Erich Adalbert Wulff: Irrfahrten. Autobiografie eines Psychiaters

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    15-Jul-2016

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  • Buchbesprechungen 301arbeiten. Aufgrund knapper finanzieller Mittelund schwieriger Arbeitsbedingungen kommtes hufig zu personellen Fluktuationen; auchManagementprobleme sind die Folge. Natr-lich kann Supervision, wie Schmidbauer dasanhand eines Beispiels darstellt, nicht allesreparieren.

    Altern ohne Angst ist als psychologi-scher Begleiter geschrieben und beanspruchtnicht, eine umfassende Darstellung des Al-terns zu sein. Durch die Problemdarstellungund Sprachkraft von Schmidbauer wird dieLektre hoffentlich vielen, die um das Themaeinen groen Bogen gemacht haben, einenZugang geben.

    Nando Belardi, Chemnitz

    Erich Adalbert Wulff : Irrfahrten. Auto-biografie eines Psychiaters. Bonn: Editiondas Narrenschiff, 2001, 630 S., 29,90 .

    Der Autor, besser bekannt als ErichWulff, wurde 1926 als Arztsohn undDeutschbalte in Estland geboren. WeitereStationen: Flakhelfer, Soldat an der Ostfront,Medizinstudium nach Kriegsende in Kln. Erstudierte aber auch Literatur und Philosophie.Nach dem Staatsexamen kam es zu einemStudienaufenthalt in Paris. Hier hatte er vieleKontakte mit den damaligen franzsischenphilosophischen und literarischen Kreisen,aber auch mit der Politik, denn es war die Zeitdes franzsischen Indochina-Krieges. Einephilosophische Dissertation ber den Ekelwurde nie fertig gestellt, Assistenzjahr undmedizinische Promotion folgten. Im Jahre1961 kam es zu einer Zsur im Leben vonErich Wulff. Er ging fr sechs Jahre alsPsychiater nach Hue, im damaligen Sdviet-nam. Im Buch wird auch auf Kultur und Ge-schichte von Vietnam eingegangen. Wichtigersind jedoch die Beschreibungen des zuneh-menden amerikanischen Engagements in die-sem Land sowie die Kontakte mit den Oppo-sitionellen der verschiedenen Lager. Zwi-schenzeitlich nahm Wulff in Deutschland

    Kontakte mit den APO auf. Der deutschen undeuropischen Opposition gegen den amerika-nischen Krieg in Vietnam lieferte er vieleHintergrundinformationen. Verffentlichun-gen in Das Argument, Der Spiegel, derdeutschen und internationalen Presse, Teil-nahme am Russel-Tribunal gegen die USAund vor allem die Publikation des unter demPseudonym Georg W. Alsheimer verffent-lichten Buches Vietnamesische Lehrjahrebei Suhrkamp machten ihn international be-kannt. Es folgte eine Ttigkeit als Assistent ander Medizinischen Fakultt der UniversittGiessen. Wulff war einer der ersten, der einegeschlossene Abteilung ffnete. In dieser Zeithabe ich Erich Wulff kennen gelernt, ihn frZeitungen interviewt und als Referenten frVortrge an der Volkshochschule gewinnenknnen. Danach verloren sich unsere Wege.Er war Gastprofessor in Paris, rezipierte diefranzsische, italienische und englische Anti-Psychiatrie fr Deutschland und bereichertesein Fach um die von ihm geschaffene Eth-nopsychiatrie. 1969 folgte die Habilitation.Sein Buch ber Psychiatrie und Klassenge-sellschaft wird einigen Lesen noch bekanntsein. Zusammen mit Klaus Drner bildeteErich Wulff den linken Flgel in der Deut-schen Gesellschaft fr Soziale Psychiatrie.Erst im Jahre 1974 wurde er auf die Professurfr Sozialpsychiatrie in Hannover berufen.Zwischenzeitlich war er immer wieder in Vi-etnam., welches sich nach der Niederlage derAmerikaner vereint hatte. Nach seiner Emeri-tierung im Jahre 1994 zog er mit seiner Fami-lie nach Paris. Auch wenn ich Wulffs Nhe zuDKP-Gruppierungen und PDS nie so rechtverstehen konnte, halte ich seinen Lebensweg,sein politisches und fachliches Wirken auf diepolitische Kultur Deutschlands fr bedeutsam.Das Buch ist gut lesbar und sehr spannend; esfhrt uns zurck zu den letzten vier Jahrzehn-ten politischer und fachlicher Entwicklung inunserem Lande.

    Nando Belardi, Bergisch-Gladbach

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