Edlinger Juliane

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    25-Nov-2015

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  • Die Normierung der deutschen Sprache: Geschichte der orthographischen Veränderungen Julianna Edlinger Einleitung Wer sich mit dem Thema der deutschen Orthographie auseinandersetzt, stellt schnell fest, dass die Geschichte der Normierung der deutschen Rechtschreibung noch keineswegs abgeschlossen ist. Die Orthographie im Deutschen ist bis auf den heutigen Tag Veränderungen und Diskussionen unterworfen. Diese Änderungen sind im Laufe der Geschichte der deutschen Rechtschreibung zuerst durch den Wunsch nach Vereinheitlichung und teilweise auch nach Vereinfachung der Schreibweise motiviert worden. Erst später beginnt man zwischen drei Prinzipien bei der Neuregelung der Orthographie zu unterscheiden, denen je nach Zeitperiode und Grammatikern unterschiedliches Gewicht beigelegt wird: das phonetische Prinzip, das etymologische Prinzip und das des traditionellen Schreibgebrauchs. Im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen ist die Rechtschreibung noch völlig ungeregelt, während im Frühneuhochdeutschen teilweise schon eine Vereinheitlichung der Orthographie, wenigstens innerhalb verschiedener Sprachgebiete angestrebt wird. Erst im Neuhochdeutschen, als die Sprache einheitlicher und eine bestimmte Aussprache zur Norm erhoben ist, tragen die Bemühungen zuerst einzelner Gelehrter, dann zum Ende des 19. Jahrhunderts hin die des Staates um eine Normierung der Rechtschreibung einen gewissen Erfolg. Trotzdem ist die deutsche Rechtschreibung selbst bis in dieses Jahrhundert hinein aus dem Wunsch nach Vereinfachung immer wieder in Frage gestellt und erst kürzlich dementsprechend geändert worden. Perspectives Student Journal Edlinger 1
  • Althochdeutsch Da im Althochdeutschen erstmals das noch heute verwendete lateinische Alphabet für die deutsche Schriftsprache eingeführt wird, ist es sinnvoll, die ersten Anfänge der deutschen Orthographie in dieser Zeitperiode zu suchen. Im Althochdeutschen existiert jedoch noch keine Regelung der Orthographie, und zwar laut Stedje aus verschiedenen Gründen: Erstens besteht das Althochdeutsche aus einer Vielzahl von Dialekten, deren sprachliche Unterschiede von sich aus zu einer Vielfalt an Schreibweisen führt. Zweitens finden sich verschiedene Schreibweisen sogar innerhalb derselben Handschrift, weil es der Willkür des jeweiligen Verfassers überlassen bleibt, den Phonemen (Lauten der gesprochenen Sprache) Grapheme (schriftliche Symbole) zuzuordnen (75f). Besonders viele Varianten finden sich für Phoneme, die im lateinischen Alphabet kein eigenes Graphem besitzen, wie die deutschen Laute [ts], [pf], [x]. Mittelhochdeutsch Auch im Mittelhochdeutschen ist die Orthographie noch nicht offiziell geregelt. Die Tatsache, dass im Mittelhochdeutschen noch immer allmähliche phonetische Veränderungen, wie z.B. die Schwächung der unbetonten Nebensilbenvokale, stattfinden, trägt zu unterschiedlichen (Übergangs-) Schreibweisen desselben Wortes bei. Insgesamt finden sich jedoch schon weniger alternative Schreibweisen für dasselbe Wort in den höfischen literarischen Texten, was vor allem daran liegen mag, dass sich die mittelhochdeutschen Dichter bemühen, dialektale Eigenheiten zu vermeiden1 (Stedje 94). Eine orthographische Neuerung des Mittelhochdeutschen ist die Schreibweise von als , die noch heute existiert (Stedje 88). Da die mittelhochdeutsche Literatursprache keine gesprochene Entsprechung findet, geht diese zum Ende des Mittelalters hin verloren. Frühneuhochdeutsch Im Frühneuhochdeutschen wird trotz weiterhin bestehender orthographischer Schwankungen erstmals eine gewisse Vereinheitlichung der Rechtschreibung wenigstens innerhalb verschiedener Sprachgebiete angestrebt, wobei hauptsächlich nach dem phonetischen Prinzip vorgegangen wird. Wie Scheuringer beschreibt, enthält die auf das Mittelalter folgende Epoche des Frühneuhochdeutschen noch keine Einheitssprache, sondern vier größere überregionale Schriftsprachen (17f). Durch die Erfindung des Buchdrucks 1 Beim Lesen moderner Ausgaben mittelhochdeutscher Literatur gilt es zu beachten, dass diese Texte nachträglich von heutigen Herausgebern normalisiert (orthographisch vereinheitlicht) worden sind. Perspectives Student Journal Edlinger 2
  • entwickeln sich sogenannte Druckersprachen in den städtischen Druckerzentren, die ihre eigenen orthographischen Regeln aufstellen. Obwohl Luthers Schriften im gesamten deutschsprachigen Gebiet verteilt werden und eine gewisse „normative Kraft“ haben, führen sie keineswegs zu einer absoluten Vereinheitlichung der Schreibung (Stedje 126). Scheuringer bemerkt, dass im Frühneuhochdeutschen „die Orthographie einfach gröβere Schwankungsbereiche toleriert“ (18). Dies zeigt sich z.B. an der Groβschreibung der Substantive, die mehr oder weniger nach Belieben groβ- oder kleingeschrieben werden, wobei auch andere Wortarten wie Adjektive teilweise groβgeschrieben werden, wenn sie besonders im Text betont werden sollen (Scheuringer 20). Diese orthographischen Schwankungsbereiche lassen sich vor allem an einer Besonderheit der frühneuhochdeutschen Rechtschreibung beobachten, die besonders im Barock beliebt ist, nämlich die „oft unmotivierte ‚dekorative’ Häufung von Konsonanten (todt, thier, köppfen, auff, wortt), vor allem für Affrikata [ts]: , , , (letczt)“ (Stedje 136). Auch die Verwendung von statt für die Bezeichnung von [i] ist typisch für diese Zeit2. Weiterhin werden / und / „noch nicht nach der Lautqualität Vokal/Konsonant wie heute, sondern nach der Stellung im Wort“ unterschieden. Im Anlaut werden und , in der Wortmitte und geschrieben. Im Druck werden oft „Abkürzungen aus der Handschriftenzeit verwendet“ wie der Nasalstrich für oder : ein Strich über dem Nasal zeigt beispielsweise Verdoppelung an. Keine Regeln existieren im Frühneuhochdeutschen für die Zusammenschreibung, Silbentrennung und Interpunktion. Um im Folgenden nicht immer wieder separat auf die Zeichensetzung eingehen zu müssen, sei gesagt, dass diese erst endgültig seit dem 18. Jahrhundert mit den uns heute üblichen Zeichen und deren Verwendung entwickelt ist (siehe Textbeispiele in Scheuringer 42 und 49). Trotz aller Schwankungen ist die Entwicklung der Rechtschreibung im Frühneuhochdeutschen insgesamt hauptsächlich geprägt vom phonetischen Prinzip (Scheuringer 21f). Penzl nennt jedoch auch Beispiele für die Anwendung des etymologischen Prinzips, wie z.B. die „graphische Unterscheidung des neuen Diphthongs aus mittelhochdeutsch î gegenüber mhd. ei“; einerseits als / und andererseits als / (39). Neuhochdeutsch Mit der Periode des Neuhochdeutschen, als die Sprache einheitlicher und eine bestimmte Aussprache zur Norm erhoben ist, tragen im 17. und 18. 2 Falls nicht anders angegeben, stammen die im folgenden Absatz angegebenen Informationen aus Stedje (136), direkte Zitate sind markiert. Perspectives Student Journal Edlinger 3
  • Jahrhundert die Bemühungen zuerst einzelner Gelehrter, dann zum Ende des 19. Jahrhunderts hin die der Schulbehörden und des Staates um eine Normierung der Rechtschreibung einen gewissen Erfolg. In dem Wettstreit um den Rang als deutsche Standardsprache setzt sich während der Periode des Neuhochdeutschen ein genormtes Ostmitteldeutsch durch (Stedje 147). Treibende Kräfte dieser Normierung, die eine Voraussetzung für die Herausbildung einer einheitlichen Orthographie ist, sind Sprachgelehrte und Grammatiker. Von besonderer Bedeutung ist beispielsweise Justus Georg Schottel, der 1663 eine Grammatik mit orthographischen Regeln schreibt, worin er z.B. die Differenzierung von / nach der heutigen Unterscheidung nach Vokal/Konsonant fordert (Stedje 145 und Scheuringer 41). Obwohl auch im 18. Jahrhundert der Einfluss von Dichtern, die sich der Sprachpflege widmen, noch groß ist, tritt zu dieser Zeit erstmals das Ziel der Vereinheitlichung der Orthographie besonders für die Schulen in den Vordergrund. 1722 veröffentlicht Hieronymus Freyer eine Anweisung zur Teutschen Orthographie, die das „einflussreichste Deutsch-Schulbuch“ in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ist (Scheuringer 47). Freyer setzt sich u.a. für die Weglassung von nicht gesprochenen Buchstaben ein, z.B. Amt statt Ampt (Scheuringer 48). Moser betont außerdem Freyers Einbeziehung des etymologischen Prinzips, da dieser z.B. den a-Umlaut nicht mehr mit , sondern mit schreibt wie in älter und Hände; den Ursprung von behende und Eltern erkennt Freyer nicht (168). Ebenfalls von Bedeutung für die Normierung der Rechtschreibung im 18. Jahrhundert ist Johann Christoph Gottsched (1700-1766), der die Großschreibung zur Norm erhebt und quasi rechtfertigend den Begriff „Hauptwort“ für das Substantiv einführt (Scheuringer 50). Gottsched wird abgelöst durch Johann Christoph Adelung, der 1788 eine Rechtschreibungslehre verfasst, die den „Normfindungsstand seiner Zeit endgültig festschrieb“ (Scheuringer 51). Scheuringer betont Adelungs Bedeutung für die weitere Entwicklung der deutschen Orthographie, indem er sagt: Zu großen Teilen ist es schon unsere heutige Orthographie, die auch Adelung schon festschreibt. Und seit Adelung zieht sich eine bruchlose orthographische Kontinuität durchs Deutsche, die vor allem in der schulgrammatischen Tradition ihren Ausdruck findet. (53) Trotz Adelungs Dominanz und der relativen orthographischen Vereinheitlichung existieren zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch variable Schreibweisen (Scheuringer 56). Drei Personengruppen setzen sich für eine Vereinheitlichung ein: im Schulwesen Tätige, sprachwissenschaftliche Perspectives Student Journal Edlinger 4
  • Theoretiker und der Staat (Scheuringer 58). Während erstere Gruppe (wichtige Vertreter sind Heyse und Becker) sich vor allem für das phonetische und pragmatische Prinzip einsetzen, fordern einige Sprachwissenschaftler (vor allem Jacob Grimm) ein Vorgehen nach dem etymologischen Prinzip (Scheuringer 60ff). Zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit der Gründung des Deutschen Reichs übernimmt der Staat die Aufsicht über weitere Entwicklungen und lädt schulgrammatische Vertreter und pragmatischer eingestellte Sprachwissenschaftler (vor allem Konrad Duden) zur 1. Orthographischen Konferenz in Berlin ein (Scheuringer 72ff). Die Ergebnisse der Konferenz werden allerdings aufgrund ihrer Radikalität (wie beispielsweise dem Beschluss, und Vokalverdoppelung als Längenmerkmal wegzulassen, also Bare, Fane, Hun, Mos zu schreiben) von den Behörden abgelehnt (Scheuringer 76f, Lang 11). 1880 erscheint im Staatsauftrag der erste Duden als Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Duden wird dadurch ab diesem Zeitpunkt und auch durch seine folgenden Publikationen zur ausschlaggebenden Autorität, was die deutsche Orthographie betrifft. 1901 findet die 2. Orthographische Konferenz in Berlin mit dem Ziel der Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung statt (Lang 11). 1902 erscheint als Ergebnis eine „Veröffentlichung des amtlichen Regelswerks Regeln der deutschen Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis“–verbindlich für Schulen und staatliche Behörden (Lang 12). Die Änderungen umfassen z.B. die „Beibehaltung der verschiedenen und eingebürgerten Möglichkeiten der Wiedergabe langer Vokale“ und die Festschreibung der Groß- und Kleinschreibung (Scheuringer 89). Seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts kommt immer wieder eine Neuregelung der Orthographie mit dem Ziel einer Vereinfachung ins Gespräch (Scheuringer 98). 1980 wird der „Internationale Arbeitskreis Rechtschreibreform“ gegründet mit Vertretern aus der BRD, DDR, Österreich und der Schweiz, mit dem Ziel, die Ortographie zu reformieren (Lang 12). Während der darauf folgenden achtzehn Jahre arbeitet dieses Komitee eine neue, vereinfachte Regelung der deutschen Orthographie heraus, die aber sofort von Zeitungen und der breiten Öffentlichkeit abgelehnt wird (Scheuringer 107). Besonders die geplante völlige Abschaffung von als alternative Schreibung des Diphthongs (Keiser, Heifisch) stößt auf Protest (Scheuringer 108). Nach einer weiteren Revision tritt am 1. August 1998 die neue Rechtschreibung in den Schulen und Behörden in Kraft, mit einer Übergangsphase, in der beide Schreibweisen erlaubt sind (Lang 28). Die Änderungen der so genannten Rechtschreibreform betreffen die sechs folgenden Bereiche: Laut-Buchstaben-Zuordnungen, Getrennt- und Perspectives Student Journal Edlinger 5
  • Zusammenschreibung, Schreibung mit Bindestrich, Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Worttrennung am Zeilenende (Scheuringer 110). Da es über die Kapazität dieser Arbeit hinausginge, für sämtliche Veränderungen der Rechtschreibreform von 1998 Beispiele zu bringen, und da diese ohnehin in jedem neuen Regelwerk nachzuschlagen sind, sei hier nur darauf hingewiesen, dass die Veränderungen insgesamt darauf hinzielen, unter einer stärkeren Berücksichtigung des phonetischen und etymologischen Prinzips (z.B. bei der neuen Schreibung von behände) die Rechtschreibung zu erleichtern, ohne bestimmte Schreibweisen (wie ) anzugreifen, die im traditionellen Schreibgebrauch für eine Änderung anscheinend zu fest verwurzelt sind. Diese Bemühungen um Erleichterungs setzen sich in der Zeichensetzung dahingehend fort, dass im Verhältnis zu früher weniger Kommata gesetzt werden (Lang 53). Zusammenfassung Insgesamt lässt sich erkennen, dass die Geschichte der orthographischen Veränderungen der deutschen Sprache von Bemühungen um Vereinheitlichung und Vereinfachung gezeichnet ist. Selbst beim Übergang vom Alt- zum Mittelhochdeutschen ist die Vereinheitlichung der Orthographie nach dem phonetischen Prinzip schon ein bewusstes Ziel der Literaten. Im Frühneuhochdeutschen wird vor allem nach der Erfindung des Buchdrucks die Vereinheitlichung der Orthographie gemeinsam mit der Entwicklung zu einer Normsprache hin vorangetrieben. Doch erst im Neuhochdeutschen, als die Sprache einheitlich(er) ist, tragen einzelne Gelehrte und Schulgrammatiker zunehmend unter staatlicher Aufsicht zu der Normierung der Rechtschreibung bei. Nachdem zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Vereinheitlichung erreicht wird, leiten Reformierungsversuche mit dem Ziel der Vereinfachung der Orthographie eine neue Regelung zur Jahrtausendwende ein. Wenn man die bewegte Geschichte der deutschen Orthographie betrachtet, erscheint es jedoch selbst nach der neuesten Rechtschreibreform als unwahrscheinlich, dass die im August 2005 in Kraft getretene Regelung das letzte Kapitel der Veränderungen der deutschen Orthographie darstellt. Zitierte Werke Moser, Hugo. Deutsche Sprachgeschichte. Tübingen: Niemeyer, 1969. Penzl, Herbert. Frühneuhochdeutsch. Bern: Peter Lang AG, 1984. Schaeder, Burkhard (Hrsg.). Neuregelung der Deutschen Rechtschreibung. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, 1999. Perspectives Student Journal Edlinger 6
  • Scheuringer, Hermann. Geschichte der Deutschen Rechtschreibung: Ein Überblick mit einer Einführung zur Neuregelung ab 1998. Wien: Edition Praesens, 1996. Stedje, Astrid. Deutsche Sprache Gestern und Heute. München: Fink, 2001. Perspectives Student Journal Edlinger 7

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