Informationen zur politischen Bildung

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Page 4, August Landmesser.

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Informationenzur politischen Bildung / izpb3141/2012Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft 2 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Inhalt Volksgemeinschaft? .................................................................... 4 Aufstieg ...................................................................................................... 5 Anfnge der NSDAP in Mnchen ........................................................ 5 Krisenjahr 1923 ..........................................................................................11 Erste Erfolge ................................................................................................12 Das Ende der Weimarer Republik .....................................................22 Machteroberung 1933 ...................................................................28 Terror und Zustimmung .......................................................................34 Zerschlagung der Gewerkschaften .................................................. 41 Auflsung der Parteien .........................................................................42 Entmachtung der SA ..............................................................................45 Volksgemeinschaft .................................................................... 46 Integration der Arbeiterschaft ............................................................51 Rstungskonjunktur ..............................................................................53 Frauen ..........................................................................................................58 Jugend ......................................................................................................... 60 Gefhlte Gleichheit ..............................................................................62 Verfolgung ........................................................................................... 64 Polizei ...........................................................................................................65 Konzentrationslager ..............................................................................67 Zwangssterilisation ............................................................................... 68 Verfolgung der Juden ............................................................................ 69 Literaturhinweise .......................................................................... 80 Internetadressen .............................................................................82 Der Autor ...............................................................................................83 Impressum ...........................................................................................83 3 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Editorial Fast achtzig Jahre sind vergangen, seit die Nationalsozialis-ten unter Adolf Hitler die Staatsgewalt bernahmen und Deutschland binnen weniger Monate von einem Rechtsstaat in eine Diktatur verwandelten. Im Namen einer rassistischen, menschenverachtenden Ideologie wurden willkrlich Terror und Gewalt gegen Menschen ausgebt, von denen sich viele bisdahin als akzeptierte Mitglieder der deutschen Gesellschaft ge-whnt hatten. Wie konnte das geschehen? Wie gelang es dem Regime, sichdie Duldung, Billigung oder aktive Komplizenschaft weiter Krei-se der Bevlkerung zu sichern?Ein Deutungsangebot, das in diesem Heft gemacht wird, istder Begri der Volksgemeinschaft. Schon in der Zeit der Wei-marer Republik von allen politischen Richtungen genutzt, um Solidaritt einzufordern und die gesellschaftliche Spaltung zu berwinden, wurde er anschlieend zum Konstrukt der NS-Propaganda, mit dem eine tief verwurzelte Sehnsucht nachnationaler Einheit ausgentzt wurde, um den Gri, in dem dasRegime die Gesellschaft hielt, zu festigen organisatorisch wiepsychologisch (Ian Kershaw).Tatschlich konnte, wie diese Darstellung anschaulich ma-chen soll, die Idee der Volksgemeinschaft viele Menschen mo-bilisieren, die durch die innere Zerrissenheit der Weimarer Zeit abgestoen waren und in gemeinsamer Anstrengung dem imErsten Weltkrieg besiegten Deutschland zu neuem Ansehen und sich selbst zu einem besseren Leben verhelfen wollten. Die Kehrseite des Begris Volksgemeinschaft und auch dasarbeitet die Darstellung heraus war jedoch die brutale, radika-le Ausgrenzung all derer, die gem der NS-Ideologie nicht zurGemeinschaft gehren sollten. Diese Ausgrenzung mit all ihrerMenschenverachtung geduldet, akzeptiert oder untersttzt, vonihr profitiert oder sie aktiv betrieben zu haben, bedeutete dengrten Zivilisationsbruch der neueren deutschen und europ-ischen Geschichte. Wie weit auf individueller Ebene die Zustimmung wirklich ging,ob sie breit, gar nicht oder mglicherweise nur punktuell von Fallzu Fall empfunden wurde, unterliegt letztlich der individuellenDeutung der jeweilig betroenen Zeitgenossen und ist auch vonder historischen Forschung nur annherungsweise nachprfbar.Doch es gibt schriftliche Selbstzeugnisse, Tagebcher oder Zeugenberichte sowie Bildaufnahmen, die das Spektrum der ge-lebten Verhaltensmglichkei-ten auchern. Sie kommen in diesem Heft in reprsen-tativer Auswahl zur Geltung,um ein Bewusstsein dafr zu schaen, dass es in Extrem-situationen auf jeden Einzel-nen ankommt und dass im Einzelfall fast immer alternative Handlungsoptionen oen-stehen: von vorauseilendem Gehorsam, aktiver Mitwirkung,duldender Anpassung bis zum aktiven Widerstand.Liest man die Berichte von Opfern des Regimes oder betrachtetman die Bilder ihrer entlichen Demtigung, berkommt ei-nen noch heute ein Schaudern. Deutlich wird auch, wie schwie-rig es mitunter sein konnte, sich als Einzelner der herrschendenMeinung zu widersetzen und die eigene Individualitt undMenschlichkeit zu behaupten.Inwieweit ist das Thema heute noch relevant? Leben die Deut-schen nicht inzwischen in einer gefestigten Demokratie, um-geben von Nachbarn, die zu Freunden wurden und unter demSchutz und Geleit eines Grundgesetzes, das Frieden, Freiheit,Menschenwrde und die Achtung vor Andersdenkenden zumallgemein anerkannten Grundsatz des gesellschaftlichen Zu-sammenlebens erhoben hat? Aktuelle Vorkommnisse belegen stets aufs Neue, dass auch auf Teile unserer heutigen Gesellschaft extremistische Ideo-logien und Protagonisten nach wie vor Attraktivitt ausben.Zudem ist immer wieder zu beobachten, wie in Krisenzeiten la-tente Vorurteile gegen Minderheiten von Demagogen benutztwerden, um dem Volkszorn Sndenbcke zu prsentieren.Daher gilt es, in der Beschftigung mit dem Nationalsozialis-mus beispielhaft die Mechanismen aufzuzeigen, die dazu fh-ren knnen, dass Gesellschaften in die Barbarei abstrzen. Wie Bundesprsident Joachim Gauck betont, mssen wir jederzeitdas Unvorstellbare einkalkulieren, denn Humanitt ist nie im sicheren Hafen. Sie zerfllt oder wird beschdigt, wenn Ratiound Moral gegeneinander stehen. Unsere Zivilisation ist nichtGeschichte im Endstadium, sondern vorbergehend gesicherteExistenzform. Christine Hesse 4 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Michael Wildt Volksgemeinschaft? Zugehrigkeit und Gleichheit in der Volksgemeinschaft versprechen die Nationalsozialisten unzhligen Whlern, die von der krisengeschttelten Weimarer Republik ent-tuscht sind. Doch diese Verheiung gilt nicht fr alle: Fr diejenigen, die nicht der NS-Ideologie entsprechen, bedeutet es Ausgrenzung und Gewalt. Whrend eine berwltigende Mehrheit bei einem Werftbesuch AdolfHitlers 1936 die Arme zum Deutschen Gru hebt, verschrnkt ein einzel-ner Arbeiter seine Arme. tung Photo / Scherl tsche ZeiSddeuEin genauer Blick auf das Umschlagfoto lohnt! Es zeigt Arbeiter der Hamburger Werft Blohm & Voss beim Stapellauf des Marineschulschis Horst Wessel am 13. Juni 1936. Zu dem Ereignis war selbst der Fhrer und Reichskanzler Adolf Hitler angereist, ebenso wie etliche ranghohe Militrs und Parteiobere, des Weiteren waren Ehrenkompanien der Wehrmacht, der SA und der SS angetreten. Zum Hhepunkt der Groveranstaltung, als das Schi zu Wasser gelassen und die Nationalhymne gespielt wurde, hoben alle den Arm zum sogenannten deutschen Gru nur einer nicht. Auf dem Bild ist ein Mann zu erkennen, der die Arme verschrnkt hlt. Wer dieser Mann ist, lsst sich nicht eindeutig feststellen. Irene Eckler meinte ihren Vater August Landmesser zu erkennen, der seine jdische Verlobte Irma Eckler wegen der Nrnberger Rassengesetze von 1935 nicht heiraten durfte. Die Tchter Ingrid und Irene kamen auerehelich zur Welt. August Landmesser wurde 1938 denunziert, wegen Rassenschande zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und dann als Soldat an die Front geschickt, wo er seit 1944 als verschollen galt. Irma Eckler wurde 1938 ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrck gebracht und 1942 ermordet. -----Aber auch eine andere Hamburger Familie glaubte, in dem Mann mit den verschrnkten Armen ihren Verwandten Gustav Wegert identifizieren zu knnen, der nachweislich als Schlos-ser bei Blohm & Voss gearbeitet hatte und als glubiger Christ aus religiser berzeugung den Hitler-Gru verweigerte. Doch unabhngig davon, um wen es sich bei diesem Arbei-ter handelt, besitzt dieses Bild eines unbekannten Fotografen eine starke Aussagekraft. Denn es zeigt zum einen die hohe Bereitschaft mitzumachen, den Arm zum Hitler-Gru zu heben, wenn es verlangt war, und zum anderen die durch-aus vorhandenen, alltglichen Handlungsmglichkeiten, sich dem Druck zur Gleichfrmigkeit zu entziehen. Selbst bei den vielen erhobenen Armen lassen die individuellen Haltungen auf ganz unterschiedliche Grade der Zustimmung schlieen.Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft war so ein-heitlich nicht, wie die nationalsozialistischen Machthaber glauben machen wollten. Trotz aller Gleichheitspropaganda gab es nach wie vor groe soziale Unterschiede, und die na-tionalsozialistische Politik selbst schuf neue, rassistische Un-gleichheiten, indem sie bestimmten Gruppen, allen voran den Juden, die Zugehrigkeit zur Volksgemeinschaft absprach.Durch Ausgrenzung und Gewalt wurde die nationalsozialis-tische Volksgemeinschaft definiert. Antisemitismus, Juden-feindschaft, bildete ihren radikalisierenden Kern. Dennoch bot die Formel von der Volksgemeinschaft, die Gleichheit und Gerechtigkeit versprach und in der WeimarerRepublik von nahezu allen Parteien im Mund gefhrt wurde,gengend Anknpfungspunkte fr die Nationalsozialisten, umZustimmung fr sich zu mobilisieren. Endlich sollte der Partei-enkrieg der ungeliebten Republik berwunden, das Parlamentals Schwatzbude beseitigt und die Regierung einem starkenFhrer bertragen werden, der von sich behauptete, zu wissen,was das Volk wolle. Alle Probleme einer modernen Gesellschaft, in der sich viele ohnmchtig und verloren fhlten, sollten durchdie Volksgemeinschaft aufgehoben sein. Was macht eine De-mokratie, fragte der Zeitgenosse und Publizist Sebastian Ha-ner, wenn eine Mehrheit des Volkes sie nicht mehr will? Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus, Zustim-mung und Terror, Volksgemeinschaft und Ausgrenzung, Zu-gehrigkeit und Verfolgung sind die Themen dieses Heftes. DerSieg des Nationalsozialismus 1933 war kein unausweichlicherProzess, ebenso wie die groe Zustimmung zum NS-Regimekeineswegs bedeutete, dass nicht auch Widerstand, Ablehnungund alltgliche Zivilcourage mglich waren. Militarisierung undGewaltttigkeit waren bereits im Kaiserreich angelegt, wurdendurch den Ersten Weltkrieg verstrkt und prgten auch die Ausei-nandersetzungen in der Weimarer Republik. Aber erst die natio-nalsozialistische Herrschaft schuf gewaltsame Strukturen, diedie deutsche Gesellschaft zunehmend bestimmten. Der Novem-berpogrom 1938 legte oen, wie sehr sich diese Gesellschaft imNationalsozialismus innerhalb weniger Jahre verndert hatte,wie gewaltttig scharf die Grenzen zwischen der Volksgemein-schaft und den Fremdvlkischen und Gemeinschaftsfrem-den schon in der Vorkriegszeit gezogen worden waren. 5Aufstieg Michael Wildt Aufstieg Die Folgen des verlorenen Krieges, Wirtschaftsprobleme und der mangelnde Rckhalt der Bevlkerung schwchen die Weimarer Republik. Diesen Umstand nutzt die NSDAP durch geschickte Propaganda und kann so ihre Stimmenanteile bei Wahlen erheblich steigern. Bald wenden sich immer mehr Menschen den Nationalsozialisten zu. Bescheidene Anfnge: Gem Ausweis war Adolf Hitler das 55. nicht, wie sp-ter behauptet, das siebte Mitglied der DAP. Um eine hhere Untersttzerzahl vorzutuschen, begann die Registrierung mit der Nummer 500. v Gerstenberg Archi bild ullstein Anfnge der NSDAP in Mnchen Der Nationalsozialismus entwickelte sich aus dem Geist und der Gewalt des Ersten Weltkriegs. In vielen Lndern Europas entstanden nach dem Krieg faschistische Bewegungen, diesich in ihrer antikommunistischen Storichtung, in ihremFhrerglauben, ihrer gewaltttigen Politik und ihremradikalen Nationalismus sowie in ihrer Ablehnung einerbrgerlich-liberalen Gesellschaft durchaus hnelten. Ihr ge-meinsames Vorbild war der italienische Faschistenfhrer Benito Mussolini, der als ehemaliger Sozialist 1919 die Fasci di combattimento (Kampfbnde) gegrndet hatte und 1922an die Macht gelangt war.Adolf Hitler, der zuvor ein unbedeutendes Bohemien-leben gefhrt hatte, fhlte sich durch die Mobilmachung fr den Krieg 1914, die er in Mnchen erlebte, wie auferweckt.Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Erl-sung aus den rgerlichen Empfindungen der Jugend vor,formulierte er zehn Jahre spter in Mein Kampf. Wie Zehn-tausende anderer junger Mnner meldete er sich freiwilligzum Militrdienst und tauchte ein in jenes trgerisch-gro-Adolf Hitlers frhe Jahre Adolf Hitler, am 20. April 1889 in der sterreichischen Stadt Braunau geboren, stammte aus kleinen Verhltnissen. Sein Vater war Zollbeamter, hinterlie aber, als er 1903 starb, so viel Geld, dass seine Witwe und sein Sohn davon ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. Hitler brach die Schule nach der 9. Klasse ab und blieb zunchst bei seiner Mutter, an der er sehr hing, in Linz wohnen. Ihr Tod im Dezember 1907 bedeutete zweifellos die einschneidends-te Zsur in seiner Jugend. Er zog da- nach nach Wien, scheiterte jedoch mit seinen Versuchen, an der Wiener Kunst- akademie als Student aufgenommen zu werden. So fhrte er als Knstler und Schriftsteller ein orientierungsloses, miggngerisches, krgliches Leben, ver- diente sich Geld mit Gelegenheitsar- beiten und dem Verkauf selbst ge- malter Ansichtspostkarten, wohnte in Mnnerwohnheimen, las vlkische und antisemitische Broschren, besuchte politische Veranstaltungen und hrte leidenschaftlich Wagner-Opern in der Wiener Staatsoper. Ob Richard Wagners Antisemitismus Hitler beeinflusst hat, ist in der Geschichtsschreibung strittig. Immer wieder wird allerdings darauf aufmerksam gemacht, dass die entliche theatralische Inszenierung der Poli- tik, wie sie spter zum Beispiel auf den Reichsparteitagen praktiziert wurde, durchaus mit dieser frhen Theater- leidenschaft Hitlers verbunden war. Auch die spteren gigantischen Bauplne fr die Reichshauptstadt Berlin lassen sich auf die Wiener Jahre zurck- fhren, in denen Hitler von sich glaubte, ein begabter Knstler und Architekt zu sein. ---Als 1913 der Einberufungsbefehl in die sterreichische Armee drohte, setzte sich Hitler nach Mnchen ab, weil er als sich Deutschland zugehrig fhlender Nationalist in keinem Fall fr das ster- reichische Vielvlkerimperium kmpfen wollte. Stattdessen meldete er sich in Mnchen Anfang August 1914 als Frei- williger. Der Krieg gab ihm die Ordnung, die seinem Leben fehlte. Hitler machte beim Militr keine Karriere, sondern blieb Gefreiter, ein unterer Dienstgrad. Oenkundig war er ein verlsslicher, wenig auf- fallender Soldat. Entgegen seiner eigenen Selbststilisierung in der 1925/27 erscheinenden programmatischen Schrift Mein Kampf war er allerdings kaum an der Front eingesetzt gewesen, und die Auszeichnung mit dem Eiser- nen Kreuz I. Klasse verdankte er der Fr- sprache Hugo Gutmanns, eines jdischen Oziers. --Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 6 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 artige Erleben der Volksgemeinschaft 1914, in das Gefhl von Einheit und Siegesgewissheit, das realittsnahe Erwar-tungen zum Charakter und zur Dauer des Krieges verschwin-den lie. Als Hitler im Herbst 1916 an der Westfront durch einen An-gri zum ersten Mal verwundet wurde, waren seine Illusio-nen ber einen raschen Sieg verflogen, der Glaube an dieUnbesiegbarkeit Deutschlands jedoch keineswegs. Aus dem Lazarett an die Front zurckgekehrt, wurde er im Oktober1918 Opfer eines Giftgasangris, erblindete kurzzeitig underlebte das Kriegsende im Krankenbett. Erst wenige Wochenvor dem Ende, Anfang Oktober 1918, hatten die fhrendenGenerle Paul von Hindenburg und Erich Ludendor einge-standen, dass der Krieg verloren sei. Doch entzogen sie sichihrer Verantwortung und berlieen es der zivilen Reichsre-gierung, am 3. Oktober 1918 bei den Siegermchten um einenWaenstillstand zu bitten. Ausrufung des Kriegszustandes vor der Mnchner Feldherrenhalle. HeinrichHomann, NSDAP-Mitglied seit 1920 und alleiniger Fotograf Hitlers, nahmdieses Bild am 2. August 1914 auf und montierte vor der Erstverentlichungin einer NS-Propagandabroschre 1936 mglicherweise Hitler, der dort nacheigenem Zeugnis teilgenommen hatte, nachtrglich hinein. ann ich Hombpk / HeinrAnfangs herrschte Zuversicht, dass der Krieg nur von kurzer Dauer sei.Deutsche Soldaten auf dem Weg zur Front 635 , Bild 183-R34BundesarchivDoch im zermrbenden Stellungskrieg verlieren Millionen ihre Illusionen,ihre Gesundheit und ihr Leben. Otto Dix' Radierung Verwundeter von 1916 Bonn 2012 unst,G Bild-K V ages / g-imakMitte 1918 zeichnet sich die endgltige Niederlage ab: deutsche Kriegsge-fangene in einem franzsischen Auanglager im August 1918 bpk Dolchstolegende Fr Hitler wie fr Millionen anderer Deutscher war die Ar-mee unbesiegt geblieben und angeblich von hinterhltigen Verbrechern an der Heimatfront verraten worden. In die-sen Nchten wuchs mir der Hass, der Hass gegen die Urheber dieser Tat, schrieb Hitler in Mein Kampf und hielt unmiss-verstndlich fest, wer fr ihn die Urheber waren: Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder Oder. Ich aber beschloss, Politiker zu werden. Selbstverstndlich erschuf Hitler hier seine eigene Legen-de. Seine tatschliche Entscheidung, in die Politik zu gehen,fiel erst zwei Jahre spter. Und natrlich waren nicht Juden verantwortlich fr die Niederlage Deutschlands. Aber es ist kennzeichnend, dass er diese Wende in seinem Leben an eben jenem historischen Punkt ansetzte, als das DeutscheReich seine bis dahin tiefste Niederlage erlebte. Aus demMoment der absoluten Ohnmacht heraus, der Empfindung,Opfer zu sein und Vergeltung ben zu mssen, erwuchs seinEntschluss. Nicht konstruktiver politischer Gestaltungswil-len, sondern Hass bildete die Emotion, mit der Hitler seinen Eintritt in die Politik begrndete.--Schon whrend des Krieges hatte der Antisemitismus, insbesondere der Vorwurf, jdische Schieber und Kriegsgewinnler verdienten Millionen, whrend die Bevlkerung hungern msste, rasch an entlicher Resonanz gewonnen. Tatschlich aber hatte imperialistische berheblichkeit das Deutsche Reich in den Krieg getrieben, und die Siegesgewissheit war schnell in den frchterlichen Schlachten des Weltkrieges zerstoben. Da das Reich nicht auf einen lngeren Krieg vorbereitet war, mangelte es bald an Lebensmitteln und anderen Versorgungsgtern. Und schon seit 1915 protestierten die Arbeiter mit Streiks gegen die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen. Antisemiten machten die Juden zu Sndenbcken und verdchtigten sie sogar, sich vor dem Militrdienst zu drcken. Deshalb wurde im Oktober 1916 eine ozielle Judenzhlung im deutschen Heer durchgefhrt. Da diese Manahme willkrlich und ohne Konzept vorgenommen wurde und die Zahlen dieses antisemitische Vorurteil vermutlich blostellten, wurden die Ergebnisse nicht verffentlicht, was die antisemitische Kampagne noch verstrkte. Als sich nach dem unerwarteten Eingestndnis der Obers-ten Heeresleitung Ende September 1918, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden knne, pltzliche Ernchterung ----Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 7 Aufstieg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 einstellte, wurden vielfach die Juden ebenso wie die politi-sche Linke, die die Arbeiter zu Streiks aufgewiegelt habe, frdie Niederlage verantwortlich gemacht. Revolutionre mit jdischer Herkunft wie Rosa Luxemburg, Hugo Haase oderEugen Levin schienen die antisemitische wie antikommu-nistische Weltsicht zu besttigen, dass es jdische Bolsche-wisten seien, die dem deutschen Heer einen Dolch in den Rcken gestoen htten und nun den Umsturz wollten.Diese Sicht und seine Chance, sich damit aus der Verantwor-tung zu stehlen, untersttzte der inzwischen im Ruhestandbefindliche Ex-Generalfeldmarschall von Hindenburg durcheine entsprechende Erklrung vor dem Untersuchungsaus-schuss der Nationalversammlung zur Kriegsschuldfrage am 18. November 1918. Krieg und Niederlage verndern die deutsche Nachkriegsgesellschaftder Weimarer Zeit. Kriegskrppel von Otto Dix, Radierung, 1920 Bonn 2012 unst,G Bild-K V ages / g-imakVerantwortlich fr die Niederlage 1918 sind in den Augen vieler nicht die Militrs,sondern Demokraten und Juden. Die Dolchstolegende als Postkarte um 1923 Berlin ung Haney,SammlUnbewltigte Kriegstraumata [...] Der Erste Weltkrieg zerstrte die alten herrschaftlichen und gesellschaft-lichen Strukturen Mittel- und Osteuropas.Am Ende standen Hunger, Niedergang,Chaos und Not, Dumpfheit und Hass. Aufdeutscher Seite waren zwei Millionen zumeist junge Mnner gefallen, ein Vier-tel von ihnen whrend der letzten Kriegsmonate. Millionen Menschen fris-teten ihr Leben als Kriegskrppel,Witwen und Halbwaisen. Infolge der bri-tischen Seeblockade waren 500 000 Deut-sche verhungert. 1917 standen pro Ein-wohner in den Stdten durchschnittlich 1400 Kalorien pro Tag zur Verfgung.Das Schlangenstehen vor den Lebensmit-telgeschften der Stdte machte die Zermrbten wild und aufsssig und vor allem grimmig gegen die Reichen, die sich hinten herum besser ernhrten. Hunderttausende starben an Tuberku-lose, an Grippeepidemien und allge-meiner Entkrftung vor ihrer Zeit. Kinder litten an Unterernhrung und Rachitis.Demobilisierte Soldaten, verzweifelte, aus-gemergelte Frauen irrten durch ihr schwieriges Leben.Die deutschen Mnner hatten umsonst gelitten. Wie soll man weiterleben,fragten sie sich, wenn alles vergeblich war. Ihre Frauen hatten umsonst gehungert. Mit den Kriegsanleihen, die das Brgertum in vaterlndischem Pflichtgefhl gezeichnet hatte, verloren die gehobenen Mittel- und Oberschich-ten erhebliche Teile ihres Vermgens. Daskaiserliche Feldheer war geschlagen.Folglich konnten die Schrecken der Front,konnten die schweren psychischen Verletzungen der elf Millionen heimkeh-renden Soldaten nicht in Siegesfeiern gewrdigt, abgebaut und verarbeitet wer-den. Trommelfeuer, Giftgasalarm,Granatsplitter und Tod, kurz: die Kriegs-traumata fraen in ihnen. [...]Voller Wut und Gram mochten die meisten der geschlagenen Soldaten die Sinnlosigkeit ihres Kampfes nicht einsehen. Stattdessen vergruben sie sich in dem Gefhl, ihr seit dem 9. Novem-ber 1918 demokratisch regiertes Vater-land behandle sie mit maloser Un-dankbarkeit. [...]Den Friedensvertrag von Versailles, den die deutschen Abgesandten im Som-mer 1919 ohne jede Diskussion und unter Androhung militrischer Gewalt un-terzeichnen mussten, empfanden die Be-siegten als ungeheuerliche Unge-rechtigkeit. Sie vergaen dabei freilich,was sie nach einem vergleichs-weise kleinen Krieg von 1870/1871 mit 120 000 gefallenen deutschen und franzsischen Soldaten Frankreich an Gebietsverlusten und Kontributionen zu-gemutet und dass sie im Januar1918 der jungen Sowjetunion einen Frie-den diktiert hatten, der die Hrten des Versailler Vertrags deutlich ber-traf. [...]Den von Wilson verkndeten und von Deutschland im Oktober 1918 akzep-tierten Kerngedanken eines Friedensohne Sieger verletzte insbesondere Artikel 231 des Versailler Vertrages. Erschob den Deutschen die alleinige Kriegsschuld zu und bildete die Grundlagefr die Reparationsforderungen. Diese sollten nicht wie bis dahin bei Friedens-vertrgen blich als gewissermaen natrliche Folge der Niederlage bezahlt werden, sondern aufgrund einer zu-vor anerkannten schweren Schuld. [...]Der Kriegsschuldparagraph fhrte dazu, dass sich die Deutschen bald mehr-heitlich darauf verstndigten, jede Mitschuld am Krieg zu leugnen. So konntedie NSDAP spter erfolgreich die Mr verbreiten: Die Unschuld Deutschlands am Weltkrieg ist heute urkundlich nach jeder Richtung hin erhrtet. Eine gleichfalls ungute psychologische Wirkungentfalteten die extrem hohen Repa-rationsforderungen. Sie erlaubten den Deutschen, jede Mitverantwortung fr Kriegsfolgen, Inflation, Arbeitslosig-keit und Wirtschaftskrise von sich zu weisen und die Misere fremden, nicht zu-letzt angeblich weltweit vernetzten jdischen Krften anzulasten. [...] Gtz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933, S. Fischer Verlag Frankfurt/M. 2011, S. 152 . 8 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Brden der Republik Die Revolution 1918/19 hatte Honungen auf eine demokratischeund soziale Republik geweckt. So deutlich die im November undDezember 1918 rasch im ganzen Reich gebildeten Rte fr eineparlamentarische Regierung votiert hatten, so vernehmlich hat-ten sie zugleich Forderungen nach einer Reform der militrischenStrukturen sowie nach einer Sozialisierung der Schwerindustrie,nach der Demokratisierung der Betriebe und einem Acht-Stun-den-Arbeitstag erhoben. Noch inmitten der revolutionren Wirrenmachten die Unternehmer sozialpolitische Zugestndnisse, in-dem sie den zurckkehrenden Soldaten den alten Arbeitsplatz ga-rantierten, die freien Gewerkschaften als einzigen Verhandlungs-partner bei Tarifverhandlungen akzeptierten und die Einfhrungdes Acht-Stunden-Tages bei vollem Lohnausgleich versprachen.Weitergehende Reformen des Wirtschaftslebens blieben jedochaus. Der Rat der Volksbeauftragten aus Mehrheitssozialdemokra-ten (MSPD) und Unabhngigen Sozialdemokraten (USPD), die sich1917 wegen der Untersttzung des Krieges durch die sozialdemo-kratische Mehrheit abgespalten hatten, wehrte die Forderungennach Sozialisierung der Schwerindustrie ab. Ebenso traute die so-zialdemokratische Fhrung in Berlin eher der alten militrischenElite zu, die Sicherheit der Republik zu gewhrleisten. Sie unter-lie es daher, eigene republiktreue Militrverbnde aufzubauen.Stattdessen bildeten sich aus den Gruppen von demobilisiertenSoldaten, die nicht ins Zivilleben zurckkehren wollten, soge-nannte Freikorps, die im Baltikum oder in den umstrittenen st-lichen Gebieten, die von Polen wie von Deutschen beanspruchtwurden, weiterkmpften.Diese Versuche der MSPD, die revolutionre Dynamik abzu-bremsen, stieen auf den Widerstand der Linken, die insbeson-dere nach Grndung der Kommunistischen Partei am 1. Januar1919 immer wieder versuchte,nach dem Muster der bolschewis-tischen Oktoberrevolution in Russland die Macht zu ergreifen.Aber auch viele Arbeiter waren von der Politik der MSPD ent-tuscht, zumal die Berliner Regierung die linken Aufstnde mitbrutaler Gewalt durch jene Freikorpsverbnde niederschlagenlie, die aus ihrer republikfeindlichen, konterrevolutionren Gesinnung keinen Hehl machten.Die kurze Einmtigkeit, die sich in den Wahlen zur National-versammlung am 19. Januar 1919 uerte, in denen die MSPDstrkste Partei wurde und zusammen mit dem katholischen Zentrum und der liberalen Deutschen Demokratischen Partei eine verfassungstreue Regierung bilden konnte, war rasch vor-bei. Die Rechte, ermuntert durch die militrischen Erfolge gegenlinke Aufstndische, glaubte die Zeit reif fr den Staatsstreich.Im Mrz 1920 marschierte das Freikorps Ehrhardt mit Unterstt-zung des Reichswehrchefs in Berlin, General Walther Freiherr von Lttwitz, in die Reichshauptstadt ein. Doch brach der Putsch-versuch am zivilen Widerstand der Beamten zusammen, die den Anweisungen der selbst ernannten Regierung nicht folgten. EinGeneralstreik im ganzen Reich brachte die Putschisten endgltigzu Fall; der Staatsstreich von rechts war durch eine republikani-sche Loyalitt von unten verhindert worden.Gewerkschaften und streikende Arbeiter sahen nun die Gele-genheit gekommen, um grundlegende Reformen durchzusetzen,und fhrten den Streik fort. Im Ruhrgebiet bernahmen sogarbewanete Arbeitermilizen rtlich die Macht. Wieder lie die Regierung Freikorps, darunter jene Einheiten, die eben nochgegen die Republik geputscht hatten, gegen die Streikendenmarschieren und vor allem im Ruhrgebiet den Aufstand blutigniederschlagen. ber tausend Tote waren auf Seiten der Auf-stndischen zu beklagen. Als am 6. Juni 1920 der erste Reichs-tag gewhlt wurde, erlitt die MSPD eine schwere Niederlage,whrend die linke USPD ihre Stimmen mehr als verdoppelte.Ebenso gewannen rechte Parteien deutlich an Zustimmung.Der republikanische Konsens war zerbrochen.Und doch fanden auch in der Folgezeit immer wieder ein-drucksvolle Manifestationen zugunsten der Weimarer Republikstatt. Nach dem Mordanschlag auf Auenminister Walther Ra-thenau durch rechtsradikale Terroristen am 24. Juni 1922 riefen die Gewerkschaften einen eintgigen Generalstreik aus; berallim Reich demonstrierten Menschen gegen die Terrorpolitik vonrechts und fr die Republik.Aber der jungen Republik waren auch schwere Brden aufer-legt, allen voran der Versailler Vertrag. Ohne dass eine deutscheDelegation hatte mitverhandeln knnen, wurde ihr im Mai 1919das Ergebnis prsentiert, das massive Gebietsabtretungen vorsah, Im Mrz 1920 putscht die Rechte. Soldaten der Marinebrigade Ehrhardt verteilen Flugbltter der Regierung Kapp zur Information an die Berliner.An den Helmen der Freikorpssoldaten befinden sich Hakenkreuze. tung Photo / Scherltsche Zeiullstein bild SddeuDem rechtsradikalen Terror fllt Auenminister Walter Rathenau im Juni 1922 zum Opfer. Tausende nehmen vor dem Reichstagsgebude Abschied. ullstein bild Gircke Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 9 Aufstieg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 was mit einem empfindlichen Verlust von Kohle-, Erzvorkommenund industriellen Ressourcen einherging. Westpreuen kam zuPolen, Frankreich erhielt Elsass-Lothringen zurck. Die ehema-ligen Kolonien wurden unter das Mandat des Vlkerbundes ge-stellt, ebenso das Saarland, dessen Bevlkerung fnfzehn Jahrespter entscheiden sollte, ob sie zu Frankreich oder Deutschlandgehren wollte. Fr Oberschlesien wurde eine Volksabstimmungim Jahr 1921 beschlossen, in der eine Mehrheit fr die Zugehrig-keit zu Deutschland votierte. Dennoch teilten die Alliierten die Region und schlugen die industriellen Teile Oberschlesiens Polenzu. Das knftige deutsche Heer sollte hchstens 100 000 Mannumfassen. Dem Reich wurden hohe Reparationszahlungen aufer-legt, und es hatte zu akzeptieren, dass es die alleinige Kriegsschuldtrug. Der sozialdemokratische Ministerprsident Philipp Scheide-mann sagte, dass einem deutschen Politiker die Hand verdorrenmsse, wenn er diesen Vertrag unterschriebe, und trat zurck.Doch die Drohung der Alliierten, in Deutschland einzumar-schieren, wenn der Vertrag nicht unterschrieben wrde, lieder Reichsregierung keine Wahl. Nachdem der Reichstag mehr-heitlich fr die Annahme gestimmt hatte, wurde der Vertragam 28. Juni 1919 vom sozialdemokratischen Auenminister Hermann Mller und dem Zentrumspolitiker Johannes Bell imNamen der Reichsregierung unterzeichnet.Obwohl die britische und die US-amerikanische Regierung dieNotwendigkeit von Nachverhandlungen ber den Zahlungsmo-dus der Reparationsforderungen anerkannten und verhindernwollten, dass das Deutsche Reich durch eine hohe Schuldenauf-nahme konomisch in die Krise geriet, war der Versailler Vertrageine schwere Belastung fr die Republik. Denn die Rechte mobili-sierte mit aller Kraft gegen das Schanddiktat von Versailles undnutzte jede Gelegenheit, republiktreue Politiker als Erfllungspo-litiker,Novemberverbrecher und Handlanger der Alliierten zudiamieren. Auch die Mordanschlge auf den frheren Reichsfi-nanzminister und Unterzeichner des Waenstillstandes Matthias Erzberger (Zentrum), den Industriellen und ReichsauenministerWalther Rathenau (DDP) und andere zielten darauf, im aufge-brachten politischen Klima den Brgerkrieg zu provozieren. Grndung der NSDAP In diesem politischen Umfeld grndeten in Mnchen der Eisen-bahnschlosser Anton Drexler und der Journalist Karl Harrer am 5. Januar 1919 die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), eine von vielenrechtsextremen, vlkischen Gruppen, die den Kampf gegen dieNovemberverbrecher, gegen den jdischen Bolschewismusund Marxismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten. In ihrer radikalen Ablehnung des Versailler Friedensvertrages 1919 alsDiktat und Schande waren die Vlkischen nicht randstndig,denn die harten Bedingungen des Vertrages lehnten auch weiteTeile des Brgertums bis hinein in die Sozialdemokratie ab. In derhmischen Kritik am liberalen Rechtsstaat der Weimarer Repu-blik und am parlamentarischen System unterschied sich die DAPwenig von anderen rechten Gruppierungen. Ebenfalls trieb siewie etliche andere rechtsextreme Organisationen ein radikaler Antisemitismus um. Was indessen die Nationalsozialisten von anderen Antisemiten unterschied, war die Bereitschaft zur Ge-walt. Fr Hitler galt nur ein Antisemitismus der Tat. Antisemitismus Antisemitismus prgte die Ideologie des Nationalsozialismus, aber Judenfeind-schaft existierte bereits im christlichen Mittelalter in Europa. Juden waren gezwungen, in eigenen Stadtbezirken zu wohnen, mussten bestimmte Kleidungtragen und unterstanden einem besonde-ren Judenrecht. Waren es damals reli-gise Vorurteile wie der Vorwurf, Juden htten Jesus gettet, die den Juden-hass bestimmten, so entstand mit dem modernen, naturwissenschaftlichen Weltbild seit dem 18. Jahrhundert eine neue Dimension der Judenfeindlichkeit. Der Siegeszug, den die Biologie, ins-besondere Charles Darwins Buch ber die Entstehung der Arten, im europischenDenken nahm, fhrte dazu, auch Menschen nach biologischen Kriterien in angeb-lich hher- und minderwertige Rassen ein-zuteilen. Darwins Formulierungen wienatrliche Auslese oder berleben der Tchtigsten (survival of the fittest)wurden politisch missbraucht, um angeb-lich lebensunwertes Leben zu definieren. Rassismus war durchaus bis in die Wis-senschaft hinein verbreitet; die Forderungnach Rassereinheit und nach erbbio-logischen Manahmen, damit sich nur dieBesten vermehrten und die Minder-wertigen sich nicht fortpflanzten, fandenselbst in der Sozialdemokratie Gehr. Die traditionelle religise Judenfeind-schaft, die sich im 19. Jahrhundert auf-grund der Emanzipation der Juden in derbrgerlichen Gesellschaft auch um denNeid auf deren wirtschaftliche Entwicklungerweiterte, wurde nun auch rassistisch bestimmt. Es entstand der moderne Anti-semitismus, der glaubt, in den Juden eine zersetzende, zerstrerische Rasse zu erkennen, die insbesondere die arische Rasse vernichten wollten. Vor allem der Englnder Houston Stewart Chamberlainverbreitete mit seinem viel gelesenenBuch Die Grundlagen des 19. Jahrhun-derts diese Ideologie. Chamberlain, der engmit der Familie Richard Wagners ver-bunden war, traf Hitler Anfang der 1920er-Jahre in Bayreuth und sah in ihm denkommenden Retter des deutschen Volkes. Die wirtschaftlichen Turbulenzen, die sozialen Verwerfungen durch Industri-alisierung und Urbanisierung lieenden Antisemitismus zu einer in allen gesell-schaftlichen Schichten aufzufindenden Ideologie werden, auch wenn sich die Sozialdemokratie oziell stets von der Judenfeindlichkeit distanzierte. Der be-kannte preuische Historiker Heinrich vonTreitschke formulierte 1879 entlich: Die Juden sind unser Unglck. Die po-pulre Familienzeitschrift Die Garten-laube verentlichte antisemitische Arti-kel. ber 250 000 Brger untersttzten1881 eine Petition der Antisemitenliga,die den Ausschluss von Juden aus dem entlichen Dienst und ein Zuwande-rungsverbot von Juden aus Osteuropaforderte. Zwischen 1893 und 1898 saen 16 Abgeordnete antisemitischer Parteien im Reichstag.Zwar verloren antisemitische Parteien in den folgenden Jahren an Einfluss, aberder Antisemitismus in der Gesellschaft war keineswegs verschwunden. In den vl-kischen, nationalistischen Verbnden, in denen sich Hunderttausende von Deut-schen organisierten, gehrte Antisemitis-mus zum politischen Repertoire. Undnicht zuletzt zeigten die entlichen Wer-beschriften von zahlreichen deutschen Badeorten an der Ost- und Nordsee, dass sie Juden vom Kurbetrieb ausschlieen wrden, wie tief die alltgliche Juden-feindschaft in die deutsche Gesellschaft eingedrungen war. 10 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Hitler, der 1919 noch fr die Reichswehr ttig war,um die rechts-radikale Szene in Mnchen zu bespitzeln, erhielt im Septemberden Auftrag, eine Versammlung der DAP zu besuchen. Drexlerentdeckte rasch das Rednertalent Hitlers und warb ihn an, wie auch er in der Gruppe ein Bettigungsfeld fr seine politischenAmbitionen sah. Hitler, der kurz darauf aus der Reichswehr ausschied, um sich ganz auf die Parteiarbeit zu konzentrie-ren, wurde zum Hauptredner der Partei; ber seine entlicheAgitation er bestritt jede Woche mehrere Versammlungen gewann die Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands,wie sie seit Februar 1920 hie, zunehmend mehr Mitglieder.Im Winter 1919/1920 arbeiteten Drexler und Hitler das Partei-programm aus, das im Laufe der nchsten Jahre fr unabnder-lich erklrt wurde. Viele der 25 Punkte unterschieden sich in ihrer Zielsetzung nicht von anderen vlkischen Programmen der Zeit.Gefordert wurden die Aufhebung des Versailler Vertrages, der An-schluss sterreichs, die Rckgabe der Kolonien und die Verstaatli-chung von Grobetrieben. Fr den Mittelstand wurde die Aufl-sung der Warenhuser zugunsten der kleinen Gewerbetreibendenverlangt, fr die Bauern in einer schwammigen Formulierungeine den nationalen Bedrfnissen angepasste Bodenreform.Von dem damals bekannten vlkischen Wirtschaftstheoretiker Gottfried Feder stammte die Forderung nach Brechung der Zins-knechtschaft, was die Abschaung von Einkommen aus Zinser-trgen bedeuten sollte. Arbeit, vor allem Handarbeit, stand imMittelpunkt und die Parole: Gemeinnutz geht vor Eigennutz.Insbesondere zielte das Programm auf die Herstellung einer Volksgemeinschaft ohne Juden. Unter Punkt 4 hie es klipp undklar: Staatsbrger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksge-nosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rcksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.Auf einer Groveranstaltung Ende Februar 1920 mit rund2000 Menschen im Festsaal des Hofbruhauses prsentierteHitler das Programm, las die einzelnen Forderungen vor underhielt laut Polizeibericht starken Beifall. Hitler entwarf persn-lich die Parteifahne mit dem Hakenkreuz in einem weien Kreis auf rotem Grund und verband damit absichtlich ein bekanntes vlkisches Symbol mit der Farbe der Arbeiterbewegung. Baldwar Hitler der hufigste Redner der NSDAP mit mehreren f-fentlichen Auftritten in der Woche, der mit seinen Ausfllen gegen die Republik, insbesondere gegen die sozialdemokra-tisch gefhrte Reichsregierung in Berlin, gegen den VersaillerVertrag und gegen die Juden berhaupt rasch bekannt und voneinflussreichen, rechten Kreisen protegiert wurde. Die SA profiliert sich durch Aufmrsche und Massenschlgereien innerhalb dernationalistischen Szene der Weimarer Republik. Zum Deutschen Tag in Co-burg 1922 wird die Delegation der NSDAP von etwa 800 SA-Mnnern begleitet. ann v Hom Fotoarchiothek Mnchen,tsbibliische StaaeryBaUntersttzung fr die NSDAP Zwar stellte die NSDAP zu dieser Zeit in Mnchen nur eine unter etlichen vlkischen Gruppen dar. Aber es gab honorige und vor allem vermgende Gnner der jungen Partei wie den Verleger Julius F. Lehmann, der mit medizinischen Fachb-chern viel Geld verdiente, das er rechtsextremen Organisati-onen zukommen lie, oder Rudolf Freiherr von Sebottendorf, den Vorsitzenden der sogenannten Thule-Gesellschaft. Diese war ein exklusiver vlkischer Klub, dem unter anderen Julius F. Lehmann, Gottfried Feder, Rudolf He und Hans Frank an-gehrten, und zu dem andere, wie der einflussreiche Publizist Dietrich Eckart sowie der sptere NSDAP-Fhrer Alfred Rosen-berg, Kontakt hielten. Sebottendorf kaufte, um die vlkische Agitation zu forcieren, die Zeitung Mnchner Beobachter, die im August 1919 ihren Namen in Vlkischer Beobachternderte. Immer wieder untersttzten in diesen frhen Jahren wohlhabende Sympathisanten, wie der junge Geschftsmann Kurt Ldecke, der Klavierfabrikant Edwin Bechstein oder der Verleger Hugo Bruckmann samt ihrer Ehefrauen, die finanz-schwache Partei mit zum Teil betrchtlichen Spenden.Aber auch die Verbindung Hitlers zur Reichswehr kam der Partei zugute. Durch seinen frheren militrischen Vorgesetz-ten Karl Mayr lernte Hitler im Frhjahr 1920 den Hauptmann Ernst Rhm kennen, der groen Einfluss auf die sogenannten Einwohnerwehren in Bayern besa, die als bewanete Einhei-ten zur Bekmpfung revolutionrer Umtriebe nach dem Krieg entstanden waren und denen Anfang 1920 mehr als eine Vier-telmillion Mitglieder angehrten. Auch finanziell frderte das Militr die junge Partei. 3000 NSDAP-Broschren zum Ver-sailler Vertrag, die der Lehmann-Verlag im Juni 1920 lieferte,bezahlte die Abteilung von Hauptmann Mayr. Als Ende 1920 die NSDAP den Vlkischen Beobachter bernahm, kamen 60 000 Reichsmark, die Hlfte der erforderlichen Kaufsumme, aus einem Reichswehrfonds. Hitler, der sich im Kampf um die Macht in der Partei erfolg-reich gegen Drexler durchsetzte und im Juli 1921 zum Partei-vorsitzenden gewhlt wurde, setzte ganz auf Propaganda das hie stets Aufruf zur Tat und Demonstration von Strke durch Gewalt. Schon 1920 begann die NSDAP einen Saalschutz aufzu-stellen, um in Prgeleien mit dem politischen Gegner gewapp-net zu sein. Aus dieser Truppe bildete sich die Sturmabteilung (SA) heraus, wie sie ab Oktober 1921 genannt und von Rhm geleitet wurde. Rhm kmmerte sich darum, die Schlger-truppe in eine paramilitrische Organisation umzuwandeln,wobei der SA zugute kam, dass ihr aus den Freikorpsverbn-den erfahrene und ausgebildete Kmpfer zustrmten.Zum Deutschen Tag im nordbayerischen Coburg am14./15. Oktober 1922, einem Aufmarsch der Rechtsradikalen aus allen Teilen Deutschlands, erschienen Hitler und die brige Parteifhrung in einem eigens angemieteten Sonderzug mit rund 800 SA-Mnnern, die trotz eines polizeilichen Verbots in geschlossener Formation marschierten, Hakenkreuzfah-nen entrollten und eine Massenschlgerei mit sozialistischen Arbeitern am Straenrand provozierten. Obwohl die NSDAP-Delegation zu den kleinsten gehrte, hatte sie sich mit Gewalt erfolgreich einen Namen in Nordbayern gemacht. Als sich ebenfalls im Oktober der einflussreiche vlkische Politiker Julius Streicher in Nrnberg mitsamt seiner Anhngerschaft 11 Aufstieg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 der NSDAP unter Hitler anschloss, war die Partei erstmals ber Mnchen hinausgekommen und hatte ihre Mitgliederzahl auf rund 20 000 verdoppelt.Ein weiteres Ereignis im Oktober 1922 sollte fr die jun-ge NSDAP prgend werden: Mussolinis Marsch auf Rom.Zwar war hinter den Kulissen in Absprache mit dem italie-nischen Knig die bergabe der Macht an Mussolini bereitseine fest verabredete Angelegenheit gewesen, aber als etwa 20 000 faschistische Schwarzhemden am 28. Oktober aus verschiedenen Richtungen auf Rom zumarschierten, war der Mythos vom Marsch auf Rom als heldenhafte faschis-tische Machtergreifung geboren und wirkte sich sofort aufdie rechten, putschbereiten Gruppen in Deutschland aus. An-fang November 1922 verkndete der Vlkische Beobachter,dass nun auch Deutschland einen Mussolini habe: Er heit Adolf Hitler. Krisenjahr 1923 Hyperinflation Als die Reichsregierung im Herbst 1922 um die Stundung von Re-parationszahlungen bat und auch mit den Lieferungen von Koh-le und Holz in Verzug kam, besetzten franzsische und belgischeTruppen am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet, um die Lieferung vonKohle und Eisen zu erzwingen. Der daraufhin von der deutschenRegierung ausgerufene passive Widerstand zerrttete Wirt-schaft und Staatsfinanzen und trieb die Geldentwertung in einekaum vorstellbare Dimension. Hatte der Wechselkurs der Mark zum US-Dollar im Dezember 1922 noch bei 8000 gelegen, stieg erbis zum April 1923 auf 20 000 an und erreichte Anfang August die schwindelerregende Marke von einer Million. Danach sank derWert der Reichsmark ins Bodenlose. Vor allem die sozial Schwa-chen, Soldatenwitwen, Rentner oder Kriegsinvaliden, waren derHyperinflation, die ihre ohnehin krglichen Renten radikal dezi-mierte, ohnmchtig ausgeliefert. Hingegen minimierte die Hy-perinflation ebenso alle Geldschulden. Gerade diejenigen, denenes mit Geschick und Skrupellosigkeit gelang, sich Geld zu leihen,um damit Sachwerte zu kaufen, konnten glnzende Geschftemachen. Alle antisemitischen Ressentiments gegen angeblichjdische Geschftemacher und Spekulanten wurden wieder vi-rulent. Brgerliche Grundstze wie: Gutes Geld fr gute Arbeitoder Sparen heit das Alter sichern zerstoben im Wirbel derHyperinflation, die eben nicht nur die materiellen Sparverm-gen vernichtete, sondern auch den Glauben an die Gltigkeit derimmateriellen Werte brgerlicher Gesellschaft. Erst im Novem-ber 1923 gelang es dem neuen Reichskanzler Gustav Stresemannvon der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP), mit einereinschneidenden Whrungsreform die Hyperinflation zu stop-pen und wieder die Stabilitt des Geldwertes zu erreichen. Reichsmarkschein mit antisemitischem Aufdruck, der den Juden die Ver-antwortlichkeit fr die Hyperinflation zuweist. Berlin ung Haney,SammlDie Hyperinflation lsst die Ersparnisse Millionen Deutscher ber Nacht wertlos werden. In einer groen Tonne wird Papiergeld gesammelt, das unter Aufsicht verbrannt werden soll. ullstein bild Rheinlandbesetzung Politisch geriet der Ruhrkampf zu einer Arena separatistischer wie nationalistischer Extremisten. Insbesondere erregten dieschwarzen franzsischen Soldaten aus den Kolonien die deut-schen Gemter. Selbst ein in seinem republikanischen Denkenunzweifelhafter Sozialdemokrat wie Reichsprsident FriedrichEbert uerte im Februar 1923, dass die Verwendung farbiger Truppen niederster Kultur als Aufseher ber eine Bevlkerungvon der hohen geistigen und wirtschaftlichen Bedeutung der Rheinlnder eine herausfordernde Verletzung der Gesetze euro-pischer Zivilisation sei.Die franzsische Seite reagierte auf den zivilen Widerstand mitVerhaftungen, Hausdurchsuchungen und Ausweisungen. EndeMrz wurden bei einer Demonstration in Essen 14 Krupp-Arbeitervon franzsischen Truppen erschossen. Als am 26. Mai 1923 derjunge nationalsozialistische Aktivist und ehemalige Freikorpso-zier Albert Leo Schlageter, der als Fhrer eines Sabotagekomman-dos Eisenbahnschienen gesprengt hatte, zum Tode verurteilt undhingerichtet wurde, stilisierte ihn die NSDAP zum nationalsozia-listischen Mrtyrer. Selbst die Kommunisten versuchten, durchnationale Rhetorik und Lobreden auf den jungen AktivistenSchlageter, der das Richtige gewollt, sich jedoch der falschen Seiteangeschlossen habe, aus der nationalen Welle Gewinn zu ziehen.Linke wie Rechte waren bemht, die Krise radikal fr sich zu nutzen. Die KPD versuchte im Oktober 1923 mit finanzieller Hil-fe der Sowjetunion einen Aufstand, der aber nur in Hamburg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft12wenige Tage zu spren war und klglich scheiterte. Die NSDAP, der in diesen Krisenmonaten ber 35 000 neue Mitglieder zustrmten, fhlte sich stark genug, den Marsch auf Berlin zu wagen. In Grokundgebungen hetzten die Nationalsozialisten und andere Organisationen in Mnchen gegen die Novemberverbrecher in Berlin. Zentrale Symbolfigur der vlkischen Staatsstreichplne war General Erich Ludendor, bei dem sich die Spitzen der paramilitrischen Organisationen trafen und der Hitler nunmehr Reputation auch auf Reichsebene verschate. Die Ernennung Gustav Ritter von Kahrs zum Staatskommissar in Bayern mit diktatorischen Vollmachten durch die dortige rechtskonservative Regierung, verbunden mit der Erklrung des Ausnahmezustands, fachte die kursierenden Staatsstreichplne weiter an.----Hitler-Ludendor-PutschIm November wagte Hitler in Mnchen, die putschbereiten Krfte vor vollendete Tatsachen zu stellen. Zusammen mit Ludendor heckte er den Plan aus, bei einer Versammlung am 8. November im Brgerbrukeller, zu der alle prominenten rechten Politiker erscheinen wrden, die bernahme der Regierung zu erklren und die zgernde Rechte zum Mitmachen zu zwingen. Doch schlossen sich weder das Militr noch die Polizei dem Putsch an. Hitler, der glaubte, durch eine Demonstration der Strke doch noch zum Erfolg zu kommen, marschierte mit seinen Anhngern am Morgen des 9. November durch die Mnchner Innenstadt. Vor der Feldherrenhalle wurden die Demonstranten von einer Polizeitruppe aufgehalten. Welche Seite zuerst schoss, konnte nie geklrt werden. Im anschlieenden heftigen Schusswechsel kamen vier Polizisten und 14 Putschisten, darunter Max Erwin von Scheubner-Richter, der vorne Arm in Arm mit Hitler marschiert war, ums Leben. Htte die Kugel nur wenige Zentimeter weiter rechts getroen, bemerkte der britische Historiker und Hitler-Biograph Ian Kershaw lapidar, wre die Weltgeschichte anders verlaufen.------ - -Hitler und die anderen Hochverrter wurden verhaftet und vor Gericht gebracht. Was das endgltige Ende der politischen Karriere Hitlers und der NSDAP htte bedeuten mssen, geriet indessen zur propagandistischen Umdeutung und Mythologisierung der Novemberrevolution von 1923. Der Vorsitzende Richter besa oenkundig viel Sympathie fr die Putschisten und lie den Angeklagten breiten Raum fr deren propagan--distische Verteidigung. ber den Prozess und ber die Reden der Angeklagten wurde ausfhrlich in den Zeitungen berichtet; als am 1. April 1924 das Urteil verkndet wurde, waren die Zuschauerbnke des Gerichtssaals voll besetzt. Ludendor wurde freigesprochen, Hitler zu fnf Jahren Festungshaft verurteilt, aus der er bereits am 20. Dezember 1924 entlassen wurde. Fr seine weitere politische Karriere in Deutschland war weit mehr von Bedeutung, dass er als sterreichischer Staatsangehriger nicht ausgewiesen wurde, was angesichts seiner Straftat eigentlich erwartbar gewesen wre. --Bei den bayrischen Landtagswahlen im April 1924 erzielte das Wahlbndnis Vlkischer Block einen Stimmenanteil von 17 Prozent und lag damit gleichauf mit der SPD. Und auch bei den Reichstagswahlen einen Monat spter gaben 16 Prozent der bayrischen Whlerinnen und Whler ihre Stimme den Vlkischen, die reichsweit auf 6,5 Prozent der Stimmen kamen und mit 32 Abgeordneten, darunter zehn Nationalsozialisten, in den Reichstag einzogen. Aber trotz des Triumphes vor Gericht und der folgenden, durchaus beachtlichen Wahlergebnisse war klar, dass der Weg des Staatsstreiches vorerst an sein Ende gelangt war und eine neue politische Strategie ausgearbeitet werden musste.-Erste ErfolgeHitler nutzte die Festungshaft in Landsberg, um die politische Taktik der NSDAP nach dem Putschdebakel neu abzustecken. Dabei kam ihm zugute, dass er einerseits innerhalb der Partei und der vlkischen Szene mittlerweile die Aura eines unbeugsamen Fhrers errungen hatte, andererseits aus dem Gefngnis heraus nicht in die organisatorischen Tagesgeschfte eingreifen konnte. Also berlie er es der zweiten Fhrungsriege, die Partei zu verwalten, zog sich oziell fr eine Zeit aus der Politik zurck und konnte sich sicher sein, dass jeder Streit unter den rivalisierenden Gruppen und Anfhrern seinen eigenen Nimbus als Fhrer nur strken wrde.----Er selbst schrieb whrend seiner Haftzeit, in der er bequem mit nahezu unbeschrnkten Besuchs- und Versorgungsmglichkeiten ausgestattet war, den ersten Teil von Mein Kampf.-annich Homullstein bild HeinrVerfrht und vereitelt: Putschisten um Hitler und Ludendor in Mnchen beim Marsch zur Feldherrnhalle am 9. November 1923Komfortable Haftbedingungen in der Festung Landsberg 1924: Hitler mit den Mitverschwrern Emil Maurice, Hermann Kriebel, Rudolf He und Friedrich Weber-bpkInformationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 13 Aufstieg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Mein Kampf Mein Kampf umfasste zwei Bnde: eine politisch stilisierte Auto-biographie Adolf Hitlers und eine programmatische Schrift zu smtlichen Aspekten der nationalsozialistischen Weltanschauung: eine Abrechnung mit den Novemberverbrechern und dem Parlamentarismus, Ausfhrungen zum vlkischen Rassismus, radikalen Antisemitismus, Antimarxismus, zur Lebensraum-Philosophie und zum Fhrerkult. -Der erste Band wurde 1925, der zweite Ende 1926 verentlicht. Eine sogenannte Volksausgabe in einem Band erschien 1930. Trotz zu- nchst eher migen Verkaufserfolgen blieb Hitlers Buch nicht unbe- achtet. Die Reaktionen reichten von intellektueller Geringschtzung ber harsche Kritik aus dem konkurrierenden vlkischen Lager, teils wohlwollenden Einschtzungen aus konfessionellen Milieus bis hin zu Bewunderung. Ein ungelesener Bestseller, wie Historiker noch Mitte der 1960er-Jahre glaubten, war Mein Kampf keineswegs. Waren schon 1932 nach den Wahlerfolgen der NSDAP beachtliche 90 000 Exemplare verkauft worden, explodierten die Verkaufszahlen nach der Machtbernahme 1933. Von 1936 an sollte allen neu vermhlten Ehepaaren eine Ausgabe als Hochzeitsgeschenk berreicht werden, was aber keineswegs alle Standesmter taten. Ab 1939 ent- wickelte sich die Wehrmacht zum Groabnehmer des Buches. -Bis 1945 wurde Mein Kampf in ber zehn Millionen Exemplaren ver-kauft und in 16 Sprachen bersetzt, wodurch der Autor Adolf HitlerMillionen verdiente und 1933 publikumswirksam auf sein Gehalt als Reichskanzler verzichten konnte. Dieses Vermgen diente Hitler unteranderem dazu, Wrdentrger des Regimes und Wehrmachtsgenerle mit grozgigen Geldgeschenken an sich zu binden. Werbung fr Mein Kampf in Mannheim 1934 anlsslich der Woche des deutschen Buches. 1925-1944 lag die Gesamtauflage des Buches bei 10,9 Mio.,Hitler selbst verdiente an jedem Exemplar zehn Prozent des Erlses. tung Photo / Scherl tsche Zeiullstein bild SddeuHitlers Weltbild [...] Wenn man die starren Koordinaten[von Hitlers] Weltbild [...] systematisch ordnet, stt man auf zehn axiomati-sche Basisberzeugungen.1. Hitler verstand die Geschichte als endlosen sozialdarwinistischen Kampf,in dem sich das Recht des Strkeren,die natrliche Auslese der berlegenen,das berleben der Tchtigsten durch-setzte. Der Krieg wurde als Vater allerDinge glorifiziert. So gesehen verstandHitler seine Politik zuerst als Kriegser-klrung, dann als Kriegsfhrung gegen die bestehende Welt und die vorherr-schende Weltauassung.2. In diesem welthistorischen Kampfbesa das arische Volk der Deutschen dank seiner unbertreichen Rassequa-litt im Prinzip die berlegenheit, die ihm das Anrecht auf die Eroberung derweltpolitischen Fhrung gewhrte. [...]3. Innerhalb dieses von der Natur pri-vilegierten Rassestaats galt das Fhrer-prinzip. [...]4. Als Handlungseinheit und Loyali-ttspol, als Integrationszentrum und Lebenssinn besa die Nation den hchs-ten Wert. [...] 5. Das innere Ordnungsgefge der Nation mute zur Volksgemeinschaft umgebaut werden [...].6. Mit der Etablierung der Volksge-meinschaft sollte auch der Marxismus, den die NS-Bewegung von Anfang an erbittert bekmpft hatte, endgltig berwunden werden. [...]7. Wie die Zielutopie und die Politikaller Linksparteien abgelehnt wurden,gehrten auch Liberalismus undDemokratie in die Rumpelkammer der Geschichte. Die Republik und der Parlamentarismus muten einer auto-ritren Staatsform weichen. Dank dieser antiliberalen und antidemokra-tischen, antirepublikanischen und antiparlamentarischen Grundhaltung wurde der Nationalsozialismus zum Erben aller vlkischen und rechtsradikalen Strmungen, aber auch vieler in die Gesellschaft tief hineinreichender anti-moderner Traditionen. 8. Die hchste Prioritt genossen jedochzwei weitere Zielvorstellungen: die Entfernung der Juden dieses unver-rckbar feststehende letzte Ziel des Antisemitismus hatte Hitler, wie erin-nerlich, schon in seinem ersten politi-schen Schriftstck vom September 1919 fixiert und die Eroberung von Lebens-raum im Osten. [...]9. Um den Kampf um die Weltherr-schaft, der in diesem wahnhaften Denken einen so prominenten Platz be-sa, auch gegen die Intrigen des Weltjudentums durchstehen zu kn-nen, bedurfte das Dritte Reich einer riesigen kontinentalen Machtbasis, die nur durch die imperialistische Erobe-rung von Lebensraum in Ruland ge-wonnen werden konnte. [...]10. Judenvernichtung und Lebensraum-eroberung sie gehrten zu den essen-tiellen Bestandteilen von Hitlers Gegen-warts- und Endzeitvorstellung. Nach dem Armageddon der Juden, das der Fhrer herbeizufhren bestimmt sei, nete sich eine grandiose Zukunft:die Weltherrschaft der Arier, vertre-ten durch das Grogermanische Reich Deutscher Nation. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949, C. H. Beck, Mnchen 2003, S. 577 . Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft14Als Hitler am 20. Dezember 1924 das Gefngnis verlie, befand sich die vlkische Bewegung auf einem Tiefpunkt. In den Reichstagswahlen vom 7. Dezember 1924 hatte die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung, einer der mannigfaltigen Versuche einer vlkischen Einheitsorganisation unter Einschluss der Nationalsozialisten, nur noch drei Prozent der Stimmen erhalten und damit real ber eine Million Whler verloren; die vlkischen Fhrer hatten sich als wenig erfolgreich erwiesen und waren untereinander zerstritten. Whrend es den brgerlichen Weimarer Politikern schien, als sei die vlkische Politik erledigt, bot deren Krise Hitler die Chance eines Neubeginns unter seiner ausschlielichen Fhrung.----Am 16. Februar 1925 wurde in Bayern das Verbot der NSDAP und des Vlkischen Beobachters wieder aufgehoben; allerdings hatte Hitler auerhalb Bayerns weiterhin ein entliches Redeverbot. Sogleich verkndete er die Neugrndung der Partei zum 27. Februar 1925, der nur beitreten konnte, wer einen erneuten Mitgliedsantrag stellte. Damit hatte die Parteifhrung eine zentrale Mitgliederkontrolle in der Hand. -Erneut kam Hitler ein gnstiger Zufall zugute. Am 28. Februar 1925 starb Friedrich Ebert, der erste und einzige sozialdemokratische Reichsprsident der Weimarer Republik. Sozialdemokraten, Liberale und katholisches Zentrum einigten sich auf den Zentrumspolitiker Wilhelm Marx als Kandidaten, dessen Sieg sicher schien. Fr die politische Rechte ging der 78-jhrige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg ins Rennen. Hitler hatte Ludendor berredet, im ersten Wahlgang als Kandidat der extremen Rechten anzutreten, was diesem schmeichelte, aber fr ihn in einer deutlichen Niederlage endete. Ludendor erhielt nur ein Prozent der Stimmen, das war noch einmal ein Rckgang gegenber der Reichstagswahl 1924. In der Stichwahl siegte Hindenburg gegen Marx, weil es ihm gelang, ber das konservative protestantische Milieu in Nord- und Ostdeutschland hinaus auch katholische Kreise in Sd- und Westdeutschland zu gewinnen.------Hitlers Macht konzentrierte sich nach wie vor auf Mnchen und Sddeutschland. Auerhalb Bayerns war er auf einflussreiche Parteifhrer wie Gregor Straer angewiesen, der die Arbeitsgemeinschaft der nordwestdeutschen Gauleiter, also der dortigen regionalen Parteifhrer, anfhrte, ein lockeres Bndnis eher linker Strmungen in der NSDAP. --Sitzung der Organisationsleiter und Gaufhrer der NSDAP zum Auftakt des Fhrertages der Partei in der NSDAP-Hauptgeschftsstelle Mnchen am 30. August 1928v Gerstenbergullstein bild Archi-Der Vertraute des Fhrers: der frhere Bankangestellte und sptere Propagandaminister Joseph Goebbels, hier 1928 bei einer Rede in Bernauannich Hom Heinr/bpk annich Hom Heinr/bpk Fhrerkult: Der Hausfotograf Hitlers, Heinrich Homann, wusste ihn gekonnt in Szene zu setzen hier im Braunen Haus, Mnchen 1930.Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/201215AufstiegDessen Bruder, Otto Straer, gab die Zeitschrift Der Nationale Sozialist heraus und vertrat eine betont sozialistische Linie. Auch der junge Joseph Goebbels gehrte als Redakteur der Nationalsozialistischen Briefe zur parteiinternen Linken. Erst im Frhjahr 1926 gelang es Hitler, auf einer Parteifhrertagung in Bamberg diese konkurrierenden Strmungen zurckzudrngen, nicht zuletzt weil Goebbels mit Begeisterung auf Hitlers Seite wechselte. Nun erklrte Hitler jede programmatische Diskussion fr beendet.---Nach Ludendors Debakel und dem Sieg ber die innerparteilichen Konkurrenten galt Hitler als anerkannter Fhrer, der fr sich die absolute Herrschaft innerhalb der NSDAP beanspruchte. Immer strker inszenierte die Partei einen Fhrerkult um Hitler. Parteimitglieder hatten nun mit Heil Hitler zu gren; die Jugendorganisation wurde Hitlerjugend genannt; Hitlers Wort galt in der Partei als unumstlich; das Parteiprogramm verschmolz immer mehr mit seiner Person. Insbesondere Goebbels, der 1930 Reichspropagandaleiter wurde, stellte die Auenwirkung der Partei ganz entscheidend auf die Person Hitlers ab, der nicht als Fhrer der NSDAP, sondern des ganzen Deutschland prsentiert wurde. Hitlers Machtstellung grndete damit zum einen in der unumstrittenen Fhrungsrolle innerhalb der NSDAP, zum anderen in der auergewhnlichen symbolischen Position eines Fhrers. Die Fhrererwartung breiter gesellschaftlicher Kreise, die sich Orientierung erhoten, traf auf den bewusst inszenierten Fhrerkult, den die Propaganda der Partei unaufhrlich betrieb.-------Zustzlich entstand in den folgenden Jahren ein Netzwerk von Berufs- und Sonderorganisationen um die NSDAP herum. Neben der Hitler-Jugend grndeten sich 1926 der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund, 1928 der Bund Nationalsozialistischer Juristen, 1929 der Nationalsozialistische Deutsche rztebund und der Kampfbund fr Deutsche Kultur, 1929 der Nationalsozialistische Schlerbund, 1930 der Agrarpolitische Apparat und die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) (siehe auch Schaubild S. 62). ---Agitation auf dem LandAber noch stand die NSDAP am Beginn ihres politischen Aufstiegs. Sieger der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 waren die Sozialdemokraten und die Kommunisten. Die SPD wurde mit knapp 30 Prozent der Stimmen strkste Partei und erreichte damit ihr bestes Wahlergebnis seit 1919; die KPD erhielt gut zehn Prozent. Dagegen verlor die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) fast ein Drittel ihrer Whler und kam nur noch auf gut 14 Prozent. Die NSDAP, die erstmals allein antrat, erreichte sprliche 2,6 Prozent der Stimmen, konnte aber dennoch, da es in der Weimarer Republik keine 5-Prozent-Sperrklausel gab, zwlf Abgeordnete in den Reichstag entsenden.--- -Vor allem in den Stdten, sieht man einmal von Mnchen, Nrnberg, Koblenz und Weimar ab, wo sie jeweils ber zehn Prozent erreichte, waren die Ergebnisse fr die NSDAP miserabel. In Berlin errang sie zwar entliche Aufmerksamkeit, aber noch keine Whlerstimmen und erzielte nur 1,6 Prozent. Auf dem Land sah die Lage allerdings anders aus. In Franken und Oberbayern lagen die Stimmanteile deutlich ber dem Durchschnitt, aber auch in den lndlichen Regionen Norddeutschlands, wo sie bislang kaum aktiv gewesen war, hatten deutlich mehr Whlerinnen und ---Whler als im Reichsdurchschnitt der NSDAP ihre Stimme gegeben. Die Parteifhrung zog daraus den folgerichtigen Schluss und verlagerte das Schwergewicht der Propaganda auf die lndlichen Gebiete und kleineren Stdte, um die Bauern und den Mittelstand zu gewinnen.-Die Lage der Landwirtschaft war in dieser Zeit sehr angespannt. Durch die langjhrige Schutzzollpolitik war zwar der Import billigen Getreides vom Weltmarkt abgewehrt und die deutsche Landwirtschaft geschont worden, diese zugleich aber davon abgehalten, ihre Produktionsmethoden an das Weltmarktniveau anzugleichen. Die unabnderlich notwendige Modernisierung der Agrarproduktion war ---Auf dem Land waren die Nationalsozialisten zunchst erfolgreicher als in den Stdten. NSDAP-Treen mit selbstgemalten Hakenkreuzfahnen im Watt vor Bsum, Juli 1930.urenbesselv Bsum-WtsarchiAmWahlkampfwerbung per Lautsprecherwagen zum zweiten Wahlgang der Reichsprsidentenwahl 1932ullstein bild 16 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 - nun mit der nung der Mrkte in der Weimarer Republik verbunden mit einem Anstieg der Preise fr Maschinen, Kunstdnger und Gerte und zwang viele Bauern,Kredite aufzunehmen. Zugleich verfielen die Erzeugerpreiseaufgrund einer weltweiten berproduktion insbesonderevon Getreide. Da zahlreiche Hfe nicht mehr in der Lagewaren, die Zinsen, geschweige denn den Kredit selbst, abzubezahlen, waren Zwangsversteigerungen die Folge. Wiein Schleswig-Holstein, wo die Landvolkbewegung Zehntausende mobilisierte und in einen, zum Teil gewaltttigenWiderstand trieb, setzten sich auch in Ostpreuen die Bauern zur Wehr. ----Die militante Aufkndigung staatsbrgerlicher Loyalitt darf nicht unterschtzt werden. Denn sie war Ausdruck dafr, wie sich der Hass gegen das Weimarer System verstrkte, das anscheinend nicht in der Lage war, die wirtschaftliche Not zu lindern und die bedrngten Bauern gegen die ruinsen Ansprche der Glubiger zu schtzen. Die staatliche Pflicht zur Zwangsvollstreckung, wenn der Glubiger vor Gericht die Eintreibung seiner Schulden erstritten hatte, erschien den Betroenen als Parteinahme des brgerlichen Staates fr das anonyme, kalte, raende Kapital. Der rasante Aufstieg der Nationalsozialisten innerhalb weniger Jahre ist daher nicht allein mit der sozialen Misere zu erklren, sondern bedurfte auch dieser politischen Ablsung aus der Loyalitt zur brgerlichen Rechtsordnung und der Hinwendung zu Selbsthilfe und Gewalt. Ende 1928 schilderte die Wochenzeitung des Centralvereins deutscher Staatsbrger jdischen Glaubens (CV) unter der berschrift Nationalsozialistischer Terror! Flaches Land und Kleinstadt werden besonders bearbeitet ber mehrere Seiten hinweg die Gewaltaktionen gegen Juden im Deutschen Reich, wobei neben Bayern besonders das angrenzende schsische Vogtland, das Rheinland, Hannover und Ostfriesland, Gro-Berlin und Ostpreuen herausgehoben wurden. In der Tat ging die NSDAP aufgrund der Wahlerfolge ----------in den lndlichen Gebieten verstrkt dazu ber, in den kleinen und mittleren Orten Prsenz zu zeigen und Strke zu demons-trieren. Dazu wurden regional SA-Einheiten zusammengezo-gen, die dann in geschlossener Formation durch die Drfermarschierten. Sicher bedeutete ein solches Spektakel fr die Dorfbevl-kerung auch eine willkommene Abwechslung, vergleich-bar mit dem Jahrmarkt, einer Filmvorfhrung oder einemZirkusbesuch. Zugleich aber sorgte der stereotype Ablauf,der immer wieder Gelegenheit zu gezielten Gewaltausbr-chen bot, dafr, dass der jeweilige Ort fr Stunden von derSA regelrecht beherrscht wurde und die normale Ordnungdes Dorfes auer Kraft gesetzt war: Gefallenenehrung vordem rtlichen Kriegerdenkmal, Propagandamarsch durchdie Kleinstadt, entliche Kundgebung, Standkonzert derSA-Kapelle, abendliche Saalveranstaltung und schlielichnchtlicher Fackelmarsch und Zapfenstreich. SA-Aufmarsch in Spandau 1932. Vorn marschieren SA-Leute, die in Kmpfen mit dem politischen Gegner verwundet wurden. 6-1982-094-32 , Bild 14BundesarchivPropaganda Die Rednerveranstaltung bildete die Basis der politischenArbeit. 1928 verfgte die NSDAP ber reichsweit 300 Red-ner, die in diesem Jahr allein 20 000 Veranstaltungenbestritten. Noch im selben Jahr wurde eine zentrale Red-nerschule geschaen, mit deren Hilfe es in den nchstenbeiden Jahren gelang, die Zahl der Redner bis zur Reichs-tagswahl 1930 auf etwa tausend zu verdreifachen. Seitherfhrte die NSDAP, was die Versammlungsdichte betraf, dieStatistik vor den Kommunisten und Sozialdemokraten an. Gerade in der Provinz traten nationalsozialistische Redner auf. Eine Denkschrift des Preuischen Innenministeriums aus dem Mai 1930 konstatierte, dass kaum ein Tag vergehe,an dem nicht selbst in den entlegenen Bezirken mehrerenationalsozialistische Versammlungen stattfnden. Die Redner seien gut geschult, gingen geschickt mit ihren The- 17 Aufstieg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 men auf die Zuhrer ein und sorgten nach den Beobach-tungen der Polizei fr fast durchweg berfllte Sle undBeifall des Publikums. Versammlungen mit 1000 bis 5000Teilnehmern seien in den greren Stdten eine tglicheErscheinung.Die zweite wichtige Propagandaform waren die Stra-endemonstrationen in den Stdten und Werbemrsche in der Provinz durch die SA. Die einzige Form, in der sichdie SA an die entlichkeit wendet, hie es im SA-BefehlSA und entlichkeit (Propaganda) vom November 1926,ist das geschlossene Auftreten. Dieses ist zugleich eine derstrksten Propagandaformen. Neben den Parolen, Kund-gebungen und Flugblttern sollte vor allem der SA-Mannselbst das junge Deutschland verkrpern.Massenveranstaltungen und Demonstrationen waren nicht blo politische Manifestationen, sondern berlegteund organisierte Inszenierungen, die Macht und berle-genheit vermitteln sollten. Komplexe Sachverhalte wurdenauf einfache Slogans und eindeutige Symbole reduziert.Nicht nur bei der NSDAP, die gesamte politische Auseinan-dersetzung in der Weimarer Republik war ganz wesentlichvon einem neuen Bildmedium geprgt: dem Plakat, das, inhoher Auflage gedruckt, massenhaft vor allem in den Std-ten verbreitet werden konnte. Auf einem Plakat konnten Bild und Text, Slogan und Symbol, Form und Farbe in wirk-samer Weise konzentriert werden. Unser Krieg wird inder Hauptsache mit Plakaten und Reden gefhrt, schriebGoebbels am 1. Mrz 1932 in sein Tagebuch. Im Reichstags-wahlkampf im Juli 1932 lie allein die Hamburger NSDAPber 77 000 Plakate kleben. Gewaltttige Parolen wie Zer-schmettert den Weltfeind (1928) oder Haut sie zusam-men! (1930), die durch die Darstellung von kraftstrotzen-den Mnnern mit zum Schlag erhobenen Hmmern gegen die internationale Hochfinanz oder die brgerlichenParteien bekrftigt wurden, dominierten die Wahlkmpfe1928 und 1930, whrend danach Zukunftsversprechen wieArbeit und Brot und die Fokussierung auf Hitler die Pro-paganda beherrschten. (siehe auch S. 18 .)Inhaltlich richtete sich die NS-Propaganda in den Wahl-kmpfen 1928 und 1930 gegen die Sozialdemokraten, denenVerrat wegen ihrer Zustimmung zum Versailler Vertrag, Kor-ruption und Bonzentum vorgeworfen wurde. Als Bttel derjdischen Hochfinanz treibe die SPD Deutschland in denAbgrund. Nicht zuletzt mobilisierten die Nationalsozialis-ten im Kampf gegen den Marxismus die antikommunis-tischen ngste des Brgertums auch gegen die Sozialdemo-kraten. Zwar stand der Antisemitismus nicht ausdrcklich in der Propaganda im Vordergrund, aber Weimarer Repu-blik, Demokratie und Judentum wurden im Kampf gegendas System untrennbar miteinander verknpft. Im Reichs-tagswahlkampf 1930 wurden die politischen Reprsentan-ten der Republik als Juden dargestellt und die Forderunggestellt: Deutsches Volk, Du hast zu whlen.Ein zunehmend wichtiger werdendes Element in der Pro-paganda der Partei wurde die Person Adolf Hitler selbst.Mochte es auch noch weiterhin politische Richtungskmp-fe und Machtauseinandersetzungen zwischen Partei- undSA-Fhrern gegeben haben, an der Rolle Hitlers als Fhrer,der das divergierende vlkische Spektrum als Symbol derEinheit verkrperte, rttelte niemand mehr. Joseph Goeb-bels und Rudolf He bemhten sich ihrerseits, den Fhrer-Mythos (Ian Kershaw) zu festigen und auszubauen.Dass es eine lange deutsche Fhrertradition gab, die berBismarck, Friedrich II., Luther bis zum Kaiser Barbarossa zurckreichte, und nach der Katastrophe des Ersten Welt-kriegs erst recht nach einem willensstarken, weitsichtigen,tatkrftigen Fhrer verlangt wurde, kam der Inszenierungdes Hitlerbildes durchaus entgegen. Zudem besa er im Un-terschied beispielsweise zum greisen ReichsprsidentenHindenburg nicht nur den Vorteil, jung zu sein, sondern vor al-lem als ein Mann aus dem Volk zu gelten, einer von uns zu sein, der zeigt, was in uns steckt, ein Auenseiter jenseits des politischen Alltagsbetriebes des Kompromisses, jemand, der aus der Routine ausbricht und das Unvorgesehene tut, ins-tinktiv Entscheidungen trit und etwas wagt.Die Mobilisierung der Partei wurde durch die Krise derWeimarer Republik untersttzt. Der weltweite Konjunktur-rckgang lie auch in Deutschland die Zahl der Arbeitslo-sen steigen. Im Februar 1929 waren es erstmals ber dreiMillionen, was die KPD glauben machte, mit einem schar-fen Linkskurs die Arbeitermassen revolutionr mobilisieren zu knnen. Trotz des Demonstrationsverbots, das der sozi-aldemokratische Polizeiprsident von Berlin, Karl FriedrichZrgiebel, nach blutigen Auseinandersetzungen zwischenKommunisten und Nationalsozialisten im Dezember 1928 verhngt hatte, demonstrierte die KPD am 1. Mai 1929 undlieferte sich schwere Straenschlachten mit der Polizei. ber 30 Tote, 194 Verletzte und ber 1200 Verhaftungenwaren die Folge dieses Blutmai, wie er in der Agitationder KPD anschlieend hie. Zudem wurde die Reparationsfrage neu aufgerollt, als imJuli 1929 der sogenannte Young-Plan zwischen den Alliiertenund der deutschen Reichsregierung unterzeichnet wurde,mit dem Reparationszahlungen bis in das Jahr 1988 hineinvereinbart worden waren. Zwar hatte die deutsche Delegati-on durchaus einiges zugunsten des Reiches in den Verhand-Rednerveranstaltungen bildeten die Grundlage der politischen Arbeit.Wahlkundgebung der NSDAP in Berlin 1932 tung Photo / Scherl tsche Zeiullstein bild Sddeu 18 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 lungen erreicht, aber die deutsche Rechte, einschlielich derNSDAP, machte dessen ungeachtet mit aller Gewalt gegenden Young-Plan mobil. Als am 24. Oktober 1929 (Schwar-zer Freitag) die internationalen Brsen zusammenbrachen und ein weltweites wirtschaftliches Erdbeben auslsten, war die tiefe konomische wie soziale Krise unbersehbar geworden. ullstein bild Reichsprsidentenwahl 1932: Groflchige Plakate werben fr Hitler und Hindenburg. Wahlerfolg 1930 In dieser Situation erweckte die politische Klasse in Berlinkeineswegs den Anschein, der schwierigen Lage gewachsenzu sein. Im Mrz 1930 brach das sozialdemokratisch gefhrteKabinett, das sich auf eine Reichstagsmehrheit von SPD, DDP,DVP und Zentrum hatte sttzen knnen, an seinen inneren politischen Widersprchen auseinander. Die nachfolgendeRegierung unter dem Zentrumspolitiker Heinrich Brningbrauchte sich nicht mehr, so die Zusage des Reichsprsiden-ten Hindenburg, um parlamentarische Mehrheiten zu km-mern, sondern konnte mit Notverordnungen aufgrund des Artikels 48 regieren, der laut Verfassung nur bei Gefahr der entlichen Sicherheit und Ordnung angewandt werden durfte. Als eine Mehrheit des Reichstags am 16. Juli 1930 von ihrem Verfassungsrecht Gebrauch machte und die ersten Not-verordnungen zu Steuerfragen zurckwies, lste Brning mit einer Vollmacht Hindenburgs den Reichstag auf und setzte Neuwahlen fr den 14. September 1930 fest eine klare Miss-achtung der verfassungsmigen Rechte des Parlaments. Von nun an regierten bis 1933 autoritre Prsidialkabinette ohne parlamentarische Mehrheit allein mit der Notverordnungs-vollmacht des Reichsprsidenten; die parlamentarische De-mokratie war faktisch ausgesetzt.Insgesamt hatte sich die politische Landschaft mittlerweile nach rechts verschoben. In der Deutschnationalen Volkspartei,die in den Reichstagswahlen 1928 zwar fast ein Drittel ihrer Whler verloren hatte, aber dennoch nach der SPD zweitstrks-te Fraktion des Reichstags blieb, hatte der rechtsnationalisti-sche Chef eines weit verzweigten Presse- und Filmkonzerns,Alfred Hugenberg, die Wahlniederlage genutzt, um die bishe-rige nationalkonservative Parteifhrung abzulsen und sich an die Spitze der Partei zu stellen. Auch im katholischen Zen-trum bernahm mit dem Trierer Prlaten Ludwig Kaas eine deutlich national-autoritre Figur die Fhrung der Partei und drngte den sozialen Katholizismus an den Rand. Und wer die Wahlen in jenen Monaten aufmerksam beobachtete, konnte den unaufhrlichen Aufstieg der NSDAP kaum bersehen.Bei den Landtagswahlen in Sachsen im Mai 1929 stieg derAnteil der NSDAP-Stimmen von 1,6 Prozent auf fnf Pro-zent, bei den badischen Landtagswahlen im Oktober 1929erreichte sie sieben Prozent und hatte damit die Zahl ihrer Whler versiebenfacht. In Berlin whlten einen Monat sp-ter ber 130 000 Whler, knapp sechs Prozent, die National-sozialisten. Damit zogen erstmals 13 NSDAP-Abgeordnetein die Berliner Stadtverordnetenversammlung ein. Und imDezember 1929 gewann die Partei in Thringen ber elfProzent der Stimmen, was dazu fhrte, dass ein Nationalso-zialist, Wilhelm Frick, als Minister fr Inneres und Volksbil-dung Mitglied in einer Landesregierung wurde. Als im Juni1930 erneut Landtagswahlen in Sachsen notwendig wurden,verdreifachte die NSDAP ihr Vorjahresergebnis nahezu aufnunmehr ber 14 Prozent. 19 Aufstieg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Im Wahlkampf fr die Reichstagswahlen im September 1930, dervon Joseph Goebbels als frisch ernanntem Reichspropagandalei-ter gefhrt wurde, waren die Nationalsozialisten beraus aktiv.Im Sommer fanden bis hin in die entlegensten Orte Wahlveran-staltungen der NSDAP statt. Allein in den letzten vier Wochenvor dem Wahltermin waren nicht weniger als 34000 Versamm-lungen angesetzt. In seinen Reden gri Hitler die parlamenta-rische Demokratie und die Parteien scharf an, die allesamt nur Interessen vertreten wrden, whrend die NSDAP fr die ganzeVolksgemeinschaft stnde.Trotz aller Anzeichen war das Ergebnis der Reichstagswahlenam 14. September 1930 fr viele Beobachter ein Schock. Wh-rend die SPD im September 1930 zwar Stimmen verlor, mit 24,5Prozent aber immer noch strkste Reichstagsfraktion blieb unddie KPD ihren Anteil auf 13,1 Prozent steigern konnte, erlitt dasbrgerliche Lager dramatische Verluste. Dagegen bertraf derErfolg der NSDAP selbst die eigenen Erwartungen. Ihre Stim-menzahl stieg von gut 800 000 auf ber 6,4 Millionen, das ent-sprach einem Anteil von 18,3 Prozent. Damit wurde die NSDAPauf Anhieb zweitstrkste Partei und zog mit 107 Abgeordnetenin den Reichstag ein ein politischer Erdrutsch, wie es ihn in der Geschichte der parlamentarischen Wahlen in Deutschlandbis dahin noch nicht gegeben hatte. Das Plakat ist das neue Bildmedium der Weimarer Zeit. Damit kmpfen rechte Krfte 1929 gegen den Young-Plan ... aengel t Rothg Herberer:afik Gr , Plak 002-015-022 / Bundesarchiv... und die NSDAP prsentiert sich 1932 als Baumeister der Zukunft. bpk Whlerinnen und Whler der NSDAP Woher kamen die Stimmen fr die NSDAP? Erstens konnten die Nationalsozialisten strker als andere Parteien bisherige Nichtwhler, vor allem in den lndlichen Wahlkreisen, mo-bilisieren und profitierten vom generellen Anstieg der Wahl-beteiligung. Hatten 1928 gut 31 Millionen Brgerinnen und Brger ihre Stimme abgegeben, waren es im Sommer 1932 knapp 37 Millionen, bei den Mrzwahlen 1933 sogar 39 Mil-lionen. Rund ein Viertel derjenigen, die 1930 fr die NSDAP votierten, waren zwei Jahre zuvor nicht zur Wahl gegangen.Zweitens konnten die Nationalsozialisten in hohem Mae Stimmen aus dem deutschnationalen und rechtsbrgerlichenLager abziehen, wie die drastischen Verluste der Deutschnatio-nalen Volkspartei DNVP und der Deutschen Volkspartei DVPzeigten. Die DNVP, die im Dezember 1924 mit ber sechs Mil-lionen Stimmen bei mehr als zwanzig Prozent gelegen hatte,erreichte jetzt gerade einmal sieben Prozent; die DVP halbierteim selben Zeitraum ihre Stimmenzahl und kam auf nur noch knapp fnf Prozent. berall dort, wo diese Parteien Stimmen verloren, gewannen die Nationalsozialisten berdurchschnitt-lich hinzu. Neben den bisherigen Nichtwhlern speiste sich derErfolg der NSDAP vor allem aus diesem Whlerreservoir. DerZerfall des brgerlich-protestantischen Lagers, das nicht mehrin der Lage war, kontinuierliche politische Bindungen herzu-stellen, begnstigte das Image der NSDAP als einer jungenVolkspartei, die klassen- und schichtenbergreifend die deut-sche Volksgemeinschaft schaen wollte.Entgegen einer immer noch landlufigen Meinung waren eskeineswegs die Frauen, die Hitler und der NSDAP zum Aufstiegverhalfen. Zwar erzielten die Nationalsozialisten bei den Wh-lerinnen einen berdurchschnittlichen Stimmenzuwachs. Aber Frauen gehrten, obwohl sie deutlich mehr Wahlberechtigtestellten als die Mnner, eher zu den Nichtwhlern. Und wenn sie zur Wahl gingen, stimmten sie mehr fr die konservativen Par-teien der Mitte als fr die Radikalen auf der rechten oder linken Seite. Zwischen 1924 und 1930 wurde die NSDAP deutlich weni-ger von Frauen gewhlt als von Mnnern. Nach 1932 nderten 20 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Unser Krieg wird in der Hauptsache mit Plakaten und Reden gefhrt, so Joseph Goebbels 1932. Ehemalige Weltkriegsteilnehmer,Bauern, Frauen, Arbeiter, Angestellte und Jungakademiker werden umworben in der Weltwirtschaftskrise auch die von Armut bedrohten Whlerschichten. Vielfach gengt der kommentarlose Hinweis auf Hitler Beweis fr dessen gestiegene Popularitt. annich Hom othek / Heinrtsbibliische Staaery Ba / bpk brecht Felix Aler:afik Gr / , Plak 002-016-060Bundesarchivbpktz ar Ka SMB / Dietmothek, kunstbibli / bpk 21 Aufstieg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 jedoch viele Whlerinnen ihre Meinung, und der Zustrom weib-licher Stimmen fr die Nationalsozialisten, vor allem bei den Reichstagswahlen im Mrz 1933, trug ohne Zweifel zur nochmali-gen Steigerung der nationalsozialistischen Stimmenzahl bei.Sehr schwer tat sich die NSDAP in den katholischen Gegen-den. Deutschland war zu gut zwei Dritteln protestantisch undeinem Drittel katholisch geprgt, und im Vergleich zur Bundes-republik zeichnete sich die Weimarer Republik noch durch einehohe konfessionelle Homogenitt in den jeweiligen Regionenaus. Landkreise mit jeweils ber 90 Prozent der einen oder an-deren Konfession stellten durchaus keine Seltenheit dar, son-dern waren eher die Regel. Aufgrund der Minderheitsposition,die durch die staatlich-protestantische Diskriminierungspolitikvon Reichskanzler Otto von Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts, den sogenannten Kirchenkampf, verstrkt worden war, hattesich ein eigenes katholisches Milieu mit Vereinen, Wertnormenund nicht zuletzt einer eigenen politischen Partei, dem Zen-trum, gebildet. So war es auch noch in der Weimarer Republik freinen deutschen Katholiken geboten, nicht nach Schicht, Klasseoder Region als vielmehr nach konfessioneller Zugehrigkeit zuwhlen. Keine andere Partei hatte eine solche Stabilitt ihrer Whler vorzuweisen wie das Zentrum und die regionale Bayri-sche Volkspartei. Noch bei den letzten Wahlen der Weimarer Re-publik im Mrz 1933 konnten diese beiden Parteien ber vierzigProzent der katholischen Whler, und damit eine klare Mehr-heit der praktizierenden Katholiken, an sich binden. Allerdings war der Zenit der Stabilitt des katholischen Milieus damit be-reits berschritten, und nach 1933 erodierte die konfessionelle Bindungskraft des politischen Katholizismus.Weit mehr Erfolg hatten die Nationalsozialisten dagegen inden protestantisch geprgten Gegenden. Bei allen Wahlen nach1928 ist ein starker statistischer Zusammenhang zwischen demAnteil evangelischer Whler und den Wahlerfolgen der NSDAPzu beobachten. Kein anderes Sozialmerkmal hat den Erfolg derNSDAP bei den Wahlen in der Weimarer Republik so beeinflusstwie die Konfession. 1930 stimmten doppelt so viele Protestan-ten wie Katholiken fr die Nationalsozialisten, im Juli 1932 war das Verhltnis sogar extremer. Erst in den letzten Monaten derRepublik begann sich der Abstand zwischen katholischen undevangelischen Whlern der NSDAP anzugleichen.Die Grndungdes Deutschen Reiches 1871 war vom protestantischen Preuendominiert worden. Die sogenannte kleindeutsche Lsung, diedas katholische sterreich ausschloss, hatte die Katholiken in die Minderheit gebracht und den Protestanten die kulturelleHegemonie verschat. Deutscher Nationalismus und Protes-tantismus waren seither eng miteinander verbunden.Die wichtigste Gruppe der NSDAP-Whler schienen nachzeitgenssischer Ansicht die Mittelschichten zu sein. Nachder Septemberwahl 1930 prgte der Soziologe Theodor Gei-ger das Schlagwort von der Panik im Mittelstand. Die Ar-beiter galten den Zeitgenossen als weniger anfllig fr denNationalsozialismus. Demgegenber ist jedoch festzuhalten,dass keineswegs alle Arbeiter in der Weimarer Republik links whlten. Die Arbeiterschaft stellte zwar die grte sozialeGruppe der Wahlberechtigten, aber zu ihr zhlten die ostelbi-schen Landarbeiter ebenso wie Heimarbeiter aus dem Erzge-birge und Arbeiter in kleinen Handwerksbetrieben. Nur eineMinderheit gehrte zur klassischen Industriearbeiterschaft,die berwiegend sozialdemokratisch whlte.Arbeiterstimmen trugen nicht in besonderem Ma zum Erfolg der NSDAP bei, sondern sie entsprachen dem durchschnittlichenZuwachs. Bemerkenswert ist auch, dass es nicht die Arbeitslo-sen, sondern vielmehr die erwerbsttigen Arbeiter waren, die tzer]eiw [Hans Schlnir; Mjer:afikGr/ 7 Plak 002-016-04,vBundesarchi002-016-055 , Plak BundesarchivInformationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft22fr die NSDAP stimmten. Hingegen lsst sich ein positiver statistischer Zusammenhang zwischen Landarbeitern und NSDAP feststellen. Die Wahlerfolge der Nationalsozialisten in den agrarischen Regionen Deutschlands wurden demnach nicht nur von den Bauern, sondern auch von den Landarbeitern getragen. --Den strksten Anstieg zwischen 1928 und 1933 erzielte die NSDAP in den protestantischen lndlichen Gebieten, in denen sie auch hinsichtlich der absoluten Stimmenzahl die hchsten Whleranteile mobilisieren konnte. Die Wahlerfolge auf dem Land schlugen sich auch in den Neueintritten nieder. 40 Prozent der neuen Parteimitglieder in den Jahren 1925 bis 1930 stammten aus Orten mit weniger als 5000 Einwohnern, 1931 waren es sogar 50 Prozent.-Ab den Reichstagswahlen im Juli 1932 gaben mehr Arbeiter der NSDAP ihre Stimme als jeweils der KPD und SPD. Deswegen wurde die NSDAP noch nicht, wie sie sich selbst gern gesehen hat, eine Arbeiterpartei. Aber eine reine Mittelschichtspartei war sie ebenso wenig. Auch die Anitt von Angestellten zur NSDAP ist weniger eindeutig als es hufig angenommen wird. Eher haben es die Nationalsozialisten in Wahlkreisen, in denen berdurchschnittlich viele Angestellte wohnten, sogar schwerer gehabt als anderswo. --Dagegen war die Beamtenschaft in ihrer Gesamtheit deutlich anflliger fr den Nationalsozialismus. Zwischen 1928 und 1933 traten Beamte in berdurchschnittlicher Zahl in die NSDAP ein, so dass sogar die amtliche Parteistatistik feststellen musste, dass sie als Berufsgruppe unter den Mitgliedern schon vor dem September 1930 berreprsentiert waren. Und nach den Reichstagswahlen am 5. Mrz 1933 waren es wiederum die Beamten, die den Hauptzustrom an neuen Mitgliedern stellten. Den Beamten, die aufgrund von Gehalts- und Pensionskrzungen ebenfalls unter der desastrsen Lage der entlichen Haushalte durch die Wirtschaftskrise litten, bot sich die NSDAP als Verteidigerin ihrer Interessen an. Nicht von ungefhr hie das antisemitische Gesetz vom April 1933, das den deutschen Juden im entlichen Dienst Berufsverbot erteilen sollte, Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.-----Der entscheidende Wahlerfolg der NSDAP im September 1930 befrderte auch die Mitgliederentwicklung. Gab es Ende 1928 rund 97 000 NSDAP-Mitglieder, wuchs deren Zahl auf knapp 130 000 im September 1930 und sollte sich bis zur Machtbernahme im Januar 1933 auf annhernd 850 000 steigern. Die zunehmende organisatorische Strke der Partei machte es ihr wiederum leichter, mit zahlreichen Veranstaltungen vor Ort Wahlerfolge zu erzielen. (siehe auch Tabelle S. 34)-Obgleich die Oberschicht in absoluten Zahlen nur einen kleinen Teil der NSDAP-Mitgliedschaft ausmachte, so war dennoch auch sie deutlich berreprsentiert. Neben Adligen und Selbststndigen stellte vor allem die angehende akademische Elite einen signifikanten Teil der NSDAP-Mitglieder. Es gab neunmal so viele Studenten in der NSDAP wie in der erwerbsttigen Bevlkerung insgesamt. Und es waren die Universitten, an denen die Nationalsozialisten frhe Triumphe feiern konnten. 1926 gegrndet, breitete sich der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) im reaktionr und antisemitisch geprgten studentischen Milieu rasch aus. Nach internen Auseinandersetzungen bernahm Baldur von Schirach als Hitlers Gefolgsmann die Leitung des NSDStB im Juli 1928. Von nun an folgten die Hochschulgruppen der Linie der NSDAP, viele nationalsozialistische Studenten gehrten zugleich der Partei, der SA oder SS an. ------Die NSDAP prsentierte sich als Partei der Jugend, des Aufbruchs und des neuen Deutschlands. Dies wurde durch die Altersstruktur ihrer Mitglieder untermauert. Bei der Neugrndung 1925 lag das Durchschnittsalter bei 29 Jahren, und die neuen Mitglieder, die der Partei bis 1933 zuliefen, waren im Durchschnitt etwa 31 Jahre alt. Auch zur SA, vor allem in Grostdten wie Berlin, stieen vorwiegend junge Mnner: Weit ber zwei Drittel der SA-Mitglieder waren unter 30 Jahre alt. Dagegen waren die Mitglieder der brigen Parteien der Weimarer Republik im Durchschnitt entschieden lter bis auf die KPD, die eine hnlich junge Mitgliederstruktur wie die NSDAP aufweisen konnte. Macht Platz, ihr Alten! forderte dementsprechend Gregor Straer; die Hitlerjugend gab 1932 die Parole aus: Das System ist jugendfeindlich!, und Goebbels denunzierte die Weimarer Republik als Republik der Greise, womit er in der Tat einen Schwachpunkt traf, denn die politische Fhrungsschicht der Republik war in der Tat stark beraltert. Hitler selbst lie keine Gelegenheit aus, die Kraftlosigkeit und Indierenz der Vter anzuprangern und sich selbst auch als Fhrer der Jugend zu feiern.------Whrend die ehemals fest gefgten sozialmoralischen Milieus (M. Rainer Lepsius) der bisherigen politischen Strmungen aus dem 19. Jahrhundert Liberale, Konservative, Katholiken und Sozialdemokraten brchig wurden und die KPD eine ausdrckliche Klassenpolitik betrieb, konnte die NSDAP sich als junge, klassenbergreifende Volkspartei prsentieren. Hitler gewann das Charisma eines Fhrers des gesamten Volkes, der imstande wre, die Wnsche nach Einheit und Sicherheit in einer knftigen Volksgemeinschaft zu erfllen.----Das Ende der Weimarer Republik Den Tag der Ernung des neuen Reichstages am 13. Oktober 1930 begingen die Nationalsozialisten in Berlin auf ihre Weise. SA-Trupps zogen durch die Innenstadt, randalierten, zertrmmerten die Schaufenster des Kaufhauses Wertheim am Kurfrstendamm und weiterer Geschfte mit angeblich jdischen Inhabern in der Berliner Innenstadt. Hatte die Polizei in Preuen, dem grten Flchenstaat des Deutschen Reiches, fr das Jahr 1929 579 gewaltttige Zusammenste bei politischen Versammlungen registriert, schnellte diese Zahl 1930 sprunghaft auf 2494 an, blieb 1931 mit 2904 Fllen auf einem hnlich hohen Niveau und erhhte sich fr das Jahr 1932 noch ----einmal auf 5296 registrierte Zusammenste allein in Preuen. Politische Gewalt wurde zu einem allgegenwrtigen Phnomen im Deutschen Reich. --Ohne parlamentarische Mehrheit, nur mit Tolerierung seitens der Sozialdemokraten und auf der Grundlage von Notverordnungen des Reichsprsidenten setzte Brning seine Regierung auch nach dem September 1930 fort. Die Verwandlung der parlamentarischen Republik in ein autoritres Prsidialsystem lsst sich nicht zuletzt an der rcklufigen Zahl der Plenarsitzungen erkennen. War der Reichstag 1931 noch 41mal zusammengetreten, waren es im folgenden Jahr nur noch ----- 23 Aufstieg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 dreizehn Male. Dafr nutzten sowohl Nationalsozialisten wie Deutschnationale auf der einen und Kommunisten auf der anderen Seite das Parlament fr antiparlamentarische und antirepublikanische Agitation, brachten Misstrauensantrge gegen die Regierung Brning ein oder drohten sogar, Hinden-burg vor dem Staatsgerichtshof wegen der Notverordnungs-politik zu verklagen.Zur Krise trug bei, dass Brning es wirtschaftspolitisch unterlie, mit kreditfinanzierten staatlichen Investitions-programmen die Wirtschaft wieder zu beleben, sondern im Gegenteil durch massive Krzungen bei den staatlichen Aus-gaben die Verschuldung abbauen und das Lohnniveau senken wollte. Damit verschrfte sich der Konjunktureinbruch, der sich in der zweiten Jahreshlfte 1930 in vollem Umfang be-merkbar machte, dramatisch. Neben einem Rckgang der In-dustrieproduktion um mehr als 43 Prozent 1932/33 gegenber 1927/28 schnellte die Zahl der Arbeitslosen auf ber vier Milli-onen Anfang 1931 und ber sechs Millionen im Februar 1932,wovon die jugendlichen Arbeitnehmer in besonders hohem Mae betroen wurden. Die Notverordnungen, die Brning 1931 erlie, brachten drastische Senkungen der Gehlter im entlichen Dienst,Abbau von Ruhestandsbezgen und Kindergeld sowie zustz-liche Steuererhhungen. Entsprechend scharf war der Protest der Gewerkschaften und der politischen Opposition. In Bad Harzburg bildete sich im Oktober 1931 gegen die Regierung Brning eine Einheitsfront von nationalistischen Verbnden,der Deutschnationalen Volkspartei, dem mchtigen konser-vativ-autoritren Frontsoldatenverband Stahlhelm und der NSDAP, die Reichstagsneuwahlen und die Aufhebung der Not-verordnungen forderten. Die Harzburger Front wurde vom DNVP-Vorsitzenden Hugenberg angefhrt, Hitler hatte aber ein entscheidendes Wort mitzureden. (siehe auch S. 24) Auf Arbeitsuche in der Zeit der Krise: Junge Frauen bewerben sich 1929 in groer Zahl um eine Stelle bei einer Berliner Revue-Show. tung Photo / Scherl tsche Zeiullstein bild SddeuWahlen 1932 Als Anfang 1932 der Reichsprsident neu gewhlt werden muss-te, schloss sich die NSDAP nicht dem Bndnis zur Untersttzungeiner Wiederwahl Hindenburgs an, sondern stellte mit Hitlereinen eigenen Kandidaten auf. Als Fhrer des jungen Deutsch-land stilisierte ihn die Partei gegen das sterbende Systemvon Weimar und den greisen Hindenburg. Im ersten Wahlgangam 13. Mrz 1932 lag Hindenburg mit 49,6 Prozent zwar deutlichvor Hitler, der 30,1 Prozent der Stimmen erhielt. Er hatte aber die absolute Mehrheit verfehlt, so dass ein zweiter Wahlgang ntigwurde. In der Stichwahl am 10. April siegte Hindenburg mit 53Prozent, aber Hitlers Stimmenanteile stiegen noch einmal auf36,8 Prozent ein doppelt so hohes Wahlergebnis fr die Natio-nalsozialisten wie bei den Reichstagswahlen 1930.In den Landtagswahlen der kommenden Monate ging dieNSDAP bis auf das katholisch geprgte Bayern berall als strkste Partei hervor. In Preuen, in dem seit 1919 eine sozialdemokra-tisch gefhrte Regierung existierte, vervielfachte sich die Zahlder nationalsozialistischen Mandate von neun auf 162, whrend die Sozialdemokraten ein Drittel ihrer Sitze abgeben mussten.Die politischen Verwerfungen sowie die anhaltende wirt-schaftliche Krise sorgten dafr, dass das Vertrauen in die Kom-petenz Brnings schwand. Hindenburg lie Brning Ende Maifallen und ernannte den deutschnationalen Franz v. Papen zumneuen Reichskanzler, der sogleich den Reichstag auflste undNeuwahlen fr den 31. Juli ansetzte. Die Wahlen, erklrte Hitler vor den regionalen Parteifhrern, den Gauleitern der NSDAP,mssten eine Generalabrechnung des deutschen Volkes mitder Politik der letzten 14 Jahre werden. Der Hauptgegner, so dieReichspropagandaleitung unter Goebbels, msse die SPD sein,die KPD sollte durch Demaskierung der jdisch-kapitalistischenDrahtzieher bekmpft werden. Das zentrale Wahlkampfmotto 24 Nationalsozialismus: Aufstieg und HerrschaftInformationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 24 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Machtkampf in der Harzburger Front [...] [A]m 10. und 11. Oktober 1931 [trit sich] in dem Stdtchen am Harz [BadHarzburg] [...] die nationale Opposition zu einer Heerschau. Sonderzge, Busse und Autos bringen Tausende vonMenschen herbei. Fr zwei Tage beherr-schen die uniformierten Kolonnen des Stahlhelms das ist der Bund der Frontsoldaten und der SA das Straen-bild. Es wird ein internationales Ereig-nis: ber fnfzig in- und auslndische Re-porter sind angereist. [...] Initiator desTreens [...] ist der 66-jhrige Pressezar Alfred Hugenberg, seit 1928 Vorsitzender der DNVP. [...]Mit ihrer Kundgebung in Harzburg willdie nationale Opposition ihre Strke und Geschlossenheit demonstrieren. Und sie will, wie das Zentralorgan der DNVPUnsere Partei unverhllt verkndet, das Signal zum Angri geben gegen einmorsch gewordenes System, gegen die verhasste Demokratie von Weimar. [...]Bei den Reichstagswahlen vom 14. Sep-tember 1930 konnten die Nationalsozia-listen sensationelle 18,3 Prozent der Stimmen erzielen und die Zahl ihrer Man-date von 12 auf 107 steigern. Die DNVPkam dagegen nur noch auf 7 Prozent, ge-genber 1928 hatte sich ihr Anteilhalbiert. Viele ihrer Whler waren oen-kundig zu den Nazis bergelaufen. [...]So hatten sich die Gewichte innerhalb des rechten politischen Spektrumsdeutlich zugunsten der NSDAP verscho-ben, und die Landtagswahlen desJahres 1931 signalisierten, dass sie sichweiter krftig im Aufwind befand.Gegenber den konservativen Bndnis-partnern von 1929 betonte Hitlernun seine Unabhngigkeit. Er machte ihnen klar, dass er keineswegs nur den Trommler geben wollte. [...]Das Tagebuch von Joseph Goebbels, demBerliner Gauleiter und Propaganda-chef der Partei, verrt, mit wie viel Skepsisund Misstrauen man in Hitlers Um-gebung der Kundgebung entgegensah.Hugenberg sucht uns die Fhrung zunehmen, notierte Goebbels am 9. Oktober. In Harzburg sollen wir ent-lich festgenagelt werden und Hugenberg zum Fhrer der nationalen Oppo-sition ernannt. Ich habe Hitler gewarnt.Er wird aufpassen.[...] [A]m Abend [des 10. Oktober Anm.d.Red.] fuhr Hitler im Auto nach Bad Harzburg. Er traf hier erst zwei Stun-den nach Mitternacht ein zu spt, umnoch an der Vorbesprechung teilzu-nehmen, auf der die Marschroute fr den nchsten Tag festgelegt wurde. Hitlerist wtend, da man uns an die Wand quet-schen will, beschreibt Goebbels die gereizte Stimmung seines Chefs bei der Ankunft. [...] Hitler [...] kommt nach Bad Harzburg,nicht um Gemeinsamkeit zu demons-trieren, sondern um seinen Fhrungsan-spruch zu reklamieren. Whrend der gesamten Zusammenkunft legt er ein pri-madonnenhaftes Verhalten an den Tag. Ein ums andere Mal brskiert erseine konservativen Bndnispartner.So erscheint er zwar am Sonntagvormit-tag zu einer Sitzung der NSDAP-Frak-tion, nicht aber zu der danach anberaum-ten gemeinsamen Sitzung der DNVP-und NSDAP-Fraktionen. Dem Feld-gottesdienst bleibt er ebenfalls fern, und die anschlieende Parade der SA nimmt er stehend im Auto ab, um sich dann demonstrativ zu entfernen, als die Formationen des Stahlhelms anr-cken fr die Fhrung des Bundes derFrontsoldaten eine schwere Krnkung,wie [Franz] Seldte [einer der beiden Bundesfhrer des Stahlhelms Anm.d.Red.]sich spter beklagt. Auch beim gemein-samen Mittagessen wartet man vergeb-lich auf den Fhrer der NSDAP. Fr den Nachmittag ist die Abschluss-kundgebung im Kurhaussaal angesetzt.[...] Hugenberg ernet seine Rede mit der Behauptung, die in Bad Harzburg versammelte Rechte reprsentiere die Mehrheit des deutschen Volkes. Der Regierung Brning wirft er eine Kata-strophenpolitik vor, die auf gerademWeg ins Chaos fhren msse, under beschwrt die Gefahr des Bolschewis-mus. Es gebe nur zwei Wege: Dereine ist der russische, der andere ist der deutsche. Hitler, der nach Hugenbergdas Wort ergreift, schert wiederum aus der gemeinsamen Front aus, indemer so tut, als befinde er sich ausschlie-lich unter seinen Gefolgsleuten. Erredet alle Anwesenden mit Parteigenos-sen und Parteigenossinnen! an und schliet mit dem Ausruf: Es lebe unsere herrliche nationalsozialistische Bewe-gung! [...]In ihrer Schlussresolution fordern die Harzburger Frondeure den Rcktritt Brnings und der preuischen Regie-rung unter dem SPD-MinisterprsidentenOtto Braun sowie Neuwahlen. An Hindenburg appellieren sie, dem str-mischen Drngen von Millionen vater-lndischer Mnner und Frauen, Front-soldaten und Jugend nachzugeben und in letzter Stunde durch Berufung einer wirklichen Nationalregierung den retten-den Kurswechsel herbeizufhren. [...] Doch einig ist sich die Harzburger Front nur im Negativen, in der bedin-gungslosen Ablehnung des WeimarerSystems. Auf ein Programm fr einegemeinsame Regierung hat man sichnicht verstndigen knnen. Hinter den Kulissen geht der Kampf um die Fh-rung weiter. [...]Wie brchig die Harzburger Front ist,zeigt sich bereits am 18. Oktober, alsHitler in Braunschweig an die 100 000 Angehrige von SA, SS und Hitler-Jugend aufmarschieren lsst. Damit willer nicht nur seine Eigenstndigkeit zur Schau stellen, sondern zugleich deut-lich machen, dass allein die NSDAP Massen mobilisieren kann. [...]Trotz Hitlers Extratouren hlt Hugen-berg unverdrossen an der Perspektiveeiner gemeinsamen Machtbernahmefest. Ende Januar 1932 teilt er Hitler mit, dass es vielleicht in Krze mglichsein werde, das in Harzburg aufge-stellte Ziel des Ersatzes der bisherigen Re-gierung durch eine wirkliche Rechts-regierung zu verwirklichen. [...]Im Januar 1933 sind Hugenberg undHitler am Ziel. In der Regierung dernationalen Konzentration, die Hinden-burg am 30. Januar vereidigt, wirdder Reichskanzler Hitler von konserva-tiven Fachministern eingerahmt;Hugenberg bekommt ein Doppelressort,das Wirtschafts- und Landwirtschaftsmi-nisterium, Seldte das Arbeitsministe-rium. Die Posten seien so verteilt worden, bemerkt Theodor Wol, der Chefre-dakteur des liberalen Berliner Tageblatts,wie es die Herren der Harzburger Front erstrebt htten. Doch die Honung, Hitler in seinenMachtambitionen zgeln und ihn nachden eigenen Vorstellungen lenken zuknnen, entpuppt sich rasch als grandio-se Illusion. Der neue Mann in der Reichs-kanzlei braucht nur wenige Monate,um seine konservativen Bndnispartneran die Wand zu spielen. Hugenbergmuss bereits Ende Juni 1933 zurcktreten; sein Konzern wird Schritt fr Schritt von den Nationalsozialisten bernom-men. Das hindert ihn nicht daran, Hitler in einem Brief zum ersten Jahres-tag der Machtergreifung 1934 nocheinmal zu versichern, dass er an all den Gedanken und Zielen festhalte, die uns damals zusammengefhrt haben.Jetzt steht sie, die Harzburger Front geschlossen hinter Hitler. Volker Ullrich, Das Signal zum Angri, in: Die Zeit, Nr. 41 vom 6. Oktober 2011 25 Aufstieg Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 hie: Deutschland erwache! Gebt Adolf Hitler die Macht!. Ge-genber der marxistischen Klassenkampfhetze und der Zerris-senheit des brgerlichen Parteienlagers solle die anzustrebendeEinheit des Volkes in der nationalsozialistischen Volksgemein-schaft klar und deutlich herausgestellt werden.Unter dem Motto Hitler ber Deutschland organisierte die Partei vier Deutschlandflge Hitlers, mit denen er jeweils zu Grokundgebungen eingeflogen wurde. Diese Flge, die das Bild eines ber den Klassen schwebenden Heilsbringers insze-nierten, trugen entscheidend dazu bei, dass Hitler die Massen erreichte, wie kein deutscher Politiker vor ihm. Mit den vier Flgen zwischen April und November 1932 hielt er insgesamt 148 Massenkundgebungen ab, durchschnittlich drei am Tag,meistens vor einem Publikum von 20 000 bis 30 000 Men-schen, so dass ihn tatschlich Millionen Deutsche in diesem Jahr unmittelbar erlebten und hrten. Bestimmt wurde der Wahlkampf aber auch durch exzessiveGewalt, nicht zuletzt, weil die Regierung Papen das von Brningund seinem Innenminister Wilhelm Groener verfgte SA-Verbotwieder aufgehoben hatte. Allein in den zehn Tagen vor der Wahlwurden in Preuen 24 Menschen gettet und ber 280 verletzt.Als am Sonntag, den 17. Juli, in Altona nahe Hamburg ein natio-nalsozialistischer Demonstrationszug provozierend durch die Ar-beiterviertel marschierte, fielen Schsse, die zu einer Schieerei zwischen Polizei, Demonstranten und Einwohnern fhrten, bei der 18 Menschen, zumeist unbeteiligte Anwohner und Passanten,gettet wurden. Der Altonaer Blutsonntag bildete den uerenAnlass fr die Reichsregierung unter v. Papen, mit einer Notver-Die Vorbereitungen zur Reichstagswahl im Juli 1932 sind von Gewalt berschattet. SA-Mnner, hier vor einemihrer Sturmlokale... bpk... und KPD-Anhnger liefern sich Straenschlachten mit Dutzenden Toten. Ein Agitationslokal der KPD aus der frhen Weimarer Zeit. bpk 26 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 ordnung am 20. Juli die preuische Regierung fr abgesetzt zuerklren und sich selbst als kommissarischen Ministerprsiden-ten Preuens einzusetzen. Die rechtmige geschftsfhrendeRegierung unter dem Sozialdemokraten Otto Braun, die seit derLandtagswahl im April ber keine Mehrheit mehr verfgte, wichder Gewalt. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und der sozia-len Krise wagten Sozialdemokraten und Gewerkschaften keinenGeneralstreik; der erwartete Widerstand gegen den verfassungs-widrigen Staatsstreich von rechts blieb aus.Als am Abend des 31. Juli die Wahllokale schlossen, war einer der erbittertsten Wahlkmpfe der Weimarer Jahre zu Ende gegan-gen. Die liberal-konservative brgerliche Mitte war der entschei-dende Verlierer der Wahl, auch die Deutschnationalen verbuchten Verluste; die Sozialdemokraten verloren zehn Sitze und errangennur noch 21,6 Prozent der Stimmen; die KPD gewann zwlf Man-date hinzu und kam auf 14,3 Prozent. Die NSDAP dagegen war die herausragende Gewinnerin: 37,3 Prozent der Stimmen und230 Reichstagsmandate hieen, dass die Nationalsozialisten zur weitaus strksten Partei in Deutschland geworden waren. Den-noch war die Parteifhrung enttuscht, denn trotz ihrer groenWahlkampagne hatte sich die Stimmenzahl fr die Nationalsozi-alisten gegenber der Reichsprsidentenwahl im Mrz und denpreuischen Landtagswahlen im April nicht sonderlich erhht.Zur absoluten Mehrheit kommen wir so nicht, notierte Goeb-bels in sein Tagebuch. Also einen anderen Weg einschlagen.Dennoch machte sich Hitler nach diesem Wahlsieg berechtig-te Honungen, von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt zuwerden. Aber der Reichsprsident verweigerte sich zum damali-gen Zeitpunkt. Eine Unterredung zwischen beiden am 13. Augustverlief ergebnislos, da Hitler Hindenburgs Auorderung ab-lehnte, in eine Regierung unter von Papen einzutreten, sondernkompromisslos auf seinem Fhrungsanspruch beharrte. HitlersVerweigerung, sich mit der Teilhabe an der Macht zu begngen,strzte die NSDAP als eine schon siegesgewisse, machthungri-ge und der Opposition berdrssige Partei im Winter 1932/33 ineine schwere Krise. Ich sprach mit vielen Pgn [Parteigenossen].Groe Honungslosigkeit, konstatierte Goebbels. Die SA hatzu stark die Honung genhrt. Ein Fehler. Gerade die SA, diedie Erringung der Macht schon vor den Augen gesehen hatte,lie ihrem Hass freien Lauf. In Knigsberg berfielen Nazitrupps Privathuser, steckten Tankstellen in Brand, warfen eine Bom-be auf die Zentrale der SPD und zerstrten jdische Geschfte.Dabei wurde ein kommunistischer Stadtverordneter ermordet, andere sozialdemokratische und liberale Politiker durch Schsse schwer verletzt. Ebenso gab es Bomben- und Revolverattentatein Schlesien und Schleswig-Holstein.Ein besonders brutaler Mord ereignete sich am 10. August imschlesischen Potempa, wo betrunkene SA-Leute einen Arbeiter,der mit den Kommunisten sympathisierte, in dessen Wohnungbuchstblich zu Tode trampelten. In dem nachfolgenden Prozessverurteilte das Sondergericht Beuthen die Tter zum Tode, wasHitler zu einem pathetischen Solidarittstelegramm mit den Mrdern veranlasste. Goebbels hetzte unter der berschrift Die Juden sind schuld, dass die Nationalsozialisten keine Ruhe lassen wrden, bis diese Regierung aus der Macht verjagt worden sei.Die aufgeflammte Gewalt und der Hass konnten indes nicht ber die politische Sackgasse hinwegtuschen, in die sich die NS-Fhrung unter Hitler manvriert hatte. Die Regierung Pa-pen hatte die groe Mehrheit des Parlaments gegen sich, Neu-wahlen wurden unvermeidlich, und die Enttuschung in der Bevlkerung ber die Unfhigkeit der Parteien, eine Lsung der politischen Krise zu finden, drckte sich nicht zuletzt in dem Anstieg der Nichtwhler von sieben Millionen im Juli auf 8,6 Millionen bei den Reichstagswahlen am 6. November aus. Die NSDAP verlor gegenber der Juli-Wahl zwei Millionen Stimmen und sank von 37,3 auf 33,1 Prozent, blieb aber deutlich strkste Partei. Demgegenber stiegen die Stimmen fr die Deutschnationalen erstmals wieder, was nicht zuletzt auf die gemeinsame Untersttzung des Streiks bei den Berliner Verkehrsbetrieben durch Kommunisten und Nationalsozialisten wenige Tage vor der Wahl zurckzufhren war, mit dem die mittelstndische Angst vor der revolutionren Militanz des Nationalsozialismus neu geschrt worden war. Die SPD verlor gleichfalls an Stimmen, whrend die Kommunisten hinzugewannen und nun bei knapp 17 Prozent lagen.Die politisch festgefahrene Lage wurde mit dem Wahlergebnis nicht verndert. Das Kabinett der Barone unter Franz v. Papen sttzte sich weiterhin auf nicht mehr als zehn Prozent der Whlerstimmen, wohingegen neun Zehntel fr Parteien gestimmt hatten, die gegen die amtierende Reichsregierung op------Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/201227Aufstiegponierten, aber untereinander viel zu gegenstzlich waren, um eine eigene Mehrheit zustande zu bringen. Papen wollte unverhohlen eine diktatorische Lsung, die das Parlament gnzlich ausschalten sollte, scheiterte damit aber an der Reichswehrfhrung, die sich zu schwach gegenber der SA glaubte. Mitte November trat von Papen zurck und sein Nachfolger General Kurt v. Schleicher, Reichswehrminister und einflussreicher Politiker in der Machtkamarilla um Prsident Hindenburg, unternahm den Versuch, eine Querfront mit den Gewerkschaften und einem Teil der NSDAP unter dem Organisationsleiter der NSDAP, Gregor Straer, zu bilden. In einem Geheimtreen am 3. Dezember bot Schleicher Straer die mter des Vizekanzlers und des preuischen Ministerprsidenten an. ----Aber Straer wagte den Aufstand gegen Hitler nicht. In dieser Auseinandersetzung zeigte sich, wie stark mittlerweile der Fhrerkult auch innerhalb der NSDAP verankert war und Hitler selbst fr eine uerst riskante Politik des Alles oder Nichts erfolgreich Gefolgschaft beanspruchen konnte. Gregor Straer gelang es trotz seiner hohen Parteifunktion nicht mehr, das politische Ruder in der NSDAP zu bewegen und wesentliche Teile der Parteifhrung auf seine Seite zu ziehen. Die Macht, die von Schleicher Gregor Straer zutraute, besa dieser nicht mehr; Hitler hielt alle Fden in der Hand; gegen seinen Willen konnte keine Entscheidung in der NSDAP mehr gefllt werden. Straer trat von allen Parteimtern zurck und verlie Berlin. Beide, Gregor Straer wie Kurt v. Schleicher, wurden anderthalb Jahre spter Mordopfer bei der Aktion gegen die SA-Fhrung im Juni 1934. -----Hitler setzte, untersttzt von Goebbels, nach wie vor auf die Mobilisierungskraft der nationalsozialistischen Bewegung und auf die Erringung unbeschrnkter Macht. Die Landtagswahlen im Kleinstaat Lippe-Detmold am 15. Januar 1933 wurden zum Beweis fr die ungebrochene Kraft des Nationalsozialismus hochstilisiert. Mit einem aufwndig gefhrten Wahlkampf gelang es der NSDAP, 6000 Stimmen hinzuzugewinnen und ihren Anteil wieder auf 39,5 Prozent zu steigern. Verglichen mit dem Wahlergebnis vom Juli 1932 hatte die Partei zwar immer noch weniger Stimmen bekommen, aber die Inszenierung des Erfolgs war gelungen, und Hitler ging entlich gestrkt aus den Wahlen hervor. ---Nicht zuletzt lehnten etliche Industrielle und Grogrundbesitzer Schleichers Konzept der Querfront als sozialistisch ab und intervenierten gegen ihn beim Reichsprsidenten. Zugleich gab es hinter den Kulissen seit Anfang Januar 1933 wieder geheime -Verhandlungen zwischen Hitler und von Papen, der glaubte, auch einen Reichskanzler Hitler unter Kontrolle halten zu knnen. Nach dem Rcktritt von Schleichers am 28. Januar zeigte sich nun auch Hindenburg geneigt, einem Kabinett Hitler zuzustimmen, zumal von Papen zustzlich die Deutschnationalen samt ihres Parteichefs Hugenberg fr das neue Kabinett gewonnen hatte.Die Ernennung Hitlers war keineswegs unvermeidlich; politische Alternativen gab es durchaus. Aber Papen und sein Frderer Hindenburg glaubten, die NS-Bewegung als Massenuntersttzung fr einen nationalkonservativen, autoritren Machtstaat benutzen und sich die NS-Fhrung gefgig machen zu knnen. Die parlamentarische Demokratie hatten sie bereits aufgegeben. Wenn es noch einmal zu Wahlen, nunmehr mit der vereinten Rechten, kommen sollte, die dann auf den Sieg hote, sollten dies die letzten freien Wahlen in Deutschland sein. ----Ebenso hatten sich wesentliche Teile der Wirtschaftselite von der demokratischen Republik lngst abgewandt und verlangten ihrerseits eine autoritr unternehmerfreundliche Politik, die insbesondere die Kommunisten, aber auch die Sozialdemokraten radikal bekmpfen sollte. Nicht zuletzt untersttzten einflussreiche Reichswehrgenerle wie Werner von Blomberg die Machtbertragung an die Nationalsozialisten, weil sie damit eine Strkung der Stellung des Militrs im Staat und in der Gesellschaft erwarteten.---Die herrschenden politischen, wirtschaftlichen und militrischen Eliten hatten die Demokratie abgeschrieben, bevor sie Hitler an die Macht brachten. Vielmehr setzten sie auf einen autoritren Staat unter Einschluss der Nationalsozialisten, die sie hoten, zhmen zu knnen. Im Vertrauen auf die Herrschaft ber die wichtigsten institutionellen Machtapparate wie das Heer, die Brokratie und die Justiz sowie die Untersttzung seitens der Wirtschaft glaubten sie, die nationalsozialistische Massenbewegung als Mehrheitsbeschaerin einbinden und zugleich von den tatschlichen Entscheidungen fernhalten zu knnen. In zwei Monaten, so soll von Papen gesagt haben, haben wir Hitler in die Ecke gedrckt, dass er quietscht eine ebenso bornierte wie katastrophale Fehleinschtzung. Denn Hitler und die NS-Fhrung waren keineswegs gewillt, nur den Steigbgelhalter fr die alte Herrenklasse zu spielen, sondern wollten die politische wie gesellschaftliche Ordnung in Deutschland grundlegend verndern und besaen den unbedingten politischen Willen wie die gewaltttige Rcksichtslosigkeit, ihren Reden Taten folgen zu lassen.-----Reichskanzler Hitler Anfang 1933 neben Vizekanzler Franz von Papen (M.) und Wirtschaftsminister Dr. Alfred Hugenberg (l.), denen es mitnichten gelang, ihn im Zaum zu halten. - Scherl/tung Photo tsche Zeiullstein bild SddeuInformationen zur politischen Bildung Nr. 314/201228 Nationalsozialismus: Aufstieg und HerrschaftMachteroberung 1933Michael WildtNach dem Scheitern von Schleichers wird Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt. Durch Terror und halblegale Methoden gelingt den Nationalsozialisten in krzester Zeit die Ausschaltung des Rechtsstaats und der bergang zur Diktatur. Juden und politische Gegner sehen sich Terror und Willkr ausgeliefert.Die Republik wird zerrissen: Mitglieder der SS und des Stahlhelm zerstren am 13. Mai 1933 eine schwarz-rot-goldene Fahne.v Gerstenberg ullstein bild Archi- Hitler wird ReichskanzlerEs ist fast ein Traum, notierte Joseph Goebbels am 30. Januar 1933 in seinem Tagebuch. Die Wilhelmstrae [Sitz der Reichskanzlei und verschiedener Ministerien in Berlin Anm. d. Red.] gehrt uns. Der Fhrer arbeitet bereits in der Reichskanzlei. Nachdem Hindenburg fr Papens Plan eines vereinigten rechten Kabinetts unter Hitler gewonnen war, vereidigte der Reichsprsident am Mittag des 30. Januar die neue Regierung und ernannte Hitler zum Reichskanzler. ---Formal war die Ernennung Hitlers durchaus legal, aber der Verfassung der ersten deutschen Republik entsprach sie keineswegs. Schon in den Jahren zuvor war die Verfassung durch die Praxis der Prsidialkabinette, die nur mit der Notverordnungsautoritt des Reichsprsidenten regierten, unterhhlt und de facto auer Kraft gesetzt. Das gewhlte Parlament war seither von den politischen Entscheidungen ausgeschlossen; die Weimarer Republik hatte sich schon vor der Regierungsbernahme Hitlers von einer parlamentarischen Demokratie immer mehr entfernt.--Auf den ersten Blick sah es in der Tat so aus, als htte sich gegenber der bisherigen Politik nicht viel gendert. Der ehemalige Reichskanzler und Vertraute Hindenburgs, Franz von Papen, war Vizekanzler; Reichsauenminister Konstantin von Neurath, Reichsfinanzminister Lutz Graf Schwerin von Krosigk und der Reichsjustizminister Franz Grtner blieben im Amt. Als starker Mann im Kabinett galt Alfred Hugenberg, der sowohl das Wirtschafts- als auch das Landwirtschaftsministerium bernahm. Hinzu kam der Fhrer des Stahlhelms, Franz Seldte, als Reichsarbeitsminister und Generalleutnant Werner von Blomberg als neuer Reichswehrminister. Nur wenige Nationalsozialisten gehrten dem neuen Kabinett an. Neben Hitler als Reichskanzler -----wurden Wilhelm Frick Reichsinnenminister und Hermann Gring kommissarischer preuischer Innenminister und Reichsminister ohne Geschftsbereich.--Doch zeigten die Fackelzge in Berlin und berall im Reich am Abend des 30. Januar, dass die Nationalsozialisten ernst machen wollten mit der angekndigten nationalen Erhebung. Nicht die Einbindung der NS-Fhrung in die Kabinettsdisziplin, sondern die Zurckdrngung der Deutschnationalen in der Reichsregierung und die nationalsozialistische Machteroberung zeichnete die nchsten Monate aus. Einig waren sich Deutschnationale und Nationalsozialisten darin, dass die kommenden Wahlen die letzten sein sollten. Danach sollte unabhngig von der Verfassung mit Hilfe eines Ermchtigungsgesetzes diktatorisch regiert werden. Insofern markiert der 30. Januar 1933 tatschlich das Ende der Weimarer Republik. --Terror im Wahlkampf Was in den Wochen nach dem 30. Januar folgte, war die klare Willensbekundung, die errungene Macht niemals mehr aufzugeben und Deutschland radikal umzugestalten. Drei Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler erklrte Hitler vor den Befehlshabern des Heeres und der Marine: Ziel der Gesamtpolitik allein: Wiedergewinnung der politischen Macht. [...] Vllige Umkehrung der gegenwrtigen innenpolitischen Zustnde in Deutschland. Keine Duldung der Bettigung irgendeiner Gesinnung, die dem Ziel entgegen steht (Pazifismus!). Wer sich nicht bekehren lt, mu gebeugt werden. Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel. [] Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie! -----29Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Machteroberung 1933 29Machteroberung 1933Reaktionen auf Hitlers Machtantritt-Klaus Mann, Sohn von Thomas Mann und selbst Schriftsteller, Tagebucheintrag vom 30. Januar 1933: Die Nachricht, dass Hitler Reichskanzler. Schreck. Es nie fr mglich gehalten. (Das Land der unbegrenzten Mglichkeiten). -Klaus Mann, Tagebcher 1931-1933. Hg. von Joachim Heimannsberg, Peter Laemmle, Wilfried Schoeller, rororo, Reinbek bei Hamburg (Dt. Erstausgabe Mnchen 1989) 1995, S. 113-Sebastian Haner, demokratischer Publizist: Ich wei nicht genau, wie die allgemeine erste Reaktion war. Die meine war etwa eine Minute lang richtig: Eisiger Schreck. [...] Dann schttelte ich das ab, versuchte zu lcheln, versuchte nachzudenken, und fand in der Tat viel Grund zur Beruhigung. Am Abend diskutierte ich die Aussichten der neuen Regierung mit meinem Vater, und wir waren uns einig darber, da sie zwar eine Chance hatte, eine ganze hbsche Menge Unheil anzurichten, aber kaum eine Chance, lange zu regieren. - Sebastian Haner, Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, Deutsche Verlags-Anstalt in der Gruppe Random House, Mnchen 2003, S. 104 f.Luise Solmitz, deutschnationale Lehrerin in Hamburg: Was fr ein Kabinett!!! Wie wir es im Juli nicht zu ertrumen wagten. Hitler, Hugenberg, Seldte, Papen!!! An jedem hngt ein groes Stck -meiner deutschen Honung. Nationalsozialistischer Schwung, deutschnationale Vernunft, der unpolitische Stahlhelm und der von uns unvergessene Papen. [...] Riesiger Fackelzug vor Hindenburg und Hitler durch Nationalsozialisten und Stahlhelm, die endlich, endlich wieder miteinandergehen. Das ist ein denkwrdiger 30. Januar! ----Tagebuch Luise Solmitz, Eintrag unter dem 30.1.1933, abgedruckt in: Werner Jochmann, Nationalsozialismus und Revolution. Ursprung und Geschichte der NSDAP in Hamburg 1922-1933. Dokumente, Europische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1963, S. 421Andr Franois-Ponet, franzsischer Botschafter in Berlin, in einem Bericht nach Paris im April 1933: Als am 30. Januar das Kabinett Hitler/Papen an die Macht kam, versicherte man, dass die Regierung der Deutschnationalen [] Hitler und seinen Mitkmpfern Paroli bieten wrden, dass die Nationalsozialisten mit der Feindschaft der Arbeiterklasse zu rechnen haben und dass schlielich die Katholiken der Zentrumspartei die Legalitt verteidigen wrden. Sechs Wochen spter muss man feststellen, dass all diese Dmme, die die Flut der Hitler-Regierung zurckhalten sollten, von der ersten Welle hinweggesplt wurden.- - - - - Hitlers Machtergreifung. Dokumente vom Machtantritt Hitlers 30. Januar 1933 bis zur Besiegelung des Einparteienstaates 14. Juli 1933, hg. von Josef und Ruth Becker, 3. Aufl., dtv, Mnchen 1993, S. 217Victor Klemperer, jdischer Hochschullehrer in Dresden, Tagebucheintrag vom 21. Februar 1933: Seit etwa drei Wochen die Depression des reaktionren Regiments. Ich schreibe hier nicht Zeitgeschichte. Aber meine Erbitterung, strker, als ich mir zugetraut htte, sie noch empfinden zu knnen, will ich doch vermerken. Es ist eine Schmach, die jeden Tag schlimmer wird. Und alles ist still und duckt sich, am tiefsten die Judenheit und ihre demokratische Presse. Eine Woche nach Hitlers Ernennung waren wir (am 5.2.) bei Blumenfelds mit Raab zusammen. Raab, Gschaftlhuber, Nationalkonom, Vorsitzender des Humboldtclubs, hielt eine groe Rede und erklrte, man msse die Deutschnationalen whlen, um den rechten Flgel der Koalition zu strken. Ich trat ihm erbittert entgegen. Interessanter seine Meinung, da Hitler im religisen Irrsinn enden werde... Am meisten berhrt, wie man den Ereignissen so ganz blind gegenbersteht, wie niemand eine Ahnung von der wahren Machtverteilung hat. Wer wird am 5.3. die Majoritt haben? Wird der Terror hingenommen werden, und wie lange? Niemand kann prophezeien. -- - - ---Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebcher 1933-1941. Hg. von Walter Nowojski unter Mitarbeit von Hadwig Klemperer, Aufbau Verlag, Berlin 1995, Bd. 1, S. 6 f.-Hitler vor den Befehlshabern der Wehrmacht am 3. Februar 1933 Wiedergabe des Stichwortprotokolls, das ein anwesender General fr sich anfertigte. Ziel der Gesamtpolitik allein: Wiedergewinnung der politischen Macht. Hierauf mu gesamte Staatsfhrung eingestellt werden (alle Ressorts!).-- - - 1. Im Innern. Vllige Umkehrung der gegenwrtigen innenpolitischen Zustnde in Deutschland. Keine Duldung der Bettigung irgendeiner Gesinnung, die dem Ziel entgegen steht (Pazifismus!). Wer sich nicht bekehren lt, mu gebeugt werden. Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel. Einstellung der Jugend und des ganzen Volkes auf den Gedanken, da nur der Kampf uns retten kann und diesem Gedanken alles zurckzutreten hat. [] Ertchtigung der Jugend und Strkung des Wehrwillens mit allen Mitteln. Todesstrafe fr Landesund Volksverrat. Straste autoritre Staatsfhrung. Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie!- 2. Nach auen. Kampf gegen Versailles. Gleichberechtigung in Genf; aber zwecklos, wenn Volk nicht auf Wehrwillen eingestellt. Sorge fr Bundesgenossen.3. Wirtschaft! Der Bauer mu gerettet werden! Siedlungspolitik! Knftig Steigerung der Ausfuhr zwecklos. Aufnahmefhigkeit der Welt ist begrenzt und Produktion ist berall bersteigert. Im Siedeln liegt einzige Mglichkeit, Arbeitslosen- --- heer zum Teil wieder einzuspannen. []4. Aufbau der Wehrmacht wichtigste Voraussetzung fr Erreichung des Ziels: Wiedererringung der politischen Macht. Allgemeine Wehrpflicht mu wieder kommen. Zuvor aber mu Staatsfhrung dafr sorgen, da die Wehrpflichtigen vor Eintritt nicht schon durch Pazifismus, Marxismus, Bolschewismus vergiftet werden oder nach Dienstzeit diesem Gift verfallen.Wie soll politische Macht, wenn sie gewonnen ist, gebraucht werden? Jetzt noch nicht zu sagen. Vielleicht Erkmpfung neuer Export-Mglichkeiten, vielleicht und wohl besser Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rcksichtslose Germanisierung. Sicher, da erst mit politischer Macht und Kampf jetzige wirtschaftliche Zustnde gendert werden knnen. Alles, was jetzt geschehen kann Siedlung Aushilfsmittel.- --Wehrmacht wichtigste und sozialistischste Einrichtung des Staates. Sie soll unpolitisch und berparteilich bleiben. Der Kampf im Innern nicht ihre Sache, sondern der Nazi -Organisationen. []-Aus: Wolfgang Michalka (Hg.), Das Dritte Reich. Dokumente zur Innen- und Auenpolitik, Band 1, dtv, Mnchen 1985, S. 23 f. Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 30 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Unterdrckung demokratischer Parteien SPD Mir sind mehrere Versammlungen ge-sprengt worden, und ein erheblicher Teil derVersammlungsbesucher mute schwer ver-letzt weggeschat werden. Im Einverstnd-nis mit dem Parteivorstand bitte ich daher, von den mit mir als Redner vorgesehenenVersammlungen abzusehen. Nach Lage derDinge gibt es oenbar auch keinen polizei-lichen Schutz mehr, der ausreichen wrde, dem aggressiven Vorgehen der SA und SS inmeinen Versammlungen zu begegnen.In Hindenburg ist Genosse Nlting mitknapper Not dem Totschlag entronnen. Beimir war es in Langenbielau hnlich. Einermeiner Begleiter wurde niedergeschlagen.In Breslau ist gestern abend nur durch eine zufllige Verzgerung eingesetzter SA-Formationen namenloses Unglck verhindert worden. Eine groe Anzahl vonVerwundeten hat es trotzdem gegeben, ineiner Stadt, die bisher stets Versammlungs-sprengungen von Andersgesinnten hatvorbeugend verhindern knnen.Ich bedauere selbst am tiefsten, Euch diese Mitteilung machen und diesen Ent-schlu fassen zu mssen. Es ist auch erst nach reiflicher berlegung mit Mitgliederndes Parteivorstandes geschehen, und nach-dem auch in bezug auf andere Genossen hnlich entschieden worden ist. Aus einem Schreiben des ehemaligen preuischen Innenmi-nisters und Berliner Polizeiprsidenten Albert Grzesinski (SPD) an die SPD-Parteisekretre in Dortmund, Frankfurt/M., Altona und Kiel vom 24. Februar 1933 BVP Diese Regierungserklrung hat in Deutsch-land eine Kluft aufgerissen und hat alleszerschlagen, was in den 14 Jahren geleistetwurde. Wir hatten die Straen dem Verkehr zurckerobert, die Parteifahnen von den Amtsgebuden heruntergeholt, der Pressedie Freiheit in Deutschland wieder gegeben,die Sicherheit im Staat wieder hergestellt.Und heute ist das alles wieder gefhrdet.Wir erleben heute wieder den Brgerkriegauf den Straen, der Terror ist in den Ver-sammlungen wieder eingerissen, Leute wieStegerwald [Adam Stegerwald, 1874-1945,Zentrumspolitiker, Reichsarbeitsminister 1930-32 Anm.d.Red.] werden niederge-schlagen, es werden Feuerberflle auf dieBayern- und Pfalzwacht unternommen,die Presse wird wieder geknebelt, die freieMeinung versklavt, es regnet tglich Pres-severbote. Die Regierungspresse darf aberschreiben, was sie will, ohne verboten zu werden. So durften die Hamburger Nach-richten krzlich schreiben: Schmeit die katholischen Bayern aus dem Reichsverban-de hinaus, mit den anderen werden wir schon fertig. Die gleiche Zeitung durfte auchHindenburg zum Verfassungsbruch auf-fordern. Die Zeitung wurde nicht verboten,wohl aber die katholische Germania, die nichts weiter getan hat, als einen Aufrufder katholischen Verbnde abzudrucken, die voller Sorge ber die kritische Entwick-lung Deutschlands waren. [] Rede des Vorsitzenden der Bayerischen Volkspartei, Fritz Schf-fer, in Wrzburg am 23. Februar 1933, in: Becker, S. 96 DDP Die NSDAP, deren Fhrer Sie zum hchs-ten Beamten des Reichs ernannt haben, macht durch ein System von Gesetz-widrigkeiten einem anders denkenden brgerlichen Politiker den Vortrag seiner politischen Anschauungen unmg-lich, schchtert die ruhige Brgerschaftein und leitet den Wahlkampf in einenoenen Brgerkrieg ber. Die ortspoli-zeilichen Organe leisten das Menschen-mgliche. Sie knnen zwar die Person des Redners schtzen, nicht aber die ver-fassungsmig gewhrleistete Ver-sammlungs- und Redefreiheit. Durch dieDezemberamnestie ist jede nachhaltigeAchtung vor dem Gesetz geschwunden.Das besonnene Brgertum in Wrttem-berg blickt auf Sie, hochverehrter Herr Reichsprsident, als den letzten Hort fr Recht und Ordnung in Deutschland.Wir geben Ihnen davon Kenntnis, wie einegroe Regierungspartei vor der Ent-scheidungswahl des deutschen Volkes dasGesetz mit Fen tritt, und bitten Sie, darauf einzuwirken, da die NSDAP die Wahlfreiheit nicht weiter durch Mittel der Gewalt beeintrchtigt. Beschwerde-Telegramm der wrttembergischen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an Reichsprsident Hindenburg vom 22. Februar 1933 Alle in: Josef und Ruth Becker (Hg.), Hitlers Machtergreifung. Dokumente vom Machtantritt Hitlers 30. Januar 1933 bis zur Besiegelung des Einparteienstaates 14. Juli 1933, 3. Aufl., dtv, Mnchen 1993, S. 91 . Am 1. Februar lste Reichsprsident Hindenburg den Reichs-tag auf und beraumte Neuwahlen fr den 5. Mrz an. Siesollten mit einem demonstrativen Sieg fr die Nationalsozia-listen enden, dafr wurde alle staatliche Macht eingesetzt.Unter der Wahlparole Kampf gegen den Marxismus rich-tete die NSDAP ihre ganze Kraft gegen die Linksparteien.Am 2. Februar wurden in Preuen, Thringen und ande-ren Lndern kommunistische Demonstrationen verboten. Zwei Tage spter erging eine Notverordnung des Reichs-prsidenten, mit der die Versammlungs- und Pressefreiheiteingeschrnkt wurde. Dennoch versammelten sich in Ber-lin am 7. Februar rund 200 000 Menschen im Lustgarten,um gegen die Einschrnkungen der Brgerrechte zu de-monstrieren. Aber auch in anderen Stdten wie Frankfurt am Main kam es zu groen Kundgebungen. Zwar gelangaufgrund der festgefahrenen Feindschaft zwischen SPDund KPD kein Bndnis auf der Fhrungsebene, aber vorOrt kam es durchaus zu gemeinsamen Demonstrationen,Kundgebungen und im wrttembergischen Mssingenund schsischen Stafurt sogar zu lokalen Generalstreiks.Rund tausend Knstlerinnen und Knstler, Schriftstellerin-nen und Schriftsteller, Wissenschaftlerinnen und Wissen-schaftler versammelten sich am 19. Februar in der Berliner Kroll-Oper, um gegen die Knebelung von Kunst, Wissen-schaft und Presse zu protestieren; und noch am 24. Februarhielt die KPD in Berlin eine letzte groe Kundgebung ab.Aber die Krfte waren ungleich verteilt. Gleich nach sei-nem Amtsantritt entlie der kommissarische preuischeInnenminister Hermann Gring neben politischen Spit-zenbeamten auch 14 Polizeiprsidenten und besetzte diePosten mit politisch genehmen Kandidaten. Zugleich lsteer die politische Polizeiabteilung aus ihrer bisherigen Ver-ankerung in der preuischen Innen- und Polizeiverwaltungund verselbststndigte sie als Geheime Staatspolizei. Auchin den brigen deutschen Lndern wurde die politischePolizei als Terrorinstrument ausgebaut. In einer Rede vom3. Mrz 1933 sagte Gring klar: Meine Manahmen werdennicht angekrnkelt sein durch irgendwelche juristischenBedenken. Meine Manahmen werden nicht angekrnkeltsein durch irgendeine Brokratie. Hier habe ich keine Ge-rechtigkeit zu ben, hier habe ich nur zu vernichten undauszurotten, weiter nichts! [] Einen solchen Kampf fhre 31 Machteroberung 1933 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 ich nicht mit polizeilichen Mitteln. Das mag ein brgerli-cher Staat getan haben. Gewi, ich werde die staatlichenund polizeilichen Machtmittel bis zum uersten auch dazu benutzen, meine Herren Kommunisten, damit Sie hier nicht falsche Schlsse ziehen, aber den Todeskampf, in demich Euch die Faust in den Nacken setze, fhre ich mit denen da unten, das sind die Braunhemden. In Zukunft [] kommtin diesen Staat nur mehr hinein, wer aus den nationalen Krften stammt [].Am 17. Februar wurde die Parteizentrale der KPD in Berlin von der Polizei besetzt und nach angeblichen Umsturzpl-nen durchsucht. Am selben Tag wies Gring die Polizei an,die nationale Propaganda mit allen Krften zu unterstt-zen, dagegen dem Treiben staatsfeindlicher Organisatio-nen mit den schrfsten Mitteln entgegenzutreten und,wenn ntig, rcksichtslos von der Schusswae Gebrauchzu machen. Wenige Tage zuvor hatten mehrere hundertSA-Leute eine Veranstaltung der kommunistischen RotenHilfe im schsischen Eisleben angegrien und ein Blutbadangerichtet. Insgesamt wurden oziell 69 Tote und Hun-derte von Verletzten in diesem Wahlkampf gezhlt.Sozialdemokratische und kommunistische Zeitungen, dieber diese Geschehnisse kritisch berichteten, wurden ber mehrere Tage hinweg verboten. Am 23. Februar ordneteGring zur angeblichen Bekmpfung zunehmender Aus-schreitungen von linksradikaler, insbesondere kommunis-tischer Seite die Aufstellung von 50 000 Hilfspolizistenan, die ausschlielich aus SA, SS und Stahlhelm rekrutiert werden sollten und mit Knppeln und Pistolen bewanetwurden. Nun konnten zehntausende von SA-Schlgern ih-ren gewaltttigen Terror gegen die Linke als staatliche Po-lizisten ausben. Vor allem ein Ereignis kam den Nationalsozialisten zu Hil-fe: der Brand des Reichstages am Abend des 27. Februar. Imbrennenden Gebude wurde ein junger Niederlnder, Ma-rinus van der Lubbe, gefunden, der den Brand aus Protestgegen den Nationalsozialismus gelegt hatte. Sowohl in derzeitgenssischen Bewertung als auch lange Zeit in der Ge-schichtsschreibung war die Alleintterschaft van der Lubbesumstritten. Lag es nicht nher, dass die Nationalsozialisten,die einwandfrei aus dem Reichstagsbrand politischen Nut-zen ziehen konnten, selbst den Reichstag angezndet hat-ten? Neuere feuerwehrtechnische Erkenntnisse jedoch be-legen die Annahme, dass van der Lubbe die Brandstiftungallein begangen hat. Fr die NS-Fhrung stand von vornhe-rein fest, dass der Brandanschlag das Fanal eines kommu-nistischen Aufstandsversuchs sei. Noch in der Nacht ent-schieden Hitler, Gring, Goebbels und von Papen in kleinerRunde, eine Notverordnung ausarbeiten zu lassen, die tagsdarauf dem Reichskabinett als Entwurf vorlag.Am spten Nachmittag unterschrieb Reichsprsident Hin-denburg die Verordnung zum Schutz von Volk und Staatvom 28. Februar 1933, mit der wesentliche Grundrechte der Verfassung wie Freiheit der Person, die Unverletzbarkeit derWohnung, das Post- und Telefongeheimnis, die Meinungs-und Versammlungsfreiheit, das Vereinigungsrecht sowie dieGewhrleistung des Eigentums auer Kraft gesetzt wurden.Statt wie bisher mit lebenslangem Zuchthaus konnten nunHochverrat, Brandstiftung, Sprengstoanschlge, Attenta-te und selbst die Beschdigung von Eisenbahnanlagen mitdem Tod bestraft werden. Im Unterschied zu frheren Notstandsverordnungen, diedie Exekutivgewalt entweder einem militrischen Befehls-Ein Schutzpolizist patrouilliert gemeinsam mit einem von Gring eingesetz-ten Hilfspolizisten der SS durch die Straen von Berlin. Die Straenkmpfervon einst sind zu Ordnungshtern geworden. tung Photo / Scherl tsche Zeiullstein bild SddeuDie Verordnung des Reichsprsidenten zum Schutz von Volk und Staat,nach Ernst Fraenkel die Verfassungsurkunde des Dritten Reiches, war grundlegend fr die gesamte Verfolgungspraxis der SS und der Polizei. othek Mnchen tsbibliische Staaery Ba te.de / .1000dokumenwwwInformationen zur politischen Bildung Nr. 314/201232 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft 32 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Zur Debatte um den Reichstags-brand Ein Dreivierteljahrhundert schon wird berden 27. Februar 1933 gestritten. [] Und trotzdem ist die Lage heute kaum klarer alsbald nach der Brandstiftung als einer-seits Wolfgang Stresemann und Harry GrafKessler wie selbstverstndlich davon aus-gingen, dass die Nazis die Brandstiftung zuverantworten htten, andererseits die ermittelnden Kriminalbeamten Helmut Heisig und Walter Zirpins bereits denEindruck gewonnen hatten, dass sie das Gestndnis von Marinus van der Lubbe glauben sollten [...].Entgegen hufig wiederholter Behaup-tungen konnte bislang niemand einenBeleg fr die Tterschaft der NSDAP an dieser Brandstiftung vorlegen. [...] Neueechte Beweise sind nicht mehr zu erwarten; es gibt keine nennenswerten Quellen, dienoch verschollen sind. Auch lebt lngst nie-mand mehr, der 1933 in irgendeiner Form etwas bislang Unbekanntes htte erfahrenknnen und heute sein Schweigen brechenwrde. [...]Dagegen steht eine in sich schlssigeDarstellung der Brandstiftung durch Ma-rinus van der Lubbe: Der hollndische Anarchokommunist hatte mit seiner Tat ein Zeichen setzen wollen gegen dieMachtbernahme der Nationalsozialisten und gegen die Lhmung der radikalenArbeiterbewegung; fr eine Revolution vonunten, ja eigentlich fr Aufruhr als Selbstzweck. In mehr als 30 Verhren ber Monate hinweg blieb van der Lubbe imKern stets bei seiner Darstellung; wesent-liche Widersprche gibt es in den ent-sprechenden Akten gerade nicht. [...] [A]lleEnde Februar und Anfang Mrz 1933 imReichstag gesicherten objektiven Beweise [sttzten] van der Lubbes Version [...] oder[widersprachen] ihr jedenfalls nicht [...].Dagegen gibt es in den Voruntersuchungs-akten keinerlei Hinweise auf unterdrckte oder verflschte Spuren, die fr mehrere Beteiligte gesprochen htten. Das wreauch seltsam gewesen, denn an der Unter-drckung mutmalicher Beweise fr weitere Tter htten die Nazis ja keinerleiInteresse haben knnen; sie behauptetenja stets, van der Lubbe htte Komplizen ge-habt. Obwohl auf die Polizisten oensicht-lich Druck ausgebt wurde, Belege zu fin-den, wurden keinerlei Indizien fr andere Tter dokumentiert, weder irgendwelcheBrandbeschleuniger noch Zndmechanis-men, die der Strohmer van der Lubbe nicht htte haben knnen. 99 Positionen lang war die Liste der sichergestelltenBeweismittel aus dem Reichstag kein einziges davon wies auf etwas anderes hinals den vom Brandstifter geschildertenTatverlauf. [...]Hinzu kommt: Wenn hinter der Brandstif-tung tatschlich ein perfider Plan der SAoder der NSDAP gesteckt htte, dann wrendie oensichtlich skrupellosen Tter wohl schlau genug gewesen, ausreichend Spuren zu legen, um ihr Ziel auch sicherzu erreichen. Eine tatschliche NS-Provo-kation sechseinhalb Jahre spter, der fingierte berfall von SS-Leuten in polni-schen Uniformen auf den deutschen Sender Gleiwitz am 31. August 1939, zeigt,dass der Einsatz geflschter Indizien HitlersSchergen keineswegs fremd war. [...][...] Warum wird noch immer ber die T-terschaft gestritten? Der wichtigste Grunddrfte sein, dass den Nazis angesichts ihrerzahlreichen anderen und bei weitem schlimmeren Verbrechen auch die Brand-stiftung im Parlament ohne weiteres zu-zutrauen gewesen wre. [] Zweitens habenHitler und Gring ja den Brand tatschlichgeradezu virtuos fr ihre Zwecke eingesetzt;die vorstzlich in Szene gesetzte Explosionder innenpolitischen Gewalt im Mrz 1933leitete die Eroberung der totalen Machtber Deutschland ein. [...] Ein dritter Grundist die Feststellung im Urteil des Reichsge-richts, van der Lubbe habe Mittter haben mssen. Doch dies war wahrscheinlich ein Zugestndnis der Richter an die Reichs-regierung, die sie nicht vllig blostellenwollten, nachdem sie bereits die vier mitan-geklagten Kommunisten aus Mangel anBeweisen freigesprochen hatten.Alles spricht dafr, die zahlreichen Ge-stndnisse Marinus van der Lubbes ernst zu nehmen. Aber warum ist die Frage der Tterschaft berhaupt seit 75 Jahren derartig umkmpft? [...] Woher rhrte dieBedeutung fr die deutsche Zeitgeschichte?[...] Die Antwort liegt in der grund-stzlichen Einschtzung des Dritten Reichs:Gehrte die Brandstiftung zu einem bisins Detail vorbereiteten Plan der NSDAP? Oder reagierten der Fhrer und seinePaladine spontan auf den Reichstagsbrand,setzten sie sich also wegen ihrer Rcksichtslosigkeit gegen die zgernden politischen Gegner durch, die Sozialde-mokratie und das Zentrum? Wer schon den Reichstagsbrand fr ein inszeniertes Schurkenstck der Hitler-Partei hlt, muss zwangslufig die NS-Herrschaft insge-samt zu przise durchgeplanter Machtpo-litik erklren einschlielich Auschwitz. Allerdings hat diese Annahme eine unver-meidliche Folge: Automatisch wird damitdie Verantwortung der deutschen Gesell-schaft insgesamt, hunderttausender, jaMillionen Deutscher an all diesen Verbre-chen stark reduziert. [...] Aus der Annahmeder NS-Verantwortung folgt letztlich eineExkulpierung der damaligen deutschen Gesellschaft. [...]Es bleibt eine letzte Frage: Wie kam es zudem verheerenden Brand im Plenarsaal, wenn wirklich nur Marinus van der Lubbe mit seinen auf den ersten Blick ungen-genden Mitteln wie Kohlenanzndern,Kleidungsstcken und Tischdecken alsTter in Frage kommt? [...][] Es drfte am 27. Februar 1933 gegen21.27 Uhr zu einem heute als Backdraft bekannten und gefrchteten Phnomengekommen sein, das bei Brnden in geschlossenen Rumen auftritt. Dabei ver-braucht zunchst ein oen brennendes Feuer einen Groteil des verfgbaren Sau-erstos. Verlschen die Flammen, fhren die stark gestiegenen Temperaturen zum chemischen Phnomen der Pyrolyse: Orga-nische Molekle spalten sich; unoxidierte,das heit brennbare Gase steigen auf undsammeln sich unter der Decke. Gleichzeitigsinkt durch die nunmehr nur noch schwe-lenden Brandstellen die Temperatur etwas.Dadurch entsteht ein Unterdruck, der Luft ansaugt, sobald das mglich ist. Kommt indieser Situation Sauersto in den bis da-hin abgeschlossenen Raum, lsst sich eineKatastrophe kaum mehr abwenden: Nachdem nen einer Tr scheint die gestauteHitze zunchst wie ein Schlag hinauszu-drngen, doch unmittelbar darauf bildet sich ein starker Luftzug ins Innere desnun geneten Brandraums. Der Sauerstovermischt sich, je nach Gre des Raumsin wenigen Sekunden bis mehr als einer Mi-nute, mit den heien Rauchgasen. Sobalddie Mischung zndfhig ist, kommt es zu einer Rauchgasexplosion, die Temperaturvon bis zu 10 00 Grad entwickeln kann und nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist. Sven Felix Kellerho, Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalls, be.bra verlag, Berlin-Brandenburg, S. 131 . Der abgebrannte Plenarsaal des Reichstags am 28. Februar 1933 agno ullstein bild Im 33 Machteroberung 1933 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 haber oder zivilen Reichskommissar bertragen hatten, lie die Reichstagsbrandverordnung diese Frage oen und bestrkte damit wiederum die Machtbefugnis der Reichsregierung, die ber die ntigen Manahmen entscheiden konnte. Die Reichstagsbrandverordnung strkte besonders die Macht der Polizei im NS-Regime und lie erkennen, wie wenig die nationalsozialistische Fhrung in den traditionellen Kategorien eines vorbergehenden Staatsnotstands oder Belagerungszustandes dachte. Vielmehr wollte sie ein Instrument zur dauerhaften Festschreibung nationalsozialistischer Herrschaft mittels Polizei und Konzentrationslager schaen. Bis zum Ende des NS-Regimes stellte die Reichstagsbrandverordnung die formale Legitimation der Geheimen Staatspolizei fr deren Verhaftungen und Verfolgungen von deutschen Staatsbrgern dar. Zugleich verstrkte die antikommunistische Hysterie die Selbstlhmung der Konservativen und Deutschnationalen, die die brutale und auergesetzliche Unterdrckung der Opposi- tion widerstandslos hinnahmen. -----Schon in den Morgenstunden des 28. Februar begannen die Verhaftungen nach vorbereiteten Listen; in den folgenden Ta-gen wurden allein in Preuen rund 5000 Menschen, in erster Linie Kommunisten und Sozialdemokraten, festgenommen und interniert. Die SA verfolgte ihrerseits die Roten und verschleppte Angehrige der Arbeiterparteien und Gewerk-schaften in Schulen, Kasernen, Keller und Parteilokale, wo sie geschlagen, gefoltert und ermordet wurden. Trotz des Terrors gelang der NSDAP bei den Wahlen am 5. Mrz 1933 nicht der erwartete Erfolg, sondern sie blieb auf die Stimmen der Deutschnationalen angewiesen. Zwar steigerten die Nationalsozialisten ihren Anteil noch einmal beachtlich und erhielten 43,9 Prozent der Stimmen, aber die erhote absolute Mehrheit errangen sie nicht, wohingegen das katholische Zentrum und die Sozialdemokraten trotz Unterdrckung ihren Stimmenanteil halten konnten und selbst die KPD noch 12,3 Prozent der Stimmen bekam. -Dennoch waren die Wahlerfolge der NSDAP in Nord- und Ostdeutschland, wo sie deutlich ber 50 Prozent der Stimmen holte, nicht zu bersehen. Und auch im katholischen Bayern war es der NSDAP gelungen, starke Stimmenzuwchse zu erzielen, was bedeutete, dass die katholische Resistenz gegenber dem Nationalsozialismus eingebrochen war. Die NS-Fhrung feierte das Wahlergebnis als Sieg und glaubte nun alle Legitimation zu besitzen, die nationalsozialistische Revolution voranzutreiben. ------Gleichschaltung der Lnder Gleich nach der Wahl vom 5. Mrz wurden Lnder und Kommunen gleichgeschaltet. Handhabe dazu bot Paragraph 2 der Verordnung zum Schutz von Volk und Staat, der den Reichsinnenminister ermchtigte, in die Souvernitt der Lnder einzugreifen, falls diese nicht selbst geeignete Schutzvorkehrungen trafen. Innerhalb von nur wenigen Tagen setzte die Hitler-Regierung nationalsozialistische Reichskommissare in Hamburg, Bremen, Hessen, Baden, Wrttemberg, Sachsen und Bayern ein. Die Machtbernahme erfolgte nach stets gleichem Muster. Die jeweils rtliche SA marschierte vor den Rathusern und Regierungsgebuden auf, verlangte, dass die Hakenkreuzfahne gehisst werde, und drohte damit, die Gebude zu strmen. Das bot dem nationalsozialistischen Reichsinnenminister Frick Die Wchter: SA-Posten vor dem Eingang des KZ Oranienburg, das ab Mrz 1933 auf dem Areal einer ehemaligen Fabrik entstand. 6-1982-014-35A, Bild 14BundesarchivDie Gefangenen: sozialdemokratische Funktionre im Konzentrationslager Oranienburg. Unter ihnen auch Friedrich Ebert jr., der sptere Oberbrgermeister von Ost-Berlin und Sohn des frheren Reichsprsidenten (2. v. l.) -78 , Bild 183-R889Bundesarchiv 34 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 den Vorwand, unter Berufung auf Artikel 2 der Reichstags-brandverordnung einzugreifen und die gewhlten Landes-regierungen abzusetzen. Die neuen nationalsozialistischenMachthaber ernannten in der Regel gleich jeweils neuePolizeiprsidenten und bauten den Polizeiapparat massivaus. Der Reichsfhrer SS Heinrich Himmler und der Chef des Sicherheitsdienstes der SS (SD) Reinhard Heydrich ver-standen es erfolgreich, insbesondere die politische Polizeiihrer Kontrolle zu unterstellen. Dass diese Machtbernahme so reibungslos funktio-nierte, ohne auf nennenswerten Widerstand der abge-setzten Landesregierungen zu stoen, zeigt, wie resigniertmittlerweile viele Demokraten waren. Zudem hatte die NS-Fhrung gezielt jene Lnder ausgewhlt, in denen diejeweiligen Landesregierungen keine parlamentarischen Mehrheiten mehr besaen und nur noch geschftsfhrendim Amt waren. Mit dem Gleichschaltungsgesetz vom 31. Mrz wurden die Landtage (bis auf Preuen), Brgerschaften und kommunalen Parlamente smtlich aufgelst und nach den regionalen bzw. lokalen Stimmenverhltnissen der Reichstagswahl vom 5. Mrz neu zusammengesetzt. Die kommunistischen Stimmen durften nicht gezhlt werden, die sozialdemokratischen Sitze wurden einbehalten, so dass bald nur noch nationalsozialis-tisch dominierte Einheitsorgane brig blieben. Diese Gebilde galten auf vier Jahre gewhlt, es fanden keine Wahlen mehr zu Reprsentativorganen der Brger statt. Anfang April wurden in allen deutschen Lndern, bis auf Preuen, Reichsstatthalter eingesetzt, die meist identisch mit den jeweiligen Gauleitern der NSDAP waren und die Landesgewalt bernahmen. Terror und Zustimmung -Mit rasanter Dynamik und einem geschickten Spiel mitGemeinschaftsversprechen und Inklusionsangeboten auf der einen sowie radikaler Exklusion, Terror und Verfolgungauf der anderen Seite gelang es den Nationalsozialisten,die republikanische Verfassungsordnung, auch wenn sieformal erhalten blieb, auszusetzen und eine auf Volk, Rasse und Fhrer gegrndete Diktatur zu errichten, die sich derZustimmung einer groen Mehrheit der Deutschen sichersein konnte. Ohne die Rcksichtslosigkeit, mit der nicht blo die Na-tionalsozialisten, sondern auch die Deutschnationalen die Weimarer Verfassungsordnung zu Grabe tragen wollten, aber auch ohne den Terror durch Gestapo und Konzentrati-onslager htte dieser Prozess der Auflsung der verfassungs-migen politischen Ordnung nicht diesen Verlauf nehmenknnen. Aber ebenso unerlsslich war die aktive Mithilfe etlicher gesellschaftlicher Organisationen. Es gab, kommen-tierte Sebastian Haner im Rckblick, ein sehr verbreitetes Gefhl der Erlsung und Befreiung von der Demokratie. Was macht eine Demokratie, wenn eine Mehrheit des Volkes sie nicht mehr will? Hatte die NSDAP im Januar 1933 noch rund 850 000 Mitglie-der besessen, beantragten nach dem 30. Januar und vor allem nach dem 5. Mrz, also nach den Wahlen, Hunderttausende die Aufnahme in die Partei, so dass schlielich die Parteifhrung zum 1. Mai bei einem Stand von 2,5 Millionen Mitgliedern ei-nen Aufnahmestopp verfgte, um der zustrmenden Massen Herr zu werden. 35 Machteroberung 1933 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Am Tag von Potsdam inszeniert sich Hitler als der demtige Staatsmann,der dem Reichsprsidenten Hindenburg seine Aufwartung macht. , Bild 183-S38324BundesarchivDie nationalsozialistische Propaganda stellte Hitler als volksnahen Voll-ender der nationalen Einheit neben prominente Vorgnger. S.M. tung Photo / tsche ZeiSddeuTag von Potsdam So bemhte sich das Regime unter der Regie von JosephGoebbels, der zehn Tage zuvor Reichsminister fr Volksauf-klrung und Propaganda geworden war, die Ernung des neuen Reichstages ohne die sozialdemokratischen und kommunistischen Abgeordneten am 21. Mrz in der Pots-damer Garnisonskirche als Tag der nationalen Einigung mitFestgottesdienst, Salutschssen und Aufmarsch von Reichs-wehr, SA und SS zu zelebrieren. Das Bild des Kanzlers, der sich ehrerbietig vor dem greisen Reichsprsidenten verbeugte,der Handschlag zwischen dem Gefreiten und dem Feldmar-schall, sollte den Hhepunkt der Inszenierung bilden undkonnte doch nicht die unterschiedlichen Erwartungen, diean die neue Regierung gerichtet waren, kaschieren. Gerade inder anscheinend demutsvollen, zahmen Art, wie sich Hitler an diesem Tag gab, zeigte sich die Absicht der NS-Fhrung, die nationalkonservativen Anhnger nicht zu verprellen,sondern weiterhin an sich zu binden. Aber die terroristische Dimension verschwand deshalb nicht. Noch am selben Tag verkndete die Regierung sowohleine Amnestie fr Straftaten, die im Kampfe fr die natio-nale Erhebung des Deutschen Volkes begangen wordenwaren und unter anderem den Mrdern im schlesischen Potempa zugute kam (siehe S. 26. Sie wurden im Mrz 1933freigelassen), als auch eine Verordnung zur Abwehr heim-tckischer Angrie, mit der jedwede Kritik an der Regie-rung mit Gefngnis bestraft werden konnte. Ermchtigungsgesetz Zwei Tage spter, am 23. Mrz, verabschiedete der Reichstag gegen die Stimmen der SPD das Ermchtigungsgesetz,das der Regierung zunchst fr vier Jahre das Recht ver-lieh, eigenmchtig Gesetze, sogar verfassungsndernde,zu erlassen, soweit sie nicht die Stellung des Parlaments,der Lndervertretung oder des Reichsprsidenten betra-fen. Damit wurde die verfassungsmige Gewaltenteilungzwischen Legislative und Exekutive zerstrt und das allei-nige Recht des Parlaments, als gewhlte VolksvertretungGesetze zu erlassen, aufgehoben.Die notwendige Zweidrittelmehrheit konnte nur durchdie Zustimmung der katholischen Parteien, des Zentrumsund der Bayerischen Volkspartei, erreicht werden. Die Ver-handlungen mit den Nationalsozialisten hatten die Zen-trumspartei vor eine schwere Zerreiprobe gestellt. Dochschlielich siegte die Furcht, bei einer Ablehnung desErmchtigungsgesetzes wieder wie unter Bismarck als in-nerer Reichsfeind dazustehen, und Hitler versprach aus-drcklich, die Rechte der katholischen Kirche auf unge-strte Religionsausbung und eigenstndige Schulen nicht anzutasten. Zudem schien der Reichstagsbrand die angeb-liche kommunistische Bedrohung und damit die Forderungnach einem starken Staat zu besttigen, der hart gegen lin-ke Umsturzabsichten durchgreifen msse.Auerdem enthielt das Ermchtigungsgesetz die Klau-sel, dass die Stellung des Reichstages und des Reichspr-sidenten nicht angetastet werden drften. Zustzlich galtdie Laufzeit des Gesetzes vorerst fr vier Jahre und muss-te dann vom Reichstag neu beschlossen werden. Dass derReichstag 1937 kein frei gewhltes Parlament mehr war,sondern ein ausschlielich mit Nationalsozialisten besetz-tes willfhriges Instrument der Diktatur, konnten sich dierepublikanischen Abgeordneten, darunter auch der sptereBundesprsident Theodor Heuss, kaum vorstellen. Mit 444Ja-Stimmen gegen 94 Nein-Stimmen beschloss der Reichs-tag seine eigene Entmachtung.Allein die SPD, deren Fraktion aufgrund von Verhaftun-gen, Verfolgung und Flucht nicht mehr vollzhlig anwe-send sein konnte, stimmte gegen das Gesetz. Der Fraktions-vorsitzende Otto Wels begrndete in einer mutigen Rede,die immer wieder hasserfllt von den nationalsozialisti-schen Abgeordneten unterbrochen wurde, und angesichtsim Saal aufmarschierter SA- und SS-Milizen die Stellungseiner Partei. Und Wels schloss mit einem Gru an die Ver-folgten und Bedrngten, deren Standhaftigkeit Bewunde-rung verdiene. 36Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft 36 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Ermchtigungsgesetz vom 24. Mrz 1933 Der Reichstag hat das folgende Gesetzbeschlossen, das mit Zustimmungdes Reichsrats hiermit verkndet wird, nachdem festgestellt ist, da dieErfordernisse verfassungsndernderGesetzgebung erfllt sind: Art. 1. Reichsgesetze knnen auer indem in der Reichsverfassung vor-gesehenen Verfahren auch durch dieReichsregierung beschlossen wer-den. [] Art. 2. Die von der Reichsregierung beschlossenen Reichsgesetze knnenvon der Reichsverfassung abwei-chen, soweit sie nicht die Einrichtung des Reichstags und des Reichsrats alssolche zum Gegenstand haben. DieRechte des Reichsprsidenten bleibenunberhrt. Art. 3. Die von der Reichsregierung be-schlossenen Reichsgesetze werdenvom Reichskanzler ausgefertigt und imReichsgesetzblatt verkndet. Sietreten, soweit sie nicht anderes bestim-men, mit dem auf die Verkndungfolgenden Tage in Kraft. [] Art. 4. Vertrge des Reichs mit fremden Staaten, die sich auf Gegenstndeder Reichsgesetzgebung beziehen, bedr-fen nicht der Zustimmung der an der Gesetzgebung beteiligten Krperschaf-ten. Die Reichsregierung erlt die zur Durchfhrung dieser Vertrgeerforderlichen Vorschriften. Art. 5. Dieses Gesetz tritt mit dem Tageseiner Verkndung in Kraft. Es trittmit dem 1. April 1937 auer Kraft; es tritt ferner auer Kraft, wenn die gegen-wrtige Reichsregierung durch eineandere abgelst wird. Wolfgang Michalka (Hg.), Das Dritte Reich. Dokumente zur Innen- und Auenpolitik, Band 1, dtv, Mnchen 1985, S. 35 Aus der Reichstagsdiskussion am 23. Mrz 1933 in der Berliner Kroll-Oper Rede von Otto Wels (SPD) [...] Freiheit und Leben kann man unsnehmen, die Ehre nicht. [...] Nachden Verfolgungen, die die Sozialdemo-kratische Partei in der letzten Zeit er-fahren hat, wird billigerweise niemandvon ihr verlangen oder erwarten kn-nen, da sie fr das hier eingebrachteErmchtigungsgesetz stimmt. [...]Noch niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle derentlichen Angelegenheiten durch diegewhlten Vertreter des Volkes insolchem Mae ausgeschaltet worden,wie es jetzt geschieht, und wie esdurch das neue Ermchtigungsgesetznoch mehr geschehen soll. Einesolche Allmacht der Regierung musich um so schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungs-freiheit entbehrt. [...] Wir haben gleiches Recht fr alle undein soziales Arbeitsrecht geschaen.Wir haben geholfen, ein Deutschlandzu schaen, in dem nicht nur Frsten und Baronen, sondern auch Mnnern aus der Arbeiterklasse der Weg zurFhrung des Staates oen steht. Davon knnen Sie nicht zurck, ohne Ihren eigenen Fhrer preiszugeben. Vergeblichwird der Versuch bleiben, das Rad der Geschichte zurckzudrehen. [...] Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichenStunde feierlich zu den Grundstzen der Menschlichkeit und der Gerechtig-keit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermchtigungsgesetz gibt Ihnendie Macht, Ideen, die ewig und unzer-strbar sind, zu vernichten. [...] DasSozialistengesetz hat die Sozialdemo-kratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozial-demokratie neue Kraft schpfen.Wir gren die Verfolgten und Be-drngten. Wir gren unsereFreunde im Reich. Ihre Standhaftigkeitund Treue verdienen Bewunderung.Ihr Bekennermut, ihre ungebrocheneZuversicht verbrgen eine hellere Zukunft. http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/wels/index.html Erwiderung Adolf Hitlers [...] Sie sind wehleidig, meine Herren,und nicht fr die heutige Zeit be-stimmt, wenn Sie jetzt schon von Ver-folgungen sprechen. [...] Auch IhreStunde hat geschlagen, und nur, weil wir Deutschland sehen und seine Not und die Notwendigkeit des nationalenLebens, appellieren wir in dieser Stunde an den Deutschen Reichstag, uns zugenehmigen, was wir auch ohnedemhtten nehmen knnen. [...]Ich glaube, da Sie (zu den Sozialde-mokraten) fr dieses Gesetz nichtstimmen, weil Ihnen Ihrer innersten Mentalitt nach die Absicht unbe-greiflich ist, die uns dabei beseelt. [...] Und ich kann Ihnen nur sagen: Ichwill auch gar nicht, da Sie dafrstimmen! Deutschland soll frei wer-den, aber nicht durch Sie! http://www.reichstagsprotokolle.de/ Blatt2_w8_bsb00000141_00038.html Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 37 Machteroberung 1933 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Bildarchiv Judaica, Abt.ar,tmuseum HofgeismStadDemtigung als Volksbelustigung: Der SPD-Kreistagsabgeordnete Hermann Weidemann wird, auf einem Ochsen sitzend, von SA-Mnnern durch seinen ehemali-gen hessischen Wahlbezirk Hofgeismar gefhrt. Misshandlung einer demokrati-schen Stadtrtin In der Nacht vom 20. zum 21. Mrz dieses Jahres gegen halb 2 Uhr wurde an meinerWohnungstr heftig geklingelt und ge-klopft. Im Glauben, da meine Kinder nachHause gekommen waren, stand ich sofortauf und fragte Wer ist da? Mit einer bar-schen Stimme wurde mir darauf geant-wortet: Machen Sie sofort auf, hier ist die Polizei, sonst wird gewaltsam genet. []Mein Mann schlo die Tr auf. Es traten 6 8 Mann herein. Verschiedene waren mit Karabinern bewanet. Bis auf einen Mann, der ein blaues Jackett und eine blaue Mtze trug, waren alle in SA-Uniform. Die Leute,die in meine Wohnung eintraten, kenne ichvom Sehen alle. Es sind alles junge Leute,die mit meinen Kindern zusammen in die Schule gegangen sind. [] Einer von denen,der sicher der Fhrer war, forderte mich mit den Worten Bitte ziehen Sie sich an. Sie kommen mit. auf. Ich forderte von diesem Mann einen Ausweis. Er antwortete mir mit flotter Armbewegung: Ach Quatsch,machen Sie keinen Heckmeck. Sie kommen mit!. [] Ich mute nun das Auto (ein W-scheauto), das vor dem Hause bereit stand,mit den Leuten, die bei mir in der Wohnungwaren, besteigen und mitfahren. []Die Fahrt ging weiter nach der Elisabeth-strae in die SA-Kaserne. [] Dort aufdem Hof mute ich aussteigen und mitin das Hintergebude des Hofes (untenStall, oben sicher Heuboden) mitgehen. Er-whnen will ich noch, da sich auer mir noch ein gewisser Herr Heber und HerrFlieger im Wagen befanden. Diese Leutemuten ebenfalls mit mir in das Gebude gehen. []Der Fhrer, der auch in meiner Wohnungmit war, meldete uns dem dort befind-lichen Fhrer. Als der Fhrer, der mich aus der Wohnung holte, dem dort befindlichenFhrer meinen Namen Jankowski nannte, antwortete der dort anwesende Fhrer Ach Jankowski, die alte, fette Sau! Wir wur-den aufgefordert, uns in eine Ecke zu stellen.Jetzt mute der junge Mann, Heber [],vortreten, und es wurden ihm die Haare geschnitten. Es wurden jetzt von unsdreien die Personalien aufgenommen. Beider Aufnahme der Personalien fielen allerlei Bemerkungen, zum Beispiel Aas,dreckiges Luder usw. [] Der Fhrer richte-te nun an mich die Frage, wieviel Gehalt ichvon der Stadt beziehe. Ich gab ihm zurAntwort, da ich nur eine Aufwandsentsch-digung von 48,75 RM den Monat beziehe.Der Fhrer antwortete mir Du verschwin-deltes Aas, du kriegst kein Gehalt, dir werden wir schon und gab dann den Leuten, die zum Schlagen bereit standen,die Zahl 20 an. [] Nach Verabfolgungder Schlge mute ich mich zu Flieger wie-der in die Ecke stellen. [] Als ich zumzweiten Mal herankam, beschuldigte derFhrer mich, da ich Listen verbreitet htte, wonach nationalsozialistische Ge-schftsleute boykottiert werden sollten.Ich erklrte ihm, da ich nichts davon wei. Er antwortet mir: Du weit ja berhauptnichts, und ich bekam zum zweiten Mal 20 Schlge. [] Nach einer gewissen Zeit wurdeich wieder in Ruhe gelassen, und es kamenjetzt wieder Heber und Flieger und ichheran, sich auf den Tisch zu legen und zumdritten Male Schlge zu bekommen []Wir muten uns nachdem in eine Reihe stellen und das Deutschlandlied durch-singen. Nach Absingen des Deutschland-liedes erklrte uns der Fhrer, da er uns jetzt eine halbe Stunde in Ruhe lassenwrde. Er wrde jetzt hinuntergehen, undwenn er wiederkme, wrde er an uns bestimmte Fragen richten. Sollten wir die Fragen nicht beantworten, so wird uns nochmal so eine Wucht verabfolgt [...] unddann werden wir in den Wagen eingela-den und nach Schmckwitz gefahren, wowir unsere Kute (Grube) graben knnen.Whrend der Abwesenheit des Fhrers so-wie einiger anderer SA-Leute, wurden wir von der zurckbleibenden Wache mit allerlei Schimpfworten bedacht. Was frschmutzige Wrter von den Leuten zu unsgesagt wurden, kann ich heute hier nichtmehr wiedergeben.Nach Rckkehr des Fhrers bekamen wir der Reihe nach auf dieselbe Art und Weise wie vorher zum 4. Male je 20 Schlge. []Mir wurde jetzt erklrt, da ich jetzt ent-lassen werde, mte aber vorher noch ein Revers unterschreiben. Das Revers war schon mit der Maschine vorgeschrieben.Es enthielt, da ich alle mter niederzule-gen habe, da ich aus der Partei austreteund mich politisch nicht mehr bettige.Auerdem solle ich mich von Donnerstag,den 23. Mrz 33 ab in der dort befindlichen SA-Kaserne, wo ich geschlagen wurde,abends von 19 20 Uhr tglich melden. AmDonnerstag, den 23. Mrz 33, htte ich auch die Liste smtlicher Funktionre der Partei mitzubringen. [] Da ich nun allein auf der Strae stand und nicht laufen konnte, war es mir nicht mglich, meinenHeimweg anzutreten. []Am 31. Mrz wurde ich auf Grund einer Verfgung des Hauptgesundheitsamtsaus dem Krankenhaus entlassen. Ich befinde mich heute noch in rztlicher Behand-lung. []Aus Furcht, da mir evtl. nochmals dieses Unglck widerfahren knnte und damitich nun in Ruhe gelassen werde, stelle ich gegen die Tter keinen Strafantrag. Aus dem Vernehmungsprotokoll der Berliner Kriminalpolizei vom 17. Mai 1933, in: Josef und Ruth Becker (Hg.), Hitlers Macht-ergreifung. Dokumente vom Machtantritt Hitlers 30. Januar 1933 bis zur Besiegelung des Einparteienstaates 14. Juli 1933, 3. Aufl., dtv, Mnchen 1993, S. 150 . 38 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Verfolgung der Juden Nach der Ausschaltung der politischen Opposition richtetesich der nchste Schlag des Regimes gegen die deutschenJuden. Bereits zwei Tage nach den Reichstagswahlen be-gannen im Ruhrgebiet, namentlich in Essen, Bottrop sowieMlheim, Boykottaktionen gegen jdische Geschfte. DerNS-Kampfbund fr den gewerblichen Mittelstand nutztedie Boykottaktionen, um Juden aus den Mittelstandsverei-nigungen zu verdrngen. Rasch breiteten sich die Boykott-aktionen, hufig begleitet von gewaltttigen Ausschreitun-gen, ber das gesamte Reich aus, und die nationalsozialis-tische Provinzpresse berichtete intensiv ber die Aktionen,um sie weiter zu forcieren. Die NS-Fhrung bemhte sich dagegen, die Einzelaktionen, wie sie in der NS-Terminologiehieen, unter Kontrolle zu bekommen. Doch obwohl Hitler persnlich in einem Aufruf am 10. Mrz im Vlkischen Beob-achter an die Partei- und SA-Mitglieder hchste Disziplinbeschwor, hielt der Druck von der Parteibasis weiter an. Die Parteifhrung entschloss sich daher Ende Mrz, ei-nen reichsweiten Boykott jdischer Geschfte zu organisie-ren. Als Begrndung dienten die internationalen Proteste,vor allem in den USA, gegen die Verfolgung von Juden inDeutschland, die von den Nationalsozialisten als jdischgesteuerte Greuelprogaganda hingestellt wurde. Gegen siesollte der Boykott eine Gegendemonstration darstellen. berall in Deutschland standen am Samstag, dem 1. April,SA-Posten vor Geschften mit jdischen Inhabern, die aberangesichts der Drohungen ihre Lden an diesem Tag sowie-so geschlossen hatten. Obwohl die Regimefhrung immerwieder betonte, dass die Boykottaktion mit Ruhe und Diszi-plin vonstatten gegangen sei, brach die Gewalt an etlichenOrten auf. Auenpolitisch war der Boykott ein Fehlschlag, weil erden Eindruck von den Judenverfolgungen in Deutschlandbesttigte; und auch innenpolitisch erwies er sich als wenig erfolgreich, weil oenkundig zahlreiche Deutsche die Akti-on missbilligten, zumal ja auch nicht-jdische Angestelltein Mitleidenschaft gezogen wurden. So blieb der Boykott of-fiziell auf einen Tag beschrnkt, aber in der Provinz, auer-halb der Grostdte, wurden die Aktionen vehement fort-gefhrt. Gerade in den kleinen und mittleren Orten stelltendie Boykottaktionen ein entscheidendes Politikfeld dar, umsoziale Distanzen zwischen Juden und Volksgenossen zuschaen und die jdischen Nachbarn zu isolieren.Wenige Tage nach dem Boykott nutzte die Hitler-Regie-rung die ihr durch das Ermchtigungsgesetz verliehene Kompetenz, um mit dem Gesetz zur Wiederherstellung desBerufsbeamtentums vom 7. April sogenannte Nicht-Arier es gengte, wenn ein Groelternteil jdischer Religion war aus dem entlichen Dienst zu entlassen. Zugleich wurdedie Bettigung jdischer Rechtsanwlte eingeschrnkt undzwei Wochen spter ein Numerus clausus fr jdische Stu-denten eingefhrt. Waren viele mit den Boykottmethodenund der antisemitischen Gewalt auch nicht einverstanden, so billigten sie doch die Verdrngung von Juden aus Beru-fen, in denen sie angeblich berproportional vertreten wa-ren nicht zuletzt profitierten zahlreiche Jungakademikervon den Entlassungen, da sie jetzt die Stellen der vertriebe-nen jdischen Kolleginnen und Kollegen erhielten.Auch wenn die Zahl der Betroenen durch Ausnahme-regelungen zunchst noch eingeschrnkt blieb und dieje-nigen Juden vorerst von der Entlassung verschonte, die alsSoldaten im Ersten Weltkrieg gekmpft hatten, war der Wil-le des Regimes, von Anfang an eine antisemitische Politikzu verfolgen, unmissverstndlich zu erkennen. Rund 37 000Juden flchteten im ersten Jahr der NS-Herrschaft aus Deutschland, um der Verfolgung zu entgehen. Doch bliebendie meisten jdischen Deutschen in ihrer Heimat, weil sieannahmen, dass der antisemitische Kurs der NS-Regierungwieder abklingen wrde und, wenn auch unter deutlicherschwerten Bedingungen, ein normales Leben in Deutsch-land auch weiterhin mglich sein wrde. Antisemitische Schmierereien an den Schaufenstern des Textilgeschftes Hermanns & Froitzheim, Frankfurt/Main 1933 bpk SA und SS vor dem Kaufhaus Wertheim in Berlin. Der Boykott jdischer Geschfte vom 1. April sollte propagandistisch ausgeschlachtet werden. , Bild 183-R70355 BundesarchivInformationen zur politischen Bildung Nr. 314/201239Machteroberung 1933 39 Machteroberung 1933 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Verfolgung der Juden Boykottaufruf der NSDAP Deutsche Volksgenossen! Die Schuldigen an diesem wahnwitzigen Verbrechen, an dieser niedertrchti-gen Greuel- und Boykotthetze sind dieJuden in Deutschland. Sie haben ihre Rassegenossen im Ausland zum Kampfgegen das deutsche Volk aufgerufen.Sie haben die Lgen und Verleumdungen hinausgemeldet.Darum hat die Reichsleitung der deut-schen Freiheitsbewegung beschlossen,in Abwehr der verbrecherischen Hetze ab Samstag, den 1. April 1933, vormittags10 Uhr, ber alle jdischen Geschfte,Warenhuser, Kanzleien usw. den Boykottzu verhngen. Dieser Boykottierung Folge zu leisten, dazu rufen wir euch,deutsche Frauen und Mnner, auf! Kauft nichts in jdischen Geschften und Warenhusern! Geht nicht zu jdischen Rechtsanwlten! Meidet jdi-sche rzte! Zeigt den Juden, da sienicht ungestraft Deutschland in seinerEhre herabwrdigen und beschmutzen knnen! Wer gegen diese Auorderung handelt,beweist damit, da er auf Seite der Fein-de Deutschlands steht. Es lebe der ehrwrdige Generalfeld-marschall aus dem groen Kriege, derReichsprsident Paul von Hindenburg!Es lebe der Fhrer und Reichskanzler Adolf Hitler! Es lebe das deutsche Volk und das heilige deutsche Vaterland! Aus dem Vernehmungsprotokoll der Berliner Kriminalpolizei vom 17. Mai 1933, in: Josef und Ruth Becker (Hg.), Hitlers Macht-ergreifung. Dokumente vom Machtantritt Hitlers 30. Januar 1933 bis zur Besiegelung des Einparteienstaates 14. Juli 1933, 3. Aufl., dtv, Mnchen 1993, S. 200 . Boykottaktion ...aus Sicht der Betroenen... Auch bei uns machten die Nazibanden die Straen unsicher. So nherte sich der 1. April, der Tag des Judenboykotts.Bereits am frhen Morgen des Freitag sah man die SA mit ihren Transparenten durch die Stadt ziehen. Die Juden sind unser Unglck. [] In den Vormittags-stunden begannen sich die Posten der Nazis vor die jdischen Geschfte zustellen, und jeder Kufer wurde daraufaufmerksam gemacht, nicht bei Juden zu kaufen. Auch vor unserem Lokal postierten sich zwei junge Nazis und hinderten die Kunden am Eintritt. [] Und fr dieses Volk hatten wir jungen Juden einst imSchtzengraben gestanden und habenunser Blut vergossen, um das Land vor demFeind zu beschtzen. Gab es keinen Kameraden mehr aus dieser Zeit, den dieses Treiben anekelte? Da sah man sie auf der Strae vorbergehen, darunter gar viele, denen man Gutes erwiesen hatte. Sie hatten ein Lcheln auf dem Ge-sicht, das ihre heimtckische Freude verriet. [] Ich schmte mich, da ich einstzu diesem Volk gehrte. Ich schmte mich ber das Vertrauen, das ich so vielen geschenkt hatte, die sich nun als meine Feinde demaskierten. Pltzlich erschien mir auch die Strae fremd, ja die ganze Stadt war mir fremd geworden. [] Trotz alledem kamen auch noch an diesem Tage eine Anzahl Kunden zu mir,besonders Katholiken, und es war so mancher dabei, der mich nur aus Protest gegen das Treiben da drauen besuchte.Auch der Brodirektor des Landrats kam, um, wie er so schn sagte, mir nur die Hand zu drcken. Als ich ihm dankerfllt sagte, er mge meinetwegen nicht seine Stellung aufs Spiel setzen und an seine Familie denken, antwortete er voll Stolz: Ich bin Parteimitglied Nr. 20 derDeutschnationalen Volkspartei; was sollmir passieren? Der arme Idealist, er sollte bald gewahr werden, da auchdiese Partei nicht mehr gelten sollte.Aber ich war ihm von Herzen dankbar, denn in mir war es wund. [] Das Per-sonal sah mich traurig an und fragte,ob es am nchsten Tage kommen solle. Ichverneinte [] die Leute gingen weg [].In der Wohnung rstete meine Frau zum Sabbat. Ich ging in die Synagoge wie viele andere Juden. Dort sah ich ver-zweifelte Gesichter []. Wenig Trost gab mir das Gebet, und ebenso erschttert ging ich nach Hause zur Frau und zu den Kindern. Und als ich dort, wie stets, im Kreise meiner Familie den Sabbat einweihte, als ich an die Stelle im Gebet kam, der Du uns erwhlt hast von allen anderen Vlkern und meine Kinder sah, die mich mit ihren unschuldigen und fragen-den Augen anblickten, da war es mit meiner Fassung vorbei; da entlud sich in mir die Schwere des erlebten Tages,und ich brach zusammen, die letzten Wor-te nur noch stammelnd. Die Kinder wuten oder begrien nicht, warum ichheftig weinte, aber ich wute: Das war mein Abschied vom Deutschtum, meine innere Trennung vom gewesenen Vater-land ein Begrbnis. Ich begrub 43 Jahre meines Lebens. Und wre es nur der eine und einzige Tag solchen Erlebensgewesen, jetzt konnte ich kein Deutscher mehr sein. Monika Richarz (Hg.), Brger auf Widerruf. Lebenszeugnisse deut-scher Juden 1780-1945, C. H. Beck, Mnchen 1989, S. 385. ...und aus Sicht Unbeteiligter [] Man fragte mich, ob ich wte, da das ein jdisches Geschft sei. Ich sagteja, ich htte aber etwas bestellt, unddas wolle ich abholen. Es passierte mirnichts. Allerdings mu ich sagen, eswar eine merkwrdige Atmosphre, wennman dann in das Geschft kam. Man wurde so unglaublich zuvorkommendempfangen. Man fhlte eine Verpflich-tung, nun unbedingt etwas zu kaufen, ob man etwas fand oder nicht. Es stellte sich eine gewisse Scheu ein, das mu ich bekennen. Ich ging hin, wenn ichglaubte, ich knnte etwas finden. Aber ichhatte Angst hineinzugehen, wennich keine konkreten Wnsche hatte; ich frchtete mich hinauszugehen, ohne etwas zu kaufen. Herr Grfenberg war soungeheuer freundlich. Dahinterstand wohl Dankbarkeit, aber diese Dank-barkeit [] Das empfand man alsunangemessen. Man wollte nicht als Helddastehen. Es sollte einfach nur eine natrliche Handlung sein. Das war esdann eben nicht mehr. Thomas Berger, Lebenssituationen unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, Hirschgraben-Verlag, Frankfurt a.M. 1985, S. 92 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/201240 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft 40 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 1. Zur Wiederherstellung eines natio-nalen Berufsbeamtentums und zur Vereinfachung der Verwaltung knnen Beamte nach Magabe der folgenden Bestimmungen aus dem Amt entlassen werden, auch wenn die nach dem geltenden Recht hierfr erforderlichenVoraussetzungen nicht vorliegen [] 2. Beamte, die seit dem 9. November 1918 in das Beamtenverhltnis einge-treten sind, ohne die fr ihre Laufbahn vorgeschriebene oder bliche Ausbil-dung oder sonstige Eignung zu besitzen,sind aus dem Dienst zu entlassen. [] 3. Beamte, die nichtarischer Abstam-mung sind, sind in den Ruhestand [] zu versetzen. Soweit es sich um Ehrenbe-amte handelt, sind sie aus dem Amts-verhltnis zu entlassen. Absatz 1 gilt nicht fr Beamte, die be-reits seit dem 1. August 1914 Beamte gewesen sind oder die im Weltkrieg an der Front fr das Deutsche Reich oder fr seine Verbndeten gekmpft haben oder deren Vter oder Shne im Welt-krieg gefallen sind. Weitere Ausnahmen knnen der Reichsminister des Innern im Einvernehmen mit dem zustndigen Reichsminister oder die obersten Lan-desbehrden fr Beamte im Ausland zulassen. 4. Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Bettigung nicht die Gewhr dafr bieten, da sie jederzeit rckhalt-los fr den nationalen Staat eintreten, knnen aus dem Dienst entlassen wer-den. [] 14. Gegen die auf Grund dieses Ge-setzes in den Ruhestand versetzten oder entlassenen Beamten ist auch nach ihrer Versetzung in den Ruhestand oder nach ihrer Entlassung die Einleitung eines Dienststrafverfahrens wegen der whrend des Dienstverhltnisses begangenen Verfehlungen mit dem Ziele der Aberkennung des Ruhegeldes, der Hinterbliebenenversorgung, der Amtsbe-zeichnung, des Titels [] zulssig. [] Wolfgang Michalka (Hg.), Das Dritte Reich. Dokumente zur Innen- und Auenpolitik, Band 1, dtv, Mnchen 1985, S. 37 . Erklrung ber arische AbstammungIch versichere hiermit pflichtgem:Mir sind trotz sorgfltiger Prfung keine Umstnde bekannt, die die Annahme rechtfertigen knnten, da ich nicht arischer Abstammung sei oder da einer meiner Eltern- oder Groelternteile zu irgendeiner Zeit der jdischen Religion angehrt habe. Ich bin mir bewut,da ich mich dienststrafrechtlicher Ver-folgung mit dem Ziele auf Dienstent-lassung aussetze, wenn diese Erklrung nicht der Wahrheit entspricht. Aus dem Vernehmungsprotokoll der Berliner Kriminalpolizei vom 17. Mai 1933, in: Josef und Ruth Becker (Hg.), Hitlers Macht-ergreifung. Dokumente vom Machtantritt Hitlers 30. Januar 1933 bis zur Besiegelung des Einparteienstaates 14. Juli 1933, 3. Aufl., dtv, Mnchen 1993, S. 220 Wirkungen des Berufsbeamtengesetzes auf die Hochschulen [...] Eine tiefe Zsur in der Welt derHochschulen hinterlie das Berufsbeam-tengesetz vom April 1933. Denn die unverzglich anlaufende Suberung derProfessorenschaft von jdischen und politisch miliebigen Wissenschaftlernfhrte bereits bis Ende 1934 dazu, da 15 Prozent des Lehrkrpers, 11 Prozent allerordentlichen Professoren, insgesamt 1684 Hochschullehrer entlassen worden waren. Durchweg waren die Universi-tten mehr betroen als die Technischen Hochschulen, die 10,7 Prozent ihres Lehrkrpers verloren. Bis 1939 aber hatdiese beispiellose Vertreibungsaktion mehr als ein Drittel, 39 Prozent, aller Professoren erfat. Die Zwangsausschaltung vollzog sich indrei Formen: als abrupte Pensionierungoder als Versetzung in den Ruhestand mitgekrzten Bezgen, meist aber in Ge-stalt der frist- und entschdigungslosen Entlassung.Bis zum Kriegsbeginn haben rd. 3000 Wissenschaftler, darunter 756 Professoren, Deutschland verlassen mssen. Lngst ehe 1944 die ersten deutschen Flchtlinge aus dem Osten vertrieben wurden, er-lebte Deutschland seine von der eigenen Regierung initiierte Vertreibung stigma-tisierter Spitzenkrfte.[...] Als Ergebnis dieses fatalen Aderlas-ses und der evidenten Stagnation seither schrumpfte der Lehrkrper aller Hoch-schulen (Professoren einschlielich derLektoren und Lehrbeauftragten) von 1932 = 7984 auf 1939 = 7265 Wissenschaft-ler. Die Anzahl der ordentlichen Profes-soren (ohne regulre Emeriti) ging von 2354 auf 2164 zurck. In der Jurisprudenz z.B. fiel ihre Zahl von 200 auf 156, in den Geisteswissenschaften von 402 auf 393, sogar in den Naturwissenschaften von 560 auf 522. Die protestlose Hinnahme aller Unge-heuerlichkeiten an der Alma Mater enthllte eine bestrzende Gleichgltig-keit gegenber dem Willkrschicksal enger Fachgenossen. Nicht selten verbandsie sich auch noch mit der inhumanen Entschuldigung Wo gehobelt wird, dafallen Spne. [...] Zu besichtigen ist daher ein grenzenloses moralisches Deba-kel der Mehrheit, die nicht nur die Ver-treibung ihrer Zunftgenossen hinnahm,sondern auch unverzichtbare wissen-schaftliche Normen, ethische Prinzipien und den vielbeschworenen Korporati-onsgeist schnde verriet. Ein vernichten-deres Urteil ber diese politische Men-talitt des Schweigens ist kaum denkbar.Dieselbe Feigheit zeigte sich, wenn es um neue Zumutungen von auen ging.Der bayerische Kultusminister Hans Schemm, ein alter Kmpfer, forderte1933 von den Professoren: Von jetzt ab kommt es fr Sie nicht mehr darauf an, festzustellen, ob etwas wahr ist, sondern ob es im Sinn der nationalsozialistischen Revolution ist. Widerspruch wurdenicht laut. [...]In einer Bilanz, die der Heidelberger Statistikdozent Emil Gumbel zog einst umstrittener Kritiker der politischen Morde in der Weimarer Republik, jetztins Exil vertrieben , fiel das Urteil bitter, aber tresicher aus: Gegenber diesem gewaltsamen Einbruch in ihr geistiges und materielles Leben habendie deutschen Professoren im Ganzen keinen Charakter gezeigt. Kein Wort des Protests gegen die Absetzung so vieler verdienter Lehrer wurde laut. Die Wrde der akademischen Korporation zer-flatterte. Die Idee der Universitt zerging vor der Frage nach der Pensionsberech-tigung.[...] Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949, C. H. Beck, Mnchen 2003, S. 824 . 41 Machteroberung 1933 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Zerschlagung der Gewerkschaften Obwohl Teile der Gewerkschaftsfhrung versuchten, ihre Un-abhngigkeit im NS-Regime dadurch zu bewahren, dass sie sich von der SPD distanzierten und eine Zusammenarbeit mit der neuen Regierung anboten, standen die traditionsreichen freien Arbeiterorganisationen im Visier der neuen Regierung und wurden mit Hilfe der SA im Mai zerschlagen. Erneut bil-deten Inklusion und Gewalt die beiden Seiten nationalsozia-listischer Volksgemeinschaftspolitik.So wurde einerseits der 1. Mai von der Hitler-Regierung erstmals in der deutschen Geschichte unter der Bezeichnung Tag der nationalen Arbeit zum Feiertag erklrt. Unter dem Motto Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter! fanden reichsweit groe Kundgebungen statt, zu denen auch die Ge-werkschaften aufriefen und auf denen Nationalsozialisten Re-den hielten. Auf der zentralen Massenversammlung in Berlin verkndete Goebbels: Am heutigen Abend findet sich ber Klassen, Stnde und konfessionelle Unterschiede hinweg das ganze deutsche Volk zusammen, um endgltig die Ideologie des Klassenkampfes zu zerstren und der neuen Idee der Ver-bundenheit und der Volksgemeinschaft die Bahn freizulegen. Die mehrstndige Kundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin wurde im Rundfunk bertragen. Gleichzeitig fanden in vielen Provinzstdten Aufmrsche, oftmals auch der rtlichen Belegschaften samt Lautsprecherbertragung der Berliner Kundgebung statt, so dass die zentrale nationalsozialistische Propagandaveranstaltung simultan im ganzen Reich erlebt werden konnte. Aus einem Brief Peter Drrenmatts, eines Schweizer Journalisten, 20. April 1933: Eines htte ich mir ja nie trumen lassen: da ich noch einmal den ersten Mai feiern wrde. Dieser erste Mai ist zum oziellen Feier-tag der deutschen Arbeit erklrt worden, folglich schulfrei! Das ist einer der genialsten Demagogenstreiche von Goebbels, ber den sich die Sozialdemokraten schwarz rgern werden. Denn natrlich wird unter den Nazis eine Maifeier von Stapel gelassen, wie sie whrend der Herrschaft der Sozialdemokraten nie annhernd zustande kam. Den Deutschnationalen ist diese Maifeier gar nicht recht. Hitlers Machtergreifung. Dokumente vom Machtantritt Hitlers 30. Januar 1933 bis zur Besiegelung des Einparteienstaats 14. Juli 1933, hg. von Josef und Ruth Becker, 3. Aufl., dtv, Mnchen 1993, S. 249 Auf der anderen Seite strmte tags darauf, am 2. Mai, dieSA berall im Reich die Gewerkschaftsbros, verhaftete die Funktionre, beschlagnahmte das Eigentum. Die Regierungerklrte die freien Gewerkschaften fr aufgelst und bildetedie Deutsche Arbeitsfront (DAF) unter Robert Ley als Zwangs-vereinigung fr Arbeitnehmer wie Arbeitgeber. Mit rund 20Millionen Mitgliedern (Stand 1939) stellte die DAF nicht nurdie mitgliederstrkste, sondern aufgrund des Raubs des Ge-werkschaftseigentums und der millionenfachen Mitglieds-beitrge auch die reichste angegliederte Organisation derNSDAP dar. ullstein bild Terror und Zustimmung (siehe auch Folgeseite): Um Zustimmung der Arbeiterschaft bemht sich das Regime unter anderem mit der Berliner Grokund-gebung zum Tag der Arbeit, der 1933 erstmals zum Feiertag wird. 42 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 v Gerstenberg ullstein bild ArchiTerror am Tag danach: SA und SS besetzen und verwsten am 2. Mai 1933 das Leipziger Volkshaus,in dem rtliche Gewerkschaftsorganisationen und Arbeitervereine untergebracht sind. Die Broschren der Gewerkschaftsbibliothek werden aus dem Fenster in den Hof geworfen. Die Industrieverbnde sahen im neuen Regime eine Chan-ce, die Unternehmerinteressen nachhaltig zu festigen, undpassten sich geschickt an. Als am 1. April ein SA-Trupp dieGeschftsstelle des Reichsverbands der Deutschen Industrie (RDI) besetzte, nutzte die NSDAP wie so oft die Gewalt vonunten, um die Verbandsspitze zum Rcktritt zu zwingen,darunter Paul Silverberg, der trotz seines Eintretens fr einBndnis mit der NSDAP wegen seiner jdischen Herkunftgehen musste. Nach einem Gesprch zwischen Hitler undfhrenden Industriellen am 29. Mai verwandelte sich der RDI in eine Zentralorganisation mit Fhrerprinzip, demReichsstand der Deutschen Industrie, geleitet von Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der eng mit der NS-Fhrungkooperierte.Die Agrarverbnde waren schon seit 1929/30 nationalso-zialistisch durchsetzt. Gleich im Mrz 1933 drngte Richard Walther Darr, Vorsitzender des Agrarpolitischen Apparates der NSDAP, erfolgreich alle Bauernverbnde zum Zusammen-schluss und bernahm selbst den Vorsitz. Ebenfalls schlos-sen sich die landwirtschaftlichen Genossenschaften und die Landwirtschaftskammern an, so dass Darr sich Ende Mai Reichsbauernfhrer nennen durfte und, nachdem er Ende Juni zustzlich Landwirtschaftsminister wurde, die gesamte Agrarpolitik kontrollierte. Auflsung der Parteien Im Juni folgte die Auflsung der Parteien, nachdem die KPD durch die Verfolgungen bereits zerschlagen worden war. Die Mehrheit der SPD-Fhrung ging nach dem Schlag gegen die Gewerkschaften ins Exil nach Prag und rief von dort zum Sturz des Hitler-Regimes auf. Daraufhin erklrte Reichsinnenminis-ter Frick die SPD am 22. Juni zur volks- und staatsfeindlichen Organisation. Alle sozialdemokratischen Parlamentsmanda-te wurden aufgehoben, die noch nicht emigrierten Parteifh-rer verhaftet. Die brgerlichen Parteien kamen ihrer absehbaren Abschaf-fung entgegen und beschlossen eine nach der anderen ihre Selbstauflsung. Die Deutsche Staatspartei, bis 1930 als Deut-sche Demokratische Partei der politische Ort des liberalen Br-gertums, lste sich am 27. Juni auf. Die vom langjhrigen Au-enminister der Weimarer Republik Gustav Stresemann 1919 gegrndete rechtsliberale Deutsche Volkspartei folgte einen Tag spter.Selbst die Deutschnationalen, die die Regierung mit der NSDAP bildeten, ergri der Prozess der Aushhlung der repu-blikanischen Verfassung, den sie selbst forciert hatten. Am 26. Juni musste der DNVP-Chef Hugenberg nach ungeschick-tem Taktieren auf internationalem wie nationalem Parkett zurcktreten; einen Tag spter legte ein Freundschaftsab-kommen fest, dass deutschnationale Abgeordnete als Hospi-tanten in die NSDAP aufgenommen wrden. Der Stahlhelm wurde am 21. Juni, nachdem sein Fhrer Seldte bereits Ende April der NSDAP beigetreten war, in die SA berfhrt. Dieje-nigen, die noch im Januar die Nationalsozialisten zhmen wollten, waren wenige Monate spter deren Mitglieder.Den Schluss bildete das katholische Zentrum. Mit dem Kon-kordat vom 20. Juli schloss der Vatikan als erste auslndische Macht mit dem neuen Regime einen Vertrag, der die Konfes-sionsrechte der katholischen Kirche, insbesondere der katho-lischen Schulen, weiterhin gewhrleistete. Dafr hatte Rom in den Verhandlungen dem Verbot einer politischen Ttigkeit katholischer Geistlicher zugestimmt und damit dem Zentrum als politischer Partei des Katholizismus die Grundlage entzo-gen. Die Parteifhrung gab Anfang Juli resigniert auf, nach-dem in Bayern etliche Parteifunktionre von der politischen Polizei verhaftet worden waren, und lste das Zentrum auf. Am 14. Juli, nur ein halbes Jahr nach der Machtbernahme, erlie die Reichsregierung das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien, das die NSDAP zur einzigen Partei in Deutsch-land erklrte. Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/201243Machteroberung 1933 43 Machteroberung 1933 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14. Juli 1933 1. In Deutschland besteht als einzige politische Partei die NationalsozialistischeDeutsche Arbeiterpartei. 2.Wer es unternimmt, den organisato-rischen Zusammenhalt einer anderen politischen Partei aufrechtzuerhaltenoder eine neue politische Partei zu bil-den, wird [] mit Zuchthaus bis zu dreiJahren oder mit Gefngnis von sechs Monaten bis zu drei Jahren bestraft [] Wolfgang Michalka (Hg.), Das Dritte Reich. Dokumente zur Innen- und Auenpolitik, Band 1, dtv, Mnchen 1985, S. 43 Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat vom 1. Dezember 1933 1. Nach dem Sieg der Nationalsozialisti-schen Revolution ist die nationalsozia-listische Deutsche Arbeiterpartei die Trge-rin des deutschen Staatsgedankensund mit dem Staate unlslich verbunden. Sie ist eine Krperschaft des ent-lichen Rechts. 2. Zur Gewhrleistung engster Zusam-menarbeit der Dienststellen der Partei und der SA. mit den entlichen Behrden werden der Stellvertreter des Fhrers und der Chef des Stabes der SA. Mitgliedder Reichsregierung. 3. Den Mitgliedern der Nationalsozia-listischen Deutschen Arbeiterpartei undder SA. (einschlielich der ihr unterstelltenGliederungen) als der fhrenden undbewegenden Kraft des nationalsozialisti-schen Staates obliegen erhhte Pflichtengegenber Fhrer, Volk und Staat.Sie unterstehen wegen Verletzung dieserPflichten einer besonderen Partei- und SA.-Gerichtsbarkeit. Der Fhrer kann diese Bestimmungenauf die Mitglieder anderer Organisationenerstrecken. 4. Als Pflichtverletzung gilt jede Hand-lung oder Unterlassung, die den Bestand,die Organisation, die Ttigkeit oderdas Ansehen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei angreift odergefhrdet, bei Mitgliedern der SA. (ein-schlielich der ihr unterstellten Gliederun-gen) insbesondere jeder Versto gegenZucht und Ordnung. [] 8. Der Reichskanzler erlt als Fhrerder Nationalsozialistischen Deutschen Ar-beiterpartei und als Oberster SA.-Fhrerdie zur Durchfhrung und Ergnzung die-ses Gesetzes erforderlichen Vorschriften [] Walther Hofer (Hg.), Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1965, S. 61f. Manipulierte Wahlen am 12. November 1933 Karl Drkeflden, geb. 1902, ein Maschi-nenbautechniker aus Hmelerwald bei Hannover, beschreibt in seinen Tagebuch-aufzeichnungen auch die Auswirkungender politischen Entwicklung von 1932 bis 1945 auf sein unmittelbares Lebensum-feld. Die letzte Reichstagswahl und den gleichzeitigen Volksentscheid gegen denYoung-Plan erlebt er folgendermaen:[...] Am 12. November 1933 war die letzteReichstagswahl und der Volksentscheid.Die Regierung war aus dem Vlkerbundausgetreten und legte dem Volke dieFrage vor, ob es diesen Schritt billige. Eineriesige Reklame machte die Regierungund die Partei. Tglich tausende von Wahl-versammlungen, schrieb die Zeitung.Die Leute kriegten Propagandazettel insHaus gebracht, die sollten sie an dieFenster kleben. Stimme mit Ja stand da-rauf. Man hatte die Fenster tatschlich ganz bunt gemacht in den Drfern und Stdten am Wahltage, auch Leute, diemit der Partei nicht auf gutem Fue stehen.Als ich in Peine einkaufte, kriegte ich die-selben Zettel mit eingepackt. [...]Beim Volksentscheid hie es: fr Ehre, Freiheit und Gleichberechtigung, auchschrieben die Zeitungen: fr Freiheit undBrot usw. Es drehte sich um den Austritt aus dem Vlkerbund. Einen Krieg zge dasnicht nach, behauptete die Regierung, unddie Fragen waren so gestellt, da nur einJa darauf folgen konnte. Trotzdem warenin Hmelerwald zwlf Nein-Stimmen und zwei ungltige.Auf dem Zettel fr den Volksentscheid waren zwei Kreise, ja, nein. Auf demZettel fr die Reichstagswahl war nur ein Kreis fr die Ja-Stimme; es war nur eine Partei zugelassen. Als die Wahl vo-rber war, hatte man in Hmelerwald nur zwei ungltige Stimmen; die andern sollten fr die Partei gestimmt haben.Dann muten ja meine Frau und ich die einzigen gewesen sein, die nicht fr die Partei gestimmt hatten. Ich kannteaber mehr. Gerda machte mehrere Striche quer ber den Zettel und ich einen Strich. Auf einem der Zettel hat aber Nein gestanden, wie mir H. Schwenke,der bei dem Zhlausschu war, er-klrte. Einige Tage spter erzhlte mir Willi Greve, da vor der Wahl im Hann[overschen] Anzeiger eine Notizgestanden haben soll, wonach man alle Zettel, auf den[en] berhaupt kein Zeichen stnde, nicht als ungltig, son-dern als Ja zhlen wolle, auerdem alle, die irgendwie ein Zeichen hatte[n]. [Anmerkung: Ha (Hannoverscher Anzeiger)] vom 11. November, Stadtbeilage:Der Wahlzettel vom 12. November: Eine einzige Liste wird ihm [dem Whler]vorgelegt, und die einzige Entscheidung,die er nunmehr noch zu treen hat, besteht lediglich darin, ob er gewillt ist, ihrsein Kreuz zu geben. Die klare Frageder Reichsregierung nach der Billigung ihrer Politik heischt auch eine klare Antwort. Sie kann nicht anders lauten als: Ja! Die Einheitsliste zur Reichstags-wahl stellt an den Whler eine gleich klareFrage, ob er den auf dieser oziellenListe angegebenen Kandidaten seine Stim-me geben will. Auch hier ist die Antwort nicht schwer. Das Kreuz gehrt in dasoene Feld, das auf gleicher Hhe mit demNamen Adolf Hitlers steht.]Was sollte man da noch mit dem Zettel machen? Werger sagte mir, er wre mit seiner Frau des morgens zur Wahl ge-gangen, da htte man ihm gesagt:Mal Dein Kreuz man gleich hier hin, dasDing dahinten ist fr Leute, die nichtzeigen mgen, was sie gewhlt haben. Ermute also wohl oder bel fr die Partei stimmen. A. Grebenstein whlte in Hanno-ver. Er behauptet, da sei der Schutz nur so gewesen, da er htte sehen knnen, wasdie Leute vor ihm gewhlt haben. Zu alten Frauen, die nicht kommen konn-ten [...] oder wollten, ging man zuZweien und lie sich die Ja auf die Zettel machen [...].Das Peiner Wahlverhltnis war etwa wie in Hmelerwald, mehr Stimmen fr die Partei als fr den Austritt aus dem Vlker-bund. 93 % ungefhr stimmten frdie Partei. Wenn die Zhlung mit rechtenDingen zugegangen wre, betrgendie Parteistimmen hchstens 80 % trotz aller Reklame. Es haben sich jetzt wohlschon viele mit der neuen Richtung ausge-shnt. [...] Niederschsische Landeszentrale fr politische Bildung (Hg.), Schreiben, wie es wirklich war .... Die Aufzeichnungen Karl Drkefldens aus der Zeit des Nationalsozialismus, Hannover 1985, S. 75 . 44 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Bcherverbrennung Doch nicht nur die Parteien passten sich der politischen Ent-wicklung an. Auch innerhalb der Gesellschaft gab es viele Ini-tiativen, die den nationalen Aufbruch, den sie mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler zu erkennen glaubten, nach Krften untersttzten. Am Abend des 10. Mai 1933 organisier-ten Studenten in allen Universittsstdten als Aktion wider den undeutschen Geist entliche Bcherverbrennungen von Autoren wie Albert Einstein, Sigmund Freud, Erich Kst-ner, Bert Brecht, Kurt Tucholsky, Erich Maria Remarque, Alfred Dblin, Stefan Zweig oder Heinrich Heine, der schon 1821 ge-schrieben hatte: Wo man Bcher verbrennt, dort verbrennt man am Ende auch Menschen. Die Ideen der Aufklrung, der Franzsischen Revolution und des Humanismus galten der vlkischen Rechten als jdisch-liberal, die aus dem Gedan-kengut einer deutschen Volksgemeinschaft zu lschen seien.Joseph Goebbels, der die Initiative zu den entlichen Bcher-verbrennungen frderte, hatte bereits am 1. April im Rundfunk ber die nationalsozialistische Revolution verkndet: Damit wird das Jahr 1789 aus der deutschen Geschichte gestrichen. Kritische und jdische Journalisten wurden im vorauseilendenGehorsam von vielen Zeitungen entlassen, durch ein sogenann-tes Schriftleitergesetz wurde die Presse unter staatliche Auf-sicht gestellt. Wer sich knstlerisch oder publizistisch bettigenwollte, musste der von Goebbels kontrollierten Reichskultur-kammer angehren. Die Mitglieder der Sektion Dichtkunst derPreuischen Akademie der Knste lieen gehorsam den Aus-schluss von Heinrich Mann, Alfred Dblin, Jakob Wassermann und anderen geschehen mit der rhmlichen Ausnahme vonRicarda Huch, die daraufhin ihren Austritt erklrte. Nicht zuletzt mssen die unzhligen rtlichen Vereine er-whnt werden, ob Sport-, Gesangs-, Schtzenverein oder die lokale Feuerwehr, die allesamt im Laufe des Jahres 1933 den Arierparagraphen in ihr Vereinsstatut bernahmen, das heit die jdischen Mitglieder aus ihren Vereinen ausschlos-sen. Unter vielen anderen erklrte auch der Vorstand des Deutschen Fuballverbandes am 19. April 1933, dass ein An-gehriger der jdischen Rasse ebenso auch Personen, die sich als Mitglieder der marxistischen Bewegung herausgestellt haben, in fhrenden Stellungen der Landesverbnde nicht fr tragbar gehalten werden knnten und die Vereinsvorstnde daher aufgefordert wrden, die entsprechenden Manahmen zu veranlassen. Der bekannte Nationalspieler Julius Hirsch trat daraufhin aus dem Karlsruher Fuballclub aus; Alfred Meyers legte den Vereinsvorsitz in Frankfurt nieder; der Verbandspio-nier und Herausgeber des Kickers, Walther Bensemann, emi-grierte noch im April in die Schweiz. , Bild 183-B0527-0001-776 BundesarchivBeschlagnahmte Bcher als undeutsch erklrter Schriftsteller werden im Mai 1933 gesammelt und auf dem Opernplatz in Berlin verbrannt. Reichstagung der NS-nahen evangelischen Gruppierung Deutsche Christen im Berliner Sportpalast im November 1933 ullstein bild Kirchen Die katholische Kirche, die vor 1933 noch ihren Priestern ver-boten hatte, Mitglied der NSDAP zu werden, war durch das Konkordat, das sie mit der Hitler-Regierung abgeschlossen hatte, mit dem NS-Regime vertraglich verbunden und hote,dadurch ihre bisherige Unabhngigkeit bewahren zu knnen.Das katholische Milieu, das sich vor allem in Bayern lange Zeit als recht resistent gegenber dem Nationalsozialismus erwie-sen hatte, nete sich erkennbar in den Reichstagswahlen im Mrz 1933. Auch unter der katholischen Bevlkerung gewann der Nationalsozialismus an Zustimmung, obwohl zum Bei-spiel in den katholischen Jugendverbnden nach wie vor der Wille zur Selbstbehauptung stark war.Demgegenber hatten zahlreiche protestantische Whler der NSDAP schon in der Weimarer Republik ihre Stimmen gegeben, evangelische Pastoren hatten fr sie geworben. Der bekannte protestantische Berliner Bischof Otto Dibelius, der spter Mitglied der Bekennenden Kirche wurde, schrieb zu Ostern 1933 an die Pastoren seiner Provinz in einem vertrau-lichen Rundbrief, dass fr die Motive, aus denen die vlkische Bewegung hervorging, wir alle nicht nur Verstndnis, son-dern volle Sympathie haben. Ich habe mich trotz des bsen Klanges, den das Wort vielfach angenommen hat, immer als Antisemiten gewusst. Man kann nicht verkennen, dass bei allen zersetzenden Erscheinungen der modernen Zivilisation das Judentum eine fhrende Rolle spielt. Doch die Zuversicht der NS-Fhrung auf rasche Gleichschal-tung auch der protestantischen Kirchen trog. Der Versuch,den Knigsberger Pfarrer Ludwig Mller zum Reichsbischof zu ernennen und damit eine politisch konforme zentrale Leitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche zu installieren, stie auf Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/201245Machteroberung 1933das innerkirchliche Beharrungsvermgen zugunsten der traditionellen fderalen Struktur. Als die nationalsozialistischen Eiferer unter den Protestanten, die sich Deutsche Christen nannten, im November 1933 auf einer Grokundgebung lauthals die Abschaung des Alten Testaments und der angeblich jdischen Theologie des Paulus forderten, grndeten evangelische Pastoren einen Notbund. ---Im Mai 1934 versammelten sich Vertreter aus allen evangelischen Glaubensgemeinschaften in Barmen zu einer Bekenntnissynode, auf der an der Heiligen Schrift als unantastbarem Fundament des Glaubens festgehalten wurde. Insbesondere der Theologe Karl Barth trat mit unmissverstndlichen Stellungnahmen gegen jeden Versuch, den protestantischen Glauben nationalsozialistisch zu instrumentalisieren, hervor. Die evangelischen Gemeinden, in denen es zahlreiche Anhnger des Nationalsozialismus gab, wurden damit gespalten, mitunter sogar zerrissen, auch wenn sich die groe Mehrheit der Kirchenmitglieder weder den Deutschen Christen noch den Bekenntnischristen anschlossen, sondern ihren christlichen Glauben durchaus mit ihrer Zustimmung zum Regime verbinden konnten. ------Entmachtung der SADie einzige tatschliche Bedrohung des Regimes kam von innen. Die SA, 1933 mit rund zwei Millionen Mitgliedern um etliches grer als die Reichswehr, die laut Versailler Vertrag nicht mehr als 100 000 Soldaten umfassen durfte, stellte einen virulenten Unruheherd dar, zumal zahlreiche SA-Angehrige, die sich mit der Machtbernahme auch persnliche Vorteile, vor allem einen Arbeitsplatz im neuen Staat, erhot hatten, noch leer ausgegangen waren. Darber hinaus existierte im SA-Fhrerkorps, dessen Chef Ernst Rhm zu den frhen Frderern und langjhrigen Weggefhrten Hitlers zhlte, die Vorstellung, die SA knne als braune Volksarmee die Reichswehr ablsen. Zwar kursierte das Wort von der zweiten Revolution, aber an einen Putsch dachte in der SAFhrung niemand. Auerdem kriselte das Regime zu Beginn des Jahres 1934, weil der Schwung der anfnglichen Begeisterung dem nchternen Alltag wich. Insbesondere im brgerlich-konservativen Lager kamen, nachdem die Deutschnationalen als Machtfaktor weggebrochen waren, Befrchtungen auf, das NS-Regime knne doch noch zu einer braunen Diktatur der Massen werden. Im Juni 1934 hielt Vizekanzler von Papen eine von Edgar Jung, einem seiner engagiert jungkonservativen Mitarbeiter geschriebene Rede, in der er Korruption, Charakterlosigkeit und Anmaung der neuen NS-Machtelite anprangerte. Mit einem entschlossenen Zugreifen erhote sich Hitler, sowohl die SA als Machtzentrum wie auch eine mgliche konservative Opposition zu liquidieren und dabei gleichzeitig das Militr eng an das NS-Regime zu binden. Gring, SS-Chef Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich, der mittlerweile zum Chef der preuischen Geheimen Staatspolizei ernannt worden war, betrieben eifrig die Ausschaltung ihrer Machtkonkurrenten. Am 30. Juni 1934 nahmen SS- und Polizeieinheiten in Anwesenheit von Hitler, der persnlich angereist war, die SA-Fhrung in Bad Wiessee fest und ermordeten sie. Zugleich wurden anhand vorbereiteter Listen in Berlin und in anderen Stdten hohe SA-Fhrer, aber auch Personen wie Edgar Jung, Papens Privatsekretr Herbert von Bose, der Leiter der Katholischen Aktion Erich Klausener, der ehemalige bayerische Generalstaatskommissar und Verbndete beim Putsch im November 1923, Gustav Ritter von Kahr, der ehemalige Reichskanzler und Reichswehrgeneral Kurt von Schleicher sowie dessen Mitarbeiter Generalmajor Ferdinand von Bredow und der einstige innerparteiliche Gegner Gregor Straer erschossen. Insgesamt fielen etwa 300 Menschen den Morden zum Opfer. Hitler lie am 3. Juli im Nachhinein per Gesetz die vollzogenen Manahmen als Staatsnotwehr fr rechtens erklren, nicht zuletzt untersttzt vom Staatsrechtler Carl Schmitt, der unter dem Titel Der Fhrer schtzt das Recht die staatlichen Morde nachtrglich in einem Artikel juristisch rechtfertigte. Das Brgertum zeigte sich erleichtert, dass nun anscheinend Ordnung geschaen wurde, und die Reichswehr war zufrieden, da sie sich in ihrem Anspruch als einziger Waffentrger der Nation besttigt sah. Die Hamburger Lehrerin Luise Solmitz rhmte in ihrem Tagebuch, was Hitler in Mnchen geleistet hat an persnlichem Mut, an Entschluss- und Schlagkraft, das ist einzigartig. Auch Claus Schenk Graf von Stauenberg verglich die staatlich angeordneten Morde mit dem Platzen einer Eiterbeule, mit dem endlich klare Verhltnisse geschaen worden seien. Von keiner Seite, auch nicht von den Kirchen, wurden die Morde missbilligt, obwohl sich Oziere ebenso wie der katholische Politiker Klausener unter den Opfern befanden. Als Reichsprsident Hindenburg wenige Wochen spter im Alter von 86 Jahren am 2. August starb, entwarf die Reichswehrfhrung aus eigener Initiative eine neue Eidesformel, mit der alle Soldaten nicht mehr auf die Verfassung oder das Vaterland, sondern auf den Fhrer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler vereidigt wurden, dem unbedingter Gehorsam zu leisten sei. Am 19. August 1934 stimmten nahezu 90 Prozent in einer Volksabstimmung, die allerdings nicht mehr frei und kaum noch geheim war, zu, dass Hitler nunmehr die mter des Staatsoberhauptes, Reichskanzlers, Parteifhrers und Obersten Befehlshabers in seiner Person vereinigte. Der Fhrerstaat war konstituiert.Neben konservativen Persnlichkeiten wird der SA-Chef Rhm (links im Bild) im Juni 1934 als Gefahr fr den alleinigen Machtanspruch des Fhrers ermordet. annich Hom Heinr/ othektsbibliische Staaery Ba/bpk ---------------------- 46 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Michael Wildt Volksgemeinschaft Durch Einbindung aller Gesellschaftsgruppen und Gleich-schaltung von Presse und Rundfunk versucht das Regime, die Bevlkerung zu vereinnahmen. Propaganda, tatschliche und angebliche Erfolge in Politik und Wirtschaft sowie Gemeinschaftsaktionen sollen Zuversicht und ein Gefhl von Zugehrigkeit vermitteln. Wer nicht Teil der Volks-gemeinschaft ist, erlebt Ausgrenzung und Benachteiligung. ----------Drohung oder Versprechen? Ein Plakat zur Anwerbung von Mdchen zwischen zehn und 13 Jahren bei den Jungmdeln bpk Die Umwlzungen der Jahre 1933/34 hatten Staat und Gesellschaft grundlegend verndert. Alle Parteien bis auf die NSDAP waren aufgelst, die Gewerkschaften zerschlagen, der Rechtsstaat durch die Reichstagsbrandverordnung ausgesetzt, die parlamentarische Demokratie beseitigt. Das Reichskabinett tagte nur noch sporadisch. Stattdessen organisierte der Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, die Gesetze im Umlaufverfahren, indem die beteiligten Ministerien nacheinander ihre Zustimmung gaben, wobei Hitler stets das entscheidende Wort hatte. hnlich war auf der Lnderebene die politische Gewalt auf die Reichsstatthalter bergegangen, die in Personalunion meistens zugleich die NSDAP-Gauleiter waren. Diese langjhrigen Parteikmpfer bildeten den tatschlichen Machtkern der NSDAP, auf sie sttzte sich Hitler in seinen wichtigen politischen Entscheidungen. Die NSDAP baute eigene politische Strukturen auf, die zum Teil mit den staatlichen verklammert waren, zum Teil neben ihnen her und ber sie hinweg existierten. So wurde Heinrich Himmler als Reichsfhrer SS und damit Fhrer einer Gliederung der NSDAP 1936 Chef der gesamten deutschen Polizei und sorgte in den kommenden Jahren dafr, dass dieses zentrale Exekutivinstrument ein von der SS gelenktes und durchdrungenes Herrschaftsmedium des NS-Regimes wurde. Joseph Goebbels lenkte als Reichsminister fr Volksaufklrung und Propaganda sowie als Prsident der Reichskulturkammer den entlichen Diskurs, Presse, Rundfunk, Film und Kunst, in einem Ausma, das noch wenige Jahre zuvor in der kulturellen Vielfalt der Weimarer Republik kaum denkbar gewesen wre. Zudem blieb er als Gauleiter von Berlin gerade in der Reichshauptstadt ein zentraler politischer Akteur, der insbesondere die Verfolgung der Juden immer wieder antrieb. Hermann Gring vereinigte in seiner Person nicht nur die Funktion des mchtigen Ministerprsidenten Preuens als grtem und wichtigstem Land des Deutschen Reiches. Er war zudem Oberbefehlshaber der Luftwae und Reichsluftfahrtminister und wurde 1936 zunchst zum Rohsto- und Devisenkommissar, dann zum Beauftragten des Vierjahres- plans ernannt. Damit errang er faktisch, obwohl es nach wie vor einen Reichswirtschaftsminister gab, die Rolle eines Wirtschaftsdiktators, der die Wirtschaft auf den Krieg ausrichtete und die Ausplnderung der Juden in Deutschland wie spter in den besetzten Gebieten organisierte. ---Diese Parallel- und Sonderstrukturen sorgten dafr, dasses innerhalb des Herrschaftsgefges des NS-Regimes zuMachtrivalitten, Kompetenzgerangel und mterwirrwarrkam. Albert Speer zum Beispiel, den Hitler zu seinem Lieb-lingsarchitekten erkor und dem er die Zukunftsplanung frdie Reichshauptstadt bertrug, stand in einer steten Ausei-nandersetzung mit der Berliner Verwaltung und dem Ober-brgermeister Julius Lippert, die dieser bezeichnenderwei-se verlor und die 1940 zu dessen Rcktritt fhrte. Ohne die Bereitwilligkeit der alten Eliten, das nationalso-zialistische Regime zu sttzen, wren die neuen Herrschersicher rasch an ihr Ende gelangt. Die Militrs erhoten sicheinen starken Ausbau der Rstung und eine Militarisierungder Gesellschaft, die den Wehrgedanken in den Mittel-punkt stellte. Die Unternehmer waren selbstverstndlichmit der Zerschlagung der Arbeiterorganisationen einver- 47 Volksgemeinschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 standen und erwarteten, dass ihre autoritre Befehlsge-walt im Betrieb wieder ungehindert zur Geltung kam. DieBrokratie sah sich zwar mit neuen politischen Strukturenkonfrontiert, wurde aber vom NS-Regime von den rechts-staatlichen Einschrnkungen befreit und glaubte, nun endlich nach eigenem Gutdnken walten zu knnen. Derjunge preuische Beamte Fritz-Dietlof Graf von der Schu-lenburg, der sich spter zu einem Gegner Hitlers wandelte,am Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt war und deswegenhingerichtet wurde, hatte in einer Denkschrift im April1933 gefordert, dass sich die Beamten der Zukunft als eineStreitmacht von politischen Kmpfern verstehen sollten.Noch bestanden formalrechtliche Verwaltungsstrukturenparallel zu den politisch dominierten. Aber insbesonderedie Verfolgung der Juden ernete selbst Finanzbeamteneinen Ermglichungsraum, der die bisherige rechtsstaat-liche Ordnung, die ihren Brgern gleiche Rechte und Pflich-ten einrumt, zerstrte und Juden, aber auch Roma und Sinti, sogenannte Asoziale, kranke und behinderte Men-schen zu Brgern zweiter Klasse herabminderte, die derVerfolgung schutzlos ausgeliefert waren.Die Herrschaftsstruktur des Fhrerstaates war durch-aus vielgestaltig, rivalisierend, auch berschneidend undwidersprchlich. Eine einheitliche, feste und berschaubareOrdnung von Regierung und Verwaltung wurde nie erreicht.Doch bedeutete dies keineswegs zwangslufig Chaos undSchwche des Systems. Vielmehr konnte die Einsetzung vonKommissaren und Sonderstben immer wieder zu einem Abbau traditioneller Hierarchien, Verkrzung von Verwal-tungswegen, Verstrkung von Kooperation unterschiedlicher Institutionen und damit zur Ezienz und Mobilisierung vonRessourcen beitragen. So sehr auch Machtkmpfe innerhalb des nationalsozialistischen Apparates, Kompetenzkonfliktezwischen wirtschaftlichen oder staatlichen Entscheidungs-trgern mit der NSDAP die Politik bestimmten, so stark be-stand die Fhigkeit des NS-Regimes gerade darin, daraus immer wieder eine Handlungsoption abzuleiten. Der bri-tische Historiker Ian Kershaw hat die Bereitschaft so vieler verschiedener Institutionen zur Mitarbeit mit dem Willen, dem Fhrer entgegen zu arbeiten begrndet. Gerade dieUn-Ordnung des NS-Regimes nete dem Engagement und der Handlungsbereitschaft viele Mglichkeiten, stets im Glauben, mit dem eigenen Tun im System aufzusteigen undzum Gelingen des Ganzen beizutragen.Zusammengehalten wurde diese polykratische Struk-tur des NS-Regimes durch den Fhrer, der an der Spitzevon Staat und Gesellschaft stand und uneingeschrnkteEntscheidungsmacht besa. Kaum einem anderen Poli-tiker des 20. Jahrhunderts ist es wie Hitler gelungen, dieSehnschte von Menschen nach sozialer und politischerOrdnung im Glauben an seine Person als Fhrer zu bin-den, die traditionellen Eliten auf sich zu verpflichten undin den unvermeidlichen Machtkmpfen und Interessens-kmpfen als entscheidende Instanz zu fungieren. Auf denFhrerwillen beriefen sich alle Machttrger des Regimes;auf Hitlers Wort kam es an, wenn Rivalitten zu klren und Entscheidungskonflikte zu lsen waren. Hitler besa eineMachtstellung im NS-Regime, die, gerade weil sie von derweitgehenden Zustimmung der Bevlkerung getragen war,sicher einzigartig war. 48 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft48 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Charismatische Herrschaft oder Terrorsystem? Von Max Weber, einem Grndervater der Soziologie, stammt die Unterscheidungder drei reinen Typen der legitimen Herr-schaft: der traditionalen, der rational-brokratischen und der charismatischen. Letztere hngt an der Ausstrahlung einer einzelnen Person. Ist der NS-Staat ein Fall charismatischer Herrschaft? Oder hielt ihn Terror zusammen? Die Histo-riker Hans-Ulrich Wehler, Ludolf Herbst und der Soziologe M. Rainer Lepsiusnehmen Stellung. [...][A]uch 65 Jahre nach dem Untergangdes NS-Staates konkurrieren denkbar unterschiedliche Deutungen der Diktaturund ihres Fhrers miteinander. [...]Zuletzt hat Ian Kershaw in seiner zweibn-digen Hitler-Biographie den WeberschenIdealtypus der charismatischen Herr-schaft eektiv genutzt, um mit einer schlssigen Interpretation Hitlers Sonder-stellung in einer rational kontrollier-baren Form zu erfassen. [...]Webers Idealtypus der charismatischenHerrschaft besitzt wie eine Ellipse zweiBrennpunkte. Im ersten Zentrum steht daskriegerische, rhetorische, religise, poli-tische Sondertalent des Charismatrgers,der dank einer existentiellen Krise auf-steigt und sich dann als Retter in der Not bewhren muss. Sein Personalcharisma prgt die durch eine Gesinnungsrevolu-tion, die Metanoia, zusammengefhrte,auf persnlicher Loyalitt beruhende charismatische Gemeinschaft seiner glu-bigen Anhnger. Die Verwaltungsstbewerden nicht auf der Grundlage sachlicherQualifikation, sondern durch das per-snliche Vertrauen des Charismatikers ge-bildet. Der Konkurrenzkampf rivalisieren-der Machtzentren erzeugt ein polykrati-sches System, in dem er die letztinstanz-liche Entscheidungskompetenz gewinntoder doch die Schiedsrichterrolle besetzt. Das zweite Zentrum besteht aus der Zuschreibung charismatischer Fhigkeitendurch die Gesellschaft (jedenfalls wach-sender Segmente von ihr), die dank der po-litischen Kultur des Landes die Neigunggespeichert hat, groen Persnlichkeiten ihr politisches Geschick namentlich inKrisensituationen anzuvertrauen. Diese Zuschreibungsbereitschaft ist mindestensebenso wirksam wie die Aura des charis-matischen Sondertalents. Insofern kommt es bei der Interpretation charismatischer Herrschaft stets darauf an, die erwar-tungsvolle, durch einen Vertrauensvor-schuss gesttzte Zuschreibung hoch zu ge-wichten. Darauf zielt auch Kershaws Schlsselzitat ab, dem Fhrer entgegenzu arbeiten. [...]Tatschlich konnte [...] nur die charisma-tische Herrschaft Hitlers die Destruk-tivkrfte der Epoche auf so fatale Weise bndeln fast bis zum Ende von der Zustimmung einer Mehrheit in der deut-schen Gesellschaft getragen. Die Thesevon der Messias-Erfindung durch einige strategisch platzierte Helfershelfer, damitauch von der erfolgreichen manipulato-rischen Propaganda verfehlt das Phno-men Hitler und den Nationalsozialismus ganz und gar. Sie lenkt nicht nur von einerbegrisscharfen Analyse der Fhrerdik-tatur ab, sondern auch von der unverndert irritierenden Zustimmungsbereitschaftall jener, die das Charisma beharrlich, ja fanatisch zuzuschreiben bereit waren. Dass so viele Deutsche in erster Linie von einer geschickten Propaganda fr denMessias verfhrt worden seien, luft daher letztlich auf eine verblende Verharm-losung der politischen Antriebskrfte der deutschen Gesellschaft in den fatalen Jahren zwischen 1920 und 1945 hinaus. Hans-Ulrich Wehler, Krfte einer trbseligen Figur. Die Diktatur fand reale Zustimmung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Juli 2011 [] Fr die Historiker stellte sich in Bezug auf die Person Hitlers die Frage, wie ein sodurchschnittlich begabter und nach allen brgerlichen Leistungskriterien zu wenig Honungen berechtigender Menscheine so groe, wenn auch verhngnis-volle Wirkung hatte entfalten knnen. DieAntwort suchten sie in einer Analyse der komplexen wechselseitigen Beziehun-gen zwischen der Person Hitlers und denbrokratischen Apparaten, die den totalenStaat, an dessen Spitze Hitler seit 1933stand, in allen Lebensbereichen prgten und durchdrangen. Im Rahmen der To-talitarismusforschung wurde die Aufmerk-samkeit auf den Propaganda- und Terror-apparat gelenkt. Strukturgeschichte wurdemit biographischen Anstzen verknpft,denn so viel lsst sich in der Moderne fr jedes Gesellschafts- und Staatssystem sagen: Auf sich allein gestellt, bleibt selbst der mchtigste Politiker machtlos. DieCharakterisierung Hitlers als schier omni-potenter charismatischer Fhrer (Wehler)haben NS-Forscher wie Karl Dietrich Bra-cher, Martin Broszat oder Hans Mommsen aus gutem Grund vermieden. [...]Die Charakterisierung der Hitler-Dikta-tur als charismatische Herrschaft gehtin die Irre, weil sie die Propagandafassade,die die NSDAP zur Legitimierung ihrer Herrschaft errichtete, fr die Wirklichkeit nimmt. Die von der Propaganda be-hauptete und heute vielfltig nachgebe-tete unmittelbare emotionale Beziehungzwischen Fhrer und Volk war doch geradedarauf angelegt, die komplexe und mitgravierenden Problemen behaftete gesell-schaftliche Wirklichkeit im sogenanntenDritten Reich zu berblenden. Wenn der Historiker diesem Trugbild folgt, entgehtihm um das Mindeste zu sagen der zen-trale Aspekt des nationalsozialistischenHerrschaftssystems: die Brokratisierung und Durchdringung aller Lebensbereiche mit Kommandostrukturen. Sie sollten sicherstellen, dass die politische Fhrung ihre irrwitzigen, jeder Vernunft und Hu-manitt widersprechenden und weit ber die Kraft Deutschlands hinausgehendenZiele verfolgen konnte.Dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Leistung zwang die NS-Fhrung dazu, alle Lebensbereiche mit einem Netz von Lenkungsbehrden zu berziehen.Hitler persnlich spielte in diesem Netzwerkgewiss eine zentrale Rolle nicht aberals Person und Charismatrger, sondern als Appellationsinstanz. Das Funktionieren eines solchen komplexen Systems liesich nur gewhrleisten, wenn Hitlers Rollevollstndig entpersnlicht wurde. DerFhrer wurde zum Prinzip.Das Dritte Reich war eine Fhrer-Dik-tatur nicht, weil der Fhrer an ihrer Spitze stand, sondern weil auf allen Ebenendas Fhrerprinzip galt. Das Gesamtsystemist daher gerade nicht von dem einenFhrer her zu verstehen, sondern von der Vielzahl der Fhrer und Unterfhrer her, die an allen Knotenpunkten plaziert waren.Um sich in diesem System zurechtzu-finden, bentigte schon der Zeitgenosse ein Fhrer-Lexikon, das wie ein Tele-fonbuch in stndig aktualisierter Form fr jeden Lebens- und Funktionsbe-reich herausgegeben wurde. Die wichti-geren dieser Fhrer-Funktionre waren in mehrere Hierarchien gleichzeitigeingebunden. So lie sich, die Konzentra-tionslager im Rcken, der Einfluss derSS und der Partei auf allen Ebenen sicher-stellen. Das nationalsozialistische Herrschafts-system mit seiner monolithischen Fassadewar ebenso komplex wie labil. Es wredaher vllig falsch anzunehmen, darin habe nur ein Wille, nmlich der Adolf Hitlers, gegolten und man habe diesem entgegen gearbeitet. Vielmehr wiesdiese Machtstruktur eine Tendenz auf, sich zu einem Diadochensystem zu entwickeln.Wenn man daher vom Fhrerstaat spricht, ist dies nur gerechtfertigt, wenn Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 49Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Volksgemeinschaft 49 Volksgemeinschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 man den Plural mitdenkt und den Blick auf das Fhrer-Prinzip richtet und nichtauf die Person des Fhrers an der Spitze.[...] Ludolf Herbst, Nicht Charisma, sondern Terror. Der Propa-gandafassade entsprach keine Wirklichkeit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Juli 2011 [...] Es empfiehlt sich, Max Weber, der denBegri der charismatischen Herrschaftvor dem Ersten Weltkrieg prgte, genauerzu konsultieren. Dort wird man lesen knnen, dass Charisma die auerall-tgliche Eigenschaft einer Persnlichkeitheien soll, die von Krften ausgeht,die letztlich gottgesandt sind. Ihretwegenwird der Charismatiker als vorbildlicher Fhrer bewertet. Die Faszination durch die prtendierte Mission verbindet sich mitder Faszination durch die Person. Charisma hat dabei begriich keine positive Konno-tation. Auch ein so durchschnittlicher und verbrecherischer Mensch wie Adolf Hitler kann Charisma haben. Der Charismatiker steht im Dienst von transzendentalen Mchten, im Falle Hitlers der Vorsehung, und hat eine Mis-sion, im Falle Hitlers die Erneuerungder Weltgeltung Deutschlands. Die Paroleder Kampfzeit hie dementsprechend:Deutschland, erwache! Fr viele Zeitge-nossen war Hitler auch ein Erweckungs-erlebnis. Die Anerkennung des Fhrers istnicht nur die persnliche Verehrung,sie ist wie Weber sagt Pflicht, nmlicheine Verpflichtung auf die Ideale, dieder Charismatiker zu erfllen verspricht.Die charismatische Beziehung ist einezweiseitige. Derjenige, der Charisma zuhaben prtendiert, muss seinen Anspruchbewhren, bei Hitler in der Kampfzeit zu-nchst durch Erfolge bei Grokundgebun-gen durch seine Rhetorik, spter durchWahlerfolge [...]. Nach der Machtergreifungbewhrten sich der charismatische An-spruch einerseits ber den Rckgang derArbeitslosigkeit (wobei die Kausalittvon Hitlers Manahmen irrelevant ist) unddie auenpolitischen Erfolge, die faktischdie Auerkraftsetzung des Versailler Frie-densvertrages bedeuteten.Diese beruhen auf der von Hitler getrage-nen Bereitschaft zum Hazard, zum Risiko eines Krieges. Das war weder Rhetorik nochvon der Bevlkerung gewollt. Zu Beginndes Krieges dienten die militrischen Siegeals Bewhrungsproben (wobei es wiede-rum irrelevant ist, ob sie durch Hitlers Ent-scheidungen erreicht wurden). Ein in diesem Sinne bewhrtes Charisma ist nicht die Erfindung manipulativer Propaganda, so-sehr diese auch zur Verbreitung desGlaubens an Hitlers Charisma beigetragen haben mag. Andererseits erheben die Charismageberauch ihrerseits materielle Ansprche,die der Charismatiker erfllen soll. Dies er-folgte zunchst fr die jungen arbeits-losen Gefolgsmnner innerhalb der wach-senden Parteiorganisation und ihrerMilizen, spter durch Pfrnden im Staats-apparat und im Reichsarbeitsdienst, schlielich durch die rasche Ausweitungdes Militrs, finanziert durch die Ver-schuldung des Reichshaushaltes. Nach derMachtbernahme blieben die Lhne eingefroren. An die Stelle der Einkommens-erhhung traten symbolische Manah-men: Kraft durch Freude, Winterhilfswerk, Mustersiedlungen.[...]Die charismatische Beziehung muss vonder charismatischen Herrschaft unter-schieden werden. Letztere wird durch eine weitgehende Entinstitutionalisierungder geltenden Ordnung realisiert. Persona-lisierung bedeutet immer auch Entinsti-tutionalisierung der Herrschaft. Wie MaxWeber ausfhrt, kennt der Verwaltungs-stab kein Beamtentum, sondern rekrutiert sich aus den Jngern, die das Vertrauendes Fhrers haben. Es gibt keine feststehen-den Behrden. Ad hoc eingesetzte fhrer-unmittelbare Sonderstbe handeln im direkten Auftrag des Fhrers. Das dadurchhervorgerufene Verwaltungschaos istkein Argument gegen die charismatischeHerrschaft, sondern gerade ihr Ergebnis:Die Handlungswillkr des Fhrers soll nichtdurch die Zustndigkeiten anderer einge-engt werden. Hitler widersetzte sich rechts-verbindlichen Neuregelungen, etwaeinem neuen nationalsozialistischen Straf-gesetzbuch oder den Versuchen desInnenministers Frick, eine neue Behrden-organisation durchzusetzen.Um ein solches Regime zu etablieren,mssen alle ihm entgegenstehendenInstitutionen aufgelst werden. Die Natio-nalsozialisten handelten entsprechendkonsequent und rasch. Vier Wochen nachder Machtbernahme wurde die Notver-ordnung erlassen, die verfassungsmigeBrgerrechte aufhob, und nach weiterendrei Wochen erfolgte das Ermchtigungs-gesetz, das die Gesetzgebungskompetenzdes Reichstages fr vier Jahre suspendierte.Schlielich wurden nach dem Tod von Hindenburg die mter des Reichskanzlersund des Reichsprsidenten fusioniert.Der Willkrherrschaft waren keine institu-tionellen Grenzen gesetzt. Es gab keineMeinungsfreiheit mehr, und die politischeOpposition konnte ohne Rechtsschutz sofortkriminalisiert werden. Die charismatische Herrschaft ist mehr als eine blo emotio-nale Vergemeinschaftung, sie ist eineStruktur der politischen Herrschaft. Dabei gilt es zu beachten, dass fr die Lei-tung und die Organisation eines komple-xen Industriestaates keineswegs alles nachden Maximen eines charismatischen Herr-schaftsverbandes geregelt werden kann.So unterschied schon Ernst Fraenkel zwi-schen der Regelverwaltung und derManahmeverwaltung. Der Fhrer musstenicht alles selbst entscheiden, es gengte,dass nichts Wesentliches gegen seineVetomacht entschieden werden konnte. Er delegierte an die von ihm ausgewhltenVertrauensleute, war deshalb aber kein schwacher Diktator. Er behielt die ihm fr seine Mission, fr Kriegsvorbereitungund Ausmerzung der Juden wichtigen Ent-scheidungen in seiner Hand. Die charis-matische Herrschaft beruht keineswegs nurauf dem Charisma des Herrschers oder auf Terror gegen die Opposition.Der Entscheidungsprozess folgt einemmilitrischen Modell: hierarchisch gestufteBefehlsgebung mit Gehorsamspflichtdurch einen Befehlshaber. Es gibt keine kol-lektive Willensbildung und Entschei-dungsfindung. Schon in der NSDAP gab eskeinen Parteirat oder kollegialen Vereins-vorstand. Selbst die von Hitler bestellten Gauleiter durften sich nicht versammeln und beraten. So war es dann auch im Reich: Die Kabinettssitzungen wurden ein-gestellt, die Willensbildung erfolgte inEinzelgesprchen zwischen Hitler und denjeweiligen Befehlshabern. Die individuellenZugangschancen zu Hitler und die vonihm hufig nur mndlich gegebenen Ein-zelanweisungen bestimmten ihr Eigen-gewicht und das ihrer Verwaltungsstbe.Insofern gab es auch keine institutionellenRegelungen, um Hitler abzusetzen (wieim Italien Mussolinis). Die Ttung Hitlerswar der einzige und illegale Weg, HitlersHerrschaft zu beenden.[...]Das Hitler-Regime ist nicht einfach alscharismatische Herrschaft zu charakteri-sieren, das durch einen bedingungslosenGlauben an das persnliche CharismaHitlers legitimiert wurde. Groe Teile derHerrschaftsausbung folgten dem Modellder brokratischen Herrschaft und dem Legitimittsglauben an die Gltigkeitder Gesetzmigkeit der Anordnungen,ohne auf einen charismatischen Glauben zu rekurrieren. [...] Wir haben es also zu tun mit einemMischsystem []. Die Persnlichkeit vonAdolf Hitler besa bis zum Kriegsende dieFhigkeit, Zweifelnde und Kritiker (etwaGenerle) im Vier-Augen-Gesprch immerwieder von seinem prtendierten Charis-ma zu berzeugen. M. Rainer Lepsius, Max Weber, Charisma und Hitler, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. August 2011 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 50 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Gegenseitige Begeisterung: Hitler beim Reichserntedankfest am 3. Oktober 1937 auf dem Bckeberg bei Hameln ann ich Hom othek / Heinrtsbibliische Staaery Ba / bpk Sprache und Sprachlenkung im Nationalsozialismus [...] Der NS-Staat [...] brachte als totali-tres Regime smtliche Informations-medien unter seine Kontrolle mit dem Ziel der totalen propagandistischen Durchdringung der Bevlkerung, wie esHitler schon in Mein Kampf geforderthatte. Abgesehen von den meist von NS-Funktionren verfassten Wrter-bchern, die 1933 in groer Zahl heraus-kamen (zum Beispiel das Politisches ABCdes neuen Reiches, Das ABC des Natio-nalsozialismus oder das Taschenwrter-buch des Nationalsozialismus) wurdendaher alle neu erscheinenden, aber auch bestehende Wrterbcher und Enzyklo-pdien den ideologischen Anforderungen des Dritten Reichs angepasst. [...]Ein [...] Beispiel: Vergleicht man dieDuden-Auflagen vor 1933 mit den Auflagen von 1934 und 1941, so zeigt sicheine markant zunehmende Anzahl neu aufgenommener NS-Vokabeln. In der 11. Auflage von 1934 waren es 180 (wie z.B. Arbeitsfront, Arbeitslager, aufnorden,Deutscher Gru, Deutsches Jungvolk)und in der 12. Auflage von 1941 bereits 883.Viele neue Eintrge (wie etwa Rassen-schande, Vierteljude, Volljude, Volksge-nosse, Volksschdling) wurden bereitsin der 1. Nachkriegsauflage von 1948 wie-der getilgt. Andere Wrter wie vollelterig oder deutschvlkisch verschwanden erst in der 14. Auflage von 1957, Volks-fremd und auswuchern (durch Wucher ausbeuten) erst in der 15. Auflage imJahr 1961. [...]Zur Vereinheitlichung der Nachrichten-gebung, zur inhaltlichen Kontrolle,aber auch zur Normierung der Nachrich-tenformulierung in den verbliebenenZeitungen gab es die Anweisungen der Pressekonferenz der Reichsregierung des Dritten Reichs. Diese wurden auf der tglich stattfindenden Pressekonferenzin Berlin von den Korrespondenten mit-geschrieben und an die Heimatredak-tionen weitergegeben. Zeitungen ohne ei-genen Korrespondenten erhielten das ozielle Protokoll ber die Gaupropa-gandamter. Goebbels persnlich ber-wachte das Deutsche Nachrichtenbro (DNB), das als einzige Agentur von Bedeutung briggeblieben war. Obwohl hufig in verbindlichem Ton formuliert,mussten die Presseanweisungen, auchdie ber die Einfhrung oder Zurckzie-hung von Schlagwrtern und Parolen,ber den Gebrauch oder Nichtgebrauch von Ausdrcken, streng beachtet werden.Andernfalls machte sich der verant-wortliche Journalist strafbar, und die be-treende Zeitung konnte wegen Landesverrats fr einen Tag, eine Woche oder lnger, oder auch ganz verbotenwerden. [...]Wichtige Hochwertwrter der national-sozialistischen Weltanschauung durften nicht profaniert werden: [...]Es wird gebeten, das Wort Propagan-da nicht missbruchlich zu verwenden. Propaganda ist im Sinne des neuen Staates gewissermaen ein gesetzlichgeschtzter Begri und soll nicht frabfllige Dinge Verwendung finden. Esgibt also keine Greuelpropaganda, keine bolschewistische Propaganda, sondernnur eine Greuelhetze, Greuelagitation,Greuelkampagne usw. Kurzum Propa-ganda nur dann, wenn fr uns, Hetze,wenn gegen uns. (28.7.1937) [...]Fr die umstrittene Bezeichnung Reichs-kristallnacht gibt es im brigen keinenzeitgenssischen schriftlichen Beleg. Sie war oenbar ein Element der in-oziellen mndlichen Sprache. [...]In Hitlers Mein Kampf zhlt HermannHammer allein 2294 nderungen vonder 1. Auflage 1925/27 bis zur 6. Auflage 1930/33 weitere nderungen folgtenbis zur letzten Auflage. Die nderungen dienten der stilistischen Glttung,kleinen sachlichen Korrekturen, aber auch der Anpassung von bestimmten Text-stellen an den ideologisch definierten NS-Sprachgebrauch. [...]Es wird erkennbar, dass die national-sozialistische Sprachlenkung durch die Festlegung der Gebrauchsweisen von Wrtern, Schlagwrtern und Slogans auf eine einzige Bedeutung eine Einheits-sprache schaen wollte, die konkur-rierenden Meinungen und Interpretati-onsweisen (W. Dieckmann) das Wortabschnitt, so dass Gegenmeinungen und Gegenargumente in der entlichkeitnicht mehr vernehmbar waren. [...] Cornelia Schmitz-Berning, 15.10.2010, http://www.bpb.de/politik/ grundfragen/sprache-und-politik/42752/sprache-zur-ns-zeit 51 Volksgemeinschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Ohne Zweifel trug zum Fhrermythos auch die geschick-te Propaganda bei, die die wirtschaftlichen, arbeitsmarkt-politischen und auenpolitischen Erfolge des Regimes inerster Linie Hitler zuschrieb. Die Inszenierung der Reichs-parteitage stand ganz im Zeichen der Symbiose von Be-wegung und Fhrer. Whrend der Olympischen Spielein Garmisch-Partenkirchen und Berlin 1936 prsentiertesich Deutschland als erfolgreiche, wieder erstarkte Nationmit Hitler als international respektiertem Staatsmann ander Spitze. Goebbels und sein Propagandaapparat unter-nahmen jede Anstrengung, den Fhrerkult zu verstrkenund Hitler als nationalen Retter, als Erlser und Heilsbrin-ger erscheinen zu lassen. Das religise Element, wie es inder liturgischen Inszenierung von Parteitagen, nchtlichenWeihen oder in den Totenehrungen zum Ausdruck kam,war oensichtlich, zumal Hitler diese Dimension zustz-lich verstrkte, indem er sich als von der Vorsehung ge-schickt, als auserwhlt und vom Schicksal bestimmt bezeichnete. Aber die Begeisterung, die so viele Deutsche teilten, war nicht nur ein Werk von Verfhrung und Propagan-da. Mit Hitler verband sich nicht nur die Erwartung, dasser Deutschland aus der Krise, sondern vor allem zu neuer Gre fhren werde. Das Zukunfts- und Heilsversprechen,das Hitler verhie, gepaart mit den realen Erfolgen, die dasRegime vorzuweisen hatte, bildete die Basis fr die enor-me Selbstmobilisierung der deutschen Gesellschaft in denVorkriegsjahren. Selbst dort, wo Korruption und Misswirt-schaft nicht zu bersehen waren, wurde dies nicht dem Fhrer als vielmehr seinen unvollkommenen Gehilfen angelastet. Wenn der Fhrer das wsste geriet zu einergngigen Selbsttuschungsformel, mit der sogar Unrechtund Verbrechen vom Glauben an Hitler abgespalten wer-den konnten. Ohne diese Bereitschaft zur Selbstmobilisierung ist derNationalsozialismus nicht zu verstehen. Die Verheiung ei-ner Volksgemeinschaft war nicht blo eine Propaganda-formel, mit der die nach wie vor anhaltenden sozialen Un-gleichheiten ideologisch kaschiert werden sollten, sondernsie bildete den Zielpunkt einer knftigen sozialen Ordnung,der sich viele aus durchaus ganz unterschiedlichen Grn-den verschrieben. Wenn ich den Grnden nachforsche, die es mir verlockend machten, in die Hitler-Jugend ein-zutreten, bekannte nach dem Krieg die ehemalige BDM-Funktionrin Melitta Maschmann, 1918 geboren und seit1933, gegen den Willen ihrer rechtskonservativen Eltern,BDM-Mitglied, so stoe ich auch auf diesen: Ich wollte ausmeinem kindlichen, engen Leben heraus und wollte michan etwas binden, das gro und wesentlich war. Dieses Ver-langen teilte ich mit unzhligen Altersgenossen.Das Ziel nationalsozialistischer Politik lag in der Herstel-lung der Volksgemeinschaft, einer Gesellschaftsordnung,der nur die erbbiologisch wertvollen und rassereinenDeutschen angehren und aus der die Fremdvlkischenund Gemeinschaftsfremden, allen voran die Juden, aus-geschlossen werden sollten. Inklusion wie Exklusion sinddaher die beiden untrennbar zusammengehrenden Sei-ten der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Die aus NS-Sicht ideale Familie erfhrt Schutz und Geborgenheit ... er: Ren Ahrl afik Gr / , Plak 003-002-046 Bundesarchiv widersprechendes Verhalten hingegen ziehtStrafe und Ausschluss nach sich. 5113 Nr.ung, Bildersammlurg,tenbv Altsarchiingisches StaaThrIntegration der Arbeiterschaft Eine der wichtigsten Gruppen, um deren Integration in dieVolksgemeinschaft sich die Regimefhrung sehr bemh-te, war die Arbeiterschaft, von der sie wusste, dass sie dem Nationalsozialismus zu einem groen Teil durchaus nochdistanziert gegenberstand. Bei den Betriebsratswahlen imMrz und April 1933 hatten die Vertreter der Freien Gewerk-schaften noch fast drei Viertel der Stimmen erhalten, wo-hingegen die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisa-tion (NSBO) trotz Machtergreifung nur auf gut elf Prozentder Stimmen kam. Die Hitler-Regierung reagierte auf das fr sie schlechte Ergebnis mit einer Aussetzung weiterer 52 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Wahlen und einem Gesetz Anfang April, mit dem Betriebs-rte, die in staats- und wirtschaftsfeindlichem Sinne einge-stellt seien, abgelst und neue ernannt werden konnten.Um nach der Zerschlagung der Gewerkschaften keinMachtvakuum in den Betrieben entstehen zu lassen und die organisierte Arbeitnehmerschaft aufzufangen, wurdegleich im Mai 1933 die Deutsche Arbeitsfront (DAF) unterRobert Ley gegrndet, die die Millionen Gewerkschaftsmit-glieder bernahm und zugleich das Vermgen der Gewerk-schaften raubte. Im selben Monat folgte die Einsetzung von sogenanntenTreuhndern der Arbeit, die, angeblich unabhngig, tat-schlich jedoch in der Regel zugunsten der Unternehmer,die Lohn- und Arbeitsbedingungen regelten. Die Tarifauto-nomie war damit aufgehoben. Am 20. Januar 1934 besttig-te das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit die Rolleder Treuhnder und bestimmte, dass es knftig in den Be-trieben nur eine Betriebsgemeinschaft mit Fhrer undGefolgschaft geben drfe. Statt Betriebsrten gab es nunVertrauensrte, statt Mitbestimmung nur Beratung. Alssich dennoch 1935 bei den betrieblichen Wahlen noch Ge-genstimmen abzeichneten, erhielten die Treuhnder auchdas Recht,Vertrauensmnner zu ernennen. Im selben Jahr wurde zudem das Arbeitsbuch wieder eingefhrt, das diefreie Wahl des Arbeitsplatzes einschrnkte und darber hi-naus die Kontrolle der Arbeitenden erlaubte. Diese einschneidenden Regelungen, die die sozialen Kon-flikte in den Betrieben unterdrcken sollten, waren beglei-tet von zahlreichen Anstrengungen des NS-Regimes, dieArbeiterschaft zu integrieren. Ziel der DAF war, wie es inder Verordnung Hitlers vom 24. Oktober 1934 hie, die Bil-dung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaftaller Deutschen. Die DAF solle dafr sorgen, dass jedereinzelne seinen Platz im wirtschaftlichen Leben der Nation in der geistigen und krperlichen Verfassung einnehmenkann, die ihn zu hchster Leistung befhigt und damit dengrten Nutzen fr die Volksgemeinschaft gewhrleistet.Schon zum 1. Mai 1933 war viel von der Ehre der Arbeit die Rede, DAF-Leiter Ley besuchte in den folgenden Mona-ten zahlreiche Betriebe und machte es sich zur Gewohn-heit, demonstrativ Arbeitern an der Werkbank die Hand zu geben. Diese symbolische Geste, die zeigen sollte, dassder Fhrer auf den einfachen Mann zugeht und ihmvon Mann zu Mann die Hand reicht, setzte selbstredend die autoritre Betriebsverfassung keineswegs auer Kraft,aber die Wirkungskraft solcher handgreiflicher Anerken-nung darf dennoch nicht unterschtzt werden.Oziell war der DAF eine eigenstndige Arbeits- und So-zialpolitik verwehrt, und der verordnete Lohnstopp engteihren Handlungsspielraum erheblich ein. Gerade deswe-gen versuchte die Organisation nicht blo propagandis-tisch, sondern auch materiell auf die Arbeitsbedingungenin den Betrieben Einfluss zu nehmen. Das DAF-Amt Schn-heit der Arbeit kmmerte sich um die Modernisierung vonBetriebskantinen, den Bau von Sportanlagen oder die Ver-besserung der Hygiene in den Betrieben. Das Reichsheim-stttenamt drngte die Kommunen, den sozialen Woh-nungsbau voranzutreiben, und die Firmen, ihren Arbeiternbillige Kredite fr den Hausbau zur Verfgung zu stellen.Stammarbeiter sollten bevorzugt werden, allerdings hat-ten sie politisch zuverlssig und erbgesund zu sein. DieDAF kmmerte sich um deutsche Wohnkultur, lie Mus-tereinrichtungen entwerfen und Modellmbel herstellen,die sich durch Funktionalitt und Schlichtheit auszeichnen und, weil in hoher Stckzahl hergestellt, zu erschwingli-chen Preisen angeboten werden sollten.Das Amt fr Volksgesundheit fhrte rztliche Vorsorge-untersuchungen in den Betrieben durch, deren Daten dannstatistisch aufbereitet und rassenbiologisch ausgewertetwurden. Als bei einem beachtlichen Teil der Belegschaftenein besorgniserregender Gesundheitszustand erkennbarwurde, weitete das Regime seit 1936/37 die Zahl der Be-triebsrzte erheblich aus und frderte den Betriebssport,jedoch mit keineswegs blo sozialpolitischen Absichten,sondern vor allem, um die Wehrertchtigung zu strken.Die DAF frderte die betriebliche Aus- und Weiterbildungund veranstaltete seit 1934 alljhrliche Reichsberufswett-kmpfe, an denen Millionen, zumeist jugendliche Arbeit-nehmer teilnahmen. Das Motto lautete: Freie Bahn dem Tchtigen! und verhie damit, unabhngig von sozialerHerkunft allein durch persnliche Leistung vorankommenzu knnen. Mit der Goldenen Flagge wurden alljhrlichim Leistungskampf der deutschen Betriebe nationalso-zialistische Musterfirmen ausgezeichnet, die eben den be-triebs- und sozialpolitischen DAF-Kriterien in besondererWeise entsprachen. Die Teilnahme war freiwillig, und dochhatten sich zum Beispiel 1939/40 nicht weniger als 273 000Betriebe gemeldet.Das bekannteste und zweifellos populrste Amt der DAFwar Kraft durch Freude (KdF). Im November 1933 nach ita-lienischem, faschistischem Vorbild gegrndet, widmete es Plakat der DAF. In Anspielung an den Mythos der Schtzengrabengemein-schaft beschwrt die NS-Propaganda eine geeinte Arbeitsgesellschaft. e efkois Pl Aler:afik Gr , Plak 003-017-037 / Bundesarchiv 53 Volksgemeinschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 sich der Freizeitorganisation der Arbeitnehmer, veranstal-tete Kulturabende und insbesondere Reisen. Bereits 1935 nahmen ber 5,7 Millionen Personen an Kurzfahrten in-nerhalb Deutschlands teil, ber 120 000 Menschen kamen im selben Jahr in den Genuss einer Schisfahrt mit einem der zehn KdF-Dampfer. Am begehrtesten waren selbst-verstndlich die Auslandsreisen. 1938 fuhren bereits rund 140 000 Deutsche nach Italien, andere reisten nach Norwegen,Griechenland, sogar nach Madeira und auf die KanarischenInseln. Dabei ist zustzlich in Rechnung zu stellen, dass esfr Arbeiter erst unter dem NS-Regime einen nennenswer-ten Urlaub, allerdings dierenziert nach Branchen, Lebens-alter und der alleinigen Entscheidung der Betriebsfhrer,von sechs bis zwlf Tagen gab.Fr die NS-Fhrung stand die Wehrhaftigkeit im Vorder-grund, wie es Hitler bei der Grndung der Organisationunmissverstndlich ausdrckte: Ich will, dass dem deut-schen Volk ein ausreichender Urlaub gewhrt wird. Ichwnsche dies, weil ich ein nervenstarkes Volk will, denn nur mit einem Volk, das seine Nerven behlt, kann man wahrhaft groe Politik machen. In der alltglichen Praxis jedoch bedeutete KdF vielmehr die Erfahrung von Freizeitund Konsum. Millionen Deutsche erlebten reale und nicht nur propagandistische Verbesserungen der Lebens- und Ar-beitsbedingungen. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler hatin seiner Gesellschaftsgeschichte Deutschlands unterstri-chen, dass mit der Verheiung einer Volksgemeinschaftein Modernittsappeal und ein Mobilisierungsschub ver-bunden waren, die entscheidend, insbesondere bei den jngeren Generationen, zur Legitimation des Regimes bei-trugen. Das Versprechen, dass jeder Einzelne nach seinerLeistung, nicht nach seiner Herkunft zhle, hat die Klas-senschranken in Deutschland keineswegs eingerissen, aberdurchaus zu mehr Aufstiegsmobilitt und Leistungsbereit-schaft gefhrt. In Hamburg startet der Dampfer Monte Olivia im Mai 1934 zu einer KdF-Seereise, die in die Nordsee fhrt. Robert Ley hlt die Abschiedsrede. Schorer Jos. af: 183-2003-1215-505 / Fotogr , Bild BundesarchivSchon in der Weimarer Republik begonnen, wird der Bau der Reichsauto-bahn unter Hitler weiter vorangetrieben. Teilstrecke bei Rosenheim bpk Rstungskonjunktur Vor allem konnte das Regime in den ersten Jahren den rapi-den Abbau der Arbeitslosigkeit fr sich verbuchen. Zwar hatte die Weltkonjunktur schon 1932 die Talsohle durchschritten,und ein neuer Konjunkturaufschwung war in Sicht. Aber Hit-ler wusste sehr genau, dass an der Fhigkeit, die katastrophal hohe Zahl von fnf Millionen Arbeitslosen (September 1932) zu verringern, der Erfolg seiner Regierung gemessen werden wrde. So drngte er im Kabinett auf rasche, staatlich finan-zierte Arbeitsprogramme, die zum grten Teil bereits von der Regierung Schleicher auf den Weg gebracht worden wa-ren, wie den Auftrag zum Bau einer Reichsautobahn unter Leitung des Straenbauingenieurs Fritz Todt. Nachdem Hitler selbst am 23. September mit groem Propagandaaufwand den ersten Spatenstich gesetzt hatte, begann der Bau im Frhjahr Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 54 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Pit lorero dolorero eu faccums andiamc onsequi smodignisse dolore do odolore vel deliscip exerilit wis acilis nibh er ing et, susto dolor 1934 mit 15 000 Arbeitern. Die Hchstzahl wurde 1936 mit 125 000 Beschftigten erreicht, als die Arbeitslosigkeit bereits deutlich zurckgegangen war. Volkswirtschaftlich betrachtet ging vom Autobahnbau kein nachhaltiger beschftigungs-politischer Impuls aus, aber mit ihrem Nimbus aus Dynamik,khner Planung und Modernitt verschaten die Autobahnen dem Regime einen entlichen Erfolg.Zu den staatlichen Arbeitsprogrammen der ersten Jahre gehrte auch der Wohnungsbau, dessen Investitionen sich innerhalb eines Jahres verdreifachten. Bis Ende 1934 nahmen die staatlichen Mittel fr Arbeitsbeschaungsmanahmen eine Hhe von ber fnf Milliarden Reichsmark an, bis 1935 stiegen sie auf 6,2 Milliarden. Tatschlich sank die Zahl der Arbeitslosen bereits ein Jahr nach der Machtergreifung auf 2,7 Millionen, lag 1936 bei nur noch 1,6 Millionen und blieb1937 unter einer Million. Mittlerweile schufen vor allem die vom Staat mit etlichen Milliarden massiv gefrderten Rstungsinvestitionen neueArbeitspltze. So erlebte die Flugzeugproduktion einen bei-spiellosen Aufschwung von knapp 4000 Beschftigten im Januar 1933 auf 54 000 zwei Jahre spter und annhernd240 000 Beschftigte im Frhjahr 1938. Nicht zuletzt senk-ten auch die Allgemeine Wehrpflicht im Mrz 1935 und dieEinfhrung eines sechsmonatigen Reichsarbeitsdienstes (RAD), den alle Mnner zwischen dem 18. und 25. Lebensjahrvor ihrem Wehrdienst absolvieren mussten, die Arbeitslo-senzahlen. In den Berichten, die sozialdemokratische Ver-trauensleute heimlich an den Exilvorstand der SPD in Pragschickten, hie es 1936 resigniert, groe Teile der Arbeiter-schaft htten mittlerweile Freiheit gegen Sicherheit am Arbeitsplatz eingetauscht.Bezeichnenderweise hielt das NS-Regime trotz Vollbeschf-tigung den Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung wei-terhin bei 6,5 Prozent des Lohnes und steckte diese zustzlich eingenommenen Milliarden in die Rstungsproduktion. DasGesamtvermgen der Sozialversicherungen verdoppelte sichvon 4,6 Milliarden Reichsmark 1932 auf 10,5 Milliarden 1939, wobei diese Gelder gleichfalls nicht als Leistungsverbesse-rungen den Arbeitnehmern zugute kamen, sondern demReichshaushalt als Darlehen zur Finanzierung der Rstungs-ausgaben dienten.Die Rstung war der Hauptgrund fr den Abbau der Ar-beitslosigkeit. Bis 1939 gab der NS-Staat dafr 62 Milliardenaus, was einem Anteil am Bruttosozialprodukt von 23 Prozent Wirtschaftswunder? Wenige Erfolge haben den NimbusHitlers als eines heilbringenden Erlsers,welcher der Misere von mehr als acht Millionen Arbeitslosen ein Ende berei-tete, so gesteigert, seine Regierung so mit der Gloriole einer beispiellosenLeistung umgeben, wie [der] Sieg in der Arbeitsschlacht. Noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg konze-dierten zahlreiche Deutsche bereitwillig das Unheil, das Hitlers Krieg gebracht hatte, bestanden aber weiter darauf: Er hat doch die Leute von der Strae ge-bracht. Wie konnte das gelingen?Mehrere Faktoren sorgten so langefr eine anhaltende Belebung desArbeitsmarktes, bis er buchstblich leer-gefegt war.1. Die konjunkturpolitischen Manahmen der Regierung demonstrierten ihre Handlungsbereitschaft. Auer- dem gewann sie zusehends an Stabilitt. Beides wuten viele Unternehmer zu schtzen, wenn sie ber Neueinstellungen entschieden, [...].--2. Tatschlich hatte die Depression in Europa 1932 ihren absoluten Tief- punkt erreicht, und erste Signale der zyklischen Erholung wurden auch von der deutschen Industriewirtschaft 1933, verstrkt seit 1934 aufgenommen. Ein sachte einsetzender wirtschafts- immanenter Aufschwung begann daher, ungeachtet der Staatskonjunktur, belebende Impulse auszusenden. -3. Fr die Beschftigungspolitik der Unter- nehmen war die Tatsache von grundlegender Bedeutung, da sie mit keinem Lohnanstieg, keiner gewerkschaftlichen Tariorderung mehr zu rechnen hatten. Nicht nur herrschte ein faktischer Lohnstopp, sondern die Basisgre der Lohnquote schrumpfte sogar, wie es die Arbeitgeber seit Jahren gefordert hatten, von 1932 = 68 auf 1938 = 55 Pro-zent. Schon dieser genau vermerkte Umstand wirkte investitions- und be- schftigungsfrdernd, zumal gleich- zeitig die Unternehmensprofite bis 1939 jhrlich um 36,5 Prozent krftig anstiegen.-4. Der zgige Aufbau groer Brokra-tien durch die NSDAP, die DAF (im Nu kam sie auf 45 000 Mitarbeiter), den RAD, zahlreiche mter und Stbe, nicht zuletzt durch die expandierende Wehrmachtsverwaltung entlastete sprbar den Arbeitsmarkt insbesondere von Angestellten und Akademikern. Auch die Wehr- und die Arbeitsdienst-pflicht nahmen seit 1935 Hundert- tausende aus dem Arbeitsmarkt. 5. Seit 1934/35 ging eine steigende Nach- frage nach Arbeitskrften von der Rstungswirtschaft aus, da enorme Sum- men in sie hineingepumpt wurden. [... ] In gewisser Hinsicht war daher die Vollbeschftigung zum guten Teil eine Sekundrfolge von Hitlers Entschlu, Deutschland kriegsfhig zu machen. 6. Dennoch ist es fraglich, ob diese ob-jektivierbare Konstellation sich so schnell und so durchschlagend ausge-wirkt htte, wenn nicht Hitler selber im Verein mit dem Goebbelsschen Propa-gandaapparat die Rhetorik der Ar-beitsschlacht, die es so schnell wie nur irgend mglich zu gewinnen gelte,die populistische Beschwrung des na-tionalen Aufschwungs unentwegt in Gang gehalten htte. Der modernenKonjunkturpolitik ist lngst bewut,welche bedeutende Rolle die Psycholo-gie der Krisenbekmpfung und die Semantik der Steuerungskompetenzspielt; [...].[Doch] nirgendwo sonst wurden Hoch-konjunktur und Vollbeschftigungmit so horrenden Kosten erkauft: mit der Fehlleitung gewaltiger Ressourcen in die Aufrstung, mit der Vorbereitung eines totalen Krieges, mit der zweiten vollstndigen Zerrttung der Landeswh-rung. Die Quittung fr das fabel-hafte Wunder wurde den Deutschen zwischen 1939 und 1948 ohne jedeChance des Entrinnens prsentiert. In-sofern handelte es sich um ein uerst kurzlebiges Wirtschaftswundermit extrem desastrsen Folgen. [...] Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949, C. H. Beck, Mnchen 2003, S. 644 . 55 Volksgemeinschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 entsprach. 1933 hatte der Anteil noch bei 1,5 Prozent gelegen.Von Anfang an forcierte die neue Regierung die Aufrstung.35 Milliarden Reichsmark sollten in den kommenden acht Jahren fr die Rstungsausgaben zur Verfgung gestellt werden eine immense Summe, wenn man bedenkt, dass das gesamte Volkseinkommen des Deutschen Reiches 1933ungefhr 43 Milliarden Reichsmark betrug. Dieses Geldwurde weniger durch Steuern oder sonstige Einnahmen,sondern grtenteils durch staatliche Schuldenaufnahmebeschat. Zeitgleich mit dem Aufrstungsprogramm fieldie Entscheidung im Juni 1933, die auslndischen Schulden-zahlungen vorerst einzustellen. Dieses einseitig verkndeteSchuldenmoratorium brachte das Deutsche Reich auf den internationalen Finanzmrkten in Misskredit und zeigtezugleich an, dass die neue deutsche Regierung sich nichtmehr an vlkerrechtliche Vertrge gebunden fhlte. Statt-dessen setzte die NS-Fhrung auf eine Politik der Autarkie,obwohl das Reich weiterhin auf Importe von Rohstoenund Lebensmitteln angewiesen war und dringend Devisenauch fr die Rstungsproduktion brauchte. Mit Finanztrickssuchte insbesondere Reichsbankchef Hjalmar Schacht Geldzu beschaen, stie aber immer wieder an die Grenzen der Kapitalmrkte. Letztlich kalkulierte, wie der britischeWirtschaftshistoriker Adam Tooze geschildert hat, die NS-Fhrung mit dem beabsichtigten Krieg, um dann mittelsder Ausplnderung des eroberten Europas die zerrttetendeutschen Staatsfinanzen wieder zu sanieren. Volks-Produkte: Der Volksempfnger, ein idea-les Propagandainstrument, fand viele Kufer Leonider:afik Gr , Plak 003-022-025 / Bundesarchiv der Volkswagen hingegen blieb den Interessen-ten trotz geleisteter Anzahlungen verwehrt. Berlin isches Museum,tsches HistorDeuKonsumgesellschaft Fr die Arbeiter blieb zwar der vom Regime verordnete Lohn-stopp in Kraft. Aber zahlreiche Betriebe gingen aufgrund derguten Konjunktur und des bald sprbar werdenden Fachar-beitermangels dazu ber, hhere Akkordlhne oder beson-dere Zulagen zu zahlen. So erreichten die Nettolhne 1937,zumindest in den rstungsrelevanten Wirtschaftsbereichen,wieder das Niveau von 1929, obwohl auch die Preise stiegen und neben den Steuern und Sozialversicherungsabgaben zu-stzlich die Beitrge zur DAF vom Lohn automatisch eingezo-gen wurden. Die sich nende Schere zwischen den Tariflh-nen und den ungleich hheren Eektivlhnen fhrte zu einerLohndierenzierung nach Leistungskriterien, die die bishe-rige Ordnung gesellschaftlicher Lohnpolitik, die zwischenGewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen als sozialenVertretungsorganen in Flchentarifvertrgen ausgehandelt worden war, ablste. Im internationalen Vergleich des Pro-Kopf-Volkseinkom-mens lag Deutschland in den 1930er-Jahren jedoch weiterhinum die Hlfte zurck gegenber den USA, auch weit hinterGrobritannien und noch hinter den Niederlanden, Frank-reich und Dnemark. Whrend in den USA die Verbindungvon Serienproduktion durch Standardisierung und Flie-bandmontage einerseits und hohen Lhnen andererseits einen rasch wachsenden Binnenmarkt selbst fr teure Mas-senkonsumgter wie Automobile schuf, stagnierte die Kon-sumgterproduktion in Deutschland durch die ausschlieli-che Konzentration auf die Rstung.Zwar versuchte das Regime durch staatlich subventionier-te Volks-Produkte Massengter herzustellen, aber nur derVolksempfnger, der im Sommer 1933 in Serienproduktionging und mit einem Ratenvertrag erworben werden konnte,wurde ein Erfolgsprodukt. Besa 1933 ein Viertel aller deut-schen Haushalte ein Radio, so waren es 1938 schon etwas ber 50 Prozent. Verglichen mit 68 Prozent in England und 84 Pro-zent in den USA war aber auch das kein Spitzenwert.Nicht zuletzt stie das Projekt eines KdF-Wagens Robert Ley 1938: In 10 Jahren jedem schaenden Deutschen einenVolkswagen! auf groe Zustimmung. 336 000 Menschen leisteten wchentliche Vorauszahlungen, um ihr eigenes Auto zu bekommen. Da der politisch festgelegte Preis von1000 RM weit unter den Produktionskosten lag, fand sichkein Unternehmen bereit, den Volkswagen zu bauen. Statt-dessen bernahm die DAF aus geraubten Gewerkschaftsver-mgen die Finanzierung und beauftragte Ferdinand Porschemit der Entwicklung und dem Bau des KdF-Wagens. Von den 56 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Einzahlungen der knftigen VW-Besitzer zog die DAF einenGewinn von rund 275 Millionen RM; die Sparer selbst verlorenihr Vermgen, denn entgegen den Versprechungen des Regi-mes zur Massenmotorisierung wurde von dem propagandis-tisch angekndigten Volkswagen in der NS-Zeit kein einzigerausgeliefert. Vielmehr lieferte Porsche Militrfahrzeuge frdie Wehrmacht. Selbst wer ein privates Auto eines anderenHerstellers besa, wurde vom NS-Regime benachteiligt, dennder Benzinpreis lag in Deutschland Ende der 1930er-Jahreaufgrund hoher Besteuerung mit 39 Pfennig pro Liter doppelt so hoch wie beispielsweise in den USA. Benzin war im NS-Regime Treibsto fr das Militr, nicht fr Privatfahrer. Trotz propagandistischer Beteuerungen verliert die Landwirtschaft volkswirtschaftlich an Bedeutung. Auch die Abordnung Jugendlicher zum Ernte-einsatz kann daran nichts ndern. ann ich Homullstein bild HeinrGewinner und Verlierer Der Aufschwung galt nicht fr alle Branchen und Regionengleichermaen, wie der Historiker Frank Bajohr 2009 hervor-gehoben hat. Der Rstungsboom fhrte zu zahlreichen Un-gleichheiten. Zu den groen regionalen Gewinnern gehrteMitteldeutschland, wo ein neues industrielles Zentrum ne-ben dem Ruhrgebiet entstand. In Stdten wie Magdeburg,Halle, Dessau, Halberstadt und Bitterfeld verdoppelte sichbinnen weniger Jahre die Zahl der Beschftigten. Eine Stadt wie Rostock mit Werften und dem Flugzeugwerk Heinkelsteigerte ihre Einwohnerzahl innerhalb von nur sechs Jah-ren, von 1933 bis 1939, um ein Drittel von 90 000 auf 120 000 und stieg damit in die Liga deutscher Grostdte auf. Die Flugzeugindustrie lockte mit hohen Lohnzuschlgen,modernsten Produktionsanlagen,beachtlichen betrieblichenLeistungen, neu gebauten Wohnungen und einem hohenSozialprestige als Hightech-Industrie. Die Flugzeugbauerseien sehr von sich eingenommen, urteilte 1935 ein sozialde-mokratischer Vertrauensmann, sodass sie fr die politischeArbeit, sprich gewerkschaftliche Klassenorganisation, nicht mehr zu gebrauchen seien. Fr das Gesellschaftsbild dertraditionellen Arbeiterbewegung wren diese berwiegendjungen Arbeiter mit ihrer starken individuellen Aufstiegs-orientierung nicht mehr anzusprechen gewesen, whrendsie sich den Integrationsangeboten des NS-Regimes vorbe-haltlos neten. Die Flugzeugbauer, so uerte sich 1934ein Sozialdemokrat ber die Belegschaft der Heinkel-Werke,htten nur ein einziges Interesse: ihre Arbeit zu erhalten undhohen Lohn zu beziehen. Politisch seien sie absolut uninte-ressiert und indierent, vllig passiv und kmen fr diepolitische Arbeit, d. h. fr die Arbeiterbewegung, gar nichtin Frage.Zu den Verlierern zhlte die Landwirtschaft. Noch im Fe-bruar 1933 verbot die Hitler-Regierung Zwangsversteigerun-gen buerlicher Betriebe und unterband damit in populis-tischer Weise eine privatwirtschaftlich legale Manahme,die in den Jahren zuvor immer wieder fr helle Emprungund sogar gewaltttigen Widerstand in der Bauernschaftgesorgt hatte. Mit dem Reichserbhofgesetz vom September1933 erhielten rund eine Million Bauernhfe, die rund 37 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflche bewirtschafte- 57 Volksgemeinschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 ten, einen neuen Status: Sie wurden unteilbar, unverkuf-lich und allein an den erstgeborenen Sohn vererbbar. Nurdiese, durch Rasse, Ehrbarkeit und Wirtschaftsfhrungausgewiesenen Besitzer durften sich Bauern nennen, alleanderen hieen Landwirte. Doch wurde mit dem Erbhofge-setz das seit Jahrzehnten anstehende Problem einer Boden-reform, um die Diskrepanz zwischen den wenigen Gutsh-fen, die ber ein Viertel des Ackerlandes verfgten, und dergroen Zahl kleiner Bauernhfe, die weniger als ein Fnf-tel der Ackerflche bewirtschafteten, zu schlieen, keines-wegs gelst.Zustzlich wurde mit dem Reichsnhrstand unter Land-wirtschaftsminister Darr eine staatlich gelenkte Landwirt-schaftsorganisation geschaen, die Erzeuger wie Verteilereinschloss, die Preise festsetzte und damit den freien Agrar-markt aufhob. Damit wollte die NS-Fhrung die Selbstver-sorgung mit Nahrungsmitteln sichern. Doch wurde trotz aller Erzeugungsschlachten, die zwar zu beachtlichen Produktionssteigerungen fhrten, weder die Autarkie inder Lebensmittelversorgung erreicht nach wie vor blieb Deutschland auf Importe, insbesondere bei Futtermittelnund Fetten, angewiesen noch konnte bei aller nationalso-zialistischer Blut und Boden-Rhetorik, dass das Bauerntum die Grundlage der Volksgemeinschaft bilde, der moderneTrend zur Landflucht aufgehalten werden.Jungen Leuten boten sich in der Industrie, die dringendArbeitskrfte bentigte, die weitaus besseren Arbeitsbe-dingungen. Im November 1938 musste Darr entlich ein-gestehen, dass der Landwirtschaft seit 1933 rund 500 000Arbeitspltze verloren gegangen waren, was einem Rck-gang von 20 Prozent entsprach. Konsequent wurden Zehn-tausende von Jugendlichen zum Ernteeinsatz, die Md-chen anstelle des Wehrdienstes zum landwirtschaftlichen Pflichtjahr abkommandiert, whrend sich zur selben Zeitdie Bevlkerungszahlen in den neuen Industriestandortenin Mitteldeutschland verdoppelten.Auch fr den Mittelstand erfllten sich nicht die Erwartun-gen, die er in den Nationalsozialismus gesetzt hatte. Die vor 1933 heftigst bekmpften Kaufhuser wurden nicht geschlos-sen, sondern blo hher besteuert. Vielmehr mussten sogar viele kleine Geschfte schlieen, weil ihnen die Arbeitskrfte fehlten oder sie nicht mehr konkurrenzfhig waren. Nur die groen Handelsunternehmen konnten mit der wirtschaftli-chen Entwicklung Schritt halten. Zwar konnten auch 1937/38 viele kleine und mittlere Unternehmen von den Enteignun-gen der jdischen Betriebe, der Arisierung, profitieren, aber nur ein kleiner Teil der jdischen Vermgen geriet in private Hnde. Es war insbesondere der nationalsozialistische Staat, der durch Liquidierungen, Abgabenpolitik und drastische Be-steuerung den Hauptanteil einstrich, um die Rstungspolitik zu finanzieren. Die Flugzeugindustrie dagegen boomt. Endmontage des Zerstrerflug-zeugs Messerschmitt Bf 110, Baureihe C bpk Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 58 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Reichsfrauenfhrerin Gertrud Scholtz-Klink als Idealbild der nationalso-zialistischen Frau. Hier mit ihren vier leiblichen Kindern und den sechs ihres dritten Ehemannes, SS-Obergruppenfhrer August Heimeyer Berlin / DHM,hne Orgel-K L.Frauen Nationalsozialistische Frauenpolitik hie zuerst Familien-und Geburtenpolitik. Die erbgesunde und rassenbiolo-gisch artgerechte Ehe und Familie stand als Keimzelleder Volksgemeinschaft unter besonderem Schutz des NS-Staates. Allerdings wurde aus eben denselben erb- und ras-senbiologischen Grnden auch die Ehetrennung gefrdert.Der Schutz der Familie bedeutete daher keineswegs dieAchtung der privaten Sphre oder ein moralisches Bekennt-nis, sondern unterlag einem strikt rassistischen Zweckm-igkeitsdenken. 1936 wurde erstmals ein Kindergeld vonzehn Reichsmark pro Monat ab dem fnften Kind unter 16Jahren fr Familien eingefhrt, deren Monatseinkommen185 Reichsmark nicht berstieg. Diese Einschrnkungenwurden im Laufe der nchsten Jahre mehr und mehr zu-rckgenommen, bis im Dezember 1940 alle Familien einKindergeld ab dem dritten Kind erhielten.Zinsfreie Ehestandsdarlehen bis zu 1000 Reichsmark wur-den an jung verheiratete Paare als Zuschuss fr den Kaufder Haushaltseinrichtung gezahlt, wobei dieses Darlehenabgekindert werden konnte, d. h. mit jedem Kind wurdedie Rckzahlung um ein Viertel gekrzt. Bereits 1933 hatten200 000 junge Paare ein Ehestandsdarlehen in Anspruchgenommen, 1935 waren es 370 000 Darlehen. Den moder-nen Trend zur Kleinfamilie mit maximal zwei Kindern haben auch die geburtenorientierten Frderungsmanah-men des NS-Regimes indes nicht aufhalten knnen. Da mitden Darlehen zunchst die Auflage verbunden war, dass Das NS-Frauenbild Zwischen den ideologischen Ansprchenan die Frauen und deren Lebensrealitten klate ein breiter Spalt. Der Fhrer an die deutschen Frauen Das Wort von der Frauen-Emanzipation istein nur vom jdischen Intellekt erfunde-nes Wort, und der Inhalt ist von demselben Geist geprgt. Die deutsche Frau brauchtesich in den wirklich guten Zeiten desdeutschen Lebens nie zu emanzipieren. Siehat genau das besessen, was die Naturihr zwangslufig als Gut zur Verwaltungund Bewahrung gegeben hat [...]. Wennman sagt, die Welt des Mannes ist der Staat,die Welt des Mannes ist sein Ringen, dieEinsatzbereitschaft fr die Gemeinschaft, so knnte man vielleicht sagen, da dieWelt der Frau eine kleinere sei. Denn ihre Welt ist ihr Mann, ihre Familie, ihre Kinder und ihr Haus. [...] Die Vorsehung hat der Frau die Sorgen um diese ihre eigenste Weltzugewiesen, aus der sich dann erst die Weltdes Mannes bilden und aufbauen kann. [...] Wir empfinden es nicht als richtig, wenndas Weib in die Welt des Mannes [...]eindringt, sondern wir empfinden es alsnatrlich, wenn diese beiden Welten geschieden bleiben. In die eine gehrt dieKraft des Gemtes, die Kraft der Seele! Zur anderen gehrt die Kraft des Sehens,die Kraft der Hrte, der Entschlsse und die Einsatzwilligkeit. [...] Was der Mannan Opfern bringt im Ringen seines Volkes,bringt die Frau an Opfern im Ringen umdie Erhaltung dieses Volkes in den ein-zelnen Zellen. Was der Mann einsetzt an Heldenmut auf dem Schlachtfeld, setzt die Frau ein in ewig geduldiger Hingabe,in ewig geduldigem Leiden und Ertragen.Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, isteine Schlacht, die sie besteht fr Sein oder Nichtsein ihres Volkes. Reden an die deutsche Frau 1934, S. 3f. Zehn Gebote fr die Gattenwahl Gedenke, da Du ein Deutscher bist. [...] Du sollst, wenn Du erbgesund bist, nicht ehelos bleiben. [...]Halte Deinen Krper rein! [...] Du sollst Geist und Seele rein er-halten. [...]Whle als Deutscher nur einen Gatten gleichen oder nordischen Blutes. [...]Bei der Wahl Deines Gatten frage nach seinen Vorfahren. [...]Gesundheit ist Voraussetzung auch fr uere Schnheit. [...]Heirate nur aus Liebe. [...] Suche Dir keinen Gespielen, sondern einen Gefhrten fr die Ehe. [...]Du sollst Dir mglichst viele Kinder wnschen. [...] Oskar Lukas, Das deutsche Frauenbuch. Ein Buch fr Werktag und Feierabend, Karlsbad-Drakowitz und Leipzig 1941, S. 189-191 beides in: Martin Klaus, Mdchen in der Hitlerjugend, Pahl-Rugenstein-Verlag, Kln 1980, S. 168 f. und S. 177 . 59 Volksgemeinschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 die Ehefrau zu Hause blieb, stellte diese Manahme nicht allein ein familien-, sondern gleichfalls ein arbeitsmarkt-politisches Instrument im nationalsozialistischen Sinn dar. Zudem war die Gewhrung der Darlehen von einemerbgesundheitlichen Gutachten des jungen Paares abhn-gig. Behinderte oder nicht-arische Ehepaare hatten keineChance, in den Genuss eines solchen Ehestandsdarlehens zu kommen. Das Hilfswerk Mutter und Kind der Nationalsozialisti-schen Volkswohlfahrt (NSV), die mit 16 Millionen Mitglie-dern (1942) nach der DAF die grte nationalsozialistischeMassenorganisation war, kmmerte sich ganz im Zeicheneiner vlkischen Geburtenpolitik um die Mtter, wobeiauch die ledigen Mtter betreut wurden, denn rassischund erbbiologisch hochwertiger Nachwuchs durfte inrassistischer Perspektive dem Volk in keinem Fall verlorengehen. Neben Verschickung von Mttern in Erholungs-sttten baute das Hilfswerk Kindertagessttten, bis 1941annhernd 15 000, ber deren Gre und Qualitt jedochdie Statistik nichts aussagt. Spter, vor allem whrend desKrieges, wurde die sogenannte Kinderlandverschickungeine zentrale Einrichtung des Hilfswerkes.Entgegen aller oziellen Rhetorik hat auch die Zahl dererwerbsttigen Frauen im NS-Regime keineswegs abge-nommen. 1933 gab es 11,6 Millionen, 1939 14,6 MillionenFrauen, die erwerbsttig waren. Das bedeutete, dass 52 Pro-zent aller Frauen zwischen 15 und 60 Jahren in Deutschland einer Lohn- bzw. Gehaltsarbeit nachgingen, wobei die meis-ten Frauen nach wie vor in der Land- und Hauswirtschaft beschftigt waren, erst danach im Dienstleistungssektorund die wenigsten in der Industrie. Erwartungsgem lagdie Erwerbsquote bei ledigen Frauen mit 88 Prozent sehrviel hher als bei den verheirateten Frauen mit nur etwa einem Drittel. Noch 1943, als der Arbeitskrftemangel sehrdringlich war, sprach sich Hitler aus ideologischen Grn-den gegen eine verstrkte Einbeziehung von Frauen in dieRstungsproduktion aus und verweigerte sich auch derForderung, die Lhne der Frauen denen der Mnner gleich-zustellen. Dennoch setzten Frauen in einigen Bereichen, wosie unentbehrlich geworden waren, wie zum Beispiel alsSchanerinnen in den Verkehrsbetrieben, durch, dass sie in gleicher Hhe wie ihre mnnlichen Vorgnger bezahltwurden. Aufgrund des deutlichen rztemangels fielen inden Kriegsjahren auch die Beschrnkungen des Medizin-studiums fr Frauen, so dass sich der Anteil der rztinnenan der rzteschaft insgesamt, der 1933 blo 6,5 Prozent be-tragen hatte, bis 1944 mehr als verdoppelte.Ohne Zweifel blieb das NS-Regime eine strikt patriarcha-lische Ordnung, die den Frauen eine ideologisch gleichwer-tige, aber keine gleichrangige Position zubilligte, sonderninnerhalb der Volksgemeinschaft eine funktionale Rollezuma. Doch reduzierte sich diese Funktion keineswegsauf die gehorsame Erfllung von Mtterlichkeit und derRolle als Ehefrau. Innerhalb der volksgemeinschaftlichen Ordnung erneten sich nicht-jdischen Frauen durch-aus Handlungsoptionen und Aufstiegschancen, wie zumBeispiel in den zahlreichen NS-Organisationen, insbeson-dere im Bund Deutscher Mdel (BDM), der Nationalsozia-listischen Frauenschaft oder der NSV. Die steigende Zahlderjenigen Frauen, die in den zahlreichen NS-Verbndenverantwortungsvolle Aufgaben bernahmen, hat auch Ei-genstndigkeit gefrdert. Damit hatten diese Frauen auchaktiven Anteil an rassistischer und antisemitischer Politik, wie jene, vor allem junge Frauen, die in den besetzten Ost-gebieten als engagierte Angehrige der Besatzungsverwal-tung zu selbststndig handelnden Tterinnen wurden. J-dische Frauen wurden indes ebenso verfolgt wie jdischeMnner; das KZ Ravensbrck war eigens fr Frauen einge-richtet worden. Und ebenso teilten auslndische Zwangsar-beiterinnen das Schicksal von Ausbeutung und Verfolgungwie die Mnner. Nicht zuletzt gab es gleichermaen Frauenim Widerstand, Sophie Scholl ist dafr das hierzulande be-kannteste Beispiel. Frauen lassen sich also weder pauschalals Opfer noch als Tterinnen kategorisieren, sondern wa-ren sowohl Tterinnen als auch Opfer, Mitluferinnen undZuschauerinnen. Erwerbsttig trotz oziell propagierter Ideologie: Fahrkartenscha-nerin in einer Berliner Straenbahn 1943 MBO ullstein bild U 60 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Jugend Der Jugend galt ein besonderes Augenmerk des Regimes,sollte doch mit der Erziehung und Ausbildung der jungen Generation der Grundstein fr die rassistische Volksgemein-schaft der Zukunft gelegt werden. Die Hitlerjugend (HJ), die seit der Machtergreifung alle brigen Jugendverbnde, bis auf die katholischen, entweder zerschlagen oder angegliedert hatte, wurde 1936 zur Staatsjugend erklrt und organisierte nunmehr alle Jugendlichen 1939 waren es 8,7 Millionen im Deutschen Reich: Von zehn bis 14 Jahren gehrten sie als Pimpfe dem Jungvolk bzw. als Jungmdel dem Jungm-delbund an, von 14 bis 18 Jahren als Hitlerjungen der HJ bzw. als Mdel dem Bund deutscher Mdel (BDM). Selbst-verstndlich galten fr die Hitlerjugend die rassistischen Vor-gaben des Regimes; jdischen Jugendlichen war, selbst wenn sie es gewollt htten, die Mitgliedschaft in der HJ verwehrt,was wiederum nichts anderes hie, als dass sie entlich nicht zur deutschen Jugend gezhlt wurden.Trotz oder vielleicht gerade wegen der Pflichtmitgliedschaft gelang der HJ die Erfassung aller Jugendlichen nicht hundert-prozentig. Die katholischen Jugendverbnde versuchten ihre im Konkordat zugebilligte Unabhngigkeit zu bewahren; El-tern bemhten sich, ihre Kinder von der Mitgliedschaft freizu-stellen; und etliche Jugendliche selbst verweigerten sich dem Zwang oder entzogen sich, indem sie gar nicht oder mglichst wenig zu den HJ-Treen kamen. Im Krieg bildeten sich sp-ter sogar eigene Jugendbanden, die die HJ attackierten. Auf der anderen Seite ernete die HJ Jugendlichen neue Hand-lungsmglichkeiten. Unter dem Motto Jugend fhrt Jugend bot sich Jugendlichen die Gelegenheit, Leitungsfunktionen zu bernehmen. Auch der BDM oerierte den jungen Mdchen Unabhngigkeit vom Elternhaus und Selbststndigkeit.Die legendren Zeltlager, die in der Nachkriegserinnerung an die HJ einen so prominenten Raum einnahmen, dienten der Vorbereitung auf den Wehrdienst ebenso wie der Erzie-hung zur Volksgemeinschaft. Hier waren keineswegs alle gleich, aber jeder besa seine Aufgabe und Verantwortung,die ihm so der ideologische Anspruch unabhngig von Herkunft, Stand oder Vermgen der Eltern zugeteilt wurden.Melitta Maschmann schilderte ihr Arbeitsdienstlager 1937 in Ostpreuen folgendermaen: Unsere Lagergemeinschaft war ein verkleinertes Modell dessen, was ich mir unter Volks-gemeinschaft vorstellte. Sie war ein vollkommen gelungenes Modell. Niemals vorher oder nachher habe ich eine so gute Gemeinschaft erlebt, auch dort nicht, wo die Zusammenset-zung in jeder Beziehung homogener war. Unter uns gab es Bauernmdchen, Studentinnen, Arbeiterinnen, Verkuferin-nen, Friseusen, Schlerinnen, Broangestellte usw. Gefhrt wurde das Lager von einer ostpreuischen Bauerntochter, die nie ber ihre engere Heimat hinausgekommen war. [...] Dass ich dieses Modell einer Volksgemeinschaft damals mit so in-tensivem Glcksgefhl erlebt habe, hat einen Optimismus in mir entstehen lassen, an den ich mich bis 1945 eigensinnig klammerte. Diese Jugend lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Orga-nisation hineinkommen und dort oft zum erstenmal berhaupt eine frische Luft bekommen und fhlen, dann kommen sie vier Jahre spter vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie erst recht nicht zu-rck in die Hnde unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate geschlien, alles mit einem Symbol, dem deutschen Spaten. Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewut-sein oder Standesdnkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das bernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei oder drei Jahren zurckkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rckfllig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.... Wahlrede Adolf Hitlers in der sudetendeutschen Stadt Reichenberg am 2.12.1938, in: Max Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945, Band I.2, 4. Aufl., Leonberg 1988, S. 981 Kindheit und Jugend im Zeichen des Nationalsozialismus: Schulkinder entbieten den Deutschen Gru... annich Hom othek / Heinrtsbibliische Staaery Ba / bpk in einem BDM-Lager wird Akkordeon gespielt... / Lala Aufsberg bpk Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 61 Volksgemeinschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Das Lager bildete den zentralen Ort der Erziehung, wo eine for-mierte soziale Ordnung herrschte, in der Dienst, Disziplin undKameradschaft obenan standen, aber auch jeder Standes- oderBildungsdnkel gechtet war. Regionale, konfessionelle oderberufliche Unterschiede sollten mit Absicht in den Hintergrundtreten zugunsten der Herstellung einer Gemeinschaft der Ehreund Treue, des Gehorsams und der Kameradschaft, wie es der Fhrer des Reichsarbeitsdienstes Konstantin Hierl ausdrckte, in der die (Hand-)Arbeit fr das Volksganze den entscheidendenWert darstellte. Schon die Lager der Jugendbewegung der 1920er-Jahre warenAusdruck einer Kritik an der brgerlichen Gesellschaftsordnunggewesen und sollten das Erlebnis einer alternativen Gemein-schaft vermitteln. Jene zahlreichen Referendars-, Lehrer-, HJ-, BDM- und Reichsarbeitsdienstlager, die 1933 entstanden, zieltenebenso auf antibrgerliche Vergemeinschaftungsformen, aufKameradschaft als Gefhl einer neuen, durchaus militarisierten Gemeinschaft. Ebenso wie der Terror gegen Gemeinschaftsfrem-de keinem brgerlich-staatlichem Reglement unterworfen seinsollte, so auch die neue Kollektivitt einer Volksgemeinschaftnicht herkmmlichen gesellschaftlichen Gemeinschaftsformenwie Vereinen oder Interessensverbnden. Nationalsozialistische Lager waren nicht blo Orte eines Gemeinschaftsgefhls, siedienten zugleich einer gesamtgesellschaftlichen Umgestaltung. und die HJ wirbt fr ein Ja bei der Volksabstimmung ber die Zusam-menlegung der mter von Reichskanzler und Reichsprsident. Berlin isches Museum,tsches HistorDeuArbeitsdienst [...] Arbeitsdienst. Gott im Himmel. [...] Ich bin angekommen am Nachmittagmit sehr vielen anderen zusammen. Das ging immer schubweise. Wir haben dagesessen und uns unterhalten.Die neben mir sa, hat mich ein paarMal angestoen und gesagt: Dahinten sitzt die Fhrerin. Das war also die Fhrerin, und zwar eine ganzbekannte, Jutta Sowieso, die spter eingroes Tier geworden ist. Wir habenuns unterhalten und ich habe gesagt:Ich mache alles gerne, aber nicht die Waschkche. Ich habe sechs Wochen Waschkche gekriegt.Und das war wirklich schlimm. Wir waren etwa 56 Mdchen und es musste alles von Hand gewaschen werden.Da war nur eine kleine Htte mit groen Becken, aber nur mit kaltem Wasser. Es gab nur einen einzigen Waschkesselmit Feuer drunter. Die ganze Bettwsche und alles musste da drin gekocht wer-den, und dann hatten wir diese Wasch-bretter. Da stand man dann und mit kaltem Wasser wurde alles geschrubbt.Und es wurde fr alle die Privatwsche gewaschen, und fr alle die Bettwsche,Handtcher und alles, was gewaschen werden musste. Rund um das Lager war ein hoher Zaun mit einem abgeschlossenen Torund ein Gitter. [...] Wir waren [...] in einem groen Schlaf-raum mit ehemaligen Wehrmachtsbetten.Wir waren zwischen zwlf und sech-zehn Mdchen. Statt Matratzen hatten wir Strohscke und eine Wolldecke und ein kleines Kissen, und das musste alles exakt gelegt werden. Darauf wurde gegucktund ein Theater gemacht! Ein Tisch undein kleiner Hocker mit drei Beinen [...],sonst war in dem ganzen Raum nichts.Drauen im Gang standen Kommodenfr die Wsche. Sie wurden von Back-steinen gesttzt und wackelten und wennman eine Schublade zumachte, fiel die ganze Kommode nach hinten um. Wir hatten Waschschsseln, und das wars. Irgendeinen Rckzug, Privatleben gab es nicht, [...].Es ging uns allen gleich, da entstand eine Art Gemeinschaft. [...]Wir kriegten natrlich genau dasselbe Kommissbrot wie die Mnner. Dieses Brot schmeckt an und fr sich sehr gutund ist wunderbar, wenn es frisch ist. Wenn es aber ein paar Tage gelegen hat,ist es frchterlich hart, dann ist es abscheulich. Wenn der neue Schub kam, musste er nach hinten hingelegtwerden und dieses vertrocknete Zeug von hinten musste nach vorne geschoben werden. Dazu gab es eine wunderbareErdbeermarmelade aus groen Eimern.In diese Marmelade musste aber ein Eimer Wasser gekippt werden, damit sie nicht zu dick war und diese Wassersoe wurde dann auf das trockene Brot ge-schmiert. Davon aen alle wenig. [...]Es gab Wasserklosetts, aber alles lief in eine riesengroe Zisterne, und die musste alle paar Wochen entleert werden.Dann kriegten wir einen Eimer in die Hand,und eine lange Kette wurde gebildet.Die Hauptfhrerin stand oben und hatte an einer langen Holzstange vorne einen Eimer dran, und dann wurde es umge-schttet bis in die letzte Gegend, und so haben wir unseren ganzen groen Gar-ten gedngt. Das war eine duftige Sache!Wenn man jung ist, macht man das gerne, dass man anderen Menschen hilft. Aber das Drumherum? Das Unn-tige, dieses absolut unntige Drumherum,dieses Menschenverachtende. Man musste gedmpft und gedrckt werden.[...] Viele waren auch begeistert.Viele hatten es zu Hause sehr schlecht. Ich kannte ein paar Mdchen, die sagten:Ich habe es zu Hause so schlecht, hier ist es besser. Hier habe ich zum ersten Mal richtig Ordnung mit dem Essen, ich werde nicht geschlagen, und die Leute sind nett. Das alles hat sehr dazu beige-tragen, dass keiner gesagt htte, daswar furchtbar. Und so war man vorge-prgt. Da konnten sie wirklich alles mit einem machen. Da hat man nachher alles andere wunderbar gefunden. [...] Elisabeth Cosmann, geboren 1918 im Hessischen, in: Claudia Seifert, Das Leben war bescheiden schn, dtv, Mnchen 2008, S. 139 . 62 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Gefhlte Gleichheit Das NS-Regime unternahm viel, um die Einheit und Solidari-tt der Volksgemeinschaft zu inszenieren. Schon im Winter1933/34 organisierte die NSV das erste Winterhilfswerk unterdem Motto Ein Volk hilft sich selbst mit einem spektakulrenErfolg: ber 358 Millionen Reichsmark wurden reichsweit ge-sammelt. Mit Eintopfsonntagen, an denen sich auch die NS-Spitze selbst propagandistisch ins Bild setzte, sollte das einge-sparte Geld dem Winterhilfswerk gespendet werden; Beamtenwurde fr das Sammeln von Spenden Urlaub gewhrt; bei denArbeitern und Angestellten wurde eine alljhrliche Spende frdas Winterhilfswerk in Hhe von zehn Prozent der Lohnsteuer gleich mit der Steuer eingezogen. Aber auch die Firmen selbstwaren aufgefordert, sich mit greren Betrgen an der Samm-lung zu beteiligen. ber eine Million Helfer zogen mit Sammel-bchsen durch die Straen und von Haustr zu Haustr; wer spendete, erhielt ein Abzeichen. 1934/35 wurden ber 31 Millio-nen solcher Winterhilfswerk-Abzeichen produziert, 1938/39 wa-ren es nahezu 170 Millionen. Im September 1939 gehrten der NSDAP ber 5,3 MillionenMitglieder an, mit weiteren knapp zwlf Millionen Angehrigenin den Parteigliederungen wie SA, SS, HJ u. a.. Rechnet man nochdie angeschlossenen und betreuten Verbnde wie DeutscheArbeitsfront, Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, Deutsches Frauenwerk und andere hinzu, so waren insgesamt (Mehrfach-mitgliedschaften unbercksichtigt) rund 68 Millionen Mitglie-der in der nationalsozialistischen Organisationswelt integriert,also etwa zwei Drittel der deutschen Bevlkerung. 1937 war dieZahl der Politischen Leiter der NSDAP auf rund 700 000 angestie-gen, im Krieg lag die Zahl des Fhrungskorps der Partei bei zweiMillionen. Kreis- und Ortsgruppenleiter, Block- und Zellenwartewaren zugleich Teil des Netzes sozialer Kontrolle durch die NSDAPund auch Teilhaber der Macht. Diese Amtstrger konnten aufdas Leben ihrer Mitmenschen nachhaltig einwirken, von ihrenBerichten hingen das berufliche Weiterkommen und womglichsogar Leib und Leben ab. Partizipation an der Macht bedeutetezugleich die Erfllung der nationalsozialistischen Politik.Die Sozialutopie des Nationalsozialismus war keine oeneoder gar wohlfahrtsstaatliche Gesellschaft, sondern blieb stetsrassistisch und antisemitisch bestimmt. Ohne Zweifel verlieh die Verbreitung des Gefhls sozialer Gleichheit, so der His-toriker Norbert Frei, dem Nationalsozialismus eine groe At-traktivitt und ein hohes Ma an Mobilisierungsbereitschaft.Die angestrebte Volksgemeinschaft umfasste allerdings eineunmissverstndlich erb- wie rassenbiologisch definierte Men-schengruppe. Das nationalsozialistische Ziel bestand nicht ineiner universell-egalitren Gesellschaft, in der alle Menschengleich sind, sondern richtete sich stets auf die Leistungssteige-rung einer rassistischen Volksgemeinschaft. 63Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Volksgemeinschaft 63 Volksgemeinschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Der soziale Alltag der Ausgrenzung [] Man bersieht bei der Betrachtungdes nationalsozialistischen Systemshufig, dass dieses zwar ein Unrechts-und Willkrsystem gewesen ist, dass die Willkr und das Unrecht aber fast ausschlielich die Nicht-Zugehrigentrafen, whrend die Mitglieder der Volksgemeinschaft nach wie vor inweiten Bereichen sowohl Rechtssi-cherheit als auch staatliche Frsorge genossen.So zeigt eine retrospektive Befragungmit 3000 Personen, die in den 1990er Jahren durchgefhrt wurde, dass nahe-zu drei Viertel der vor 1928 gebore-nen Befragten niemanden kannten, deraus politischen Grnden mit derStaatsgewalt in Konflikt geraten unddeshalb verhaftet oder verhrt worden war. Noch mehr Befragte gaben an,sich selbst niemals bedroht gefhlt zuhaben, und das, obwohl in dersel-ben Befragung zu hohen Anteilen ange-geben wird, dass man illegale Radio-sender gehrt oder Witze ber Hitlerund kritische uerungen ber die Nazis gemacht habe. Ein hchst bemer-kenswertes Ergebnis dieser Studieliegt darin, dass sich im Nachhinein je-weils zwischen einem Drittel und mehr als der Hlfte der Befragten dazubekennen, an den Nationalsozialis-mus geglaubt, Hitler bewundert undnationalsozialistische Ideale geteilt zu haben. Ein hnliches Bild zeichnet eine Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 1985. Die Befragten, die 1945 mindestens 15 Jahre alt gewesen sein mussten,bekennen zu 58 Prozent, an den Natio-nalsozialismus geglaubt zu haben,50 Prozent sahen ihre Ideale in ihm ver-krpert, und 41 Prozent bewunderten den Fhrer. Dabei zeigte sich auch, dass die Zustimmung zum NS-System mit dem Niveau des Bildungsabschlussessteigt was dem gngigen Vorurteilzuwiderluft, dass Bildung vor gegen-menschlichen Einstellungen schtzt.Mit steigender formaler Bildung stiegauch die Zustimmung zu HitlersWelt []. Ein Viertel der Befragten be-tonen noch ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Dritten Reiches das Gemeinschaftsgefhl, das damalsgeherrscht habe.[]Das verbreitete Gefhl, nichtbedroht zu sein und keinerlei Repressi-on zu unterliegen, beruhte auf einemstarken Gefhl der Zugehrigkeit, deren Spiegelbild die tglich demonstrierteNicht-Zugehrigkeit von anderen Gruppen, insbesondere von Juden, war.Unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 setzte eine ungeheuer beschleu-nigte Praxis der Ausgrenzung derJuden ein, und zwar ohne relevanten Widerstand der Mehrheitsbevlkerung obwohl mancher vielleicht ber den SA- und Nazipbel die Nase rmpfteoder die einsetzende Kaskade der antijdischen Manahmen als unfein,ungehrig, bertrieben oder einfach als inhuman empfand. []Whrend es den einen zunehmend schlechter ging, fhlten sich die anderen immer besser. Das nationalsozia-listische Projekt bot ja nicht nur eineglanzvoll ausgemalte Zukunft, son-dern auch ganz handfeste Gegenwarts-vorteile wie zum Beispiel exzellente Karrierechancen. Der Nationalsozialis-mus hatte eine extrem junge Fh-rungselite, und nicht wenige gerade derjngeren Volksgenossinnen und-genossen konnten groe persnlicheHonungen mit dem Siegeszug derarischen Rasse verbinden. Vor diesem Hintergrund ist die enorme Freiset-zung von individueller und kollektiverEnergie zu verstehen, die diese Ge-sellschaft kennzeichnete. [...]Ausgrenzung, Verfolgung und Be-raubung der Anderen wurden kate-gorial nicht als solche erlebt, weil diese Anderen per definitionem gar nichtmehr dazugehrten und ihre antisozialeBehandlung den Binnenbereich der Moralitt und Sozialitt der Volksge-meinschaft nicht mehr berhrte. Ein besonders betrbliches Kapitel indiesem Zusammenhang bilden dieso genannten Arisierungen jdischerGeschfte und Unternehmen sowie die entlichen Versteigerungen vonWert- und Einrichtungsgegenstndenaus jdischem Besitz. Whrendinsgesamt etwa 100 000 Betriebe imZuge der Arisierung ihre Besitzerwechselten, lsst sich die Beteiligungan den Versteigerungen kaum nochquantifizieren, aber anhand vonBeispielen wenigstens dimensionieren.In Hamburg etwa wurden 1941 dieLadungen von 2 699 Gterwagen und45 Schien mit Judengut verstei-gert; 100 000 Hamburger ersteigertenMbel, Kleidungsstcke, Radios undLampen, die aus etwa 30 000 jdischenFamilien stammten. Hinzu kamen der vieltausendfache Besitzerwechsel von Immobilien, Autos und Kunst-gegenstnden. Gelegentlich wurden die Behrden mit der Bitte nach beson-ders begehrten Gtern bedrngt,noch bevor ihre rechtmigen Besitzerabtransportiert worden waren, und es werden Flle geschildert, wo beinoch nicht deportierten Juden geklin-gelt wurde, damit man schon inAugenschein nehmen konnte, was manauf der bereits angesetzten Verstei-gerung erwerben knne.Auch hier fallen Wissen und soziale Praxis in eins, und es wird ein Hand-lungszusammenhang sichtbar, in demdas vernderte Normengefge nichtvon oben nach unten durchgesetzt wird,sondern in dem auf praktische und sich verschrfende Weise das Verhltnis zwischen den Menschen entsolidarisiert wird und eine neue soziale Norma-litt etabliert wird. In dieser Normali-tt mag es zwar ein Durchschnitts-volksgenosse noch 1941 fr undenkbarhalten, dass Juden umstandslos gettet werden, aber nichts Bemerkens-wertes darin sehen, dass Ortsschilder verknden, der entsprechende Ortsei judenfrei, dass Parkbnke nichtvon Juden benutzt werden drfen und auch nicht mehr darin, dass die jdischen Brger entrechtet undberaubt werden. Harald Welzer, Die Deutschen und ihr Drittes Reich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 14-15/2007 vom 2. April 2007, S. 23 . www.bpb.de/apuz/30543/die-deutschen-und-ihr-drittes-reich 64 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Michael Wildt Verfolgung Unmittelbar nach der Machteroberung 1933 beginnt die Verfolgung von politischen Gegnern, Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Asozialen und Erbkranken. Insbesondere das Vorgehen gegen die Juden radikalisiert sich und findet einen vorlufigen Gipfelpunkt im Pogrom des 9. November 1938. Brutaler Vandalismus vor den Augen aller: das geplnderte und zerstrte jdische Gemeindehaus in Kassel am 10. September 1938 thber / Carl Ebpk In der ersten Phase des NS-Regimes richtete sich der Ter-ror vor allem gegen den politischen Gegner, in erster Linie Kommunisten und Sozialdemokraten. Zu Tausenden wurden Oppositionelle von lokalen SA-Gruppen in wilden Konzen- trationslagern interniert und misshandelt. Hier beglichen die neuen Machthaber manche alte Rechnung aus den Zeiten des Straenkampfes und lieen ihren jahrelangen Ressentiments gegen die Roten freien Lauf.In Berlin-Kpenick zum Beispiel war im Juni 1933 ein SA-Kommando auf den Widerstand eines jungen Sozialdemokra-ten gestoen, der drei SA-Mnner erschoss. Darauf plante die SA eine systematische Gewaltaktion gegen SPD-Anhnger in diesem Stadtteil. Sie nahm ber 500 Mnner des Viertels fest und folterte sie so brutal, dass 91 von ihnen starben. Zum Teil wurden die Leichen Tage spter aus umliegenden Gewssern gefischt. Diese Phase revolutionrer Willkr musste jedoch an ihre Grenzen stoen, denn die NS-Fhrung wollte in jedem Fall das Gewaltmonopol fest und zentral in der Hand behalten. Die beiden entscheidenden Herrschaftsinstrumente zur Verfol-gung der Gegner bildeten die politische Polizei und die Kon-zentrationslager. In der SA-Kaserne auf der Berliner Friedrichstrae werden verhaftete Regimegegner drangsaliert. bpk 65 Verfolgung Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Polizei In Preuen war die politische Polizei zwar aus der sonstigen Po-lizeiverwaltung ausgegliedert und faktisch einer verwaltungs-rechtlichen Kontrolle entzogen, blieb aber als Oberste Landes-behrde unmittelbar dem Ministerprsidenten unterstellt unddamit Teil der preuischen Verwaltung. hnliche Plne wurdenfr die Leitung der Konzentrationslager entworfen. Nachdemdie wilden SA-Lager aufgelst und die Hftlinge in Konzentra-tionslager unter staatlicher Aufsicht zusammengefasst wurden,sollte ein ziviler Direktor an der Spitze der Konzentrationslagerdirekt dem preuischen Innenministerium unterstehen.In Bayern dagegen gerieten politische Polizei und Konzen-trationslager von vornherein unter eine einheitliche Leitung.Heinrich Himmler, der nach dem Januar 1933 zunchst mit dem Posten des Polizeiprsidenten in Mnchen eher abgespeist wor-den war, erhielt Mitte Mrz 1933 die Fhrung ber die gesamtepolitische Polizei Bayerns. Damit waren die Funktionen als Chefder SS und als Fhrer der Politischen Polizei Bayerns in seiner Person vereinigt. Und Himmler erreichte, dass ihm das Konzen-trationslager Dachau unterstellt wurde. In Bayern entstand eineVerbindung aus SS, Politischer Polizei und Konzentrationslager,das sich als das siegreiche Modell im Machtkampf innerhalb derNS-Fhrung, wer die Kontrolle ber die Polizei erhalten solle, he-rausstellte. Himmler verfgte mit der SS ber eine als diszipliniert gel-tende Truppe, die sich einerseits von der in ihrem revolution-ren Elan unberechenbaren SA abhob, andererseits gegenber konservativen oder deutschnationalen Kandidaten fr die Po-lizeifhrung die Gewhr einwandfreier nationalsozialistischer Gesinnung und Hrte gegenber den politischen Gegnern bot.Zugleich bedeutete gerade die Verbindung von politischer Poli-zei, Konzentrationslagern und deren Wachmannschaften ein un-eingeschrnktes Feld des Terrors.Mit Hitlers Untersttzung gelang es Himmler in den kommen-den Monaten, von Bayern aus die Fhrung der politischen Poli-zeien in den brigen Lndern und damit auch die Verfgungsge-walt ber die Konzentrationslager in seine Hand zu bekommen.Im April 1933 wurde Himmler zum Inspekteur der preuischenGestapo ernannt und kontrollierte damit auch die politische Po-lizei des grten Landes des Deutschen Reiches. Er und Heydrichwechselten nun ihre Machtzentrale von Mnchen nach Berlin. Schon in dieser frhen Phase richtete sich die nationalso-zialistische Verfolgung nicht allein gegen politische Oppo-sitionelle, sondern auch gegen Gemeinschaftsfremde und Asoziale. Im September 1933 waren reichsweit Tausende von Landstreichern und Bettlern zeitweise verhaftet worden eine Aktion, mit der das neue Regime entlich unter Beweis stel-len wollte, dass es Ordnung schae. In Berlin gab es zu dieser Bettlerrazzia sogar eine Radioreportage vor Ort, ebenso wie Zeitungen entlich ber die Internierung von politischen Oppositionellen in Konzentrationslagern berichteten. Rassische Generalprvention Im Fokus der nationalsozialistischen Verfolgung standen frHitler und Himmler nicht mehr blo die Ausschaltung der po-litischen Opposition als vielmehr eine allumfassende rassischeGeneralprvention, so der Historiker Ulrich Herbert, durch SSund Polizei. Die nationalsozialistische Idee, die heute das deut-sche Volk und das Reich beherrscht, sieht im Volk, nicht im Ein-zelmenschen, die wirkliche Erscheinungsform des Menschen-tums, fhrte Heinrich Himmler 1937 in einem grundstzlichenAufsatz ber Aufgaben und Aufbau der Polizei im Nationalsozia-lismus aus. Die Polizei hat das deutsche Volk als organischesGesamtwesen, seine Lebenskraft und seine Einrichtungen ge-gen Zerstrungen und Zersetzung zu sichern. Die Befugnisseeiner Polizei, der diese Aufgaben gestellt sind, knnen nicht ein-schrnkend ausgelegt werden.Ein entscheidender Schritt zum Aufbau einer solchen rassis-tischen Polizei war Hitlers Entscheidung, Himmler im Juni 1936zum Chef der gesamten deutschen Polizei zu ernennen und da-mit die Polizei aus der bisherigen Struktur der inneren Verwal-tung herauszulsen. Bezeichnenderweise setzte sich Himmlererfolgreich gegen die Absicht des Innenministeriums zur Wehr,seine Ernennung unter Berufung in das Beamtenverhltnisvorzunehmen. Seine neue Funktion verstand der Reichsfhrer SS keineswegs als Staatsdienst im herkmmlichen Sinn, son-dern als Aufgabe einer knftigen rassistischen staatlichen Ord-nung. Sogleich strukturierte er den Polizeiapparat um, fassteKriminalpolizei und Geheime Staatspolizei in einem HauptamtSicherheitspolizei zusammen, das von Reinhard Heydrich gelei-tet wurde, und unterstellte die brige Polizei in einem Haupt-amt Ordnungspolizei dem altgedienten SS-ObergruppenfhrerKurt Daluege. SS-Chef Heinrich Himmler, dem die Konzentrationslager unterstelltwaren, whrend einer Besichtigung des KZ Dachau uer anz Baich Friedr Fraf: , Bild 152-11-12 / FotogrBundesarchiv66Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft 66 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 KZ Moringen 1933 aus zwei verschiedenen Blickwinkeln August Baumgarte aus Hannover und Karl Ebeling aus Lauenstein am Ithberichten: Im Mrz wurden wir als Schutzhftlingenach Moringen berfhrt und in dassogenannte Arbeitshaus eingesperrt. Inzwei groen Slen lagen 280 Kommu-nisten, 30 Sozialdemokraten und 20 Mit-glieder anderer Parteien. Am 2. Mai wurdeeine Amnestie erlassen. Etwa 100 Hft-linge durften nach Hause. Nach undnach wurden neue eingeliefert. Zuerstdurften wir in Arbeitskolonnen als Freiwillige Wege und Straen bauen unter Bewachung von SA-Leuten.Dann wollte man uns zur Arbeit zwingen.Wir forderten tarifliche Bezahlung. Wirhatten abgesprochen, alles gemeinsamzu tun. Die SA versuchte, uns gegen-einander auszuspielen. Doch wir hieltenzusammen. Das machte unsere Be-wacher wild. Sie fingen an zu schlagen.Willkrlich holten sie einzelne von uns heraus und prgelten sie im Bunker.Darauf verweigerten wir alle das Essen.[...] Am zweiten Tag des Hungerstreiksdrehte man uns das Wasser ab. Es war ein heier Sommer. Wir hatten frchter-lichen Durst. Bald hatten die sanitren Anlagen kein Wasser mehr! Am drittenTag machten die ersten schlapp. Am vierten Tag waren viele vllig apathisch.Da holte sich die SA Polizeikomman-dos aus Hannover zur Verstrkung. Unter rztlicher Anleitung versuchte man,uns zwangsweise zu fttern.Wir lebten noch immer in den Vorstel-lungen der Weimarer Demokratie von Recht und Ordnung. Wir blieben standhaft.Schlielich gab man die Ftterungs-aktion auf. Nach fnf Tagen erschien eine staatliche Kommission, der wir unsere Forderungen nach anstndiger Behand-lung, vernnftigem Essen und tariflicher Bezahlung vortrugen. Sie akzeptierten und lieen uns vier Wochen in Ruhe. Inzwischen bauten die Faschisten ihre Macht in Deutschland aus. Nach vier Wochen wurde unsere Wachmann-schaft abgelst. Jetzt kam die SS!Was sich nun abspielte, ist unbeschreiblich.Jeden Tag wurden mehrere Razziendurchgefhrt. Jeder, der den SS-Banditen nicht pate, wurde im Bunker durch-geprgelt. [...] Derartige Exzesse warenan der Tagesordnung. Das ging vier Wochen lang. Dann wurden wir aufge-teilt. Ein Teil von uns kam nach Esterwegen, der andere nach Oranien-burg. (Baumgarte)Die Brutalitt fing an, als die Polizei von der SS abgelst und SS-Sturmfhrer Kordes Kommandant wurde. Er richtete einen Raum ein, den sie Freudenzimmer nannten. So mancher hat dieses Freu-denzimmer kennengelernt. Ich denke be-sonders an den sozialdemokratischen Polizeirat Buchholz aus Hannover, der mein Tischnachbar war. Drei Tagehaben wir ihn nicht gesehen. Als er wiederraus kam, sah er furchtbar aus. [...] NS-Presse ber KZ Moringen Juni 33Ein Besuch im Provinzial-Werkhaus in Moringen Vor einigen Tagen hatte ein Mitglied un-serer Schriftleitung anllich einerBesichtigung des Werkhauses in Moringendurch die Staatsanwaltschaft Gelegen-heit, an dem Besuche teilzunehmen. Das Werkhaus Moringen ist das Ar-beits- und Korrektionshaus der Provinz Hannover. Es untersteht direkt dem Landesdirektorium Hannover. Die Leitungliegt in den Hnden von DirektorKrack. Im Arbeitshaus werden Arbeitsun-willige untergebracht, z.B. Landstreicher und Bettler, und solche, die sich der Unterhaltspflicht gegen ihre Familie ent-ziehen. Zur Zeit sind auer den Arbeits-huslern auch politische Schutzhftlinge,insbesondere Kommunisten, sowie alle, die eine Gefahr fr die entliche Sicherheit bilden, in die Anstalt ge-bracht. Das Werkhaus ist jetzt belegt von etwa 70 bis 80 Arbeitshuslern und etwa 300 politischen Schutzhftlingen, da-runter befinden sich eine groe AnzahlClausthaler Kommunisten. Auch die KPD.-Gttingen ist mit einigen ihrerPrachtexemplare vertreten. [...]Im Hauptgebude, das an der Haupt-strae liegt, sind in einem Flgel dieweiblichen Insassen untergebracht, die politischen Schutzhftlinge sind von den eigentlichen Werkhuslern getrennt.In einem anderen Flgel befindensich die Bekleidungskammern. ber einen langen Gang hinweg Lazarett,Operationszimmer und Arztzimmer. Die sanitren Rume sind hell und weit. Wir steigen die Treppe hinunter und tre-ten in den groen Hof. Die Schutzhft-linge machen gerade ihren Spaziergang.Vor den Gebuden stehen Wachen der SA.- und SS.-Hilfspolizei. Der Hof ist umschlossen von hohen Gebuden, die wiederum von einem tiefen Wasser-graben umgeben sind. Auf dem Hofe sind Turngerte aufgebaut, an denensich die Gefangenen bettigen kn-nen. Gleich rechts liegt der groe Biblio-theksraum, in dem eine reichhaltige Bcherei untergebracht ist. [...]Im Erdgescho der Wohnrume der Arbeitshuser sind ausgedehnte Werk-sttten, in denen sich die Gefangenen nach ihrer beruflichen Ausbildung bet-tigen knnen. [...][E]ine Schlosserei, eine Wagnerei, eine Schneiderei und eine Schusterei [sind] eingerichtet. Die Erzeugnisse werden nur fr den internen Betrieb der Anstalt hergestellt. In den ueren Handel kom-men nur Mattengeflechte und Fisch- und Weidenkrbe, also ausgesprochene Anstaltsarbeiten. Gegenber liegen die Kche und die Baderume. Der Speisezettel wirdjedesmal fr einen Monat festgelegtund in jedem Raume ausgehngt.Die Badeeinrichtung bietet jedem Insas-sen Gelegenheit, morgens ein Brause-bad zu nehmen. Die politischen Schutz-hftlinge sind in einem besonderen Gebude untergebracht. Vor den Gebu-den stehen Wachen von hannover-schen Schutzpolizisten, die unter demKommando eines Schutzpolizeihaupt-manns stehen, der die militrische Befehlsgewalt in der Anstalt ausbt.Groe lichte Tagesrume bieten den Hftlingen Aufenthalt fr den Tag. Die weiten Schlafrume sind hell und gut durchgelftet.In einem besonders abgeschlossenenFlgel sind Zellen fr Einzelhaft einge-richtet, die fr widerspenstige Hftlinge zur Verfgung gehalten werden.[...]Die Stimmung unter den Hftlingenvermittelte uns nach Schlu der Be-sichtigung eine Gruppe von politischen Schutzhftlingen, die von der Arbeit auf dem Felde kamen. Frische und krftigeGestalten. Fast alle hatten sich mit Blumen geschmckt oder trugen Strue in der Hand. Sie marschierten singend,in Gruppenkolonne, unter der Fhrungeines Polizeiwachtmeisters durch die Straen. Man hatte den Eindruck, da in das Leben dieser Mnner, die frher nur den Klassenha kannten, ein neuer Rhythmus getreten ist. Vielleicht haben sie alle erst jetzt gelernt, da Zucht undOrdnung die Grundlagen des Staates sein mssen, wenn er bestehen will. In: Thomas Berger (Hg.), Lebenssituationen unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, fr Niederschsische Landeszentrale fr politische Bildung, Hannover 1981, S. 37 . 6767 VVererfofollgunggung Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Errichtung der Konzentrationslager Zur selben Zeit lie Himmler alle bisherigen kleinen Schutz-haftlager auflsen und neben Dachau, das erheblich erwei-tert wurde, zwei neue, groe Konzentrationslager in Sach-senhausen bei Berlin sowie in Buchenwald nahe Weimar errichten. 1938 kamen die Konzentrationslager Flossenbrg,Neuengamme und Mauthausen (nach dem Anschluss ster-reichs) sowie das Frauenkonzentrationslager Ravensbrck hinzu. Alle Lager wurden von eigenen SS-Wachverbnden,seit Mrz 1936 oziell SS-Totenkopfverbnde genannt, be-wacht und die Lagerorganisation vereinheitlicht. Whrendim KZ Dachau nach wie vor vornehmlich politische Hftlingeinterniert wurden, fllten sich die neuen Konzentrationsla-ger mit Menschen, die nicht mehr wegen ihrer politischenGesinnung, sondern nach rassenbiologischen Kriterien aus-gewhlt worden waren. Verfolgung von Asozialen und Homosexuellen Der Begri der Asozialitt wurde zu einer zentralen Katego-rie der Verfolgung, und kriminalbiologische Vorgaben bildeten die Grundlage einer vorbeugenden Verbrechensbekmpfungdurch die Polizei. Im Mrz 1937 verhaftete die Kriminalpoli-zei nach vorbereiteten Listen etwa 2000 Berufs-", Gewohn-heits-" und Sittlichkeitsverbrecher und verschleppte sie nach Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald, um sie dort fr den Ausbau der Lager einzusetzen.Unter den Verhafteten befanden sich vermutlich auch viele Homosexuelle,nachdem 1935 bereits der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches verschrft worden war, was zu einem drastischen Anstieg von Strafurteilen und der KZ-Internierung von tausenden Homosexuellen gefhrt hatte. Im Oktober 1936 war auerdem eine zentrale Stelle im Reichskriminalpolizeiamt zur Bekmpfung der Homosexua-litt und der Abtreibung eingerichtet worden. Noch kurz vor der Verhaftungsaktion hatte Himmler in einer Rede vor SS-Gruppenfhrern im Februar 1937 den Kampf gegen die mnnliche Homosexualitt besonders hervorgehoben, weil diese Mnner in Himmlers rassistischer Weltsicht fr die Fort-pflanzung des Volkes ausfielen.Im Januar 1938 erteilte Himmler den Gestapostellen im Reich und dann auch in sterreich, das im Mrz angegliedert worden war, den Befehl, sogenannte Arbeitsscheue zu verhaften und im KZ Buchenwald zu internieren. Diese Aktion, die etwa 1500 Menschen ins Konzentrationslager brachte, war aber nur der Auftakt fr eine grere Verhaftungswelle im Juni 1938. Die-ses Mal erhielt jeder Leitstellenbezirk der Kriminalpolizei eine feste Quote, mindestens 200 arbeitsfhige asoziale Mnner zu verhaften. Zustzlich sollten alle mnnlichen Juden inter-niert werden, die jemals zu einer Haftstrafe von mindestens einem Monat verurteilt worden waren, was mittlerweile bei den geringsten Delikten mglich war. Die Polizei erfllte das Soll um ein Dreifaches; insgesamt wurden rund 10 000 Mn-ner verhaftet und nach Buchenwald und Sachsenhausen ge-bracht. Der Zweck der Internierung lag darin, die Hftlinge als Arbeitskrfte fr den Ausbau der Lager und fr die SS-eigenenBetriebe, insbesondere zur Herstellung von Ziegeln fr die Baubranche, auszunutzen; zugleich sollten die Asozialen aus dem deutschen Volkskrper ausgesondert werden. 1936 wurde das KZ Sachsenhausen als Schutzhaftlager errichtet. Durch das Instrument Schutzhaft konnte sich nach der Reichtagsbrandverord-nung die Willkr des Regimes frei entfalten. , Bild 183-78612-0002 Bundesarchiv 68 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Whrend der NS-Zeit fhrender Zigeunerforscher, nach 1945 Obermedi-zinalrat der Stadt Frankfurt: Robert Ritter (r.) bei einer erzwungenenBlutabnahme Ende der 1930er-Jahre , R 165 Bild-244-70 BundesarchivVerfolgung von Roma und Sinti Auch Roma und Sinti wurden als Asoziale verfolgt. Schon in der Kaiserzeit wie in der Weimarer Republik hatten lokaleBehrden Roma und Sinti schikaniert. Nun systematisierte das NS-Regime die Verfolgung. 1936 begannen mehrere Gro-stdte, Lager fr Roma und Sinti zu errichten, und internierten Hunderte unter hygienisch elenden Bedingungen. Ein eigenes Referat widmete sich im Reichskriminalpolizeiamt der Verfol-gung der Zigeunerplage. Im Dezember 1938 befahl Himm-ler die rassenbiologische Erfassung smtlicher Zigeuner in Deutschland. Danach erhielten sie, je nachdem, ob sie als rein-rassige Zigeuner,Zigeunermischlinge oder nicht-sehafte Zigeuner eingestuft wurden, unterschiedliche Ausweise,ohne die es ihnen nicht mglich war, Arbeit zu bekommen. Zu-dem wurde ihnen jedwede Mobilitt verboten, vielmehr sollte die Polizei sie festsetzen. Unter den internierten, asozialen KZ-Hftlingen befanden sich zahlreiche Roma und Sinti. Hftlingszahlen Die Zahl der KZ-Hftlinge stieg aufgrund der Verhaftungs-aktionen innerhalb von zwei Jahren um das Fnache: von ber 4700 im November 1936 auf etwa 24 000 Anfang Novem-ber 1938. Wenige Tage spter kamen infolge der Verhaftungs-welle jdischer Mnner nach dem Novemberpogrom fr meh-rere Wochen etwa 36 000 neue Hftlinge hinzu, so dass die Zahl der Hftlinge kurzzeitig auf fast 60 000 anwuchs mit all den katastrophalen Folgen fr die Unterkunft, Verpflegung und hygienischen Bedingungen in den Lagern, die auf solche Belegungszahlen nicht eingerichtet waren. Bis zum Jahresen-de wurde zwar ein Groteil der jdischen Hftlinge wieder entlassen, sobald sie der Enteignung ihres Vermgens und der sofortigen Ausreise zugestimmt hatten. Bis zum Kriegsbe-ginn wuchs aber die Zahl der Hftlinge wieder auf ber 21 000 an und stieg dann immens whrend des Krieges. Zwangssterilisation Auch mit der Politik, ein erbbiologisch gesundes Volk herzu-stellen, zgerte die Hitler-Regierung nicht lange. Wenige Mo-nate nach der Machtbernahme, am 14. Juli 1933, erlie sie das Gesetz zur Verhtung erbkranken Nachwuchses, mit dem erstmals in Deutschland die Zwangssterilisation aus erbbiolo-gischen Grnden erlaubt wurde, die ausdrcklich auch gegen den Willen der Patienten angewandt werden konnte.Forderungen nach Einfhrung erbbiologischer Personalb-gen, nach einem Eheverbot fr Asoziale bis hin zur Wegsper-rung von Epileptikern, psychisch Kranken und Kriminellen aus rassenbiologischen Grnden, wie sie unter anderen selbst der Verfasser des gesundheitspolitischen Programms der SPD,Alfred Grotjahn, vertrat, und Sterilisation Minderwertiger waren bereits in der eugenischen Diskussion der Weimarer Republik gang und gbe gewesen. 1920 verentlichten der Strafrechtler Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche eine einflussreiche Broschre mit dem Titel Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, in der die jdisch-christ-liche Achtung vor der Unantastbarkeit des Lebens mit Hinwei-sen auf antike Gesellschaften wie Sparta angegrien wurde.Zwar blieb die Ttung angeblich lebensunwerten Lebens unter den Eugenikern umstritten, aber die Debatte verlagerte sich zunehmend in Richtung auf Zwangsmanahmen.Im November 1932 drngten die rztevertretungen auf ein Sterilisationsgesetz, nicht nur um damit einer Verschlechte-rung des deutschen Erbgutes vorzubeugen, sondern auch um die entlichen Krankenkassen zu entlasten. Nach der Macht-bernahme nahm der Druck auf die Ministerialbrokratie zu, und als im Mai 1933 auerdem der Nationalsozialist Arthur Gtt zum Medizinalreferent im Reichsinnenministerium er-nannt worden war, kam das entsprechende Gesetz zur Verh-tung erbkranken Nachwuchses ins Kabinett. Menschenleben als Kostenfaktor: Dia aus der Bildserie Blut und Boden, das zu Schulungszwecken im Rahmen der Verhinderung erbkrankenNachwuchses diente. bpk 69 Verfolgung Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Dass Leben wert und unwert sei, sollte von klein auf verinnerlicht werden. Rassenkunde-Unterricht fr BDM-Mdchen in Hamburg / Germin bpk Wer erbkrank ist, so lautete der Paragraph 1, kann durchchirurgischen Eingri unfruchtbar gemacht (sterilisiert)werden, wenn nach den Erfahrungen der rztlichen Wis-senschaft mit groer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist,da seine Nachkommen an schweren krperlichen odergeistigen Erbschden leiden werden. Noch nicht einmalein medizinischer Beweis war vonnten, sondern allein auf-grund von Erfahrungen oder groer Wahrscheinlichkeitkonnte ein Mensch gegen seinen Willen sterilisiert werden.Als Erbkrankheiten nannte das Gesetz explizit angebore-nen Schwachsinn, Schizophrenie, zirkulres (manisch-de-pressives) Irresein, erbliche Fallsucht, erblichen Veitstanz(Huntingtonsche Chorea), erbliche Blindheit, erbliche Taub-heit, schwere erbliche krperliche Mibildung und schwe-ren Alkoholismus. Eine groe entlichkeitskampagne in der Tages- undFachpresse begleitete die Einfhrung des Gesetzes. Immerwieder wurde die Beschaenheit der Erbverfassung unse-res Volkes beschworen, die aufgrund der unterschiedlichenGeburtenraten befrchten lasse, dass binnen drei Generatio-nen die wertvolle Schicht von der minderwertigen vlligberwuchert werden wrde. Sterilisation sei daher nicht nur notwendig, sondern geradezu eine Tat der Nchsten-liebe und Frsorge, das Sterilisationsgesetz eine wahrhaftsoziale Tat fr die betroenen erbkranken Familien und der Beginn eines neuen Zeitalters. In den Schulen wurden 1933die Fcher Rassenkunde und Vererbungslehre in den Unter-richt eingefhrt.ber die Sterilisation, die von rzten, Krankenhausleitun-gen und Wohlfahrtsmtern beantragt werden konnte, hatten neu eingerichtete, sogenannte Erbgesundheitsgerichte zu entscheiden, die aus einem Richter, einem beamteten Arzt und einem Arzt, der mit der "Erbgesundheitslehre besondersvertraut" ( 6) sein sollte, zusammengesetzt waren. Ohne dieMithilfe zahlreicher rzte in den Erbgesundheitsgerichtenhtte diese Massenverfolgung von kranken Menschen nichtgeschehen knnen. Nach NS-amtlichen Dokumenten wur-den aufgrund des Erbgesundheitsgesetzes bis zum Kriegs-beginn 1939 etwa 300 000 Menschen sterilisiert, wobei dieDunkelzier derjenigen, die auerhalb des Gesetzes ohne ih-ren Willen oder gar ihr Wissen sterilisiert wurden, noch hher liegen drfte. Allein in den ersten drei Jahren nach Erlass des Gesetzes fllten die Erbgesundheitsgerichte 224 338 Urteile und entschieden in 198 869 Fllen, also knapp 90 Prozent,auf Sterilisation. Verfolgung der Juden Antisemitismus bildete den Kern des Nationalsozialismus; die Juden sollten aus dem entlichen Leben und am besten gleich ganz aus Deutschland verdrngt, ihr Hab und Gut geraubt werden. Auf allen Ebenen, sowohl in den groenStdten wie auch in der Provinz, in den Drfern und kleinen Orten, war die Verfolgung der Juden als Rassenfeinde desdeutschen Volkes das zentrale politische Instrument, um die brgerliche Ordnung anzugreifen und die Volksgemein-schaft herzustellen. 37 000 jdische Deutsche verlieen 1933 nach Hitlers Machtbernahme ihre Heimat. Danach ging die Zahl aufber 20 000 jhrlich leicht zurck, stieg nach den NrnbergerGesetzen wieder an und erreichte 1938 mit 40 000 und 1939 mit 78 000 vertriebenen deutschen Juden (ohne sterreich) ihren Hhepunkt, bevor die Auswanderung vom NS-Regime1941 verboten wurde. Insgesamt konnten 270 000 deutscheJuden der nationalsozialistischen Verfolgung durch Emigra-tion entrinnen, davon 70 000 nach Palstina und gut 113 000 in die USA. Am 11. April 1933 bestimmte die Stadtverwaltung Kln,dass Rechnungen von jdischen rzten nicht mehr vergtet wrden; Ende April schloss der Deutsche Apotheker-Vereinnicht-arische Mitglieder aus, Ende Mai folgte entsprechenddie Deutsche Turnerschaft; im Mai entschied der Hartmann-Bund als Verband der privaten Krankenversicherungen, dass Rechnungen jdischer rzte nur noch anerkannt wrden,wenn die Patienten Nicht-Arier seien; im Juli beschloss der Reichsverband Deutscher Schriftsteller, dass nur Personen, die auf dem Boden der nationalen Erhebung stnden unddeutschbltig seien, Mitglieder sein knnten; an mehrerenOrten wurden bereits im Sommer 1933 Badeverbote fr Juden in den stdtischen Badeanstalten ausgesprochen. Das ist nureine kleine Auswahl der zahlreichen antisemitischen Bestim-mungen, die allerorten erlassen wurden (siehe S. 73).Insbesondere der Boykott jdischer Geschfte bot den na-tionalsozialistischen Aktivisten in der Provinz eine Politik-arena, in der sich sowohl scharfe antisemitische Grenzlinien ziehen als auch die nicht-jdischen Deutschen zur Volksge-meinschaft formieren lieen. Die Berichte aus den Landes-verbnden und Ortsgruppen des Centralvereins deutscherStaatsbrger jdischen Glaubens (C.V.) lassen erkennen, wiehartnckig und zunehmend gewaltttig gegen die jdischen 70 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Bewohner in der Provinz vorgegangen wurde, wobei anfng-lich die jdischen Kaufleute ebenso heftig wie ihre nicht-j-dischen Kunden Ziel der Kampagnen waren. Aus allen Teilendes Reiches meldeten die rtlichen C.V.-Gruppen Boykott-posten, Belstigungen und Behinderungen von Kunden, das nchtliche Einwerfen von Fensterscheiben und Bekleben oder Beschmieren der Schaufenster mit antisemitischen Parolen. Bald gingen die NSDAP-, SA- und HJ-Gruppen dazu ber,die Kunden beim Betreten der Geschfte zu fotografieren unddie Aufnahmen, hufig mit vollem Namen und Anschrift, inden groen und grellrot angestrichenen Ksten zu verent-lichen, in denen Julius Streichers antisemitisches Hetzblatt Der Strmer ausgehngt war.Diese Strmerksten wurden ab 1934/35 in allen Teilendes Reiches aufgestellt. Man kann sich unschwer ausmalen,wie stark der dadurch hervorgerufene soziale Druck gerade in kleineren Ortschaften war, in denen jeder jeden kannte.Der Geschftsfhrer des Landesverbandes Ostpreuen des C.V. berichtete im August 1935: Die Strmer-Ksten sindstets belagert. Die Inschriften und die Bilder ben auf das Pu-blikum eine starke Wirkung aus, sodass die alte Kundschaft vllig verngstigt sich nicht mehr in die Geschfte wagt. Diewenigen couragierten nicht-jdischen Kunden kamen, wenn berhaupt, nur noch in den Abendstunden. In Harpstedt bei Bremen verweigerten 1935 die christlichen Kaufleute ihrenjdischen Nachbarn den Einkauf von Lebensmitteln, weshalbsie in die Stadt fahren mussten, um Brot, Milch und die Din-ge des tglichen Lebens zu erwerben. hnliche Flle wurdenauch aus anderen Orten gemeldet.Neben den gewaltttigen Boykottaktionen nahmen im Sommer 1935 ebenso Kampagnen zur Anprangerung vonLiebesbeziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden als Sichtbare Zeichen des Judenhasses: Ein Schild in einer Ortschaft nahe Frth ... annich Hom othek / Heinrtsbibliische Staaerbpk / Bay und ein Strmerkasten in Worms. Ab 1934/35 standen im gesamten Gebiet des deutschen Reiches diese vonder SA betreuten Zeitungsksten. , Bild 133-075 BundesarchivInformationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 71 Verfolgung Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Rassenschande zu. Die Deutschland-Berichte der SPD er-whnen zahlreiche solcher Beschuldigungen, die stets mitaggressiven entlichen Angrien in Zeitungen und Flug-blttern oder mit Demonstrationen vor dem Haus des an-geblichen Tters einhergingen, insbesondere wenn es sichum die Beziehung eines jdischen Mannes zu einer nicht-jdischen Frau handelte. So holte die SA im ostfriesischenNorden am Montag, 22. Juli 1935, ein junges Paar aus ihren Wohnungen, um sie als Rasseschnder durch die Straender Kleinstadt zu treiben. Die Geschehnisse hielt der Drogistin Norden, selbst NSDAP- und SA-Mitglied, mit der Kamerafest und stellte die Fotos anschlieend im Schaufenster sei-nes Ladens aus: Eine groe Menge von Leuten begleitete denUmzug, der wie alle anderen in Deutschland am hellichtenTag in aller entlichkeit stattfand, Jugendliche, Kinder, la-chende junge Frauen. Rassistische Strafaktion in Norden: Christine Neemann und ihr jdischer Verlobter Julius Wol ... A 898 243 Nr. Rep.ich,v AurtsarchiNiederschsisches Landesarchiv Staa... und Elisa Extra, mit dem Juden Richard Cossen verlobt, werden entlich zur Schau gestellt und misshandelt. A 898 243 Nr. Rep.ich,v AurtsarchiNiederschsisches Landesarchiv StaaRassenschande in Norden Am Sonnabend, den 20. Juli 1935, kam die Ostfriesische Tageszeitung mit einer 32-seitigen Beilage Die Juden sind unser Unglck heraus, in denen Juden belei-digt, verhhnt und beschimpft wurden undzugleich alle Geschfte mit jdischenInhabern mit dem blichen Aufruf zum Boykott aufgefhrt waren. Zwei Tagespter ergri die SA in Norden Christine Neemann und ihren jdischen VerlobtenJulius Wol, beide in Norden geboren, undschleppte sie in einem Rasseschande-Umzug durch die Stadt. Christine Neemannschilderte nach dem Krieg diesen Tag:Im Juli 1935 wurde ich von sechs SA-Mn-nern aus der Wohnung meiner Muttergeholt, weil ich mit einem Juden, JuliusWol, verlobt war. Man hat uns zu-sammen durch die Straen gefhrt, jeder ein Plakat um den Hals: Rassenschnder. Auf oener Strae hat man mich geschla-gen und die Haare aus dem Kopf gerissen und dann ins Gefngnis gebracht. LautPolizeibericht hatte Christine Neemann sich gewehrt und mit dem Zeigefinger an die Stirn getippt, um zu zeigen, dass siedas Ganze als irrsinnig betrachtete, wasdie rund 200 bis 300 Menschen, die den Umzug begleiteten, noch mehr erregt haben soll. Anschlieend suchte die Menge noch einweiteres Paar: Elisa Extra und ihren jdi-schen Verlobten Richard Cossen. Allerdingskonnte nur Elisa bei ihrer Mutter gefun-den werden, und so wurde sie allein mit einem umgehngten Schild: Ich bin eindeutsches Mdchen und habe mich vom Juden schnden lassen, durch die Straen Nordens getrieben. Die Fotos wurden vom Drogisten in Norden, NSDAP- und SA-Mit-glied, aufgenommen, der den Auftrag von der Partei erhalten hatte, die Aktion zu dokumentieren, und die Fotos anschlieend auch in seinem Schaufenster ausstellte. Christine Neemann wurde vom Gefngnisin Aurich in das KonzentrationslagerMoringen gebracht, aus dem sie Ende Au-gust 1935 wieder entlassen wurde. IhrArbeitgeber in Norden, bei dem sie zehn Jah-re gearbeitet hatte, entlie sie. 1942 hei-ratete sie einen Eisenbahnschaner. Julius Wol konnte nach Amerika fliehen. Elisa Extra, die zusammen mit Christine Neemann ins KZ Moringen gebracht undebenfalls im August entlassen worden war, verlor gleichfalls ihren Arbeitsplatz bei der Post, floh nach Amsterdam und fand eine Stelle als Hausmdchen in einer jdischen Familie. Ihr Verlobter Richard Cossen konnte 1936 nach Amsterdam und von dort nach Argenti-nien entkommen. Bernhard und Astrid Parisius, Rassenschande in Norden. Zur Geschichte von zwei Fotos, die das Bild Jugendlicher von der NS-Zeit prgen, in: Ostfreesland 2004. Kalender fr jedermann, Norden 2003, S. 129-137 72 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Nrnberger Gesetze In den Ministerien waren die Vorbereitungen fr ein gesetz-liches Verbot von Rassenschande bereits vorangeschrit-ten. Im Juli 1935 sandte das Reichsjustizministerium einenGesetzentwurf ber volksschdliche Ehen an den Reich-sinnenminister Frick, der als erste Konsequenz am 26. Juli die Standesbeamten im Reich anwies, keine Ehen zwischen Ariern und Nicht-Ariern mehr zu trauen. Weitere Schritte wurden auf einer Chefbesprechung im Reichswirtschaftsmi-nisterium am 20. August festgelegt. Der antisemitische Druck von unten und die administrativen Vorarbeiten von oben widerlegen die Annahme, die Nrnberger Gesetze seien has-tig, berstrzt und wenig vorbereitet zustande gekommen.Vielmehr zeigt sich bereits vor dem Nrnberger Parteitag einbreiter, inhaltlicher Konsens zwischen Ministerialbrokratie, NSDAP, Gestapo und Sicherheitsdienst (SD) ber die zuknf-tigen gesetzlichen Regelungen.Das Reichsbrgergesetz und das Gesetz zum Schutze desdeutschen Blutes und der deutschen Ehre, die dann auf dem Nrnberger Parteitag von dem dorthin einberufenen Reichs-tag am 15. September 1935 beschlossen wurden, erfllten zueinem Gutteil die Forderungen, die zuvor erhoben worden wa-ren. Reichsbrger konnte demnach nur der Staatsangehri-ge deutschen oder artverwandten Blutes werden, der zudem durch sein Verhalten beweist, dass er gewillt und geeignetist, in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen. Nur einem solchen Reichsbrger sollten die vollen politischenRechte nach Magabe der Gesetze gewhrt werden. JdischeDeutsche waren nunmehr bloe Staatsangehrige, die demSchutzverband des Deutschen Reiches angehrten und ihmbesonders verpflichtet seien.Das Blutschutzgesetz, eingeleitet durch eine Prambel, in der es hie: Durchdrungen von der Erkenntnis, dass die Rein-heit des deutschen Blutes die Voraussetzung fr den Fortbe-stand des Deutschen Volkes ist, verbot nicht blo Eheschlie-ungen zwischen Juden und Staatsangehrigen deutschen oder artverwandten Blutes, sondern darber hinaus generell den auerehelichen Verkehr zwischen Juden und Staatsan-gehrigen deutschen oder artverwandten Blutes. Damit war erstmals in Deutschland die rassistische Obsession, sexuellen Kontakt mit jdischen Menschen zu verbieten, staatliches Ge-setz geworden. Nunmehr stellte ein Gesetz privates, ja intimes Verhalten unter Strafe, dessen Beobachtung sich der blichen staatlichen oder polizeilichen Kontrolle normalerweise ent-zog. Die Verfolgung auerehelichen Verkehrs konnte nur durch Denunziationen aus der Bevlkerung geschehen und wurde, wie die nach oben schnellende Zahl der Denunziatio-nen nach dem Herbst 1935 zeigt, auch als Auorderung zur volksgemeinschaftlichen Schnelei verstanden. akg-images [...] beseelt von dem unbeugsamen Willen, die Deutsche Nation fr alle Zukunft zu sichern: Schautafel zum Blutschutzgesetz Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 73 Verfolgung Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Zudem war die sexualisierte Ausrichtung dieses Gesetzes von einer mnnlichen Geschlechterperspektive geprgt, indem es nur die Mnner als den angeblich aktiven Teil bei einem Versto gegen das Verbot auerehelichen Verkehrs bestrafte und in einem weiteren Paragraphen Juden die Beschftigung weiblicher, nicht-jdischer Hausangestellter unter 45 Jahren untersagte, also jdischen Mnnern von vornherein sexuelle Triebhaftigkeit unterstellte. Nicht zufllig wurde einen Monat spter, am 18. Oktober 1935, ein hnliches Eheverbot mit dem Gesetz zum Schutz der deutschen Erbgesundheit auch fr all diejenigen erlassen, die als erbbiologisch minderwertig galten. Beide Gesetze stehen in einem oenkundig rassen-biologischen Zusammenhang, und konsequent umfasste der ozielle juristische Kommentar von Wilhelm Stuckart und dem spteren Kanzleramtschef unter Adenauer, Hans Globke,beide Gesetzeskomplexe.In der Bevlkerung seien die Rassegesetze, so meldeten die staatlichen und polizeilichen Lageberichte, weitgehend mit Zustimmung und Befriedigung aufgenommen worden, weil damit klare Verhltnisse geschaen und den unkontrollierten Ausschreitungen der vorangegangenen Monate ein Ende ge-setzt wrden. Mochten selbst deutsche Juden gehot haben,dass mit den Nrnberger Gesetzen so etwas wie Rechts-, bes-ser: Unrechtssicherheit geschaen worden war, so zeigte sich rasch, dass sie blo ein Etappenziel in der sich radikalisieren-den Judenpolitik des NS-Regimes bildeten. Antijdische Manahmen (Auszug) 1.4.1933 Boykott aller nicht-arischen Geschfte. Nicht-arische Justizbeamte erhalten in Preuen Zwangsurlaub.7.4.1933 Juden drfen kein Rechtsan-waltsbro erffnen. 11.4.1933 Alle Beamten mit mindestens einem jdischen Groelternteil werdenaus dem Staatsdienst entlassen. 22.4.1933 Jdische rzte drfen nicht mehr fr Krankenkassen ttig sein.Juden drfen keine Patentanwlte mehr sein. 25.4.1933 Die Zahl der jdischen Stu-denten an Hochschulen und Universi-tten wird beschrnkt. 4.5.1933 Alle jdischen Arbeiter undAngestellten bei Behrden werden entlassen. 11.1.1934 Juden drfen nur in Ausnahme-fllen den Doktorgrad erwerben.5.2.1934 Jdische Medizinstudenten werden nicht mehr zur Staatsprfung zugelassen.8.12.1934 Jdische Apotheker werdennicht mehr zur Prfung zugelassen.6.9.1935 Jdische Zeitungen drfen nichtmehr in Geschften oder an Kiosken verkauft werden. 14.11.1935 Juden verlieren das Wahl-recht. 21.12.1935 Jdische Notare, rzte, Profes-soren und Lehrer drfen nicht mehr im Staatsdienst ttig sein.15.10.1936 Jdische Lehrer drfen keinen Privatunterricht mehr erteilen. 26.1.1937 Juden drfen keine Viehhnd-ler mehr sein. 5.2.1937 Juden drfen keine Jger mehr sein. 13.2.1937 Juden drfen nicht mehr Notar werden. 15.4.1937 Juden drfen den Doktorgrad nicht mehr erwerben. 2.7.1937 Die Zahl jdischer Schler anSchulen wird beschrnkt. 26.4.1938 Juden, die mehr als 5 000 Mark besitzen, mssen dies anmelden. 14.6.1938 Alle jdischen Gewerbebetriebewerden erfasst und gekennzeichnet.20.6.1938 Juden drfen keine Behrden betreten. 11.7.1938 Juden drfen sich nicht an Kurorten aufhalten. 25.7.1938 Jdische rzte erhalten Berufs-verbot. 27.7.1938 Alle nach Juden benannten Straen mssen umbenannt werden. 27.9.1938 Berufsverbot fr jdische Rechtsanwlte. 5.10.1938 Juden mssen ihre Reisepsse abgeben. Neue Reisepsse werden nur beschrnkt ausgestellt und erhalten denAufdruck J (Jude).9.11.1938 Pogromnacht11.11.1938 Juden drfen keine Waffen besitzen. 12.11.1938 Juden drfen keine Kinos, keine Konzerte und keine Theater mehr besuchen. 15.11.1938 Jdische Kinder drfen keine ffentlichen Schulen mehr besuchen. 29.11.1938 Juden drfen keine Brieftau-ben mehr halten. 3.12.1938 Juden mssen ihre Fhrer-scheine abgeben.6.12.1938 Jdische Studenten werden von Hochschulen und Universitten ausgeschlossen.1.1.1939 Juden erhalten Kennkarten. Juden mssen einen Zwangsvornamen annehmen. Mnnliche Juden erhalten zu ihrem Vornamen den Namen Israel, weibliche den Zusatz Sara. 17.1.1939 Berufsverbot fr jdische Zahnrzte, Tierrzte, Apotheker, Zahn-techniker, Heilpraktiker und Kranken-pfleger.30.4.1939 Juden werden aus arischen Husern ausgewiesen und in Juden-huser eingewiesen.1.9.1939 Ausgehbeschrnkungen fr Juden. 12.9.1939 Juden drfen nur in besonde-ren Geschften einkaufen. 23.9.1939 Juden mssen ihre Rundfunk-gerte abliefern.13.9.1941 Juden drfen keine ffentli-chen Verkehrsmittel mehr benutzen. 19.9.1941 Alle Juden ber sechs Jahre mssen als Kennzeichen den gelben Stern tragen.10.10.1941 Wenn Juden ihren Wohn-sitz verlassen wollen, mssen sie eine besondere Erlaubnis haben. 21.12.1941 Juden drfen keine ffentli-chen Fernsprecher mehr benutzen.17.2.1942 Juden drfen keine Zeitungen und Zeitschriften abonnieren. 15.5.1943 Juden drfen keine Haustiere halten. 19.6.1943 Juden mssen alle elektri-schen und optischen Gerte abliefern.Ferner: alle Fahrrder, Schreibmaschi-nen und Schallplatten20.6.1943 Schlieung aller jdischen Schulen. 9.10.1943 Juden drfen keine Bcher mehr kaufen. Robert Hess, Die Geschichte der Juden, Ravensburger Buchver-lag, 2006, s. 186 . Enteignung Auf die Entrechtung folgte die Enteignung jdischen Verm-gens, das der NS-Staat zur Finanzierung seiner Aufrstung verwendete. Auf Grundlage eines Gesetzes vom Januar 1938 wurden die deutschen Juden gezwungen, ihre Vornamen in typisch jdische zu ndern. Ab 1. Januar 1939 mussten Mn-ner zustzlich den Vornamen Israel, Frauen den Vornamen 74Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Nationalsozialismus: Aufstieg und HerrschaftInformationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 74 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Arisierungen Theoretische Erluterung...Der Begri Arisierung entstammt demUmfeld des vlkischen Antisemitis-mus, der schon in den 20er Jahren die Forderung nach einer Arisierung der Wirtschaft bzw. einer arischen Wirt-schaftsordnung erhob und darunterdie vollstndige, mindestens jedoch weit-gehende Verdrngung der Juden ausdem Wirtschaftsleben verstand. Etwa Mitte der 30er Jahre tauchte der Begri imBehrdenjargon auf, ging in den Sprachge-brauch der Bevlkerung ber undwurde auch nach 1945 z.B. in den Nrn-berger Kriegsverbrecherprozessen weiter verwendet. Wer allerdings nacheiner oziellen oder auch nur ozisen Definition des Begries Arisierungsucht, wird enttuscht, weil sich mit der Arisierung zum Teil sehr unterschied-liche Bedeutungsinhalte verknpften. Imallgemeinen dominierte eine konomi-sche Verwendung des Begries, und zwarin einer allgemeineren und einer engerenVariante. Im weiteren Sinne bezeichnete die Arisierung den Proze der wirtschaft-lichen Verdrngung und Existenzver-nichtung der Juden, im engeren den Eigen-tumstransfer von jdischem in arischen Besitz. [] Die schleichende Verdrngung jdischer Unternehmen nach 1933 und ihre Arisierung waren jedoch nicht allein das Ergebnis einer antijdischen Politik, d.h. sie gingen nicht allein aufgesetzliche und administrative Manah-men des Staates und Initiativen der NSDAP zurck. Vor allem der Staat hielt sich aus der Arisierung jdischen Besitzes lange Zeit heraus. Erst 1938 erlieer entsprechende rechtliche Regelungenfr die Arisierung jdischer Unternehmen,die formal erst nach dem Novemberpo-grom erzwungen und angeordnet werden konnten. Die Manahmen des Staates und die Initiativen der NSDAP prgtenzwar das politische Klima und die Rahmen-bedingungen, doch vollzog sich die Arisierung als solche in erster Linie imgesellschaftlichen Raum. Im Bereichder Wirtschaft gestalteten sich die gesell-schaftlichen Beziehungen zwischen jdischen und nichtjdischen Deutschenbesonders eng. Hier begegneten sie sich in den verschiedensten Rollen und Funktionen: als Geschftspartner und Konkurrenten, Arbeitgeber und Ange-stellte, Geschftsinhaber und Kunden, als Veruerer und Erwerber von Unterneh-men. Die Arisierung als politisch-gesell-schaftlicher Proze wre ohne die direkte oder indirekte Beteiligung MillionenDeutscher nicht mglich gewesen. Sie mar-kierte einen der grten Besitzwechselder neueren deutschen Geschichte, in den zahlreiche Akteure und Profiteure involviert waren. Gerade am Beispiel derArisierung zeigt sich, da die natio-nalsozialistische Herrschaft nicht als bloe Diktatur von oben nach unten, sondern als soziale Praxis begrien werden sollte,an der die deutsche Gesellschaft in viel-fltiger Weise beteiligt war. [...] Frank Bajohr, Arisierung als gesellschaftlicher Proze, in: Arisierung im Nationalsozialismus. Volksgemeinschaft, Raub und Gedchtnis, hg. vom Fritz Bauer Institut, Campus Verlag, Frankfurt a.M./ New York 2000, S. 15. ...und Praxis am Beispiel der Region nrdliches Oberfranken ber die Arisierungen und Liquidierungenjdischer Geschfte und Betriebe bis1938 gibt es nur wenige verlssliche Infor-mationen, da es sich hierbei um privateRechtsgeschfte handelte, die selten imstaatlichen Aktenverkehr ihren Nieder-schlag fanden. [...]Aus dem Rahmen normaler Arisie-rungsmanahmen fiel 1935 die gewaltsa-me Herausdrngung Philipp Rosenthals,des damals 80-jhrigen Firmengrnders,aus dem eigenen Unternehmen. Rosen-thal war es in den Jahren zuvor nicht ge-lungen, durch Hereinnahme seinesarischen Stiefsohns Udo Franck in die Firmenleitung einer Zwangsarisierungzuvorzukommen. Mit Hilfe des bayerischenWirtschaftsministeriums sicherten sich die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-bank sowie die Dresdner Bank die Aktien-mehrheit; gleichzeitig wurden Vorstandund Aufsichtsrat im nationalsozialisti-schen Sinne umbesetzt. Den unrhmlichen Hhepunkt bildete der unter Zwang ge-schlossene Bayreuther Arisierungsvertragvom Januar 1935, aufgrund dessenRosenthal das Unternehmen verlassen musste. [...] Dass die [...] rein arische Betriebsleitung von der Tilgung des jdi-schen Namens absah, lag an dessenWerbewirksamkeit im Auslandsgeschft. [...]Die Zahl der Arisierungen nahm in Oberfranken wie auch sonst in Deutsch-land ab Herbst 1937 zu, da man im Zugeder durch den Vierjahresplan ausgelstenRstungskonjunktur die jdischen Firmennicht mehr brauchte und sie durch ge-krzte Rohstokontingente und Devisen-zuweisungen auf administrativem Wegezur Aufgabe zwingen wollte.[...] Im Frhjahr und Sommer 1938 wur-den in rascher Folge Verordnungen erlassen, die dem Staat eine grere Kon-trolle und damit auch finanziellen Gewinn bei der Arisierung ermglichten. Sodurfte es keine arischen Strohmnner als Geschftspartner mehr geben, jdi-sches Vermgen musste angemeldet wer-den, die Behrden bekamen eine Defini-tion des jdischen Betriebes; auerdemerhielten nichtarische Betriebe weder Auftrge noch Bankkredite und durften nicht einmal durch Postwurfsendungenum arische Kunden werben. Da Verkufe jdischer Firmen seit den April-Verordnungen von 1938 besondere Rechtsgeschfte darstellten, bedurften sie einer behrdlichen Genehmigung, die dreifach gestaelt war: -Wenn es sich um ein Einzelhandelsge- schft mit wenig Personal handelte, gengte fr die Arisierung bzw. Liquidierung die Zustimmung des Stadt- oberhauptes.Bei mittelgroen Industriebetrieben und gerade auch bei Warenhusern, dieschon in den Weimarer Jahren zur Ziel-scheibe nationalsozialistischer An-griffe geworden waren, lag die Entschei-dung beim Regierungsprsidentenvon Ober- und Mittelfranken in Ansbach. Das Reichswirtschaftsministerium behielt sich eine Entscheidung vor beiGrounternehmen mit mehr als 1000 Beschftigten sowie bei besondersheiklen Arisierungsfllen [...].Auch gab es drei Gremien unterschied-licher Wichtigkeit, deren Urteil vorder endgltigen Genehmigung einzu-holen war: Die regionale Untergruppe der entspre-chenden Wirtschaftsgruppe fungierteals branchenspezifische Gutachterin [...].Weiterhin gab die Industrie- und Han-delskammer Oberfranken in Bayreuthals Vertreterin der regionalen Wirtschafteine Stellungnahme ab. Meist wurdeauch Rcksprache mit dem rtlichenIndustrie- und Handelsgremium (IHG)gehalten.Sehr wichtig war das Urteil, das sich der Gauwirtschaftsberater Dr. LudwigLinhardt in Stellvertretung des Gau-leiters gebildet hatte. Auer diesen drei Instanzen wurden von Fall zu Fall fr speziellere ProblemePartei- und Staatsbehrden herangezogenwie der Kreisleiter, der DAF-Gauob-mann, diverse Rohsto- und Devisen-ber-wachungsstellen, aber auch ortsan-sssige Betriebe mit Gutachten usw. [...] Albrecht Bald, Arisierungen im nrdlichen Oberfranken 1933-1938, in: Miscellanea curiensia. Beitrge zur Geschichte und Kultur Nordoberfrankens und angrenzender Regionen, Bd. VIII, Hof 2009, S. 225 . 75 Verfolgung Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Sara tragen. Im Mrz 1938 wurde den jdischen Gemeinden der Status von Krperschaften entlichen Rechts entzogen; im April erlie Gring eine Verordnung ber die Anmeldung des Vermgens von Juden, mit der systematisch das Eigentum er-fasst wurde, das geraubt werden sollte. Das Gesetz zur nde-rung der Gewerbeordnung vom Juli sollte die Verdrngung von Juden aus Berufen, die sie noch ausben durften, erreichen. Bis dahin hatten sich etliche jdische Unternehmen noch ge-gen die zunehmende Drangsalierung behaupten knnen. 1938traten nun unzhlige Partei- und Volksgenossen, die bislang nochleer ausgegangen waren, auf den Plan, um die verbleibenden Ob-jekte zum Billigtarif zu erwerben. Der eigentliche Profiteur desRaubs an den jdischen Vermgen aber war der NS-Staat, der einerseits durch besondere Abgaben, die die Ariseure zu bezah-len hatten, verdiente, andererseits durch die Reichsfluchtsteuer und zahlreiche weitere Zwangsabgaben die emigrierenden Ju-den bis auf ein Handgeld, das sie auf ihre Flucht ins Ausland mit-nehmen konnten, ausplnderte. Zudem liquidierte er zahlreicheUnternehmen und beschlagnahmte deren Vermgen.Im Mrz 1938 vollzog sich der Anschluss sterreichs als ers-ter Schritt einer aggressiven Expansion des Regimes, der mit verschrfter antisemitischer Politik einherging. In Wien und an-dernorts lieen sterreicher ihrem antisemitischen Hass freien Lauf. Jdische Geschfte wurden geplndert, Juden willkrlich verhaftet, aus ihren Wohnungen getrieben und misshandelt,persnliche Bereicherungen waren an der Tagesordnung. Bis zum Frhjahr 1939 hatte etwa die Hlfte aller rund 190 000 s-terreichischen Juden ihr Land verlassen; darunter Tausende, die von SA und SS mit Gewalt illegal ber die Grenzen abgeschoben wurden. Zufrieden stellte der Lagebericht des SD fr das erste Vierteljahr 1938 fest, dass die in der letzten Zeit getroenen Manahmen der Regierung auf dem Gebiete der Wirtschaft gegen die Juden vom Standpunkt des Reiches aus gesehen sehr erfolgreich FF 7380v Hof,tarchiStadAuch wirtschaftlich geraten die Juden immer strker unter Druck. Viele mssen ihre Betriebe weit unter Wert verkaufen. Bei einem arisierten Geschft in Hof wird im November 1938 der Name ausgetauscht. ton ybil Mil S / bpk In der Emigration sehen viele Juden den einzigen Weg, dem zunehmenden Terror zu entkommen. Zuvor werden sie von den Behrden ausgeplndert. Jdische Flchtlinge an der Grenze zu Frankreich 1936 SBB / bpk --Arisierungs-Bescheid Antwortschreiben auf einen Einspruch des jdischen Buchhndlers Martin Breslauer Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 76 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 waren und fuhr fort: Auf der anderen Seite ist dadurch aller-dings in starkem Mae die Auswanderungsmglichkeit fr dieJuden aus Deutschland beschrnkt worden. Den Widerspruch,die Juden einerseits auszuplndern, damit jedoch andererseitsihre Auswanderungsmglichkeiten entscheidend zu verringern,sah der SD durchaus. Denn die Verarmten besaen kaum mehr die Mglichkeit, freiwillig das Land zu verlassen, fehlte ihnendoch das Kapital, das die potenziellen Einwanderungslnder ver-langten. Nur noch junge Leute und wohlhabende Juden konntensich Honung machen, in anderen Lndern noch einmal vonvorn anzufangen.Allerdings oenbarte die von US-Prsident Roosevelt einberu-fene Konferenz zur Untersttzung der verfolgten Juden im Juli1938 im franzsischen Kurort Evian-les-Bains am Genfer See, dass kein Land bereit war, seine Einwanderungsquoten zu erh-hen. Die sterreichische Praxis unter dem nach Wien entsandten Adolf Eichmann, die Zwangsemigration von sterreichischen Ju-den durch die jdische Gemeinde selbst zu finanzieren und sichnicht zu scheuen, sie mit terroristischer Gewalt ber die Gren-zen zu treiben, wurde in Berlin daher als eine Handlungsoptionwahrgenommen, um den selbst geschaenen Schwierigkeitenzu entkommen. Novemberpogrom Die Atmosphre in Deutschland blieb gewaltttig aufgela-den. Die vom NS-Regime inszenierte Sudetenkrise fhrte zueiner immer schriller werdenden Pressekampagne fr dieunterdrckten Sudetendeutschen in der Tschechoslowa-kei, deren Schicksal nur gendert werden knnte, wenn diesudetendeutschen Gebiete von der Tschechoslowakei abge-6-21 79-046-19, Bild 14BundesarchivEntfesselte Brutalitt: Whrend des Novemberpogroms werden jdische Mitbrger berfallen, ihre Ladengeschfte zerstrt, wie hier das Sto- und Kurzwarengeschft Gebrder Karfiol in Magdeburg, Reichspogromnacht in Baden-Baden [I]n dem Kurort Baden-Baden [...] begannder Pogrom [...] um sieben Uhr morgens.[...] In Galauniform nahm die Polizei dieVerhaftung der Juden vor und brachte sie in den Gefngnishof, wo sie in Reih undGlied bis Mittag stehen muten.Dr. Arthur Flehinger, ein ehemaliger Studienrat des Badener Gymnasiums,erzhlt: Gegen Mittag nete sich das Tor undein Zug Wehrloser mit viel Bewachungrechts und links, begann sich durch die Straen der Stadt zu bewegen. Man hatte bis Mittag gewartet, oenbar um derMenge etwas zu bieten. Aber zur Ehre der Badener sei es gesagt, da die meisten doch davor zurckschreckten, sich auf der Strae zu zeigen. Was an Zuschauern zusehen war, war Pbel. [...]Der Zug nherte sich der Synagoge, wo die obersten Stufen der Freitreppe schonmit allerhand Gesindel in und ohne Uni-form angefllt war. Das war ein richtigesSpierutenlaufen. [...] Ich selbst hatte auf dem ganzen Zug den Leuten fest in dieAugen geschaut, und als wir uns derobersten Stufe nherten, schrie einer herun-ter: Guck net so frech, Professor! Das war schlielich weniger eine Beleidigung als ein Eingestndnis der Schwche undder Furcht [...]. Meinem Freund Dr. Hausergegenber, der in Baden-Baden einvielbeschftigter und hochangesehener Anwalt war man hatte ihn und seine Frau spter aus Sdfrankreich nach Celle und von dort in die Todeskammer nach Auschwitz gebracht , zeigte sich der Mob weniger gndig. Der rmste erhielt vonden Vertretern des Faustrechts allerhand Faustschlge, und ich sah den Bejam-mernswerten dann noch auf einen Gebet-mantel fallen, den die Nazis auf dem Boden ausgebreitet hatten, damit wir da-rberschritten. In der Synagoge war alles wie verwan-delt [...]. Das Gotteshaus wurde zumTummelplatz schwarzer, uniformierter Horden. Ich sah, wie oben in der Frauen-galerie Leute geschftig hin- und her-liefen und Leitungsdrhte legten. Es warenkeine Badener. Man lie fr den 10. No-vember SS aus den Nachbargemeindenkommen als Leute, die durch das Fehlen auch nur eines Funken von menschlichem Mitgefhl in ihrer Bewegungsfreiheit nicht gehemmt wurden [...]. Pltzlich er-tnte eine freche, fette Stimme: Ihr singt Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 77 Verfolgung Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 trennt und dem Deutschen Reich angeschlossen wrden. Da-mit wuchs in der Bevlkerung die Furcht vor einem neuenKrieg, der um das Sudetenland gefhrt werden msste. InBehrdenberichten war von einer wahren Kriegspsychose,sogar von Panik die Rede. Whrend der Glaube an Hitlerin jenen spannungsvollen Wochen im Herbst 1938 oenbargefhrdet, aber nicht gebrochen war, suchten sich die Emo-tionen auf andere Weise ihre Bahn gegen die Juden. DerSD konstatierte Ende Oktober, dass Aktionen gegen die j-dische Bevlkerung zum Teil auch daraus entstanden sind,dass die Parteiangehrigen den Augenblick zur endgltigenLiquidierung der Judenfrage gekommen glaubten. In einzel-nen Kreisen begannen die lokalen NSDAP-Gruppen damit,die Juden des Ortes zu zwingen, ihr Eigentum, ihre Huser,Geschfte, Grundstcke zu Niedrigstpreisen zu verkaufen,und sie danach mit Gewalt aus den Orten zu vertreiben. ber den mittelfrnkischen Ort Bechhofen berichtete der SD, dass Ende September die letzten der dortigen Juden vertriebenwurden: Man habe sie aus ihren Husern herausgeholt, ge-schlagen und angespuckt, mit Fen getreten und zum Teilbarfu durch die Ortschaft getrieben. Auch die Kinder nah-men an dieser Demonstration nach Auorderung teil.Eine seit dem Frhjahr schwelende diplomatische Ausei-nandersetzung mit Polen fhrte im Oktober zu einer erneu-ten massenhaften Polizeiaktion gegen Juden. Als Reaktionauf die antisemitische Absicht der polnischen Regierung,den im Ausland lebenden polnischen Staatsangehrigen,vor allem den polnischen Juden, die Staatsangehrigkeitabzuerkennen und durch entsprechende Passvermerke dieWiedereinreise nach Polen zu verwehren, erlie Himmler am 26. Oktober ein Aufenthaltsverbot fr polnische Judenund ordnete an, dass sie innerhalb von drei Tagen das Deut-sche Reich zu verlassen htten. In einer gezielten Groakti-on nahm die Gestapo am 28. Oktober etwa 17 000 polnischeJuden fest und verfrachtete sie an die polnische Grenze. DaPolen die Einreise dieser Menschen verweigerte, irrten sieim Niemandsland und in den Grenzorten herum, ohne jedeHilfe, Lebensmittel, Obdach und sanitre Mglichkeiten.Erst nachdem sich Polen und Deutschland nach einigen Ta-gen auf eine Verlngerung der Abschiebefrist verstndigthatten, brach Himmler die Aktion ab, und die Menschen im Niemandsland wurden in Polen aufgenommen. Es war die-se kalt kalkulierte und brutale Manahme, die den jungenHerschel Grynszpan, dessen Eltern zu den Deportierten ge-hrten, in Paris zum Attentat am 7. November 1938 auf den deutschen Botschaftsangehrigen Ernst vom Rath trieb.Noch am selben Tag gab das Propagandaministerium dieWeisung aus, dass alle Zeitungen in grter Form ber dasAttentat zu berichten htten und die Nachricht die erste Seite voll beherrschen msste. Es sei darauf zu achten, dass die Artikel nicht gegen Frankreich gerichtet wrden, son-dern gegen das internationale jdische Verbrechergesin-del. Bereits am selben Abend kam es in Kassel zu den ersten antijdischen Ausschreitungen, die sich am folgenden Tagin anderen hessischen Orten fortsetzten. jetzt das Horst-Wessel-Lied. Es wurde sogesungen, wie es jeder erwartet hatte. Wir muten es zum zweitenmal singen [...].Dann rief man mich hinauf zum Almemor (Vorlesertisch) und gab mir eine Stelle aus Mein Kampf zu lesen. Eine Weigerunghtte unter den damaligen Umstndendas Leben der Mitleidenden gefhrdet. So sagte ich: Ich habe den Befehl erhalten,folgendes vorzulesen, und ich las leise ge-nug. In der Tat so leise, da der hintermir stehende SS-Mann mir mehrere Schl-ge in den Nacken versetzte. Denjenigen,die nach mir Proben der feinen literari-schen Nazi-Kochkunst mitteilen muten, erging es nicht besser. Dann gab es einePause. Wir muten in den Hof, damit wir unsere Notdurft verrichteten. Wir durf-ten aber keineswegs das Klosett benutzen,sondern muten mit dem Gesicht gegen die Synagoge dastehen und bekamen dabei von hinten allerlei Futritte. Von der Synagoge ging es dann in das gegenberliegende Hotel Central. [...]Bezglich unseres weiteren Schicksals gabes dann ein groes Rtselraten. Wasman mit uns vorhatte, wute niemand. Wir waren ja von der Auenwelt voll-kommen abgeschnitten. Unsere alles an-dere als stillen Erwgungen wurden dann jh unterbrochen, als der Kantor derGemeinde, Herr Grnfeld, leichenbla den Saal betrat und blutenden Herzens die Worte sagte: Unser schnes Gottes-haus steht in Flammen. Nun wuten wir, wozu die Drahtleitung gelegt war. Der brutalste der Hitlerbande kommentierte die traurige Botschaft des Herrn Grn-feld, indem er noch den frivolen Satz hinzu-fgte: Wenn es auf mich angekommen wre, wrt ihr alle in den Flammen um-gekommen![...] Der Autobus wartete schon vor der Tr und mit ihm eine ganze Anzahl wtender Volksgenossen. Die Deportati-on nach Dachau war schon lngst geplant,nur wir Armen wuten es nicht. Im Lauf-schritt muten wir hinaus zum Autobus rennen, und wer nicht schnell genug rannte,bekam einen Denkzettel. Am Bahnhof warteten wir auf den Sonderzug aus der Freiburger Gegend. Er brachte die Judenaus dem Oberland. In jedem Abteil sa einSchutzmann. Aus seinem Mund kam kein Sterbenswort. Als der Zug hinter Karlsruhein Richtung Stuttgart fuhr, hrte man nur noch das grausige Wort Dachau. Rita Thalmann, Emmanuel Feinermann, Die Kristallnacht, Athenum, Frankfurt/M. 1988, S. 103 ...und viele Synagogen angezndet. Schaulustige beobachten den Brand der Synagoge in Essen. bpk 78 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 In einigen Stdten, wie hier in Baden-Baden, werden die zusammengetriebenen Menschen in aller entlichkeit unter Bewachung von SS und Polizei durch die Straen getrieben einer ungewissen Zukunft entgegen. , Bild 183-86686-0008 BundesarchivAm Nachmittag des 9. November starb Ernst vom Rath.Abends sa wie blich die Parteispitze im Alten Rathaussaalin Mnchen zusammen, um den Jahrestag des Putschversu-ches von 1923 zu feiern. Es ist nicht eindeutig geklrt, wannHitler die Nachricht vom Tode vom Raths erhielt. Er besprachsich kurz mit Goebbels und verlie anschlieend den Saal, woraufhin Goebbels gegen zehn Uhr eine antisemitischeHetzrede hielt. Die anwesenden Parteifhrer verstanden richtig, dass damit das Signal zum Losschlagen gegen die Ju-den gegeben worden war, und telefonierten umgehend mitihren regionalen Organisationen. Noch in derselben Nachtbegannen die Schlgertrupps aus Partei und SA ihre Zerst-rungsaktionen.Was sich in den kommenden Stunden berall in Deutsch-land ereignete, bertraf an Brutalitt, Vandalismus und Mordbereitschaft die bisherigen Pogrome bei weitem. Voraller Augen schlugen die Trupps Fensterscheiben ein, pln-derten Geschfte, schlugen deren jdische Besitzer zusam-men, drangen in Wohnungen von Juden ein, verwstetendie Einrichtung, misshandelten die Bewohner und schreck-ten selbst vor Mord nicht zurck. Auf oener Strae wurden zahlreiche Menschen buchstblich zu Tode geprgelt. Es gibtbis heute keine genauen Zahlen ber das ganze Ausma derZerstrungen, Plnderungen, Vergewaltigungen, Krper-verletzungen und Ermordungen in diesen Tagen. Heydrichselbst bezierte die Schden in einem Brief an Gring zweiTage spter auf 815 zerstrte Geschfte, 29 in Brand gesetz-te oder sonst verwstete Warenhuser, 171 zertrmmerte Wohnhuser, 191 angezndete Synagogen, von denen 76vollstndig vernichtet wurden. Ferner seien elf jdischeGemeindehuser in Brand gesetzt, 36 Juden gettet, ebensoviele verletzt worden. Am 12. November gab Heydrich auf der Sitzung im Reichsluftfahrtministerium mehr als 7500verwstete Geschfte an. Die Zahl der Ermordeten lag inWirklichkeit bei mindestens hundert Personen, nicht einge-rechnet die zahlreichen jdischen Toten in den anschlieen-den Wochen in den Konzentrationslagern.Die SS und die Gestapo waren an dem Pogrom nicht vonvornherein beteiligt. Erst kurz vor Mitternacht sandte Gesta-po-Chef Heinrich Mller an smtliche Staatspolizeidienst-stellen ein geheimes Fernschreiben, in dem es hie, dass inkrzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Judeninsbesondere gegen deren Synagogen stattfinden. Sie sindnicht zu stren. Jedoch ist im Benehmen mit der Ordnungs-polizei sicherzustellen, dass Plnderungen und sonstigeAusschreitungen unterbunden werden knnen. Zudem sollten etwa 20-30 000, vor allem vermgende Juden festge-nommen werden. Heydrich besttigte in einem Fernschrei-ben zwei Stunden spter Mllers Befehl und wies smtlicheGestapo- und SD-Stellen an, wohlhabende, mnnliche, nichtzu alte Juden zu verhaften und in die nchstgelegenen Kon-zentrationslager zu bringen.Diese Verhaftungen gerieten in vielen Orten zu einem f-fentlichen Schauspiel von Demtigung und Misshandlun-gen. In Saarbrcken mussten sich die festgenommenen j-dischen Mnner zu einem Zug formieren, einer erhielt eineTrommel um den Hals gehngt, ein zweiter Schlagbeckenin die Hand. Singend und schlagend mussten sie durch dieStraen ziehen. Vor der Synagoge angekommen, wurden dieMnner gezwungen, kniend religise Lieder zu singen undzu tanzen. Auf dem Rckweg zum Bahnhof bespritzte mansie an diesem Novembermorgen mit dem Wasserstrahl desstdtischen Sprengwagens, bis sie in ihren Schlafanzgen,Nachthemden und Hosen vllig durchnsst waren. In klei- 79 Verfolgung Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 neren Orten inszenierten die Parteigruppen den Abtrans-port der verhafteten Juden als regelrechte Umzge durch dieStadt. Meistens begleitete eine Volksschar von Neugierigenden Zug, die den Marsch zum Bahnhof fr die Opfer in einenSpierutenlauf verwandelte. Als die verhafteten FrankfurterJuden zum Beispiel auf dem Sdbahnhof eintrafen, empfingsie bereits eine johlende Menschenmenge, die sie mit Knp-peln und Stcken verfolgte. Ganze Schulklassen wurden anmanchen Orten aufgeboten, um das Schauspiel mitzuerle-ben und die Opfer anzuspucken oder zu schlagen.Bis heute sind die Heftigkeit und Brutalitt des Novem-berpogroms nicht hinreichend erklrt. Den SA-Truppskonnte zwar der Befehl erteilt werden, selbst mitten in der Nacht, Synagogen anzuznden und Wohnungen zu zerst-ren. Aber eine derartige Zerstrungswut, wie sie whrenddes Pogroms zutage trat, kann nicht befohlen und auchnicht allein mit antisemitischem Hass erklrt werden, obwohl ohne ihn ein solcher Gewaltexzess kaum mglichgewesen wre. Die Emotionen, die den Novemberpogrombeherrschten, haben ihren Ursprung sicher auch in dergewaltttigen Aufladung des Jahres 1938 und insbeson-dere den Spannungen, die Europa an den Rand des Krie-ges brachten. Die Gewalt des Pogroms zielte nicht mehrnur auf die Diskriminierung und Isolierung der jdischenNachbarn, sondern auf deren Vertreibung und auf die Aus-lschung der jdischen Kultur in Deutschland.Die NS-Fhrung war von dieser Explosion der Gewalt oen-bar selbst berrascht und mhte sich, die Lage wieder unterKontrolle zu bekommen. Noch am Morgen des 10. Novembergab das Propagandaministerium eine Presseanweisung he-raus, dass Berichte ber das Pogrom nicht gro aufgemachtund keine Bilder verentlicht werden sollten. Um 20 Uhr bertrugen die Radiosender einen Aufruf, die Aktionen ein-zustellen, nachdem schon die Nachmittagszeitungen einenentsprechenden Artikel Goebbels verentlicht hatten. Ineinem Blitzfernschreiben wies Heydrich die Gestapostellenan, in der Nacht mit der Ordnungspolizei Streifen zu organi-sieren, um weitere Aktionen zu verhindern. Allerdings soll-ten die Festnahmen von Juden ohne Einschrnkung fortge-setzt werden. Hermann Gring machte zwei Tage spter auf der Konfe-renz im Reichsluftfahrtministerium aus seinem Unmut ber die Aktionen keinen Hehl. Dabei bereiteten ihm weniger dieMorde und die brutale Gewalt an Juden Sorgen als vielmehrdie Zerstrung von Sachwerten. Er habe diese Demonstratio-nen satt, sagte er: Mir wre lieber gewesen, ihr httet 200 Juden erschlagen und httet nicht solche Werte vernichtet.Als Shneleistung legte Gring in einer Verordnung vom selben Tag den deutschen Juden eine Summe von einer Milli-arde Reichsmark auf. Zudem hatten die jdischen Gemeindenalle Schden zu bezahlen und ihre Versicherungsansprchean den Staat abzutreten, was insgesamt auf eine umfassendeEnteignung der jdischen Bevlkerung hinauslief. Heydrichberichtete auf der Konferenz, dass es der neu gegrndetenZentralstelle fr jdische Auswanderung unter Eichmannin Wien gelungen sei, 50 000 Juden herauszubringen, underhielt daraufhin von Gring die Genehmigung, eine hnli-che Zentrale auch fr das Deutsche Reich zu errichten. Bei allem Herausnehmen des Juden aus dem Wirtschaftsleben, so Heydrich, bleibt das Grundproblem letzten Endes dochimmer, da der Jude aus Deutschland herauskommt. Ohne Zweifel hat eine Mehrheit der deutschen Bevlke-rung den Pogrom nicht gebilligt. Aber es war weniger die Gewalt gegen die jdischen Opfer als vielmehr die Zerst-rung von Geschften, die im Zentrum der Kritik stand. Folgtman den zeitgenssischen Stimmungs- und Lageberichten,so fand eine Vergeltung fr das Attentat auf vom Rathdurchaus Zustimmung, wohingegen die Form dieser Vergel-tungsaktion auf zum Teil starke Ablehnung stie. Dement-sprechend wurde die Shneleistung als gerechte Strafeangesehen. Moralische Empfindungslosigkeit gegenberdem Schicksal der Juden nannte der israelische Historiker David Bankier diese Haltung.Die Politik der forcierten Vertreibung wurde von Hitlerausdrcklich bekrftigt. Als oberster Grundsatz, so lie G-ring Anfang Dezember 1938 die Gauleiter, Oberprsidentenund Reichsstatthalter wissen, habe nach Hitlers Weisung zugelten: An der Spitze aller unserer berlegungen und Ma-nahmen steht der Sinn, die Juden so rasch und so eektiv wie mglich ins Ausland abzuschieben, die Auswanderungmit allem Nachdruck zu forcieren, und hierbei all das weg-zunehmen, was die Auswanderung hindert. Auf der Konfe-renz am 12. November im Reichsluftfahrtministerium hatte Gring bereits die knftige Linie der nationalsozialistischenPolitik aufgezeigt: Wenn das Deutsche Reich in irgendeinerabsehbaren Zeit in auenpolitischen Konflikt kommt, so istes selbstverstndlich, dass auch wir in Deutschland in aller erster Linie daran denken werden, eine groe Abrechnung anden Juden zu vollziehen. Am 30. Januar 1939 hielt Hitler dann eine Rede vor dem Reichstag, in der er die europischen Mchte auorderte, freine Lsung der Judenfrage zu sorgen, und endete mit derDrohung, falls es zum Krieg kme, werde das Ergebnis nichtdie Bolschewisierung der Erde, sondern die Vernichtungder jdischen Rasse in Europa sein. Im Mrz 1939 besetzteDeutschland unter Verletzung des Mnchener Abkommensden restlichen Teil der Tschechischen Republik, errichte-te das sogenannte Protektorat Bhmen und Mhren undfhrte sofort alle antijdischen Verordnungen ein, die imDeutschen Reich galten. Adolf Eichmann wurde von der SS-Fhrung mit dem Auftrag nach Prag geschickt, initiativ dieEntfernung der Juden aus dem bhmisch-mhrischen Raumund die Erfassung ihres Vermgens zu betreiben. Ein halbesJahr spter, im September 1939, berfiel die deutsche Wehr-macht Polen. Im Schatten des Krieges nahm die Lsung derJudenfrage nunmehr die Form des systematischen Massen-mords an. 80 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Literaturhinweise berblicksdarstellungen Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Ursprnge, Anfnge, Aufstieg und Fall. Wien, Kln, Weimar 2008, 616 S. Faktenreiche, anschauliche Geschichte des Nationalsozialismus. Den inhaltlichen Leitfaden, an dem der Autor seine Gesamtdarstellung entwickelt, stellen die Begrie des Nationalismus, des Antisemitismus und des volksgemeinschaftlichen sozialen Appells dar. --Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches. Mnchen 2000, 288 S. (bpb-Schriftenreihe Band 377) bersicht ber die wesentlichen Ereignisse und Zusammenhnge des NS: den Weg zur Macht, die Repression im Innern, den Verlauf des Krieges, die Verfolgung und Vernichtung der Juden, den Alltag in der Diktatur und die Niederlage im Mai 1945 sowie den Widerstand gegen Hitler. Benz, Wolfgang (Hg.): Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, Frankfurt a. M. 2009, 218 S. Die neun Beitrge des Bandes informieren ber die NSDAP, ihre Gliederungen und angeschlossenen Verbnde, ber die Funktionseliten der NSDAP vom Blockwart bis zu den Gauleitern, ber die Mitgliederentwicklung, die nung der Partei und die Mitgliedersperren sowie ber die sogenannten Mrzgefallenen. -Evans, Richard J.: Das Dritte Reich. Bd. 1: Aufstieg, Mnchen 2004, 752 S. Bd. 2: Diktatur, Mnchen 2006, 1084 S. Bd. 3: Krieg, Mnchen 2009, 1152 S. Umfassendes, anschauliches und materialreiches Werk des bekannten britischen Historikers, das fr ein breites Lesepublikum geschrieben ist. Friedlnder, Saul: Das Dritte Reich und die Juden. Band 1: Die Jahre der Verfolgung 1933-1939, Mnchen 1998, 458 S. Band 2: Die Jahre der Vernichtung 1939-1945, Mnchen 2006, 869 S. (Gesamtausgabe: bpb-Schriftenreihe Band 565) Eindringlich geschriebene zweibndige Studie ber den Antisemitismus. Friedlnder entwirft dabei den zentralen Begri des Erlsungsantisemi-tismus, der die fanatische Ideologie der Nationalsozialisten gleichsam als zerstrerische Welterklrung und Heilslehre entschlsselt. Haner, Sebastian: Anmerkungen zu Hitler, 28. Aufl., Frankfurt/M.1981, 192 S. 1978 verentlichte Sebastian Haner seine Anmerkungen zu Hitler: Ein Essay, der nicht Biografie sein und trotzdem erklren wollte, warum ein ganzes Volk dem Diktator auf den Leim gehen konnte. Michael Kuhlmann, Deutschlandfunk Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im berblick, 4,. berarb. und erw. Aufl., Hamburg 2009, 416 S. Standardwerk, erstmals 1985 erschienen, mit einer Einfhrung in Kernthemen der Erforschung des Nationalsozialismus: repressive Innen- und expansionistische Auenpolitik, Judenvernichtung, Wirtschaftspolitik und Bedeutung der Person Adolf Hitlers fr das Funktionieren des Staates. --Pohl, Dieter: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit: 1933-1945, 3., bibliogr. aktual. Aufl., Darmstadt 2011, 175 S. Einfhrende Darstellung und Analyse der Verfolgungsinstitutionen des NS und der sie leitenden Ungleichheitsideologien. Neben SS und Polizeiapparat wird auch die Beteiligung der Wehrmacht an der systematischen Verfolgung von Gegnern und Minderheiten diskutiert. Eine knappe bersicht zeigt zudem, wie sich befreundete und verbndete Regime an der Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten beteiligten. --Rexin, Manfred: Geschichte zum Hren: Regime unter dem Hakenkreuz. CD-ROM, Bonn Politik, Staat und Gesellschaft, Aufstieg und Fall der NS-Diktatur: In 25 Kapiteln schildert die Radiodokumentation die Geschichte des nationalso-zialistischen Deutschlands. S, Dietmar / S, Winfried (Hg.): Das Dritte Reich. Eine Einfhrung, Mnchen 2008, 400 S. Die 16 Beitrge dieses Bandes widmen sich vier Aspekten der NS-Diktatur: Institutionen des NS-Staates; Gesellschaft, Alltag und Propaganda; Besatzung und Vernichtungspolitik; Nachgeschichte des Dritten Reiches und Aufarbeitung. -Wehler, Hans-Ulrich: Der Nationalsozialismus. Bewegung, Fhrerherrschaft, Verbrechen. 1919-1945, Mnchen 2009, 315 S. -Wehler analysiert den NS als eine politische Religion, deren Erfolg ohne den Fhrerkult um den Diktator nicht zu erklren wre, und diskutiert den Siegeszug des Nationalsozialismus vor dem Hintergrund eines wachsenden radikalen Nationalismus im Gefolge des Ersten Weltkriegs. -Wildt, Michael: Geschichte des Nationalsozialismus. Gttingen 2008, 219 S. Knappe, stringente berblicksdarstellung, vor allem fr Studienanfnger. Neben den einschlgigen Kernthemen Machtbernahme, Kriegsverlauf, Verfolgung und Vernichtung, Ideologie und Repression werden auch neuere Ergebnisse der Forschung besprochen. Monographien und Sammelbnde Aly, Gtz: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass, Frankfurt/Main 2012, 352 S. (bpb-Schriftenreihe Band 1199) Wie konnte es zu dem Massenmord an den deutschen und europischen Juden, geplant und begangen von den Deutschen, kommen? Aly verortet die Motive in einer von Sozialneid und Angst bestimmten antijdischen Haltung vieler Deutscher seit dem 19. Jahrhundert. Bajohr, Frank / Wildt, Michael (Hg.): Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 2009, 240 S. Die Aufstze in diesem Band untersuchen die Mobilisierungskrfte des Nationalsozialismus und die gesellschaftliche Zustimmung, auf die sich das NS-Regime sttzen konnte. Broszat, Martin: Der Staat Hitlers: Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung, Wiesbaden 2007, 474 S. In diesem Werk wird der Dualismus von Staat und Partei, von Fhrerabsolutismus und der Polykratie rivalisierender Machttrger, von Regierungszentralismus und Parteipartikularismus umfassend dargestellt. --Bundeszentrale fr politische Bildung/bpb: Reihe Themen und Materi-alien: Die inszenierte Emprung Der 9. November 1938, Bonn 2010 (Als Download verfgbar unter www.bpb.de/shop); Hitler und die Deutschen, Bonn 2010, 48 S. Campbell Bartoletti, Susan: Jugend im Nationalsozialismus. Zwischen Fas-zination und Widerstand, 2. berarb. Aufl., Berlin 2007, 255 S. (bpb-Schrif-tenreihe Band 638) Hitlerjugend, Weie Rose, Swingjugend: Was bedeutete es, zur NS-Zeit jung zu sein? Anhand von Zeitzeugenaussagen, Tagebchern und Briefen zeichnet dieses Buch ein Bild der Jugend zwischen 1933 und 1945. Corni, Gustavo / Giess, Horst: Brot Butter Kanonen. Die Ernhrungswirt-schaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers, Berlin 1997, 644 S. 81 Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Untersuchung zur Organisation der Landwirtschaft und der Ernhrungs-politik im Kontext der Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches. Frietsch, Elke / Herkommer, Christina (Hg.): Nationalsozialismus und Ge-schlecht, Bielefeld 2009, 454 S. Tagungsband zu Konzeptionen von Geschlecht im Nationalsozialismus und mit Projektionen der historischen Forschung auf die Geschlechterpolitik im Dritten Reich. -Gailus, Manfred / Nolzen, Armin (Hg.): Zerstrittene Volksgemeinschaft. Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus, Gttingen 2011, 325 S. Die Religionszugehrigkeit spielte im Deutschland der 1930er- und 1940er-Jahre nach wie vor eine wichtige Rolle. Dieser Band untersucht, wie Katho-liken und Protestanten in unterschiedlicher Weise auf den Nationalsozia-lismus reagierten. Graml, Hermann: Reichskristallnacht. Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich, 3. Aufl., Mnchen 1998, 304 S. -berblicksdarstellung ber die Voraussetzungen und die Etappen der nationalsozialistischen Judenverfolgung von der Aufhebung der jdischen Emanzipation bis zum Genozid. -Gross, Raphael: Anstndig geblieben. Nationalsozialistische Moral, Frank- furt/Main 2010, 278 S. (bpb-Schriftenreihe Band 1103) Inwieweit wurden im NS biologistische Begrie mit moralischen Kategorien verbunden? Der Autor untersucht die Funktion der NS-Moral und ihr Fortwirken in der deutschen Nachkriegsgesellschaft bis in die Gegenwart. --Havemann, Nils: Fuball unterm Hakenkreuz. Frankfurt/Main 2005, 473 S. (bpb-Schriftenreihe Band 519) Die Studie befasst sich auf der Basis historischer Quellen mit der Rolle des Deutschen Fuballbundes (DFB) im Nationalsozialismus und mit der Vereinnahmung des Sports durch die Machthaber. -Heidenreich, Bernd / Neitzel, Snke (Hg.): Medien im Nationalsozialismus, Paderborn 2010, 375 S. Kommunikationswissenschaftler, Journalisten und Historiker geben auf Grundlage des neuesten Forschungsstandes einen berblick ber die Rol-le des Hrfunks, der Presse und des Films in Hitlers Staat. Herbst, Ludolf: Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Die Entfesselung der Gewalt: Rassismus und Krieg, 5. Aufl., Frankfurt/M. 2005, 495 S. Darstellung, die den stufenweisen Prozess der Entfaltung der NS-Herr-schaft bzw. der Entfesselung der Kriegs- und Gewaltpolitik in einem chronologischen und systematischen Aufriss beschreibt und dabei die Verflechtung von Innen- und Auenpolitik, von Gesellschafts- und Rs-tungs- sowie von Rassen- und Eroberungspolitik analysiert. Hildebrand, Klaus: Das Dritte Reich, 7., durchgeseh. Aufl., Mnchen 2009, 488 S. Standardwerk zur Geschichte des Dritten Reiches auf dem aktuellen Stand der Forschung, bersichtlich aufbereitet und durch eine umfassende Bibliografie zugnglich gemacht. -Kater, Michael H.: Hitler-Jugend, Darmstadt 2005, 288 S. Profunder berblick ber die Organisation der Hitler-Jugend und des BDM. Er informiert ber die vielfltigen Bestrebungen des NS-Regimes, die Jugend fr sich zu gewinnen, berichtet aber auch von den Jugendlichen, die sich dem Nationalsozialismus widersetzten. Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im berblick, 4. Aufl., Hamburg 2009, 414 S. Didaktisch aufgebauter und im Urteil ausgewogener berblick ber die wichtigsten Themen und Kontroversen der NS-Forschung. Kompisch, Kathrin: Tterinnen. Frauen im Nationalsozialismus. Kln, Weimar, Wien 2008, 277 S. -Das Bild des NS-Regimes ist geprgt von mnnlichen Ttern und Hauptverantwortlichen, die Rolle von Frauen wird meist nur als die von Opfern gesehen. Kompisch zeigt auf, dass Frauen auch als Tterinnen auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Institutionen auftraten. --Longerich, Peter: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA, Mnchen 1989, 285 S. Moderne Darstellung der Sozial- und Organisationsstruktur der SA sowie ihrer Stellung innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung. Pehle, Walter H. (Hg.): Der Judenpogrom 1938. Von der Reichskristallnacht zum Vlkermord. Frankfurt/Main 1988, 246 S. Fachaufstze und Zeitzeugenberichte zur Vorgeschichte und Planung der Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Thematisiert wird auch die anschlieende Arisierung jdischer Betriebe. Reichel, Peter: Der schne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des deutschen Faschismus, Hamburg 2006, 560 S. -Der Autor untersucht die Doppelgesichtigkeit des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, das Macht und Gewalt mit sthetischer Verfhrung verband. Siemens, Daniel: Horst Wessel. Tod und Verklrung eines Nationalsozialisten, Mnchen 2009, 352 S. -Daniel Siemens analysiert anhand bislang unbercksichtigter Quellen die Hintergrnde der Ermordung Horst Wessels und die Verklrung seiner Person, die 1945 berdauerte, und untersucht die Rachemorde, die von SA, Gestapo und Justiz nach 1933 insbesondere an Kommunisten verbt wurden. -Steinbacher, Sybille (Hg.): Volksgenossinnen. Frauen in der NS-Volksgemeinschaft, Gttingen 2007, 238 S. -Dieser Band bietet einen aktuellen berblick ber die verschiedenen Rollen, die Frauen im Nationalsozialismus spielten und zeigt auch an biographischen Beispielen die Beteiligung von Frauen an Herrschaft und Verbrechen des NS-Regimes. ---Strohm, Christoph: Die Kirchen im Dritten Reich, Mnchen 2011, 128 S. (bpb-Schriftenreihe Band 1205) Kompakter berblick ber die Rolle der Kirchen im Dritten Reich. Thamer, Hans-Ulrich / Erpel, Simone (Hg): Hitler und die Deutschen: Volks-gemeinschaft und Verbrechen, Dresden 2010, 328 S. Die Herrschaft des Nationalsozialismus bedeutete eine bis dahin kaum gekannte Gewalt- und Vernichtungspolitik warum aber fanden Hitler und sein Regime dennoch fast bis zum Ende breite Zustimmung unter den Deutschen? Ausgehend von einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum versucht dieser Themenband, Antworten zu geben. Tooze, Adam: konomie der Zerstrung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, Mnchen 2008, 926 S. (bpb-Schriftenreihe Band 663) Umfassende, auf dem neueste Forschungsstand geschriebene und gut lesbare Darstellung, wie das NS-Regime die Wirtschaft von 1933 an auf die Vorbereitung zum Krieg umstellte und mit der Ausbeutung der besetzten Lnder die eigene konomie finanzierte. - 82 Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012 Tre, Werner (Hg.): Verbrannte Bcher 1933, Bonn 2009, 638 S. (bpb-Schriftenreihe Band 1003) -Unter der Parole Aktion wider den undeutschen Geist verbrannten natio- nalsozialistische Studenten am 10. Mai 1933 die Bcher linker, jdischer oder liberaler Autoren in deutschen Universittsstdten. Dieser Band stellt einige der verfolgten Autoren und ihre zensierten Texte vor. Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949, Mn-chen 2003, 1173 S. (bpb-Schriftenreihe Band 776), hier: Teil 4,9: Charismati-sche Herrschaft und deutsche Gesellschaft im Dritten Reich, S. 600-937 Zeitalter der Extreme hat Wehler diese Spanne deutscher Geschichte ge-nannt. Analysiert werden Wirtschaft, Sozialstruktur, politische Herrschaft und Kultur als Prgekrfte der historischen Entwicklung. Wildt, Michael: Volksgemeinschaft als Selbstermchtigung, Hamburg 2007, 411 S. Das Thema Volksgemeinschaft gewinnt in der Erforschung des NS an Bedeutung. Wildt analysiert das nationalsozialistische Gesellschaftsideal als Alltagspraxis des rassistischen und antisemitischen Ausschlusses. Entscheidend waren nicht allein diskriminierende Gesetze und Befehle, sondern vor allem eine langfristige Transformation der politischen Kultur. --Biografien Cohn, Willy: Kein Recht nirgends. Breslauer Tagebcher 1933-1941. Eine Auswahl, Kln, Weimar, Wien 2008, 388 S. (bpb-Schriftenreihe Band 768) Norbert Conrads hat Auszge aus den erhaltenen Tagebchern des His-torikers Willy Cohn zusammengestellt, die einen beklemmenden Einblick in die letzten Jahre der bedeutenden jdischen Gemeinde zu Breslau ge-whren. Fest, Joachim C.: Hitler. Eine Biographie, Berlin 1998, 1232 S. Eine methodisch und interpretatorisch richtungsweisende politische Bio-grafie, die zugleich eine politische Geschichte des NS bietet. Haner, Sebastian: Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933. Gekrzte Lesung. Gelesen von Walter Kreye, 4 Audio-CDs, 300 Minuten, Mnchen 2007 Die Aufzeichnungen entstammen dem unmittelbar Erlebten und gelten als bedeutendster Fund in Haners Nachlass. Herbert, Ulrich: Best. Biografische Studien ber Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989, Bonn 2011, 704 Seiten -Werner Best war der fhrende Ideologe und Organisator der Gestapo. Spannende und aufwndig recherchierte Biografie ber einen Mann, der ebenso als radikaler Ideologe auftrat wie als sachlicher Brokrat. In dieser Kombination lag einer der Grnde fr die Ezienz und weltanschauliche Radikalitt der Schreibtischtter des NS-Regimes. Kershaw, Ian: Hitler. Band 1: 1889-1936, Stuttgart 1998, 972 S. Band 2: 1936-1945, Stuttgart 2000, 1343 S. Profunde und detaillierte Darstellung des Aufstiegs Adolf Hitlers vom ge-scheiterten Knstler, Gefreiten im Ersten Weltkrieg bis zum Diktator, aber auch eine Analyse der politischen, kulturellen und sozialen Verhltnisse in Deutschland, die seinen Weg zur Macht ermglichten. Klemperer, Victor: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebcher 1933-1945, Berlin 2006, 8 Bnde, 1803 S. Beobachten, notieren, studieren das war die stndige Forderung, die Victor Klemperer an sich selbst stellte. Seine minutisen Notizen ber den Alltag der Judenverfolgung mitten in einer deutschen Grostadt lsten die selbstgesetzte Chronistenpflicht des zwangsemeritierten jdischen Professors ein, den die Treue seiner nichtjdischen Ehefrau Eva vor der Deportation bewahrte. -Longerich, Peter: Joseph Goebbels. Biografie, 2. Aufl., Mnchen 2010, 912 S. Mit dieser Biografie erzhlt Peter Longerich die politische wie die private Lebensgeschichte von Hitlers Chefpropagandisten und wirft zugleich ein neues Licht auf entlichkeit und Herrschaft im Nationalsozialismus. Wildt, Michael: Generation des Unbedingten. Studienausgabe. Das Fhrungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2003, 964 S. -Michael Wildt hat anhand umfangreicher neuer Quellen die Konturen des Reichsicherheitshauptamtes als Institution neuen Typs herausgearbeitet, die sich flexibel vernderten Situationen anzupassen verstand. -Internetadressen http://www.beitraege-ns.de/ Beitrge zur Geschichte des Nationalsozialismus http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-national-sozialismus/ Dossier der bpb zum Nationalsozialismus http://www.bpb.de/lernen/themen-im-unterricht/nationalsozialismus Angebote der bpb zur Thematisierung des Nationalsozialismus, Holo-caust und des Zweiten Weltkriegs im Unterricht http://www.dhm.de/lemo/home.html Deutsches Historisches Museum/Lebendiges Museum http://www.werkstatt-der-erinnerung.de/ Werkstatt der Erinnerung 83Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012Der AutorMichael Wildt ist gelernter Buchhndler und arbeitete von 1976 bis 1979 im Rowohlt-Verlag. Anschlieend studierte er von 1979 bis 1985 Geschichte, Soziologie, Kulturwissenschaften und Theologie an der Universitt Hamburg. 1991 schloss er seine Promotion zum Thema Auf dem Weg in die Konsumgesellschaft. Studien ber Konsum und Essen in Westdeutschland 1949-1963 ab und war anschlieend Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsstelle fr die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. Von 1997 bis 2009 arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut fr Sozialforschung und habilitierte 2001 mit einer Studie ber das Fhrungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Seit 2009 ist er Professor fr Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt in der Zeit des Nationalsozialismus an der HumboldtUniversitt zu Berlin.Seine Forschungsschwerpunkte sind Nationalsozialismus, Holocaust, Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und soziale wie politische Ordnungsvorstellungen in der Moderne.Kontakt: michael.wildt@geschichte.hu-berlin.dePeter Krumeich, Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Wildt, hat an der inhaltlichen Entwicklung des Heftes mitgewirkt und insbesondere in Abstimmung mit der Redaktion die Bildrecherche fr dieses Heft bernommen.ImpressumHerausgeberin: Bundeszentrale fr politische Bildung/bpb, Adenauerallee 86, 53113 Bonn, Fax-Nr.: 02 28/99 515-309, Internetadresse: www.bpb.de/izpb, E-Mail: info@bpb.deRedaktion: Christine Hesse (verantwortlich/bpb), Jutta Klaeren, Cornelius Strobel (Volontr)Gutachten und redaktionelle Mitarbeit: Christine Hesse, Bonn; Prof. Dr. Alfons Kenkmann, Professur fr Geschichtsdidaktik am Historischen Seminar der Universitt Leipzig; Jutta Klaeren, Bonn; Cornelius Strobel, Bonn; Daniel Teppe, Magdeburg; Prof. Dr. Hans- Ulrich Thamer, Historisches Seminar der Westflischen Wilhelms-Universitt MnsterTitelbild: Arbeiter der Blohm-und-Vo-Werft, Hamburg, beim Stapellauf des Schulschies Horst Wessel 1936 Sddeutsche Zeitung Photo/ScherlUmschlag-Rckseite: KonzeptQuartier GmbH, FrthGesamtgestaltung: KonzeptQuartier GmbH, Art Direktion: Linda Spokojny, Schwabacher Strae 261, 90763 FrthDruck: STARK Druck GmbH + Co. KG, 75181 PforzheimVertrieb: IBRo, Verbindungsstrae 1, 18184 RoggentinErscheinungsweise: vierteljhrlich ISSN 0046-9408, Auflage dieser Ausgabe: 50 000Redaktionsschluss dieser Ausgabe: Oktober 2012Text und Fotos sind urheberrechtlich geschtzt. Der Text kann in Schulen zu Unterrichtszwecken vergtungsfrei vervielfltigt werden.Anforderungen bitte schriftlich an Publikationsversand der Bundeszentrale fr politische Bildung/bpb Postfach 501055, 18155 Rostock Fax: 03 82 04/66-273 oder E-Mail: bestellungen@shop.bpb.de Absenderanschrift bitte in Druckschrift. 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Download i-tunes Store Android-Market Nationalsozialismus: Aufstieg und HerrschaftInhaltEditorialVolksgemeinschaft?AufstiegAnfnge der NSDAP in Mnchen Krisenjahr 1923 Erste Erfolge Das Ende der Weimarer Republik Machteroberung 1933Terror und Zustimmung Zerschlagung der Gewerkschaften Auflsung der Parteien Entmachtung der SA VolksgemeinschaftIntegration der Arbeiterschaft Rstungskonjunktur FrauenJugendGefhlte Gleichheit VerfolgungPolizeiErrichtung der Konzentrationslager Zwangssterilisation Verfolgung der Juden LiteraturhinweiseInternetadressenDer AutorImpressum

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