1 Joseph Conrad: Ein Vorposten des Fortschrittes I Zwei Wei€e leiteten die Handelsniederlassung. Kayerts, der Chef, war klein und dick; Carlier, sein Assistent, war lang und hatte einen gro€en Kopf und einen sehr breiten Oberk•rper auf zwei langen, d‚nnen Beinen. Der dritte Mann des Personals war ein Neger aus Sierra Leone, der behauptete, Henry Price zu hei€en. Aus irgendeinem Grund aber hatten ihm die Eingeborenen flussabwƒrts den Namen Makola gegeben, und der blieb ihm wƒhrend aller seiner Streifz‚ge durch das Land. Er sprach Englisch und Franz•sisch mit einer singenden Betonung, hatte eine sch•ne Handschrift, verstand die Buchhaltung und hielt im Innersten seines Herzens an der Verehrung b•ser Geister fest. Seine Frau war eine Negerin aus Loanda, sehr umfangreich und sehr laut. Drei Kinder kollerten vor der T‚r seiner niedrigen Behausung, die einem Schuppen glich, in der Sonne umher. Makola, schweigsam und unergr‚ndlich, verachtete die beiden Wei€en. Er hatte die Verwaltung eines kleinen Lagerhauses aus Lehm mit einem Dach aus getrocknetem Gras, und er gab vor, ‚ber die vorrƒtigen Glasperlen, Baumwollstoffe, roten Halst‚cher, ‚ber den Kupferdraht und andere Handelsg‚ter sorgfƒltig Buch zu f‚hren. Au€er dem Lagerhaus und Makolas H‚tte gab es nur ein gro€es Gebƒude auf dem gerodeten Platz der Niederlassung. Es war ordentlich aus Rohr gebaut und hatte eine Veranda nach allen vier Seiten. Darin gab es drei Rƒume. Der in der Mitte war der Wohnraum mit zwei roh gehauenen Tischen und einigen Schemeln. Die beiden anderen waren die Schlafrƒume der wei€en Mƒnner. Jeder hatte eine Bettstatt und ein Moskitonetz - das war die ganze Einrichtung. Der Bretterboden war ‚berstreut mit den Habseligkeiten der Wei€en; offene, halbleere Schachteln, Kleider, die man in der Stadt trug, alte Stiefel; alles schmutzig und alles zerrissen oder zerbrochen, wie sich solche Sachen geheimnisvoll um unordentliche Leute anhƒufen. Es gab auch noch einen Aufenthaltsort in einiger Entfernung der Gebƒude. Darin schlief unter einem gro€en, stark aus dem Lot geratenen Kreuz der Mann, der den Anfang von allem hier gesehen hatte; der die Errichtung dieses Vorpostens des Fortschritts geplant und ‚berwacht hatte. Zu Hause war er ein erfolgloser Maler gewesen, der die Jagd nach Ruhm bei leerem Magen satt gehabt hatte und durch Protektion von h•herer Seite dort hinausgegangen war. Er war der erste Chef dieser Niederlassung gewesen. Makola hatte miterlebt, wie der tatkrƒftige K‚nstler in dem gerade fertig gewordenen Haus am Fieber starb, und dabei mit seiner ‚blichen Gleichg‚ltigkeit geƒu€ert: „Ich hab's Ihnen ja gesagt." Dann wohnte er eine Zeit lang allein da, mit seiner Familie, seinen Kontob‚chern und dem B•sen Geist, der die Lƒnder unter dem …quator beherrscht. Er kam mit seinem Gott sehr gut aus. Vielleicht hatte er ihn gnƒdig gestimmt, indem er ihm weitere wei€e Mƒnner f‚r demnƒchst zum Spielen versprach. Nun, jedenfalls der Direktor der Gro€en Handelsgesellschaft, der auf einem Dampfer, ƒhnlich einer Sardinenb‚chse mit einem 2 Flachdach darauf, eintraf, fand die Niederlassung in gutem Zustand vor und Makola wie immer ruhig und flei€ig. Der Direktor lie€ das Kreuz am Grab des ersten Vertreters aufrichten und setzte Kayerts auf dem Posten ein. Carlier wurde als zweiter Verantwortlicher angestellt. Der Direktor war ein r‚cksichtsloser, durchschlagskrƒftiger Mensch, der gelegentlich, doch sehr unmerklich, einem grimmigen Humor freien Lauf lie€. Er hielt Kayerts und Carlier eine Ansprache, worin er ihnen die vielversprechenden Aussichten ihrer Niederlassung erlƒuterte. Der nƒchste Handelsposten sei rund dreihundert Meilen entfernt. Es sei eine au€ergew•hnliche Gelegenheit f‚r sie, sich auszuzeichnen und sich Prozente beim Handel zu verdienen. Diese Ernennung sei eine Beg‚nstigung f‚r Anfƒnger. Kayerts war von der Freundlichkeit des Direktors fast zu Trƒnen ger‚hrt. Er sagte, er w‚rde sein Bestes tun und versuchen, das schmeichelhafte Vertrauen zu rechtfertigen, usw. usf. Kayerts war in der Telegraphenverwaltung gewesen und verstand sich korrekt auszudr‚cken. Carlier, ein ehemaliger Kavallerieunteroffizier in einer Armee, deren Schutz durch verschiedene europƒische Mƒchte garantiert wurde, war weniger beeindruckt. Wenn sich Provisionen einstreichen lie€en, umso besser; und indem er einen verdrossenen Blick ‚ber den Strom, die Wƒlder und den undurchdringlichen Busch gleiten lie€, der die Station von der ‚brigen Welt abzuschneiden schien, murmelte er zwischen den Zƒhnen: „Das werden wir ja sehr bald sehen." Nachdem am nƒchsten Tag einige Ballen Baumwollstoffe und ein paar Kisten Lebensmittel ans Ufer geworfen worden waren, legte der SardinenschachtelDampfer ab, um nicht fr‚her als in sechs Monaten wiederzukommen. An Deck tippte der Direktor an seine Kappe in Richtung der zwei Vertreter, die H‚te schwenkend am Ufer standen, und indem er sich an einen alten Diener der Gesellschaft wandte, der ihn auf seinen Fahrten zum Hauptquartier zu begleiten pflegte, sagte er: „Schauen Sie sich diese zwei Schwachk•pfe an. Die daheim m‚ssen verr‚ckt sein, mir solche Exemplare zu schicken. Ich hab diesen Burschen gesagt, sie sollen einen Gem‚segarten anlegen, neue Lagerrƒume und Zƒune bauen und eine Landungsstelle errichten. Ich wette, dass nichts davon geschieht! Sie werden nicht wissen, wie sie's anfangen sollen. Ich war immer ‚berzeugt, dass der Posten an diesem Fluss nutzlos ist, und die da passen genau zu diesem Posten!" „Sie werden sich da schon herausmausern", sagte der alte Hase mit leisem Lƒcheln. „Jedenfalls bin ich sie die nƒchsten sechs Monate los", erwiderte der Direktor scharf. Die beiden Mƒnner sahen dem Dampfer nach, wie er um die Biegung fuhr, dann stiegen sie Arm in Arm den Uferhang hinauf und kehrten zum St‚tzpunkt zur‚ck. Sie waren erst sehr kurze Zeit in diesem riesigen, dunklen Land und bisher immer inmitten anderer Wei€er, unter dem Auge und der Leitung ihrer Vorgesetzten. Und jetzt, dumpf den subtilen Einfl‚ssen ihrer Umgebung ausgesetzt, f‚hlten sie sich sehr einsam, als sie pl•tzlich ohne Unterst‚tzung gelassen und mit der Wildnis konfrontiert waren, einer Wildnis, die umso fremder und 3 unbegreiflicher wirkte durch den geheimnisvollen Anblick, den ihr kraftvolles Leben bot. Sie waren zwei v•llig unbedeutende und unfƒhige Individuen, deren Existenz nur durch die hohe Organisation der zivilisierten Massen m•glich gemacht wurde. Nur wenige Menschen machen sich klar, dass ihr Leben, das eigentliche Wesen ihres Charakters, ihre Fƒhigkeiten und ihre K‚hnheit nur der Ausdruck ihres Vertrauens in die Sicherheit ihrer Umgebung sind. Mut, Gelassenheit, Vertrauen, Gef‚hle und Grundsƒtze, jeder gro€e und jeder unbedeutende Gedanke geh•rt nicht dem Einzelwesen, sondern der Menge, einer Menge, die blind an die unwiderstehliche Kraft ihrer Institutionen und ihrer sittlichen Grundsƒtze, an die Macht ihrer Polizei und ihrer •ffentlichen Meinung glaubt. Aber die Ber‚hrung mit reiner, ungemilderter Wildheit, mit primitiver Natur und primitiven Menschen bringt pl•tzliches und tiefes Unbehagen in das Herz. Zum Gef‚hl des Alleinseins innerhalb seiner, Gattung, zur klaren Vorstellung der Einsamkeit der eigenen Gedanken und Empfindungen - zum Verschwinden des Gewohnten, das Sicherheit bietet, gesellt sich die Bestƒtigung des Ungew•hnlichen, das gefƒhrlich ist; eine Vorstellung von undeutlichen, unkontrollierbaren und widerwƒrtigen Dingen entsteht, deren verst•rendes Eindringen die Phantasie erregt und die zivilisierten Nerven der Dummen und der Klugen gleicherma€en reizt. Kayerts und Carlier gingen Arm in Arm, indem sie eng aneinander r‚ckten, wie es Kinder in der Finsternis tun; und sie hatten dasselbe, nicht ganz unangenehme Gef‚hl einer Bedrohung, das man halb f‚r eine Einbildung hƒlt. Sie plauderten ununterbrochen in vertrauten T•nen miteinander. „Unsere Station ist an einem h‚bschen Platz", sagte der eine. Der andere stimmte begeistert zu und verbreitete sich redselig ‚ber die Sch•nheiten der Lage. Dann gingen sie in der Nƒhe des Grabes vorbei. „Der arme Teufel!" sagte Kayerts. „Er starb am Fieber, nicht wahr?" murmelte Carlier und verstummte rasch. „Na ja", entgegnete Kayerts entr‚stet, „ich habe geh•rt, dass sich der Kerl gnadenlos der Sonne ausgesetzt hat. Das Klima hier, sagen alle, ist ‚berhaupt nicht schlimmer als zu Hause, solang man sich aus der Sonne heraushƒlt. H•ren Sie, Carlier? Ich bin hier der Chef, und mein Befehl ist, dass Sie sich nicht der Sonne aussetzen sollten!" Er spielte sich scherzhaft als Vorgesetzter auf, aber er meinte es ernst. Die Vorstellung, er m‚sse vielleicht Carlier begraben und allein zur‚ckbleiben, lie€ ihn in seinem Innern erschauern. Er sp‚rte pl•tzlich, dass dieser Carlier f‚r ihn hier, inmitten von Afrika, kostbarer war, als es ein Bruder irgendwo sonst sein k•nnte. Carlier ging auf den Sinn der Sache ein, salutierte militƒrisch und antwortete flott: „Ihre Befehle werden ausgef‚hrt, Chef!" Dann brach er in Gelƒchter aus, schlug Kayerts auf den R‚cken und rief: „Wir werden uns das Leben hier leicht machen! Eben nur herumsitzen und das Elfenbein einsammeln, das diese Wilden da bringen werden. Das Land da hat schlie€lich auch seine guten Seiten!" Sie lachten beide laut, wƒhrend Carlier dachte: Der arme Kayerts; er ist so fett und schaut ungesund aus. Es wƒre furchtbar, wenn ich ihn hier begraben m‚sste. Er ist ein Mann, den ich achte...Noch ehe sie die Veranda ihres Hauses erreichten, nannten sie einander „mein lieber Freund". 4 Am ersten Tag waren sie sehr aktiv, werkelten herum mit Hƒmmern, Nƒgeln und rotem Baumwollstoff, um Vorhƒnge anzubringen und ihr Haus wohnlich und h‚bsch zu machen; denn sie waren entschlossen, sich in ihrem neuen Leben bequem einzurichten. Eine f‚r sie unl•sbare Aufgabe. Um nur die rein materiellen Schwierigkeiten wirksam in den Griff zu bekommen, erfordert es mehr Gelassenheit und mehr frohen Mut, als sich der Mensch im Allgemeinen vorstellt. Keine zwei Wesen wƒren f‚r einen solchen Kampf weniger geeignet gewesen. Die Gesellschaft hatte sich dieser zwei Mƒnner angenommen, nicht aus Zartgef‚hl, sondern aufgrund ihrer eigenartigen Bed‚rfnisse, und hatte ihnen jeden unabhƒngigen Gedanken, jeden eigenen Antrieb, jedes Abweichen von der Routine verboten; und zwar bei Todesdrohung verboten. Sie konnten nur unter der Vorgabe leben, Maschinen zu sein. Und jetzt, da sie aus der sie umhegenden Sorge von Mƒnnern mit Federhaltern hinter dem Ohr oder von Mƒnnern mit Goldlitzen an den …rmeln entlassen waren, glichen sie jenen lebenslƒnglichen Hƒftlingen, die, nachdem sie nach vielen Jahren freigelassen wurden, nicht wissen, wie sie ihre Freiheit nutzen sollen. Sie wussten nicht, wie sie ihre Fƒhigkeiten gebrauchen sollten, da sie beide infolge der fehlenden †bung keinen unabhƒngigen Gedanken fassen konnten. Nach zwei Monaten sagte Kayerts oft: „Wenn ich es nicht f‚r meine Melie tƒte, w‚rdest du mich da nicht antreffen." Melie war seine Tochter. Er hatte seinen Posten bei der Telegraphenverwaltung aufgegeben, obwohl er dort siebzehn Jahre vollkommen gl‚cklich gewesen war, um nun eine Mitgift f‚r das Mƒdchen zu verdienen. Seine Frau war tot, und das Kind wurde von seinen Schwestern aufgezogen. Er vermisste schmerzlich die Stra€en, die Gehsteige, die Cafes und seine langjƒhrigen Freunde; all das, was er Tag f‚r Tag zu sehen pflegte; all die Gedanken, die durch vertraute Dinge aufsteigen - die m‚helosen, eint•nigen, einschlƒfernden Gedanken eines •ffentlichen Angestellten; er vermisste all das Geschwƒtz, die kleinen Gehƒssigkeiten, das milde Gift und die Witzchen in den Regierungsb‚ros. „Wenn ich einen anstƒndigen Schwager gehabt hƒtte", pflegte Carlier zu bemerken, „einen Burschen mit Herz, wƒre ich nicht hier." Er hatte die Armee verlassen und hatte sich durch seine Faulheit und Unverschƒmtheit seiner Familie gegen‚ber so verhasst gemacht, dass ein verzweifelter Schwager ‚bermenschliche Anstrengungen unternommen hatte, ihm einen Posten als zweitrangiger Vertreter in der Gesellschaft zu besorgen. Da er keinen Groschen besa€, war er gezwungen, das als Mittel f‚r seinen Lebensunterhalt anzunehmen, sobald ihm klar wurde, dass er aus seinen Verwandten nichts mehr herauspressen konnte. Ebenso wie Kayerts sehnte er sich nach seinem alten Leben zur‚ck. Er sehnte sich nach dem Klirren des Sƒbels und der Sporen an einem h‚bschen Nachmittag, nach den Witzeleien in den Kasernenstuben, nach den Mƒdels der Garnisonstƒdte; aber daneben empfand er auch einen Groll. Er war offensichtlich ein Mensch, der sehr schlecht behandelt wurde. Das machte ihn bisweilen launisch. Doch die zwei Mƒnner kamen in der Gemeinschaft ihrer Dummheit und Faulheit gut miteinander aus. Beide zusammen taten sie nichts, absolut nichts, und genossen das Gef‚hl der Faulheit, f‚r die sie sogar bezahlt wurden. Mit der Zeit gelangten sie zu einer Empfindung, die einer gegenseitigen Zuneigung ƒhnelte. 5 Sie lebten wie Blinde in einem riesigen Raum, waren sich nur dessen bewusst, womit sie in Ber‚hrung kamen (und auch nur unvollkommen), waren aber unfƒhig, die umfassende Erscheinung der Dinge zu sehen. Der Strom, der Wald, das ganze weite Land mit seinem pulsierenden Leben waren wie eine gro€e Leere. Selbst die strahlende Sonne enth‚llte nichts Erkennbares. Die Dinge erschienen und verschwanden vor ihren Augen in einer unverbundenen und ziellosen Art und Weise. Der Fluss schien von nirgendwo zu kommen und nirgendwohin zu flie€en. Er floss durch eine Leere. Aus dieser Leere kamen manchmal Boote, und Mƒnner mit Speeren in den Hƒnden f‚llten den Hof der Niederlassung. Sie waren nackt, schwarzglƒnzend, geschm‚ckt mit schneewei€en Muscheln und blinkendem Kupferdraht, von vollkommenem K•rperbau. Sie machten einen wilden, plappernden Lƒrm, wenn sie sprachen, bewegten sich auf w‚rdevolle Art und warfen rasche, wilde Blicke aus ihren aufgeschreckten, ruhelosen Augen. Diese Krieger pflegten in langen Reihen, vier oder mehr hintereinander, vor der Veranda zu hocken, wƒhrend ihre Hƒuptlinge stundenlang mit Makola um einen Elefantensto€zahn feilschten. Kayerts sa€ auf seinem Stuhl, sah hinunter auf die Verhandlungen und verstand nichts. Er starrte mit seinen runden, blauen Augen auf sie und rief zu Carlier: „Da, schau! Sieh dir den Kerl da an - und den ƒndern dort, links. Hast du je so ein Gesicht gesehen? Was f‚r ein komisches Vieh!" Carlier, der in einer kurzen Holzpfeife einheimischen Tabak rauchte, stolzierte auf und ab, zwirbelte seinen Schnurrbart, ‚berblickte die Krieger mit hochm‚tiger Herablassung und sagte dann gew•hnlich: „H‚bsche Tiere. Bein gebracht? Ja? Ist auch schon Zeit. Schau mal die Muskeln von dem Kerl da an - der drittletzte. Hƒtte gar keine Lust, von dem einen Hieb auf die Nase zu bekommen. Prƒchtige Arme, aber die Beine vom Knie abwƒrts sind nichts wert. K•nnte keinen Kavalleristen aus ihm machen." Und nachdem er gefƒllig auf seine Reiterschenkel hinuntergesehen hatte, schloss er immer mit den Worten: „Pfui! Stinken die aber! He, Makola! Treib die Herde hin‚ber zum Fetisch!" (Als Fetisch wurde in jeder Station der Lagerraum bezeichnet, vielleicht wegen des Geistes der Kultur, der ihm innewohnte) „und gib ihnen irgendwas von dem Plunder, den du dort aufhebst. Ich m•chte ihn lieber voll Elfenbein als voller Lumpen sehen." Kayerts stimmte zu. „Ja, ja! Gehen Sie und machen Sie mit dem Palaver dort dr‚ben Schluss, Mr. Makola. Wenn Sie fertig sind, komme ich vorbei, um den Sto€zahn zu wiegen. Wir m‚ssen vorsichtig sein." Dann wandte er sich an seinen Gefƒhrten: „Das ist der Stamm, der unten am Fluss lebt; sie riechen ziemlich stark. Ich erinnere mich, dass sie schon fr‚her einmal hier waren. H•rst du den Krach? Was ein Mensch in diesem Hundeland mitmachen muss! Mir zerspringt der Schƒdel." Solche eintrƒglichen Besuche gab es selten. Tagelang blickten die beiden Pioniere des Handels und Fortschritts auf ihren leeren Hof im flimmernden Glanz der senkrechten Sonne. Unterhalb des hohen Ufers floss der stille Fluss glitzernd und stetig dahin. Auf den Sandbƒnken inmitten des Stroms sonnten sich Flusspferde und Alligatoren nebeneinander. Und nach allen Richtungen 6 erstreckten sich unermessliche Wƒlder, die den bedeutungslosen, gerodeten Flecken des Handelspostens umgaben, lagen Wƒlder im beredten Schweigen stummer Gr•€e und verbargen die schicksalhaften Verwicklungen eines unwirklichen Lebens. Die beiden Mƒnner begriffen nichts, k‚mmerten sich um nichts als um das Verstreichen der Tage, die sie von der R‚ckkehr des Dampfers trennten. Ihr Vorgƒnger hatte einige zerrissene B‚cher hinterlassen. Sie nahmen diese Wracks von Romanen zur Hand, und da sie vorher nie etwas Derartiges gelesen hatten, waren sie erstaunt und belustigt. Wƒhrend vieler Tage hatten sie dann endlose und d‚mmliche Gesprƒche ‚ber Handlungen und Personen. In der Mitte von Afrika schl•ssen sie Bekanntschaft mit Richelieu und d'Artagnan, mit Falkenauge und Vater Goriot und mit vielen anderen. All diese erfundenen Figuren wurden Gegenstand ihres Geschwƒtzes, als ob sie lebende Freunde wƒren. Sie stellten ihre Tugenden in Frage, beargw•hnten ihre Beweggr‚nde, schmƒlerten ihre Erfolge; sie waren entsetzt ‚ber ihre Falschheit oder im Zweifel ‚ber ihren Mut. Die Berichte ‚ber Verbrechen erf‚llten sie mit Entr‚stung, wƒhrend zƒrtliche oder leidenschaftliche Abschnitte sie tief ber‚hrten. Carlier rƒusperte sich und sagte in soldatischem Ton: „Was f‚r ein Unsinn!" Kayerts, dessen runde Augen von Trƒnen unterlaufen waren und dessen fette Wangen bebten, rieb sich den kahlen Kopf und erklƒrte: „Das ist ein prachtvolles Buch. Ich hatte keine Ahnung, dass es solch schlaue Burschen auf der Welt gibt." Sie fanden auch einige alte Ausgaben einer heimatlichen Zeitung. Diese Presse er•rterte das, was sie gefƒllig als „unsere koloniale Expansion" benannte, in hochtrabender Sprache. Das Blatt schrieb viel ‚ber die Rechte und Pflichten der Zivilisation, ‚ber die Ehrw‚rdigkeit zivilisatorischer Arbeit, und es pries die Verdienste derer, die sich daran machten, Licht, Glauben und Handel in die dunklen Orte der Erde zu bringen. Carlier und Kayerts lasen das, staunten und begannen, besser von sich zu denken. Eines Abends sagte Carlier, indem er' seine Hand umherschwenkte: „In hundert Jahren wird vielleicht hier eine Stadt stehen. Kais, Lagerhƒuser, Kasernen, und - und Billardzimmer. Zivilisation, mein Junge, und Tugend - und das alles. Und die jungen Burschen werden lesen, dass zwei t‚chtige Kerle, Kayerts und Carlier, die ersten zivilisierten Mƒnner waren, die genau auf diesem Platz lebten!" Kayerts nickte: „Ja, es ist ein Trost, an das zu denken." Sie schienen ihren toten Vorgƒnger zu vergessen; aber eines Tages ging Carlier zeitig hinaus und setzte das Kreuz wieder fest ein. „Es hat mich immer zum Schielen gebracht, wenn ich dort vorbeiging", erklƒrte er Kayerts beim Morgenkaffee. „Es verdrehte mir immer die Augen, wie es da so schief stand. So hab ich es eben aufgerichtet. Und sehr fest, das schw•re ich dir! Ich hab mich mit beiden Hƒnden auf den Querbalken gehƒngt. Keine Bewegung mehr. Oh, das hab ich ordentlich gemacht." Manchmal besuchte Gobila sie. Gobila war der Hƒuptling der Nachbard•rfer. Er war ein grauhƒuptiger Wilder, hager und schwarz, mit einem wei€en Tuch um die Lenden und einem schƒbigen Pantherfell, das ihm ‚ber den R‚cken hing. Er kam mit langen Schritten seiner skelettd‚rren Beine herauf, wobei er einen Stab schwang, der so lang war wie er selbst, und nachdem er den Gemeinschaftsraum des Postens betreten hatte, pflegte er sich links vom Ein- 7 gang auf die Fersen zu hocken. Dort sa€ er, beobachtete Kayerts und hielt dann und wann eine Rede, die der andere nicht verstand. Ohne seine Beschƒftigung zu unterbrechen, sagte Kayerts von Zeit zu Zeit auf freundliche Art: „Wie geht's, altes G•tzenbild?", und sie lƒchelten einander zu. Die zwei Wei€en hatten eine Zuneigung zu diesem alten, unbegreiflichen Gesch•pf und nannten es Vater Gobila. Gobilas Art war in der Tat vƒterlich, und er schien wirklich alle wei€en Mƒnner sehr zu m•gen. Sie schienen ihm alle sehr jung, u.umterscheidbar gleich (au€er nach dem Wuchs), und er wusste, dass sie alle Br‚der und auch unsterblich waren. Der Tod des K‚nstlers, des ersten Wei€en, den er nƒher kannte, ersch‚tterte diesen Glauben nicht, denn er war fest ‚berzeugt, dass der wei€e Fremde sein Sterben nur vorgetƒuscht hatte und sich zu irgendeinem geheimnisvollen eigenen Zweck hatte begraben lassen, den zu erforschen sinnlos war. Vielleicht war das seine Art, in sein eigenes Land heimzugehen? Jedenfalls waren das seine Br‚der, und Gobila ‚bertrug seine unsinnige Zuneigung auf sie. Und diese erwiderten sie ihm auf ihre Weise. Carlier schlug ihm auf den R‚cken und strich sorglos Z‚ndh•lzer zu seiner Belustigung ab. Kayerts war immer bereit, ihn an der Ammoniakflasche schn‚ffeln zu lassen. Kurz, sie benahmen sich just wie jenes andere wei€e Gesch•pf, das sich in einem Erdloch versteckt hatte. Gobila betrachtete sie aufmerksam. Vielleicht waren sie dasselbe Wesen wie der andere - oder einer von ihnen war es. Er konnte dieses Geheimnis nicht entscheiden oder aufklƒren; aber er blieb immer sehr freundlich. Als Folge dieser Freundschaft kamen die Frauen aus Gobilas Dorf jeden Morgen im Gƒnsemarsch durch das Schilfgras und brachten Gefl‚gel, s‚€e Kartoffeln, Palmwein und manchmal eine Ziege. Die Handelsgesellschaft versorgt die Posten nie ausreichend mit Lebensmitteln, und die Vertreter ben•tigten diese •rtlichen Vorrƒte zum Leben. Sie hatten sie durch Gobilas guten Willen und sie lebten gut davon. Ab und zu hatte einer von ihnen einen Fieberanfall, und der andere pflegte ihn mit sanfter Hingabe. Sie dachten sich nicht viel dabei. Es machte sie schwƒcher, und ihr Aussehen verschlechterte sich. Carlier war hohlƒugig und reizbar. Kayerts zeigte ein langgezogenes, schlaffes Gesicht ‚ber seinem runden Bauch, was ihm einen seltsamen Anblick verlieh. Doch da sie andauernd beisammen waren, bemerkten sie die Verƒnderung nicht, die allmƒhlich in ihrer ƒu€eren Erscheinung und auch in ihrem Wesen stattfand. F‚nf Monate verstrichen auf diese Weise. Dann, als Kayerts und Carlier eines Morgens in ihren St‚hlen auf der Veranda faulenzten und ‚ber die baldige Ankunft des Dampfers plauderten, kam ein Trupp bewaffneter Mƒnner aus dem Wald und r‚ckte zum Posten vor. Es waren Fremde in diesem Teil des Landes. Sie waren gro€, schlank, vom Hals bis zur Sohle auf klassische Art in blaue, gefranste T‚cher geh‚llt, und trugen Z‚ndflinten auf der blo€en rechten Schulter. Makola zeigte Anzeichen von Erregtheit und rannte aus dem Lagerhaus (wo er alle Tage verbrachte), um diese Besucher zu treffen. Sie kamen in den Hof und sahen mit festen und verƒchtlichen Blicken umher. Ihr F‚hrer, ein mƒchtiger, entschlossen dreinschauender Neger mit blutunterlaufenen Augen, stand vor der Veranda und hielt eine lange Rede. Er gestikulierte viel und h•rte sehr pl•tzlich auf. 8 In seiner Sprechweise, in den T•nen seiner langen Sƒtze lag etwas, das die zwei Wei€en beunruhigte. Es war wie eine Erinnerung an etwas nicht genau Vertrautes, und doch ƒhnelte es der Redeweise zivilisierter Menschen. Es klang wie eine dieser unm•glichen Sprachen, die wir bisweilen in unseren Trƒumen vernehmen. „Was f‚r ein Kauderwelsch ist das?" fragte der verbl‚ffte Carlier. „Zuerst dachte ich, dass der Kerl Franz•sisch sprechen wollte. Jedenfalls ist es eine andere Art Geschwafel, als wir es je geh•rt haben." „Ja", antwortete Kayerts. „He, Makola, was sagt er? Woher kommen sie? Wer sind sie?" Aber Makola, der auf hei€en Ziegeln zu stehen schien, antwortete schnell: „Ich wei€ nicht. Sie kommen von sehr weit. Vielleicht versteht Mrs. Price sie. Vielleicht sind es schlechte Menschen." Der Anf‚hrer wartete eine Weile und sagte dann etwas Barsches zu Makola, worauf dieser den Kopf sch‚ttelte. Dann schaute der Mann umher, bemerkte Makolas H‚tte und ging hin‚ber. Gleich danach h•rte man Mrs. Makola mit einem gro€en Wortschwall sprechen. Die anderen Fremdlinge - es waren insgesamt sechs - schlenderten unbek‚mmert herum, steckten ihre K•pfe durch die T‚r des Lagerraums, umringten das Grab, zeigten verstƒndig auf das Kreuz und benahmen sich insgesamt wie zuhause. „Die Burschen gefallen mir nicht - und ich sag dir, Kayerts, die m‚ssen von der K‚ste sein, sie haben ja Feuerwaffen", beobachtete der scharfsinnige Carlier. Auch Kayerts mochte diese Burschen nicht. Beide wurden sie sich zum ersten Mal bewusst, dass sie unter Bedingungen lebten, wo das Ungew•hnliche gefƒhrlich sein kann, und dass es keine Macht auf Erden au€erhalb von ihnen selbst gab, die zwischen ihnen und dem Ungew•hnlichen stand. Sie f‚hlten Unbehagen, gingen hinein und luden ihre Revolver. Kayerts sagte: „Wir m‚ssen Makola befehlen, ihnen zu sagen, dass sie vor der Dunkelheit verschwinden sollen." Die Fremden zogen am Nachmittag ab, nachdem sie ein Mahl gegessen hatten, das von Mrs. Makola f‚r sie zubereitet worden war. Die umfangreiche Frau war aufgeregt und redete viel mit den Besuchern. Sie plapperte in schrillen T•nen und zeigte hier und dort auf die Wƒlder und den Fluss. Makola sa€ abseits und beobachtete. Zeitweilig stand er auf und fl‚sterte auf seine Frau ein. Er begleitete die Fremden ‚ber die Schlucht hinter dem Stationsgelƒnde und kehrte langsam mit sehr nachdenklicher Miene zur‚ck. Von den Wei€en befragt, benahm er sich sehr seltsam, schien nicht zu verstehen, schien sein Franz•sisch vergessen zu haben - schien ‚berhaupt zu sprechen verlernt zu haben. Kayerts und Carlier waren sich einig, dass der Nigger zuviel Palmwein getrunken habe. Sie sprachen dar‚ber, abwechselnd Wache zu halten, aber am Abend schien alles so ruhig und friedlich, dass sie sich wie ‚blich schlafen legten. Die ganze Nacht wurden sie von krƒftigem Trommeln aus den D•rfern gest•rt. Einem tiefen, schnellen Rollen in der Nƒhe folgte immer ein anderes aus der Ferne - dann verstummte alles. Bald rasselten kurze Aufrufe hier und dort, dann vermischten sich alle miteinander, wuchsen an, wurden krƒftig und anhaltend, breiteten sich ‚ber den Wald aus, rollten durch die Nacht, ungebro- 9 chen und unaufh•rlich, nah und fern, als wƒre das ganze Land eine einzige ungeheure Trommel, die stetig ein Dr•hnen zum Himmel sandte. Und durch den tiefen und gewaltigen Lƒrm pl•tzlich ein Gellen, das den Gesangsfetzen aus einem Irrenhaus ƒhnlich war, die schrill und hoch in misst•nenden St•€en aufsch•ssen, die hoch ‚ber der Erde dahinzujagen und allen Frieden unter den Sternen zu vertreiben schienen. Carlier und Kayerts schliefen schlecht. Beide meinten sie, wƒhrend der Nacht Sch‚sse feuern geh•rt zu haben – aber sie konnten sich hinsichtlich der Richtung nicht einigen. Am Morgen war Makola irgendwohin aufgebrochen. Er kam am Mittag mit einem der Fremden vom Vortag zur‚ck und wich allen Versuchen Kayerts' aus, an ihn heranzukommen: war anscheinend taub geworden. Kayerts war erstaunt. Carlier, der am Ufer fischen gewesen war, kam zur‚ck und bemerkte, indem er seinen Fang zeigte: „Die Nigger sind, so scheint's, in heller Aufregung; ich m•chte wissen, was los ist. Ich hab ungefƒhr f‚nfzehn Boote den Fluss ‚berqueren gesehen in den zwei Stunden, die ich geangelt hab." Kayerts fragte besorgt: „Ist dieser Makola nicht heute sehr sonderbar?" Carlier riet: „Halte alle unsere Mƒnner zusammen f‚r den Fall, dass es …rger gibt." 10 II Zehn Mƒnner waren vom Direktor auf dem Posten zur‚ckgelassen worden. Diese Kerle hatten sich der Handelsgesellschaft f‚r sechs Monate verdingt (- sie hatten keine Vorstellung von einem Monat im Besonderen und ‚berhaupt nur eine sehr schwache Ahnung von Zeit -) und sie hatten der Sache des Fortschritts schon ‚ber zwei Jahre gedient. Da sie zu einem Stamm aus einem sehr weit entfernten Teil des Landes der Dunkelheit und des Kummers geh•rten, liefen sie nicht davon, denn sie nahmen nat‚rlich an, dass sie als wandernde Fremdlinge von den Bewohnern des Landes umgebracht w‚rden; darin hatten sie recht. Sie lebten in Strohh‚tten am Hang einer Schlucht, der mit Schilfgras ‚berwachsen war, gleich hinter den Gebƒuden des St‚tzpunkts. Sie waren nicht gl‚cklich, da sie die Festgesƒnge, die Zaubereien, die Menschenopfer ihres Landes vermissten; dort hatten sie auch ihre Eltern, Br‚der, Schwestern, bewunderten Hƒuptlinge, verehrten Zauberer, geliebten Freunde und andere Bande, die allgemein als die menschlichen gelten. Au€erdem waren ihnen die von der Gesellschaft ausgeteilten Reisrationen nicht zutrƒglich, da das eine ihrem Land unbekannte Nahrung war, an die sie sich nicht gew•hnen konnten. Infolgedessen waren sie krƒnklich und f‚hlten sich elend. Wƒren sie aus einem anderen Stamm gewesen, so hƒtten sie sich entschlossen zu sterben - denn nichts ist leichter f‚r manche Wilde, als Selbstmord zu ver‚ben - und so den unverstƒndlichen Schwierigkeiten des Daseins zu entrinnen. Doch da sie zu einem kriegerischen Stamm mit zugespitzten Zƒhnen geh•rten, hatten sie mehr Schneid und lebten dumpf in Krankheit und Kummer weiter. Sie arbeiteten sehr wenig und hatten ihren gro€artigen K•rperbau verloren. Kayerts und Carlier dokterten flei€ig an ihnen herum, ohne sie wieder in guten Zustand bringen zu k•nnen. Sie wurden jeden Morgen gemustert und f‚r verschiedene Aufgaben abkommandiert - Gras mƒhen, Zƒune bauen, Bƒume fƒllen usw. usf., lauter Arbeiten, zu deren wirkungsvoller Ausf‚hrung keine Macht der Welt sie verleiten konnte. Die beiden Wei€en hatten praktisch sehr wenig Kontrolle ‚ber sie. Am Nachmittag kam Makola her‚ber zum gro€en Haus und traf Kayerts, wie er drei schwere Rauchsƒulen ‚ber den Wƒldern aufsteigen sah. „Was ist das?" fragte Kayerts. „Einige D•rfer brennen", antwortete Makola, der scheinbar seinen Verstand wiedergewonnen hatte. Dann sagte er pl•tzlich: „Wir haben sehr wenig Elfenbein; schlechter Handel f‚r sechs Monate. M•chten Sie ein wenig mehr Elfenbein?" „Ja", sagte Kayerts begierig. Er dachte an die Prozente, die niedrig waren. „Diese Mƒnner, die gestern kamen, sind Hƒndler von Loanda, die mehr Elfenbein haben, als sie nach Hause tragen k•nnen. Soll ich kaufen? Ich kenne ihr Lager." „Gewiss", sagte Kayerts. „Was f‚r Hƒndler sind das?" „Schlechte Kerle", sagte Makola gleichg‚ltig. „Sie kƒmpfen mit Menschen und fangen Frauen und Kinder. Das sind schlechte Menschen, und haben Gewehre. Da ist gro€e Unruhe im Land. Wollen Sie Elfenbein?" 11 „Ja", sagte Kayerts. Makola sagte eine Zeit lang nichts. Dann: „Unsere Arbeiter sind •berhaupt nicht gut", murmelte er und blickte umher. „Station in sehr schlechtem Zustand, Sir. Direktor wird schimpfen. Besser beschaffen h•bschen Haufen Elfenbein. Dann er nichts sagen." „Ich kann nichts dagegen machen; die M‚nner wollen nicht arbeiten", sagte Kayerts. „Wann werden Sie dieses Elfenbein bekommen?" „Sehr bald", sagte Makola. „Vielleicht heute Abend. Sie •berlassen das mir und bleiben drinnen, Sir. Ich glaube, Sie sollten lieber unseren Leuten etwas Palmwein geben, um heute Abend einen Tanz zu veranstalten. Sich am•sieren. Morgen besser arbeiten. Wir haben Menge Palmwein - ein wenig sauer geworden." Kayerts sagte ja, und Makola trug eigenh‚ndig groƒe K•rbisflaschen vor die T•r seiner H•tte. Dort standen sie bis zum Abend, und Mrs. Makola schaute in jede hinein. Die M‚nner erhielten sie bei Sonnenuntergang. Als Kayerts und Carlier zu Bett gingen, flackerte ein groƒes Freudenfeuer vor den H•tten der Leute. Sie h„rten ihr Schreien und Trommeln. Einige M‚nner aus Gobilas Dorf hatten sich den Arbeitern der Niederlassung angeschlossen, und die Unterhaltung war ein groƒer Erfolg. Mitten in der Nacht wachte Carlier pl„tzlich auf und h„rte einen Mann laut schreien; dann wurde ein Schuss abgefeuert. Nur einer. Carlier lief hinaus und traf Kayerts auf der Veranda. Sie waren beide best•rzt. Als sie •ber den Hof gingen, um Makola zu rufen, sahen sie Schatten durch die Nacht huschen. Einer von ihnen rief: „Nicht schieƒen. Ich bin's, Price." Dann erschien Makola in ihrer N‚he. „Gehen Sie zur•ck, gehen Sie zur•ck, bitte", dr‚ngte er, „Sie verderben alles." „Da sind fremde Leute in der N‚he", sagte Carlier. „Das macht nichts; ich weiƒ", sagte Makola. Dann fl•sterte er: „Alles in Ordnung. Bringen Elfenbein. Sagen Sie nichts. Ich verstehe mein Gesch‚ft." Die beiden Weiƒen gingen widerstrebend ins Haus zur•ck, konnten aber nicht mehr schlafen. Sie h„rten Schritte, Fl•stern, St„hnen. Viele M‚nner schienen hereinzukommen, schwere Dinge auf den Boden zu werfen, l‚ngere Zeit zu plappern und dann wieder zu gehen. Die beiden lagen auf ihren harten Betten und dachten: „Dieser Makola ist unsch‚tzbar." Am Morgen kam Carlier sehr schl‚frig heraus und zog die Schnur der groƒen Glocke. Die Arbeiter der Station traten jeden Morgen beim Klang der Glocke an. An diesem Morgen kam niemand. Kayerts tauchte ebenfalls g‚hnend auf. Auf der anderen Seite des Hofes sahen sie Makola aus seiner H•tte kommen, eine Zinnsch•ssel mit seifigem Wasser in der Hand. Makola, ein zivilisierter Neger, war sehr reinlich in seinem …uƒeren. Er sch•ttete die Seifenlauge geschickt •ber einen armen, kleinen, gelben K„ter, den er sich hielt, dann drehte er das Gesicht zum Haus des Vertreters und rief aus der Entfernung: „Alle M‚nner vergangene Nacht verschwunden!" Sie h„rten ihn deutlich, aber in ihrer †berraschung schrieen sie beide zugleich gellend aus: „Was!" Dann starrten sie sich an. „Da stecken wir jetzt ordentlich in der Klemme", brummte Carlier. „Es ist unglaublich", murmelte Kayerts. „Ich gehe zu den H•tten und schaue nach", sagte Carlier und schritt davon. Als Makola heraufkam, fand er Kayerts allein. 12 „Ich kann es kaum glauben", sagte Kayerts weinerlich. „Wir haben uns um sie gek•mmert, als w‚ren sie unsere Kinder gewesen." „Sie sind mit den Leuten von der K•ste mitgegangen", erkl‚rte Makola nach kurzem Z„gern. „Was schert es mich, mit wem sie gegangen sind - die undankbaren Wilden", rief der andere aus. Dann hatte er pl„tzlich einen Verdacht, und indem er Makola scharf anblickte, f•gte er hinzu: „Was wissen Sie dar•ber?" Makola zuckte die Achseln und schaute zu Boden. „Was ich weiƒ? Ich meine nur. Wollen Sie mitkommen und das Elfenbein besichtigen, das ich dort habe? Es ist eine h•bsche Menge. Soviel haben Sie noch nie gesehen." Er ging zum Lagerhaus. Kayerts folgte ihm mechanisch, er dachte noch an die unglaubliche Desertion der M‚nner. Auf der Erde vor der Fetischt•r lagen sechs pr‚chtige Stoƒz‚hne. „Was haben Sie daf•r hergegeben", fragte Kayerts, nachdem er die Menge mit Befriedigung begutachtet hatte. „Kein gew„hnlicher Handel", sagte Makola. „Sie brachten das Elfenbein und •bergaben es mir. Ich sagte ihnen, sie sollten sich nehmen, was sie in der Station am meisten w•nschten. Es ist eine sch„ne Menge. Kein Posten kann solche Stoƒz‚hne aufweisen. Diese H‚ndler wollten dringend Tr‚ger, und unsere Leute hier waren zu nichts gut. Kein Handel, kein Eintrag in B•cher; alles korrekt." Kayerts platzte fast vor Entr•stung. „Das ist die H„he!" rief er aus. „Das heiƒt wohl, Sie haben unsere Leute f•r diese Stoƒz‚hne verkauft!" Makola stand unger•hrt und still da. „Ich - ich - werde - ich", stotterte Kayerts. „Sie Teufel!", schrie er gellend. „Ich habe f•r Sie und die Handelsgesellschaft das Beste getan", sagte Makola unbeeindruckt. „Warum schreien so laut? Schauen Sie diesen Stoƒzahn." „Ich entlasse Sie! Ich werde Sie melden - ich werde die Stoƒz‚hne nicht anschauen. Ich verbiete Ihnen, sie anzur•hren. Ich befehle Ihnen, sie in den Fluss zu werfen. Sie - Sie!" „Sie sehr rot, Mr. Kayerts. Wenn Sie in der Sonne so reizbar sind, werden Sie Fieber bekommen und sterben - wie der erste Chef, erkl‚rte Makola mit Nachdruck. Sie standen reglos, musterten einander eindringlich, als ob sie angestrengt in ungeheure Entfernungen blickten. Kayerts erschauerte. Makola hatte nicht mehr gemeint, als er gesagt hatte, aber seine Worte schienen Kayerts erf•llt von unheilvoller Drohung. Er drehte sich schnell um und ging weg zum Haus. Makola kehrte in den Schoƒ seiner Familie zur•ck; und die vor dem Lagerhaus liegen gelassenen Stoƒz‚hne sahen sehr gewaltig und wertvoll im Sonnenlicht aus. Carlier kam zur•ck auf die Veranda. „Sie sind alle weg, nicht?" fragte Kayerts vom anderen Ende des Gemeinschaftsraumes mit ged‚mpfter Stimme. „Sie haben keinen angetroffen?" „O, doch", sagte Carlier, „ich habe einen von Gobilas Leuten gefunden, er liegt tot vor den H•tten - der K„rper durchschossen. Wir haben diesen Schuss vorige Nacht geh„rt." 13 Kayerts lief schnell hinaus. Er fand seinen Gefƒhrten, wie er ‚ber den Hof hin grimmig auf die Sto€zƒhne beim Lager starrte. Beide sa€en sie eine Zeit lang schweigend da. Dann berichtete Kayerts von seinem Gesprƒch mit Makola. Carlier schwieg. Zu Mittag a€en sie sehr wenig. Den ganzen Tag wechselten sie kaum ein Wort. Ein gro€es Schweigen schien schwer ‚ber der Niederlassung zu lasten und ihre Lippen zusammenzupressen. Makola •ffnete das Lager nicht, er verbrachte den Tag im Spiel mit seinen Kindern. Er lag ausgestreckt auf einer Matte vor seiner T‚r, und die Kleinen sa€en auf seiner Brust und kletterten ‚ber ihn. Es war ein r‚hrendes Bild. Mrs. Makola war wie ‚blich ganzen Tag mit dem Kochen beschƒftigt. Die zwei Wei€en a€en am Abend etwas mehr. Carlier spazierte pfeiferauchend hin‚ber zum Lagerhaus; er stand lange bei den Sto€zƒhnen, tippte einen oder zwei mit dem Fu€ an, versuchte sogar den gr•€ten am schmƒleren Ende zu heben. Dann ging er zu seinem Chef zur‚ck, der sich nicht von der Veranda ger‚hrt hatte, warf sich in den Stuhl und sagte: „Mir ist alles klar! Man hat sich auf sie gest‚rzt, wƒhrend sie tief geschlafen haben, nachdem sie den vielen Palmwein getrunken hatten, den Makola ihnen mit deiner Erlaubnis gegeben hat. Eine abgekartete Sache! Verstehst du? Das Schlimmste ist, dass ein paar von Gobilas Mƒnnern dort waren, die zweifellos auch fortgeschleppt wurden. Der am wenigsten Besoffene wachte auf und wurde f‚r seine N‚chternheit erschossen. Das ist ein komisches Land. Was willst du jetzt tun?" „Wir k•nnen es nat‚rlich nicht anr‚hren", sagte Kayerts. „Nat‚rlich nicht", stimmte Carlier zu. „Sklaverei ist etwas Schreckliches", stammelte Kayerts unsicher. „F‚rchterlich - dieses Leiden", grunzte Carlier mit †berzeugung. Sie glaubten an ihre Worte. Jeder zeigt Achtung und Ehrerbietung vor gewissen Bemerkungen, die er und seine Freunde ƒu€ern. Aber ‚ber Gef‚hle wissen die Menschen in Wirklichkeit nichts. Wir sprechen entr‚stet oder begeistert; wir sprechen ‚ber Unterdr‚ckung, Grausamkeit, Verbrechen, Hingabe, Aufopferung, Tugend, und wir wissen nichts Wirkliches ‚ber die Worte hinaus. Niemand wei€, was Leiden oder Entbehrung bedeuten - ausgenommen vielleicht die Opfer des geheimnisvollen Sinns dieser Vorspiegelungen. Am nƒchsten Morgen sahen sie Makola im Hof sehr geschƒftig die gro€e Waage zum Wiegen des Elfenbeins aufstellen. Bedƒchtig sagte Carlier: „Was hat der dreckige Schuft vor?" und schlenderte hinaus. Kayerts folgte. Sie standen da und schauten zu. Makola beachtete sie nicht. Als die Waagschalen im Gleichgewicht waren, versuchte er einen Sto€zahn in die Schale zu heben, aber dieser war zu schwer. Er sah hilflos ohne ein Wort auf, und eine Minute lang umringten sie diese Waage so stumm und still wie drei Statuen. Auf einmal sagte Carlier: „Packen Sie das andere Ende, Makola, Sie Vieh!", und gemeinsam schwangen sie den Zahn hoch. Kayerts zitterte an allen Gliedern. Er murmelte: „Ich muss schon sagen!", und in seine Tasche greifend, fand er darin ein schmutziges St‚ck Papier und einen Bleistiftstummel. Er kehrte den anderen den R‚cken, als ob er irgendetwas Durchtriebenes machen wollte, und notierte verstohlen das jeweilige Gewicht, das Carlier ihm mit unn•tiger Lautstƒrke zurief. Nachdem alles vorbei war, fl‚sterte Makola zu sich selbst: „Die 14 Sonne ist sehr heiƒ hier f•r das Elfenbein." Carlier sagte l‚ssig zu Kayerts: „Ich meine, Chef, ich k„nnte ihm ja genauso gut zur Hand gehen beim Hineinschaffen ins Lagerhaus." Als sie zum Haus zur•ckgingen, bemerkte Kayerts mit einem Seufzer: „Es musste gemacht werden." Und Carlier sagte: „Es ist bedauerlich, aber da die M‚nner M‚nner der Gesellschaft waren, ist das Elfenbein Elfenbein der Gesellschaft. Wir m•ssen uns darum k•mmern." „Ich werde nat•rlich dem Direktor Meldung erstatten", sagte Kayerts. „Nat•rlich; soll er entscheiden", stimmte Carlier zu. Zu Mittag aƒen sie herzhaft. Kayerts seufzte von Zeit zu Zeit. Sooft sie Makolas Namen erw‚hnten, fugten sie ihm immer ein Schimpfwort bei. Das beruhigte ihr Gewissen. Makola genehmigte sich einen halben Urlaubstag und badete seine Kinder im Fluss. Niemand aus Gobilas D„rfern kam an diesem Tag in die N‚he der Station. Niemand kam am n‚chsten oder •bern‚chsten Tag, ebensowenig die ganze Woche. Man h‚tte denken k„nnen, dass Gobilas Leute tot und begraben w‚ren, so sehr fehlte jedes Lebenszeichen von ihnen. Doch sie trauerten nur um diejenigen, die sie durch die Hexerei von Weiƒen verloren hatten, die b„se Menschen in ihr Land gebracht hatten. Die b„sen M‚nner waren weg, ' aber die Angst blieb. Immer bleibt die Angst. Der Mensch kann alles in sich vernichten, Liebe und Hass und Glauben und sogar Zweifel; aber solange er sich an das Leben klammert, kann er die Angst nicht zerst„ren, die feine, unzerst„rbare, schreckliche Angst, die sein Wesen durchdringt, sein Denken f‚rbt, in seinem Herzen lauert, die auf seinen Lippen den Kampf des letzten Atemzugs verfolgt. Aus Angst brachte der sanfte alte Gobila allen B„sen Geistern, die von seinen weiƒen Freunden Besitz ergriffen hatten, neue Menschenopfer. Sein Herz war schwer. Einige Krieger sprachen vom Brennen und Morden, aber der vorsichtige alte Wilde redete es ihnen aus. Wer konnte das Leid vorhersehen, das diese geheimnisvollen Gesch„pfe, wenn sie gereizt w•rden, bringen konnten? Man sollte sie in Ruhe lassen. Vielleicht w•rden sie mit der Zeit in die Erde verschwinden, wie der erste verschwunden war. Seine Leute mussten sich von ihnen fernhalten und das Beste hoffen. Kayerts und Carlier verschwanden nicht, sondern blieben auf dieser Erde, die, so schien es ihnen, irgendwie gr„ƒer und sehr leer geworden war. Es war nicht die vollkommene und dumpfe ‡dnis des Postens, was sie am meisten bedr•ckte, sondern das unausgesprochene Gef•hl, dass irgendetwas in ihrem Inneren fort war, etwas, das f•r ihre Sicherheit funktionierte und die Wildnis davon abgehalten hatte, auf ihre Herzen st„rend einzuwirken. Die Bilder von der Heimat, die Erinnerung an Menschen ihresgleichen, an M‚nner, die dachten und f•hlten, wie sie selbst 201 denken und zu f•hlen gewohnt waren, verfl•chtigten sich in Entfernungen, die durch das Gleiƒen des wolkenlosen Sonnenlichts undeutlich wurden. Und aus der groƒen Stille der sie umgebenden Wildnis schien die Hoffnungslosigkeit und Unzivilisiertheit immer n‚her an sie heranzur•cken, sie sanft an sich zu ziehen, auf sie herabzuschauen und sie in eine unwiderstehliche, vertraute, ekelerregende Unruhe einzuh•llen. Die Tage dehnten sich zu Wochen, dann zu Monaten. Gobilas M‚nner trommelten und schrieen bei jedem Neumond wie eh und je, aber sie hielten sich von der Station fern. Makola und Carlier versuchten einmal von einem Boot aus die Verst‚ndigung wiederaufzunehmen, aber sie wurden von einem Ha- 15 gel von Pfeilen empfangen und mussten um ihres teuren Lebens willen zur Station fliehen. Dieser Versuch setzte die Gegend flussaufwƒrts und abwƒrts in helle Aufregung, die tagelang sehr deutlich zu vernehmen war. Der Dampfer verspƒtete sich. Zuerst sprachen sie von der Verz•gerung forsch, dann ƒngstlich, zuletzt d‚ster. Die Sache begann ernst zu werden. Die Vorrƒte gingen zu Ende. Carlier warf seine Angel vom Ufer aus, aber der Fluss f‚hrte wenig Wasser, und die Fische schwammen in der Str•mung drau€en. Die beiden wagten es nicht, sich zum Jagen weit von der Station zu entfernen. Au€erdem war kein Wild im undurchdringlichen Wald. Einmal schoss Carlier ein Nilpferd im Fluss. Doch sie hatten kein Boot zum Einholen, sodass es versank. Als es wieder auftauchte, trieb es davon, und Gobilas Mƒnner bemƒchtigten sich des Kadavers. Es war eine Gelegenheit f‚r ein Freudenfest, doch Carlier erlitt einen Wutanfall und sprach, dass es n•tig sei, alle Nigger auszurotten, bevor das Land bewohnbar gemacht werden k•nnte. Kayerts lungerte still herum und verbrachte Stunden damit, auf das Bild seiner Melie zu starren. Es zeigte ein kleines Mƒdchen mit langen blonden Z•pfen und einem eher m‚rrischen Gesicht. Kayerts' Beine waren stark geschwollen, er konnte kaum gehen. Carlier, vom Fieber geschwƒcht, konnte nicht mehr einherstolzieren, sondern torkelte herum, aber immer noch mit verwegener Haltung, wie es sich f‚r einen Mann ziemte, der sich seines schneidigen Regiments entsinnt. Er war heiser und sarkastisch geworden und neigte dazu, unliebsame Dinge zu sagen. Er nannte es „um ganz offen zu sein". Sie hatten sich seit langem ihre Prozente beim Handel ausgerechnet, einschlie€lich jenes letzten Anteils „durch diesen schƒndlichen Makola". Sie hatten auch beschlossen, nichts dar‚ber zu sagen. Kayerts z•gerte zuerst - er f‚rchtete den Direktor. „Der hat schlimmere Dinge gesehen, die stillschweigend gedreht wurden", behauptete Carlier mit heiserem Lachen. „Vertrau ihm! Er dankt es dir nicht, wenn du plauderst. Er ist um nichts besser als du oder ich. Wer sollte reden, wenn wir den Mund halten? Es ist niemand da." Das war die Wurzel des †bels! Niemand war da; und da sie in ihrer Schwƒche allein gelassen waren, wurden sie tƒglich mehr ein Duo von Komplizen als ein Paar treuer Freunde. Seit acht Monaten hatten sie nichts aus der Heimat geh•rt. Jeden Abend sagten sie: „Morgen sehen wir den Dampfer." Aber einer der Dampfer der Gesellschaft war ein Wrack geworden, und mit dem anderen war der Direktor damit beschƒftigt, sich um die weit entfernten und wichtigen Stationen auf dem Hauptfluss zu k‚mmern. Er dachte, dass die nutzlose Station und die nutzlosen Mƒnner warten konnten. Inzwischen lebten Kayerts und Carlier von salzlos gesottenem Reis und verfluchten die Gesellschaft, ganz Afrika und den Tag ihrer Geburt. Man muss von solcher Nahrung gelebt haben, um zu verstehen, was f‚r eine schreckliche Plage es werden kann, das Essen hinunterw‚rgen zu m‚ssen. Es gab buchstƒblich nichts mehr in der Niederlassung au€er Reis und Kaffee; sie tranken den Kaffee ohne Zucker. Die letzten f‚nfzehn W‚rfel hatte Kayerts feierlich in seiner Schachtel versperrt, zusammen mit einer halben Flasche Kognak, „f‚r den Fall der Krankheit", wie er erklƒrte. Carlier war derselben Meinung. „Wenn man krank ist", sagte er, „muntert einen jedes solche kleine Extra auf." 16 Sie warteten. †ppiges Gras begann ‚ber den Hof zu sprie€en. Die Glocke lƒutete jetzt nie. Die Tage vergingen, still, trƒge und zur Wut reizend. Wenn die beiden sprachen, knurrten sie w‚tend; und ihr Schweigen war bitter, als ob es von der Bitterkeit ihrer Gedanken get•nt sei. Eines Tages, nachdem sie zu Mittag gekochten Reis gegessen hatten, stellte Carlier seine Kaffeetasse ab, ohne gekostet zu haben, und sagte; „Verdammt noch mal! Lass uns endlich einmal eine anstƒndige Tasse Kaffee trinken. R‚ck diesen Zucker heraus, Kayerts!" „Geh•rt f‚r Kranke", murmelte Kayerts, ohne aufzublicken. „F‚r Kranke", ƒffte ihn Carlier nach. „Quatsch! . . . Also, ich bin krank." „Du bist nicht krƒnker als ich, und ich verzichte", sagte Kayerts in friedlichem Ton. „Los! Heraus mit dem Zucker, du geiziger alter Sklavenhƒndler." Kayerts blickte rasch auf. Carlier lƒchelte mit betonter Unverschƒmtheit. Und pl•tzlich schien es Kayerts, als habe er den Menschen noch nie gesehen. Wer war er? Er wusste nichts von ihm. Wozu war er fƒhig? Ein ‚berraschender Blitz gewaltbereiter Erregung zuckte in ihm, so als wƒre da auf einmal etwas Ungeahntes, Gefƒhrliches und Endg‚ltiges. Aber es gelang ihm, mit Gelassenheit zu ƒu€ern: „Dieser Witz zeigt sehr schlechten Geschmack. Wiederhole ihn nicht." „Witz!" sagte Carlier, der sich auf seinem Sitz vorlehnte. „Ich bin hungrig - ich bin krank - ich mache keine Witze! Ich hasse Heuchler. Du bist ein Heuchler. Du bist ein Sklavenhƒndler. Ich bin ein Sklavenhƒndler. Es gibt nicht anderes als Sklavenhƒndler in diesem verfluchten Land. Heute will ich jedenfalls Zucker in meinem Kaffee!" „Ich verbiete dir, mit mir in diesem Ton zu sprechen", sagte Kayerts mit deutlichen Zeichen der Entschlossenheit. „Du! - Was?" schrie Carlier und sprang auf. Auch Kayerts stand auf. „Ich bin dein Chef, begann er und bem‚hte sich, das Zittern seiner Stimme zu meistern. „Was?" schrie der andere. „Wer ist der Chef? Da gibt's keinen Chef. Da gibt's nichts hier: Hier gibt's nur dich und mich. Hol den Zucker - du fetter Trottel!" „Halt das Maul. Verschwinde aus diesem Raum", schrie Kayerts. „Ich entlasse dich - du Schurke!" Carlier schwang einen Schemel. Ganz pl•tzlich wirkte er gefƒhrlich ernst. „Du schlaffer, nichtsnutziger Zivilist - da hast du!" heulte er. Kayerts duckte sich unter den Tisch, und der Schemel schlug auf die Graswand des Raums. Als Carlier dann den Tisch umzukippen versuchte, st‚rmte Kayerts verzweifelt blind vorwƒrts, mit gesenktem Kopf wie ein in die Ecke getriebenes Schwein, warf den Freund ‚ber den Haufen und stob die Veranda entlang in sein Zimmer. Er verschloss die T‚r, riss seinen Revolver an sich und stand schnaufend da. Nach k‚rzester Zeit trat Carlier w‚tend gegen die T‚r und heulte: „Wenn du den Zucker nicht herausgibst, erschie€ ich dich, sobald ich dich seh, wie einen Hund. Also - eins - zwei - drei. Du willst nicht? Ich werd dir zeigen, wer hier der Herr ist." Kayerts dachte, die T‚r werde einbrechen, und zwƒngte sich durch das quadratische Loch, das seinem Zimmer als Fenster diente. Jetzt lag die ganze Breite des Hauses zwischen ihnen. Aber der andere war offenbar nicht stark 17 genug, um die T‚r einzubrechen, und Kayerts h•rte ihn um das Haus rennen. Da begann auch er zu laufen, m‚hsam mit seinen geschwollenen Beinen. Er rannte, so schnell er konnte, hielt den Revolver umklammert, und dennoch unfƒhig zu begreifen, was mit ihm geschah. Er sah nacheinander Makolas Haus, den Lagerschuppen, den Fluss, die Schlucht, die niedrigen B‚sche; und er sah das alles noch einmal, als er das zweite Mal ums Haus lief. Dann zuckte alles noch einmal an ihm vorbei. Am Morgen noch hƒtte er keinen Meter ohne ein …chzen gehen k•nnen. Und jetzt rannte er. Er lief schnell genug, um aus der Sichtweite des ƒndern zu bleiben. Als er dann schwach und verzweifelt dachte: „Bevor ich die nƒchste Runde beende, werde ich sterben", h•rte er, wie der andere schwer stolperte und stehen blieb. Auch er hielt an. Er war hinter dem Haus, Carlier an der Vorderseite, wie zuvor. Er h•rte, wie der andere fluchend in einen Stuhl sank, und pl•tzlich gaben auch seine Beine nach und mit dem R‚cken gegen die Wand rutschte er in eine sitzende Haltung nieder. Sein Mund war trocken wie Zunder, sein Gesicht nass vor Schwei€ -und Trƒnen. Um was drehte sich das Ganze? Er dachte, es m‚sste eine schreckliche Einbildung sein; er dachte, dass er trƒumte; er dachte, dass er verr‚ckt w‚rde! Nach einer Weile gewann er seine Sinne zur‚ck. Worum stritten sie? †ber diesen Zucker! Wie sinnlos! Er w‚rde ihn ihm geben - er wollte ihn ja gar nicht selber. Und er begann sich aufzurappeln und f‚hlte sich auf einmal sicher. Doch bevor er sich ordentlich aufgerichtet hatte, durchdrang ihn eine †berlegung des gesunden Menschenverstands und st‚rzte ihn wieder in Verzweiflung. Er dachte: Wenn ich jetzt diesem Vieh von einem Soldaten nachgebe, wird er diesen Terror morgen wieder beginnen - und ‚bermorgen - jeden Tag - wird andere Anspr‚che erheben, auf mir herumtrampeln, mich quƒlen, mich zu seinem Sklaven machen - und ich bin verloren! Verloren! Der Dampfer kommt vielleicht noch tagelang nicht - kommt vielleicht nie. Er zitterte so, dass er sich wieder auf den Boden setzen m‚sste. Er schauderte verzweifelt. Er sp‚rte, dass er sich nicht mehr bewegen konnte und auch nicht wollte. Er war v•llig fassungslos durch die pl•tzliche Erkenntnis, dass seine Lage ausweglos war - dass Leben und Tod mit einem Mal gleicherma€en schwierig und schrecklich geworden waren. Auf einmal h•rte er, wie der andere seinen Stuhl zur‚ckstie€ und mit gr•€ter Leichtigkeit auf seine F‚€e sprang. Er horchte und war verwirrt. Musste wieder laufen! Links oder rechts? Er h•rte Schritte. Er st‚rzte nach links, hielt den Revolver umklammert, und gerade in diesem Augenblick, so schien es ihm, stie€en sie heftig zusammen. Beide schrieen ‚berrascht auf. Ein lauter Knall erscholl zwischen ihnen; eine rote Flamme schlug auf, dann dicker Rauch; Kayerts st‚rzte betƒubt und geblendet nach hinten, er dachte: Ich bin getroffen alles ist vorbei. Er erwartete, dass der andere um die Ecke kƒme - um sich an seinem Todeskampf zu weiden. Er hielt sich an einem Pfosten, der das Dach trug, fest - „Alles vorbei!". Dann h•rte er einen krachenden Fall auf der anderen Seite des Hauses, wie wenn jemand in ganzer K•rperlƒnge ‚ber einen Stuhl gest‚rzt wƒre - dann Stille. Nichts geschah mehr. Er starb nicht. Nur seine Schulter f‚hlte sich an, als ob sie schlimm ausgerenkt wƒre, und er hatte sei- 18 nen Revolver verloren. Er war entwaffnet und hilflos! Er wartete auf sein Schicksal. Der andere machte kein Gerƒusch. Das war eine Kriegslist. Er pirschte sich wohl nun an! Auf welcher Seite? Vielleicht zielte er schon in diesem Moment? Nach wenigen Augenblicken schrecklicher und t•richter Todesangst beschloss er, seinem Verhƒngnis entgegenzugehen. Er war bereit, sich bedingungslos auszuliefern. Er ging um die Ecke, wobei er sich mit einer Hand an die Mauer st‚tzte, machte einige Schritte und wurde beinahe ohnmƒchtig. Er hatte auf dem Boden ein Paar nach oben gedrehter F‚€e gesehen, die hinter der anderen Ecke hervorragten. Zwei wei€e, nackte F‚€e in roten Hausschuhen. Er f‚hlte sich todkrank, und stand eine Zeit lang in v•lliger Unklarheit. Dann erschien Makola vor ihm und sagte ruhig: „Kommen Sie, Mr. Kayerts. Er ist tot." Er brach in Trƒnen der Dankbarkeit aus, in einen lauten, schluchzenden Weinkrampf. Nach einiger Zeit merkte er, dass er in einem Stuhl sa€ und Carlier betrachtete, der ausgestreckt auf dem R‚cken lag. Makola kniete vor dem K•rper. „Ist das Ihr Revolver?" fragte Makola, wƒhrend er aufstand. „Ja", sagte Kayerts; dann fugte er sehr schnell hinzu, „er rannte mir nach, um mich zu erschie€en - Sie haben es gesehen!" „Ja, ich hab es gesehen", sagte Makola. „Da ist nur ein Revolver. Wo ist seiner?" „Wei€ ich nicht", fl‚sterte Kayerts mit pl•tzlich ganz schwacher Stimme. „Ich werde ihn suchen gehen", sagte der andere freundlich. Er machte eine Runde entlang der Veranda, wƒhrend Kayerts still dasa€ und auf die Leiche blickte. Makola kam mit leeren Hƒnden zur‚ck, stand in tiefe Gedanken versunken, trat dann ruhig in das Zimmer des Toten und kam sofort wieder mit einem Revolver heraus, den er vor Kayerts hochhielt. Dieser schloss die Augen. Alles drehte sich vor ihm. Er fand sein Leben schrecklicher und schwieriger als den Tod. Er harte einen Unbewaffneten erschossen. Nachdem Makola eine Weile nachgedacht hatte, sagte er sanft, indem er auf den Toten zeigte, der mit zerschossenem rechten Auge dalag: „Er starb am Fieber." Kayerts starrte ihn versteinert an. „Ja", wiederholte Makola nachdenklich, wƒhrend er ‚ber den Leichnam stieg, „ich glaube, er ist am Fieber gestorben. Begraben ihn morgen." Und er ging langsam zu seiner schwangeren Frau. Die zwei Wei€en lie€ er allein auf der Veranda. Die Nacht brach herein, Kayerts sa€ unbewegt auf seinem Stuhl. Er sa€ so ruhig, als hƒtte er eine Dosis Opium genommen. Die Gewalt der Aufregungen, durch die er gegangen war, rief ein Gef‚hl ersch•pfter Gelassenheit hervor. An einem kurzen Nachmittag hatte er die Tiefen des Schauders und der Verzweiflung ausgelotet, und jetzt fand er Ruhe in der †berzeugung, dass das Leben keine Geheimnisse mehr f‚r ihn hatte, und ebenso wenig der Tod! Er sa€ neben der Leiche und dachte nach, dachte sehr rege nach. Es waren ganz neue Gedanken. Er schien sich v•llig von sich selbst losgerissen zu haben. Seine alten Gedanken, †berzeugungen, Neigungen und Abneigungen, Dinge, die er geschƒtzt, und Dinge, die er verabscheut hatte, zeigten sich nun 19 zuletzt in ihrem wahren Licht! Sie zeigten sich als verachtenswert und kindisch, falsch und lƒcherlich. Er erg•tzte sich an seiner neuen Weisheit, wƒhrend er neben dem Mann sa€, den er get•tet hatte. Er stritt mit sich selbst ‚ber alles auf dieser Welt mit jener verdrehten Klarheit, die man bei manchen Geisteskranken beobachten kann. Beilƒufig ‚berlegte er, dass der tote Kerl da ohnehin ein Schƒdling gewesen war; dass die Menschen tƒglich zu Tausenden starben; vielleicht 201 Hunderttausenden - wer konnte das wissen? - und dass bei dieser Zahl der Tod eines einzelnen unm•glich einen Unterschied machen konnte, keine Bedeutung haben konnte, wenigstens f‚r ein denkendes Wesen. Er, Kayerts, war ein denkendes Wesen. Er hatte sein ganzes Leben, bis zu diesem Augenblick, an eine Menge Unsinn geglaubt, wie die ‚brige Menschheit - die aus Narren besteht; aber nun dachte er! Nun wusste er Bescheid! Er hatte Frieden; er war vertraut mit der h•chsten Weisheit! Dann versuchte er sich selbst als Toten vorzustellen, und dass Carlier in seinem Stuhl sa€ und ihn beobachtete; und seine Bem‚hung hatte solch unerwarteten Erfolg, dass er binnen kurzem ‚berhaupt nicht mehr wusste, wer tot war und wer lebte. Doch diese au€ergew•hnliche Leistung seiner Phantasie erschreckte ihn, und durch eine gescheite, rechtzeitige Geistesanstrengung rettete er sich gerade noch davor, Carlier zu werden. Sein Herz hƒmmerte, und beim Gedanken an diese Gefahr wurde ihm ‚ber und ‚ber hei€. Carlier! Was f‚r eine ekelhafte Sache! Um seine ersch‚tterten Nerven - war es ein Wunder? - zu beruhigen, versuchte er, ein wenig zu pfeifen. Dann schlief er auf einmal ein, oder dachte, dass er geschlafen hatte; aber jedenfalls war es da neblig, und jemand hatte im Nebel gepfiffen. Er stand auf. Es war Tag geworden und dicker Dunst hatte sich auf das Land herabgesenkt: durchdringender, einh‚llender, schweigender Dunst; der Morgennebel der tropischen Gebiete; der Nebel, der klebt und t•tet; der wei€e, t•dliche, makellose und giftige Nebel. Er stand auf, erblickte den Leichnam, warf die Arme in die H•he und schrie wie ein Mensch, der aus einer Trance erwacht und sich f‚r immer in einer Gruft eingesperrt sieht. „Hilfe!. . . Mein Gott!" Ein unmenschliches, zitterndes Schrillen durchbohrte pl•tzlich wie ein scharfer Pfeil den wei€en Schleier dieses traurigen Landes. Drei kurze, ungeduldige, gellende Schreie folgten, und dann wƒlzten sich einige Zeit die Nebelschwaden ungest•rt durch die f‚rchterliche Stille. Dann zerrissen viele weitere rasche und durchdringende Schreie wie das Gellen eines erbosten, unbarmherzigen Wesens die Luft. Der Fortschritt rief vom Fluss her nach Kayerts. Der Fortschritt, die Zivilisation und all die Tugenden. Die Gesellschaft rief nach dem von ihr selbst gestalteten Kind, es m•ge kommen, um in Obhut genommen zu werden, um zurecht gewiesen, gerichtet und verurteilt zu werden; sie rief ihn, zu diesem Abfallhaufen zur‚ckzukommen, von dem er abgeschweift war, auf dass Gerechtigkeit ge‚bt werden k•nne. Kayerts h•rte und verstand. Er wankte aus der Veranda und lie€ den anderen Mann zum ersten Mal, seit sie hier aufeinander geworfen worden waren, allein. Er tastete sich durch den Nebel und rief in seiner Unwissenheit zum un- 20 sichtbaren Himmel hinauf, er m•ge seine Tat ungeschehen machen. Makola flitzte im Nebel vorbei und schrie: „Dampfer! Dampfer! Sie k•nnen nichts sehen. Sie pfeifen zu unserer Station. Ich laufe, um die Glocke zu lƒuten. Gehen Sie hinunter zum Landeplatz, Sir. Ich lƒute." Er verschwand. Kayerts stand still. Er blickte in die H•he; der Nebel wogte ‚ber ihm. Er schaute umher wie ein Mensch, der sich verirrt hat; und er sah einen dunklen, kreuzf•rmigen Fleck im reinen, wallenden Nebel. Wƒhrend er darauf lostaumelte, lƒutete die Stationsglocke mit wildem Dr•hnen ihre Antwort auf das ungeduldige Heulen des Dampfers. Der Leitende Direktor der Gro€en Zivilisierenden Gesellschaft9 (wie wir wissen, folgt die Zivilisation dem Handel auf dem Fu€e) ging als erster an Land und verlor den Dampfer sofort aus der Sicht. Der Nebel unten am Fluss war au€erordentlich dicht; oben bei der Station lƒutete die Glocke pausenlos und metallisch. Der Direktor rief laut zum Dampfer: „Da ist niemand herunten, um uns zu treffen; vielleicht ist irgendwas nicht in Ordnung, obwohl sie lƒuten. Ihr solltet lieber auch kommen!" Er erklomm m‚hsam das steile Ufer. Der Kapitƒn und der Maschinist des Schiffs folgten. Wƒhrend sie hinaufkletterten, lichtete sich der Nebel und sie sahen den Direktor ein gutes St‚ck voran. Pl•tzlich machte er einen Satz vorwƒrts und rief ihnen ‚ber die Schulter zu: „Laufen Sie! Laufen Sie zum Haus! Ich hab einen von ihnen gerunden. Laufen Sie, suchen Sie den ƒndern!" Er hatte einen von ihnen gefunden! Und sogar er, ein Mann mit mannigfacher und erschreckender Erfahrung, war einigerma€en fassungslos infolge der Art seines Fundes. Er stand da und kramte in seinen Taschen (nach einem Messer), wƒhrend er Kayerts ansah, der an einem Lederriemen am Kreuz hing. Er war offensichtlich auf den hohen, schmalen Grabh‚gel geklettert, hatte das Ende des Riemens an den Querbalken gekn‚pft und sich dann hinausgeschwungen. Seine Zehen waren nur einige Zoll ‚ber dem Boden; seine Arme hingen steif herab; er schien in starrer Aufmerksamkeit zu stehen, aber eine purpurrote Wange lag neckisch auf der Schulter. Und respektlos streckte er seinem Leitenden Direktor die geschwollene Zunge heraus. The End Joseph Conrad (1857-1924); An Outpost of Progress (1898)
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Joseph Conrad An Outpost of Progress deutsche Überstezung

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Deutsche Übersetzung von Joseph Conrads Kurzgeschichte An Outpost of Progress. Sie gehört zu den Sternchenthemen fürs Englisch Abitur
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1 Joseph Conrad: Ein Vorposten des Fortschrittes I Zwei Wei€e leiteten die Handelsniederlassung. Kayerts, der Chef, war klein und dick; Carlier, sein Assistent, war lang und hatte einen gro€en Kopf und einen sehr breiten Oberk•rper auf zwei langen, d‚nnen Beinen. Der dritte Mann des Personals war ein Neger aus Sierra Leone, der behauptete, Henry Price zu hei€en. Aus irgendeinem Grund aber hatten ihm die Eingeborenen flussabwƒrts den Namen Makola gegeben, und der blieb ihm wƒhrend aller seiner Streifz‚ge durch das Land. Er sprach Englisch und Franz•sisch mit einer singenden Betonung, hatte eine sch•ne Handschrift, verstand die Buchhaltung und hielt im Innersten seines Herzens an der Verehrung b•ser Geister fest. Seine Frau war eine Negerin aus Loanda, sehr umfangreich und sehr laut. Drei Kinder kollerten vor der T‚r seiner niedrigen Behausung, die einem Schuppen glich, in der Sonne umher. Makola, schweigsam und unergr‚ndlich, verachtete die beiden Wei€en. Er hatte die Verwaltung eines kleinen Lagerhauses aus Lehm mit einem Dach aus getrocknetem Gras, und er gab vor, ‚ber die vorrƒtigen Glasperlen, Baumwollstoffe, roten Halst‚cher, ‚ber den Kupferdraht und andere Handelsg‚ter sorgfƒltig Buch zu f‚hren. Au€er dem Lagerhaus und Makolas H‚tte gab es nur ein gro€es Gebƒude auf dem gerodeten Platz der Niederlassung. Es war ordentlich aus Rohr gebaut und hatte eine Veranda nach allen vier Seiten. Darin gab es drei Rƒume. Der in der Mitte war der Wohnraum mit zwei roh gehauenen Tischen und einigen Schemeln. Die beiden anderen waren die Schlafrƒume der wei€en Mƒnner. Jeder hatte eine Bettstatt und ein Moskitonetz - das war die ganze Einrichtung. Der Bretterboden war ‚berstreut mit den Habseligkeiten der Wei€en; offene, halbleere Schachteln, Kleider, die man in der Stadt trug, alte Stiefel; alles schmutzig und alles zerrissen oder zerbrochen, wie sich solche Sachen geheimnisvoll um unordentliche Leute anhƒufen. Es gab auch noch einen Aufenthaltsort in einiger Entfernung der Gebƒude. Darin schlief unter einem gro€en, stark aus dem Lot geratenen Kreuz der Mann, der den Anfang von allem hier gesehen hatte; der die Errichtung dieses Vorpostens des Fortschritts geplant und ‚berwacht hatte. Zu Hause war er ein erfolgloser Maler gewesen, der die Jagd nach Ruhm bei leerem Magen satt gehabt hatte und durch Protektion von h•herer Seite dort hinausgegangen war. Er war der erste Chef dieser Niederlassung gewesen. Makola hatte miterlebt, wie der tatkrƒftige K‚nstler in dem gerade fertig gewordenen Haus am Fieber starb, und dabei mit seiner ‚blichen Gleichg‚ltigkeit geƒu€ert: „Ich hab's Ihnen ja gesagt." Dann wohnte er eine Zeit lang allein da, mit seiner Familie, seinen Kontob‚chern und dem B•sen Geist, der die Lƒnder unter dem …quator beherrscht. Er kam mit seinem Gott sehr gut aus. Vielleicht hatte er ihn gnƒdig gestimmt, indem er ihm weitere wei€e Mƒnner f‚r demnƒchst zum Spielen versprach. Nun, jedenfalls der Direktor der Gro€en Handelsgesellschaft, der auf einem Dampfer, ƒhnlich einer Sardinenb‚chse mit einem 2 Flachdach darauf, eintraf, fand die Niederlassung in gutem Zustand vor und Makola wie immer ruhig und flei€ig. Der Direktor lie€ das Kreuz am Grab des ersten Vertreters aufrichten und setzte Kayerts auf dem Posten ein. Carlier wurde als zweiter Verantwortlicher angestellt. Der Direktor war ein r‚cksichtsloser, durchschlagskrƒftiger Mensch, der gelegentlich, doch sehr unmerklich, einem grimmigen Humor freien Lauf lie€. Er hielt Kayerts und Carlier eine Ansprache, worin er ihnen die vielversprechenden Aussichten ihrer Niederlassung erlƒuterte. Der nƒchste Handelsposten sei rund dreihundert Meilen entfernt. Es sei eine au€ergew•hnliche Gelegenheit f‚r sie, sich auszuzeichnen und sich Prozente beim Handel zu verdienen. Diese Ernennung sei eine Beg‚nstigung f‚r Anfƒnger. Kayerts war von der Freundlichkeit des Direktors fast zu Trƒnen ger‚hrt. Er sagte, er w‚rde sein Bestes tun und versuchen, das schmeichelhafte Vertrauen zu rechtfertigen, usw. usf. Kayerts war in der Telegraphenverwaltung gewesen und verstand sich korrekt auszudr‚cken. Carlier, ein ehemaliger Kavallerieunteroffizier in einer Armee, deren Schutz durch verschiedene europƒische Mƒchte garantiert wurde, war weniger beeindruckt. Wenn sich Provisionen einstreichen lie€en, umso besser; und indem er einen verdrossenen Blick ‚ber den Strom, die Wƒlder und den undurchdringlichen Busch gleiten lie€, der die Station von der ‚brigen Welt abzuschneiden schien, murmelte er zwischen den Zƒhnen: „Das werden wir ja sehr bald sehen." Nachdem am nƒchsten Tag einige Ballen Baumwollstoffe und ein paar Kisten Lebensmittel ans Ufer geworfen worden waren, legte der SardinenschachtelDampfer ab, um nicht fr‚her als in sechs Monaten wiederzukommen. An Deck tippte der Direktor an seine Kappe in Richtung der zwei Vertreter, die H‚te schwenkend am Ufer standen, und indem er sich an einen alten Diener der Gesellschaft wandte, der ihn auf seinen Fahrten zum Hauptquartier zu begleiten pflegte, sagte er: „Schauen Sie sich diese zwei Schwachk•pfe an. Die daheim m‚ssen verr‚ckt sein, mir solche Exemplare zu schicken. Ich hab diesen Burschen gesagt, sie sollen einen Gem‚segarten anlegen, neue Lagerrƒume und Zƒune bauen und eine Landungsstelle errichten. Ich wette, dass nichts davon geschieht! Sie werden nicht wissen, wie sie's anfangen sollen. Ich war immer ‚berzeugt, dass der Posten an diesem Fluss nutzlos ist, und die da passen genau zu diesem Posten!" „Sie werden sich da schon herausmausern", sagte der alte Hase mit leisem Lƒcheln. „Jedenfalls bin ich sie die nƒchsten sechs Monate los", erwiderte der Direktor scharf. Die beiden Mƒnner sahen dem Dampfer nach, wie er um die Biegung fuhr, dann stiegen sie Arm in Arm den Uferhang hinauf und kehrten zum St‚tzpunkt zur‚ck. Sie waren erst sehr kurze Zeit in diesem riesigen, dunklen Land und bisher immer inmitten anderer Wei€er, unter dem Auge und der Leitung ihrer Vorgesetzten. Und jetzt, dumpf den subtilen Einfl‚ssen ihrer Umgebung ausgesetzt, f‚hlten sie sich sehr einsam, als sie pl•tzlich ohne Unterst‚tzung gelassen und mit der Wildnis konfrontiert waren, einer Wildnis, die umso fremder und 3 unbegreiflicher wirkte durch den geheimnisvollen Anblick, den ihr kraftvolles Leben bot. Sie waren zwei v•llig unbedeutende und unfƒhige Individuen, deren Existenz nur durch die hohe Organisation der zivilisierten Massen m•glich gemacht wurde. Nur wenige Menschen machen sich klar, dass ihr Leben, das eigentliche Wesen ihres Charakters, ihre Fƒhigkeiten und ihre K‚hnheit nur der Ausdruck ihres Vertrauens in die Sicherheit ihrer Umgebung sind. Mut, Gelassenheit, Vertrauen, Gef‚hle und Grundsƒtze, jeder gro€e und jeder unbedeutende Gedanke geh•rt nicht dem Einzelwesen, sondern der Menge, einer Menge, die blind an die unwiderstehliche Kraft ihrer Institutionen und ihrer sittlichen Grundsƒtze, an die Macht ihrer Polizei und ihrer •ffentlichen Meinung glaubt. Aber die Ber‚hrung mit reiner, ungemilderter Wildheit, mit primitiver Natur und primitiven Menschen bringt pl•tzliches und tiefes Unbehagen in das Herz. Zum Gef‚hl des Alleinseins innerhalb seiner, Gattung, zur klaren Vorstellung der Einsamkeit der eigenen Gedanken und Empfindungen - zum Verschwinden des Gewohnten, das Sicherheit bietet, gesellt sich die Bestƒtigung des Ungew•hnlichen, das gefƒhrlich ist; eine Vorstellung von undeutlichen, unkontrollierbaren und widerwƒrtigen Dingen entsteht, deren verst•rendes Eindringen die Phantasie erregt und die zivilisierten Nerven der Dummen und der Klugen gleicherma€en reizt. Kayerts und Carlier gingen Arm in Arm, indem sie eng aneinander r‚ckten, wie es Kinder in der Finsternis tun; und sie hatten dasselbe, nicht ganz unangenehme Gef‚hl einer Bedrohung, das man halb f‚r eine Einbildung hƒlt. Sie plauderten ununterbrochen in vertrauten T•nen miteinander. „Unsere Station ist an einem h‚bschen Platz", sagte der eine. Der andere stimmte begeistert zu und verbreitete sich redselig ‚ber die Sch•nheiten der Lage. Dann gingen sie in der Nƒhe des Grabes vorbei. „Der arme Teufel!" sagte Kayerts. „Er starb am Fieber, nicht wahr?" murmelte Carlier und verstummte rasch. „Na ja", entgegnete Kayerts entr‚stet, „ich habe geh•rt, dass sich der Kerl gnadenlos der Sonne ausgesetzt hat. Das Klima hier, sagen alle, ist ‚berhaupt nicht schlimmer als zu Hause, solang man sich aus der Sonne heraushƒlt. H•ren Sie, Carlier? Ich bin hier der Chef, und mein Befehl ist, dass Sie sich nicht der Sonne aussetzen sollten!" Er spielte sich scherzhaft als Vorgesetzter auf, aber er meinte es ernst. Die Vorstellung, er m‚sse vielleicht Carlier begraben und allein zur‚ckbleiben, lie€ ihn in seinem Innern erschauern. Er sp‚rte pl•tzlich, dass dieser Carlier f‚r ihn hier, inmitten von Afrika, kostbarer war, als es ein Bruder irgendwo sonst sein k•nnte. Carlier ging auf den Sinn der Sache ein, salutierte militƒrisch und antwortete flott: „Ihre Befehle werden ausgef‚hrt, Chef!" Dann brach er in Gelƒchter aus, schlug Kayerts auf den R‚cken und rief: „Wir werden uns das Leben hier leicht machen! Eben nur herumsitzen und das Elfenbein einsammeln, das diese Wilden da bringen werden. Das Land da hat schlie€lich auch seine guten Seiten!" Sie lachten beide laut, wƒhrend Carlier dachte: Der arme Kayerts; er ist so fett und schaut ungesund aus. Es wƒre furchtbar, wenn ich ihn hier begraben m‚sste. Er ist ein Mann, den ich achte...Noch ehe sie die Veranda ihres Hauses erreichten, nannten sie einander „mein lieber Freund". 4 Am ersten Tag waren sie sehr aktiv, werkelten herum mit Hƒmmern, Nƒgeln und rotem Baumwollstoff, um Vorhƒnge anzubringen und ihr Haus wohnlich und h‚bsch zu machen; denn sie waren entschlossen, sich in ihrem neuen Leben bequem einzurichten. Eine f‚r sie unl•sbare Aufgabe. Um nur die rein materiellen Schwierigkeiten wirksam in den Griff zu bekommen, erfordert es mehr Gelassenheit und mehr frohen Mut, als sich der Mensch im Allgemeinen vorstellt. Keine zwei Wesen wƒren f‚r einen solchen Kampf weniger geeignet gewesen. Die Gesellschaft hatte sich dieser zwei Mƒnner angenommen, nicht aus Zartgef‚hl, sondern aufgrund ihrer eigenartigen Bed‚rfnisse, und hatte ihnen jeden unabhƒngigen Gedanken, jeden eigenen Antrieb, jedes Abweichen von der Routine verboten; und zwar bei Todesdrohung verboten. Sie konnten nur unter der Vorgabe leben, Maschinen zu sein. Und jetzt, da sie aus der sie umhegenden Sorge von Mƒnnern mit Federhaltern hinter dem Ohr oder von Mƒnnern mit Goldlitzen an den …rmeln entlassen waren, glichen sie jenen lebenslƒnglichen Hƒftlingen, die, nachdem sie nach vielen Jahren freigelassen wurden, nicht wissen, wie sie ihre Freiheit nutzen sollen. Sie wussten nicht, wie sie ihre Fƒhigkeiten gebrauchen sollten, da sie beide infolge der fehlenden †bung keinen unabhƒngigen Gedanken fassen konnten. Nach zwei Monaten sagte Kayerts oft: „Wenn ich es nicht f‚r meine Melie tƒte, w‚rdest du mich da nicht antreffen." Melie war seine Tochter. Er hatte seinen Posten bei der Telegraphenverwaltung aufgegeben, obwohl er dort siebzehn Jahre vollkommen gl‚cklich gewesen war, um nun eine Mitgift f‚r das Mƒdchen zu verdienen. Seine Frau war tot, und das Kind wurde von seinen Schwestern aufgezogen. Er vermisste schmerzlich die Stra€en, die Gehsteige, die Cafes und seine langjƒhrigen Freunde; all das, was er Tag f‚r Tag zu sehen pflegte; all die Gedanken, die durch vertraute Dinge aufsteigen - die m‚helosen, eint•nigen, einschlƒfernden Gedanken eines •ffentlichen Angestellten; er vermisste all das Geschwƒtz, die kleinen Gehƒssigkeiten, das milde Gift und die Witzchen in den Regierungsb‚ros. „Wenn ich einen anstƒndigen Schwager gehabt hƒtte", pflegte Carlier zu bemerken, „einen Burschen mit Herz, wƒre ich nicht hier." Er hatte die Armee verlassen und hatte sich durch seine Faulheit und Unverschƒmtheit seiner Familie gegen‚ber so verhasst gemacht, dass ein verzweifelter Schwager ‚bermenschliche Anstrengungen unternommen hatte, ihm einen Posten als zweitrangiger Vertreter in der Gesellschaft zu besorgen. Da er keinen Groschen besa€, war er gezwungen, das als Mittel f‚r seinen Lebensunterhalt anzunehmen, sobald ihm klar wurde, dass er aus seinen Verwandten nichts mehr herauspressen konnte. Ebenso wie Kayerts sehnte er sich nach seinem alten Leben zur‚ck. Er sehnte sich nach dem Klirren des Sƒbels und der Sporen an einem h‚bschen Nachmittag, nach den Witzeleien in den Kasernenstuben, nach den Mƒdels der Garnisonstƒdte; aber daneben empfand er auch einen Groll. Er war offensichtlich ein Mensch, der sehr schlecht behandelt wurde. Das machte ihn bisweilen launisch. Doch die zwei Mƒnner kamen in der Gemeinschaft ihrer Dummheit und Faulheit gut miteinander aus. Beide zusammen taten sie nichts, absolut nichts, und genossen das Gef‚hl der Faulheit, f‚r die sie sogar bezahlt wurden. Mit der Zeit gelangten sie zu einer Empfindung, die einer gegenseitigen Zuneigung ƒhnelte. 5 Sie lebten wie Blinde in einem riesigen Raum, waren sich nur dessen bewusst, womit sie in Ber‚hrung kamen (und auch nur unvollkommen), waren aber unfƒhig, die umfassende Erscheinung der Dinge zu sehen. Der Strom, der Wald, das ganze weite Land mit seinem pulsierenden Leben waren wie eine gro€e Leere. Selbst die strahlende Sonne enth‚llte nichts Erkennbares. Die Dinge erschienen und verschwanden vor ihren Augen in einer unverbundenen und ziellosen Art und Weise. Der Fluss schien von nirgendwo zu kommen und nirgendwohin zu flie€en. Er floss durch eine Leere. Aus dieser Leere kamen manchmal Boote, und Mƒnner mit Speeren in den Hƒnden f‚llten den Hof der Niederlassung. Sie waren nackt, schwarzglƒnzend, geschm‚ckt mit schneewei€en Muscheln und blinkendem Kupferdraht, von vollkommenem K•rperbau. Sie machten einen wilden, plappernden Lƒrm, wenn sie sprachen, bewegten sich auf w‚rdevolle Art und warfen rasche, wilde Blicke aus ihren aufgeschreckten, ruhelosen Augen. Diese Krieger pflegten in langen Reihen, vier oder mehr hintereinander, vor der Veranda zu hocken, wƒhrend ihre Hƒuptlinge stundenlang mit Makola um einen Elefantensto€zahn feilschten. Kayerts sa€ auf seinem Stuhl, sah hinunter auf die Verhandlungen und verstand nichts. Er starrte mit seinen runden, blauen Augen auf sie und rief zu Carlier: „Da, schau! Sieh dir den Kerl da an - und den ƒndern dort, links. Hast du je so ein Gesicht gesehen? Was f‚r ein komisches Vieh!" Carlier, der in einer kurzen Holzpfeife einheimischen Tabak rauchte, stolzierte auf und ab, zwirbelte seinen Schnurrbart, ‚berblickte die Krieger mit hochm‚tiger Herablassung und sagte dann gew•hnlich: „H‚bsche Tiere. Bein gebracht? Ja? Ist auch schon Zeit. Schau mal die Muskeln von dem Kerl da an - der drittletzte. Hƒtte gar keine Lust, von dem einen Hieb auf die Nase zu bekommen. Prƒchtige Arme, aber die Beine vom Knie abwƒrts sind nichts wert. K•nnte keinen Kavalleristen aus ihm machen." Und nachdem er gefƒllig auf seine Reiterschenkel hinuntergesehen hatte, schloss er immer mit den Worten: „Pfui! Stinken die aber! He, Makola! Treib die Herde hin‚ber zum Fetisch!" (Als Fetisch wurde in jeder Station der Lagerraum bezeichnet, vielleicht wegen des Geistes der Kultur, der ihm innewohnte) „und gib ihnen irgendwas von dem Plunder, den du dort aufhebst. Ich m•chte ihn lieber voll Elfenbein als voller Lumpen sehen." Kayerts stimmte zu. „Ja, ja! Gehen Sie und machen Sie mit dem Palaver dort dr‚ben Schluss, Mr. Makola. Wenn Sie fertig sind, komme ich vorbei, um den Sto€zahn zu wiegen. Wir m‚ssen vorsichtig sein." Dann wandte er sich an seinen Gefƒhrten: „Das ist der Stamm, der unten am Fluss lebt; sie riechen ziemlich stark. Ich erinnere mich, dass sie schon fr‚her einmal hier waren. H•rst du den Krach? Was ein Mensch in diesem Hundeland mitmachen muss! Mir zerspringt der Schƒdel." Solche eintrƒglichen Besuche gab es selten. Tagelang blickten die beiden Pioniere des Handels und Fortschritts auf ihren leeren Hof im flimmernden Glanz der senkrechten Sonne. Unterhalb des hohen Ufers floss der stille Fluss glitzernd und stetig dahin. Auf den Sandbƒnken inmitten des Stroms sonnten sich Flusspferde und Alligatoren nebeneinander. Und nach allen Richtungen 6 erstreckten sich unermessliche Wƒlder, die den bedeutungslosen, gerodeten Flecken des Handelspostens umgaben, lagen Wƒlder im beredten Schweigen stummer Gr•€e und verbargen die schicksalhaften Verwicklungen eines unwirklichen Lebens. Die beiden Mƒnner begriffen nichts, k‚mmerten sich um nichts als um das Verstreichen der Tage, die sie von der R‚ckkehr des Dampfers trennten. Ihr Vorgƒnger hatte einige zerrissene B‚cher hinterlassen. Sie nahmen diese Wracks von Romanen zur Hand, und da sie vorher nie etwas Derartiges gelesen hatten, waren sie erstaunt und belustigt. Wƒhrend vieler Tage hatten sie dann endlose und d‚mmliche Gesprƒche ‚ber Handlungen und Personen. In der Mitte von Afrika schl•ssen sie Bekanntschaft mit Richelieu und d'Artagnan, mit Falkenauge und Vater Goriot und mit vielen anderen. All diese erfundenen Figuren wurden Gegenstand ihres Geschwƒtzes, als ob sie lebende Freunde wƒren. Sie stellten ihre Tugenden in Frage, beargw•hnten ihre Beweggr‚nde, schmƒlerten ihre Erfolge; sie waren entsetzt ‚ber ihre Falschheit oder im Zweifel ‚ber ihren Mut. Die Berichte ‚ber Verbrechen erf‚llten sie mit Entr‚stung, wƒhrend zƒrtliche oder leidenschaftliche Abschnitte sie tief ber‚hrten. Carlier rƒusperte sich und sagte in soldatischem Ton: „Was f‚r ein Unsinn!" Kayerts, dessen runde Augen von Trƒnen unterlaufen waren und dessen fette Wangen bebten, rieb sich den kahlen Kopf und erklƒrte: „Das ist ein prachtvolles Buch. Ich hatte keine Ahnung, dass es solch schlaue Burschen auf der Welt gibt." Sie fanden auch einige alte Ausgaben einer heimatlichen Zeitung. Diese Presse er•rterte das, was sie gefƒllig als „unsere koloniale Expansion" benannte, in hochtrabender Sprache. Das Blatt schrieb viel ‚ber die Rechte und Pflichten der Zivilisation, ‚ber die Ehrw‚rdigkeit zivilisatorischer Arbeit, und es pries die Verdienste derer, die sich daran machten, Licht, Glauben und Handel in die dunklen Orte der Erde zu bringen. Carlier und Kayerts lasen das, staunten und begannen, besser von sich zu denken. Eines Abends sagte Carlier, indem er' seine Hand umherschwenkte: „In hundert Jahren wird vielleicht hier eine Stadt stehen. Kais, Lagerhƒuser, Kasernen, und - und Billardzimmer. Zivilisation, mein Junge, und Tugend - und das alles. Und die jungen Burschen werden lesen, dass zwei t‚chtige Kerle, Kayerts und Carlier, die ersten zivilisierten Mƒnner waren, die genau auf diesem Platz lebten!" Kayerts nickte: „Ja, es ist ein Trost, an das zu denken." Sie schienen ihren toten Vorgƒnger zu vergessen; aber eines Tages ging Carlier zeitig hinaus und setzte das Kreuz wieder fest ein. „Es hat mich immer zum Schielen gebracht, wenn ich dort vorbeiging", erklƒrte er Kayerts beim Morgenkaffee. „Es verdrehte mir immer die Augen, wie es da so schief stand. So hab ich es eben aufgerichtet. Und sehr fest, das schw•re ich dir! Ich hab mich mit beiden Hƒnden auf den Querbalken gehƒngt. Keine Bewegung mehr. Oh, das hab ich ordentlich gemacht." Manchmal besuchte Gobila sie. Gobila war der Hƒuptling der Nachbard•rfer. Er war ein grauhƒuptiger Wilder, hager und schwarz, mit einem wei€en Tuch um die Lenden und einem schƒbigen Pantherfell, das ihm ‚ber den R‚cken hing. Er kam mit langen Schritten seiner skelettd‚rren Beine herauf, wobei er einen Stab schwang, der so lang war wie er selbst, und nachdem er den Gemeinschaftsraum des Postens betreten hatte, pflegte er sich links vom Ein- 7 gang auf die Fersen zu hocken. Dort sa€ er, beobachtete Kayerts und hielt dann und wann eine Rede, die der andere nicht verstand. Ohne seine Beschƒftigung zu unterbrechen, sagte Kayerts von Zeit zu Zeit auf freundliche Art: „Wie geht's, altes G•tzenbild?", und sie lƒchelten einander zu. Die zwei Wei€en hatten eine Zuneigung zu diesem alten, unbegreiflichen Gesch•pf und nannten es Vater Gobila. Gobilas Art war in der Tat vƒterlich, und er schien wirklich alle wei€en Mƒnner sehr zu m•gen. Sie schienen ihm alle sehr jung, u.umterscheidbar gleich (au€er nach dem Wuchs), und er wusste, dass sie alle Br‚der und auch unsterblich waren. Der Tod des K‚nstlers, des ersten Wei€en, den er nƒher kannte, ersch‚tterte diesen Glauben nicht, denn er war fest ‚berzeugt, dass der wei€e Fremde sein Sterben nur vorgetƒuscht hatte und sich zu irgendeinem geheimnisvollen eigenen Zweck hatte begraben lassen, den zu erforschen sinnlos war. Vielleicht war das seine Art, in sein eigenes Land heimzugehen? Jedenfalls waren das seine Br‚der, und Gobila ‚bertrug seine unsinnige Zuneigung auf sie. Und diese erwiderten sie ihm auf ihre Weise. Carlier schlug ihm auf den R‚cken und strich sorglos Z‚ndh•lzer zu seiner Belustigung ab. Kayerts war immer bereit, ihn an der Ammoniakflasche schn‚ffeln zu lassen. Kurz, sie benahmen sich just wie jenes andere wei€e Gesch•pf, das sich in einem Erdloch versteckt hatte. Gobila betrachtete sie aufmerksam. Vielleicht waren sie dasselbe Wesen wie der andere - oder einer von ihnen war es. Er konnte dieses Geheimnis nicht entscheiden oder aufklƒren; aber er blieb immer sehr freundlich. Als Folge dieser Freundschaft kamen die Frauen aus Gobilas Dorf jeden Morgen im Gƒnsemarsch durch das Schilfgras und brachten Gefl‚gel, s‚€e Kartoffeln, Palmwein und manchmal eine Ziege. Die Handelsgesellschaft versorgt die Posten nie ausreichend mit Lebensmitteln, und die Vertreter ben•tigten diese •rtlichen Vorrƒte zum Leben. Sie hatten sie durch Gobilas guten Willen und sie lebten gut davon. Ab und zu hatte einer von ihnen einen Fieberanfall, und der andere pflegte ihn mit sanfter Hingabe. Sie dachten sich nicht viel dabei. Es machte sie schwƒcher, und ihr Aussehen verschlechterte sich. Carlier war hohlƒugig und reizbar. Kayerts zeigte ein langgezogenes, schlaffes Gesicht ‚ber seinem runden Bauch, was ihm einen seltsamen Anblick verlieh. Doch da sie andauernd beisammen waren, bemerkten sie die Verƒnderung nicht, die allmƒhlich in ihrer ƒu€eren Erscheinung und auch in ihrem Wesen stattfand. F‚nf Monate verstrichen auf diese Weise. Dann, als Kayerts und Carlier eines Morgens in ihren St‚hlen auf der Veranda faulenzten und ‚ber die baldige Ankunft des Dampfers plauderten, kam ein Trupp bewaffneter Mƒnner aus dem Wald und r‚ckte zum Posten vor. Es waren Fremde in diesem Teil des Landes. Sie waren gro€, schlank, vom Hals bis zur Sohle auf klassische Art in blaue, gefranste T‚cher geh‚llt, und trugen Z‚ndflinten auf der blo€en rechten Schulter. Makola zeigte Anzeichen von Erregtheit und rannte aus dem Lagerhaus (wo er alle Tage verbrachte), um diese Besucher zu treffen. Sie kamen in den Hof und sahen mit festen und verƒchtlichen Blicken umher. Ihr F‚hrer, ein mƒchtiger, entschlossen dreinschauender Neger mit blutunterlaufenen Augen, stand vor der Veranda und hielt eine lange Rede. Er gestikulierte viel und h•rte sehr pl•tzlich auf. 8 In seiner Sprechweise, in den T•nen seiner langen Sƒtze lag etwas, das die zwei Wei€en beunruhigte. Es war wie eine Erinnerung an etwas nicht genau Vertrautes, und doch ƒhnelte es der Redeweise zivilisierter Menschen. Es klang wie eine dieser unm•glichen Sprachen, die wir bisweilen in unseren Trƒumen vernehmen. „Was f‚r ein Kauderwelsch ist das?" fragte der verbl‚ffte Carlier. „Zuerst dachte ich, dass der Kerl Franz•sisch sprechen wollte. Jedenfalls ist es eine andere Art Geschwafel, als wir es je geh•rt haben." „Ja", antwortete Kayerts. „He, Makola, was sagt er? Woher kommen sie? Wer sind sie?" Aber Makola, der auf hei€en Ziegeln zu stehen schien, antwortete schnell: „Ich wei€ nicht. Sie kommen von sehr weit. Vielleicht versteht Mrs. Price sie. Vielleicht sind es schlechte Menschen." Der Anf‚hrer wartete eine Weile und sagte dann etwas Barsches zu Makola, worauf dieser den Kopf sch‚ttelte. Dann schaute der Mann umher, bemerkte Makolas H‚tte und ging hin‚ber. Gleich danach h•rte man Mrs. Makola mit einem gro€en Wortschwall sprechen. Die anderen Fremdlinge - es waren insgesamt sechs - schlenderten unbek‚mmert herum, steckten ihre K•pfe durch die T‚r des Lagerraums, umringten das Grab, zeigten verstƒndig auf das Kreuz und benahmen sich insgesamt wie zuhause. „Die Burschen gefallen mir nicht - und ich sag dir, Kayerts, die m‚ssen von der K‚ste sein, sie haben ja Feuerwaffen", beobachtete der scharfsinnige Carlier. Auch Kayerts mochte diese Burschen nicht. Beide wurden sie sich zum ersten Mal bewusst, dass sie unter Bedingungen lebten, wo das Ungew•hnliche gefƒhrlich sein kann, und dass es keine Macht auf Erden au€erhalb von ihnen selbst gab, die zwischen ihnen und dem Ungew•hnlichen stand. Sie f‚hlten Unbehagen, gingen hinein und luden ihre Revolver. Kayerts sagte: „Wir m‚ssen Makola befehlen, ihnen zu sagen, dass sie vor der Dunkelheit verschwinden sollen." Die Fremden zogen am Nachmittag ab, nachdem sie ein Mahl gegessen hatten, das von Mrs. Makola f‚r sie zubereitet worden war. Die umfangreiche Frau war aufgeregt und redete viel mit den Besuchern. Sie plapperte in schrillen T•nen und zeigte hier und dort auf die Wƒlder und den Fluss. Makola sa€ abseits und beobachtete. Zeitweilig stand er auf und fl‚sterte auf seine Frau ein. Er begleitete die Fremden ‚ber die Schlucht hinter dem Stationsgelƒnde und kehrte langsam mit sehr nachdenklicher Miene zur‚ck. Von den Wei€en befragt, benahm er sich sehr seltsam, schien nicht zu verstehen, schien sein Franz•sisch vergessen zu haben - schien ‚berhaupt zu sprechen verlernt zu haben. Kayerts und Carlier waren sich einig, dass der Nigger zuviel Palmwein getrunken habe. Sie sprachen dar‚ber, abwechselnd Wache zu halten, aber am Abend schien alles so ruhig und friedlich, dass sie sich wie ‚blich schlafen legten. Die ganze Nacht wurden sie von krƒftigem Trommeln aus den D•rfern gest•rt. Einem tiefen, schnellen Rollen in der Nƒhe folgte immer ein anderes aus der Ferne - dann verstummte alles. Bald rasselten kurze Aufrufe hier und dort, dann vermischten sich alle miteinander, wuchsen an, wurden krƒftig und anhaltend, breiteten sich ‚ber den Wald aus, rollten durch die Nacht, ungebro- 9 chen und unaufh•rlich, nah und fern, als wƒre das ganze Land eine einzige ungeheure Trommel, die stetig ein Dr•hnen zum Himmel sandte. Und durch den tiefen und gewaltigen Lƒrm pl•tzlich ein Gellen, das den Gesangsfetzen aus einem Irrenhaus ƒhnlich war, die schrill und hoch in misst•nenden St•€en aufsch•ssen, die hoch ‚ber der Erde dahinzujagen und allen Frieden unter den Sternen zu vertreiben schienen. Carlier und Kayerts schliefen schlecht. Beide meinten sie, wƒhrend der Nacht Sch‚sse feuern geh•rt zu haben – aber sie konnten sich hinsichtlich der Richtung nicht einigen. Am Morgen war Makola irgendwohin aufgebrochen. Er kam am Mittag mit einem der Fremden vom Vortag zur‚ck und wich allen Versuchen Kayerts' aus, an ihn heranzukommen: war anscheinend taub geworden. Kayerts war erstaunt. Carlier, der am Ufer fischen gewesen war, kam zur‚ck und bemerkte, indem er seinen Fang zeigte: „Die Nigger sind, so scheint's, in heller Aufregung; ich m•chte wissen, was los ist. Ich hab ungefƒhr f‚nfzehn Boote den Fluss ‚berqueren gesehen in den zwei Stunden, die ich geangelt hab." Kayerts fragte besorgt: „Ist dieser Makola nicht heute sehr sonderbar?" Carlier riet: „Halte alle unsere Mƒnner zusammen f‚r den Fall, dass es …rger gibt." 10 II Zehn Mƒnner waren vom Direktor auf dem Posten zur‚ckgelassen worden. Diese Kerle hatten sich der Handelsgesellschaft f‚r sechs Monate verdingt (- sie hatten keine Vorstellung von einem Monat im Besonderen und ‚berhaupt nur eine sehr schwache Ahnung von Zeit -) und sie hatten der Sache des Fortschritts schon ‚ber zwei Jahre gedient. Da sie zu einem Stamm aus einem sehr weit entfernten Teil des Landes der Dunkelheit und des Kummers geh•rten, liefen sie nicht davon, denn sie nahmen nat‚rlich an, dass sie als wandernde Fremdlinge von den Bewohnern des Landes umgebracht w‚rden; darin hatten sie recht. Sie lebten in Strohh‚tten am Hang einer Schlucht, der mit Schilfgras ‚berwachsen war, gleich hinter den Gebƒuden des St‚tzpunkts. Sie waren nicht gl‚cklich, da sie die Festgesƒnge, die Zaubereien, die Menschenopfer ihres Landes vermissten; dort hatten sie auch ihre Eltern, Br‚der, Schwestern, bewunderten Hƒuptlinge, verehrten Zauberer, geliebten Freunde und andere Bande, die allgemein als die menschlichen gelten. Au€erdem waren ihnen die von der Gesellschaft ausgeteilten Reisrationen nicht zutrƒglich, da das eine ihrem Land unbekannte Nahrung war, an die sie sich nicht gew•hnen konnten. Infolgedessen waren sie krƒnklich und f‚hlten sich elend. Wƒren sie aus einem anderen Stamm gewesen, so hƒtten sie sich entschlossen zu sterben - denn nichts ist leichter f‚r manche Wilde, als Selbstmord zu ver‚ben - und so den unverstƒndlichen Schwierigkeiten des Daseins zu entrinnen. Doch da sie zu einem kriegerischen Stamm mit zugespitzten Zƒhnen geh•rten, hatten sie mehr Schneid und lebten dumpf in Krankheit und Kummer weiter. Sie arbeiteten sehr wenig und hatten ihren gro€artigen K•rperbau verloren. Kayerts und Carlier dokterten flei€ig an ihnen herum, ohne sie wieder in guten Zustand bringen zu k•nnen. Sie wurden jeden Morgen gemustert und f‚r verschiedene Aufgaben abkommandiert - Gras mƒhen, Zƒune bauen, Bƒume fƒllen usw. usf., lauter Arbeiten, zu deren wirkungsvoller Ausf‚hrung keine Macht der Welt sie verleiten konnte. Die beiden Wei€en hatten praktisch sehr wenig Kontrolle ‚ber sie. Am Nachmittag kam Makola her‚ber zum gro€en Haus und traf Kayerts, wie er drei schwere Rauchsƒulen ‚ber den Wƒldern aufsteigen sah. „Was ist das?" fragte Kayerts. „Einige D•rfer brennen", antwortete Makola, der scheinbar seinen Verstand wiedergewonnen hatte. Dann sagte er pl•tzlich: „Wir haben sehr wenig Elfenbein; schlechter Handel f‚r sechs Monate. M•chten Sie ein wenig mehr Elfenbein?" „Ja", sagte Kayerts begierig. Er dachte an die Prozente, die niedrig waren. „Diese Mƒnner, die gestern kamen, sind Hƒndler von Loanda, die mehr Elfenbein haben, als sie nach Hause tragen k•nnen. Soll ich kaufen? Ich kenne ihr Lager." „Gewiss", sagte Kayerts. „Was f‚r Hƒndler sind das?" „Schlechte Kerle", sagte Makola gleichg‚ltig. „Sie kƒmpfen mit Menschen und fangen Frauen und Kinder. Das sind schlechte Menschen, und haben Gewehre. Da ist gro€e Unruhe im Land. Wollen Sie Elfenbein?" 11 „Ja", sagte Kayerts. Makola sagte eine Zeit lang nichts. Dann: „Unsere Arbeiter sind •berhaupt nicht gut", murmelte er und blickte umher. „Station in sehr schlechtem Zustand, Sir. Direktor wird schimpfen. Besser beschaffen h•bschen Haufen Elfenbein. Dann er nichts sagen." „Ich kann nichts dagegen machen; die M‚nner wollen nicht arbeiten", sagte Kayerts. „Wann werden Sie dieses Elfenbein bekommen?" „Sehr bald", sagte Makola. „Vielleicht heute Abend. Sie •berlassen das mir und bleiben drinnen, Sir. Ich glaube, Sie sollten lieber unseren Leuten etwas Palmwein geben, um heute Abend einen Tanz zu veranstalten. Sich am•sieren. Morgen besser arbeiten. Wir haben Menge Palmwein - ein wenig sauer geworden." Kayerts sagte ja, und Makola trug eigenh‚ndig groƒe K•rbisflaschen vor die T•r seiner H•tte. Dort standen sie bis zum Abend, und Mrs. Makola schaute in jede hinein. Die M‚nner erhielten sie bei Sonnenuntergang. Als Kayerts und Carlier zu Bett gingen, flackerte ein groƒes Freudenfeuer vor den H•tten der Leute. Sie h„rten ihr Schreien und Trommeln. Einige M‚nner aus Gobilas Dorf hatten sich den Arbeitern der Niederlassung angeschlossen, und die Unterhaltung war ein groƒer Erfolg. Mitten in der Nacht wachte Carlier pl„tzlich auf und h„rte einen Mann laut schreien; dann wurde ein Schuss abgefeuert. Nur einer. Carlier lief hinaus und traf Kayerts auf der Veranda. Sie waren beide best•rzt. Als sie •ber den Hof gingen, um Makola zu rufen, sahen sie Schatten durch die Nacht huschen. Einer von ihnen rief: „Nicht schieƒen. Ich bin's, Price." Dann erschien Makola in ihrer N‚he. „Gehen Sie zur•ck, gehen Sie zur•ck, bitte", dr‚ngte er, „Sie verderben alles." „Da sind fremde Leute in der N‚he", sagte Carlier. „Das macht nichts; ich weiƒ", sagte Makola. Dann fl•sterte er: „Alles in Ordnung. Bringen Elfenbein. Sagen Sie nichts. Ich verstehe mein Gesch‚ft." Die beiden Weiƒen gingen widerstrebend ins Haus zur•ck, konnten aber nicht mehr schlafen. Sie h„rten Schritte, Fl•stern, St„hnen. Viele M‚nner schienen hereinzukommen, schwere Dinge auf den Boden zu werfen, l‚ngere Zeit zu plappern und dann wieder zu gehen. Die beiden lagen auf ihren harten Betten und dachten: „Dieser Makola ist unsch‚tzbar." Am Morgen kam Carlier sehr schl‚frig heraus und zog die Schnur der groƒen Glocke. Die Arbeiter der Station traten jeden Morgen beim Klang der Glocke an. An diesem Morgen kam niemand. Kayerts tauchte ebenfalls g‚hnend auf. Auf der anderen Seite des Hofes sahen sie Makola aus seiner H•tte kommen, eine Zinnsch•ssel mit seifigem Wasser in der Hand. Makola, ein zivilisierter Neger, war sehr reinlich in seinem …uƒeren. Er sch•ttete die Seifenlauge geschickt •ber einen armen, kleinen, gelben K„ter, den er sich hielt, dann drehte er das Gesicht zum Haus des Vertreters und rief aus der Entfernung: „Alle M‚nner vergangene Nacht verschwunden!" Sie h„rten ihn deutlich, aber in ihrer †berraschung schrieen sie beide zugleich gellend aus: „Was!" Dann starrten sie sich an. „Da stecken wir jetzt ordentlich in der Klemme", brummte Carlier. „Es ist unglaublich", murmelte Kayerts. „Ich gehe zu den H•tten und schaue nach", sagte Carlier und schritt davon. Als Makola heraufkam, fand er Kayerts allein. 12 „Ich kann es kaum glauben", sagte Kayerts weinerlich. „Wir haben uns um sie gek•mmert, als w‚ren sie unsere Kinder gewesen." „Sie sind mit den Leuten von der K•ste mitgegangen", erkl‚rte Makola nach kurzem Z„gern. „Was schert es mich, mit wem sie gegangen sind - die undankbaren Wilden", rief der andere aus. Dann hatte er pl„tzlich einen Verdacht, und indem er Makola scharf anblickte, f•gte er hinzu: „Was wissen Sie dar•ber?" Makola zuckte die Achseln und schaute zu Boden. „Was ich weiƒ? Ich meine nur. Wollen Sie mitkommen und das Elfenbein besichtigen, das ich dort habe? Es ist eine h•bsche Menge. Soviel haben Sie noch nie gesehen." Er ging zum Lagerhaus. Kayerts folgte ihm mechanisch, er dachte noch an die unglaubliche Desertion der M‚nner. Auf der Erde vor der Fetischt•r lagen sechs pr‚chtige Stoƒz‚hne. „Was haben Sie daf•r hergegeben", fragte Kayerts, nachdem er die Menge mit Befriedigung begutachtet hatte. „Kein gew„hnlicher Handel", sagte Makola. „Sie brachten das Elfenbein und •bergaben es mir. Ich sagte ihnen, sie sollten sich nehmen, was sie in der Station am meisten w•nschten. Es ist eine sch„ne Menge. Kein Posten kann solche Stoƒz‚hne aufweisen. Diese H‚ndler wollten dringend Tr‚ger, und unsere Leute hier waren zu nichts gut. Kein Handel, kein Eintrag in B•cher; alles korrekt." Kayerts platzte fast vor Entr•stung. „Das ist die H„he!" rief er aus. „Das heiƒt wohl, Sie haben unsere Leute f•r diese Stoƒz‚hne verkauft!" Makola stand unger•hrt und still da. „Ich - ich - werde - ich", stotterte Kayerts. „Sie Teufel!", schrie er gellend. „Ich habe f•r Sie und die Handelsgesellschaft das Beste getan", sagte Makola unbeeindruckt. „Warum schreien so laut? Schauen Sie diesen Stoƒzahn." „Ich entlasse Sie! Ich werde Sie melden - ich werde die Stoƒz‚hne nicht anschauen. Ich verbiete Ihnen, sie anzur•hren. Ich befehle Ihnen, sie in den Fluss zu werfen. Sie - Sie!" „Sie sehr rot, Mr. Kayerts. Wenn Sie in der Sonne so reizbar sind, werden Sie Fieber bekommen und sterben - wie der erste Chef, erkl‚rte Makola mit Nachdruck. Sie standen reglos, musterten einander eindringlich, als ob sie angestrengt in ungeheure Entfernungen blickten. Kayerts erschauerte. Makola hatte nicht mehr gemeint, als er gesagt hatte, aber seine Worte schienen Kayerts erf•llt von unheilvoller Drohung. Er drehte sich schnell um und ging weg zum Haus. Makola kehrte in den Schoƒ seiner Familie zur•ck; und die vor dem Lagerhaus liegen gelassenen Stoƒz‚hne sahen sehr gewaltig und wertvoll im Sonnenlicht aus. Carlier kam zur•ck auf die Veranda. „Sie sind alle weg, nicht?" fragte Kayerts vom anderen Ende des Gemeinschaftsraumes mit ged‚mpfter Stimme. „Sie haben keinen angetroffen?" „O, doch", sagte Carlier, „ich habe einen von Gobilas Leuten gefunden, er liegt tot vor den H•tten - der K„rper durchschossen. Wir haben diesen Schuss vorige Nacht geh„rt." 13 Kayerts lief schnell hinaus. Er fand seinen Gefƒhrten, wie er ‚ber den Hof hin grimmig auf die Sto€zƒhne beim Lager starrte. Beide sa€en sie eine Zeit lang schweigend da. Dann berichtete Kayerts von seinem Gesprƒch mit Makola. Carlier schwieg. Zu Mittag a€en sie sehr wenig. Den ganzen Tag wechselten sie kaum ein Wort. Ein gro€es Schweigen schien schwer ‚ber der Niederlassung zu lasten und ihre Lippen zusammenzupressen. Makola •ffnete das Lager nicht, er verbrachte den Tag im Spiel mit seinen Kindern. Er lag ausgestreckt auf einer Matte vor seiner T‚r, und die Kleinen sa€en auf seiner Brust und kletterten ‚ber ihn. Es war ein r‚hrendes Bild. Mrs. Makola war wie ‚blich ganzen Tag mit dem Kochen beschƒftigt. Die zwei Wei€en a€en am Abend etwas mehr. Carlier spazierte pfeiferauchend hin‚ber zum Lagerhaus; er stand lange bei den Sto€zƒhnen, tippte einen oder zwei mit dem Fu€ an, versuchte sogar den gr•€ten am schmƒleren Ende zu heben. Dann ging er zu seinem Chef zur‚ck, der sich nicht von der Veranda ger‚hrt hatte, warf sich in den Stuhl und sagte: „Mir ist alles klar! Man hat sich auf sie gest‚rzt, wƒhrend sie tief geschlafen haben, nachdem sie den vielen Palmwein getrunken hatten, den Makola ihnen mit deiner Erlaubnis gegeben hat. Eine abgekartete Sache! Verstehst du? Das Schlimmste ist, dass ein paar von Gobilas Mƒnnern dort waren, die zweifellos auch fortgeschleppt wurden. Der am wenigsten Besoffene wachte auf und wurde f‚r seine N‚chternheit erschossen. Das ist ein komisches Land. Was willst du jetzt tun?" „Wir k•nnen es nat‚rlich nicht anr‚hren", sagte Kayerts. „Nat‚rlich nicht", stimmte Carlier zu. „Sklaverei ist etwas Schreckliches", stammelte Kayerts unsicher. „F‚rchterlich - dieses Leiden", grunzte Carlier mit †berzeugung. Sie glaubten an ihre Worte. Jeder zeigt Achtung und Ehrerbietung vor gewissen Bemerkungen, die er und seine Freunde ƒu€ern. Aber ‚ber Gef‚hle wissen die Menschen in Wirklichkeit nichts. Wir sprechen entr‚stet oder begeistert; wir sprechen ‚ber Unterdr‚ckung, Grausamkeit, Verbrechen, Hingabe, Aufopferung, Tugend, und wir wissen nichts Wirkliches ‚ber die Worte hinaus. Niemand wei€, was Leiden oder Entbehrung bedeuten - ausgenommen vielleicht die Opfer des geheimnisvollen Sinns dieser Vorspiegelungen. Am nƒchsten Morgen sahen sie Makola im Hof sehr geschƒftig die gro€e Waage zum Wiegen des Elfenbeins aufstellen. Bedƒchtig sagte Carlier: „Was hat der dreckige Schuft vor?" und schlenderte hinaus. Kayerts folgte. Sie standen da und schauten zu. Makola beachtete sie nicht. Als die Waagschalen im Gleichgewicht waren, versuchte er einen Sto€zahn in die Schale zu heben, aber dieser war zu schwer. Er sah hilflos ohne ein Wort auf, und eine Minute lang umringten sie diese Waage so stumm und still wie drei Statuen. Auf einmal sagte Carlier: „Packen Sie das andere Ende, Makola, Sie Vieh!", und gemeinsam schwangen sie den Zahn hoch. Kayerts zitterte an allen Gliedern. Er murmelte: „Ich muss schon sagen!", und in seine Tasche greifend, fand er darin ein schmutziges St‚ck Papier und einen Bleistiftstummel. Er kehrte den anderen den R‚cken, als ob er irgendetwas Durchtriebenes machen wollte, und notierte verstohlen das jeweilige Gewicht, das Carlier ihm mit unn•tiger Lautstƒrke zurief. Nachdem alles vorbei war, fl‚sterte Makola zu sich selbst: „Die 14 Sonne ist sehr heiƒ hier f•r das Elfenbein." Carlier sagte l‚ssig zu Kayerts: „Ich meine, Chef, ich k„nnte ihm ja genauso gut zur Hand gehen beim Hineinschaffen ins Lagerhaus." Als sie zum Haus zur•ckgingen, bemerkte Kayerts mit einem Seufzer: „Es musste gemacht werden." Und Carlier sagte: „Es ist bedauerlich, aber da die M‚nner M‚nner der Gesellschaft waren, ist das Elfenbein Elfenbein der Gesellschaft. Wir m•ssen uns darum k•mmern." „Ich werde nat•rlich dem Direktor Meldung erstatten", sagte Kayerts. „Nat•rlich; soll er entscheiden", stimmte Carlier zu. Zu Mittag aƒen sie herzhaft. Kayerts seufzte von Zeit zu Zeit. Sooft sie Makolas Namen erw‚hnten, fugten sie ihm immer ein Schimpfwort bei. Das beruhigte ihr Gewissen. Makola genehmigte sich einen halben Urlaubstag und badete seine Kinder im Fluss. Niemand aus Gobilas D„rfern kam an diesem Tag in die N‚he der Station. Niemand kam am n‚chsten oder •bern‚chsten Tag, ebensowenig die ganze Woche. Man h‚tte denken k„nnen, dass Gobilas Leute tot und begraben w‚ren, so sehr fehlte jedes Lebenszeichen von ihnen. Doch sie trauerten nur um diejenigen, die sie durch die Hexerei von Weiƒen verloren hatten, die b„se Menschen in ihr Land gebracht hatten. Die b„sen M‚nner waren weg, ' aber die Angst blieb. Immer bleibt die Angst. Der Mensch kann alles in sich vernichten, Liebe und Hass und Glauben und sogar Zweifel; aber solange er sich an das Leben klammert, kann er die Angst nicht zerst„ren, die feine, unzerst„rbare, schreckliche Angst, die sein Wesen durchdringt, sein Denken f‚rbt, in seinem Herzen lauert, die auf seinen Lippen den Kampf des letzten Atemzugs verfolgt. Aus Angst brachte der sanfte alte Gobila allen B„sen Geistern, die von seinen weiƒen Freunden Besitz ergriffen hatten, neue Menschenopfer. Sein Herz war schwer. Einige Krieger sprachen vom Brennen und Morden, aber der vorsichtige alte Wilde redete es ihnen aus. Wer konnte das Leid vorhersehen, das diese geheimnisvollen Gesch„pfe, wenn sie gereizt w•rden, bringen konnten? Man sollte sie in Ruhe lassen. Vielleicht w•rden sie mit der Zeit in die Erde verschwinden, wie der erste verschwunden war. Seine Leute mussten sich von ihnen fernhalten und das Beste hoffen. Kayerts und Carlier verschwanden nicht, sondern blieben auf dieser Erde, die, so schien es ihnen, irgendwie gr„ƒer und sehr leer geworden war. Es war nicht die vollkommene und dumpfe ‡dnis des Postens, was sie am meisten bedr•ckte, sondern das unausgesprochene Gef•hl, dass irgendetwas in ihrem Inneren fort war, etwas, das f•r ihre Sicherheit funktionierte und die Wildnis davon abgehalten hatte, auf ihre Herzen st„rend einzuwirken. Die Bilder von der Heimat, die Erinnerung an Menschen ihresgleichen, an M‚nner, die dachten und f•hlten, wie sie selbst 201 denken und zu f•hlen gewohnt waren, verfl•chtigten sich in Entfernungen, die durch das Gleiƒen des wolkenlosen Sonnenlichts undeutlich wurden. Und aus der groƒen Stille der sie umgebenden Wildnis schien die Hoffnungslosigkeit und Unzivilisiertheit immer n‚her an sie heranzur•cken, sie sanft an sich zu ziehen, auf sie herabzuschauen und sie in eine unwiderstehliche, vertraute, ekelerregende Unruhe einzuh•llen. Die Tage dehnten sich zu Wochen, dann zu Monaten. Gobilas M‚nner trommelten und schrieen bei jedem Neumond wie eh und je, aber sie hielten sich von der Station fern. Makola und Carlier versuchten einmal von einem Boot aus die Verst‚ndigung wiederaufzunehmen, aber sie wurden von einem Ha- 15 gel von Pfeilen empfangen und mussten um ihres teuren Lebens willen zur Station fliehen. Dieser Versuch setzte die Gegend flussaufwƒrts und abwƒrts in helle Aufregung, die tagelang sehr deutlich zu vernehmen war. Der Dampfer verspƒtete sich. Zuerst sprachen sie von der Verz•gerung forsch, dann ƒngstlich, zuletzt d‚ster. Die Sache begann ernst zu werden. Die Vorrƒte gingen zu Ende. Carlier warf seine Angel vom Ufer aus, aber der Fluss f‚hrte wenig Wasser, und die Fische schwammen in der Str•mung drau€en. Die beiden wagten es nicht, sich zum Jagen weit von der Station zu entfernen. Au€erdem war kein Wild im undurchdringlichen Wald. Einmal schoss Carlier ein Nilpferd im Fluss. Doch sie hatten kein Boot zum Einholen, sodass es versank. Als es wieder auftauchte, trieb es davon, und Gobilas Mƒnner bemƒchtigten sich des Kadavers. Es war eine Gelegenheit f‚r ein Freudenfest, doch Carlier erlitt einen Wutanfall und sprach, dass es n•tig sei, alle Nigger auszurotten, bevor das Land bewohnbar gemacht werden k•nnte. Kayerts lungerte still herum und verbrachte Stunden damit, auf das Bild seiner Melie zu starren. Es zeigte ein kleines Mƒdchen mit langen blonden Z•pfen und einem eher m‚rrischen Gesicht. Kayerts' Beine waren stark geschwollen, er konnte kaum gehen. Carlier, vom Fieber geschwƒcht, konnte nicht mehr einherstolzieren, sondern torkelte herum, aber immer noch mit verwegener Haltung, wie es sich f‚r einen Mann ziemte, der sich seines schneidigen Regiments entsinnt. Er war heiser und sarkastisch geworden und neigte dazu, unliebsame Dinge zu sagen. Er nannte es „um ganz offen zu sein". Sie hatten sich seit langem ihre Prozente beim Handel ausgerechnet, einschlie€lich jenes letzten Anteils „durch diesen schƒndlichen Makola". Sie hatten auch beschlossen, nichts dar‚ber zu sagen. Kayerts z•gerte zuerst - er f‚rchtete den Direktor. „Der hat schlimmere Dinge gesehen, die stillschweigend gedreht wurden", behauptete Carlier mit heiserem Lachen. „Vertrau ihm! Er dankt es dir nicht, wenn du plauderst. Er ist um nichts besser als du oder ich. Wer sollte reden, wenn wir den Mund halten? Es ist niemand da." Das war die Wurzel des †bels! Niemand war da; und da sie in ihrer Schwƒche allein gelassen waren, wurden sie tƒglich mehr ein Duo von Komplizen als ein Paar treuer Freunde. Seit acht Monaten hatten sie nichts aus der Heimat geh•rt. Jeden Abend sagten sie: „Morgen sehen wir den Dampfer." Aber einer der Dampfer der Gesellschaft war ein Wrack geworden, und mit dem anderen war der Direktor damit beschƒftigt, sich um die weit entfernten und wichtigen Stationen auf dem Hauptfluss zu k‚mmern. Er dachte, dass die nutzlose Station und die nutzlosen Mƒnner warten konnten. Inzwischen lebten Kayerts und Carlier von salzlos gesottenem Reis und verfluchten die Gesellschaft, ganz Afrika und den Tag ihrer Geburt. Man muss von solcher Nahrung gelebt haben, um zu verstehen, was f‚r eine schreckliche Plage es werden kann, das Essen hinunterw‚rgen zu m‚ssen. Es gab buchstƒblich nichts mehr in der Niederlassung au€er Reis und Kaffee; sie tranken den Kaffee ohne Zucker. Die letzten f‚nfzehn W‚rfel hatte Kayerts feierlich in seiner Schachtel versperrt, zusammen mit einer halben Flasche Kognak, „f‚r den Fall der Krankheit", wie er erklƒrte. Carlier war derselben Meinung. „Wenn man krank ist", sagte er, „muntert einen jedes solche kleine Extra auf." 16 Sie warteten. †ppiges Gras begann ‚ber den Hof zu sprie€en. Die Glocke lƒutete jetzt nie. Die Tage vergingen, still, trƒge und zur Wut reizend. Wenn die beiden sprachen, knurrten sie w‚tend; und ihr Schweigen war bitter, als ob es von der Bitterkeit ihrer Gedanken get•nt sei. Eines Tages, nachdem sie zu Mittag gekochten Reis gegessen hatten, stellte Carlier seine Kaffeetasse ab, ohne gekostet zu haben, und sagte; „Verdammt noch mal! Lass uns endlich einmal eine anstƒndige Tasse Kaffee trinken. R‚ck diesen Zucker heraus, Kayerts!" „Geh•rt f‚r Kranke", murmelte Kayerts, ohne aufzublicken. „F‚r Kranke", ƒffte ihn Carlier nach. „Quatsch! . . . Also, ich bin krank." „Du bist nicht krƒnker als ich, und ich verzichte", sagte Kayerts in friedlichem Ton. „Los! Heraus mit dem Zucker, du geiziger alter Sklavenhƒndler." Kayerts blickte rasch auf. Carlier lƒchelte mit betonter Unverschƒmtheit. Und pl•tzlich schien es Kayerts, als habe er den Menschen noch nie gesehen. Wer war er? Er wusste nichts von ihm. Wozu war er fƒhig? Ein ‚berraschender Blitz gewaltbereiter Erregung zuckte in ihm, so als wƒre da auf einmal etwas Ungeahntes, Gefƒhrliches und Endg‚ltiges. Aber es gelang ihm, mit Gelassenheit zu ƒu€ern: „Dieser Witz zeigt sehr schlechten Geschmack. Wiederhole ihn nicht." „Witz!" sagte Carlier, der sich auf seinem Sitz vorlehnte. „Ich bin hungrig - ich bin krank - ich mache keine Witze! Ich hasse Heuchler. Du bist ein Heuchler. Du bist ein Sklavenhƒndler. Ich bin ein Sklavenhƒndler. Es gibt nicht anderes als Sklavenhƒndler in diesem verfluchten Land. Heute will ich jedenfalls Zucker in meinem Kaffee!" „Ich verbiete dir, mit mir in diesem Ton zu sprechen", sagte Kayerts mit deutlichen Zeichen der Entschlossenheit. „Du! - Was?" schrie Carlier und sprang auf. Auch Kayerts stand auf. „Ich bin dein Chef, begann er und bem‚hte sich, das Zittern seiner Stimme zu meistern. „Was?" schrie der andere. „Wer ist der Chef? Da gibt's keinen Chef. Da gibt's nichts hier: Hier gibt's nur dich und mich. Hol den Zucker - du fetter Trottel!" „Halt das Maul. Verschwinde aus diesem Raum", schrie Kayerts. „Ich entlasse dich - du Schurke!" Carlier schwang einen Schemel. Ganz pl•tzlich wirkte er gefƒhrlich ernst. „Du schlaffer, nichtsnutziger Zivilist - da hast du!" heulte er. Kayerts duckte sich unter den Tisch, und der Schemel schlug auf die Graswand des Raums. Als Carlier dann den Tisch umzukippen versuchte, st‚rmte Kayerts verzweifelt blind vorwƒrts, mit gesenktem Kopf wie ein in die Ecke getriebenes Schwein, warf den Freund ‚ber den Haufen und stob die Veranda entlang in sein Zimmer. Er verschloss die T‚r, riss seinen Revolver an sich und stand schnaufend da. Nach k‚rzester Zeit trat Carlier w‚tend gegen die T‚r und heulte: „Wenn du den Zucker nicht herausgibst, erschie€ ich dich, sobald ich dich seh, wie einen Hund. Also - eins - zwei - drei. Du willst nicht? Ich werd dir zeigen, wer hier der Herr ist." Kayerts dachte, die T‚r werde einbrechen, und zwƒngte sich durch das quadratische Loch, das seinem Zimmer als Fenster diente. Jetzt lag die ganze Breite des Hauses zwischen ihnen. Aber der andere war offenbar nicht stark 17 genug, um die T‚r einzubrechen, und Kayerts h•rte ihn um das Haus rennen. Da begann auch er zu laufen, m‚hsam mit seinen geschwollenen Beinen. Er rannte, so schnell er konnte, hielt den Revolver umklammert, und dennoch unfƒhig zu begreifen, was mit ihm geschah. Er sah nacheinander Makolas Haus, den Lagerschuppen, den Fluss, die Schlucht, die niedrigen B‚sche; und er sah das alles noch einmal, als er das zweite Mal ums Haus lief. Dann zuckte alles noch einmal an ihm vorbei. Am Morgen noch hƒtte er keinen Meter ohne ein …chzen gehen k•nnen. Und jetzt rannte er. Er lief schnell genug, um aus der Sichtweite des ƒndern zu bleiben. Als er dann schwach und verzweifelt dachte: „Bevor ich die nƒchste Runde beende, werde ich sterben", h•rte er, wie der andere schwer stolperte und stehen blieb. Auch er hielt an. Er war hinter dem Haus, Carlier an der Vorderseite, wie zuvor. Er h•rte, wie der andere fluchend in einen Stuhl sank, und pl•tzlich gaben auch seine Beine nach und mit dem R‚cken gegen die Wand rutschte er in eine sitzende Haltung nieder. Sein Mund war trocken wie Zunder, sein Gesicht nass vor Schwei€ -und Trƒnen. Um was drehte sich das Ganze? Er dachte, es m‚sste eine schreckliche Einbildung sein; er dachte, dass er trƒumte; er dachte, dass er verr‚ckt w‚rde! Nach einer Weile gewann er seine Sinne zur‚ck. Worum stritten sie? †ber diesen Zucker! Wie sinnlos! Er w‚rde ihn ihm geben - er wollte ihn ja gar nicht selber. Und er begann sich aufzurappeln und f‚hlte sich auf einmal sicher. Doch bevor er sich ordentlich aufgerichtet hatte, durchdrang ihn eine †berlegung des gesunden Menschenverstands und st‚rzte ihn wieder in Verzweiflung. Er dachte: Wenn ich jetzt diesem Vieh von einem Soldaten nachgebe, wird er diesen Terror morgen wieder beginnen - und ‚bermorgen - jeden Tag - wird andere Anspr‚che erheben, auf mir herumtrampeln, mich quƒlen, mich zu seinem Sklaven machen - und ich bin verloren! Verloren! Der Dampfer kommt vielleicht noch tagelang nicht - kommt vielleicht nie. Er zitterte so, dass er sich wieder auf den Boden setzen m‚sste. Er schauderte verzweifelt. Er sp‚rte, dass er sich nicht mehr bewegen konnte und auch nicht wollte. Er war v•llig fassungslos durch die pl•tzliche Erkenntnis, dass seine Lage ausweglos war - dass Leben und Tod mit einem Mal gleicherma€en schwierig und schrecklich geworden waren. Auf einmal h•rte er, wie der andere seinen Stuhl zur‚ckstie€ und mit gr•€ter Leichtigkeit auf seine F‚€e sprang. Er horchte und war verwirrt. Musste wieder laufen! Links oder rechts? Er h•rte Schritte. Er st‚rzte nach links, hielt den Revolver umklammert, und gerade in diesem Augenblick, so schien es ihm, stie€en sie heftig zusammen. Beide schrieen ‚berrascht auf. Ein lauter Knall erscholl zwischen ihnen; eine rote Flamme schlug auf, dann dicker Rauch; Kayerts st‚rzte betƒubt und geblendet nach hinten, er dachte: Ich bin getroffen alles ist vorbei. Er erwartete, dass der andere um die Ecke kƒme - um sich an seinem Todeskampf zu weiden. Er hielt sich an einem Pfosten, der das Dach trug, fest - „Alles vorbei!". Dann h•rte er einen krachenden Fall auf der anderen Seite des Hauses, wie wenn jemand in ganzer K•rperlƒnge ‚ber einen Stuhl gest‚rzt wƒre - dann Stille. Nichts geschah mehr. Er starb nicht. Nur seine Schulter f‚hlte sich an, als ob sie schlimm ausgerenkt wƒre, und er hatte sei- 18 nen Revolver verloren. Er war entwaffnet und hilflos! Er wartete auf sein Schicksal. Der andere machte kein Gerƒusch. Das war eine Kriegslist. Er pirschte sich wohl nun an! Auf welcher Seite? Vielleicht zielte er schon in diesem Moment? Nach wenigen Augenblicken schrecklicher und t•richter Todesangst beschloss er, seinem Verhƒngnis entgegenzugehen. Er war bereit, sich bedingungslos auszuliefern. Er ging um die Ecke, wobei er sich mit einer Hand an die Mauer st‚tzte, machte einige Schritte und wurde beinahe ohnmƒchtig. Er hatte auf dem Boden ein Paar nach oben gedrehter F‚€e gesehen, die hinter der anderen Ecke hervorragten. Zwei wei€e, nackte F‚€e in roten Hausschuhen. Er f‚hlte sich todkrank, und stand eine Zeit lang in v•lliger Unklarheit. Dann erschien Makola vor ihm und sagte ruhig: „Kommen Sie, Mr. Kayerts. Er ist tot." Er brach in Trƒnen der Dankbarkeit aus, in einen lauten, schluchzenden Weinkrampf. Nach einiger Zeit merkte er, dass er in einem Stuhl sa€ und Carlier betrachtete, der ausgestreckt auf dem R‚cken lag. Makola kniete vor dem K•rper. „Ist das Ihr Revolver?" fragte Makola, wƒhrend er aufstand. „Ja", sagte Kayerts; dann fugte er sehr schnell hinzu, „er rannte mir nach, um mich zu erschie€en - Sie haben es gesehen!" „Ja, ich hab es gesehen", sagte Makola. „Da ist nur ein Revolver. Wo ist seiner?" „Wei€ ich nicht", fl‚sterte Kayerts mit pl•tzlich ganz schwacher Stimme. „Ich werde ihn suchen gehen", sagte der andere freundlich. Er machte eine Runde entlang der Veranda, wƒhrend Kayerts still dasa€ und auf die Leiche blickte. Makola kam mit leeren Hƒnden zur‚ck, stand in tiefe Gedanken versunken, trat dann ruhig in das Zimmer des Toten und kam sofort wieder mit einem Revolver heraus, den er vor Kayerts hochhielt. Dieser schloss die Augen. Alles drehte sich vor ihm. Er fand sein Leben schrecklicher und schwieriger als den Tod. Er harte einen Unbewaffneten erschossen. Nachdem Makola eine Weile nachgedacht hatte, sagte er sanft, indem er auf den Toten zeigte, der mit zerschossenem rechten Auge dalag: „Er starb am Fieber." Kayerts starrte ihn versteinert an. „Ja", wiederholte Makola nachdenklich, wƒhrend er ‚ber den Leichnam stieg, „ich glaube, er ist am Fieber gestorben. Begraben ihn morgen." Und er ging langsam zu seiner schwangeren Frau. Die zwei Wei€en lie€ er allein auf der Veranda. Die Nacht brach herein, Kayerts sa€ unbewegt auf seinem Stuhl. Er sa€ so ruhig, als hƒtte er eine Dosis Opium genommen. Die Gewalt der Aufregungen, durch die er gegangen war, rief ein Gef‚hl ersch•pfter Gelassenheit hervor. An einem kurzen Nachmittag hatte er die Tiefen des Schauders und der Verzweiflung ausgelotet, und jetzt fand er Ruhe in der †berzeugung, dass das Leben keine Geheimnisse mehr f‚r ihn hatte, und ebenso wenig der Tod! Er sa€ neben der Leiche und dachte nach, dachte sehr rege nach. Es waren ganz neue Gedanken. Er schien sich v•llig von sich selbst losgerissen zu haben. Seine alten Gedanken, †berzeugungen, Neigungen und Abneigungen, Dinge, die er geschƒtzt, und Dinge, die er verabscheut hatte, zeigten sich nun 19 zuletzt in ihrem wahren Licht! Sie zeigten sich als verachtenswert und kindisch, falsch und lƒcherlich. Er erg•tzte sich an seiner neuen Weisheit, wƒhrend er neben dem Mann sa€, den er get•tet hatte. Er stritt mit sich selbst ‚ber alles auf dieser Welt mit jener verdrehten Klarheit, die man bei manchen Geisteskranken beobachten kann. Beilƒufig ‚berlegte er, dass der tote Kerl da ohnehin ein Schƒdling gewesen war; dass die Menschen tƒglich zu Tausenden starben; vielleicht 201 Hunderttausenden - wer konnte das wissen? - und dass bei dieser Zahl der Tod eines einzelnen unm•glich einen Unterschied machen konnte, keine Bedeutung haben konnte, wenigstens f‚r ein denkendes Wesen. Er, Kayerts, war ein denkendes Wesen. Er hatte sein ganzes Leben, bis zu diesem Augenblick, an eine Menge Unsinn geglaubt, wie die ‚brige Menschheit - die aus Narren besteht; aber nun dachte er! Nun wusste er Bescheid! Er hatte Frieden; er war vertraut mit der h•chsten Weisheit! Dann versuchte er sich selbst als Toten vorzustellen, und dass Carlier in seinem Stuhl sa€ und ihn beobachtete; und seine Bem‚hung hatte solch unerwarteten Erfolg, dass er binnen kurzem ‚berhaupt nicht mehr wusste, wer tot war und wer lebte. Doch diese au€ergew•hnliche Leistung seiner Phantasie erschreckte ihn, und durch eine gescheite, rechtzeitige Geistesanstrengung rettete er sich gerade noch davor, Carlier zu werden. Sein Herz hƒmmerte, und beim Gedanken an diese Gefahr wurde ihm ‚ber und ‚ber hei€. Carlier! Was f‚r eine ekelhafte Sache! Um seine ersch‚tterten Nerven - war es ein Wunder? - zu beruhigen, versuchte er, ein wenig zu pfeifen. Dann schlief er auf einmal ein, oder dachte, dass er geschlafen hatte; aber jedenfalls war es da neblig, und jemand hatte im Nebel gepfiffen. Er stand auf. Es war Tag geworden und dicker Dunst hatte sich auf das Land herabgesenkt: durchdringender, einh‚llender, schweigender Dunst; der Morgennebel der tropischen Gebiete; der Nebel, der klebt und t•tet; der wei€e, t•dliche, makellose und giftige Nebel. Er stand auf, erblickte den Leichnam, warf die Arme in die H•he und schrie wie ein Mensch, der aus einer Trance erwacht und sich f‚r immer in einer Gruft eingesperrt sieht. „Hilfe!. . . Mein Gott!" Ein unmenschliches, zitterndes Schrillen durchbohrte pl•tzlich wie ein scharfer Pfeil den wei€en Schleier dieses traurigen Landes. Drei kurze, ungeduldige, gellende Schreie folgten, und dann wƒlzten sich einige Zeit die Nebelschwaden ungest•rt durch die f‚rchterliche Stille. Dann zerrissen viele weitere rasche und durchdringende Schreie wie das Gellen eines erbosten, unbarmherzigen Wesens die Luft. Der Fortschritt rief vom Fluss her nach Kayerts. Der Fortschritt, die Zivilisation und all die Tugenden. Die Gesellschaft rief nach dem von ihr selbst gestalteten Kind, es m•ge kommen, um in Obhut genommen zu werden, um zurecht gewiesen, gerichtet und verurteilt zu werden; sie rief ihn, zu diesem Abfallhaufen zur‚ckzukommen, von dem er abgeschweift war, auf dass Gerechtigkeit ge‚bt werden k•nne. Kayerts h•rte und verstand. Er wankte aus der Veranda und lie€ den anderen Mann zum ersten Mal, seit sie hier aufeinander geworfen worden waren, allein. Er tastete sich durch den Nebel und rief in seiner Unwissenheit zum un- 20 sichtbaren Himmel hinauf, er m•ge seine Tat ungeschehen machen. Makola flitzte im Nebel vorbei und schrie: „Dampfer! Dampfer! Sie k•nnen nichts sehen. Sie pfeifen zu unserer Station. Ich laufe, um die Glocke zu lƒuten. Gehen Sie hinunter zum Landeplatz, Sir. Ich lƒute." Er verschwand. Kayerts stand still. Er blickte in die H•he; der Nebel wogte ‚ber ihm. Er schaute umher wie ein Mensch, der sich verirrt hat; und er sah einen dunklen, kreuzf•rmigen Fleck im reinen, wallenden Nebel. Wƒhrend er darauf lostaumelte, lƒutete die Stationsglocke mit wildem Dr•hnen ihre Antwort auf das ungeduldige Heulen des Dampfers. Der Leitende Direktor der Gro€en Zivilisierenden Gesellschaft9 (wie wir wissen, folgt die Zivilisation dem Handel auf dem Fu€e) ging als erster an Land und verlor den Dampfer sofort aus der Sicht. Der Nebel unten am Fluss war au€erordentlich dicht; oben bei der Station lƒutete die Glocke pausenlos und metallisch. Der Direktor rief laut zum Dampfer: „Da ist niemand herunten, um uns zu treffen; vielleicht ist irgendwas nicht in Ordnung, obwohl sie lƒuten. Ihr solltet lieber auch kommen!" Er erklomm m‚hsam das steile Ufer. Der Kapitƒn und der Maschinist des Schiffs folgten. Wƒhrend sie hinaufkletterten, lichtete sich der Nebel und sie sahen den Direktor ein gutes St‚ck voran. Pl•tzlich machte er einen Satz vorwƒrts und rief ihnen ‚ber die Schulter zu: „Laufen Sie! Laufen Sie zum Haus! Ich hab einen von ihnen gerunden. Laufen Sie, suchen Sie den ƒndern!" Er hatte einen von ihnen gefunden! Und sogar er, ein Mann mit mannigfacher und erschreckender Erfahrung, war einigerma€en fassungslos infolge der Art seines Fundes. Er stand da und kramte in seinen Taschen (nach einem Messer), wƒhrend er Kayerts ansah, der an einem Lederriemen am Kreuz hing. Er war offensichtlich auf den hohen, schmalen Grabh‚gel geklettert, hatte das Ende des Riemens an den Querbalken gekn‚pft und sich dann hinausgeschwungen. Seine Zehen waren nur einige Zoll ‚ber dem Boden; seine Arme hingen steif herab; er schien in starrer Aufmerksamkeit zu stehen, aber eine purpurrote Wange lag neckisch auf der Schulter. Und respektlos streckte er seinem Leitenden Direktor die geschwollene Zunge heraus. The End Joseph Conrad (1857-1924); An Outpost of Progress (1898)
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