Cornelia Bohn und Herbert Willems (Hg.): Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive. Unter Mitarbeit von Marc Breuer und Marén Schorsch. Alois Hahn zum 60. Geburtstag

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    15-Jul-2016

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  • mit zur Mode werden kann, und welche Fakto-ren bestimmen dann, wenn etwas zur Mode ge-worden ist, deren Konjunktur und Verlauf. Lie-berson zeigt zunchst durch die Berechnung derVernderungsraten von Vornamen, dass diese inder Tat zu einer Mode insofern geworden sind,als sie immer weniger durch die Vorgaben derVerwandtschaft und der Tradition bestimmt wer-den; er erklrt diese Entwicklung durch Rekursauf klassische Modernisierungstheoreme (Bil-dungs- und Familienentwicklung; Urbanisierungetc.). Sein eigentliches Interesse gilt aber denFaktoren, die die Dynamik von Moden voran-treiben. Und hier berrascht er den Leser mit ei-ner gleichsam anti-soziologischen Hypothese.

    Im Unterschied zur klassischen kultursoziolo-gischen Perspektive, die Kulturentwicklung alsFolge von sozialem Wandel interpretiert, gehtLieberson davon aus, dass die Entwicklung vonModen weniger durch externe Faktoren vorange-trieben wird, als durch die Eigendynamik derModeentwicklung selbst. Die klassische reflec-tion-theory weist nach Lieberson zwei Schwach-punkte auf. Hufig beruht die Behauptung einesZusammenhangs zwischen sozialem Wandel undKulturwandel auf einer reinen Plausibilittsargu-mentation, die hufig empirisch nicht abgesichertbzw. falsch ist. Lieberson illustriert diese Thesean instruktiven Beispielen. Zweitens unterschtztdie reflection-theory die Bedeutung der Eigen-dynamik von Moden. Einer der wichtigsten Me-chanismen, der die Eigendynamik von Moden zuerklren hilft, bezeichnet er als den ratchet-effect. Damit ist Folgendes gemeint: Jede modi-sche Erneuerung findet auf der Basis einer gege-benen Mode statt. Die Erneuerung besteht nichtin einem vlligen Austausch der alten Mode,sondern in einer moderaten Vernderung der al-ten Mode; in aller Regel handelt es sich nicht umeine Revolution, sondern um eine Variation unddies deswegen, weil Neuigkeiten auf der Basis desalten Geschmacksrahmens interpretiert werdenund an diesen anschlussfhig sein mssen. Jedemodische Erneuerung muss sich zudem Schrittfr Schritt in eine Richtung bewegen, und nichthin und zurck laufen. Warum? Jede neueMode lsst die alte Mode als veraltet erscheinen.Erst nach einer langen Zeitspanne, wenn die vor-malige Mode vergessen ist, kann man die ur-sprnglich alte Mode als neue Mode wieder ein-fhren. Lieberson kann in seiner Analyse vonVornamen, aber auch von Kleidungsmoden sehrgenau zeigen, dass die beiden Theoreme in derTat den Verlauf von Moden recht gut erklrenknnen. Das Prinzip der moderaten Abweichungauf der Basis der Vorstrukturierung durch die ge-rade existierende Mode zeigt sich in der Entwick-

    lung der Vornamen u.a. darin, dass phonetischhnlich klingende Namen oder Namen aus demgleichen Kulturkreis eingefhrt werden. Die zeit-lich lang gestreckten Zyklen der Konjunktur vonVornamen sprechen deutlich fr das zweiteTheorem.

    Nach einer ausfhrlichen Analyse der inter-nen Mechanismen der Entwicklung von Modenanalysiert Lieberson im nchsten Schritt das Zu-sammenspiel von externen Faktoren (bernahmevon Vornamen von prominenten Personen z.B.)und den internen Mechanismen. Dabei versuchter zu zeigen, dass die externen Bedingungen inder Regel die Gelegenheitsstrukturen vorgeben,die aber nur dann aufgegriffen werden, wenn siean die Eigendynamik der Modeentwicklung an-schlussfhig sind.

    Das Buch von Lieberson ist ein lesenswertesBuch. Es berzeugt den Leser auf Grund einersehr sorgsamen Argumentationsfhrung, die Ge-genargumente aufnimmt, diskutiert und zu ent-krften versucht und auf Grund der dauerhaftenAnstrengung, jede formulierte These auch empi-risch zu belegen.

    Jrgen Gerhards

    Cornelia Bohn und Herbert Willems (Hg.): Sinn-generatoren. Fremd- und Selbstthematisie-rung in soziologisch-historischer Perspektive.Unter Mitarbeit von Marc Breuer und MarnSchorsch. Alois Hahn zum 60. Geburtstag.Konstanz: UVK Universittsverlag Konstanz2001. 598 Seiten. ISBN: 3-89669-987-3.Preis: 39,.

    Die Anschlussfhigkeit eines soziologischenTheorievorschlags erweist sich vor allem an seinerAufnahme in anderen Disziplinen. Wenn sichVertreter so unterschiedlicher Fcher wie gypto-logie, Anglistik, Literaturwissenschaft, romanisti-sche Literaturwissenschaft, deutsche und mittella-teinische Philologie und Religionswissenschaftproduktiv mit dem Theorievorschlag von AloisHahn im Rahmen einer Festschrift zu seinem 60.Geburtstag auseinander setzen, dann ist diesnicht nur eine Hommage an einen herausragen-den Gelehrten, sondern Zeichen der Fruchtbar-keit seines Versuchs.

    Dies gilt fr die Arbeiten von Alois Hahn vorallem deshalb, weil er Sinn als einen der Grund-begriffe der Soziologie in historischen, semanti-schen und systematischen Studien entfaltet hat.In den Mittelpunkt rckt dabei das Konzept derSinngeneratoren: soziale Institutionen, die zurProduktion von Sinn anregen. Sie tun dies, weil

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  • diese besonderen Institutionen letztlich als einesemantische Leerstelle wirken, deren Ausfllungihnen erst Bedeutung und Lebbarkeit verleiht.Zu diesen semantischen Leerstellen gehren pro-minente soziale Konstruktionen wie der Fremde,die Biographie, die Identitt, das Individuum.Sinngeneratoren produzieren aber auch Proble-me, deren Lsung im Zuge sozialer Prozesse an-zustreben ist wie die Erzeugung eines kollektivenGedchtnis, kollektiver Wissensordnungen oderder Kulturvermittlung und bersetzung zwischenKulturen. Damit ist die Bandbreite der Beitrgedes zu besprechenden Buches angefhrt, die nurdurch Selektion einzelner Fragestellungen ange-deutet werden kann.

    Der Fremde, Fremdheit und die Suche nachZugngen zum Verstehen des Fremden bilden ei-nen ersten thematischen Bereich des Buches.Hier rekonstruiert Rudolf Stichweh (1733) dieGeschichte des Fremden in Europa und hlt fest,dass der Fremde auf Grund groer Hufigkeitvon Migration im frhneuzeitlichen Europa eineweit verbreitete soziale Konstruktion ist. DieAusfaltung ihrer konkreten Gestalt ist im ber-gang zur modernen Welt mit der Konstruktiondes Nationalstaates zum Resultat einer symbioti-schen Verbindung beider Konstruktionen gewor-den, die dazu fhrt, dass der Fremde zwar fremdbleibt, aber doch Bestandteil des sozialen Systemsist, wohingegen der Periphere, der fremde Rand-stndige, von Exklusion bedroht ist. Fremdheitals ein allgemeines Los (Hahn) in funktionaldifferenzierten Gesellschaften wird nicht nur in-dividuell bewltigt, sondern, so Jrg Bergmann,auch durch kommunikative Techniken etwaVerstndigungsarbeit, Differenzmarkierungen,Typisierungen und Moralisierungen erzeugt,die unvermeidbar in sozialen Beziehungen wirkenund auf die entstandene Konstruktion etwadurch Blasiertheit oder das habitualisierte L-cheln (53) reagieren. In dieser sozialen Produk-tion des Fremden spielt unausweichlich Verste-hen und Nicht-Verstehen eine zentrale Rolle undverweist sowohl auf die Schwierigkeiten einerbersetzung zwischen einander fremden(Sprach-)Kulturen (Hans Ulrich Gumbrecht, 5778), wie auch auf die Bedeutung von Kulturver-mittlern, wie Johannes Wei (7988) an de Sta-els und Heines Versuchen zeigt, die KulturDeutschlands der franzsischen Kultur zu vermit-teln. Bedeutsam ist dabei vor allem die Kenntnis-nahme der je spezifisch gebrochenen Perspektivi-tt der Vermittlung, die sich nur im Rckgriffauf den Zusammenhang von Biographie, Kulturund gesellschaftlich-historischer Situierung derVermittler erschliet und das Ziel zugleich erstre-benswert und prekr sein lsst.

    Dass individuelle und kollektive IdentittKonstruktionsleistungen sind (Bernhard Giesen,91110), das ist mittlerweile geteiltes Wissen inder Soziologie, daran schlieen jedoch Fragenber soziale Zurechnungsprozesse gegenber derkonstruierten Identitt an, wie etwa Peter vonMoos (111138) am Beispiel behaupteter Unab-sichtlichkeit zeigt, die individuell als Lapsus da-von kommt, aber gesellschaftlich als Vorsichts-defizit (131) behandelt wird und damit zeitloseethische Probleme stellt. Unter Verwendung ei-ner systemtheoretischen Perspektive kann dannCornelia Bohn (15976) nochmals zeigen, dasssich die gesellschaftliche Semantik der Individua-litt geschichtlich im Zuge von Differenzierungs-prozessen wandelt und in der Moderne fr einigeGruppen und hier wre es interessant zu wis-sen, in welchen sozialen Auseinandersetzungendiese Gruppen konstituiert werden das Mustereiner inkludierenden Exklusion (173) von Per-sonen in das soziale System bereitstellt.

    Von zentraler Bedeutung fr das Individu-um ist ohne Zweifel die Biographie als Sinnge-nerator. Diese greift das Leben als eine Erzh-lung auf, die zugleich in die Zukunft und in dieVergangenheit verweist und unter besonderenBedingungen entfaltet wird. Zu diesen gehrendie Existenz erklrungsbedrftiger Abschnitteeines Lebens, die nicht bruchlos zu integrierensind (Schulz-Buschhaus, 199216). Dabei istvor allem der zeitlichen Perspektive in derKonstruktion und Rekonstruktion einer Biogra-phie Aufmerksamkeit zu schenken, weil einerBiographie als Entwurf knftigen Lebens anderszu verstehen ist als eine vom Ende des Lebensher retrospektiv entwickelte Biographie, wie JanAssmann (249262) an einer altgyptischen Be-sonderheit der Grammatik zeigt und von dortaus die Frage aufwirft, ob unser individuellesund kollektives Interesse an der Rekonstruktionder Vergangenheit nicht auf einen Wunschnach Selbsttranszendierung (261) ver- unddamit ber das Interesse an einem kollektivenGedchtnis hinausweist. Dazu passt WolfgangLudwig Schneiders (263289) Frage nach denMglichkeiten der Entstehung und Stabilisie-rung eines kollektiven Gedchtnisses unter denBedingungen doppelter Kontingenz, die er vorallem in den Formen der Kanonisierung undFormalisierung (264) gegeben sieht.

    Die allgemeine Problemstellung des Zusam-menhangs von Sinnstruktur und Praxis, von Wis-sensformen und Sinngeneratoren, greifen dannMarianne Willems und Herbert Willems (397428) in einer beispielhaften Auseinandersetzungmit dem New Historicism in der Literaturwissen-schaft auf und pldieren energisch dafr, die dort

    Literaturbesprechungen 583

  • fehlende Verbindung von Sinn und Praxis durchdas Konzept des Habitus herzustellen, weil sonstdie Verschrnkung kulturellen und strukturellenWandels eine, wie die Arbeiten von Alois Hahnoder Niklas Luhmann zeigen, Voraussetzung je-der soziologisch orientierten Semantikgeschichtenicht aufgeklrt werden kann.

    Dieser Beitrag fungiert in meiner Lesart desBuches als ein Scharnier zum letzten Teil, derdem Konzept der Gesellschaft gewidmet ist, denner erlaubt mir, einen Vorschlag zu machen, wiedas Konzept der Sinngeneratoren auch fr diffe-renzierungstheoretische Fragen fruchtbar ge-macht werden knnte. Denn Hartmann Tyrell(511534) arbeitet sorgsam Vernderungen inder differenzierungstheoretischen Konzeption derGesellschaftstypologie von Niklas Luhmann he-raus und hebt dessen Wechsel von der Betonungvon Kontinuitt zur Diskontinuitt in der Analy-se gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse hervor.Aber die Darstellung verbleibt einer systemtheo-retischen Deutung von Differenzierungsprozessenverbunden, ohne die Chance des Konzepts derSinngeneratoren aufzugreifen und eine Verbin-dung zwischen sinnverstehenden und system-theoretischen Konzepten herzustellen durch dieFrage: Ist Differenzierung mglicherweise fr dasIndividuum ein Sinngenerator fr soziale Ord-nungszusammenhnge?

    Das Buch ist sehr empfehlenswert, weil es soreich an Anregungen, Einsichten und weiterenAnschlussmglichkeiten ist, dass es selbst als einSinngenerator fungiert und so die Arbeiten vonAlois Hahn durch ihre Anwendung hindurchwrdigt.

    Matthias Junge

    POLITISCHE SOZIOLOGIE

    Hauke Brunkhorst: Solidaritt. Von der Brger-freundschaft zur globalen Rechtsgenossen-schaft. suhrkamp taschenbuch wissenschaft1560. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002. 247Seiten. ISBN 3-518-29160-2. Preis 10,.

    In einer der gehaltvollsten soziologischen Expli-kationen des Solidarittskonzepts unterscheidetRainer C. Baum in Weiterfhrung von berle-gungen Talcott Parsons vier Kategorien von So-lidaritt: die autotelisch-expressive, die sozio-mo-ralische, die instrumentelle und die politische.Die einzelnen Typen werden funktionsspezifischdominant, bleiben aber in einem system of in-terchanges auf Zulieferungen aus den jeweils an-

    deren Solidarittsquellen angewiesen. Die Vitali-tt jeder dieser Solidarittsformen ist empirischeBedingung fr den funktionalen Erfolg des ge-samten Systems der Solidaritten: die Sicher-stellung ausreichender gesellschaftlicher Integra-tion. Brunkhorst reduziert in seiner Interpreta-tion den (modernen) Solidarittsbegriff auf des-sen politische Form, die die anderen Solidaritts-formen in einem langen geschichtlichen Prozessin sich aufgesogen zu haben scheint; gelegentlichmachen sie sich als Strgren noch bemerkbar,ansonsten sind sie zu vernachlssigen. Solch be-griffliche Komplexittsreduktion befrdert dieStringenz der Argumentation, stellt aber derenanalytischen und empirischen Gehalt von vorn-herein in Frage. Darauf werde ich zurckkom-men.

    Brunkhorsts Analyse ist primr ideenge-schichtlich und normativ-konstruktiv angelegt.Sie fhrt berlegungen weiter, die der Autor u.a.in seinem 1997 erschienenen Essay Solidarittunter Fremden (Fischer Tb) vorgestellt hat. Da-rin kritisierte er das pragmatistische Solidaritts-konzept (Mead, Dewey) als zweideutig, weil esnicht klar genug zwischen der Solidaritt unterFreunden und der Solidaritt unter Fremdenunterscheide. Dies fhre zu einem unterkomple-xen Demokratiebegriff, der die Rolle rechtlichstabilisierter Solidaritt unterschtzt und die evo-lutionre Bedeutung funktionaler Differenzie-rung, besonders der Trennung von Moral undRecht, vernachlssigt (in jenem Band: 39). Aus-reichende analytische Komplexitt fand Brunk-horst seinerzeit in Parsons Soziologie, deren op-timistische Geschichtsdeutung er gleichwohlnicht teilen mochte. So berrascht es nicht, dassin dem neuen Buch Luhmann Parsons Stelle alswichtigster soziologischer Kronzeuge nebenMarx und Habermas einnimmt; die bevorzug-ten philosophischen Gewhrsleute sind im bri-gen Kant und Rousseau.

    Den modernen, demokratischen Solidari-ttsbegriff sieht Brunkhorst gegrndet in denIdeen von 1789, zu denen sich bis heute keineAlternative abzeichnet (7). Sie formen frhereEntwicklungsstufen der Solidaritt um, auf diesie bewusst zurckgreifen (S. 10ff.): 1. den rmi-schen Rechtsbegriff der Gesamthaftung (einerfr alle, alle fr einen), 2. die heidnisch-repu-blikanische Eintracht und Brgerfreundschaftder antiken und sptmittelalterlichen Stadtrepub-liken, die noch vertrglich waren mit sozial ex-klusiver Rangordnung und Klassenbildung, 3. dieuniversalistisch ausgerichtete biblisch-christlicheBrderlichkeit, die nicht lnger mehr als Barm-herzigkeit oder Gnade interpretiert, nicht mehrzum ideologischen berbau politischer Klassen-

    584 Literaturbesprechungen

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