Edlinger Juliane

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    26-Nov-2015

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  • Die Normierung der deutschen Sprache:Geschichte der orthographischenVernderungen

    Julianna Edlinger

    EinleitungWer sich mit dem Thema der deutschen Orthographie auseinandersetzt, stelltschnell fest, dass die Geschichte der Normierung der deutschenRechtschreibung noch keineswegs abgeschlossen ist. Die Orthographie imDeutschen ist bis auf den heutigen Tag Vernderungen und Diskussionenunterworfen. Diese nderungen sind im Laufe der Geschichte der deutschenRechtschreibung zuerst durch den Wunsch nach Vereinheitlichung undteilweise auch nach Vereinfachung der Schreibweise motiviert worden. Erstspter beginnt man zwischen drei Prinzipien bei der Neuregelung derOrthographie zu unterscheiden, denen je nach Zeitperiode und Grammatikernunterschiedliches Gewicht beigelegt wird: das phonetische Prinzip, dasetymologische Prinzip und das des traditionellen Schreibgebrauchs.

    Im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen ist die Rechtschreibungnoch vllig ungeregelt, whrend im Frhneuhochdeutschen teilweise schoneine Vereinheitlichung der Orthographie, wenigstens innerhalb verschiedenerSprachgebiete angestrebt wird. Erst im Neuhochdeutschen, als die Spracheeinheitlicher und eine bestimmte Aussprache zur Norm erhoben ist, tragen dieBemhungen zuerst einzelner Gelehrter, dann zum Ende des 19. Jahrhundertshin die des Staates um eine Normierung der Rechtschreibung einen gewissenErfolg. Trotzdem ist die deutsche Rechtschreibung selbst bis in diesesJahrhundert hinein aus dem Wunsch nach Vereinfachung immer wieder inFrage gestellt und erst krzlich dementsprechend gendert worden.

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  • AlthochdeutschDa im Althochdeutschen erstmals das noch heute verwendete lateinischeAlphabet fr die deutsche Schriftsprache eingefhrt wird, ist es sinnvoll, dieersten Anfnge der deutschen Orthographie in dieser Zeitperiode zu suchen.Im Althochdeutschen existiert jedoch noch keine Regelung der Orthographie,und zwar laut Stedje aus verschiedenen Grnden: Erstens besteht dasAlthochdeutsche aus einer Vielzahl von Dialekten, deren sprachlicheUnterschiede von sich aus zu einer Vielfalt an Schreibweisen fhrt. Zweitensfinden sich verschiedene Schreibweisen sogar innerhalb derselbenHandschrift, weil es der Willkr des jeweiligen Verfassers berlassen bleibt,den Phonemen (Lauten der gesprochenen Sprache) Grapheme (schriftlicheSymbole) zuzuordnen (75f). Besonders viele Varianten finden sich frPhoneme, die im lateinischen Alphabet kein eigenes Graphem besitzen, wiedie deutschen Laute [ts], [pf], [x].

    MittelhochdeutschAuch im Mittelhochdeutschen ist die Orthographie noch nicht offiziellgeregelt. Die Tatsache, dass im Mittelhochdeutschen noch immer allmhlichephonetische Vernderungen, wie z.B. die Schwchung der unbetontenNebensilbenvokale, stattfinden, trgt zu unterschiedlichen (bergangs-)Schreibweisen desselben Wortes bei. Insgesamt finden sich jedoch schonweniger alternative Schreibweisen fr dasselbe Wort in den hfischenliterarischen Texten, was vor allem daran liegen mag, dass sich diemittelhochdeutschen Dichter bemhen, dialektale Eigenheiten zu vermeiden1(Stedje 94). Eine orthographische Neuerung des Mittelhochdeutschen ist dieSchreibweise von als , die noch heute existiert (Stedje 88). Da diemittelhochdeutsche Literatursprache keine gesprochene Entsprechung findet,geht diese zum Ende des Mittelalters hin verloren.

    FrhneuhochdeutschIm Frhneuhochdeutschen wird trotz weiterhin bestehender orthographischerSchwankungen erstmals eine gewisse Vereinheitlichung der Rechtschreibungwenigstens innerhalb verschiedener Sprachgebiete angestrebt, wobeihauptschlich nach dem phonetischen Prinzip vorgegangen wird. WieScheuringer beschreibt, enthlt die auf das Mittelalter folgende Epoche desFrhneuhochdeutschen noch keine Einheitssprache, sondern vier grereberregionale Schriftsprachen (17f). Durch die Erfindung des Buchdrucks

    1 Beim Lesen moderner Ausgaben mittelhochdeutscher Literatur gilt es zu beachten,

    dass diese Texte nachtrglich von heutigen Herausgebern normalisiert(orthographisch vereinheitlicht) worden sind.

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  • entwickeln sich sogenannte Druckersprachen in den stdtischenDruckerzentren, die ihre eigenen orthographischen Regeln aufstellen. ObwohlLuthers Schriften im gesamten deutschsprachigen Gebiet verteilt werden undeine gewisse normative Kraft haben, fhren sie keineswegs zu einerabsoluten Vereinheitlichung der Schreibung (Stedje 126). Scheuringerbemerkt, dass im Frhneuhochdeutschen die Orthographie einfach grereSchwankungsbereiche toleriert (18). Dies zeigt sich z.B. an derGroschreibung der Substantive, die mehr oder weniger nach Belieben gro-oder kleingeschrieben werden, wobei auch andere Wortarten wie Adjektiveteilweise grogeschrieben werden, wenn sie besonders im Text betont werdensollen (Scheuringer 20).

    Diese orthographischen Schwankungsbereiche lassen sich vor allem aneiner Besonderheit der frhneuhochdeutschen Rechtschreibung beobachten,die besonders im Barock beliebt ist, nmlich die oft unmotivierte dekorativeHufung von Konsonanten (todt, thier, kppfen, auff, wortt), vor allem frAffrikata [ts]: , , , (letczt) (Stedje 136). Auch dieVerwendung von statt fr die Bezeichnung von [i] ist typisch frdiese Zeit2. Weiterhin werden / und / noch nicht nach derLautqualitt Vokal/Konsonant wie heute, sondern nach der Stellung im Wortunterschieden. Im Anlaut werden und , in der Wortmitte und geschrieben. Im Druck werden oft Abkrzungen aus der Handschriftenzeitverwendet wie der Nasalstrich fr oder : ein Strich ber dem Nasalzeigt beispielsweise Verdoppelung an. Keine Regeln existieren imFrhneuhochdeutschen fr die Zusammenschreibung, Silbentrennung undInterpunktion. Um im Folgenden nicht immer wieder separat auf dieZeichensetzung eingehen zu mssen, sei gesagt, dass diese erst endgltig seitdem 18. Jahrhundert mit den uns heute blichen Zeichen und derenVerwendung entwickelt ist (siehe Textbeispiele in Scheuringer 42 und 49).

    Trotz aller Schwankungen ist die Entwicklung der Rechtschreibung imFrhneuhochdeutschen insgesamt hauptschlich geprgt vom phonetischenPrinzip (Scheuringer 21f). Penzl nennt jedoch auch Beispiele fr dieAnwendung des etymologischen Prinzips, wie z.B. die graphischeUnterscheidung des neuen Diphthongs aus mittelhochdeutsch gegenbermhd. ei; einerseits als / und andererseits als / (39).

    NeuhochdeutschMit der Periode des Neuhochdeutschen, als die Sprache einheitlicher und einebestimmte Aussprache zur Norm erhoben ist, tragen im 17. und 18.

    2 Falls nicht anders angegeben, stammen die im folgenden Absatz angegebenen

    Informationen aus Stedje (136), direkte Zitate sind markiert.

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  • Jahrhundert die Bemhungen zuerst einzelner Gelehrter, dann zum Ende des19. Jahrhunderts hin die der Schulbehrden und des Staates um eineNormierung der Rechtschreibung einen gewissen Erfolg. In dem Wettstreit umden Rang als deutsche Standardsprache setzt sich whrend der Periode desNeuhochdeutschen ein genormtes Ostmitteldeutsch durch (Stedje 147).Treibende Krfte dieser Normierung, die eine Voraussetzung fr dieHerausbildung einer einheitlichen Orthographie ist, sind Sprachgelehrte undGrammatiker. Von besonderer Bedeutung ist beispielsweise Justus GeorgSchottel, der 1663 eine Grammatik mit orthographischen Regeln schreibt,worin er z.B. die Differenzierung von / nach der heutigenUnterscheidung nach Vokal/Konsonant fordert (Stedje 145 und Scheuringer41).

    Obwohl auch im 18. Jahrhundert der Einfluss von Dichtern, die sich derSprachpflege widmen, noch gro ist, tritt zu dieser Zeit erstmals das Ziel derVereinheitlichung der Orthographie besonders fr die Schulen in denVordergrund. 1722 verffentlicht Hieronymus Freyer eine Anweisung zurTeutschen Orthographie, die das einflussreichste Deutsch-Schulbuch in derersten Hlfte des Jahrhunderts ist (Scheuringer 47). Freyer setzt sich u.a. frdie Weglassung von nicht gesprochenen Buchstaben ein, z.B. Amt statt Ampt(Scheuringer 48). Moser betont auerdem Freyers Einbeziehung desetymologischen Prinzips, da dieser z.B. den a-Umlaut nicht mehr mit ,sondern mit schreibt wie in lter und Hnde; den Ursprung von behendeund Eltern erkennt Freyer nicht (168).

    Ebenfalls von Bedeutung fr die Normierung der Rechtschreibung im18. Jahrhundert ist Johann Christoph Gottsched (1700-1766), der dieGroschreibung zur Norm erhebt und quasi rechtfertigend den BegriffHauptwort fr das Substantiv einfhrt (Scheuringer 50). Gottsched wirdabgelst durch Johann Christoph Adelung, der 1788 eineRechtschreibungslehre verfasst, die den Normfindungsstand seiner Zeitendgltig festschrieb (Scheuringer 51). Scheuringer betont AdelungsBedeutung fr die weitere Entwicklung der deutschen Orthographie, indem ersagt:

    Zu groen Teilen ist es schon unsere heutige Orthographie, dieauch Adelung schon festschreibt. Und seit Adelung zieht sicheine bruchlose orthographische Kontinuitt durchs Deutsche,die vor allem in der schulgrammatischen Tradition ihrenAusdruck findet. (53)

    Trotz Adelungs Dominanz und der relativen orthographischenVereinheitlichung existieren zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch variableSchreibweisen (Scheuringer 56). Drei Personengruppen setzen sich fr eineVereinheitlichung ein: im Schulwesen Ttige, sprachwissenschaftliche

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  • Theoretiker und der Staat (Scheuringer 58). Whrend erstere Gruppe (wichtigeVertreter sind Heyse und Becker) sich vor allem fr das phonetische undpragmatische Prinzip einsetzen, fordern einige Sprachwissenschaftler (vorallem Jacob Grimm) ein Vorgehen nach dem etymologischen Prinzip(Scheuringer 60ff).

    Zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit der Grndung des DeutschenReichs bernimmt der Staat die Aufsicht ber weitere Entwicklungen und ldtschulgrammatische Vertreter und pragmatischer eingestellteSprachwissenschaftler (vor allem Konrad Duden) zur 1. OrthographischenKonferenz in Berlin ein (Scheuringer 72ff). Die Ergebnisse der Konferenzwerden allerdings aufgrund ihrer Radikalitt (wie beispielsweise demBeschluss, und Vokalverdoppelung als Lngenmerkmal wegzulassen, alsoBare, Fane, Hun, Mos zu schreiben) von den Behrden abgelehnt(Scheuringer 76f, Lang 11). 1880 erscheint im Staatsauftrag der erste Dudenals Vollstndiges Orthographisches Wrterbuch der deutschen Sprache.Duden wird dadurch ab diesem Zeitpunkt und auch durch seine folgendenPublikationen zur ausschlaggebenden Autoritt, was die deutscheOrthographie betrifft. 1901 findet die 2. Orthographische Konferenz in Berlinmit dem Ziel der Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung statt (Lang11). 1902 erscheint als Ergebnis eine Verffentlichung des amtlichenRegelswerks Regeln der deutschen Rechtschreibung nebstWrterverzeichnisverbindlich fr Schulen und staatliche Behrden (Lang12). Die nderungen umfassen z.B. die Beibehaltung der verschiedenen undeingebrgerten Mglichkeiten der Wiedergabe langer Vokale und dieFestschreibung der Gro- und Kleinschreibung (Scheuringer 89).

    Seit den dreiiger Jahren des 20. Jahrhunderts kommt immer wieder eineNeuregelung der Orthographie mit dem Ziel einer Vereinfachung ins Gesprch(Scheuringer 98). 1980 wird der Internationale ArbeitskreisRechtschreibreform gegrndet mit Vertretern aus der BRD, DDR, sterreichund der Schweiz, mit dem Ziel, die Ortographie zu reformieren (Lang 12).Whrend der darauf folgenden achtzehn Jahre arbeitet dieses Komitee eineneue, vereinfachte Regelung der deutschen Orthographie heraus, die abersofort von Zeitungen und der breiten ffentlichkeit abgelehnt wird(Scheuringer 107). Besonders die geplante vllige Abschaffung von alsalternative Schreibung des Diphthongs (Keiser, Heifisch) stt aufProtest (Scheuringer 108). Nach einer weiteren Revision tritt am 1. August1998 die neue Rechtschreibung in den Schulen und Behrden in Kraft, miteiner bergangsphase, in der beide Schreibweisen erlaubt sind (Lang 28). Dienderungen der so genannten Rechtschreibreform betreffen die sechsfolgenden Bereiche: Laut-Buchstaben-Zuordnungen, Getrennt- und

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  • Zusammenschreibung, Schreibung mit Bindestrich, Gro- undKleinschreibung, Zeichensetzung und Worttrennung am Zeilenende(Scheuringer 110).

    Da es ber die Kapazitt dieser Arbeit hinausginge, fr smtlicheVernderungen der Rechtschreibreform von 1998 Beispiele zu bringen, und dadiese ohnehin in jedem neuen Regelwerk nachzuschlagen sind, sei hier nurdarauf hingewiesen, dass die Vernderungen insgesamt darauf hinzielen, untereiner strkeren Bercksichtigung des phonetischen und etymologischenPrinzips (z.B. bei der neuen Schreibung von behnde) die Rechtschreibung zuerleichtern, ohne bestimmte Schreibweisen (wie ) anzugreifen, die imtraditionellen Schreibgebrauch fr eine nderung anscheinend zu festverwurzelt sind. Diese Bemhungen um Erleichterungs setzen sich in derZeichensetzung dahingehend fort, dass im Verhltnis zu frher wenigerKommata gesetzt werden (Lang 53).

    ZusammenfassungInsgesamt lsst sich erkennen, dass die Geschichte der orthographischenVernderungen der deutschen Sprache von Bemhungen umVereinheitlichung und Vereinfachung gezeichnet ist. Selbst beim bergangvom Alt- zum Mittelhochdeutschen ist die Vereinheitlichung der Orthographienach dem phonetischen Prinzip schon ein bewusstes Ziel der Literaten. ImFrhneuhochdeutschen wird vor allem nach der Erfindung des Buchdrucks dieVereinheitlichung der Orthographie gemeinsam mit der Entwicklung zu einerNormsprache hin vorangetrieben. Doch erst im Neuhochdeutschen, als dieSprache einheitlich(er) ist, tragen einzelne Gelehrte und Schulgrammatikerzunehmend unter staatlicher Aufsicht zu der Normierung der Rechtschreibungbei. Nachdem zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Vereinheitlichung erreichtwird, leiten Reformierungsversuche mit dem Ziel der Vereinfachung derOrthographie eine neue Regelung zur Jahrtausendwende ein. Wenn man diebewegte Geschichte der deutschen Orthographie betrachtet, erscheint esjedoch selbst nach der neuesten Rechtschreibreform als unwahrscheinlich,dass die im August 2005 in Kraft getretene Regelung das letzte Kapitel derVernderungen der deutschen Orthographie darstellt.

    Zitierte WerkeMoser, Hugo. Deutsche Sprachgeschichte. Tbingen: Niemeyer, 1969. Penzl, Herbert. Frhneuhochdeutsch. Bern: Peter Lang AG, 1984.Schaeder, Burkhard (Hrsg.). Neuregelung der Deutschen Rechtschreibung. Frankfurt

    am Main: Peter Lang GmbH, 1999.

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  • Scheuringer, Hermann. Geschichte der Deutschen Rechtschreibung: Ein berblick miteiner Einfhrung zur Neuregelung ab 1998. Wien: Edition Praesens, 1996.

    Stedje, Astrid. Deutsche Sprache Gestern und Heute. Mnchen: Fink, 2001.

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