Neues aus der archologischen Forschung in aus der archologischen Forschung in Magdeburg Wissenschaftliche Redaktion: Brigitta Kunz Landeshauptstadt Magdeburg/ Stadtplanungsamt Magdeburg

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    07-Feb-2018

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Neues aus der archologischen Forschung in MagdeburgLandeshauptstadt MagdeburgStadtplanungsamt MagdeburgSchaufenster der ARCHOLOGIENeues aus der archologischen Forschung in MagdeburgDomplatz MagdeburgNeues aus der archologischen Forschung in MagdeburgWissenschaftlicheRedaktion: Brigitta KunzLandeshauptstadtMagdeburg/StadtplanungsamtMagdeburgLandesamt fr Denkmal-pflege und ArchologieSachsen-AnhaltImpressumHerausgeber: Landeshauptstadt MagdeburgBro fr ffentlichkeitsarbeitund Protokoll39090 MagdeburgLandesamt fr Denkmalpflegeund Archologie Sachsen-AnhaltRichard-Wagner-Str. 9-1006114 HalleWissenschaftlicheRedaktion: Brigitta KunzPhoto II. Umschlagseite: Landesamt fr Denkmalpflege und ArchologieSachsen-Anhalt, R. SchwarzPhoto III. Umschlagseite: M. ErtlDruckerei: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KGGewerbering West 2739240 Calbe (Saale)Gestaltung: AdCOM werbung & filmproduktion gmbhInhaltsverzeichnisVorworteGruwort des Oberbrgermeisters Lutz TrmperGruwort des Landesarchologen Harald Meller EinfhrungBrigitta Kunz/Eckhart W. PetersEin Stadtbummel entlang historischer Schaufenster AusstellungBrigitta KunzSchaufenster der Archologie 1200 Jahre MagdeburgGeologieGnter Schnberg/Andreas Mbes Erdgeschichtliche Betrachtungen zum Domplatz in MagdeburgHistorische ForschungJrgen UdolphDer Ortsname MagdeburgVermessungMandy PoppeVermessung Grundlage jeder archologischen DokumentationBauforschungMaurizio PaulWohntrme im Stadtgebiet von MagdeburgHistorische ForschungIngelore BuchholzDas Nikolaistift und seine Kirche in MagdeburgAnimationSven SchulzeAm Computer simuliert Wechselbilder der GeschichteArchobotanikMonika HellmundPflanzenfunde aus dem mittelalterlichen Magdeburg Der Abfallschacht eines GrafenhofesHubertus SommerfeldVon den Anfngen des Weinbaus im Erzbistum Magdeburg7910152933364458677278Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in MagdeburgI N H A L T S V E R Z E I C H N I SArchozoologieRalf-Jrgen PrilloffHerrschaftliches Speisen und Jagen. Tierknochen berichten vom Leben im mittelalterlichen MagdeburgNumismatikRolf GruneMagdeburger Streumnzfunde am Breiten WegAnthropologieRdiger SchningRechtsmedizinische Untersuchungen an Skelettfunden der St. Nikolai KircheRestaurierungFrederike HertelDie Toten und ihre KleiderHeike PppelmannBergung einer Gruft am Domplatzberblick StadtarchologieThomas WeberZwlf Jahre archologische Stadtkernforschung in Magdeburg: Grabungsergebnisse seit 1992DomfreiheitDomplatzRainer Kuhn/Babette Ludowici/Brigitta Kunz/Heike Pppelmann/Mathias Puhle/Thomas Weber:Wenn der Stein ins Rollen kommt .... Der Magdeburger Domplatz im Fokus der ForschungBreiter Weg 5-10Brigitta Kunz Von der Burg zur StadtGnter KorbelArchologische Nachuntersuchungen auf dem Baufeld HundertwasserhausDomplatz/LandtagRainer Kuhn Die Ausgrabungen in den Jahren 1999 und 2000 im Bereich des LandtagesGouvernementsbergFrank Besener Die Bergung gotischer Plastiken aus einer Bruchsteinmauer im Bereich Gouvernementsberg 2Kloster Unser Lieben FrauenFrank BesenerBarocke und sptmittelalterliche Straenpflaster am Westportal der MarienkircheGroe KlosterstraeGsta Ditmar-TrauthDem Elbwasser bedrohlich nahe Ausgrabungen an der KlosterstraeBreiter Weg/Ecke DanzstraeChristian GildhoffZwischen Bronzezeit und Dreiigjhrigem Krieg. Funde und Befunde vom Grundstck Breiter Weg 21381859092101107115121127136140143145149StadtarchologieI N H A L T S V E R Z E I C H N I SBrgerstadtZentraler Platz Bettina Carruba/Heiner SchwarzbergMittelalterliches Leben und Arbeiten im Herzen der Stadt ButtergasseDoris KtherMagdeburg/Buttergasse - Altstadt unterm KriegsschuttRatswaageplatzFrank BesenerEin ehemaliger Friedhof auf dem Ratswaageplatz von MagdeburgBreiter Weg NordabschnittSabine Henkelmann/Brigitta KunzEine wachsende Stadt des HochmittelaltersAndrea PieperEin Schnitt durch die Vergangenheit Spurensuche auf 300 m x 2 mUniversittsplatzUlf F. Ickerodt Einblicke in die neuzeitliche Befestigungstechnik WallonerkircheKarin Rathje/Thomas WeberDie Grber vom Wallonerberg 5. Ein Bestattungsplatz aus den Jahren 1690 bis 1827JohanniskircheMichael KrecherArchologische Ausgrabungen in der Johanniskirche zu MagdeburgPetrikircheGsta Ditmar-TrauthDie Ausgrabung an der PetrikircheVorstadtFriedensplatzW. Barbara GerckeSudenburg Die Ausgrabungen auf dem Friedensplatz 1999KlosterbergegartenChristoph EngelEin mittelalterlicher Friedhof unter dem GesellschaftshausEckhart W. PetersArchologie und Stadtplanung Zwei Welten unter einem Hut?Autorenverzeichnis153158162164170175180184191197204211221Archologie und Stadtplanung7Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005die 1200-jhrige Geschichte der Stadt Magdeburgist unglaublich facettenreich. Mit der ersten histo-rischen Erwhnung im Diedenhofer Kapitular Karls des Groen im Jahre 805 tritt die befestigteMagadoburg in das Licht der damaligen Welt.Magdeburg hat viele Namen: Kaiserstadt, Dom-stadt, Hansestadt, Lutherstadt und Unsres Herr-gotts Kanzlei, Festungsstadt, Stadt des neuenBauwillens, Stadt mit Zugkraft, Elbestadt. Vorallem ist sie die Landeshauptstadt des noch jungenBundeslandes Sachsen-Anhalt. Magdeburg ber-rascht seine Gste aber auch seine Bewohner mit ei-ner lebendigen Gegenwart und dem immer nochreichen steinernen Kalender deutscher und euro-pischer Architekturgeschichte.Mit dem Schaufenster der Archologie kommt ei-ne vielfach schon angeklungene und unsere Stadtseit 1992 strker begleitende Facette der Stadtge-schichte zum Tragen.Natrlich wissen wir, dass Magdeburg sehr viel l-ter ist als 1200 Jahre. Aber ohne ein schriftlichesZeugnis knnen wir nur mit Hilfe der Ausgra-bungen die Spuren dieser Geschichte aufnehmenund lesen. Funde und Befunde zu dokumentierenund auch einer groen ffentlichkeit zugnglich zumachen, sind Ziel der Ausstellung Schaufenster derArchologie Neues aus der archologischen For-schung in Magdeburg. Die Erfolge der Archologenbei den jngsten Grabungen besttigen uns darin.Objekte, die lter als 1000 Jahre sind und die Un-bilden der Zeit berlebt haben, regen unsere histo-rische Phantasie an. Ohne die Arbeit der Archolo-gen wre der authentische Blick in die Geschichtenicht mglich. Archologen gehren zu den Grund-lagenforschern in Sachen Stadt- und Regionalge-schichte. Moderne Technik und neue Methoden derarchologischen Forschung sind heute dazu ange-tan, bisherige Erkenntnisse neu zu prfen. Einenbetrchtlichen Teil dieser neuen Forschungen kn-nen Sie nun durch das Schaufenster der Archolo-gie erblicken.Ich wnsche der Ausstellung viele Besucher, derPublikation eine groe Leserschar und hoffe sehr,dass beide zum weiteren Kennenlernen der Stadtund der reichen Magdeburger Geschichte einladen.Dr. Lutz TrmperOberbrgermeisterVorwortLiebe Magdeburgerinnen und Magdeburger,liebe Gste der Landeshauptstadt9Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005VorwortAlljhrlich treffen sich in der Kaserne Mark inMagdeburg die Gaukler zum Mittelalterspektakel.Die Besucherzahlen steigen ebenso wie die Zahl anBchern und Filmen ber das Dunkle Zeitalter.Aber nicht nur der Laie interessiert sich fr die derNeuzeit vorangehenden Epoche des Mittelalterssondern auch die Wissenschaften in verstrktemMae die Archologie.Die Archologie zieht ihre Kenntnisse unterBercksichtigung schriftlicher Quellen vor allemaus Bodenbefunden. Zur Zeit finden in vielenStadtkernen der im Frh- und Hochmittelalter ge-grndeten Stdte Mitteldeutschlands Ausgrabungenstatt, so auch - an mehreren Stellen - in Magde-burg.Das Landesamt fr Denkmalpflege und Archo-logie Sachsen-Anhalt folgt darin dem schon Endeder 1940er Jahre in Magdeburg mitbegrndetenWeg der Stadtkernarchologie. Hier wurde nochvor Beginn des groen Wiederaufbaus die histo-rische Bedeutung des noch vorhandenen Boden-archivs erkannt und Anstrengungen zur Rettung un-ternommen. In vielen bundesdeutschen Stdtenfand dies erst Jahrzehnte spter Beachtung. Whrend des Dreiigjhrigen Krieges verlorMagdeburg eine der bedeutendsten Bibliothekenihrer Zeit. Vielleicht war diese Erfahrung einer derBeweggrnde, um 1948 zur Rettung des Bodenar-chivs die Arbeitsgemeinschaft zur Erforschungder Vor- und Frhgeschichte Magdeburgs unterder Leitung von Ernst Nickels zu grnden. Bis 1968fhrte man in der Stadt ber 26 Ausgrabungen und126 Notbergungen durch. Danach gab es nur nochkleinere Manahmen. Seit 1990 ist die archolo-gische Ttigkeit wieder sprunghaft angestiegen. Inden letzten Jahren sind in Magdeburg 28 Ausgra-bungen und mehrere kleine Notbergungen durchdas Landesamt fr Denkmalpflege und Archologieunternommen worden.Eine archologische Sensation bildeten in den1960er Jahren die Mauerreste des wie man langeglaubte Kaiserpalastes Ottos des Groen amDomplatz. Heute, nach Abschluss der Forschungs-grabung an der Domplatz Ostseite, wissen wir esbesser: Nicht um seinen Palast handelte es sich,sondern mglicherweise um den durch ihn erbautenDom. Diese Entdeckung ist ein wichtiger Schritt,um die historischen Geschehnisse des 10. Jahrhun-derts an der damaligen Ostgrenze zu erkennen. Da-bei trgt die Archologie eigenstndig mit ihrenMethoden und ihren Quellen zur Klrung histo-rischer Fragen bei.Durch gut dokumentierte Grabungen sichert dasLandesamt fr Denkmalpflege und Archologie frdie Nachwelt und die Wissenschaften einen reichenSchatz an historischen Quellen. Diesen Schatz inForm einer Ausstellung und eines Begleitbuchesden Brgern der Stadt Magdeburg nher zu bringen,dafr gebhrt der Landeshauptstadt Magdeburg einbesonderer Dank. Fr die privaten und ffentlichen Bauherrn sinddie Mehrkosten einer archologischen Ausgrabungeine zustzliche Belastung, die fr die Allgemein-heit und die Kulturgeschichte der Stadt und desLandes erbracht werden. Ihnen sei an dieser Stellebesonders gedankt.Ich wnsche den Brgerinnen und Brgern vonMagdeburg und ihren Gsten zum 1200jhrigen Ju-bilum ein schnes Festjahr.Dr. Harald MellerDirektor des Landesamtes fr Denkmalpflegeund Archologie Sachsen-AnhaltLandesarchologeZum 1200-jhrigen Stadtjubilum MagdeburgsTreten Sie nher, treten Sie ein. Schaufenster derArchologie will Sie entfhren in die Welt derverborgenen Dinge. Dabei geht es nicht um Gold,nein, das haben wir nicht. Es geht um die verscht-teten und vergessenen Reste der glanzvollen undtragischen Entwicklung der Stadt Magdeburg. Wirwollen Sie verfhren zu einem Stadtbummel ent-lang historischer Schaufenster.Die Schaufenster, in die Ihnen das vorliegendeBegleitbuch Einblicke gewhrt, sind ber die ganzeStadt verteilt. In diesem Buch haben Archologenkleine Zwischenberichte ber den Stand ihrer Ar-beit verfasst. Es ist als Begleitung gedacht zur Aus-stellung Schaufenster der Archologie Neuesaus der archologischen Forschung in Magdeburg.Beide - Buch und Ausstellung - sollen mit ihrenFenstern Einblicke in die aktuelle archologischeForschung geben. Im Buch kommen die Archolo-gen selbst zu Wort. In der Ausstellung hingegensind wir ihnen wie einem Uhrmachermeister odereinem Schuster in die Werkstatt gefolgt, um heraus-zufinden, wie aus den Keramikscherben, Tierkno-chen, Eisenfunden und Bodenproben Geschichteentsteht. Die Ausstellung konzentriert sich in ihrer histo-rischen Betrachtung auf die Ereignisse rund um denDomplatz. Dies ist zunchst der Sanierungsttigkeitdes Stadtplanungsamtes und damit der Landes-hauptstadt Magdeburg als Bauherrn und der Unter-sttzung durch den Bund und das Land Sachsen-Anhalt geschuldet. Zugleich mchte diese Ausstel-lung aber auch Auskunft geben ber die neuen historischen Erkenntnisse, die durch die aktuellenGrabungen ans Tageslicht getreten sind. Die neuenEinleitungEin Stadtbummel entlang historischer Schaufenster1 0 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 20051 1Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Bodenfunde unter dem Domplatz, der in frherenZeiten auch Neuer Markt, Domimmunitt oderDomburg genannt wurde, lassen unerwartete Rck-schlsse auf die Entwicklung dieses Platzes zu, dieaufs engste mit der Geschichte der Stadt verbundensind. Diese neuen Erkenntnisse und die Diskussi-onen, die durch sie angestoen wurden, fhrtennicht zuletzt dazu, sich in dieser Ausstellung auchmit der Arbeitsweise der Archologie zu beschfti-gen, die lngst keine Spatenarchologie mehr ist.Schaufenster der Archologie zeigt eine Aus-wahl der vielfltigen stadtgeschichtlich relevantenFragen und eine archologische Annherung an diehistorische Wirklichkeit - eine Schaufensterauslageeben. Diese Auslage soll nur ein erstes Staunen undInteresse wecken. Wir empfehlen Ihnen einen Be-such im Kulturhistorischen Museum der Landes-hauptstadt Magdeburg, um dort das ganze Sorti-ment der mittelalterlichen Stadtforschung in Au-genschein zu nehmen. Im Kulturhistorischen Muse-um erwartet Sie die neu gestaltete Dauerausstellungzur mittelalterlichen Stadtgeschichte oder fahrenSie in das archologische Landesmuseum nach Hal-le mit der Ur- und Frhgeschichte des Landes.Bummeln und flanieren, das Auge sich erholenund anregen lassen. Wir wollen, dass Sie entlangunserer Ausstellungswnde bummeln, das ein oderandere Bild betrachten, den ein oder anderen Textlesen und vielleicht immer wieder kommen. Viel-leicht treffen Sie uns auch in der Stadt beim Bum-mel entlang der Schaufenster der neuen Mrkte.Mitten unter den Tempeln der Warenwelt mchtendie Schaufenster der Archologie ihre Aufmerk-samkeit erregen - und wir hoffen, das uns dies ge-lingt.Auch das begleitende Buch ist nicht etwas abge-schlossenes Ganzes. Er muss nicht von vorne nachhinten gelesen werden. Haben Sie Freude an einzel-nen Texten. Sie sind frs Lesen zwischendurch,zum Durchblttern, zum Nachschlagen gedacht. Eswrde uns Freude machen, wenn Sie das Buch im-mer wieder zur Hand nhmen und so von Bild zuBild und von Artikel zu Artikel bummeln. Dank an das Landesamt fr Denkmalpflege undArchologie, das uns Fundmaterial zur Verfgungstellte und uns als fachlicher Partner den Rckenstrkte. Geschichte ist nicht das Werk einzelner,daher freut es uns besonders, dass eine Vielzahl vonInstitutionen des Landes und der Stadt und ihreVertreter zum Gelingen des Projektes beigetragenhat. Insbesondere soll hier Prof. Dr. Dieter Krausevom Gerichtsmedizinischen Institut der Otto v.Guericke Universitt fr seine vermittelnde Hilfe,Dr. Uwe Heuner von der Humboldt UniversittBerlin fr die Bestimmung von Hlzern und allenWissenschaftlern, die uns zur Seite standen undSchaufenster fr die Ausstellung und das Begleit-buch dekorierten, gedankt sein. Das Begleitbuch istso zu einem Gemeinschaftswerk geworden, das ei-nem Gemeinwesen wrdig ist. Dank auch den Kol-leginnen und Kollegen der Unteren Denkmal-schutzbehrde, die das Projekt ber die Jahre mitRat und Tat untersttzten. Ein letzter und besondersherzlicher Dank den redaktionellen Helfern OlafWahls, Dr. Barbara Fritsch, Sabine Henkelmannund Astrid Deffner.Zum 1200 jhrigen Stadtjubilum wenden sichAusstellung und Buch an die Brgerinnen und Br-ger Magdeburgs sowie an die vielen Gste unsererStadt. Mgen viele von Ihnen durch einen Blick indie Schaufenster der Archologie erfahren, was frein reiches historisches Quellenmaterial unter unse-ren Fen liegt, welcher Bezug zu uns Menschenvon heute besteht und welchen Sinn die Ttigkeitder Archologie hat.Brigitta Kunz und Eckhart W. PetersNeues aus der archologischenForschung in Magdeburg1 5Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Schon in gypten gewesen? Diese Frage mussein Archologe wohl am hufigsten beantworten.Die zweithufigste Frage lautet dann Schon Goldgefunden?. Beide Fragen gieren nach Abenteuer undSchatzsuche, einem Image das der `Archologie`heute noch anhngt. Fr die meisten Menschenscheinen die Orte, an denen ein Archologe erwar-tet wird, sich auf gypten, Trkei, Griechenlandoder Mexiko zu beschrnken. Eher mit Verwunde-rung wird er hier in mittel- und nordeuropischenGefilden wahrgenommen. Was will man hier wohlschon finden im schweren Brdeboden? Dass sichreiche historische Schtze im Boden verbergen, be-weisen die Schlagzeilen des letzten Jahres: DenDom Ottos des Groen gefunden. Scheinbar unbe-merkt hat sich der Schatzsucher zum Geschichte-Finder entwickelt. Diese Wandlung wurde bewusst durch den Ge-setzgeber gefrdert, indem er die Reste von Lebe-wesen, Gegenstnden und Bauwerken, die von derGeschichte der Menschheit Zeugnis ablegen alsarchologische Kulturdenkmale unter Schutz stell-te. Dass diese Reste zu bedeutenden Archivenheranwachsen knnen, zeigt die StadtgeschichteMagdeburgs. Karolingische Burg, ottonische Stadt,Stadt des Magdeburger Rechts im Mittelalter, ba-rockes Juwel der beginnenden Neuzeit. Wenig istaufgrund von Brand und Zerstrung geblieben auch an schriftlichen Quellen. Das historische Ar-chiv Magdeburgs liegt im Boden verborgen! Aberda ist es auch bedroht. Die unter dem Thema Stadtarchologie zu-sammengefassten archologischen Berichte imzweiten Teil dieses Bandes zeigen, dass immer wie-der durch Bauttigkeit in dieses Bodenarchiv ein-gegriffen wird. Kann die Zerstrung nicht vermie-den werden, mssen die Reste, wie sie das Gesetznennt, vorher ausgegraben, dokumentiert und dieFunde geborgen werden. Wichtig fr den Archolo-gen sind die Spuren, die die Menschen hinterlieen.Wenn in der Vergangenheit eine Grube ausgeho-ben, ein Graben zugeschttet oder eine Mauer er-richtet wurde, ist dies noch Jahrtausende spterdurch Verfrbungen im Erdreich zu erkennen. So-gar Holzsttzen, die z.B. fr den Bau der Huservor Tausenden von Jahren ins Erdreich eingegrabenwurden, lassen sich anhand dunkler runder Verfr-bungen nachweisen und zu einem Grundriss zusam-menfgen (Abb. 1). Aber auch mit ausgebrochenenSteinmauern knnen Gebude rekonstruiert wer-den. Ein Grab gibt Auskunft ber religise Vorstel-lungen, ein Skelett ber den gesundheitlichen Zu-stand der Menschen, und Grberfelder erzhlen et-was ber Dorfbewohner und Bevlkerungszahl.Natrlich sind auch Funde wichtig. Aber - nichtdem Einzelfund gilt das ganze Bestreben des Ar-chologen, sondern dem Fundzusammenhang: DasGrab mit Grabgrube, der Bestattung, der Bestat-tungslage sowie schlielich den Beigaben und demTrachtzubehr z.B. eines Schmuckstckes (Abb.2). Der Wissenschaftler dokumentiert und interpre-tiert, und berliefert somit die Lebensspuren ver-gangener Gesellschaften fr die Nachwelt (Abb. 3).Darum: Vor dem Bagger kommt der Archologe.Ist nun einmal die Einsicht geweckt, dass Ar-chologie auch auerhalb von Tempeln, Pyramidenund Amphitheatern einen Sinn hat, bleibt noch dieFrage nach dem Goldschatz. Hier fllt es schon we-sentlich schwerer, dem aufgeschlossenen Laien zuvermitteln, warum einige unansehnliche Scherben-Schaufenster der Archologie 1200 Jahre MagdeburgBrigitta KunzAbb. 1 Schaubild zur Entstehungdes PfostenlochsS C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G1 6 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005haufen genauso wichtig sein sollen wie ein Mnz-schatz.Nachzudenken gibt, dass ber 98% der Mensch-heitsgeschichte nur durch archologische Quellenbelegbar ist. Nur 2% werden durch schriftlicheAufzeichnungen erhellt. Hat sich die Archologiefr die 98% bereits einen sicheren Platz unter denGeschichtswissenschaften erkmpft, so gewinnenihre Quellen fr die Erforschung des Mittelaltersund der Neuzeit mehr und mehr an Interesse undBedeutung. Archologie berichtet im Sinne vonKultur- oder Alltagsgeschichte ber den Menschen.Wo also lassen sich bessere Beispiele ber dieErnhrungsgewohnheiten des mittelalterlichenAdels als in ihrer Abfallgrube finden? Und wo lsstsich das durchschnittliche Sterbealter besser doku-mentieren als in einer Familiengrabgruft?In Magdeburg steht man am Beginn solch wis-senschaftlicher Analysen. Aufgabe eines Mittelal-ter- und Neuzeitarchologen muss deshalb sein, hi-storische Fragen im weitesten Sinne mit archolo-gischen Methoden zu beantworten. Die Einordnungder Archologie des Mittelalters und der Neuzeitals Teil einer umfassenden Geschichtsforschungbedeutet, dass das Quellenmaterial und die Metho-den nicht aber die Ziele sich grundlegend vondenen anderer historischer Disziplinen unterschei-den.Sind Schatzfunde fr die Archologie uninteres-sant geworden? Zugegeben, auch ein Archologewrde liebend gerne einen Schatz finden, und wel-ches Museum hat nicht gerne schne Ausstellungs-stcke. Auch Magdeburg hat seine Mnzschtze.Doch was ntzt es, wenn es nichts dazu zu sagengibt, als dass sie schn sind? Geschichtsschreibungwird erst mglich durch Wissen, und Wissen erhal-ten wir durch den Fundzusammenhang. Und wie soll aus dunklen Flecken BrdebodenGeschichte entstehen?Zur Erforschung des Fundumfeldes nutzt die Ar-chologie heute neben ihren traditionellen Metho-den auch die Kenntnisse und Errungenschaften an-derer Wissenschaften. Insbesondere die Naturwis-senschaften (Physik, Chemie, Botanik, Genfor-schung, Geologie, Bodenkunde, Geographie, An-thropologie und Zoologie) sind mageblich an derRekonstruktion der verschiedenen Lebensweisenvergangener Zeiten beteiligt. Diese Zusammenar-beit fhrt zu wesentlichen Fortschritten in derKenntnis vergangener Kulturen. Durch die natur-wissenschaftliche Auswertung der Funde seien esMetallgegenstnde, Knochen oder botanische Reste ist es mglich, sich ein umfassendes Bild zu ma-chen und das Wechselspiel zwischen Mensch undUmwelt besser zu verstehen. AnthropologischeForschungen erschlieen fr die Archologie dieAspekte des menschlichen Daseins. Aussagen zuAlter, Krankheiten, Verletzungen oder auch zurErnhrung des Menschen sind nur auf diesem Wegmglich. Auch die Datierung von Ereignissen wirdimmer mehr ins Labor verlagert. Durch die Mes-sungen von Reststrahlung ist die Physik in der La-ge, Angaben zum Alter von Gegenstnden zu ma-chen. Nicht die Archologie der Sensationen ist alsoZiel, sondern eine Archologie der kleinen Schritte.Schritt fr Schritt soll sie uns vergangene Lebens-welten nher bringen auch ohne Goldschtze undauerhalb gyptens.Archologische SpurensucheDurch die Zerstrungen des Zweiten Weltkriegesund den anschlieenden Wiederaufbau wurden invielen Stdten unschtzbare archologische Quel-len vernichtet. Magdeburg gehrt zu den wenigenOrten, die damals bereits die Chance erkannten,durch archologische Untersuchungen die Ge-schichte der Stadt und ihrer Bewohner zu erfor-schen. Eine archologische Sensation bildeten da-mals die Mauerreste des Kaiserpalastes Ottos desGroen am Domplatz. Heute beschftigen dieseMauerreste die Forschung abermals. Sowohl dieAuswertung der Altfunde als auch neue Ausgrabun-gen belegen: hier handelt es sich nicht um einenkaiserlichen Palast, sondern um einen monumenta-len Kirchenbau den ottonischen Dom (s. BeitragKuhn/Kunz/Ludowici/Pppelmann/Puhle/Weber).Aufgrund dessen, dass die Anfnge MagdeburgsAbb. 2 Bestattung mit grnerVerfrbung eines vollstndigvergangenen SchmuckstckesAbb. 3 (rechts) Archologe beider DokumentationS C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G1 7Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005im Jahre 805 mit dem Domplatz in Verbindung zubringen sind, dass hier Otto I. wesentliche Bauwer-ke seiner Nachwelt hinterlie, und dass die folgen-den Generationen hier ein Machtzentrum der Stadtund des Umlandes errichteten, erscheint es gerecht-fertigt, nochmals die Geschichte am Domplatz auchaus archologischer Perspektive zu beleuchten. Mehrere Umstnde kommen diesem Unterfan-gen sehr entgegen: Seit den Vorbereitungen zurgroen Ottonen-Ausstellung im Jahr 2002 im Kul-turhistorischen Museum der LandeshauptstadtMagdeburg ist einiges an altbekanntem Wissendurch neue Forschung ins Wanken geraten. Die Alt-funde aus den Grabungen Nickels zwischen 1958-1968 werden neu vorgelegt durch B. Ludowici vomGeisteswissenschaftlichen Zentrum fr Geschichteund Kultur Ostmitteleuropas in Leipzig. Neue Fun-de kamen hinzu durch Grabungen des Landesamtesfr Denkmalpflege und Archologie. Durch die Un-tersttzung des Landes und der LandeshauptstadtMagdeburg wurde nicht nur die Forschungsgrabungan der Ostseite des Domplatzes durch R. Kuhnmglich, sondern es wurden auch Mglichkeitengeschaffen, die Bearbeitung und wissenschaftlicheAuswertung voran zu treiben. Die wissenschaftli-chen Untersuchungen von R. Kuhn, B. Ludowiciund Verfasserin werden voraussichtlich ihren Ab-schlu in den Jahren 2006 und 2007 finden.Insbesondere die bereits fr die Westseite desDomplatzes zur Verfgung stehenden wissen-schaftlichen Daten aus den Nachbardisziplinenmachte es reizvoll, sich in der Ausstellung demDomplatz archologisch zu nhern, um gleichzeitigArbeitsweise und Erkenntnismglichkeiten der Ar-chologie heute zu zeigen. Die Ausstellung mchtezeigen, mit welchen Fragestellungen die heutigeStadtarchologie ihre Befunde analysiert und wieihre Aussagen zu Hausbau, Infrastruktur, Handel,Handwerk, Ernhrung, Gesundheit und Tod sowieVerteidigung und kirchliches Leben das historischeBild erweitern (Abb. 4).Abb. 4 Ausgrabungen amDomplatzS C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G1 8 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Wehrlos gegen die Fluten Der Domplatz liegt hoch ber dem Elbtal (s. Bei-trag G. Schnberg). Bis in die frhe Neuzeit siedel-te man aus Angst vor den berschwemmungen sel-ten in der Elbniederung. berwiegend lebten dieMenschen auf der Hochflche. Alle Orte im RaumMagdeburg, die Otto der Groe dem Moritzklosterin den Jahren von 937 bis 948 schenkte, befindensich auf der Hochflche. Einzig die heute noch be-stehenden Orte Prester und Pechau saen auf erhh-ten Sandinseln und ragen aus der Elbniederung her-vor (Abb. 5). Hochwasser plagten immer wieder die Bewoh-ner an der Elbe. So wurde die erste Kirche Magde-burgs, die St. Stephanskirche, bereits im 9. Jahr-hundert ein Opfer der Fluten. Durchschnittlich fnf schwere Hochwasser proJahrhundert kann der Historiker W. Priegnitz seitdem 10. Jahrhundert fr die Elbregion aus schriftli-chen Quellen erschlieen (Abb. 6 ). Seit dem12./13. Jahrhundert versuchte man mit Hilfe vonUferbefestigungen der Erosion durch den FlussEinhalt zu bieten... Auffllungen und Uferbefesti-gungen erfolgten bis Ende des 19. Jahrhunderts (s.Beitrag Ditmar-Trauth zur Klosterstrae).Magadoburg die groe Burg/die groe StadtMagadoburg wird im Diedenhofer Kapitular, einerGesetzestextsammlung Karls des Groen aus demJahre 805, erstmals erwhnt. Heute bevorzugt man eine Ableitung des Na-mens Magadoburg aus dem Altschsischen als:magado = gro und burg = Burg/Stadt,Magadoburg bedeutet in der Wortbersetzung diegroe Burg/groe Stadt (s. Beitrag Udolph).Die einzige archologisch nachgewiesene Befe-stigungsanlage im Magdeburger Raum, die auf einekarolingische Burg hindeutet, ist die Doppelgra-benanlage, die sich ber den heutigen Domplatz er-streckte (Abb. 7). Bei den Grabungen von 1998 istein dritter, 2004 ein vierter uerer Graben ent-deckt worden. Aufgrund ihrer Form werden dieGrben Spitzgrben genannt: Die Seitenwndebildeten ein spitzes V. Es waren Trockengrben, ei-ne Befllung mit Wasser war nicht vorgesehen. Zueiner Befestigungsanlage gehrte meist ein Wallauf der Innenseite des Grabens und vielleicht einePalisade oder eine Art Holzzaun an der Auenseite.Weder Wall noch Palisade konnten jedoch durchdie bisherigen Grabungen am Domplatz nachge-wiesen werde. Spitzgrben boten idealen Schutzvor berittenen Angreifern und sind insbesondereunter den karolingischen und ottonischen Herr-schern des frhen Mittelalters angelegt worden. Der 1998 entdeckte Spitzgraben der Burg odereiner der Burgerweiterungen auf der Westseite desDomplatzes umfasst ein Oval, dass scheinbar nureine Vergrerung der zwei inneren Befestigungs-grben darstellt (s. Beitrag Kunz)Abb. 6 (unten) Hochwasserund Erdbeben seit dem 10. Jahrhundert nach PriegnitzSchaufenster der Archologie 1. Befestigt mit Wall und Graben die Anfnge (8.10. Jahrhundert)S C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G1 9Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Abb. 7 Befestigungsgrben amDomplatz mit der vermuteten Sied-lungsausdehnung (nach Mrusek)S C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G2 0 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Wohnen in der frhmittelalterlichen BurgZur Zeit gibt es nur wenige archologische Hin-weise, die Auskunft ber die frhmittelalterlicheBebauung innerhalb der Befestigungsgrben geben.Bekannt ist, dass dort zunchst einfache, leicht ein-getiefte Huser mit einer Grundflche von 12 bis 16qm standen - sogenannte Grubenhuser. Gruben-huser sind eine weit verbreitete Hausform, dievom ersten bis ins 13. Jahrhundert gebaut wurden(Abb. 8 ). Zu vermuten ist, dass auf dem Domplatz auerdiesen einfachen Grubenhusern auch herausgeho-bene, reprsentative Gebude gestanden haben.Bei den Ausgrabungen 1959-1968 unter ErnstNickel erregten Fundamente eines groen mittelal-terlichen Bauwerkes aus Stein besonderes Aufse-hen. Marmorstcke und Reste von farbig bemaltemWandputz zeugten von einer aufwendigen Ausge-staltung des Bauwerkes. Seit 1998 werden die Grabungsunterlagen durchBabette Ludowici neu ausgewertet (s. BeitragKuhn/Kunz/Ludowici/Pppelmann/Puhle/Weber).Sie entdeckte, dass der mittelalterliche Steinbauvom Domplatz nicht komplett erfasst wurde undmindestens einmal umgebaut bzw. erweitert wor-den ist. Der Grundriss erbrachte in der Neubewer-tung, dass es sich bei dem Gebude nicht um denPalast Ottos des Groen sondern um zwei aufein-ander folgende romanische Kirchengrundrisse han-delt. Die KirchenMit der Erhebung Ottos 936 zum Knig des Ost-frnkischen Reichs die Bezeichnung DeutschesReich hatte sich noch nicht eingebrgert setzt ei-ne bis dahin nicht gekannte Bauttigkeit in Magde-burg ein. 937 wird im sdlichen Randbereich desDomplatzes das Moritzkloster errichtet. Mit derGrndung des Erzstiftes Magdeburg 968 ist einDomausbau notwendig. Bisher ging man davonaus, dass der ottonische Dom am Ort der gotischenKathedrale und des ehemaligen Moritzklosters zusuchen sei. Eine romanische Krypta und frei geleg-te ltere Mauerzge im Untergrund des gotischenDomes lieferten die scheinbaren Beweise.Die Straenerneuerung 2002/2003 stlich der al-ten Ausgrabungsfelder am Domplatz erbrachte denendgltigen Beweis fr die These von B. Ludowici,dass zwei romanische Bauwerke im 10./11. Jahr-hundert gleichzeitig am Domplatz bestanden. Unterder Grabungsleitung von Rainer Kuhn konnten wei-tere Kirchenfundamente aufgedeckt werden, die einmchtiges Westwerk von 40 m Breite belegen (s. Beitrag Kuhn/Kunz/Ludowici/Pppelmann/Puhle/Weber).Sptestens mit dem Bau des heutigen KlostersUnser Lieben Frauen in den Jahre 1063-1078 ist dieursprngliche Raumordnung durch die alte Befesti-gungsanlage vollkommen aufgelst und uerlichnicht mehr zu erkennen. Der Domplatz ist nun do-miniert von monumentalen Kirchengebuden.Die Bestimmung des AltersWelche Bauwerke standen wann und wo auf demDomplatz? Dies ist auch heute noch eine Kernfrageder historischen und archologischen Forschung.Aus der Erforschung der Schriftquellen wissen wir,dass Otto I. 937 das Moritzkloster grndete, wirwissen aber auch, dass er fr das zuknftige Erzbis-tum Magdeburg in den 960er Jahren einen Dom er-richten lsst. Widukind von Corvey schreibt in sei-ner Sachsengeschichte, dass [Otto der Groe] inder Stadt Magdeburg, die dieser selbst herrlich hat-te erbauen lassen, begraben wurde. Und lapidarweiter, er habe der Nachwelt viele berhmte Denk-mler aus kirchlichen und weltlichen Bereichenhinterlassen (Die Sachsengeschichte III, 76). Ottoder Groe wird uns also in den historischen Schrif-ten als groer Bauherr Magdeburgs bermittelt. Doch um welche Gebude handelt es sich, undwoher wei der Archologe bei seinen Spuren, dassdiese aus der Zeit Otto I. stammen?Altersbestimmung (Chronologie) kann relativoder absolut erfolgen. Absolut bedeutet eine kalen-darische Festlegung des jeweiligen Ereignisses.Abb. 5 Urkundlich erwhnte Orteim Stadtgebiet Magdeburgs im10. JahrhundertS C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G2 1Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Dabei ist die Genauigkeit der Angaben unterschied-lich, ob es sich um eine tagesgenau festlegbareBrandkatastrophe, oder um eine nur auf ein Jahr-hundert einzugrenzende Baumanahme handelt.Die relative Chronologie ermglicht Aussagen wielter als.... und jnger als.... Diese sind jedoch nichtmit einer unabhngigen Zeitachse zu verbinden. Soist im Mauerbefund zwar klar erkennbar, dass einlterer Kirchenbau um einen jngeren Vorbau er-gnzt wurde, ohne dass die Zeitstellung beider Bau-ten przisiert werden knnte. Als absolute Datengelten gewhnlich schriftlich erwhnte Ereignisseund naturwissenschaftlich gewonnene Kalenderda-ten.Mit der Stratigraphie (die Lehre von der Abfol-ge der Schichten) kann der zeitliche Ablauf relativfestgelegt werden (Abb. 9 ). Im Regelfall sind dieunteren Schichten lter als die oberen. Durch sorg-fltiges Abtragen der Erde von oben nach unten las-sen sich einzelne Verfllhorizonte freilegen unddokumentieren. Die darin enthaltenen Funde kn-nen zu einer zeitlichen Einordung fhren. Gewhn-lich geschieht das mit Hilfe von Keramik oderKleinfunden, deren Datierung durch andere Fund-stellen abgesichert ist.Zu den absolut datierenden Fundstckengehren Inschriften mit Jahreszahlen in Stein oderKeramik, z.B. Grabsteine oder bemalte Teller(Abb. 10). Eine Sondergruppe stellen Mnzen dar:In der Neuzeit tragen sie hufig ihr Prgejahr, imMittelalter sind sie zumindest auf die Regierungs-zeit des Mnzherrn einzugrenzen (s. Beitrag Gru-ne). Dendrochronologie. Eine wichtige naturwissen-schaftliche Methode zur Zeitbestimmung ist dieJahrringdatierung oder Dendrochronologie. DieseMethode ist nur bei Holzobjekten anwendbar. Sieberuht auf der einfachen Tatsache, dass alle Bumeeiner Art, die in einem bestimmten Groraum auf-wachsen, auf klimatische Verhltnisse in gleicherWeise reagieren. Der jhrliche Wandel der Witte-rung wirkt sich auf das Wachstum der Bume unddamit auf die Breite ihrer Jahrringe gleich aus. Diesich auf diese Weise ergebende charakteristische,unverwechselbare Abfolge unterschiedlich breiterJahresringe lsst sich gleichzeitig bei allen Bumeneiner Region wiederfinden. Die Jahrringfolge bildeteine Art Code, der, wenn er einmal geknackt ist,das Alter eines Holzobjektes preisgibt. Ist auch dieWaldkante erhalten, also der letztgewachsene Ringunter der Rinde, kann das Flldatum des Baums aufdas Jahr genau ermittelt werden.Fr die absolute Datierung ist eine ununterbro-chene Abfolge von Jahrringen bis in die Gegenwartntig. Eine entsprechende Sequenz wurde fr Mit-tel- und Westeuropa z.B. an Eichen erstellt. DieserKalender aus Holz geht heute fr Mitteleuropabis zum ersten Auftreten von Eichen zurck dassind rund 10.000 Jahre.Leider stehen selten dendrochronologisch be-stimmte Daten zur Verfgung, da sich in gut durch-lfteten Mineralbden kein Holz erhlt. Holz erhltsich nur unter gleich bleibend feuchten oder extremtrockenen Bedingungen. Diese Bedingung wurde ineiner Grabgruft am Domplatz und in den Grabgrf-ten des Nikolaistiftes erfllt, sodass Sarghlzer frdie Datierung genutzt werden konnten.Radiokarbonmethode. Die Radiokarbonmethodebedient sich des Umstandes, dass das in der At-mosphre vorkommende Kohlenstoffisotop 14Cvon allen lebenden Organismen aufgenommen wird(Abb. 11). In unserer Atemluft und somit auch inallen lebenden Organismen, die sich durch Stoff-wechsel mit der Atmosphre austauschen, ist derGehalt an 14C konstant. Sterben sie, endet dieserProzess der Aufnahme und das radioaktive 14C be-ginnt zu zerfallen. Bei organischen Resten lsstsich ber die Messung des noch vorhandenen 14C-Anteils unter Einberechnung seiner Halbwertszeitvon 5730 Jahren das Alter in sogenannten 14C Jah-ren feststellen. Je geringer die Konzentration von14C ist, umso lter ist das Material. Die Radiocar-bonmethode ist anwendbar bei Proben aus organi-schem Material (menschliche, tierische und pflanz-liche Reste) mit einem Alter bis zu 50.000 Jahren.Aufgrund der Schwankungen des 14C Gehalts inder Atmosphre mssen die 14C Jahre in Kalender-jahre umgerechnet werden die 14C Daten werdenkalibriert. Durch die Kalibrierung der Daten er-reicht man eine Genauigkeit bis zu 100 Jahren. FrAbb. 9 Abfolge von Graben-schichten eine StratigraphieAbb. 8 Rekonstruktion einesGrubenhauses imFreilichtmuseumTilledaS C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G2 2 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005bestimmte Fragestellungen kann daher auch dieseDatierungsmethode fr die Mittelalterarchologieinteressant werden (s. Beitrag Kunz).Die Domburg im 13. Jahrhundert Leben wie bei HofeNach der Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum968 ist der Erzbischof Herr am Domplatz. Die jetzi-ge Domburg ist weit ber den Breiten Weg hinausausgedehnt (Abb. 12). Adlige Gefolgsleute des Erzbischofs und Kai-sers haben sich niedergelassen. Am Ostrand desDomplatzes lag im 13. Jahrhundert das erzbischf-liche Palais und auch ein steinernes Wohngebudedes Vorsitzenden des Domkapitels. Am Westrand,wo sich zuvor die Befestigungsanlage erstreckte,entstanden groe Steinhuser. Gefolgsleute desErzbischofs bauten hier nach adligem Vorbild ihreHfe, so zum Beispiel der Dompropst, Verwalterder erzbischflichen Gter. Aber auch der Rechts-verweser des Kaisers lie sich hier nieder derBurggraf.Abb. 11 Schaubild zurEinlagerung von 14-C Isotopenin lebende OrganismenAbb. 10 Teller mit JahreszahlS C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E2 3Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Archologen gruben 1998 die Grundmauern desburggrflichen Wohngebudes aus. (s. BeitragKunz). Vom grflichen Leben ist in den Gemuer-resten des ehemals prchtigen Hauses des Burggra-fen nichts brig geblieben. Alles wurde wegge-schafft. Am stillen Ort finden die Archologenumso reichhaltigere Spuren der ehemaligen Bewoh-ner: in den Latrinen- und Abfallgruben. Bei Unter-suchungen von Abfallschchten und Latrinen arbei-ten Archologen, Botaniker und Zoologen zusam-men, um alle Spuren der Nahrungsreste erfassen zuknnen. Verrterisch sind insbesondere Pflanzen-funde (s. Beitrag Hellmund), die bis zum Nachweisdes Verzehres von exotischen Mittelmeerfrchtenfhren. Aber auch die Tierknochen belegen mehrals nur Schlachttiere, herrschaftliche Haustiere, wieBeizvgel, konnten auf diesem Wege nachgewiesenwerden (s. Beitrag Prilloff).BauforschungVon den Steinhusern aus dem Magdeburg des 13.Jahrhunderts gibt es in der Regel nur wenige Spu-ren. Am ehesten sind die Kellergemuer erhalten. Mineralogische Untersuchungen des Baumateri-als zeigen, wie aufwendig der Baustoff beschafftwerden musste. Das Steinmaterial des Grafenhofesstammt aus Sandsteinbrchen, die vor den Torender Stadt lagen, hingegen kommen die Sandsteinedes gotischen Domes aus verschiedenen Stein-brchen oder sogenannten Domkuhlen. Einewichtige Domkuhle lag bei Ummendorf. Steine wa-ren kostbar und wurden bei Aufgabe des Gebudesausgebrochen und wieder verwendet. Vom abge-brannten ottonischen Dom blieben nur ausgebro-chene Mauergruben zurck.Dachziegel finden sich seit dem Hochmittelalterbei archologischen Grabungen zuhauf. Zunchsthandelt es sich um glasierte Dachziegel, die mit denBauwerken Otto des Groen in Verbindung stehen(Abb. 13). Spter dominieren gewlbte Ziegel vomTyp Nonne und Mnch, die im Sptmittelalterdurch Flachziegel ersetzt wurden.Mrteluntersuchungen bringen zustzliche In-formationen ber die Herstellungstechnik und dieHerkunft der Zusatzstoffe. Der verwendete Kalk-mrtel wurde im Hochmittelalter direkt auf derBaustelle angerhrt, was zu charakteristischenKalkklumpen (sogenannten Kalkspatzen) fhrte.Die beigemengten Zustze bestehen zum einen auslokalen Sanden, zum anderen - aus Eiern undQuark. Dieses Herstellungsverfahren ist mit gerin-gen Unterschieden seit der Antike bekannt und fin-det auch heute noch seine Anwendung.Fr eine Rekonstruktion des Gebudes liefern diewenigen noch erhaltenen Gebude aus dem 13. Jahr-hundert Vergleichsmglichkeiten (s. Beitrag Paul).Fr den Hausbau bietet allerdings auch das Rechts-buch der Sachsen der im 13. Jahrhundert niederge-schriebene Sachsenspiegel eine reiche Quelle anBildern und Verordnungen (s. Beitrag Kunz).Abb. 13 (oben) glasierterFlachziegelS C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E2 4 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Abb. 12 Magdeburg um 1200(nach Mrusek)S C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G2 5Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005DomfreiheitAls das Gebiet rund um den Domplatz nach demBrand von 1207 wieder aufgebaut wird, ndert sichdas Bild dieses Stadtteils. Vornehme Steinhuserweltlicher und geistlicher Mandatstrger bestim-men das Bild. Hinzu kommt an der Sdseite dermchtige neue gotische Dom. Das Gebiet um denDom untersteht der erzbischflichen Verfgungs-gewalt und wird nun als Domfreiheit bezeichnet.Der Begriff Domfreiheit wird in der Literatur alsder einer Domkirche zunchst gelegene Raum defi-niert, welcher in frheren Zeiten unter der polizeili-chen Aufsicht und Gerichtsbarkeit des Domstiftesstand. In historischen Schriften wird die Domfrei-heit auch als der neue Markt, welcher ehemals dieStiftsfreyheit hie bezeichnet.hnlich wie in anderen Stdten des Mittelalterswar der Domplatz weder gepflastert noch besondersgepflegt. Nrdlich des Domes bedeckte eine ca. 30cm starke Schuttschicht aus Sandsteinfragmentenden Platz. Weiter westlich im Bereich der Dom-propstei versuchte man den Platz mit einfachenKiesaufschttungen begehbar zu machen.Im Jahre 1656 untersagte das Domkapitel denMagdeburger Brgern, ihr Vieh auf dem Domplatzzu weiden eine Anweisung, die anschaulich durchdie archologischen Beobachtungen besttigt wird.Die brgerliche Stadt hingegen war vom erz-bischflichen Stadtgebiet streng getrennt und besaihre eigene Verwaltung und Rechtsprechung, dieim Sptmittelalter das Magdeburger Recht hervor-brachte.Die historischen Quellen legen nahe, dass eineMauer das bischfliche Territorium vom weltlichenTeil der Stadt trennte. Archologische Belege gibtes hierfr nicht. Vielmehr scheinen Hofeinfassun-gen wie die Gartenmauer des Klostergartens UnserLieben Frauen Barrieren gegenber der brgerli-chen Stadt gebildet zu haben. Durchgnge, die denbergang von der brgerlichen in die erzbischfli-che Stadt erlaubten, wie z.B. in der damaligen undheutigen Regierungsstrae, waren bis ins 17. Jahr-hundert mit Schlagbumen und Vorziehketten ver-sehen. ...dasz unserer lieben frauen closters gartenmaure in dem Diebeshorn (...) der anfang der grent-ze herunter bis gegen den pfeifersbergk nach demheiligen geiste warts hinauf, so weit des clostersgarttenmauhre gehet, bis an das haus, do zunegst andem garten gelegen (...) und was in desselbigenmaure eingeschlossen, zu der mullenvogtei gerich-ten [Rechtsprechung durch den Erzbischof bzw.sein Bevollmchtigter der Mllenvogt] gehoren;was aber ausserhalb der mauren uffm steinwegevon gedachtem anfange bis an vorgedachts haus ke-gen dem pfeiffersberge (...) die selbigen heuser, h-fe sambt den zugehorenden gebeuden darin und densteinwegen auswendig auf der gassen soll der stadtmit niederen und oberen gerichten [Rechtsspre-chung durch den Rat der Stadt bzw. den Bevoll-mchtigten der Schulthei] sein und zugehoren;(Urkunde des Erzbischof Sigismund von 1562 zurFestlegung der Immunittsgrenze, zitiert nach Her-tel 1903)Wider das liederliche LebenBereits in der Urkunde 805 wird Magdeburg alsMarktort genannt. Kaufleute aus aller Welt kamenin die Stadt und bereiteten vor den Augen der Ein-heimischen ihre Waren aus. Wertvolle Tuche, Pel-ze, Lederwaren, teures Geschirr und Sklaven ausdem Osten wurden hier zum Kauf angeboten. Im Jahre 1294 ist erstmals auch im erzbischfli-chen Teil der Stadt von einem Markt die Rede, demso genannten Neuen Markt. Anlsslich des Dom-patronatsfestes des heiligen Mauritus wurde aufdem Neuen Markt am 22. September jeden JahresAbb. 14 Wrfel mit halbemSpielsteinSchaufenster der Archologie 2. Pltze, Pflaster und Mauern der Domplatz im SptmittelalterS C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G2 6 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005der bedeutendste Markt in Magdeburg, die Herren-messe, abgehalten. Dabei kam es immer wieder zuKlagen der Domherren ber den unbotmigenLrm aus den Garkchen, der jede Andacht verhin-dere. Ferner sind in denen in der Messe auf demDomplatz gebauten Garkchen und Bratenbudenallerhand Musikanten von Trompeten, Geigen,Hautbois, Trommeln und dergleichen, welche desMorgens frh anfangen und nicht eher dannen dersptesten Nacht mehrentheils aufhren, dabei danngetanzet, getrunken und allerhand ppigkeit, auchwohl die grte Schande und Laster, wie der ge-meine Ruf davon ist, ausgebt werden. Hierbei aberbleibet es nicht, sondern es wird des Dingstags undDonnerstags, auch wohl des Sonntags der Gottes-dienst in der Domkirche sehr gestret.... (23. Juni1714, Landesregierung an den Knig, nach Hertel1903)Den historischen Quellen zufolge sollen Dreh-buden, Trichterwerfen, Glckspiele und hnlichesauf der Messe im bischflichen Stadtgebiet verbo-ten gewesen sein. Dennoch waren Spiele weit ver-breitet und sehr beliebt. Die mittelalterlichen Spie-le sind archologisch nur teilweise zu belegen. Vonden beliebtesten Brettspielen, Tric-Trac, Mhleund Schach, liegen meist nur einzelne Steine ausunterschiedlichen Materialien und in unterschiedli-cher Ausarbeitung vor (Abb.14). In den erstenRechtsschriften des 13. Jahrhunderts hingegen neh-men Spielschulden und ihr Verhngnis einen be-deutenden Raum ein. Mit Wrfeln spielte man sichdamals um Geld und Hof. Wrfelspiel war d a sGlckspiel des 13. und 14. Jahrhunderts (Abb. 15). 1453 predigte der Franziskanermnch JohannesCapistrano auf dem Domplatz. Er redete mit sol-chem Feuer und machte mit seinen Ermahnungenzur Bue einen solchen Eindruck, dass Mnner undFrauen ihre Spielbretter, Karten, Wrfel,Haarlocken und sonstigen Tand herbeibrachten undin einer dazu erbauten Holzhtte verbrannten (nachHertel 1903, Schffenchronik S. 391).1748 bittet der Rat der Stadt den Gouverneur derMagdeburger Garnison, General Leutnant von Bo-nin, um Hilfe. Er sollte verbieten, dass Soldaten aufder Messe und den Jahrmrkten Spieltische unter-hielten und den Leuten das Geld aus der Tasche z-gen (nach Hertel 1903, Akte 1945 zerstrt). Abb. 15 Spielschulden und Erbe.Bei fehlendem Erbe mssen dieHinterbliebenen Spielschuldennicht bezahlen. (OldenburgerBilderhandschrift des Sachsen-spiegels Cim 4101 fol. 10r).S C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G2 7Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Die Stiftskirche St. Nikolai Am 10. Mrz 1310 bertrgt der Erzbischof Burch-hard die an der nordwestlichen Ecke des Domplat-zes liegende burggrfliche Hofflche an die Stifts-gemeinde St. Nikolai. Das Grundstck bietet Platzgenug zum Bau einer groen gotischen Hallenkir-che mit Kreuzgang. Sptestens im zweiten Vierteldes 14. Jahrhunderts beginnt man mit den Bauar-beiten (s. Beitrag Buchholz).Vom wechselvollen Schicksal des Nikolaistiftszeugen vor allem Fundamentreste von Kirche undKreuzgang sowie die in diesem Bereich niederge-legten Grber, die bei Ausgrabungen 1998 aufge-deckt werden konnten. Ab dem 17. und 18. Jahr-hundert wurden groe Gruftbauten fr ganze Fami-lien in den Seitenschiffen des Kirchenbaues ange-legt. Da die Grabplatten fehlen, ist zunchst keinHinweis auf die Identitt der Bestatteten mglich.ber anthropologische und gerichtsmedizinischeUntersuchungen knnen wir dennoch etwas berihr Leben und ihre Zeit erfahren (s. Beitrag Sch-ning). Wir knnen auch auf Grund der prchtigenAusstattung der Srge und der Totenkleidung vonAngehrigen des gehobenen Brgertums ausgehen(s. Beitrag Hertel).Zu allen Zeiten bestatteten die Menschen ihreVerstorbenen mit Sorgfalt. Die ltesten Grber amDomplatz reichen bis ins Neolithikum. Ihnen hatteman auf den Weg ins Totenreich noch Beigaben,Tongefe - wahrscheinlich mit Speisen oder einemGetrnk gefllt, mitgegeben. Mit besonderem Auf-wand wurde im 10. Jahrhundert auf dem Domplatzeine Grabkammer neben dem Dom hergerichtet.Heute steht die Grabkammer im KulturhistorischenMuseum im Kaiser-Otto-Saal (s. Beitrag Pppel-mann).Im Hoch- und Sptmittelalter wurden die Totengewhnlich in Holzsrgen oder in einem einfachenLeichentuch der Erde bergeben. Eine Ausnahmebilden die in der frhen Neuzeit errichteten Grab-grfte im Kirchenschiff. Die Verstorbenen wolltenGott nher sein am Ort ihrer letzten Ruhe, und so-mit auch einen gnstigen Ausgangspunkt fr das er-wartete Weltengericht erreichen. Die Kirchenge-meinden lieen sich diesen Dienst gut entlohnen (s.Beitrag Buchholz und Krecher) Die angeseheneMagdeburger Familie von Guericke besa eineGrabsttte fr 90 Taler in der Nikolaikirche amDomplatz.Im Jahr 2005Die Domplatzsanierung ist weitgehend abgeschlos-sen und der Platz neu eingefasst. Moderne Gebudeergnzen an der Westseite die barocke Platzgestaltmit aufgenommenen und abgewandelten Architek-turelementen. Archologie wurde sichtbar gemacht.Der ottonische Dom ist in einer Grundrissadaptionfr den Besucher sichtbar und als Sitzbank nutzbar.Schaufenster in die Archologie bieten die imStraenpflaster eingelassene Glasscheiben. ZurSchau stehen bronzezeitliche Feuerstellen. Auchdas Umfeld Mllenvogteigarten, Gouvernements-berg und Regierungsstrae wurde neu gestaltet (s.Beitrag von E. W. Peters).Aber was wre der Platz ohne den gotischenDom? Ist der Magdeburger auch gespalten in seinerLiebe und Ablehnung der Neubebauung und Neu-gestaltung des Domplatzes, der Dom bleibt dasHerz der Stadt. Hier am Domplatz wurde fr Kriege gerstet, eswurden aber auch Feste gefeiert. Hier wohntenMenschen in einfachen Grubenhusern und feuda-len Palsten. Hier kmpften Kirche, Kaiser und dieBrger um die politische Macht. Hier suchten Mag-deburger den Schutz vor den Kaiserlichen und be-trieben den Sturz der sozialistischen Staatsmacht. Die Archologie wurde zu vielen Baumanah-men hinzugezogen und versuchte im Vorfeld, diehistorischen Spuren zu dokumentieren. Die einset-zende allgemeine Beachtung der archologischenArbeit wird hoffentlich fortdauern ber die 1200Jahrfeier hinaus. Denn der nchste Geburtstag stehtschon an: der Baubeginn des gotischen Domes imJahre 1209.Schaufenster der Archologie3. Glaube und TodS C H A U F E N S T E R D E R A R C H O L O G I E N E U E S A U S D E R A R C H O L O G I S C H E N F O R S C H U N G I N M A G D E B U R G2 8 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Literatur: Widukind von Corvey. Res gestae Saxonicae. Die Sachsengeschichte. berarbeitet und HerausgegebenRoller E., Schneidmller B., Stuttgart 2001.Hertel, G., Geschichte des Domplatzes in Magdeburg. Magdeburger Geschichtsbltter 1903, Bd. 53,209-280.Mrusek, H.-J., Zur stdtebaulichen Entwicklung Magdeburgs im hohen Mittelalter. Wiss. Zeitschr. Mar-tin-Luther Univ. Halle-Wittenberg, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe V, 6, 1956, 1219-1314.Spuren der Jahrtausende. Hrsg. S. von Schnurbein. Katalog zur Ausstellung der Landesarchologen,Darmstadt 2002.Bildquellennachweis: Abb. 1: nach RGK, Kirstin RuppelAbb. 2, 9: Landesamt fr Denkmalpflege und ArchologieAbb. 3: Mandy PoppeAbb. 8: Brigitta KunzAbb. 5, 6, 11: Stadtplanungsamt Magdeburg, D. KlimpelAbb. 4, 7, 12: Vermessungsamt der Landeshauptstadt Magdeburg, Bearbeiter M. PoppeAbb. 10, 13, 14: Stadtplanungsamt Magdeburg/Foto: H.-W. KunzeAbb. 15: Oldenburger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels Cim 410 l fol. 10r, Leihgabeder Niederschsischen Sparkassenstiftung2 9Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Die archologischen Grabungen auf dem Dom-platz in Magdeburg boten Gelegenheit zu einer geowissenschaftlichen Begleitung. Dabei wurdenvor Ort sowohl geologische als auch bodenkundli-che Aufnahmen vorgenommen. Dazu sollen nach-folgend die wesentlichsten Ergebnisse zusammen-fassend dargestellt werden.Morphologische CharakteristikDer Magdeburger Domplatz befindet sich unmittel-bar am Ostrand der Niederen Brde, die hier etwa10 Hhenmeter ber dem Niveau des heutigen Elb-tals liegt. Auerhalb der Stadt schliet sich nachWesten die Hohe Brde mit einem GelndeanstiegAbb. 1 Maximalausdehnung derEisrandlagen in Sachsen-AnhaltErdgeschichtliche Betrachtungen zum Domplatz in MagdeburgGnter Schnberg / Andreas MbesE R D G E S C H I C H T L I C H E B E T R A C H T U N G E N Z U M D O M P L A T Z I N M A G D E B U R G3 0 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005von ber 50 Metern an.Diese morphologischen Verhltnisse sind Er-gebnis mehrerer Vereisungsphasen und der damitim Zusammenhang stehenden Begleiterscheinun-gen in den letzten 200 000 Jahren. Hat (nach der El-sterkaltzeit) in der ersten groen Phase der Saale-kaltzeit (Drenthevereisung) das Inlandeis den Mag-deburger Raum noch berschritten und u.a. zur Bil-dung der Stauchendmornen am Anstieg zur HohenBrde gefhrt, so sind alle jngeren Eisvorstenicht mehr bis hierher vorgedrungen. Die Warthe-vereisung (zweite groe Phase der Saalekaltzeit)kam mit ihrer maximalen Ausdehnung bis etwaWolmirstedt/Burg und die verschiedenen Vorsteder Weichselkaltzeit berschritten den heutigenLauf der Elbe nicht mehr (Abb. 1). In ihrem Vor-feld jedoch fhrten die abflieenden Wassermassendes abtauenden Eises im Urstromtal der Elbe zurBildung mchtiger Sand- und Kiesablagerungen.Im Magdeburger Raum wies es ber 10 KilometerBreite auf, dagegen nimmt sich der heutige Elblaufeher als ein Winzling aus.Geologische VerhltnisseDie Elbe hat sich in Magdeburg bis in den tieferenFestgesteinsuntergrund eingeschnitten, der von denGesteinen der sog. Flechtingen Rosslauer Scholle gebildet wird. Dabei handelt es sich um ei-ne hnlich dem Harz von Nordwest nach Sdost ge-streckte und nach Sden gekippte Scholle. Dienatrlichen Anschnitte dieser Gesteine, wie die Fel-sen auf denen die Herrenkrug- und Strombrcke ge-grndet sind sowie der unterhalb des Doms im El-belauf liegende Domfelsen (Bild 1), stellen dienrdlichsten Aufschlsse des Grundgebirges inMitteleuropa dar (260-350 Mio. Jahre alt).Am Domplatz sind diese Gesteine erst in Tiefenzwischen 8,0 und 12,0 Meter unter Gelnde anzu-treffen. Dabei handelt es sich hier berwiegend umFeinsandsteine und z.T. Schluffsteine des Rotlie-gend (260 Mio. Jahre), die denen des Domfelsensentsprechen. Diese wurden auch beim Bau derNorddeutschen Landesbank im Sommer 2000 in 7,5Meter Tiefe in der Baugrube angetroffen (Bild 2).Mit den dort aufgeschlossenen Sprngen im Me-ter-Bereich kann ihre Oberflchenmorphologie kei-nesfalls als eben betrachtet werden.Wegen der Heraushebung der Flechtingen Rolauer Scholle und der damit verbundenen Ab-tragung der sie ursprnglich berdeckenden Gestei-ne (einige Tausend Meter mchtig), werden dieFestgesteine des Rotliegend am Domplatz vonFeinsand und Schluff des Tertirs berlagert (33Mio. Jahre), dem sog. Magdeburger Grnsand.Das im damals weitrumig verbreiteten Meer zuAbsatz gekommene Lockergestein verdankt seinecharakteristisch dunkelgrne Frbung einem erheb-lichen Anteil von Glaukonit. Der Grnsand gleichtdas bewegte Relief des darunter liegenden Festge-steins aus und weist daher in Magdeburg ganz er-hebliche Mchtigkeitsschwankungen auf. AmDomplatz erreicht er Schichtstrken zwischen 3,0und 7.0 Metern. Er ist bei den Ausgrabungen z. T.mit aufgeschlossen worden und lag dort lokal auchunmittelbar unterhalb der Kulturschicht (Bild 3).Deutlich sichtbar war hier auch, dass ber demTertir Lockergesteine des Pleistozns folgen (jn-ger als 1,8 Mio. Jahre). Im Bereich der Ausgrabun-gen sind es glazifluviatile (vom Schmelzwasser derGletscher abgelagerte) Sande und Kiessande (Bild4). Sie gehren zu der bereits weiter oben erwhn-ten zweiten Phase der Saalekaltzeit (Wartheverei-sung), ihre Mchtigkeit lag hier bei max. 3,0 Me-tern.Bild 2 (oben) Aufschluss des Fels-gesteins in der Baugrube derNorddeutschen Landesbank amDomplatzBild 3 (links) UnterKulturschichten anstehenderGrnsandBild 4 (rechts) Pleistozner Sand(hellbraun) liegt ber GrnsandE R D G E S C H I C H T L I C H E B E T R A C H T U N G E N Z U M D O M P L A T Z I N M A G D E B U R G3 1Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005In Folge des tiefgrndigen Frostes im Vorfelddes Inlandeises kommt es beim Auftauen von Eis-bildungen im Untergrund und dem Nachrutschender darber liegenden Schichten zu sog. Eiskeil-bildungen. So ist die im Bild 5 erkennbare Spal-tenfllung aus pleistoznem Sand innerhalb desGrnsandes zu erklren.Jngste geologische Schicht am Domplatz istder L, ein olischer (vom Wind im Vorland derGletscher transportiert und abgelagerter) Feinsandbis Schluff mit hohem Kalkanteil. Durch eingela-gerte Sandbnder im unteren Bereich (kennzeich-nend fr einen geringen Transportweg) ist der Lhier deutlich geschichtet (Bild 6).Er entstand am Ende der Weichselkaltzeit undist Ausgangsmaterial fr die fruchtbare Schwarzer-de der Magdeburger Brde. Diese ist holoznen Al-ters (jnger als 10 000 Jahre) und ist hier zwischen1,5 und 3,0 Meter mchtig.Abtragungsbedingt berlagert der L lokal denGrnsand, normalerweise sind es jedoch dieSchmelzwassersande (Bild 6). In groen Teilen desStadtgebietes wird er ganz oder zumindest teilwei-se von Aufschttungen ersetzt.Die letztgenannten anthropogenen Bden sindim Ausgrabungsbereich durchschnittlich 2,0 bis 3,0Meter stark, erreichen im Gebiet der Stadtbefesti-gung am unmittelbaren Elbrand jedoch bis zu 10,0Meter. Sie sind mit den ihnen innewohnendenZeugnissen der menschlichen Ttigkeit der unmit-telbare Gegenstand archologischer Untersuchun-gen.Zur Verdeutlichung der Lagerungsverhltnisseist die nachstehende Abbildung 2 gedacht, die eingeologisches Profil vom Breiten Weg ber denDom bis zum Frstenwall enthlt.Bodenkundliche BetrachtungenIn ausgewhlten, reprsentativen Bereichen derGrabung wurden Bodenprofile (senkrechter Schnittdurch den Boden, wie er dem Betrachter an derWand einer Ausschachtung entgegentritt) markiert,gesichtet und dokumentiert (Bild 7). Die meistoberflchenparallelen Lagen wurden dabei teilwei-se einer Bodenprobenentnahme unterzogen, ausge-whlte Proben wurden laborativ untersucht und lie-ferten przisierte bodenphysikalische und chemi-sche Parameter.Von besonderem Interesse war die Fragestel-lung, ob die Bodenprofile Hinweise auf die ehema-Bild 1 (oben) Domfelsen in der ElbeBild 5 (links) PleistozneEiskeilfllung im GrnsandBild 6 (rechts) L (geschichtet)berlagert pleistoznen Sand alsauch GrnsandAbb. 2 (unten) GeologischerProfilschnitt am MagdeburgerDomE R D G E S C H I C H T L I C H E B E T R A C H T U N G E N Z U M D O M P L A T Z I N M A G D E B U R G3 2 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005lige natrliche Landoberflche geben knnen. DieAnlage der Grabung war in der Beantwortung die-ser Fragestellung sehr dienlich.In den Bodenprofilen wurde unter meterdickerBedeckung durch unterschiedlichstes Material jn-gerer und allerjngster Zeit vollstndig erhalteneBden - wie sie vor mehr als 1000 Jahren die Lan-doberflche bildeten - in ihrer typischen Schich-tung und Horizontierung nachgewiesen. Dabei han-delt es sich um die bereits erwhnten Lss-Schwarzerden, wie sie heute noch prgend fr dieMagdeburger Brde sind. Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist, dass dieflchenhafte Verbreitung o.g. Bden, mindestensim Umfeld der Grabungsposition, aber auch biszum Abbruch zur Elbaue hin, gegeben war. Die Ergebnisse dieser eher punktuell ausgerich-teten bodenkundlichen Untersuchung werden hel-fen, den Kenntnisstand zum Bodeninventar in derStadt weiter zu verbessern.Bild 7 Ausschnitt eines Boden-profils mit abgedeckterL-SchwarzerdeBildquellennachweis: Abb. 1: nach Knoth 1995Abb. 2: GLA und StadtvermessungsamtBild 17: Schnberg3 3Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Bis heute hat der Deutungsvorschlag von Karl Bi-schoff Gltigkeit. Er sieht in dem Ortsnamen nebenburg altniederdeutsch magap, althochdeutsch magad,gotisch magaps Mdchen und interpretiert den Na-men als die geschtzte Sttte heidnischer weiblicherWesen. Slavische Deutungen, die sich an Magdebornaus *Medeburu Honigwald, Honigheide orientier-ten, sind mit Recht abgelehnt worden (Abb. 1).Wichtig fr jede Deutung eines Ortsnamens sinddie historischen Belege, fr Magdeburg sind dieses vorallem: Diedenhofener Kapitular von 805 ad Magado-burg, 10.Jh. Magadaburg, Magathaburg, Magede-burg, 975 Magedeburc, Magdeburg, Magidiburg, sp-ter als Magadeburc, Maegethebrug, Magdiburg, seit13. Jh. Meydeburc, Maidburg.Die Verbindung mit dt. Magd liegt nahe, ist aberauf jeden Fall verfehlt. Schon 1989 hat H. Tiefenbachnachgewiesen, da dieses Wort nicht in dem Ortsna-men vorliegen kann. Sein eigener Vorschlag geht von1149 Magedevelde, 1197 Magedon aus, sieht in Mag-deburg einen Namen mit beweglichem burg unddenkt an eine Verbindung mit dem altenglischen Wortmagepe, mgepe, mgpe Kamille. Auf jeden Fallmu es sich um ein Wort handeln, das vor allem in Na-men begegnet und im appellativischen Wortschatz nurschwer zu finden ist. Wichtig scheint dabei die Ver-bindung mit England zu sein.Bisher fehlte allerdings eine Zusammenstellungvon Namen, die das gleiche Element wie Magdeburgenthalten, nmlich magad-, meged-. Erst eine sorgfl-tige Zusammenstellung mglichst aller erreichbarerNamen bietet die richtige Basis fr eine befriedigendeErklrung. Bis heute ist relativ unbekannt, da das an-gesprochene magad-, meged- in zwei Dutzend NamenNord- und Mitteldeutschlands vorliegt. Zu nennen sindvor allem:1.) Edeberg, Hgel bei Pln, 1221 (Abschrift 1286)Megedeberge in communi placito, 1264-1289 in Me-getheberge, 1466 uppe deme Megedeberge; 2.) 1216erwhnt: Mactveld, wahrscheinlich Wstung (oderauch nur Flur) bei Wltingerode Kr. Goslar); 3.) nureinmal bezeugt: 1197 in Magedon, bei Bleicherode?4.) Vom Ortsnamen Magdeburg ist abgeleitet Magde-burgerforth westlich Ziesar; 5.) Mgdehfft, ver-schwundene Insel in der Elbe bei Magdeburg, 1646den Werder in der Elbe, das Mgdehoeft/Heubt ge-nannt, 1668 Mgdehfft; 6.) Mgdesprung, ON., auchBergname, bei Harzgerode; alt bezeugt: 8./9. Jh. circafontem, qui dicitur Magedobrunno; in loco, qui diciturMagdabrunno; 7.) Maghed Ek, bei Suderburg sd-westl. Uelzen vermutet, 1339: de holt herscaph tho dermaghed ek (enthlt ndt. ek Eiche); 8.) Magetheide,Teil der Lneburger Heide (?): 1060 (K. Anf. 14.Jh.)in Magetheida, 1387 (Kopie 17. Jh.) a Megdeheide us-que in Vrsinam; 9.) Magetheide, im Kreis Winsen/Lu-he vermutet; 10.) Magetheide, bei Dannenberg be-zeugt; 11.) Magetheide, Mark bei Herbern nahe L-dinghausen; 12.) Medebek, Zuflu z. Trave bei L-beck, 1426 (Abschrift 18. Jh.) in Meghedebeke, 1428Meghedebeke; 13.) Megdebruch, 1669 erwhnterFlurN. fr ein Feuchtgebiet zwischen Steinhorst undGrebshorn; 14.) Megedeberg, Hgel bei Sendenhorst,erwhnt 1311: iuxta Zozenstaken, item prope Mege-deberg latum agellum; 15.) up (under) dem Mege-deberge, im 15. u. 16. Jh. erwhnter Flurname in Gt-tingen-Herberhausen; 16.) Megedeberg (Meideberg),Anhhe bei Seeburg (Kr. Gttingen), Anf. 17.Jh. Mey-debergs-Warte; 17.) Megedefelde, Wstung bei Ben-nigsen (Kr. Hannover), 969-996 (A. 17. Jh.) Magathaville, 1149 Magedevelde; 18.) Megedehove, Hufenbe-zeichnung bei Othfresen, Kr. Goslar, 1288 super quon-dam manso litonico, que Megedehove dicitur; 19.) Me-gedekot, kleine Siedlung (?) bei Rulle (Kr. Osn-abrck), 1277 (1276) in villa Rulle ... unius case, queMegedekot vocatur; 20.) Megederode, Wstung unbe-kannter Lage im Kr. Gttingen, 1224 (K.) decimas inMegidiroth (Var. Megideroth), (um 1250) in Megede-roht, Var. Megederot, Megederoth; 21.) Meghedehop,Anhhe bei Dtzum (Kr. Hildesheim), 1462-1478over den Meghedehop by den van Dotsem; 22.) Mege-tefeld bei Vlotho, 1576 upm Megedevelde; 23.) Mei-nefeld, ON. bei Stadthagen, 1207-1224 in Magethevel-de, 1221 fratribus de Magethevelde.Betrachtet man sich die Zusammensetzung der Na-Abb. 1 Auszug aus demDiedenhofer Kapitular 805Der Ortsname MagdeburgJrgen UdolphD E R O R T S N A M E M A G D E B U R G3 4 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005men etwas genauer, so erkennt man, da das Elementmagad-, meged- mit dem dahinter stehenden Grund-wort in der Flexion bereinstimmt. Die germanischeGrammatik kennt z.B.:a.) starke Maskulina, erkennbar etwa in den Bele-gen 1221 (A. 1286) Megedeberge bzw. 1311 Mege-deberg (as. berg), 1426 (A. 18. Jh.) in Meghedebeke(as. beki, biki);b.) schwache Maskulina, vgl. 8./9. Jh. circa fontem,qui dicitur Magedobrunno, in loco, qui diciturMagdabrunno (as. brunno);c.) starke Feminina, vgl. 805 Magathaburg (usw.)Magdeburg; 1060 (Kopie Anf. 14.Jh.) in magethei-da, aber 1387 (K. 17. Jh.) Megdeheide; 1288 Megede-hove (as. h a Hufe);d.) starke Neutra, vgl. 969-996 (A. 17. Jh.)Magatha ville, 1149 Magedevelde (as. feld), 1207-1224 in Magethevelde.Daraus folgt, da im ersten Teil der Bildungen einAdjektiv vermutet werden mu.Die Wahrscheinlichkeit, von einem Adjektiv aus-zugehen, erhht sich noch, wenn man die magad-/-meged-Bildungen mit den entsprechenden Ortsnamenvergleicht, die hochdeutsch michel, gotisch mikils, alt-nord. mikill, altenglisch micel, mycel, altschsisch mi-kil, mittelniederdeutsch michel, ahd. mihhil, mhd. mi-chel gro enthalten, s. Abbildung. Die grau gekenn-zeichneten Felder enthalten Ortsnamen, die sowohlmit mikel-/michel- wie mit magad-/meged- gebildetsind, z.B. Megedebek Michelbach, Magdeburg Mecklenburg, Megedefelde Meckelfeld.Daraus folgt, da die Ortsnamen nach folgendemSchema gebildet sind: was fr ein Bach? Was fr eineBurg? Was fr ein Feld? Wie bei michel/mikil bietetsich fr magad-/meged- die Bedeutung gro an. DasWort meged-/magad- drfte diese Bedeutung gehabthaben, ist aber heute aus dem deutschen Wortschatzverschwunden wie auch mikil-/michel-. Nur in Orts-namen leben diese Wrter weiter und so auch im Orts-namen Magdeburg. Als ursprngliche Bedeutung desOrtsnamens lt sich vermuten: groe Burg, odervielleicht besser groe Stadt, denn altschsischborg, burg bedeutete sowohl Stadt wie auch Burg.Von besonderer Bedeutung ist die Streuung der ge-nannten nord- und mitteldeutschen Namen. Sie liegenin einem Bereich, der zweifellos zu den Altsiedelge-bieten westgermanischer Siedler gehrt (Abb. 2). Daswird besttigt durch eine weitere Beobachtung. Auchin England lassen sich nicht wenige Namen nachwei-sen, die ein Element magad-/meged- enthalten. Bishersind diese Namen fast immer mit engl. maidenMdchen verbunden worden. Es drften jedochOrtsnamen sein, die das gleiche Element wie Magde-burg enthalten, nmlich magad-/meged- gro. Manvergleiche etwa: Madley, sdl. von Birmingham(Grundwort leah); Maidebury in Cambridge, Grund-wort burh; Maiden Down in Devon (dun); MaidenCastle bei Brough (Westmorland), ca. 1540 usw. May-den Castel(l); Maiden Castle in Cumberland und Dor-set; Castle Hill in York (West Riding), frher Mai-danecastell; Maiden Castle in Edinburgh, frher auchCastrum Puellarum; Maiden Way, Rmerstrae beiAlston (Cumberland), ca. 1179 Maydengathe usw.;Maidens Bridge in Middlesex; Maidenburgh in Essex;Maidencombe in Dorset (cumb); Maidencourt inBerkshire (cot, vgl. oben Nr. 19 1277 Megedekot);Maidenford in Dorset, Grundwort ford; Maidenhead inBerkshire, 1202 Maideheg, 1241 Maydehuth', Mayde-heth', 1248 Maydehuth, Grundwort hd, nach E. Ekwallthe maidens landing-place, (man beachte die zuverfolgende Entwicklung Maide-h th > Maiden-head);Maidenwell in Cornwall und Lincolnshire, 1086 Wel-le, 1212 Maidenwell, wella Quelle, Bach wird auchangenommen in Maidwell (Norfolk) und auch inAbb. 2 Zusammenstellung derEndsilbenD E R O R T S N A M E M A G D E B U R G3 5Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Maidwell (Northamptonshire), 1086 Medewelle, 1198Maidewell, the maidens spring or stream; Maidfordin Northamptonshire, 1086 Merdeford, 1167 Maidene-ford, 1200 Meideford; Maidstone, 10.Jh Midesstana,Mgpan stan, 1086 Meddestane, 11.Jh. Maegdestane;Mayburgh, 1671 Maburgh, ON. bei Askham (West-morland); Mayfield in Sussex, ca. 1200, 1248 Mage-feud, 1279 Megthefeud; Maybridge in Worcestershire;Mayford (Surrey), 1212 Maiford, 1230 Maynford;Mgpeford, 955 bezeugt bei Abingdon (Berkshire);Mapeford, 931 bezeugt bei Norton (Gloucester);Maytham (Kent), ca. 1185 Maihaim, 1242 Meyhamme;Medbury in Bedfordshire.Abb. 3 VerteilungskarteMagdeburg und verwandte OrtsnamenLiteratur: Bischoff, K., Magdeburg. Zur Geschichte eines Ortsnamens, Beitrge zur Geschichte der deutschenSprache und Literatur 72(Halle 1950)392-420.Eichler, E., Walther, H., Stdtenamenbuch der DDR, Leipzig 1986.Ekwall, E., English Place-Names, Oxford 1960.Grler, H. Zum Namen Mgdesprung. In: Zeitschrift des Harzvereins fr Geschichte und Altertum-skunde 20(1887)317.von Hodenberg, W. Magetheida, die Lneburger Heide im Jahre 1060, Archiv fr Geschichte und Ver-fassung des Frstenthums Lneburg 6(1858)383-389.Ohainski, U., Udolph, J., Die Ortsnamen des Landkreises und der Stadt Hannover, Bielefeld 1998; zuMegedefelde: S. 319-322.Smith, A.H., English Place-Name Elements, T. 1-2, Cambridge 1956.Tiefenbach, H. , Magdeburg. In: Soziokulturelle Kontexte der Sprach- und Literaturentwicklung; Fest-schrift f. R. Groe, Stuttgart 1989, S. 305-313.Bildquellennachweis: Abb. 13: Prof. Udolph Leipzig3 6 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005GrabungsvermessungVorraussetzung fr eine fachgerechte und lagege-naue Dokumentation einer Ausgrabung ist die Gra-bungsvermessung.Da mit der Ausgrabung, im Gegensatz zur Bear-beitung von Schrifturkunden, die "Bodenurkunde"(das heit die Gesamtheit der im Boden verborge-nen Befunde und Funde) unwiederbringlich zerstrtwird, ist es unmglich, ein vergessenes oderfalsches Ma nachzumessen oder zu kontrollieren,wenn der Ausgrabungsbetrieb zwischenzeitlichweiter gegangen ist. Ziel der Grabungsvermessungist deshalb die dreidimensionale Dokumentationder Fundstelle. Jeder Punkt, der im Rahmen einerarchologischen Ausgrabung dokumentiert wordenist, muss bezglich seiner rumlichen Lage rekon-struierbar sein. Dieses ist nur mglich, wenn so-wohl bei der Lagevermessung als auch bei derHhenbestimmung die amtlichen Bezugssystemezugrunde gelegt werden (Abb. 1).Im Leitfaden des Landesamtes fr Archologiein Sachsen-Anhalt im Vademecum der dieGrundlagen jeder Ausgrabung regelt, wird die ar-chologische Vermessung in zwei Bereiche geteilt.In die uere und innere Vermessung.Mit der ueren Vermessung erfolgt die Lagebe-stimmung der Grabungsflchen und in der innerenVermessung das Aufma der Funde und Befunde. uere VermessungIm Auftrag des Stadtplanungsamtes bernahm dasStadtvermessungsamt Magdeburg bei Ausgra-bungsarbeiten, die im Vorfeld von Bauvorhabender Stadt Magdeburg durchgefhrt wurden, dieuere Vermessung.Die Grabungsflchen bzw. das Grabungsnetzwurden im amtlichen Bezugssystem fr die Lageim Gau-Krger Koordinatensystem im Lagestatus150 aufgemessen. Die Hhen im Hhensystem HN(1960). Um die Gau-Krger Koordinaten imGelnde ermitteln zu knnen, bedarf es Bezugs-punkte die lage- und hhenmig bestimmt sind. Diese Aufnahme- oder Polygonpunkte werdenangezielt und das Instrument (Totalstation) errech-net sich aus deren Koordinaten und den gemesse-nen Richtungswinkeln und Strecken, die Koordina-ten seines Standpunktes. Von diesem "freienStandpunkt" erfolgt dann durch Polaraufnahme dieAufmessung und Absteckung des Grabungsnetzesbzw. das Aufma von freigelegten Befunden wieMauerreste oder Fundamente. Bei greren Entfer-nungen oder bei versperrter Sicht zwischen Gra-bungsfeld und Bezugspunkten werden Aufnahme-netze hergestellt (Polygonierung).Die Messwerte werden mit Informationen zu ih-rer eindeutigen Zuordnung, z.B. Punktnummern,verknpft und als Datenstze unter der jeweiligenAuftragsnummer abgespeichert. Eine Auswertungder Daten erfolgt im Innendienst am PC bzw. an derCAD-Station. (s. K. Arbeiten im Innendienst)Abb. 1 Arbeiten mit derTotalstationVermessung Grundlage jederarchologischen DokumentationMandy PoppeV E R M E S S U N G G R U N D L A G E J E D E R A R C H O L O G I S C H E N D O K U M E N T A T I O N3 7Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Innere VermessungDie innere Vermessung bildet die Grundlage fr ei-ne lagegenaue Dokumentation von Funden und Be-funden einer Ausgrabung. Um diese Dokumentati-on zu erleichtern und die Angabe von Lagekoordi-naten z.B. auf Fundzetteln zu vereinfachen, ist einrtliches, rechtwinkliges, Koordinatensystem zu er-stellen. Ein solches einfaches System wird vor Be-ginn der Grabung vom Grabungsleiter in Form ei-nes Grabungsnetzes festgelegt. Zur besseren Orien-tierung auf der Grabungsflche, sollte diese mitdem Grabungsnetz oder Gitterraster verpflocktwerden. Die Achsen des Koordinatensystems wer-den, hnlich wie bei einem Schachbrett, in einerRichtung mit Buchstaben und in der anderen Rich-tung mit Zahlen gekennzeichnet. Eine Ausrichtungder Abszissen- (Hochwert) und Ordinatenachse(Rechtswert) sollte mglichst nach geodtisch Nordangestrebt werden. Die Ausrichtung und Begren-zung des Grabungsnetzes richtet sich aber in jedemFall nach der rtlichkeit. Die Seiten des Netzessollten die Grabungsflchen komplett einrahmen.Die Einzelbefunde knnen auf diese Seiten einge-messen werden. Damit erhlt man ein korrektes Ab-bild der Grabungsflche. Jeder Punkt der Ausgra-bung hat in diesem System seinen festen Platz unddie Befunde sind in Zeichnung und Beschreibungdarstellbar. Allerdings schwebt dieses Abbild derGrabungsflche -bildlich gesprochen- im freienRaum, denn es besteht kein Bezug zu den berge-ordneten Systemen (Abb.2). Das heit, der Befundist zwar als solcher gesichert, kann aber weder lte-ren Befunden aus seiner Nachbarschaft zugeordnetoder mit spteren Befunden in Zusammenhang ge-bracht werden. Deshalb besteht die Verpflichtungjeden Grabungsbefund in ein bergeordnetes, mg-lichst amtliches Koordinatensystem einzuhngen.Diese Anforderung wurde mit der ueren Vermes-sung, die durch Messtrupps des Stadtvermessungs-amtes Magdeburg auf verschiedenen Grabungen imStadtbereich Magdeburg durchgefhrt wurden, er-reicht.Arbeiten im AuendienstDie Aufgaben des Auendienstes im Bereich derarchologischen Vermessung, die im Auftrag desStadtplanungsamtes durchgefhrt werden, gestaltensich recht vielseitig. Im folgenden soll eine kurzebersicht dieser Arbeiten an Hand von verschiede-nen Ausgrabungen erlutert werden.Breiter Weg 57; 810In den Jahren 1998 bis 2000 wurde die Flche zwi-schen Domplatz und Breiter Weg durch das Landes-amt fr Denkmalpflege und Archologie Sachsen-Anhalt (kurz LfDA) untersucht. Entstehen sollte andieser Stelle das Magdeburger Hundertwasserhaus(erste Grabungsflche) sowie ein modernes Bank-und Brogebude (zweite Flche), mit jeweils ein-bzw. zweigeschossiger Tiefgarage (Abb. 3). Das Grabungsnetz wurde vom Grabungsleiterparallel zum Breiten Weg so festgelegt, dass esAbb. 2 rtlichesKoordinatensystem AusgrabungBreiter Weg 57 und 810.(Raster 10 x 10 m)Abb. 3 Der Spitzgraben mitseinen Verfllschichten im Profil.Blickrichtung von NordenV E R M E S S U N G G R U N D L A G E J E D E R A R C H O L O G I S C H E N D O K U M E N T A T I O N3 8 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005ber beide Grabungsflchen lag. Die uere Ver-messung erfolgte durch das Vermessungsamt. Wei-terhin wurden Mauerreste und Fundamentreste imamtl. Koordinatensystem im Lagestatus 150 aufge-messen. Nach Abschluss der Grabungsarbeitenwurden die Grabungsflchen im ersten Bereich vor-erst verfllt. Vor Baubeginn der "Grnen Zitadelle"wurde die Baugrube im Bereich der ehemaligenStiftskirche St. Nikolai durch das Vermessungsamtabgesteckt und nach Westen erweitert. In der neuenFlche konnten vier weitere Pfeilerreste freigelegtwerden. Sie wurden lage- und hhenmig aufge-messen. Insgesamt sind acht Pfeiler koordinaten-mig erfasst. Somit ist eine Rekonstruktion desKirchengebudes mglich. Doch darauf soll spternher eingegangen werden.Bei der Erweiterung der Baugrube konnte derVerlauf eines Spitzgrabens weiter verfolgt werden.In mehreren Profilen waren die Einschnitte desGrabens und seine Verfllschichten gut zu erken-nen. Da die Gefahr bestand, dass sie auf Grund desEinflusses der Witterungsverhltnisse an Stabilittverlieren und einstrzen knnten, mussten die Pro-file so schnell wie mglich dokumentiert werden.Deshalb wurden sie durch einen Messtrupp desVermessungsamtes mit der Totalstation aufgemes-sen und an der CAD-Station gezeichnet.Der weitaus berwiegende Teil der arch. Urkun-den besteht aus Bodenbefunden, aus Erdschichtun-gen und -verfllungen in den Kulturablagerungen,Grben und Gruben, die im Gefolge menschlicherSiedlungs- und Bauttigkeit entstanden. Bodenbe-funde dieser Art unterscheiden sich aufgrund derSubstanz, der Festigkeit und Farbe selbst nach Jahr-hunderten mehr oder weniger stark. Sie zu erken-nen und gegeneinander abzugrenzen ist in der Re-gel nur mglich, wenn man durch systematisches,sorgfltiges Abschaben des Erdreiches, das "Put-zen", die Befunde mit ihren Konturen sichtbarmacht und sie nach ihrer horizontalen und vertika-len Ausdehnung untersucht. Die horizontale Aus-dehnung zeigt sich im Planum und die vertikaleAusdehnung im Profil (Abb. 4). In Abb. 4 sind dieVerfllschichten des Spitzgraben gut zu erkennen.FriedensplatzVom 15.01.-31.05.1999 fhrte das LfA und dieStadt Magdeburg im Bereich der zuknftigen Tief-garage auf dem Friedensplatz, nach archol. Vorun-tersuchungen im Jahr 1998, eine AusgrabungAbb. 4 An der CAD-Station gezeichnetes ProfilAbb. 5 (unten links)Gesamtbefundbersicht (nachNickel 1973)Abb. 6 (unten rechts)Darstellung der Adaption in derStadtkarteV E R M E S S U N G G R U N D L A G E J E D E R A R C H O L O G I S C H E N D O K U M E N T A T I O N3 9Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005durch. Die Planquadrate von E4-E7 bis K4-K7 desGrabungsnetzes waren bereits angelegt und wurdendurch ein Vermessungsteam aufgemessen und so-mit an das bergeordnete Lagenetz angehngt. Die-se Flche befand sich innerhalb des Grabungszel-tes, das whrend der Wintermonate die Grabungschtzte. Nach dem Abbau des Zeltes wurde dasNetz (Abb. 15) auf dem gesamten Bereich abge-steckt. Auerdem wurden auf der Grabungsflchezwei vermarkte Punkte hhenmig bestimmt, umwhrend der Grabung die exakte Hheneinmessungder Plana durch die Grabungstechniker gewhrlei-sten zu knnen. Da fr die Grabung nur ein gerin-ges Zeitfenster zur Verfgung stand, wurden insge-samt 43 Plana mit Totalstation aufgemessen und ander CAD-Station gezeichnet. Dadurch war eineEntlastung der Zeichner vor Ort mglich.DomplatzIm April 2001 wurde der Grundstein zu einer neuenGestaltung des Domplatzes im Rahmen der Vorbe-reitung zur 1200-Jahr Feier der Stadt Magdeburggelegt. Mit dieser Grundsteinlegung wurde gleich-zeitig der erste Bauabschnitt "Adaption der Kaiser-pfalz" anlsslich der Ausstellung "Otto der Groe,Magdeburg und Europa" eingeleitet. Im Vorfeld derNeugestaltung wurde das Vermessungsamt durchdas Stadtplanungsamt beauftragt, das Grabungsfeldbzw. die Grabungsergebnisse von Dr. Nickel(Abb.5) zu kartieren, in die aktuelle Stadtkarte ein-zupassen und im Anschluss in die rtlichkeit zubertragen. Dazu mussten die Messpunkte, die Dr.Nickel im Mai 1960 festgelegt hat, wieder herge-stellt und aufgemessen werden. Vom Kulturhistori-schen Museum Magdeburg wurden Unterlagen mitder Einmessung des alten Grabungsnetzes an dasStadtplanungsamt bergeben und diese Daten danndem Vermessungsamt zur Verfgung gestellt (Abb.6). In der rtlichkeit konnte nur ein Meielzeichenan der Nordwand des Domes aufgefunden werden.Alle anderen Markierungen waren nicht mehr vor-handen. Als Nullpunkt der Linie wurde der Schnitt-punkt der Achsen des ottonischen und des goti-schen Domes durch Dr. Nickel angenommen. Erbefindet sich im Bereich des Taufbeckens im heuti-gen Dom. Nachdem der Nullpunkt und der einge-meielte Punkt aufgemessen wurde, konnte berdie Koordinaten dieser beiden Punkte die Richtungdes Grabungsnetzes bestimmt werden. Am PC wur-de das alte Koordinatensystem konstruiert. In derGesamtbefundbersicht (nach Nickel 1973) sinddie Koordinaten der Abszissen- und Ordinatenach-se eingetragen, so dass die bersicht an die Ver-messung angepasst und hochgezeichnet werdenkonnte.Anschlieend wurden die Koordinaten der Ach-sen des Gebudes an der CAD-Station bestimmt.Diese Koordinaten wurden in die rtlichkeit ber-tragen und die Adaption lagegenau ber die im Bo-den verbliebenen Befundreste gebaut.Bei Bauarbeiten wurden im August 2001 imsdstlichen Bereich des Domplatzes eine gemau-erte Grabkammer entdeckt, die nach Untersuchun-gen der erhaltenen Hlzer des Sarges in das 10. Jh.datiert. Als gemeinsames Projekt des LfA und derLandeshauptstadt Magdeburg wurde diese Ret-tungsgrabung zu einer Forschungsgrabung auf 300 m2 erweitert. Auch bei diesem Projekt wurdedie uere Vermessung durch das Vermessungsamtausgefhrt. Das Grabungsnetz wurde abgestecktund nach Grabungsfortschritt in die tiefer gelege-nen Plana bertragen. Die gemauerte Grabkammerund Mauerreste und auch die im Erdreich erkennba-ren Verfrbungen der Suchschnitte von Dr. Nickelwurden aufgemessen. Die Grabungsarbeiten wur-den bis zu ihrer Beendigung (2003) von einemMesstrupp begleitet.MllenvogteigartenIn der ltesten grtnerischen Anlage der Stadt, demGarten der Mllenvogtei waren Vermessungsarbei-ten verschiedenster Art auszufhren. Neben Ge-budeinnenvermessungen, sowie dem Anfertigenvon Lage- und Hhenplnen des Umfeldes fr dieFreiflchenplanung, wurde auch ein LngsschnittAbb. 7 Ergrabene Grundmauernhinterlegt mit der Bebauung vonvor 1945V E R M E S S U N G G R U N D L A G E J E D E R A R C H O L O G I S C H E N D O K U M E N T A T I O N4 0 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005vom Domplatz bis zur Elbe erstellt. Die Arbeitenim Mllenvogteigarten seien hier aber nur kurz er-whnt. Ausfhrlich sind sie in einer Broschre desStadtplanungsamtes beschrieben (Bttcher imDruck).Einige weitere Einsatzorte, an denen die uereGrabungsvermessung durchgefhrt worden, lagenim Bereich des Klosters Unser Lieben Frauen(2002), des Gouvernementberges (2003) und derRegierungsstrae (2004). Sie sollen hier nur kurzaufgezhlt werden und die bersicht der Vermes-sungsarbeiten damit enden. Arbeiten im InnendienstNachdem der Auendienst beschrieben wurde, wirdin diesem Abschnitt einiges ber die Mglichkeitender Weiterverarbeitung der Messdaten im Innen-dienst, bzw. zur Planerstellung und deren Verwen-dung gesagt werden. Als Beispiele werden die glei-chen Grabungen wie im vorigem Abschnitt ge-nannt.Breiter Weg 5-7 ; 8-10Im Foyer des Landtagsgebudes Sachsen-Anhaltzeigte das Stadtplanungsamt zur Information derBrger und Besucher der Stadt Magdeburg eineAusstellung ber das Werden und den Wandel desBereiches um den Domplatz unter dem Motto Ge-stalt durch Geschichte". Fr diese Ausstellung wur-den zwei thematische Karten vom Grabungsbe-reich, mit unterschiedlichen Schwerpunkten ange-fertigt. Der erste Plan zeigt eine Befundbersichtder Grabung (1998-2000) mit einer Gegenberstel-lung von lteren Befunden aus der Nickelgrabung(1959-1968). Alle Befunde wurden in die aktuelletopographische Karte des Vermessungsamtes ein-gepasst (Abb. 7).Auf dem anderen Plan wurden die ergrabenenGrundmauern mit den ehemaligen Grundstcks-grenzen der 1945 zerstrten Bebauung hinterlegt.Es gibt die Mglichkeit, alle wichtigen Befunde,aus den verschiedensten Zeiten, dass heit vom l-testen bis zum jngsten Befund, in einem ber-sichtsplan zusammen zu fassen. Diese Befundewerden durch den Einsatz verschiedener Farben ge-kennzeichnet und in einer Legende erlutert (Abb.8). Eine andere Variante wre, nur Befunde aus ei-nem bestimmten Zeitraum in einem Phasenplan zuerfassen. Die Abbildung 9 zeigt so einen Plan. Hiersind auch alle nicht ergrabenen Bereiche undStrungen der Befunde eingetragen.Die Stiftskirche St. Nikolai konnte an Hand deraufgemessenen Pfeilerreste und mit Hilfe einerBauzeichnung am Computer rekonstruiert werden.Die gescannte Bauzeichnung wurde an der CAD-Station als Rasterdatei genutzt und in das aktiveAbb. 8 (oben) Gegenberstellungder Befunde von B. Kunz (1998-2000) und Dr. Nickel(19591968)Abb. 9 (oben rechts) AusschnittPhasenplan mit dem Schwerpunkt ehemalige Stiftskirche St. NikolaiV E R M E S S U N G G R U N D L A G E J E D E R A R C H O L O G I S C H E N D O K U M E N T A T I O N4 1Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Bild hochgezeichnet. Diese Rekonstruktion kanndurch das Aufma der Mauer- und Pfeilerreste inLandeskoordinaten sofort in die aktuelle Stadtkarteeingetragen werden (Abb. 10).FriedensplatzNach Beendigung der Ausgrabung im Mai 1999und der ersten Aufarbeitung der Funde, wurde eindem damaligen Kenntnisstand entsprechenderbersichtsplan der gesamten Planquadrate im Ma-stab 1:100 angefertigt (Abb. 11). Dieser Plan zeigt die wichtigsten Befunde derGrabung, farblich nach verschiedenen Zeiten sor-tiert. Die Ausmae der Befunde wurden aus deneinzelnen Zeichnungen, die von jedem Planumdurch die Grabungszeichner angefertigt wurde,bernommen. Im Mastab 1:100 wurde auch eineProfilbersicht angefertigt. In ihr sind alle Profileder Grabung eingetragen (Abb. 12). Domplatz Im Innendienst wurden die gescannten Grabungs-zeichnungen, die auf das rtliche Netz eingemessenwaren, an das Gitternetz mit Koordinaten im La-gestatus 150 eingepasst. An der CAD-Station wur-den die bedeutendsten Befunde von den Rasterda-teien hochgezeichnet und in einen stndig aktuali-sierten Grabungsbersichtsplan eingetragen (Abb.Abb. 10 (oben rechts)Rekonstruktionszeichnung derStiftskirche St. Nikolai, desspteren Zeughauses sieheAbb. 14Abb. 11 (oben links)Friedensplatz Befundbersicht10.12. Jh.Abb. 12 (mitte links)Friedensplatz ProfilbersichtAbb. 13 (unten links)rtliches KoordinatensystemRettungsgrabung Domplatz(Raster 1 x 1 m)Abb. 14 (unten rechts)Ausschnitt aus dem Gesamtplanvon Nickel mit Phaseneinteilung(nach Ludowici) und neuestenErweiterungsflchen nach Kuhn2002Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005V E R M E S S U N G G R U N D L A G E J E D E R A R C H O L O G I S C H E N D O K U M E N T A T I O N4 213 und 14). Da sich auch die ehemaligenSuchschnitte (A, B, C) von Dr. Nickel im Bodenabzeichneten, wurden sie durch das Auendienst-team mit aufgemessen. Beim Einarbeiten der Mess-daten stellte sich heraus, dass die Kartierung derGesamtbefundbersicht (nach Nickel 1973) in derAusrichtung nach Osten und Westen stimmt, aberum ca. 80 cm nach Sden verschoben war. In denbersichtsplnen wurde daraufhin die Kartierungan die Vermessung der Suchschnitte vom Juni 2002angepasst. Im letzten Kapitel soll ber eine beson-dere Art der Verwendung von Karten geschriebenwerden.ProspektionDie Prospektion dient der Sammlung von Gelnde-daten zur vorausschauenden Begutachtung einesGebietes, um im Vorfeld von Bauvorhaben Aussa-gen ber eventuell bevorstehende Bodenfunde tref-fen zu knnen. Hier soll eine Mglichkeit der Pro-spektion mittels alter Karten vorgestellt werden.Als Beispiel soll die Grabung auf dem Friedens-platz dienen.Aus dem Kartenmaterial kann natrlich nicht er-schlossen werden, was fr ur- und frhgeschichtli-che Hinterlassenschaften zu erwarten sind. AberAbb. 15 (oben links) Ausschnittaus der KarteDie Festung Magdeburg um 1750Abb. 16 (unter Abb. 15)Ausschnitt aus der KarteDie Festung Magdeburg um 1880Abb. 17 (oben rechts) Ausschnittaus der KarteMagdeburg Innenstadt vor 1945Abb. 21 (unter Abb. 17)Grabungsnetz Friedensplatz (lila),Mauer (rot) dargestellt in einemAusschnitt der Karte Die FestungMagdeburg um 1750Abb. 18 (ganz unten) Ausschnittaus der Legende der KarteDie Festung Magdeburg um 1750Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005V E R M E S S U N G G R U N D L A G E J E D E R A R C H O L O G I S C H E N D O K U M E N T A T I O N4 3auf Grund der dargestellten Bebauung in lterenKarten und Einsicht in evtl. vorhandenen Bauaktenkann beurteilt werden, ob archologische Boden-funde z.B. durch Kellereinbauten zerstrt wurden(Abb. 15).Nach dem Scannen der Karten entstanden Datei-en im Rasterformat. Diese wurden auf die verzer-rungsfreien Stadtgrundkarten, die im Vektorformatvorliegen, eingepasst. Als Passpunkte wurden Ge-bude der alten Bebauung verwendet, die heutenoch erhalten sind.Im Bereich des Friedensplatzes lie die Darstel-lung in den Karten erkennen, dass dieser Platz bereinen lngeren Zeitraum unbebaut war (Abb. 16und 17). Die Grabung besttigte diese Vermutung, dassdort keine tiefgreifenden Bodeneingriffe die ar-chologischen Fundschichten zerstrt hatten.An einem markanten aufgemessenen Befundkann man erkennen, wie gut die alten Karten in dieaktuellen topographischen Karten eingepasst wer-den konnten.Auf dem Foto Abb. 19 ist in der Mitte der obereBereich einer Mauer zu sehen, die in Nord-SdRichtung verluft. Dieser Befund ist auf der Abb.20 in der rechten unteren Ecke dunkelblau gekenn-zeichnet. Es handelt sich hierbei um die Mauer zwi-schen Glacis und Graben. Sie ist in der Legende rotgekennzeichnet (Abb. 18).Auf der letzten Abbildung wurde das Grabungs-netz auf einen Ausschnitt der Karte "Die FestungMagdeburg um 1750" gelegt. Anhand der Planqua-drate kann man erkennen, dass dieser ergrabene Be-fund tatschlich im Bereich der Glacismauer, wie inder Karte dargestellt, liegt (Abb. 21).Abb. 20 (oben) Gesamtbefundbersicht AusgrabungFriedensplatz 1999 (Raster 5 x 5 m)Abb. 19 Freigelegtes Teilstck der Glacismauer.Blickrichtung nach NordenLiteratur: Biel, J., Klonk, D., Handbuch der Grabungstechnik. Herausgegeben im Auftrag des Verbandes der Lan-desarchologen in der BRD sowie der Arbeitsgemeinschaft der Restauratoren und dem Landesdenkmal-amt Baden Wrttemberg o. J.Bttcher, A., Vermessungsarbeiten Domplatz 1b und Remtergang 1. In: Ulrich, S., Der Mllenvogteig-arten. Heftreihe des Stadtplanungsamtes Magdeburg, im Druck.Vademecum fr die archologischen Ausgrabungen in Sachsen-Anhalt. Landesamt fr Archologie,Halle (Saale) 1997.Fehring, G. P., Einfhrung in die Archologie des Mittelalters, Darmstadt 1992.Bildquellennachweis: Abb. 1, 3, 19: Mandy Poppe, Stadtvermessungsamt Magdeburg Abb. 2, 4, 7-9, 11-14, 20-21: Stadtvermessungsamt Magdeburg, Landesamt fr Archologie Sachsen - AnhaltAbb. 10: Stadtvermessungsamt Magdeburg, Stadtplanungsamt MagdeburgAbb. 5: Gesamtbefundbersicht (nach Nickel 1973)Abb. 6: Stadtvermessungsamt MagdeburgAbb. 15, 18, 21: Die Festung Magdeburg um 1750 nach amtlichen Unterlagen gezeichnetvon Friedrich Mertens (1970)Abb. 16: Die Festung Magdeburg um 1880 nach amtlichen Unterlagen gezeichnetvon Friedrich Mertens (1967)Abb. 17: Magdeburg Innenstadt vor 1945Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 20054 4Alle untersuchten Trme liegen im heutigen Stadt-gebiet von Magdeburg. Sie sind aber zumeist erstseit 1910 bzw. nach der Aufhebung der FestungMagdeburg 1912 mit den Ortschaften eingemeindetworden. Nach Jahren der intensiven Untersuchungund Erfassung derartiger Bauwerke im Saale-Elbe-Gebiet mu konstatiert werden, dass tendenziell dieltesten Trme in den Stdten nicht vor 1150 datiertwerden knnen. Auch die Trme auf Burgen setzenin Sachsen Anhalt nicht frher ein. Bei kleinerenTrmen des 13.-16. Jahrhunderts im stdtischenund lndlichen Umfeld knnen wir von einer tem-porren und ergnzenden Wohnnutzung, mit demAnspruch der Reprsentation ausgehen. Fr den al-leinigen und stndigen Aufenthalt sind die Gege-benheiten in diesen Trmen eher als unzureichendeinzuschtzen.Mahrenholzscher Hof - der Wohnturm in Alt Fermersleben,Mansfelder Strae 20Der Turm auf dem Mahrenholzschen Hof ist vomwestlichen Giebel des Herrenhauses ber drei Voll-geschosse umschlossen (Abb. 1). Von der Land-strae aus war der Hof zugnglich (Abb. 2).Fermersleben wird 937 von Kaiser Otto I. mit 56Wendenfamilien an das Moritzstift in Magdeburggeschenkt. In den folgenden Jahrhunderten werdenimmer wieder Zinsabgaben und ein Gut aus Fer-mersleben genannt. Diese Nennungen knnten sichzum Teil auf den greren, spter im Besitz der Fa-milie Mahrenholz befindlichen Hof beziehen. Gesi-cherte Belege finden sich aber erst in der Neuzeit.Aus der kleinen, bis ins 19. Jahrhundert nur aus we-nigen Hfen bestehenden Ortslage ist bisher keineLiegenschaft auer dem Mahrenholzschen Hof be-kannt geworden, in der mittelalterliche Bausub-stanz oder gar ein Wohnturm als sichtbares Zeicheneiner Eigenbefestigung erhalten ist (Abb. 1). Die von Mahrenholz gehrten im 18. Jahrhun-dert zu den Vasallen des Herzogtums Magdeburg,wie ein Verzeichnis von 1713 belegt1. Den Hof inFermersleben erwarb Mathias Mahrenholz, der sichmit seiner Frau Margrette Balderstedtin 1695 in-schriftlich an der Toreinfahrt zum Hof verewigte.Ein Umbau des Herrenhauses wird mit derBauinschrift der Trkartusche auf 1787 datiert. Die von Hans-Joachim Mrusek (1958, S. 33)vorgenommene Datierung des Wohnturmes um1530 begrndete sich ber die renaissancezeitli-chen Fenstergewnde (Abb. 1). Das Erscheinungs-bild des quadratischen Turmes wurde bis in diejngste Vergangenheit von einem barockenFlchenputz mit Putzquaderung auf den Ecken so-wie den in den Mittelachsen der Sd- und Westfas-sade eingebauten Rechteckfenstern des 16. Jahr-hunderts bestimmt. Der sich mit seinen drei Vollge-schossen ber die Traufe des Wohnhauses erheben-de Turm besteht aus Grauwacke und Sandstein inunregelmigem Verband. Die Strke des Mauer-werks verjngt sich von 1,40 m im Erdgeschoss auf0,85 m im 2. Obergeschoss (Abb. 3), wobei die In-nenwandschalen nur bis ca. 1,40 m ber den rezen-ten Fubden aus primrem BruchsteinmauerwerkAbb. 1 (unten) MahrenholzscherHof in Alt Fermersleben. Blick aufden mittelalterlichen Wohnturm,das Herrenhaus von 1695/1787und den Torbogen imHintergrund.Abb. 2 (oben) Alt Fermersleben.Wohnturm am Herrenhaus desMahrenholzschen Hofes von1695.Wohntrme im Stadtgebiet von MagdeburgMaurizio PaulSchaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G4 5bestehen, darber aus vorgesetztem, kleinsteinigemBruchsteinmauerwerk von 15-20 cm Strke. Diehorizontal umlaufende Grenzlinie beider Mauer-werksteile markiert den Rcksprung in Hhe derprimren Geschossdecken. Der Turm hatte dem-nach ursprnglich eine abweichende Geschossein-teilung, auf die sich die im Bestand nachgewieseneWandnische mit giebelfrmigem Sturz im Erdge-schoss, eine kleine quadratische Nische in der Ost-wand des Obergeschosses und ein Schlitzfenster im2. Obergeschoss bezogen (Abb. 4). Der Bruchstein-verband des Turmes datiert grob in das 14. oderauch 15. Jahrhundert. Die wenigen primren Glie-derungselemente, wie die konischen Schlitzfensteroder Scharten helfen da nicht viel weiter. Die Frageeines gewlbten Kellers mu unbeantwortet blei-ben. In eine Bauphase vor dem Anbau des barockenHerrenhauses von 1695 ist ein sekundres, aus Zie-gelformsteinen bestehendes Fenstergewnde im 1.Obergeschoss zu datieren.Erst danach, vermutlich um 1709, wie die den-drochronologische Datierung eines Deckenbalkensnahelegt 2, erfolgte der Einbau der Gewndespoliendes 16. Jahrhunderts. Die Deckenbalken dieserBauphase wurden schwarz gefasst und zum anzie-henden Glattputz mit einem Beschneider abge-setzt. Die Zweiphasigkeit des Herrenhauses wirktesich auch im Turm mit der Reparatur der Fensterni-schenbgen und dem Einbau von berputzten Zie-gelgewnden im 2. Obergeschoss um 1787 aus.Die Bezeichnung Wohnturm kann gleichberech-tigt zu Wehrturm eines befestigten Hofes oder auchGutes, wie es in den historischen Quellen heit,verwandt werden. Der Reprsentationsanspruch ei-nes Ministerialen des Erzstifts oder auch eines std-tischen Brgers darf wohl ebenso als bauintendie-rend angesehen werden.Der Stumpf eines Wohnturmsin der Villa Brandt, Cracau, Burchardstrae 17Im Baukomplex der Domnenvilla aus den 1880erJahren fanden seit Dezember 2002 bereits Sanie-rungsarbeiten statt. Nachdem Prof. Gtz Brandt,ein Erbe der ehemaligen Besitzer und Bauherrender Villa, einen mittelalterlichen Turmstumpf inder Bausubstanz identifiziert hatte (Abb. 7) mussteumgehend eine Untersuchung des querrechteckigzur Elbseite positionierten Villenbaus (Abb. 5)Abb. 3 (links oben)Bestandszeichnung des Turmes,Bauaufma Mrusek 1958,Abb. 42Abb. 4 (rechts oben)Baualterskartierung zumWohnturm des MahrenholzschenHofes in Fermersleben.Abb. 5 (rechts unten) Sdfassadeder Brandtschen Villa mit derbetonten Mittelachse, hinter dersich zumindest im Souterrain derTurm in seiner vollen Breiteverbirgt.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G4 6 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005durchgefhrt werden. Die Ansiedlung niederlndischer Kolonisten immittelalterlichen, ostelbischen Cracau (Krakoe,Craco, Cracowe), das sich vom Beginn der berlie-ferung im Besitz der Domprobstei befand, ist ur-kundlich fr 1158/1166 nachweisbar (Bau- undKunstdenkmler, Jerichow, S. 75).Das Dorf wird bis heute vom Straenkreuz derPotsdamer- und Burchardstrae mit der St. BricciusKirche bestimmt. Der Turmstumpf im Baugefgeder Villa Brandt kann als bauliche Reprsentationdes Sitzes eines Vertreters des niederen Adels ge-deutet werden, der mglicherweise in der Ministe-rialitt des Domstifts stand und namengebend frdie Burchardstrae war.In einer Urkunde von 1166 wird ein Burchar-do zusammen mit seinem Bruder Symoni alsKolonisator Cracaus besttigt (UKB Erzstift Mag-deburg 1, Nr. 321). Diesem Burchardo knnte einbefestigter Hof in der Ortslage Cracau zuwiesenwerden, ohne einen konkreten Bezug zu dem in derVilla nachgewiesenen Turm in den Quellen zu fin-den. Unter 1272 erwhnt das Urkundenbuch desKlosters Unser Lieben Frauen einen Hof in Cracauund einen Ministerialen Burchard. Bemerkenswer-ter sollte indes die Urkunde von 1420 sein, in derClaus Brandes zu Crakau in Erscheinung tritt, derhier wohnhaft war und das Zinsrecht an seinen G-tern zumindest teilweise an das Kapitel der Neu-stadt verkaufte (UKB Unser Lieben Frauen, S. 242,Nr. 261).Im Zuge der franzsischen Besatzung und Ein-gliederung in die Ministerialverfassung des Knig-reichs Westfalen (1808) drfte das Vorwerk skula-risiert und als Domne 1812 an die Familie Brandt,eine ortsansssige und seit 1420 in Cracau nach-weisbare Familie, verpachtet worden sein (Abb. 7).Die Villa enthlt im Kellergeschoss den Stumpfeines massiven, sich auf quadratischem Grundrisserhebenden Bauwerks. Es muss bei Ausmaen von8,65 m Kantenlnge und einer Wandstrke von 1,5m als Restbestand eines Turmes gedeutet werden(Abb. 8). Die Ostwand des Primrbaues hat sich bisheute in rudimentrem Umfang im Erdgeschossesund mit wenigen Lagen auch im Dachraum des st-lichen Annexbaus der Villa erhalten. Der primreHausteineckverband des Turmes ist an seiner Nord-ostecke exemplarisch erhalten. Dieser Eckverband,wie die gesamte Ostwand des Turmes wird vomKeller des stlichen Anbau von 1829/30 umschlos-sen. Das aus hammergerecht gearbeiteten Grau-wacke-Bruchsteinen bestehende Mauerwerk desTurmes ist in einem geordneten Lagenverband ver-setzt worden, wie er vergleichbar an qualittsvollenSakralbauten (Kloster Unser Lieben Frauen zuMagdeburg und Stiftskirche Leitzkau) vorkommt. Obwohl mit rundbogigen, romanischen Gewn-desteinen (Spolien) eingefasst, ist die Trffnungzum Keller erst nachtrglich eingebrochen und ein-gefasst worden. Das Kellergeschoss des Turmes istAbb. 6 (oben links) EhemaligerDomnenhof mit der Villa unddem umschlossenen Turmstumpf inCracau. Historisches Metischblattauf der Grundlage der Vermes-sung von 1858, 187376.Abb. 7 (oben rechts)Rekonstruktion der Bebauung aufder ehemaligen Domne nachProf. G. Brandt.Abb. 8 (unten) Befundskizze desKellergeschosses der Villa Brandtin Cracau. Kartiert wurdenerkennbare baustratigraphischeEinbindungen. Ohne Mastab,Aufnahme und Kartierung.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G4 7Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005ebenso nachtrglich mit einer Ziegeltonne ber-spannt worden (Abb. 89). In die stliche Wlbungs-hlfte bindet ohne Strung ein Lichtschacht ein, dersich in der Auenwand des romanischen Turmes ineinem monolithischen, rundbogigen und schmalenFenstergewnde mit mehrphasigen Vergitterungs-lchern ffnet (Abb. 9) 3. Dieses Fenster gehrt imGegensatz zum Lichtschacht und der Ziegeltonnezum primren Bruchsteinmauerwerk des Turmes.Die Wlbung des Kellergeschosses drfte aufgrunddes sich vom Primrbestand deutlich unterschei-denden Setzmrtels und des Ziegelformates in diebarocke Bauphase des nrdlich an den ehemaligenTurm ansetzenden, dendrochronologisch um 1690 4datierten Fachwerkbaues zu stellen sein.Erst im Zusammenhang mit der Anlage einesGewlbekellers unter dem Fachwerkhaus von 1690wurde die nrdliche Turmwand geffnet und die ro-manischen Werksteinspolien einer Trffnung ein-gebaut.Der Umbau zur reprsentativen Villa um 1889verband die bis dahin dreirumige Kelleranlage(Turm, Fachwerk und stlicher Annex von1829/30) mit einem weiteren, zustzlich mit einerTrffnung erschlossenen Kellerraum unter demwestlichen Anbau, vor der Westwand des Turmes.Das Untergeschoss des Turmes hatte demnachkeinen primren, auf Geschossebene liegenden Zu-gang, was fr einen wehrhaften Turm auch nicht zuvermuten ist. Die ursprngliche Verbindung mit derdarberliegenden Ebene mu ber eine Leiter oderMauertreppe erfolgt sein.Als zentrale Baueinheit einer Eigenbefestigung,eines Ministerialenhofes, vielleicht sogar des in derQuelle von 1166 genannten Burchardo, kann derTurm aufgrund der wenigen erhaltenen Baugliederallerdings nur allgemein in den Zeitraum 1160-1230 datiert werden. Der Nachweis eines romani-schen Wohnturmes, im mehrphasigen Baukomplexder grnderzeitlichen Villa von Cracau, mit ihrembarocken Vorgngerbau (Fachwerk) von ca. 1690und der neogotischen, stlichen Erweiterung von1829/30, ist ein weiterer Baustein der Bestandser-fassung zur Hausforschung im mitteldeutschenSiedlungsgebiet des Mittelalters.Das Feste Haus auf dem ehemaligen Klosterhof Prester, Alt Prester 104In der historischen Forschung wurde das Bauwerkaufgrund seiner Kubatur als Turmhaus bezeichnet.Das Bauwerk unterscheidet sich durch seine isolier-te Lage auerhalb einer Siedlung, in der Niederungder Elbeaue von den brigen Turmbauten (Abb. 10,11). Das Gebude als Turm zu bezeichnen ist sicherder historischen Forschung geschuldet, die dasdurch einen Wappenstein datierte Gebude von1520 zwangslufig in die Reihe der befestigtenAdelshfe oder Wohntrme auf dem Lande stellenwollte. Beim sogenannten Turmgarten von Pre-ster handelte es sich um eine Liegenschaft in langerbesitzrechtlicher Kontinuitt des Klosters Berge zuMagdeburg.Zur Ermittlung der Bau- und Nutzergeschichtedieses Festen Hauses muss die Quellenanalyse imAnsatz von der bauinschriftlichen Datierung durchdas Familienwappen derer von Rode von 1520 ausge-hen (Abb. 13). Der Ort Prester selbst gehrte dem937 fundierten Moritzkloster und ging 968 an das Be-nediktinerkloster St. Johannis auf dem Berge ber.Fr das Feste Haus 5 des Kleinen Klostergutes,als das wir den Turmgarten Alt Prester identifizie-Abb. 13 (rechts) Wappensteinam Turmhaus des KleinenKlostergutes Prester mit derBauinschrift: Jacob und valtin rodegebrodere Erbaute im jar 1520.Abb. 9 (oben) Befundskizze desmonolithischen Rundbogenfenstersin der Ostwand des Turmes,im Bereich des heutigenKellergeschosses.Abb. 10 (unten links) Prester amrechtselbischen Ufer. ModernesKataster mit dem Turmhaus hinterdem DammAbb. 11 (unten rechts) Turmhausvon Alt Prester von Sdwest. DerKubus des massiven Baues warusprnglich um ein halbesGeschoss hher, wie die primrenFensterlaibungen oberhalb derrezenten ffnungen imObergeschosss beweisen.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G4 8 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005ren knnen, drfte der in der Zeugenreihe einer Ur-kunde des Kloster Berges von 1233 an dritter Stellegenannte Thidericus de Prester (UKB Kloster Ber-ge, S.67, Nr. 92) nicht als baustiftender Urheber ge-deutet werden. Gegen die Datierung des Hauses in das 13. Jahr-hundert spricht, abgesehen von der a priori ber dieWappentafel erst in 1520 datierten Fundation, dasGefgebild des unregelmigen Mischmauerwer-kes.Die erste aus dem Archivbestand erschlosseneVerpachtung des Kapitelhofes zu Prester an ei-nen Jacob Rode datiert 1572 6. Leider konnte bisherfr das zeitliche Umfeld der Wappensteindatierungvon 1520 keine archivalische Quelle fr ein Rechts-verhltnis der genannten Brder Rode mit dem Klo-ster Berge aufgefunden werden.Die Spur der Rodes, die den Bau des FestenHauses initiiert und finanziert haben drften, endetmit der Person des Jacob Rode, des vermeintlichenSohnes und Neffen der Bauherren von 1520, zu-mindest was den Kleinen Klosterhof zu Presterbetrifft. In der Folge gibt es einen regen Pchter-wechsel.Wohl den wirtschaftlichen Verhltnissen der Zeitist der Versuch des Klosters Berge geschuldet gewe-sen, den Kleinen Klosterhof 1772 ber eine f-fentliche Ausschreibung in Erbpacht zu vergeben 7.Das bisher geltende Pachtverhltnis der Dorfbe-wohner bezog sich hauptschlich auf cker undWiesen. Das Haus des Kleinen Hofes erscheint indiesem Zusammenhang nicht. In den Reparaturli-sten zu 1846 erscheint erstmals der Begriff Turm-gartenhaus 8, der unzweifelhaft auf das behandelteObjekt und den kleinen Klosterhof zu beziehen ist.Das als Festes Haus zu bezeichnende Gebudedes Turmgartens zu Alt Prester stellt einen kubi-schen Baukrper mit gewlbtem Erdgeschoss berteilweise unterkellertem Grundriss, mit ausgebau-tem Obergeschoss und abschlieendem Walmdachdar (Abb. 12, 14, 15). Der Bau wurde schon vonHans-Joachim Mrusek (1958; S. 33f.) als sptmit-telalterliches, wohnturmartiges Haus bezeichnet.Der heute grtenteils unverputzte Baukrper zeigtim Gefge der Fassaden zahlreiche Gliederungsele-mente, zumindest Fragmente von mehrphasigenAbfolgen und berschneidungen, die sich zudemim verwendeten Baumaterial, im Setzmrtel und imBezug der Geschossebenen unterscheiden.Der unter dem westlichen Drittel des Grundris-ses liegende Gewlbekeller besteht aus einer ge-drckten Bruchsteintonne. Die nrdliche Wand istmit einem schmalen Lichtschlitz durchbrochen. DieWlbung des Kellerhalses besteht aus Ziegeln. Kel-lerhals und Tonne bilden trotz unterschiedlicherBaumaterialien eine konstruktive und stratigraphi-sche Einheit.Das Erdgeschoss wird von einem Gewlbe aussich durchschneidenden Tonnen mit Mittelpfeilergedeckt (Abb. 14). Das Gewlbe wurde nachtrg-lich eingebaut, wie der berschnittene Nischenbo-gen der primren Tr von innen und das vollstndigverdeckte, in der Nordfassade ablesbare Oberlicht-fenster belegen (Abb. 15). Die ursprnglicheWandstrke des Hauses im Erdgeschoss betrug vordem Gewlbeeinbau ca. 65 bis 70cm.Die primren Fensterffnungen des Oberge-schosses lagen nach den Befunden in der West- undSdfassade hher als es die rezenten Brstungenbelegen (Abb. 16, 17), woraus sich auch ein hhe-res Erdgeschoss vor dem Einbau des Gewlbes er-gibt. Dennoch drfte es sich bei dieser Ebene desprimren Bauzustandes nicht um ein exponiertesoder gar reprsentatives Geschoss gehandelt haben,worauf schon das Fehlen grerer Fensterffnun-gen verweist. Vermutlich gab es im Erdgeschossneben der Segmentbogentr mit gefasten Laibungs-eckverbnden nur kleine Lichtschlitze, von deneneiner in der Nordfassade erhalten ist. In der Nordostecke des Erdgeschosses ist einschmales Tonnengewlbe aus der Raumwlbungausgeschieden. Darber setzt noch heute ein Ka-minzug auf. Abb. 12 (oben) Alt Prester,Nordfassade des Turmhauses mitWappensten des Jacob undvaltin rode gebrodere Erbaute imjar 1520.Abb. 15 (rechts) VomGewlbe des Erdgeschossesberschnittene, primre Trnischein der Nordwand.Abb. 14 Querschnitt des FestenHauses auf dem Kleinen KlosterhofAlt Prester. Nach demBaubestandsbuch von 1931.Kloster Berge Stiftung, ArchivLeitzkauW O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G4 9Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005ber die Fassadenbefunde knnen drei Baupha-sen des Festen Hauses sehr gut nachvollzogen wer-den. Danach besa das hohe Erdgeschoss der erstenBauphase eine Segmentbogentr mit gefastem Ge-wnde aus Ziegelformsteinen, darber ein Ober-licht und kleinere, ebenfalls hoch ansetzende Licht-schlitze. Der Wappenstein von 1520 bezieht sichzwar auf die Primrbauphase, wurde aber in derzweiten Bauphase von ca. 1650, mit dem Einbau ei-ner greren ffnung links oberhalb der Tr desErdgeschosses, umgesetzt (Abb. 13).In der gleichen Bauphase mssen die hohen ausklosterformatigen Ziegeln bestehenden Segment-bogenffnungen (Abb. 16) in das Bruchsteinmauer-werk eingefgt worden sein. Die Fensterffnungenselbst waren wahrscheinlich von rechteckigenBlockzargen, wie in der Ostfassade noch teilweiseerhalten, eingefasst.Gleichzeitig mit dieser Vernderung der Fen-sterformen im Obergeschoss erfolgte der Einbaudes Gewlbes im Erdgeschoss, der die Reduzierungder Geschosshhen mit tiefer ansetzenden Fensternim Obergeschoss mit sich brachte.In der zweiten Phase des 18. Jahrhunderts wurdeder auskragende Eckkamin abgebrochen und dieffnung im Baugefge mit berformatigen, ba-rocken Ziegeln ausgemauert.Die dritte Bauphase verkleinerte zudem die Fen-sterffnungen des 17. Jahrhunderts betrchtlich inder Hhe und in der Breite auf 95cm. Kennzeichendieser Phase sind die berformatigen, in grauem,feinkrnigem Kalkmrtel versetzten barocken Zie-gel (7 x 14 x 30 cm) des 18. Jahrhunderts, die mitscheitrechten Strzen die Fensterffnungen nachoben abschlieen. Eine Besttigung fr die barockeDatierung der Fensterffnungen der 3. Bauphasewird durch das direkt in Hhe der Fensterstrze an-setzende, im Bestandsplan von 1931 noch darge-stellte Volutenprofil der Obergeschossdecke gelie-fert (Abb. 14).Der Wohnturm auf einem ehemaligen Freihof in Rothensee,TurmstraeWeit nrdlich der mittelalterlichen Alten StadtMagdeburg besa das Geistliche Amt der Dom-probstei das Dorf Rothensee, und mit ihm die Ge-richtsbarkeit bis 1806 (Oesfeld 1780, S. 146). DemAmt unterstanden zwei von Feudallasten befreiteHfe. In dem westlich eines ehemaligen Elbearmes ge-legenen Ort verweist noch heute die Turmstraeauf den mit der baulichen Substanz eines Turmesbesetzten Hof einer mittelalterliche Eigenbefesti-gung (Abb. 18).Der Wohnturm von Rothensee stand relativ hu-fig im Interesse von regionalgeschichtlichen Bear-beitungen, so dass die Quellenlage erschpfend er-Abb. 16 Befundskizze der Sdfassade. o. M. Die drei Bauphasen sind exemplarisch vertreten. Primre Fensterffnungmit hoher Brstung und Ziegeleckverband zur Laibung(1a) im Obergeschoss und hochliegende kleine ffnungendes Erdgeschosses, Fenster derzweiten Phase von 1650 (2) undeingesetzte kleine ffnung derdritten Phase (3) des 18. Jahrhunderts.Abb. 17 (unten) RechteFensterachse der Westfassade mitrezenten ffnungen der 3. Phaseim Erd- und Obergeschoss. Dieoberste Ziegelplombe fllt dieprimre Fensterffnung aus. Darunter folgen der Bogen unddie Laibungsecken der zweitenFensterphase, die vom Ziegelverband der letzten ffnungen ausgefllt wird.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G5 0 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005schlossen ist (Dehio, Sachsen-Anhalt I, S. 613)(Abb. 19).Der Turm erhebt sich auf quadratischem Grund-riss von 6 x 6 m Seitenlnge mit vier rezent genutz-ten Geschossen, in der erhaltenen romanischenSubstanz (Abb. 19, 20, 22), wobei die Einteilungder Ebenen in Bezug auf ihre Ursprnglichkeit zuberprfen war. Der Ort wird erstmals 1176 in ei-ner Urkundenabschrift Erzbischof Wichmanns ge-nannt (UKB Erzstift Magdeburg 1, S. 460, Nr.348).Der zu 1282 genannt Ritter Johannes von Ro-thensee 9 knnte einen der beiden fr Rothenseeberlieferten Sattelhfe - Rittergut zweiter Ord-nung, das direkt dem Domprobst unterstanden undfrei von Feudallasten war - bewohnt haben (UKBKloster Unser Lieben Frauen, S. 134, Nr. 150). Bis1634 kann kein Besitzer oder Lehenstrger ber dieschriftlichen Quellen direkt mit dem Hof und sei-nem Wohnturm in Verbindung gebracht werden.Erst fr dieses Jahr ist ein Hieronymus von W-stenhoff als Besitzer des Turmhofes nachweisbar 10.Der Turm soll zu dieser Zeit ohne Dach gestandenhaben und vermutlich um 1650 wieder aufgebautworden sein 11. Conrad Ilmera ist 1684 im Besitzdes Hofes, 1739 bernimmt ihn die BauernfamilieGerloff, die einschlielich Erben bis in das 20.Jahrhundert den Hof besa.Der heute viergeschossige Turm wurde aufgrundder Rundbogentr des kreuzgratgewlbten Oberge-schoss des Turmes in die Romanik datiert (Abb. 21)12. Die von zugearbeiteten Grauwackeblcken ein-gefasste ffnung wird vom Obergeschoss desFachwerkhauses erschlossen. In der innenliegendenTrnische befindet sich der obligatorische Balken-riegelschacht.Heinrich Bergner (Bau- und KunstdenkmlerWolmirstedt, S. 99) teilt den Turm in 3 Geschosseein, in das Mittelgeschoss mit Rundbogentr,Kreuzgewlbe und Kamin, in das balkengedeckteUntergeschoss, das er als Keller bezeichnete, und indas Obergeschoss mit Flachbogenfenster. Die Ton-nenwlbung im heutigen Keller wird von ihm nichterwhnt. Das Mauerwerk besteht in der uerenSchale aus lagig versetzten, klein- bis mittelforma-tigen, hammergerecht geschlagenen, quadrigen biswrfelfrmigen Bruchsteinen des Rotliegenden,der Grauwacke und aus Quarzit. Die Eckverbndebestehen aus hammergerecht zugearbeiteten gre-ren Quadern, die meisten Fensterffnungen, ausge-Abb. 18 (links) Rothensee, mo-dernes Kataster mit derBebauung des Turmhofes.Abb. 20 (rechts)Der Wohnturm mit angefgtemFachwerkhaus von 1650.Ansicht und Grundriss desObergeschosses nach Bau- undKunstdenkmler des KreisesWolmirstedt 1911, S. 99.Abb. 19 (links)Mittelalterlicher Turm auf einemder historisch belegten Freihfe inRothensee, der seiner primrenBestimmung nach alsEigenbefestigung bezeichnetwerden kann.Abb. 21 (rechts)Rundbogentr in der Ostwanddes Hauptgeschosses, die vomangrenzenden Fachwerkhauserschlossen wird.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G5 1Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005nommen zwei Fenster im obersten Geschoss, sindsekundr im umgebenden Mauergefge. Der La-genversatz zeigt zwar bergnge zu Ausgleichs-schichten und Formatwechsel, dennoch ist er in sei-ner Homogenitt ein durchaus signifikantes Lagen-mauerwerk des 12./13. Jahrhunderts. Speziell in derWestfassade wird zudem die bevorzugte Verwen-dung von ausgesprochen kleinformatigen, quadri-gen Bruchsteinen des Rotliegenden deutlich. DerBereich der Verwendung beschrnkt sich auf dasoberste Geschoss und markiert in dieser Fassadegleichfalls den bergang von einem lteren Dach-giebel zum nachtrglich aufgesetzten Umfassungs-mauerwerk des letzten Turmgeschosses (Abb. 23).Die gleiche Gefgeunregelmigkeit tritt an denSd- und Nordseiten, jedoch als horizontale Baufu-ge in Hhe der Traufe des Giebels auf.In der Westfassade zeichnen sich ber Stofu-gen von Eckverbnden schmale primre ffnungab, die ein primr ca. 1m tiefer liegendes, Ge-schossniveau belegen. Demnach mte das Kreuz-gewlbe im Hauptgeschoss des Turmes sekundrsein (Abb. 22, 23). Der tonnengewlbte Kellermuss nach diesen Befunden als sekundre Unter-fangung gedeutet werden, deren Datierung wohlmit der des Fachwerkhauses von 1909/10 identischsein drfte (Kunstdenkmler Wolmirstedt, S. 99f.).Die Erschlieung des tonnengewlbten Kellersdurch eine Trffnung wurde erst durch die massi-ve Unterfangung des Fachwerks mglich.Im gleichen Bauzusammenhang entstand dasfolgende Zwischengeschoss, das eine Balkendeckezum gewlbten Hauptgeschoss erhielt. Der Kamindes Hauptgeschosses kann trotz der sekundrenStellung des Kreuzgewlbes durchaus primr imTurm eingerichtet worden sein.Das oberste Geschoss wurde nach der Befundla-ge eindeutig nachtrglich auf Ortgang und Traufedes romanischen Bestandes aufgesetzt und mit Seg-mentbogenfenstern gegliedert, die ber stilistischeMerkmale in das 17./18. Jahrhundert datieren.Fr die Datierung des Wohnturmes geben die hi-storischen Quellen leider keine hinreichenden An-haltspunkte, die Bausubstanz selbst verweist in eineZeitspanne, die von der berlieferten Ersterwh-nung Rothensees 1176 bis ca. 1250 reicht.Der hochliegende Primreingang reflektiert denTypus des wehrhaften Turmes, der in den Baukom-plex einer mittelalterlichen Eigenbefestigung, beitemporrer Wohnnutzung einbezogen wurde. Fr den Turm kann ein Satteldach mit Giebelnnach West und Ost rekonstruiert werden.Der Tatarenturm am Ausgang desRemterganges in Magdeburg, Am Dom 4-5Das in der Altstadt, in der Sdostecke der histori-schen Umwehrung Magdeburgs stehende, als Ta-tarenturm bezeichnete Bauwerk (Abb. 24, 25),wurde schon in zahlreichen Aufstzen von WernerPriegnitz behandelt und historisch in die Entwick-lung der Stadtbefestigung eingeordnet. Das be-Abb. 22 Wohnturm mit Fachwerkhaus im Lngsschnitt undAnsicht von Nordost. Aus demNachlass Werner Priegnitz, jedoch von anderer Hand gezeichnet (um 1920). Kulturhistorisches Museum Magdeburg.Abb. 23 (unten)Westfassade des Wohnturmes imTurmhof Rothensee. Befundskizzemit Bauphasen.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G5 2 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005zeichnete Gebude ist im Stadtbild nicht gerade alsTurm zu erkennen, zumal es seit 1899 mit einerTordurchfahrt sekundr durchbrochen wurde. Esdient seitdem als Durchgang vom Remtergang zumFrstenwall und tritt durch die Aufschttung desFrstenwalls sowie des ehemaligen Rondells Geb-hard kaum als hohes Bauwerk in Erscheinung(Abb. 25). Nur vom tieferen Niveau des angren-zenden Gartens erscheint das Gebude turmartig(Abb. 26).Der Turm erhebt sich auf rechteckigem Grund-riss und steht mit der den Remtergang begrenzen-den Futtermauer in einer Flucht, was Werner Prieg-nitz zu seinen Rekonstruktionen der lteren Stadt-befestigung veranlat haben drfte.Name und Bauintention des Turmes wurden seitPomarius (1587) auf das Vordringen der Tatarennach Mitteleuropa, speziell mit der Schlacht beiLiegnitz 1241, in Verbindung gebracht (UKB StadtMagdeburg I, S. 487, Nr. 821) 13. Die Identifizierung des Bauwerks in histori-schen Abbildungen und Rissen ist nicht immer ein-deutig. Dagegen scheint sich der Besitz des Dom-stifts an diesem Turm auf den Standort innerhalbder Domimmunitt zu begrnden. Der Riss des Da-niel Meisner von 1623 gibt die bauliche Situationfr den betreffenden Bereich nach Auffassung desVerfassers sehr detailliert wieder. Ein schlanker,rechteckiger Turm steht direkt vor einem breiten,hohen Gebude, die scheinbar beide in das doppel-te Mauersystem der Elbefront eingebunden waren(Abb. 27).Die historische Forschung wies einem der Tr-me die aus dem Urkundenbestand ermittelte Be-zeichnung Tatarenturm zu. Der den Ausgang des Remterganges bildendeBaukrper unterscheidet sich durch den rechtecki-gen Umriss von den Stadtmauertrmen der elbseiti-gen Befestigungslinie. Diese Trme grndeten be-deutend tiefer im Verhltnis zum heutigen Niveaudes Frstenwalls, wie die Untersuchung desTurms in der ehemaligen Augenklinik von1997/98 belegte. Danach muss das von der Garten-seite als Turm erkennbare Gebude in der Rekon-struktion der Mindesthhe um ca. 7m auf ca. 18merhht werden (Abb. 26). Die Legitimitt der Bau-typbezeichnung Turm drfte durch die bernahmedes primren Grndungsniveaus vom benachbartenTurm in der ehemaligen Augenklinik begrndetsein.Die rekonstruierten Proportionen und Maver-hltnisse scheinen in der Ansicht des Daniel Meis-ner von 1623 (Abb. 26) ihre Besttigung zu finden.In detaillierter Differenzierung zu den brigen, imUmfeld stehenden Stadtmauertrmen, wird das st-Abb. 24 (oben links) ModernesKataster mit dem Turm amAusgang des Remterganges zumFrstenwall.Abb. 25 (oben rechts) Ostfassadedes Tatarenturms mit demAusgang des Remterganges zumFrstenwall. Der Bau steht mit berder Hlfte seiner ursprnglichenHhe in den Aufschttungen desFrstenwalls.Abb. 27 (darunter) Ausschnittaus der Stadtansicht des DanielMeisner von 1623. Zwischen demrechteckigen Tatarenturm unddem Stadtmauerturm am RondellGebhard verluft eine Mauermit dem Tor der Ausfahrt derMllenvogtei.Abb. 26 (unten links) Ansicht desTatarenturms von Nordost mitAusgang des Remterganges zumFrstenwall und der gekrmmtenFuttermauer von 1880.Der Bestand ist bis auf daserhhte Niveau des Gartens zuverfolgen ist.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G5 3Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005lichere der Gebude als hoher rechteckiger Turmmit einer Tormauer zum stlich gegenber stehen-den Turm (Augenklinik) dargestellt.Die in einer Urkunde von 1403 (UrkundenbuchStadt Magdeburg I, S. 486-487, Nr. 821) erschei-nende Bezeichnung Taterntorme ist zweifelsfreimit dem tradierten Begriff Tatarenturm identisch,allerdings gibt die Quelle keine direkte Lagebe-schreibung 14 an.ber die jngere Geschichte des noch heute alsTatarenturm bezeichneten Gebudes bleiben wirweitestgehend im Unklaren. Fr den primr kirchli-chen Besitz an dem hier behandelten, unter der Lie-genschaft Am Dom 4-5 gefhrten Gebude,knnte das Fehlen jeglicher Akten in der Bauakten-kammer des Stadtarchivs oder auch die Aussparungaus den Besitzungen des Militrfiskus der FestungMagdeburg sprechen. Nach der Auflsung desDomstift bernahm der preuische Staat die Lie-genschaften (Abb. 28). Der nach 1873 zu datierende Grundriss verdeut-licht den langrechteckigen Grundriss des Turmes,was eigentlich Kennzeichen von sogenannten Ke-menaten oder Festen Husern sein sollte. Das Sei-tenverhltnis betrgt fast exakt 2:1, bei 6m Breiteund 11m Lnge in den Auenmaen (Abb. 28).Unter diesen rein malichen Kriterien ist hierdie Frage zu stellen, mit welchem der in den Bild-quellen abgebildeten Mauertrmen das erhaltenenGebude tatschlich zu identifizieren ist. Die Ana-lyse des detaillierten Stichs von Daniel Meisnervon 1632 ergibt mglicherweise noch eine andereIdentifizierung des erhaltenen Baues mit einem inder Bildquelle dargestellten Gebude. Der Stichstellt im vermeintlichen lokalen Umfeld des rezen-ten Turmes ein zweites, westlich hinter dem schlan-keren Turm stehendes, ebenso hohes Gebude mitauffallend langrechteckigem Grundriss dar.(Abb.29). Dieses Gebude erscheint nicht als Mauerturmder lteren Stadtmauer, vielmehr als Wohnturmoder als Kemenate innerhalb der Domimmunitt. Der rein formelle Vergleich des abgebildetenBauwerks mit der thringischen Kemenate vonReinstdt zwingt sich schon ber das signifikanteSeitenverhltnis exemplarisch auf (Abb. 30). Um diese zweite Variante konkreter berprfenzu knnen, sollten zu gegebener Zeit sondierendeUntersuchungen an der Bausubstanz, verbundenmit einem neuorientierten Ansatz der Archivre-cherche durchgefhrt werden.Das in den vorhandenen drei Ebenen, Keller-,Erd- und Obergeschoss, vollstndig ausgebauteBauwerk konnte nur von auen einer Betrachtungunterzogen werden. Der unverputzte Bruchsteinbaubesteht aus Grauwacke, bei gleichzeitiger Verwen-dung des Rotliegenden und vereinzelt auch vonSandstein. Das Bruchsteingefge wurde nicht inausgesprochenen Einzellagen versetzt, vielmehrzeichnen sich sogenannte Lagenpakete mit Aus-gleichsschichten in den Bereichen des vermeintli-chen Primrbestandes der Ostfassade ab. Diese istwie die brigen Wandscheiben umfnglich durchden sekundren Einbau der Fenster- und Trffnun-gen des 19. Jahrhunderts gestrt worden (Abb. 31).Die Auffllung des umgebenden Gelndes seitdem beginnenden 16. Jahrhunderts, mit der ab-schlieenden Aufschttung des Frstenwalls 1722,fhrte zu der zu vermutenden Eingrabung desTurmbaues auf fast die Hlfte seiner Hhe. Die neuzeitlichen Strungen der Bausubstanzwaren so umfnglich, dass zwischen den Fenster-achsen und an den Eckverbnden nur noch schmaleAbb. 28 Grundriss des 1.Stockwerkes von Turm undWohnung des 2. Domkustos(Rume 46-48), die bis 1873 alsWohnung des Wallmeistersdiente. Die Rume 49-54 warender Wohnung des Archivdienerszugeschlagen. Aus dem Bestandder Familie Sumann,Am Dom 4-5, Magdeburg.Abb. 29 (links) Magdeburg inSachsen, Daniel Meisner, 1623.Ausschnitt um das RondellGebhard auf der Sdostecke derAltstadt Magdeburg. Hinter demin einer Innenecke desStadtmauerverlaufs stehendenTurm, stellt Meisner einkemenatenartiges hohes Haus dar.Abb. 30 (unten) KemenateReinstdt in Thringen. Der hohe,aus fnf Vollgeschossenbestehende Steinbau erhebt sichauf langrechteckigem Grundrissdes Seitenverhltnisses 2:1.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G5 4 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Streifen des aus ca. 40-50 cm mchtigen Lagenpa-keten aufgebauten, primren Bruchsteingefges er-halten blieben. Ein Bauwerk allein ber die Ver-satztechnik zu datieren, ist nur in Ausnahmefllenbedingt mglich. Deshalb kann der rudimentr er-haltene Primrbestand des Tatarenturmes nurganz allgemein in die 2. Hlfte des 13. Jahrhun-derts datiert werden. Der Umbau des Turmes von1899 zu Wohnzwecken fr den Diener des Staats-archivs brachte die gedoppelten Rechteckfenster imStil der Sptgotik und die Toreinfassung aus ge-schaltem Beton. Nur in den Giebelscheiben konn-ten Laibungen von primren ffnungen festge-stellt werden, allerdings nicht die ffnungsgrenselbst.Die sich auf das Niveau des Remterganges be-ziehende Rundbogentr in der Westfassade kann indas 16. Jahrhundert datiert werden. In der sdlichenSchmalseite des Turmes besteht die Einfassung ei-ner ebenfalls rundbogigen ffnung aus klosterfor-matigen Ziegeln. Diese im Bruchsteingefge se-kundr eingebaute ffnung bezieht sich auf dasumgebende Niveau und drfte zusammen mit demOberlicht in das 16. Jahrhundert datiert werden.ber die verwendeten Ziegel ist die gleichzeitigeVermauerung dieser Rundbogentr, des Oberlich-tes und der Einbau einer segmentbogig berspann-ten, rechteckigen Trffnung in der Mittelachse derFassade in eine sptbarocke Bauphase zu datieren. Somit lassen sich am Turm neben der primrenBauphase des Turmes aus der Mitte des 13. Jahr-hunderts, eine renaissancezeitliche Bauvernde-rung mit Trffnungen in der Sd- und Westwand,eine sptbarocke Trffnung in der Sdwand undder vollstndige Ausbau zur modernen Wohnein-heit am Ende des 19. Jahrhunderts rekonstruieren. Der Wohnturm von Benneckenbeck,Gro Ottersleben, Am Alten Turm 2 Im ehemaligen Gutspark von Alt Benneckenbeck,in der Niederung der Beke, befindet sich ein vier-geschossige Wohnturm. Er wird dem mittleren, derdrei seit 1703 geteilten ehemaligen Freihfe zuge-ordnet.Die Ortslage Benneckenbeck erstreckte sich imdirekten stlichen Anschluss an den im Mittelalterbefestigten Ort GroOttersleben und war als Guts-Abb. 31 Befundskizze derOstfassade des Tatarenturms mitder primren Bauphase des13. Jahrhunderts [1], mit denumfnglichen Strungen durchEinbau des Durchgangs und derFensterffnungen [2] von 1899,die lediglich die Giebelscheibendes ursprnglichen Bestandesverschonten. Die jngste Strungist der auenliegendeKellerzugang [3] des20. Jahrhunderts.Abb. 32 Ortslage Benneckenbeckim Historischen Metischblatt Nr. 2167. Die Gutssiedlungwurde 1920 nach GroOtterleben, 1922 mit KleinOttersleben zusammengelegt und1952 nach Magdeburgeingemeindet.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G5 5Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005siedlung eines Ritters Bonike angelegt worden.Noch um 1853 bestand der Ort lediglich aus 3groen Gehften sdlich des Weges (Abb. 32). DieOrtslage wurde von dem namenstiftenden Bachlaufder Beke nach Sden begrenzt (Abb. 33). Der OrtBenneckenbeck war schon immer nach Gro Ot-tersleben eingepfarrt, die Gerichte besaen noch1780 die Eigentmer der 3 Ackergter und nichtdas Amt der Domvogtei zu dem Gro Otterslebengehrte (Oesfeld 1780, S. 141f.) 15.Die erste Bestandsaufnahme und Publizierungdes Turmes erfolgte durch H.-J. Mrusek (1958, S.32, Abb. 39, 40), nach gleichzeitiger Dokumentati-on durch Werner Priegnitz (Abb. 34), zu einem Zeit-punkt als der Turm schon stark beschdigt und inden Obergeschossen unzugnglich war (Abb. 35).Das ehemalige Gut Benneckenbeck war um1360 Wohnsitz des Ritters Bonicke, der den Ort andem Bachlauf Beke grndete (Werte unserer Hei-mat, Magdeburg, S.109f.). Im Jahre 1594 bernahmder Erbkmmerer des Herzogs von Braunschweig,H. Albrecht Mynsinger von Frundeck, das GutBenneckenbeck. Im Jahre 1652 wird das Gut vonBrgermeister Lentke erworben und 1703 in dreiFreigter aufgeteilt (Dehio, Sachsen-Anhalt I, S.609).Der mittlere Hof mit dem im Park stehendenWohnturm gelangte 1902 in den Besitz der FamilieKhne (Am Alten Turm 2), und wurde im Zuge derBodenreform in 7 Neubauernhfe aufgeteilt 16.Der sich auf quadratischem Grundriss von 6,4 mKantenlnge ber 4 Geschosse erhebende Turm be-steht aus Bruchsteinmauerwerk des Bundsand-steins, Muschelkalks und vereinzelt aus Rogenstein(Abb. 36-37). Die aus groen Muschelkalk-Hau-steinen bestehenden Eckverbnde fassen die aussehr flachen und plattigen Bruchsteinen bestehen-den Wandscheiben ein. Das Fugenbild ist mit Kalk-mrtel geschlossen, der als berappter Putz auf denFassaden aufgeworfen wurde. Die Bruchsteine desim Erdgeschoss 1,3 m starken Mauerwerkes sind inLehm versetzt worden. Markantes Kennzeichen desschlanken und hohen Turmes sind die scheinbarprimr im Gefge eingebundenen Tr- und Fenster-gewnde.Im Erdgeschoss der Westfassade befindet sicheine Rundbogentr mit auenliegendem Anschlag-falz und der eingeschlagenen Jahreszahl 1594. DieOstfassade wurde offensichtlich nachtrglich miteiner spitzbogigen ffnung des 19./20. Jahrhun-derts durchbrochen. Die drei Obergeschosse desTurmes sind in allen Fassaden mit Fenstern und inder Nordfassade zustzlich mit Trffnungen ge-gliedert. Alle Kalksteingewnde, sowohl der Trenals auch der gedoppelte Rechteckfenster, wurdenmit einer ueren Verkrpfung im unteren Drittelgearbeitet. Diese bildet mit der umlaufenden Werk-steinkante eine Putzkante, weshalb fr die Einbau-phase der Gewnde auf den gleichzeitigen Verputzdes Turmes geschlossen werden muss.Die Segmentbogenfenster des 3. Obergeschos-ses bestehen aus Ziegellaibungen und werden vonEntlastungsbgen aus Grauwacke berspannt. DieAbb. 33 (links) Kataster mitMarkierung des Turmes in einerextra ausgeschiedenen Parzelle,die ab 1902 zum KhnschenHofe gehrte, davor zumMittelhof.Abb. 34 (rechts) Turm im Parkvon Alt Benneckenbeck, OT vonOttersleben. ZeichnerischeBestandsaufnahme durchW. Priegnitz. Aus NachlassWerner Priegnitz imKulturhistorischen MuseumMagdeburg.Abb. 35 (links) Der Wohnturm imPark von Alt Benneckenbeck vonSdwest, um 1950. Archiv desLDA Sachsen Anhalt.Abb. 36 (unten) Sdfassade desWohnturms im Frhjahr 2003.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G5 6 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Ostfassade wird in dieser Ebene von einem Okulusdurchbrochen, dessen Kalksteingewnde wie diegefasten Rechteckfenster gestaltet worden ist. DieRundbogentr des 2. Obergeschosses in der Nord-fassade wurde durch Einbau einer Ziegelscheibenachtrglich zu einem Okulus umgebaut.Die gefasten Gewnde sind an sich eine langle-bige Gestaltungsform des spten Mittelalters aberauch des ganzen 16. Jahrhunderts. Die Bauinschrift1594 sollte in baueinheitlicher Datierung mit demEinbau aller Gewnde selbst gesehen werden. Dieffnungs- und Werksteinformen widersprechendiesem zeitlichen Ansatz nicht. Zur architektoni-schen Gliederung der Fassade gehrte ein Rapputzmit abgesetzter Eckquaderung eines geriebenenGlattputzes. Von dem in den 50er Jahren noch imGesprre vorhandenen Zeltdach sind nur noch ein-zelne, abgestrzte Balken erhalten. Die dendro-chronologische Bestimmung des Flldatums ergab1661 17. Das mit dickem Schalungsmrtel berzogenespitzbogige Bruchsteingewlbe des Erdgeschosseswird mittig von einem sekundren Pfeiler ausKalksteinblcken untersttzt. An der Ostwand desRaumes zeichnet sich der Abriss einer durch dasKreuzgewlbe gezogenen Kaminhaube, einer dar-unter angeordneten Herdanlage, ab. Der Kaminzugmuss in der Wandstrke der Ostwand nach oben ge-fhrt haben und im weiteren Verlauf auf eine derGebudeecken der Ostseite verzogen worden sein.Das rezente Fenster im 1. Obergeschoss strte auf-grund seiner sekundren Stellung den Befund nicht(Abb. 39). Es wurde vermutlich erst Ende des 19.Jahrhunderts eingebaut. In der Nordwand des alsKche eingerichteten Erdgeschosses befand sich zu-dem ein hochliegendes Fenster, dessen Segmentbo-gennische erkennbar ist. Die Zugnge des 1. und 2.Obergeschosses lagen geschossweise getrennt in derNordwand des Turmes, das heit das 3. Oberge-schoss mute letztlich von innen erschlossen wer-den. Im 1. Obergeschoss konnte unter dem glatten,die Wandflchen und Fensternischen berziehendenPutz ein primres Kreuzgewlbes aus Ziegeln nach-gewiesen werden. Die ursprnglich vorhandenenSchildbgen wurden entfernt und deren Einbin-dungsschlitze mit kleinsteinigem Bruch ausgemau-ert. Die Bgen der Fensternischen schneiden denVerlauf der Schildbgen wohl nicht (Abb. 38).Resmierend knnen wir einen Bruchsteinturmmit gewlbtem, als Kche eingerichteten und vonauen erschlossenen Erdgeschoss rekonstruieren.Das gewlbte 1. Obergeschoss knnte einen Ka-min in der Ostwand enthalten haben, die techni-schen Vorgaben eines Kaminzuges vom Erdge-schoss waren zumindest gegeben.Die ersten beiden Obergeschosse wurden vonauen ber Leitern oder Stiegen erschlossen. Die baustratigraphisch eindeutige Trennungzwischen dem primren Ziegelgewlbe im 1. Ober-geschoss und dem alles berdeckenden Innenputzmuss nicht unbedingt auch die bauzeitliche Diskon-tinuitt zwischen Ziegelgewlbe und den Fen-sterffnungen bedeuten. Ein Indiz fr die baulicheGleichzeitigkeit von Fenster- und Trgewndenund Gewlbe knnte der externe Zugang zum 2.Obergeschoss sein, denn nur bei Vorhandensein desGewlbes im 1. Obergeschoss wre er zwingend er-forderlich gewesen.Die rtlichen Gegebenheiten erlaubten aus Si-cherheitsgrnden leider keine tieferen Eingriffe indie Substanz, um die Frage nach dem bauzeitlichenVerhltnis der Werksteingewnde zur Bauhlle zuklren. Von daher knnte fr den Turm in seinerGrundkonstruktion sowohl eine frhere Datierungaber auch die baueinheitliche Datierung mit denGewnden von 1594 vorgenommen werden.Die bernahme des Rittersitzes 1594 durch denErbkmmerer des Herzogs von Braunschweig Alb-recht Mynsinger von Frundeck steht entweder frdie Bauintention des Turmes als Gesamtwerk odernur fr die nachtrgliche reprsentative Ausstat-tung des Turmes mit greren Fensterffnungen,bei Beibehaltung der Gewlbe im Erd- und Oberge-schoss. Der Ausbruch des Gewlbes im 1. Oberge-schoss, der damit verbundene Einbau von Decken-balken und die Vernderung der Trffnung im 2.Obergeschoss zu einem Okulus knnten im bauli-chen Zusammenhang mit dem Zeltdach von 1661stehen.Abb. 39 (oben) Befundskizze derOstfassade. Neben demRapputz mit Eckquaderung (P2),der auch an die Gewndeanschliet, sind Restflchen einesvermutlich lteren berapptenPutzes (P1) erhalten. Die jngstenVernderungen des 19. und 20.Jahrhunderts werden von denPutzen (P3/4) markiert.Abb. 37 Trgewnde mitJahreszahl 1594 in derWestfassade des Wohnturms.Abb. 38 Westwand des1. Obergeschosses mit demrekonstruierten Verlauf desprimren Ziegelgewlbes.W O H N T R M E I M S T A D T G E B I E T V O N M A G D E B U R G5 7Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Literatur: Beschreibende Darstellung der lteren Bau- und Kunstdenkmler der Kreise Jerichow, Berab. von ErnstWernicke, Halle a.d.S. 1898Beschreibende Darstellung der lteren Bau- und Kunstdenkmler der Kreise Wolmirstedt, Berab. vonHeinrich Bergner, Halle a.d.S. 1911.Dehio, Georg /Handbuch der Deutschen Kunstdenkmler. Sachsen-Anhalt I, Bearb. von Ute Bednarz,Folkhard Cremer u.a., Mnchen/Berlin 2002.Mrusek, H.-J., Gestalt und Entwicklung der feudalen Eigenbefestigungen im Mittelalter. Abhandlungender Schsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische Klasse. Berlin 1973,Band 60, Heft 3.Mrusek, H.-J., Zur Stdtebaulichen Entwicklung Magdeburgs im hohen Mittelalter. Hrg. Rat der StadtMagdeburg, Abt. Kultur. Magdeburger Schriftensammlung. Magdeburg 1958, S. 33, Taf. XIX, Abb. 36.Sonderdruck.Oesfeld, C. L., Topographische Beschreibung des Hertzogthums Magdeburg und der Grafschaft Mans-feld Magdeburgischer Hoheit. Berlin, Wever 1780.Pomarius, M. J., Summarischer Begriff der Magdeburgische Stadt Chronicken/ darin angezeigt wird/wenn dieselbe Stadt ohnegefehr zu bawen angefangen/ auch was sich sieder anfangs derselbigen/ bis auffdiese gegenwertige zeit/ fast in die sechzehen hundert Jar/ Dechtwirdiges alda begeben und zugetragenhabe, Magdeburgk M.D.LXXXVII.Urkundenbuch der Stadt Magdeburg. Erster Band. Bearb. von Gustav Hertel. Geschichtsquellen derProvinz Sachsen und angrenzender Gebiete., Hrg. von der Historischen Kommission der Provinz Sach-sen. 26. Band. Halle/S. 1892. Zweiter Band, Halle/S. 1894. Dritter Band, Halle/S. 1896Urkundenbuch des Erzstifts Magdeburg, Teil 1: 937 1192. Bearb. von Friedrich Israel. Geschichts-quellen der Provinz Sachsen und des Freistaats Anhalt. NR. Band 18. Magdeburg 1937.Urkundenbuch des Klosters Berge bei Magdeburg. Bearb. von H. Holstein. Geschichtsquellen der Pro-vinz Sachsen und angrenzender Gebiete. Neunter Band. Halle/S. 1879.Werte unserer Heimat, Magdeburg und seine Umgebung, Berlin 1972.Bildquellennachweis: 1, 2, 4, 5, 6, 8, 9, 10, 12, 13, 15, 16, 17, 18, 19, 21, 23, 25, 26, 30, 31, 33, 36, 37: DuB 20033: Mrusek22, 34: KHM14: Kloster Berge Stiftung, Archiv Leitzkau 28: Fam. Sumann35: Landesamt fr Archologie und Denkmalpflege: 1 LHASA, Rep. A5a Gen. Nr. 42 Gutachten vom 11.12.2002, Dr. B. Heuner, Petershagen, Flldatum 1709, Waldkante.3 Hinsichtlich der Befunde in der Villa Brandt ist der Grabungsbefund in der Bergstrae 3-5, Halle/S.,hervorzuheben, da Verfasser aus einem der ergrabenen Trme ein ganz hnliches monolithischesRundbogenfenster geborgen hat. Ortsakte Halle/S. im Landesmuseum Halle. 4 s. Anm. 2, 2 Proben aus dem Dachgesprre des Fachwerkbaus: Flldatum kurz nach 1687.5 Der Terminus technicus Festes Haus wird hier bewusst zur Unterscheidung des behandelten Baukr-pers von den Trmen verwandt, ohne dass eine diesbezgliche historische Quelle vorliegt. Der histo-riologische Begriff Turmhaus musste zur Vergleichbarkeit des Objektes mit lteren Bearbeitungenweiterhin einleitend benutzt werden.6 LHASA, Rep. A 4k I. Lit. P. Nr. 14, Pag. 15: Nachrichtung wegen des Kleinen Hoffes zu Prester. An-no 1572, ...Ist beliehen Jacob Rode mit des Closters Capittelhoff nebst zween Huffen Landes....7 LHASA, Rep. A 4k I. Lit. P. Nr. 33, Pag. 9ff., 33ff., 50f.8 LHASA, Rep. A 4k III, A II. c. Nr.8, 1846: Der Begriff Turmgarten taucht erstmals in den Akten zuReparaturen auf den Besitzungen des Klosters Berge auf. 9 UKB Unser Lieben Frauen, S. 134, Nr. 150, 1282: ...Iohannes miles dictus de Rodense...10 StA Magdeburg. ZA 137.2411 StA Magdeburg, Magdeburger Zeitung vom 24.3.1988: Der Turmhof Rothensee.12 Das Kreuzgratgewlbe befindet sich im heutigen 2. Obergeschoss, das wohl ursprnglich das ersteObergeschoss war, da das darunterliegende, niedrige Zwischengeschoss sekundr sein drfte, weshalbes in der Bestandserfassung der Baudenkmler von 1911 auch keine Bercksichtigung fand. 13 Die lteste Erwhnung findet sich in der Urkunde von 1403, in der ein Taterntorme im Zusammen-hang mit dem torme bi dem badestoben genannt wird. 14 Urkundenbuch der Stadt Magdeburg I, S. 486-487, Nr. 821, 1403: Vorumb die phorten vor demgange, als man geit zu unser hern der thumhern badstoben, dar sullen unse hern dy thumhern eyne tho-re lazen vore hengen, dar mete sie den gangk besluszen, und dar zcu sal der uff dem taterntorme unduff dem torme bi dem badstoben itzlicher eynen sluczel haben und ouch der marktmeister eynen slos-zel von unser wegen, ab man des bedorffte, wan man schiltwache geit.15 Herzogtum Magdeburg, 1780: Holzcreis, 1. District, 4. Schriftsssige Rittergter, (5) Die Mustoph,Niesche und Lamprecht, als Eigentmer der 3 dasigen Gter haben die Gerichte im Dorf Bennecken-beck.16 StA Magdeburg, Gro Ottersleben, Winkel 2, ab 1954 Am Alten Turm 2.17 Die dendrochronologische Bestimmung des Flldatums 1661 wurde von Dr. B. Heuner, Petershagen,durchgefhrt.Anmerkungen:5 8 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Jahrhundertelang war der Domplatz oder auch derNeue Markt in Magdeburg Sitz von kirchlichen undVerwaltungseinrichtungen. Im Mittelalter warender Dom und die erzbischflichen mter das allesbeherrschende Element (Abb. 1). Neben dem Domgab es im Bereich der Stiftsfreiheit noch anderekirchliche Bauten, die Stifter. Es waren dies z.B. St.Nikolai, St. Gangolph und St. Sebastian. Sie warenEigenstifte des Domkapitels und von diesem abhn-gig, was in ihrer Verfassung zum Ausdruck kam.Seit 1107 amtierte in Magdeburg ein aus Halber-stadt vertriebener Domvikar als Erzbischof Adel-got. Er gilt als eigentlicher Grnder des Nikolai-stifts, das 1107/08 erstmals bezeugt ist. Eine Stif-tungsurkunde konnte bisher nicht beigebracht wer-den. Wie aus dem Namen hervorgeht, wurde es St.Peter und St. Nikolaus geweiht. Der Name St. Peterkam spter in Wegfall, wahrscheinlich weil, die Pe-trikirche in der Altstadt ihn zum Hauptheiligen er-whlt hatte. Der Domherr Bernhard von Domersle-ben stellte einen Teil des Stiftungsgutes zur Verf-gung. Adelgot selbst fgte spter weitere Liegen-schaften hinzu. Das Nikolaistift soll unmittelbar vor den West-trmen des Doms gelegen haben (Abb. 2). Der st-liche Teil des Chores der Nikolaikirche reichteeventuell bis an die heutigen Domtrme heran. Soberichtet es jedenfalls die Schppenchronik. Wahr-scheinlich erstreckte sich der Vorgngerbau desheutigen gotischen Doms, der 1207 abbrannte,nicht soweit nach Westen, dass beide Bauten sichbehindert htten. Die Kleriker des Nikolaistiftesdurften die im Atrium des Domes gelegene Kapelle(Rotunde) als Stiftskirche nutzen. Was mit dieserRotunde gemeint ist, lsst sich schwer einschtzen.Schon Thietmar von Merseburg schreibt in seinerChronik von einer ecclesia rotunda. Ob sie mitder Nikolaikirche identisch ist, wird sich schwernach der Zerstrung durch die Wenden feststellenlassen.Rotunden sind entweder Tauf-, Grab- oderSchlosskirchen. In diesem Falle wird es sich um ei-ne Taufkirche gehandelt haben, die wahrscheinlichzuerst Johannes dem Tufer geweiht war, ehe sienach ihrem Wiederaufbau zur Stiftskirche umge-wandelt wurde. Die Rotunde soll in der Mitte einTaufbecken gehabt haben. Umgeben wurde sie voneinem von Sulen umstandenen Vorhof, der sie un-mittelbar mit dem Dom verband. Friedrich Wilhelm Hoffmann ist der Auffassunggewesen, dass der Ottonische Dom, das Moritzklo-ster, die Wohnungen von Geistlichen und auch dieNikolaikirche an jenem Karfreitag 1207 abgebranntsind. Bei der Erbauung des jetzigen Domes wurdeeine geeignetere Stelle gesucht, als die, die der ab-gebrannte Dom eingenommen hatte, denn er lagweiter nrdlich und deshalb zu dicht am KlosterUnser Lieben Frauen. Die bessere Lage wurde amOrt des abgebrannten Moritzklosters und der klei-nen Nikolaikirche gefunden. Die Erbauer des neuenDomes hielten die Lage, wo sich der Dom heutenoch befindet fr freier, der Neubau konnte besserzur Geltung kommen.Als der Platz fr den Westbau des gotischenGotteshauses bentigt wurde, erhielten die Stifts-herren 1306 an der Nordwestecke des DomplatzesGrundstcke und zwar den Hof des Domherrn Sieg-fried von Anhalt fr den Neubau ihrer Kirche undaller erforderlichen Nebengebude. 1310 wird be-Abb. 1 Magdeburg vor derZerstrung 1631 (Ausschnitt)lgemlde im KulturhistorischenMuseum MagdeburgDas Nikolaistift und seine Kirche in MagdeburgIngelore BuchholzD A S N I K O L A I S T I F T U N D S E I N E K I R C H E I N M A G D E B U R G5 9Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005urkundet, dass das Nikolaistift ein weiteres Grund-stck zu diesem Zweck erhlt. Es war ein Platz aufdem Hof der Dompropstei gegen Abtretung derStelle, auf der die Stiftskirche bisher gestanden hat.Natrlich handelte es sich bei der sozialen Stellungihrer bisherigen Besitzer um Steinhuser, was jng-ste Ausgrabungen besttigt haben.Bei dem Dombau war die Kirche des Nikolaistif-tes, solange es mglich war, geschont worden. Soll-te der Dombau aber nicht vollends zum Stillstandkommen, musste Anfang des 14. Jahrhunderts mitdem Abbruch begonnen werden.Zu den Grundstcken fr den Kirchenneubau ka-men nicht unerhebliche Geldmittel, so dass dasStift durchaus in die Lage versetzt wurde, den Neu-bau durchzufhren. Wahrscheinlich wurde um 1350mit dem Kirchenneubau begonnen. Es entstand eindreischiffiger gotischer Hallenbau von betrchtli-chen Ausmaen. Im Innern betrug die Lnge59,55 m, die Breite 23,65 m und die Hhe18,30 m. Damit konnte sie mit einigen inder Stadt vorhandenen Kirchen durchauskonkurrieren, ja sie sogar bertreffen.Der Raum war durch acht Pfeilerpaarein 27 Mittel- und Seitenjoche aufge-teilt. Er war ursprnglich einge-wlbt. Der Chor tritt nicht als be-sonderer Teil des Baus hervor.Die ungleiche Behandlung derArkadensttzen und der Gewl-betrger hatte wahrscheinlichdas Ziel, den Ostraum des Bau-werkes als Chor und den west-lichen Teil als Vorderschiff zukennzeichnen. Obwohl beiden archologischen Ausgra-bungen ein Quermauerriegelim stlichen Hauptschiff aufge-deckt wurde, der von den Archo-logen als Lettner interpretiertwird, ist dies baugeschichtlich eherunwahrscheinlich. Lettner treten abdem 13. Jahrhundert auf. Er ist einMerkmal der Gotik, war aber in derRegel nur den Bischofskirchen vor-behalten. Nach 1500 werden dieLettner unblich. Von vornherein war die Kirchewohl als turmlose Hallenkirchegeplant. Bereits 1540 wurde dieNikolaikirche durch einen Brandbeschdigt. Danach musste insbesondere das Dacherneuert werden. Aber auch der nrdlich der Kircheliegende Kreuzgang hatte gelitten.Von der Zerstrung Magdeburgs im Jahre 1631blieb die Nikolaikirche nicht ausgenommen. Wie-der wurde das Dach vernichtet. Da lange Zeit keineReparaturen erfolgten, strzten auch Gewlbe ein.Erst ab 1677 konnten sich die Stiftsherren zu ge-wissen Reparaturen entschlieen. 1683 war sienoch immer nicht vllig wiederhergestellt, wasdurch die kurfrstlichen Stellen scharf gergt wur-de. Die Stiftsherren entschuldigen sich mit man-gelnden Geldmitteln. Erst 1688 ist der Bau soweitgediehen, dass darin wieder Gottesdienste abgehal-ten werden konnten. Das Dach war erneuert und ei-ne flache Balkendecke eingezogen worden, die biszur endgltigen Zerstrung im Zweiten Weltkriegso erhalten blieb.Vom Breiten Weg konnte die Ostseite des Stift-gelndes durch den Kreuzgang erreicht werden.Dieser war ein dunkler, tiefliegender Gang. SiebenStufen fhrten in den Kreuzgang hinab und auf derOstseite wieder herauf.Anfang des 18. Jahrhunderts fasste der Gouver-neur Frst Leopold von Anhalt-Dessau den Plan,eine Verbindungsstrae vom Breiten Weg zumPosthaus anzulegen. Dagegen verwahrten sich dasKapitel und der Dechant Stilcke. Als Begrndunggaben sie an, dass der dazu notwendige Abbruchdes Kreuzganges die Kirche beschdigen knne, dabeide fest miteinander verbunden seien.Auch der Hinweis auf den seit Pestzeiten starkbelegten Friedhof neben dem Kreuzgang, derden Bauarbeiten auch zum Opfer fallen wrde,ntzte nichts.Leopold lie dem Kapitel am 22. Mai 1724mitteilen, falls nicht bis 2 Uhr angefangenwrde, den Kreuzgang abzubrechen, wr-den 20 Steinbrecher antreten. Was dannauch geschah. Der Kreuzgang und diemit ihm verbundenen Gebude wurdenabgerissen. Die Kreuzgangstraeentstand. Unter den Kellern derneuerbauten Privathuser in derKreuzgangstrae befanden sich wei-terhin Grber vom ehemaligen Friedhofder Nikolaikirche, wie die Ausgrabun-gen belegten..Auf alten Stadtansichten von Merianund Pomarius erscheint die Nikolaikir-che immer mit einem groen, allseitiggewalmten Satteldach. Das Dach warmit einem Trmchen versehen. ber-haupt ist der gesamte Bau sehr schlichtgewesen, wie unschwer aus dem Grund-riss des Regierungsbaumeisters ErichWolfrom ersichtlich ist (Abb. 6). Einst-mals vorhandene Einwlbungen sindnach den verschiedenen Zerstrungennicht wieder ausgefhrt worden. VonKunstwerken ist nichts erhalten geblie-ben, woran wohl auch die Reformati-on ihren Anteil haben mag. Ur-sprnglich befand sich in einer goti-schen Nische an der Auenseite derAbb. 2 Domfreiheit um 1180Westlich des Domes die Rotunde,wahrscheinlicher Vorgngerbauder NikolaikircheAbb. 3 Petrusehemals in der Nikolaikirche, jetztim Kloster Unser Lieben Frauen,Hochsulige KapelleD A S N I K O L A I S T I F T U N D S E I N E K I R C H E I N M A G D E B U R G6 0 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Nordwand zwischen den beiden stlichen Fensterneine steinerne mittelalterliche Statue, die den Apo-stel Petrus darstellen soll (Abb. 3). Es ist die Figureines Mannes, nicht in voller Lebensgre. Er istbrtig, barhuptig, trgt ein langes Gewand und hatden Mantel ber den rechten Arm geschlagen. Sei-ne Hnde sind verstmmelt. Deshalb fehlen wohlauch die entsprechenden Attribute, wie z. B. derSchlssel. Die Figur hat heute ihren Standort in derhochsuligen Kapelle des Klosters Unser LiebenFrauen.Der Haupteingang des Stiftes befand sich zurZeit Berghauers um 1800 auf der Westseite. Schondamals wurde die Kirche nicht mehr zu Gottesdien-sten genutzt. Vier Vikare und vier Choralisten san-gen nur noch wchentlich viermal vor- und nach-mittags die Hora. Ein Teil der Kirche diente derAufbewahrung von Kriegsgertschaften. Das Stift selbst bestand bis 1810 (Abb. 4). AufBefehl Napoleons war die Kirche mehrere JahreKaserne und Lazarett. Erst 1827 wurde sie Zeug-haus.Wie bereits erwhnt, war das Nikolaistift einerzbischfliches Eigenkloster. Eigenklster warenKanonikate, deren Priester nach verschiedenen Re-geln (Kanon) zusammenlebten. Derartige Kanoni-kate gab es an Bischofskirchen, aber auch an Pfarr-kirchen mit selbstndiger Seelsorge und mehrerenKlerikern. Das Leben der Insassen, so auch der Ka-noniker des Nikolaistifts, beruhte auf der Benedik-tinerregel. Sie bildeten eine Lebens- und Gebetsge-meinschaft. Sie mussten krperlich vollkommensein und aus den besten Familien stammen. Vor al-lem aber war es wichtig, dass sie ehelich geborenwaren. Entsprechend der Forderung nach Bildungwar fr die Kanoniker der erzbischflichen Ei-genklster Magdeburgs ein UniversittsstudiumPflicht. Besonders die Universitten Leipzig, Erfurtund Wittenberg wurden bevorzugt besucht.Das Leben der Kanoniker war nicht so strengwie das der Mnche. Sie waren an die einfachenGelbde der Keuschheit, der Ehelosigkeit und desGehorsams gebunden. Fleischspeisen, privates Ei-gentum und eine eigene Wohnung waren Ihnen er-laubt. Sie verwalteten ihr Vermgen selbst und be-saen ein eigenes Siegel. Der gemeinsame Speise-und Schlafsaal wurd von ihnen kaum benutzt. DasLeben der Kanoniker nahm zunehmend adlig-feu-dale Formen an und lie die kirchlichen PflichtenAbb. 4 StiftsordenAbb. 6 KirchengrundrisseD A S N I K O L A I S T I F T U N D S E I N E K I R C H E I N M A G D E B U R G6 1Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005immer mehr in den Hintergrund treten. Sie hattensogar die Mglichkeit, aus der Gemeinschaft desStiftes auszutreten. Eine solche Entwicklung bahn-te sich im 12./13. Jahrhundert an. Ihren Lebensun-terhalt bezogen sie aus Schenkungen von Lnderei-en und Gtern insbesondere aus der MagdeburgerUmgebung. Sie lebten von den Abgaben der hri-gen und leibeigenen Bauern sowie auch der freienBauern. Die Urkundenbcher des Erzstiftes und derStadt Magdeburg zeigen auf, wie viele Schenkun-gen an die einzelnen kirchlichen Einrichtungen imLaufe der Jahrhunderte gingen. Bemerkenswert ist,dass diese Schenkungen an das Nikolaistift nichtvom Stiftsadel, sondern in erster Linie vom Erzbi-schof und der hohen Geistlichkeit kamen. Das Stiftgelangte zu groen Besitztmern. Es war das reich-ste der Magdeburger Kollegiatstifter.Das Nikolaistift, wurde von Prlaten geleitet.Der Propst vertrat es nach auen und verwaltete dieStiftsgter. Dem Prior oblagen die inneren Angele-genheiten, besonders die Ordnung der Gottesdien-ste sowie die Disziplinargewalt. Der Kellner ver-waltete die Einknfte und das Vermgen. Der K-ster hatte die Aufsicht ber die Gebude, denSchatz und das Archiv. Karitative Aufgaben, wiedie Unterhaltung eines Hospitals, wurden nicht er-fllt.Im 16. Jahrhundert gab es im kirchlichen Lebeneinen gewaltigen Umbruch in Form der Reformati-on. Die Reformation, die unter schweren Auseinan-dersetzungen und harten Kmpfen entstand, be-wirkte die Auflsung der abendlndischen Kir-cheneinheit. Neben der Papstkirche entstand dieevangelische Kirche, und sie behauptete sich in derFolge ber die Jahrhunderte hinweg. Dies war vorallem mglich, weil es eine nach Vernderung derdamaligen Lage drngende Bewegung gab. Es wa-ren nicht nur kirchliche, sondern vor allem politi-sche und wirtschaftliche Probleme sowie allgemeingeistige Bestrebungen im Spiel. Die deutsche Re-formation war eine der umfassendsten Bewegungenin der deutschen Geschichte, die wesentlich vonMartin Luther geprgt wurde.Um die Einfhrung der Reformation gab es auchin Magdeburg harte Auseinandersetzungen. DerRat der Stadt unter Brgermeister Sturm holte, umdem Aufruhr Herr zu werden, Martin Luther nachMagdeburg, der in der Johanniskirche predigte. Am9. August 1524 wurden 18 Thesen verfasst. DieThese 4 widmete sich den Klstern. Sie stellte fest,dass die geistlichen Gelbde wider Gottes Wort sei-en, sie seien gegen die menschliche Vernunft unddeshalb sei niemand an sie gebunden.Mit Erzbischof und Domkapitel blieben die dreiStiftskirchen St. Sebastian, St. Nikolai und St.Gangolfi vorerst katholisch und auch die Klsterder Franziskaner, Dominikaner und Prmonstraten-ser. Damit war praktisch eine Zweiteilung der Stadterreicht. Es gab einen kleinen um den Dom ge-scharten sdlichen katholischen Teil und einengreren evangelischen Teil im Norden der Stadt.Die Mehrheit der Altstadt mit ihren Kirchen warevangelisch. Die Stiftsherren von Nikolai hatten die Refor-mation bisher abgelehnt und sich sehr reserviertverhalten. Es war vorgesehen, die Nikolaikirche alsDisputationssttte zwischen katholischen und pro-testantischen Geistlichen zu whlen. Wahrschein-lich hat die ablehnende Haltung der Kanoniker ge-gen die Reformation bewirkt, dass es nicht dazukam.Auf Drngen der Stnde ffnete 1567 das Dom-stift den Dom fr den evangelischen Gottesdienst.Die evangelischen Predigten hielt DompredigerSack. Noch im gleichen Jahr wurden die Stifter St.Gangolfi und St. Sebastian evangelisch. Bei St. Se-bastian predigte der damalige Rektor der Stadtschu-le Magdeburg, Georg Rollenhagen. Als letztes StiftAbb. 9 Ausgrabungen auf demGelnde der ehemaligenNikolaikirche im Jahre 2003D A S N I K O L A I S T I F T U N D S E I N E K I R C H E I N M A G D E B U R G6 2 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005folgte St. Nikolai im Jahre 1573. Als evangelischerPrediger wurde der Subdiakon am MagdeburgerDom, Martin Gallus, angestellt.Regelmiger Gottesdienst wurde in der Stifts-kirche seit 1593 wieder abgehalten. Allerdings warder Zulauf gering. Die Gottesdienste fanden mitUnterbrechungen durch den Dreiigjhrigen Kriegbis ins 18. Jahrhundert hinein statt.In den letzten Jahrhunderten nach der Reforma-tion war das Stift zur Versorgungseinrichtung frAdelige, Beamte und Offiziere verkommen. Derehemalige geistliche Charakter des Stiftes war vl-lig verloren gegangen.In Magdeburg sind ltere Grber, Grfte undEpitaphien in Kirchen zu finden (Abb. 9). Auerauf dem Friedhof waren die Gewlbe der St. Niko-laikirche stark mit Erbbegrbnissen und Srgen be-legt. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Platz inder Kirche bereits knapp. Aber immer wieder wur-de die Stiftsleitung um Begrbnispltze gebeten,obgleich die Gebhren von 30 bis 90 Talern dafrnicht unerheblich waren. Die Srge mussten teil-weise bereinander gestellt werden.Es war bekannt, dass die Familie Guericke dorteine Gruft besa. Bei der Suche nach dem Grab desWissenschaftlers und Brgermeisters Otto vonGuericke, dass ja lange Zeit unbekannt war und erstin den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wahr-scheinlich gemacht werden konnte, dass es sich inder Johanniskirche befindet, wurde das Interesse anden Beerdigungen in der Stiftskirche St. Nikolaigeweckt und Nachforschungen angestellt.Mit der Aufgabe wurde der damalige Stadtarchi-var Dr. Ernst Neubauer beauftragt (Abb. 7).Der Enkel Otto von Guerickes, Leberecht vonGuericke, hatte 1716 eine Gruft erworben. Darbergibt es einen Vertrag, der am 14. Mai abgeschlos-sen wurde (Abb. 5). Es muss sich um ein groesAbb. 7 Zeichnung von ErnstNeubauer zu seiner erstenAusgrabung in der Nikolaikircheim Jahr 1908Abb. 8 (rechts) Epitaph derFamilie Leberecht von Guerickesaus dem Jahr 1717, vorher in derSt. Nikolaikirche, jetzt in derJohanniskircheAbb. 5 a bis c Vertrag Leberechtvon Guerickes mit denCapitulares des St. Nikolaistiftszur Errichtung einer Familiengruftvom 16. Mai 1716D A S N I K O L A I S T I F T U N D S E I N E K I R C H E I N M A G D E B U R G6 3Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Grab wahrscheinlich links neben der Kirchentrzum Altar hin gehandelt haben (Abb. 8).Die erste Grabung Neubauers brachte keinerleiSpuren, die auf ein Grab Otto von Guerickes hinge-deutet htten. Allerdings wurden noch drei un-berhrte Gewlbe festgestellt. Dadurch wurde diebis zu diesem Zeitpunkt bestehende Auffassung,dass bei der Einrichtung der Kaserne 1808 alle Sr-ge entfernt worden seien, erschttert. Daraus zogNeubauer die Schlussfolgerung, dass noch weitereunberhrte Gewlbe vorhanden sein knnten und ineinem davon Otto von Guericke bestattet sein knn-te. Auf Grund dieses Befundes zog er nun viele so-genannte Augenzeugenberichte in Zweifel.Eine zweite Grabung in der Stiftskirche unterder erneuten Leitung von Dr. Neubauer begann am9. Juni 1908. Sie dauerte drei Wochen und kostete519,14 Mark Im Bericht fr die Stadtverordneten vom 13. Ok-tober 1908 ber das Ergebnis der Grabungen zogNeubauer folgendes Resmee: Es sind... im ganzen17 Einzel-Grabgewlbe verschiedener Gre fest-gestellt worden. Von diesen waren 8 bereits frhergeffnet und mehr oder minder zerstrt, 9 abernach der Beisetzung noch nicht wieder berhrt. So-weit sich erkennen lie, waren smtliche Gewlbemit Ausnahme eines sehr tief gelegenen, das etwaaus dem 16. Jahrhundert stammte, im 18. Jahrhun-dert angelegt. Irgend einen Anhalt, einen Sarg alsden Otto von Guerickes oder eines seiner Nach-kommen zu bezeichnen oder eine bestimmte Gruftals das Guerickesche Erbbegrbnis anzusprechen,wurde nicht gefunden. Da indes nach Angabe einesAugenzeugen das Begrbnis im nrdlichen Seiten-schiff gelegen haben soll und fr acht Personen be-rechnet war, so ist zu vermuten, dass die grteGruft in der Mitte dieses Schiffs die der FamilieGuericke gewesen ist. Diese Gruft war ausgerumtund teilweise mit Schutt bedeckt. Neubauer hlt ander These fest, dass Otto von Guericke in der Niko-laikirche seine letzte Ruhe gefunden hatte.Als Beweis fhrt er weiter aus: 1807 musste dieNikolaikirche auf Befehl der franzsischen Militr-behrden Hals ber Kopf in ein Lazarett umgewan-delt werden. Damals wurde der Fuboden der Kir-che um 30 cm erhht; fast alle Leichensteine undGrabtafeln wurden herausgerissen und die Grfte,soweit sie im Weg waren, ausgerumt und eingeeb-net. Dies Schicksal hat offenbar das GuerickescheErbbegrbnis mitgetroffen; in der Brgerschaftwurde damals erzhlt, dass des Brgermeisters Ge-beine herausgenommen seien. Man hob die Srgeaus der Gruft und beerdigte sie dann teils vor demSudenburger Tore, teils auf dem Krakauer Anger.So sind also hchstwahrscheinlich 1807 Gue-rickes sterbliche Reste an einer dieser beiden Stel-len, die nicht kenntlich gemacht und inzwischenwohl lngst wieder umgegraben sind, beigesetztworden und fr die Nachwelt verschollen.1812, am 7. April, wurde das Zeughaus durch ei-nen Brand total vernichtet (Abb. 11). Ein Neubauwurde nicht errichtet (Abb. 10). Die leerstehendeAbb. 11 Plan der Stadt Magdeburg, Mit jedem einzelnenHause in seiner verhltnismigenGre, 1829, Vorlage entworfenund in Stein gravirt von C. Robolsky AusschnittAbb. 10 Das Zeughaus nachWolfromD A S N I K O L A I S T I F T U N D S E I N E K I R C H E I N M A G D E B U R G6 4 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Nikolaikirche diente knftig bis 1918 als provisori-sches Zeughaus. Danach war sie Geschftshaus undSpeicher.Spter wurde der Gedanke ihrer Wiederaufle-bung als Zeughaus erneut aufgegriffen. In der Zeitdes Faschismus war Franz Seldte der eigentlicheUrheber dieser Idee.Franz Seldte, 1882 in Magdeburg geboren,Kaufmann, Fabrikant, Politiker, spter Reichsar-beitsminister, hatte am 1. Weltkrieg teilgenommenund grndete am 25. Dezember 1918 in Magdeburgden Stahlhelm. 1919 erfolgte die Grndung desReichsbundes des Stahlhelms ebenfalls in Magde-burg, und Seldte wurde erster Bundesfhrer. DerSitz des Stahlhelms war Magdeburg. Mit der Zustimmung Adolf Hitlers und HermannGrings wurden die Formalitten, die zur Errich-tung des Zeughauses ntig waren, schnell erledigt.Der Verein Zeughaus-Museum, Alte Nikolaikir-che e. V. konnte sich bald als Besitzer der Immo-bilie bezeichnen.Das Gebude sollte als Museum fr Uniformen,Waffen der alten Armee vor dem Weltkrieg1914/18, Beutestcke der jetzigen Kriege: Gescht-ze, Maschinengewehre, Granatwerfer, Panzerbch-sen, Gewehre, Uniformen usw. dienen.Fr den neuen Zweck wurde bereits 1936 mit derUmgestaltung des Bauwerkes begonnen. Positivdabei war, dass denkmalpflegerische Aspekte teil-weise beachtet wurden (Abb. 13).Auf der Westseite hatten sich Stockwerkfensterbefunden. An ihrer Stelle entstand ein groes Spitz-bogenmittelfenster. Alle Fenster der Kirche wurdenwieder auf die gleiche Hhe gebracht und erhieltendie gleichen Ausmae, was fr die Raumwirkungund den Lichteinfall sehr vorteilhaft war (Abb. 12).Im Zuge der Errichtung als Zeughaus erhielt dasGebude neue Ein- und Ausgnge. Der Hauptein-gang entstand an der Sdseite mit einem zweiachsi-gen Portalvorbau und konnte vom Domplatz ausdurch das wiedererrichtete Sterntor erreicht werden Einen weiteren Eingang hatte das Zeughaus aufder Westseite. Er war besonders fr Konzertbesu-cher gedacht. Vier Ausgnge an der Ost- und Nord-seite entsprachen den baupolizeilichen Forderun-gen nach Sicherheit. Im Innern der Kirche wurdeeine Orgelempore mit zweiseitigem Treppenauf-gang von der Halle aus geschaffen.Besonders wichtig war die Instandsetzung desDaches und der Holzbalkendecke. Der alte Putz undAnstrich an den Wnden und Pfeilern wurden be-seitigt. Bei den Pfeilern wurde soweit noch vorhan-den, das Quadermauerwerk wieder sichtbar ge-macht. Der Fuboden erhielt einen Ziegelbelag ausrechteckigen gebrannten Ziegelplatten.Schmckende Zutaten waren 20 groe farbigeFenster, bleiverglast. Sie waren fr die farblicheStimmung des Raumes ausschlaggebend, zumal dieWnde nur die Farbe des Putzes aufwiesen. Die 16Abb. 13 Zeughaus-Museum,InnenansichtAbb. 12 Bauzeichnungen fr denUmbau der Nikolaikirche zum Zeughaus-Museum, 1937/38D A S N I K O L A I S T I F T U N D S E I N E K I R C H E I N M A G D E B U R G6 5Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005farbigen Fenster an den Lngsseiten zeigten im un-tersten Fnftel Wappen Magdeburger Familien, alsStifter der Fenster.Eingeweiht wurde das Zeughaus am 18. Dezem-ber 1938 durch den Reichsarbeitsminister FranzSeldte.An der Gestaltung des Hauses war eine Reihevon Knstlern beteiligt. Die Fenster hatte derKunstmaler Vogeler aus Berlin entworfen. IhreAusfhrung erfolgte in den Werksttten von Ferdi-nand Mller in Quedlinburg. Die geschmiedetenBeleuchtungskrper waren in Berlin bei WalterBrendel hergestellt worden. Der KirchenmalerMannewitz-Jvenitz hatte die malerische Ausge-staltung ausgefhrt. Die Orgel war ein Werk vonEmil Hammer aus Hannover. Die Gesamtbaulei-tung hatte Oberbaurat Dr. Ing. Dobert aus Magde-burg.Nach Fertigstellung konnte die Halle 4000 Besu-cher fassen.Im Innern war das Zeughaus ausgestattet mitTausenden von Fahnen des ehemaligen Stahlhelms.In Glasvitrinen waren Erinnerungsstcke ausge-stellt, darunter auch die Generalsuniform Hinden-burgs. Mit der Sammlung von Waffen wurde be-gonnen.Die in der Halle konzentrierte militrische Pr-senz konnte allerdings nicht verhindern, dass dasZeughaus ebenfalls Opfer der Zerstrung Magde-burgs am 16. Januar 1945 bis auf die Auenmauernzerstrt wurde.Die Zerstrung Magdeburgs brachte auf jedenEinwohner 20 Kubikmeter Schutt. Deshalb galtendie ersten Anordnungen der damaligen Stadtver-waltung der Beseitigung der Trmmer und demWiederaufbau dringend bentigter Wohnungen.Trotzdem wurde daneben mit den Arbeiten an denwertvollsten historischen Gebuden wie dem Dom,den Bauten am Domplatz, dem Kloster Unser Lie-ben Frauen und dem Rathaus begonnen. Die schwer zerstrte ehemalige Nikolaikirchewurde im Jahre 1959 gesprengt (Abb. 14). DieSprengung begann am 21. Mai 1959 mit der westli-chen Hlfte der Nordwand. Die Volksstimme teiltediese vorgesehene Sprengung am 26. Februar 1959mit. Anlass dafr bot die unmittelbare Einsturzge-fahr.Bei den Plnen zur Gestaltung und zum Aufbauder zerstrten Gebude am Domplatz, die es seit et-wa 1947 gab, war eine Neuerrichtung des Zeughau-ses nicht vorgesehen.Auf der Westseite des Domplatzes sind zu Be-ginn des 21. Jahrhunderts monumentale Neubautenentstanden. Der Neubau der NordLB besteht ausedlen Materialien, wie dem Naturstein Quarzit.Durch seine blaue Frbung verbreitet das Gebudeeine gewisse Khle und Strenge und steht damit imKontrast zu den in warmen Farben getnchten Ba-rockbauten auf der Nord- und Ostseite des Dom-platzes. Die Pfeiler der ehemaligen Nikolaikirche wer-den nach ihrer Bearbeitung und Versetzung an eineandere Stelle die Fundamente des Hundertwasser-hauses tragen. Diese Grne Zitadelle, die an dieStelle der Nikolaikirche treten soll, ist, wie ihrSchpfer, Friedensreich Hundertwasser, sein letz-tes Werk bezeichnete,... ein Gebude, das sichtraditionsgebunden mit einer gewissen Strenge per-fekt in die Umgebung des Domplatzes einfgt unddennoch revolutionr und innovativ ist, weil es indie Zukunft weist, in der die Natur und die Trumedes Menschen wieder einen Stellenwert erhalten.Abb. 14 Ruine der Nikolaikirchean der Karl-Marx-Strae (heutewieder Breiter Weg) um 1955 D A S N I K O L A I S T I F T U N D S E I N E K I R C H E I N M A G D E B U R G6 6 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Literatur: Asmus, H., 1200 Jahre Magdeburg die Jahre 805 1631. Magdeburg 2000.Mrusek, H.-J., Zur stdtebaulichen Entwicklung Magdeburgs im Hohen Mittelalter. MagdeburgerSchriftenreihe, Halle o.J.Wolfrom, E., Die Baugeschichte der Stadt und Festung Magdeburg. Magdeburger Kultur- und Wirt-schaftsleben Nr. 10, Magdeburg o.J.Bildquellennachweis: Abb. 1: Kulturhistorisches MuseumAbb. 2, 3: nach MrusekAbb. 4, 8, 9: Jrgen BuchholzAbb. 5: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg, Rep. A4b, Nr. 388bAbb. 6, 10: nach WolfromAbb. 7, 11, 12, 13, 14: Stadtarchiv Magdeburg6 7Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Abb. 1 Burgbefestigung wie sieim 9. Jahrhundert auf demheutigen Magdeburger Domplatzgestanden haben knnte. Sicht aufeinen Holz-/Erdewall mit Tor undhlzernem Umgang.Am Computer simuliert Wechselbilder der GeschichteSven SchulzAbb. 2 Vogelperspektive aufWall, Graben und InnenbebauungAbb. 3 Steinbau des13. Jahrhunderts wie er an derNordwestecke des Domplatzeslaut Grabungsergebnissegestanden haben knnte.Die Nachbargebude alsFachwerkhuser wurden frei dazugefgt.A M C O M P U T E R S I M U L I E R T W E C H S E L B I L D E R D E R G E S C H I C H T E6 8 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Abb. 5 MglicheStraenbebauung mitFachwerkhusern im Stil des13. Jahrhunderts.Abb. 4 (rechts) Steinbau des13. Jahrhunderts mitanschlieendem Hof und Garten.Abb. 6/7 Nikolaikirche wie siemglicherweise im14. Jahrhundert an derNordwestecke des Domplatzesnach Abbruch des Steinhauses indie Bebauung eingefgt wordenist.A M C O M P U T E R S I M U L I E R T W E C H S E L B I L D E R D E R G E S C H I C H T E6 9Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Abb. 8 Modell der Stiftskirche St. Nikolai nach Stichen des 16. und 17. Jahrhunderts.A M C O M P U T E R S I M U L I E R T W E C H S E L B I L D E R D E R G E S C H I C H T E7 0 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Abb. 9 und 10 (Mitte rechts)Nikolaikirche mit Kreuzgang vonNorden gesehen.Abb. 11 (Mitte links) und 12Nikolaikirche zu Beginn des20. Jahrhunderts. Ansicht von Ost.A M C O M P U T E R S I M U L I E R T W E C H S E L B I L D E R D E R G E S C H I C H T E7 1Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Abb. 13/14Innenansichten Nikolaikirche.7 2 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Der gemauerte Abfallschacht (Abb. 1) eines Gra-fenhofes aus der 2. Hlfte des 13. Jahrhunderts er-wies sich fr die Archobotanik als interessanterBefund. Der Schacht wurde bei archologischenAusgrabungen auf dem Baugelnde des Hundert-wasserhauses in Magdeburg entdeckt. Unter Bau-schutt war an der Sohle des Abfallschachtes nocheine 50 cm mchtige Abfallschicht mit mittelalter-lichen Funden vorhanden. Neben mittelalterlichemKochgeschirr fanden sich reichlich Tonkrge, Kan-nen und Trinkbecher. Auch Glser fehlten nicht.Um einen nheren Einblick in die Essgewohnheitender Bewohner zu erhalten, erschien es lohnenswert,neben den Tierknochen auch die pflanzlichen Restezu untersuchen. (Abb. 1)MethodeIn der Abfallschicht waren mehrere Bodenprobengeborgen worden. Diese Proben wurden im Laborfr Archobotanik des Landesamtes fr Denkmal-pflege und Archologie in Halle (Saale) bearbeitet.Die technische Aufbereitung fhrte Margitta Jah-reis durch. Die Makrorestproben wurden mit Metallsiebenunterschiedlicher Maschenweiten nass gesiebt. Diekleinste Siebmaschenweite betrug hierbei 0,25 mm.Bei der Verwendung grobmaschiger Siebe, selbstbei den in Privathaushalten blichen Kchensieben,gehen hingegen kleine Pflanzenreste verloren, bei-spielsweise Nsschen von Erdbeeren und auch vie-le hrenspindelreste. Im Vergleich zu Pollenkrnern sind Samen undFrchte eher gro. Man spricht daher von pflanzli-cher Grorestanalyse. Die spezifischen anatomi-schen Details sind bei Samen und Frchten jedocherst bei entsprechender mikroskopischer Vergre-rung zu erkennen. Die Pflanzenreste wurden ausden getrockneten Siebrckstnden daher mit Hilfeeines Binokulars ausgelesen und identifiziert.Insgesamt wurden neun Proben von insgesamt4450 ml auf ihren Gehalt an Pflanzenresten unter-sucht. Die Abfallschicht war whrend ihrer Auf-deckung nur noch mig feucht gewesen. Es wardaher zunchst nicht bekannt, ob die Bodenprobennur Verkohltes oder auch Unverkohltes enthaltenwrden. In einem Trockenboden bleiben in der Regelausschlielich verkohlte Pflanzenreste ber Jahr-hunderte erhalten, whrend in einem Feuchtboden-befund auch unverkohlte Samen und Frchte sowiePollenkrner berliefert sein knnen(Jacomet/Kreuz 1999). Es zeigte sich, dass die Bo-denproben verkohlte und auch unverkohlte sowiemineralisierte Pflanzenfunde enthielten. Vor allemsind es hartschalige Pflanzenreste, whrend zart-wandigere subfossile Pflanzenteile vergangen sind. Die Erhaltungsbedingungen waren in dem besag-ten Abfallschacht in den vergangenen sieben bis achtJahrhunderten also nicht immer optimal gewesen.Man kann lediglich von einem episodisch existieren-den Feuchtbodenmilieu ausgehen. Aufgrund der ein-geschrnkten Konservierung waren die Pflanzenre-ste nicht in jedem Falle bis auf das Artniveau zuidentifizieren. Abb. 1 Gemauerter Abfallschachtunter der ehemaligenNikolaikirchePflanzenfunde aus dem mittelalterlichen Magdeburg Der Abfallschacht eines GrafenhofesMonika HellmundAbb. 2 Proben aus demAbfallschacht (Befund 88)des 13. Jh.sP F L A N Z E N F U N D E A U S D E M M I T T E L A L T E R L I C H E N M A G D E B U R G D E R A B F A L L S C H A C H T E I N E S G R A F E N H O F E S 7 3Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Pflanzenreste des Abfallschachtes Insgesamt waren in den untersuchten Probenmen-gen etwa 2600 Pflanzenreste enthalten, wobei Frag-mente ebenfalls als Ganze gezhlt wurden. Diesentspricht einer Dichte von durchschnittlich 600Pflanzenresten je Liter Probenausgangsvolumen.Abb. 3 zeigt die in den Proben MDA-03 bis MDA-11 gefundenen Pflanzenreste in einer bersicht. Cerealien Unter den Getreidepflanzen sind mit abnehmenderHufigkeit Saat-Weizen, Saat-Gerste, Saat-Rog-gen, Hafer, Dinkel, Einkorn und wahrscheinlichEmmer nachgewiesen. Vor allem sind es verkohlteGetreidekrner, aber auch verkohlte hrenspindel-reste bzw. Hllspelzenbasen. Anhand der Krner sind die drei frei dreschen-den Weizenarten Saat-Weizen, Hart-Weizen undRauh-Weizen nicht eindeutig zu trennen. Jedochsind verkohlte hrenspindelreste vorhanden, diedefinitiv vom Saat-Weizen (Triticum aestivum)stammen. Auch sind am Hundertwasserhaus dieSpelzweizenarten Dinkel, Einkorn sowie wahr-scheinlich Emmer als Einzelfunde belegt. Aufgrund ihres kantigen Querschnittes ist erwie-sen, dass die Getreidekrner der Saat-Gerste meistvon der Spelzgerste stammen. Nur wenige Getrei-dekrner waren noch bespelzt. Auch sind mehrereverkohlte hrenspindelreste der Gerste nachweis-bar. Davon stammen einige Fragmente von Zwei-zeilgerste. Mit diesem Fund liegt der bisher ltesteNachweis von Zweizeilgerste fr Mitteldeutschlandvor. Die Zweizeilgerste wird heutzutage vorwiegendals Sommergetreide angebaut und als Braugerstefr die Bierherstellung verwendet. Mglicherweisewar dies bereits im Mittelalter blich. Aber es wur-den auch andere Getreidearten zum Brauen verwen-det. Magdeburg war nach archivalischen Angabenimmerhin ein bedeutender Exporteur fr Bier(Schwinekper 1987). Saat-Weizen und Saat-Roggen werden heutzuta-ge vor allem zum Brotbacken genutzt. Dies war of-fenbar auch in der Vergangenheit der Fall. Der rela-Abb. 3 Im Abfallschachtentsorgte Pflanzenreste(cf. = lat. confer, vergleiche)Abb. 4 und 5 VerkohlteGetreidekrner von Saat-Weizenund hren von Saat-Weizen oderSaat-Roggen1 Dr. habil. Manfred Rsch, Hemmenhofen, danke ich fr die Beratung bei der Identifizierung.P F L A N Z E N F U N D E A U S D E M M I T T E L A L T E R L I C H E N M A G D E B U R G D E R A B F A L L S C H A C H T E I N E S G R A F E N H O F E S 7 4 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005tiv hohe Anteil von Saat-Roggen ist besonders auf-fllig. Es ist daher anzunehmen, dass Saat-Roggenfrher in grerem Umfang als heute auch im Be-reich der Magdeburger Brde angebaut wurde (vgl.Lange 1987). Das an der Elbe gelegene Magdeburg warwhrend des Mittelalters ein bedeutender Um-schlagsplatz fr unterschiedliche Waren, beispiels-weise fr Getreide, Weine und Gewrze (Schwi-nekper 1987). Dennoch wird hier davon ausgegan-gen, dass es sich bei den am Hundertwasserhausnachgewiesenen Nutzpflanzen vor allem um regio-nal vorhandene Arten und nur in einigen Fllen umimportierte Gter handelt. Weniger hufig sind im Abfallschacht die Restevon Hafer. Einige Krner sind gewiss dem Saat-Ha-fer (Avena sativa) zuzuordnen. Auch ist auffllig,dass in den sptmittelalterlichen Proben vom Hun-dertwasserhaus bisher keine Krner von Rispenhir-se (Panicum miliaceum) gefunden wurden. In man-chen Regionen Deutschlands sind sptmittelalterli-che Proben hingegen durch hohe Anteile von Ris-penhirse charakterisiert. Gerste wird nur in den mediterranen Regionenzur Herstellung von Fladenbrot und ansonsten zuNahrungszwecken fr Graupen und Gries verwen-det. Hafer und teilweise auch Gerste sind heute vor-wiegend Futtergetreide. Zubereitungen von Breisind hieraus aber mglich. Es ist daher zu diskutie-ren, ob die am Hundertwasserhaus nachgewiesenenGetreidearten nur fr die menschliche Ernhrungoder gegebenenfalls auch zur Tierftterung ver-wendet wurden. Gemse Fr die menschliche Ernhrung sind neben Kohlen-hydraten auch Eiwei liefernde Pflanzen von Be-deutung. Trotz der eingeschrnkten Erhaltungsbe-dingungen sind im Magdeburger Abfallschacht ei-nige Gemsepflanzen bezeugt. So finden sich eini-ge Reste von Linse (Lens culinaris), Ackerbohne(Vicia faba) und Saat-Erbse (Pisum sativum). Dar-ber hinaus sind einige grere Samen von nichtspezifizierbaren, kultivierten Schmetterlingsblt-lern (Fabaceae) vorhanden. Als Gemsepflanzekann weiterhin Portulak wahrscheinlich gemachtwerden.Obst Die bisher erwhnten Pflanzenreste sind smtlichbereits verkohlt in den Abfallschacht gelangt. Dar-ber hinaus gibt es aber auch unverkohlte, trockeneAbb. 7 Feigen undFeigenblatt (rezent)Abb. 6 Nchen derEchten Feige (Ficus carica)Abb. 8 (rechts) Traubenkerne desEchten Weinstockes (Vitis vinifera)Abb. 11 (mitte) Acker-Steinsame(Buglossoides arvensis)P F L A N Z E N F U N D E A U S D E M M I T T E L A L T E R L I C H E N M A G D E B U R G D E R A B F A L L S C H A C H T E I N E S G R A F E N H O F E S 7 5Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005und teils auch mineralisierte Pflanzenreste. Auf-grund der nur periodisch feuchten Bedingungenwar der Abbau der organischen Substanz imSchacht nicht permanent, sondern lediglich phasen-weise unterbunden. Als Obstsammelpflanzen sind Erdbeere, Him-beere, Brombeere und Schwarzer Holunder nachge-wiesen. In zwei der untersuchten Proben fandensich besonders zahlreiche Nsschen von Wald-Erd-beere (Fragaria vesca). An angebauten Obstpflan-zen wurden des weiteren Kirsche (Prunusavium/cerasus) und Hafer-Pflaume (Prunus dome-stica ssp. insititia) nachgewiesen. Bei der Pflaumehandelt sich um relativ kleine Steinkerne. Darberhinaus sind mehrere mineralisierte Steinkerne vonnicht nher spezifizierbaren Prunus, wie P. avi-um/cerasus/spinosa, vorhanden. Weitere bemerkenswerte Obstpflanzen am Hun-dertwasserhaus sind Wein und Echte Feige. Bei derEchten Feige (Ficus carica) handelt es sich um einNahrungsmittel, das aus dem Mittelmeerraum hier-her verhandelt wurde. Bei den heutigen Witterungs-bedingungen gelingt es lediglich in besonders wr-mebegnstigten und wintermilden RegionenDeutschlands, im Freien Feigenstrucher zu kulti-vieren, die hin und wieder auch Frchte ausbilden.Selbst bei einem wrmeren Klima wird man aberkeinen ausgedehnten Feigenanbau nrdlich der Al-pen annehmen knnen. Bisher sind fr Magdeburgnoch keine Reste von Ficus nachgewiesen worden.Dies mag ein Spezifikum fr den in Rede stehendenMagdeburger Grafenhof sein. Als weitere Besonderheit sind die Traubenkernedes Echten Weinstockes (Vitis vinifera) zu benen-nen. Auch in Magdeburg gibt es wie in einigen an-deren Orten Mitteldeutschlands einen sogenanntenWeinberg, dessen Name an den frher dort offen-sichtlich praktizierten Weinanbau erinnert. In derZeit des hochmittelalterlichen Klimaoptimums wardie Grenze des Weinanbaus im heutigen Sachsen-Anhalt deutlich nach Norden verschoben. Gegebe-nenfalls waren die Qualittskriterien fr Wein seinerzeit andere als heutzutage. Es ist daher nichtgewiss, ob die in dem Magdeburger Schacht gefun-denen Traubenkerne von lokal gewachsenen Wein-beeren oder von hierher gehandelten Frchtenstammen.Heute ist die Region mit dem nrdlichsten ge-schlossenen Weinanbaugebiet Deutschlands inSachsen-Anhalt etwa 70 Kilometer sdlich gelegen.In den letzten Jahren sind Weintraubenkerne insptmittelalterlichen bzw. frhneuzeitlichen Befun-den von Halle, Weienfels, Naumburg und Mans-feld erfasst worden (vgl. Hellmund 1998 sowie un-publ.). In Magdeburg sind einige Dutzend unverkohlteund auch mineralisierte Weinsamen dokumentiert.Sie sprechen eher fr den Verzehr von Weinbeeren.Als Rckstand der lokalen Weinherstellung wrenwohl zahlreichere Reste zu erwarten. Und dasWeintrinken alleine hinterlsst bekanntlich keineSpuren in Form von Traubenkernen. Bereits bei frheren archobotanischen Untersu-chungen wurden von zwei Ausgrabungen Magde-burgs unverkohlte Obstreste untersucht (Abb. 10). Unkruter und WildpflanzenIn den Proben vom Hundertwasserhaus sind meh-rere Hundert steinharte Klausen des Acker-Stein-samen vorhanden. Acker-Steinsame (Buglossoidesarvensis) ist ein Unkraut in Getreidefeldern, oft inWintergetreide. Sie vermag auch als Sommer-Ein-jhrige in Sommergetreidefeldern zu gedeihen.Auch wchst sie auf Schutt und an Wegen. Frherwar die Pflanze auch Nutzpflanze. Da sich in derWurzelrinde ein rtlicher Farbstoff befindet, wurdediese zum Frben von Salben und Schminken be-nutzt (Korsmo 1930). Sie gedeiht auf frischen,nhrstoff- und basenreichen Bden. In mitteldeut-schen Fundpltzen ist Acker-Steinsame zumindestseit der frhen Bronzezeit nachgewiesen. Er ist vorallem ein Indiz fr die Existenz nhrstoffreichercker. Da die Fruchtwnde von Acker-SteinsameKalk und Kieselsure enthalten, schmeckt Mehlund Brot, das gemahlene Acker-Steinsamen ent-hlt, leicht sandig. Da so viele Steinsamen, dieteils verkohlt sind, im Hausabfall des Schachtesexistent sind, mag mit der Nahrungszubereitung zu-sammenhngen. Vielleicht wurden die Unkrautre-ste von Hand aus dem Saatgut ausgelesen und ent-sorgt. Als weitere Gift- und Heilpflanze ist SchwarzesBilsenkraut erfasst worden. Hyoscyamus niger istein so genannter Archophyt, das heit, die Pflanzeist im Gebiet nicht heimisch, sondern sie ist einKulturbegleiter. Die Pflanze ist ein- oder zwei-jhrig. Alle Teile der Pflanze sind stark giftig. Diein den Samen enthaltenen Alkaloide rufen sinnes-tuschende und einschlfernde Wirkungen hervor,auch werden vegetative Funktionen, wie Speichel-sekretion und Peristaltik, angeregt. Die wrmelie-bende Pflanze wchst vor allem an sonnigenSchuttstandorten und an Wegen auf nhrstoffrei-chen Lehmbden. Sie ist ein Stickstoffzeiger. Blt-ter und Samen werden auch offiziell als schmerz-stillendes und beruhigendes Mittel verwendet. We-gen ihres Giftgehaltes kann es leicht zu Vergiftun-gen vor allem bei einem Missbrauch der Pflanze alshalluzinogene Droge kommen. Auch sind Vergif-tungen bekannt geworden, die durch Verwechslun-gen der Pflanze zustande kamen. Die am Hundert-wasserhaus nachgewiesenen Samen sprechen fr2 Lange 19873 Lange 19874 Hellmund diese ArbeitAbb. 10 Obstreste im mittelalterlichen MagdeburgP F L A N Z E N F U N D E A U S D E M M I T T E L A L T E R L I C H E N M A G D E B U R G D E R A B F A L L S C H A C H T E I N E S G R A F E N H O F E S 7 6 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005nhrstoffreiche schuttreiche Standorte und Brachensowie gegebenenfalls fr die Verwendung vonHyoscyamus als Heilpflanze. Vereinzelt sind verkohlte Frchte von Kornblu-me (Centaurea cyanus) erfasst worden. Die Korn-blume wchst als Unkraut in Getreidefeldern, vorallem in Wintergetreide, auch in Brachen, in Wie-sen, an Wegen, auf nhrstoffreichen, aber vor allemkalkarmen Bden. Die Kornblume ist ebenso einArchophyt sowie Kulturbegleiter. Unkruter sindin ihrer Lebensform den Getreidepflanzen ange-passt. Sie keimen wie diese im Frhjahr oder imHerbst und sterben nach der Blte und dem Fruch-ten ab. Es ist auffllig, dass in Magdeburg nur we-nige verkohlte Frchte der Kornblume vorhandensind. Auch sind nur wenige Reste von Korn-Rade(Agrostemma githago) vorhanden, einem weiterenGetreideunkraut, das heute sehr selten gewordenist. Agrostemma githago ist einjhrig berwinterndAbb. 9 Weinbeeren undWeinlaub (rezent)P F L A N Z E N F U N D E A U S D E M M I T T E L A L T E R L I C H E N M A G D E B U R G D E R A B F A L L S C H A C H T E I N E S G R A F E N H O F E S 7 7Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005und an Wintergetreideanbau angepasst. Alle Teileder Pflanze sind stark giftig. In frherer Zeit konn-te Brotmehl, dem ein hoher Anteil gemahlenerKornradesamen beigemengt war, zu Massenvergif-tungen beim Menschen fhren. Die auftretendenSymptome hnelten jenen von Lepra. In reinem Zu-stand zeigen die in Agrostemma enthaltenen Gift-stoffe narkotische Wirkung, auch reizt der Giftstoffdie Nasenschleimhaut und fhrt zum Niesen. Beischlechter Reinigung des Brotkorns erhlt Mehldurch Korn-Rade einen unangenehmen, bitterenGeschmack und ist gesundheitsschdlich. Die in Magdeburg nachgewiesenen Unkruterzeigen sowohl auf den Anbau von Wintergetreideals auch von Sommergetreide hin. Die entsorgten Pflanzenreste Am Hundertwasserhaus sind erstmalig fr Mag-deburg Echte Feige und Wald-Erdbeere nachgewie-sen worden. Als weitere Besonderheiten sindSchwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) undPortulak (cf. Portulaca) erwhnenswert.Die Makrorestproben der Abfallschicht des Gra-fenhofes waren nicht homogen. So sind die Pflan-zenspektren der verschiedenen Proben unterschied-lich zusammengesetzt, einerseits dominieren ver-kohlte, andererseits unverkohlte Reste. Die im Ab-fallschacht vom Breiten Weg erfassten Pflanzenre-ste entstammen mithin verschiedenen Lebensge-meinschaften, die im Zuge der Abfallbeseitigunggemeinsam an einem Ort deponiert wurden.Es ist bemerkenswert, dass in dem Abfallschachtdes Grafenhofes vergleichsweise zahlreiche Rck-stnde von hrenspindeln und Hllspelzenbasen zufinden sind. Bei einem bereits gereinigten, gedro-schenen und entspelzten Kornvorrat, der versehent-lich verkohlte und im Abfallschacht entsorgt wur-de, wrden derlei Reste fehlen. Mit dem Getreide-korn mssen auch hrenteile, gegebenenfalls Ge-treidestroh, verkohlt sein. Von Jger wurde bereits ein mittelalterlicherGetreidekornvorrat von der ehemaligen Nikolaikir-che Magdeburgs untersucht (Stoll/Jger 1967).Dort wurden keine Spelzenreste gefunden. Ggf. istdies methodisch bedingt, wenn damals vorwiegendauf grere Pflanzenreste geachtet wurde. Wenn-gleich fr einen Grafenhof nicht ohne weiteres zuerwarten, belegen die Spindelreste, da Dreschenund Nahrungszubereitung vergleichsweise zeitnaherfolgte. Es muss derzeit offen bleiben, in welchem Zu-sammenhang die Pflanzenreste seinerzeit verkohl-ten, bei einem lokalen Brand oder bei der Zuberei-tung der pflanzlichen Nahrung. In dem betreffen-den Abfallschacht wurden sowohl verkohlte alsauch unverkohlte organische Hausabflle entsorgt.Es ist anzunehmen, dass in den Abfallschacht auchmenschliche Fkalien hinein gelangten (vgl. Hell-wig 1990). Dafr sprechen beispielsweise die klei-nen Pflanzenreste, wie Nsschen von Erdbeere undvon Feige, sowie die Steinfrchtchen von Himbee-re. Nur aufgrund besonderer, wenngleich nicht opti-malen Erhaltungsbedingungen blieben in der ge-mauerten Abfallgrube zahlreiche mittelalterlichePflanzenreste erhalten. Die Nsschen der Feigesind ein Hinweis auf die Existenz eines eher wohl-habenden Haushaltes, dessen Abflle vor Ort ent-sorgt wurden. Mit dem Pflanzenspektrum vomHundertwasserhaus ist ein weiteres Mosaikstein-chen der mittelalterlichen Pflanzenwelt Magde-burgs aufgedeckt worden. Literatur: Hellmund, M., Pflanzen und Umwelt vergangener Zeit - Begleitband zur Sonderausstellung Landesmuseum fr Vorgeschichte Gefhrdet - geborgen - gerettet - Archologische Ausgrabungen in Sachsen-Anhalt von 1991 bis 1997, Halle (Saale) 1998, 49-58.Hellwig, M., Paloethnobotanische Untersuchungen an mittelalterlichen und frhneuzeitlichen Pflanzenresten aus Braunschweig - Dissertationes Botanicae 156, Stuttgart/Berlin 1990, 196 S. u. Anhang.Jacomet, S./Kreuz, A., Archobotanik Stuttgart 1999.Korsmo, W. Unkruter im Ackerbau der Neuzeit. Biologische und praktische Untersuchungen - Berlin 1930.Lange, E., Mittelalterliche Pflanzenfunde aus Magdeburg - Zeitschrift fr Archologie 21, Berlin 1987, 243-256.Schwinekper, B., Provinz Sachsen-Anhalt. Handbuch der historischen Sttten Deutschlands 11, 2. Aufl., Stuttgart 1987.Stoll, H.-J./Jger, K.-D., Ein Getreidefund unter der ehemaligen Nicolaikirche in der Altstadt von Magdeburg - Ausgrabungen und Funde 12,Berlin 1967, 298-307.Bildquellennachweis: Abb. 2,3,10: HellmundAbb. 1, 4-10: Landesamt fr Denkmalpflege und Archologie (7, 8 Fotograf: Hrentrup)Bei den Ausgrabungen am Breiten Weg 8 10 inMagdeburg wurden in einer mittelalterlichen Ab-fallgrube auf dem Gelnde der frheren Kirche St.Nikolai u. a. Traubenkerne der europischen Kul-turrebe (vitis vinifera) gefunden. (Fund des MonatsJuni 2004, www.archlsa.de\fumo).Der fr das 13.Jahrhundert datierte Fund wirftdie Frage nach der Herkunft der Trauben und damitnach dem mittelalterlichen Weinbau in und umMagdeburg auf. Die lteste urkundliche Erwhnung des Wein-baus fr unsere Region findet sich in der Tauschur-kunde Kaiser Otto II., ausgestellt in der KaiserpfalzAllstedt am 22.Oktober 973. Mit dieser Urkunde besttigt Otto II. einen nochvon seinem Vater, Otto dem Groen, vorbereitetenGebietstausch zwischen Erzbischof Adalbert vonMagdeburg und Abt Werinhar von Fulda, wonachAdalbert Gter in Thringen abtritt und dafr Gterim Anhalter und Mansfelder Gebiet erhlt. 12 Orte,u.a. Freckleben, Mansfeld, Vatterode und Alslebenan der Saale kamen zum Erzbistum Magdeburg. Die Aufzhlung der getauschten Gter enthltdie Formulierung: ...cum ... terris cultis et incul-tis, vineis, pratis..., (also ...mit ...Ackerland undBrachland, Weinbergen, Wiesen...) (Sommerfeld2003).Diese Urkunde hat groe berregionale Bedeu-tung, markiert sie doch eine tiefgehende Neuord-nung der Besitztmer des 968 gegrndeten Erz-bistums Magdeburg. Erstmals war es dem Erzbis-tum mglich, im Altsiedelland westlich der SaaleFu zu fassen und dann auch den Sdteil ihres Ter-ritoriums um Giebichenstein bei Halle zu arrondie-ren.In Vatterode, unweit von Mansfeld, in der reiz-vollen Landschaft des Wippertales, lieen sich dieErzbischfe zeitig einen Jagd- und Sommersitz ein-richten, wo sie gerne weilten, und einige sich sogarzum Sterben zurckzogen (Schwarze Neuss2000).Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dassdie Stifter der Klster und die Klster selbst vonAnfang an darauf bedacht waren, ihren fr denAbb. 1 TauschurkundeKaiser Otto II., Allstedt,22. Okt. 973Landeshauptarchivs Sachsen Anhalt, Abteilung Magdeburg,Rep. U 1, Erzstift Magdeburg, INr. 38.Von den Anfngen des Weinbaus im Erzbistum MagdeburgHubertus Sommerfeld7 8 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005 7 9Abb. 2 Karte der in der Urkundeerwhnten Orte mit Weinbau undder heutigen Weinbauorte desBereiches Mansfelder Seenzwischen Eisleben undHalle (Saale).V O N D E N A N F N G E N D E S W E I N B A U S I M E R Z B I S T U M M A G D E B U R GGottesdienst unentbehrlichen Wein durch eigenenAnbau oder durch Entgegennahme grozgigerSchenkungen zu sichern. Das drfte vor allem auf das 937 von Otto I. ge-stiftete und reich ausgestatte Moritzkloster und sp-tere Domstift zutreffen. Das gleiche gilt fr dasebenfalls von Otto I. gestiftete ehem. Bene-diktinerkloster Berge vor der Sudenburg im Sdender Stadt Magdeburg, dessen Grndung in engemZusammenhang mit der Errichtung des ErzstiftesMagdeburg steht.Mit diesen Klostergrndungen kann auch von ei-nem Weinbau in Magdeburg ausgegangen werden.Entsprechende Urkunden sind fr das KlosterBerge und fr das 1016 von Erzbischof Gero ge-grndete Kloster Unser Lieben Frauen zu Magde-burg allerdings erst aus spterer Zeit berliefert: 1161-1163: Erzbischof Wichmann bergibtdem Kloster Unser Lieben Frauen Lndereienin Hondorf (wst bei Knnern a. d. Saale) zurAnlage von Weinbergen. Weiter besttigt erden Tausch einer halben Hufe in Rothenburg(Saale) zur Anlage von Weinbergen ( UKBKloster Unser Lieben Frauen, Nr.30). 1202 : Konrad, Bischof zu Halberstadt, sprichtdem Kloster Berge den Zehnten von einem neuSchaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005V O N D E N A N F N G E N D E S W E I N B A U S I M E R Z B I S T U M M A G D E B U R G8 0angelegten Weinberg in Beesenstedt (Saal-kreis) zu, welchen der Ritter Widekind vonSchochwitz dem Kloster streitig machen woll-te (UKB Kloster Berge, Nr.54). 1227 : Bertram, Abt zu Berge, genehmigt denAnkauf eines Grundstcks hinter dem Wein-berg des Klosters durch Johannes und dessenEhefrau Richeid (UKB Kloster Berge, Nr.78).Der Weinbau an der Unteren Saale muss der Ur-kundenlage nach zu urteilen, schon ab dem 12.Jh.betrchtlich gewesen sein, und diente mit zur Ver-sorgung der Magdeburger Klster und Kirchen mitMesswein. Auch auslndischer Wein, vornehmlichWrzburger, war gefragt, wie Urkunden der StadtMagdeburg um 1300 belegen: 1298, August 14 der Rat von Magdeburg bezeugt,.... dem Kloster S.Augustini alle Sonnabende ein halbes StbchenWrzburger oder gleich guten Wein zu bergeben(UKB Stadt Magdeburg, Nr. 206).Aufhorchen lsst eine Urkunde aus dem Jahre1270, wonach der Domkmmerer Burchard vonQuerfurt dem Kloster Berge alle von ihm erworbe-ne Gebude des Gehftes Vigenhagen mit dem da-bei liegenden Weinberg zum Behufe einer Seelen-messe berlsst (UKB Stadt Magdeburg, Nr.142).Da dieser Burchard von Querfurt mindestens einnaher Verwandter des Besitzers des Grundstckeswar, auf dem die Eingangs erwhnten Traubenker-ne gefunden wurden, kann vermutet werden, dassdiese von Trauben aus dem eben genannten Wein-berg des Domkmmerers in Vigenhagen stammen.Wie bereits erwhnt, ist eine sichere Datierungdes Beginns des Weinbaus fr Magdeburg nichtmglich. Fr das ehemalige Erzbistum Magdeburggilt hierfr gesichert das Jahr 973.Bis in das 16. Jh. blhte in der ehem. GrafschaftMansfeld und im Anhalter Gebiet an der UnterenSaale der Weinbau, bis Klimavernderungen, der30jhrige Krieg und spter im 19.Jh. die gesell-schaftlichen und wirtschaftlichen Umwlzungen inDeutschland den Weinbau in der Region unlukrativwerden lieen. Der Weinbau war nach dem I. Welt-krieg fasst zum Erliegen gekommen. Um 1925 be-gann auf wenigen Hektar in Hhnstedt ein Neuan-fang. Heute umfasst der Weinbau im klimatisch be-gnstigten Bereich der Mansfelder Seen wieder 90Hektar Weinberge. Mehrere private Weingter inHhnstedt und Seeburg sowie die Winzervereini-gung in Freyburg produzieren ausgezeichnete Wei-ne in einem breiten Rebsortenspektrum. Im vergan-genem Jahr wurde zum 1030jhrigen Weinbauju-bilum die Weinstrae Mansfelder Seen feierlicheingeweiht, dank der Urkunde Kaiser Otto II. unddes ersten Erzbischofs Adalbert von Magdeburg.Literatur: Sommerfeld, H., 1030 Jahre Weinbau Bereich Mansfelder Seen, Eisleben 2003, 5 20.Schwarze Neuss, E., Besitzgeschichte und Territorialpolitik des Magdeburger Moritzklosters und der Erzbischfe von Magdeburg, Weimar2000, 109.Gremler, B., Vom Weinbau im Bernburger Saaleland, Bernburg 2000.Bildquellennachweis: Abb. 1: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung MagdeburgAbb. 2: Abdruck mit freundlicher Genehmigung der DVZ Marketing Service GmbHSchaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005 8 1Tierknochen berichten vom Lebenim mittelalterlichen MagdeburgArchologische Ausgrabungen sind zugleich Rei-sen in nie geschaute Welten unserer Vorfahren. Siesind aber auch Verpflichtung, das kulturelle Erbeunserer Vorfahren zu sichern, zu erforschen und derAllgemeinheit zugnglich zu machen. Bei ihrenUntersuchungen in Magdeburg bemhen sich seitvielen Jahren die Mitarbeiter des Landesamtes frDenkmalpflege und Archologie Sachsen-Anhalt,dieser hohen gesellschaftlichen Verantwortung ge-recht zu werden. Mit Hilfe von Spaten, Kelle undPinsel legten Archologen in mhevoller und ge-duldiger Arbeit bauliche Reste frei und bargen eineunbersehbare Anzahl archologischer Funde.Zu ihnen gehrt auch die gemauerte Latrine voneinem ehemaligen mittelalterlichen Grafenhof ausdem 13./14. Jahrhundert. Aufgrund der ber Jahr-hunderte sich herausbildenden und stabilisierendenLagerungsverhltnisse in einer verfllten Latrine,entstanden auerordentlich gnstige Erhaltungsbe-dingungen fr archologische Funde. Insbesondereorganische Reste profitieren hiervon. So auch Tier-knochen, Fischschuppen, Eierschalenreste und dieGehuse der Weichtiere. Fr den Laien wohl eineder unattraktivsten archologischen Fundgruppenberhaupt. Unattraktiv und unansehnlich vielleicht,aber bei weitem nicht uninteressant. Die richtigenFragen gestellt und schon beginnen die Fundstckeihre kleinen Geschichten zu erzhlen. Welche Haustiere hielten und vermehrten unsere Vorfahrenund wie nutzten sie ihre Tiere als Energie- undRohstoffquellen? Wer durfte jagen und welche Tie-re erregten das Interesse des Jgers? Lebten in denHusern der Brger bereits befiederte oder behaar-te Lieblinge? bernahmen bestimmte Haus- undWildtiere sogar die Funktionen von Statussymbo-len? Allein schon diese wenigen Fragen lassen dieberragende Bedeutung der Tiere im tglichen Le-ben unserer Vorfahren erahnen.Qualitt der FleischnahrungEs ist schon etwas makaber, aber der Weg in dieKchen unserer Vorfahren fhrt ber ihre Abfall-gruben. Sie bergen hauptschlich die Reste derMahlzeiten. Weiterhin finden sich die Kadaver ver-endeter Tiere oder erschlagener Schdlinge. In derLatrine vom Magdeburger Grafenhof lagen unteranderem auch 1832 Sugetier-, Vogel- und Fisch-knochen (Abb. 1). berwiegend zerschlagen, dazunoch mit Hieb- und Schnittmarken versehen, sindes vorwiegend Kchenabflle, Reste derFleischnahrung des Menschen. Zustzlich entsorg-ten die Bewohner verendete oder erschlagene Tierewie Habicht, Sperber und Hausratte, oder Teile vonihnen.Wie knnen wir die Qualitt der Fleischnahrungfeststellen? Ein bedeutendes Qualittsmerkmaluert sich in der Bevorzugung gewisser Haus- undWildtiere. Auf den Tisch kam das Fleisch aus-schlielich oder mehrheitlich als Fleischtiere ge-nutzter Formen, wie auch jenes der Tiere mit Mehr-fachnutzung. Zu den vorwiegend als Fleischtieregenutzten Formen gehren das Schwein, das Haus-geflgel und die Wildtiere, soweit letztere derErnhrung dienten. Als Jungtiere geschlachteteRinder, Schafe und Ziegen ordnen sich ebenfalls indiese Gruppe ein. Man knnte sie auch als Luxus-tiere bezeichnen.Einer Mehrfachnutzung unterlagen Arbeits-,Milch- und Wolltiere, also Pferde, Rinder, Schafeund Ziegen. Sie kamen erst zur Schlachtung, nach-dem sie als Arbeitstiere sowie fr die Erzeugungbestimmter Rohstoffe nicht mehr zu gebrauchenwaren. Fr uns moderne Menschen fast nicht mehrvorstellbar, gehren mit Einschrnkungen auchHunde und Katzen dazu.Sind es nun die Reste der Fleisch- oder der Ar-beitstiere, die so zahlreich aus der Latrine vom Gra-fenhof vorliegen? Diese Frage lsst sich eindeutigbeantworten. Nach der Zusammensetzung des Kno-chenmaterials dominieren die Reste der Haustieremit 81,1 Prozent Fundanteilen unbersehbar deut-lich (Abb. 1). Allein auf Schwein, Huhn und diekleinen Hauswiederkuer entfallen etwa 60 Prozentder tierartlich bestimmten Knochenreste. LediglichAbb. 1 Magdeburg, gemauerteLatrine (12./13.Jh.). Tierklassen:1 Sugetiere, 2 Vgel,3 Fische. Tiergruppen (nurtierartlich bestimmte Knochen):4 Haussugetiere,5 Hausgeflgel, 6 Fische,7 Wildgeflgel und8 Wildsugetiere(Werte relativ)Herrschaftliches Speisen und JagenRalf-Jrgen Prilloff8 2 Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005H E R R S C H A F T L I C H E S S P E I S E N U N D J A G E N22 Knochen vom Rind, sowie je ein Rest von Pferdund Hund, erreichen zusammen nur verschwindendgeringe 1,3 Prozent (Abb. 2). Jedoch trbt ein klei-ner Wehrmutstropfen geringfgig das eindeutigeErgebnis. In diesem Fundkomplex sind nicht mehrals drei Gnseknochen anzutreffen, das berraschtschon ein wenig.Mit einem Fundanteil von immerhin 18,9 Pro-zent sind die Reste der Wildtiere ebenfalls erfreu-lich zahlreich vorhanden (Abb. 1). Nach der Anzahlder Knochenfunde nehmen die Fische die erste Po-sition unter den Wildtieren ein (Abb. 2). Nicht nurfrisch gefangene und zubereitete Swasserfische,hauptschlich Hechte, erfreuten den herrschaftli-chen Gaumen. Auch entsprechend hergerichtete,zum Beispiel gebratene Schwimmenten, Feldhh-ner und Stare standen auf dem herrschaftlichenTisch. Das Fleisch vom Rothirsch und Feldhasenergnzte das vielfltige Nahrungsangebot (Abb. 2).Salzheringe und das zhe Fleisch der Stockfischergerten auf dem Grafenhof wohl eher die Gaumendes Dienstpersonals.Das individuelle Alter der Haus- und Wildtierezum Zeitpunkt ihrer Schlachtung oder Erlegung istein weiteres bedeutsames Qualittsmerkmal derFleischnahrung. Als altersbestimmende Merkmaleeignen sich hervorragend das erreichte Niveau derZahnausbildung und der Grad der Zahnabnutzung.Weitere Hinweise finden sich an den Gelenkendendes postkranialen Skeletts. Nach dem Verwach-sungsgrad der Gelenkenden mit den Knochenschf-ten oder der Wirbelscheiben mit den Wirbelkrpernsind grobe Altersschtzungen mglich.Vom Schwein weisen 194 Knochen altersbe-stimmende Merkmale auf. Dem Ergebnis der Alter-sanalyse nach zu urteilen, bekamen fast nur Jung-tiere bis maximal zwei Jahre das Metzgerbeil zuspren. Ihr Fundanteil betrgt 96,9 Prozent. Es wa-ren berwiegend Mastschweine, nicht jnger als11/2 und kaum lter als zwei Jahre. Auch die kleinenHauswiederkuer unterlagen hauptschlich alsJungtiere der Schlachtung. Im Unterschied zumSchwein betrgt der Fundanteil aber nur 43,1 Pro-zent und der Anteil geschlachteter Alttiere immer-hin 22,4 Prozent. Die brigen Schaf- und Ziegen-knochen konnten keiner Altersgruppe zugeordnetwerden. Vom Rind liegen nur wenige Knochen mitaltersbestimmenden Angaben vor. Unter diesenUmstnden mussten auch die brigen Rinderkno-chen in die Betrachtungen miteinbezogen werden.Als Altersmerkmal diente allgemein die Knochen-struktur. Dem Ergebnis nach berwiegen beim Rindmit 59,1 Prozent ebenfalls die Knochenreste ge-schlachteter Jungtiere. Nur wenige Knochen, essind lediglich 13,6 %, besitzen die typischen Merk-male ausgewachsener Rinder. In dem geringerenFundanteil erwachsener Tiere unterscheiden sichdie groen von den kleinen Hauswiederkuern.Die Auswahl der geschlachteten und erlegtenTiere, wie auch ihr individuelles Schlacht- oder Er-legungsalter, weisen auf eine ausgesprochen hoch-wertige Fleischnahrung hin. Daran knnen auch diebeiden Knochen von Pferd und Hund nichts ndern,zumal es zufllige Beimengungen sein knnen.Herkunft der Haus- und WildtiereFragen nach der Herkunft der geschlachteten Haus-und der erlegten Wildtiere schlieen immer denProblemkreis regionales und berregionales Markt-geschehen mit ein. Leider knnen stdtischesMarktgeschehen und Fernhandel aus archozoolo-gischer Sicht in diesem Artikel nur gestreift wer-den. Um die Frage nach der Herkunft der genutztenTiere beantworten zu knnen, bedienen wir uns denErgebnissen der Alters- wie auch der Geschlechts-analyse. Geschlechtstypische anatomische Merk-male finden sich vorrangig am Schdel, Unterkieferund Becken der Sugetiere. Bezogen auf das Haus-schwein eignen sich besonders die Ober- und Un-terkieferstcke mit vorhandenen Eckzhnen oderden entsprechenden Alveolen. Zusammen 10 Fund-stcke, davon neun mnnlich und ein Fundstckweiblich, erlauben keine umfassenden Interpreta-tionen. Jedoch lsst sich bereits erahnen, dass in-nerhalb des Grafenhofes keine Schweinezucht be-trieben wurde. Diese Vermutung basiert auf denfolgenden Beobachtungen. Das Verhltnis der alszum mnnlichen oder zum weiblichen Geschlechtgehrig bestimmten Knochen von 9:1 spricht nichtfr die Zucht der Schweine vor Ort. In diesem Fallmssten die Reste ausgewachsener weiblicher Tie-re mehr oder weniger deutlich berwiegen. Bis aufeinen Eberknochen sind es Reste geschlachteterJungtiere. Somit war die eine nachgewiesene Saunoch nicht einmal zuchtfhig. Zudem fehlenSchweineknochen der Altersgruppen ftal und ftalbis neonat. Entweder waren sie zum Zeitpunkt derAusgrabung bereits vergangen, an anderer Stelleentsorgt worden oder die Schweinehaltung be-schrnkte sich lediglich auf das Fettfttern derMastschweine. Nach dem Inhalt der Latrine zu ur-teilen, war der Grafenhof auf die Belieferung mitmastfhigen Schweinen angewiesen.Zustzlich zum Hausschwein besa der Hofei-gentmer eine kleine Schafherde fr die Wollpro-duktion. Die Annahme der zumindest zeitweiligenUnterbringung einer Schafherde auf dem Grund-stck wird durch den relativ hohen Fundanteil anKnochen der Altersgruppen ftal und ftal bis neo-nat untermauert. Er betrgt immerhin 25,9 ProzentAbb. 2 Magdeburg, gemauerteLatrine (12./13.Jh.). Fundanteileder wichtigsten Haus-und Wildtiere.1 Schwein, 2 Schaf/Ziege,3 Rind, 4 Hund/Pferd,5 Huhn, 6 Gans, 7 Fische,8 Feldhase, 9 Rothirsch,10 Sperlingsvgel (berwiegendStare), 11 Wildenten,12 Rebhuhn/Wachtel(Werte relativ)8 3Schaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005H E R R S C H A F T L I C H E S S P E I S E N U N D J A G E Nan der Gesamtanzahl der Schaf- und Ziegenkno-chen. Das vorgeburtliche Alter eines Ftus betrug56 bis 89 Tage und drei weitere Tiere standen kurzvor der Geburt. Es knnen auch Reste von Totge-burten sein.Vom Rind liegt ebenfalls der Knochenrest, einOberschenkelknochen, von einem Ftus vor. So-weit eine Bestimmung des Geschlechts an den bri-gen Knochen mglich war, fand sich nur noch derBeckenrest von einem jungen Stier oder Ochsen.Mglicherweise wurden einige wenige Milchkhegehalten und gelegentlich auch vermehrt. In demebenfalls zum Grafenhof gehrenden Kellergebu-de fand sich gleichfalls ein Beckenrest, aber diesesMal von einer ausgewachsenen Kuh. MnnlicheKlber und Jungtiere unterlagen der Schlachtung.Zustzlich belebten Hhner und Gnse den Gra-fenhof. Nach den Befunden am Tarsometatarsus zuurteilen kamen drei Hhne auf sechs Hhner. Im-merhin 15 Kkenknochen sind ein weiterer Belegfr die Hhnerhaltung vor Ort. berzhlige Jung-hhne und fr die Zucht nicht mehr geeignete Alt-tiere wurden geschlachtet. Allein der hohe Fundan-teil geschlachteter Jungtiere deutet auf eine zustz-liche Belieferung des Grafenhofes hin (Abb. 3). Obes sich hierbei um Abgabehhner, wohl hauptsch-lich Hhne, oder um auf dem stdtischen Marktkuflich erworbene Tier handelt, lsst sich einst-weilen noch nicht entscheiden. Der Erwerb vonSalzwasserfischen, z. B. Scholle und Flunder, warnur auf dem stdtischen Markt mglich. ber denFernhandel gelangten die Meeresfische nach Mag-deburg.Herrschaftliches JagdgeschehenRothirsch als Wild der Hohen Jagd konnte vondem die Jagd ausbenden Hofeigentmer oder einervon ihm ermchtigten Person auf eigenem Grundund Boden erlegt werden. Auf ein wahrhaft herr-schaftliches Vergngen, die Beizjagd, deuten diebrigen Wildsuger und Wildvogelarten hin. AlsBeizvgel wurden Sperber und Habicht verwendet.Immerhin zwei Knochen von einem Sperbermnn-chen und kaum zu glaubende 47 Habichtknochen,sie reprsentieren mindestens ein Mnnchen undzwei Weibchen, verkrpern einen nicht nur frSachsen-Anhalt einmaligen Fundkomplex. Dabeiberrascht nicht nur die Knochenmenge, sondernauch die Tatsache, dass der mnnliche Habichtnoch ein subadultes bis jungadultes, aber bereitsflugfhiges Tier war. Derartige historische Vorgn-ge, wie die Abrichtung von Beizhabichten, mit denmethodischen Mglichkeiten archologischer wieauch archozoologischer Forschung dokumentierenzu knnen, gelingt nur sehr selten. Hierin liegt dieeigentliche Bedeutung des Fundkomplexes. Wir ha-ben ein herrschaftliches Grundstck im mittelalter-lichen Magdeburg, die Knochenfunde jugendlicherund ausgewachsener Sperber und Habichte, sowiedie Reste der Beutetiere. Mit den abgerichtetenGreifvgeln, hauptschlich den bevorzugten gre-ren Habichtsweibchen, wurden Feldhasen ebensowie Enten und Feldhhner bejagt. Ob die Stare imNetz gefangen oder ebenfalls gebeizt wurden, hier-fr geeignet wre das Sperbermnnchen, bleibteinstweilen noch ein ungelstes Geheimnis.Abb. 3 Magdeburg, gemauerteLatrine (12./13.Jh.). Huhn,Altersgliederung nach den Befun-den am Skelett (Werte relativ)Abb. 4 Liederhandschrift Manesse, BeizjagdSchaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005H E R R S C H A F T L I C H E S S P E I S E N U N D J A G E N8 4Literatur: D'Arcussia, C., Falconaria, Das ist / Eigentlicher Bericht und Anleytung wie man mit Falcken und andern Weydtvgeln beien soll: Darinnen..., Frankfurt am Mayn im Jahre M.D.C.XVII (Fotomechanischer Neudruck der Originalausgabe Frankfurt 1617, Leipzig 1980).Habermehl, K.-H., Die Altersbestimmung bei Haus- und Labortieren. Berlin und Hamburg, 1975.Kunz, B., Altstadtarchologie in Magdeburg. Archologie am Domplatz zu Magdeburg im Schatten der Kaiserpfalz. Ulrich, S. (Hrsg.), DieGeschichte des Magdeburger Domplatzes. Schriftenreihe des Stadtplanungsamtes (Magdeburg 2003), S. 124-136.Prilloff, R.-J., Tierknochen aus dem mittelalterlichen Konstanz. 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Durch Handel und Ver-kehr, durch Kriege und als Truppensold strmtefremdes Geld in die Territorien ein. Auch politischeund kirchliche Verbindungen, dynastische Ver-flechtungen und persnliche Beziehungen frdertenZustrom und Verbreitung auslndischer Sorten, dieneben dem landeseigenen Geld in mehr oder weni-ger groen Mengen umliefen.Bei unseren Streufunden handelt es sich um Ein-zelfunde, die einen Prgezeitraum vom Beginn des14. Jahrhunderts bis 1807 belegen. Es sind zuflligverloren gegangene Kleinmnzen, das damaligeGeld des kleinen Mannes. Sie geben einen Ein-blick in den Geldumlauf Magdeburgs. Fr den Ar-chologen sind sie wichtige Datierungshilfen beider Erforschung einzelner Fundhorizonte. Sie lie-fern aber auch wichtige Hinweise auf die zeitlicheStellung der mit vergesellschafteten Fundstckesowie der Siedlungsgeschichte.Die Mnzfunde geben ein vielfltiges Bild.Mnzen von Brandenburg-Preuen sind mit 7 Ex.am hufigsten vertreten, gefolgt von Sachsen mit 4Ex.. Andere Mnzstnde sind jeweils nur mit einemStck vertreten. Am hufigsten sind Mnzen ausdem 16. und 18. Jahrhundert.Fr diese Zeitrume nun einige Hinweise zuLhnen und Preisen. Whrend dieser Zeit gab esrtliche Differenzen im Lohne und Preisgefge.Aus Ermangelung von Magdeburger Daten seienhier einige Lhne und Preise aus dem benachbartenAnhalt genannt.1 Gulden = 21 Groschen1 Groschen = ab dem 16./17. Jahrhundert 1/24 Ta-lerAn die Schlossherrschaft hatte der Rat der StadtBernburg 1563 folgende Abgaben an Stellefrherer Naturalleistungen zu Zahlen:45 Gulden fr 2 Schock Schinken6 Gulden fr 2 Fass Aschersleber Bier1 Gulden 12 Groschen fr 33 Hhner1 Gulden 3 Groschen fr 8 Gnse10 Groschen fr 1/2 Ma Honig31/2 Schock Eier kosteten in Altenburg 10 Groschen1 Schock Eier kosteten in Poley 4 Groschen1 Tonne Butter kostete 10 Gulden1 Tonne Kse kostete 5 GuldenLhne und Preise 1567-1569 beim Neubau desLanghauses auf Schloss BernburgAls Wochenlohn empfing 1567 u. a. einMaurermeister 30 Groschen (= 1 Gulden 9 Groschen)Polier 26 GroschenMaurer 21 GroschenHelfer 15 GroschenZimmergeselle 9-10 1/2 GroschenTischlermeister etwa 1 GuldenLehrjunge 8 GroschenVon 1567-1570 zahlte man fr37 Schock Lattenngel = 4 Gulden 5 Groschen 6 Pfennig12 Schock Torngel = 12 Groschen3400 Stck Zwecken = 1 Gulden 13 Groschen360 Schock Brettngel = 24 Gulden 18 Groschen2670 Schock Schieferngel = 94 GuldenPreise 1726-1728Das Getreide je nach Ernte:Scheffel Weizen 23-26 GroschenScheffel Roggen 17-23 GroschenScheffel Gerste 101/2 - 14 GroschenScheffel Hafer 10-12 Groschen1 Stck Butter 20-21 Pfennig1 Ma Bier 5-6 Pfennig1 Ma Wein 1 GroschenDer Einzelbeschreibung der Fundmnzen sollnoch eine allgemeine Betrachtung zum Fundvor-kommen und den Fundumstnden vorangestelltwerden.Magdeburger Streumnzfunde am Breiten WegRolf GruneSchaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005M A G D E B U R G E R S T R E U M N Z F U N D E A M B R E I T E N W E G8 6Neben 19 Mnzen wurden auch ein Rechenpfen-nig (20) und ein Jeton (21) gefunden. Rechenpfen-nige sind meist aus Kupfer geprgte medaillenarti-ge Stcke, die zum Rechnen auf dem RechenbrettVerwendung fanden. Jetons sind zunchst zu be-sonderen Anlssen geprgte Auswurfmnzen (z. B.bei Krnungen und anderen Festlichkeiten). In sp-teren Zeiten auch Spielmarken. Sie waren nicht frden Umlauf bestimmt, eher kleine Medaillen oderGedenkstcke.Pos. 14 (Speyer, Schsselpfennig 1573) wurdein einer Grabgrube mit Skelettresten und Spuren ei-nes Holzsarges im ehemaligen Kreuzgang des Stif-tes St. Nikolai gefunden. Unbemerkt war die Mn-ze im Totengewand zurck geblieben. Viele Mn-zen befanden sich in Auffllungen. Pos. 10, 16 und05 versteckten sich neben Metall, Bolzen und Wa-genteilen im Hofpflaster der Dompropstei. DieHauptnutzungsphase drfte im 17. Jh. gelegen ha-ben. Eine ummauerte Abfallgrube, die im Nordenan das Lagergebude der Dompropstei anschlossenthielt neben Bauernkeramik mit den Jahreszahlen1813, 1814, 1819 auch 7 Mnzen aus diesemZeithorizont (Pos. 06-08, 11-12, 21). Buntmetall-knpfe, Kamm und Brste sowie Bruchstck einesSteingefes und einer Achatscheibe vervollstndi-gen das Fundensemble (Abb. 1).Abb. 1 Herkunftsverteilung derMnzen01. Halberstadt, Domkapitel, Krtling 16. Jahr-hundert, korrodiert, ausgebrochen, 0,42 g; Inv.-Nr.: 99:8458, Av.: StiftswappenRv.: Der stehende St. Stephanus mit Buch,Palmzweig und Steinen.02. Brandenburg-Preuen, Groschen (16. Jahr-hundert), 0,85 g, korrodiert, ausgebrochen;Inv.-Nr.: 99:8521.Av.: Adler mit Zepter auf der Brust;Rv.: Einfaches kurzes Kreuz, in den Winkelnvier Wappenschilde.03. Brandenburg-Preuen, Joachim I. und Alb-recht (1499-1514), Groschen 1509, Mzst.Stendal; Inv.-Nr.: 2000:8112. Av.: Adler mit Zepterschild auf der Brust, Umschrift: Adlerkopf :JOAC.Z.ALB.MARE.BRANBVR` :Rv.: Einfaches kurzes Kreuz, in den Winkelnvier Wappenschilder, Umschrift: MONE . NOVA . STENDEL : 1509 :04. Brandenburg-Preuen, Georg Wilhelm(1619-1640), 1/24 Taler 1625, Mzz. I P,Mzmstr. Jacob Pankert, Mzst. Cln; Inv.-Nr.:99:8444.Av.: Fnffeldriges Wappen zwischen I P,Umschrift: GEORG.WILHELM.VON.G.G.Rv.: Reichsapfel mit 24, daneben die Jahres-zahl 16 = 25, Umschrift: MAR.Z.BRAN.D.H.R.R.E.V.CHVRFBeschreibung der FundmnzenSchaufenster der Archologie Neues aus der archologischen Forschung in Magdeburg 2005M A G D E B U R G E R S T R E U M N Z F U N D E A M B R E I T E N W E G8 705. Brandenburg-Preuen, Friedrich Wilhelm(1640-1688), 1/24 Taler 1668, Mzz. IL, JobstLiebmann, Wardein, Mzst. Berlin; Inv.-Nr.:99:8924.Av.: Wappen zwischen I L,Umschrift: FRID.WILH.D.G.MAR.BRANRv.: 24 / 1. R. / THAL / 1668,Umschrift: + S:ROM:I:ARCHIC:ET.ELECTOR.EC.06. Brandenburg-Preuen, Friedrich II. (1740-1786), 1/12 Taler 1766, Mzz. F, Mzst. Magde-burg; Inv.-Nr.: 99:9533.Av.: Kopf mit Lorbeerkranz rechts (BerlinerTyp), Umschrift: FRIDERICVS BORUSSORUM REXRv.: 12 zwischen kreuzfrmigen Blten (Bl-tenkreuz) / EINEN / REICHS / THALER /1766 / E 07. Brandenburg-Preuen, Friedrich II. (1740-1786), 1/24 Taler 1783 A, Mzst. Berlin; Inv.-Nr.: 99:9646Av.: Bekrntes FR zwischen 17 83Rv.: 24 (zwischen fnfblttrigen Blumen) / EINEN / THALER / A (ber Palmenzweigen)08. Brandenburg-Preuen, Friedrich WilhelmIII. (1797-1840), 1 Pfennig 1806, fr Westfa-len; Inv.-Nr.: 99:9648Av.: Gekrntes FWRv.: I / PFENN: / SCHEIDE: / MNZE /1806 / A (zwischen zwei sechsstrahligen Ster-nen) 09. Sachsen-Meien, Wilhelm III. (1445-1482),Neuer Schockgroschen, Mzst. GothaInv.-Nr.: 2000:8113.Av.: Kreuz, Umschrift: . + . W . DIE . GRA-CIA . TVRINGE . LANG ;Rv. Mit Kreuz vor dem Meiner Lwen, Umschrift: GROSVS . MARCH . MISNEHSIS10. Sachsen-Weimar, Johann Ernst und seine 5Brder (1622-1626), 3 Pfennig 1622 GA,Mzst.: Weimar, Mzmstr. GA = Georg And-reae, Gabriel Andreas genannt, Mzmstr. InWeimar (1620-1624); korrodiert, 0,65 g, 17mm; Inv.-Nr. 99:9174.Av.: 3 Wappenschilde, darunter GARv.: Reichsapfel in Verzierung zwischen 16 - 2211. Sachsen, Albertiner, Friedrich August III.(I.) (1763-1806-1827); 1 Pfennig 1775 C,Mzst. Dresden; Inv.-Nr.: 99:9647.Av.: I / PFENNIG / 1775 / C.Rv.: ovales Kurwappen12. Sachsen, Albertiner, Friedrich August III.(I.) (1763-1806-1827); 1 Pfennig 1799?, star-ke Gebrauchsspuren; Inv.-Nr.: 99:9493Av.: I / PFENNIG / (179)9 in RautenkreisRv.: ovales Kurwappen

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