut Lan-desverfassung an jede ein-zelne ffentliche Schule gehre! Schon bald knnte auch die Frage laut werden, wieso denn eigentlich die Sonder-schulen der Aristokratie der Bankauszge vom gemei-nen Steuerzahler mitfinan- 10 ziert werden mssen. Was immer noch weithin unbe-kannt ist: Luxusinternate wie Salem kassieren nicht nur Gelder aus dem Sozialetat, wenn sie den Jugendmtern schwierige Flle abnehmen. Sie werden auch durch Zu-weisungen nach dem Er-satzschulfinanzierungsge-setz aus Steuermitteln krf-tig bezuschusst, obwohl sie entgegen dem Verfassungs-gebot eine Sonderung der Schler nach den Besitzver-hltnissen der Eltern in eklatanter Weise frdern. Nicht mehr lange werden sich diejenigen, die unange-nehme Fragen in dieser Richtung stellen oder Elite fr alle fordern, in ihrer Ar-beit behindern oder ffent-lich rffeln lassen mssen. Dass es Repressionen die-ser Art tatschlich gibt, be-weisen nachfolgende Bei-spiele: Da fragte z.B. eine nase-weise Berliner Redakteurin den ersten Vize-Vorsitzen-den der Kultusministerkonfe-renz und Saarlndischen Schulminister Jgen Schrei-er, warum deutschen Eltern das Recht, ihre Kinder selbst zu unterrichten (Home-Schooling), aus Grnden der Chancengleichheit und Bil-dungsgerechtigkeit verwehrt werde, whrend zugleich aber Heimschul-Schooling in teuren Luxusinternaten er-laubt sei. Dieser Teil ihres Interviews wurde aus der Online-Aus-gabe ihrer Zeitung gelscht. Meine Frage nach den Hin-tergrnden dieser Manah-me blieb leider unbeant-wortet. Angst vor Repressa-lien, Anzeigenboykott o..? bel erging es auch der hes-sischen Bewerberin fr das Amt der Ministerprsidentin und Verfechterin einer 10-jhrigen Gemeinschaftsge-samtschule fr alle Kinder, der SPD-Politikerin Andrea Ypsilanti. Sie musste sich mitten im Wahlkampf eine medienwirksame Standpau-ke gegen ihre bildungspo-litischen Vorstellungen anh-ren; ausgerechnet von dem Leiter eines Frankfurter Pri-vatgymnasiums, das ihr ei-gener Sohn besucht, weil im gesamten Umkreis keine an-dere Schule mit ganztgi-gem Betreuungsangebot zu finden ist. Die Zukunft privater Luxus-internate hngt aber nicht nur von politischen Stim-mungen oder Rahmenbedin-gungen ab. Schon erschei-nen am Horizont die Vorbo-ten des nchsten zyklischen Abschwungs der Internats-konjunktur. Die deutschen Internate stehen in den nchsten Jah-ren vor groen Herausfor-derungen, die die Existenz vieler Internate gefhrden, mahnte im Herbst 2006 der schon in seiner Grndungs-phase gescheiterte Bundes-verband Deutscher Internate (BVDI). Durch die flchen-deckende Einfhrung von G8 drohe den Internats-gymnasien ein Verlust von bis zu 20% der Gesamt-schlerschaft. Weitere 5000 SchlerInnen fehlten bis 2020 aufgrund des fort-schreitenden Geburtenrck-gangs in den Sekundar-stufen I und II. Hinzu komme ein verschrfter Verdrn-gungswettbewerb der engli-schen Internate, die ver-suchten, die ebenfalls rck-lufige demografische Ent-wicklung im Mutterland der Internatserziehung durch of-fensives Anwerben deut-scher Schler auszuglei-chen. Weitere negative Faktoren sind die sich fortsetzende Verarmung des Mittelstan-des, sichtbar zum Beispiel an dem Wegbrechen ganzer Sparten von Freiberuflern, und eine drastische Ver-krzung der Aufenthaltsdau-er in den Internaten. Frher haben viel mehr rzte ihre Kinder auf Inter-nate geschickt die Einkom-men scheinen gesunken zu sein, bemerkt Jrg Mller, Marketingleiter der Euro-In-ternatsberatung Mnchen, im Gesprch mit dem Deut-schen rzteblatt. Und ein Salemer Lehrer klagt in einem Feature des NDR: Es ist doch auffllig, dass [...] die Verweildauer in Internaten krzer ist. Schler kommen und gehen. Auch und gerade die Luxus-Internate spren den inter-nationalen Wettbewerb. Schon jetzt, wird der eng-lische Leiter von Schloss Neubeuern, Roger Sinnet, zitiert, gehen mehr Deut-sche in England ins Internat als in Deutschland. Das kurzzeitig boomende Ge-schft mit Russen und Asia-ten scheint mittlerweile an den deutschen Nobelinstitu-ten vorbei zu laufen. Die Super-Reichen gehen in die Schweiz, die weniger Rei-chen nach England. Die Mentalitt der deutschen Schler verndert sich. Man ist seinem Internat nicht mehr ber lange Jahre ver-bunden, sondern sieht es bestenfalls noch als eine von mehreren Stationen in sei-nem Lebenslauf. Schler sind zu Kunden geworden, die mal dieses mal jenes In-stitut im In- und Ausland 11 testen und nach touristi-schen Kriterien bewerten. Die Strategien, mit denen die Nobeladressen unter den deutschen Internaten sich im Wettbewerb zu behaupten suchen, wirken alles andere als souvern. Auffallend viele haben sich englische Internatsleiter zu-gelegt, ahmen englische In-ternate nach und htten am liebsten englische Verhlt-nisse in der gesamten Ge-sellschaft. Der Anteil von Erziehungs-hilfe-Schlern wird vielerorts zurckgefahren, aus Image-grnden. Auch der Anteil ex-terner SchlerInnen, die zu Sondertarifen die Klassen der unterbesetzten Luxus-internate eine Zeitlang auf-fllten, sinkt. Man setzt an-scheinend zunehmend auf soziale Exklusivitt, auf eine Kundschaft, die den Ab-stand zum gemeinen Volk sucht. Groteskerweise entdeckt laut FOCUS-Bericht im Januar 2008 zur gleichen Zeit die englische Regierung den Nutzen von Internats-erziehung fr gefhrdete Kinder aus problematischen Elternhusern. Aufgrund der Ergebnisse ei-ner Studie der britischen Royal Wanstead Children's Foundation, die sich seit mehr als 30 Jahren der Aus-bildung schwieriger Schler widmet, hat nun auch die britische Regierung in einem Pilotprojekt die Finanzierung von Intematspltzen ber-nommen. Dieses Programm hofft die Stiftung nach und nach auf ein Kontingent von bis zu 2000 Schlern aus-weiten zu knnen. Aber gesetzt den Fall, die teuren Nobelinternate knn-ten es sich aufgrund einer sprunghaft steigenden Nach-frage tatschlich erlauben, ihre schwierigsten Problem-flle mit einem Mal ber Bord zu werfen. Rcken dann die hoch befhigten Karriere-Kids nach, die wie-der brav ihre Schuluniformen tragen, Disziplin und Ord-nung lieben, oder sich Ver-zicht und Selbstzucht aufer-legen, um Salem & Co. wie-der den Ruf echter Elite-schulen zu verschaffen? Fr diese These spricht ei-gentlich nichts, aber ber 100 Jahre Erfahrung spre-chen dagegen . Das Pro-blem, gengend geeignete SchlerInnen anzuziehen, um elitre Ansprche nicht von vornherein ad absurdum zu fhren, ist so alt wie die Deutschen Landerziehungs-heime und andere Nobel-herbergen unter den Interna-ten selbst. Bereits 1925 stellt der Mitbegrnder der deutschen Heilpdagogik, Prof. Ernst von Dring fest: Eine eigenartige Beobach-tung kann man in Landerzie-hungsheimen machen. Be-stimmt ist doch nur ein Teil der Zglinge deshalb in die-sen Heimen, weil die Grund-stze der Erziehung den Grundstzen der Eltern ent-sprechen. Der grere Teil ist dort, weil die huslichen Verhltnisse Erziehungs-schwierigkeiten in sich ber-gen, in irgendeinem Sinne, oder weil die Kinder Erzie-hungsschwierigkeiten ma-chen. (Ernst v. Dring: Grundlagen und Grundstze der Heilp-dagogik. Erlenbach-Zrich 1925, S. 272). Einziger Unterschied zwi-schen damals und heute: Frher hatten viele Eltern wenigstens noch Grundst-ze oder merkten zumindest, wenn der Nachwuchs be-stehenden Verhaltens- und Leistungsnormen nicht ge-recht wurde. In der Gegen-wart hat sich das Wert- und Normsystem der Gesell-schaft derart verschoben oder in ein nihilistisches Nichts verflchtigt, dass selbst gravierende Verhal-tensabweichungen als nor-mal gelten. Dass sie es nicht sind, merkt man sp-testens dann, wenn all die verzogenenen, berschtz-ten, verhaltensgestrten und kaum gemeinschaftsfhigen Kinder aus gutem Haus sich in der Quarantne eines Nobelinternats zusammen-finden. Notwendig, so der Dssel-dorfer Erziehungswissen-schaftler Prof. Heiner Bartz, wren hier sorgfltige wis-senschaftliche Untersuchun- gen, da die desastrse For-schungslage auf diesem Ge-biet der Legendenbildung Vorschub leiste. Doch die gibt es bisher nur in An-stzen. Oder sie liegen, wie Heiner Bartz vermutet, gut verschlossen in irgendwel-chen Panzerschrnken. Lesen Sie hierzu auch den zweiten Teil: Apocalypse Now! *) Ulrich Lange ist Mitbegrn-der und Geschftsfher der AVIB gemn.e.V., die auch eine Internatsberatungsstelle unterhlt. Anschrift: Internatsberatung der AVIB gemeinntziger e.V. Burgblick 3, 35327 Ulrichstein/Hessen, Tel.: 06645/918789, Fax: 03222 377 3044 eMail: AVIB_Ulrichstein@t-online.de

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