1145 10017 Hahn Unscharfe 145 10017 Hahn ? Ulla Hahn, aufgewachsen im Rheinland, arbeitete nach ihrer

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  • Ulla Hahn, aufgewachsen im Rheinland, arbeitete nach ihrer Germanistik-Promotion als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitten, anschlieend als Literaturredakteurin bei Radio Bremen. Ihr lyrisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Fr

    ihren Roman Das verborgene Wort (2001) erhielt sie den ersten Deutschen Bcherpreis. 2009 folgte der Bestseller Aufbruch und

    2014 Spiel der Zeit. Wir werden erwartet (2017) bildet den Abschlu ihres autobiographischen Romanzyklus. In Unscharfe

    Bilder, 2003 erschienen, setzt sie sich mit der NS-Zeit auseinander ein Thema, das all ihre Romane durchzieht.

    Unscharfe Bilder in der Presse:

    Zwischen Vater und Tochter baut sich eine Spannung auf, die fr beide unertrglich wird und den Leser fest in ihren Bann zieht.

    Sddeutsche Zeitung

    Ulla Hahn will nicht Betroffenheit, sondern Einsicht. Das ist eine andere, mglicherweise fruchtbarere, keineswegs aber mildere Sicht

    als die der Tter-Opfer-Diskussion. Schsische Zeitung

    Ein engagiertes Buch, das den Leser nicht loslt.Focus

    Auerdem von Ulla Hahn lieferbar:

    Das verborgene Wort. RomanAufbruch. Roman

    Spiel der Zeit. RomanWir werden erwartet. Roman

    Liebesarten und andere Geschichten vom Leben. ErzhlungenGesammelte Gedichte

    Besuchen Sie uns auf www.penguin-verlag.de und Facebook.

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  • Ulla Hahn

    Unscharfe BilderRoman

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  • Der Verlag weist ausdrcklich darauf hin, da im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt

    der Buchverffentlichung ein gesehen werden konnten. Auf sptere Vernderungen hat der Verlag keinerlei Einflu.

    Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschloen.

    Verlagsgruppe Random House FSC N001967

    PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichenvon Penguin Books Limited und werden

    hier unter Lizenz benutzt.

    1. Auflage 2017Copyright 2003 by Deutsche Verlags-Anstalt in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

    Neumarkter Strae 28, 81673 MnchenUmschlag: Designbro Lbbeke Naumann Thoben, Kln

    Umschlagmotiv: plainpicture/Christian KuhnDruck und Bindung: GGP Media GmbH, Pneck

    Printed in GermanyISBN 978-3-328-10017-1www.penguin-verlag.de

    Dieses Buch ist auch als E-Book erhltlich.

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  • Fr Klaus

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  • Ist eine unscharfe Fotografie berhaupt ein Bild einesMenschen? Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mitVorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe nichtoft gerade das, was wir brauchen?

    Ludwig Wittgenstein

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  • I.

    Seine Mbel hatte er, soweit sie Platz fanden, mitnehmenknnen, selbst einen groen Teil der Bibliothek, den Restwute er bei der Tochter gut untergebracht. EhemaligeSchler, wenn sie ihn aus Anhnglichkeit besuchten, lie erfreigiebig aus den Regalen whlen und unterstrich danngelegentlich einen Satz, der sie ein Leben lang begleitensollte. Die breiten Borde bogen sich noch immer, und die Sttzen einer Leiter hatten das rtlichbraune Parkettschon verschrammt. Oben standen die kostbaren Bnde,auch in lateinischer und griechischer Sprache, alte Drucke,die Hans Musbach mit einem Vergrerungsglas zu lesenpflegte. Seine Festung.

    Er fand sich gut zurecht in dem grozgigen Haus amHafen. Seine Pension reichte fr ein Appartement auf der richtigen Seite, dort, wo man die Sonne im Elbstromuntergehen sah, dort, wo der Blick auf die Wellen ging, als versichere ihr gleichmiger Schlag, da alles noch lange immer und immer so weitergehen knne. Die wenigerBetuchten des Seniorenheims, Residenz, wie man das hiernannte, schauten auf Fischhallen und heruntergekommeneHuser. Nie htte er sich vor dem Umzug vorstellen kn-nen, einmal Stunden zu vertrumen, einfach dazusitzen,ohne ein Buch, eine Fachzeitschrift oder den Brief einesKollegen, den es zu studieren und sorgfltig zu beantwor-ten galt.

    Musbach rckte den Stuhl nher ans Fenster. Der Glanzdes gleitenden Wassers nderte sich mit dem Himmel,

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  • eben noch wolkenverhangen, dann wieder von ein paarWindsten leergefegt, blau. Dennoch: Regen lag in derLuft. Sturmwolken zogen von Westen auf. Dann wurde esnoch einmal hell, die Wolken zum Horizont getrieben, weitweg ber die Werft am anderen Ufer. Herrenlos. Er mochtedie Schnelligkeit dieser Wandlungen am Himmel liebernoch als die Bewegungen der Schiffe. Bei Sonne Segel-boote, wei die meisten, manche blau-wei gestreift, einesmit rotbraunen Segeln. Piratenbraun. Motorboote, Fhrenins Alte Land und nach Krautsand, Containerschiffe undTanker auf dem Weg in den Hafen, ins offene Meer, unterden Flaggen aller Herren Lnder. Schwarz, Rost und Men-nigrot, von dieser rauhen, zweckmigen Schnheit, soanders und doch so hnlich den alten, erhabenen Schriften.

    Das Telefon lutete. Eine freundliche Stimme fragtenach den Wnschen frs Mittagessen. Fleisch, Fisch, vege-tarisch. Sie mute die Frage wiederholen, ehe Musbachsich fr Fisch entschied. Er sah weiter aufs Wasser, denHimmel; ein strahlend weier Passagierdampfer trieb lang-sam stromabwrts inmitten lichter Schaumkronen, winzigeMenschen an Deck winkten in Richtung der Uferhnge,zeigten sich Huser und Trme; der Himmel darber nunvoller unbehaglicher schwarzer Wolken.

    Trotz der Jahre, die Hans Musbach hier schon so wohl-umsorgt verbracht hatte, fand er noch immer wenig Ge-fallen an diesen gemeinsamen Mahlzeiten. Es fiel ihmschwer, Gesprche zu begleiten, die oft von der Gegenwartnur mehr aufnehmen wollten, was aus ferner Vergangen-heit betrachtet wichtig zu sein schien. Wie ein langsam ver-trocknender Teich, dem der einst quellende Bach versiegtwar, erschien ihm seine Gesellschaft; durchaus noch wacheLeute, aber meist, als sen die Augen nun im Hinterkopfund nicht mehr vorn, unter einer nachdenklichen Stirn.

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  • Fast vierzig Jahre lang waren seine Gesprchspartnerjunge Menschen gewesen, oft keine einfachen Schler undauch nicht immer so neugierig, wie er es sich gewnschthtte. Aber jung, Gegenwartsmenschen, Zukunftsmen-schen. Zuerst htten es seine Kinder sein knnen, spterseine Enkel, doch zu alt hatte er sich mit ihnen nie gefhlt,auch wenn er im stillen manche Aufmpfigkeiten und lssi-gen Tabubrche mibilligt hatte. Das Leben begann ja mitjedem Schuljahr wieder von vorne, und das hatte ihn glck-lich gemacht.

    Jetzt war seine Tochter festes Glied zwischen Gesternund Heute in ihren tglichen, gemeinsamen Stunden. Pd-agogin wie er. Musbach wute nur zu gut, was er brauchteund was ihm fehlte. Es war nicht der Verlust seiner ge-wohnten Huslichkeit, die er erst verlassen hatte, als ersprte, da Katja zuviel Zeit und besorgtes Nachdenken frsein tgliches Leben aufwenden mute. Er verga auchnicht, da er mit diesem Platz an der Elbe, umgeben vonliebgewonnenen Gegenstnden, so etwas wie das groeLos gezogen hatte. Ihm fehlte das Gesprch mit jungenLeuten, das war nun mal die unausweichliche Folge desAlters. Er mute noch immer lernen, damit gelassener undgeduldiger umzugehen. Was hier im Hause jung war, dasarbeitete entweder in der Bedienung, in der Kche oderim Zimmerdienst; bei der Massage oder in der rztlichenVersorgung. Da gab es kaum Zeit, aber sicher auch wenigInteresse fr Gesprche mit den Bewohnern; ber Hf-lichkeiten kam man selten hinaus. Er mute das begreifen,abhaken, wie es hie. Cool sein. Wer es kann.

    Musbach wusch sich die Hnde, fuhr mit dem Kammdurchs Haar, ein sprliches Wei, aber gut geschnitten,rckte die Fliege zurecht und nahm den Aufzug zumSpeisesaal, der zu ebener Erde hinter der Eingangshalle

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  • lag. Selten verfehlte dieser grozgige, elegante Raumseine Wirkung auf Besucher, die glauben mochten, einLuxushotel zu betreten. Ungehindert ging der Blick durchdeckenhohe Fenster auf die Elbe, bequeme Sitzmbelstanden um niedrige Tische, viel Grn in stilvollen Tpfen.Einer der Bewohner hatte dem Haus die Plastik gestif-tet, einen dieser meterhohen Hasen des amerikanischenKnstlers Salle, messingglnzend poliert, einen Vorderlaufangewinkelt, den anderen gereckt wie zum Gru. Musbachfand die Plastik etwas albern, aber doch immerhin besserals manche sogenannten Arbeiten, mit Titeln wie Eter-nity oder Projekt 14, fr sein an der Klassik geschultesAuge unverstndlich, ja Hochstapelei: Des Kaisers neueKleider. Die Halle war leer. Nur Emil am Empfang winkteihm gutgelaunt: Beeilung!

    Alles war schon im Speisesaal versammelt. Auch hierhatte die Heimleitung Umsicht bewiesen. Die Herrschaf-ten, wie das Personal die Bewohner in den Gesellschafts-rumen nannte, im Unterschied zu den Kranken- undPflegetrakten, die Herrschaften saen in der Regel zusechst an runden Tischen und waren je nach geistigerBefindlichkeit gruppiert. Die Rstigen durften ihren Platzan der Sonne genieen, buchstblich, am Fenster mit Blickaufs Wasser. Geld war hier nicht mehr der Mastab; auchdie Bewohner der teuren Elbblick-Appartements wurden,wenn sie ihre Umgebung kaum noch wahrnahmen, nachhinten, in die Nhe der Kche gesetzt. So konnte schnelljemand hinzuspringen, passierte an einem dieser soge-nannten schwachen Tische ein Malheur, etwa da einLffel herunterfiel Messer und Gabel gab es hier nicht,nur Kleingeschnittenes wurde serviert oder allzuviel vonden Mahlzeiten auf Brustlatz oder Schrze platschte. Einsvon beiden bekam an diesen Tischen jeder umgebunden, je

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  • nach dem Stadium des Verfalls der Motorik, wie manTattrigkeit freundlich technisch umschrieb. Gefttertschlielich wurde auf den Zimmern. Dann gab es keineHerrschaften mehr, nur noch Patienten.

    Natrlich sa Hans Musbach an einem der besten Tische,sogar nur zu fnft, ein Privileg. Mit echten Blumen. Aufden schwachen Tischen blhte Plastik, bergroe Rosenoder Tulpen oder Nelken. So konnten sich die Verge-lichen ihre Pltze merken, wenn sie schon nicht mehrgenau wuten, was eine Zahl war.

    Der Regen hatte sich verzogen, Mittagslicht fiel durchdie hohen Fenster, die Oberlichter standen offen, von drau-en das Kreischen der Mwen, von ferne Gehmmer, dieWerft. Man hatte bereits mit der Suppe begonnen und war in angeregter Unterhaltung; das sah Musbach schonvon weitem. Worber man sprach? Besonders die beidenFrauen? Wahrscheinlich ber den pltzlichen Tod ihrerRommpartnerin. Das Alter, man war sich einig, ist ebenso. Starb einer, wurde der unter freundlichen Nachrufenausgiebig zu Grabe getragen, in den Stimmen der leisebebende Triumph der Lebenden ber die Toten, glcklich,diesmal davongekommen zu sein.

    Kaum hatte Musbach Platz genommen, brach das Ge-sprch ab. Die Damen wuten, mit welchem Sarkasmus erderlei Wrdigungen zum Verstummen bringen konnte.

    Spt kommt Ihr, doch Ihr kommt. Frau Mulde, ehe-mals Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin, hielt ihrenSuppenlffel in der Schwebe und blickte Musbach an, alsknne erst ein Eins, setzen! des Oberstudienrats sie ausihrem Bann erlsen.

    Jaja, pflichtete ihr der Ba des beleibten Gegenbersbei. Wer zu spt kommt an den Tisch, findet frisch nichtmehr den Fisch. Frei nach Gorbatschow, haha. Er heie

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  • Dicks wie Fix, pflegte er sich vorzustellen. Ehe ihm dieHeimleitung dezente Kleidung nahegelegt hatte, war er zuden Mahlzeiten in einem grngelb schillernden Sport-anzug erschienen. Nicht nur den Tischgenossen fiel dieseunentwegte Reimerei auf die Nerven. Dafr konnte mansicher sein, da er, jahrzehntelang Redakteur fr die letzteSeite der Wochenendbeilage der hiesigen Tageszeitung,nie zweimal denselben Witz erzhlte. An Tisch Freesiebildete er das possenreiende Gegenstck zu Musbachsunaufdringlicher Bildung.

    Dieser murmelte ein kurzes Gruwort, nahm einen Lf-fel Suppe, schob den Teller beiseite und nickte Frau Sippelgeistesabwesend zu, als bedrfe sie einer Aufmunterung.Die aber hatte sich schon abgewandt, um Frau Muldeeinen vielsagenden Blick zuzuwerfen. Der zerstreute Pro-fessor war offenbar wieder in Gedanken. Ungeduldigruckte Frau Sippel an ihrer Frisur, die sich wattig um denSchdel bauschte; hier und da schimmerte rosige Kopfhautdurch. Wo blieb der Hauptgang? berbackener Blumen-kohl und gekochter Schinken, ihr Leibgericht. Frau Mulde,so hager wie die andere mollig, stichelte, fr sie sei dochalles Ebare ein Leibgericht und ziemlich alles ebar. Inder Tat war fr die Apothekerswitwe die Freude am Essendie einzige reine Freude, die ihr geblieben war, und wennjemand diese dmpfte, sei es, er whlte ein Stck, das sieim Auge hatte, oder reichte das dunkle statt des hellenBrotes, nahm sie das persnlich bel.

    Blumenkohl, das tut wohl! Dicks hufte sich die Rs-chen auf den Teller, jede Lffelbewegung von Frau Sippelargwhnisch verfolgt. Der Zivi hatte wieder einmal nichtzuerst den Damen serviert, und Dicks besa nicht die Kinderstube, das zu korrigieren. Wortlos nahm Rattke demTischnachbarn die Schssel aus der Hand und bot sie, be-

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  • tont hflich, Frau Sippel an. Rolf Rattke, Oberinspektor a.D.am Finanzamt, in allen Lebenslagen ein Kenner der Pro-zente und Statistiken, redete nur das Ntigste, knauserigmit jeder Silbe, mitrauisch gegenber jedem Wort zuviel.Dicks war ihm zuwider, und Rattke versumte keine Ge-legenheit, ihn in die Schranken zu weisen, wie er meinte.Was Dicks allerdings kaum bemerkte. Nur die gediegeneWrde der Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin hieltden Finanzbeamten an Tisch Freesie, und Hans Mus-bach natrlich, dem Rattke wegen dessen solider Kenntnisgeschichtlicher Zahlen und Daten gleiche Augenhhe zu-gestand.

    Der wiederum, eben ein alter Lehrer, wute um seinenur mhsam beherrschte Schwche, selbst noch in solcheGesprche korrigierend einzugreifen, die nur am Randeder viel aufmerksamer beachteten Speisefolge gefhrt wur-den; sei es, da ihm ein Sachverhalt unrichtig oder auchnur allzu einseitig vorgebracht schien. Gerade war wiedereinmal die Politik an der Reihe mute man sich um dieeigene Rente wirklich keine Sorgen machen? und natr-lich das Weltgeschehen schon wieder ein Krieg, Gott-seidank weit weg , das in jedem der vier Kpfe Platz,Urteil und Wegweisung fand. Musbach beteiligte sichkaum, wollte lieber wissen, was die jungen Leute in KatjasOberstufe darber dachten, und verabschiedete sich knapp,als die letzten Lffel des Nachtischs klappernd in dieGlasteller gefallen waren.

    Wie immer, wenn es irgend ging, legte er sich nach demEssen schlafen. Katja wrde heute frher kommen. Ganzin seinem Tagesrhythmus war er um halb drei wieder beiseiner Lektre, versenkte sich in die neue Sulla-Biogra-phie, die ihm seine Buchhandlung geschickt hatte. Und ver-ga die Zeit.

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  • Erst als der kleine elfenbeinerne Tod an seiner silbernenRenaissance-Uhr den letzten Schlag mit der Sense getanhatte, griff Musbach zum Hrer. Vier Uhr. Wo blieb dieTochter? Nein, keine Konferenz. Sie sei heute sogar schonetwas eher gegangen, habe wohl Wichtiges zu besorgen. Erbedankte sich, legte auf.

    Endlich. Auf dem Korridor kamen Schritte nher, energi-sche Schritte. Ihre Schritte. Vor der Tr machten sie halt,schienen sich zu entfernen, kamen zurck. Ein kurzesKlopfen.

    Katja, du bist spt. Musbachs Stimme hatte die dunk-len, tiefen Tne nicht verloren und konnte noch immerklingen wie eine Liebkosung.

    Die Tochter, hochgewachsen und schlank, ganz der Vater,den das Alter und die vielen Stunden ber den Bchernkaum gebeugt hatten, umarmte ihn flchtig und machteein paar Handgriffe, wie sie es gerne tat, wenn sie in diesekleine Wohnung kam; ordnende Handgriffe, so, als gelngees ihr auch hier noch, den Vater in ihre respektvolle Obhutzu nehmen. Dann rckte sie ihren gewohnten Stuhl heranund wiederholte, wie er sich fhle, so nebenher, wie zuvor.

    Gut, wies eben so ist, wenn die Zeit abluft. Musbachsa in seinem Sessel hinter dem Schreibtisch wie immer.

    Katja schaute auf ihre Hnde, ringlos, die Ngel kurzge-schnitten, an schlanken Fingern, die zupacken konnten. Siemute nicht warten, bis sich jemand erbarmte, ihr einRegal aufzustellen, den Computer anzuschlieen, dasFahrrad zu reparieren. Die praktischen Seiten des Alltagszu meistern, hatte sie das Leben als Einpersonenhaushaltgelehrt. Auch Katja liebte ihre Bcher und zog sich mit-unter eines ber den Kopf wie andere die Bettdecke. Dochsie tauchte aus diesen Exzessen, wie sie es fr sich nann-te, jedesmal gestrkt wieder auf. Nicht nur das Lesen hatte

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  • ihr der Vater beigebracht: Nichts Bses knne uns gesche-hen, solange wir das Gute in den Bchern fest halten. B-cher: die besten und verllichsten Freunde. Dieser Kin-derglaube, verwurzelt in Fabeln und Lebensberichten deralten Lateiner, war mit ihrem Erwachsenwerden nicht br-chig, eher zu einer Glaubensgewiheit geworden. Bcherals Talismane.

    Katja bckte sich zur Aktentasche, lie die Schlsser auf-schnappen, ihre Augen machten einen Bogen um denMann, der da vor ihr sa, die dunkle Fliege exakt gebundenwie all die Tage und Jahre zuvor.

    Von ferne tutete ein Schiff. Der Lotse, sagte der Vaterabwesend, gedankenverloren. Das ist der Lotse. Er gehtvon Bord.

    Noch immer lie die Tochter ihre Augen wandern, alsmsse sie jeden einzelnen Gegenstand festhalten, so wie erjetzt war. Als knne ein jeder ihr ein Geheimnis offen-baren, ein Rtsel lsen. All die vertrauten, so fraglos gelieb-ten Gegenstnde, fraglos wie ihre Liebe zum Vater selbst.

    So sah die Tochter um den Vater herum, eine langeWeile, wie beiden schien, ehe sie sich ein weiteres Malnach der Tasche bckte und sich aufrichtend ein Buch aufden Schreibtisch legte, dem Vater vor die Augen.

    Musbach griff nach der Brille neben der Kapitnstassemit dem Sprung, blickte auf das Buch und schob es bei-seite. Zog die Schreibtischschublade auf und kramte wort-los von weit hinten Tabakbeutel und Pfeife hervor. Dierzte hatten ihm vom Rauchen abgeraten, und seine Toch-ter achtete streng darauf, da er das Verbot einhielt. Dies-mal sagte sie kein Wort, als er die Pfeife umstndlich stopf-te und ein Streichholz nach dem anderen anri.

    Zerstreut folgte sie den Bewegungen seiner Hnde, aufdem Ringfinger der Linken ein antiker Stein von blutroter

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  • Farbe, der, wenn das Streichholz aufflammte, grnlich phos-phoreszierte. Als Kind hatte sie sich an diesem wunder-lichen Funkeln gar nicht satt sehen knnen. Nun wandtesie den Blick ab.

    Verbrechen im Osten. Auch eine Neuigkeit! Verrgertlehnte Musbach sich in seinen Sessel zurck, warf einenzweiten Blick auf das Buch und zuckte die Achseln. Wirwissen doch wirklich, was war. Jahrzehntelang, ja sicher,jahrzehntelang hab ich das mit meinen Schlern diskutiert.Ein halbes Jahrhundert. Was soll ich damit? Hier in meinerRuhe?

    Ruhe fr wen? gab die Tochter zurck und zog denKatalog wieder zu sich heran. Ihre grauen Augen vereng-ten sich in einer eigentmlichen Spannung, als wolle sieeinen Kampf mit ihm aufnehmen.

    Kein Kaffee heute? Der Vater legte die Pfeife beiseite und stand auf. Die

    Espressomaschine, ein gepflegtes Museumsstck aus derVorkriegszeit, fllte die Kochnische fast vollstndig aus. AlsKind hatte Katja dieses Ungetm geliebt und gefrchtetwie ein Fabelwesen. Es sei von Hugo, hatte der Vater ein-mal erklrt, seinem besten Freund, und eine Zeitlangwaren ihr die Maschine und Hugo durcheinandergeraten,hatte sie das duftende, fauchende Gert einfach Hugogenannt. Er sei mit Hugo im Krieg gewesen, hatte derVater spter erzhlt, davor htten sie zusammen Abiturgemacht und studiert. Hugos Mutter Italienerin. Daher dieMaschine. Mehr war aus dem Vater nie herauszubringen.Gefallen, hatte er nur ungewhnlich barsch auf die Frageerwidert, was aus Hugo geworden sei. Und die Mutterlegte warnend den Finger auf die Lippen.

    Die Maschine brodelte, zischte, der Vater drckte denHebel, Katja zog die eine Tasse weg, schob die andere

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  • unter den Hahn. Kein Tropfen ging verloren. Jedesmal hat-ten Vater und Tochter ihre Freude an dem kleinen Spiel.

    Bitter. Katja schttelte sich. Hast du die Kaffeesortegewechselt?

    Er wird manchmal so, wenn die Dose zu lange offen-stand, sagte der Vater entschuldigend. Morgen kommtNachschub. Und in der Schule? Erzhl!

    Nichts Besonderes, erwiderte Katja.Nichts Besonderes? Musbach war enttuscht. Gerade

    heute? Die Berichte seiner Tochter ber die Schulwelt dadrauen erwartete er fast mit der Spannung eines Voyeurs,dem das Leben anderer eigenes ersetzen soll. Es war dannbeinah wie in alten Tagen, wenn er Gerda, seine Frau, anseinem Schulleben hatte teilnehmen lassen. Nun war erder Zuhrer. Er, der bei Generationen von Schlern alsRedner fr seine mitreiende Kraft berhmt gewesen war,hrte nun gierig zu und redete am liebsten nur noch nachinnen, mit seinen Antiken, wie er sie nannte, lateinischenund griechischen Dichtern, Philosophen und Geschichts-schreibern.

    Wirklich nichts Besonderes? wiederholte er. Katja lie sich nicht drngen. Heute nicht, erwiderte

    sie kurz angebunden. Das Gesprch blieb stockend, dergewohnte Flu von Neugier und Frsorge wollte sich nichteinstellen. Schlielich schob sie ihm auffordernd das Buchwieder zu, wie eine lngst fllige Rechnung. Ich bin schonspt. Schau dir das Buch bitte an. Dein Bild wirst du da janicht drin finden.

    Anders, entfernter als sonst, kte sie ihn auf die Wange.

    Es war noch warm, und Katja beschlo, ein Stck weit zuFu zu gehen. Sie war in Hamburg aufgewachsen, naheder Universitt, wo auch ihre Wohnung lag. Eine der weni-

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  • gen, die noch nicht in Eigentum umgewandelt wordenwaren. In diesen Straen war sie zu Hause, und verlie sieihr Quartier, fhlte sie sich oft wie in einer fremden Stadt.Was sie geno. Im Schanzenviertel fand sie ihren trki-schen Bazar, am Falkenstein Beverly Hills, Italien beimsommerlichen Groneumarkt. Heute whlte sie ein elegan-tes Viertel an der Alster. In den Kastanien ein leichterWind, hohe, weie Huser, offenstehende Fenster. Seitwenigen Tagen verblate der Sommer allmhlich zumHerbst, Frhherbst mit seinem sanft verschleierten, bit-tenden Licht. Auf den Balkonen saen sie beim Wein oderlasen Zeitung, leises Gelchter, ein Saxophon. Eine Frau,aufs Gelnder gesttzt, rauchte und lie den Blick bersWasser, die Wiesen, die Pappeln schweifen, und Katja folg-te ihren Augen in den Himmel, der sich in Abendtnenaufzulsen begann. Aber durch das sommersatte Grnstreckten andere Bume ihre kahlen ste, daran die un-scharfen Umrisse lebloser Krper. Und in die Wolken stie-gen Gesichter, Gesichter aus ferner Vergangenheit, durchdie Bilder der Ausstellung wieder so nah, Gesichter, dieKatja nie gesehen hatte, Gesichter von Fotos, Gesichter,aschefarben wie in Trumen, aus denen aufzuwachen manglcklich ist.

    Es dmmerte schon, als sie die Treppen zu ihrer Woh-nung hinaufstieg, vier Stockwerke unterm Dach, nur dergestirnte Himmel ber uns, hatte Albert beim Einzuggeschwrmt. Und an Sommerabenden konnten sie zu-sehen, wie die Sonne im Spiegel flammender Kupfer-dcher unterging. Er liebte die Stille wie sie. Zweimalwaren sie umgezogen, immer hher, bis sie niemand mehrstren konnte mit Gepolter von oben. Es war ein ruhigesHaus. Daran hielt sich auch die Klavierlehrerin aus demersten Stock; ihre Schler bten mit Dmpfer, und sie

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  • selbst spielte wundervoll. Zwischen sechs und neun. Sowars vereinbart. Gerade Chopin.

    Vergeblich whlte Katja die Nummer vom Pizzadienst.Der Khlschrank wieder leer. Seit sie allein lebte, war dasnormal. Und gut fr die Figur.

    Auch die Nummer Renis war besetzt. Vielleicht, fuhr esKatja durch den Kopf, wre diese Nummer auch damalsbesser besetzt gewesen, damals vor zwei Jahren, als sie aufder Suche nach einer Zange im doppelten Boden desWerkzeugkastens die Briefe gefunden hatte: Albert,Liebster, ich kann es kaum erwarten. Briefe einer Luft-fee, oder hatte da Lustfee gestanden? Egal, die Briefewaren eindeutig. Das Parfm ranzig.

    Sie hatte die Briefe an sich genommen, nur die Um-schlge sorgfltig wieder an ihren Platz gelegt. Sorgfltigernoch die Kche geschrubbt, dann das Bad und noch immernicht gewut, wie weiter. Die ersten Herbststrme hatteneingesetzt; sie brachte die Sommersachen in den Keller,die Winterkleider hinauf in die Schrnke, versteckte dieBriefe hinterm Strandzeug und hatte noch immer nichtheulen knnen. Als sie Stunden spter Reni anrief, hattesie das hinter sich; aber was sie tun sollte, wute sie trotz-dem nicht.

    Im Prinzip gibt es zwei Mglichkeiten, riet die Freun-din. Gehen oder bleiben. Bleiben mit Verzeihen. OderBleiben mit Schweigen. Will sagen: Entweder du stellst ihnzur Rede. Oder du sagst nichts und machst weiter.

    Katja hatte weitergemacht und sich Zeit heilt Wundeneingeredet. Doch was wuchs, war eine Narbe aus Mi-trauen. Alles, was Albert sagte und tat, schien ihr doppel-bdig wie sein Werkzeugkasten, und das, was er nicht tatund sagte, auch.

    So war sie immer mrrischer, abweisender, klter gewor-

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  • den, und als er wenige Wochen spter einen Ruf nachMnchen bekam, bemhte sie sich nicht um eine Ver-setzung. Was sie ihm verschwieg. Er rumte seinenSchreibtisch und seine Seite im Kleiderschrank, und sieheuchelte Bedauern. Sein Bettgestell stand schon zweiWochen spter auf dem Speicher. Kam er, schlief er auf derCouch. Er hatte nichts dagegen, schien zufrieden.

    Und Katja schlo sich wieder enger dem Vater an. Wredie Mutter noch am Leben, htte das wenig gendert. DerVater war schon immer ihr Held und nun ihre zuverlssigeSttze. Ihm mute sie nichts erklren. Sie hatte Albertschuldig gesprochen; es war erwiesen. Die Briefe Fakten.

    Nachdenklich wog sie die Figuren in der Hand, Stckevon Ausgrabungen, ersteigert in der Trkei, wo sie Albertin den Sommerferien oft besucht hatte. Auch die Elternwaren einmal mitgefahren an die Dardanellen, zu denSpuren des alten Troja. Wenn der Altphilologe und derArchologe miteinander gestritten hatten, ob es diesesTroja nun gegeben habe oder nicht, ob sich Homer allesnur ausgedacht habe, wie gro das Krnchen Wahrheit sei,hatten Mutter und Tochter dabeigesessen wie Zuschauerim Gerichtssaal. War der von Schliemann ausgegrabeneOrt wirklich das alte Troja?

    Glckliche Tage. Als man sich die Kpfe hei redete berlngst versunkene Welten, wenn es darum ging, ob Hissar-lik einmal Troja /Ilios hie; wie dieses Hissarlik zur Bronze-zeit genannt wurde; ob die Mykener Griechen waren; einKrieg um Troja Geschichte oder eine Geschichte war. AlteRtsel, die keinem mehr Kummer bereiteten. Pures Ver-gngen. Aber auch der Versuch einer Antwort auf Fragennach dem eigenen Ursprung.

    Katja stellte den kleinen Bronzekrieger wieder an seinenPlatz.

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  • Das Telefon klingelte. Sie nahm zu spt ab. Der Anruferhatte aufgelegt.

    Gibt es Neues vom Frulein Tochter? wandte sich FrauSippel aufmunternd an Musbach, der sein Gemse aufdem Teller hin- und herschob. Inge Sippel wute, da dieTochter verheiratet war, lie sich aber das Frulein nichtnehmen, wohl weil sie Katja nur allein sah. AlleinstehendeFrauen waren fr sie Frulein, Ordnung mu sein. Rankund schlank wie eh und je, plapperte sie weiter. Wohlverliebt in ihre Figur. Na, ich hab ihr gesagt, sie soll auf-passen. Sie kommt bald in das Alter. Ich habs aufgege-ben, damals als mein Mann starb. Schlu mit den Diten.Schrecklich! Nickte und bugsierte eine Backpflaume aufdie Gabel, umsichtig, fast zrtlich.

    Ach was! Wenn die Rede aufs Essen kam, fhlte FrauMulde sich angesprochen. Gesund mu Essen sein. Ma-halten. Vernnftig essen. Das ist Pflicht!

    Alles in Ordnung mit dem Frulein Tochter? wieder-holte Frau Sippel ihre Frage. Sie schien mir so in Gedan-ken, ganz der Vater. Katja hatte, anders als sonst, die Frauheute kaum gegrt, und diese konnte ihren Verdru hin-ter einem s-besorgten Tonfall nur schlecht verbergen.

    Ja, natrlich, erwiderte Musbach, und Frau Muldesprang ihm bei: Sicher eine Klassenarbeit. Das sind Kor-rekturen bis spt in die Nacht. Ich wei das noch von mei-nem Sohn, als der

    Keiner hrte mehr zu. Nicht einmal Rattke, der nacheinem verstohlenen Blick auf die Uhr Hans Musbach frag-te, ob er sich heute abend den zweiten Teil der Stalingrad-Dokumentation ansehe. Eine rhetorische Frage, mit derenHilfe er Musbach in eine Diskussion ber Art und Umfangdes Zahlenmaterials der Sendung zu verwickeln hoffte.

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  • Stalingrad, kam Dicks dem Angesprochenen zuvor, diebeiden A verchtlich in die Lnge ziehend. Wer interes-siert sich denn heute noch fr Stalingrad? Es gibt doch fri-sche Kriege genug! Hatte er leise gekichert?

    Nein, schau ich mir nicht an, erwiderte Musbach kurz.Doch Rattke, entgegen seiner sonstigen Wortkargheit,

    lie nicht locker. Nicht? Warum nicht? Ist doch eine her-vorragende Dokumentation. Alles akkurat belegt.

    Nicht? widerholte auch Frau Sippel verblfft und er-gnzte, noch verrgert ber Katja: Wo Sie doch sonst stn-dig betonen, da nichts vergessen werden darf aus dieserZeit. Mein Sohn schwrmt noch heute von Ihrem Ge-schichtsunterricht. Egal, ob Kaiser Nero, Caesar oder Cali-gulla, irgendwie, erzhlte mein Christoph bei jeder Fami-lienfeier, kriegt der Musbach den Bogen zu Hitler und insDritte Reich. Wortwrtlich konnte der Junge wiederholen,was Sie den Kindern damals beigebracht haben. Da alleDeutschen heute Verantwortung tragen und so. Und dasvor der ganzen Verwandtschaft!

    Calgula, erwiderte Musbach trocken. Nicht Caliglla.Ja, so wars.

    Fakten bleiben doch immer interessant, meinte Rattke,der sich gemaregelt fhlte.

    Jawohl, pflichtete ihm die kleine Dame bei, die sichvon einem der Nebentische genhert hatte. P, E, nichts,nichts, N, nichts, dann wieder nichts und noch mal nichts,sagte sie statt einer Begrung. Chinesischer Schohundmit acht Buchstaben. Kaum ein Tag verging, an dem sienicht an Tisch Freesie Beistand fr ihre Kreuzwortrtselsuchte, vornehmlich von Musbach. Sie bewunderte seinhervorragendes Gedchtnis. Registrierkassengedchtnis,hatten die Kollegen gespttelt; in der Residenz wurde ernur noch beneidet.

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  • Knnten wir nichts vergessen, wrden wir uns auchnichts Neues merken knnen, trstete er gern, wenn Mit-bewohner beunruhigt ber Vergelichkeit klagten. Vor ln-gerer Zeit hatte er hier einen Vortrag ber die Ge-dchtniskunst gehalten und einige antike Techniken desAuswendiglernens vorgestellt. Nicht ohne zu betonen, daBchern ber das Behaltenlernen auch jeweils ein Kapitelzur Kunst des Vergessens angefgt war. Das allgemeineVergessen, hatte er geschlossen, gehrt zur menschlichenNatur. Und: Sein Unglck vergessen knnen ist dieHlfte des Glcks, hatte er einen seiner antiken Weg-weiser zitiert.

    Das Publikum war beeindruckt. Tage-, ja wochenlanghatte man sich mit Musbachs Anekdoten und Beispielenauseinandergesetzt. Fr manche war dieser Abend gerade-zu eine Erlsung gewesen. Vergessen kann befreien Erin-nerung qulen. Darin war man sich einig. Frau Sippel hattegetrllert: Glcklich ist, wer vergit, was doch nicht zundern ist, und eine andere fiel ein: Mach es wie dieSonnenuhr, zhl die goldenen Stunden nur. Nur dieAnfnge lohnten das Erinnern, hatte eine dritte gemeint,Anfnge wie Seifenblasen, ohne Vergangenheit, ohne Zu-kunft, schillernde Kugeln, atemleicht durch einen Draht-ring in die Luft geblasen, alsbald zerplatzt.

    Aber auch die Ernsthafteren waren der Ansicht, da esmitunter gut sein knne zu vergessen, den Ha, Schmer-zen, das Leid. Wenige protestierten. Vergessen, meintensie, das ist leicht gesagt. Dann kommt der Schrecken in denTrumen wieder.

    Lethe trinken, hatte Musbach damals geraten. Lethe,der Flu der Unterwelt, der den Seelen der VerstorbenenVergessen spendet. Wer daraus trinke, knne seine frhereExistenz vergessen und werde wiedergeboren. Wohl zu-

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  • viel Lethe getrunken wurde zum geflgelten Wort fr alle,die abends nicht mehr wuten, wohin sie morgens ihrePantoffeln gestellt hatten.

    Musbach war mder als sonst vom Abendessen zurckge-kommen. Er hatte das kurze Gesprch mit Katja vergessenwollen, doch da lag es wieder, das Buch, der Katalog, diesesSignal einer Zeit, die er einst so mhsam verlassen hatte.

    Wieder sprte er den rger, der ihn erfat hatte, als Katjaihm den Fotoband so herrisch ber den Schreibtisch ge-schoben hatte. Was sollte die herablassende Bemerkung:Schau dir das Buch bitte an. Dein Bild wirst du da ja nichtdrin finden. Dieser Satz, ihre Stimme, unsicher und her-ausfordernd zugleich, lieen ihn nicht los.

    Musbach versuchte, in den Flu seiner Tage zurckzufin-den. Er schlug das Buch wieder auf, das er bei KatjasAnkunft zur Seite gelegt hatte. Aber Sulla konnte ihn nichtzurckgewinnen.

    Unentschlossen musterte er seine sauber geordnetenBuchreihen nach einer Lektre, die ihn Katalog und Ge-plapper des Speisesaals vergessen lassen wrde. Er konntesich nicht entscheiden. Was er kannte, mte ihn heuteenttuschen und die neue, geradezu obszne Catull-ber-setzung schien ihm allzu gewagt und verletzte seinen Sinnfr die Strenge der lateinischen Form. Er machte denFernseher an: Krimis. Wohin man zappte, die bekanntenGesichter. Schon auf den ersten Blick wute man, wer andiesem Abend der Schuft sein werde. Oder, berraschung:das seit Jahren gewohnte Gesicht des sympathischenKommissars als Fratze eines Verbrechers. Verwirrung derKlischees. Aber andauernd dieselben Schauspieler, festge-schriebene Typen mit austauschbaren Texten. Und danndiese Ratespiele. Ein blondes Dekollet versprach den

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  • Zuschauern zweihundert Euro, wenn sie anriefen undkundtaten, woraus man Tomatensuppe mache oder wie dasTier heie, das man reiten knne, schwarz ein Rappe, weiein Schimmel. Dazu Abbildungen der gefragten Gegen-stnde auf dem Bildschirm.

    Die Unruhe wollte nicht vergehen. Warum hatte Rattkenicht verstehen wollen, da Gnter Grass mit seinemKrebsgang nicht die Nazimorde gegen deutsches Un-glck aufrechnen wollte? War es denn niemals mglich,auch das ganze Bild zu sehen? Das Unheil des ErstenWeltkriegs, das Terrorregime der Nazis zunchst gegen diedeutschen Demokraten, gegen die Juden und schlielichgegen ein Europa, das sich nach Frieden sehnte? Unddann auch noch das, was er am eigenen Krper erfahrenhatte, ohne jemals selbst etwas entscheiden zu knnen; er,ein Teil der deutschen Kriegsmaschine und ihr Opferzugleich. Mute man aus dem Mosaik immer nur dieSteine einer Farbe auswhlen? Gab nicht erst das ganzeBild einen Sinn?

    Es dauerte eine Weile, bis Musbach bemerkte, da seinBlick vom Bild auf dem Einband des Katalogs nicht los-kam. Er kannte solche Fotos. Frau Sippel hatte ja recht:Wann immer er in den Unterrichtsstunden der Oberstufeauf die grausamen Kriege des Altertums zu sprechen ge-kommen war, nie hatte er versumt, die Schler ber dasVerstndnis der Geschichte hinaus auch auf die Kriegeihrer eigenen Zeit, des zwanzigsten Jahrhunderts, hinzu-weisen; auf die immer greren Rume, auf die unvern-derte Brutalitt. Auf die Bestie Mensch. Er wollte War-nung sein mit der Erfahrung seiner Generation und seinemWissen und so die Verantwortung der Generationen str-ken. Jetzt war er alt und hier. Er hatte doch nichts ver-sumt! Warum strubte sich alles in ihm, den Katalog in die

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  • Hand zu nehmen, wenn Katja ihn doch bat? Woher dieserWiderwille? Dieses Zgern? Warum sollte er heraus ausdiesem inneren Frieden mit seiner Zeit, den er sich in vie-len Jahren erarbeitet und verdient zu haben meinte?Altersfrieden.

    Doch seit die Tochter ihm den Katalog so nachdrcklichzugeschoben hatte, fhlte er ein Kramen in den Fchernseines Gedchtnisses, eine Verstrung, wie er sie seit Jah-ren nicht mehr kannte, nicht seit Hugos dreiigstemTodestag, als er den kleinen Gedenkstein auf dem Ohls-dorfer Friedhof aufstellen lie. Ohne Verwandte oderFreunde des Freundes, der da drauen in Ruland so ein-sam lag, wie Musbach hier einsam ihrer Freundschaftgedachte. Vierzig Jahre hatte er dieses Gefhl einer unvoll-endeten Geschichte nicht mehr so gesprt wie an diesemAbend heute. Gut, da Katja ihm in dieser Stimmung nichtgegenbersa. Ihr wre kaum entgangen, da der langeSatz seines Lebens noch nicht zu Ende gesprochen war.

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  • UNVERKUFLICHE LESEPROBE

    Ulla Hahn

    Unscharfe BilderRoman

    Taschenbuch, Broschur, 288 Seiten, 11,8 x 18,7 cmISBN: 978-3-328-10017-1

    Penguin

    Erscheinungstermin: Oktober 2017

    Vergessen kann man nur, was man zuvor erinnert hat. Katja Wild, Hamburger Studienrtin, glaubt auf einem Foto der Wehrmachtsausstellung ihrenVater erkannt zu haben. Sie wei, dass ihr Vater Soldat in Russland war. Inzwischen ist er82 Jahre alt und verbringt seinen Lebensabend in einer Senioren-Residenz mit Elbblick. DerOberstudienrat mit den Fchern Alte Geschichte, Griechisch und Latein galt seiner Familie,den Kollegen und Schlern als ein Humanist alten Schlages und Spezialist der Erinnerung. EinLehrer ohne Fehl und Tadel, ein vorbildlicher Vater. Nun, fast 60 Jahre nach Kriegsende, siehtKatja dieses Foto. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, um ihn nach seinen Erlebnissen im ZweitenWeltkrieg zu befragen ... Eine schmerzliche Reise in die Vergangenheit beginnt.

    http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Unscharfe-Bilder/Ulla-Hahn/Penguin/e498935.rhd

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