Gut & Böse – Ausgabe 04 2014 des strassenfeger

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    25-Nov-2015

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  • Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg 1,50 EUR davon 90 CT für den_die Verkäufer_in No. 4, Februar - März 2014 MARK BENECKE »13 Monate schiffbrüchig – geht das?« (Seite 4) TRAUMPROTOKOLLE »Hanna Schygullas filmgewor- dene Träume« (Seite 16) BERLINALE »Anderson – Interview mit Annekatrin Hendel« (Seite 26) GUT & BÖSE
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 20142 | INHALT strassen|feger Die soziale Straßenzeitung strassenfeger wird vom Verein mob – obdach- lose machen mobil e.V. herausgegeben. Das Grundprinzip des strassenfeger ist: Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe! Der strassenfeger wird produziert von einem Team ehrenamtlicher Autoren, die aus allen sozialen Schichten kommen. Der Verkauf des stras- senfeger bietet obdachlosen, wohnungslosen und armen Menschen die Möglichkeit zur selbstbestimmten Arbeit. Sie können selbst entschei- den, wo und wann sie den strassenfeger anbieten. Die Verkäufer erhalten einen Verkäuferausweis, der auf Verlangen vorzuzeigen ist. Der Verein mob e.V. fi nanziert durch den Verkauf des strassenfeger soziale Projekte wie die Notübernachtung und den sozialen Treff punkt »Kaff ee Bankrott « in der Storkower Str. 139d. Der Verein erhält keine staatliche Unterstützung. Liebe Leser_innen, kommt Ihnen folgender Satz bekannt vor? »Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt.« Ich bin mir sicher, Sie haben gewusst, dass er von Wilhelm Busch (»Die fromme Helene«) stammt. Unsere Autoren haben in dieser Aus- gabe des strassenfeger versucht, der Sache mit dem Gut und Böse auf den Grund zu gehen, herauszufi nden, was genau gut bzw. was böse ist. Den Anfang macht eine Betrachtung zum alttestamentarischen Sündenfall (Seite 3), mit dem das Böse ja angeblich auf die Welt kam. Dann haben wir mit dem eloquen- ten Kriminalbiologen Mark Benecke gesprochen, diesmal aber nicht über Serienmörder etc., sondern über einen Schiffbrüchi- gen (Seite 4). Außerdem beschäftigen wir uns mit Zombies, den bösen Nachbarn, einer Giraffe namens Marius, fi esen Unterhal- tungsshows im Fernsehen und anderen bösen Dingen. Aber: Wir – in diesem Fall unsere Schülerpraktikantin Laura – be- richten auch über das Gute: Im Rahmen der Spendenkampagne »OneWarmWinter« haben wir wieder warme Winterkleidung an obdachlose Menschen am Bahnhof Zoo ausgegeben (Seite 14). Relativ gut ist auch das Sozialsystem in Schottland (Seite 13) und natürlich die Tatsache, dass der Comic »Superpenner« unseren Verkäufer_innen beim Verkaufen des strassenfeger sehr geholfen hat (Seite 19)! In der Rubrik »art strassenfeger« berichtet unsere Kulturredak- teurin Urszula Usakowska-Wolff über Hanna Schygullas fi lm- gewordene Träume – ihre »Traumprotokolle« in der Akademie der Künste (Seite 16). Außerdem in der Ausgabe: Ein Bericht zum erfolgreichen Rückrundenstart der Handballer der »Füchse Berlin« (Seite 21). Last but not least: Wir haben selbstredend auch die »64. Berli- nale« besucht und uns unzählige Filme anschauen dürfen. Die Berichte und Interviews dazu fi nden Sie auf den Seiten 24 bis 28. Ich wünsche Ihnen, liebe Leser_innen, wieder viel Spaß beim Lesen! Andreas Düllick 3 4 5 6 7 8 10 11 12 13 14 15 GUT & BÖSE Wiederentdeckung des Sündenfalles Dr. Mark Benecke: Möglich oder unmöglich? Tot oder untot? Böse Nachbarn Die Giraff e Marius Ist Berlin auf einen Blackout vorbereitet? Gute Unterhaltung Reiner Fiesling oder perfekter Gutmensch Zweifelhaft e Gesetze: Absurd oder notwendig? Wohnungslosenhilfe in Schott land Neue Wärmehalle für Obdachlose »OneWarmWinter« hilft ! 16 18 19 20 21 22 24 25 26 TAUFRISCH & ANGESAGT a r t s t r a s s e n fe g e r »Traumprotokolle« - Hanna Schygullas fi lm- gewordene Träume in der Akademie der Künste Ve re i n Die letzte Nacht in der Notübernachtung Ve r k ä u fe r Erfahrungen mit dem Comic »Superpenner« k a f fe e b a n k ro t t Gitarre für den guten Zweck! S p o r t Hungrig: Die »Füchse Berlin« K u l t u r t i p p s skurril, famos und preiswert! B e r l i n a l e Ein Mitglied der ELSE-Jury berichtet Amnestyfi lmpreis »Anderson« – Interview mit der Regisseurin 29 30 31 AUS DER REDAKTION H a r t z I V - R a t g e b e r Leistungen für Bildung & Teilhabe (1) K o l u m n e Aus meiner Schnupft abakdose Vo r l e t z t e S e i t e Leserbriefe, Vorschau, Impressum
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 GUT & BÖSE | 3 Gut und böse Die Wiederentdeckung des alttestamentarischen Sündenfalles B E T R A C H T U N G : B e r n h a r d t D as gegensätzliche Begriffspaar »gut und böse« gehört in den Bereich der Ethik (Sittenlehre) und damit zur praktischen Philosophie. Fast alle bedeutenden Philosophen der Vergangen- heit und auch der Gegenwart haben sich damit beschäftigt; geht es doch darum, das menschliche Handeln zu ergründen, zu bewerten und Regeln zu finden für das richtige Verhalten innerhalb einer Gesellschaft. Der Vorgang des Bewertens erfordert logischerweise – und dessen sind sich die meisten Menschen gar nicht bewusst -, ei- nen Maßstab, den man an den zu bewertenden Gegenstand an- legt. Ohne einen solchen wäre das Bewerten reine Willkür und nicht vernunftmäßig begründbar. An sich ist dieser Maßstab von der Natur vorgegeben. Alle anderen Lebewesen halten sich grundsätzlich daran und wissen instinktiv, was richtig und was falsch ist. Bei Tieren werden sich z. B. Artgenossen nicht untereinander umbringen. Denn oberstes Naturprinzip ist das Leben. Das wissen sie, ohne sich dessen bewusst zu sein. Nur bei dem Menschen ist es komplizierter. Als höchst entwi- ckeltes Lebewesen besitzt er Bewusstheit von sich selbst; »er weiß, dass er weiß«. Darüber hinaus maßt er sich in frevelhaf- tem Übermut an, selber zu bestimmen, was gut und was böse ist. Damit sagt er sich von der vorgegebenen naturgemäßen Ordnung und von seinem geistigen Ausgangspunkt los. Von dort sollte er mittels der Empfindung, seiner inneren Stimme, Informationen für sein Verhalten empfangen. »Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, lässt der französische Dichter Antoine de Saint- Exupéry den Fuchs zu dem kleinen Prinzen in der gleichnami- gen Erzählung sagen. Klarer kann man es kaum formulieren. Dieses Lossagen von der durch den Schöpfer vorgegebenen Ordnung ist nichts anderes als der alttestamentarische Sün- denfall. Dort findet man bereits dieses »gut und böse«. Es sind die Worte der listigen Schlange, Prinzip des Bösen, die Eva im Paradies überredete, von der verbotenen Frucht am Baum der Erkenntnis zu essen. Gott, der Schöpfer des Alls, hatte dies den beiden ersten Menschen ausdrücklich verboten. Aber die Verlockungen der Schlange waren zu verführerisch, so dass Eva ihnen erlag, von dem Baume einen Apfel aß und auch Adam davon zu essen gab. Die Schlange hatte gesagt, wenn ihr davon esst, »werdet ihr sein wie Gott, und ihr könnt selber bestimmen, was gut und böse ist« (1. Mose, Kapitel 3, Vers 5). Der weitere Verlauf ist bekannt. Gott trieb die beiden zur Strafe aus dem Paradies und gab ihnen gleich noch eine Hand- voll Verwünschungen mit auf den Weg. Was soll uns diese Geschichte lehren? – Wie die meisten zen- tralen Aussagen der Bibel ist auch diese symbolisch zu verste- hen. Das Verbot, von einem bestimmten Baum zu essen, ist eine Einzelweisung und steht beispielhaft für den Willen Got- tes; für seine allgemein geltenden Gesetze, die den Menschen als Natur- und Schöpfungsgesetze entgegentreten und die von ihnen zu ihrem eigenen Nutzen befolgt werden sollen. Hier geht es nicht um Meinen oder Glauben, sondern um exakt von Naturwissenschaftlern nachweisbare und an jedem Ort der Erde und des Universums wiederholbare Gesetzmäßigkeiten und Ablaufmechanismen. Und diese sind vollkommen, wie naturwissenschaftlich belegt ist. Sonst könnten die Menschen beispielsweise nicht zum Mond fliegen. Sonst würden die Quartzuhren nicht so genau gehen, wie sie es tatsächlich tun. Diese Anmaßung wirkt sich nun deshalb besonders verhee- rend aus, weil der Mensch jetzt seine Entscheidungen allein durch den irdischen Verstand (Intellekt) trifft, der nur über eine sehr eingeschränkte Erkenntnisfähigkeit verfügt. Er ist an Raum und Zeit gebunden. Jeder beurteilt einen gegebenen Vorgang aus seiner konkreten subjektiven Situation, macht sich selber zum Maß aller Dinge. Die Verbindung zu seinem geistigen Ursprung mittels Empfindung (Intuition) ist seit dem Sündenfall verschüttet. Das Verhältnis zwischen Geist und Verstand ähnelt dem zwischen Kapitän und Steuermann. Der Kapitän bestimmt das Ziel, der Steuermann setzt diese Entscheidung in die Tat um unter Beachtung der konkreten Gegebenheiten von Raum und Zeit (Wetterverhältnisse, Strö- mungen, Treibstoffvorrat usw.). Jeder bestimmt selber, was gut und böse ist. Jeder will recht haben und gern der Größte sein, wird zum Egomanen. Er steht dabei in einem gnadenlosen Wettbewerb mit den an- deren, die Gleiches anstreben. Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen mit all ihren schlimmen Folgen sind vorprogrammiert. Richtig wäre, gemeinsam und demütig nach oben in Richtung unserer geistigen Heimat zu schauen und die vorgegebene Ordnung, die Natur- und Schöpfungs- gesetze, zu erforschen, um daraus Schlüsse für das richtige Handeln abzuleiten. Lucas Cranach d. Ä. - Sündenfall und Erlösung (Národní galerie v Praze)
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 20144 | GUT & BÖSE Dr. Mark Benecke ist schon recht smart! (Quelle: www.benecke.com) Möglich oder unmöglich? »Die Bewertung meiner Ergebnisse ist Aufgabe der Justiz.« Dr. Mark Benecke I N T E R V I E W : G u i d o F a h r e n d h o l z M an mag meinen, gerade auch in der Krimi- nalbiologie, Rechtsmedizin und forensischen Kriminaltechnik ginge es einzig und allein um die beweisführende Analyse über Gut und Böse. Ein weit verbreiteter Irrglaube! Nicht zuletzt forciert durch einen medialen Überfluss an Kriminal- Serien mit so tollen Namen wie: »NCIS«, »CSI«, »Bones«, »Cold Case« usw. Dabei hat die Arbeit, beispielsweise von Deutschlands bekanntestem echten Kriminalbiologen, Dr. Mark Benecke, damit so rein gar nichts zu tun. In einem frü- heren Interview mit uns brachte er das Ziel und die Ergeb- nisse seiner Arbeit und Forschungen, kurz und knapp auf den Punkt: »Ich versuche herauszufinden was möglich und was unmöglich ist. Die Bewertung meiner Ergebnisse ist Aufgabe der Justiz.« Auf eindrucksvolle Weise hat er dies am aktuel- len und aufsehenerregenden Beispiel von Jose Salvador Alba- rengo live im strassenfeger radio getan. Guido Fahrendholz: Mark, Du kennst die Geschichte dieses Mannes, der dreizehn Monate in einem manövrierunfähigen kleinem Boot, von Mexico bis nordöstlich von Australien rund 10 000 Kilometer getrieben sein will. Dr. Mark Benecke: Technisch ist alles Mögliche vorstell- bar. Man muss aber unterscheiden, ob jemand tatsächlich schon auf hoher See war und hohen Seegang gewohnt ist. Wasser ist immens tückisch. Dann brennt die Sonne uner- bittlich und wird reflektiert. Also für sich genommen ist diese Geschichte schon mal ganz schön abenteuerlich. Viel inte- ressanter ist die Frage: Ist dieser Mensch in der Lage, sich genügend zu ernähren auf dieser Reise? Da man nicht mehr nachprüfen kann, was er so im Einzelnen erzählt, ist dann auch eine Bewertung schwieriger. Albarengo erzählte, dass er Regenwasser aufgefangen und getrunken hat, aber auch das Blut von gefangenen See- schildkröten? Ja, man kann mit dem Blut einer Schildkröte durchaus auch seinen Durst löschen. Das ist wie bei uns Menschen in einer modernen Großstadt. Wir nehmen ja Wasser auch nicht nur durch Getränke auf wie Tee, Limo oder Bier, sondern auch dadurch, dass wir beispielsweise Joghurt essen oder Salat. Das geht dann auch mit Blut. Ob man aber unter den Bedingun- gen, die auf dem Meer herrschen, wo sehr viel Feuchtigkeit vom Körper abtransportiert wird, eine hohe Sonneneinstrah- lung für weitere Verdunstung sorgt, das so gut hinkriegt, und auch noch genügend Regenwasser aufzufangen, ist schwer zu testen und nachzuvollziehen. Eine weite Möglichkeit wäre auch, mit Hilfe der Sonne Salzwasser zu destillieren, bei- spielsweise an einer Plastikfolie zu kondensieren und dieses halbwegs saubere Wasser aufzufangen. Sehr lange würde ich dies aber auch nicht machen. Was macht die Sonne mit einem Menschen, der ihr solange ausgesetzt ist? Die Sonne ist ein sehr großes Problem, weil sie den Kör- per zusätzlich erwärmt und ihr UV-Lichtanteil von der Was- seroberfläche zurückreflektiert wird. Je nachdem wie lange man sich ihr aussetzen muss, bedingt durch die Konstruktion des Bootes und das Tragen von Kleidung, ist die Verdunstung entsprechend stark. Andererseits muss man sich eventuell mehr oder weniger stark körperlich betätigen, auch das kön- nen wir nicht überprüfen. Konnte er sich also schützen, in dem er Schatten aufsuchte, entsprechende Kleidung trug und wenige Anstrengungen leistete, sind die Verdunstung durch die Sonne und Verbrennungen weniger stark. Man sieht dann halt nur aus wie ein gegerbter Seebär, aber das wirkt dann ja auch recht cool nach einer solch langen Seereise. Man sieht dann halt nur aus wie ein gegerbter Seebär… Ist Dir in Deiner langen Laufbahn als Forensiker schon ein- mal ein ähnlicher Fall begegnet? Das hat jetzt weniger etwas mit Forensik zu tun, aber es gibt sogenannte Yogis, die einen angeblich medizinischen Beweis anstreben und ihre Fähigkeiten, ohne Nahrung und Wasser zu leben, testen lassen wollen. Diese versuchen grund- sätzlich alle während dieser Tests immer irgendwie an Regen- wasser zu kommen. Beispielsweise unter einem Vorwand wie: »Ich bin jetzt stundenlang getestet worden, ich geh jetzt mal eine Zigarette rauchen.« Bis dahin haben sie oft viele Tage wirklich nichts gegessen; nicht essen kann man tatsächlich ja auch ziemlich lange. Auffälliger Weise gehen diese Yogis aber fast immer dann vor die Tür rauchen, wenn es regnet. Für ein paar Tage reicht das mit den Haaren oder dem Bart aufge- fangene Wasser dann auch aus. Aber irgendwann schummeln und schmuggeln sie alle Wasser in die Testräume.
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 GUT & BÖSE | 5 Tot oder untot – das ist hier die Frage! Der Wandel des Zombies vom Totengeist zum Menschenfresser B E T R A C H T U N G : J e a n n e t t e G i e r s c h n e r H aben Sie bereits Ihr Überlebenspaket für die Zombie-Apokalypse gepackt? Dazu gehören nicht nur Langzeitnahrung und Wasserfilter, sondern auch Waffen wie Armbrust und Mes- ser. Ein Erste-Hilfe-Set ist ebenso notwendig wie Funkgeräte und Taschenlampen. Jetzt werden Sie wahrscheinlich mit dem Kopf schütteln – Zombies sind reine Fantasiegestalten, die in Filmen äußerst erfolgreich vermarktet werden. Grundsätzlich liegen Sie da richtig, allerdings gibt es viele Menschen, die sich ernsthaft Gedanken machen, wie man sich im Falle eines Falles ver- halten sollte. In einer kanadischen Stadt wurden höchst amt- lich Richtlinien für eine mögliche Epidemie, die Menschen in Zombies verwandelt, entwickelt und eine Karte mit Risiko- gebieten zusammengestellt. In Las Vegas gibt es den ersten Zombie-Apokalypse-Store, in dem man alles Notwendige für das Überleben findet und Kurse im Zombie-Boot-Camp bu- chen kann. Dort lernt man mit Pfeil und Bogen zu schießen, ohne Supermarkt zu überleben und einen gesicherten Unter- schlupf zu bauen. Typisch Amis, meinen Sie? Mitnichten. Die Piraten haben im Berliner Abgeordnetenhaus angefragt, ob Berlin für den An- griff von Zombies vorbereitet ist, was verneint wurde. Die Antwort überrascht nicht, schließlich ist ein solches Szena- rio schwer vorstellbar. Umweltkatastrophen und Epidemien durch Viren sind schutztechnisch vorbereitet, der Sinn der Anfrage bezog sich auch eher auf die Sensibilisierung der Bevölkerung. Wer auf Zombies vorbereitet ist, übersteht alle anderen Katastrophen. Die Angst vor Zombies gibt es nicht erst seit den vielfältigen Verfilmungen. Das Wort Zombie stammt aus der zentralafri- kanischen Sprache Kimbudu (»nzùmbe«) und meint den To- tengeist, der körperlich erscheint und für erlittenes Unrecht nach Rache sinnt. Länder wie Haiti, in denen Voodoo betrie- ben wird, gab es schon früh Beschwörungen und Medika- tionen mit Atropin für nicht gesellschaftsfähige Menschen. Diese verfallen daraufhin als »zunbi« in einen willenlosen Zustand und können so nichts Böses mehr tun. Der Zombie an sich war demnach kein böser Mensch. Zombies als Menschenfresser sind eine Erfindung der Film- industrie, die dem Verlangen des Publikums nach Blut und Nervenkitzel erlag. Auch in Computerspielen und Comics wa- ren vom Bluthunger verzerrte und seelenlose Figuren äußerst erfolgreich. Eine Erklärung der Verwandlung vom guten Men- schen zum bösen Zombie ist allerdings erst in den letzen Jah- ren Bestandteil von Zombiefilmen und –comics. Der Großteil bezieht sich dabei auf naturwissenschaftliche Phänomene wie Virus- und Parasiteninfektionen. Auch der Fokus auf gesell- schaftskritische Inhalte integriert das Phänomen Zombie. Ein Leben und Überleben in einer Welt voll Zombies bringt von Selbsterhaltungstrieb gesteuerte Verhaltensmuster hervor, die das eigene Leben und das seiner Verbündeten über das Leben anderer Überlebender stellt. Man tötet nicht nur Zom- bies, sondern auch Menschen, die Nahrung und Sicherheit im Weg stehen. Frei nach Thomas Hobbes – der Mensch ist des Menschen Wolf. Die Meldungen von Menschen, die zombie-ähnlich andere Menschen attackieren und Menschenfleisch essen, haben vielfältige Hintergründe wie psychotische Störungen, die zum Kannibalismus führen oder die neue Droge »Cloud Nine«, auch »Zombie-Droge« genannt. Das synthetische Rauschmit- tel gehört zu den sogenannten Badesalzen. Es lässt die Körper- temperatur ansteigen, führt zu Halluzinationen und tierischen Verhaltensweisen. In Miami wurde letztes Jahr ein Obdachlo- ser von einem Mann angefallen, der ihm das Gesicht zerbiss. Das Grauen der Menschen vor Unbekanntem und Unerklär- lichem wandelte das Ansehen des religiösen Zombies, dessen willenloser Zustand böse Menschen vom Handeln abhielt, in menschenfressende Kreaturen, die nichts anderes im Sinn haben als das Böse. Ein Gutes hat die Hysterie – die Beschäf- tigung mit möglichen Katastrophen, so unwahrscheinlich sie auch sein mögen.Zombie in der 2010 Dragon*con Parade (Foto: cc Brian Garret/flickr)
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 20146 | GUT & BÖSE Böse Nachbarn Müll, Kindergeschrei, wilde Partys – Nachbarstreit allerorten B E R I C H T : A n d r e a s P e t e r s I ch entsinne mich noch gut an meine Kindertage, als wir mit dem Fußball auf dem Rasen hinterm Haus gebolzt und uns den Unmut des Herrn Polzin zugezogen haben. Für uns war das damals so ein böser Nachbar, den wir unsererseits mit Klingelstreichen ebenso böse verfolgt haben. Wer also war böser? Wir, die wir einfach nur spielen wollten, oder der Herr Polzin, der als Rentner seine Ruhe ha- ben wollte. Eine Antwort darauf fällt mir heute noch schwer. Doch die Grundlage jedes Nachbarschaftsstreits ist damals wie heute die unterschiedliche Interessenlage von Menschen, die nah beieinander leben und trotzdem den Versuch aufein- ander zuzugehen, auslassen. Ich höre noch meinem Großvater sinngemäß sagen: »Das war in schwierigen Zeiten, wie zum Beispiel nach dem Krieg, wo die Menschen aufeinander angewiesen waren, anders«. Sicher ist, dass Gemeinsamkeiten verbinden. Das Haus, in dem ich wohne, beherbergt viele Familien mit Kindern, und ältere Mieter, die selbst Kinder großgezogen haben. Es stellt deshalb kein Problem dar, wenn mal Kindergeschrei durch den Hausflur schallt, obwohl es schon spät ist, oder der ganze Sand vom Spielplatz sich über die Treppenstufen im Haus verteilt. Auch Schuhe, die quer über den Flurabsatz verteilt sind, haben nach meiner Kenntnis noch zu keinem Rechts- streit geführt. In anderen Situationen und Häusern ist dieses Beispiel Anlass für jahrelange Fehden und Rechtsstreitigkei- ten, weil einer der Beteiligten meint, ständig über die Schuhe des Nachbarn zu stolpern. Über gute Nachbarn mache ich mir in der Regel allerdings weniger Gedanken, als über schlechte. Und so kommt es, dass ich seit Monaten beobachte, dass in regelmäßigen Abständen im Hinterhof sich Riesenkartons von Haushaltgeräten oder auch Riesenfernsehern vor den Papiermülltonnen stapeln. Entweder, weil die Tonnen mit kleineren, aber noch nicht zu- sammengedrückten Kartons überfüllt sind, oder einfach nur, weil es demjenigen, der nach Entsorgung der Pappe trachtete, egal ist. Manchmal wird der Verpackungsmüll von den Müll- werkern mitgenommen, manchmal aber auch nicht. Dann lie- gen diese Verpackungen oft Wochen herum. Dies gilt ebenso für Kleinmöbel, die, wenn schon nicht in der Tonne, dann neben der Tonne entsorgt werden. Merkwürdigerweise stehen solche Erscheinungen meist im Zusammenhang mit dem Ein- und Auszügen im Hinterhaus. Bei mir im Vorderhaus ist somit klar, wo die Bösen wohnen. Die machen schließlich auch die besten und längsten Partys mit kostenloser Beschallung bis in die Morgenstunden. Vor kurzem wurde allerdings zu einer dieser Partys doch glatt eine nette Einladung am Vorabend im Hausflur des Vorderhauses ausgehängt. Wissenschaftler stellen solche Phänomene in Zusammenhang mit dem anonymen Großstadtleben und den Veränderun- gen im Arbeitsleben. Christoph Mautz, Soziologe an der Uni Münster betont, dass »wo gemeinsame Interessen fehlen, die Nachbarschaft immer mehr an Bedeutung verliert. Dies gilt gerade für junge Menschen, die allein schon aus beruflichen Gründen oft nach kurzer Zeit wieder wegziehen und sich, wenn schon (Haus-) Gemeinschaft, diese bewusster aussu- chen«. Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, dass es mich nicht so trifft wie einen Bekannten von mir in Neukölln, der in der Karl-Marx-Straße wohnt. Der fürchtete bis vor kurzem, dass der Müll vom Hinterhof ihm die Sicht aus dem Küchenfenster im 2. OG nimmt. Seine Nachbarn jedenfalls entsorgten wie selbstverständlich ihren Müll unmittelbar direkt aus dem Kü- chenfenster. Mülltrennung, wie wir sie gemeinhin kultivieren, ist offensichtlich nicht überall üblich. Jedenfalls stapelten sich über mehrere Wochen ausgediente Haushaltsgeräte, Mülltü- ten, Kartons und Altölfässer vor seinem Fenster. Als ich dieser Tage neugierig geworden meinem Bekannten eine Besuch ab- stattete, war der Müllhaufen bereits entsorgt. Dies geschah so überraschend, dass Fragen bleiben. Hat vielleicht jemand im Haus mit der Total-nett-und-freundlich-Methode (ein über- reichter Blumenstrauß an den vermeintlich bösen Nachbarn) vielleicht zu einem anderen Verhalten motiviert? Ganz gleich, wie dieses nachbarschaftliche Problem gelöst wurde. Wir halten uns lieber an das greifbar Böse in der Nach- barschaft, statt uns über Kriege und Verrat in der großen Welt aufzuregen. So wie uns ein guter Nachbar manches Mal mehr Wert ist, als ein Freund in der Ferne. Müll im Hinterhof (Foto: Andreas P.)
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 GUT & BÖSE | 7 Die Giraffe Marius »Fleisch wächst nicht bei Aldi im Regal« B E R I C H T : Ta n n a z Die Giraffe Marius ist 18 Monate alt. Wie die meis-ten Jungtiere ist er für den Zoo in Kopenhagen ein Gewinn und eine echte Attraktion. Auch am 9. 2. 2014 versammeln sich wieder unzählige Besucher, um Marius zu sehen, darunter viele Kinder. Doch etwas ist anders an diesem Tag: Marius liegt tot auf dem Boden. Er- schossen von seinem Tierarzt. »Komm her, Marius, hier ist ein wenig Brot für dich. Ich habe mit einem Gewehr dahinter gestanden und als Marius sich nach vorne gebeugt hat, habe ich ihm in den Kopf ge- schossen. Das klingt brutal, aber es bedeutet auch, dass Ma- rius nicht wusste, was auf ihn zukommt.« Der Pfleger steht neben dem getöteten Tier und erklärt den Zuschauern, wie sich alles ereignet hat. Unter den Zuschauern sind auch viele Kinder. Einige hören mit Spannung zu, ein Mädchen zieht ihre Jacke über ihren Kopf. Gleich wird er vor den Augen der Besucher das Tier obduzieren und anschließend den Löwen im Zoo zum Fressen geben. Aufgrund einer Inzuchtgefahr habe der Tierarzt das Tier erschießen müssen. Von Marius’ Art gab es zu viele im Kopenhagener Zoo, deswegen musste er sterben. In solchen Fällen werden eigentlich andere Zoos benach- richtigt, diese konnten Marius aufgrund seiner häufig auftre- tenden Rasse auch nicht bei sich aufnehmen. Sie alle hätten Giraffen, die mit Marius verwandt seien. Der Zoo ist Teil der Europäischen Zoo-und Aquarienvereinigung (EAZA), und unterliegt dabei einem strengen Zuchtprogramm. Und weil den Ärzten und Tierpflegern die genetische Vielfalt und das Vorbeugen einer Inzuchtgefahr, die ja auch Krankheiten mit sich tragen würde, wichtiger scheint, als das Leben eines Individuums, bleibt dem Zoo Kopenhagen nur eine Wahl: Marius muss sterben. U n d p l ö t z l i c h h a g e l t e s K r i t i k Im Vorfeld war eine Onlinepetition erschaffen worden, wo viele versuchten, den Eingriff aufzuhalten. Vergebens. Wäh- rend auch nach dem Vorfall unzählige Tierschützer und ent- setzte Besucher ihrer Wut freien Lauf lassen und der Tierarzt sogar mit Todesdrohungen zu kämpfen hat, scheinen andere weniger überrascht zu sein. Denn, der Fall ist legitim und das Töten von Tieren in Zoos geschieht tagtäglich, auch bei uns in Deutschland. Nicht nur in den Zoos, auch bei unserem Kon- sum von Nutz und Schlachttieren werden etliche Tiere getötet und keiner schreit auf. Kritisiert wurde auch, warum Giraffen dann nicht ein Verhütungsmittel bekommen. Die sei aber gesundheitsschäd- lich, so Encke. Doch die eigentliche Kritik ist, dass das Tier getötet und öffentlich zur Schau gestellt wurde. Doch auch das rechtfertigt der Zoo in Kopenhagen und Peter Dolliner, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zoodirektion sagt, wie unter anderem dem Tagesspiegel zu entnehmen war: »Menschen sollten wissen, wie ein Tier geschlachtet wird, denn Fleisch wächst nicht bei Aldi im Regal.« Wa r u m d e r Fa l l d i e M e n s c h e n s o b e w e g t Der Nachrichtenagentur dpa berichtete Dag Encke, der Di- rektor des Nürnberger Zoos, warum wir solche Probleme mit dem Fall haben. »Weil es um eine Giraffe geht. Das sind die großen Charismatiker unter den Tieren. Da schlucken die Menschen natürlich erst einmal. Aber eine Giraffe zu verfüt- tern, ist im Grund nichts anderes, als ein Schwein zu keulen. Die Leidensfähigkeit der beiden Tiere ist identisch. Das zeigt, dass viele Menschen diesen Themen rein emotional begegnen. Wir Zoos sind auch dazu da, um den Menschen zu zeigen: Das ist etwas ganz Natürliches, auch eine Giraffe wird gefressen.« Der Fall zeigt: Über die Abläufe und das Ende der jungen Giraffe gibt es verschiedene Meinungen. Was für die einen ethisch nicht vertretbar ist, ist für die anderen ein normaler Fall, der einfach nur durch Marius ein Gesicht bekommen hat. Fest steht, dass der Zoo in Kopenhagen seit dem in der Kritik steht und fraglich bleibt, ob beim nächsten Mal, was sicherlich kommen wird, wieder die Medien und dutzende Zuschauer das Prozedere begleiten werden. Doch die eigentliche Frage ist, wie viele Menschen die Geschichte von Marius heute, drei Wochen nach den Ge- schehnissen noch bewegt und wie viele von denen, die am Anfang noch den Zeigefinger richteten, bald einen Tag im Zoo verbringen und den Giraffen beim Leben zuschauen. Diese Giraffen werden hoffentlich nicht von Löwen verspeist! (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
  • 01 strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 20148 | GUT & BÖSE Wenn die Lichter ausgehen Ist Berlin auf einen Blackout vorbereitet? B E T R A C H T U N G : M a n f r e d W o l f f W ir hatten zuhause immer ein Schwein im Stall. Das wurde regelmäßig gefüttert und sauber gehalten. Immer wieder durfte es aus seinem Stall lustige Ausflüge in den Garten unternehmen. Das Schwein ge- hörte zur Familie, und ich denke, das Schwein sah das auch so. Es hatte keinerlei Anlass, sich um sein Leben Sorgen zu machen. Es ging mit uns genauso freundlich um wie wir mit ihm. Aber dann kam der Tag, wo am Morgen die Stalltür ge- öffnet wurde, es jedoch nicht in den Garten ging. Draußen wartete der Hausschlachter mit dem Bolzenschussgerät und dem Messer. Das Schlachtfest war in der Lebensplanung des Schweins nicht vorgesehen, wohl aber der geplante Abschluss seines Lebens von den Menschen. E s w i rd s c h o n g u t g e h e n Menschen verhalten sich meist ebenso. Sie halten das gute und sichere Leben für normal und selbstverständlich. Katast- rophen sind nicht eingeplant. Wir halten es für selbstverständ- lich, dass wir jederzeit und überall mit Elektrizität versorgt werden. Wir haben unser ganzes Leben auf der Elektrizität aufgebaut, daran gefesselt. Licht und Wärme, Kommunika- tion und Verpflegung, Sicherheit und Versorgung, Gesund- heit und Unterhaltung, nahezu die gesamte Warenproduktion und Warenverteilung – alles klappt nur mit Elektrizität. Das ist unser Komfort im 21. Jahrhundert, aber wer es will, kann wissen, dass das alles an einem seidenen Faden hängt. Keine Elektrizitätsgesellschaft kann und will garantieren, dass der Strom immer fließt. Zu viele Faktoren können zu Störungen in der Versorgung führen. Wetter, menschliches Versagen oder technische Mängel können das System zusammenbre- chen lassen. Die Stromproduzenten haben ein engmaschiges Netz von Sicherheitsmaßnahmen geknüpft, die dafür sorgen, dass Ausfälle nicht vorkommen, schnell kompensiert werden und die Folgen eines solchen Ereignisses gering bleiben. Das Elektrizitätssystem baut auf einem Verbund von Großkraftwerken und zahlreichen kleineren verbraucher- nahen Einheiten auf, die europaweit zusammengeschaltet sind. Schon diese kontinuierliche und tech- nisch steuerbare Produktion ist immer wieder störanfällig. Wenn nun diese Elektrizitätswerke durch umweltfreundliche Alternativen ersetzt werden, die nicht so berechenbar sind, wächst die Wahrscheinlichkeit großer und schwerwie- gender Ausfälle und Störungen. Der Wind lässt sich nicht steuern, er weht, wann er will. Pho- tovoltaik funktioniert nur bei Sonnenschein. Die weiten Transportwege von der Küste bis nach Bayern und Baden-Württemberg erhö- hen ebenso das Risiko wie die dezentralisierten Kleineinspeiser auf den Dächern. Computer sollen menschliches Versagen bei der Über- wachung des Netzes ausschließen, aber es gibt auch Softwarefehler, die nur in Extremsituatio- nen wirksam werden. Wo ein Computer steht, dahin richtet sich auch die Begehrlichkeit der Hacker. Sei es eine feindliche Absicht oder nur der Ehrgeiz eines Nerds, ein Mausklick genügt, um unsere elektrische Zivilisation zusammen- brechen zu lassen. Noch ist es immer wieder gut gegangen, die Störungen trafen kleine Einhei- ten oder waren schnell behoben. Aber es kann auch böse enden. B e r l i n i m B l a c ko u t Wenn Berlin von einem totalen Stromausfall ge- troffen wird, bleibt es erstmal dunkel. Aber das ist nur der harmloseste Effekt. Da könnten Haus- haltskerzen helfen, doch wer hat davon genü- gend bei sich? Mit der Beleuchtung fällt auch die Wärme aus. Auch zentrale Gasheizungen brau- chen Strom. Fernsehen, Radio und Festnetztele- fon fallen aus. Wir erfahren nicht, was um uns herum passiert. Die Akkus der Handys reichen auch nicht lange. Dass Waschmaschinen und Staubsauger still stehen, ist nicht so schlimm.
  • 01 Warnzeichen vor Hochspannungs- leitungen (Quelle: Wikipedia/3268zauber) 02 Arbeiten an einer Hochspannungs- leitung (Quelle: Wikipedia/Holger.Ellgaard) 03 Das »“rot-blaue Modell« in Berlin. Im Auftrag der Feuerwehr beseitigt das THW in Berlin eine Ölspur. (Quelle: Wikipedia/ Peter Lohmann) 04 Kernkraftwerk Grafenrheinfeld – 2013 (Quelle: Wikipedia/Avda) 02 03 04 strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 GUT & BÖSE | 9 Aber wie steht es um die Ernährung? Gekocht werden kann jedenfalls nicht, es sei denn, man hat einen Gasherd, der auch mit einem Streichholz gezündet werden kann. Sind genügend kalt essbare Lebensmittel für eine Woche vorhanden? Einkau- fen geht nicht, denn die automatischen Türen und elektroni- schen Kassen der Supermärkte funktionieren nicht. Wen der Blackout nicht zuhause erwischt, der wird stun- denlang in Bahnen festsitzen, in Aufzügen auf Befreiung war- ten, in Megastaus auf den Straßen stehen, denn die Ampeln sind ja auch außer Betrieb. Polizei, Feuerwehr und THW haben da kaum Chancen, an ihre Einsatzorte zu kommen. Notstrom- aggregate, die lokale Pannen überbrücken sollen, brauchen Diesel, den gibt es aber nicht, weil die Tankstellen auch außer Betrieb sind. Kranke erreichen ihre Ärzte nicht, die medizini- schen Einrichtungen sind handlungsunfähig. Kommt es durch den unachtsamen Umgang mit den Kerzen zu einem Feuer, wird die Feuerwehr erst davon erfahren, wenn die Flammen schon auf weitere Häuser übergegriffen haben. Ein Blackout wird hunderte, wenn nicht tausende Menschenleben fordern. D e r B l a c ko u t i s t a u c h e i n m e n s c h l i c h e s P ro b l e m Neben den technischen Problemen werden Ereignisse im so- zialen zwischenmenschlichen Leben schnell anwachsen. In solchen Situationen neigen viele zur Aggression, andere zu angsterfüllter Panik. Da ist sich jeder selbst der Nächste und sucht das Beste für sich und seine Familie zu ergattern. Es wird zu einem rasanten Anstieg der Kriminalität kommen, Ge- schäfte werden geplündert. Vielleicht könnte das Schlimmste verhindert werden, wenn die Menschen untereinander Soli- darität üben und sich gegenseitig helfen. Wer kennt schon die 36 Familien, mit denen er zusammen in einem Haus wohnt? Welchen seiner Nachbarn kann er ein großes Vertrauen entge- genbringen, wenn es gilt, gemeinsam die Schwierigkeiten zu meistern? Auf Verwandtschaft kann man auch nicht bauen, wenn sie in einem entfernten Kiez wohnt. Nicht nur die einzelnen Bürger sind vom Blackout be- troffen. Das Wirtschaftsleben wird total darniederliegen. Die Verluste steigen stündlich um eine Million Euro. Das wiederum wird sich auf das Steueraufkom- men auswirken. Noch Jahre danach müssen die Gürtel enger geschnallt werden. Kurzum: Ein Blackout ist eine Katastrophe, die Menschen- leben fordert und unermessliche Schäden ver- ursacht. Und was tut die Politik, um mit dieser Katastrophe fertig zu werden? D i e Po l i t i k i s t g e f r a g t Als ich neulich einen Politiker danach fragte, zuckte er mit den Schultern und verwies grin- send auf den Babyboom nach dem New Yorker Sechs-Stunden-Blackout. Wir haben in Berlin Vorkehrungen für alle möglichen Ereignisse, die das Leben der Stadt und ihrer Bürger be- einträchtigen können. In jedem Winter ist das Streuen der Bürgersteige ein großes Thema. Für die größte anzunehmende Katastrophe, die die Stadt treffen kann, gibt es keine Pläne. Die Bür- ger sind nicht vorbereitet und informiert, damit sie halbwegs unbeschadet da herauskommen. Die Spree wird nicht über die Ufer treten und die halbe Stadt in eine Lagune verwandeln, ein Erd- beben wird nicht den Fernsehturm fällen, aber ein Blackout kann sehr schnell geschehen und er kommt ohne Vorankündigung. In Österreich hat man sich des Themas angenommen und arbeitet daran. Das sollten wir in Berlin auch tun, sonst wird unser gutes Leben wirklich böse enden.
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201410 | GUT & BÖSE Wortspiele im »Colbert Report« als Ohrenschmaus: »the buckle-deductible« Zum Abgewöhnen: das Rumgeschrei in der »heute-show« Gute Unterhaltung! Das deutsche Unterhaltungsfernsehen steckt in der Krise. Was wir von den Amerikanern lernen können. K R I T I K : B o r i s » T V - J u n k i e « N o w a c k Das alte Samstagabend-Flaggschiff des ZDF, »Wet-ten, dass...?«, inzwischen zu einer abgetakelten Fregatte vergammelt, steht unter Beschuss, ebenso sein Moderator Markus Lanz. Ausländische Show- gäste machen sich über deutsches Fernsehen lustig und der Zuschauer tut dank Foren, Twitter und Co. immer öfter sei- nen Unmut über Unleistungen des teuer bezahlten öffentlich- rechtlichen Programms kund. Wenn immer Schauspieler erfolgreichen Serien den Rü- cken kehren, wie zuletzt Dominic Raacke, der – scheinbar ohne Motiv – den Berliner Tatort verlässt, erfährt man über In- dizien, woran unser Programm krankt: An den aufgeblähten, streng hierarchischen und uralt verknöcherten Strukturen im ÖRR. Je höher ein Programmentscheidungsträger sitzt, desto weniger scheint er zu wissen, was das Publikum wirklich will. So kommt es, dass »Deutsches Fleisch« ins »jugendliche« neo-ZDF-Programm eingekauft wird. Eine Comic-Serie, die lustig und zeitgemäß sein will und doch so unzeitgemäß ge- zeichnet ist – von Lippensynchronität keine Spur – und ohne hintersinnig witzige Dialoge oder intelligent bissige Kommen- tare auskommt. Dennoch jubeln die Feuilletons landauf, landab und vergleichen sie gar mit dem amerikanischen »Family Guy«, einer sehr erfolgreichen, politisch unkorrekten Comic-Famili- enserie. Kritik lieber nicht, denn wir haben ja sonst nichts zu bieten. Überhaupt wird häufig das amerikanische Fernsehen als Maßstab herangezogen – und dabei völlig falsch angesetzt. D i e » h e u t e - s h o w « i s t a u c h s o e i n Fa l l Vorbild ist die »Daily Show« von und mit Jon Stewart, einem professionellen Komiker. Die Sendung wird fünfmal die Wo- che ausgestrahlt, dauert jeweils 20 Minuten und besteht aus drei durch Werbung unterbrochenen Segmenten. In den ers- ten beiden werden aktuelle politische oder gesellschaftliche Themen behandelt, nicht selten wird der ultrakonservative Sender Fox-News auf den Arm genommen. Im dritten gibt es einen Studiogast aus Politik, Unterhaltung oder Wissen- schaft, meist mit einem neuen Buch oder Film. Ebenso auf Comedy Central ausgestrahlt wird der »Colbert Report« mit Stephen Colbert, einem früheren »Korrespondenten« der »Daily Show«. Colbert mimt den konservativen Patrioten und nimmt durch geschickte Wortspiele und kluge Argumenta- tion die kruden, verkrusteten Ansichten meist konservativer Politiker und Journalisten aufs Korn. Mit seinem verfeiner- ten Humor und der konservativ-höflichen Attitüde ist der »Colbert Report« gewissermaßen die Steigerung zur »Daily Show«. Es macht Spaß, diese Sendungen anzuschauen, denn der Zuschauer spürt, wie viel Mühe sich die Produzenten und Autoren für diese 20 Minuten geben. Gästen ist es eine Ehre, in die Show zu kommen. Und bei uns? Die »heute-show« sendet einmal die Woche und hat selten Gäste. Aber nicht, weil niemand Zeit hätte oder sich nicht »traut«, weil die Sendung so »bissig« wäre, wie es Moderator Oliver Welke gerne behauptet. Sondern weil sie schlicht albern ist. K e i n R e s p e k t v o r d e n Zu s c h a u e r n Die Sendung ist selten eine Reihe von intelligenten Witzen und Wortspielen sondern besteht meist aus Rumschreien und Beleidigungen. Keine Sendung vergeht, ohne dass fünf- mal das Wort »Scheiße« vorkommt, gerne auch »ficken« und »Arschloch«. Fäkalsprache hat in der Comedy seine Bedeu- tung, aber sie sollte sparsam und sinnvoll eingesetzt werden und nicht für billige Lacher wie im Kindergarten. Unschön ist Hans-Joachim Heist alias Gernot Hassknecht als Pendant zu Lewis Black in der »Daily Show«. Sein Rum- geschrei bewahrheitet jedes Vorurteil, das Ausländer über Deutsche und ihren angeblich mangelnden Humor und die unschön hart klingende Sprache haben. Absolut unverzeihlich jedoch ist, dass regelmäßig gegen das oberste Gebot der Unterhaltung verstoßen wird: Beleidige niemals dein Publikum. NIEMALS! »Dumme Zuschauer«, »verdammte Inselaffen«, »bekackte Engländer«, »arrogante Spanier«, alles schon gehört in der heute-show. Will sagen: Neben kreativen Ideen mangelt es den Pro- grammmachern an Respekt vor den Zuschauern. Und so lange das so ist, kann man sich nur den Spruch von Löwenzahns Peter Lustig zu Herzen nehmen: Nicht vergessen, abschalten!
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 GUT & BÖSE | 11 Unberechenbarer Mensch Warum es den reinen Fiesling oder den perfekten Gutmenschen nicht geben kann B E T R A C H T U N G : D e t l e f F l i s t e r D er Mensch ist eine vielfältige Le- bensform auf nahezu allen Ge- bieten und ein vielschichtiges, kompliziertes Wesen, das auf emotionaler und emotionaler Ba- sis nur sehr schwer zu verstehen ist. Der Mensch kann einerseits Trost spenden, ist hilfsbereit und einfallsreich, andererseits ist er unter bestimm- ten Voraussetzungen taktlos, kann eiskalt seine Artgenossen töten und quälen, total destruktiv und zerstörerisch sein. Warum ist das so? Wie wird man »gut« oder »böse«? Wodurch wird es beeinflusst? Gibt es das reine »Gute« oder das reine »Böse«? W i d e r s p r ü c h l i c h e s Ve r h a l t e n Man stelle sich einfach mal zwei Situationen vor: Sie sind in einem Raum zusammen mit drei anderen Menschen, die Sie eigentlich sehr mögen. Eine der Damen steht im gerade statt- findenden Gespräch voll unter Druck. Sie habe die Gruppe hintergangen und gegen ihre Inte- ressen verstoßen. Sie allein wissen, dass das nicht so war und die »Angeklagte« sich stets für die Gruppe eingesetzt und viele persönliche Opfer für diese gebracht hat. So war es auch in vorliegendem Fall. Die anderen ziehen voll vom Leder und greifen sie total an, beleidi- gen sie aufs Übelste. Alles spitzt sich zu und es kommt schließlich zur Abstimmung, ob die Frau weiterhin an der Gruppe teilnehmen darf oder diese verlassen muss. Alle sind gegen diese Frau. Auch sie heben dafür die Hand wider bes- seres Wissen. Vor zwei Wochen haben sie sich auf die Seite der Dame gestellt. Kennen Sie so ein Verhalten von sich? Wenn ja, warum haben Sie sich in einer ähnlichen Situation so verhal- ten. Warum waren sie in diesem Fall »böse« ge- genüber einem Menschen, der Ihnen eigentlich wichtig ist? Der zweite Fall: Ein Bekannter von Ihnen schaut den ganzen Tag fürchterlich traurig drein und weint viel. Sie gehen zu ihm und reichen ihm die Hand, umarmen ihn. Sie geben ihm Trost und machen ihm Mut, obwohl sie in den letzten Wochen an ihm gezweifelt haben. Ihnen gelingt es, den Mann wieder zum Lachen zu bringen. Letzte Woche hat in einem ähnlichen Fall Frau Müller um Ihre Unterstützung gebe- ten. Sie waren aggressiv und abweisend und ha- ben noch dazu heftig mit ihr geschimpft und ihr die Schuld an ihrer Situation gegeben. Warum haben Sie in ähnlichen Situationen unterschied- liche Verhaltensweisen gezeigt? Warum verhiel- ten Sie sich derart widersprüchlich? Schauen wir uns die oben genannten Vor- fälle doch einmal genau an und ziehen unsere Schlüsse daraus. Warum kann sich ein Mensch derart »böse« verhalten, wie im ersten Fall? Hier spielt das Thema soziale Zugehörigkeit eine Rolle. Die genannte Person hatte das Problem, dass sie allein mit ihrer Meinung stand und ihr die Gruppe sehr wichtig ist. Die Angst, alleine zu stehen und von der Gruppe nicht mehr ak- zeptiert zu werden, hat zu diesem scheinbar un- verständlichen Verhalten geführt. Man kann an diesem Beispiel deutlich sehen, dass sowohl die gerade aktuelle Situation, als auch unser Stan- ding in der Gruppe unsere Entscheidung, wie wir uns verhalten, bestimmt. Das kann den ein- zelnen Menschen beeinflussbar machen und zu Verhaltensweisen führen, die man nicht von ihm erwartet. Gutherzige Menschen kippen um in ih- rer Meinung, zeigen Verhaltensweisen, die sie in ähnlichen Situationen nicht zeigen würden. U m g e b u n g u n d S i t u a t i o n u n d E r fa h r u n g p r ä g e n u n s e r Ve r h a l t e n Der zweite Fall untermauert oben genannte Er- kenntnis zusätzlich. Er zeigt, dass man in ähn- lichen Fällen unterschiedlich entscheiden kann. Ein anderes Handeln kann von der eigenen Stim- mung als auch von der Sympathie oder Antipa- thie gegenüber verschiedenen Personen abhän- gig sein. Ein solches Verhalten ist natürlich nicht gerecht, lässt sich aber nicht vermeiden, weil die eigene psychische und physische Situation nun einmal eine große Rolle spielt. Wer Schmerzen hat oder eine schlechte Stimmung wird nicht so offen sein, wie jemand anders, der einen perfek- ten Tag erwischt hat. Auch die Erfahrungen prägen den Menschen. Ein Mensch, der immer Hilfe in der Not bekom- men hat, wenn es für ihn kritisch wurde, wird eher bereit sein, die Probleme anderer zu erfassen und andere unterstützen. Wer immer abgewiesen wurde und sein Leben lang um Anerkennung kämpfen musste, wird erwarten, dass der andere sich ebenfalls alleine durchbeißt. Der Satz: »Mir hat damals auch keiner geholfen!« wird dann Maßstab für sein Verhalten sein. Aber selbst diese Regel ist nicht immer bindend. Oft sind Leute hilfsbereit denen man böse und übel mitgespielt hat. Sie entwickeln dann für sich den Anspruch es besser zu machen und den Drang anderen zu hel- fen, gerade weil sie erkannt haben, wie schlimm es ist, wenn man alleine steht. Das ist die Lehre, die sie aus ihren Erfahrungen ziehen. Wir sehen auch aus oben genannten Be- spielen: Das reine Gute oder das reine Böse kann es nicht geben. Zu viele Faktoren beein- flussen das Verhalten des Menschen und ma- chen es unberechenbar. Frères Limbourg »Très Riches Heures du duc de Berry - chutedes anges rebelles« – Google Art Project (Quelle: Wikipedia) Karikatur: OL
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201412 | GUT & BÖSE Gurkenverordnung... Zweifelhafte Gesetze: Absurd oder notwendig? B E R I C H T : A s t r i d G esetze gibt es wahrscheinlich seit es Menschen gibt. »Du sollst nicht töten« – das steht ja schon in der Bibel und anderen religiösen Büchern. Wer dagegen verstößt, wird von vielen als böse bezeichnet. Aber auch für dieses Gesetz scheint es eine Ausnahme zu geben. Krieg, da sieht man darüber schon mal hinweg. Genug von diesen Haarspaltereien, es gibt gute Gesetze. Nehmen wir mal das Gesetz der Schwerkraft. Ist doch gut, dass alles wegen dieses Naturgesetzes runterfällt. Oder die Erde hätte schönere Ringe wie der Saturn von all den Dingen, die um sie kreisen würden. Aber, es gibt auch andere Gesetze. Nur böse oder schlecht würde ich die nicht nennen. Murphys Gesetz: Alles was schiefgehen kann, wird schiefge- hen. Stimmt leider nur zu oft. Und dann meckern wir. Nimmt man die Straßenverkehrsordnung auch als Mini-Gesetz, dann heißt es dort: »Man soll beim Überqueren der Fahrbahn im- mer nach links und rechts schauen.« Mache ich mich jetzt strafbar, wenn ich das in einer Einbahnstraße nicht tue? Dann kommen wir doch mal zu den Gesetzen und Verordnun- gen, die uns überlegen lassen, was die Leute, die sie geschrie- ben haben, sich dabei gedacht haben. Sollte Spaß machen. Gibt es überall, auch in Deutschland. Oder wussten Sie, dass es erlaubt ist, nackt ein Auto zu fahren? Nicht? Gut, aber stei- gen Sie nie aus oder Sie zahlen wegen »Erregung öffentlichen Ärgernisses« 50 Euro! Noch ein Beispiel aus Deutschland? Eine Frau, die ihren Mann erschießt, darf keine Witwenrente kassieren. Glauben sie nicht? Oh doch, man kann z. B. den Tod nicht als »dauernde Berufsunfähigkeit« geltend machen. Makaber? Es geht aber auch etwas leichter zu im Behördendschungel. Hes- sen hat immer noch die Todesstrafe, die wurde aber vom Bun- desgesetz außer Kraft gesetzt. Puh, noch mal Glück gehabt. Weltmeister in skurrilen Gesetzen sind die Amerikaner, aber Europa holt auf. Nicht zuletzt wegen der EU. Über die Gur- kenverordnung der EU, wie gerade die zu sein hat, haben wir ja alle mal gelacht. Besonders wenn man sich vorstellt, wie ein Polizist einer Gurke auf dem Feld ihre Rechte vorliest, bevor er sie verhaftet. Tja, totaler Unsinn, was manchem Politiker so einfällt, wenn er Langeweile im Parlament hat. Was den Politikern vergangener und gegenwärtiger Zeiten zur Körperpflege eingefallen ist? Man überlegt schon, wie die dar- auf kamen. Jeder Tag oder einige Jahreszeiten sind in irgendei- nem Land verpönt, da darf man nicht baden oder schwimmen gehen. Singen in Duschen oder Badewannen gefiel auch eini- gen Gesetzesmachern nicht. Na ja, den Nachbarn manchmal auch nicht. Aber deswegen ein Gesetz erlassen? Dass man das Monster von Loch Ness unter Naturschutz setzte, kann man ja noch verstehen. Viel besser, in einer Stadt in Australien, darf nur ein geprüfter Elektriker eine Glüh- birne wechseln. Aber es geht immer noch besser, wiederum in Deutschland: Nach § 328 StGB Absatz 2.3 kann man mit fünf Jahren Haft rechnen, wenn man eine Atombombe zün- det. Oder man bekommt eine Geldstrafe. Aber das Basteln einer Atombombe ist erlaubt, ich fand zumindest kein Gesetz, das das verbietet. Da fragt man sich doch, was haben die getrunken oder ge- raucht, als sie diese Gesetze erlassen haben? Aber diese Gesetze sind gültig, man kann bestraft werden, wenn man gegen sie verstößt. Jetzt frage ich mal: Meine Fahrgelegen- heit kommt, ich springe ohne Fahrschein zu kaufen rein und werde erwischt. Gleiches Szenario, nur ich fahre extra ohne Fahrschein. Beide Male bin ich schuldig, aber bin ich mehr schuldig beim zweiten Mal, das erste war ja nur ein Versehen. Also kann man nicht unbedingt sagen, wer gegen ein Gesetz verstößt, der ist böse. Zum Schluss mal etwas, was mich daran zweifeln ließ. In Flo- rida ist es verboten, mit einem Stachelschwein Sex zu haben. Ja, sie haben richtig gelesen. Mir schossen drei Dinge fast gleichzeitig durch den Kopf: »Wer? Männer oder Frauen?« – »Um so ein Gesetz zu erlassen, muss das ja mal jemand getan haben. Ein Irrer!« und »Da bekommt die chinesische Art der Akupunktur eine ganz neue Bedeutung!« Dann landete mein Kopf vor Lachen auf dem Tisch. Gewöhnliches Stachelschwein »Hystrix cristata« (Quelle: Wikipedia/Drew Avery)
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 GUT & BÖSE | 13 Die Grundtvig- Partnerschaft Einblicke in das System der Wohnungslosenhilfe von Schottland B E R I C H T : J a n M a r k o w s k y I ch war unlängst zu Besuch in Glasgow. Glasgow ist nach Berlin, Toulouse und Belgien die vierte Station der Grundtvig-Lernpartnerschaft »Partizipation von Obdachlosen«. Der schottische Partner, die »Glasgow Homelessness Network« (GHN), hat vor etwa einem Jahr ein Toolkit vorgestellt, der mit den Wohnungslosen in Glasgow erarbeitet worden war. Er zeigt Möglichkeiten zur Teilhabe der Wohnungslosen. Als ich dann hörte, die schotti- sche Regierung stünde hinter dem Kit, wusste ich, in Schott- land wird mit wohnungslosen Menschen anders umgegangen als in Deutschland. Während unserer Reise wurde mir das dann bestätigt. D a s S o z i a l s y s t e m i n S c h o t t l a n d u n d d e r t ro s t l o s e A u s g a n g s p u n k t Marion Gibbs, in der schottischen Regierung für Obdachlo- sigkeit zuständig, berichtete in Glasgow über das Sozialsystem in Schottland. Sie erzählte uns, dass die Situation in Glasgow vor ein paar Jahren verheerend war. Glasgow war damals eine Arbeiterstadt mit Schwerindustrie. In den 1970er und 1980er Jahren wurden Kohleminen, Stahlwerke und Motorenwerke geschlossen. Was folgte war der Verfall der Gebäudesubstanz, die Bildung von Slums; Kriminalität und Gewalt brachen aus, viele Menschen verloren ihre Wohnungen. Die Lösung schien die Unterbringung in großen Obdachlosenheimen. Doch dort waren die obdachlosen Menschen auf sich allein gestellt. Die Heime wurden nach Gewaltskandalen geschlossen, und es wurde nach Alternativen gesucht. Zuerst in Glasgow, jetzt in ganz Schottland. Mittlerweile unternimmt die schottische Regierung ernsthafte Anstrengungen zur Bekämpfung der Obdachlo- sigkeit. Es ist ihr ausdrücklicher Wille, dass Obdachlosigkeit gar nicht erst entsteht. Für das Soziale ist auch in Schottland in erster Linie die Kommune verantwortlich. Die Regierung setzt die Rahmen. In Schottland hat jeder Bürger das Recht auf eine Wohnung. Ein Mensch, der gefährdet ist, seine Woh- nung zu verlieren, erhält die notwendige Unterstützung, um ihn in der Wohnung zu halten. Für Marion Gibbs ist Ob- dachlosigkeit Ausdruck einer Krise. Ist es so weit gekommen, dann greift das Recht auf vorübergehende Unterbringung. Die schottische Regierung hat nach Auskunft von Marion Gibbs deshalb auch Obdachlose nach dem Grund des Woh- nungsverlustes befragt. Die meisten mussten wegen ver- schiedenster Konflikte im sozialen Umfeld (Familie, Nach- barschaft) die Wohnung verlassen. Pe e r - M e n t o r i n g : U n t e r s t ü t z u n g i m s o z i a l e n U m fe l d s t a t t S a n k t i o n e n Schottland lässt es übrigens nicht dabei bewenden, einem woh- nungslosen Menschen zu einer neuen Wohnung zu verhelfen. Er soll in sein neues Umfeld integriert werden. Peer-Mentoring heißt das Zauberwort. Dem wohnungslosen Menschen wird ein Mentor zur Seite gestellt, der seine Sprache spricht und die persönlichen Probleme aus eigenem Erleben kennt. Die Unterstützung wird allerdings nicht ohne Vorbehalt gewährt. Wer »selbst verschuldet« seine Wohnung verliert, hat keinen Anspruch auf die Unterstützung. Die Kommunen haben hier einen großen Ermessungsspielraum. Immerhin werden sieben Prozent aller Anträge auf Unterstützung abgelehnt. Ich erin- nere mich in diesem Zusammenhang an die Geschichte eines wohnungslosen Punks in Berlin, der großen Horror vor sei- ner Sachbearbeiterin im Sozialamt hatte. Wer erlebt hat, wie schwer sich viele Wohnungslose tun, ihre Rechte durchzu- setzen, wird jeden Spielraum für Willkür verhindern wollen. Peer-Mentoring hilft den Menschen wesentlich nachhal- tiger als kurzfristige MAE-Massnahmen. Allen Befürwortern der Sanktionspraxis in Jobcenter empfehle ich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Methode. Keine Sanktion ver- hindert Ausgrenzung der Menschen in prekären Lebenslagen. Inklusion sieht anders aus. Die Miete ist in der Unterstützung nicht enthalten. Zusätzlich muss Wohngeld beantragt werden. In Schottland soll das Wohngeld die Kosten für Unterkunft und Heizung abdecken. In Deutschland ist das eher Almosen. Der Wohnungsmarkt in Glasgow wandelt sich, dieser Wandel ist im Stadtbild sichtbar. Die Wohnungen werden knapper und teurer. In Glasgow gibt es Sozialwohnungen, in der Regel in den Beständen kommunaler Gesellschaften. Pe e r - M e n t o r i n g i n d e r S u c h t h i l fe Sucht ist auch in Glasgow ein ganz großes Problem. An ers- ter Stelle wurde immer wieder Alkohol genannt. Bei jüngeren Wohnungslosen spielt auch Heroin eine große Rolle. Durch einen ehrenamtlichen Mitarbeiters habe ich erfahren, dass leider auch die teuflische Droge Crystal Meth in Glasgow an- gekommen ist. Das birgt aber ein Potenzial, dass im Gegen- satz zu den Verhältnissen in Berlin in Glasgow systematisch genutzt wird. Ein trockener Alkoholiker unterstützt beispiels- weise einen Alkoholiker bei seinem Kampf gegen den Suff. Peer ist hier ein »Ebenbürtiger«. Ein obdachloser Verkäufer der Staßenzeitung »Big Issue« in Glasgow (Quelle: Big Issue)
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201414 | GUT & BÖSE 60 Notschlafplätze bietet die neue Notunterkunft (Foto: Jutta H.) Ungewöhnliche Schlafstätte Am Innsbrucker Platz ist eine »Wärmelufthalle« errichtet worden. Bis zum Ende des Winters bietet sie zusätzliche Notschlafplätze für Obdachlose. Dass der Sponsor der Halle ein umstrittener Unternehmer ist, gibt dem Projekt einen unschönen Beigeschmack B E R I C H T : J u t t a H . »Wir werden das versuchen und unsere Erfahrungen mit dem Zelt machen«, sagt Hans-Georg Filker, Direk-tor der Berliner Stadtmission. Schon seit einigen Jah-ren stoße man mit der Notunterkunft in der Lehrter Straße an die Kapazitätsgrenzen. Zurzeit gebe es dort eine Überbelegung von häufig bis zu 100 Prozent. Seit über einem Jahr suche man nach einer geeigneten zusätzlichen Immobi- lie für die Kältehilfe, »doch einen geeigneten Ort zu finden, hat sich als unglaublich schwierig erwiesen.« Mit der geschaf- fenen mobilen Notunterkunft gehe man »neue Wege«, man sehe das Projekt auch als Test für Lösungen in der Zukunft. Anfang Februar hatte die Berliner Stadtmission das Angebot des Unternehmers Martin Kristek angenommen, in Berlin eine sogenannte Wärmelufthalle zu errichten. Eine Firma aus Süddeutschland wurde beauftragt, das Zelt zu errichten. In der Nacht zum 19. Februar übernachteten die ersten Obdach- losen im Inneren des Wärmezeltes. K e i n e g e e i g n e t e n I m m o b i l i e n Das silbern schimmernde, futuristisch anmutende Zelt ist nahe dem Innsbrucker Platz im Kopfsteinpflaster verankert. Das Gelände gehört der Deutschen Bahn. In unmittelbarer Nähe befinden sich die Bahngleise, auf denen die Ringbahn vorbeirattert. Das Wärmezelt ist gut 1 000 Quadratmeter groß und etwa neun Meter hoch. Permanent arbeitende Luft- pumpen halten das Zelt aufrecht. Die Beheizung des Inneren erfolgt durch Flüssiggas, mit dem die Temperatur bei konstan- ten 18 Grad Celsius gehalten wird. 60 Männer und Frauen pro Nacht werden in dem Zelt bis Ende März Platz finden. Der »Kältebus« wird allabendlich Schlafgäste der Notübernachtung in der Lehrter Straße hierher fahren, um dort Entlastung zu schaffen. Das Zelt kann von ob- dachlosen Menschen aber auch eigenständig aufgesucht wer- den. Geschlafen wird auf einfachen Feldbetten. Ein Theken- bereich ist geschaffen worden, an dem warme Mahlzeiten und Getränke ausgegeben werden. Sanitäre Einrichtungen stehen im Inneren des Zeltes zur Verfügung. Mit der Errichtung dieser mobilen Notunterkunft steigt die Zahl der Kältehilfebetten in Berlin auf über 500. Sozial- senator Mario Czaja hatte seit September finanzielle Zusa- gen für 500 Plätze gemacht, doch die Zahl war nicht erreicht worden – es waren keine geeigneten Immobilien gefunden worden. Ende Januar hatte der Sozialsenator 40 zusätzliche Kältehilfebetten ab dem ersten Februar angekündigt, eine In- formation, die sich als als Fehlmeldung entpuppte. Anlässlich der Inbetriebnahme des Wärmezeltes Mitte Februar reiste auch der Sponsor des Projektes an. Seinen weißen Sportwagen parkte er direkt neben dem Zelt. »Für mich ist es selbstverständlich, dass ich helfe, wenn ich hel- fen kann«, sagte Martin Kristek, ein 41-jähriger Mann mit gepflegtem Bart. Kristek ist Geschäftsführer und Besitzer des Billig-Stromanbieters »Care Energy«. In einer Presse- mitteilung von Anfang Februar bezeichnet sich das Unter- nehmen als »Energiedienstleister mit dem Herz am rechten Fleck«. Auf den Philippinen statte man gerade ein kleines Bergdorf mit Strom aus, in der Hochwasserhilfe 2013 in Deutschland sei man »als Privatinitiative nahezu im Allein- gang« tätig gewesen. Nun habe man das Wärmezelt zur Un- terbringung von Obdachlosen erworben und über 200 000 Euro dafür ausgegeben. Zu r N a c h z a h l u n g v o n s i e b e n M i l l i o n e n E u ro v e r u r t e i l t Gibt man den Namen Martin Kristek im Internet in die Suchmaschine »Google« ein, erfährt man schnell, dass der Ökostromanbieter nicht unumstritten ist. Bundesnetzagen- tur, Bundeskartellamt und Bundesamt für Justiz haben schon ermittelt gegen Kristek und seine Firma. Die Verbraucherzen- trale warnt Kunden vor »Care Energy«. 2013 wurde das Un- ternehmen zu einer Nachzahlung von über sieben Millionen Euro nicht gezahlter EEG-Umlage (EEG: Erneuerbares Ener- gien Gesetz) an drei Netzbetreiber verurteilt. Experten halten das Geschäftsmodell der Firma »Care Energy« für nicht trag- fähig. Wenn alles mit Rechten Dingen zugehe, könne niemand so günstig Strom anbieten, sagen sie, Strom aus erneuerbaren Quellen schon gar nicht. Der Hintergrund ihres Sponsors sei den Verantwortli- chen der Stadtmission durchaus bewusst, sagt einer ihrer Mit- arbeiter. Man habe sich dennoch entschieden, das Angebot, das Zelt in Anspruch nehmen zu können, anzunehmen. Der Sache wegen. Herr Kristek stelle das Zelt zur Verfügung, habe aber mit dem laufenden Betrieb der Notunterkunft nichts zu tun. Für den sei allein die Berliner Stadtmission zuständig.
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 GUT & BÖSE | 15 »One Warm Winter« Ausgabe warmer Winterkleidung am Vertriebswagen des strassenfeger B E R I C H T : L a u r a M a r i a H ö h l ( S c h ü l e r p r a k t i k a n t i n ) Ob schmal oder breit, groß oder klein, alt oder jung. Männer mit Bart oder ohne, dafür erstaunlich wenige Frauen. Am 6.02.2014 traf ich all diese Menschen am Vertriebswagen des stras- senfeger vor der Bahnhofsmission am Zoo in der Jebensstraße, die auf uns warteten. Die Aufre- gung unter diesen Menschen spürte ich deutlich, als ich mit Mara Fischer, Spendenbeauftragte des Vereins, und Guido Fahrendholz, Chef vom strassenfeger radio und strassenfeger tv, in dem mit gespendeter, warmer Kleidung gefüllten Lie- ferwagen des Vereins mob e.V. ankam. Sie alle warteten gespannt in ein paar Meter Entfernung des Vertriebswagens auf die bevorstehende Klei- dungsausgabe. Möglich wurde diese durch die Spendenaktion »One Warm Winter«, die in en- ger Zusammenarbeit mit der Kreuzberger Wer- beagentur »DOJO« und dem Verein mob – ob- dachlose machen mobil e.V. seit nunmehr drei Jahren durchgeführt wird. Als wir dann gemeinsam mit Daniel Uppenbrock und Felix Lyss (»DOJO« und »Friends For Bene- fits«) begannen, die Kisten auszuladen, drängten sich die Menschen in einem Halbkreis an den Lieferwagen. Manche waren ganz still und beob- achteten uns nur voll Neugier, andere wiederum fingen an, voller Spannung durcheinanderzure- den. Eine Frau mittleren Alters schien es ganz besonders eilig zu haben. Nichts entging ihrem scharfsinnigen Blickfeld. Ihr ganz besonderer Fokus lag auf einem warmen Schlafsack. »Was habt ihr denn da«, fragte sie uns ganz forsch. Um keinen Preis wollte sie bei der Ausgabe leer aus- gehen. Ich begriff schnell: Diese Menschen wa- ren wirklich dringend auf warme Kleidung für den Winter angewiesen, denn sie waren obdach- los, viele von ihnen arm. Wie das nun einmal so ist: Wenn es etwas umsonst gibt, dann entbrennt auch schnell mal ein Streit zwischen zwei Parteien, die ein- und dieselbe Sache haben wollen. So war es unvermeidlich, dass wir auch einige kleine Reibereien schlichten mussten. Was mir besonders auffiel: Diese Men- schen haben uns nicht nur nach den passenden Größen, sondern auch nach Farben gefragt! Das zeigte mir, dass auch obdachlose Menschen sehr wohl den Wunsch verspüren, modische Klei- dung zu tragen. Es war übrigens richtig schwer, zu Wort zu kommen. Denn alle redeten kreuz und quer durcheinander und scherzten mitein- ander. Ich spürte, dass eine wirklich angenehme Atmosphäre in der Luft lag, fühlte, dass die Men- schen richtig Spaß hatten und sich gerne bei uns aufhielten. Ein Mann fragte mich sogar, scher- zend, ob wir nicht auch Parfüm für ihn hätten. Und – keiner dachte nur an sich selbst. Für einen jungen, großen Mann schien es in erster Linie wichtiger zu sein, ein passendes Mitbringsel für seine Freundin zu suchen als für den eigenen Bedarf. Wir gaben natürlich unser Bestes, um all unsere »Kunden« ihre Wünsche nach unseren Mög- lichkeiten zu erfüllen. Wir suchten eifrig nach den passenden Kleidungsstücken in den zahllosen Umzugskisten, die sich vor uns und neben uns übereinander stapelten. Man kann wirklich ganz klar sagen, dass es sich bei dieser Aktion für alle Beteiligten um eine »Win-Win«-Situation ge- handelt hat. Die Menschen bekamen Socken, Unterhosen, T-Shirts, Taschen, Pullover, Mützen, Schals und noch viele andere wichtige Dinge von uns. Dafür beschenkten sie uns mit jeder Menge strahlenden Lachens an diesem wunder- schönen, kalten Februartag. Mehr als die Sonne uns wärmen konnte, erwärmte uns diese Freude. Eine junge, schmale Frau freute sich ganz besonders, als ich es schaffte, für sie passende Handschuhe in einem knalligen Pinkton aufzutrei- ben. Ich muss sagen, sie passten wirklich toll zu ihr. Und auch ein etwas südländisch wirkender Mann fand schnell, was ihm gefiel: eine warme Mütze in Form eines Panda- kopfes. Diese probierte er sofort an und präsentierte sie mit einem stolzen Lächeln allen anderen. Bei der Verteilung der kuschlig warmen Unterwäsche wurden alle Hände nur so nach vorne gestreckt, denn jeder wollte eine Packung haben. Nach circa zwei Stunden war hatten wir fast alles verteilt und sogar noch die »Zu-spät-Kommer« befriedigt, einzig eine rosa Wolldecke blieb übrig. Die wollte anscheinend kei- ner haben. Macht nichts, die nehmen wir bei der nächsten Ausgabe gespendeter Kleidung aus der Aktion »One Warm Winter« unbedingt wieder mit! Dichtes Gedränge bei der »OneWarmWinter«-Kleidungsausgabe am Bahnhof Zoo (Foto:Guido Fahrendholz)
  • I N FO Hanna Schygulla »Traumprotokolle« noch bis zum 30. März in der Aka- demie der Künste am Pariser Platz 4, 10117 Berlin Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 19 Uhr, Eintritt frei: Dienstag 15 – 19 Uhr und für Besucher bis 18 Jahre an allen Tagen Veranstaltung Donnerstag, 6. März 2014, 19 Uhr »Von Fassbinders Muse zum Star des europäischen Films« (Max Moor im Gespräch mit Hanna Schygulla), Eintritt 5/3 Euro › www.adk.de Buchtipp Hanna Schygulla »Wach auf und träume« (Die Autobiographie), Schirmer/Mosel, München, 2013 Preis 19,80 Euro strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201416 | TAUFRISCH & ANGESAGT a r t s t r a s s e n fe g e r 01 Hanna Schygulla auf der Terrasse der AdK am Pariser Platz, 31.01.2014 (Foto: © Urszula Usakowska-Wolff) 02 Klaus Staeck, AdK-Präsident mit Hanna Schygulla während der Aus- stellungseröffnung in der AdK (Foto: © Urszula Usakowska-Wolff) 03 Terrorist Star, 1979/2005 (Filmstill © Hanna Schygulla) »Traumprotokolle« Hanna Schygullas filmgewordene Träume in der Akademie der Künste B E T R A C H T U N G : U r s z u l a U s a k o w s k a - W o l f f H anna Schygulla wird mit vielen Namen ge- schmückt: Ikone und Legende des Neuen Deutschen Films, Diva, Diseuse und die ein- zige deutsche Schauspielerin ihrer Generation, die Weltruhm erlangte. Dabei wird immer wie- der darauf hingewiesen, sie sei Muse und Weggefährtin von Rainer Werner Fassbinder gewesen, der sie entdeckte und dem sie ihren internationalen Erfolg verdankt. Das ist alles zur Genüge bekannt, beschrieben, dokumentiert. Das wird jetzt alles in Erinnerung gebracht, weil die Mimin und Sän- gerin am ersten Weihnachtstag des vorigen Jahres 70 gewor- den ist. Der runde Geburtstag einer illustren Persönlichkeit ist ein willkommener Anlass für eine Ausstellung, die ihr Le- benswerk Revue passieren lässt. So gesehen könnte man sich Hanna Schygullas schon lange überfällige Retrospektive in einem Film- oder historischen Museum vorstellen: mit Plaka- ten, Filmstills und Fotos an den Wänden, mit Filmen auf den Bildschirmen, Manuskripten, Einladungen und Zeitungsaus- schnitten sowie anderen wichtigen Papieren in den Vitrinen. Das wäre die herkömmliche Form, um der Grande Dame der darstellenden Kunst eine museale Gunst zu erweisen. Doch Hanna Schygulla hatte anderes im Sinn und fand eine Partne- rin, die bereit war, ihr Ausstellungskonzept zu verwirklichen. V i e r l a u fe n d e M e t e r 2006 wurde in der Akademie der Künste Berlin das Hanna- Schygulla-Archiv eingerichtet, dem die Schauspielerin einen Großteil der Zeugnisse ihres langen Berufslebens übergab: ein riesiger Fundus mit mehr als eintausend Fotografien, darunter viele Porträts und Fotoserien, gemacht von solchen Berühmt- heiten wie Helmut Newton, Peter Lindbergh, Gisèle Freud und Alice Springs, mit 120 AV-Medien und hunderten von Büchern, mit persönlichen und dienstlichen Briefen. Diese Sammlung ist ein Schriftgut mit einer Länge von – man kann es kaum glauben – vier Metern, sodass es die Quelle einer um- fangreichen Ausstellung werden könnte. Doch Hanna Schy- gulla hat sich für etwas anderes entschieden. Von der Idee einer Personale in der AdK war sie zwar begeistert, lehnte aber eine Archivschau ihres Oeuvres ab. »Es gibt so einen Drang in mir, das zu tun, was gegen den Strich geht«, sagt sie. »Das, was einen Tabubruch hat, wirkt mehr als das, was nur brav ausgeführt wird. Wenn es gewisse Regeln gibt, die vor- schreiben, dass in einem Archiv etwas Vergangenes gezeigt werden muss, habe ich sofort den Antrieb, etwas zu machen, was ins Zukünftige geht.« R ä u m e f ü r Tr ä u m e Aus diesem Antrieb entstand Hanna Schygullas Ausstellung »Traumprotokolle« in den Sälen der Akademie der Künste am Pariser Platz. Ihre filmgewordenen Träume flimmern in vier Räumen und zeigen, dass die bekannte Schauspielerin eine hierzulande noch recht unbekannte Videokünstlerin der ersten Stunde ist. Dass sie bereits 1979 selbst zur Ka- mera griff, war die Folge eines gescheiterten Projekts. Im Mai 1978, nach der Premiere des Films »Despair«, den Fassbinder Antonin Ar- taud, Unica Zürn und Vincent van Gogh wid- mete, sagte ihr Rainer Werner: »Diesmal ma- chen wir etwas ganz anderes. Den nächsten Film machen wir wirklich zusammen, du wirst nicht nur Darstellerin sein. Lies zur Vorbereitung das Buch ›Der Mann im Jasmin‹ von Unica Zürn.« So entdeckte Hanna Schygulla die 1916 in Berlin geborene Lyrikerin und Malerin, eine Frau, die ihre Träume aufschrieb und seltsame Geschöpfe und Gesichter zeichnete. 1953 lernte sie Hans Bellmer kennen und zog zu ihm nach Paris. Die an Schizophrenie erkrankte Künstlerin wurde immer wieder in psychiatrischen Kliniken be- handelt. 1970 nahm sie sich das Leben. »Für Fassbinder war der ›Mann im Jasmin‹ so interes- sant, weil es sich dabei um einen Text handelte, den Unica Zürn in einem schizophrenen Schub aufgeschrieben hat. Bei diesem Schub hat sie ge- spürt, dass sie schwanger wird, und zwar nicht mit einem Kind, sondern mit dem wiederverei- nigten Berlin. Das war auch deshalb außerge- wöhnlich, weil sie es so lange vor dem Mauerfall schrieb. Das war also die Metapher, um die es in diesem Film ging.« B e f re i t v o n f re m d e n B l i c ke n Doch aus dem Filmprojekt »Der Mann im Jas- min« wurde nichts, denn am 31. Mai 1978 beging der Schauspieler Armin Meier, Fassbinders Ge- liebter, Selbstmord, und der Regisseur »musste den Film ›In einem Jahr mit 13 Monden‹ machen, um diese Katastrophe zu verarbeiten.« Als Hanna Schygulla, die damals in der Künstlerkolonie im Alten Pfarrhof in Peterskirchen bei München lebte, davon erfuhr, fiel sie »in ein schwarzes Loch.« Das merkten ihre Nachbarn und empfah- len ihr, eine Videokamera zu kaufen. Die löste bei ihr einen enormen Kreativitätsschub aus, denn sie konnte jetzt zugleich Regisseurin, Dreh- buchautorin und Schauspielerin sein. Weil sie schon vorher oft ihre Träume notierte, entschied sie sich, einige davon zu drehen. So entstanden
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 17 a r t s t r a s s e n fe g e r binnen »vier bis fünf Wochen wie im Fieber« sie- ben Filme über sieben Träume. » Ich habe diese sieben Träume ausgewählt, weil ich dachte, dass es Schlüsselbotschaften an mich selbst sind. Ich habe sie mit offenen Augen vor meiner laufenden Kamera noch einmal erlebt, und zwar ganz allein. Ich habe mich von fremden Blicken ganz befreit; ich wollte keinen, der mir dabei zuguckt, der mich beobachtet, der mir sagt, was ich tun soll. Ich habe es nicht gemacht, um es hier zu zeigen, obwohl ich es schon im Gefühl hatte, dass das später sicher interessant sein wird. Dann habe ich auch diese Videoarbeiten in die Kisten gepackt und bin damit 20 Jahre oder sogar noch etwas län- ger von Wohnung zu Wohnung umgezogen.« Erst als das Museum of Modern Art in New York ihr 2005 eine Retrospektive ausrichten wollte und ihr sagte, sie könne etwas Unbekanntes zeigen, ließ sie das Material zu Kurzfilmen schneiden. Fertig waren die »Traumprotokolle«. N e u a n fa n g m i t s i e b z i g Jetzt können die »Traumprotokolle«, die um zwei neuere Arbeiten – »Traumtunnel« und »Hanna Hannah« ergänzt und von der für die AdK- Ausstellungstechnik verantwortlichen Simone Schmaus zu einer beeindruckenden Bild- und Soundinstallation angeordnet wurden, gesehen und gehört werden. Es lohnt sich, eine Reise in das Ich und das Unterbewusstsein der Hanna Schygulla zu unternehmen. Nicht nur deshalb, weil sie uns an ihren Sehnsüchten, »Angstfreu- den« und Zweifeln teilhaben lässt. Man merkt: Morpheus war gestern, die heutige Göttin des Traumes heißt Morphhanna. Abgesehen von den Traumlandschaften, von denen die meisten im Kopf der Künstlerin entstanden und eine Mi- schung aus Surreal-Realem sind, protokollieren sie auch ihr Gesicht und ihren Körper im Wandel der Zeit. Vor dem Fluss der Zeit scheint Hanna Schygulla auch im wahren Leben keine Bange zu haben. Sie hat viele Koffer in ihrer neuen Wohnung am Savignyplatz und ist schon fast eine Berlinerin. »Manche denken, dass ich eine Wahnsinnige bin, denn ich will mit 70 ein neues Leben anfangen«, schmunzelt sie. »In Berlin gibt es diese etwas aufgeraute Art von Herzlichkeit und eine Offenheit, die mir gefällt.« Nach 35 in Paris verbrachten Jahren fühlt sie sich reif für ei- nen Ortswechsel, sie möchte nach Berlin ziehen, denn von hier ist es näher in den Osten, »und die Polen meinen immer, ich bin eine der ihren.« S e l b s t i ro n i s c h u n d p o e t i s c h Hanna Schygulla, geboren 1943 in Königshütte (heute Chorzów) unweit von Auschwitz, Flücht- lingskind, Münchnerin aus Oberschlesien und Wahlpariserin, ist in Berlin bereits gut angekom- men. Davon zeugen die Massen, die zu ihren Ver- anstaltungen strömen. Zuletzt am 7. Februar zur Lesung aus ihrer Autobiographie »Wach auf und träume« im Kulturhaus Dussmann. Den Men- schen, die seit 17 Uhr in einer langen Schlange ausharrten, um kurz vor 19 Uhr in die Kultur- Bühne eingelassen zu werden und die berühmte Diva zu sehen und zu hören, sagte sie, dass sie dieses Buch selbst schreiben musste, sonst hätten das aus Anlass ihres 70. Geburtstag andere ge- tan. Das mit Fotos reich bestückte und knapp 200 Seiten zählende Buch lässt uns ungeschminkte Einblicke in das Leben einer außergewöhnlichen Frau gewähren, für die Karriere und Erfolg nie ein Selbstzweck waren. Nüchtern, häufig selbst- ironisch und meistens sehr poetisch beschreibt sie ihr Bedürfnis, anders zu sein, die angespannte Situation in ihrem Elternhaus und den daraus re- sultierenden Entschluss, nie heiraten zu wollen, ihren unerfüllten Kinderwunsch und den Weg »von Glamour zur Altenpflege« ihrer Eltern, die ihr und ihnen am Ende doch noch viele un- verhoffte Glücksmomente bescherte. Wenn das eine Diva ist, dann bitte mehr davon. Hoch lebe Hanna! Sto lat dla pani Hani! Viva Diva! 01 03 02
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201418 | TAUFRISCH & ANGESAGT Ve re i n Es schmerzt! Bei eisiger Kälte muss die Notübernachtung von mob e.V. schließen B E R I C H T : S a m y r & K a r l & E d g a r A m Samstagmorgen, den 25.01.2014, musste die Notübernachtung des Vereins mob e.V. in der Prenzlauer Allee 87 mit insgesamt 17 Plätzen ihre Türen für immer schliessen. Die Notüber- nachtung war seit 2002 dort beheimatet und hat in dieser Zeit ca. 5 000 Menschen ohne Bleibe ein Dach über den Kopf geboten. Das Team der Notübernachtung machte Hilfsangebote, die im Gespräch mit den Betroffenen gemäß ihrer individuellen Problemlage entwickelt wurden. »Hilfe zur Selbsthilfe« – das war unser Motto. Als wir an diesem Freitagabend unseren letzten Spät- dienst begannen, war unter den Mitarbeiter_innnen und Schlafgästen die bedrückende Stimmung deutlich zu spüren. Einen Teil der weiblichen Gäste hatten wir zuvor in andere Frauen-Notübernachtungen vermitteln können, mit denen wir deswegen schon Tage vorher Kontakt aufgenommen hat- ten. So war in der letzten Nacht nur noch Ute H. einziger weiblicher Gast. Ute war schon seit Tagen wegen der bevor- stehenden Schließung sehr deprimiert, am Morgen des Aus- zugs schien sie regelrecht verzweifelt. »Ich weiß nicht, wo ich jetzt hin soll, bei dieser Kälte.« Zum Schutz zog sie sich drei Hosen übereinander an. Auch ihren Oberkörper verhüllte sie mit mehreren Lagen Hemden und Pullovern. Ute erklärte uns dabei, das sei das Zwiebelprinzip für Bekleidung bei der Kälte. Unsere männlichen Gäste konnten wir leider nicht in andere Einrichtungen vermitteln, da die Situation im Hilfe- system Berlins gerade für Männer ohnehin sehr angespannt ist. Dadurch mussten dann einige Menschen bei Eiseskälte draußen übernachten. Krzysztof berichtete uns später: »Wir haben in einem nicht beheizbaren Bauwagen geschlafen.« D i e S c h l a f p l ä t z e v o n m o b e .V. fe h l e n ! 17 Schlafplätze, die nicht nur Schutz vor der Kälte in der Nacht boten, sondern auch einen Ruhepunkt im harten Leben auf der Straße darstellten, fehlen nun! Am Sonntag nach der Schließung mussten wir mit der Räumung unseres Quartiers beginnen. Dabei halfen nicht nur viele ehrenamtliche Mitar- beiter_innen der Notübernachtung. Auch ehemalige Gäste unterstützten uns tatkräftig. Krzysztof T. und Sebastian P. schleppten Umzugskartons und blaue Säcke ohne Ende die Treppe herunter, während Johann G. mit einem unserer Mit- arbeiter die Betten auseinanderschraubte. Sebastian ist seit vielen Jahren in Deutschland und möchte wie Krzysztof hier arbeiten und sich eine sichere Existenz aufbauen. »Ist doch normal, dass wir mit anpacken. Ihr habt uns geholfen, jetzt hel- fen wir Euch.« Drei Tage lang haben sie kräftig mit angepackt. Hier zeigte sich klar die Verbundenheit unserer Gäste mit der Einrichtung und den Mitarbeiter_innen. Übrigens: Einige Mit- arbeiter_innen waren selbst Gäste der Notübernachtung. Tr a u e r, S c h m e r z , Zo r n u n d E m p ö r u n g ! So haben alle Mitarbeiter_innen und vor allem unsere Gäste diese erzwungene Schließung der Notübernachtung mit Trauer und Schmerz erlebt. Aber auch mit Zorn und Empö- rung angesichts der Untätigkeit der politisch Verantwortli- chen in der Stadt und im Bezirk. Es scheint sich niemand für die Situation von obdachlosen und wohnungslosen Menschen zu interessieren. Die Not und die Probleme, die Obdachlosig- keit hervorbringt, werden schlicht nicht zur Kenntnis genom- men. Es gibt zwar immer wieder Beteuerungen des Verständ- nisses und des Helfen-Wollens. Aber es wird nicht gehandelt. Dies lässt uns vermuten, dass eine Änderung der Situation nicht gewollt wird. Für viele Gäste der Notübernachtung war die NÜ zeitweilige Heimstatt. Nun sind die Betten abgebaut, die Räume wurden besenrein übergeben. Zurück bleibt ein weiterer seelenloser Ort, der für viele Obdachlose eine Zu- flucht war. Die Notübernachtung war eine Insel im seelenlo- sen Meer. Dieser Ort war Zuflucht, ein Ort des Helfens und damit ein Ort der Hoffnung. Eine Chance, den Ärmsten der Armen zu helfen, wurde vertan. Der Prenzlauer Berg ist bür- gerlich geworden. Die bürgerliche Gesellschaft verwahrlost zunehmend sozial. Die Politiker haben Schwierigkeiten zu er- kennen, dass es den politischen Armutsbekämpfern bei ihren Bemühungen wirklich ernst ist. W i r m a c h e n w e i t e r ! Das Team der Notübernachtung wird trotz der eigenen »Obdachlosigkeit« weiterarbeiten und sich an Aktionen be- teiligen, die direkt auf die Situation obdachloser Menschen zielen. So werden sich Mitarbeiter an aufsuchender Arbeit teilnehmen und z. B. Essen und warme Kleidung direkt an Betroffene verteilen. Darüber hinaus wird es im neuen Objekt des Vereins mob e.V. in der Storkower Straße 139d wieder die Sozialberatung durch Mitarbeiter der NÜ, aber auch die Beratung von obdachlosen Menschen aus Osteuropa durch die »Frostschutzengel« geben. Wir werden auch weiterhin Ämterbegleitung anbieten, aber auch Hilfe in Behördenange- legenheiten. Dazu wird in der Storkower Straße 139d noch ein Aushang zu den Sprechzeiten gemacht. Kleine Atempause (Foto: Andreas Wilke)
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 19 Ve r k ä u fe r Ein neuer Freund und Held Meine Verkaufserfahrungen mit dem Comic »Superpenner« B E R I C H T : C a D a ( V e r k ä u f e r d e s s t r a s s e n f e g e r ) Der Januar ist immer der Monat im Jahr, wo sich die soziale Straßenzeitung strassenfeger oft nur sehr schwer ab-setzen lässt. Das liegt daran, dass alle ihre Jahresrechnungen bezahlen müssen, dass Weihnachten gerade vorbei und der Winter- schlussverkauf gerade in vollem Gange ist. Da ist es um das liebe Geld bei vielen Menschen eher schlecht bestellt. In den vergangenen drei Jahren habe ich schon öfter mal überlegt, was man im Januar im Verkauf anders machen könnte, um die potenziellen Käufer_innen denn doch zum Erstehen eines strassenfeger zu bewegen. Doch bevor mir wirklich etwas Tolles eingefallen war, besuchten uns Ende des vergangenen Jahres ein paar Mitarbeiter der Werbeagentur »Scholz & Friends« im »Kaffee Bankrott«. Im Gepäck hatten sie einen Comic, den sie in mehr als zwei- jähriger Arbeit erstellt hatten. Allerdings war das noch nicht das endgültige Magazin, sondern eine auf A3-Format gedruckte Ausgabe. Sie baten uns Verkäufer um unsere Meinung zu diesem Comic. Einige Verkäufer waren zuerst der Ansicht, es handele sich nur um eine Meinungsumfrage zu diesen Bildern. Doch als sie dann erfuhren, dass es sich um einen Comic handelt, den wir zur regulären Ausgabe unseres Magazins mit verkaufen sollten, stöhnten sie. Das klang nach Mehrbelastung. Was meistens der Fall ist, wenn meine Kollegen mal etwas mehr Lesestoff ver- kaufen sollen bzw. können. Am Anfang erkannte also niemand den großen Mehrwert des Comics. Na ja, ich gebe ehrlich zu, auf manchen Verkaufs- plätzen, macht sich das Verkaufen von zwei Hef- ten gleichzeitig durchaus schwerer. Als der Comic dann fertig gedruckt war, wurde er in einer Werbeaktion vorgestellt, zu der die schreibende Presse, das Radio und das Fernse- hen eingeladen waren. Bei dieser Werbeaktion haben zwei Verkäufer – einer war ich (!), der an- dere mein Kollege Thomas, vorher einem ARD- Fernsehteam gezeigt, wie wir den strassenfeger verkaufen, diesmal natürlich mit dem Comic. Der Umgang mit Presse und anderen Medien ist mir nicht neu, man kennt mich auch als »Käptn Kotti« (Chefstratege des verruchten Lifestyle- Modelabels »Muschi Kreuzberg«!), darum hatte ich mich auch schnell bereit erklärt, daran teilzu- nehmen. Nachdem wir die Außenaufnahmen für das Fernsehen erledigt hatten, begann, wie ich es mal nennen möchte, der gemütliche Teil. In den nächsten drei Stunden haben wir beide etwa zwei- bis dreihundert Ausgaben der Aus- gabe des strassenfeger mit dem dazu gehörigen Comic »Superpenner« verkauft. Schon dort zeigte sich, dass viele Kunden gleich mehrere Ausgaben auf einmal kauften. Das lag ganz sicher nur an dem Comic, der ja nur mit einer Ausgabe der Zeitung zusammen abgegeben wurde. Schon bei dieser Veranstaltung ahnte ich, dass es einen reißenden Absatz geben würde. Ich persönlich habe in den ersten drei Tagen des Verkaufs dieser Ausgabe doppelt so viele Zeitungen abgesetzt als an meinen besten Verkaufstagen! Für mich persönlich hat sich dieses Experi- ment der Redaktionsleitung des strassenfeger und der Agen- tur »Scholz & Friends« mehr als gelohnt. Was für mich eigent- lich noch wichtiger war: Es hat dieses Mal sogar richtig Spaß gemacht! Zum allerersten Mal in fünfzehn Jahren, seitdem ich diese soziale Straßenzeitung verkaufe, musste nicht ich den potenziellen Kunden hinterherrennen, sondern sind mir die Kunden hinterher gerannt. Für mich war das eine ganz neue Erfahrung und zwar eine äußerst angenehme. Bei vielen Verkaufsgesprächen wurde ich von den Kunden gefragt, ob es eine Fortsetzung gibt. Ich konnte nur sagen, es wäre schön und denkbar, aber mehr sei mir noch nicht be- kannt. Von einigen jüngeren Käufern, die sonst eher selten sind, wurden mir auch schon Ideen vorgeschlagen, welche Themen im nächsten Comic bearbeitet werden könnten. Übrigens: Ich könnte auch jetzt noch Exemplare dieser Aus- gabe des strassenfeger verkaufen, wenn noch Comics vorhan- den wären. Schade, dass es so schnell nicht noch einen »Super- penner« geben wird! Aber ich habe gehört, dass das nächste Heft vom »Superpenner« für Januar 2015 in Planung ist. Carsten freut sich über den Comic »Superpenner« (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201420 | TAUFRISCH & ANGESAGT k a f fe e | b a n k ro t t 01 Rainer Schallert 02 Christian Haase 03 The Wake Woods 04 Nadja in Noodt Gitarre für den guten Zweck! strassenfeger radio versteigert ein außergewöhnliches Instrument B E R I C H T : G u i d o F a h r e n d h o l z | F O T O S : S i m o n e B i r k e l b a c h Zu meiner Schande muss ich gestehen: Ich kannte Rainer Schallert bis zu unserer ersten Begegnung anlässlich des 70. Geburtstags von Jimi Hen- drix nicht. Dabei ist der Mann Musiker, genau genommen einer der prägenden Bassisten der Berliner Beat-Szene in den 1960’er Jahren mit seiner Band The Allies und seit vielen Jahren Endorser verschiedener Gitarren- und Bassher- steller. Er spielte in allen großen Konzertsälen und –hallen der damaligen Zeit in unserer Stadt. Er kannte die Musiker um Steve Winwood der Band »Traffic« persönlich, musizierte mit Jimi Hendrix und war einer der letzten Musiker, die im Rahmen der »Berlin Beat Allstars« noch mit dem im letzten Jahr verstorbenen Werner Krabbe gemeinsam auf der Bühne standen. In- zwischen sind wir richtig gute Freunde gewor- den und Rainer hat seit dem keine Live-Auf- zeichnung mehr von strassenfeger unplugged und kaffee bankrott verpasst. Rainer ist es auch, der vor einigen Wochen mit einer ungewöhnlichen, aber wunderbaren Idee auf mich zukam. »Lass eine Gitarre von Deinen Gästen signieren und versteigere diese am Jahresende meistbietend zu Gunsten des strassenfeger!« Ich dachte erst einmal, ich höre nicht richtig und fragte ihn auch prompt, wie er sich das vorstellt. Aber Rainer ist ein Mann der Tat und nahm die Umsetzung seiner Idee in die eigenen Hände. Ein paar Tage, Telefonate und E-Mails später, mitten in der Aufbauphase zu einer neuen Aufzeichnung von kaffee bankrott, stand ein grinsender Rainer Schallert mit einem riesen Paket vor mir. »Na nun mach schon auf!« Für einen Moment stockten die Aufbauarbeiten. Die gesamte Crew versammelte sich um das Pa- ket. Ich öffnete es und zum Vorschein kam eine nagelneue helle Westerngitarre inklusive Gurt und gepolsterten Gitarren-Bag. »Gesponsert von der Firma Höfner mit den besten Wünschen zu einem möglichst hohen Auktionserlös«, war noch ein knackiger Kommentar von Rainer, be- vor er sich die Gitarre auf den Schoß nahm und das gute Stück für seinen ersten öffentlichen Auftritt stimmte. A m J a h re s e n d e w i rd e i n e G i t a r re v o l l e r A u t o g r a m m e v e r s t e i g e r t Inzwischen haben die Künstler der disjährigen Aufzeichnungen unseres TV-Formats kaffee ban- krott »Nadja in Noodt«, »Haase & Band« sowie der »The Wake Woods« die ersten Signaturen da- rauf hinterlassen. In den kommenden Tagen wer- den noch die Autogramme von Torsten Goods, Jocelyn B. Smith, Volker Schlott, Jimmy Gee und Tino Eisbrenner die Gitarre vervollständigen. Und alle zukünftigen Acts von kaffee bankrott in diesem Jahr werden sich ebenfalls darauf ver- ewigen. Somit wird dieses an sich schon schöne Instrument ein unverwechselbares Unikat. Wie es mit dem Instrument weiter geht, wann die Versteigerung beginnt, aber auch weitere Aufzeichnungs- und Ausstrahlungstermine der Sendung kaffee bankrott findet Ihr unter: www. facebook.com/kaffeebankrott, in den kommenden Ausgaben des strassenfeger und im regelmäßigen Newsletter, wenn sie diesen unter der E-Mailad- resse radio@strassenfeger.org bei mir anfordern. 01 02 03 04
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 21 S p o r t Die Jagd geht weiter! Handballer der »Füchse Berlin« wieder in der Erfolgsspur B E R I C H T : A n d r e a s D ü l l i c k D iese »Füchse« haben ordentlich Biss! Vier Spiele – vier Siege, so lautet die Bilanz der »Füchse Ber- lin« seit dem Start in die Rückrunde der DKB- Handball-Bundesliga und in die Gruppenphase des EHF-Pokals. Der Lohn: Derzeit steht Berlin noch vor Flensburg auf Platz 4 der Liga und ist in Schlagdis- tanz zu den Rhein-Neckar Löwen und dem HSV! »Englische Wochen« sind derzeit angesagt bei den »Füchsen«. Erst gelang auswärts gegen »Frisch Auf! Göppingen« ein äußerst knapper, dafür umso wichtigerer Auswärtssieg (26:24). Auch internati- onal ließen die Hauptstädter nichts anbrennen: Gegen die star- ken Franzosen von »Chambéry Savoie Handball« gelang mit 30:27 (14:13) ein schwer erkämpfter Heimsieg im ersten Spiel der Gruppenphase. Obwohl Chambéry gerade in der zwei- ten Hälfte immer wieder durch schnelle Gegentore verkürzen konnte – insbesondere der frisch gebackene Europameister Alix Kevynn Nyokas machte den Berlinern das Leben schwer – hielten die Berliner dem Druck letztlich souverän stand. Dem erst 20-jährigen Jaron Siewert gelang bei seinem Debut im EHF-Cup der Schlusstreffer. Manager Bob Hanning freute sich dabei über ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk: »Füchse«-Trainer Dagur Sigurdsson hatte kurz vor Schluss mit Fabian Wiede, Paul Drux, Jonas Thümmler und Jaron Siewert vier Berliner Jugendspieler im Rückraum auf der Platte. Dazu kam noch Colja Löffler. Diese Aufstellung begeisterte Bob Han- ning sehr und machte ihn auch richtig stolz. H e i ß u m k ä m p f t e s O s t - D e r b y Danach konnten die Berliner Handballer im heimischen »Fuchsbau« auch gegen den »SC Magdeburg« punkten. Vor 8 447 Zuschauern siegten sie mit 27:24, nachdem sie gleich zu Beginn mit 5:0 in Führung gingen und zur Halbzeit schon mit sechs Toren vorn lagen. Garant des Erfolges im »Ost- Derby« war wieder einmal Torwart Silvio Heinevetter. Ihm gelangen überragende 20 (!) Paraden gegen die Magdebur- ger. Geradezu rekordverdächtig: »Heine« hielt innerhalb von einer Minute zwei Siebenmeter, insgesamt parierte er vier! In der zweiten Hälfte kamen die Magdeburger besser ins Spiel, agierten entschlossen und zupackend in der Ab- wehr. Eine Unterzahl der Berliner nutzten die Gäste, um auf 15:18 zu verkürzen. Das Spiel drohte zu kippen, doch dank einer couragierten Leistung des Berliner Ausnahmetalents Paul Drux – er machte drei Treffer innerhalb weniger Mi- nuten – hielten die »Füchse« die Bördestädter auf Abstand. In den letzten fünf Minuten wurde es noch mal eng: Magde- burg spielte eine offensive Abwehr und konnte eine Minute vor Schluss auf 23:25 verkürzen. Kapitän Iker Romero be- siegelte schließlich mit einem Tor den Sieg. Trainer Dagur Sigurdsson nach dem Sieg: »Ich bin sehr zufrieden, unsere erste Halbzeit war Weltklasse!« We i t e r u n g e s c h l a g e n i m E u ro p a p o k a l Im zweiten Gruppenspiel des EHF-Cups siegten die »Füchse« dann mit 33:27 (18:11) beim slowakischen Vize- meister »HC Sporta Hlohovec«. Nachdem Bartlomiej Jaszka gegen Magdeburg noch wegen Rückenproblemen aussetzen musste, war der Regisseur gegen die Slowaken wieder an Bord. Matchwinner war wieder ein Torwart-»Fuchs«: Petr Stochl parierte insgesamt 16 Bälle und kaufte den Hausher- ren komplett den Schneid ab. D i e Fü c h s e « d r ü c ke n p e r s o n e l l e S o rg e n Den Sieg gegen Magdeburg mussten die »Füchse« übrigens teuer bezahlen: Mindestens für vier Wochen fallen die beiden wichtigen Rechtshänder im Rückraum, Pavel Horak (Einriss der Plantarfaszie) und Paul Drux (Außenbandriss), verlet- zungsbedingt aus. Rückraumspieler Sven-Sören Christopher- sen fehlt weiterhin wegen einer langwierigen Knieverletzung. Manager Hanning betonte, dass »Smöre« erst dann wieder auf die Platte darf, wenn er vollständig gesund ist und ein paar gute Trainingseinheiten mit der Mannschaft hinter sich hat. Deshalb wollten die Berliner eventuell einen neuen Spieler als Ersatz verpflichten, hatte Bob Hanning angekündigt. »Wir haben das Thema ausführlich geprüft, aber es war auf dem Markt niemand verfügbar, der eine Verpflichtung gerechtfer- tigt und uns wirklich weiter gebracht hätte. In dieser Situation bekommt bei uns natürlich immer der eigene Nachwuchs den Vorzug vor einem mittelmäßigen Spieler aus dem Ausland«, so Hanning. »Ein nachverpflichteter Spieler hätte zudem im Europapokal nicht mehr zum Einsatz kommen können, da die Nachmeldefrist im europäischen Wettbewerb schon abge- laufen ist.« Deshalb erhielt der eigene Nachwuchs die große Chance, sich im Bundesligateam zu beweisen. Bereits beim EHF Cup Spiel gegen Hlohovec standen die Talente Jaron Sie- wert (3 Tore!) und Oliver Milde im den Kader. Am 26. Februar steht das nächste Heimspiel an: Im Po- kal-Viertelfinale treffen die »Füchse« auf den »TBV Lemgo«. Mit einem Sieg könnte man erstmals in der Vereinsgeschichte in das Final-Four-Turnier des DHB-Pokals einziehen. »Jungfuchs« Paul Drux muss mindestens vier Wochen wegen eines Außenbandrisses pausieren (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
  • 01 03 04 strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201422 | TAUFRISCH & ANGESAGT K u l t u r t i p p s skurril, famos und preiswert! Kulturtipps aus unserer Redaktion Z U S A M M E N S T E L L U N G : L a u r a 01 THEATER »Gaslicht« Diese Vorstellung ist die Premiere des Stücks »Gaslicht«, eine Adaption des bereits 1938 veröffentlichten Theaterstücks von Patrick Hamilton. »Gaslicht« spielt im viktorianischen London, in dem Jack Manningham ein dunkles und unheimli- ches Haus kauft und in das seine Frau Bella nur widerstre- bend einzieht. Jack demütigt seine Frau immer wieder und redet ihr ein, geisteskrank zu sein. An einem Abend beobach- tet Bella das flackernde Gaslicht, als plötzlich ein älterer Herr auftaucht, der mit ihr sprechen möchte. Am 6.3. um 20 Uhr, Eintritt: zwischen 19 Euro und 36 Euro Tickets: per Telefon unter 030 - 47997488 Kriminaltheater Palisadenstr. 48 10243 Berlin Info und Bild: www.kriminaltheater.de 02 L ITERATUR »mikrotext-1-Jahresfeier« Im Februar 2013 gründete Nikola Richter den Digitalverlag »mikrotext«. Das erste Programm, mit einem Essay von Alexander Kluge und den Statusmeldungen des syrischen Autors Aboud Saeed, fand schnell Aufmerksamkeit. Mittler- weile ist ein Jahr vergangen und der Digitalverlag feiert seinen ersten Geburtstag. Zu der Feier bringen »mikrotext«-Autorin- nen und Autoren Texte und andere Kulturgüter mit: Jan Kuhlbrodt wird per Skype aus einem Essay vorlesen, von Thomas Palzer gibt es Kostproben seines Spam Poetry-Hör- spiels, und Aboud Saeed erklärt, wie er zusammen mit seinem syrischen Autorenfreund Lukman Derky über Facebookfotos das Literaturverständnis revolutionieren will. Im Anschluss an die Lesungen legen verschiedene DJs auf. Am 28.2., um 20.30 Uhr, Eintritt frei! Lettrétage Literaturlabor Mehringdamm 61 10961 Berlin Info & Bild: www.lettretage.de, www.mikrotext.de 03 AUSSTELLUNG »Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße« Seit Ende Januar diesen Jahres ist der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße wieder zugänglich. Es ist der einzige Ort in Berlin, an dem sich noch Spuren des Naziregimes aus dem Jahr 1933 finden lassen. Vom März bis Dezember 1933 befand sich in dem ehemaligen Eisenbahnge- bäude, ein erstes Konzentrationslager der SA. Hier wurden politisch Andersdenkende, Juden und andere Minderheiten von der SA inhaftiert, verhört und gefoltert. 500 inhaftierte Personen sind namentlich bekannt. Man kann davon ausgehen, dass die Zahl sehr viel höher liegt. Di - Do 14 - 18 Uhr, So 14 - 18 Uhr, Fr, Sa & Mo geschlossen, Eintritt frei! Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße Werner-Voß-Damm 54A 12101 Berlin Info: www.gedenkort-papestrasse.de Bild: Johannes Kramer 04 FÜHRUNG »Spreepark Führung« 45 Jahre alt wird der »Spreepark« am Plänterwald in diesem Jahr! Leider werden schon seit mehr als zehn Jahren keine Fahrgeschäfte in dem ehemaligen Vergnügungspark mehr betrieben. Der Park mit Achterbahn, Wildwasserbahn, Riesenrad und mehr besteht aber immer noch, auch wenn er mittlerweile leider verfällt. Seit 2009 gibt es zumindest wieder Führungen durch den »Spreepark« von Christoph Flade, der früher selbst häufig Gast war. Am 2.3. und am 9.3., um 13 Uhr Eintritt: 15 Euro Anmeldung: Per Online-Formular unter www.berliner-spreepark.de Treffpunkt: Café Mythos Kiehnwerderallee 1 12437 Berlin Info & Bild: www.berliner-spreepark.de
  • VORSCHLAGEN Sie haben da einen Tipp? Dann senden Sie ihn uns an: redaktion@strassenfeger.org Je skurriler, famoser und preiswerter, desto besser! 0605 07 08 strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 23 K u l t u r t i p p s 05 KINDER »Mr. Gum und der fettige Ingo« Die alten Freunde Mr. Gum und Willy der Schlachter haben sich böse zerstritten. Mr. Gum hat beschlossen, nie wieder bei Willy, dem Schlachter, verdorbenes Fleisch zu essen. Der Konflikt spitzt sich zu. Nur Polly und ihre Freunde können die Situation wieder in Ordnung bringen, wenn es ihnen gelingt, Thora Grunzwinkel nach Bad Lamonisch zu locken. Andy Stantons Buchreihe Mr. Gum zählt zu den Klassikern englischer Kinderliteratur und ist jetzt als Kindertheater zu sehen. Am 24.02., 25.02. und am 14.03., um 10 Uhr Eintritt: 13 Euro /ermäßigt: neun / Kinder bis zwölf Jahre: sieben Euro Ticketbestellung: Per E-Mail unter besucherservice@parkaue.de Theater an der Parkaue Junges Staatstheater Berlin Parkaue 29 10367 Berlin Info & Bild: parkaue.de 06 LESEBÜHNE »Feuerpudel« Das Feuerpudelkonzept besteht aus neun Texten, einem Vorleser und drei Gewinnern. Autor kann jeder bei Feuerpu- del werden, solange er sich zutraut, die eigenen Texte vorzulesen, neu zu hören, sie ganz unvoreingenommen neu zu verstehen. Dazu gibt es immer ein Extra, dass nichts mit der Lesung selbst zu tun hat; Filme, Musik oder sonstiges. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, sich über die eigene Arbeit und das eigene Schaffen zu verständigen. Wer selbst vortra- gen möchte, kann sich unter der E-Mailadresse poetry@ dunst-kreis.de anmelden. Am 4.3., um 19 Uhr, Eintritt frei! Aber Spenden sind erwünscht. Anmeldung & Kontakt: Per E-Mail unter poetry@dunst-kreis.de Fuldastr. 31 12045 Berlin Info & Bild: www.dunst-kreis.de 08 PARTY »Fasching« Motto der diesjährigen Faschings- feier des Lindenpark ist »Cartoons & Zeichentrick ich seh‘, in die Kindheit versetzt beim LKC«. Damit sind Kostüme aus dem weitreichenden Cartoon- und Zeichentrickgenre Programm: Jede Verkleidung als »Superman«, »Batman«, »Mickey Mouse«, »Donald Duck«, »Tim und Struppi« bis zur »Biene Maja« oder den »Simpsons« ist möglich ist. Zum 35. Mal findet die Faschingsfeier des »LKC Babelsberg« mittlerweile schon statt, diesmal im »Linden- park« in Potsdam. Am 28.02., 1.03., 2.03., 3.03., Ein- lass um 18.30 Uhr, Beginn um 20 Uhr Eintritt: AK: 14 Euro/ VVK: elf Euro Ticketbestellung: Per Internetformular unter www.shop.tixoo.com Lindenpark Stahnsdorfer Straße 76 14482 Potsdam Info & Bild: www.lindenpark.de 07 KONZERT »Thalia Zedek Band« Thalia Zedek war und ist amerika- nische Sängerin und Gitarristin von verschiedenen alternativen Rockbands, namentlich darunter »Come« und »Skull«. Nachdem sie länger keine Platten mehr aufge- nommen hat, war 2013 ein besonderes Jahr für Thalia Zedek: Nach fünf Jahren veröffentlichte sie erstmals wieder ein Album. Mit der Veröffentlichung von der »Via« folgte eine Bandtour durch Nordamerika. Sie arbeitete wieder mit Chris Brokaw in der Klassik- band »Come« zusammen. Im Oktober vergangenen Jahres traf sie sich mit ihrer Band in Boston, um die neue EP »SIX« aufzunehmen. Anfang Februar 2014 hat ihre Tour in Chicago begonnen und führt sie nun im März nach Berlin. Am 5.3., Einlass ab 20 Uhr, Beginn um 21 Uhr Eintritt: zehn bis zwölf Euro Ticketbestellung: www.koka36.de Info: www.ausland-berlin.de Bild: www.thrilljockey.com
  • 01 Die Elsies der ELSE-Jury ohne Ins 02 Filmplakat des Gewinners »52 Tues- days« von Sophie Hyde und Bryan Mason (Quelle: www.my52tuesdays.com) 03 Die Regisseurin freut sich über die Gold-Else-Trophäe und dem Preis- geld von 1 000 Euro 04 Das gesamte Filmteam nach der Europapremiere auf der Berlinale strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201424 | TAUFRISCH & ANGESAGT B e r l i n a l e Bitte lassen Sie mich Jury – ich bin durch! Berlinale 2014 – zehn Tage, 30 Filme, fünf Partys… I N T E R V I E W : A n d r e a s D ü l l i c k | F O T O S : I n s A K r o m m i n g a D ie 64. Internationalen Filmfestspiele sind schon wieder Geschichte. Wie immer gab es gute und schlechte Filme. Die Bewertung, ob ein Film gut oder eher schlecht ist, ist natürlich eine ganz subjektive. Andererseits gibt es ja auch die meist sehr prominent besetzte Wettwerbsjury, die den Daumen hebt oder senkt und natürlich die vielen guten bzw. schlech- ten Kritiker. Was für ein Zufall: Unser_e Layouter_in Ins A Kromminga war Mitglied der ELSE-Jury der »Siegessäule«- Leser_innen. Andreas Düllick stellte Ins A Kromminga elf fiese Fragen zur Arbeit als Jurymitglied der Berlinale. Andreas Düllick: Wie kam es dazu, dass Du zum Leserjury- mitglied der »Siegessäule« auserkoren wurdest? Ins A Kromminga: Ich habe den Aufruf in der »Sieges- säule« gelesen und dachte mir, probier’s einfach mal. In mei- nem Bewerbungstext hab ich natürlich darauf hingewiesen, dass ich als queerer Herm (kurz für Hermaphrodit/interge- schlechtlich/Inter*) besonders auf jene Filme achten würde, die unsere heteronormative Gemütlichkeit in Gefahr bringen würden. Das hat offenbar gut geklappt und ich bin neben sechs weiteren Menschen ausgewählt worden. Wer waren Deine Mitjuror_innen? Neben mir als einzige nicht-weiblich/männliche Person waren meine Kolleg_innen jeweils fast paritätisch zwei Les- ben und vier Schwule. Teils Neu-Berliner_innen aus Schwe- den, Frankreich und der Schweiz. Die Generationenspanne war ebenso divers: von 26 bis 68 Jahren war alles dabei. Wie lief das bei Euch ab, habt Ihr in der Longue abgelüm- melt, Euch Popcorn und Bier bestellt und pro Tag fünf Filme geschaut? Popcorn gab es keins, auch kein Bier, stattdessen viel star- ken Kaffee und selbstgeschmierte Brote, die an den langen Ta- gen mit bis zu fünf Filmen am Tag kaum reichten. Das Tolle war, mit unseren privilegierten Jurybad- ges (übrigens die besten Badges auf der Berlinale – wir bekamen als Erste, noch vor dem Bezahlpu- blikum und den anderen Akkreditierten, Einlass zum Kino) hatten wir Zugang zum Pressebereich im Hyatt-Hotel, wo es umsonst Mineralwasser gab und man dem einen und anderen Hollywoodstar über den Weg lief. Welcher Film war denn Dein erster Film als Ju- rymitglied? Ich hatte zwar schon einen Tag vorher meinen Juryausweis genutzt, um den Wettbe- werbsfilm von Wes Anderson »The Grand Bu- dapest Hotel« und »American Hustle« anzu- schauen, aber der erste juryrelevante Film mit einer LSBTIQ-Relevanz war Ira Sachs’ »Love is Strange« mit John Lithgow und Alfred Mo- lina – ein wunderschöner Film über ein älteres schwules Paar, das nach 40 Jahren Partnerschaft endlich heiraten darf. Dieser Film war auch eine ganze Weile unser Favorit in der Jury, da die Figu- ren sehr intensiv und detailliert herausgearbeitet waren, und dabei besonders sensibel auf die Nu- ancen der sozialen Beziehungen im Umfeld der Hauptcharaktere geblickt hat. Welcher Film hat Dir besonders gut gefallen und warum? Unser Gewinnerfilm »52 Tuesdays« hat mir sehr gut gefallen, aus vielerlei Gründen, aber be- sonders weil er verschiedene Lebensrealitäten in einer nicht wertenden Weise zeigt, die sonst sel- ten Raum in Filmen finden: Der Film beschreibt aus der Sicht eines Teenagers die Transition der Mutter von Frau zu Mann, in einem Zeitraum von einem Jahr (an 52 Dienstagen in Echtzeit gedreht). Dabei zeigt er, dass Veränderung und Entwicklung nicht das Privileg der Jugend ist. Ebenfalls hat mir an dem Film gefallen, wie un- terschiedlich ‚Familie’ gedacht werden kann. Gab es einen Film, der Dir gar nicht gefallen hat? Ja, leider sogar einige. Besonders missfallen und für Diskussion innerhalb unserer Jury-Gruppe sorgte ein deutscher Beitrag, der meiner Meinung nach ein sehr problematisches und stereotypes Bild einer nicht-geschlechterkonformen Figur re- produziert hat, dass eigentlich seit »Schweigen der Lämmer« nicht mehr einfach so durchgehen kann. Jedenfalls nicht bei mir und einigen meiner Mit- juror_innen. Dann gab es einige Filme aus Asien, die eine harte und brutale, aber wahrscheinlich sehr reale homophobe Wirklichkeit zeigten, dies
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 25 B e r l i n a l e waren jetzt nicht schlechte Filme, aber doch sehr deprimierend. Und dennoch, wie wir am Beispiel Russland sehen können, hochaktuell. Nach welchen Kriterien bewertest Du persön- lich Filme? Puh, also erst mal versuch ich mir einen Film unvorbehalten anzuschauen und grundsätzlich auf mein Bauchgefühl zu achten, ob er mir ge- fällt. Film als Medium, insbesondere Spielfi lme, sollten einen ja besonders auch auf einer emoti- onalen Ebene ansprechen. Wenn dann die Ge- schichte interessant ist, die Figuren glaubwürdig dargestellt und all dies zusammen mit der Ka- meraführung eine Einheit ergibt, ist das schon mal gut. Mir gefällt aber besonders, wenn ein Film auch mal was Neues ausprobiert, sich auf Wege wagt, die noch nicht so gegangen wurden. Wie zum Beispiel bei unserem Gewinnerfi lm, der Teile des Dokumentarfi lms nutzt und nur an je- den Dienstag gedreht wurde, ein Jahr lang. Habt Ihr Euch gestritten bei der Kürung des Siegerfi lms oder war das eine ganz harmonische Abstimmung? Es gab viele Diskussionen, auch schon nach jedem Film den wir gemeinsam gesehen haben. Den absoluten Superknaller gab es dieses Jahr auf der Berlinale nicht – sonst wäre unsere Auf- gabe als Jury viel einfacher gewesen. So gab es verschiedene Favoriten und unterschiedliche Meinungen. Als es schließlich zum Abstimmen kommen musste, war es noch mal eine hochspan- nende Debatte, in dem wir jeder um unsere Posi- tion und um unsere Favoriten kämpfen mussten. Dazu muss ich erwähnen, unsere Gruppe war immer sehr konstruktiv und freundschaftlich, wir haben uns sehr gut verstanden. So gut, dass wir uns sogar bald wieder treffen werden, zum gemeinsamen Kochen und ins Kino gehen. Wie war die Reaktion des Publikums auf der »Bären«-Verleihung? Die Else wurde dieses Jahr gemeinsam mit den anderen unabhängigen Jurypreisverleihun- gen in der Saarländischen Landesvertretung vergeben. Bisher war dies wohl im Rahmen der Teddyverleihung geschehen, doch seit diesem Jahr wurde das geändert. Das war einerseits schade, denn die ELSE war immer eine Art Gegenposition der »einfachen Community« im Gegensatz zur offi ziellen Teddy-Jury-Entschei- dung. Andererseits ist die ELSE nun eine von 22 unabhängigen Jurys wie zum Beispiel der Leser_innenjurys der Morgenpost und des Ta- gesspiegel und kann so LSBTIQ-Themen noch mal anders Sichtbarkeit verschaffen. Dein Lieblingsfi lm aller Zeiten? Nur einen? Oh, das ist schwer... darf ich we- nigstens ein Lieblingsgenre nennen? Nein? Aus einer bestimmten Dekade? Am besten fotogra- fi ere ich meine DVD-Sammlung, ja? Ich liebe Monsterfi lme und Science-Fiction daher sag ich jetzt einfach mal Ridley Scotts »Alien«. Würdest Du es wieder tun? Das war eine »once-in-a-lifetime«-Ge- schichte und eine tolle Erfahrung, auch wenn es anstrengend war. Sollte ich dennoch irgendwann einmal wieder so eine Gelegenheit bekommen, würde ich sofort Ja sagen! »Al Midan« gewinnt »Amnesty-Filmpreis« Der Mut und die Entschlossenheit der Ägypter waren nicht vergeblich N O T I Z : A n d r e a s D ü l l i c k »Al midan« (»Der Platz«) von Jehane Nou-jaim (USA/Ägypten, 2013) ist auf der diesjährigen Berlinale mit dem »Amnesty-Filmpreis«ausgezeichnet. Der Dokumen- tarfi lm lief in der Sektion »Forum des Festivals« und zeigt die Entwicklung der Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo zwischen 2011 und 2013. Die Jurymitglieder Melika Foroutan (Schauspie- lerin), die Produzentin Regina Ziegler und Ines Wildhage von »Amnesty International« begrün- deten ihre Entscheidung folgendermaßen: »Al midan’ ist eines der mutigsten Werke, das wir in den letzten Jahren gesehen haben. Neben der politischen Brisanz und der Menschlichkeit der Geschichten hat uns ganz besonders die Bild- sprache überzeugt. Die größte Stärke des Films sind seine drei Protagonisten: Ahmed, Khaled und Magdy kommen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Aber auf dem Tahrir-Platz ver- folgen sie unabhängig von Religion und sozialer Herkunft ein gemeinsames Ziel: ein freies und säkulares Ägypten. Der Film begleitet sie und das ägyptische Volk über drei Jahre und doku- mentiert ihren Einsatz zwischen Euphorie und Rückschlägen. Der Film zeigt, dass der Mut und die Entschlossenheit der Ägypter nicht vergeb- lich waren: Sie haben gelernt, gegen jedes Sys- tem aufzustehen, das sie unterdrückt, und ihre Würde einzufordern.« Der Film ist übrigens für den Filmpreis »Oscar« nominiert! Der »Amnesty International Filmpreis« wurde im Rahmen der Preisverleihung der unabhängi- gen Jurys der Berlinale 2014 zum zehnten Mal verliehen. Er ist mit 5 000 Euro dotiert. Bisherige Preisträger waren unter anderem: »The Rocket« von Kim Mordaunt (2013), »Just the Wind« von Bence Fliegauf (2012), »Barzakh« von Mantas Kvedaravicius (2011), »Son of Babylon« von Mohammed Al-Daradji, »Wasteland« von Lucy Walker (beide 2010) und »Sturm« von Hans- Christian Schmid (2009). Der Amnesty Inter- national Filmpreis wird auch auf internationa- len Filmfestivals in Den Haag (Niederlande), Kopenhagen (Dänemark), Pesaro (Italien) und Thessaloniki (Griechenland) vergeben.
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201426 | TAUFRISCH & ANGESAGT B e r l i n a l e 01 Die Regisserin Annekatrin Hendel (Foto: ©Martin Farkas) 02 Filmstill: Die Regisseurin befragt Anderson in der nachgebauten Küche von Ekkehard Maaß (Foto: ©IT WORKS Medien ) 03 Ekkehard »Ekke« Maaß während der Filmpremiere im Kino »Inter- national« (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst) 04 Sascha Anderson (Foto: ©IT WORKS Medien) 01 Der Dokumentarfilm »Anderson« polarisiert »Ich stoße auf viele offene Wunden und Fragen und ich denke, dass wir aus unserer Geschichte etwas lernen müssen.« (Annekatrin Hendel) I N T E R V I E W : A n d r e a s D ü l l i c k D er Schriftsteller Sascha Anderson, in den 1980ern Fixstern und Popstar des kreativen DDR-Undergrounds, wird 1991 als Stasizuträ- ger ersten Ranges enttarnt. Ein Skandal. Vom Nachnamen blieb nur noch das »A« und nicht wenige ergänzten: »rschloch«. Der Film erzählt vom wild be- wegten Doppelleben des Sascha Anderson zwischen Dissi- dententum und Verrat – und was es bedeutet, mit Lüge, Ver- trauensmissbrauch und dem nicht abwaschbaren Stempel des Verräters zu leben. Annekatrin Hendel hat die, die nicht mehr miteinander reden, zum Reden bewegt und sie virtuell wie- der an den Tisch gesetzt, an den Anderson seit fast 25 Jahren nicht mehr eingeladen wird. Noch immer ist kein Gras über die Sache gewachsen. Andreas Düllick sprach für den strassenfeger mit der Re- gisseurin Annekatrin Hendel während der Berlinale über den Film und die Reaktionen des Publikums. strassenfeger: Warum musstest Du diesen Film über Sascha Anderson machen – 25 Jahre nach der Wende? Was wolltest Du erreichen? Annekatrin Hendel: Der Film ist nach »Vaterlandsverrä- ter« der zweite Teil einer Trilogie zum Thema ‚Verrat‘. Ich versuche etwas über den heutigen Stand unseres Umgangs mit dem Thema Stasi nach 25 Jahren Aufarbeitung zu erzählen. Dabei stoße ich auf viele offene Wunden und Fragen und ich denke, dass wir aus unserer Geschichte etwas lernen müssen, können und sollten, auch für das, was heute ist. Mit dem Ende der DDR hat ja die Überwachung von Menschen nicht auf- gehört. Gibt es plötzlich keine Geheimdienste mehr, keinen Verrat unter Freunden? Du hast Deinen künstlerischen Auftrag folgendermaßen definiert: Unsere Geschichten können wir selbst am besten erzählen. Was bedeutet das genau für Dich? Ob am besten, das weiß ich nicht. Aber wir, und damit meine ich unsere Generation der letzten Erwachsenen der DDR, sollten von unserem gelebten Leben erzählen. Solange wir das noch können. Als leidenschaftliche Film- Konsumentin wartete ich jahrelang auf Filme, die zum Kern der historischen Wahrheit vordringen wollen. Die zeigen, dass die Geschichte von Diktaturen mehr ist, als die ihrer Herrschafts- und Un- terdrückungsapparate. Und die zeigen, dass es komplex und emotional erzählte persönliche Geschichten und Biografien sind, die uns zu neuen Erkenntnissen und gedanklicher Re- flexion bewegen. Mir geht es genau darum dass, bevor wir alle abgekratzt sind, preisgeben, was interessant sein könnte für unsere Kinder und Kindeskinder. Offensichtlich ist das ja auch international so interessant, dass jedes zweite Jahr der deutsche Beitrag für die Wahl zum »Oscar« in Hollywood ein Film über die Stasi ist. Wir wären schön blöd, wenn wir unsere Geschichten nicht auch selbst erzählen würden. Wie hat Anderson reagiert, als Du ihn gefragt hast, ob er bereit ist, für Deinen Film vor der Kamera über sein Leben und seinen Verrat zu sprechen? Ich habe ja schon 2010 bei meinem ers- ten Film zur Trilogie mit ihm gedreht. Da ging es aber in erster Linie um Paul Gratzik. Beim Schneiden des Films bestätigte sich, wie raum- greifend Andersons Geschichte ist, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als seinen Part im ersten Teil minimal zu halten. Schon zu die- ser Zeit, also vor 3 Jahren habe ich ihn gefragt. Er hat nicht gesagt, »Prima, machen wir«. Dass es zu den Dreharbeiten gekommen ist, war ein längerer Entscheidungsprozess. Gab es einen Deal mit Anderson über das, was er bereit ist im Film preiszugeben? Nein, das war vollkommen frei. Während der Dreharbeiten hat sich ergeben, worüber er nicht bereit ist zu sprechen, bspw. jetzige private Dinge. Das war aber kein Deal, sondern ich habe ihn danach gefragt, und er hat mir dann vor der Kamera gesagt, was er nicht möchte und der Film zeigt das auch. War es schwierig, Andersons Weggefährten, Freunde, Opfer für Deinen Film zu gewinnen? Die meisten wollten damit überhaupt nichts zu tun haben bzw. mitmachen. Auch das war dann immer – bei jedem etwas anders – ein Prozess. Ich wollte jetzt auch nicht Überzeu- gungsarbeit leisten, die Menschen nicht überre- den, sondern ich habe sie einfach immer wieder gefragt und gesagt, dass ich denke, dass Dia- log interessant und wichtig ist. Im Film sieht man auch eine Protagonistin, die nicht bereit ist, zu sprechen (gemeint ist die Malerin Conny Schleime, Anm. der R.). Diese Absage ist Teol des Filmes, weil es exemplarisch ist, dass es Leute gab, die nicht bereit waren am Film mit- zuwirken. Warum wollte Conny Schleime nicht mitwirken? Sie will vielleicht ihre Geschichten selbst er- zählen. Mit ihrer Kunst, ihrer Malerei und wenn sie schreibt. Das akzeptiere ich. Aber ich wollte ihre Werke zeigen, was für eine künstlerische Potenz da entstanden ist in unserer Jugendzeit. Man darf nicht vergessen, wir waren damals alle blutjung, es war eine sehr prägende Zeit und daraus ist ja nicht nur Bespitzelung und Verrat
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 27 B e r l i n a l e 02 rausgekommen, sondern auch ganz, ganz tolles Zeug. Und Conny gehört zu den Vertretern, die heute sehr populär sind, mit dem, was sie ma- chen. Deshalb war sie mir auch wichtig. Sie steht für vieles an Kunst, was sich entwickeln konnte damals in diesem Staat. Wie hast Du Dich auf die Dreharbeiten vorbe- reitet? Gründliche Recherche. Ich habe alles gele- sen dazu, was ich in die Hände bekam – Akten, Bücher und sonstiges Material. Dann habe ich im Vorfeld mit vielen Menschen gesprochen. Schon wenn man Geld beantragt für so einen Film muss man fundiert beschreiben, was man zeigen will. Überzeugen. Und dazu muss man Bescheid wissen. Du hast für Deinen Film die Küche von Ekke- hard »Ekke« Maaß, einer der Menschen, die Anderson bespitzelt hat, im Studio detailgetreu aufgebaut. Wie hat Anderson darauf reagiert? Das sieht man ja im Film. Er war überrascht. Es hätte passieren können, dass er mir einen Vo- gel zeigt und einfach wieder rausgeht aus der Kü- che. Für mich war es also sehr aufregend, weil ich überhaupt nicht wusste, wie er darauf reagiert. Aber es war sowieso immer aufregend, weil ich nie vorher wusste, was passiert und wie die Leute reagieren, also nicht nur Sascha, sondern auch die anderen Protagonisten reagieren. Wie war das denn mit Ekke Maaß? Hat er so- fort gesagt, ja, »Du kannst meine Küche dafür haben«? Er wollte zuerst überhaupt gar nicht mit- machen und stand nicht zur Verfügung. Ich habe wirklich Monate gebraucht, um überhaupt mit ihm ins Gespräch zu kommen. Dass ich mir seine Küche im Nachbau als Zentrum des Fil- mes vorstelle und wünsche (die er übrigens bis heute als literarischen Salon nutzt) habe ich ihm erst mal nicht verraten. Wie liefen die Gespräche mit Anderson ab? Das sieht man doch. Ich habe ja mit Sa- scha Anderson nicht nur in der Küche gedreht, sondern auch andere Sachen gemacht. Wir sind zusammen nach Frankfurt a. M. gefahren, ich habe ihn dabei begleitet bei dem, was er so- wieso gemacht hat. Natürlich haben wir viel mehr Material gedreht, als man im Film sieht, aber das, was nun enthalten ist, ist schon exem- plarisch für das, wie die Gespräche stattgefun- den haben. So war es. Dokumentarfilmer sollten immer eine kritische Distanz zu ihren Protagonisten wahren. War das bei Anderson schwierig? Ich hatte ohnehin eine sehr große Distanz zu ihm, weil ich ihn ja von früher vom Sehen kenne. Ich gehörte einfach nicht zu seinen Fans von früher. Ich bin also auch nicht verletzt oder enttäuscht, was natürlich eine gute Grundlage ist, so einen Film zu machen. Ich bin keines sei- ner Opfer. Sondern ich bin Filmemacherin, die Fragen stellt, die neugierig ist, die nicht bewerten will. Ich habe mich jetzt nicht um eine extra Por- tion Distanz bemüht. Für mich ist wichtig, dass es einen Dialog gibt. Dass ich mich als Filme- macherin nicht als der bessere Mensch hinstelle und von oben herab auf meinen Protagonisten schaue, sondern, dass wir uns auf Augenhöhe unterhalten, mit Distanz natürlich. Bei der Premiere gab es die Frage eines Besu- chers, ob nicht die Gefahr bestanden habe, dass Anderson Dich als Regisseurin manipulieren könnte? Wie siehst Du das? Ich zeige ja, wie die Gespräche abgelaufen sind. Ich wollte Anderson ja nicht irgendwo hin- haben. Ich hatte nicht die Absicht ihn irgendwo hin haben zu wollen. Viele haben mich vor der Premiere gefragt: »Hast Du ihn geknackt?« Ich konnte nur antworten, dass ich nicht die Absicht hatte, Sascha Anderson zu »knacken«. Ich habe aber bei keinem meiner Filme jemals die Absicht gehabt, jemanden zu knacken. Man kann im Film sehr viel sehen, z. B. ganz viel Unsicherheit. Man kann vielleicht auch Schuldgefühle und Scham entdecken. Jeder soll das sehen, was er sehen kann. Ich habe ja kein Buch geschrieben. Es ist ein Film, da kann man die Augen aufmachen. Einige kritische Besucher der Premiere fanden, Du hättest Anderson eine Bühne geboten, um sich zu produzieren? Ja, das haben viele auch schon im Vorfeld befürchtet: »Das geht nicht, den Film darf man nicht machen, man darf ihm keine Plattform bie- ten.« Vielleicht weil ich ein trotziger Mensch bin, habe ich sofort überlegt, was soll das denn für eine Bühne sein, die keiner will? Ich finde das schon eine nachvollziehbare Frage, aber ande- rerseits, kann man nicht etwas verarbeiten, wenn man schweigt. Plattform hin oder her. Mein Film ist ein Angebot. Für mich zeigt sich und entblät- tert sich darin alles wie von selbst. Die Leute, die in der Premiere aufgesprungen sind und meinten, Anderson bekäme hier eine Plattform, waren so erregt über das ganze Thema, dass ich sofort zufrieden war. Denn gerade diese
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201428 | TAUFRISCH & ANGESAGT B e r l i n a l e Leute scheinen mir alles andere als durch mit dem Thema zu sein. Ganz abgesehen davon, dass jeder ja selbst entscheiden kann, für welchen Film er eine Kinokarte ersteht. Ich finde es spannend, was nach der Premiere passiert ist. Die Prota- gonisten saßen im Kino zusammen. Anschließend wurde in der »Rumbalotte« weiter geredet. Es gab viele Gespräche, die nicht enden wollten. Diskussionen und Gespräche, nicht nur mit unter den Protagonisten oder mit mir, sondern unter den Zuschauern. Was will man mehr? Hast Du versucht, die Protagonisten gemeinsam mit Ander- son an einen Tisch zu bekommen? Nein, das war nicht meine Absicht für den Film. Ich bin nicht das Schicksal. Wenn sich jemand mit ihm selbst hätte treffen wollen... das ist ja der Punkt. Es ist ein Film mit of- fenem Ausgang. Hast Du herausgefunden, was die eigentlichen Gründe für den Verrat an seinen Freunden waren? Das ist eine ganz schwierige Frage. Ich denke, dass es dafür, andere Menschen zu auszukundschaften, ganz viele unterschiedliche Gründe gibt. Wenn man dann den Men- schen fragt: »Warum hast Du das getan?«, wird er uns nach 25 Jahren sicher auch Gründe angeben können. Aber sind das dann wirklich die Gründe oder sind es einfach zurechtgelegte Sachen? Für mich ist diese Frage deshalb komplett wertlos, weil die wirklichen Motive oft eine Kombination aus persön- lichen Interessenlagen, Beeinflussungen von aussen kommen, aber die auch mit Mustern, Prägungen, der charakterlichen Beschaffenheit und mit dem Unterbewussten zu tun haben. Deshalb ist diese Fragestellung für mich zu simpel. Ich hoffe, wenn man sich den ganzen Film anschaut, dass man dann Antworten auf das WARUM findet. Ich finde da Antworten. Anderson sagte nach der Premiere, dass er sich bei seinen Opfern nicht entschuldigen könne. Besser wäre es, wenn sie ihm verzeihen würden. Viele empfanden das als Provoka- tion! Nein, das hat er nicht gesagt. Er hat gesagt: »Das, was von mir erwartet wird, das ist menschenunmöglich. Und denen, die es versuchen, denen glaube ich eigentlich nicht... und... Ich kann mich nicht entschulden.« Er hat nicht gesagt, »Ich kann mich nicht entschuldigen.« Ich wollte auch nicht verlangen, dass er sich vor meiner Kamera kollektiv entschuldigt. Was er in persönlichen, direkten Gesprächen macht und gemacht hat, ist dabei offen. Offensichtlich gibt es auch Leute, die direkt betroffen sind, die seinen Frieden mit ihm machen konnten. Und vielleicht entwickelt sich das nun auch weiter. Das meine ich, wenn ich sage: es ist ein Film mit offenem Ausgang. Wundert es Dich, dass viele seiner Opfer, so milde mit dem Stasispitzel Anderson umgehen? Ich finde sie nicht unbedingt milde. Ich habe aber ge- staunt, mit welcher Besonnenheit die Menschen, auf die ich getroffen bin, die mit ihm direkt zu tun hatten, reflektieren können. Das war überraschend. Erstaunt es Dich, dass Anderson bereits wieder Teil des deutschen Literaturbetriebs ist? Ist er das überhaupt? Wenn ja, warum nicht, er ist ja Schriftsteller. Die Musik zum Film kommt von »Herbst in Peking«, »Grüß- august« (früher »The Inchtabokatables«), »To Rococo« – warum hast Du diese Bands ausgewählt? Das ist die Musik, die Bert Papenfuß in seiner Kulturspe- lunke „Rumbalotte“ aufgelegt hat, als wir dort gedreht haben. Es ist die Musik, die sich aus den Dreharbeiten organisch er- gab. Der Titelsong des Filmes »Shame« ist 1991 erschienen und 2013 neu aufgelegt worden. „To Rococo Rot“ setzt sich aus Musikern zusammen, die schon in den Achtzigern zu der von mir sehr geschätzten Band »Ornament und Verbrechen« gehörten. Passt also. Jetzt, nachdem Du die Dreharbeiten und den Schnitt hinter Dir, den Film auf der Berlinale vorgestellt, vielleicht auch etwas Abstand hast – wie ist das jetzt, was hat diese Arbeit mit Dir selbst gemacht? Ich habe noch keinen Abstand, weil der Film erst direkt zur Berlinale fertig geworden ist. Aber ich finde, dass die Gesprä- che, die vor und nach der Premiere und der zweiten Vorführung stattfanden, absolut sinnvoll und richtig sind mit aller Empörung etc. Wichtig ist, dass die Menschen miteinander kommunizieren! Wann kommt Dein Film in die Kinos? Voraussichtlich im Herbst 2014 Der neue Film ist Teil Deiner »Verrats-Trilogie«, die mit »Vaterlandsverräter« – einem Film über den Dichter und Stasi-IM Paul Gratzik begann, jetzt Anderson zum Thema hat und mit dem Film »DISKO« enden soll. Warum diese Trilogie? Mich interessiert das Thema »Verrat« in einem gewissen zeitgeschichtlichen Abriß jüngster deutscher Geschichte zu erzählen. Dafür reichen 1x 90 Minuten nicht. Wie geht es weiter mit der Regisseurin Annekatrin Hendel? Es gibt sofort viel zu tun. Und ich hoffe, die Regisseurin Annekatrin Hendel wächst an ihren Aufgaben. 03 04
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 AUS DER REDAKTION | 29 R a t g e b e r I N FO Mehr zu ALG II und Sozialhilfe Der neue Leitfaden ALG II/Sozialhilfe von A–Z (Stand Juli 2013) › erhältlich für 11 EUR im Büro des mob e.V., Storkower Str. 139d,, oder zu bestellen bei: DVS, Schumanstr. 51, 60325 Frankfurt am Main, › Fax 069 - 740 169 › www.tacheles-sozialhilfe.de › www.erwerbslosenforum.de Leistungen für Bildung und Teilhabe Teil 1 R A T G E B E R : J e t t e S t o c k f i s c h Zum 1. Februar hätten die Ämter wieder an alle Anspruchsberechtigten AUTO-MATISCH 30 Euro für die Ausstattung mit persönlichem Schulbedarf auszah- len müssen (§ 28 Abs. 3 SGB II). Das hat noch nie richtig geklappt. Wer also das Geld noch nicht auf dem Konto hat, sollte es umgehend schriftlich einfordern. Es ist die einzige Leistung, die keinen gesonderten Antrag erfordert! Anspruchsberechtigt sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre, die am 1. Februar Alg II berechtigt waren und eine allgemein- oder berufsbildende Schule besuchen. Zu diesen Schu- len zählen: Grundschulen, Gymnasien, Integrierte Sekundarschulen, Gemeinschaftsschulen, Schu- len mit Sonderpädagogischen Förderschwerpunk- ten, berufliche Gymnasien, Fachoberschulen, Berufsoberschulen, Berufsfachschulen, Fachschu- len staatlich genehmigte oder anerkannte Ersatz- schulen (Privatschulen), Abendschulen, Kollegs, Volkshochschulen oder andere Bildungsträger, in denen allgemeinbildende Schulabschlüsse nach- geholt werden, wenn keine Ausbildungsvergütung gezahlt wird. Der Schulbesuch ist für die erste Klasse nachzu- weisen bzw. bei der Neubeantragung von Hartz IV (damit ist nicht die Weiterbewilligung im laufen- den Bezug gemeint). Soweit keine gegenteiligen Anhaltspunkte vorliegen, ist bis einschließlich Jahr- gangsstufe 9 kein weiterer Nachweis erforderlich. Erst danach ist der Schulbesuch nachzuweisen. Es scheint jedoch noch immer vor zu kommen, dass jährlich eine Schulbescheinigung verlangt wird. Das ist nicht nur rechtswidrig, sondern dann auch reine Schikane. AUSFLÜGE: Darunter fallen ein- und mehrtä- gige Ausflüge von Kitas und Schulen (auch Hor- ten) nach § 28 Abs. 2. Es sind mehrere solcher Ausflüge im Jahr möglich. Der Antrag wirkt auf den ersten des Monats zurück. Für diese Anträge gibt es einen gesonderten Antragsvordruck. Im NOTFALL reicht erst einmal ein formloser An- trag, falls das Monatsende sonst überschritten wird. Der Antragsvordruck muss dann natürlich nachgereicht werden. Dort müssen eingetragen werden: Angaben zum Leistungsträ- ger, zum Wohnort, zum Kind/Schüler, zur Dauer und Kosten der Fahrt. Dazu muss die verantwortliche Lehrkraft/Mitarbei- ter diese Angaben bestätigen und zusätzlich versichern, dass es sich bei Schulen um eine von der Schulleitung genehmigte Fahrt nach den schulrechtlichen Bestimmungen handelt und zu viel gezahlte Mittel an den Leistungsträger zurück gezahlt werden. Ebenfalls benötigt werden die Bankverbindung der Einrichtung und Unterschrift. Als Verwendungszweck sind der Vor- und Nachname des jeweiligen Kindes/Schülers und das Aktenzeichen erforderlich. Bei Ausflügen werden die Kosten übernommen für: Fahrten, Unterbringung, Verpflegung, gemeinsame Veranstaltungen und Besichtigungen. Taschengeld muss aus dem Regelsatz bezahlt werden. Zu den mehrtägigen Klassenfahrten gehören nach Senats- vorgaben: › Schülerfahrten in engerem Sinne (klassische Klassenfahrten) › Gedenkstättenfahrten › Schullandheimfahrten › Schüleraustauschfahrten bei Schulpartnerschaften › Schüleraustauschfahrten in Verantwortung der Berliner Schulen › Fahrten im Rahmen der Ergänzenden Betreuung an Grund- schulen › die Teilnahme von Schülergruppen an Wettbewerben › Fahrten einzelner Kurse oder Arbeitsgruppen › Projektfahrten Ferienschulen zählen im Einzelfall unter den Begriff der Klas- senfahrten nach den schulrechtlichen Bestimmungen, wenn diese den Klassenfahrten gleichstehen. Nimmt ein Kind/Schüler an der beantragten Fahrt nicht teil, muss die Schule dies melden. Die Schule erhält dann nur die nicht vermeidbaren Kosten (z. B. Bus oder Stornokosten) er- stattet. Es ist davon aus zu gehen, dass sich der Leistungsträger diese Kosten von den Eltern zurückholen wird. Deshalb emp- fehle ich, bei Krankheit ein ärztliches Attest zu besorgen, um einen triftigen Grund der Nichtteilnahme zu beweisen. Dazu steht jedoch nichts in den Senatsvorschriften. Im nächsten Teil geht es mit diesem Thema weiter.
  • strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 201430 | AUS DER REDAKTION K o l u m n e Karikatur: Andreas Prüstel Aus meiner Schnupftabakdose K O L U M N E : K p t n G r a u b ä r Berlin ist immer wieder für eine Überraschung gut. Manch- mal begegnet man ihr gerade da, wo man sie zuletzt vermu- tet hätte, im Alltäglichen. Man hat sich an den täglichen Trott durch die Unzulänglichkeiten unserer Stadt gewöhnt, und dann gerät man plötzlich in eine wahre Revolution, die alle Berlinerfahrungen auf den Kopf stellt. Die Helden sind meist die unscheinbaren kleinen Leute. Diesmal sind es die Taxifahrer. In Zukunft soll es Taxis geben, die sauber sind und nicht nach den Rauchgewohnheiten ihrer Fahrer riechen. In die- sen Droschken ertönt nur Musik, wenn es auch dem Fahrgast gefällt. Man kann mit der Karte zahlen. Die Kutscher sind ordentlich gekleidet, kennen sich in ganz Berlin und nicht nur in ihrem Kiez aus. Sie sprechen verständlich deutsch und be- herrschen auch eine weitere Sprache, am besten Englisch. Sie sind freundlich zu ihren Fahrgästen und sind beim Ein- und Aussteigen behilflich. Ihre Lebenserfahrung und ihre Ansich- ten über den Senat behalten sie für sich. Wahnsinn! Der Taxiverein hat es wohl selbst nicht für möglich gehalten, dass so etwas in Berlin geht, und deshalb eine Schulung ge- macht, damit die Kutscher einen Begriff kriegen, was zum Beispiel Freundlichkeit oder Sauberkeit bedeutet. Von den 18000 zugelassenen Taxifahrern haben wirklich 80 an die- ser Bildungsveranstaltung teilgenommen. Vielleicht war es ja für die anderen 17920 nicht nötig, oder sie haben sich gesagt, dass das überflüssig ist. Aber mit diesen 80 geht es nun los. Sie fahren nicht einfach nur Taxi, sie fahren jetzt Premium-Taxi. Damit der Fahrgast (so heißt der dann wirk- lich, nicht mehr »dieser Trottel, der vom Bahnhof Zoo zur Fuggerstraße will«) merkt, dass er jetzt was Besonderes er- lebt, dürfen sich die Premium-Kutscher eine Plakette an die Windschutzscheibe pappen. (Ein Einschub in eigener Sache: Dies ist mal wieder ein Be- weis dafür, dass die Wirklichkeit jeden satirischen Versuch gnadenlos in den Schatten stellt.) Ich bleibe trotzdem noch beim Thema Premium. Das lässt sich doch auch auf andere Bereiche ausdehnen. In jedem Restau- rant sollte es ein paar Premiumtische geben, wo nur ausgesucht höfliche Kellner bedienen, für die der Gast der Mittelpunkt ihres Berufslebens ist. Sie helfen allein kommenden Damen aus dem Mantel, rücken ihnen den Stuhl, können kompetente Auskunft über den Inhalt der Speisekarte geben und warten geduldig, bis der Gast sich entschieden hat. Premiumklemp- ner wären auch eine feine Sache. Sie kommen noch am selben Tag, wenn man sie anruft, weil mal wieder eine Überschwem- mung in Küche oder Bad droht. Wenn sie ihr segensreiches Werk vollendet haben, hinterlassen sie keinen Schmutz, der ein mehrstündiges Putzen nötig macht. Die BVG könnte Pre- miumbusse laufen lassen, die erst dann die Fahrt fortsetzen, wenn sich der Fahrer davon überzeugt hat, dass alle Passagiere einen Sitzplatz oder sonst festen Halt gefunden haben. Beson- ders Fahrgäste im vorgerückten Alter wären dankbar dafür. Ich frage mich, woher dieser Perfektionstrieb unter der Marke Premium kommt. Irgendwie erinnert das doch an längst Ver- gangenes. Da ging es doch mal um Weltniveau. Das ist damals leider ziemlich schief gegangen. Aber nun, wo der Mensch wieder im Mittelpunkt steht, kann man es ja noch mal pro- bieren. Da muss man ja nicht gleich an eine DDR 2.0 denken. (Und noch ein Wort in eigener Sache: Man hat mich angeregt, eine Satire zur gegenwärtigen Koalitionskrise und den Fall Edathy zu schreiben. Das geht nicht. Über moralisches Fehl- verhalten und Dummheit macht man keine Witze. Ich meine damit nicht nur Herrn Edathy.)
  • Vorschau s t r a s s e n fe g e r N r. 5 »Mann & Frau« erscheint am 10. März 2014 BART ODER KEIN BART? GERDA SCHIMPF WIRD 101! DOROTHY IANNONE IN DER BERLINISCHEN GALERIE Fo to : A nd re as D ül lic k © V G B ild -K un st Cover des »Superpenner« (Foto © Scholz&Friends) MITMACHEN Du willst selbst einen Artikel schreiben oder dich anderwei- tig an der Redaktionsarbeit des strassenfeger beteiligen? Dann komm zur öffentlichen Redaktionssitzung! Jeden Dienstag 17 Uhr Kaffee Bankrott, Prenzlauer Allee 87 Mehr Infos unter: 030 - 419 345 91 strassenfeger | Nr. 4 | Februar - März 2014 AUS DER REDAKTION | 31 Mitglied im: Partner: Facebook: Impressum H E R AU S G E B E R mob – obdachlose machen mobil e.V. Storkower Str. 139d, 10407 Berlin Telefon: 030 - 467 946 11 | Fax.: 030 - 467 946 13 V O R S I TZ E N D E Dr. Dan-Christian Ghatt as, Lothar Markwardt, Andreas Düllick (V.i.S.d.P.) C H E F R E DA K T E U R Andreas Düllick R E DA K T I O N E L L E M I TA R B E I T Redaktionelle Mitarbeit: Astrid Baty, Bernhardt, CaDa., Friends with Benefi ts, DOJO, Andreas Düllick, Laura F., Guido Fahrendholz, Detlef Flister, rwf, Jeannett e, Jutt a H., Jan Markowsky, Christoph Mews, Boris Nowack, OL, Andreas P., Andreas Prüstel, Tannaz, Urszula-Usakowska- Wolff , Manfred Wolff T I T E L B I L D Der große Rote Drache und die Frau, mit der Sonne bekleidet (Foto: Wikipedia/William Blake) K A R I K AT U R E N Andreas Prüstel, OL D E S I G N V O R L A G E Thekla Priebst S ATZ U N D L AYO U T Ins Kromminga S C H R I F T E N Karmina Sans (mit freundlicher Genehmigung von typetogether), Life B E L I C H T U N G & D RU C K Union Druckerei Berlin R E DA K T I O N S S C H LU SS 19. Februar 2014 R E DA K T I O N Storkower Str. 139d, 10407 Berlin Telefon: 030 - 419 345 91 | redaktion@strassenfeger.org A B O - KO O R D I N AT I O N & A N Z E I G E N mob – obdachlose machen mobil e.V. Telefon: 030 - 419 345 91 Adressen T R E F F P U N K T K A F F E E B A N K ROT T Storkower Str. 139d, 10407 Berlin Telefon: 030 - 447 366 91 Öff nungszeiten: Mo bis So 8.00 – 19.30 Uhr N OT Ü B E R N A C H T U N G V O RÜ B E RG E H E N D G E S C H LO SS E N T RÖ D E L P O I N T B E I M O B E .V. Storkower Str. 139d, 10407 Berlin Montag bis Freitag 8.00 – 18.00 Uhr Telefon: 030 - 246 279 35 troedelpoint@strassenfeger.org W W W. ST R A S S E N F EG E R .O RG Namentlich genannte Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Es war nicht möglich, bei al- len Bildern die Urheber festzustellen. Betroff ene melden sich bitt e bei uns. Für unverlangt eingesandte Fotos, Manuskripte oder Illustrationen übernehmen wir keine Haft ung. Der strassenfeger ist off en für weitere Partner. Interessierte Projekte melden sich bitt e bei den Herausgebern. Vo r l e t z t e S e i t e Betr.: „Superpenner“ Hallo liebe strassenfeger-Redaktion, fand Eure Aktion mit dem Zusatzheft in der Ausgabe 1/2014 „ZEIT“ genial. Habe mir auch gerade deswegen eine Ausgabe gekauft . Mit dieser Nachricht möchte ich Euch dazu animieren, mehr vom Superpenner zu bringen. Es ist zwar kein witziges Thema und ei- gentlich sollte hier auch mehr und ernsthaft er drüber gesprochen werden, aber wenn wir ehrlich sind, hat sich die Ausgabe wegen des Comics mehr als gut ver- kauft . Ging weg wie warme Semmel! Würde mich über ein weiteres Abenteuer des Superpenners durchaus freuen. Darüber hinaus solltet ihr mal darüber nach- denken, einen Comic über „Pfandthomas“ zu machen. Auch ein wichtiges Thema und es passt gut in die Co- micreihe. Unter dem Namen „Pfandthomas Rises“ (on Anlehnung an „Dark Knight Rises“) kann man viel ma- chen. Wenn Ihr mögt, gebe ich Euch auch noch mehr Input zu meiner Idee. Besten Dank und Grüße Christian S. Leserbrief
  • Ein Dach über dem Kopf Die Aktion »Ein Dach über dem Kopf« wurde vom Verein mob – obdachlose machen mobil e.V. gestartet, um Menschen, die in tiefer Not und ohne eigene Bleibe sind, wirksam helfen zu können. Damit wir diese Menschen dauerhaft unterstützen können, benötigen wir Ihre Hilfe. EINMALIG Ja, ich möchte für eine Woche einem Menschen Ein Dach über dem Kopf ermöglichen und zahle 14 EUR Ja, ich möchte für zwei Wochen einem Menschen Ein Dach über dem Kopf ermöglichen und zahle 28 EUR Ja, ich möchte für einen Monat einem Menschen Ein Dach über dem Kopf ermöglichen und zahle 60 EUR PARTNERSCHAFT Ja, ich möchte einem Menschen dauerhaft Ein Dach über dem Kopf ermöglichen und zahle monatlich 60 EUR Ja, ich möchte die Aktion Ein Dach über dem Kopf regelmäßig unterstützen und zahle monatlich EUR (mindestens 10 EUR) Bitt e schicken Sie mir eine Spendenbestätigung zu. Name, Vorname Straße PLZ, Ort Einzugsermächtigung (Die Einzugsermächtigung gilt bis auf Widerruf) Bank BLZ Konto Inhaber Unterschrift Vielen Dank für Ihre Spende! Bitt e senden Sie den Coupon an : »Ein Dach über dem Kopf« c/o mob e.V., Storkower Str. 139d, 10407 Berlin Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft BLZ | BIC 100 205 00 | BFSWDE33BER IBAN DE97100205000003283801 Kennwort: »Ein Dach über dem Kopf« Foto: r.Werner Franke Der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke unterstützt die Spendenkampagne »Ein Dach über dem Kopf«!