Lehmann, Alfred - Aberglaube und Zauberei. Von den ltesten Zeiten bis in die Gegenwart

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    25-Nov-2015

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Der Begriff Aberglaube ist seit dem 15. Jahrhundert belegt (abergloube). Der Wortbestandteil aber- bedeutete nach Auffassung heutiger etymologischer Wrterbcher ursprnglich nach, wider, hinter, wobei es spter eine abschtzige Bedeutung annahm und das Gegenteil dessen bezeichnete, was der zweite Wortbestandteil ausdrckte, z. B. bei Aberwitz.[4] Das Wort kam als Lehnbertragung des lateinischen Begriffs super-stitio in Gebrauch.[5] Der Begriff wurde von Afterglaube (= Miglaube) abgeleitet und stand fr falsche, d. h. von der christlichen Glaubenslehre abweichende, Glaubensinhalte und -formen. Aberglaube galt als heidnisch, unmoralisch und ketzerisch.Die Bekehrung der Heiden war in Europa zwar abgeschlossen, doch die lokalen Volksglauben lebten in gewissen Grenzen weiter: Zauber, Amulette, Bser Blick, heilige Bume und heilige Haine sollten die Christen nicht vom wahren Glauben abbringen. Auerdem wollte man mit dem Begriff Aberglauben den neuen vorreformatorischen und sektiererischen Einflssen entgegenwirken. Kirchenkritiker und Abweichler, die Ketzer, sollten damit auf die gleiche Ebene wie Hexen und Zauberer gestellt werden. Auch das Regelwissen der aufstrebenden Naturwissenschaft wurde diffamiert: Wissen oder Sehen-Wollen statt Glauben und Vertrauen stand im Verdacht der berheblichkeit und des Fanatismus, befand sich also im Widerspruch zur christlichen Ethik.Der griechische Philosoph Plutarch verurteilt alles als Aberglaube, was Gott negative Eigenschaften unterstellt, namentlich die Vorstellung einer Hlle.[6]Bereits Augustinus bernahm den Begriff superstitio, um nichtchristliche Religionen zu kennzeichnen. Er legte die theoretischen Grundlagen der mittelalterlichen Lehre ber die Geschichte des Aberglaubens. In seinen Werken De civitate Dei, De doctrina christiana, De divinatione daemonum und De natura daemonum befasste er sich ausfhrlich mit dem Aberglauben. Als Bischof von Hippo war er insbesondere mit dem Amulettglauben konfrontiert, der nach seiner Meinung eine ernsthafte Bedrohung des Christentums darstellte.[7] Seine Terminologie und seine Kenntnisse entnahm er weitgehend Marcus Terentius Varro.[8] Die Lehre von den Dmonen bernahm er im Wesentlichen von den Neuplatonikern. Augustinus ging von der realen Existenz von Dmonen aus. Sie bevlkerten nach ihm den Weltstaat (civitas terrena oder civitas diaboli). Um einem dualistischen Weltbild zu entgehen, erklrte er die Dmonen als urgeschichtlich gefallene und von Gott verstoene Engel.[9] Die magischen Praktiken waren heidnischen Ursprungs, und Augustinus sah im Aberglauben den Versuch, sich mit Hilfe der heidnischen Gtter, die mit den Dmonen identifiziert wurden, Sicherheit zu verschaffen. So wurde der Aberglaube mit dem heidnischen Gtzendienst identifiziert.[10] Auch Thomas von Aquin verstand Aberglauben als sittlichen, intellektuellen und religisen Verfall. Den Gtzendienst interpretierte er als eine Form der superstitio, beschftigte sich aber auch mit aberglubischen Formen der an sich richtigen, christlichen Gottesverehrung; diese seien nichtsdestoweniger sndhaft.Im Zeitalter der Aufklrung trat ein grundlegender Wandel ein: An die Stelle der Frage nach dem rechten Glauben trat das Bemhen, den Geltungsbereich vernunftgemen Urteilens und naturwissenschaftlicher Prinzipien zu bestimmen. Aberglaube galt als Abweichung der Vernunft und war in erster Linie ein historisches und soziales Bildungsproblem. Die Aufklrung richtete sich unter anderem gegen den religisen Aberglauben und entwickelte eine Vernunftreligion. Immanuel Kant sagte etwa: Aberglaube ist der Hang, in das, was als nicht natrlicher Weise zugehend vermeint wird, ein greres Vertrauen zu setzen, als was sich nach Naturgesetzen erklren lsst es sei im Physischen oder Moralischen.[11] Heute bezeichnet der Begriff Aberglaube nach einer Definition des Sozialpsychologen Judd Marmor Glaubensstze und Praktiken, die wissenschaftlich unbegrndet si

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