Endgültiger Entwurf von Richtlinien für Neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme Wissenschaftlicher Versuche am Menschen

  • Published on
    09-Aug-2016

  • View
    212

  • Download
    0

DESCRIPTION

$8. M~RZI931 KL IN ISCHE WOCH:ENSCF IR IFT . lO. JAHRGANG. Nr . 13 623 ENDGULTIGER ENTWURF VON RICHTLINIEN FOR NEUARTIGE HEILBEHANDLUNG UND FOR DIE VORNAHME WISSENSCHAFTLICHER…

Transcript

$8. M~RZI931 KL IN ISCHE WOCH:ENSCF IR IFT . lO. JAHRGANG. Nr . 13 623 ENDGULTIGER ENTWURF VON RICHTLINIEN FOR NEUARTIGE HEILBEHANDLUNG UND FOR DIE VORNAHME WISSENSCHAFTLICHER VERSUCHE AM MENSCHEN. Der Reichsmifiister des Iniieren hat den nachstehenden end- gfiltigen EntwurI den Landesregierungeii zur weiteren Veranlassung zugeleieet : I. Die ~rztliche Wissenschaft kanii, wenn sie niche zum Still- stand kommen soil, niche darauf verzichten, in geeigneten F~llen eine Heilbehandluiig mit neuen, noch niche ausreichend erprobten Mitteln und Verfahreii einzuleiten. Ebeiisowenig kann sie wissen- schaftliche Versuche am Menschen als solche vSllig eiitbehren, da sonst Fortschritte in der Erkeiinung, der Heilung und der Ver- hfitung yon Erkrankungen gehemmt oder sogar ausgeschlossen wflrden. Den hiernach dem Arzte einzur~umenden Rechten steht die besondere Pflicht des Arztes gegenfiber, sich der grol3en Verant- wortung fflr Leben und Gesundheit jedes einzelnen, den er neu- artig behandelt oder an dem er einen Versuch vornimmt, stets be- wuBt zu bleiben. 2. Unter neuartiger Heilbehandlung im Sinne dieser Richtlinien sind Eingriffe uiid Behandlungsweisen am Meuschen zu verstehen, die der Heilbehandluiig dienens also in einem bestimmten einzelnen :Behandlungsfall zur Erkeiinuiig, Heilung oder Verhfitung einer Kra~Ikheit oder eines Leidens oder zur Beseitigung eines k5rper- lichen Mangels vorgenommen: werden, obwohl ihre Auswirkungen und Folgen auf Grund der bisherigeii Erfahrungen noch IIicht aus- reichend zu fibersehen sind. 3- Unter wissenscha]tllehen Versuehen im Siiine dieser Richt- linien sind Eingriffe uiid Behandlungsweisen am Meiischen zu verstehen, die zu Forschungszwecken vorgenommeu werden, ohne der tteilbehandlung im einzelnen Falle zu dienen, nnd deren Aus- wirkniigen uiid Folgen auf Grund der bisherigen Erfahrungen noch IIicht ausreichend zu fibersehen sind. 4. Jede IIeuartige tleilbehaiidlung muB in ihrer :Begrfindung und ihrer Durchffihruiig mit den Grunds~itzeii der arzelichen Ethik und den Rege/n der ~rztlichen Kunst und Wissenschaft im Ein- klang stehen. Stets ist sorgfgltig zu priifen IIIId abzuwXgen, ob die Schgden, die etwa entstehen k6nnen, zu dem zu erwartenden Nutzen im richtigen Verhgltnis stehen. Rine neuartige Heilbehandlung darf nur vorgeiiommen werden, wenn sie vorher, soweit m6glich, im Tierversuch gepriift worden ist. 5. Eine neuartige tteilbehandluiig darf nut vorgenommen werdeii, nachdem die betreffende Person oder ihr gesetzlicher Vertreter auf Gruiid einer vorangegangenen zweckentsprechenden ]3elehrung sich in unzweideutiger Weise mit der Vornahme einverstaiiden erkl~irt haben. Fehlt die Eiiiwilligung, so darf eiiie neuartige Pieilbehandlung nut dann eingeleitet werden, wenn es sich um eine IInaufschiebbare MaBnahme zur Erhaltung des Lebens oder zur Yerhfituiig schwerer Gesundheitsschgdigung handelt nnd eine vorherige ]~inholung der Einwilligung nach Lage der Verhgltnisse nicht m/Sglich war. 6. Die Frage der Anwendung einer Ileuartigen tleilbehandlung ist mit ganz besonderer Sorgialt zu prfifen, wenn es sich um Kinder nnd jugendliche Persoiien unter 18 Jahren handelt. 7. Die ~.rztliche Ethik verwirft jede Ausiiutzung der sozialen Notlage fiir die Voriiahme eiuer IIenartigen tteilbehaiidlung. 8. :Bet neuartiger Heilbehaiidlung mit lebendeii Mikroorganis- men, insbesondere rnit lebenden Krankheitserregern, ist erh6hte Vorsicht geboten. Sie ist nur dann als zulXssig zu erachten, wenn eine relative UnschXdtichkeie des Verfahrens anzunehmen lind auf andere Weise die Erzielung eines entsprechenden Nutzens unter den gegebenen VerhMtnissen nicht zu erwarten ist. 9. In Ktiniken, in Polikliniken, in Krankenanstalten oder in soiiseigen Anstalten zur Krankenbehandlung und Kraiikenffirsorge darf eine IIeuartige Heilbehandlung nur vom leitenden Arzt selbst oder in seinem ausdriicklichen Auftrag uiid nnter seiner vollen Veraiitwortung yon einem anderen Arzt ausgeftihrt werden. io. Clber jede neuartige Heilbehandlung ist eine Aufzeichnung zu fertigen, aus der der Zweck der MaBnahmen, ihre :Begriindung und die Art ihrer Durchffihruiig ersichtlich sind. Insbesondere muff auch eiu Vermerk daraber vorhanden sein, dab die betreffende Person oder erforderlichenfMls ihr gesetzlicher Vertreter vorher zweckentsprechend belehrt worden ist lind die Zustimmung ge- geben hat. Ist bet fehlender Einwilligung eine tteilbehandlung unter den Voraussetzungen yon Nr. 5 Abs. 2 vorgenommen, so muB der Ver- merk diese Voraussetzung eingehend darlegen. I I. Die VerSffentlichiing der Ergebnisse ether neuartigen Heft- behandlung muB in einer Form erfolgen, die der gebotenen Achtung vor dem Kranken und den Geboten der Mensehlichkeit in jeder Weise Rechnung tr~gt. 12. Die Nummern 4- - I I dieser Richtlinien gelten entsprechend ffir wissenschaftliche Versu~he (Nr 3)- AuBerdem gilt ft~r solche Versuche folgendes: a) Die Vornahme eines Versuches isf bet fehlender Einwilligung unter allen Umstgnden IInzulXssig. b) Jeder Versuch am Menschen ist zu verwerfen, der durch den Versuch am Tier ersetzt werden kann. Ein Versuch am 3/ienschen darI erst vorgenommen werdeii, wenn zuvor alle Unterlagen be- schaffe wordeii stud, die zu seiner Kl~rung und Sicherung mit den der medizinischen WJssensehaft zur Verffigung stehenden biologi- schen Methoden des Laboratoriumsversuchs nnd des Tierexperi- ments gewonnen werden k6nnen. Unter diesen Voraussetzungen verbietee sich jedes grund- oder planlose Experimentieren am Menschen yon selbst. c) Versuche an Kiiidern oder jugendlichen Personeii nntef I8 Jahren sind unstatthaft, wenn sie das Kind oder den Jugend- lichen auch nnr im geringsten gef~hrden. d) Versuche an Sterbenden sind mit den Gruiids~tzen der iirztlichen Ethik unvereinbar und daher unzul~ssig. 13. Wenn man somit yon der _Krzteschaft und insbesondere yon den verantwortlichen Leitern der lKraiikenanstalten erwarten darf, dab sie sich yon einem starken Verantwortungsgeffihl gegen- fiber den ihnen anvertrauten Kranken leiten lassen, so wird man doch auch bet ihnen diejenige Verantwortuiigsfreudigkeit niche entbehren wollen, die auf neuen Wegen den Kranken Erleichterung, t3esserung, Schntz oder Heilung zu schaffen suche, wenn die bisher bekannten Mittel nach ihrer ~rztlichen Oberzeugung zu versagen drohen. 14. Schon im akademischen Unterricht soil bet jeder geeigneten Gelegenheit auf die besonderen Pflicheen hingewiesen werden, die dem Arzte bet Vornahme einer neuen tIeilbehandlung oder eines wissenschaftlichen Versuchs sowie auch bet der VerOffentlichung ihrer :Ergebnisse obliegen. TAGESGESCHICHTE. Zum Gesetz fiber die Behandlung yon Beru#krankheiten als Unf~lle hat das Reichsversicheruiigsamt die fo]geiiden zwei Ent- scheidungen getroffeii: Zu ~167 :RVO. zur u v. II. II. 1929 (Reichsgesetzbl. I, 27). Staublungeiierkrankungen, die dutch die BeschMtigung in Terrakoetafabriken verursacht sind, sind keine Berufskraiikheiten im Sinne der aiigeftihrten Verordnnng (RVA. 26. V. 193o, :BI{. 431/29, EUM. Bd. 28, S. 267. ) -- Zu w 547 RVO., zur V. v. I i. II. 1929 (Reichsgesetzbl. I, 27). Der Nachweis voii schweren silikotischen Vergnderungen der Lnngen im R6negenbild allein ertfillt niche den gesetzlicheii :BegritI der schwereii Staub- lungenerkrankung, solange diese Vergnderuiigen die Leistungs- fghigkeit yon Lnngen nnd Herz niche oder nut vorfibergehend, z. t3. bet Zwischenerkrankungeii irgendwelcher Art, die erh6hte Anforderung an die Widerseandsfghigkeit des KSrpers stelleii, beeintriichtigeii. (RVA. 2o. X. 193 o. BK. 1365/29, EuM. :Bd. 28. S. 267. ) Nach dem Jahresbericht des Natlonalen JSepraheims der Ver- einigten Staaten Nordamerikas in Carville fflr i93 ~ wird Iflr diese der Bestand an Leprakranken auf IlOO gesch~tzt. Die Zahl der Insassen betrug 308, der Zugaiig 55; 22 Erkraiikte starben, 23 konnten als niche mehr gef~hrlich entlassen werden, 8 .verblieben wegen der Folgen der Krankheit in der Anstalt, trotz ihrer Ent- lassnngsfXhigkeit. Das Helm verwendet alle aussichtsvollen :Be- handlungsmethoden uiid ist mit sgmtlichen Einrichtungen Iflr die gesamte nnd fachliche TheratJie und Forschung ausgerfistet. Neuerscheinungen. Von den Gemelnverst~indlichen Belehr~tngen i~ber die ~tbertragbaren Kran~heiten, die Ministerialrat Professor Dr. Lx~:rz seit 1925 im Au~trage des Preul3ischen Ministers ffir Volkswohlfahrt herausgibt, ist eine weitere Neubearbeitung im Verlag yon Richard SchStz in :Berlin zum Preise yon o,7o RM. erschienen. u ersten Auflage sind IOOOOO Stfick abgesetzt. Die IIeue berficksicheigt eingehender Paratyphus, Nahrungsmittel- vergiftungen und Kreuzotterbisse. ]:)as Kompendium der sozialen Hygiene von Professor Dr. B. CI~Aj~s in Berlin ist soel~en im Verlag yon Fischers medizinischer Buchhand-

Recommended

View more >