Reflexionen der Sprache in Johann Jacob Breitingers Überlegungen von der Auffassung der Poesie als Naturnachahmung: Metapher als natürliches Zeichen

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  • Institute for Classical Studies, part of the Institute for Philosophy, Czech Academyof Sciences in Prague

    Reflexionen der Sprache in Johann Jacob Breitingers berlegungen von der Auffassung derPoesie als Naturnachahmung: Metapher als natrliches ZeichenAuthor(s): TOM HLOBILSource: Listy filologick / Folia philologica, Vol. 123, No. 3/4 (2000), pp. 318-330Published by: Institute for Classical Studies, part of the Institute for Philosophy, Czech Academy ofSciences in PragueStable URL: http://www.jstor.org/stable/23467907 .Accessed: 16/06/2014 05:01

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  • Listy filologicke CXXIII, 2000, 3-4, pp. 318-330

    Reflexionen der Sprache in Johann Jacob Breitingers

    berlegungen von der Auffassung der Poesie als Naturnachahmung:

    Metapher als natrliches Zeichen1

    TOMAS HLOBIL (Praha)

    Die Geschichte der deutschen Literatur sowie der Literaturtheorie hat wie

    derholt den berlegungen des schweizerischen sthetikers Johann Jacob

    Breitinger ihre Aufmerksamkeit gewidmet. Vor allem Breitingers und Bod mers Streit mit Johann Christoph Gottsched um die Zulassung des Wunderba

    ren in der Poesie hat im Vordergrund des Forschungsinteresses gestanden. Denn die Rechtfertigung der fantastischen Fabel und Motive, die die Schwei zer durchsetzten und begrndeten, erweiterte prinzipiell die bisher herrschen

    de klassizistisch rationalistische Auffassung der Poesie als Naturnachahmung. Die Schweizer stritten sich mit Gottsched um den Gegenstand und Umfang der

    dichterischen Nachahmung, aber nicht um die Gltigkeit dieser Charakteristik. Die berzeugung, da die Poesie die Natur nachahmen mu, teilten sie ge meinsam. Gerade diese Fhigkeit sollte die Poesie von der Geschichte unter scheiden und umgekehrt mit der Malerei verbinden.2

    Die Stellung, welche die Sprache in Breitingers mimetischer Auffassung der Poesie einnahm, ist lange Zeit (im Gegensatz zu dem Inhalt des Nachah

    mungskonzepts) auerhalb eines systematischen Forschungsinteresses geblie

    1 Der vorliegende Aufsatz ist ein Kapitel der tschechisch geschriebenen Habilita

    tionsarbeit Reflexion der Sprache und die Auffassung von der Poesie als Naturnachah

    mung. Ein Beitrag zur Geschichte der britischen und deutschen sthetik des 18. Jahr

    hunderts, vorgelegt an der Palacky-Universitt in Olomouc im Jahre 1999. Die Studie

    entstand mit der Untersttzung der Universitt Edinburgh (Institute for Advanced Stu

    dies in the Humanities). 2

    Vgl. J. J. Breitinger, Critische Dichtkunst Worinnen die Poetische Mahlerey in

    Absicht auf die Erfindung Im Grunde untersuchet und mit Beyspielen aus den berhmte

    sten Alten und Neuern erlutert wird. Zrich 1740. Neuausgabe Stuttgart 1966, S. 7-33.

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  • REFLEXIONEN DER SPRACHE IN J. J. BREITINGERS BERLEGUNGEN...

    ben.3 Eine wirkliche Aufmerksamkeit hat sie auf sich erst in den 60er Jahren

    gezogen. Damals hat Wolfgang Preisendanz darauf aufmerksam gemacht, daB

    "im deutschen Bereich [...] Breitinger, wesentlicher noch als Lessing im Lao koon, sich mit der Sprache als dem Medium der dichterischen Nachahmung auseinandergesetzt [hat]".4 Seine aufschluBreiche Anmerkung hat Preisendanz

    allerdings nicht ausgefiihrt, da die Diskussion, in der er sie ausgedriickt hat, sich mit der franzosischen und nicht mit der deutschen Aufklarungssthetik befaBtc. Lediglich Bengt Algot S0rensen im Rahmen seiner Untersuchung der

    Reflexionen des Symbols, der Metapher und Allegorie, die in der deutschen

    Aufklarung und Romantik entwickelt wurden, hat griindlich auch die Ansich ten iiber die Sprache analysiert, die zwei Breitingers im Jahre 1740 herausge gebene Schliisselwerke - d. h. Critische Abhandlung von der Ntur den Ab sichten und dem Gebrauche der Gleichnisse und der zweite Band der Criti schen Dichtkunst Worinnen die Poetische Mahlerey in Absicht auf die Erfin dung Im Grunde untersuchet und mit Beyspielen aus den beriihmtesten Alten

    und Neuern erlautert wird - beinhalten.5 Sorensen hat hervorgehoben, daB die

    Poesie in beiden Werken als "poetische Mahlerey" charakterisiert wurde. Das Wesen dieser Malerei bilden geschickt ausgewahlte "Bilder" bzw. "Gemahl de". An ihrer Geschicklichkeit beteiligt sich sowohl die Wahl eines geeigne ten Gegenstandes als auch die Sprache der Dichtung.6 Die Fahigkeit zu malen

    3 Vgl. S. Bing, Die Naturnachahmungstheorie bei Gottsched und den Schweizern und

    ihre Beziehung zu der Dichtungstheorie derZeit. Wiirzburg 1934. W. Preisendanz, Die

    Auseinandersetzung mit dem Nachahmungsprinzip in Deutschland und die besondere

    Rolle der Romane Wielands ("Don Sylvio", "Agathon"), in: H. R. JauB (Hg.), Nach

    ahmung undIllusion. Miinchen 1964, S. 72-95. . P. Herrmann, Naturnachahmung und

    Einbildungskraft. Zur Entwicklung der deutsclien Poetik von 1670 bis 1740. Bad Hom

    burg, Berlin, Ziirich 1970. W. Preisendanz, Mimesis undpoiesis in der deutschen Dich

    tungstheorie des 18. Jahrhunderts, in: W. Rausch, H. Geulen, K. Haberkamm (Hg.),

    Rezeption und Produktion zwischen 1570 und 1730. Festschriftfiir Giinther Weydt zum

    65. Geburtstag. Bern, Miinchen 1972, S. 537-552. K.-H. Sthl, Das Wunderbare als

    Problm und Gegenstand der deutschen Poetik des 17. und 18. Jahrhunderts. Frankfurt

    am Main 1975. U. Hohner, Zur Problematik der Naturnachahmung in der sthetik des

    18. Jahrhunderts. Erlangen 1976. S. D. Martinson, On Imitation, Imagination and

    Beauty. A Critical Reassessment ofthe Concept ofthe Literary Artist during the Early German 'Auflclirung'. Bonn 1977. P.-A. Alt, Aufklarung. Stuttgart, Weimar 1996,

    S. 80-92. 4 H. R. JauB (Hg.), Nachahmung und Illusion. Miinchen 1964, S. 181. 5 B. A. S0Rensen, Symbol und Symbolismus in den asthetischen Theorien des 18. Jahr

    hunderts und der deutschen Romantik. Kopenhagen 1963, S. 23-31. 6 J. J. Breitinger, Critische Dichtkunst I. Ziirich 1740, Neuausgabe Stuttgart 1966,

    S. 32.

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  • TOM HLOBIL

    schrieb Breitinger hauptsachlich den Metaphern zu, die er als "mahlerische

    Figuren" bezeichnete.7 Gerade die Metapher und folglich die ganze "figiirli che Schreibart" sollten sich, wie S0rensen betont hat, durch dieselben Eigen schaften wie die wirkliche Malerei auszeichnen. Denn "der figiirliche und verbliihmte Ausdruck" - behauptete Breitinger - "lBt uns die Gedancken nicht bloB aus willkiihrlichen Zeichen erraten, sondern machet dieselben

    gleichsam sichtbar".8 Im Gegensatz zu den Wortern der gewohnlichen, nicht dichterischen Rede hielt Breitinger die Metaphern fiir "nothwendige, natiirli che und wiirkliche Zeichen".9

    Breitingers Konzeption der Metapher ist dann im Mittelpunkt des For

    schungsinteresses geblieben. Jan Bruck hat in diesem Zusammenhang konsta

    tiert, daB der Schweizer die Metapher als ein Mittel auffaBte, das "die Darstel

    lung sinnlich-anschaulich" machen soli. Die Metapher ist die Form eines Gleichnisses, dessen Wesen in einer einfach aufdeckbaren hnlichkeit zwi schen den verglichenen Sachen besteht. Die Breitingerische Metapher kniipf te an den Wolffschen Rationalismus an (namentlich an Wolffs Charakteristik des Witzes als Fahigkeit, die hnlichkeiten zwischen verschiedenen Objek ten aufzudecken) und neigte zur Sinnlichkeit.10

    Neuerdings hat sich mit Breitingers Ansichten iiber die Metapher Jill Anne Kowalik beschaftigt." Sie hat in einer Polemik mit David E. Wellbery12 die

    Breitingerische Metapher als ein Mittel vorgestellt, das die Operation des In tellekts mit der unmittelbaren Lebendigkeit verbindet. Kowalik hat hervorge hoben, daB Breitinger die Metapher weiter fiir ein sprachliches Konstrukt und nicht fiir eine wirkliche Malerei hielt. Gerade die Arbitraritat der Worter er

    moglicht der Metapher, sich nicht nur auf die Reprsentierung von piktorialen

    Vorstellungen zu begrenzen. Die Metapher, behauptet Kowalik, "allows us to

    7 Ibid., II, S. 320.

    8 Ibid., II, S. 315 u. f.

    9 Ibid., II, S. 312.

    10 J. Bruck, Der aristotelische Mimesisbegriff und die Nachahmungstheorie Gott

    scheds und der Schweizer. Dissertation Erlangen -

    Niimberg 1972, S. 169-172. 11 J. A. Kowalik, The Poetics of Historical Perspectivism: Breitinger's Critische

    Dichtkunst and the Neoclassic Tradition. Chapel Hill, London 1992. Vgl. vor allem

    S. 14-15. 12 D. E. Wellbery, Lessing's Laocoon: Semiotics and Aesthetics in the Age ofRea

    son. Cambridge U. P. 1984, S. 203-227. Wellbery hat Breitingers Charakteristiken der

    Malerei und Poesie mit den Lessingschen verglichen. Dabei hat er auch die unterschied

    liche Funktion der Metapher in den Texten beider Autoren besprochen. Die Breitingeri sche Metapher soli nach Wellbery nur eine didaktische und zierende Funktion ausgeiibt haben. Im Gegensatz dazu solte Lessing die Metapher als einen festen Bestandteil der

    Poesie im Sinne der sinnlich anschauenden Erkenntnis reflektieren.

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  • REFLEXIONEN DER SPRACHE IN J. J. BREITINGERS BERLEGUNGEN...

    see the relationship between things and the words that describe them". Gerade

    dank dieser Fhigkeit wurde sie zum Hauptmittel der Lebendigkeit, die von der dichterischen Schilderung erfordert wird, denn sie soli imstande sein, kla re Vorstellungen von den auf diese Weise genannten Dingen zu erregen. Die

    visuelle Ntur der Metapher erlaubte Breitinger, diesen Ausdruck nicht mehr

    als willkiirliches, sondern "natiirliches Zeichen" zu charakterisieren. Die F

    higkeit, klare Vorstellungen hervorzurufen, hielt Breitinger nicht fiir eine uni verselle, sondern sich historisch entwickelnde und ndernde Fhigkeit. In dem

    Augenblick, wo die Rezipienten nicht mehr imstande sind, die in der Meta

    pher beinhaltete hnlichkeit aufzudecken, verwandelt sich die Metapher wie der in einen eigentlichen Ausdruck und folglich auch in ein willkiirliches (ar bitrares) Zeichen zuruck. Der eigentliche Zweck der Breitingerischen Meta

    pher war nach Kowaliks Ansicht, nicht wie bei Gottsched die Gedichte zu zie

    ren, sondern neue Vorstellungen zu bilden.13

    Wie auch immer die einzelnen Auslegungen der sinnlich visuellen Auffas

    sung der Breitingerischen Metapher sind, alle weisen darauf hin, da(. Breitin

    gers Reflexionen einen merkwiirdigen Versuch darstellen, wie die Arbitraritt der Sprache zu iiberwinden ist, oder - anders gesagt - wie man aus den will kiirlichen Wortern natiirliche Zeichen machen kann. Das erhebt die Frage, ob es wirklich Breitingers Absicht war, die von ihm vertretene Konzeption der Poesie als Naturnachahmung auch sprachlich zu begriinden, und wenn ja, was

    Breitinger eigentlich unter der Natiirlichkeit des Zeichens, des Wortes und der

    Sprache verstand? Auf welchen sprachlichen und philosophischen Vorausset

    zungen beruhten Breitingers Reflexionen der Metapher? In der Critischen Abhandlung von der Ntur den Absichten und dem Ge

    brauche der Gleichnisse, die sich auf mehr als fiinfhundert Seiten mit einem im Titel erwahnten dichterischen Mittel beschaftigte, lehnte Breitinger die For

    derung eines nicht genannten Verfassers ab, daB die Autoren sich weigern soll

    ten, die Gleichnisse in den Tragodien zu benutzen, denn im gewhnlichen Le ben spricht man auf diese Weise nicht uber wichtige und ernste Sachen. Brei

    tinger bezeichnete dieses Argument als irrefuhrend, obwohl es auf den ersten Blick der Grundregel aller Poetiken, der nach "die Poesie [...] eine geschickte Nachahmung der Ntur [ist]", zu entsprechen scheint. Diese Regel ist zwar

    richtig, aber gleichzeitig so "allgemein" und "an Begriffen reich", daB sie nicht nur fiir die Poesie, sondern auch fiir die Bildhauerkunst, Malerei und andere Kiinste verbindlich ist. Diese Regel selbst bestimmt nicht nher, wie die Ntur mit der Feder oder mit der Biirste nachzuahmen ist. Oberdies das Wort a -

    13 AuBcrdcn schon erwahnten Studien vgl. noch L. Phelps, Gottsched to Herder: The

    Changing Conception ofMetaphor in Eighteenth Century Germarty, in: Monatshefte fiir deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur 44 (1952), S. 129-134.

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    tur selbst, "wenn es so lediglich gesetzt wird, ist viel zu weitlaufftig und un

    bestimmt, als daB es euch einen deutlichen Begriff geben konnte". Deshalb lehnte Breitinger den erhobenen Einspruch als vereinfachend ab. Er selbst auBerte die Oberzeugung, daB eine richtige Antwort auf die Frage, ob und wo die Gleichnisse in der Tragodie zu benutzen sind, erfordert, daB man die Ntur sowohl dieses Mittels als auch der Tragodie griindlich beriicksichtigt.14

    Wenn man Breitingers Forderung in eine allgemeine Ebene iiberfiihrt, dann

    behauptet sie nichts anderes, als, daB jede Kunst, die in der Intention der Theo rie der Naturnachahmung entsteht, die Ntur der Mittel der einzelnen Kunst

    arten (d. h. in unserem konkreten Fall die Ntur der Sprache) sowie den Cha rakter der einzelnen Kunstgattungen innerhalb dieser Kunstarten beriicksich

    tigen muB. Diese Forderung, die die immanenten Aspekte der Kunst uber die

    Beziehung zu der empirischen Wirklichkeit stellte, bestatigt, daB die Proble matik der Sprache zu einem festen Bestandteil von Breitingers Reflexionen der

    Auffassung der Poesie als Naturnachahmung wurde. Breitinger befaBte sich in dieser Hinsicht erstens mit der Frage, wie die Sprache den Gegenstand der dichterischen Nachahmung im Vergleich mit der Malerei vorbestimmt. Zwei tens beschaftigte er sich mit der Frage, wie die Worter unsere Vorstellungen vollkommen ausdriicken konnen. Dem ersten Thema widmete Breitinger die

    groBte Aufmerksamkeit im ersten Band der Critischen Dichtkunst. Hier wie derholte er die traditionellen Standpunkte. Er behauptete, daB die Poesie und Malerei einen gemeinsamen Gegenstand haben

    - sie ahmen die Ntur nach,

    wobei die Poesie im Gegensatz zu der Malerei auch die unsichtbaren Dinge nachahmen und sichtbar machen kann. Beide Kunste teilen dasselbe Vorha

    ben (sie sollen das Abwesende als Anwesendes darstellen) und unterscheiden

    sich in der Ausfiihrung.15 Mit dem zweiten Thema beschaftigte sich Breitinger im zweiten Band der

    Critischen Dichtkunst und in der Gleichnis-Abhandlung. In beiden Werken charakterisierte er Worter meistens als "willkiihrliche Zeichen der Begriffe".16 In dieser Charakteristik muB man auf zwei wichtige Momente aufmerksam machen:

    1. Was meinte Breitinger mit dem Termn Begriff? 2. Wie verstand er die Beziehung zwischen Begriff und S h e bzw.

    zwischen Begriff und W o r t ?

    14 Vgl. J. J. Breitinger, Critische Abhandlung von der Ntur, den Absichten unddem

    Gebrauche der Gleichnisse. Ziirich 1740, Neuausgabe Stuttgart 1967, S. 198-204. 15

    Vgl. J. J. Breitinger, Critische Dichtkunst I, S. 7-28. Dieses Thema steht nicht im

    Mittelpunkt der vorliegenden Studie. Ausfiihrlicher D. E. Wellbery, op. cit., S. 203-227. 16 J. J. Breitinger, Critische Dichtkunst I, S. 20; II, S. 43-44, 200.

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  • REFLEXIONEN DER SPRACHE IN J. J. BREITINGERS BERLEGUNGEN...

    Im ersten Kapitel der Gleichnis-Abhandlung verglich Breitinger zwei Ar ten von Bildern: die "Bilder der Phantasie" und die "Bilder des reinen Ver standes". Streng genommen

    - behauptet er

    - gehort die Bezeichnung Bil

    der nur den ersten Entitaten, denn sie gestatten die Sachen gleichsam mit

    den Sinnen anzusehen. Im Gegensatz dazu sind die Bilder der zweiten Art

    eigentlich keine Bilder, weil "die sich nur gedencken lassen und von denen kein corperliches BildniB zu haben ist". Beide Entitaten gemeinsam bezeich nete er als e g r i f f e . Daraus ergibt sich, daB er den e g r i f f als Terminus fiir verschiedene Inhalte des menschlichen BewuBtseins (von den

    Sinneseindriicken uber die Vorstellungen bis zu den rationalen Begriffen) auffaBte.17

    Breitingers mehrdeutige Charakteristik des e g r i f f s war nicht zufal

    lig. Sie entsprach dem Standpunkt des britischen Empiristen John Locke, des sen Schliisselwerk An Essay conceming Human Understanding (1696) Brei

    tinger gut kannte.18 Locke bezeichnete mit dem Terminus /o jeden Inhalt des

    menschlichen BewuBtseins, seien es die sog. simple ideas oder complex ideas

    (II, 1, 1). Gleichzeitig stand Breitingers Vorgehen auch im Einklang mit der deutschen rationalistischen philosophischen Tradition. Denn Christian Wolff iibersetzte den Schliisseltermin der neuzeitlichen Philosophie, das lateinische Wort idea ins Deutsche als e g r i f f . Dabei faBte er im Gegensatz zu der

    spateren kantianischen Philosophie den e g r i f f nicht als leere und

    apiktoriale Funktion des Verstandes auf (Kritik der reinen Vernunft A 147, 187).19 Wolff sprach von Situationen, in denen man "einen Begriff von ei

    ner Sache" ausschlieBlich mit den Sinnen (Deutsche Logik 1, 5-8) gewinnen kann, obwohl er sich bewuBt war, daB ein solcher Akt gewohnlich eine Teil nahme unseres Verstandes erfordert. Deshalb erklarte er in der spateren Deut

    schen Metaphysik ( 273), daB e g r i f f e nur "Vorstellungen der Ge schlechter und Arten der Dinge" genannt werden sollten.20

    17 Vgl. weiter J. J. Breitinger, Critische Abhandlung, S. 7, 12, 14, 31, 257.

    18 Ober Breitingers und Bodmers Beziehung zu Locke vgl. F. A. Brown, Locke's

    'Essay' and Bodmer and Breitinger, in: Modem Language Quarterly 10 (1949), S. 16

    32. 19 Ausfiihrlicher T. Hlobil, Immanuel Kant on Language and Poetry: Poetry without

    Language, in: Kant-Studien 89 (1998), S. 35-43. 20 Mit Hans Werner Arndt gesagt: "Erst durch Wolff wurde das Wort 'Begriff' fester

    Bestandteil des philosophischen Sprachgebrauchs" und es beginnt als Terminus benutzt

    zu werden, der "entgegen seiner urspriinglichen sinnlichen Bedeutung als Bezeichnung fiir 'Allgemeinbegriff auftritt". . Wolff, Verniinftige Gedanken von den Kraften des

    menschlichen Verstandes und ihrem richtigen Gebrauche in Erkenntnis der Wahrheit, in: Gesammelte Werke. Band I. Herausgegeben und bearbeitet von H. W. Arndt. Hil

    desheim 1965, S. 258, Anm. 4.

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  • TOM HLOBIL

    Ein auf diese uneindeutige Weise philosophisch definierter e g r i f f verband Breitinger einerseits mit den Sachen andererseits mit den Wortern.

    Die Beziehung Begriff - Sache charakterisierte er als Beziehung einer "unendlichen Verschiedenheit" und gleichzeitig in manchen Hinsichten einer "nahen Verwandschaft", so daB man sich oft den Begriff ohne eine Sa che nicht vorstellen kann.21 Die Beziehung Begriff - Wort regelte Breitingers Definition der Worter als "willkiihrlicher Zeichen der Begriffe". Dabei ist wichtig, daB auch im Rahmen der sprachlichen Dimension der Be

    griff nicht eindeutig aufgefaBt wurde. Denn Breitinger zog in seinen berle

    gungen von der Ntur der Worter keinen prinzipiellen Unterschied zwischen dem Begriff im Sinne eines Denotats und einer Bedeutung von Wortern.22

    Auch diese Stellungnahme stand im Einklang mit der philosophischen Cha rakteristik sowohl von ideas in Lockes Essay (III, 1, 2; III, 2, 1) als auch von Wolffs Begriffen in der Deutschen Logik (2, 3) sowie Deutschen

    Metaphysik ( 295). Die Beziehung zwischen den Wortern und den auf diese zweifach unein

    deutig definierten Begriffen diente Breitinger als Kriterium fiir die Beurteilung des Reichtums von Sprachen.23 Breitinger vertrat die LTberzeugung, daB es immer weniger Worter als der Begriffe gibt. Daraus zog er den SchluB, daB

    die Sprache desto reicher ist, je mehr Worter verschiedenen Begriffen entspre chen. Seine Lfberzeugung von der gegenseitigen Verbundenheit der Begriffe und Worter vertiefte er in den Oberlegungen von der guten Schreibart. Denn

    "die Grundregel, auf welcher die gantze Kunst des poetischen Mahlers beru

    het und die man niemahls aus den Augen setzen soli," erklrt Breitinger, "ist

    diese: Die Worte sollen die Gedancken und Bilder, gleichwie diese die Sachen deutlich und lebhaft ausdriicken. Zufolge dieser Regel missen die Begriffe und Vorstellungen, die sich der poetische Mahler von den Dingen in seinem

    Kopfe machet, und der Ausdruck, mittelst dessen er seine Begriffe in die Phan tasie seiner Leser sichtbar abzuschildern vorhat, den Sachen gantz gerecht und

    gemaB, d. i. natiirlich seyn, und in dieser natiirlichen Vorstellung und Ueber

    21 J. J. Breitinger, Critische Abhandlung, S. 305. 22

    Vgl. z. B. die folgenden uBerungen Breitingers: "Da nun jede von denselben [d. h. den synonymischen Wortern] seine eigene Bedeutung hat und einen besondern Be

    griff vorstellet, der allemahl von andern Begriffen durch absonderliche Umstnde unter

    schieden ist, so kan man leicht die Rechnung machen, was diese Verwechslung verschie

    denes sagender Worter [...] vor Dunckelheit [...] bringen miisse." (J. J. Breitinger, Cri

    tische Dichtkunst II, S. 102). Und: "Die Bedeutungen der Worter sind gewisse Begriffe und Vorstellungen in den Gedancken; diese konnen niemahls ganzlich verlohren gehen"

    (ibidS. 202). 23 J. J. Breitinger, Critische Dichtkunst II, S. 45, 98.

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    einstimmung ist so wohl die Wahrheit der Gedancken und Begriffe, als der

    Schildereyen gegriindet."24 Das Zitat zeigt Breitingers Oberzeugung von der steten Prioritat der Sachen

    bzw. der Vorstellungen von den Sachen vor der Sprache (die Sprache muB sich

    immer nach den Sachen oder Vorstellungen richten und sie muB sich ihnen

    anpassen, nicht umgekehrt). Gleichzeitig ergibt sich daraus, daB Breitingers Reflexionen von der Sprache, den Begriffen und Sachen auf einer Vorausset

    zung ihrer gegenseitigen Harmonie und gegenseitigen Transformierbarkeit beruhten. Anders gesagt: Obwohl Breitinger fest iiberzeugt war, daB Worter "in keiner natiirlichen Verbindung mit den Sachen [stehen]", da sie willkiirli che Zeichen der Begriffe sind,25 forderte er immer von einem Dichter, daB sowohl seine Begriffe als auch seine Worter mit den Sachen iibereinstimmen. Dieses allgemein gultige harmonisierende Axiom wurde im Falle der Poesie noch gesteigert, denn als das entscheidende Merkmal der dichterischen Voll kommenheit bezeichnete er die moglichst groBe bereinstimmung zwischen

    dem Ausdruck, den Begriffen (Vorstellungen) und ihrer Vorlage.26 Auf der sprachlichen Ebene verkorperten das harmonisierende Axiom am

    deutlichsten Breitingers Oberlegungen von der "natiirlichen Schreibart" und "natiirlichen Sprache" der Leidenschaften sowie von der Metapher als einem "natiirlichen Zeichen". Die natiirliche Schreibart besteht nach Breitingers Meinung in der Fertigkeit des Verfassers, "seine Gedancken so auszudriicken, wie es die Ntur der Dinge, die vorgestellt werden, und die Ntur der Sprache, in welcher sie vorgestellt werden, erheischet".27 Die natiirliche Schreibart er

    fordert die bereinstimmung der Sprache "mit den Begriffen und Bildern".

    Diese LJbereinstimmung kann, wie es Breitinger schon friher ausdriickte, ent weder "wesentlich oder bloB zufllig" sein, "je nachdem die Worter als Zei chen und Dolmetscher der Gedancken, oder als blosse Thone betrachtet wer

    den".28 Die auf der Bedeutung beruhende LJbereinstimmung der Worter mit

    den Sachen charakterisierte er als eine Auswahl von Wrtern, die ganz den

    geschilderten Situationen entsprechen. Eine solche Wahl richtet sich nicht nur

    nach den allgemeinen, sprachphilosophischen Verhltnissen, sondern auch nach literatursthetischen Regeln (z. B. die einzelnen Gattungen erfordern bestimmte Figurentypen mit spezifischen Verhaltensarten).29 Einen weiteren

    24 Ibid., S. 290-291.

    25 lbid., S. 43-44.

    26 J. J. Breitinger, Critische Dichtkunst i, S. 90-91; Critische Dichtkunst II, S. 7-8.

    Weiter vgl. ibid., S. 232, 295, 414. 27 J. J. Breitinger, Critische Dichtkunst II, S. 295. 28 Ibid. S. 43. 29 Ibid. i, S. 108; II, S. 419.

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    wichtigen Bestandteil der natiirlichen Schreibart stellte auch eine Obereinstim

    mung dar, die in demselben Grad der Wiirde von Wortern und Dingen bestand, denn die Worter sollten die Dinge nie erniedrigen.30 Nur eine solche natiirli che Rede ist imstande ihre Aufgabe (d. h. "durch eine geschickte Nachahmung der Ntur eben diejenigen Eindriicke und Empfindungen" hervorzubringen) zu erfiillen, "welche die kiinstlich nachgeahmeten Urbilder durch die Kraft ihrer wiircklichen Gegenwart selbst verursachen und erregen wiirden".31

    Das zweite Beispiel von Breitingers berlegungen von der sprachlichen Natiirlichkeit bildet seine Charakteristik der Sprache der Leidenschaften.

    Breitinger faBte die Zeichen, die die Leidenschaften erregen, als "natiirliche

    Sprache" auf. Denn ihre Gestalt (die Auswahl von Wortern, deren Zusammen

    stellung und die ganze Weise der uBerung) wird von der Ntur diktiert. Die

    Sprache der Leidenschaften ist universell, sie ist in allen Zivilisationen und Kulturen gleich. Der Dichter, der diese natiirliche Sprache nachahmen will, kann es nach Breitingers Meinung nur so tun, daB er sich dieselben Leiden schaften aneignet, die sie urspriinglich hervorriefen.32

    Den Hhepunkt von Breitingers Oberlegungen von der natiirlichen Aus drucksweise stellt seine schon am Anfang der Studie besprochene Auffassung der Metapher (bzw. der figiirlichen Schreibart) dar. Gerade die geeigneten Metaphern, d. h. solche, die auf den Leser als einfach verstndliche Gleichnis se wirken, sollten zum Endzweck der Poesie erst richtig beitragen. Gerade sie

    sollten ermoglichen, daB die Poesie malt und riihrt.33 Breitinger bezeichnete

    die Metapher als natiirliches Zeichen wegen ihrer Fahigkeit, klare Vorstellun

    gen der auf diese Weise genannten Dinge und geschilderten Situationen her vorzurufen. Diese Fahigkeit hielt er, wie Jill Anne Kowalik hervorgehoben hat,34 fur eine sich verandernde, denn auch die "naturliche Metapher" bleibt

    weiter ein sprachliches Zeichen, das der historischen Entwicklung unterliegt. Die beschriebene Dualitat zeigt, daB Breitinger die Metapher zwar fiir ein natiirliches Zeichen hielt, aber gleichzeitig war er sich bewuBt, daB die Natiir lichkeit der sprachlichen Zeichen einer anderen Art als die Ikonizitat der na tiirlichen Zeichen der bildenden Kunst (d. h. der Farben und der Gestalt) ist. Denn die (jbereinstimmung der malerischen und bildhauerischen Zeichen mit den dargestellten Dingen wird durch die Zeit nicht prinzipiell geandert.

    Aus den drei Beispielen ergibt sich, daB Breitinger den Terminus a -

    t r 1 i h mehrdeutig anwandte. Fiir natiirlich hielt er nicht nur solche

    30 Ibid. II, S. 227, 229-231. 31 Ibid. II, S. 6. 32 Ibid. II, S. 354-357. 33 Ibid. II, S. 315-324. 34 J. A. Kowalik, op. cit., S. 14-15.

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  • REFLEXIONEN DER SPRACHE IN J. J. BREITINGERS BERLEGUNGEN...

    Reden und Worter, die mit den Dingen aufgrund der sinnlich wahrnehmbaren

    hnlichkeit iibereinstimmen, sondern auch solche, die klare Vorstellungen der

    genannten Dinge hervorrufen, ja sogar auch solche, die nur zweckhaft und

    geeignet in Bezug auf die Dinge benutzt werden. Trotzdem sind es gerade die

    groBe Aufmerksamkeit, die Breitinger der Frage der Naturlichkeit der sprach lichen uBerung widmete, und die Weise, wie er sie behandelte, die seine

    berlegungen von der Poesie von den friiheren Gottschedschen deutlich

    absonderten. Denn Gottsched bezeichnete mit dem Terminus a t ii r 1 i h ausschlieBlich den niedrigsten dichterischen Stil. Den darf man nach seiner

    Meinung nicht mit der gewohnlichen, unverbundenen Rede identifizieren, weil er verpflichtet ist, die schone Ntur nachzuahmen. Um dieses Ziel zu erfiillen, verfugt er uber solche sprachliche Zierden und Gedanken, die die

    gewohnliche Rede entbehrt, aber die gleichzeitig nicht so zahlreich wie in den hoheren Stilen sind. Der naturliche Stil ist nach Gottscheds Meinung cha rakteristisch fiir Erzahlungen, Satie und Briefe (Critische Dichtkunst I, 11, 10, 11, 13).35 Gottsched verstand das Attribut a t ii r 1 i h ausschlieB lich als Bestandteil der klassizistischen Differenzierung zwischen dem hohen und niedrigen literarischen Stil. Er verband es in der Critischen Dichtkunst

    nirgendwo mit der Problematik der Willkirlichkeit der sprachlichen Zeichen.36 Nicht einmal Breitingers Freund Johann Jacob Bodmer tat dies, obwohl

    seine sinnlichen Charakteristiken der Poesie,37 der dichterischen Sprache und auch der Metapher (die Metapher solte die Sachen ganz sichtbar machen)38 im Prinzip mit Breitingers Standpunkt iibereinstimmten. Bodmer bezeichnete

    mit dem Terminus a t ii r 1 i h hauptsachlich die Obereinstimmung der

    35 Vgl. J. . Gottsched, Versuch einer critischen Dichtkunst durchgehends mit den

    Exempeln unserer besten Dichter erlautert. Vierte sehr vermehrte Auflage. Leipzig

    1751, S. 355-357. 36 Dabei ist notwendig hervorzuheben, daB Gottsched die Theorie der natiirlichen und

    willkiirlichen Zeichen gut kannte, wie es sein Werk Erste Griinde der gesamten Welt

    weisheit (1734) belegen. Vgl. vor allem 321-323 und 27-28, 50, 915-916, 920-921, 927.

    37 J. J. Bodmer, Critische Betrachtungen Uber die poetischen Gemalder der Dichter.

    Ztirich 1741. Neuauflage Frankfurt am Main 1971, S. 128, 144: "[...] die Poesie befleis

    set sich das sinnliche Ergetzen der Phantasie zu verschaffen" (S. 128); "Das Ergetzen, welches die Poesie sich zu ihrer Absicht vorgesetzet hat, ist kein anderes, als das allge meine sinnliche Ergetzen, welches die Ntur selbst dem Menschen zugedacht, und ihm

    zu dem Ende die Werckzeuge der Sinnen mitgetheilet hat. Gleichwie die Schonheiten

    der Ntur sich ihm mittelst derselben durch einen leichten und natiirlichen Eindruck

    offenbaren, also befleiBt sich der Poet so lebhafte Gemahlde der natiirlichen Schonhei

    ten zu machen, daB daher in der Phantasie und dem Gemiithe eben dergleichen Eindriik

    ke erfolgen, wie in der Ntur selbst von den wiircklichen Wesen entstehen." 38

    Ibid., S. 90.

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  • TOM HLOBIL

    Worter mit ihrer Vorlage, die der Vernunft entsprach und die nicht immer des

    dichterischen Charakters sein miiBte.39

    Erst Breitinger scheint also der erste deutsche sthetiker zu sein, der die

    Theorie der natiirlichen und willkiirlichen Zeichen ftir die Erfassung der dichterischen Sprache voli ausniitzte. Vor allem seine Bezeichnung der Meta

    pher als natiirliches Zeichen wegen ihrer visualisierenden Fahigkeit und folg lich seine Charakteristik der ganzen figiirlichen Schreibart als einer Aus drucksweise, bei der die geschilderten Dinge nicht aus den willkiirlichen Zei chen erraten werden rniissen, weil sie darin sichtbar sind, bedeutete in der deut schen vorkantianischen sthetik einen buchstablich revolutionren Schritt.40 Denn diese Charakteristiken, die die "natiirlichen" Metaphern und die "natiir liche" dichterische Ausdrucksweise von der Mehrheit der eigentlichen Worter und Redeweisen, die "" willkiirliche Zeichen sind, abgrenzten, verband die bis jetzt im Prinzip nur durch die Rhetorik und Poetik gepragten Reflexio nen der Sprache der Poesie (namentlich die traditionelle Dberzeugung von der bildhaften Ntur der dichterischen Sprache) mit der neuzeitlichen Philosophie. Denn in der Philosophie waren die Oberlegungen von den natiirlichen und willkiirlichen Zeichen schon seit langem ein Standardthema.41 Deshalb ist not

    wendig hervorzuheben, daB Breitinger die Theorie der natiirlichen und will

    kiirlichen Zeichen (wahrscheinlich unter dem EinfluB von Jean-Baptiste Du bos, der die Theorie der natiirlichen und willkiirlichen Zeichen von der Philo

    sophie in die sthetik iibertrug - Rflexions critiques sur la poesie et sur la peinture I, 40)42 zwar ausniitzte, aber gleichzeitig noch nicht zum allgemeinen

    Ausgangspunkt seiner asthetischen Reflexionen der Kunst machte, wie es die

    39 Ibid., S. 90-91: Auch "platte" Gedichte bilden nach Bodmers Meinung natiirliche

    Worte: "So sind diese Worte natiirlich und deutlich genug: das Ungliick ist, daB sie allzu

    gemein und zu schlecht sind, vornehmlich in einem epischen Gedichte." 40

    Vgl. ibid. II, S. 312. 41 Die Theorie der willkiirlichen und natiirlichen Zeichen etablierte sich in der neu

    zeitlichen Philosophie dank der Logik von Port-Royal. Sieh Antoine Arnaulds und

    Pierre Nicoles Logique ou Vart de penser I, 5 (1662). In der deutschen Philosophie setzte sich diese Teilung der Zeichen dank Christian Wolff durch. Siehe seine Deut

    sche Metaphysik, 291-296 (1719/20). AuBerdem vgl. auch das Stichwort Zeichen im

    Philosophischen Lexicon Johann Georg Walchs (1726), in dem man die Teilung der

    Zeichen in natiirliche und willkiirliche auch behandelt. 42 Dubos iibertrug die Theorie der natiirlichen und willkiirlichen Zeichen von der

    Philosophie in die sthetik und behandelte mit Hilfe dieser Theorie die unterschiedliche

    Wirkung der Poesie und Malerei auf die Rezipienten. Es ist symptomatisch, daB Gottsched, wie das Vorwort zur zweiten Auflage der Cri

    tischen Dichtkunst (1737) zeigt, das Werk von Dubos im Gegensatz zu Breitinger nicht

    kannte, denn sein Name steht nicht auf der Liste der von ihm genannten exemplarischen Verfasser. Lberdies kann man den Namen des franzosischen sthetikers nicht einmal

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  • REFLEXIONEN DER SPRACHE IN J. J. BREITINGERS BERLEGUNGEN...

    sthetiker der Lessingschen Generation spater taten. Das bestatigt am besten

    Breitingers Vergleich der Poesie und Malerei, in dem er den Gegensatz zwi schen den natiirlichen und willkiirlichen Zeichen gar nicht erwahnte (Critische Dichtkunst I, 3), obwohl sich hier seine Ausnutzung selbstverstandlich anbot, wie es auch schon der ihm gut bekannte Vorganger Jean-Baptiste Dubos ge

    zeigt hatte (Rflexions critiques sur la poesie et sur la peinture I, 40). Vom philosophischen Standpunkt aus bestimmten die Form von Breitin

    gers (jberlegungen von der Verwandlung der willkiirlichen Zeichen der Spra che in die piktorial/visuell natiirlichen zwei Tatsachen. Die erste Tatsache war die Mehrdeutigkeit des Schliisseltermins e g r i f f . Der Terminus bildete im Einklang mit der Philosophie der ersten Halfte des 18. Jahrhunderts das Zentralelement von Breitingers Auffassung des Wortes. Seine unproblemati sche Schwankung zwischen der sinnlich anschaulichen Vorstellung und der

    apiktorialen Begrifflichkeit, die iiberdies mit der ahnlichen Schwankung zwi schen der Aufgabe der Wortbedeutung und des Wortdenotats verbunden wur

    de, erleichterte die Durchbrechung der Grenzen zwischen den willkiirlichen und natiirlichen Zeichen. Denn die visuellen und piktorialen Vorstellungen wurden aus dieser icht als wesentliches Merkmal vieler Worter gefunden. Anders gesagt: wenn Worter selbsttatig die Vorstellungen der Dinge hervor

    rufen konnen, wie es Breitingers Charakteristik andeutete, dann kann zweifel

    los auch die Poesie als sprachliche Kunst die Ntur im Geiste der damals an

    gepaBten Horazschen Thesis ut pictura poesis sinnlich nachahmen.43

    Die zweite Tatsache, die die Form der Breitingerschen Oberlegungen von

    der Verwandlung der willkiirlichen Zeichen in natiirliche pragte, war die Vor

    aussetzung, daB es eine Obereinstimmung zwischen den Sachen, deren Begrif fen (Vorstellungen) und Wortern gibt. Diese in der Poesie noch gesteigerte Voraussetzung kniipfte an das Axiom der prastabilierten Harmonie zwischen

    dem Korperlichen und dem Geistigen, das - wenn auch in verschiedenen For men - die ganze deutsche vorkantianische sthetik durchdrang.

    Beide Tatsachen gemeinsam mit dem erwahnten Beispiel von Dubos ver

    ursachten, daB die Beziehung beider Arten von Zeichen samt der Moglichkeit ihrer jeweiligen Verwandlung zu einem bedeutenden Thema nicht nur fiir

    Breitinger, sondern auch fiir die theoretisch systematischeren Reflexionen der deutschen sthetiker der zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts wurde.44 In den

    im Namenregister der vierten Auflage finden. Das zeigt, wie grundstzlich unterschied

    lich die Reflexionen der Sprache und Poesie von Gottsched und Breitinger waren. 43 Zu dem ut pictura poesis Topos vgl. H. Markiewicz, Ut pictura poesis... A History

    ofthe Topos, in: New Literty History 18 (1986/87), S. 535-558. 44

    Vgl. vor allem Lessings Laokoon (1766) sowie seinen Brief an Nicolai vom 26.

    Mai 1769. Sieh V. A. Rudowski, Lessing' s Aesthetica in Nuce. An Analysis ofthe May

    26, 1769, Letter to Nicolai. Chapel Hill 1971.

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  • TOM HLOBIL

    Mendelssohnschen, Lessingschen und Herderschen Reflexionen wurde aber

    Breitingers diffuse und nicht problematisierte Aufzahlung der Mittel, wie die se Verwandlung zu erreichen ist, durch ein gezieltes philosophisches Fragen ersetzt, das im Rahmen der Baumgartenschen Charakteristik der Poesie als

    einer sinnlich vollkommenen Rede entwickelt wurde.45

    45 Auch in Breitingers Reflexionen kann man zwar Passagen finden, wo die Poesie als eine Disziplin charakterisiert wird, die im Gegensatz zu der Philosophie "[die] mora lischen und politischen Wahrheiten [...] auf eine [...] sinnliche Weise vorstellet" (Crit. Dichtkunst I, 4, S. 102), aber diese Charakteristiken ergaben sich aus der traditionellen

    Llberzeugung von der Bildhaftigkeit der figiirlichen dichterischen Rede. Sie wurden nicht direkt mit Baumgartens philosophischem System, in dem Poesie (Kunst allgemein) als Form der sinnlich anschauenden Erkenntnis reflektiert wurde, verbunden. Deshalb vermissen Breitingers Oberlegungen auch den systematischen Charakter, den die spate ren Lessingschen und Mendelssohnschen auszeichnete.

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    Article Contentsp. 318p. 319p. 320p. 321p. 322p. 323p. 324p. 325p. 326p. 327p. 328p. 329p. 330

    Issue Table of ContentsListy filologick / Folia philologica, Vol. 123, No. 3/4 (2000), pp. 223-408Front MatterSic nudus et armatus in Christo solitudinem ingressus est... (The Motif of Desert in St. Jerome's Legends about the Hermits) [pp. 223-236]Staroesk adjektiva s prefixem p- [pp. 237-250]Pspvek k edici kzn Mikule z Dran Sermo ad clerum Nisi manducaveritis [pp. 251-299]Prvn vydn Balbnovy sbrky epigram Examen melissaeum: Praha 1655 [pp. 300-317]Reflexionen der Sprache in Johann Jacob Breitingers berlegungen von der Auffassung der Poesie als Naturnachahmung: Metapher als natrliches Zeichen [pp. 318-330]EDITIONS / EDICEPtelstv a cta. Dosud neznm dopis Bohuslava Balbna Christianu Weiseovi [pp. 331-336]

    MISCELLANEA BIO-BIBLIOGRAPHICASeneca saepe noster? [pp. 337-347]

    DISCUSSION / POLEMIKA NZORYK novm Pramenm djin eskch [pp. 348-353]Gundaker von Liechtenstein, ein sterreichischer Aristokrat des konfessionellen Zeitalters (Nad knihou Thomase Winkelbauera) [pp. 354-370]Vznamn studie o vvoji oslovovn v etin [pp. 371-374]

    CHRONICLE / ZPRVYPaleografick kolokvium ve Weingartenu [pp. 375-378]Philosophia 2000 Klasick studia na prahu novho milnia, Litomyl, 11.-14. kvtna 2000 [pp. 378-379]Trnavsk setkn na zlomu milnia [pp. 379-380]

    PEOPLE WORK TIME / LID DLO ASKALENDRIUM [pp. 381-382]

    REVIEWS / RECENZEReview: untitled [pp. 383-384]Review: untitled [pp. 385-386]Review: untitled [pp. 386-386]Review: untitled [pp. 386-387]Review: untitled [pp. 387-388]K nov edin ad staroeskch pamtek [pp. 388-390]Jacques Le Goff hled cestu k eskm tenm [pp. 390-394]Kej versus Hus [pp. 394-398]Review: untitled [pp. 398-399]Review: untitled [pp. 399-401]Review: untitled [pp. 402-404]Review: untitled [pp. 404-404]Review: untitled [pp. 404-406]Review: untitled [pp. 406-406]

    [BOOKS RECEIVED / DOL KNIHY] [pp. 407-407]Back Matter

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