• 66 Fortscba'itte der Kieferorthop~die JSd. 29 (1968) Heft 1 Praktische Gesichtspunkte bei der Durchfiihrung der Serlenextraktion der ersten Pr~imolaren Yon W. Rudolph, Siegen ~[it 9 Abbildungen Die Therapie bestimmter Dysgnathien verlangt eine Angleiehung der Zahn- breiten an Kiefergr6Be und Gesichtsform durch t~eduktion der Zahnzahl. Bei recht- zeitiger Erkennung der Anomalie, entsprechender seelischer Bereitschaft des Kin- des und der Eltern sowie regelm~t BigerWiedervorstellung fiber einen langen Zeit- raum und gfinstigen anatomisch-funktionellen Bedingungen im I~efer-Gesichts- bereieh stellen die yon Hotz und Kj e l lgren inaugurierten ~ethoden der ,,Steue- rung des Zahndurchbruchs mitteIs Extraktionen" bzw. ,,Reihenextraktionen" die gfinstigst vorstellbare Behandlung soleher Fglle dar, well dann allein durch die ~[aBnahmen der Zahnextraktionen ohne zusgtzliehe Verwendung kieferortho- pgdischer Apparate Stellungsunregelm~Bigkeiten beseitigt werden k6nnen. Diese Voraussetzungen sind aber in den seltensten F~tllen gegeben. Aus eigener Erfahrung und Literaturberichten zufolge ist bekamlt, dab bei entsprechender strenger Auswahl der Patienten nut etwa 20 bis 25 veto Itundert das therapeuti- sche Ziel erreichen (P~eichenbaeh, Br f i ck l -S te in le , t~udo lph-Usade l u. a.), wghrend der grSBere Anteil sich der Behandlung entzieht, oder es warden zusgtzliche Behelfe beansprueht, sei es, um Lficken offenzuhalten, zu vergr6Bern oder gar zu verkleinern, einzelne Zghne zu drehen oder nur abwegig durchge- brochene einzuordnen. Naeh meiner IV[einung wird abet diese Methodik dureh zusgtzliche Eingliede- rung yon Apparaten in ihrem Weft keineswegs gemindert; stellt sie (~och nach A. M. Schwarz den hSchsten Grad in der Kenntnis der Gebil3entwiek[ung und Be- herrschung therapeutiseher Regeln dar. Lediglieh sie aus sozialer Indikation ver- standen zu wissen, hieBe ihr Anwendungsgebiet, ihren Wert einengen; denn die in Betraeht kommenden Anomalien sind in jeder Volkssehieht zu finden : primgrer oder sekundgrer frontaler Engstand, bestimmte Formen des offenen Bisses, der Prognathie oder der Progenie. Die erste Magnahme beginnt mit der Extraktion der Mileheekzghne. Damit fgllt sie in das aehte Lebensjahr, so dab die Behandlungsdauer etwa vier Jahre betrggt, wobei mindestens drei bis vier Extraktionssitzungen die lgegel d arstellen dfiriten. Jeder Quadrant bzw. der gauze Mundraum wird angsthesiert und weist im AnsehluB Extraktionswunden auf. Die Kinder dieses Alters befinden sieh in einer Entwicklungsphase, die yon der Mgrehen-Autoritgtsglgubigkeit zum naiven lgealismus verlguft. Sie haben lebendige, detailreiehe Vorstellungen und k6nnen sich mit den Sinnen Aufgenommenes sehr ansehaulieh vergegenwgrtigen, wobei allerdings hinsiehtlieh des Ausprggungsgrades interindividuelle Untersehiede be- stehen, d. h. es gibt Kinder mit mehr oder minder ausgeprggtem Ansehauungs- gedgehtnis. Wenn aueh in der seelisehen Struktur ein Naehlassen der Geffihls-
  • W. Rudolph, Prakfische Gesiehfspunk~e bei der Durchfiihrung der Serienextraktion usw. 67 und Phant~siebetonung zugunsten einer langsam zunehmenden Verstandesbe- tonung zu bemerken ist, so wh'd doch das dutch die ausgedehnten Extraktionen entstaridene Erlebnis des k6rperliehen Sehmerzes - - im Kiefer-Kopfbereieh be- sonders intensiv empflmden - - la.nge Zeit ~ls gebundene Erinnerungsvorstellung, die je naeh Qua]itgt und Zeitdauer typenversehieden ist, seeliseh fixiert bleiben und hgufig in Angst, m6g!ieherweise Phobien, vor weiteren sieh wiederholenden, unausweiehbaren Operationen zum Ausdruek kommen. Wenn nun das Verhgltnis Arzt - - Patient nut in Extraktionsdurehffihrungen bzw. -anordnungen besteht, so wird bei einem grogen Teil der kleinen Patienten das Vertrauen zur grztliehen Pers6rfliehkeit negativ gewandelt, da ja yon ihr - - a.us Erfa,hrung - - ~ussehlieB.lieh sehmerzhafte Eingriffe zu erwarten sind. So ent- ziehen sieh viele Kinder der weiteren Einflul~nahme, oder es wird ein gfinstiger Zeitpnnkt ftir weitere Extraktionen verpa6t, so dab trotzdem kieferorthop~disehe Apparate zu Hilfe genommen werden m/issen. Diese psyehisehen. Phgnomene ebenso wie der fr/ihe Behandlungsbeginn und die sieh d~raus ergebende lange Behandlungsdauer, die j~ grunds~tzlieh bis zur Regeleinstellung der zweiten Molaren reieht, und die Tatsaehe des h/~ufigen An- wendemniissens yon kieferorthop~disehen Behelfen gaben mir Veranlassung, naeh einem anderen Modus in der Extraktionstherapie zu suehen. Das Ziel sollte sein: 1. Die Extraktionssitzungen ~uf ein Minimum, m6gliehst zwei, zu verkfirzen, 2. den psyehisehen Kontakt zum Kinde vertrauensvoll aufzubauen und 3. die ]Behmldlungszeit ~uf ma, ximal drei Jahre zu besehrgnken. Ans der Kenntnis der Genese der hier zur tlede stehendenAnomalien, der Dureb- bruehsfolge der einzelnen bleibenden Z/~hne im Zusammenhang mit dem Zahm Knoehena!ter und den vielfgltigen Erfahrungen bot sieh ein Zeitpunkt fiir den g/instigsten Behandlungsbeginn an, bei dem in. der Regel die Mileheekzghne und die ersten Milehmolaren teilweise bereits selbst ausgefallen sind und sieh die Naeh- folger zum Durehbrueh ansehieken (Abb. 1). ]~Iierdureh wird ein Zeitpunkt in der Entwieklung - - nna, bhgngig yore ehro- nologisehen Alter des Kindes - - abgewartet, der es erm6glieht, die Indikation fiir die Extr~ktionstherapie genau zu erkennen, sie einzuleiten, bzw. die Behandlung ohne Extraktionen fortzusetzen. Abb. t. Der giinstigs~e Beha,ndlungsbeginn bei der Dm:ehftihrung der Extraktionstherapie 5*
  • 68 Fortsehritte der KieferortholoSdie Bd. 29 (1968) Heft 1 Der grundsgtzlieh eingefiigte kieferorthopgdische Behelf erffil.lt zwei Aufgaben : In psyehologiseher Hinsieht ist er Vehieulum im Verhgltnis Arzt - - Patient, in kliniseher dient er der Bewegung yon Zghnen und Kiefern. Mit dem spgterenBehandlungsbeginn, etwa ira zehnten Lebensjahr, hat sieh aueh dureh den. erwaehten Wirkliehkeitssinn, die Herausbildung und Differen- zierung yon Interessen, die Erstarkung der inneren Willenshaltung, die im Zuge der Deakentwiekluag stgrker hervortretenden noetischen Gefiihle eine gfinstigere AufnahmebereiSschaft ffir die Notwendigkeit der Extrakt:ionstherapie gebildet. Diese erstreekt sieh dana fiber etwa zwei bis drei Jahre und vollzieht sich in der Regel in zwei Phasen : Extraktionen ira. Oberkiefer und sparer im Unterkiefer - - oder umgekehrt (Abb. 2). Die Extraktionen werden jeweils symmetriseh im Abb. 2. In diesem Stadium sollte mit din" ]~3xtraktion im Oberkiefer yon IV, 414,I\T be- gom~en werden, spgter k6nnte die Extraktion yon ~ erfolgen, so d~g nur zwei a.n Stelle yon vielen ,,Extr~ktionssitzungen" no~wendig werden Einzelkiefer durehgeftihrt, wobei derjenige Kiefer den Vorrang hat, weleher in seiner Entwieklung gebremst werden soil, bzw. in dem der Durehbruch bleibender Zghne am weitesten iortgesehritten i sLEs werden die Mileheekzghne, die ersten M[lehmolaren und die ersten Prgmolaren, soweit sie nieht sehon durehgebroetmn sind, bereits als Keime in der eruptiven Phase entfernt, da der Platz den Front- zghnen zugute kommen soil, was dutch Extraktionen der zweiten Prgmolaren oder ersten N[olaren nieht in dem ~al3e erreieht werden kann. ZerstSrte Molaren, nieht angelegte Zghne oder Keimverlagerungen bedingen natfirlieh 5iodifikatio- nen im Extraktionsmodus. Es erhebt sieh nun die Frage naeh dem Verhalten der Naehbarzghne zu den Extraktionslfieken. Uns standen 23 naeh dem genannten Extraktionsprinzip behandelte Patienten zur Verffignng. Dis Indikationen waren mi~ den yon Hotz angegebenen identiseh. Alle Behandlungen wurden im 10. Lebensjahr begonnen, obwohl nieht so sehr ant das ehronologisehe Alter als vielmehr auf das Zahndurehbruehsalter geaehtet wurde. Die Extraktionen vollzogen sieh, wie im Schema dargestellt, durehsehnittlieh in zwei bis aeht ~onate auseinanderliegenden Sitzungen. In allen tPgllen wnrdes zwei bis vier kieferorthopgdisehe Apparate je naeh kliniseher Notwendigkei~ ein- geffigt.
  • W.Radolioh, Praktische Gesiehtspunkte bei der Durchfiihrnng der Serienextraktion usw. 69 Beim Vergleieh des jetzigen Zustandes mit den Modellen vom Beginn der Behandlung war stets eine Waehstumsminderung in der Sagittalen festzustellen, die exakt metriseh zu erfassen jedoeh sparer noeh anznfertigenden Fernr6ntgen- aufnahmen vorbehMten bleiben mug. Funktionell und ~sthetiseh ist die Waehs- tumsmindemng abet bedeutungslos, d~ das Ausma8 unerheblicb ist oder tefl- weise sogar erwiinseht wurde. In der Transversalen wurde der Waehstumsa,usfall dutch die Apparate vSllig beherrseht, d.h. wir fan den keine iV[inuswerte gegenfiber den A-Modellen. Ledig- lieh in zwei F~llen ist eine leiehte Verjfingung im Pr~imolarengebiet siehtbar. Der (~berbi8 verbesserte sieh stets_ da einerseits die Extraktionen znm rieh- tigen Zeitpunkt. d.h. m einer zeitlieh wohlabgestimmten I~eihenfolge zwisehen Abb. 3. Die Wachs~umsriehtung der der Extra.ktionsliicke benachbarten Z~hne ~vurde nicht. gest6rt, sondern giinstig beeinflugt Ober- und Unterkiefer, durchgef/ihrt wurden und andererseits die eingeffigten kieferorthop~tdisehen Apparate ffir eine Korrektur sorgten. Die yon Heath naeh friihzeitigen Extraktionen der ersten Pr~tmolaren gefundene Bigsenkung konnte in keinem Fall best~tigt werden. Was nun die eruptive Phase der Topogenese (n. Baume) der der Ltieke be- naehbarten bleibenden Z/~hne betrifft, so konnte festgestellt werden, dab im Ober- kiefer die Canini naeh Herausnahrne der ~lcheckz~hne und ersten Pr~molaren- keime sehneller und im Ausma8 stgrker naeh distal in die Liieke wuehsen als die zweiten Prgmolaren naeh ~,ertikal und mesial, so dal.~ der Platzverbraueh stgrker yon frontal erfolgte. Waehstumstendenz und -riehtung wurden also nieht gest6rt, sogar unter dem. Einflug der ,,Lfieke" und kieferorthop/~diseher Apparate aktiviert und stimuliert (Abb. 3). Im Unterkiefer erfolgte naeh der Extraktion der genannten Z~hne meistens ein sofortiges Einstellen der Eekz~hne in die Okklusion; d. h. es wurde das Ver- tikalwaehstum besehleunigt - - ohne auffallende Tendenz naeh distal. Die Waehs- tmnsriehtung der tieferliegenden zweiten Pr~molaren verlief etwa in. der Diagona- len yon vertikal naeh mesial, so dab hier der L/iekensehlu8 vornehmlieh yon di- stal dutch die Seitenz/~hne erfolgte.
  • 70 Fortsehri~te der Kieferorthol~die Bd. 29 (1968) Hef~ 1 Zwei Beispiele m6gen den giinstigsten Behandlungsbeginn demonstrieren: 1.9,6 Jahre altes, sehmalgesichtiges Kind (Abb. 4 bis 6) Diagnose: Kieferkom- pression mit frontMem Engstand bei NeutrMbil] (nach Rekonstruktion), SI: 34 ram, Kieferkompression dnrehsehnittlich --5 ram. Lo : -4 ram. L~: --2,5 mm. Die ers~en Pr/~mo[aren befinden sich km'z vor dem Durchbrnch. R6ntgenbefund: alle bleibenden Z~hne vorhanden, gedr/~ngt stehende Zahnkeime der ersten, zweiten Pr~molaren uad zweiten Molaren. Apparate: Aktivas naeh Andresen-H~tup l . In diesem Falle sollte (tie Ex: traktion yon 4 IV III.] I I I IV 4 zuerst vorgenommen werden, 2 bis 3 Monate sparer 4"F; die Exfoliation v-~n IV'I'~V erfolgt wahrseheinlich in der Zwisehen- zeit. 2. 9,9 Jahre altes, breitgesichtiges Kind (Abb. 7 bis 9), Diagnose : Unechte Progenie bei NeutralbiB (naeh Rekonstruktion). SI: nicht exakt meBbar, da 212 hypo- plastisch, kliniseh noch nieht sichtbar; naeh unteren Frontzghnen zu nrteilen: 34 mm. Kieferkompression : durehsehnittlich - -4 bis - -6 mm, Lo : - -4 mm, Lu : Abb. 4. 9,6 J~hre Mtes Kind, gfinstigster Zeitpunkt fiir den Beginn der Extraktions~herapie im Oberkiefer Abb. 6. zu Abb. 4 gehSrende RSntgenaufn~hmen Abb. 5. zu Abb. 4 gehSrende Modelle in Aufsleht
  • W. Rudolph, Praktische Gesichtspunkte bei der Durchfiihrung der 8erienextraktion usw. 71 Abb. 7, 9,9 J~hre Mtes Kind, g~nstigster Zeit, punkt iiir den Beginn der Extrak~ionstherapie im Unterkiefer Abb. 8. zu Abb. 7 geh6rende i~[odelle in Aus Abb. 9. zu Abb. 7 geh6rende l~6r~tgen~ufn~hmen
  • 72 Fortsehritte der Kieferorthopiidie Bd, 29 (1968) I-IeiI 1 - -2 mm. 4~ befinden sich im Durchbruch auBerhalb des Zahnbogens. g6ntgen- befund: 51 Nichtanlage Appaxa~e: Akt ivator nach Andresen-H~npl . MSglichst bald sollte die Ex- traktion yon 4 IV I I I I I I I IV 4 vorgenommen werden, mn eine wil lkommene Wachstumshemmung zu setzen. Die Niehtanlage yon 51 und die grazile Form der 2~ verbieten eine Extrakt ion im O berkiefer. Zusammeniassung Zusammenfassend kann festgestellt werden, dab der in d~s zehntc Lebensjahr verlegte ~Beginn der Extraktionstherapie fo]gende Vorteile beinhMtete: 1. durchschnittlieh nur zwei Extraktionssitzungen. 2. Duuer der Behundlung 2 his 3 Jshre. Die Kinder im Alter von 9 bis 10 J~hren sind yon der Notwendigkeit der Z~hnextraktion eher zu iiberzeugen als 71/2jShrige. Deshulb und unter Verwendung yon vor dem Extrak- tionsbeginn eingesetzten kieferorthopiidischen Apparuten - - kann die Anzuhl der Eriblge wesentlich gesteigert werden. Eine in das zehnte Lebensjahr fallende friihzeitige Entfernung der I(eime der ersten Prs hat keine nachteiligen Folgen auf das bleibende Gebil~, wenn die Extruktionen zum riehtigen Zeitpunkt symmetriseh im Einzelkiefer vorgenommen werden. Anschrift d. Verf.: Prof. Dr. W. gudo lph, 59 Siegen, ~Vestf., I:[indenburgstral]e 4
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Praktische Gesichtspunkte bei der Durchführung der Serienextraktion der ersten Prämolaren

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  • W. Rudolph, Prakfische Gesiehfspunk~e bei der Durchfiihrung der Serienextraktion usw. 67 und Phant~siebetonung zugunsten einer langsam zunehmenden Verstandesbe- tonung zu bemerken ist, so wh'd doch das dutch die ausgedehnten Extraktionen entstaridene Erlebnis des k6rperliehen Sehmerzes - - im Kiefer-Kopfbereieh be- sonders intensiv empflmden - - la.nge Zeit ~ls gebundene Erinnerungsvorstellung, die je naeh Qua]itgt und Zeitdauer typenversehieden ist, seeliseh fixiert bleiben und hgufig in Angst, m6g!ieherweise Phobien, vor weiteren sieh wiederholenden, unausweiehbaren Operationen zum Ausdruek kommen. Wenn nun das Verhgltnis Arzt - - Patient nut in Extraktionsdurehffihrungen bzw. -anordnungen besteht, so wird bei einem grogen Teil der kleinen Patienten das Vertrauen zur grztliehen Pers6rfliehkeit negativ gewandelt, da ja yon ihr - - a.us Erfa,hrung - - ~ussehlieB.lieh sehmerzhafte Eingriffe zu erwarten sind. So ent- ziehen sieh viele Kinder der weiteren Einflul~nahme, oder es wird ein gfinstiger Zeitpnnkt ftir weitere Extraktionen verpa6t, so dab trotzdem kieferorthop~disehe Apparate zu Hilfe genommen werden m/issen. Diese psyehisehen. Phgnomene ebenso wie der fr/ihe Behandlungsbeginn und die sieh d~raus ergebende lange Behandlungsdauer, die j~ grunds~tzlieh bis zur Regeleinstellung der zweiten Molaren reieht, und die Tatsaehe des h/~ufigen An- wendemniissens yon kieferorthop~disehen Behelfen gaben mir Veranlassung, naeh einem anderen Modus in der Extraktionstherapie zu suehen. Das Ziel sollte sein: 1. Die Extraktionssitzungen ~uf ein Minimum, m6gliehst zwei, zu verkfirzen, 2. den psyehisehen Kontakt zum Kinde vertrauensvoll aufzubauen und 3. die ]Behmldlungszeit ~uf ma, ximal drei Jahre zu besehrgnken. Ans der Kenntnis der Genese der hier zur tlede stehendenAnomalien, der Dureb- bruehsfolge der einzelnen bleibenden Z/~hne im Zusammenhang mit dem Zahm Knoehena!ter und den vielfgltigen Erfahrungen bot sieh ein Zeitpunkt fiir den g/instigsten Behandlungsbeginn an, bei dem in. der Regel die Mileheekzghne und die ersten Milehmolaren teilweise bereits selbst ausgefallen sind und sieh die Naeh- folger zum Durehbrueh ansehieken (Abb. 1). ]~Iierdureh wird ein Zeitpunkt in der Entwieklung - - nna, bhgngig yore ehro- nologisehen Alter des Kindes - - abgewartet, der es erm6glieht, die Indikation fiir die Extr~ktionstherapie genau zu erkennen, sie einzuleiten, bzw. die Behandlung ohne Extraktionen fortzusetzen. Abb. t. Der giinstigs~e Beha,ndlungsbeginn bei der Dm:ehftihrung der Extraktionstherapie 5*
  • 68 Fortsehritte der KieferortholoSdie Bd. 29 (1968) Heft 1 Der grundsgtzlieh eingefiigte kieferorthopgdische Behelf erffil.lt zwei Aufgaben : In psyehologiseher Hinsieht ist er Vehieulum im Verhgltnis Arzt - - Patient, in kliniseher dient er der Bewegung yon Zghnen und Kiefern. Mit dem spgterenBehandlungsbeginn, etwa ira zehnten Lebensjahr, hat sieh aueh dureh den. erwaehten Wirkliehkeitssinn, die Herausbildung und Differen- zierung yon Interessen, die Erstarkung der inneren Willenshaltung, die im Zuge der Deakentwiekluag stgrker hervortretenden noetischen Gefiihle eine gfinstigere AufnahmebereiSschaft ffir die Notwendigkeit der Extrakt:ionstherapie gebildet. Diese erstreekt sieh dana fiber etwa zwei bis drei Jahre und vollzieht sich in der Regel in zwei Phasen : Extraktionen ira. Oberkiefer und sparer im Unterkiefer - - oder umgekehrt (Abb. 2). Die Extraktionen werden jeweils symmetriseh im Abb. 2. In diesem Stadium sollte mit din" ]~3xtraktion im Oberkiefer yon IV, 414,I\T be- gom~en werden, spgter k6nnte die Extraktion yon ~ erfolgen, so d~g nur zwei a.n Stelle yon vielen ,,Extr~ktionssitzungen" no~wendig werden Einzelkiefer durehgeftihrt, wobei derjenige Kiefer den Vorrang hat, weleher in seiner Entwieklung gebremst werden soil, bzw. in dem der Durehbruch bleibender Zghne am weitesten iortgesehritten i sLEs werden die Mileheekzghne, die ersten M[lehmolaren und die ersten Prgmolaren, soweit sie nieht sehon durehgebroetmn sind, bereits als Keime in der eruptiven Phase entfernt, da der Platz den Front- zghnen zugute kommen soil, was dutch Extraktionen der zweiten Prgmolaren oder ersten N[olaren nieht in dem ~al3e erreieht werden kann. ZerstSrte Molaren, nieht angelegte Zghne oder Keimverlagerungen bedingen natfirlieh 5iodifikatio- nen im Extraktionsmodus. Es erhebt sieh nun die Frage naeh dem Verhalten der Naehbarzghne zu den Extraktionslfieken. Uns standen 23 naeh dem genannten Extraktionsprinzip behandelte Patienten zur Verffignng. Dis Indikationen waren mi~ den yon Hotz angegebenen identiseh. Alle Behandlungen wurden im 10. Lebensjahr begonnen, obwohl nieht so sehr ant das ehronologisehe Alter als vielmehr auf das Zahndurehbruehsalter geaehtet wurde. Die Extraktionen vollzogen sieh, wie im Schema dargestellt, durehsehnittlieh in zwei bis aeht ~onate auseinanderliegenden Sitzungen. In allen tPgllen wnrdes zwei bis vier kieferorthopgdisehe Apparate je naeh kliniseher Notwendigkei~ ein- geffigt.
  • W.Radolioh, Praktische Gesiehtspunkte bei der Durchfiihrnng der Serienextraktion usw. 69 Beim Vergleieh des jetzigen Zustandes mit den Modellen vom Beginn der Behandlung war stets eine Waehstumsminderung in der Sagittalen festzustellen, die exakt metriseh zu erfassen jedoeh sparer noeh anznfertigenden Fernr6ntgen- aufnahmen vorbehMten bleiben mug. Funktionell und ~sthetiseh ist die Waehs- tumsmindemng abet bedeutungslos, d~ das Ausma8 unerheblicb ist oder tefl- weise sogar erwiinseht wurde. In der Transversalen wurde der Waehstumsa,usfall dutch die Apparate vSllig beherrseht, d.h. wir fan den keine iV[inuswerte gegenfiber den A-Modellen. Ledig- lieh in zwei F~llen ist eine leiehte Verjfingung im Pr~imolarengebiet siehtbar. Der (~berbi8 verbesserte sieh stets_ da einerseits die Extraktionen znm rieh- tigen Zeitpunkt. d.h. m einer zeitlieh wohlabgestimmten I~eihenfolge zwisehen Abb. 3. Die Wachs~umsriehtung der der Extra.ktionsliicke benachbarten Z~hne ~vurde nicht. gest6rt, sondern giinstig beeinflugt Ober- und Unterkiefer, durchgef/ihrt wurden und andererseits die eingeffigten kieferorthop~tdisehen Apparate ffir eine Korrektur sorgten. Die yon Heath naeh friihzeitigen Extraktionen der ersten Pr~tmolaren gefundene Bigsenkung konnte in keinem Fall best~tigt werden. Was nun die eruptive Phase der Topogenese (n. Baume) der der Ltieke be- naehbarten bleibenden Z/~hne betrifft, so konnte festgestellt werden, dab im Ober- kiefer die Canini naeh Herausnahrne der ~lcheckz~hne und ersten Pr~molaren- keime sehneller und im Ausma8 stgrker naeh distal in die Liieke wuehsen als die zweiten Prgmolaren naeh ~,ertikal und mesial, so dal.~ der Platzverbraueh stgrker yon frontal erfolgte. Waehstumstendenz und -riehtung wurden also nieht gest6rt, sogar unter dem. Einflug der ,,Lfieke" und kieferorthop/~diseher Apparate aktiviert und stimuliert (Abb. 3). Im Unterkiefer erfolgte naeh der Extraktion der genannten Z~hne meistens ein sofortiges Einstellen der Eekz~hne in die Okklusion; d. h. es wurde das Ver- tikalwaehstum besehleunigt - - ohne auffallende Tendenz naeh distal. Die Waehs- tmnsriehtung der tieferliegenden zweiten Pr~molaren verlief etwa in. der Diagona- len yon vertikal naeh mesial, so dab hier der L/iekensehlu8 vornehmlieh yon di- stal dutch die Seitenz/~hne erfolgte.
  • 70 Fortsehri~te der Kieferorthol~die Bd. 29 (1968) Hef~ 1 Zwei Beispiele m6gen den giinstigsten Behandlungsbeginn demonstrieren: 1.9,6 Jahre altes, sehmalgesichtiges Kind (Abb. 4 bis 6) Diagnose: Kieferkom- pression mit frontMem Engstand bei NeutrMbil] (nach Rekonstruktion), SI: 34 ram, Kieferkompression dnrehsehnittlich --5 ram. Lo : -4 ram. L~: --2,5 mm. Die ers~en Pr/~mo[aren befinden sich km'z vor dem Durchbrnch. R6ntgenbefund: alle bleibenden Z~hne vorhanden, gedr/~ngt stehende Zahnkeime der ersten, zweiten Pr~molaren uad zweiten Molaren. Apparate: Aktivas naeh Andresen-H~tup l . In diesem Falle sollte (tie Ex: traktion yon 4 IV III.] I I I IV 4 zuerst vorgenommen werden, 2 bis 3 Monate sparer 4"F; die Exfoliation v-~n IV'I'~V erfolgt wahrseheinlich in der Zwisehen- zeit. 2. 9,9 Jahre altes, breitgesichtiges Kind (Abb. 7 bis 9), Diagnose : Unechte Progenie bei NeutralbiB (naeh Rekonstruktion). SI: nicht exakt meBbar, da 212 hypo- plastisch, kliniseh noch nieht sichtbar; naeh unteren Frontzghnen zu nrteilen: 34 mm. Kieferkompression : durehsehnittlich - -4 bis - -6 mm, Lo : - -4 mm, Lu : Abb. 4. 9,6 J~hre Mtes Kind, gfinstigster Zeitpunkt fiir den Beginn der Extraktions~herapie im Oberkiefer Abb. 6. zu Abb. 4 gehSrende RSntgenaufn~hmen Abb. 5. zu Abb. 4 gehSrende Modelle in Aufsleht
  • W. Rudolph, Praktische Gesichtspunkte bei der Durchfiihrung der 8erienextraktion usw. 71 Abb. 7, 9,9 J~hre Mtes Kind, g~nstigster Zeit, punkt iiir den Beginn der Extrak~ionstherapie im Unterkiefer Abb. 8. zu Abb. 7 geh6rende i~[odelle in Aus Abb. 9. zu Abb. 7 geh6rende l~6r~tgen~ufn~hmen
  • 72 Fortsehritte der Kieferorthopiidie Bd, 29 (1968) I-IeiI 1 - -2 mm. 4~ befinden sich im Durchbruch auBerhalb des Zahnbogens. g6ntgen- befund: 51 Nichtanlage Appaxa~e: Akt ivator nach Andresen-H~npl . MSglichst bald sollte die Ex- traktion yon 4 IV I I I I I I I IV 4 vorgenommen werden, mn eine wil lkommene Wachstumshemmung zu setzen. Die Niehtanlage yon 51 und die grazile Form der 2~ verbieten eine Extrakt ion im O berkiefer. Zusammeniassung Zusammenfassend kann festgestellt werden, dab der in d~s zehntc Lebensjahr verlegte ~Beginn der Extraktionstherapie fo]gende Vorteile beinhMtete: 1. durchschnittlieh nur zwei Extraktionssitzungen. 2. Duuer der Behundlung 2 his 3 Jshre. Die Kinder im Alter von 9 bis 10 J~hren sind yon der Notwendigkeit der Z~hnextraktion eher zu iiberzeugen als 71/2jShrige. Deshulb und unter Verwendung yon vor dem Extrak- tionsbeginn eingesetzten kieferorthopiidischen Apparuten - - kann die Anzuhl der Eriblge wesentlich gesteigert werden. Eine in das zehnte Lebensjahr fallende friihzeitige Entfernung der I(eime der ersten Prs hat keine nachteiligen Folgen auf das bleibende Gebil~, wenn die Extruktionen zum riehtigen Zeitpunkt symmetriseh im Einzelkiefer vorgenommen werden. Anschrift d. Verf.: Prof. Dr. W. gudo lph, 59 Siegen, ~Vestf., I:[indenburgstral]e 4
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