Der Antiheld - ?· Szene folgt eine Zwischenszene, die jeweils der Charakterisierung einer wichtigen…

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    18-Sep-2018

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  • Sonnabend/Sonntag, 18./19. Februar 2017, Nr. 42

    Ich bin wei Gott kein einfacher Mensch, meinte der Physiker und Nobelpreistrger Isidor Isaac Rabi, aber im Vergleich zu Op-penheimer doch sehr, sehr einfach. Heute vor fnfzig Jahren ist J. Robert Oppenheimer

    gestorben berhmt immer noch fr eine fatale or-ganisatorische Leistung, den Bau der ersten Atom-bomben im Labor von Los Alamos (New Mexico), und fr ein Verfahren der US-Atomenergiekommis-sion 1954, whrend der McCarthy-ra, das ihm die Sicherheitsgarantie entzog. In der jngsten, sehr gelungenen Oppenheimer-Biographie von Kai Bird und Martin J. Sherwin (2005, dt. 2009) lsst sich dieses Leben im Detail und auf dem neuesten histo-rischen Quellenstand nachvollziehen.

    Oppenheimer hatte als theoretischer Physiker begonnen. Seine wichtigsten Forschungsbeitrge schrieb der 1904 Geborene in den spten dreiiger Jahren ber Neutronensterne und ber schwarze Lcher, die er errechnet hatte, bevor es den Be-griff gab. Er arbeitete mit den wichtigsten Physi-kern seiner Zeit zusammen, galt als charismatische Figur, war philosophisch gebildet und liebte es, sich mehrdeutig auszudrcken. Rabi meinte ganz freundschaftlich, er habe eben zuviel Geisteswis-senschaft im Kopf und eine Neigung, die Dinge mystisch klingen zu lassen. Weil Oppenheimers Strke eher in der Synthese von Einzelstudien an-derer bestand, war es naheliegend, ihn 1943 nach strengen Sicherheitskontrollen zum Chef der Labo-ratorien in Los Alamos zu bestellen, einem Ort, den er selbst gegrndet hat im Rckblick mit Bedau-ern, damit eine schne Landschaft New Mexicos zerstrt zu haben.

    Seit 1939 war ihm und anderen Physikern klar, dass es mglich sein msste, eine Atombombe zu bauen. In der irrigen Annahme, dass es parallele Bemhungen deutscher Physiker gebe, wurde die erste dieser Bomben in Los Alamos unter grten Anstrengungen entwickelt, gebaut und am 16. Juli 1945 getestet. Oppenheimer zitierte angesichts der Explosion den hinduistischen Gott Wischnu aus der Bhagawadgita: Nun bin ich der Tod geworden, der alles raubt, Erschtterer der Welten.

    Der Krieg in Europa war vorbei, die US-Verluste vor der japanischen Insel Okinawa hoch. Trumans Regierung frchtete Hunderttausende Tote bei ei-ner Invasion der japanischen Hauptinseln. Daher entschloss sich der Prsident, die ersten Atom-bomben einsetzen zu lassen. Die Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki war ein Einschnitt in der Menschheitsgeschichte Waffen von vergleich-barer Zerstrungskraft waren nie dagewesen, der Rstungswettlauf im Kalten Krieg schloss sich an.

    Oppenheimers Reaktion war gespalten. Nach Hiroshima hielt er seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Los Alamos eine launige Propagan-darede, in der er sie beglckwnschte die Folgen der Bombe seien zwar noch nicht absehbar, aber er sei sicher, dass die Japaner sie nicht mochten. Er bedaure nur, dass sie nicht so rechtzeitig fertig geworden seien und man die Bombe nicht auf die Deutschen habe werfen knnen. Andererseits versank er in den folgenden Wochen in Depressio-nen wegen der grausigen Folgen und auch, weil die Politiker sich gegen eine Demonstration vor japanischen Augen in der Wste von New Mexico entschieden hatten. Dieses Modell hatten viele Phy-siker vor Ort fr selbstverstndlich gehalten.

    US-Inquisition

    Nach dem Krieg war Oppenheimer Berater der Re-gierung in Atomenergiefragen (seine Biographen zhlen mehr als 40 Funktionen auf). Er setzte sein Organisationstalent aber nicht mehr fr praktische physikalische Aufgaben ein. Auf dem Hhepunkt der McCarthy-Zeit, als in den USA Hexenjagden gegen alle halbwegs publikumstrchtigen Linken stattfanden, wurde Oppenheimer seiner Regie-rungsfunktionen entbunden und einem dreieinhalb-

    wchigen Verhr vor der Atomenergiekommission unterzogen, die schlielich empfahl, ihn nicht wie-der in seine ffentlichen Funktionen einzusetzen. Das Verfahren gilt heute geradezu als Paradigma fr antidemokratische Verfahrensweisen, fr fa-schistoide Strategien in einer Demokratie: Oppen-heimers Anwlten wurden Akten aus den Archiven der Geheimdienste verweigert, die von der An-klageseite manipulativ und selbstverstndlich ein-gesetzt wurden; die gegnerischen Anwlte logen, fhrten unfaire Kreuzverhre, demtigten Zeugen und den Angeklagten, whlten in seinem Privat-leben etc. Oppenheimers Rechtsbeistand war zu milde, wohl auch zu unerfahren. All die juristischen Verfahrensbrche benannte er erst im Verlauf der Verhandlungen immer deutlicher, am schrfsten schlielich in seinem Schlusspldoyer.

    Der Chef der Atomenergiebehrde Lewis Strauss verfolgte Oppenheimer geradezu persn-lich, er hatte eine amerikanische Inquisition instal-liert, der jede abweichende Meinung als Illoyalitt galt. Dass das Verfahren und der Vorwurf der Illoy-alitt juristisch nicht haltbar waren, scheint einigen der Beteiligten auch den Zeugen gegen Oppenhei-mer durchaus klar gewesen zu sein. Um den Phy-

    siker auch ffentlich zu vernichten, lie Strauss in einer Indiskretion das Verhrprotokoll drucken und mit ein paar gezielten Hinweisen auf bestimmte Passagen an die befreundete Presse verteilen. Auf lange Sicht ging dieses Manver nach hinten los, der ganze Terror des Verfahrens wurde ffentlich.

    Dennoch, Oppenheimer war nach dem Prozess ein gebrochener Mann, trotz weiterer mter, der Zusammenarbeit mit Albert Einstein in Princeton und der Rehabilitierung durch Prsident John F. Kennedy, der ihm die Fermi-Medaille berreichen wollte (aufgrund seiner Ermordung bernahm Lyn-don B. Johnson den Festakt). Oppenheimers Tod an Kehlkopfkrebs war sicher auch ein Resultat seiner vierzigjhrigen Kettenraucherkarriere, aber viele seiner Freunde beschrieben die dramatische Persnlichkeitsvernderung nach dem Hearing, wie man bei Bird und Sherwin nachlesen kann.

    Ein Dokumentarstck

    Heinar Kipphardt (192282) hat mit seinem ka-nonischen Schauspiel In der Sache J. Robert Oppenheimer noch zu Lebzeiten des Physikers ein abgekrztes Bild des Verfahrens geliefert, in

    seiner eigenen Sprache und Szenenfhrung, vor allem auf Grundlage des von ihm bersetzten Verhrprotokolls und von Robert Jungks Buch Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher (1956).

    Das zweiteilige Schauspiel hlt sich eng an das originale Verhr. Kipphardt hat daraus zusammen-hngende, aufeinander bezogene Szenen und Ge-dankengnge komponiert, die 40 Zeugen auf sieben reduziert und Pldoyers wie den nach dem origina-len Verhr postalisch zugestellten Urteilsspruch so-wie eine Schlussbemerkung Oppenheimers hinzu-gefgt, um ein dramaturgisch konsistentes Stck zu schaffen. Es handelt sich also um ein genuines Do-kumentarstck, das historisch genau recherchiert ist, eigene politische Wirkungen erzielen will und keineswegs auf bloe Abbildung reduzierbar ist.

    Die sthetisch avancierten Dokumentarstcke von Peter Weiss und Kipphardt zeigen gerade die Unmglichkeit einer solchen unmittelbaren Wiedergabe in Weiss Ermittlung (1965) wie im Oppenheimer wird gerade die Verfertigung von Dokumenten auf der Bhne gezeigt, die an-schlieend als historische Wahrheit gelten sollen, die Subjektivitt der Sprechenden, die Manipu-lierungsversuche einiger Beteiligter. Dennoch, den Begriff Dokumentartheater hat Kipphardt nicht geschtzt. Fr ihn sind diese Stcke Spezi-alflle, Weiterfhrungen des historischen Dra-mas vor allem Georg Bchners. Er hat sogar behauptet, Oppenheimer sei ein autobiogra-phisches Stck, lange Zeit eine unverstndliche Bemerkung.

    Mittlerweile wissen wir, dass er sich auf ein Verhr in Sachen Kipphardt bezog: 1959, als er Chefdramaturg am Deutschen Theater in Ostberlin war, hatte er sich einem hnlich autoritren und ma-nipulativ gefhrten Verhr der Kulturkommission der SED unterziehen lassen mssen. Ein Parteiaus-schlussverfahren folgte und schlielich der Umzug in die Bundesrepublik. Kipphardt hat das Verfahren nie ffentlich kommentiert, weil er sich nicht als

    12 THEMA

    Der AntiheldRobert J. Oppenheimer (r.) zusammen mit Albert Einstein, der seinen Kollegen 1954 whrend des Verhrs vor der US-Atomenergiekommission untersttzte (undatierte Aufnahme, ca. 1950)

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    Vor fnfzig Jahren starb der Vater der Atombombe J. Robert Oppenheimer. Der Dramatiker Heinar Kipphardt schrieb noch zu Lebzeiten des Physikers ein Theaterstck ber dessen Verfolgung whrend der McCarthy-ra. Von Sven Hanuschek

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  • 13Sonnabend/Sonntag, 18./19. Februar 2017, Nr. 42

    Dissident missbrauchen lassen wollte. Er wusste also tatschlich, wie sich Oppenheimers Rolle von innen angefhlt hat.

    In der Sache J. Robert Oppenheimer wurde 1964 als Fernsehspiel gesendet und mehrfach aus-gezeichnet (derzeit auch auf Youtube zu sehen). Die neu durchgearbeitete Bhnenfassung, im gleichen Jahr uraufgefhrt, wurde ein Welterfolg. Die Erst-ausgabe in der Edition Suhrkamp erlebte bis heute mehr als 40 Auflagen, parallel lieferbar ist der Band der kommentierten Werkausgabe bei Rowohlt (mittlerweile in der 14. Auflage).

    Der erste Teil des Stcks beschftigt sich mit den angeblichen kommunistischen Verbindungen Oppenheimers vor dem Krieg. Die jede Szene er-ffnenden Leitfragen wie Wo endet die Loyali-tt einem Bruder gegenber, wo gegenber dem Staat? oder Darf ein Mensch seiner Ansichten wegen verfolgt werden? werden nicht eigentlich beantwortet. In Rede und Gegenrede kann der Zu-schauer die verschiedenen Ansichten verfolgen und muss sich eine eigene Meinung bilden, weil auch die Oppenheimer-Figur suspekte Zge trgt. Jeder Szene folgt eine Zwischenszene, die jeweils der Charakterisierung einer wichtigen Figur neben Op-penheimer dient: des verhrenden Anwalts Roger Robb und seines Mitarbeiters Rolander, der An-wlte Oppenheimers, Garrison und Marks, sowie der Ausschussmitglieder Evans, Morgan und des Vorsitzenden Gray.

    Der historische Oppenheimer hat-te unzweifelhaft linke Sympathien, sein Verhltnis zur Kommunisti-schen Partei der USA konnten aber sogar Bird und Sherwin nicht klren. Sie vermuten, dass er eher zu den Salonbolschewisten gehrte, ein Begriff, mit dem er seine Freunde verspottet hatte. Sptestens mit den Moskauer Prozessen hat er sich von der KP abgewandt, wie viele Zeit-genossen, und mit dem Aufbau von Los Alamos lste er alle kommuni-stischen Verbindungen.

    Frage der Verantwortung

    Im zweiten Teil des Stcks wird untersucht, warum Oppenheimer den Bau der Wasserstoffbombe (im Unterschied zur Atombombe) erst nach lngerem Zgern befrwor-tete. Als Zeugen werden Physiker-kollegen (Teller, Bethe, Rabi) und Geheimdienstleute (Pash, Lansda-le, Griggs) nach ihrer Einschtzung Oppenheimers befragt. Robb und Marks halten anschlieend ihre Pl-doyers, die Kommission verliest ihr Urteil: Wegen beunruhigende(r) charakterliche(r) Defekte er hat-te den Geheimdienst belogen, um seinen Freund Haakon Chevalier zu schtzen, und sich auch vor dem Ausschuss in Widersprche verstrickt bestn-den gengend starke Zweifel (), ob seine knftige Beteiligung an einem nationalen Ver-teidigungsprogramm () mit den besten Inter-essen der Sicherheit vereinbar wre. Evans, der einzige Wissenschaftler des Gremiums, findet dagegen keinen Grund, ihm die Sicherheits-garantie zu verweigern, ihn beunruhigt die Tatsache, dass wechselndes politisches Klima die Beurteilung der gleichen Tatsachen wechseln lassen soll.

    Oppenheimer spricht ein Schlusswort, in dem er seine im Verlauf der Anhrungen gewonnene Einsicht formuliert, dass die Handlungen, die mich nach Ansicht des Ausschusses belasten, der Idee der Wissenschaft nhergestanden sind als die Verdienste, die man mir anrechnet. Die Physiker htten vermutlich den Regierungen eine zu groe, eine zu ungeprfte Loyalitt gegeben (), gegen unsere bessere Einsicht.

    Dass jeder, nicht nur die Physiker, fr das eige-ne Tun verantwortlich ist, dass nichts am eigenen Leben delegierbar ist dieser Appell wurde in den sechziger Jahren verstanden. Im Unterschied zu Brechts Leben des Galilei (1938/39), oft mit Kipphardts Stck verglichen, wird aber deutlich, dass einzelne Menschen geschichtliche Verlufe nicht mehr mitbestimmen knnen. In einem Inter-view erklrte der Autor 1965, die heutige tech-nische Fertigung, die Verweigerung der Mitarbeit eines Mannes verzgern vielleicht eine Sache um

    vier Wochen, vielleicht um acht Wochen, aber wir haben keinen Galilei-Konflikt mehr vor uns, dass ein Mann etwa den Gang der Welt ndern knnte. Die Schlussstze der Oppenheimer-Figur, er wolle zu unseren wirklichen Aufgaben zurck, sich ausschlielich der Forschung widmen, sind irri-tierend, weil sie so gar kein Bewusstsein fr dieses Problem verraten.

    Kipphardts Stck verleiht neben der Atom- und Loyalittsproblematik auch einem weiteren gro-en Thema Ausdruck, das in der internationalen Rezeption in den Sechzigern gar nicht weiter her-ausgestellt worden war, um so strker dann aber in den siebziger und achtziger Jahren in Deutschland: In der Sache J. Robert Oppenheimer zeigt das gefhrliche Zunehmen autoritrer Tendenzen in demokratischen Staaten. Es gibt Leute, die bereit sind, die Freiheit zu schtzen, bis nichts mehr von ihr brig ist, sagt Oppenheimer zu Robb, wohl der berhmteste Satz des Stcks. Der historische Oppenheimer drfte einer der meistberwachten Menschen aller Zeiten gewesen sein. Er stand von 1942 bis 1955 also noch nach dem Abschluss des Verfahrens stndig unter geheimdienstlicher Rundumberwachung: Die Regierung hat mehr dafr ausgegeben, mein Telefon abzuhren, als sie mir je in Los Alamos bezahlt hat, so ein Kom-mentar des historischen Oppenheimer im Rck-blick. Im Stck wird diese schwelend gewaltttige

    Atmosphre nicht nur explizit durch Schilderung der vergangenen Sicherheitsverfahren vergegenwr-tigt, sondern vor allem durch den aggressiven Stil der Verhrenden in der Verhandlung. Das ernied-rigende Verhr kulminiert in den Passagen ber Oppenheimers ehemalige Geliebte Jean Tatlock, die nach langen Depressionen Selbstmord beging. Oppenheimer gibt hier menschlich nur zu verstnd-liche Antworten auf indiskrete Fragen Robbs: Was geht Sie das an? Was hat das mit meiner Loyalitt zu tun?

    Oppenheimers Reaktion

    Oppenheimer protestierte 1964 gegen das Stck, weil er, knapp zehn Jahre nach dem Verfah-ren und frisch rehabilitiert, sein Leben nicht nochmals ffentlich breitgetreten sehen wollte. Immerhin hatte die Affre seine Karriere und mindestens teilweise sein Privatleben zerstrt. Dass Kipphardt die Ambivalenzen der Figur dem historischen Vorbild gegenber keineswegs verkleinert hatte, mochte Oppenheimer nicht erkennen. Sein rger veranlasste ihn nicht zu rechtlichen Schritten, auch wenn er das in einem Brief an Kipphardt androhte (die Korrespondenz ist im Anhang der Kipphardt-Werkausgabe voll-stndig nachzulesen). Zudem haben die beiden telefoniert, als Oppenheimer in Genf war, das Angebot eines Besuches wollte der Physiker aber nicht annehmen. Es sei ihm schon klar, dass ihn

    das Stck nicht rgern wolle, dennoch knne ein Treffen missverstanden werden.

    Oppenheimer bemngelte nur kleinere Unge-nauigkeiten und vor allem den unhistorischen Schlussmonolog, den er nicht nur nicht gehalten hat, sondern in dem Kipphardt ihn Dinge sagen lasse, die ich nicht glaubte und auch heute nicht glaube. Er hielt sein Verhalten in Los Alamos nach wie vor fr angemessen, fr einen Ver-dienst, auf den er stolz sein konnte; er musste ja tatschlich an einen Wettlauf mit den deutschen Wissenschaftlern glauben. Das moralische Be-dauern, das ihm Kipphardts Schlussmonolog zu-schreibt, habe er nie empfunden. Auch den Ge-dankenverrat, den ihm der gegnerische Anwalt unterstellt, mochte er nicht im umgedrehten Sinn annehmen. Kipphardt hatte ihn uern lassen, dass nicht seine Skrupel etwa beim spteren Bau der Wasserstoffbombe Gedankenverrat waren, sondern sein Einschwenken auf die Linie von praktischen Physikern wie Edward Teller, die diese Bombe gegen die Sowjetunion unbedingt bauen wollten. Ein gutes Jahr spter schrieb er Kipphardt, er beharre zwar auf diesem Stand-punkt, entschuldigte sich aber, dass er unange-messen schroff und unfreundlich gewesen sei. Eine amerikanische Auffhrung konnte dennoch erst 1968, nach Oppenheimers Tod, erfolgen ei-nen frheren Versuch verhinderte er.

    Wie ist es um Oppenheimers Kritik bestellt? Zum einen ist auch der umstrittene Schlussmono-log durchaus dokumentarisch gearbeitet, er para-phrasiert Robert Jungks Buch, Oppenheimer-Reden und einen Aufsatz des deutschen Physikers Walther Gerlach ber Neue Physik und Verantwortung, der allerdings strker politisch argumentiert als Oppenheimer. Fr das ganze Stck gilt, dass be-sonders groteske und unglaubwrdige Details keine polemischen Erfindungen Kipphardts sind. So ist etwa an den Urauffhrungen kritisiert worden, dass zwei Zeugen gegen Oppenheimer frhzeitig lcher-lich gemacht wrden, und zwar Pash und Griggs. Deren Ungeheuerlichkeiten lassen sich aber bele-gen; Griggs beispielsweise wird im Originalproto-koll von anderen Zeugen in Paranoikernhe gerckt und von seinen eigenen Parteigngern nicht fr voll genommen. Von Robb, dessen Zeuge er ist, wird er gemahnt, etwas in your own words zu erzhlen. Robb bezeichnet Griggs Wissen erst als Personal knowledge (eigenes Wissen), einige Nachfra-gen ergeben aber, es sei doch nur Hearsay (vom Hrensagen).

    Farce statt Tragdie

    Zurck zur Reaktion des historischen Oppen-heimer: Er konnte natrlich nicht glcklich sein darber, dass die vernarbenden Wunden wieder aufgerissen wurden Kipphardt hat sich selbst als Kamel bezeichnet, das das Gras wieder ab-

    frisst, das ber die Sache gewachsen war. Auch dass Oppenheimer meinte, das Hearing sei eine Farce gewesen, keine Tragdie, hielt Kipphardt fr eine passende Beschreibung. Der Fall des Schlussworts ist aber doch noch etwas intrika-ter und verwickelter. Oppenheimer widersprach nicht nur dem Inhalt, sondern auch Kipphardts Erluterung, Oppenheimer habe keine Gelegen-heit gehabt, ein Schlusswort zu halten: I was gi-ven such an opportunity, but used it only to make a technical point. (Mir wurde diese Mglichkeit eingerumt, aber ich nutzte sie ausschlielich, um eine technische Bemerkung zu machen.) Erst durch Bird und Sherwin wird klar, was es mit diesem Technical point auf sich hatte: Op-penheimer bedankte sich fr die Geduld und das Verstndnis, die ihm der Ausschuss entgegenge-bracht htten! Seine Biographen werden hier ge-radezu sarkastisch: Er dankte seinen Folterern, es habe sich um einen Akt der Unterwerfung gehandelt.

    Oppenheimer ist eben nicht der Held des Schauspiels gegen eine bse totalitre Welt, ob-wohl das Stck vor allem in den sechziger Jahren so verstanden worden ist. Und das Schlusswort ist mitnichten die Moral von der Geschicht, son-dern zeigt nur die Ambivalenzen der Oppenhei-mer-Figur noch einmal deutlich. Schlielich hat die Grundlagenforschung, zu der der Physiker zu-

    rckkehren will, wie er sagt, ihn zu seinen eigentlichen Aufgaben, zur Entwicklung der Bomben ge-fhrt. Seine Selbstrechtfertigung ist nicht mehr als eine Leerformel (oder mindestens eine Selbsttu-schung). Oppenheimer wird erst skrupuls, nachdem sein Labor das Massenvernichtungsgert, das Gadget, wie es genannt wurde, in die Welt gesetzt hatte, nicht et-wa vorher. Und: Er hatte Zweifel an der Entwicklung der Wasser-stoffbombe, ging dann aber doch auf Kurs, als er die physikalischen Einflle Tellers und anderer sah technical sweet war seine For-mulierung. Er war so beeindruck-bar, obwohl er 1945 gesehen hatte, dass die Vorstellung einer Atom-bombe, die mchtig genug ist, je-den weiteren Krieg unmglich zu machen, gescheitert war.

    Ebenso gescheitert war sein Plan, die Atomenergie interna-tional kontrollieren zu lassen, wenn es sie denn nun schon gab. Diese Initiative, festgehalten im Acheson-Lilienthal-Report, den Oppenheimer mageblich verfasst hat, rechnen seine Biographen ihm hoch an. Er sei einer der seltenen Versuche gewesen, bereits in den ausgehenden vierziger Jahren Ver-nunft ins Atomzeitalter zu bringen

    und das unkontrollierte Wettrsten zu vermeiden. Bekanntlich ist es dann trotzdem eingetreten, die Politiker ignorierten den Report.

    Kipphardt hat die Problematik der Oppenhei-mer-Figur frh gesehen, und er hat sie in sein Schauspiel eingeschrieben; womglich sollte man das Stck wieder einmal lesen oder gar auffhren.

    Literatur

    Kai Bird/Martin J. Sherwin: J. Robert Oppen-

    heimer. Die Biographie. Aus dem Amerikani-

    schen von Klaus Binder und Bernd Leinewe-

    ber, Berlin 2010

    Heinar Kipphardt: In der Sache J. Robert Op-

    penheimer. Ein Stck und seine Geschichte,

    Reinbek bei Hamburg 1987

    Sven Hanuschek: Heinar Kipphardt, Hannover

    2012

    Sven Hanuschek ist Professur am Institut fr

    Deutsche Philologie der Ludwigs-Maximilians-

    Universitt Mnchen

    THEMA

    Es gibt Leute, die bereit sind, die Freiheit zu schtzen, bis nichts mehr von ihr brig ist. Fr den Dramatiker Heinar Kipphardt war die Problematik der staatlichen berwachung und Verfolgung ein zentrales Thema seines Stcks (Aufnahme aus dem Jahr 1964)

    Lesen Sie am Montag auf den jW-Themaseiten:

    Grundstze linker Bndnispolitik eine ErwiderungVon Hans-Peter Brenner

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