Kristeva, Julia (1972) [1967] - Bachtin, Das Wort, Der Dialog Und Der Roman

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    26-Oct-2015

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Ars poticaTexte und Studien zur Dichtungslehre und DichtkunstHerausgegeben vonA ugust B uck, C lem ens H eselhaus, H e in r ic h La u sbekg , W olfra m M ausekTexte, Band 8 Literaturwissenschaft und LinguistikmAthenumJens Ihwe, Hrsg.LITERATURWISSENSCHAFT U N D LINGUISTIKErgebnisse und PerspektivenBand 3Zur linguistischen Basis der Literaturwissenschaft, IIKapitel 8.1.: Verstheorie43. Jin Levy: Die Theorie des Verses ihre mathematischen Aspekte (1965).................................................................................. ..... 1744. Hans-Joachim Schdlich: Ober Phonologie und Poetik (1969) 4245. Philip A. Luelsdorff: Wiederholung und Reim in der generativen Phonologie (1968).............................. ......................................... . 61Kapitel 8.2.: Metrik46. Roman Jakobson und John Lotz: Axiome eines Versifikations- systems, am mordwinischen Volkslied dargelegt (1952) . . . 7847. Morris Halle und Samuel Jay Keyser: Der Jambische Pentameter* ................................................................................................. 8648. Joseph C Beaver: Fortschritte und Probleme in der generativen Metrik (1 9 6 8 ) .................................................................................. 108Kapitel 9.1.: Semantik49. Tzvetan Todorov: Die Beschreibung der Bedeutung in der Literatur (1964)........................................ .............................................. 12050. Jnos S. Petfi: Bemerkungen zur semantischen Interpretationvon sprachlichen Kunstwerken (1 9 6 8 ).......................................... 13151. Teun A. van Dijk: Neuere Entwicklungen in der literarischen Semantik (1970) . ........................................................ ..... 153Kapitel 9.2.: Thematik und Narrativik52. Claude Bremond: Die Erzhlnachricht (1964). . . . . . . 17753. Algirdas J. Greimas: D ie Struktur der Erzhlaktanten. Versuch eines generativen Ansatzes (1 9 6 7 ) ............................... ....................21854. Aleksandr K. 2olkovskij und Jurij S&gkrv: Die strukturelle Poetik ist eine generative Poetik (1967) . . . . . . . . . . 23955. Tzvetan Todorov: Die strukturelle Analyse der Erzhlung* . . 265I N H A L T16 INHALT 9 8 8Kapitel 9.3.: Gattungstheorie56. Serge Meleuc: Struktur der Maxime (1 9 6 9 ) ...............................57. Gtz Wienold: Probleme der linguistischen Analyse des Romans (1969)................................................................................................58. Julia Kristeva: Wort, Dialog und Roman bei Bachtin (1967) . .59. Lubomir Dolezel: Die Typologie des Erzhlers (1967) . . .60. Steen Jansen: Entwurf einer Theorie der dramatischen Form (1968)................................................................................................61. Steen Jansen: Die Einheit der Handlung in Andromaque und Lorenzaccio (1968).......................................................................Sachregister Bnde II I I .......................................................................276322345376393424459Inhalt der drei Bnde 475Ju lia K r istevaBACHTIN, DAS WORT, DER DIALOG UND DER ROMAN*Wenn die Wirksamkeit des wissenschaftlichen Verfahrens im Bereich der Geisteswissenschaften von jeher in Frage gestellt worden ist, so fllt auf, da diese Infragestellung zum ersten Mal gerade auf der Ebene der untersuchten Strukturen erfolgt, die sich auf eine andere Logik als die der Wissenschaft berufen. Es handelt sich um die Logik der Sprache (und a fortiori der poetischen Sprache), die der Schreibweise (criture) ihr Zutagetreten verdankt. Gemeint ist hier jene Literatur, die die Ausarbeitung des poetischen Sinnes als eines dynamischen Gramms fhlbar macht. Es bieten sich zwei Mglichkeiten der semiologischen Analyse von literarischen Texten: schweigen und sich der Stimme enthalten, oder sich darum bemhen, ein jener anderen Logik isomorphes Modell auszuarbeiten, ein Modell der Architektur der poetischen Bedeutung, die heute fr die Semiologie ins Zentrum des Interesses gerckt ist.Der russische Formalismus, auf den sich heute die strukturale Analyse beruft, sah sich vor eine hnliche Entscheidung gestellt, als ihm aus auerliterarischen und auerwissenschaftlichen Grnden ein Ende gesetzt wurde. Diese Untersuchungen sind aber fortgesetzt worden; sie wurden vor kurzem durch Analysen von Michail Bachtin1 bekannt. Bachtins Arbeiten stellen eines der bedeutendsten Ereignisse der formalen Schule dar* Das franzsische Original Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman erschien in Critique XXIII (1967), 438465.Deutsche bersetzung mit freundlicher Erlaubnis des Autors und der Redaktion der Zeitschrift alternative, Berlin.1 Michail Bachtin hat folgende Bcher verffentlicht: Problemy poetiki Dosto- jewskoioo, Moskau 1963, und Twortschestwo Franois Rabelais, Moskau 1965. Seine Theorien haben die Arbeiten einiger sowjetischer Sprach- und Literaturtheoretiker der dreiiger Jahre (Woloschinow, Medwedew) sichtlich beeinflut. W hrend der Stalinra fiel Bachtin in Ungnade; heute ist er rehabilitiert und lebt in der Provinz. Er arbeitet an einem Buch, das die Gattungen des Diskurses behandeln wird.(Siehe jetzt Michail Bachtin: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Mnchen 1969. Aus dem Russischen bersetzt und mit einem Nachwort von A. Kaempfe. Die Abschnitte S. 7 bis S. 60 dieser Ausgabe sind346 JULIA KRISTEVA 1 3 1 8und zugleich einen der fruchtbarsten Versuhe ihrer Weiterfhrung. Weit entfernt von der technischen Strenge der Linguisten, impulsiv, mitunter gar prophetisch schreibend, errtert Bachtin fundamentale Probleme, denen sich die strukturale Analyse der Erzhlung (rcit) heute konfrontiert sieht und die die Lektre der im Prinzip bereits vor vierzig Jahren konzipierten Texte wieder aktuell machen. Bachtin gehrt zu den ersten, die die statische Zerlegung der Texte durch ein Modell ersetzen, in dem die literarische Struktur nicht ist, sondern sich erst aus der Beziehung zu einer anderen Struktur herstellt. Diese Dynamisierung des Strukturalismus wird erst durch eine Auffassung mglich, nach der das literarische Wort nicht ein Punkt (nicht ein feststehender Sinn) ist, sondern eine berlagerung von Text-Ebenen, ein Dialog verschiedener Schreibweisen: der des Schriftstellers, der des Adressaten (oder auch der Person), der des gegenwrtigen oder vorangegangenen Kontextes.Indem er den Begriff Wortstatus (statut du mot) als kleinste Einheit der Struktur einfhrt, stellt Bachtin den Text in die Geschichte und die Gesellschaft, welche wiederum als Texte angesehen werden, die der Schriftsteller liest, in die er sich einfgt, wenn er schreibt. Die Diachronie verwandelt sich in Synchronie, und im Lichte dieser Verwandlung erscheint die lineare Geschichte als eine Abstraktion; die einzige Mglichkeit fr den Schriftsteller, an der Geschichte teilzunehmen, besteht nun im berschreiten dieser Abstraktion durch ein Schreiben-Lesen (une criture-lecture), d. h. durch die Anwendung einer bezeichnenden Struktur, die zu einer anderen in funktioneller oder oppositioneller Beziehung steht. Geschichte und Moral werden innerhalb der Infrastruktur der Texte >geschrieben< und >gelesen1 3 1 9 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 3471. Das Wort im intertextuellen RaumDie Einfhrung des spezifischen W ortstatus innerhalb der verschiedenen Gattungen bzw. Texte als eines Signifikanten der Modi fr das literarische Verstndnis stellt die poetische Analyse in den neuralgischen Punkt der heutigen Geisteswissenschaften: nmlich in den Schnittpunkt von Sprache (der realen Praxis des Denkens2) und Raum (der einzigen Dimension, in der sich die Bedeutung durch eine Verbindung von Unterschieden artikuliert). Den Wortstatus untersuchen heit, da man die Artikulation des Wortes als eines semischen Komplexes in Bezug auf die brigen Wrter des Satzes untersuchen sollte, da man dieselben Funktionen (Relationen) auf der Ebene der Artikulationen von umfangreicheren Sequenzen wiederfinden sollte. Gegenber dieser rumlichen Auffassung des poetischen Funktionierens der Sprache wird man zu allererst die drei Dimensionen des textuellen Raumes definieren, in dem sich die verschiedenen Operationen der semischen Mengen und der poetischen Sequenzen realisieren. Die drei Dimensionen sind: das Subjekt der Schreibweise, der Adressat und die anderen Texte. (Diese drei Elemente stehen miteinander in einem Dialog.) Der Wortstatus8 lt sich also folgendermaen definieren: a) horizontal: das Wort im Text gehrt zugleich dem Subjekt der Schreibweise und dem Adressat, und b) vertikal: das Wort im Text orientiert sich an dem vorangegangenen oder synchronen literarischen Korpus.Nun ist aber der Adressat in das diskursive Universum des Buches lediglich als Diskurs einbezogen worden. Er wird aber mit dem anderen Diskurs (dem anderen Buch), auf den sich der Schriftsteller beim Schreiben des eigenen Textes bezieht, so in eins gesetzt, da die horizontale Achse (Subjekt-Adressat) und die vertikale Achse (Text-Kontext) koinzidieren. Diese Koinzidenz enthllt eine wesentliche Tatsache: das Wort (der Text) ist berschneidung von Wrtern (von Texten), in der sich zumindest ein ande2 .. . die Sprache ist das praktische, auch fr andre Menschen existierende, also auch fr mich selbst erst existierende wirkliche Bewutsein.. . (K. Marx und F. Engels: Die deutsche Ideologie. In: Marx/Engels, Werke Bd. 3, Berlin 1958, S. 30).3 Bachtin arbeitet an einem Buch ber die Gattungen des Diskurses, die ernach dem Wortstatus bestimmen will (vgl. Woprosy Literatury, 8/1965). Wirknnen hier nur einige seiner Ideen soweit kommentieren, als sie sich mit denAuffassungen von F. de Saussure (Anagrammes. In: Mercure de France,Febr. 1964) treffen und einen neuen Ansatz zur Analyse literarischer Texteerffnen.3 4 8 JULIA KRISTEVA 1 3 2 0res W ort (ein anderer Text) lesen lt. Diese beiden Achsen, die Bachtin Dialog und Ambivalenz nennt, werden von ihm nicht immer klar voneinander unterschieden. Dieser Mangel an Strenge ist jedoch eher eine Entdeckung, die Bachtin als erster in die Theorie der Literatur einfhrt: jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. An die Stelle des Begriffs der Intersubjektivitt tritt der Begriff der Intertextualitt, und die poetische Sprache lt sich zumindest als eine doppelte lesen.So erweist sich der Status des Wortes aufgefat als textuelle Minimaleinheit sowohl als Mediator, der das strukturelle Modell mit dem kulturellen bzw. historischen Zusammenhang verbindet, wie auch als Regulator des bergangs von Diachronie in Synchronie (in literarische Struktur). Durch den Begriff des Status wird das W ort verrumlicht: es fungiert in drei Dimensionen (Subjekt-Adressat-Kontext) als eine Gesamtheit semi- scher Elemente im Dialog oder als eine Gesamtheit ambivalenter Elemente. Somit wird die Aufgabe der literarischen Semiologie darin bestehen, Formalismen zu finden, die den verschiedenen Modi von W ort- oder Sequenzverknpfungen im dialogischen Text-Raum entsprechen.Die Beschreibung des spezifischen Funktionierens der W rter in den verschiedenen Gattungen (oder Texten) der Literatur erfordert also ein translinguistisches Verfahren: 1) die literarische Gattung wird als ein unreines semiologisches System gefat werden mssen, das unterhalb der Sprachebene, jedoch nie ohne sie bezeichnet. 2) Man wird mit umfangreichen Einheiten von Diskurs-Stzen, Repliken, Dialogen usw. arbeiten ohne sich gezwungenermaen nach dem linguistischen Modell zu richten ; dieses Verfahren wird durch das Prinzip der semantischen Expansion gerechtfertigt. Auf diese Weise knnte als Hypothese aufgestellt und bewiesen werden: jegliche Entwicklung der literarischen Gattungen ist eine unbewute Veruerlichung der linguistischen Strukturen auf ihren verschiedenen Ebenen. So exteriorisiert der Roman den linguistischen Dialog4.4 Indem sie die linguistische Grundlage des Diskurses bezeichnet, weist die strukturale Semantik in der Tat darauf hin, da eine Sequenz in Expansion als quivalent einer syntaktisch viel einfacheren Kommunikationseinheit erkannt wird und definiert die Expansion als einen der wichtigsten Aspekte des Funktionierens der natrlichen Sprachen (A. J. Greimas: Smantique structurale, Paris 1966, S. 72). In der Expansion sehen wir also das theoretische Prinzip, das es uns erlaubt, die Struktur der Gattungen als eine Exteriorisierung (eine Expansion) der der Sprache inhrenten Strukturen zu untersuchen.1 3 2 1 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 3492. Wort und DialogDie russischen Formalisten beschftigte der Begriff linguistischer Dialog. Sie betonten den dialogischen Charakter der linguistischen Kommunikation5 und hielten den Monolog, diese embryonale Form der allgemeinen Sprache fr sekundr im Vergleich zum Dialog. Einige von ihnen unterschieden zwischen dem monologischen Diskurs als quivalent eines psychischen Zustandes7 und der Erzhlung als knstlerischer Nachahmung des monologischen Diskurses8. Eichenbaums berhmte Studie ber Gogols Mantel9 geht von solchen Auffassungen aus. Eichenbaum stellt fest, da der Gogolsche Text sich auf eine mndliche Form des Erzhlens und auf deren linguistische Charakteristika (Intonation, syntaktischer Aufbau des oralen Diskurses, respektives Lexikon usw.) sttzt. Whrend Eichenbaum also zwei erzhlerische Modi einfhrt, den indirekten und den direkten Modus, und ihre gegenseitigen Beziehungen in der Erzhlung untersucht, lt er auer acht, da sich in den meisten Fllen der Autor der Erzhlung, bevor er sich auf den oralen Diskurs bezieht, zuerst auf den Diskurs des Anderen sttzt; der orale Diskurs ist nur dessen Folge, der Andere ist der Trger des oralen Diskurses10.Fr Bachtin erhlt die Zerlegung in Dialog und Monolog eine Bedeutung, die weit ber den konkreten Sinn hinausgeht, in dem die Formalisten von ihr Gebrauch machten. Sie entspricht nicht der Unterscheidung von direkt5 E. F. Budej : K istorii welikorusskich goworow. Kazan 1869.6 L. W. Schtscherba: Wostochno lujikoje naretschi.7 W. W. Winogradow: O dialogitscheskoj retschi. In: Ruskaja retsch, I, S. 144.8 W. W. Winogradow: Poetika, 1926, S. 33.9 In: Jurij Striedter (ed.), Texte der Russischen Formalisten, Band 1 (Mnchen 1969), 122 ff. Vgl. dazu auch Rzena Grebenickova : Moderner Roman und russische formelle Schule. In: alternative Nr. 47,1966 (Anm. d. .).10 Es scheint so, als wre das, was man unbedingt monologue intrieur nennen will, die unreduzierbarste Art und Weise, auf welche eine ganze Zivilisation sich als Identitt, organisiertes Chaos und letzten Endes als Transzendenz lebt. Nun ist dieser Monolog wahrscheinlich nirgend anders auffindbar als in den Texten, die vorgeben, die sogenannte psychische Realitt des verbalen Stroms wiederherzustellen. Die Innerlichkeit des abendlndischen Menschen ist also ein begrenzter literarischer Effekt (Beichte, kontinuierliche psychologische Sprachverwendung, automatische Schreibweise). Man kann sagen, da die kopemikanische Wende von Freud (die Entdek- kung eines geteilten Subjekts) in gewisser Weise dieser Fiktion einer inneren Stimme ein Ende setzt, indem sie die Grundlagen einer radikalen Exterioritt des Subjekts gegenber der Sprache auf stellt.350 JULIA KRISTEVA 1 3 2 2imd indirekt (Monolog/Dialog) in der Erzhlung oder im Theaterstck. Bei Bachtin kann der Dialog monologisch sein, und der sogenannte Monolog ist oft dialogischer Art. Fr ihn verweisen die Termini auf eine linguistische Infrastruktur, deren Studium einer Semiologie der literarischen Texte zukommt, die weder mit den linguistischen Methoden noch mit den logischen Gegebenheiten allein vorlieb nimmt, die im Gegenteil ausgehend von beiden entstehen sollte. Die Linguistik untersucht die Sprache an sich, ihre spezifische Logik und ihre Entitten, die die dialogische Kommunikation ermglichen, aber sie abstrahiert von den dialogischen Beziehungen selbst. . . . Die dialogischen Beziehungen sind auch nicht auf logische oder signifikante Beziehungen, die schon an sich des dialogischen Momentes entbehren, reduzierbar. Sie mssen erst in W orte gekleidet, zu Redensarten werden durch das Aussagen von verschiedenen Subjekten in bestimmten Positionen, damit dialogische Beziehungen zwischen ihnen auftauchen . . . Dialogische Beziehungen sind zwar ohne logische und signifikante Beziehungen vllig undenkbar, haben jedoch ihre eigene Spezifik und lassen sich also nicht auf sie reduzieren (Bachtin 1963).Auf den Unterschied zwischen dialogischen und rein linguistischen Beziehungen insistierend, hebt Bachtin doch hervor, da die Beziehungen, auf deren Basis die Erzhlung strukturiert w ird (Autor/Person; wir knnen hinzufgen: Subjekt des Aussagen/Subjekt der Aussage [sujet de l'nonda- tin/sujet de l'nonc]), nur dadurch mglich sind, da der Dialogismus der Sprache (langage) selber inhrent ist. Bachtin erklrt nicht, worin diese Zweiseitigkeit der Sprache (langue) besteht, unterstreicht aber, da der Dialog die einzig mgliche Sphre fr das Leben der Sprache (langage) ist. Heute knnen wir dialogische Beziehungen auf mehreren Ebenen der Sprache wiederentdecken: in der kombinatorischen Dyade Sprachkompe- tenz/Sprachverwendung (langue/parole) ; in den Systemen der Sprachkom- petenz (kollektive und monologische Vereinbarungen, sowie das System von korrelativen Werten, die im Dialog mit den anderen aktualisiert werden) und in den Systemen der Sprachverwendung (wesentlich kombinatorisch, keine reine Kreation, sondern individuelle Ausbildung auf der Basis des Zeichen-Austausches). Auf einem anderen Niveau (das mit dem des ambivalenten Raumes im Roman vergleichbar wre) hat man sogar den doppelten Charakter der Sprache (langage) demonstriert: sie ist syntag- matisch (indem sie sich in Ausdehnung, Vorhandensein und durch Metonymie realisiert) und systematisch (indem sie sich in Verbindung, Abwesenheit und durch Metaphern realisiert). Es wre wichtig, die dialogischenAustauschprozesse zwischen diesen beiden Achsen der Sprache als Basis der romanhaften Ambivalenz linguistisch zu analysieren. Erwhnen wir auch die doppelten Strukturen und ihr Ineinandergreifen in den Relationen Kode/Botschaft (code/message)11, die auch dazu beitragen, die bachtinsche Idee des der Sprache inhrenten Dialogismus zu verdeutlichen.Der bachtinsche Diskurs weist auf das hin, was Benveniste meint, wenn er vom Diskurs spricht, d. h. von der von dem Individuum als Ausbung bernommenen Sprache (langage). In Bachtins eigenen Worten heit es: Damit die signifikanten und logischen Beziehungen dialogisch werden, mssen sie Gestalt annehmen, nmlich in eine andere existentielle Sphre eingehen: Diskurs werden, d. h. Aussage, ferner einen Autor, d. h. ein Subjekt der Aussage erhalten (Bachtin 1963). Fr Bachtin, der aus einem mit gesellschaftlichen Problemen beladenen revolutionren Ruland stammt, ist der Dialog nicht nur die vom Subjekt bernommene Sprache, sondern vielmehr eine Schreibweise (criture), in der man den anderen liest (ohne jegliche Anspielung auf Freud). So bezeichnet der bachtinsche Dialogismus die Schreibweise zugleich als Subjektivitt und als Kommunikativitt, oder bsser gesagt, als Intertextualitt. In Anbetracht dieses Dialogismus verwischt sich der Begriff Person-Subjekt der Schreibweise und macht einem anderen Platz: dem der Ambivalenz der Schreibweise.3. AmbivalenzDer Terminus Ambivalenz impliziert das Eindringen der Geschichte (der Gesellschaft) in den Text und des Textet in die Geschichte. Fr den Schriftsteller ist dies ein und dasselbe. Wenn Bachtin von zwei Wegen, die sich in der Erzhlung vereinigen, spricht, sieht er die Schreibweise als Lektre des vorausgegangenen literarischen Korpus, versteht er den Text als Absorbtion eines anderen Textes und als Antwort, auf einen anderen Text. (Der polyphone Roman wird als Absorption des Karnevals untersucht, der monologische Roman als Drosselung jener literarischen Struktur, die Bachtin wegen ihres Dialogismus eine menippeische nennt.) So gesehen kann der Text nicht allein von der Linguistik erfat werden. Bachtin postuliert die Notwendigkeit einer Wissenschaft, die er Translinguistik nennt, und die vom Dialogismus der Sprache ausgehend die intertextuellen Beziehungen begreifen knnte, Relationen, die der Diskurs des 19. Jahrhunderts gesell1 3 2 3 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 3 5 111 Siehe Roman Jakobson: Essais de linguistique gnrale. Paris 1963. Kapitel 9.3 5 2 JULIA KRISTEVA 1 3 2 4schaftlichen Wert oder moralische Botschaft der Literatur nennt. Lautramont wollte im Dienste einer hohen Moralitt schreiben. In seiner Praxis offenbart sich diese Moralitt als Ambivalenz von Texten: die Chants de Maldoror und die Posies sind ein stndiger Dialog mit dem vorausgegangenen literarischen Korpus, ein unaufhrliches Zurckweisen der vorausgegangenen Schreibweise. Dialog und Ambivalenz erweisen sich also als der einzige Weg, der es dem Schriftsteller erlaubt, in die Geschichte einzutreten, indem er eine ambivalente Moral predigt: die der Negation als Affirmation.Dialog und Ambivalenz fhren zu einer wichtigen Schlufolgerung. Die poetische Sprache im inneren Raum der Texte sowie im Raum der Texte ist ein Double. Das poetische Paragramm, von dem bei Saussure die Rede ist (Anagrammes), geht von Null bis Zwei: in seinem Feld existiert die Eins (die Definition, die Wahrheit) nicht. Das bedeutet folgendes: Die Definition, die Bestimmung, das Zeichen = und der Begriff >Zeichen< selber, der eine vertikale (hierarchische) Zerlegung in Signifikant (Sa) und Signifikat (S) voraussetzt, knnen nicht auf die poetische Sprache angewandt werden, die aus einer Unmenge von Verknpfungen und Kombinationen besteht.Der Begriff Zeichen (Sa-S) ist Ergebnis einer wissenschaftlichen Abstraktion (Identitt Substanz Ursache Ziel; Struktur des indogermanischen Satzes) und bezeichnet eine lineare, gleichzeitig vertikale und hier- archisierende Gliederung. Der Begriff Double ergibt sich aus der Reflexion ber die poetische (nicht-wissenschaftliche) Sprache und bezeichnet eine Spatialisierung (Verrumlichung) und eine Korrelierung (ein In-Wech- selbeziehung-Setzen) der literarischen (linguistischen) Sequenz. Er impliziert, da die minimale Einheit der poetischen Sprache zumindest eine doppelte ist (nicht im Sinne der Dyade Signifikant/Signifikat, sondern im Sinne von die eine und die andere), und er lt das Funktionieren der poetischen Sprache wie ein tabellenartiges Modell erscheinen, in dem jede Einheit (von nun an darf das Wort nur mehr in Anfhrungszeichen verwendet werden, denn jede Einheit ist eine doppelte) als mehrfach bestimmter Gipfel fungiert. Das Double wre also die minimale Sequenz dieser paragrammatischen Semiologie, die sich nach Saussure (Anagrammes) und Bachtin ausarbeiten liee.Wir sollen diesen Gedankengang hier nicht zu Ende fhren, jedoch im folgenden eine der Konsequenzen hervorheben, die sich daraus ergeben: ein logisches System, das auf der Basis 0/1 arbeitet (falsch/wahr, Nichts/Nota1 3 2 5 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 3 5 3tion), ist untauglich, um das Funktionieren der poetischen Sprache zu erklren.In der Tat ist die wissenschaftliche Verfahrensweise eine auf dem griechischen (indogermanischen) Satz basierende logische Verfahrensweise, die auf der Subjekt/Prdikat-Konstruktion beruht und mit Identifikation, Determination und Kausalitt operiert. Die moderne Logik von Frege und Peano bis Lukasiewicz, Ackermann oder Church, die sich in den 0/1- Dimensionen bewegt, oder auch die Logik eines Boole, die von der Mengentheorie ausgehend Formalisierungen liefert, die dem Funktionieren der Sprache schon eher isomorph sind, bleiben in der Sphre der poetischen Sprache unanwendbar, wo die 1 keine Grenze ist.Man knnte die poetische Sprache also nicht mittels der heute vorhandenen logischen (wissenschaftlichen) Verfahren formalisieren, ohne sie dadurch zu entstellen. Eine Semiologie der literarischen Texte mu mit einer poetischen Logik aufgebaut werden, in der der Begriff der Potenz der Kontinuitt (puissance du continu) das Intervall von 0 bis 2 tunfassen wrde, eine Kontinuitt, wo 0 denotiert und 1 implizit berschritten wird.In dieser spezifisch poetischen Potenz der Kontinuitt von Null zum Double ist das (linguistisch, psychisch und gesellschaftlich) Verbotene die 1 (Gott, das Gesetz, die Definition), und die einzige linguistische Praxis, die diesem Verbot entkommt, ist der poetische Diskurs. Es ist kein Zufall, da die Unzulnglichkeiten der aristotelischen Logik hinsichtlich ihrer Anwendung auf die Sprache zum einen von dem chinesischen Philosophen Chang Tung-Sun hervorgehoben wurden, der einem anderen linguistischen Horizont entstammt (dem der Ideogramme, in dem sich statt Gott der Dialog Yin-Yang entfaltet); zum anderen von Bachtin, der versuchte, den Formalismus durch eine dynamische Theorie zu berwinden, die in einer revolutionren Gesellschaft entstand. Fr ihn ist der erzhlende Diskurs, den er mit dem epischen Diskurs gleichsetzt, ein Verbot, ein Monologismus, eine Unterwerfung des Kodes unter 1, unter Gott. Das Epische ist demzufolge religis, theologisch, und jede realistische Erzhlung, die der 0/1-Logik folgt, ist dogmatisch. Der realistische brgerliche Roman (Tol- stoj), den Bachtin monologisch nennt, tendiert dazu, sich in diesem Raum zu bewegen. Die realistische Schilderung, die Definition eines Charakters, die Erschaffung einer TIguF, das Eritfalferi eines Sujets, all diese Elemente des beschreibenden Erzhlens gehren in das 0/1-Intervall, sind also monologischer Art. Der einzige Diskurs, in dem sich die poetische 0/2- Logik vllig realisiert, wre der des Karnevals: er durchbricht die Regeln3 5 4 JULIA KRISTEVA 1 3 2 6des linguistischen Kodes und die Regeln der gesellschaftlichen Moral, indem er eine Logik des Traums rttinmt.Eigentlich ist dieses Durchbrechen des linguistischen (logischen, gesellschaftlichen) Kodes im Karneval erst mglich und wirksam, weil es sich ein anderes Gesetz gibt. Der Dialogismus ist nicht die Freiheit, alles zu sagen, er ist >Hohnerotisch1 3 2 7 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 3 5 5Franzsischen implizieren: Double, Sprache (langage) und eine andere Logik. Von diesem Terminus her, den die literaturbezogene Semiologie bernehmen knnte, lt sich ein neuer Zugang zu poetischen Texten gewinnen. Die vom Dialogismus implizierte Logik ist zugleich: 1) eine Logik der Distanz und der Relation zwischen den verschiedenen Termini des Satzes oder der Erzhlstruktur, die auf ein Werden hinweist im Gegensatz zur Ebene der Kontinuitt und der Substanz, welche wiederum einer Logik des Seins folgen und als monologisch zu bezeichnen sind; 2) eine Logik der Analogie und der nicht-ausschlieenden Opposition im Gegensatz zur Ebene der Kausalitt und der identifizierenden Determination, die als monologisch bezeichnet werden kann; 3) eine Logik des Transfiniten (diesen Begriff entlehnen wir Cantor), die von der Potenz der Kontinuitt der poetischen Sprache (02) aus ein zweites Formationsprinzip einfhrt, nmlich da eine poetische Sequenz allen vorausgegangenen Sequenzen der Aristotelischen Reihe (der wissenschaftlichen, der monologischen, der erzhlenden) unmittelbar berlegen (nicht kausal deduziert) ist. So zeigt sich der ambivalente Raum im Roman von zwei Formationsprinzipien bestimmt: dem monologischen (jede Sequenz wird von der vorausgegangenen determiniert) und dem dialogischen (transfinite Sequenzen, die der vorausgegangenen kausalen Reihe unmittelbar berlegen sind)12. Am anschaulichsten wird der Dialog in der Struktur der karnevalesken Sprache, in der die symbolischen Relationen und die Analogie den Beziehungen Substanz-Kausalitt berlegen sind. Der Begriff Ambivalenz wird fr die Permutation der zwei Rume verwendet, die in der Romanstruktur auf treten: 1) des dialogischen Raumes, 2) des monologischen Raumes.Die Auffassung der poetischen Sprache als Dialog und Ambivalenz bringt Bachtin nun dazu, die Romanstruktur neu zu bewerten; diese nimmt die Form einer mit einer Typologie des Diskurses verbundenen Klassifizierung der Worte der Erzhlung an.12 Nehmen wir an, da w die transfinite Sequenz ist. Der ambivalente Raum stellt sich dann wie folgt dar:1, 2, . . . v, . . . w, w + 1 , . . . w + v , . . . 2w, . . . 2 w + l, . . . 2w + v, . . . 3w, 3w + 1 , . . . , wl, . . . , ws, . . . w v ,. . . vvw, . . .Die Einfhrung von Begriffen aus der Mengentheorie in diese Betrachtungen der poetischen Sprache ist nur metaphorisch: sie ist mglich, weil man eine Analogie zwischen den Beziehungen aristotelische Logik/poetische Logik einerseits, mebar/unendlich andererseits, aufstellen kann.356 JULIA KRISTEVA 1 3 2 84. Die Klassifikation der Wrter in der Erzhlung13Nach Bachtin lassen sich in der Erzhlung (rcit) drei Kategorien von W rtern unterscheiden:a) das direkte Wort, das auf sein Objekt verweist, bringt die letzte Bedeutungs-Instanz des Subjekts eines Diskurses innerhalb der Rahmen eines Kontextes zum Ausdruck; das W ort des Autors, dieses ansagende, aussagende, ausdrckende, denotative W ort mu ihm das objektiv-unmittelbare Verstndnis verschaffen. Es kennt nur sich selbst und sein Objekt, an das es sich anzupassen versucht. (Es ist sich der Einflsse von fremden Wrtern nicht bewut.)b) das objekthafte W ort (mot objectal) ist die direkte Rede der Personen. Es erhlt eine objektive, unmittelbare Bedeutung, befindet sich jedoch nicht auf derselben Ebene wie der Diskurs des Autors, der von ihm Abstand nimmt. Es orientiert sich zugleich an seinem Objekt und ist selbst Objekt der Orientierung des Autors. Es ist ein fremdes Wort, das sich dem Wort der Erzhlung als einem Gegenstand des Verstndnisses des Autors unterwirft. Die Ausrichtung des Autors an dem objekthaften W ort dringt aber in dasselbe nicht ein; sie nimmt es als Ganzes, verndert weder seinen Sinn noch seine Tonalitt; sie ordnet es ihren eigenen Aufgaben unter, ohne da sie demselben eine andere Bedeutung verleiht. Auf diese Weise ist das (objekthafte) Wort, das zum Objekt eines anderen (denotativen) Wortes geworden ist, sich dessen nicht bewut. Somit sind das objekthafte Wort sowie auch das denotative Wort eindeutig.c) Der Autor kann sich aber des fremden Wortes bedienen, um diesem einen neuen Sinn zu geben, wobei er dessen ursprnglichen Sinn bewahrt. Daraus folgt, da das Wort zwei Bedeutungen erhlt, da es ambivalent wird. Dieses ambivalente Wort ist also das Resultat der Verknpfung zweier Zeichensysteme. In der Entwicklung der Gattungen taucht es in der Menippea (la mnippe) und im Karneval auf. Die Verknpfung zweier Zeichensysteme relativiert den Text. Dieses ist der Stilisierung zu verdanken, die dem W ort des Anderen gegenber einen Abstand herstellt im Gegensatz zur Imitation (hier denkt Bachtin eher an die Repetition), die das Nachgeahmte (das Wiederholte) ernst nimmt, es sich eigen macht, es sich aneignet ohne es zu relativieren. Diese Kategorie von ambivalenten13 Vgl. in der deutschen Ausgabe von Bachtin (Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Mnchen 1969) den Abschnitt Typen des Prosaworts. (Anm. d. O.)1 3 2 9 BACHTXN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 3 5 7Wrtern wird dadurch gekennzeichnet, da der Autor die Rede des Anderen fr seine eigenen Zwecke ausnutzt, ohne aber gegen deren Gedanken zu verstoen; er verfolgt deren Weg, wobei er sie zugleich relativiert. Nichts dergleichen in der zweiten Kategorie von ambivalenten Wrtern, fr die die Parodie ein typisches Beispiel ist. Hier fhrt der Autor eine der Bedeutung des anderen Wortes entgegengesetzte Bedeutung ein. Die dritte Kategorie des ambivalenten Wortes, fr die die versteckte innere Polemik ein Beispiel ist, wird wiederum durch den aktiven (modifizierenden) Einflu des fremden Wortes auf das W ort des Autors gekennzeichnet. Es spricht der Schriftsteller, aber ein fremder Diskurs ist stets anwesend in jener von ihm selbst entstellten Rede. In diesem aktiven Typus von ambivalentem Wort wird das W ort des Anderen durch das W ort des Erzhlers (narrateur) dargestellt. Beispiele dafr sind die Autobiographie, das polemische Gestndnis, die Beichte, die Replik eines Dialogs und der verschleierte Dialog. Der Roman ist die einzige Gattung, die ambivalente Wrter besitzt; dies ist die spezifische Charakteristik seiner Struktur.5. Der immanente Dialogismus des denotativen oder historischen WortesDer Begriff der Eindeutigkeit oder der Objektivitt des Monologs und des Epischen, mit dem der Monolog verglichen wird, oder auch des denotativen und objekthaften Wortes widersteht nicht einer psychoanalytischen und semantischen Analyse der Sprache. Der Dialogismus ist den Tiefenstrukturen des Diskurses koextensiv. Trotz Bachtin und Benveniste finden wir den Dialogismus wieder auf der Ebene des bachtinschen denotativen Wortes als Prinzip jeglichen Aussagens, sowie auch auf der Ebene der Geschichte bei Benveniste, dieser Geschichte, die ebenso wie die Ebene des benvenisti- schen Diskurses eine Intervention des Sprechers in der Erzhlung und eine Orientierung am Anderen voraussetzt. Um den immanenten Dialogismus des denotativen oder historischen Wortes zu beschreiben, mten wir rekurrieren auf den Psychismus der Schreibweise als einer Spur des Dialogs mit sich selbst (mit dem anderen), als eines Abstands des Autors sich selbst gegenber, als eine Entzweiung des Schriftstellers in ein Subjekt des Aussagens und ein Subjekt der Aussage.Das Subjekt der Erzhlung (narration) wendet sich durch den Akt des Erzhlens an einen Anderen und das Erzhlte strukturiert sich in Bezug auf diesen Anderen. (Ponge setzt im Namen dieser Kommunikation dem Ich3 5 8 JULIA KRIS TEVA 1 3 3 0denke, also bin ich ein Ich spreche, Du hrst mich, also sind wir entgegen und postuliert somit den bergang vom Subjektivismus zur Ambivalenz.) So knnen wir die Erzhlung jenseits der Beziehung Signifikant/Sig- nifikat als einen Dialog zwischen dem Subjekt der Erzhlung (S) und dem Adressaten (D) (destinataire), dem Anderen untersuchen. Da dieser Adressat nichts anderes als das Subjekt der Lektre ist, stellt er eine Entitt mit doppelter Ausrichtung dar: Er ist Signifikant in seinem Bezug auf den Text und Signifikat im Bezug des Subjekts der Erzhlung auf ihn selbst. Er ist also eine Dyade (D 1, D 2), deren beide Glieder, da sie untereinander kommunizieren, das System eines Kodes konstituieren. Das Subjekt der Erzhlung (S) neigt dazu, indem es sich selbst auf einen Kode, auf eine Nicht-Person auf ein Anonymat (Autor, Subjekt des Aussagens) reduziert, das sich durch ein Er (Person, Subjekt der Aussage) mediatisiert. Der Autor das Subjekt der Erzhlung wird dadurch verwandelt, da er sich in das System der Erzhlung einbezieht, er ist nichts und niemand, sondern die Mglichkeit einer Permutation von S zu D, von der Geschichte zum Diskurs und vom Diskurs zur Geschichte. Er wird zur Anonymitt, zur Abwesenheit, zur Lcke, damit er es der Struktur ermglicht als solche zu existieren. Am Anfang selbst des Erzhlten, im Augenblick, in dem der Autor auftaucht, begegnen wir der Erfahrung des Leeren. So werden wir die Probleme des Todes, der Geburt und des Geschlechts dann auftreten sehen, wenn die Literatur den neuralgischen Punkt berhrt, der in der Wiederaufwertung der Sprache liegt, welche die linguistischen Systeme durch die Struktur der Erzhlung (Gattung) veruerlicht. Von dieser Anonymitt, dieser Null aus, in der sich der Autor befindet, entsteht das Er der Person. Auf einem spteren Stadium wird dieses Er zum Eigennamen. Im literarischen Text gibt es also keine Null, die Lcke wird sofort durch eine Eins (er, Name) ersetzt, die wiederum eine doppelte (Subjekt und Adressat) ist. Der Adressat, das Andere, das uerliche (deren Objekt das Subjekt des Erzhlten ist, und das zugleich Dargestelltes und Darstellendes ist) verwandeln das Subjekt in einen Autor, das heit, fhrt das S durch dieses Stadium der Null, der Negation, des Ausschlieens hindurch. In diesem Stadium wird der Autor konstituiert. So strukturiert sich im Hin und Her zwischen dem Subjekt und dem Anderen, dem Schriftsteller und dem Leser, der Autor als Signifikant und der Text als Dialog zweier Diskurse.Die Konstituierung der Person (des Charakters) andererseits erlaubt die Disjunktion von S in Sa (Subjekt des Aussagens) und Se (Subjekt der Aussage).1 3 3 1 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 3 5 9Das Schema dieses bergangs wird folgendermaen aussehen:D/\Di Dz (Schema I)Das Schema umfat die Struktur des Pronominalsystems14, das die Psychoanalytiker in der Rede des Objektes der Psychoanalyse wiederfinden:W ir finden auf der Ebene des Textes (des Signifikanten), im Bezug SaS0 diesen Dialog zwischen Subjekt und Adressaten wieder, um den sich jegliches Erzhlen strukturiert. Das Subjekt der Aussage spielt in Bezug auf das Subjekt des Aussagens die Rolle des Adressaten in Bezug auf das Subjekt; das eine fgt das andere in das System der Schreibweise ein, indem es es durch die Leere hindurchfhrt. Mallarm nannte dieses Funktionieren Ausdrucksschwund (disparition locutoire).Das Subjekt der Aussage stellt das Subjekt des Aussagens dar und wird zugleich als Objekt des Subjekts des Aussagens dargestellt. Es kann also in das Anonymat des Autors verwandelt werden; diese Genese des Doppelten (double) von der Null aus ergibt die Person (Charakter). Es ist also dialogisch, S und D werden in ihm verschleiert.Dieses Vorgehen gegenber der Erzhlung und dem Roman, das wir eben beschrieben haben, hebt sogleich die Unterscheidung SaSe auf und macht diese Begriffe obsolet in der literarischen Praxis, die sich einzig und allein in dem (den) dialogischen Signifikanten herstellt. Der Signifikant stellt das Subjekt fr einen anderen Signifikanten dar (Lacan).Die Erzhlung war also von jeher als dialogische Matrix durch den Adressaten, an den sie gerichtet ist, konstituiert. Jede Erzhlung, einschlielich der der Geschichte und der der Wissenschaft, enthlt dieseich SNman Se (Schema II)14 Vgl. Luce Irigary: Communication linguistique et communication spcu- laire. In: Cahiers pour l'anayse, Nr. 3.360 JULIA KKISTEVA 1 3 3 2dialogische Dyade, die der Schriftsteller mit dem anderen bildet, und die sich in den dialogischen Bezug SaS bersetzen lt, wobei Sa und Se freinander sind, abwechselnd Signifikant und Signifikat, nichts mehr als ein Permutationswechsel zweier Signifikanten.Nun veruerlicht sich dieser Dialog, diese Inbesitznahme des Zeichens als eines Doppelten, diese Ambivalenz der Schreibweise erst durch bestimmte Strukturen der Erzhlung in der Organisation des (poetischen) Diskurses, auf der Ebene der Erscheinung des (literarischen) Textes.6. Zu einer Typologie der DiskurseDie dynamische Analyse der Texte fhrt zu einer Neuordnung der Gattungen: die Radikalitt, mit der Bachtin diese unternahm, fordert uns auf, dasselbe fr die Konstituierung einer Typologie der Diskurse zu tun.Der Begriff >Erzahlung< (rcit), den die Formalisten benutzten, ist allzu zweideutig fr die Gattungen, deren Bezeichnung er in Anspruch nimmt. Man knnte zumindest zwei verschiedene Kategorien voneinander unterscheiden.Einmal der monologische Diskurs, der sich zusammensetzt aus: 1) dem darstellenden Modus der Beschreibung und der (epischen) Erzhlung; 2) dem historischen Diskurs; 3) dem wissenschaftlichen Diskurs. In allen dreien bernimmt das Subjekt die Rolle der 1 (Gott), der er sich somit unterwirft. Der jeglichem Diskurs immanente Dialog wird durch ein Verbot erstickt, durch eine Zensur, so da dieser Diskurs sich weigert, zu sich selbst zurckzukommen (zu dialogisieren). Die Modelle dieser Zensur geben hiee die Natur der Unterschiede zwischen beiden Diskursformen beschreiben: die des Epischen (der Geschichte, der Wissenschaft) und die der Menippea (des Karnevals, des Romans), die das Verbot berschreitet. Der monologische Diskurs entspricht der systematischen Achse der Sprache, von der Jakobson spricht; man hat ebenfalls auf seine hnlichkeit mit der grammatikalischen Affirmation und Negation hingewiesen.Andererseits gibt es den dialogischen Diskurs: 1) des Karnevals, 2) der Menippea, 3) des polyphonen Romans. Innerhalb ihrer eigenen Strukturen liest die Schreibweise eine andere Schreibweise, liest sich selbst und baut sich in einer zerstrerischen Genese auf.7. Der epische MonologismusDas Epische, das sich auf synkretistische Ziele hin strukturiert, rckt den doppelten W ert des Wortes in seiner postsynkretistischen Periode ins1 3 3 3 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 361Licht: Rede eines Subjekts (ich), das unvermeidlich von der Sprache, vom Trger des Konkreten und des Universalen, des Individuellen und des Kollektiven durchlaufen wird. Auf dem Stadium des Epischen aber verfgt der Sprecher (Subjekt der Epope) nicht ber die Rede des anderen. Das dialogische Spiel der Sprache als einer Zeichenkorrelation, die dialogische Permutation zweier Signifikanten an Stelle eines Signifikats realisiert sich auf der Ebene des Erzhlten (narration) (im denotativen Wort oder auch in der textuellen Immanenz), ohne sich auf der Ebene der textuellen Erscheinung zu veruerlichen wie es bei der Romanstruktur der Fall ist. Hier im Epischen fungiert dieses Schema und noch nicht die Problematik des ambivalenten Wortes Bachtins. Das Organisationsprinzip der epischen Struktur bleibt also monologisch. Der Sprachdialog kommt hier allein in der Infrastruktur des Erzhlten zum Vorschein. Auf der Ebene der scheinbaren Text- rganisation (historisches Aussagen/diskursives Aussagen) realisiert sich kein Dialog. Die beiden Aspekte des Aussagens bleiben beschrnkt durch den absoluten Standpunkt des Erzhlers, der mit der Ganzheit eines Gottes oder einer Gemeinschaft sich deckt. Wir finden in dem epischen Monologismus das transzendentale Signifikat und die Anwesenheit fr sich, von denen J. Derrida spricht.Es ist der systematische Modus (nach Jakobson die Similaritt) der Sprache, der im epischen Raum vorherrscht. Die Struktur der metonymischen Kontiguitt, die der syntagmatischen Achse der Sprache angemessen ist, ist dort selten. In diesem Raum existieren schon Assoziationen und Metonymien als rhetorische Figuren, ohne da sie sich bereits als Prinzip struktureller Organisation veruerlichen. Die epische Logik sucht das allgemeine, indem sie vom besonderen ausgeht. Sie setzt also eine Hierarchie in der Struktur der Substanz voraus und ist infolgedessen kausaler Art, d. h. theologisch: sie ist Glauben im eigentlichen Sinne des Wortes.8. Der Karneval oder die Homologie Krper-Traum-linguistische Struktur-Struktur des WunschesDie karnevaleske Struktur ist wie die Spur einer Kosmogonie, die weder Substanz noch Ursache oder Identitt auerhalb des Bezugs auf das Totum, das nur in der Relation und durch sie existiert, kennt. Die berbleibsel der karnevalesken Kosmogonie sind antitheologisch (das heit nicht antimystisch) und tief volkstmlich. Sie berlebt als ein oft verkanntes und verfolgtes Substrat der abendlndischen offiziellen Kultur durch deren ganze Geschichte hindurch und manifestiert sich am deutlichsten in volkstmli362 JULIA KRISTEVA 1 3 3 4chen Spielen, im mittelalterlichen Theater und in der mittelalterlichen Prosa (Anekdoten, Fabelgedichte, roman de Renard). Der Karneval ist im wesentlichen dialogisch; er besteht aus Abstnden, Relationen, Analogien, nicht-ausschlieenden Gegenstzen. Dieses Schauspiel kennt keine Rampe: dieses Spiel ist Aktivitt; dieser Signifikant ist ein Signifikat. Das heit, da zwei Texte hier zueinander finden, sich widersprechen und relativieren. Derjenige, der am Karneval teilnimmt, ist gleichzeitig Schauspieler und Zuschauer; er verliert sein Bewutsein als Person, um durch den Nullpunkt der karnevalesken Aktivitt hindurchzugehen und um sich zu entzweien in ein Subjekt des Schauspiels und ein Objekt des Spiels. Im Karneval wird das Subjekt vernichtet: hier vollendet sich die Struktur des utors als eines Anonymats, das kreiert und sich kreieren sieht, zugleich als Ich und als Anderer, als Mensch und als Maske. Den Dionysismus Nietzsches knnte man mit dem Zynismus dieser kamevalisierten Bhne vergleichen, die einen Gott zerstrt, um ihre dialogischen Gesetze aufzuzwingen. Nachdem er die Struktur der reflektierten literarischen Produktivitt veruerlicht hat, befrdert der Karneval das Unbewute, das jener Struktur zu Grunde liegt das Geschlecht, der Tod , unvermeidlich zu Tage. Ein Dialog organisiert sich zwischen diesen, so da die strukturellen Dyaden des Karnevals entstehen: das Hohe und das Niedrige, die Geburt und die Agonie, die Nahrung und das Exkrement, das Lob und der Fluch, das Lachen und die Trnen.Die Wiederholungen, die sogenannten folgenlosen Reden (die im infiniten Raum logisch sind), die nicht-ausschlieenden Oppositionen, die als leere Ganzheiten oder als disjunktive Summen fungieren um sich auf einige Figuren, die der kamevalisierten Sprache eigen sind, zu beschrnken , bersetzen einen Dialogismus, den kein anderer Diskurs auf so auffllige Art und Weise kennt. Indem er die Gesetze der Sprache, die im Intervall 01 arbeitet, in Frage stellt, stellt der Karneval Gott, Autoritt und gesellschaftliches Gesetz in Frage. Der Karneval ist revolutionr insofern er dialogisch ist: es ist kein Wunder, wenn der Begriff >Karneval< auf Grund dieses subversiven Diskurses in unserer Gesellschaft eine stark abwertende und allein karikaturhafte Bedeutung erhalten hat.So ist die Bhne (oder besser: der Schauplatz) des Karnevals, wo Rampe und Saal nicht existieren, zugleich Theater und Leben, Spiel und Traum, Diskurs und Schauspiel. Diese >Bhne< ist gleichzeitig Proposition des einzigen Raumes, in dem die Sprache der Linearitt (dem Gesetz) entkommt, um sich in drei Dimensionen als Drama zu erleben. Dieser Vorgang hat die1 3 3 5 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 363noch tiefere Bedeutung seiner eigenen Opposition, nmlich da sich das Drama in der Sprache niederlt; er veruerlicht ein wesentliches Prinzip: jeglicher poetische Diskurs ist Dramatisierung, dramatische Permutation der Wrter (im mathematischen Sinne des Wortes). Im Diskurs des Karnevals verkndet sich die Tatsache, da die mentale Situation so beschaffen ist wie die Mander eines Dramas (Mallarm). Die Bhne, deren Symptom er ist, wre die einzige Dimension, in der das Theater Lektre eines Buches, dessen verfahrende Schreibweise, wre. Anders ausgedrckt, wre diese Bhne der einzige Ort, an dem sich die potentielle Unendlichkeit (um den Hilbertschen Begriff zu bernehmen) des Diskurses erfllte, in dem sich zugleich die Verbote (die Darstellung, das Monologische) und deren Transgression (der Traum, der Krper, das Dialogische) manifestieren. Diese karnevaleske Tradition wird von der Menippea absorbiert und im polyphonen Roman praktiziert.Auf der generalisierten Bhne des Karnevals parodiert und relativiert sich die Sprache, indem sie ihre darstellende Funktion verwirft (was Lachen hervorruft), ohne da sie sich davon trennen knnte. Die syntagmatische Achse der Sprache veruerlicht sich in diesem Raum, und sie konstituiert in einem Dialog mit der systematischen Achse die ambivalente Struktur, die der Karneval dem Roman vermachen wird. Die karnevaleske Struktur ist lasterhaft (ich meine ambivalent), gleichzeitig darstellend und gegendarstellend, also antiideologisch, antichristlich und antirationalistisch. All die groen polyphonen Romane haben etwas von dieser karnevalesken Struktur der Menippea geerbt (Rabelais, Cervantes, Swift, Sade, Balzac, Lautramont, Dostojewskij, Joyce, Kafka). Die Geschichte des menippeischen Romans ist auch die Geschichte des Kampfes gegen das Christentum (die Ideologie, die Darstellung), das heit, eine Exploration der Sprache (des Geschlechts, des Todes, sie ist Anerkennung der Ambivalenz, des Lasters.Man sollte sich vor einer Zweideutigkeit hten, zu der der allgemeine Gebrauch des Wortes karnevalesk fhrt. In der modernen Gesellschaft konnotiert dieses Wort im allgemeinen eine Parodie, also eine Verfestigung des Gesetzes. Man neigt dazu, den tragischen (mordenden, zynischen, im Sinne einer dialektischen Transformation revolutionren) Aspekt des Karnevals zu mystifizieren, auf den gerade Bachtin den Akzent legt, und den er in der Menippea oder bei Dostojewskij wiederfindet. Das Lachen des Karnevals ist nicht einfach parodistisch; es ist nicht eher komisch als tragisch, es ist wenn man so will ernsthaft und allein auf diese Weise ist seine364 JULIA KRISTEVA 1 3 3 6Bhne weder die des Gesetzes noch die der Parodie, sondern sein Anderes. Die moderne Schreibweise bietet mehrere auffllige Beispiele dieser generalisierten Bhne, die gleichzeitig Gesetz und Anderes ist, einer Bhne, auf der das Lachen verstummt: denn es ist nicht Parodie, sondern Mord und Revolution (Antonin Artaud).Das Epische und das Karnevaleske sind die beiden Tendenzen, die die europische Erzhlung gestalteten, indem sie je nach Epoche oder Autor abwechselnd dominierten. Die karnevaleske Tradition des Volkes machte sich noch in der personellen Literatur der Sptantike bemerkbar und bleibt bis auf unsere Tage der lebendige Quell, der die Theorie der Literatur wiederbelebt, indem er sie zu neuen Perspektiven fhrt.Der alte Humanismus half, den epischen Monologismus zu zersetzen, der von der Rede so stark zusammengeschweit war und von den Rednern, Rhetoren und Politikern sowie auch von der Tragdie und der Epope zum Ausdruck gebracht wurde. Bevor ein anderer Monologismus an dessen Stelle tritt (mit dem Triumph der formalen Logik, mit dem Christentum und dem Humanismus15 der Renaissance), erzeugt die Sptantike zwei Gattungen, die den Dialogismus der Sprache blolegen und, indem sie sich in die karnevaleske Chronologie einbetten, die Grung fr einen europischen Roman abgeben. Diese Gattungen sind der Sokratische Dialog und die Menippea.9. Der Sokratische Dialog oder der Dialogismus als Vernichtung der PersonDer Sokratische Dialog ist im Altertum sehr verbreitet: Platon, Xenophon, Antisthenes, Phaidon, Euklid usw. zeichneten sich in ihm aus. (Nur die Dialoge von Platon und Xenophon wurden uns bermittelt.) Der Sokratische Dialog ist weniger eine rhetorische als eine volkstmliche und karnevaleske Gattung. Ursprnglich war er eine Art von Erinnerung (an die15 Wir mchten auf die zweideutige Rolle des okzidentalen Individualismus insistieren: da dieser einerseits den Begriff der Identitt impliziert, ist er an das substantielle, kausale und atomistische Denken des aristotelischen Griechenlands gebunden und verstrkt durch die Jahrhunderte hindurch diesen aktivi- stischen, wissenschaftsglubigen oder theologischen Aspekt der abendlndischen Kultur. Andererseits treibt er auf dem Begriff der Differenz von Ich und Welt beruhend zu einer Suche nach Vermittlungen zwischen den beiden Begriffen oder nach Unterscheidungen innerhalb beider, so da eine vom Material selbst der formalen Logik ausgehende, korrelationelle Logik mglich wird.1 3 3 7 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 365Gesprche von Sokrates mit seinen Schlern), er hat sich nun freigemacht vom Zwang der Geschichte und hat allein die sokratische Art der dialogischen Wahrheitsfindung bewahrt, sowie auch die Struktur eines aufgenommenen Dialogs, der vom Erzhlten umrahmt wird. Nietzsche warf Platon vor, er htte die dionysische Tragdie verkannt. Dennoch hatte der Sokratische Dialog die dialogische und kontestative Struktur der karnevalesken Bhne bernommen. Nach Bachtin werden die Sokratischen Dialoge, durch ihre Opposition gegen den offiziellen Monologismus gekennzeichnet, da sie die ganze Wahrheit fr sich in Anspruch nehmen wollen. Die Sokratische Wahrheit (der Sokratische Sinn) ergibt sich aus den dialogischen Beziehungen zwischen Sprechern; sie ist korrelationeller Art und ihr Relativismus tritt durch die Autonomie der Standpunkte der Beobachter zu Tage. Ihre Kunst ist die Kunst des Artikulierens der Phantasie, der Korrelation von Zeichen. Zwei typische Verfahrensweisen lsen diesen linguistischen Raster aus: die Synkrisis (Konfrontation verschiedener Diskurse ber ein und dasselbe Thema) und die Anakrisis (Hervorrufen eines Wortes durch ein anderes Wort). Die Subjekte des Diskurses sind Nicht-Personen, Anonymate, die im Diskurs, der sie konstituiert, verborgen sind. Bachtin erinnert daran, da das Geschehen im Sokratischen Dialog ein diskursives Geschehen ist: Infragestellung einer Definition und deren Prfung durch die Rede. Die Rede ist also mit dem Menschen, der sie schafft, organisch verbunden (Sokrates und seine Schler), oder, besser gesagt, der Mensch und seine Aktivitt sind die Rede. W ir drfen hier von einer Rede- Praxis synkretistischen Charakters sprechen; der Trennungsproze zwischen dem Wort als Akt, als apodiktischer Praxis, als Artikulation eines Unterschiedes und dem Bild als Darstellung, Erkenntnis, Idee ist noch nicht vollbracht in einer Zeit, wo sich der Sokratische Dialog herausbildet. Wichtiges Detail: Das Subjekt des Diskurses steht in einer exklusiven Situation, die den Dialog heraufbeschwrt. Bei Platon (Apologie) sind es der Proze und das Warten auf den Urteilsspruch, die den Sokratischen Diskurs als Gestndnis eines Menschen auf der Schwelle bestimmen. Die exklusive Situation befreit das Wort von aller eindeutigen Objektivitt und von jeder Darstellungsfunktion und entdeckt in ihm die Sphren des Symbolischen. Die Rede bietet dem Tod die Stirn, indem sie sich mit einem anderen Diskurs mit, und dieser Dialog schaltet die Person aus.Die hnlichkeit zwischen dem Sokratischen Dialog und dem romanhaften ambivalenten Wort ist evident.Der Sokratische Dialog lebte nicht lange; er erzeugte mehrere dialogische366 JULIA KRISTEVA 1 3 3 8Gattungen einschlielich der Menippea, deren Ursprung auch in der kame- valisierten Folklore wiederzufinden ist.10. Die Menippea: Der Text als gesellschaftliche Ttigkeita) Die Menippea hat ihren Namen von dem Philosophen Menippos aus Gadare, der im 3. Jahrhundert vor Christus lebte. Seine Satiren sind uns nicht direkt berliefert worden; wir wissen durch die Zeugnisse von Diogenes Laertius um ihre Existenz. Der Begriff >Menippea< wurde von den Rmern benutzt, um eine im ersten Jahrhundert v. Chr. gebildete Gattung zu bezeichnen (Varro: Saturae menippeae). Die Gattung taucht jedoch viel frher auf. Ihr erster Vertreter ist mglicherweise Antisthenes, Schler des Sokrates und einer der Autoren des Sokratischen Dialogs, gewesen. Auch Heraklit hat Menippeen geschrieben (nach Cicero schuf er eine hnliche Gattung, genannt logistoricus). Varro verlieh ihr eine bestimmte Stabilitt. Die Apocolocynthosis von Seneca ist ein Beispiel dafr sowie Petronius' Sa- tiricon, die Satiren von Lucanus, die Metamorphosen des Ovid, der Roman von Hippokrates, die verschiedenen Beispiele des griechischen Romans, des antiken utopischen Romans, der rmischen Satire (Horaz). In der Welt der menippeischen Satire bewegen sich die Diatribe, das Soliloquium, die aretalogischen Gattungen usw. Die menippeische Satire bte einen groen Einflu auf die christliche und byzantinische Literatur aus; sie berlebte unter verschiedenen Formen im Mittelalter, in der Renaissance, whrend der Reformation; in den Romanen von Joyce, Kafka, Bataille lebt sie noch heute. Diese karnevaleske Gattung ist geschmeidig und wie Proteus wandelbar, sie ist imstande, in andere Gattungen einzudringen, sie bte einen ungeheuren Einflu auf die Entwicklung der europischen Literatur und besonders auf die Entfaltung des Romans aus.Die Menippea ist gleichzeitig komisch und tragisch, eher ernsthaft in dem Sinne, in dem der Karneval es ist. Durch den Status ihrer Wrter ist sie politisch und gesellschaftlich subversiv. Sie befreit die Rede vom historischen Zwang, was eine absolute Khnheit der philosophischen Intervention und Einbildungskraft mit sich bringt. Bachtin betont, da die exklusiven Situationen die Freiheit der Sprache in der Menippea erhhen. Die Phan- tasmagorie und die (oft mystische) Symbolik schmieden sich mit einem makabren Naturalismus zusammen. Die Abenteuer spielen sich in Lusthusern, bei Dieben, in Spelunken, auf Jahrmrkten, in Gefngnissen, bei erotischen Orgien, im Laufe heiliger Riten usw. ab. Das Wort frchtet sich1 3 3 9 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 367nicht, sich anzuschwrzen. Es macht sich frei von prjudizierten Werten*, Ohne Laster und Tugend voneinander zu scheiden und ohne sich von ihnen zu unterscheiden, betrachtet das W ort sie als sein Reich, als eine seiner Schpfungen. Man lt die akademischen Probleme auer acht, um die letzten Probleme der Existenz zu besprechen: die Menippea fhrt die befreite Sprache zu einem philosophischen Universalismus. Die Menippea unterscheidet nicht die Ontologie von der Kosmogonie, sie vereinigt sie vielmehr innerhalb einer praktischen Lebensphilosophie. Phantastische Elemente, die Epos und Tragdie nicht kennen, tauchen auf. (Zum Beispiel wird der ungewhnliche Standpunkt von oben herab, welcher die Beobachtungswarte wechseln lt, in der Ikaromenippea des Lucanus und in dem Endemion von Varro benutzt. Wir finden dieses Verfahren bei Rabelais, Swift, Voltaire usw. wieder.) Die pathologischen Gemtszustnde der Wahnsinn, die Schizophrenie, die Trume, der Tod werden zum Gegenstand der Erzhlung. (Die Schreibweisen von Calderon und Shakespeare lassen es spren.) Diese Elemente haben nach Bachtin eine eher strukturelle als thematische Bedeutung. Sie zerstren die epische und tragische Einheitlichkeit des Menschen sowie auch dessen Glauben an Identitt und Ursache, und sie zeigen, da der Mensch seine Totalitt verloren hat, da er j nicht mehr mit sich selbst identisch ist. Gleichzeitig zeigen sie sich auch als | eine Exploration von Sprache und Schreibweise: in Varros Bimarcus diskutieren die beiden Marcus darbet, ob man in Tropen schreiben sollte oder nicht. Die Menippea neigt zum Skandal und zum Exzentrischen in der Sprache. Das unangemessene Wort ist durch die zynische Ehrlichkeit, die Profanierung des Heiligen, den Angriff auf die Etikette sehr charakteristisch fr die Menippea. Die Menippea besteht aus Oppositionen: eine tugendhafte Hetre, ein grozgiger Bandit, ein zugleich freier und versklavter Weiser usw___Sie benutzt die bergnge und die abruptenWechsel, das Hohe und das Niedrige, den Aufstieg und den Fall, Mesalliancen aller Art. Die Sprache scheint von einem Double (durch ihre eigene Ttigkeit der graphischen Spur, welche ein Drauen verdoppelt) fasziniert zu sein und von der Logik der Opposition, die die Logik der Identitt in den Definitionen der Terme ersetzt. Als umfassende Gattung baut sich die Menippea als ein Mosaik von Zitaten auf. Sie umfat alle Gattungen: Novellen, Briefe, Reden, Mischungen von Vers und Prosa, deren strukturelle Bedeutung darin besteht, die vom Schriftsteller gegenber dem Text und den Texten eingenommenen Abstnde zu denotieren. Der Pluri- stilismus und die Pluritonalitt der Menippea sowie der dialogische Status368 JULIA KRISTEVA 1 3 4 0des menippeischen Wortes erklren jene von der Klassik und von jeglicher autoritren Gesellschaft erlebte Unmglichkeit, sich in einem Roman, der von der Menippea geerbt hat, zum Ausdruck zu bringen.Die menippeische Schreibweise baut sich als Exploration des Krpers, des Traumes und der Sprache auf. Sie schreibt sich aber in die Aktualitt ein: die Menippea ist eine Art politischer Journalismus der Zeit. Ihr Diskurs veruerlicht die politischen und ideologischen Konflikte des Augenblicks. Der Dialogismus ihrer Wrter ist die priaktische Philosophie im Kampfe mit dem Idealismus und der religisen Metaphysik (mit dem Epischen): er konstituiert das gesellschaftliche und politische Denken der Zeit, das mit der Theologie (dem Gesetz) diskutiert.b) Die Menippea ist somit als eine Ambivalenz, als der Fokus zweier Tendenzen der abendlndischen Literatur strukturiert: Sprachliche Darstellung als Inszenierung, und Exploration der Sprache als korrelatives Zeichensystem. Die Sprache in der Menippea ist zugleich Darstellung eines ueren Raumes und ihren eigenen Raum produzierende Empirie. Wir finden in dieser zweideutigen Gattung die Prmissen des Realismus (nmlich im Vergleich zum Erlebten eine sekundre Ttigkeit, in der der Mensch sich beschreibt, wobei er sich inszeniert und letztlich Personen und Charaktere schafft), sowie auch die Weigerung, ein psychisches Universum zu definieren (Ttigkeit in der Gegenwart, die sich durch Bilder, Gesten und sprachliche Gebrden, durch die der Mensch seine Grenzen im Unpersnlichen erlebt, charakterisiert). Der zweite Aspekt der Menippea macht deren Struktur jener des Traums oder der hieroglyphen Schreibweisen verwandt, oder wenn man so will dem Theater der Grausamkeit, das Artaud meinte. Wie dieses setzt sich (die Menippea) nicht dem individuellen Leben gleich, jenem individuellen Aspekt des Lebens, in dem die Persnlichkeiten triumphieren, sondern einer Art befreitem Leben, welches die menschliche Individualitt wegfegt und in dem der Mensch nur noch Widerspiegelung ist. Diesem hnlich ist die Menippea nicht kathartischer Art, sie ist ein Fest der Grausamkeit und auch ein politischer Akt. Sie vermittelt keine bestimmte Botschaft, abgesehen davon, da man selbst die ewige Freude des Werdens sei, und sie erschpft sich im Akt und in der Gegenwart. Nach Sokrates, Platon und den Sophisten entstanden, lebt die Menippea in der Epoche, in der das Denken keine Praxis mehr ist. Die Tatsache, da die Menippea als techne aufgefat wird, zeigt schon, da die Trennung zwischen Praxis und Poesis bereits vollzogen wurde. In einer hnlichen Entwicklung wird sich die Denken werdende Literatur ihrer1 3 4 1 BACHTIN, DAS WORT DER DIALOG UND DER ROMAN 369selbst als eines Zeichens bewut. Der Mensch, von der Natur und der Gesellschaft entfremdet, entfremdet sich von sich selbst, entdeckt sein Intrieur und verdinglicht diese Entdeckung in der meippeischen Ambivalenz. Dies sind die vorlaufenden Zeichen der realistischen Abbildung. Und doch kennt die Menippea den Monollogismus eines theologischen Prinzips (oder eines Gott-Menschen, wie es whrend der Renaissance dann der Fall ist), der ihren darstellenden Aspekt htte verfestigen knnen, nicht. Die Tyrannei, der die Menippea sich unterwerfen mu, ist jene des Textes (nicht der Rede als einer Widerspiegelung eines vor ihr existierenden Universums), das heit ihrer eigenen Struktur, die sich von ihr aus herstellt und versteht. So baut sich die Menippea als Hieroglyph auf, wobei sie Schauspiel ist, und diese Ambivalenz wird sie eben dem Roman, vor allem dem polyphonen Roman, vermachen. Dieser kennt weder Gesetz noch Hierarchie, da er eine Pluralitt linguistischer Elemente, die in einer dialogischen Beziehung zueinander stehen, ist. Das Verknpfungsprinzip der verschiedenen Teile in der Menippea ist sicher die similitude (die >hnlich- keit370 JULIA KRISTEVA 1 3 4 2er sie gleichzeitig streift und fhrt sie zu anderen Denkformen. In der Tat sind die Epochen, in denen die Menippea sich entwickelt, Epochen der Opposition gegen den Aristotelismus. Die Autoren von polyphonen Romanen scheinen die Strukturen selbst des offiziellen, auf der formalen Logik beruhenden Denkens zu verwerfen.11. Der subversive Romana) Im Mittelalter wurde der menippeische Aspekt von der Autoritt des religisen Textes bezwungen und whrend der brgerlichen ra vom Absolutismus des Individuums und der Dinge. Allein die Moderne, sofern sie von Gott frei ist, gewhrt der menippeischen Kraft des Romans freien Lauf. Wenn die moderne (brgerliche) Gesellschaft den Roman akzeptierte und auch noch sich im Roman zu erkennen behauptet17, so handelt es sich um diese Kategorie sogenannter >realistischer1 3 4 3 BACHTIN, DAS WORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 371Gattung aufgefat wurde. (Gemeint sind hier die groen Autoren polyphoner Romane aller Zeiten Rabelais, Swift, Sade, Lautramont, Kafka, Bataille ; ich erwhne hier nur einige unter ihnen, die seit eh und je am Rande der offiziell anerkannten Kultur sich befanden und immer noch befinden.) Man knnte zeigen, wie das europische Denken durch das Wort und die erzhlerische Struktur des Romans im 20. Jahrhundert ihre konstituierenden Charakteristika (Identitt, Substanz, Kausalitt, Definition) berschreitet, um andere anzunehmen (Analogie, Relation, Opposition), also den Dialogismus und die menippische Ambivalenz18.Denn wenn dieses ganze historische Inventar, dem sich Bachtin widmete, das Bild eines Museums oder das Vorgehen eines Archivars hervorruft, so ist es nichtsdestoweniger in unserer Aktualitt verwurzelt. All das, was heute geschrieben wird, enthllt die Mglichkeit oder Unmglichkeit, die Geschichte zu lesen oder wiederzuschreiben. Diese Mglichkeit ist in jener Literatur fhlbar, die sich durch die Schriften einer neuen Generation verkndet, in denen der Text sich als Theater und als Lektre aufbaut. Wie Mallarm sagte, der einer der ersten war, die das Buch als Menippea verstanden (betonen wir noch einmal, da dieser bachtinsche Begriff den Vorteil hat, eine gewisse Schreibweise in die Geschichte einzubetten), ist die Literatur nie mehr als die Zersplitterung von dem, was sich frher oder nahe beim Ursprung htte ereignen mssen.b) Somit werden wir zwei Organisationsmodelle der erzhlerischen Bedeutung von zwei dialogischen Kategorien aus aufstellen: (1) Subjekt (S) Adressat (D). (2) Subjekt des Aussagens Subjekt der Aussage.Das erste Modell impliziert einen dialogischen Bezug. Das zweite impliziert die modalen Bezge in der Verwirklichung des Dialogs. Das Modell (1) bestimmt die Gattung (episches Gedicht, Roman), das Modell (2) die Varianten der Gattung.In der polyphonischen Struktur des Romans bewegt sich das erste, dialogische Modell (S - D) ganz im Diskurs, welcher schreibt und sich als18 Dieser zweite Modus der Logik ist der modernen Physik und dem altchine- schen Denken eigen: alle beide sind gleichermaen antiaristotelisch, antimonologisch und dialogisch. Vgl. zu diesem Thema Hayakawa S. I.: What is meant by Aristotelian structure of language. In: Language, Meaning, and Maturity. New York 1959; Chang Tung-Sun: A Chinese Philosopher's theory of knowledge. In: Our Language our World. New York 1959; J. Needham: Science and Civilization in China. Vol. II, Cambridge 1965.3 7 2 JULIA KRISTEVA 1 3 4 4unaufhrliche Infragestellung seiner selbst zeigt. Der Mitsprecher des Schriftstellers ist also der Schriftsteller selbst als Leser eines anderen Textes. Derjenige, der schreibt, ist auch derjenige, der liest. Da sein Mitsprecher ein Text ist, ist er selbst nur ein Text, der sich aufs neue liest, indem er sich wieder schreibt. Die diaogische Struktur tritt somit allein im Lichte eines sich in Bezug auf einen anderen Text als Ambivalenz aufbauenden Textes auf.Dagegen ist im Bereich des Epischen der Adressat (D) eine absolute, auertextuelle Entitt (Gott, Gemeinschaft), die den Dialog bis zur Eliminierung und zur Reduzierung auf einen Monolog relativiert. Es ist nun leicht zu verstehen, warum der sogenannte klassische Roman des 19. Jahrhunderts und jeder Roman mit ideologischer These zu einer >eposartigen Form< (episme) neigt und eine Abweichung von der reinen romanhaften Struktur darstellt (siehe den epischen Monologismus Tolstojs und den romanhaften Dialog Dostojewskijs).Innerhalb der Rahmen des zweiten Modells sind mehrere Mglichkeiten zu sehen:1. Die Koinzidenz des Subjekts der Aussage (Se) mit einem Nullpunkt des Sa, welcher durch er (das Pronomen der Nicht-Person) oder durch den Eigennamen bezeichnet werden kann. Dies ist die einfachste Technik des Erzhlens, der wir am Ursprung der Erzhlung begegnen.2. Die Koinzidenz des Subjekts der Aussage (Se) mit dem Subjekt des Aussagens (Sa). Dies ist die Erzhlung in der ersten Person: ich.3. Die Koinzidenz des Subjekts der Aussage (Se) mit dem Adressaten (D). Dies ist die Erzhlung in der zweiten Person: Du. So zum Beispiel das objekthafte W ort Raskolnikows in Schuld und Shne. Eine tiefergehende Ausnutzung dieser Technik wird von Michel Butor in La Modifica- tion durchgefhrt.4. Die Koinzidenz des Subjekts der Aussage (Se) zugleich mit dem Subjekt des Aussagens (Sa) und dem Adressaten (D). Der Roman wird also zu einem Bndel von Fragen ber den Schreibenden. Er zeigt auch die Bewut- werdung der dialogischen Struktur des Buches durch den Schriftsteller. Gleichzeitig macht sich der Text zur Lektre (Zitat und Kommentar) eines ueren literarischen Korpus und baut sich somit als eine Ambivalenz auf. Drame von Philippe Sllers ist ein solches Beispiel auf Grund des Gebrauchs der Personalpronomina und der anonymen Zitate, die man im Roman liest.Die Lektre des bachtinschen Textes fhrt zum folgenden Paradigma.1 3 4 5 BACHTIN, DAS W ORT, DER DIALOG UND DER ROMAN 3 7 3Praxis GottDiskurs GeschichteDialogismus MonologismusKorrelationelle Logik Aristotelische LogikSyntagma SystemKarneval ErzhlungAmbivalenz Menippea Polyphoner RomanWir mchten abschlieend hervorheben, wie wichtig die bachtinschen Begriffe Wortstatus, Dialog und Ambivalenz sind und welche Perspektiven sie erffnen. Indem er den Status des Wortes als minimale Einheit des Tex- I tes bestimmt, erfat Bachtin die Struktur auf der untersten Ebene, jenseits i des Satzes und der rhetorischen Figuren. Der Begriff Status ersetzt das Bild [ des Textes als eines Korpus von Atomen durch das Bild eines aus Relatio- ; nen bestehenden Textes, in dem die Worte wie Quanta funktionieren. Die/ Problematik eines Modells der poetischen Sprache ist dann keine Problematik der Linie oder der Flche mehr, sondern eine des Raumes und des Unendlichen, die von der Mengentheorie und der neuen Mathematik formalisiert werden knnen. Die Analyse der Erzhlstruktur ist gegenwrtig so verfeinert, da sie Funktionen (kardinale und katalysierende) und Indizes (echte Indizes oder Informationen) bestimmen oder auch aufdecken kann, wie sich eine Erzhlung nach einem logischen oder rhetorischen Schema aufbaut. Obwohl man den unbestreitbaren Wert dieser Forschungsarbeiten19 anerkennen mu, knnte man sich doch fragen, ob die aprioris einer hierarchisierenden oder der Erzhlung heterogenen Meta-19 Vgl. zu diesem Thema die bedeutende Anzahl von Untersuchungen zur Struktur der Erzhlung (Roland Barthes, A. J. Greimas, Claude Brmond, Umberto Eco, Jules Gritti, Violette Morin, Christian Metz, Tzvetan Todorov, Grard Genette) in: Communications, 8/1966.374 JULIA KRISTEVA 1 3 4 6sprche nicht zu sehr auf solchen Arbeiten lasten, ob das naive, auf das W ort und die unbegrenzte Mglichkeit des Dialogs (des Kommentars eines Zitats) konzentrierte Verfahren Bachtins nicht doch einfacher und gleichzeitig einleuchtender ist.Der Dialogismus, der Hegel sehr viel verdankt, darf allerdings nicht mit der Hegelschen Dialektik verwechselt werden, die eine Dreiheit voraussetzt, also einen Kampf und eine Projektion (eine berwindung), die nicht ber die aristotelische Tradition von Substanz und Ursache hinausgeht. Der Dialogismus ersetzt diese Begriffe, nimmt sie in dem anderen Begriff der Relation auf, und zielt nicht auf eine berwindung, sondern auf eine Harmonie, auch wenn er die Idee einer Trennung (Opposition, Analogie) als Modus der Transformation impliziert.Der Dialogismus verlegt die philosophischen Probleme in die Sprache, genauer gesagt, in die Sprache als einer Korrelation von Texten, als einem Schreiben-Lesen, das mit einer nicht-aristotelischen, syntagmatischen, kor- relationellen, karnevalesken Logik zusammenhngt. Demzufolge wird gerade diese andere Logik, die erst noch beschrieben werden mu ohne entstellt zu werden, zu einem der grundlegenden Probleme, die die Semio- logie heute zu errtern htte.Der Term Ambivalenz pat genau zum bergangsstadium der europischen Literatur, die eine Koexistenz (eine Ambivalenz) ist, zugleich Double des Erlebten (Realismus, Epik) und das Erlebte selber (linguistische Forschung, menippeische Form), bevor man vielleicht zu einer der Malerei hnlichen Denkart gelangt: bertragung des Wesens in Form, Konfiguration des (literarischen) Raumes als Entstehungsort des (literarischen) Denkens ohne realistische Prtention. Ambivalenz verweist auf das Studium des romanhaften Raumes und seiner Transmutationen innerhalb der Sprache und stellt so einen engen Bezug zwischen Sprache und Raum her, die wir als Denkmodi analysieren mssen. Wenn man die Ambivalenz des Erblickten (der realistischen Abbildung) und des Erlebten selber (der Rhetorik) untersuchte, so knnte man die Linie erfassen, wo die Trennung (oder die Verbindung) zwischen ihnen sich realisiert. Dieses wre die graphische Darstellung der Bewegung, in der sich unsere Kultur sich selbst entreit, tun ber sich hinaus zu gelangen.Die Bewegung, die zwischen den beiden Polen, die der Dialog voraussetzt, entsteht, merzt aus unserem philosophischen Raum die Probleme der Kausalitt, der Finalitt usw. aus und deutet den W ert des dialogischen Prinzips fr einen Denkraum an, der viel weiter wre als der romanhafte.1 3 4 7 BACHTIN, DAS V O R T, DER DIALOG UND DER ROMAN 3 7 5Vielleicht gbe der Dialogismus eher als der Binarismus die Basis der intellektuellen Struktur unserer Epoche ab. Die Vorherrschaft des Romans und der ambivalenten literarischen Strukturen, die gemeinschaftlichen (karnevalesken) Attraktionen der Jugend, die quantischen Vertauschungen, das Interesse fr den korrelationellen Symbolismus der chinesischen Philosophie, um vorlufig nur einige bedeutende Elemente des modernen Denkens zu erwhnen, besttigen diese Hypothese.bersetzt von Michel Korinman und Heiner Stck

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