• 1. Hausmitteilung26. Mai 2012 Betr.: Titel, WWF, GuruW er anderen Menschen Fragen über Tod und Sterben stellt, kommt nichtumhin, für sich selbst nach Antworten zu suchen. So begannen TitelautorinRafaela von Bredow, 45, und ihre Kolleginnen und Kollegen über das eigene Daseinnachzudenken, als sie mit Sterbenden und Hinterbliebenen, Ärzten und Pflegernüber Wege zu einem würdevollen Ende sprachen. Laura Höflinger, 24, überlegte,was sie im Leben noch erleben möchte, und schrieb eine Liste der großen undkleinen Dinge. Die Reise nach Indien ist in Vorbereitung, ein weiterer Punkt bereitsabgehakt: mehr Erdbeeren essen. Anna Kistner, 30, erwog erstmals ernsthaft, dochirgendwann Kinder zu bekommen. Und Manfred Dworschak, 52, war so angetanvon der Atmosphäre eines sächsischen Hospizes, dass er sagt: „Hier will ich auchmal sterben.“ Der Inlandsauflage liegt eine DVD von SPIEGEL TV zum Thema„Nahtod – Einblicke ins Jenseits“ bei (Seite 110).D ie Empörung war groß, alssich der Ehrenpräsident desWorld Wide Fund for Nature(WWF), der spanische König JuanCarlos, 74, auf der Jagd nach Ele-fanten verletzte. Die SPIEGEL-Re-dakteure Jens Glüsing, 51, und NilsKlawitter, 45, hingegen überraschtedie Bigotterie nicht. „Die mäch- DER SPIEGELtigste Naturschutzorganisation derWelt ist als elitärer Club von In-dustriellen und Großwildjägern Klawitter, Sunarto auf Sumatragegründet worden“, sagt Klawitter,„das wirkt nach.“ Um die Arbeit des WWF zu bilanzieren, reisten die Redakteuredurch Südamerika und Indonesien. Glüsing entdeckte auf einer brasilianischenSojafarm einen Tank mit dem Herbizid Glyphosat – obwohl das Soja dort angeblichden WWF-Standards entspricht. Klawitter sprach auf Sumatra mit dem TigerforscherSunarto und mit Einheimischen, die auf einer Palmöl-Plantage eines WWF-Partnersgelebt hatten: Sie wurden vertrieben, ihre Hütten zerstört (Seite 62). Zehntausende rotgewandete Sinnsucheraus Deutschland folgten in den Sieb- zigern und Achtzigern Bhagwan Shree Rajneesh, der erst als Sex- und dann als Rolls- Royce-Guru beleumundet war. 22 Jahre nach dessen Tod ist die Bewegung „in aller Welt bemerkenswert lebendig“, beobachtete SPIE- GEL-Redakteur Carsten Holm, 57. Der Jour- DER SPIEGEL nalist begab sich auf Spurensuche in alle Welt, in die USA und nach Goa, ins indische PuneKeerti, Holm bei Neu Delhi ebenso wie ins thüringische Wurzbach. In In- dien traf er Swami Chaitanya Keerti, 63, einsteiner der engsten Vertrauten Bhagwans. Keerti berichtete vom Streit um das Erbedes Mystikers, der sich später Osho nannte. „Die Führungsclique in Pune will nurnoch Monopoly spielen und Geld machen“, sagt der Veteran, der wegen seinerKritik nicht zum Grabmal Oshos vorgelassen wird. Die Chefs des Meditationszen-trums in Pune mochten sich dazu nicht äußern – und ebensowenig erklären, warumSpendengelder in beträchtlicher Höhe verschwunden sind (Seite 40).Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 23
  • 2. In diesem HeftTitelEnde ohne Schrecken – Wege zueinem angstfreien Sterben ............................... 110DeutschlandPanorama: Merkel und Seehofer für Flexi-Quote /SPD-Unmut über Kandidaten-Troika /NRW-Innenminister fordert härteres Vorgehengegen Fußballrandalierer ................................... 15Außenpolitik: Die neue Eiszeit in dendeutsch-russischen Beziehungen ....................... 20SPD: SPIEGEL-Gespräch mit FraktionschefFrank-Walter Steinmeier über die Lehren ausdem Wahlsieg der Sozialisten in Frankreich ........ 24Linke: Oskar Lafontaine hinterlässteine Partei vor der Selbstauflösung ................... 28Bundestagswahl: Streitfall Überhangmandate –kippen die Karlsruher Verfassungsrichterdas aktuelle Wahlgesetz? .................................. 32CDU: Kritik an Merkels Kursder Modernisierung ........................................... 34Wie der gefeuerte Umweltminister NorbertRöttgen seinen tiefen Fall erlebt ....................... 35Landesbanken: Ostkommunen wurdenLafontaines Waterloo Seite 28HANNIBAL HANSCHKE / DPAvon den öffentlichen Kreditinstituten Getrieben von seiner Partnerin Sahra Wagenknecht, griff Oskarausgenommen ................................................... 36Parteien: Die merkwürdige Doppelrolle von Lafontaine in seiner Partei noch einmal nach der Macht – und verlor.Piraten-Chef Bernd Schlömer ........................... 38Er stürzt die Linke in die tiefste Krise ihrer Geschichte.Esoterik: Gut 22 Jahre nach seinem Tod lebendie Ideen des Gurus Bhagwan in deutschenKommunen und Meditationszentren fort .......... 40Missbrauch: Ein noch unveröffentlichterLandtagsbericht kritisiert die zögerlicheAufklärung an der Odenwaldschule .................. 46Hartz IV: In einem Berliner Wohnprojekt werdenalleinerziehende Mütter zu Bildungsabschlüssenund Erwerbstätigkeit angehalten ....................... 47Neue Eiszeit Seite 20Die Stimmung wird frostig sein, wenn Wladimir Putin an diesem FreitagGesellschaftnach Berlin kommt. Angela Merkel traut dem russischen Präsidenten keineSzene: Die Tricks chinesischer Panda-Züchter /Reformen zu. Die Kanzlerin will seine Gegner unterstützen.Der Münchner Sportpsychologe JürgenBeckmann über das Trauma der Bayern ........... 52Eine Meldung und ihre Geschichte – übereinen Richter, der zur Selbstjustiz greift ........... 53Der TraumfabrikantKunstmarkt: Der InternetgaleristHans Neuendorf und der Boom aufdem Bildermarkt ............................................... 54Seite 130Ortstermin: Beim 30. deutschen MännertreffenEin größenwahnsinniger Traum: mitten in der Wüste acht Fußballstadien zuist es sexy, schwach zu sein ............................... 59 bauen und drum herum eine Stadt. Albert Speer hat daraus das WM-Projektvon Katar entwickelt – ein Beispiel für arabische Herrscherarchitektur.WirtschaftTrends: Wie der Facebook-Börsengang zumFiasko werden konnte / Praktiker-Belegschaftfürchtet neuen Investor / Kindertag soll Profit im NamenSpielwarenumsätze steigern .............................. 60Naturschutz: Die dürftige Bilanzdes Rettungsriesen WWF .................................. 62Gesundheit: Wurde im KlinikumHildesheim etlichen Patienten ohne Notdie Schilddrüse zerstört? ................................... 68 des PandasGeldinstitute: Fondsmanager undSeite 62Aktionärsvertreter Hans-Christoph Hirt rechnetmit der Führung der Deutschen Bank ab .......... 70Der WWF ist die mächtigsteBücher: Thilo Sarrazin enttäuschtNaturschutzorganisation derseine krawallverwöhnte Zielgruppe .................. 72Welt. Über 500 Millionen Euro nimmt die Organisa-Medien tion pro Jahr ein. FirmenTrends: Interview mit Heidi Klumszahlen siebenstellige Euro-unterschätztem Laufstegtrainer Beträge, um mit dem Panda-Jorge Gonzalez / Die absurde BeanstandungGETTY IMAGESvon „X-Factor: Das Unfassbare“ ....................... 75Wappen für ihre Umwelt-Rundfunk: Monika Piel ist die mächtigste Frauverantwortung zu werben.der ARD – unangefochten, aber umstritten ...... 76 Doch die Bilanz der Natur-Musikfernsehen: Was man aus dem EurovisionWWF-Aktion in Genf schützer ist durchwachsen.Song Contest in Aserbaidschan lernen kann ..... 786D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 3. Merkel, HollandeAusland Panorama: Hohe Wachstumsraten in Afrika / David Cameron, der relaxte Premierminister ... 80 Währungspolitik: Wie Deutschland sich den Weg aus der Krise vorstellt ......................... 82 Griechenland: Interview mit Alexis Tsipras, Chef des Linksbündnisses Syriza, über seinen Wunsch, in der Euro-Zone zu bleiben ............... 86 USA: Obama spaltet das schwarze Amerika ...... 88 China: Der Gelbe Fluss – Kraftquelle der Supermacht ................................................. 92 Global Village: Warum eine neue Bewegung in den Niederlanden Toaster repariert .............. 98Sport Szene: Kletterer-Ansturm auf den Mount Everest / Ein 17-jähriger Mormone gilt als größtes Talent des US-Basketballs ........ 101 Euro 2012: Drei Stars von Borussia Dortmund sind die Hoffnungsträger des EM-Gastgebers Polen ...................................... 102 Der italienische Nationalspieler RiccardoMerkels Konzept für Europa Seiten 82, 86 Montolivo über die Favoritenrolle des deutschen Teams und seine Kindheitserinnerungen an Schleswig-Holstein ........................................... 106Mit einem Sechs-Punkte-Plan und Strukturreformen will die Kanzlerindie Krise bekämpfen. Der griechische Linkspopulist TsiprasWissenschaft · Technik BPA / REUTERSwünscht sich im Interview das Unmögliche: den Euro zu behalten.Prisma: Auerhahn vor dem Aussterben / Hightech-Segel für Frachtschiffe ...................... 108 Fotografie: Minikameras mit Insektenaugen revolutionieren Handys und Computer ........... 122 Medizin: Die schwierige Betreuung diabeteskranker Kinder ................................... 124 Astronomie: Jahrhundertereignis für Sternengucker – die Venus schiebt sich vorErst knipsen, dann scharf stellenSeite 122 die Sonne ......................................................... 126KulturNeuartige Lichtfeldkameras haben Linsen wie Insektenaugen. Der Clou: Szene: Der ägyptische Filmemacher YousryDie Bilder werden erst nachträglich scharf gestellt. Die Technik könnte denNasrallah über die Umbrüche in seiner Heimat /Bau schlankerer Handys ermöglichen, die sich mit Gesten steuern lassen.Manuela Reicharts Prosadebut ........................ 128 Baukunst: Albert Speer und das größenwahnsinnige WM-Projekt von Katar ...... 130 Geschichte: Ein US-Bestseller klärt über die Gründe für Wohlstand und ArmutDrei Dortmunder für PolenSeite 102 der Nationen auf .............................................. 134 Exil: SPIEGEL-Gespräch mit dem iranischen Musiker Shahin Najafi überSie sind Deutscher Meister und Pokalsieger, nun sollen dreisein Leben mit der Fatwa undLegionäre EM-Gastgeber Polen zu Ruhm und Siegen führen. Torjäger seinen Kampf für die Freiheit der Kunst .......... 136Robert Lewandowski trägt die Hauptlast.Bestseller ........................................................ 139 Essay: Warum man Dateien nicht lieben kann, Schallplatten aber sehr wohl .................. 140 Kunstkritik: Eine junge Generation arbeitet sich am Maler-Übervater Gerhard Richter ab ......... 142Die Aura des Briefe .................................................................. 8 Impressum, Leserservice ................................. 144Plattentellers Register ........................................................... 146 Personalien ...................................................... 148 Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 150Seite 140Titelbild: Foto Action PressAls im Wohnzimmer nocheine Musiktruhe stand, dieSchlagerhits und KarajansDie Mega-SchauBeethoven von teuren LPs Was bisher geschah:kamen, hatten die Men- Skandale und Rekordeschen ein Gefühl für den der Documentas 1 bisWert von Musik. Heute, 13. Außerdem im Kultur- GETTY IMAGESin Zeiten von Download SPIEGEL: die Tanz-und iPhone, hat der Kultur-oper „C(h)œurs“; kannkonsum die Aura des Kost-Bikini-Werbung män-baren verloren. Musikhörerin nerfeindlich sein? D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 2 7
  • 4. Briefe binett ein Machtwort spricht und Wirt- schaftsminister Rösler auf eine klima- „Paradoxie pur: Die Personen, freundliche Energiewende verpflichtet. Und wenn sie zweitens dafür sorgt, dass die den friedfertigen, ein- Altmaier im Kabinett und in seiner Frak- tion Gehör findet und nicht wie Röttgen fachen Bürger vertreten sollen, von den eigenen Leuten bekämpft wird. können nie so sein wieUWE NESTLE, FLENSBURG dieser, da sie es sonst nie Herr Röttgen hat dafür gesorgt, dass die CDU in NRW erheblich unter Wert ge- so weit bringen würden.“schlagen wurde. Wäre er im Amt des Um- weltministers geblieben, hätte man ihnSEBASTIAN SCHREIBER, HILPOLTSTEIN (BAYERN) bei jedem Problem in der EnergiewendeSPIEGEL-Titel 21/2012an den Pranger gestellt, immer unter Hin- weis auf seine schwache Leistung und be- wiesene Bürgerferne im NRW-Wahl-Nr. 21/2012, Ziemlich beste Feinde – Neidkampf. Er wäre ständig in der Defensive.und Niedertracht in der PolitikDa er das nicht einsah, was leider ein De- fizit an gesundem Menschenverstand of-Die Patin hat abgedrückt fenbart, blieb der Kanzlerin wohl nichts anderes übrig, als ihn zu entlassen.Ein Minister hat’s schwer! Kein Arbeits- DR. HUBERT HOFMANN, IMMENSTAADvertrag, kein Kündigungsschutz, kein Ar- (BAD.-WÜRTT.)beitsgericht. Aber: Bevor er das Amt an-tritt, weiß er das alles.Brutus hat mit dem Feuer gespielt und WOLFGANG HÖRNLEIN / PDHFRITZ GRÖGER, LANGENZERSDORF (ÖSTERREICH)sich dabei die Finger verbrannt. Sage kei- ner, er wusste nicht, was er tat, war erDas zweifellos Eindrucksvollste am doch mal Muttis Klügster.Abend nach der NRW-Wahl war, dass einGÜNTER KRUG, BERLINVerlierer das Geschehene zutreffend undangemessen kommentierte. UnerwartetUnabhängig von der Vielzahl der persön-wohltuend hob sich dies ab von den Er-Kontrahenten Merkel, Röttgen lichen Fehler sind Aufstieg und Fall desklärungen der Sieger, welche ihre allzuNorbert Röttgen die Konsequenz aus ei-oft gehörten Phrasen droschen.wohl auch dank seiner Bezüge als einfa-nem unlösbaren Dilemma: Ökologie undERNST-GUST KRÄMER, KALLETAL (NRW) cher Bundestagsabgeordneter zumindesteine um ihre konservative Identität rin-bis zur nächsten Wahl nicht auf der Stra-gende Union – das passt nicht zusammen.Paranoid, wie Kanzlerin Merkel mit Geg- ße landen. Und sicher findet sich alterna- Röttgen war der falsche Mann in einemnern verfährt: Kritik an ihr oder Gegen-tiv dazu auch noch ein ordentlich dotier-falschen Spiel. Er trug die Klappentextebewegungen zu ihrem Kurs werden übelter Posten als Lobbyist. Wer möchte da ökologischer Ideen vor und schmücktesanktioniert. Das hat eine despotischenicht gern „Opfer“ sein?!sie wuchtig aus. Heiße Luft, richtig ver-Note! Dieses Verhalten lehne ich als de- MARTIN HENNIGER, POTSDAMstanden hat er nichts.mokratische Bürgerin ab. Diese Dame ge- MICHAEL MÜLLER, DÜSSELDORFhört endlich selbst in die Machtlosigkeit Deutschlands politische „Schwarze Wit-SPD-STAATSSEKRETÄR A. D.verbannt. we“ demonstriert öffentlich Macht! Nur –GABI EICHFELD, KÖLN was wird sein, wenn alle ihre Männchen Frau Merkel hat getan, was jeder Mana-verschlungen sind? ger tun würde: Sie hat einen illoyalenIch habe größte Hochachtung davor, dassDR. UDO KÜPPERS, BREMEN und uneinsichtigen Führungsmitarbeiter,Röttgen auf förmlicher Demission bestan- der sich weder zwischen zwei Abteilun-den hat, statt sich auf das übliche verlo-Wegen der fehlenden Macht im Kabinettgen entscheiden kann noch mit Leistunggene Ritual vom „freiwilligen Rücktritt“und in der eigenen Partei war der Raus-überzeugt, entlassen. Wer seiner Chefinaus gesundheitlichen oder anderen fal-wurf Röttgens vermutlich richtig. Er und den Bürgern so wenig Wertschätzungschen Gründen einzulassen.reicht aber nicht aus. Der neue Umwelt-entgegenbringt wie Herr Röttgen, mussGÜNTER SCHUMACHER, ROETGEN (NRW)minister Altmaier wird nur dann dazu sich nicht wundern, wenn mal die Chefinbeitragen können, die Energiewende vor-entscheidet und mal der Bürger.Von Don Vito Corleone, der im Filmanzutreiben, wenn Merkel erstens im Ka- ANDREA DOBRIN, BERLINGEN (SCHWEIZ)„Der Pate II“ als Oberhaupt einer sizilia-nischen Mafiafamilie New York regiert,stammt das berühmte Zitat: „Geld ist eineWaffe. Politik ist zu wissen, wann manDiskutieren Sie im Internetabdrückt.“ Bundeskanzlerin Angela Mer-www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegelkel hat abgedrückt, als sie am Mittwochfür alle überraschend ihren Umweltminis-‣ Titel Wie kann die Gesellschaft ein würdevollester Norbert Röttgen schasste und so poli- Sterben ermöglichen?tisch erledigte.‣ Demokratie Erststimme, Zweitstimme, Überhang-ROLAND KLOSE, BAD FREDEBURG (NRW) mandat – ist das deutsche Wahlrecht zu kompliziert?Herr Röttgen wird zunächst das ihm zu-‣ SPD Wäre Sigmar Gabriel ein geeigneter Kanzlerkandidat?stehende Übergangsgeld beziehen und8 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 5. BriefeNr. 20/2012, Der Rechtsstaatzerstörte die Existenz von Harry Wörz undließ ihn dann mit den Folgen alleinKalt und herzlosDie Geschichte von Harry Wörz geht un-ter die Haut. Das Versagen der Ermittlerund Richter, das kaum Konsequenzennach sich zieht, die fortwährende Trau-matisierung des Mannes, dem offenbar –trotz allen Unrechts – nicht schnell undunbürokratisch geholfen wird, zeichnen HEIKO SPECHT / VISUMein grausames Bild vom Umgang mit derWürde von Menschen, die zu Opfernstaatlicher Instanzen wurden. ANGELA ELIS, FREIBERG (SACHSEN)Der Staat behandelt den langjährig un- Baustelle mit Dämmstoffen in Kölnschuldig inhaftierten Harry Wörz rechtkleinkrämerisch. Dabei sollte er ihm nicht zahl und Heizöl für weniger als zehnnur die Haftentschädigung auszahlen, Pfennig pro Liter. Bei einer 50-prozenti-sondern auch den gesamten beruflichengen Erhöhung der Scheibenzahl von ei-Verdienstausfall infolge der Haftzeit, die nem „Schneewittchensarg“ zu sprechenvollständigen Kosten für die Verteidigungist nur ein schlechter – allerdings fürs Kli-und die Anerkennung seiner Erkrankungma vielleicht nicht folgenloser – Witz.als Folge der Haftzeit. KURT AUBECK, REINHEIM (HESSEN) CHRISTIANE SCHMID, RETHEM (NIEDERS.) Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnä-Die Jurisdiktion in Staatsdiensten ist bei ckigkeit sich die Postulate zum Themauns kalt und herzlos, wenn es um die Op- der energetischen Altbausanierung hal-fer geht.ten. Ich habe in 20 Jahren Bau von Pas- WERNER LADWIG, LUG (RHLD.-PF.)sivhäusern und Altbausanierung mit teil- weise extremer Wärmedämmung keinen einzigen dadurch verursachten Schimmel- befall gehabt. Im Bereich Altbau ist es im Moment so, dass überwiegend Laien und Handwerker mit Halbwissen die Sa-WOLFRAM SCHEIBLE / DER SPIEGEL nierungen ausführen, was vermeintlich Geld spart. Das ist so, als ließe man einen Metzger den Blinddarm entfernen und verdammte nach Ableben des Patienten die Operation als solche.MICHAEL TRYKOWSKI, FRENSDORF (BAYERN)Justizopfer Wörz, TherapeutinSeit der strengeren Energieeinsparverord- nung 2009 ist klar, dass Neubauten eigent-Auch die Justiz ist nicht unfehlbar. Aberlich eine Lüftungsanlage benötigen, umnachdem man das Leben eines Unschul- den notwendigen Luftaustausch zu ge-digen zerstört hat, wäre es das Mindeste,währleisten. Nur scheuen sich viele Bau-dem Opfer die Rückkehr ins normale herren vor diesem Schritt, weil sie inLeben durch eine angemessene Entschä-Deutschland nicht zum Standard gehört.digung zu erleichtern. Die Haftpflicht- BENJAMIN GÜRKAN, WEITERSTADT (HESSEN)versicherung der Justiz ist letztlich derSteuerzahler, und als solcher hätte ichmit dieser Regelung kein Problem.Nr. 20/2012, Wie ein Schweizer PaarHERBERT TAUREG, HENNEF (NRW) acht Monate in der Gewalt pakistanischer Taliban überlebteNr. 20/2012, Schärfere Öko-Vorschriftenverschrecken Hausbesitzer und Mieter Willkommen zurück im Leben! Ich bin zwölf Jahre lang auf deutschenEin Metzger am Blinddarm Handelsschiffen zur See gefahren. Unsere Einsätze haben uns in manches Krisen-Als nach dem Zweiten Weltkrieg die da- gebiet geführt, das meine Kollegen undmals sogenannten Thermopanescheibenich sonst auf jeden Fall gemieden hätten.als Doppelverglasung ihren Siegeszug an- Wir waren immer wieder überrascht, mittraten, hat jedermann den Nutzen er- welcher Blauäugigkeit sich Touristen auskannt, trotz Verdoppelung der Scheiben-Wohlstandsnationen in den risikoreichs-10D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 6. MAURICE HAAS / 13 / DER SPIEGELEx-Geiseln Daniela Widmer, David Ochten Regionen der Welt bewegen. Erleb-nistrips in Westafrika und durch Drogen-gebiete in Lateinamerika kann man wahr-scheinlich nur mit Wohlstandsüberdrusserklären. Gratulieren kann man demSchweizer Paar zur gelungenen Flucht.Das Erlebte mag man keinem gönnen!DANIEL KÜPFER, RAPPERSWIL(ST. GALLEN/SCHWEIZ)Ein unfassbar ergreifender Bericht überzwei sehr starke Persönlichkeiten, diephysisch und vor allem psychisch aushal-ten mussten, was wohl eine der schlimms-ten Erfahrungen ist, die ein Mensch über-haupt machen kann. Bei der „Geburts-tagstorte“ schossen mir die Tränen in dieAugen. Daniela, David: Willkommen zu-rück im Leben!KLAUS-PETER MÜLLER, BADEN-BADENNr. 20/2012, SPIEGEL-Gespräch mit demfranzösischen Historiker Emmanuel ToddTeufel am TischPolemik, Provokationen und Neid aufden wirtschaftlich erfolgreicheren Nach-barn – viel mehr war von Herrn Todd lei-der nicht zu vernehmen. Insbesonderenichts Neues. Dazu halbgare Lösungs-ansätze wie „eine gehörige Dosis Protek-tionismus“. Und zu guter Letzt sitzt auchnoch der Teufel mit am Tisch. BENJAMIN GLAUER, HANAUDer Artikel bringt es klar und deutlichauf den Punkt. Die Wahrheit wird schnör-kellos dargestellt. SUSANNE BRETHAUER, DORTMUNDEs wäre sehr schön gewesen, wenn SieHerrn Todd nicht derart unwidersprochenüber seine weltfremde Ansicht schwa-dronieren lassen hätten. Schade!FRANK HENNEMANN, DRESDEN12D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 7. BriefeWie verbohrt muss man sein, umteten Rollenbild à la Geis folgen wollen.Deutschland als Gewinner der EU und Sie wollen Zeit für ihre Kinder haben, sieder Globalisierung wahrzunehmen? Herr wollen, dass ihre Partnerin trotz kleinerTodd müsste wissen, dass auch hierzulan-Kinder die Möglichkeit hat, am Berufsle-de die Staatsschulden steigen und guteben teilzuhaben, denn Beruf ist nicht nurJobs rarer werden. Auch unsere „Export- Karriere, sondern auch soziales Umfeld.nation“ zählt wegen des Zollabbaus zu BETTINA NOLDE, HANNOVERden Opfern des grenzenlosen Lohndum-ping-Wettbewerbs. In vielen Familien stellt sich die Frage, MANFRED JULIUS MÜLLER, FLENSBURG ob ein Partner zu Hause bleibt, gar nicht.Beide müssen arbeiten gehen, um überTodds Bemerkung, das „französische Ide- die Runden zu kommen. Es geht nichtal mit seinem universalistischen Men- darum, dass die Ehefrau die Welt retten,schenbild von der Gleichheit aller“ sei inan ihrer Professur arbeiten oder zumDeutschland nicht so tief verankert, ver- Mond fliegen möchte. Es ist auch für Män-anlasst mich dazu, ihm zu empfehlen, sich ner nicht die Frage, ob sie sich im Haus-näher mit der Geschichte des französi-halt betätigen möchten oder nicht: Wennschen Kolonialismus zu befassen. Insbe- die Dame des Hauses arbeiten geht undsondere der Krieg in Algerien ist hinsicht- sie nicht im Dreck ersticken möchten,lich dieses Menschenbilds und der darausmüssen sie halt auch mal den Putzlappenresultierenden französischen Humanitätin die Hand nehmen.sehr aufschlussreich und ernüchternd. ANKE WIRTH, HEMHOFEN (BAYERN) HUBERT KOLB, BERLINErwartungsgemäß habe ich mich beim Le-sen eines Interviews mit Norbert Geis ge-Nr. 20/2012, Streitgespräch zwischen Na-ärgert. Nicht wegen seiner konservativendine Schön (CDU) und Norbert Geis (CSU)über das Familienbild der KonservativenPutzlappen statt MondfahrtLangsam fühle ich mich diskriminiert vonMAURICE WEISS / DER SPIEGELden ehernen Verfechtern des Hausfrau-enmodells. Bin ich als Kind berufstätigerEltern arm dran? Vor dem Kindergarten-alter wurde ich von einem Kindermäd-chen und im Kindergartenalter nachmit-tags von einer Bekannten betreut. Ab derersten Klasse hatte ich einen Hausschlüs- Unionspolitiker Geis, Schönsel und bereitete mir mein Essen selbstzu. Heute bin ich sogar ein erfolgreiches Ansichten, sondern weil er keinerlei Fä-und zufriedenes Mitglied der Gesell-higkeit zur Selbstreflexion zeigt. Interes-schaft, welch ein Wunder! sant wäre die Frage gewesen, ob Geis MARTIN REUTER, MAINZ denn als voll berufstätiger Vater seinenKindern gerecht werden konnte. SchwerWenn ich Herrn Geis reden höre, bin ich erträglich finde ich auch, wenn er sichzutiefst dankbar für unsere säkularezwar das Recht abspricht, über andere zuStaatsform. urteilen, sich aber zugleich das vernich- PHILIPP FÄTH, HÖSBACH (BAYERN) tende Urteil der katholischen Kirche überHomosexuelle zu eigen macht.Bei jungen Familien geht es selten umJONAS FECHNER, KONSTANZdie großen Lebensentwürfe, sondern umDie Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mitden alltäglichen Wahnsinn der Vergabe Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-von Kita-Plätzen. Es geht auch darum, tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:dass viele Väter eben nicht einem [email protected] der SPIEGEL-RedaktionDie Stadt der Gondeln und Kanäle war jahrhundertelang mächti-ge Seerepublik, Drehscheibe des Welthandels und Metropoleder Malerei, Musik und Architektur. Abenteurer wie Marco Polound Casanova, Genies wie Monteverdi und Tizian waren hier zuHause. SPIEGEL GESCHICHTE zeichnet den erstaunlichen Aufstiegeiner malariaverseuchten Lagunensiedlung zu einer der bedeu-tendsten europäischen Großmächte nach – vom ewigen Kampfgegen das Wasser bis zum Fall der Dogenrepublik, als Venedigzum Sehnsuchtsort wurde. Das Heft ist ab Mittwoch im Handel. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 213
  • 8. PanoramaDeutschlandNORBERT MILLAUER / DAPDSeehofer, MerkelGESCHLECHTER IUnion für Flexi-Quote Angela Merkel, Kanzlerin und CDU-Vorsitzende, und der stammt von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder CSU-Vorsitzende Horst Seehofer wollen im Gesetz eine(CDU). Merkel und Seehofer wollen mit ihrer Einigung zum flexible Frauenquote für Unternehmen festschreiben. Auf einen den Unmut der Frauen in der Unionsfraktion dämpfen, diesen Schritt hätten sich die beiden in einem vertraulichendie sich gegen das von der CSU geforderte Betreuungsgeld Gespräch am Dienstagabend im Kanzleramt verständigt, heißtwenden. Zum anderen sehen sie in der Flexi-Quote ein Kom- es in Kreisen der Koalition. Die sogenannte Flexi-Quote sieht promissangebot an die FDP. Die Liberalen sind strikt gegen vor, dass Unternehmen sich selbst ein Ziel für die Förderungeine feste Quote, wie sie unter anderem Bundesarbeitsminis- von Frauen in Führungspositionen setzen. Wenn ein Unter-terin Ursula von der Leyen (CDU) fordert. Auch Seehofer nehmen dieses Ziel verfehlt, können Sanktionen – zum Bei- hat in internen Gesprächen deutlich gemacht, dass er für eine spiel Geldbußen – verhängt werden. Die Idee der Flexi-Quote feste Quote keine Mehrheit in seiner Partei sieht. GESCHLECHTER II tierten und rund 15 Prozent der Pro-ner- und Frauenanteilen nach dem fessoren in der höchsten Besoldungs-Studienabschluss öffnet und im ZugeFrau Doktor, stufe C4/W3. Die Zahlen zeigten, „dass sich die Schere zwischen Män- der weiteren wissenschaftlichen Lauf- bahn größer wird“. Zwar habe es seit Herr Professoreiner Vergleichserhebung 2006 Fort- schritte gegeben: Der Frauenanteil bei den C4/W3-Professoren lag damalsDer Wissenschaftsrat fordert eineum rund vier Prozentpunkte niedriger,Frauenquote – im Gespräch waren zu-in den Spitzenpositionen der außer-letzt 40 Prozent – in Auswahlkommis- universitären ForschungseinrichtungenBERND SETTNIK / PICTURE ALLIANCE / DPAsionen und Entscheidungsorganen vonstieg er von 7,9 auf 11,3 Prozent. ZurForschungseinrichtungen und Hoch-weiteren Steigerung dieses Anteilsschulen. Dadurch sollen mehr Wissen- empfehlen die Experten den Hoch-schaftlerinnen in Führungspositionen schulen und Instituten, bei befristetengelangen. Nach Angaben des Berater-Verträgen längere Laufzeiten einzu-gremiums stellten Frauen im Jahr 2010räumen, um Eltern mehr Sicherheit zuzwar 52 Prozent der Hochschulabsol-bieten, außerdem ausreichend vieleventen und 44 Prozent der Promovier- Kinderbetreuungsplätze einzurichtenten, aber nur 25 Prozent der Habili- Biologiestudentinnen in Potsdam und bei Arbeitszeiten flexibel zu sein.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 215
  • 9. PanoramaGRÜNE Basis bestimmtWahlkampfthemenDie Mitglieder der Grünen sollen ent-scheiden, welche Forderungen die Par-tei im Bundestagswahlkampf 2013 her-vorhebt. Nach den Plänen, die Bundes-geschäftsführerin Steffi Lemke denLandesvorständen vorstellte, wählendie Parteimitglieder bei Diskussionenin den Kreisverbänden sowie im Inter-net die zehn wichtigsten Wahlverspre-chen. Darüber bestimmen sonst die IMAGO SPORTFOTODIENSTSpitzenkandidaten und der Bundesvor-stand. Die Grünen-Führung hofft dar-auf, dass die Basis im Wahlkampf fürdie selbstgewählten Themen engagier-ter streitet. Das neue Mitmachmodellsei keineswegs eine Reaktion auf das Fan-Krawalle im Düsseldorfer Stadion beim Rückspiel gegen Hertha BSCErstarken der Piratenpartei, betont dieParteiführung.FUSSBALL Anfeuern statt feuern Nach den Ausschreitungen bei den Bun- nen. „Die Vereine müssen alle rechtlichen desliga-Relegationsspielen fordert derMöglichkeiten ausschöpfen“, sagt Jäger. nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Das Abbrennen von Bengalos mit Tempe-OLIVER KILLIG / PICTURE ALLIANCE / DPA Jäger (SPD) die Fußballvereine auf, ihreraturen von 1000 Grad sei „lebensgefähr- Geschäftsbedingungen zu ändern. Beimlich für alle Fans“ und könne eine Panik Ticketkauf sollen sich die Fans verpflich-mit unübersehbaren Folgen auslösen. Der ten, keine Pyrotechnik ins Stadion mitzu- NRW-Innenminister verlangt von den bringen. Randalierer, die im Stadion mitClubs zudem, bei ihren Kontrollen sorg- bengalischen Feuern, Rauchbomben undfältiger vorzugehen. Auf der anstehenden Böllern erwischt werden, müssten dann Innenministerkonferenz will Jäger seine mit empfindlichen Vertragsstrafen rech- Vorschläge den Kollegen vorlegen.Landesparteitag der Grünen in DresdenA M O K LÄU F E Pistolen im Elternhaus. Wie lässt sichchen Sportschützen nie an Wettkämp- so etwas verhindern?fen teil. Diesem Personenkreis sollte„Erwerb vonBrenneke: Ob die Waffen richtig ver- wahrt waren, müssen die Ermittlungen man den Besitz von scharfen Waffen verbieten und erst recht deren Aufbe-Waffen erleichtert“ergeben. Das generelle Problem ist, dass überhaupt so viele Menschen Waffen und Munition zu Hause haben. wahrung zu Hause. SPIEGEL: Klingt leicht umzusetzen. Brenneke: Das wäre eine Revolution! EsDer frühere Referats-Da haben alle Parteien mitgewirkt.heißt immer, das Waffengesetz vonleiter für Waffenrecht Vor allem für Sportschützen gab es bis2003 sei verschärft worden. Aber esA. STEIN / JOKER / DER SPIEGELim Bundesinnenministe- 2008 immer wieder Liberalisierungen wurde nur die Altersgrenze heraufge-rium, Jürgen Brenneke, statt Verschärfungen. setzt, und die Waffenschränke müssen74, über die GefahrenSPIEGEL: Welche denn? jetzt besser gesichert sein. Der Erwerbdurch SportschützenBrenneke: Jeder, der in einem Schützen- von Waffen wurde eher erleichtert.und andere Waffen- verein ist, darf praktisch beliebig viele SPIEGEL: Funktionieren die Kontrollen?besitzer in DeutschlandWaffen besitzen – und zwar nicht nurBrenneke: Für die Vollzugsbehörden solche, mit denen in seinem Verein ge-sind erst jetzt die allgemeinen Verwal-SPIEGEL: Der Vorfall in Memmingen, schossen wird. Die Logik des Gesetzes tungsvorschriften für das Waffengesetzwo ein 14-Jähriger vor seiner Schule lautet: Falls er mal bei einem anderenvon 2003 erlassen worden. Und in die-und auf einem Sportplatz mehrmalsVerein als Gast schießt, müsse er einesen Vorschriften wird der Gesetzestextschoss, erinnert an das Massaker von dort im Wettkampf zulässige Waffe extrem großzügig ausgelegt – zuguns-Winnenden: Der Vater ist im Schüt- mitbringen können. Dabei nehmen ten der Waffenbesitzer, aber zu Lastenzenverein, der Sohn besorgt sich die weit mehr als 50 Prozent der angebli- der inneren Sicherheit.16D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 10. Deutschland BUNDESPRÄSIDENTSPD Imitatoren gestoppt Aus drei mach einsAnonyme Täuscher können nichtIn der SPD wächst der Unmut gegenlänger unter www.praesidialamt.deden Plan, weiterhin auf die Troika ausden Eindruck erwecken, Bundespräsi-Parteichef Sigmar Gabriel, Bundes-dent Joachim Gauck beantworte dort tagsfraktionschef Frank-Walter Stein-Bürgeranfragen. Nach einem Hinweis meier und Ex-Finanzminister Peerdes Bundespräsidialamts löschte dieSteinbrück zu setzen. „Das Konzeptdeutsche Internetregistrierungsstelleder Troika hat sich totgelaufen“, sagtDenic die Domain. Die unbekanntender wirtschaftspolitische Sprecher derGauck-Doubles betreiben aber weiter- SPD-Fraktion im Bundestag, Garrelthin die im Ausland registrierte SeiteDuin. Er will die Kür des Kanzler-www.praesidialamt.com, auf der sie kandidaten vorziehen und diesender Denic vorwerfen, die deutschenicht erst im Januar 2013 bestimmen.Paralleladresse „wie in bester diktato-Auch sein Parlamentskollege Frankrischer Manier enteignet“ zu haben.Schwabe, Umweltexperte aus Nord-Eine weitere Internetadresse derselben rhein-Westfalen, fordert ein Ende derBetreiber, www.jgauck.de, leitet die Troika: „Es muss klar sein, dass derBenutzer direkt auf die Homepage der Parteivorsitzende das Verfahren be-Scientology Kirche Berlin. „Wir habenstimmt, das darf nicht unter drei Män-damit mit Sicherheit nichts zu tun“, nern ausgemacht werden.“ Seit demerklärte ein Sprecher der Organisation.Sieg der SPD mit ihrer Spitzenkan-Die Unbekannten hatten sich bei derdidatin Hannelore Kraft bei der Land-Denic unter einer falscher Adresse an- tagswahl in NRW mehren sich in dergemeldet: der des Bundesnachrichten- Partei die Stimmen für eine Kanzler-dienstes.kandidatur Krafts. H AU P T S TA D TBruchlandung in Brüssel?Die Verschiebung des Starts des Berli- Die Gesellschafter, die beiden Bundes-ner Großflughafens um ein Dreiviertel- länder sowie der Bund, müssen Kapitaljahr könnte der Bundesregierung Pro- nachschießen oder neue Kredite überbleme mit der Europäischen Kommis- Bürgschaften absichern. Die Parlamen-sion einbringen und die Finanzplanun-te werden vermutlich noch vor dergen der Länder Brandenburg und Ber-Sommerpause Nachtragshaushalte be-lin durcheinanderwirbeln. Da die staat-schließen und die EU-Kommission umliche Flughafengesellschaft deneine Genehmigung dafür bitten müs-Kreditrahmen von 2,4 Milliarden Euro sen. Die Brüsseler Wettbewerbswäch-nahezu ausgeschöpft hat, braucht sie ter äußerten bei einem ähnlichen Vor-bis zum neuen Starttermin im März fri- gang um den Flughafen Leipzig-Hallesches Geld. Insider schätzen die Zusatz- im September große Bedenken gegenkosten – unter anderem für Schadenser- eine nachträgliche Kapitalerhöhung.satzforderungen und den WeiterbetriebDer Fall liegt nach Angaben der Flug-der Flughäfen Tegel und Schönefeld – hafengesellschaft Leipzig beim Europäi-auf mindestens 300 Millionen Euro. schen Gerichtshof.KLAUS-DIETMAR GABBERT / DAPDFlughafen Berlin Brandenburg D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 217
  • 11. Deutschland Panorama VERKEHRQUERSCHNITTRamsauers siebter Sinn Luisenbad, SchleiBundesverkehrsminister Peter Ram-Elbe, sauer (CSU) kämpft unbeirrt darum,Kollmardass die ARD die Verkehrsratgebersen-Weser,Lütauer Seedung „Der 7. Sinn“ wieder einführt.UplewardKleinensiel„Schließlich geht es um die Verkehrssi-Freibadcherheit“, sagt Ramsauer, „ich habeDyksterhausenEms, Leerkeinerlei Verständnis, dass die ARD- Kleine Badewiese, Anstalten als öffentlich-rechtliches UnterhavelFernsehen sich einem solch plausiblen, wichtigen und populären Anliegen ver- schließen.“ Zuvor hatte die ARD-Vor- sitzende Monika Piel dem Politikereine Absage erteilt.Bebraer Die Chefredakteu-Teichere der ARD hättensich gegen eineWißmarerWiederaufnahmeentschieden, teilte CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELSeePiel in einem Briefvom 11. Mai mit.Meerhofsee Wasserqualität„Finanzielle, pro-Wasserzustand unterhalb duktionstechnischeder Mindestanforderungenund inhaltlich-kon-Schornweisach Nur Mindestanforderungenzeptionelle Überle-Kocherbade-Weiherwerden erfülltbuchtRamsauer gungen haben zukeinem Ergebnis Buchhornergeführt, das Ihrem Anliegen entspre- See chen würde“, heißt es darin. Die Rech- te für die Sendung, die von 1966 bis 2005 in der ARD ausgestrahlt worden war, liegen beim WDR. Auch Länder- verkehrsminister und die Deutsche Rheinschwimmbad, Schwörstadt Polizeigewerkschaft hatten die Wieder- belebung der dreiminütigen Kultsen- dung gefordert. Diese war oft unmittel- bar nach der Tagesschau ausgestrahlt Wasser – marsch!worden und hatte in Spitzenzeiten bis zu 20 Millionen Zuschauer erreicht. Ramsauer hatte in einem Brief Ende Wer in diesen ersten Sonnentagen des Jahres nach Abkühlung sucht, sollte an März angeboten, dass sich sein einigen Bädern in Deutschland nur die Fußspitze ins Wasser stecken. 15 derMinisterium indirekt an der Finanzie- offiziellen EU-Badestellen hierzulande haben eine geringe Wasserqualität (rot rung beteiligen würde. Er könne den markiert). 36 Badestellen schneiden kaum besser ab, sie erfüllen gerade die Wunsch in der Bevölkerung, die Sen- Mindestanforderungen der EU-Richtlinie (schwarz markiert). Insgesamt ver- dung wieder ins Programm zu nehmen, schlechterte sich die Wasserqualität an den Küsten im Vergleich zum Vorjahr.gut nachvollziehen, hatte Ramsauer Die gute Nachricht: An den übrigen 2259 untersuchten Badestellen kann man geschrieben, „da ich die Sendung laut der Studie bedenkenlos planschen.selbst kenne und deren konzeptionel- len Wert stets geschätzt habe“.POLIZEIschlägt das niedersächsische Ministe-fentlicht, bis das niedersächsischerium vor, Regeln „insbesondere inJustizministerium diese Praxis als völ-Fahndung viaBezug auf die Nutzung sozialer Netz-werke festzulegen“. Aktivitäten bei kerrechtswidrig kritisierte: Der Face- book-Server befinde sich in den USA, TwitterFacebook und anderen Netzwerkenwerden als „sinnvolle Ergänzung“ der„Informations-, Ermittlungs- und Fahn- die Polizei werde ohne völkerrecht- liche Vereinbarung auf fremdem Staatsgebiet tätig. Die hannoverscheDie Innenminister prüfen, bundeswei-dungsarbeit“ bezeichnet. Behörde erwähnt deshalb auf ihrerte Standards für den Umgang der Si- Bisher nutzen die Ermittler die Netz-Facebook-Seite die Fahndungen nurcherheitsbehörden mit Facebook, Twit- werke unterschiedlich. Die Polizei-noch und verweist auf den Internet-ter und Co. zu schaffen. In einem Ent-direktion Hannover hatte Fahndungs-auftritt der Polizei. Erst dort findenwurf für die Innenministerkonferenz aufrufe auf ihrer Facebook-Seite veröf-sich detaillierte Angaben.18D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 12. DeutschlandAU S S E N P O L I T I K Kalter FriedenIm deutsch-russischen Verhältnis zieht eine neue Eiszeit herauf. Berlin ist wie seltenzuvor auf die Zusammenarbeit mit Moskau angewiesen, doch Merkel misstraut dem wiedergewählten Präsidenten Putin. Sie will die Opposition stärken.E s sollte eine Geste der Verbundenheit werden, eine große Inszenierung:Wladimir Putin, der russischePräsident, und sein deutscherKollege Joachim Gauck beimPuzzlespiel auf dem RotenPlatz in Moskau, direkt vor denToren des Kreml. Mit handver-lesenen Gästen wollten diebeiden Staatschefs aus 1023Einzelteilen eine überdimen-sionale Kopie des Selbstbild-nisses von Albrecht Dürerzusammenfügen. Das Gemäldeist eine Ikone der europäischenKunst. Doch Putin ist die Lust aufPuzzlespiele vergangen. Erstsagte der Kreml einen Terminim Mai ab, da sollte dasdeutsch-russische Jahr eröffnetwerden. Jetzt ließ der Präsi-dent mitteilen, dass er im Juniebenfalls keine Zeit habe. Derehemalige KGB-Agent Putinwill dem FreiheitskämpferGauck, der nur Verachtung fürdas Spitzelsystem des Kommu-nismus übrig hat, keine großeBühne bieten. Die Absage des Puzzlespielsspiegelt den Stand des deutsch-russischen Verhältnisses treff-lich wider. Am kommendenFreitag reist Putin zu einem of-fiziellen Besuch nach Berlin. Es MARKUS SCHREIBER / APist die erste Reise in ein westli-ches Land, nachdem er AnfangMai zum dritten Mal als Präsi-dent ins Amt eingeführt wurde.Eigentlich sollte das eine posi-tive Botschaft sein. Tatsächlich Kanzlerin Merkel*: Wenig Hoffnung auf einen Wandel in Moskausind die Beziehungen zwischenBerlin und Moskau so schlecht wie seit kann nur über Berlin Einfluss in Europa land bleibt wegen des drohenden Schei-Jahren nicht mehr.ausüben. terns des Pipeline-Projekts Nabucco wei- Die Beziehungen zu Russland genießen Aber ausgerechnet in einer Zeit, in der ter abhängig vom russischen Gas. Putintraditionell eine Sonderstellung in der Deutsche und Russen zunehmend auf- wiederum braucht deutsche Investoren,deutschen Außenpolitik. Deutsche Regie- einander angewiesen sind, steuern beide um die Wirtschaft seines Landes zu mo-rungen sehen sich aufgrund der gemein- Länder auf eine neue Eiszeit zu. Deutsch- dernisieren.samen, leidvollen Geschichte in einerGut entwickeln sich derzeit nur dieMittlerrolle zwischen den westlichen Part- * Am 14. März im Kanzleramt vor der Ankunft des tu- Handelsbeziehungen. Die deutschen Ex-nern und Russland. Moskau wiederum nesischen Ministerpräsidenten.porte nach Russland legten im vergange-20D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 13. nen Jahr um 34 Prozent auf 27 Milliardensie ihre Ämter tauschen würden, fühlteheitsanteils des Autobauers Opel an einEuro zu, die Importe stiegen um 27 Pro- Merkel sich hintergangen. Sie musste er-russisch geführtes Konsortium vor dreizent auf 25 Milliarden Euro. Deutschlandkennen, dass Medwedew, auf den sie so Jahren. Schuld daran war nach Putinsist nach China der zweitwichtigste Han- große Hoffnungen gesetzt hatte, nur eineMeinung der Widerstand Washingtons.delspartner Russlands.Marionette Putins war.Die Europäer seien wenig mehr als „Va- Politisch sieht die Lage anders aus. DasDie Enttäuschung der Kanzlerin saß sallen“ Amerikas, sagte Putin jüngst inVerhältnis zwischen Merkel und Putin isttief, zwischen Kanzleramt und Kreml einer landesweit übertragenen Bürger-angespannt. Die Kanzlerin empfängt am herrschte erst einmal Funkstille. Die Fäl-Fragestunde.Freitag einen Gast, dem sie schon vor schungen bei der Wahl zur russischen Was Putin vom Westen hält, machte erJahren das Ende seiner politischen Kar- Duma und die Schmutzkampagnen gegen in den vergangenen Tagen deutlich: Er reis-riere gewünscht hat. Nun ist er mächtiger Oppositionelle bestätigten sie in ihrem te nicht zum G-8-Gipfel der wichtigstendenn je.Urteil über Putin.Wirtschaftsnationen nach Camp David. Merkel hatte auf Putins Vorgänger Dmi-Vor der Präsidentschaftswahl ließ sieAuch dem Nato-Gipfel in Chicago blieb ertrij Medwedew gesetzt. Ihm traute sie zu, ihm eine Botschaft übermitteln: Er solledemonstrativ fern. Das ist noch kein neuerRussland zu modernisieren. Sie hoffte,sich doch als Staatsoberhaupt eine GesteKalter Krieg, aber ein kalter Frieden.Das Treffen in Berlin wird daran nichts ändern. Es sollen keine Abkommen unterzeich- net werden, wie eigentlich bei solchen Begegnungen üblich. Zu einer Annäherung bei um- strittenen Themen wie den von Moskau geforderten Visa-Er- leichterungen wird es ebenfalls nicht kommen, weil weder Ber- lin noch Moskau Neues anzu- bieten haben.Natürlich ist man sich im Kanzleramt darüber im Klaren, dass Deutschland in wichtigen Fragen auf die Russen angewie- sen ist. Das gilt nicht nur für die Energieversorgung. Moskau wird bei den Verhandlungen über das iranische Atompro- gramm gebraucht. Auch im Sy- rien-Konflikt können die Rus- sen mit ihrem Veto-Recht die Politik des Westens blockieren.Aber Merkel ist sich inzwi- schen gar nicht mehr sicher, ob Putin ihren Argumenten zu- gänglich ist. Vor einigen Wo- chen rief sie Putin an, um ihm klarzumachen, dass Russland mit seinem Verhalten in der Syrien-Krise den eigenen In- teressen schade. Sie beschwor ihn, seine Haltung zu überden- ken. Es passierte nichts.Die Kanzlerin ist nun ent-SASHA MORDOVETS / GETTY IMAGES schlossen, Putin auf andere Wei- se unter Druck zu setzen. Sie veranlasste, dass die Führung des sogenannten Petersburger Dialogs verändert wurde. Die jährlich stattfindende Veranstal- tung war vor elf Jahren vonPräsident Putin*: Der Westen hat nicht mehr die oberste PrioritätMerkels Vorgänger Gerhard Schröder und Putin ins Lebendass er erneut als Präsident kandidierenüberlegen, die im Westen als Aufbruchs- gerufen worden, um beiden Ländern einwerde, auch wenn viele Experten das für signal gedeutet wird, eine Freilassung desForum zum gesellschaftlichen Austauschunwahrscheinlich hielten. Als Medwedewehemaligen Oligarchen Michail Chodor- zu geben. Tatsächlich hat sich der Dialogund der damalige Ministerpräsident Putinkowski zum Beispiel. Doch Putin igno- nach Meinung von Kritikern zu einer ri-im September vergangenen Jahres erklär- rierte das Ansinnen.tualisierten Konferenz entwickelt, die vonten, es sei schon lange abgesprochen, dass Der russische Präsident respektiert dieehemaligen Politikern und kremlhörigenKanzlerin zwar, aber er hält sie für zu Funktionären dominiert wird.* Am 15. Mai im Kreml bei einem Gipfeltreffen der amerikafreundlich. Als Beleg dafür giltMerkel hat im April zwei Vertraute inGUS-Staatschefs.ihm der gescheiterte Verkauf eines Mehr-der Führung des Petersburger DialogsD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 221
  • 14. Deutschlandinstalliert, die auf Veränderung in Russ- felte Machtgeste. Russland gebe sich Plan die Keimzelle für eine „Eurasischeland dringen sollen. Der stellvertretende stark, weil es in Wirklichkeit schwach sei.Union“, der sich weitere Staaten der zer-Unionsfraktionschef Andreas Schocken-Für den Kreml stellt sich die Lage ganz fallenen Sowjetunion anschließen sollen.hoff, ein Vertrauter Merkels, übernimmt anders dar. Putin und seine Berater sehen Einer Annäherung zwischen Merkel unddie wichtige Arbeitsgruppe Zivilgesell- nicht ohne Schadenfreude, dass der welt- Putin steht auch die EU im Wege. Der rus-schaft. Merkels früherer Regierungsspre- politische Einfluss des Westens schwindet.sische Präsident sieht die Gemeinschaft alscher Ulrich Wilhelm soll sich um die Zu- Sie weisen darauf hin, dass der Anteil derschwaches Gebilde, das sich durch kompli-sammenarbeit der Medien kümmern.EU-Staaten an der weltweiten Wirtschafts-zierte Entscheidungsverfahren selbst lähmt.„Wir müssen deutlich machen, dass leistung in den vergangenen 30 JahrenRussland will gute bilaterale Beziehungenwir unter Modernisierungspartnerschaft kontinuierlich gesunken ist. „Putin ist sichzu Deutschland. Die EU stört da nur.mehr verstehen als nur eine bessere Zu- sicher, dass das westliche Modell den Merkel dagegen weiß, dass Deutsch-sammenarbeit im Energiesektor“, sagt Zenit seiner weltweiten Anziehungskraft land als Führungsmacht in Europa auchSchockenhoff. Deutschland müsse den schon hinter sich hat“, sagt der Politologeauf die kleineren Staaten Rücksicht neh-Aufbruch der russischen Mittelschicht un- Nikolai Slobin.men muss. Im Baltikum oder in Polenterstützen, die mit ihren Protesten nach Dabei spielt Deutschland in Putinsherrscht aus historischen Gründen nachder Duma-Wahl öffentlich Kritik gezeigt Weltbild durchaus eine wichtige Rolle. Erwie vor Misstrauen gegenüber Moskau.habe, dass sie eine echte Modernisie- hat hier traditionell wichtige außenpoli-Das kann Merkel nicht ignorieren.rungskraft in Russland ist. tische Initiativen vorgestellt. Er beschriebNicht nur sachliche Gründe sind fürIn der Bundesregierung weiß man, 2001 vor dem Bundestag das Ziel eines den deutsch-russischen Stillstand verant-dass das ein mühsamer Prozess ist. Kurz- „einheitlichen und sicheren Europa“, in wortlich. Im Verhältnis Berlin-Moskau spielten persönliche Beziehungen immer eine große Rolle.Das gemeinsame Bad Willy Brandts mit KPdSU-Chef Leonid Breschnew im Jahr 1971 ebnete den Weg für die deut- sche Ostpolitik. Kohl verhandelte mit Gorbatschow in Strickjacke im Juli 1990 über die deutsche Einheit, das sollte ihr enges Vertrauensverhältnis symbolisieren. Die Duz-Freunde Putin und Schröder fuh- ren 2001 im Pferdeschlitten durchs ver- schneite Moskau.Merkel und Putin begegnen sich dage- gen mit kalter Geschäftsmäßigkeit. Die ostdeutsche Pastorentochter hat nicht ver- gessen, dass Putin als KGB-Offizier in der DDR eingesetzt war. Für Merkel war das Ende der Sowjetunion die Ouvertüre fürINTERNATIONAL HERALD TRIBUNE die Freiheit des Ostblocks. Putin empfand es als Schmach.Merkel stößt ab, wie Putin seine Männ- lichkeit bei der Tigerjagd oder mit nack- tem Oberkörper beim Angeln zur Schau stellt. Seine Versuche, sie einzuschüch- tern, empfand sie als Affront. Bei einemAnti-Putin-Karikatur: Die Enttäuschung saß tiefTreffen in Putins Ferienresidenz an der Schwarzmeerküste in Sotschi im Januarfristige Erfolge erwartet niemand. Dasdem die Staaten Europas und Russland 2007 ließ Putin seine schwarze Labrador-Putin-Lager wird wohl versuchen, dieihre Ressourcen vereinigen. Im Novem-Hündin Koni an der Hose des GastesOpposition als Agenten des Westens zu ber 2010 hat er vor seinem Berlin-Besuch schnüffeln. Merkel hat Angst vor Hunden,diffamieren.in einem außenpolitischen Grundsatz- seit sie als Kind einmal gebissen wurde. Die neue russische Regierung bietetartikel für eine „harmonische Wirtschafts- Putin lächelte nur.nach Ansicht der Bundesregierung weniggemeinschaft von Lissabon bis Wladi-Dabei beeindruckt ihn die Härte, mitHoffnung auf einen Wandel: Putin habe wostok“ geworben.der ihm Merkel entgegentritt. „Putineinen Konservativen wie Außenminister„Putin hat aber zur Kenntnis genom- schätzt Merkel als hochkarätige und pro-Sergej Lawrow im Amt gehalten. Einmen, dass seine Vorschläge ohne Antwortfessionelle Politikerin“, sagt WladislawHardliner wie Innenminister Raschid Nur-blieben“, sagt Kreml-Berater Wladislaw Below. „Er hält sie eindeutig für eingalijew sei durch den Moskauer Polizei- Below. „Der Westen hat für ihn heute Schwergewicht.“chef Wladimir Kolokolzew ersetzt wor- nicht mehr oberste Priorität.“Beim EU-Russland-Gipfel im Mai 2007den, dessen Truppen immer wieder bru-Mehr als sein Vorgänger Medwedewlieferten sich Merkel und Putin vor lau-tal gegen Demonstranten vorgegangen richtet Putin sein Augenmerk auf die Staa- fenden Kameras ein Wortgefecht zum The-seien.ten der ehemaligen Sowjetunion in Russ-ma Menschenrechte. Als Putin im Januar Aus deutscher Sicht hat die Führung in lands unmittelbarer Nachbarschaft. Er2009 auf dem Höhepunkt des russisch-Moskau noch immer nicht verstanden, setzte eine Zollunion mit Weißrussland ukrainischen Gasstreits in Berlin zu Gastdass Russland keine Weltmacht mehr ist, und Kasachstan durch, „einen gewaltigenwar, erteilte die Kanzlerin ihm Lektionensondern Europa als verlässlichen PartnerBinnenmarkt von 165 Millionen Men- wie eine Lehrerin einem Schuljungen. „Siebraucht. Dass Russland gegen die Rake-schen mit freiem Verkehr von Kapital und hat mit mir geschimpft“, sagte Putin spätertenabwehr der Nato zu Felde zieht, er-Arbeitskräften“, wie er schwärmte. Der halb ironisch, halb anerkennend.scheint den Deutschen als letzte verzwei- östliche Wirtschaftsclub bildet in PutinsRALF NEUKIRCH, MATTHIAS SCHEPP22D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 15. Deutschland MAURICE WEISS / DER SPIEGELOppositionsführer Steinmeier: „Wir werden in acht Monaten einen Kandidaten haben, der die SPD ins Kanzleramt führt“ SPI EGEL-GESPRÄCH„Niederlagen gehören dazu“SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, 56, über die Konsequenzen aus dem Wahlerfolg der französischen Sozialisten, seinen Kuschelkurs mit Kanzlerin AngelaMerkel und den Streit in seiner Fraktion über die richtige Linie in der SicherheitspolitikSPIEGEL: Herr Steinmeier, wer macht dieSteinmeier: Das ist Unfug. Aber ich ver-müssen das Land verlassen – und zwarbessere Oppositionspolitik gegen Angelastehe Ihre Begeisterung für Hollande, bis Ende 2014.Merkel: Sie oder Frankreichs neuer Prä-denn seine Forderungen nach einer euro- SPIEGEL: Sie wollen also mal wieder exaktsident François Hollande?päischen Wachstumsinitiative stimmendas, was die Regierung auch will.Steinmeier: François Hollande ist fran-zum Großteil mit unseren überein. Was Steinmeier: Sie wissen selbst, dass das Un-zösischer Präsident. Ich bin deutscher den Afghanistan-Abzug angeht, war meinsinn ist. Es war doch umgekehrt. Die SPDOppositionsführer. Und ich weiß, was ich Grundsatz immer: gemeinsam rein, ge-hat doch erst das Konzept für die Be-will: die Ablösung von Frau Merkel und meinsam raus. Deshalb habe ich auch endigung des Einsatzes entworfen. Mer-ihrer Regierung. Diesem Ziel sind wir in stets vor deutschen Alleingängen ge-kel und die Union haben uns drei Monateden letzten Wochen deutlich näherge- warnt.dafür beschimpft, um es anschließendkommen.SPIEGEL: Hollande sollte seine Haltungabzukupfern. Wie so vieles übrigens.SPIEGEL: Hollande piesackt Merkel, indem also noch mal überdenken? SPIEGEL: Und die Euro-Bonds? Die habener Wachstumspakete fordert, Euro-Bonds Steinmeier: Ich habe dem französischenSie früher lautstark gefordert, jetzt sindeinführen und die französischen Soldaten Staatspräsidenten keine EmpfehlungenSie still und heimlich davon abgerückt.schon bis Ende des Jahres aus Afghani- zu geben. Klar ist, dass der Afghanistan- Steinmeier: Warum schauen Sie nicht ein-stan abziehen will. Da zeigt er deutlich Einsatz zu Ende gehen muss. Auslän- fach mal in die Interviews, die Sie selbstklarere Kante als Sie. dische Streitkräfte, auch die deutschen,mit mir geführt haben? Dort können Sie24 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 16. meine Auffassung lesen, dass Euro-Bonds Steinmeier: Ich garantiere Ihnen, den Fis-von Maßnahmen mit der Bundesregie-nur dann machbar sind, wenn sie mit har- kalpakt wird es nur mit ergänzendenrung verhandeln müssen, um Europa austen Bedingungen verbunden sind und wir Wachstumselementen geben. Wenn die der Sackgasse zu führen. Das ist meineeine harmonisierte europäische Wirt- nicht kommen, wird es keine Zustimmung Art, Politik zu machen. Entscheidend ist,schafts- und Finanzpolitik haben. Im Üb- der SPD geben. Weitere Bedingungen sind, was hinten rauskommt.rigen gibt sich inzwischen ja selbst der dass die Besorgnisse der Bundesländer aus- SPIEGEL: Eine Finanztransaktionsteuer for-FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüder- geräumt werden und die Frage der parla- dert inzwischen selbst der bayerischele offen für Euro-Bonds.mentarischen Beteiligung geklärt wird.CSU-Finanzminister Markus Söder. Wer-SPIEGEL: Umso verwunderlicher, dass Sie SPIEGEL: Von Wachstum sprechen inzwi- den Sie da gerade von links überholt?bei dem Thema so zaghaft klingen. schen alle, es ist also nicht besonders mu- Steinmeier: Wir freuen uns über jeden, derSteinmeier: Das tue ich nicht. Ich weise tig, das zu fordern. Welche Bedingungendazulernt.nur darauf hin, dass erst die Bedingungen müssen zwingend erfüllt sein? SPIEGEL: Haben Sie eigentlich den Ein-geschaffen werden müssen. Dann muss Steinmeier: Ohne eine Besteuerung der Fi- druck, dass Ihre Forderungen nach einergeklärt werden, worüber wir reden. Mit nanzmärkte, ohne eine Stärkung der In- Wachstumsinitiative bei den Wählernder Überschrift Euro-Bonds können ganz vestitionskraft und ohne eine Ausweitung ankommen? Denen ist doch klar, dass imunterschiedliche Dinge gemeint sein.des Kreditvolumens der Europäischen In- Zweifel Deutschland zahlen muss.SPIEGEL: Was sollte man in der Zwischen- vestitionsbank wird die SPD den Weg derSteinmeier: Die SPD ist nicht die Linkspar-zeit tun? Bundesregierung nicht mitgehen. So wer- tei, die sich auf die Marktplätze stellt undSteinmeier: Mittelfristig bin ich dafür, dass den das im Übrigen viele europäische Re-den Menschen vormacht, Manna regnetwir uns dem Modell nähern, das der Sach- gierungen halten.vom Himmel. Ich muss den Deutschenverständigenrat vor einiger Zeit vorgelegt SPIEGEL: Genau diese Art von Junktim ha- erklären, dass es ihnen auch deshalb gut-hat. Er schlägt vor, einen Europäischen ben Sie bislang immer abgelehnt.geht, weil in Frankreich, Spanien und Ita-Schuldentilgungsfonds einzurichten, weil Steinmeier: Ich habe in meinem Leben lien Autos und Maschinen aus Deutsch-ohne einen Umgang mit Altschulden für mehr als eine schwere Verhandlung ge- land gekauft werden. Deutsche Arbeits-viele Länder kein Ausweg aus der Ver- führt. Und ich weiß: Das Junktim bindet plätze werden davon abhängen, ob es unsschuldungskrise zu organisieren ist. Zwar nur den, der es aufstellt. Mir war von An-gelingt, unsere europäische Nachbarschaftbliebe jedes Land dazu verpflichtet, seine fang an klar, dass wir ein ganzes Bündel wieder ins wirtschaftliche Gleichgewichteigenen Schulden zu tilgen. Aber zu bringen. Auf Dauer kann es unsder gemeinsame Zinssatz würdenicht gutgehen, wenn es dem Restdeutlich unter den üblichen Sätzen Europas schlechtgeht. Deshalb ha-für stark verschuldete Länder liegen.ben wir eine Verantwortung, Eu-Dadurch wäre es solchen Ländernropa aus der Krise zu führen.überhaupt erst möglich, mit der Til- SPIEGEL: Statt Geld auszugeben,gung ihrer Schulden zu beginnen. sind Sie in Deutschland einst denSPIEGEL: Sind Sie harmoniesüchtig? umgekehrten Weg gegangen. SieSteinmeier: Säße ich dann mit Ihnengelten als Erfinder der Agenda 2010,an einem Tisch? Aber im Ernst: mit deren harten Einschnitten SieWer 24 Stunden am Tag Harmonie die Sozialsysteme saniert haben.braucht, geht nicht ins politische Steinmeier: Das ist eine Legende,Geschäft.die leider immer wieder falsch wei-SPIEGEL: Dann fragen wir uns, war- tergetragen wird.um Sie die Europapolitik der Kanz- SPIEGEL: Es gab keine Einschnitte?lerin immer wieder für falsch erklä- Steinmeier: Natürlich gab es die. Undren, am Ende aber doch stets zu- keiner hat den Streit darüber besserstimmen. in Erinnerung als ich. Aber wenn inSteinmeier: Ich führe eine Opposi- der Rückschau von heute unsere Po-tion, die sich auf Regierungsverant- litik erfolgreich war, dann doch, weilwortung vorbereitet. Und es gibt wir genau diesen Dreiklang aus Ein-weder ein schwarz-gelbes noch einsparungen, Strukturreformen undrot-grünes Europa. Stattdessen Erhalt von Wachstumskräften hin-müssen wir dafür Sorge tragen, bekommen haben, um den es jetztdass Europa in seiner heutigen auch wieder geht. Neben den Ein-Form überhaupt noch besteht, schnitten haben wir damals massivwenn wir 2013 die Regierung über-investiert. Beispielsweise sind viernehmen. Also müssen wir als Op-Milliarden in den Ausbau der Ganz-position versuchen, die Fehler der tagsschulen geflossen.Bundesregierung zu korrigieren,SPIEGEL: Neulich hat die Bundestags-wo immer es geht. Deshalb fordernfraktion sich offen gegen Sie gestellt.wir, dass die europäische Sparpoli-Sie wollten, dass die Abgeordnetentik um Wachstumspolitik ergänztsich bei der Abstimmung über diewird und es endlich zu einer Be- Anti-Piraterie-Mission Atalanta ent-steuerung der Finanzmärkte halten, die Fraktion entschied sichkommt. aber für die Ablehnung. Haben SiePATRICK SINKEL / DAPDSPIEGEL: Um den Fiskalpakt und da- Ihre Mannschaft noch im Griff?mit die europäische Schuldenbrem-Steinmeier: Ich verliere nicht gern,se durch das Parlament zu bringen, weder Abstimmungen über Sach-braucht die Kanzlerin die Stimmenfragen noch Wahlen. Aber Nieder-der SPD. Lehnen Sie ab, wenn Ihrelagen gehören im politischen LebenForderungen nicht erfüllt werden? Genossin Kraft: „Verzicht auf Glanz und Glamour“ dazu. Wenn so etwas passiert, muss D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 25
  • 17. HENNING SCHACHTTroika Steinmeier, Gabriel, Steinbrück: „Fair miteinander umgehen“man eben in Zukunft darauf achten, dassim Gespräch zu halten, wirkt inzwischen Schulter und wollen ein persönlicheses die Ausnahme bleibt.ziemlich überholt. Wie soll das erst in Wort mit ihr reden. Da ist keine DistanzSPIEGEL: Was haben Sie falsch gemacht? acht Monaten sein?zu spüren, und das ist bemerkenswert.Steinmeier: Die europäischen Themen do-Steinmeier: Ich habe eher den Eindruck, SPIEGEL: Damit hat sie eine klare Mehrheitminieren die Tagesordnung. Sie nehmendass die SPD die Menschen zunehmend für Rot-Grün geholt. Davon können Sieleider die Zeit in Anspruch, die wir für interessiert. Wir sind jetzt bei der elften im Bund derzeit nur träumen. Warumdie Beratung anderer, nicht weniger wich-Landtagswahl in Folge in Regierungsver- verabschieden Sie sich nicht von der Illu-tiger Themen dringend brauchen. Wir hät- antwortung gewählt worden. Im Januarsion einer rot-grünen Neuauflage und öff-ten der Debatte über das Mandat zum Aus- in Niedersachsen machen wir das Dut-nen sich? Zur FDP zum Beispiel?landseinsatz mehr Raum geben müssen. zend voll. Im Übrigen kann ich Ihnen ver- Steinmeier: Ich glaube, Sie hinken demSPIEGEL: Und wenn es wieder passiert?sichern, dass wir in acht Monaten einen Zeitgeist etwas hinterher. Es ist doch of-Steinmeier: Das liegt doch weit hinter uns.Kandidaten haben werden, der die SPDfensichtlich, dass Merkels Zeit zu EndeGlauben Sie ernsthaft, dass ich hier inins Kanzleramt führt. Bis dahin werdengeht. Sie hat 2013 keinen Koalitions-öffentliche Drohgebärden gegen meine wir weiterhin fair miteinander umgehen. partner mehr, sie hat keine Ideen, wie esFraktion verfalle? SPIEGEL: Jetzt rufen die ersten Genossenmit dem Land weitergehen soll, und aufSPIEGEL: Bei der Abstimmung brach sich nach der nordrhein-westfälischen Wahl-der Einwechselbank ihrer Regierungs-offensichtlich der Wunsch vieler Abge- siegerin Hannelore Kraft: Sie sei die beste mannschaft sitzt auch niemand mehr. Wirordneter Bahn, klare Kante zu zeigen.Kanzlerkandidatin.brauchen in Deutschland keine RegierungSteinmeier: Daran ist kein AbgeordneterSteinmeier: Ich glaube nicht, dass diejeni- für Stillstand und Hader, sondern einean irgendeinem Tag in der Woche gehin- gen, die diese Debatte führen, HanneloreKoalition für Aufbruch und Veränderung.dert. Die Bundesregierung bietet dazuKraft einen Gefallen tun. Sie hat sich öf-Das sind ja keine einfachen Zeiten, dieauch ausreichend Gelegenheit.fentlich zu ihrer Rolle in der Politik ge-auf uns zukommen. Deshalb sind Sozial-SPIEGEL: Ihr Parteichef Sigmar Gabriel hat äußert, und ich habe den Eindruck, dasdemokraten und Grüne eine gute Per-weniger Probleme mit direkter Konfron- sollten wir ernst nehmen. Gleichwohlspektive.tation. Wäre er der bessere Oppositions- zeigt diese Diskussion, was der Union imSPIEGEL: Oskar Lafontaine hat auf den Vor-führer?Gegensatz zu uns fehlt: eine Riege vonsitz der Linkspartei verzichtet, damit ent-Steinmeier: Politik lebt doch von unter- starken Ministerpräsidenten und Persön- fällt ein wesentlicher Grund, den die SPDschiedlichen Typen. Sigmar Gabriel hat sei-lichkeiten, die in der Lage sind, Regie-immer gegen Bündnisse mit den Linkenne Aufgabe als Parteivorsitzender, die rungsverantwortung zu übernehmen. ins Feld geführt hat. Ist Rot-Rot-Grünmacht er gut. Und ich mache meine alsSPIEGEL: Was kann die SPD von Frau Kraftjetzt möglich?Fraktionsvorsitzender vielleicht auch nichtlernen? Steinmeier: Die Linkspartei spielt in unse-ganz schlecht. Gemeinsam sind wir mit derSteinmeier: Ganz viel. Hannelore Kraftren Plänen keine Rolle. Es steht doch inSPD ein gutes Stück nach vorn gekommen.verzichtet auf Glanz und Glamour, den Sternen, ob sie dem nächsten Bun-SPIEGEL: Hinzu kommt noch Peer Stein-nimmt aber die Sorgen und Nöte derdestag überhaupt angehört. Und solangebrück, der als einfacher Bundestagsabge- Menschen ernst. Wenn man mit ihr im sich die inhaltlichen Positionen nicht än-ordneter zur Troika der möglichen SPD- Wahlkampf unterwegs war, hat man ge-dern, kommen wir sowieso nicht zusam-Kanzlerkandidaten zählt. Haben Sie den spürt, dass die Leute keine Schwellen-men. Wir kämpfen für Rot-Grün.Eindruck, das Format funktioniert noch?angst hatten. Die Menschen kommen vor-SPIEGEL: Sollte die SPD jetzt mit einem de-Steinmeier: Ich verstehe ja, dass Journa-behaltlos auf sie zu, klopfen ihr auf die zidiert linken Kanzlerkandidaten antre-listen die SPD zu einer schnellen Ent- ten, um Linken-Wähler einzusammeln?scheidung drängen wollen. Aber es sind Steinmeier: Ganz bestimmt wird sich dienoch immer anderthalb Jahre bis zurSPD in Programm und Personal nicht annächsten Bundestagswahl. Es reicht,einer völlig ruinierten Linkspartei und ih-wenn wir den Kandidaten nach der nie-rem Schicksal ausrichten.dersächsischen Landtagswahl im JanuarSPIEGEL: Aber sie muss überlegen, wie sie MAURICE WEISS / DER SPIEGELküren. Das ist dann immer noch fast einenttäuschte Linken-Anhänger lockenDreivierteljahr bis zur Wahl.kann. Wäre dafür nicht Sigmar GabrielSPIEGEL: Aber die Idee hinter der Troika,am besten geeignet?die Partei durch einen Wettstreit von drei Steinmeier: Ich weiß nicht, ob Sigmar Ga-Kandidaten interessant zu machen und briel sich über diese Einschätzung von Ih- nen wirklich freut.* Mit den Redakteuren Konstantin von Hammerstein Steinmeier beim SPIEGEL-Gespräch* SPIEGEL: Herr Steinmeier, wir danken Ih-und Christoph Hickmann in Steinmeiers Büro.„Die Linkspartei spielt keine Rolle“nen für dieses Gespräch.26 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 18. Deutschland dem Osten, die der Gestürzte in einem letzten Triumph noch mit nach unten zie-LINKEhen will; eine Partei schließlich, die nach Napoleon und Lady Macbeth einem Höhenflug auf fast zwölf Prozent ziemlich am Boden liegt.Monatelang hatte Oskar Lafontaine seine Partei in Atem gehalten, in einem erbitterten Kampf um die Macht. Vorder-Mit dem Rückzug von Oskar Lafontaine endet in der Partei gründig ging es um die Entscheidung, wer ein erbitterter Machtkampf. Sinkt die Linke zur Regionalpartei ab, auf dem Parteitag am kommenden Wo- chenende in Göttingen Vorsitzender oder steigt sie zum möglichen Partner der SPD im Bund auf?wird: der ostdeutsche, realpolitisch ori- entierte Fraktionsvize Dietmar Bartsch oder doch noch einmal die Machtmaschi- ne aus dem Westen. Dahinter aber stand ein von langer Hand vorbereiteter Ver- such des Politikpaares Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, die Partei auf ihren strammen Oppositionskurs zu ver- pflichten. Für dieses Ziel arbeiteten sie mit allen Methoden, mit politischer Be- stechung, Täuschung, Drohung.Für die Partei Die Linke stellt sich nun die Existenzfrage: Spaltung und Rückfall in die Rolle als ostdeutsche Regionalpar- tei – oder eine Wiedergeburt als moder- nisierter Herausforderer und möglicher Partner für SPD und Grüne?Der Rückzug des einstigen Übervaters der Linken bringt Bewegung in die deut- sche Parteienlandschaft. Für die SPD-Spit- ze war ein Bündnis mit der Linkspartei auf Bundesebene tabu. Das lag an man- chen Programmpunkten, aber mehr noch an der Person Lafontaine. Viele Sozial- demokraten haben ihm bis heute nicht verziehen, wie er erst den SPD-Parteivor- sitz hinschmiss und dann sein eigenesCAROLINE SEIDEL / DPA Konkurrenzunternehmen aufzog.Aus dem Führungszirkel der Sozialde- mokratie war bis Ende der Woche nur Abwägendes zu hören. „Für die SPD än- dert sich erst einmal nichts, weil das keinLinken-Politiker Lafontaine*: Ein Drama, in dem es bislang nur Verlierer gibtSieg der Reformer ist“, meinte General- sekretärin Andrea Nahles. Und Fraktions-E inmal saßen sie noch zusammen, sitz neben Lafontaine in einer Doppel- chef Frank-Walter Steinmeier höhnt: am vergangenen Sonntag im Berli- spitze übernähme. Bartsch wusste, dass „Ganz bestimmt wird sich die SPD in Pro- ner Café Dressler Unter den Lin- der Saarländer diese Kröte nicht schlu- gramm und Personal nicht an einer völligden. Oskar Lafontaine hatte seinen Ver- cken würde.ruinierten Linkspartei und ihrem Schick-trauten Klaus Ernst mitgebracht, sein Ri-Aber Lafontaine machte gar kein An- sal ausrichten.“ Aber schon eine Ebenevale Dietmar Bartsch war allein gekom- gebot mehr, er ahnte schon, dass die Rea-men. Lange redeten sie ganz allgemein los aus dem Osten diesmal nicht klein bei-und ganz freundlich über Politik, fast geben würden. So blieb es bei seinerCountdown für die Linkezwei Stunden dauerte dieses Abtasten Forderung, keinen weiteren Kandidaten „Welche Partei würden Sie wählen,und Belauern: Wer gibt einen Hinweis, neben ihm für das höchste Parteiamt zu- 13 wenn am nächsten Sonntagdass er bereit ist, nachzugeben im Kampf zulassen – alles oder nichts. „Dann muss Bundestagswahl wäre?“um die Führung der Linkspartei? Wer der Parteitag entscheiden“, sagte Bartsch. 11,9zeigt einen Moment der Schwäche? 36 Stunden später, nachdem am Mon- Antwort: Die Linke; Angaben in Prozent Bartsch war zu diesem Zeitpunkt längst tag auch noch Gregor Gysi dem ehemali-entschlossen, den Kampf zu Ende zu brin- gen Sozialdemokraten die Freundschaft 10gen, so oder so. Er rechnete damit, dass aufgekündigt hatte, erklärte Lafontaine9Lafontaine ihm in diesem Gespräch beim seinen Verzicht auf den Parteivorsitz.Rotwein irgendwann anbieten würde, un- Damit endete der vorläufig letzte Akt8ter ihm Bundesgeschäftsführer zu werden. eines Dramas, wie es auf der politischen7Und er hatte sich auch eine Antwort zu- Bühne selten geboten wird und in dem Bundestags-6rechtgelegt: Geschäftsführer ja, aber nur, es bisher nur Verlierer gibt: einen gede- wahlergebniswenn er bestimmen dürfe, wer den Vor- mütigten Patriarchen, dem in seiner gro- September 2009Umfragen: Infratest dimap5 ßen Zeit alles zugetraut wurde, sogar die* Beim NRW-Wahlkampf in Düsseldorf am 9. Mai.Kanzlerschaft; die Herausforderer aus 2009 20102011201228 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 19. tiefer klang die Reaktion deutlich freund- Solange sie allein war, konnte sie sich sensgespräche auf Spitzenebene. „Daslicher. „Sowohl Herr Bartsch als auch die nie richtig gegen Bartsch und dessen För-war die Vereinbarung“, poltert Ramelowgenannten möglichen Kandidatinnen ste-derer Gysi durchsetzen. Aber jetzt hatte heute wütend vor Genossen – denn washen für einen durchaus soliden Politik- sie ihren Partner an der Seite. Nur er, La-dann folgte, empfindet er als Täuschung.stil“, urteilte der Berliner SPD-Landes-fontaine, könne Bartsch verhindern, so Andere Parteigenossen werden nochchef Michael Müller.hätten Wagenknecht und ihre Freundedeutlicher. Sie nennen Klaus Ernst und Für Lafontaine wiederholt sich mit dem auf ihn eingeredet, berichtet es der Lin-Lafontaine „Lügner“.Rückzug aus der Führung der Linken einken-Mann im Hintergrund. Schnell wurde klar, dass Lafontainepersönliches Trauma. Schon einmal, imSo begann das Spiel um die Macht, imwohl gar nicht daran dachte, sich mitHerbst 1990, ließen ihn die OstdeutschenRückblick nennt es der Thüringer Frakti- Bartsch zu einigen. Statt über eine Lö-auflaufen mit seinen Ambitionen, damals,onschef Bodo Ramelow, einer der Haupt- sung zu verhandeln, zog er sich ins Saar-als sie ihm den Griff zur Kanzlerschaft verhandlungsführer hinter den Kulissen,land zurück und ließ die Partei rätseln,verwehrten. 22 Jahre später scheiterte derMachtmensch aus dem Westen wieder anselbstbewussten Ossis. Das Waterloo desSaar-Napoleons liegt östlich der Elbe. Auch in der Linkspartei rätselten inden vergangenen Wochen viele, warumLafontaine mit 68 Jahren noch einmalbrachial an die Spitze strebte. Und wiedieser Instinktpolitiker übersehen konnte,dass der Widerstand zu groß sein würde,um mit seinen maßlosen Forderungendurchzukommen. Eine Antwort auf die-ses Rätsel bekommt man im Saarland, beieinem langjährigen, engen Mitarbeiter. Bevor der Mann Auskunft gibt, mussman mit ihm allerdings spätabends überdie Grenze nach Frankreich fahren, zu JOCHEN LÜBKE / DPA (O.); THOMAS TRUTSCHEL/PHOTOTHEK.NET (U.)tief sitzt die Angst, von Lafontaines Zu-trägern gesehen und verpetzt zu werden. „Die Antwort heißt Sahra“, sagt derVertraute. Der Saarländer selbst sei schonlange müde von der Politik, so berichtetes der Mitstreiter; seine Bemerkungen,dass er keine Lust mehr habe, seien durch-aus ernst zu nehmen. Es spricht einiges dafür, dass diese Ein-schätzung stimmt: Lafontaine hatte seinLeben nach der Trennung von EhefrauChrista Müller neu geordnet; er hatte einschönes Haus auf dem Land gekauft, Wa-genknecht hatte für ihn ihren Wohnsitzan die Saar verlegt.Spitzenkandidaten Kipping, Schwabedissen, Bartsch: „Kooperative Führung“ Weil ein Lafontaine nicht ganz auf Sta-tus und Privilegien verzichten kann, woll-eine „Schmierenkomödie“. Den Eröff-wie die „kooperative Führung“ aussehente er den Fraktionsvorsitz im Saarlandnungszug machte das Paar im vergange-könnte, von der er gesprochen hatte.behalten und liebäugelte mit einer Spit-nen Dezember, bei einem Treffen der Zu einem zweiten Treffen der Länder-zenkandidatur für die Europawahl. AberLandes- und Fraktionsvorsitzenden im fürsten im April in Düsseldorf reiste La-mehr sollte es auch nicht unbedingt sein. thüringischen Elgersburg, wo Personalfontaine nicht einmal mehr an. Die Run-„Ich habe in meinem Leben in genug Sit- und Politik für die Landtagswahlkämpfe de beschloss, zwei Emissäre an die Saarzungen gehockt“, sagte er vor Monaten und den Parteitag 2012 auf der Tagesord- zu schicken: Heinz Vietze, Chef der Rosa-am Ende einer Veranstaltung: „Wenn ichnung standen.Luxemburg-Stiftung, und den hessischenmeine Denkmäler sehen will, kann ich Gleich zu Beginn der ZusammenkunftFraktionschef Willi van Ooyen. Lafon-durch Saarbrücken spazieren.“ schlug das Bartsch-Lager vor, den nächsten taine ließ nur ausrichten: keine Personal- Doch dann erklärte Bartsch seinen An-Parteitag vorzuziehen, um die Führungs-debatte während der Wahlkämpfe. Dannspruch auf den Vorsitz. Das sei das Signalfrage vor den anstehenden Wahlen zu klä- sollte die alte PDS-Größe Hans Modrowfür das Lager um Sahra Wagenknecht ge-ren. Das leuchtete den meisten ein, aber vermitteln, einer der wenigen ehemaligenwesen, ihren Lebensgefährten zu drän- Lafontaine lehnte ab; er musste Zeit gewin-PDS-Politiker, denen Lafontaine vertraut.gen, sich dem Anführer der Ost-Realos nen. Als Bartsch-Getreue darauf die Idee Aber auch für Modrow hieß es: kein Ter-in den Weg zu stellen, so erzählt es dereiner Mitgliederbefragung ins Spiel brach- min in Saarbrücken.Vertraute. Wagenknecht ist dem ehema- ten, konterte Lafontaine mit der Anregung,Schließlich stellte der misstrauisch ge-ligen Schatzmeister und Gysi-Freund der Vorstand sollte lieber selbst einen Per- wordene Gregor Gysi seinen langjährigenschon aus PDS-Zeiten in inniger Feind-sonalkompromiss präsentieren, „eine ko-Co-Chef nach einem gemeinsamen Wahl-schaft verbunden. Während Bartsch die operative Führung unter Einbeziehung von kampfauftritt in Nordrhein-Westfalen zurLinkspartei mit der SPD zusammen in Bartsch“, wie sein Angebot lautete.Rede. Was denn nun sei, mit dem Kom-viele Regierungen bringen will, setzt Wa-Lafontaine wusste genau, dass er beipromissvorschlag und mit Bartsch? Esgenknecht auf harten Oppositionskurs. einem Basisentscheid wenig Chancen ge- wurde laut, die beiden gingen im StreitFür sie ist das Bündnisgerede Verrat. habt hätte, also verabredete man Kon-auseinander. Zu dem Zeitpunkt ahnteD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 229
  • 20. Deutschland Gysi bereits, dass sich das Spiel nicht nurnicht mehr für den Bundestag aufgestellt um Lafontaine und Bartsch drehte, son- werde. dern dass auch Sahra Wagenknecht an Auch in Thüringen versuchte Lafon- ihrem Aufstieg arbeitete – und zwar auftaine, Ostdelegierte auf seine Seite zu seine Kosten. Einen deutlichen Hinweis,ziehen. Dem Landesvorsitzenden Knut dass sie ihm seinen Platz streitig machte, Korschewsky ließ er das Angebot über- hatte es bei einer Fraktionssitzung im bringen, er könne Bundesgeschäftsführer Frühjahr gegeben. Vor einer Bundestags-werden, wenn er im Osten für Lafontaine debatte zum Euro-Rettungsschirm hatten werbe. Der thüringische Fraktionschef sich Wagenknechts Anhänger zu Wort ge- Bodo Ramelow saß gerade am Lenkrad meldet, Gysi solle seine Redezeit „mit seines Autos, als er von Lafontaines Lock- der Sahra“ teilen; traditionell sind solchemittel erfuhr; er bekam einen solchen Auftritte Chefsache. Tobsuchtsanfall, dass er fast einen UnfallNach einigem Hin und Her platzte Gysi verursacht hätte. Ramelow stellte Kor- dann der Kragen. Am Ende redete er al- schewsky zur Rede, der verkündete dann lein, Wagenknecht schwänzte die Debat- am Montagabend kleinlaut, er persönlich te. Anschließend kam sie zu ihm und er-sei nun für einen „dritten Weg“, ohne klärte, der Vorstoß sei mit ihr nicht abge-Lafontaine und Bartsch. sprochen gewesen. Aber Gysi ist zu langeEs ist gut möglich, dass dieser dritte im Geschäft, um solchen Entschuldigun- Weg jetzt Realität wird: mit einer weib- gen zu trauen. lichen Doppelspitze aus der bisherigenJe länger der Kampf um den Parteivor- Vizechefin Katja Kipping und der in sitz währte, desto klarer wurde, dass es Nordrhein-Westfalen gerade krachend ge- um weit mehr ging, als Oskar Lafontainescheiterten Spitzenkandidatin Katharina an die Spitze zu hieven. Wagenknecht und Lafontaine wollten die Not der Partei nut- zen, um ihr ihren Willen aufzuzwingen.In der Parteizentrale lief der getreue Klaus Ernst durch die Gänge und berei- tete die Mitarbeiter auf die Rückkehr des Königs vor. Bei einer Versammlung vor zwei Wochen stellte sich Ernst vor die Belegschaft und erklärte: Alle müssten wissen, hinter ihm stehe Lafontaine, und der verdächtige das gesamte Haus der Il-STEFAN BONESS / IPON loyalität. Dann sagte er, nur mit Lafon- taine erreiche die Partei noch genügend Prozente bei Wahlen. Und Prozente be- deuteten Geld. Und Geld bedeute Ar- beitsplätze: „Auch eure!“ Das verstanden alle als Drohung. „Arschloch“, schalltePolitikerpaar Lafontaine, Wagenknecht es aus der Menge zurück. „Die Antwort heißt Sahra“Von einem personellen Kompromiss- angebot war schon lange nicht mehr die Schwabedissen. Es wäre immerhin ein Rede. Emissäre übermittelten Gysi undGenerationswechsel. Bartsch vor zwei Wochen weitere Bedin-Bleibt die Frage, was aus Sahra Wagen- gungen: Wagenknecht solle noch in die- knecht wird, der Lady Macbeth der Lin- ser Legislaturperiode gleichberechtigteken. Nach dem gescheiterten Anlauf von Fraktionsvorsitzende werden, für Bartsch Lafontaine meldete Ernst für sie den An- sei allenfalls als Vizevorsitzender Platz, spruch auf den Vorsitz an, quasi als di- und auch das nur „auf Bewährung“. La-rekte Erbfolge. Die Realos wissen, sie ge- fontaine will sich dazu nicht äußern, Wa-hört zu den Figuren, die auch außerhalb genknecht nennt diese Darstellung, „einder Partei Strahlkraft besitzen, und sie mieses Spiel“ jener, die ihr und Lafontai- kann die Wut der Fundis über Bartsch ne schaden wollten ausschlachten.Nun war klar: Was Lafontaine ein „An-Wenn die Linke nicht zur Provinzpar- gebot in einer schwierigen Situation“tei absteigen will, braucht sie Leute, die nannte, bedeutete für große Teile der Par- auch außerhalb des verlässlichen Fan- tei Unterwerfung.blocks Säle füllen. Dass Lafontaine fürVom starken Widerstand überrascht,die Genossen als Gastredner weiterhin versuchte Lafontaines Lager, die Ostfrontkämpferische Vorträge halten wird, darf aufzuweichen. Den wichtigen, weil mit- als ausgeschlossen gelten. Seinen ehema- gliederstärksten Verband in Sachsen woll-ligen Büroleiter in der Parteizentrale, Ha- te es gewinnen, indem die weithin unbe-rald Schindel, ließ er am Telefon zornig kannte Bundestagsabgeordnete Sabinewissen: „Die glauben doch nicht im Ernst, Zimmermann aus Zwickau als zweitedass ich nächstes Jahr für die noch Wahl- Vorsitzende präsentiert wurde. Doch diekampf mache, wenn sie mir jetzt in denEinfach QR-CodeSachsen ließen nur kühl wissen, dass FrauArsch treten.“scannen, z. B. mit Zimmermann dann kommendes Jahr MARKUS DEGGERICH, CHRISTOPH HICKMANNder App „Sminna“ 30D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 21. Deutscher BundestagDAVID HEERDE / IMAGO STOCK&PEOPLE„willkürlichen und widersinnigen“ Ergeb- B U N D E S TA G S WA H Lnissen. Dennoch fand die Wahl 2009 nach Mehr Stimmen, weniger Sitzeden alten Regeln statt – und auch danachkonnten sich die Parteien nicht auf einegemeinsame Lösung des Problems ver-ständigen. Es ist ja auch nicht so einfach mit denVerstößt das neue deutsche Wahlrecht gegen dasBundestagswahlen: Das „personalisierteGrundgesetz? Einiges spricht dafür, dass die Verfassungsrichter Verhältniswahlrecht“ versucht, die Ergeb-nisse einer Direktwahl von Kandidatenin Karlsruhe diese Frage demnächst bejahen werden.(mit der Erststimme) in eine Verhältnis-wahl des Gesamtparlaments (mit derW as der Verfassungsrichter Micha- über die Regeln des politischen Machter-Zweitstimme) zu integrieren – und das el Gerhardt, 64, vom neuen werbs und Machtverlusts: Angela Merkels auch noch proportional verteilt auf Par- Bundestagswahlrecht hält, istschwarz-gelbe Koalition.teilisten aus 16 Bundesländern.nicht so einfach auszudrücken. Sein Vo- Dabei hätte die demokratische Etikette Wenn eine Partei in einem Bundeslandtum ist 250 Seiten lang.verlangt, die Opposition einzubeziehen –mehr per Erststimme direkt gewählte Ab- Ist das Wahlgesetz verfassungswidrig?oder Änderungen am Wahlgesetz frühes- geordnete für den Bundestag bekommt, Diese Frage soll Gerhardts geheimertens für die übernächste Wahl vorzuneh- als ihr nach ihrem Zweitstimmen-AnteilEntwurf beantworten. Das Schriftstück men. Zeit genug wäre gewesen. Bereits zustehen, entstehen Überhangmandate.ist die Grundlage für ein Urteil, das die 2008 hatte das Bundesverfassungsgericht Und deren Zahl nimmt eher noch zu, vorKarlsruher Richter in den kommenden das bis dato geltende Wahlgesetz für ver- allem, weil diejenigen Wähler, die mitWochen fällen müssen. Wenn es schlechtfassungswidrig erklärt. Die Überhang- der Zweitstimme FDP, Grüne, Linke oderläuft, entzieht das Bundesverfassungsge-mandate, so urteilten damals die Richter, Piraten wählen, mit der Erststimme fürricht der Bundestagswahl 2013 die Rechts- führten unter bestimmten Umständen zu eine der großen Parteien, CDU oder SPD,grundlage, Deutschland stünde im Wahl-jahr ohne gültiges Wahlgesetz da. Erst im vergangenen Herbst hatte derBundestag das neue Wahlrecht verab-Tücken des Wahlrechtsschiedet. Schwarz-Gelb hatte es – am Die Zweitstimme entscheidet bei der Bundestagswahl darüber, inEnde unter Zeitdruck – zusammenge- welchem Verhältnis die Parteien insgesamt Bundestagssitze bekommen.schustert. Politiker, Juristen und Wahlma- Davon unabhängig werden mit der Erststimme Wahlkreiskandidatenthematiker halten es für so schlecht kon-direkt gewählt.struiert, dass es sich bis zur kommendenWahl kaum reparieren ließe. „Wahlrecht-Sonderfall 1: ÜberhangmandateSonderfall 2: Negatives Stimmgewichtlicher Unfug“ sei das Gesetz, schimpft Erststimme: Eine Partei gewinnt in einem Mit einigen Zweitstimmen mehr wären derder Berliner Staatsrechtsprofessor HansBundesland in 45 Wahlkreisen. Die Direkt-Partei in diesem Bundesland 41 AbgeordneteMeyer, „greuliches Flickwerk“, fügt derkandidaten ziehen sicher in den Bundestag ein. zugeteilt worden, in einem anderen Bundes-Friedrichshafener Politologe und Wahl- Zweitstimme: Aufgrund eines schwächerenland bekäme sie dafür ein Mandat weniger.experte Joachim Behnke hinzu.Zweitstimmenergebnisses dürfte die Partei in Am 5. Juni wird das Bundesverfas- diesem Bundesland aber eigentlich nursungsgericht über die Klagen gegen das 40 Abgeordnete entsenden.ErgebnisDie Partei hätte in die-Gesetz verhandeln, die SPD und Grüne, sem Bundesland weiteraber auch Tausende Bürger erhoben 45 Mandate, aber nurhaben. Ergebnis noch vier Überhang- Das umstrittene Wahlrecht ist das kom-Die Partei gewinnt fünfmandate. Durch denplizierteste, das es je gab. Einen undemo- Überhangmandate. Wegfall eines Mandatskratischen Hautgout hat es obendrein:Damit ziehen fünf 45 Mandate in einem anderen Bun-Wohl erstmals in der Geschichte der bun- Abgeordnete zusätzlich desland hätte die Partei für die Partei in denjedoch insgesamt eindesdeutschen Demokratie entschieden al- 45 Mandate Bundestag ein. Mandat weniger.lein die, die gegenwärtig die Macht haben,32 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 22. DeutschlandTreppe nach unten 795 316 ZweitstimmenRechenbeispiel zum negativen StimmgewichtWahlergebnisse 2005, ermittelt nach neuem Wahlrecht 1781782005 bekam die CDU in Sachsen 795 316 Zweitstimmen.CDU-MandateBundesweit wäre die Partei nach neuem Wahlrecht damitim Bundestagauf 177 Mandate gekommen. Das Paradoxe: Wären 5000177177CDU- Wähler in Sachsen zu Hause geblieben, hätte dieCDU ein Mandat mehr gehabt – dies ist ein negativesStimmgewicht. Ab rund 970000 Zweitstimmen in Sachsenhätte die CDU dagegen einen Sitz verloren; erst ab1761,07 Millionen Zweitstimmen wäre die Zahl ihrer Berechnungen: Ulrich Wiesner, www.ulrichwiesner.deBundestagsmandate – durch Listenplätze in Sachsen –wieder angestiegen.600700800900 1000 1100 1200 Zweitstimmen der CDU in Sachsen in tausendstimmen, damit die Erststimme nicht annun auch, zusammen mit der Initiative tag eingezogen, wenn dieser Platz in dereinen aussichtslosen Kandidaten geht. „Mehr Demokratie“, die Verfassungsbe- Länderverrechnung nicht den Bremer Ge- Lange hat das Bundesverfassungs- schwerde gegen das neue Gesetz an. Ei-nossen zugeschlagen worden wäre. Dort,gericht Überhangmandate als unvermeid-nem von ihnen, dem Physiker Martinin der roten Hochburg, nutzte der SPDliches Übel akzeptiert – aber nur unter Fehndrich, waren schon bei der Wahl der Sitz aber nichts, sie war mit Direkt-der Bedingung, dass der mögliche Mehr-1994 die vielen Überhangmandate aufge-mandaten überversorgt. Hätten die Sozi-Wert mancher Wählerstimmen nicht zu fallen, er rechnete nach, „wie das allesaldemokraten 600 Stimmen weniger inmassiv werde. Als sich 2005 bei einer funktioniert“, und stieß auf den negati-Bremen bekommen, hätte Berg sein Man-Nachwahl in Dresden zeigte, dass eine ven Effekt von Stimmengewinnen. dat gewonnen, in Bremen wäre ein Über-Partei als Folge der Überhangmandate so- Auf einem Schaubild, entwickelt vonhangmandat entstanden – und kein Sitzgar Sitze im Bundestag verlieren kann,einem Mitstreiter Fehndrichs, kann manverlorengegangen.wenn sie mehr Stimmen bekommt, gaberkennen, wie der Mechanismus auch imNormalerweise sind solche inversen Ef-es kein Vertun mehr. Eine Änderung desneuen Wahlrecht noch wirkt. „Norma- fekte im Wahlergebnis versteckt und las-Wahlgesetzes, das solche Negativeffekte lerweise“, so Fehndrich, „müsste es für sen sich nur im Nachhinein herauslesen.erlaubte, war unvermeidlich.weniger Stimmen weniger Sitze geben – In Dresden zeigte sich bei der Bundes- Vor allem die Union fahndete jedochhier ist es aber umgekehrt“ (siehe Grafik tagswahl 2005 der negative Stimmeffektnach einer Möglichkeit, die Überhang- oben).dagegen auf offener Bühne: als im Wahl-mandate zu erhalten, denn allein die gro-Was sich mit den Wahlergebnissen von kreis I die Abstimmung zwei Wochen spä-ßen Parteien profitieren davon. So kam2005 aus dem neuen Paragrafenwerk er- ter nachgeholt werden musste, weil eineim vergangenen Herbst ein Gesetz in die geben würde, sei „kabarettreif“, meintDirektkandidatin der NPD kurz vor demWelt, mit dem die CDU versuchte, wider- Experte Meyer, der die Bundestags-Wahltermin gestorben war.sinnige Stimmeffekte wie in Dresden fraktionen von SPD und Grünen in Da der Bundeswahlleiter die übrigenkünftig zu vermeiden – aber die liebge- Karlsruhe vertritt. „Wären 5000 CDU-Wahlergebnisse schon veröffentlicht hat-wonnenen Überhangmandate trotzdem Wähler in Sachsen der Urne fernge-te, konnten Spezialisten nachrechnen,zu behalten.blieben, hätte das der CDU im Bund einwelche Verschiebungen sich dort je nach Doch diese Lösung macht das ProblemMandat (von der Berliner Landesliste) Wahlausgang ergeben würden: Erhielteeher noch größer. Experten prophezeienmehr eingebracht. Weil das Land Berlindie CDU mehr als 41 225 Zweitstimmen,sogar noch mehr Überhangmandate – wegen des zugewanderten CDU-Mandats würde ein Listenmandat aus Nordrhein-und Mandatsverschiebungen, die mindes-insgesamt besser wegkommt, verschiebt Westfalen nach Sachsen fallen, dort abertens ebenso sinnwidrig und willkürlichsich bei den Grünen ein Mandat vongar nicht zu Buche schlagen, weil die Par-erscheinen wie der vom Verfassungsge- Bayern nach Berlin, bei den Linken einestei bereits mehrere Überhangmandatericht gerügte Effekt. von Sachsen nach Hessen, und die FDPhatte – deren Zahl hätte sich dann einfach Nicht nur die Kläger in Karlsruhe er-erhält ein zusätzliches Reststimmen-reduziert, insgesamt hätte die CDU alsoheben den Vorwurf, das neue Gesetz ver- mandat in Brandenburg. Alles wegeneinen Sitz verloren. Um das zu verhin-fälsche den Wählerwillen noch mehr und5000 zu Hause gebliebener CDU-Wählerdern, brauchte die CDU viele Erst- undführe dazu, dass Wählerstimmen unter- in Sachsen.“wenig Zweitstimmen.schiedliches Gewicht bekommen. „In Negative Stimmeffekte wird es geben,Union und Liberale stimmten dann diekeiner Weise wurde auch nur annähernd solange es Überhangmandate gibt. SieWerbung für die Nachwahl in Dresdenversucht, ein Wahlsystem zu entwerfen,seien, sagt der Augsburger Mathematiker erkennbar aufeinander ab: Die CDU pla-das einer intern kohärenten Logik ent-Friedrich Pukelsheim, der auch daskatierte „Erststimme CDU“, die Libera-spricht“, kritisiert der Politologe Behnke. Bundesverfassungsgericht berät, „ein Ab-len „Zweitstimme FDP“. Die RechnungGemessen am Verlangen des Verfassungs-fallprodukt der Überhangmandate“. Und ging auf: Die CDU bekam das Direktman-gerichts von 2008, die Sitzzuteilung fürje mehr Überhangmandate es gebe, destodat, mit 38 208 Zweitstimmen aber keinenden Bundestag „auf eine neue, normen- wahrscheinlicher sei ein verdrehtes Re- weiteren Listensitz, ein zusätzliches Über-klare und verständliche Grundlage zu stel-sultat. hangmandat entstand. Eine Einladung fürlen“, sei der Koalitionsentwurf, so Behn-Was bei Abstimmungen alles passieren Manipulationen: So lässt sich mit abge-ke, „in Bausch und Bogen gescheitert“.kann, musste der bayerische SPD-Politi- stimmtem Wählerverhalten das Wahl- Geklagt hatten damals mehrere jungeker Axel Berg schon nach altem Rechtrecht überlisten.Wissenschaftler, die seit Jahren unterbei der Bundestagswahl 2009 erfahren.Nach der Reform von Schwarz-Gelbwww.wahlrecht.de im Internet auf Män- Über die bayerische Landesliste wäre er soll künftig das Verteilungsverfahren fürgel im Wahlrecht hinweisen. Sie führenvon seinem 17. Platz noch in den Bundes-die Bundestagssitze von der Höhe der D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 233
  • 23. DeutschlandWahlbeteiligung in den Ländern abhän-gen. Das mindert negative Stimmeffekte,CDU Merkels Minusaber es eliminiert sie nicht. Und: DiesesVerfahren schafft noch mehr Probleme,als es löst. Eine solche Regelung werfe erneut den„Verdacht des Verfassungsverstoßes“ auf, Nach dem Rausschmisssagt Wahlrechtler Meyer. Das Abstellenvon Norbert Röttgen entbrennt inauf die Länder und die Wahlbeteiligungdort, so Meyer, widerspreche dem „uni- der CDU eine Kursdebatte.tarischen Charakter“ der Bundestagswahl: Bestreitet die Partei damit dasSchließlich wähle man eine „Vertretung politische Sommertheater?des Bundesvolkes“ und nicht eine Vertre-Ftung „konkurrierender Landesvölker“.ür CDU-Generalsekretär Hermann Verwirrung stiftet auch eine neu kon-Gröhe ist der typische CDU-Wählerstruierte Regelung, ein Zugeständnis an ein Produkt aus Zahlen und Statis-die FDP, sie bestimmt, dass „Reststim-tiken, der Kanzlervertraute glaubt an diemen“ einer Partei, die bei der RechnereiWeisheit von Umfragen. Daher sucht Grö-in den Ländern nicht für ein weiteres he künftige Unionswähler da, wo ihn dieMandat reichen, bundesweit zusammen-Meinungsforscher ausgemacht haben:gekratzt werden dürfen. So entstehen in links von der CDU.einem erneuten BerechnungsverfahrenFür den alten CDU-Haudegen Wolfgangabermals acht bis zehn zusätzliche Par- Bosbach ist der Unionswähler ein Menschlamentssitze, quasi Überhangmandate aus Fleisch und Blut. Er hat seinen Bun-neuer Art für Kleinparteien.destagswahlkreis im Bergischen Land Spätestens in Karlsruhe dürfte sichschon fünfmal direkt gewonnen, Bosbachzeigen, dass es nur einen sauberen Wegweiß, was seine Leute umtreibt, die über-gibt, Ungleichheiten und Negativeffekte hastete Energiewende und das Hin undendgültig zu beseitigen: die BeseitigungHer beim Betreuungsgeld. Für ihn ist diealler Überhangmandate.Stimmung der CDU-Anhänger klar: Sie Am einfachsten wäre dies zu erreichen, verstehen den Kurs der eigenen Partei Politiker Merkel, Joachim Gauck, Peter Altmaier,wenn alle überzähligen Direktmandatenicht mehr.einer Partei in einem Bundesland mit den Als sich am vergangenen Montagabend Kreis aus etwa 30 Unions-Politikern willParlamentsplätzen verrechnet würden,die CDU-Bundestagsabgeordneten aus zum Ende der Sommerpause bei einemdie von derselben Partei in einem ande- Nordrhein-Westfalen zur Analyse des De- großen Auftritt in Berlin sein Manifestren Land erobert wurden, wo sie nicht bakels bei der Landtagswahl trafen, prall- vorstellen.so viele Direktmandate erzielen konnte. ten die beiden Weltsichten aufeinander. Dabei sieht die Merkel-Strategie aufDas wollen etwa die Grünen. Gröhe zitierte Umfragen, Bosbach verwies dem Papier durchaus überzeugend aus. Doch die Union befürchtet, das könnteauf eigene Erkenntnisse: „Hermann, um „Politische Selbsteinschätzung der Stamm-den Länder-Proporz im Bundestag mini- die Stimmung unserer Leute zu erkennen, wähler“ lautet der Titel der Vorlage, ausmieren. Der CDU-Abgeordnete Günterbrauche ich keine Umfragen. Da muss ich der Gröhe bei den NRW-ParlamentariernKrings, maßgeblicher Mitautor des um- nur in die Fußgängerzone gehen.“ zitierte. Danach halten sich Wechsel-strittenen Gesetzes: „Es kann doch nicht Die Episode zeigt: Falls Angela Merkel wähler, die der CDU den Rücken kehren,sein, dass dann Parteien in einigen Län-dachte, sie könnte die aufkeimende De- für weniger konservativ als CDU-Stamm-dern gar keine eigenen Mandate in Berlinbatte über den Kurs ihrer Partei durch wähler. Ähnlich ist das Bild bei der SPD.bekommen, weil ihre Listen als Stein- den Rauswurf von Umweltminister Nor- Deren Kernklientel ordnet sich auf dembruch für die Überhang-Länder herhalten bert Röttgen stoppen, hat sie sich ge- politischen Meinungsspektrum deutlichmüssen.“täuscht. Röttgen hat als Spitzenkandidat weiter links ein als die Abwanderer. Das Die Union weiß, was sie an der alten Fehler gemacht. Doch das Problem liegt Fazit der Meinungsforscher: Wer dieOrdnung hat. Hätte die von den Grünen tiefer. Seit Merkel mit der FDP regiert, Wechselwähler in der Mitte gewinnt, ge-favorisierte Regel etwa bei der Wahl 2009 hat die CDU bei acht Landtagswahlen winnt auch das Kanzleramt.gegolten, wären Polit-Stars wie Sozialmi- verloren. „Wenn die CDU in manchenDumm nur, dass die Basis davon nichtnisterin Ursula von der Leyen oder Bun- Wahllokalen in der Studentenstadt Müns- überzeugt ist. Das CDU-Stammpublikumdestagspräsident Norbert Lammert nichtter noch nicht mal mehr zehn Prozent er- sieht nicht ein, dass die Partei sich bei derins Parlament eingezogen. reicht, dann kann das nicht nur an Nor- Laufkundschaft anbiedert. In der CDU- Am 5. Juni werden in Karlsruhe solchebert Röttgen gelegen haben“, klagt der Zentrale setzen sie deshalb auf ein be-Erwägungen nicht zählen. Auf dem SpielCDU-Parlamentarier Jens Spahn. währtes Instrument. Um den Frust dersteht nicht nur der Ruf der Unionsfrak-Viele in der Union finden inzwischen, Anhänger einzuhegen, will sich die Che-tion, sondern auch das Ansehen der deut-dass Merkel kritische Stimmen systema- fin bei einer Kreisvorsitzendenkonferenzschen Demokratie. Was passiert, wenntisch mundtot macht. „Wir müssen die Anfang Juni der Kritik der Basis stellen.das Parlament rechtzeitig vor dem Wahl- Union in ihrer ganzen Breite darstellen – Vor dem Parteitag Ende des Jahres, so dietag kein verfassungsgemäßes Wahlgesetzvom Wirtschafts- bis zum Sozialflügel“, Überlegungen, könnte dann eine Reihehinbekommt, hat Verfassungsgerichtsprä- sagt der CDU-Fraktionschef von Thürin- von Regionalkonferenzen folgen. Diesesident Andreas Voßkuhle jüngst in Berlingen, Mike Mohring. „Das gelingt aber haben einen wichtigen Vorzug: Sie sindschon mal angedeutet: Dann macht dasnicht, wenn jede von der Parteiführung ganz auf die Kanzlerin zugeschnitten. InGericht einen Vorschlag, den die Parteien abweichende Meinung gleich als Hoch- der Vergangenheit haben sie die Kritik annicht ablehnen können.verrat bestraft wird.“ Auch die Konser- Merkel verstummen lassen – wenn auch So geht es in Bananenrepubliken zu.vativen wollen Merkel einen heißen Som- nur für ein paar Wochen. THOMAS DARNSTÄDT, DIETMAR HIPP mer bereiten. Der sogenannte Berliner PETER MÜLLER34 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 24. Die kalte Kündigung ist in Röttgens Augen die Panikreak- tion einer Kanzlerin, die ihre Macht schwinden sah. Seinen Getreuen hat er inzwischen de- tailliert erzählt, wie jenes denk- würdige Gespräch am Dienstag vor zwei Wochen verlief, bei dem Merkel ihm den Stuhl vor die Tür setzte.Merkel sagte demnach, dass Röttgen nicht mehr die Kraft und die Autorität habe, die Energie- wende durchzusetzen. Röttgen erwiderte, er halte dieses Argu- ment für vorgeschoben. Er habe keine Zweifel, dass er im Ringen mit den mächtigen Ministerprä- sidenten und den Bossen der Energiewirtschaft weiterhin be- stehen könne. Trotzdem will er einen Vorschlag zur Güte ge- macht haben: Merkel solle ein paar Wochen abwarten. Wenn sich dann zeige, dass er im Amt STEFAN BONESS / IPON nichts mehr bewegen könne, wis- se er schon, was er zu tun habe.Darauf wollte sich Merkel nicht einlassen. Ihr Minister soll- te keine neue Chance bekom-Röttgen*: Abweichende Meinung gleich Hochverratmen. Röttgen sollte selbst zu- rücktreten – und zwar sofort. AlsEhrgeiz spektakulär gescheitert ist. VorRöttgen sich weigerte, war für MerkelRöttgens Racheallem aber schaden Wut und Unverständ-klar, dass sie ihn rauswerfen würde.nis über seinen Rauswurf jener Frau, als Viele unterstellen, dass Merkel Röttgenderen möglicher Nachfolger Röttgen noch für illoyales Verhalten in den vergange-vor ein paar Tagen galt: Angela Merkel. nen Jahren bestrafen wollte. Röttgen hältDer gefeuerte Umweltminister ver-Röttgen ist unentschieden, wie seine den Vorwurf für absurd. Sicherlich, alszichtet vorerst auf AngriffeZukunft aussehen soll. Nur so viel gibt einer der wenigen CDU-Männer um gegen die Kanzlerin. Er hofft dar- er Vertrauten in diesen Tagen zu erken- Merkel hatte er schon immer eine eigeneauf, dass sich die Partei mit ihm nen: Noch mag er seine politische Karrie- Meinung. Aber gilt das schon als Verrat?re nicht abschreiben. Aber er weiß, dass Und sein verkorkster Wahlkampf in solidarisiert – und Merkel abstraft. die Fortsetzung nur dann gelingen wird, NRW? Röttgen weiß, dass er Fehler ge-wenn seine große Gegnerin fällt.macht hat. Aber ihn ärgert auch, dass dieEs gibt Lichtblicke für Norbert Rött- Sein Schweigen ist im Moment seine Frage, ob er nach einer Wahlniederlagegen, auch in diesen dunklen Tagen. schärfste Waffe gegen die Kanzlerin. Bis-in Düsseldorf bliebe, die Wähler mehrAls er am vergangenen Dienstag- lang galt sie als eine Frau, die zu ihren interessierte als die Schulden der Hanne-nachmittag in den Fraktionssaal von CDU Leuten hält und nicht zu rohen Machtges-lore Kraft.und CSU kommt, ist er schnell umringt ten neigt. Nun hat sie ihren einstigen Ge- In seinen Augen haben die Medien anvon Kollegen, die ihm auf die Schulter folgsmann auf offener Bühne geköpft, das ihn, die Kanzlerhoffnung der CDU, an-klopfen. Ein Parlamentarier nach dem an- hat ihr Bild in der Partei verdüstert. Die dere Maßstäbe angelegt als an die bravenderen geht zu seinem Platz, hinten bei Sympathien im Volk sind auf Röttgens Landespolitiker in Düsseldorf. Fair fandden NRW-Abgeordneten. Erst als Frak- Seite, so empfindet er es jedenfalls. Er hat er das nicht. Und dann, schließlich, diesetionschef Volker Kauder die Sitzung mit in wenigen Tagen Tausende E-Mails er- alberne Aufregung um einen Fernsehauf-der Glocke eröffnet, endet der Reigen.halten, aber die Welle der Solidarität wür- tritt, in dem er – Ironie! – sagte, „bedau- Wenn der geschasste Umweltminister de sofort brechen, wenn er offen Racheerlicherweise“ entscheide ja der Wählerderzeit in Berlin auftritt, umgibt ihn eine nähme und die Kanzlerin angriffe. Daher über seine Zukunft. Röttgen wundert sichWoge von Sympathie. In der Bundestags- kann Röttgen seine Version des Raus- nach wie vor, dass der Clip zum Rennerfraktion herzen ihn die Kollegen, in der schmisses nicht im Interview erzählen. im Internet wurde.Landesgruppe gab es Applaus, bei der Er hofft, dass sie sich auch ohne seinWie soll es nun weitergehen? RöttgenVerabschiedung in seinem Ministerium öffentliches Zutun durchsetzt. Merkel soll ist klar, dass er nur dann eine Chance aufdrückten einige Mitarbeiter sogar ein als eine Chefin dastehen, die einen Unter-ein Comeback hat, wenn Merkel 2013 denpaar Tränchen weg.gebenen just in dem Moment stürzte, als Kampf ums Kanzleramt verliert. Im Mo- Röttgen tun diese Erlebnisse gut. Sie er ihre Hilfe am meisten brauchte. Die ment ist er entschlossen, bei der nächstensind Balsam für einen, der mit großem Deutschen mögen Merkel auch deshalb,Bundestagswahl anzutreten. Wie einer,weil sie nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt.der sich schon mit einer Rolle als Hinter-* Am vergangenen Dienstag bei der Ernennung vonWenn dieses Bild nun Kratzer erhält,bänkler abgefunden hat, wirkt er in die-Peter Altmaier zum Umweltminister im Berliner Schloss dann könnte sie das bei der nächstensen Tagen nicht.Bellevue. Wahl entscheidende Stimmen kosten.PETER MÜLLERD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 235
  • 25. Deutschland Das klinge kompliziert, sei aber ohne großes Risiko, soll der Banker gesagt ha- LANDESBANKENben, so erinnert sich ein Teilnehmer derStaat plündert Staat Runde.Nicht alles, was auf dem Bildschirm aufleuchtete, verstand Oberdorfer, aber er fühlte sich in guten Händen. Denn schließlich kam der Finanzprofi nicht von Öffentliche Kreditinstitute haben offenbar gezielt Kommunen irgendeinem Geldinstitut, sondern von ausgenommen. Sie drehten den Provinzlern riskante der Landesbank. Und deren Eigentümer waren damals der Freistaat Sachsen und Finanzprodukte an – jetzt summieren sich Millionenverluste. Sparkassen – auch die jener Stadt, in der Ralf Oberdorfer Oberbürgermeister ist.S eit der Finanzkrise hat die Öffent-Zwei Opfer des Sachsen-LB-Vertriebs,Heute ist sich der Kommunalpolitikerlichkeit ein neues Verständnis da-Leipzig und Mittweida, klagen bereits. jedoch sicher, dass er nicht in die fürsorg-von, was das Wesen einer Bank ist.Ein Dutzend weiterer Klagen ist einge- lichen Hände eines Staatsbankers geratenEine Bank hat komplizierte Produkte und reicht oder in Vorbereitung. „Es war einewar, sondern in die Fänge von Abzockern,einfache Motive. Sie schafft Papiere, de- gezielte Abzocke, den Schaden wird der die es schafften, sein einstiges Minus vonren Wert sich ableitet aus der gebündel-Steuerzahler bezahlen müssen“, sagt der600 000 Euro zu verhundertfachen – auften Ableitung von etwas, zum Beispiel Münchner Rechtsanwalt Jochen Weck, sagenhafte 61 Millionen Euro.faulen Hypothekenkrediten. Dann sucht der mehrere sächsische Kommunen ver-Oberdorfer glaubte damals, eine Artsie jemanden, der dumm genug ist, Geldtritt. Versicherung gegen steigende Zinsenfür Schrott auszugeben.Alarmiert ist inzwischen auch die Poli- abgeschlossen zu haben. Sie würde die Manche Banker der Wall Street verach-tik. Das sächsische Innenministerium, dasRisiken des hochverschuldeten Zweckver-teten die „Stupid Germans in Düssel-erst im März per Erlass den Kommunen bandes mindern, so dachte er. In Wahr-dorf“, aber ihr Geld nahmen sie. Ange-solche Geschäfte verboten hatte, rät be- heit hatte er eher eine Wette abgeschlos-stellte der Landesbanken kauften bis zumtroffenen Städten, einen Weg zu suchen,sen, ähnlich der beim Pferderennen, aufSchluss wertlose US-Hypotheken-Papie- gegen die Landesbanken zu klagen. Ger- die Entwicklung des Zinssatzes.re. Aber nun wird klar, dass die verlach- hard Schick, finanzpolitischer Sprecher Solche Produkte aus der Giftküche ver-ten Landesbanker ihrerseits noch Düm- der grünen Bundestagsfraktion, fordert kauften private Geschäftsbanken zu Hun-mere fanden, die sie überreden konnten, Aufklärung, „wie es dazu kommen konn-derten an ahnungslose Kommunalpoliti-Geld zu zahlen für Giftpapiere, die sie te, dass staatliche Banken in einer offen- ker und Mittelständler (SPIEGEL 6/2011).später in den Abgrund zogen.bar konzertierten Aktion KommunenIm vorigen März verurteilte der Bundes- Diese noch Dümmeren waren Politikerüber den Tisch gezogen haben“. gerichtshof die Deutsche Bank, ein sol-deutscher Städte und Gemeinden, die Ge-Bevor er verstand, was los war, glaubte ches Geschäft mit einem Mittelständlerschäftsführer kommunaler Unternehmen. zum Beispiel Ralf Oberdorfer, der Ober-rückabzuwickeln und den Schaden vonSie schlossen aus Unwissenheit irrwitzige bürgermeister von Plauen im Vogtland,über einer halben Million Euro zu über-Verträge ab, für deren Folgen sie balddass da ein sympathischer Banker zu ihmnehmen.nicht mehr zahlen konnten.gekommen sei, vor allem, um zu helfen.Doch wie kaum ein anderes Geldinsti- Aussagen von ehemaligen Bankern so-Der Mann von der Landesbank wirkte tut haben ausgerechnet die vom Steuer-wie Dokumente legen den Verdacht nahe,souverän und kompetent, er versprach zahler gestützten Landesbanken die Pro-dass die Düsseldorfer WestLB, die ehe-dem Bürgermeister Unterstützung. Dennfitmaximierung auf Kosten der Kommu-malige Sachsen LB und die Landesbankein Kreditgeschäft des regionalen Ab-nen perfektioniert.Baden-Württemberg (LBBW) sich ge- wasser-Zweckverbands lief aus, die Kom- Den Entschluss, mit dem Ruin ihrer ei-meinsam Städte, Zweckverbände und mune sollte 603 000 Euro an eine Bankgenen Anteilseigner zu spielen, fasstenkommunale Unternehmen in Sachsen zurzahlen.die Landesbanker schon vor der Finanz-Beute gemacht haben. Der Staat plünder-Das würde seine Bank übernehmen,krise. Denn 2005 zerstörte die Europäi-te den Staat. versprach der Teamleiter der Sachsen LBsche Kommission ihr bisheriges Geschäfts- Die Kommunen und ihre Betriebe ste-im Januar 2007. Dann klappte er seinen modell. Die Landesbanken bekamenhen wegen der Schäden aus den Giftge- Laptop auf und klickte sich durch Gra- keine Staatsgarantien mehr, Geld am Ka-schäften mit den Landesbanken mit drei- fiken und Diagramme, die Kurven wie- pitalmarkt wurde für sie deshalb teurerstelligen Millionenbeträgen im Minus. sen alle nach oben – Richtung Gewinn.und ihr altes Kerngeschäft mit Mittel- Wetten mit SchuldenSo wollten Kommunen ihre Kredite mit Derivaten absichern – ein Beispiel eines Spread-Ladder-SwapsBANK RATHAUSEine KommuneDieser Zinssatz ist ihr zu hoch.Im ersten Jahr ist oft ein niedriger Zinssatz vereinbart. In denhat einen KreditDeshalb tauscht (= swap) sieDann orientiert sich der Zinssatz an der Differenzvergangenenmit festem Zinssatz für einen bestimmten Zeitraum (= spread) zwischen kurzfristigen (z. B. 2-jährigen)Jahren habenz. B. über 20 Jahre (z. B. 7 Jahre) ihren festen, und langfristigen Zinsen (z. B. 10-jährigen). Je kleinerviele Kommunenbei einer Bank ab-langfristigen Zinssatz gegendie Differenz ist, desto mehr verliert die Kommune. ihre Wettengeschlossen.einen variablen.Es ist eine Wette mit nahezu unbegrenztem Risiko. verloren.36D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 26. standskrediten unattraktiv. Die Banken ten die Kommunen auch noch das deut-Für die Wasserwerke lief es nicht sosuchten neue Geschäftsfelder: Sie sollten lich schlechtere Blatt. „Gewinne für die gut. Aus drohenden Verlusten in Höhemöglichst risikolos sein, aber hohen Profit Banken, Verluste für die Kommunen, von sechs Millionen Euro im Jahr 2008abwerfen. money for nothing“, beschreibt ein ehe- waren vier Jahre später rund 35 Millionen Die Sachsen LB beschloss, groß in das maliger Sachsen-LB-Banker das System Euro geworden.Geschäft mit Finanzderivaten einzustei- der Geldschöpfung. Ende 2010 wollten die KWL-Managergen. Sie sollten finanziell klammen Kom-Als in den Finanzpapieren der Kom- nicht mehr die Dummen sein und klagtenmunen als Absicherung gegen steigende munen etwa ein Jahr nach Abschluss die gegen die LBBW „wegen arglistiger Täu-Zinsen angedient werden. Ausfälle droh- ersten Verluste aufliefen, war es zu spät. schung“. Laut seinen Anwälten wirft dasten nicht, der Steuerzahler würde ja haf- Die Kommunen wandten sich in ihrer Not kommunale Unternehmen der staatli-ten. Ihren Schnitt machte die Bank mit an die Banken – und wurden ein zweites chen Bank vor, über Risiken des „hoch-den gewaltigen Gebühren, die bei solchen Mal ausgenommen. Im Februar 2008 war spekulativen Derivats“ nicht umfassendGeschäften anfielen.der Landesbanker aus Sachsen wieder informiert zu haben. Außerdem habe die Doch die Produkte, die Bank ihre eigene Margedas Sachsen-LB-Team dannverschwiegen. Seit Aprilals „Gelegenheit zur Opti-beschäftigen sich die Rich-mierung“ oder „Sicherungs-ter des Landgerichts Stutt-schutz ohne Prämie“ an- gart mit dem Geschäft.pries, stammten eigentlich Noch übler wurde demvon der DüsseldorferBürgermeister OberdorferWestLB. Für das neue Ge-aus Plauen mitgespielt. Wieschäftsfeld fehlte der Sach-in Leipzig hatte das Banker-sen LB sowohl das techni- team auch dort die Zins-sche als auch das finanz- wetten umstrukturiert. Stattmathematische Know-how. den Plauenern zu helfen,Um trotzdem bei den hoch- wurde die Schlinge umprofitablen Zinswetten mit- ihren Hals weiter zuge-verdienen zu können, hattezogen.die Sachsen LB im Mai 2006 Das legt zumindest ein fi-mit der WestLB in einer nanzmathematisches Gut-„White-Label-Kooperation“ achten einer Beraterfirmavereinbart, den Vertrieb deraus Cambridge nahe. DieWestLB-Produkte in Sach-britischen Experten für Fi-sen zu übernehmen.nanzkonstrukte kommen Das Geschäft funktionier-zu dem Schluss, dass mit je-te so: Die WestLB decktedem Umbau des Swaps dersich am Kapitalmarkt mitProfit für die Bank gestie-Zinswetten ein, bastelte dar- gen und das Verlustrisikoaus ein hochkomplexes für den Zweckverband ge-Produkt und vergab es zuwachsen sei – und zwarschlechteren Bedingungenexponentiell. Im schlimms-an die Sachsen LB. Die Leip-ten Falle könne der Verlustziger wiederum verkauften in Plauen astronomischees, satten Aufschlag inklusi- 600 Millionen Euro betra-ve, an hochverschuldete gen. Gewinne und VerlusteStädte, Kreise und kommu- seien von Anfang an „grobnale Unternehmen. Den unfair“ verteilt gewesen, LBBWKämmerern und Geschäfts-schreiben die Gutachter.führern machten sie weis, Zentrale der Landesbank in Stuttgart: „Arglistige Täuschung“Das Geschäft im Jahre 2007mit dem Hexenwerk ihreund seine Restrukturierun-Kredite leichter finanzieren zu können. einmal als angeblicher Retter unterwegs – gen seien „für den Kunden das Nachtei-Die ließen sich überzeugen. bei den Kommunalen Wasserwerken Leip- ligste“, was sie „jemals an strukturierten Dabei waren die Konditionen mitunter zig (KWL). Drei Jahre zuvor war das Un- Swaps analysiert“ hätten.geradezu bizarr: Die Kommunen konnten ternehmen ein Zinsgeschäft bei der Sach- Die beteiligten Banken lehnten einesolche Verträge nicht einfach kündigen. sen LB eingegangen. In den Büchern Stellungnahme zu detaillierten Fragen ab.Sollten die Wetten jedoch für die Kom- stand inzwischen ein Minus von sechs Ein Sprecher der Stuttgarter LBBW wiesmune gut laufen, konnte die Bank den Millionen Euro. Damit diese nicht fällig lediglich darauf hin, dass die Bank mitVertrag einseitig beenden oder für sich wurden, schlugen die Banker eine neue den „betroffenen Kommunen, Zweckver-das Risiko begrenzen. Zinswette vor – einen „Wandelmemory bänden und kommunalen Unternehmen Die Produkte waren von Beginn an so Swap“. Das KWL-Management unter- in Kontakt“ sei, „in der Absicht, gemein-konstruiert, dass sie für die Kommunen schrieb.sam Lösungen zu finden“. Wie die ausse-eine Rechnung mit vielen UnbekanntenNicht mehr bei der Sachsen LB, son- hen könnten, darüber hüllt sich die Bankwaren. „Es ist wie ein Pokerspiel, bei dem dern bei der Landesbank Baden-Würt- in Schweigen.eine Seite die Regeln bestimmt und alle temberg. Die LBBW hatte 2008 die Sach- Doch eines ist jetzt schon sicher: BeiKarten kennt, auch die des Gegners, das sen LB übernommen, weil die sich mit dem Modell Staat plündert Staat gibt esist die Bank“, sagt ein Insider. Und weil US-Hypotheken ruiniert hatte. Der Frei- immer noch Dümmere, die am Ende dieKosten und Gewinnmarge der Banken staat Sachsen bürgte für die Übernahme Rechnung begleichen müssen. Die Steu-von vornherein in dem „Zinsoptimie- der Landesbank durch die Stuttgarter mit erzahler.rungsprodukt“ eingerechnet waren, hat- mehr als 2,75 Milliarden Euro. HANNES VOGEL, ANDREAS WASSERMANN D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 237
  • 27. DeutschlandBeamter Schlömer, Vorgesetzter de Maizière: Einmalige Konstellation im deutschen Parteiensystem Schlömer, 41, arbeitet im Verteidigungs- PA R T E I E N ministerium als Regierungsdirektor, erDer doppelte Schlömerkümmert sich um die Aufsicht der beidenBundeswehr-Unis in Hamburg und Mün-chen. Es ist ein Verwaltungsjob, Schlömersteht fünf Hierarchiestufen unter Behör-denchef de Maizière und hat selbst keinePiraten-Chef Bernd Schlömer arbeitet hauptberuflich als ReferentMitarbeiter. Er ist verpflichtet, 41 Stunden im Verteidigungsministerium. Die Zweifachbelastung pro Woche zu arbeiten, sprich: anwesendzu sein, es gibt ein Zeiterfassungssystem. stellt ihn zeitlich und politisch vor ein unlösbares Dilemma.Zwischen 9 und 15 Uhr muss Schlömer inder Dienststelle verfügbar sein, in der Re-Als Bernd Schlömer seinen Dienst-Chef einer Partei, die in vier Landespar- gel sitzt er von 7.30 Uhr bis 17 Uhr im Büro.vorgesetzten das erste Mal persön-lamenten vertreten ist und bald in denSein Monatseinkommen liegt nach eigenenlich trifft, klirren ringsum die Glä- Bundestag einziehen dürfte. Angaben bei rund 5000 Euro netto – soser. Es ist ein Donnerstag im Mai, dieWas in anderen Parteien undenkbar viel müsste er als Parteichef verdienen,Telekom hat in Berlin zum Parlamenta- wäre, ist von den Piraten genau so gewollt. ohne Einbußen zu machen, sagt er.rischen Abend geladen. Schlömer plau- Um böse Politkarrieristen abzuschrecken, Rechtlich darf ein Beamter zwar poli-dert munter, da erscheint in der Mengebezahlt die Partei ihren Vorständen keine tisch tätig sein, aber nach dem Beamten-Thomas de Maizière, sein Minister. In die-Gehälter, sogar der Bundesvorsitzende ar- gesetz ist es einem Staatsdiener untersem Moment verdoppelt sich Berndbeitet ehrenamtlich. Doch die hehre Ideeanderem verboten, während des DienstesSchlömer. Er ist jetzt nicht nur der neue könnte dafür sorgen, dass Schlömer sein Werbung für den Eintritt in eine ParteiChef der Piratenpartei. Er ist auch Refe- schönes Amt bald wieder los ist.zu machen, politische Plaketten zu tragenrent des Verteidigungsministeriums. Denn seine Doppelrolle stellt ihn nicht und den politischen Gegner zu verun- Ob Schlömer sein Glückwunschschrei-nur vor Zeitprobleme, sondern wirft auchglimpfen. In seiner Arbeitszeit darf Schlö-ben zum Parteivorsitz bekommen habe,politische Fragen auf. Als Beamter istmer in Sachen Piraten nicht mal mailenfragt der Verteidigungsminister. Nein,Schlömer eigentlich zur politischen Zu- oder twittern, so sieht es das Ministerium.sagt Schlömer, das hänge wohl in der Pi-rückhaltung verpflichtet. Aber ein Partei-Schlömer sieht es etwas anders.ratenzentrale fest. De Maizière spricht chef muss die Gegner aufs Korn nehmen, „Twittern würde ich auch zur Dienst-Schlömers Doppelbelastung an, ein Mi- und zu denen gehören für die Piratenzeit“, sagt Schlömer. Er findet die rigidenisterialbeamter als Parteichef, das könneauch de Maizière und Kanzlerin Angela Trennung von beruflichen und anderenProbleme geben. „Passen Sie auf, dass Merkel. Tätigkeiten angesichts der ständigen Ver-Sie nicht in schwieriges Fahrwasser gera- Montagnachmittag, 17.30 Uhr. Vor derfügbarkeit des Internets nicht mehr zeit-ten“, sagt de Maizière. Schlömer nickt. Bundesgeschäftsstelle der Piratenpartei gemäß. „Die Effizienz von ArbeitszeitEr versteht die Worte des Ministers als in Berlin-Mitte knattert ein Mann mit kann man nicht daran messen, welchefreundliche Warnung.rötlichem Dreitagebart auf einer VespaWebseiten man wie lange besucht hat. Mit der Wahl Bernd Schlömers zum heran. Bernd Schlömer hat Termine als Das ist letzten Endes auch eine Sache desneuen Vorsitzenden der Piraten hat sich Parteichef, wie immer erst nach 17 Uhr, Vertrauens zwischen Arbeitgeber undeine einmalige Konstellation im deut- darauf legt er Wert. Es ist sein Versuch, Arbeitnehmer“, sagt Schlömer. Doch erschen Parteiensystem ergeben. Nie zuvor seine beiden Rollen wenigstens zeitlich weiß, dass seine Vorgesetzten die Dingein der Geschichte der Bundesrepublikzu trennen. Aber schon das wird langsam nicht so locker sehen. „Es gibt Leute imwar ein aktiver Ministeriumsbeamter schwierig.Ministerium, die darauf warten, dass ich38D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 28. Doch die Piraten stehen angesichts desnahenden Bundestagswahlkampfs unterDruck, sich inhaltlich präziser zu äußern.Beim nächsten Parteitag müsse Außen-und Sicherheitspolitik endlich auf dieAgenda, fordert die Nordpiratin und frü-here Grüne Angelika Beer. Der stellver-tretende Parteichef Sebastian Nerz findet:„Spätestens bis zum Bundestagswahl-kampf müssen wir Grundsatzpositionenzu Auslandseinsätzen, dem Nahost-Kon-flikt und Deutschlands Rolle als Bündnis-partner formuliert haben.“ Aleks Lessmann, politischer Geschäfts- HC PLAMBECK / DER SPIEGEL (L.); CHRISTIAN THIEL (R.)führer der bayerischen Piraten, beschreibtSchlömers Dilemma: „Im Fall des Fallesmüsste sich Bernd überlegen, welcheLoyalität ihm wichtiger ist: die zu seinerPartei oder die zu seinem Ministerium.“Die kleine „AG Friedenspolitik“ hat denfrüheren Panzergrenadier Schlömer vor-sorglich zu einer ihrer Sitzungen einge-laden, um seine Haltung abzuklopfen.„Ich möchte seine Meinung zu Krieg undFrieden hören“, sagt Koordinator UdoFischer, der die Einsätze im Kosovo, imIrak und in Afghanistan als „Lügenkon-Fehler mache“, sagt er. Im Moment ist strukte“ bezeichnet.Schlömer offenbar dabei, die ToleranzNach Meinung des Beamtenrechtlersseiner Chefs zu testen. Ulrich Battis ist der Interessenkonflikt „Ich kann mehrere Stufen der Eska- für Schlömer unvermeidlich – und unlös-lation durchlaufen“, sagt Schlömer. Ei- bar. „Sobald die Parteipositionen einennem Beamten, der seine Dienstpflicht ver- Bezug zu seinem Amt haben, wird esletzt, droht zunächst ein Verweis. Später schwierig für Schlömer. Er kann keinesind auch Gehaltskürzungen möglich, verteidigungspolitischen Linien gegenwas Schlömer empfindlich treffen würde. den Dienstherrn vertreten“, sagt er. „BeiWeil er zwei unterhaltsberechtigte Kinder den Piraten scheint ja vieles möglich,hat, könne er sich keine Einkommensaus- vielleicht beschließen sie sogar die Ab-fälle leisten, sagt er. schaffung der Bundeswehr. Dann ist es Politisch bewegt sich Schlömer eben- mit Schlömer natürlich sofort vorbei.“falls auf dünnem Eis. Das BeamtengesetzIn einem Fall liegt der Beamte Schlö-schreibt vor, dass Staatsdiener bei politi- mer schon jetzt mit dem Parteichef Schlö-scher Betätigung „Mäßigung und Zurück-mer über Kreuz. Das umstrittene „Natio-haltung“ zu wahren haben. Zur Rolle ei- nale Cyber-Abwehrzentrum“ (NCAZ) innes Parteichefs, der im Wettbewerb mitBonn lehnen die Piraten ab – sie haltender politischen Konkurrenz zuspitzenes für nutzlos, weil es Hackerangriffeund polarisieren muss, passt diese Vor- nicht verhindern könne. Ausgerechnetgabe schlecht.Schlömers Chef de Maizière trieb zu sei- Er sei seinem Arbeitgeber gegenüberner Zeit als Innenminister die Gründung„hundertprozentig loyal“, sagt Schlömer.des NCAZ voran. Nun ist auch das Ver-Doch was passiert, wenn die unberechen- teidigungsministerium an dem Projektbare Parteibasis etwa einen Antrag durch- beteiligt, die Bundeswehr ist mit eigenenwinkt, der Auslandseinsätze grundsätz-Experten vertreten.lich ablehnt? Diese Frage wurde Schlö- Schlömer macht keinen Hehl daraus,mer vor seiner Wahl auf dem Parteitag dass er das Abwehrzentrum für Humbugin Neumünster gestellt. „Dann würde ich hält. Bereits als Parteivize geißelte er diedas als Vorsitzender natürlich nach außen Plattform als „Feigenblatt“, Aufgabenvertreten“, sagte Schlömer diplomatisch.und Kompetenzen seien undefiniert. EsDer Referent Schlömer unterstützt alsobestehe „die Gefahr, dass Fragen der in-die Afghanistan-Mission der Bundeswehr, neren und äußeren Sicherheit vermischtder Parteichef Schlömer lehnt sie ab? Das werden“, so Schlömer.wäre praktizierte Schizophrenie. Allen Widersprüchen zum Trotz will Schlömers Glück ist, dass die PiratenSchlömer seine Doppelrolle weiterhinin der Außen- und Sicherheitspolitik bis- ausüben. „Ich sehe den möglichen In-lang kaum konkrete Positionen vertreten,teressenskonflikten gelassen entgegen“,im Parteiprogramm findet sich kein ein- sagt er. Für ihn ist die Sache simpel: So-ziger Satz dazu. Bei Fragen zu Krieg undlange es keine Beschwerden gibt, bleibtFrieden bleibt der Schwarm bislang be-er einfach im Amt.merkenswert stumm.ANNETT MEIRITZ, MERLIND THEILE D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 39
  • 29. MATTHIAS GROPPE / DER SPIEGELSpirituelle Lebensgemeinschaft Parimal Gut Hübenthal: „Erleuchtet in der Höhle, das reicht nicht“ESOTERIKIm Bann des Weißbarts Er nannte sich Bhagwan und zuletzt Osho. Er war erst der Sex-, dann der Rolls-Royce-Guru.22 Jahre nach dem Tod des Mystikers leben seine Ideen in HundertenMeditationszentren fort – und in Deutschland sogar in Kommunen. Von Carsten HolmE s gibt nicht viele Menschen, die mit und auch der Journalist geriet in den BannPoona. Er wurde Müllarbeiter und Bus- größtem Vergnügen davon erzählen,des Weißbarts mit den tiefgründigen Au- fahrer des Gurus, der sich in seinen letz- dass sie nach dem Urteil anderer ei- gen. Der Bhagwan stellte nahezu alle Reli-ten Jahren Osho nannte. Eine kleine, pri-nen richtigen Knall haben. Der früheregionen und Philosophien in Frage und plä- vate Revolution war das. Und ziemlich„Stern“-Reporter Jörg Andrees Elten ge- dierte für die bedingungslose Freiheit desverrückt.hört zu dieser seltenen Spezies. Trium- Individuums, fernab antiquierter Moralvor-Nun, 34 Jahre später, lebt Wahre Selig-phierend lächelnd erinnert er sich daran, stellungen. Der Guru schenkte seinenkeit in Mecklenburg-Vorpommern. Derwie Kollegen und Freunde ihn „von einem Adepten neue Namen. Die Frauen unter85 Jahre alte Mann, der glatt zehn JahreTag zum anderen auf alle Zeit für völligden Sannyasins heißen bis heute Ma, die jünger wirkt, hebt beschwörend seineverrückt erklärten“.Männer Swami. Dazu gibt es Beinamen Hände: „Sie wollen über Osho schreiben? Elten war 1977 ins indische Poona ge-von geradezu kosmischer Kraft. Und so Sie können nur scheitern. Man kann ei-reist, um über den Guru Bhagwan Shree wurde aus Jörg Andrees Elten der Sannya-nen Mystiker wie Osho nicht mit demRajneesh zu berichten. Zehntausende jun-sin Swami Satyananda, Wahre Seligkeit.Verstand erklären.“ger Menschen, darunter viele Deutsche, Elten war 51 Jahre alt. Er schmiss sei-Vielleicht ja doch. Denn 22 Jahre nachzählten zu dessen Jüngern, den Sannyasins,nen hochbezahlten Job hin und zog nachdem Tod des Meisters ist die Bewegung40D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 30. Deutschlandauf allen Kontinenten recht vital. Mor- Rajneesh wurde Philosophiedozent nen sollten straffrei ausgelebt werden, zu-gens um Viertel vor sieben schließt etwa und scharte von 1968 an in Bombay Schü- meist war der Umgang aber zärtlich. Ir-der Sannyasin-Veteran Amano, 64, die ler um sich. Recht bescheiden nannte er gendwann zogen sich alle aus, bildetenTür zum Osho Tabaan Meditationscenter sich Acharya (Lehrer) und hob sich doch einen Kreis im Liegen, die Füße berühr-in Hamburg auf. Die Hinterhof-Oase im vom Heer der Meister ab, die auf dem ten sich in der Mitte. Atemübungen, be-Karolinenviertel ist eines von Hunderten Subkontinent zum Alltagsleben gehören. wusstes Zittern. Den Kopf hin und herBuddha-Feldern weltweit. So nennen Er kritisierte die indische Politik und die schlagen, bis zur Erschöpfung. Der Ver-Sannyasins Orte, an denen Menschen spi- prüde Sexualmoral. 1974 zog er nach Poo- stand sollte Hausverbot bekommen. Spä-rituell vorankommen wollen – was immer na, das heute Pune genannt wird, weiter – ter wurde das Licht ausgeschaltet. Diedas sein mag. und ließ sich zum Bhagwan (der Erhabe- Nackten durften berühren, wen sie in der Die Hamburger Doro, 30, und Silveer ne) promovieren. Dunkelheit ertasteten.22, schwitzen nach einer Stunde Medita- Meditationen, Körperarbeit und jedeJörg Andrees Elten litt in der „Ego-Zer-tion. Mit einem guten Dutzend Besucher, Menge Sex zur Gesundung der Seele lehr- trümmerungsanlage“. Aber er glaubt, indie meisten sind zwischen 35 und 50 Jah- te der Bhagwan. Auf dem Weg zur Er- Pune „ein anderer Mensch geworden“ zure alte Frauen, haben sie in der ersten leuchtung müsse man „durch den Sex sein: „Bewusster gegenüber meinenPhase zu Sphärenklängen hektisch geat- durchgehen“, predigte er. Das passte in Schwächen, sensibler und wohl auch ge-met. Die Technik soll Körper und Geist die Zeit: „Make Love, Not War“, der Slo- rechter gegenüber anderen.“ Die Arbeitaus ihren gewohnten Verankerungen lö- gan des Musikfestivals von Woodstock, im Encounter wurde aufgelockert vonsen. Das Ziel: Vergiss alles Bhagwans Vorträgen. Er zi-um dich herum. Dann habentierte Freud, Nietzsche undsie während der sogenann-Kant aus dem Stegreif, plap-ten dynamischen Meditation perte auf dem Niveau chine-geschrien, geweint und ge- sischer Glückskeksbotschaf-lacht. In der dritten Phaseten oder war schlicht men-hüpften sie, in der viertenschenfeindlich.(„Freeze!“) verharrten sie 15 Homosexualität, dozierteMinuten in der letzten Be- Bhagwan, sei „eine Perver-wegung. Dann tanzten sie.sion“, das „biologische Pro-Die Zehnerkarte für jeweilsgramm“ der Spermien seieine Stunde Vergessen, Los-heterosexuell, bei Schwulenlassen und Entspannen kos- „stimmt was nicht“. Das Be-tet 30 Euro. triebsblatt „Rajneesh Times“ Doro und Silveer sind die druckte den Text unter derTREICK / SIPA PRESSEinzigen dieser Gruppe, dieRubrik„Meisterwerke“.noch kein „Sannyas genom-Kinder, die behindert gebo-men“ haben. Damit ist derren würden, sollten, soInitiationsritus gemeint, er Bhagwan, „in den ewigenist Taufe und Glaubensbe- Bhagwan 1985, SPIEGEL-Titel 10/1981: Kiffen am Fluss, zügelloser Sex Schlaf geschickt“ werden,kenntnis zugleich. Zum Ri- „wenn die Eltern bereittus gehören ein neuer Name und auf war inmitten des Kalten Kriegs zur Parole sind“. Ein solches Kind könne dann „wo-Wunsch auch die früher obligatorische für die freie Liebe geworden. Und es war anders mit einem besseren Körper gebo-Mala, eine Kette mit 108 Rosenholzku- „in“ (heute: cool), von Spiritualität zu re- ren“ werden, „nichts wird zerstört“.geln, die ein Medaillon mit dem Bild des den, seit die Beatles 1968 in einem indi- Viele, die aus dem richtigen LebenMeisters trägt. schen Ashram (Ort der Anstrengung) me- nach Pune kamen, fühlten sich überfor- Die Lehren des Meisters sind weltweit ditiert hatten.dert. Karl-Heinz Kabel hatte Konserven-präsent. Oshos Schrifttum, in 47 Sprachen Unter alten Bäumen des früheren Ko- fabriken im Odenwald und in Spanienübersetzt, steht bei vielen deutschen lonialviertels entstand in Pune eine idyl- aufgebaut. Er hatte sie für viele MillionenBuchhändlern im Regal, im Internet bie- lische Siedlung. Meditationen in den verkauft, weil sein Herz nicht mehr mit-tet Amazon über hundert Titel von ihm Gruppen, Lectures beim Meister und Kif- machte. Kabel wurde 1979 Sannyasin.an. Jahr für Jahr pilgern Abertausende fen am nahen Fluss sorgten für Kurzweil. Seither heißt er Kavish, der Gesegnete.Sannyasins in die Kathedralen der Bewe- Die meisten Männer, die nach Pune fuh- Kabel, damals 51 Jahre alt und Witwer,gung: ins Osho-Meditationszentrum im ren, träumten von zügellosem Sex, und erlebte Pune als Befreiung: „Ich war soitalienischen Miasto, ins Humaniversity- ihre Träume wurden erfüllt.erzogen worden, dass ich kein geiler BockZentrum im niederländischen EgmondWer sich selbst erfahren wollte, hatte sein durfte“, sagt er heute. Sein Lebenaan Zee und ins Kölner Uta-Institut, in Pune indes einen dornenreichen Weg habe damals „neu begonnen“, er habeEuropas größtes Osho-Zentrum. Zu Me- vor sich. „Stern“-Reporter Elten nahm „nicht mehr danach trachten müssen, im-ditationen und Kursen melden sich allein an einem siebentägigen Encounter („Be- mer nur mein Ego zu befriedigen“. Karl-dort pro Jahr rund 10 000 Frauen und gegnung“) teil. Über seine Zeit im Heinz Kabel lebt in Grünwald bei Mün-Männer an.Ashram schrieb er das Buch „Ganz ent- chen, er ist noch immer Dauergast in Begonnen hatte alles in Indien, unter spannt im Hier und Jetzt“. Es fand mehr Pune. Vor ein paar Jahren hat er dort sei-einem Baum. Rajneesh Chandra Mohan, als 200 000 Käufer, es gilt bis heute als Bi- ne Frau Elena Kuszminka, 57, kennenge-1931 im heutigen Bundesstaat Madhya bel der Bewegung. lernt. Die Diplom-Chemikerin aus Weiß-Pradesh als Sohn eines Tuchhändlers ge- Der Journalist erlebte mit acht Frauen russland gehörte der Osho-Meditations-boren, fühlte sich zum Guru berufen, und sechs Männern in einem fensterlosen gruppe in Minsk an, bevor sie zu ihm zog.nachdem er 1953 erleuchtet worden sein Raum eine kleine Hölle. Alle außer ihmEnde der siebziger Jahre trudeltenwollte. Spirituelle Sinnsucher verstehen waren Sannyasins, alle waren in rote oder auch prominente Sinnsucher in Pune eindarunter die Erweiterung des Alltagsbe- orangefarbene Kleider gehüllt. Der Meis- wie der Philosoph Peter Sloterdijk, diewusstseins hin zu einem Gefühl des Eins- ter hatte den Dresscode verordnet. Sie Schriftstellerin Elfie Donnelly, die „Ben-seins mit der gesamten Existenz.schlugen und sie küssten sich. Aggressio- jamin Blümchen“ und „Bibi Blocksberg“ D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 2 41
  • 31. DeutschlandDIETER KLAR / PICTURE-ALLIANCE / DPA JULIA BAIER / LAIFBhagwan bei Rolls-Royce-Parade in Oregon um 1984, ehemalige Bhagwan-Vertraute Sheela: „Ein kindliches Bedürfnis nach Luxus“erfand, die Schauspielerinnen Eva Renzi dies vor dem Biss in die verbotene Fruchtund „Einsichten bekommen, die jedenund Barbara Rütting.zu sein. Abends war Zeit für ein Würfel- Einsatz wert waren“. Es sei Oshos Anlie- Die meisten Sannyasins waren zwi-spiel nach „Monopoly“-Art. Statt Schloss-gen gewesen, „die ganze Menschheit zumschen 25 und 30 Jahre alt, viele hatten allee und Badstraße gab es Felder mit spi- Erwachen zu bringen aus der Trance jahr-Abitur und studiert. „CDU-Wähler gabrituellen Handlungsanweisungen: „Baumtausendealter Strukturen wie des Glau-es nie unter uns“, erinnert sich Elfie Don- für Bhagwan gepflanzt? Rücke drei Felder bens an Religionen“. Was ihn betreffe,nelly. Der ehemalige Berliner Kommu-vor.“ „Eigenes Ding gemacht? Einmalsei dem Meister das „gelungen“.narde Rainer Langhans hält Bhagwan füraussetzen.“ Während Rajneeshpuram wuchs, blüh-einen „Kriegsgewinnler, der das Streugut „Offen“ zu sein war Pflicht. Lust auf ten auch die Kommunen in Deutschlandder 68er-Revolte aufsammelte und aufSex mit einer anderen Frau als der Freun-auf. In Berlin lebten knapp 200 Sannya-den langen Marsch durch ihre inneren In-din? Na, dann mal los. Besitzansprüche sins zusammen, in Köln sogar rund 400.stitutionen schickte“.waren peinlich. „Es gab einen Zwang, Und auf Kosten der Gemeinschaftskasse Für die Inder war der Ashram, in dem nicht eifersüchtig zu sein“, sagt die Auto-flogen sie zu Festivals nach Oregon.bis zu 50 000 Menschen hausten, davon rin Donnelly. Kehrte ein Fremdgänger zu Dort zelebrierte der Guru einen ob-ein Drittel Deutsche, ein Provokation. Sieseiner Freundin zurück, hieß es achselzu-szönen Luxus. Sein Fuhrpark bestand ausfürchteten wegen der weltweit publizier-ckend: „Du, die Energy war einfach da.“mehr als 90 Rolls-Royce. Manche warenten Nacktfotos „eine Zerstörung ihrerEs waren Sternstunden der Egomanie. gespendet, viele aus der KommunekasseKultur“, sagt Abhay Vaidya, 48, Chef der Rund 260 Millionen Dollar, vor allembezahlt worden. Seine Vertraute Maörtlichen Tageszeitung „Daily News &aus Spenden, soll die Kommune im Laufe Anand Sheela, 62, die heute in derAnalysis“. Der Widerstand wuchs – davon gut vier Jahren investiert haben. Die- Schweiz zwei Wohnheime für Behindertekauften Vertraute Bhagwans 1981 im US-ter von Siemens, 57, ein Spross der Sie- führt, erinnert sich stolz daran, dass dreiBundesstaat Oregon für sechs Millionenmens-Dynastie, gab alles, was er hatte.Sannyasin-Mechaniker in England beiDollar die „Big Muddy Ranch“, einst Der Agrarwissenschaftler, der heute Fel- Rolls-Royce geschult worden seien.Drehort von Western mit John Wayne. denkrais-Therapeut in München ist und Der Meister habe „ein kindliches Be- Bhagwans Land war zweieinhalbmal die Tanz- und Meditationsmethode Shi-dürfnis nach Luxus“ gehabt, sagt Sheela,so groß wie Sylt. Bhagwans Vertraute Ma nui lehrt, wurde Sannyasin und erfuhrbeim renommierten Juwelier Bucherer inAnand Sheela wollte eine Heimstatt füreine „Erdung, die ich nicht kannte“. ErZürich habe sie für ihn Piguet-Uhren im100 000 ständige Bewohner schaffen. Und spürte, „wie stark ich geistig und körper- Wert von sieben Millionen Euro gekauft.so stampften die Mas und Swamis zwi-lich blockiert war“. Man ahne nicht, „wie Der Ashram war für den Meister zumschen den hohen Hügeln eines idyllischenes ist, wenn sich Blockaden auflösen, manCashram geworden, die Sannyasins hattenCanyons eine Stadt aus dem Schlamm, im ganzen Körper zu Hause ist und jede nichts zu melden. Eine spirituelle Kom-die sie Rajneeshpuram nannten, die StadtZelle lebt“. mune könne auch niemals ein demokrati-ihres Meisters. Die vier Flugzeuge der Siemens war 26 Jahre alt, als er denscher Verein sein, meint Jörg Andrees El-Air Rajneesh hoben vom kommuneeige- Entschluss fasste, sich seinen Erbteil inten: „Die Kommune kennt keine Kontrol-nen Flugplatz ab. Höhe von fast zwei Millionen Mark aus- le von Macht. Sie lebt von Vertrauen. Das Eine linke Utopie schien Wirklichkeitzahlen zu lassen und das Geld zu spen- ist im Ashram eines Weisen nicht anderszu werden: Die Produktionsmittel gehör- den. Als die Kommune in Oregon 1985als in einem buddhistischen oder katholi-ten der Kommune, die Trennung von Le- zusammenbrach, verlor er alles. „Nichts“ schen Kloster.“ Allein: Bisher wurdeben und Arbeiten war aufgehoben. Kost bereue er, sagt Siemens, und man mag esnichts über Äbte bekannt, die Dutzendeund Logis waren frei. Es schien das Para- ihm glauben. Er habe sein AuskommenRolls-Royce vor ihrem Kloster parken.42D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 32. Die Siedlung des Bhagwan gehörtezum gut 20 Kilometer entfernten DorfAntelope, und dessen 40 Bürger konntendie rotgewandeten Neuankömmlingenicht gut leiden. John Silvertooth-Stewart,62, Liberaldemokrat und Obama-Wähler,sitzt auf der Veranda seines Holzhausesin Antelope und erinnert sich: WeilRajneeshpuram rechtlich als Stadt aner-kannt war, durften sich Dutzende Bhag-wan-Jünger in vier Wochen auf einer Poli-zeiakademie zu Hilfssheriffs ausbildenlassen. Auf Streifenfahrten leuchteten sienachts in alle Häuser hinein. Die Lage eskalierte. Es tauchten Flug-blätter fundamentalistischer Christen auf,in denen von der Eröffnung der „Jagd-saison“ auf Rajneesh und seine „roten CHRISTIAN LEHSTEN / ARGUM / DER SPIEGELRatten“ die Rede war. Und während derMeister seine vierjährige Schweigephasegenoss, kürte er Sheela zur allmächtigenPräsidentin der Rajneesh Foundation –und ließ sie eine 150 Mann starke bewaff-nete „Peace Force“ aufbauen. Es war wohl Silvertooth-Stewart, derviel zum Ende der Sannyasins in Oregonbeitrug. Er fand auf einem Müllplatz Be-weise für die Arrangements von Schein-Bhagwan-Veteran Elten: Private Revolution in Puneehen, mit denen sich die Jünger Aufent-haltsgenehmigungen erschwindeln woll- Schwarzwald verhaftet und an die USA Der Freiburger IT-Unternehmer undten – und er verpfiff sie.ausgeliefert.Sannyasin Wendelin Ackermann, 52, ist Auch der Meister selbst hatte gegen 25 Sannyasins standen wegen der Straf- ein Zeuge jener Zeit. Rajneeshpuram seiEinreisebestimmungen verstoßen. Er gabtaten vor Gericht, 8 erhielten Freiheits- „eine zentral gelenkte Kommune, einevor, seine angeschlagene Gesundheit instrafen. Sheela wurde unter anderem richtige Sekte“ geworden. „Schwarmver-den USA behandeln lassen zu wollen –wegen unerlaubten Abhörens und der halten“ habe dazu geführt, „dass wir un-und bereitete in Wahrheit die ErrichtungVergiftung von Lebensmitteln zu mehre- sere moralische Autonomie und unsereeiner Großkommune vor.ren Jahren Gefängnis verurteilt, wegen Urteilskraft verloren haben, obwohl der Charles Turner, 73, war damals Bun-guter Führung aber nach zwei Jahren Meister gerade die stärken wollte“.desanwalt für Oregon, er leitete die Er-und fünf Monaten vorzeitig entlassen.Ende Oktober 1985 flüchtete der Gurumittlungen gegen die Kommune. Da zeig-Sie wagte mit ihrem inzwischen verstor- in einem Flugzeug überraschend austen ein paar der Menschen, die eine neue, benen Mann, ebenfalls ein Sannyasin, ei- Rajneeshpuram, Polizeibeamte nahmenfriedliche Welt begründen wollten, ihrnen Neuanfang in der Schweiz. Sheela ihn in North Carolina fest. Der Erhabeneneigt dazu, schnell müde zu werden, wurde zu einer Geldstrafe von 400 000wenn ihr heute Fragen zu den Straftaten Dollar und zu zehn Jahren Gefängnis aufEin Lehrstück gestellt werden. Sie hat ihre eigene Wahr- Bewährung verurteilt – unter der Bedin-über Aufstieg und heit: „Ich habe unschuldig im Gefängnis gung, die USA sofort zu verlassen.gesessen.“ Da die indischen Behörden FriedenFall eines Nüchtern betrachtet war die Inderin schlossen mit Bhagwan, kehrte er 1987Protagonistin eines Lehrstücks über Auf- in den Ashram von Pune zurück. Eincharismatischen Führers.stieg und Fall sozialer Bewegungen, die Jahr später wollte der Meister plötzlichvon einem charismatischen Führer be- nicht mehr Bhagwan genannt werden.hässlichstes Gesicht: Eine Bande aus dergründet werden. Ob es Jesus, der Mor- Seine Schüler schlugen als neuen NamenFührungsriege schmuggelte Waffen ausmone Joseph Smith, der Scientologe Ron Osho vor, eine respektvolle Anrede ausTexas nach Oregon, um Turner zu ermor-Hubbard oder Bhagwan ist: Nach einer der Zen-Literatur. Der Meister willigteden. „Ich habe zwei Jahre mit einer Smith lebendigen Phase der Experimente mit ein.& Wesson unter dem Kopfkissen geschla-Visionen vom neuen Menschen erstarren„Das war eine bewegende Zeit damalsfen“, sagt der frühere Chefermittler. die Bewegungen zu einer Art Kirche mit im zweiten Ashram von Pune“, erinnert Zutage kam am Ende noch mehr: In einem schwer kontrollierbaren Eigenle- sich die Autorin Donnelly. Sie lebt aufallen Telefonzellen und fast allen Häusernben. Die „Veralltäglichung des Charisma“ Ibiza, in ihrer Finca mit Meeresblickvon Rajneeshpuram fanden die Beamtenhat der Soziologe Max Weber diesen Pro- schreibt sie Kinderliteratur wie „EmmaAbhöranlagen, mit denen die oberste La- zess genannt.Panther und die Sache mit dem Größen-gerleitung die Linientreue der BewohnerBhagwan hatte während seiner Schwei- wahn“, gerade arbeitet sie an einem Ro-überprüfen wollte. „Wir waren bedroht.gephase fast alle Brücken zu seinen Schü- man.Das waren notwendige Sicherheitsmaß-lern abgebrochen. Er nahm nur noch „wieElfie Donnelly hatte in den siebzigernahmen“, sagt Sheela heute. eine Figur aus dem Wachsfigurenkabinett Jahren Sannyas genommen und wurde Als diverse Straftaten nach und nach Madame Tussauds“ (Elten) am Lenkrad Anasha, Innerster Kern der Ewigkeit. Sieans Licht kamen, hatte sich Sheela längst eines seiner Rolls-Royce die Parade seiner sagt, sie habe dem Meister „viel zuabgesetzt. Sie wurde mit internationalemJünger ab. Sheela hatte den „Rajneeshis- verdanken, weil ich in all den TherapienHaftbefehl gesucht, im Oktober 1985 immus“ zur Religion erklärt. und Kursen gelernt habe, mir zu vertrau-D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 43
  • 33. BERND JONKMANNS / LAIFMeditationsresort in Pune: Großes Interesse an vermögenden Sinnsuchernen“. Die Schriftstellerin wollte sich in Poo-Für die meditierenden Sannyasins in al-Die Therapien und Kurse der Grün-na einen Alterssitz einrichten. Die Füh-ler Welt ist Pune weit weg. Sie haben ihre dungsphase wurden weiterentwickelt –rungsclique wusste, dass sie die Rechte Zentren inzwischen überall auf dem Glo-Fachleute hatten oft grundsätzliche Kritikan „Blocksberg“ und „Blümchen“ fürbus, in Taiwan und Argentinien, in Mexi- an den Verfahren geübt. Joachim Galuskarund fünf Millionen Mark verkauft hatte.ko und in Griechenland. 83 Osho-Center etwa, Mitbegründer und Ärztlicher Di-„Die haben oft versucht, viel Geld ausgibt es allein in Italien, 28 in den USA, 22 rektor der Heiligenfeld-Kliniken im un-mir rauszuholen“, sagt sie. in Indien und 19 in Russland. Im australi- terfränkischen Bad Kissingen, behandelte Elfie Donnelly fand eine Villa und schen Byron Bay sitzen Sannyasins im Ge- im Lauf der Jahre Dutzende Sannyasins,Lehrer für die Gründung einer Schule ne-meinderat, in Thailand hat Pranesh Pascaldie Seelenkrisen hatten.ben dem Ashram in Pune. Sie überwiesSacher, ein Erbe der Wiener Tortenpro-Galuska, 57, ist ein spirituell offenerden Gefolgsleuten des Meisters dafürduzenten, ein herrlich gelegenes Medita- und erfahrener Mensch. Die Methodenviele hunderttausend Mark. Ihr GeldOshos aber, sagt der Klinikchef, „habenverschwand, in wessen Taschen auch auch Frauen und Männer angezogen, dieimmer.Die Schriftstellerin Elfie eine richtige Psychotherapie gebraucht„Man hat mein Vertrauen gebrochen“, Donnelly spendetehätten“. Nach seiner Erfahrung „bergensagt sie, und dass sie „kein Einzelfall“ ge- einige der selbsterfahrungsorientiertenwesen sei. Andere hätten auf diese WeiseHunderttausende – dasspirituellen Methoden die Gefahr, dassMillionen Dollar verloren. Als eine Artinstabile Menschen dekompensieren, bisEntschädigung erhielt Donnelly einGeld verschwand. hin zur Psychose und zum Selbstmord“.Wohnrecht im Ashram. Sie mag es nicht Sannyasins seien sehr stark von ihrermehr in Anspruch nehmen.tionsresort eröffnet. Notgedrungen kon-Gruppe abhängig, urteilt der Psychothe- Der SPIEGEL wollte Mitglieder desspirativ trifft sich eine Gruppe von Sann- rapeut. Wie bei Mitgliedern der ZeugenFührungszirkels in Pune dazu sprechen.yasins regelmäßig in einem Privathaus in Jehovas oder der Sekte Universelles Le-In Frage steht auch, ob jene Jünger, dieder iranischen Hauptstadt Teheran. ben übernehme die Gemeinschaft einenOshos Geschäfte fortführen und mit Sinnsuche ist ein florierender Ge-Teil ihrer Identität. „Das System sagt, wasseinen Büchern und Therapien Millionen- schäftszweig. Im Kölner Osho Uta Institutman zu tun oder zu lassen hat“, erklärtumsätze machen, ein Testament vor-wird ein fünftägiges Seminar „Learning Galuska. Die in der Welt der Sannyasinsweisen können: Doch die Pune-Oberen Love“ mit 530 Euro berechnet, plus Ver-noch immer verbreitete Überzeugung,lehnten ab. Dem SPIEGEL wurde ein pflegung im Osho-Uta-eigenen Restau- das Ego müsse aufgelöst werden, seikurzer Rundgang über das Gelände er-rant Osho’s Place. Uta-Chef Ramateertha, „überholt“. Das Ego müsse, so der Medi-laubt – für einen längeren Aufenthalt hät-selbst eine Legende unter den Therapeu-ziner, „erkannt werden, um in der Weltte das Magazin unter anderem einen Ver- ten der Sannyasins, war unter seinem bür-mit einer größeren Flexibilität agieren zuzicht auf den Abdruck von Fotos aus der gerlichen Namen Robert Doetsch einst können“. Die spirituelle Entwicklung kön-Gründungsphase in Pune und aus Ore- als Arzt tätig. Er ist der führende Mann ne „niemals die Persönlichkeitsentwick-gon erklären müssen. Zudem hätte dereiner GmbH, die etwa 10 Angestellte be-lung ersetzen“.Name Bhagwan nicht erwähnt werden schäftigt, weitere 30 arbeiten als Hono-Ramateertha wehrt solche Kritik nichtdürfen. rarkräfte mit. einmal ab. Die spirituelle Therapie habe44D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 34. Deutschlandseit dem Ende der achtziger Jahre „ihre mühle war Siddharta, er ist am 13. MaiDie Bewohner von Parimal empfindenGrenzen erkannt“. Bestimmte Ansätze im Alter von 76 Jahren gestorben. Er hießsich als „Lebensgemeinschaft, die vonkönnten Menschen schaden – wenn sie mal Werner Gartung, war Gärtner aufOsho inspiriert“ sei, die aber zugleichetwa unter Psychosen litten. DieseSchloss Herrenchiemsee, hatte sich in Hei- ihre Offenheit „für Impulse anderer spi-brauchten psychiatrische Therapien. delberg als Jazzmusiker durchgeschlagenritueller Richtungen“ betont. Sie möchten Die heutigen Osho-Therapien, so Ra-und war als Objektkünstler unter dem ihr Leben lang an sich arbeiten.mateertha, seien „Lichtjahre von demNamen Y Fongi zu Ruhm gekommen. In Hübenthal wird das Ideengut desentfernt, was in den siebziger und zu Be- Siddharta war 1982 die treibende Kraft,Meisters fortentwickelt. Die Sannyasin-ginn der achtziger Jahre gemacht wurde“.als rund 150 Bhagwan-Schüler auf Schloss Bewegung sei früher apolitisch gewesen,Ein Trend sei, dass Menschen, die eineWolfsbrunnen nahe der hessischen Stadt sagt Bewohner Alfons Claes. Die sozialePsychoanalyse oder eine tiefenpsycholo- Eschwege eine Kommune begründeten. und ökologische Verantwortung aber seigisch fundierte Psychotherapie erfahrenBis zuletzt lebte er seinen Traum inwichtig: „Erleuchtet in einer Höhle, dashaben, „danach zu uns zur spirituellenThüringen. „Wer es kann“, sagte der Alt- reicht nicht.“Therapie kommen“. Körpertherapien sei-Kommunarde, zahle 450 Euro im Monat Um das richtige Bewusstsein geht esen noch immer ein zentraler Punkt der in die Gemeinschaftskasse für Kost und auch im indischen Goa. Wenn es kalt wirdArbeit im Uta-Institut, „weil Klienten ihre Logis. Der Ashram verkauft selbstange- in Europa, treffen sich die Veteranen derPersönlichkeit dabei spiegeln, in Kontakt bautes Gemüse, zusätzliche Einnahmen Bewegung am sogenannten Osho-Beachzu sich treten können und über Probleme hat er durch die Vermietung von Räumen von Candolim. Sam Okonski, 83, gehörtnicht nur geredet wird“.für den großen Edelsteinladen, den dazu, er wird „CIA-Sam“ genannt, weil Doch manchen Sinnsuchern ist dies zu Siddhartas Frau Sigari führt.er in den sechziger Jahren in Frankfurtwenig. Sie möchten mehr als ein paarmalEin anderes Modell funktioniert auf am Main für den US-Geheimdienst tsche-im Jahr Kurse in spirituellen Gruppen be- Parimal Gut Hübenthal, zwischen denchische Überläufer betreute.legen, sie möchten mit Gleichgesinntenbewaldeten Hügeln des Werratals naheEs ist 22 Jahre und ein paar Tage, nach-zusammenleben. Und so halten Vetera-Kassel. 60 Erwachsene und 10 Kinderdem ihr Meister seinen Körper verlassennen, aber auch Jüngere die Sannyasin- leben dort in Wohngemeinschaften oderhat, wie Sannyasins sagen. Im Strandre-Kommunen am Leben: 30 Frauen undallein. Die meisten Bewohner arbeitenstaurant D’Mello erzählt Okonski mitMänner im Alter zwischen 30 und 75 Jah- außerhalb als Architekt, Psychiater, leuchtenden Augen von der alten Zeit.ren leben etwa im Naturpark Thüringer Markthändler, UnternehmensberaterSein Blick schweift über die Wellen desSchiefergebirge Obere Saale nahe demoder Taxifahrer, 15 verdienen ihr Geld Indischen Ozeans hinüber zu den altenDorf Wurzbach in den zwölf Gebäuden mit Teilzeitjobs auf dem Gelände. Es gibtMauern des Fort Aguada. „Wir wollten dieeiner früheren Holzsägemühle. Miet- und Eigentumswohnungen – man Erleuchtung“, sagt CIA-Sam, „und wenn Osho-Stadt nennt sich das Projekt, gestattet sich ein hohes Maß an Indivi-wir da ein paar Millimeter vorangekom-Herz und Seele der Kommune Zschachen- dualität.men sind, dann ist das doch viel.“
  • 35. Deutschland Protestplakate bei der Odenwaldschule „Pädophile werden angezogen“agogen werden von solchen Strukturengeradezu angezogen.“ Katrin Höhmann widerspricht. Als sievor etwa einem Jahr zur Odenwaldschulekam, wurde zusammen mit ihr erstmalsauch ein Internatsleiter an der Schule ein-gestellt. Er soll die Lehrer bei ihrer Auf-gabe als „Familienhaupt“ kontrollierenund fortbilden. Zudem werde jede Fami-lie jetzt von einem zweiten Lehrer imAuge behalten. Bei anderen Kritikpunkten fällt Höh-mann der Widerspruch schwerer, dennsie kämpft an zwei Fronten. Sie muss dieSchule nach außen verteidigen; aber siemuss nach innen auch Widerstände über-ARNE DEDERT / PICTURE ALLIANCE / DPAwinden, von zahlreichen Betonköpfenetwa unter den Mitgliedern des Träger-vereins der Schule, die einfach zur Tages-ordnung übergehen wollen. In einer internen Aktennotiz hatteHöhmann im vergangenen Novemberselbst „die mangelnden Aktivitäten in Sa-chen Aufklärung der Missbrauchsfälle“sowie „die immer deutlicher werdendenclique, die sich unter dem Deckmäntel-Nachlässigkeiten in der Vergangenheit imM I S S B RAUC Hchen fortschrittlicher ReformpädagogikUmgang mit Betroffenen“ angeprangert. Zu viel Nähe,an ihren Schülern vergriff. Gerade bei der wissenschaftlichen Aufar- Viele der Opfer klagen, die Schule stel- beitung, warnte Höhmann damals, stehele sich nur zögerlich ihrer Verantwortung,„unsere Reputation mit auf dem Spiel“. zu viel Machtzudem hätten sie bis heute keine Entschä-Der unwürdige Umgang mit der Ver-digung bekommen. Und das sind nochgangenheit schreckt nun selbst solche Fa-lange nicht alle Vorwürfe.milien ab, die der Schule trotz allem noch Der hessische Grünen-Abgeordnete wohlgesinnt waren. Inzwischen melden Nur zögerlich stellt sich dieMarcus Bocklet hat im Auftrag des Land- so wenige begüterte Eltern ihre KinderOdenwaldschule ihrer Vergangen- tags monatelang recherchiert, wie die an, dass die Lehranstalt finanziell am Ab- heit – in einem Bericht für denSchule mit den mehr als 130 bislang re- grund steht.gistrierten Opfern umgeht, wie sie den Nach dem vertraulichen „Lagebericht“Hessischen Landtag erhebt ein Ab- massenhaften Missbrauch untersucht, wie eines Wirtschaftsprüfers zählte die Schulegeordneter schwere Vorwürfe.sie sich neu organisiert hat. „Das Ergebnis mit ihren 126 Mitarbeitern an einem Stich-ist in allen Bereichen ernüchternd“, sagt tag Ende 2011 nur noch 138 Internats-D ie Schulleiterin hat eine langeBocklet, der demnächst dem Petitionsaus-schüler sowie 42 Externe, die nicht dort Konferenz hinter sich, eine an-schuss seinen Bericht vorlegen will.übernachten. In guten Jahren, wie dem strengende Unterrichtswoche. SieNicht einmal zehn Prozent der miss-Schuljahr 2002/03, waren es 267 Internats-sieht müde aus. Und jetzt muss sie wieder brauchten Kinder von einst haben nach schüler. Unterm Strich, so der Prüfer,kämpfen. Um die Existenz ihrer Schule.Bocklets Nachforschungen bislang finan- machte die Schule im Jahr 2011 fast Sie soll alle überzeugen. Eltern natür-zielle Hilfen oder Entschädigungen über-680 000 Euro Verlust.lich, aber auch Politiker, Ehemalige, Jour- wiesen bekommen. Wissenschaftliche Ur- Weitermachen kann das Internat nurnalisten. Katrin Höhmann zeigt am Frei- sachenforschung, aus der man Schlüsse mit Hilfe der Jugendämter. Die haben imtag vor einer Woche Schaubilder mit Or- für eine Neuorganisation der Schule zie-vergangenen Jahr laut Prüfbericht dasganisationsstrukturen, sie spricht über das hen könnte? Gebe es nicht. Das Fami-Schulgeld für fast die Hälfte der Inter-„Vier-Augen-Prinzip“ und über „Siche- lienprinzip, das den Missbrauch entschei- natsschüler gezahlt. Wie lange die Schulerungsmechanismen“. Die Odenwaldschu-dend begünstigt hat? Sei unverändert. so weiterwirtschaften könne, sei unklar,le, sagt Höhmann, habe die richtigen Noch heute leben Lehrer und Schülermeint Bocklet. Der örtliche Landrat hatSchlüsse aus ihrer dunklen Vergangenheitin den auf dem Gelände verstreuten Häu- schon angeordnet, dass die Jugendhilfegezogen. Die Schüler seien heute gut ge-sern als sogenannte Familien zusammen.seines Landkreises keine weiteren Kindergen sexuellen Missbrauch geschützt. Wie zu den Zeiten, als das Internat nochmehr in die pittoresken Internatshäuser So gut, wie das in einem Internat mög- bei der deutschen Elite aus Wirtschaftschickt. Der Abgeordnete Bocklet feiltlich sei. und Politik beliebt war, unterrichten Leh-nun an den letzten Formulierungen seines Es ist ein harter Kampf, den Höhmann rer am Vormittag, betreuen am Nachmit-Berichts – und denkt darüber nach, allenführt, vielleicht ein aussichtsloser. Die tag, führen Aufsicht in der Nacht.hessischen Jugendämtern zu empfehlen,Schule im südhessischen Oberhambachtal Das bedeute zu viel Nähe, zu vielkünftig keine Kinder mehr dorthin zuhat keinen echten Neuanfang geschafft,Macht und zu wenig Kontrolle, urteilt schicken, schon wegen der ungewissenseit sie vor gut zwei Jahren zum Symbol Bocklet, der diese besondere Konstruk-Zukunft der Schule. Das wäre dann ver-des systematischen Missbrauchs wurde, tion mit Psychologen und Missbrauchs- mutlich das Ende des Internats.zum Symbol einer pädophilen Lehrer- experten diskutiert hat. „Pädophile Päd-MATTHIAS BARTSCH46D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 36. Deutschland, in fast jeder fünften Familie zieht ein Elternteil den Nachwuchs alleinHARTZ IV groß. Und: 40 Prozent aller Alleinerzie- Tritt in den Hintern hendenhaushalte bekommen Hartz IV.In den vergangenen Jahren konnte die Bundesagentur für Arbeit viele Arbeits- lose vermitteln, auch Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte. Doch Frauen wie Der Staat scheitert seit Jahren daran, alleinerziehenden Frauen die aus Marzahn-Nord profitieren kaum den Weg ins Berufsleben zu ebnen. Ein neues Projekt droht von diesem Aufwärtstrend.Ein neues Wohnprojekt mit dem Na-Müttern nun mit Wohnungsverlust, wenn sie sich keinen Job suchen.men „Jule“ (kurz für „junges Leben“) soll jetzt helfen, dass 15 junge Frauen aus dem Viertel nicht dauerhaft dort landen, wo viele ihrer eigenen Mütter feststecken: in einem Leben ohne Perspektive.Eine der Ersten, die in den kommen- den Wochen einziehen werden, ist Kath- leen. Derzeit wohnt sie noch mit ihrer Mutter, drei Geschwistern und einem Jack-Russell-Terrier auf knapp 80 Qua- dratmetern. Demnächst wird sie allein mit Emily fast genauso viel Platz in einer frisch renovierten Wohnung in einem an- deren Hochhaus im Viertel bekommen.Ein Luxus, für den sie allerdings Leis- tung zeigen muss: Wenn Kathleen inner- halb der kommenden drei Jahre nicht ge- nügend für den Schulabschluss büffelt, müsste sie Jule im schlimmsten Fall ver- lassen. Dann müsste sie entweder wieder bei ihrer Mutter einziehen oder sich eine neue Wohnung suchen – was schwierig ist für eine alleinerziehende Frau unter zwanzig, ohne Job.Jule ist keine Idee des Sozialstaats, son- dern eine der Wohnungsgesellschaft De- gewo, die in Berlin etwa 70 000 Wohnun-FOTOS: ANNE SCHÖNHARTING / DER SPIEGEL gen verwaltet. Die Degewo startet das Experiment, um den Müttern zu helfen, aber auch, weil sie selbst sich nicht anders zu helfen weiß. Die Mitarbeiter der Woh- nungsgesellschaft kennen die Probleme aus der Nähe, sie wollen eingreifen, weil es sonst niemandem gelingt. Gerade in Marzahn sei in den vergangenen Jahren die Zahl der jungen, alleinerziehendenTeenagermütter Kathleen, Jessica*: Büffeln für den SchulabschlussMütter „explodiert“, sagt Degewo-Vor- stand Frank Bielka. Und das sei eineBei Kathleen passierte es im vergan-alleinerziehend, ohne Schulabschluss, „Mietergruppe, bei der sich die Problem-genen Frühling. Sie war 17 und ohne Berufsausbildung. Wie so viele hier. lagen häufen“.zweimal in der neunten Klasse sit- Typisch Marzahn-Nord.Etliche der Alleinerziehenden hättenzengeblieben. Sie ging selten zur SchuleIn den Plattenbauten des Berliner Be-hohe Mietschulden oder brächten dieund lag morgens bis elf Uhr im Bett. Eines zirks Marzahn-Hellersdorf wachsen fastNachbarn mit ungewöhnlichen Tages-Abends lernte sie einen Mann kennen, 70 Prozent aller Kinder unter sieben Jah- rhythmen gegen sich auf: Morgens schlie-fast zehn Jahre älter, arbeitslos und ohne ren in Hartz-IV-Familien auf, etwa diefen die Kleinsten so lange, dass sie bisAntrieb, daran etwas zu ändern. Kaum Hälfte bei alleinerziehenden Müttern, Mitternacht munter mit ihrem Bobbycarliiert, war Kathleen schwanger. „Hat nicht Tendenz steigend. An kaum einem ande- über die Wohnungsflure donnerten. „Dasgeklappt mit der Verhütung“, sagt sie. ren Ort der Republik werden mehr Teen-Sozialsystem kümmert sich zu wenig um Seit vier Monaten gibt es nun die klei- agerschwangerschaften registriert.diese Frauen und verlangt ihnen nichtsne Emily, die in einer Wiege in Kathleens Für die Mädchen bedeutet dies oft denab“, sagt Bielka, „das wollen wir ändern.“Kinderzimmer schläft. Mit Emilys Vater Einstieg in ein Erwachsenenleben in dau- Zwei Sozialarbeiterinnen sollen beiist die 18-Jährige schon lange nicht mehrernder Abhängigkeit von Transferleistun-Jule umsetzen, woran die Politik bei al-zusammen, der wollte keinen Nachwuchs; gen. Der Sozialstaat scheitert seit Jahrenleinerziehenden Hartz-IV-Empfängernund weil er arbeitslos ist, kann er keinen daran, jungen, alleinerziehenden Frauen gescheitert ist: Fördern und Fordern. DieCent Unterhalt zahlen, was ja „typisch“wie Kathleen den Weg in ein normalesDegewo hat die 15 Mütter unter knappsei, wie Kathleen sagt. So ist sie nun alsoBerufsleben zu ebnen. 30 Bewerberinnen ausgewählt. Wenn sieRund 1,6 Millionen Alleinerziehendein ihre Wohnung eingezogen sind, wer-* Mit Töchtern Emily und Alina-Marie.mit Kindern unter 18 Jahren gibt es inden sie von den Sozialarbeiterinnen bei D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 47
  • 37. DeutschlandKinderbetreuung, Bewerbungen und Äm- plus Miete. Allerdings hat rund die Hälfteterbesuchen unterstützt. Im Gegenzug der arbeitslosen Alleinerziehenden niemüssen die Frauen sich aber verpflichten, einen Beruf erlernt und würde deshalbbestimmte Ziele zu erreichen. Kathleen kaum mehr verdienen. Wozu also derwill Verkäuferin werden. Stress mit einem schlechtbezahlten Job? „Mit Betüddeln hat Jule nichts zu tun“,Dass es um eine Perspektive gehe, umsagt Marina Bikádi, eine der Sozialarbei- einen Weg, Vorbild für die eigenen Kin-terinnen, die sich demnächst um die jun- der zu sein, will nun das Degewo-Projektgen Mütter kümmern werden. Bikádi sitzt vermitteln. Die jüngste Frau, die an Juleim 200 Quadratmeter großen Jule-Ge- teilnimmt, ist Jessica. Sie ist 17, hat abermeinschaftsbereich, der etwa für Koch- das älteste Kind: Die Kleine heißt Alina-abende und Kindernachmittage hergerich- Marie, ist zweieinhalb Jahre alt und seitet wurde, die Wohnungen liegen im „natürlich nicht geplant“ gewesen. „DieBlock drum herum. Die 45-Jährige arbei- Verhütung hat nicht geklappt“, sagt auchtet schon viele Jahre mit alleinerziehen- Jessica, die derzeit noch zusammen mitden Müttern im Viertel. Was viele ver- ihrer Mutter, deren Freund und ihren bei-binde, sei das langsame Abdriften in den Geschwistern auf 70 Quadratmetern„Trägheit und Perspektivlosigkeit“.wohnt. Jessicas Mutter ist 36 Jahre alt Schuld daran sei der Sozialstaat selbst, und hat selbst gerade wieder eine Tochtersagt Bikádi. Nicht nur, dass es an Kita- zur Welt gebracht: Nun hat die kleine Ali-Plätzen mangele. Der Staat biete jungen na-Marie einen Säugling als Tante.Müttern auch „keinerlei Anreize“, sichAnders als die meisten Jule-Mütter hatum Berufsbiografie und Partnerschaft zu Jessica einen Schulabschluss und eine klare Berufsperspektive. „Ich brauche Mit Kind, ohne Ausbildung aber trotzdem einen Tritt in den Hintern, Anteil der Alleinerziehenden, die Hartz IVum jetzt auch mit der Ausbildung zur bekommen, an allen AlleinerziehendenKinderpflegerin weiterzumachen“, sagt sie. Eine Ausnahme ist Jessica auch des- Rund die Hälfte aller arbeits-wegen, weil sie noch mit dem Vater ihres 40% losen Berufsausbildung sind ohneAlleinerziehendenKindes zusammen ist. Der 20-jährige Cartier arbeitet als Tischler und will „oft zu Besuch kommen“.Haushalte Alleinerziehender*Viele der Väter würden sich trennen,insgesamt: 1,6 Mio. wenn die Freundin schwanger sei, erzäh- len die Sozialarbeiterinnen. Theoretisch sind die jungen Männer verpflichtet, Un- Quelle: terhalt zu zahlen, aber wer keine ArbeitBundesagenturfür Arbeit 2010; hat, kann auch nicht zahlen. Betreuerin *mit Kindern unter 18 JahrenBikádi warnt davor, nur die Väter zu ver- dammen. „Auch viele junge Mütter tunkümmern. Natürlich ist es schwierig, al- sich in einem Stadtteil wie Marzahn-Nordlein Kinder großzuziehen, selbstverständ- leicht mit der Trennung“, sagt sie.lich ist es schlimm, wenn der ErzeugerFinanziell ist das kein Nachteil, dennsich aus dem Staub macht, noch bevor alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin-das Kind geboren ist. Doch der Staat un- nen erhalten zusätzlich eine Zulage vonterstützt bedürftige Alleinerziehende ver- durchschnittlich etwa 140 Euro. „Hartzgleichsweise großzügig und schafft genau IV schafft keine Anreize, in eine Bezie-so Anreize, gar nicht zu arbeiten. Be- hung zurückzukehren“, sagt Heinrich Alt,kommt eine Hartz-IV-Empfängerin ein Vorstand der Bundesagentur für Arbeit.Kind, muss sie sich drei Jahre lang nicht Alt würde die Zulage für Alleinerzie-um Ausbildung oder Arbeitssuche bemü- hende deswegen am liebsten abschaffen –hen. Unbelästigt vom Jobcenter kann sie zumal es ein offenes Geheimnis ist, dasssich in Ruhe ums Kind kümmern. Für viele Paare die Trennung vortäuschenMädchen, die mit 16 schwanger würden, und sich die Väter nur zum Schein einesei das aber „völlig falsch“, sagt Bikádi. andere Wohnung suchen. Sind Mann undViele junge Mütter brächen vor der Ge- Frau Hartz-IV-Empfänger, gibt es beiburt des ersten Kindes Schule oder Aus- zwei Kindern rund 250 Euro im Monatbildung ab und stünden nach drei Jahren mehr, wenn sie getrennt leben. Und Geldmit leeren Händen da.fürs Nichtstun, sagt Bikádi, das sei es, was Einige flüchteten deswegen „gezielt“ Menschen „lethargisch“ mache.in die nächste Schwangerschaft, glaubt Bi-GUIDO KLEINHUBBERTkádi. Durch die geplante Einführung desBetreuungsgeldes könne sich das noch ver-schärfen – zumindest dann, wenn die alsVideo:„Herdprämie“ kritisierte Zulage nicht aufSo lebt die alleinerzie-die Hartz-IV-Bezüge angerechnet werde. hende JessicaNatürlich lässt sich von den Regelsätzen Für Smartphone-Benutzer:nicht komfortabel leben, eine Mutter mit Bildcode scannen, etwa mitzwei Kindern bekäme etwa tausend Euroder App „Scanlife“.48D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 38. SzeneWas war da los,Herr Wu?Wu Daifu, 34, chinesischer Tierpfleger,über seine Arbeitskleidung: „Es ist wich-tig, dass Menschen möglichst wenigEinfluss auf ein Panda-Baby habenund das Tier nicht von ihnen abhängigwird. Deswegen trage ich das Panda-Kostüm, wenn ich das Gehege sauber-mache oder die Bärenjungen zurUntersuchung bringe. Dieses Panda-Baby ist vier Monate alt. Es wurde inunserer Forschungsstation in Wolongin der Provinz Sichuan geboren. Wirmessen regelmäßig seine Größe unduntersuchen die Zähne, die Augenund den Urin. Wenn die Pandas zweiJahre alt sind, werden sie in der Wild-nis ausgesetzt. Ich selbst habe be-stimmt schon 10, 20 Panda-Babys auf-gezogen. Unser Panda-Kostüm istmaßgeschneidert und wurde neulichnoch verbessert. Wir haben jetzt einWinter- und ein Sommerkostüm. CHINA DAILY / REUTERSTrotzdem schätze ich, dass erwachse-ne Bären wissen, dass ich kein echterPanda bin. Schon wegen des Ge-ruchs.“ Wu Ist Bayern am Ende, Herr Beckmann?Am 19. Mai verlor der FC Bayern SPIEGEL: Wir reden von 62 500 Zuschau- richtig machen und konzentriert sich aufMünchen das Finale der Championsern im Stadion, und Sie kommen mit die Ausführung des Schusses. Weil dasLeague. Der Münchner Sportpsycho- Ihrer Oma. bei einem Profi eigentlich hoch auto-loge Jürgen Beckmann, 57, erklärt, wieBeckmann: Durch das Ausatmen ver-matisiert ist, verliert er sein Ballgefühl.man die Spieler mental aufbauen langsamt sich der Herzschlag, das be-Statt besser wird der Schuss nun schlech-könnte. ruhigt. Ein anderer Trick wäre auch, ter. Wenn der Spieler die linke Faustkurz vor dem Schuss die linke Hand ballt, aktiviert er die rechte Gehirnhälf-SPIEGEL: Wie überwinden die Spieler zur Faust ballen.te. Dadurch verlässt er sich wieder aufdes FC Bayern die Niederlage? SPIEGEL: Was bringt das? die automatisierte Ausführung, das Ball-Beckmann: Am besten ist es, die FehlerBeckmann: In Drucksituationen domi-gefühl ist da, und der Ball ist im Tor.zu analysieren, um daraus zu lernen.niert oft die linke Gehirnhälfte. DerSPIEGEL: Acht Bayern-Profis sind imSPIEGEL: Soll Schweinsteiger analysie-Spieler denkt an Technik. Er will allesEM-Kader der deutschen Fußballnatio-ren, warum er an den Pfosten schoss? nalmannschaft. Sollten die Spieler erstBeckmann: Ich fand schon merkwürdig, mal auf der Bank sitzen?dass er bei Robbens Elfmeter nicht Beckmann: Nein. Der Bundestrainerhinschauen konnte. Die Nerven lagenJoachim Löw wird das schon richten.möglicherweise so blank bei ihm, dassSPIEGEL: Wie?er vielleicht bei seinem eigenen Elfme-Beckmann: Er wird den Bayern-Spie- TOBIAS KUBERSKI / GES-SPORTFOTOter die Konzentration nicht aufbringen lern klarmachen, dass die EM ihrekonnte. Das könnte er analysieren, umChance ist zu zeigen, dass sie erfolg-daran zu arbeiten. reicher sein können als gegen Chelsea.SPIEGEL: Ist ja verständlich, dass er auf- SPIEGEL: Sind Sie als Münchner trauma-geregt war.tisiert durch die Niederlage?Beckmann: Aber es gibt da ein paar Beckmann: Nein, ich schaue mir zwarTricks. Einen kannte meine Oma gern guten Fußball an, aber ich fahreschon: tief ausatmen. Fußballer Schweinsteiger eigentlich lieber Ski.52 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 39. GesellschaftSelbstjustizEINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie ein Richter einen Fall mit dem Polierlappen erledigteA mtsgericht Delmenhorst, an einem Rüdebusch fährt selbst einen schwar- die gehöre auch noch dazu. Rüdebusch Dienstag um 9.20 Uhr, zum Aufruf zen Passat, 14 Jahre alt, mit einem Krat-fragte, warum er diese Schramme dann kommt die Sache 660 Js 37731/11. zer, der sich über die ganze Seite zieht.nicht der Polizei gezeigt hatte, die denStreitgegenstand ist ein Lackfleck. Farbe Poliermittel? Hatte er nicht. Also fragteFall aufgenommen hatte. Und überhaupt,Rot, Länge dreieinhalb Zentimeter, Fund- er den Christian, seinen Kumpel. Begna- da habe doch schon einer mit demstelle: am Türrahmen einer grauen A-Klas- deter Autoschrauber. Der gab ihm eineLackstift gearbeitet. Ob es nicht seinse. Kann von einem Toyota sein, der im Poliermilch und sagte: „Du glaubst garkönne, dass dieser Schaden schon vielMärz 2011 neben dem Mercedes auf einem nicht, was man damit alles wegkriegt.“älter sei.Parkplatz stand. Linke Tür trifft rechte Sei- Und so ging Rüdebusch am Tag derEs ging in den Gerichtssaal, Rüdebuschte, Rot auf Grau. Das Übliche. Eines dieser Verhandlung auf den Parkplatz. Er fragte erwartete die Anträge. Er fragte den Mer-30-Minuten-Verfahren, bei denencedes-Fahrer, ob er seine Klagedie Justiz zur Abfertigungsanlagejetzt nicht lieber zurücknehmenwird. Macht gemäß Kostenvoran- wolle. Nein, wollte der nicht.schlag, dem Papiergeld der Amts- Stattdessen beschwerte er sich:gerichtswelt, 430 Euro an den Klä- dass Rüdebusch ihn lächerlichger. Nächster bitte! gemacht, ihn vorgeführt habe. So hat sich das der Mercedes-„Wissen Sie, wen Sie vorgeführtFahrer wohl auch gedacht, denn haben?“, so erinnert sich Rüde- JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELso läuft das doch, weiß doch je- busch an seine Antwort. „Sichder, ist doch Alltag in deutschenselbst und Ihren Anwalt. Sie sindGerichten: der Fotobeweis, das für mich ein Schlitzohr, und heu-Gutachten, der Kostenvoran-te sind Sie einfach mal an einenschlag, Entscheidung nach Ak-Besseren geraten.“ Wenn er dietenlage. 430 Euro für dreieinhalbKlage zurückziehe, werde es aberZentimeter. Standardsache. billiger für ihn, statt 105 Euro Ge- Aber diesmal kein Standard- richtskosten nur 35. Immerhin,Richter. Stattdessen Marco Rüde- das wirkte.busch, 45. Einer, der gern malAls das Landgericht Oldenburg„Alles cool“ oder „Alter Schwe-Rüdebusch: „Darf ich mal?“den Fall an die Presse gab, staun-de“ sagt. Der auf seinem Richter-te Rüdebusch über die Anrufe,tisch Verkehrsunfälle mit dendie er bekam. Vielleicht koket-Matchbox-Autos seines Sohnes tiert er auch nur damit, über-nachstellen lässt. Und vor allem rascht zu sein.einer, der gute Geschichten er- Schon 2011 hatte er einenzählt, über einen Vater, der fastGrenzstreit unter Nachbarn da-alles reparieren konnte. Sogar mit beendet, dass er eine Sägeeine Glühbirne. Eine Glühbirne?genommen und gefragt hatte,„Wenn der gerissene Draht noch welche überhängenden Äste erlang genug ist, die Birne schüt- denn jetzt gleich mal wegnehmenteln, bis die Drahtenden sich be-Aus der „Süddeutschen Zeitung“könne. Alles cool. Dafür wähltenrühren. Dann Strom hinein, und ihn die Leser der Oldenburgerder Draht schmilzt wieder zu- „Nordwest-Zeitung“ zum Mannsammen.“ So einer. des Jahres, neben der Frau des Also hatte sich Richter Rüdebusch vor- den Kläger: „Ist das der Schaden?“, er Jahres, die Angela Merkel hieß, und demgenommen, an diesem Tag etwas zu repa- fragte: „Darf ich mal?“ Und nach 20 Se- Paar des Jahres, Kate und William.rieren, was sich vermutlich noch schwerer kunden, erzählt Rüdebusch heute, warRüdebusch erzählt das, als wisse erreparieren lässt als eine Glühbirne: das der rote Strich verschwunden. immer noch nicht recht, was er davonVertrauen in den gesunden Menschenver-Rüdebusch war zufrieden. Kein Scha-halten solle. Er, der Richter aus Delmen-stand der Justiz. Er hatte Herrn Mercedes den mehr, also auch keine Lack-Spektral- horst, neben solchen Prominenten, dasund Frau Toyota mit ihren Autos auf den analyse für 600 Euro, kein Gutachten für sei doch etwas merkwürdig gewesen.Gerichtsparkplatz bestellt. Er kannte die 1000 Euro, keine Kosten für die Versiche- Allerdings bei weitem nicht so merkwür-Fotos aus der Akte. Er wusste: Es gab keine rung, keine höheren Beiträge für Fraudig wie eine Justiz, in der es ganz normalKerbe, nur etwas roten Lack. „Killefitz.“ Toyota, und am Ende der Kette: keine ist, über Jahre hinweg Akten zu Akten-Er hatte deshalb schon zwei, drei Tage lang höheren Beiträge für die Versicherten- bergen wachsen zu lassen. Ohne dass derüber den Fall gegrübelt. Wenn es keine Ba- gemeinschaft. Eine Selbstjustiz der Ver-Richter auch nur einmal von seinem Platzgatellgrenze im deutschen Zivilprozess gibt, nunft; Fall erledigt, alle glücklich. Alle? aufsteht, zur Tür hinausgeht und draußensagt er, dann gibt es auch keinen Grund für Der Kläger war nicht glücklich. Er nachschaut, wer eigentlich recht hat.Richter, sich das Nachdenken zu ersparen. zeigte auf eine Schramme daneben: Hier,JÜRGEN DAHLKAMP D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 53
  • 40. Internetpionier NeuendorfKUNSTMARKT Der Goldgräber Was Immobilien für die Mittelschicht sind, ist Kunst für die Reichen: eine Anlageformin unsicheren Zeiten. Der deutsche Händler Hans Neuendorf, schon lange imGeschäft, will mit seiner Internetbörse das große Geld verdienen. Von Thomas Hüetlin DIRK ANSCHÜTZ / DER SPIEGELH ans Neuendorf, offener weißerendorf weigerte sich, seinen Glastisch zuSo wie Neuendorf es erzählt, war es Kragen, dunkle Hosenträger, stehtverlassen. „Nee, das World Trade Center bloß ein weiterer Tag im Büro, an dem am Fenster seines New Yorker Bü- fällt doch nicht bis hierher“, sagte er.er die Nerven behielt.ros, 23 Stockwerke weiter unten liegt dieErst als die Türme einstürzten, es fins-Ob das stimmt, weiß kein Mensch au-Baustelle von Ground Zero. Neuendorfter wurde und der Staub durch die ge- ßer ihm. Denn es gab niemanden, der zu-war dabei, als alles zusammenbrach, und kippten Fenster drang, stand Neuendorfsammen mit Neuendorf ausharrte hierjetzt ist er dabei, als alles wieder aufge- auf. Er schloss die Fenster.oben im 23. Stock. Es darf aber angenom-baut wird. Die Durchsagen – „Wer jetzt noch immen werden, dass Neuendorf wirken Neuendorf schiebt sich ein Stück Gebäude ist, raus, sofort“ – ignorierte er. möchte wie ein Bruce Willis der Kunst-Quiche in den Mund, sein Mittagessen. Stattdessen schrieb er E-Mails: „Wir ha-welt: cool, unerschrocken, scharfsinnig,Dazu benutzt er weißes Plastikbesteck.ben nichts abgekriegt.“ mutig. Einer, um den herum die Welt un-Er erzählt von jenem Septembertag vorEr habe, sagt er heute, damals gedacht,tergeht und der bloß einmal aufsteht, umelf Jahren. dass es oben im 23. Stock ungefährlicherdie Fenster zu schließen. Neuendorf war früh in seinem Bürosei als unten, wo Panik herrschte. Er sagt Neuendorf ist 74 Jahre alt. Er kenntdamals, wenige hundert Meter von dennicht, es war die Hölle. Nicht, die armen den modernen Kunsthandel seit den fünf-Twin Towers entfernt. Es gab Durchsagen:Leute, die in den Trümmern begraben ziger Jahren, er hat viel erlebt, viel Geld„Bitte das Gebäude räumen“, Mitarbeiter wurden. Er sagt nicht, es war der Tag, an verdient, er hätte sich auf seine moderneriefen: „Die Türme fallen um.“ Aber Neu-dem sich die Welt änderte.Burg auf Mallorca zurückziehen können,54D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 41. Gesellschaft die ihm der Architekt von Calvin Klein „Ein besorgniserregender, idiotisch ho- litz-Auktion ausdrucken. Ein paar Augen- und Giorgio Armani gebaut hat. Aber da- her Preis“, sagt Neuendorf über den neu- blicke später hat er die versteigerten „Hel- von will er nichts wissen. Stattdessen sitzt en Rekord am Kunstmarkt, den vor drei den“-Bilder von Baselitz auf dem Tisch. er in einem New Yorker Büroturm und Wochen die Versteigerung von Edvard „Spekulation“ für 5 195 000 Dollar, „Gro- hat nur noch ein Ziel. Er will den Kunst- Munchs „Der Schrei“ bei Sotheby’s in ße Nacht“ für 3 845 000 Dollar, „Der handel, der ihn reich gemacht hat, refor- New York erzielte.Baum“ für 2 855 000 Dollar, „Drei Her- mieren, und zwar gründlich.Der Hammer fiel bei 119,9 Millionen zen“ für 2 046 000 Dollar.„Wenn ich ein Auto verkaufen will, Dollar, der Käufer blieb anonym, aber Neuendorf lächelt. Neid liegt in diesem dann schaue ich in die Schwacke-Liste, Neuendorf sagt, in diesen Dimensionen Lächeln, vor allem aber Bewunderung. wie viel das Ding wert ist“, sagt Neuen- würden nur noch Menschen mitmischen, „Da hat der Graf richtig abkassiert“, sagt dorf, „und in einer Woche bin ich die Kis- „die das Geld eingenommen, aber nicht Neuendorf. Aber es sei ein gerechter te los.“ verdient haben: Ölkönige aus Dubai, rus- Lohn. Schließlich habe der Graf die Bil-Wenn es nach Neuendorf geht, dann sische Oligarchen, Hedgefondsmanager“. der 30 Jahre lang gehalten. sollen Bilder von Chagall, Picasso oder Für die Reichen scheint Kunst das zu sein,Der Kunstmarkt ist keine offene Lichtenstein verkauft werden wie Ge- was Gold und Immobilien für die nicht Veranstaltung. Er lebt von den Hinter- brauchtwagen, mit Listenpreis, für jeden ganz so Reichen sind: eine begehrte Form zimmern, dem Unter-sich-Sein, der einsehbar, meistbietend übers Internet. der Anlage, eine Währung der Zukunft. wohlplatzierten, gezielten Indiskretion. Seine Firma Artnet betreibt er seit 20 Jah-Neuendorf telefoniert. Es geht um Transparenz oder die offene Indiskretion, ren. „Artnet hat den umfassendsten glo- Georg Baselitz, den bekannten deutschen wie Neuendorf sie betreibt, ist der balen Datenspeicher, was Kunst betrifft“, Künstler, der so wohlhabend ist, dass er Kunstwelt ein Graus. Sie gilt als billig, sagt Neuendorf, „und jetzt wird es außer- in einem Anwesen am Ammersee wohnt, plebejisch, niveaulos. dem das größte Auktions-Normalerweise ist der haus der Welt“, in seiner„Big Torn Campbell’sGalerist oder der Händler Vorstellung größer und Herr über den Preis. Er mächtiger als Sotheby’s undSoup Can“ nennt ihn dem Kunden am Christie’s zusammen. Bei von Andy Warhol,liebsten unter vier Augen, Artnet zu verkaufen seivon Neuendorf 1964 er-oft flüsternd. Der Einzelne schneller, transparenter, vorfolglos ausgestellt insoll das Gefühl haben, em- allem kostengünstiger, sagtHamburg zum Preis von porgehoben zu werden in Neuendorf. 10 000 Dollar, ge-die Kaste ausgesuchter Ken-Vergangenes Jahr wurde schätzter Wert 2012: nerschaft. der erste Warhol über Art-60 Millionen Dollar.Neuendorfs Artnet zer- net versteigert. Es war einstört diese Aura der Ex-FRANCIS PICABIA/COQUETTERIE,1922/ VG BILD-KUNST BONN, 2012 (U.); 2012 THE ANDY WARHOL FOUNDATION OF THE VISUAL ARTS,INC/ARTISTS RIGHTS SOCIETY(ARS), NY (O.) grünes Bild mit blauen klusivität. Hier zählen nur Blumen. Das Mindestgebot das Werk und der Preis, im lautete 800 000 Dollar. DasPrinzip so wie in einem Motiv war sechs Tage imSupermarkt, und damit Netz zu besichtigen. Kurz „Coquetterie“nervt er die ganze Branche. vor Schluss zogen die Ge-von Francis Immer häufiger nämlich bote an. Neuendorf gingrücken die Kunden in den zumMittagessenbeiPicabia,Hinterzimmern mit Aus- 800 000. Als er sein Sand- von Neuendorf drucken von Neuendorfs wich verspeist hatte, stand1988 verkauft inArtnet über die weltweiten der Warhol bei 1,3 Millio- Paris an CharlesPreise eines Künstlers an nen Dollar, Zuschlag erteilt,Saatchi, London,und verpesten damit die vorbei.für 200 000 Dollar, gepflegte Atmosphäre.Neuendorf stellt einenversteigert im JuniUmsätze und Auktionser- Fuß gegen die gläserne 2008 bei Sothe- gebnisse für mehr als 4000 Schreibtischkante. Seinby’s, London, für Künstler lassen sich auf Art- Blick geht zum Fenster hin-1 850 000 Dollar. net abrufen und versetzen aus, über den westlichen auch den Hobbysammler in Rand von Manhattan, über das graue maßgefertigt von den Architekten Herzog den Stand eines kompetenten Geschäfts- Wasser des Hudson, hin zu einer überdi- & de Meuron, die sonst Sachen bauen partners. Der Käufer gewinnt an Macht, mensionierten Uhr in New Jersey, deren wie das Olympiastadion von Peking. der Händler dagegen verliert. Deshalb ist Zeiger stehengeblieben sind. „Ein Graf aus Deutschland“, sagt Neuendorf für viele Galeristen der Feind.Jetzt ist seine Zeit gekommen, daran Neuendorf, „hat neulich seine Baselitz- Der internationale Kunsthandel ist in glaubt er, das sagen ihm die Zahlen. Als Sammlung abgestoßen bei Sotheby’s in den letzten 30 Jahren gewaltig gewachsen. Lehman Brothers dichtmachte und nach London.“ Der Graf habe so viele Baselitz’ Allein der Umsatz von Kunstauktionen dem 11. September die zweite große Ka- gehabt, dass er den Überblick darüber hat sich in den vergangenen zehn Jahren tastrophe das neue Jahrtausend überkam, verloren hätte, woher die Bilder ursprüng- verfünffacht. Kunst ist nicht mehr nur sah es schlecht aus für Hans Neuendorf. lich kamen. In seiner Verwirrung habe reserviert für eine kleine, bildungsbürger- Die Finanzkrise riss den Kunstmarkt der Graf bei ihm angerufen und gefragt: liche Elite, sie ist ein Statussymbol, ein gleich mit in die Tiefe, zwei Jahre lang Du hast mir doch auch mal acht Stück Indiz für Macht und Ego, eine Aktie, die gingen die Preise nach unten. Seit 2010 verkauft, richtig?man sich an die Wand hängt. Die 6,5 Mil- allerdings hat sich die Richtung geändert, „Donnerwetter, der Graf hatte ganz lionen Pfund, die ein Hedgefondsmana- es scheint keine Grenzen zu geben auf schön was gebunkert“, sagt Neuendorf ger aus Connecticut im Jahr 2004 für ei- dem Weg nach oben. Allein im vorigen voller Respekt.nen in Formaldehyd eingelegten Hai des Jahr wurden weltweit mit Kunst 46 Mil- Neuendorf winkt seine Assistentin her- britischen Künstlers Damien Hirst über- liarden Euro umgesetzt.an. Sie soll ihm die Ergebnisse der Base- wies, wurden zum frivolen Symbol fürD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 55
  • 42. GesellschaftKunsthändler Neuendorf 1966*Drei Warhols, bedeckt mit einer Plastikplaneden Ansturm des neuen Geldes auf dieKunst. Gleichzeitig hat sich der Handel globa-lisiert. Vermögende Russen und Chinesentreiben die Preise, erweitern ein Geschäft,das Jahrzehnte lang auf Europa und Ame-rika beschränkt war. 106 Millionen Dollarfür einen Picasso, 140 Millionen für einenJackson Pollock, 100 Millionen für einenWarhol, 86 Millionen für einen Francis Ba-con, bezahlt von Roman Abramowitsch,dem russischen Oligarchen, im Mai 2008. Diese Preise gebe es auch dank Artnet,sagt Neuendorf, das Portal habe den Kun-den Sicherheit gegeben. Aber Neuen-dorfs Firma kommt nur langsam voran.Während die Erfinder von Amazon oderEbay Milliardäre sind, muss Neuendorfsein Unternehmen immer wieder mitdem Verkauf von Kunstschätzen finan-zieren, die er als Galerist in den sechzigerund siebziger Jahren anhäufte. Neuendorf ist fasziniert von Geld.Gern redet er von Kunst als einer Ware,und die würde er am liebsten nach demVorbild von Walmart verkaufen, jeneramerikanischen Supermarktkette, derenStärke darin liegt, alle anderen im Marktzu unterbieten. Neuendorf stürmt aus seinem Büro,hetzt den Broadway hinauf, wo er sichneue Räume ansehen will, im legendärenWoolworth Building, einem schlossarti-gen Wolkenkratzer mit kupfergrünemDach, einem Monument, das sich der ers-te Kaufhauskönig gleichen Namens vorhundert Jahren in der Nähe der WallStreet hat errichten lassen. Neuendorf istein kleiner Mann, er wird schnell unsicht-bar im Gewimmel des Bürgersteigs. Ermag hohe Häuser. Sein erstes Geschäft machte er mitneun Jahren, als er die weggeworfenenFilzstiefel deutscher Kriegsheimkehrerbei einem Bauern gegen eine Weihnachts-gans tauschte. Er sammelte halbgerauchteZigaretten amerikanischer Soldaten vonder Straße auf, stahl liegen gebliebeneKartoffeln von den Feldern, fahndete sozialisten verhöhnt, verfolgt, verboten, lach, 85, gehört zu dem Menschen, dienach Splittern explodierter Fliegerbom-hatte es immer noch schwer in der auf-Deutschland nach dem Krieg kulturellben. Heute rühmt er sich: „Ich hatte da- wachsenden Demokratie. Aber Neuen-und gesellschaftlich modernisierten. Seinmals die größten Bombensplitter.“dorf war infiziert. Stadthaus ist gefüllt mit Zeugnissen die- Ein Untermieter seines Vaters, der ei-Er lieh sich von seinem Vater 300 Mark, ses Weges. In seine Wohnzimmerregalenen Koffer zurückgelassen hatte, brachte fuhr per Anhalter nach Paris, besorgtehat er aus Platzmangel gerahmte Bilderden Sammler Neuendorf zur Kunst. Grafiken von Chagall, verkaufte die Ar- einsortiert wie Bücher. Er zieht eines mit„Schau mal nach, ob da nicht was Ordent- beiten an Zahnärzte und Rechtsanwälte einem roten Rahmen heraus. „Ist ein Kip-liches drin ist“, sagte der Vater zu seinemfür das Doppelte. Anfang der sechzigerpenberger“, sagt er.Sohn. Neuendorf fand ein Aquarell mitJahre gründete er seine erste Galerie, dreiNeuendorf gehörte zu denen, die dieSegelbooten, es stellte sich heraus, dassZimmer in einer Parterrewohnung imPop-Art nach Deutschland brachten, er-es von Lyonel Feininger stammte, esSchatten der Hamburger Grindel-Hoch-zählt Gundlach. „Der Erste, der zu diesenbrachte 3000 Mark. häuser. Neuendorf war 26 Jahre alt, Kon-Engländern und Amerikanern intensive Da leuchtete plötzlich ein Markt auf, kurrenz gab es wenig, in DeutschlandKontakte hatte und wusste, wie man mitden es in Deutschland eigentlich nicht existierten gerade mal ein Dutzenddiesen Leuten umgeht.“gab. Moderne Kunst, von den National-Galerien.Mit seinem Bruder fuhr Neuendorf im Der Modefotograf F. C. Gundlach geliehenen Lastwagen nach Paris, Ziel* Mit einem Bild von Allen Jones.wohnt bis heute in dieser Gegend. Gund- Ileana Sonnabend, Galeristin. Auf dem56 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 43. Laster zurück Richtung Hamburg standen ted Artists“, bat Bekannte und wohl- Er hatte alles richtig gemacht, glaubte er.drei geliehene Rauschenbergs, zwei Lich- habende Geschäftsleute um eine Einlage Aber dann versickerte der Boom in Japan,tensteins, drei Warhols, drei Jasper Johns’, von je 50 000 Mark. Dieses Geld, sagte Neuendorf konnte die Kredite nicht mehrbedeckt von einer Plastikplane. Neuen- Neuendorf den Anlegern, werde er ver- bedienen und musste seine Schätze unterdorf zeigte die Bilder in seiner Galerie, mehren, Rendite zehn Prozent im Jahr. Wert verkaufen. „Auf diese Weise wardoch niemand wollte sie kaufen. Zurück Sein Plan: Wenn schon das hanseatische ich gezwungen, einen großen Teil meinesnach Paris, Höchstgeschwindigkeit 60 Kunstpublikum so träge sei, müsse man Vermögens zu vernichten“, sagt er heute.Stundenkilometer, Autobahn gab es nicht. die Geschwindigkeit des Marktes anpas- Der Mann, der damals zwischen Neu- Mit David Hockney lief es ähnlich. Nur sen und die Arbeiten erst nach zehn Jah- endorf und den Banken vermittelte, heißtGundlach hatte Verwendung. Er nutzte ren verkaufen. Ende der Siebziger hatte Rudolf Zwirner. Zwirner lebt heute in ei-die Swimmingpool-Bilder des Mannes Neuendorf das Kapital der Anleger ver- ner weißen Villa im Berliner Grunewald.aus Los Angeles, um Bademoden für „Bri- doppelt, aber der Umgang mit diesen Leu- Er war früher ein Geschäftspartner Neu-gitte“ zu fotografieren.ten strengte ihn an. Sie wollten nun auch endorfs, beide gehörten zu den Organisa- Neuendorf ließ sich nicht abschrecken, über Kunst reden, obwohl sie nichts von toren des ersten Kölner Kunstmarkts 1967,spielte Schach mit Hockney und bezahlte Kunst verstanden. jener Veranstaltung, aus der sich später diedessen Strafzettel. In Los Angeles entdeck- Als dann Mitte der Achtziger der Art Cologne und moderne Kunstmessente Neuendorf den Bildhauer Robert Gra- Frankfurter Oberbürgermeister den im Stil der Art Basel entwickelten. Beideham, der ihn bat, ihm eine Wohnung in Kunsthändler Neuendorf bat, samt Gale- wollten Wachstum, den Markt vergrößern.London zu besorgen. Außerdem wollte er rie in seine Stadt zu ziehen, hatte er end-Von Geld sei Neuendorf immer mehrin der düsteren Stadt mit einem Porsche lich, was er immer wollte: Wertschätzung fasziniert gewesen als von Kunst, erzähltherumfahren, in Schwarz. Graham über- und Unterstützung, er konnte sein eige- Zwirner. Neuendorf habe die Kundenließ ihm zwei Mappen mit taxiert, deren Schuhe,Grafiken, Neuendorf liefer- „Rebell“ von Handtaschen und Uhrente vom Erlös den Porsche,geschätzt, und wenn ihmfabrikneu aus Stuttgart. Georg Baselitz, gefiel, was er sah, richtig Im Jahr 1969 konnte Neu-von Neuendorf 1973Gas gegeben.endorf zum ersten Mal rich- ausgestellt in Ham-„Er hatte diesen Tick mittig Geld verdienen, als er in burg zum Preis von dem großen Geld“, sagtItalien Arbeiten von Cy12 000 Mark, ihmZwirner. Neuendorf mieteteTwombly besorgte. Die elf1982 abgekauft voneine Villa für 9200 Euro imBilder lehnten an der Wand,der Tate Gallery, Monat, seine Frau flog re-eingerollt. Die Großen soll-London, fürgelmäßig zum Friseur nachten 2500 Dollar kosten, die 80 000 Mark, ge- Paris. Spätestens nach sei-weniger großen 2000. Neu- schätzter Wert 2012: ner Pleite in Frankfurt spür-endorf schob sie durchs5 Millionen Dollar. te Hans Neuendorf, dass esSchiebedach eines Fiat 500 Zeit war, etwas zu ändern.und fuhr so zum Flughafen.Er stürzte sich AnfangIn Köln auf dem damaligender neunziger Jahre aufKunstmarkt trieb er damiteine Idee, die ihm eindie Preise durch die Decke,Sammler namens Pierreer erlöste 20 000 Mark pro Sernet auf der KunstmesseBild.in Paris erläutert hatte. Ser- Mit Neuendorfs erstem „Flag“ von Jasper Johns,net hatte Verfahren entwi-deutschen Künstler, Georgvon Neuendorf 1964 erfolglosckelt, um Abbildungen vonBaselitz, gab es gleich wie- ausgestellt in HamburgKunstwerken und die dazu-der einen Rückschlag. Diezum Preis von 10 000 Dollar,gehörigen Preise elektro-Bilder waren zu groß für geschätzterWert 2012: nisch zu veröffentlichen.die Wände der Galerie. 30 Millionen Dollar. Es gab noch kein InternetGundlach vermittelte Räu-damals, Sernets Firma ver-JASPER JOHNS/FLAGGE ÜBER WEISS/AKG/VG BILD-KUNST, BONN 2012 (U.); GEORG BASELITZ (O.)me in einem Bunker in derschickte CDs mit einer Soft-HamburgerFeldstraße. ware, mit der Kunden Ab-„Entsetzlich“ fanden die meisten Besu- nes Zentrum gestalten, in dem moderne bildungen und Preise aus dem Telefon-cher die „Heldenbilder“. Wenige kauften, Kunst ernst genommen wurde.netz abrufen sollten. Es war kompliziert,darunter Gundlach, der ein Werk für „Frankfurt schwamm im Geld“, sagt Neu- und es funktionierte nicht richtig.12 000 Mark erwarb. endorf. Sie stellten ihm ein GaleriehausNeuendorf glaubte an die Idee, investier- Wenn man mit Neuendorf über seine samt Wohnung, er holte Sotheby’s an den te Millionen, und als Mitte der neunzigerVersuche spricht, den Schwung der Sech- Main, er wollte im Zentrum des bundes- Jahre das Internet seine Revolution begann,ziger nach Hamburg zu holen, formt sich deutschen Kapitalismus, dem Reich der Ban- gehörten ihm bereits 85 Prozent der Firma.sein schmaler Mund zu einem spöttischen ken und des größten Flughafens Deutsch- Trotzdem kam Artnet nicht aus den rotenLächeln. Das Normale war, sagt er, dass lands, ein „ganz großes Rad drehen“.Zahlen. „Mein Anteil wurde durch immer„die Pfeffersäcke nichts kauften“. Bei sei- Der Boom verlagerte sich Richtung neue Kapitalerhöhungen verwässert“, sagtner ersten Warhol-Ausstellung habe der Japan, und Neuendorf schien recht zu Neuendorf, „und ich musste trotzdem wei-Direktor des Museums für Kunst und Ge- behalten. Die Banken, die früher dem ter Kunstwerke aus meinem Lager versil-werbe nur abschätzig die herumschwe- Kunsthandel die Kredite verweigert hat- bern, um den Verschleiß zu bezahlen.“benden Heliumkissen zerknautscht. Man ten, riefen jetzt bei ihm an, sie wollten Es reichte nicht. Schließlich holte erhielt Warhol für Quatsch, Lichtenstein die Welle nicht verpassen. Neuendorf sich noch mehr Geld, indem er Artnet anfür überschätzt, Baselitz für indiskutabel. kaufte den gesamten Nachlass des fran- die Börse brachte. Neuendorf hatte eine neue Idee. Er zösischen Malers Francis Picabia, inves-46 Euro kostete die Aktie, Neuendorfgründete einen Fonds, nannte ihn „Uni- tierte groß in den Italiener Lucio Fontana. hielt 1,6 Millionen Stück. Er verkaufte da-D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 57
  • 44. Gesellschaftvon neun Prozent, erlösteDatenspeicher kennt. Heute ist6 624 000 Euro, eine Menge er allerdings auffällig char-Geld, wovon er erst mal Schul- mant, denn Neuendorf stelltden abbezahlte, die er mit sei-bei ihm Plastiken des Künst-nem teuren Lebensstil, vier Kin- lers Robert Graham aus, jenesdern auf Privatschulen, einemMannes, dem er in denTownhouse in der vornehmen sechziger Jahren in London63. Straße angehäuft hatte.den schwarzen Porsche vor die Auch die Firma war durchTür gestellt hatte. In aufgeheiz-den Börsengang um 26 Millio- ten Zeiten wie diesen hoffennen Euro reicher geworden. beide, selbst mit einem schwer-Neuendorf investierte, in neue verkäuflichen Künstler wieRäume, in neue Mitarbeiter, in Graham Geld machen zu kön-großes Marketing, in Online- nen.Auktionen, um, jedenfalls nach Über dem Betonfußbodenseiner Vorstellung, mit Sothe- sind in kleinen Glaskästen dieby’s und Christie’s konkurrie- Arbeiten Grahams verteilt. Fei-ren zu können. Das Credo der nes Bienenwachs modelliert zuZeit hieß: Umsatz steigern,winzigen Frauen, in Betten lie-Marktanteile sichern, abgerech-gend, auf Kartoffeln reitend,net wird später. Nach zwei am Strand sich sonnend, gleich-Jahren waren die 26 Millionensam schwebend in einem end-Euro ausgegeben. Nachdem losen Müßiggang aus Drogen,der Neue Markt zusammenge- Pazifikgischt und Geld. Jederbrochen war, verlor auch Art-Puppenkasten kostet um dienet dramatisch an Wert, bis die200 000 Dollar.Aktie 2003 nur noch mit 25 Neben der Skulptur einerCent notierte. barbusigen, nur einen silber- Andere Internet-Glücksritternen Slip tragenden Frau, die SHOOTING STAR / EYEVINEtraten den Rückzug an, lande-an einer Leine eine Kartoffelten im Gefängnis, tauchten un- hinter sich herzieht, steht dieter in neuen Firmen. Neuen-Hollywood-Schauspielerin unddorf blieb bei seinem Unter- Oscar-Preisträgerin Anjelicanehmen, hielt seine restlichen Huston. Sie war mit Graham1 456 000 Aktien, hoffte, dass Künstler Graham 2003: Bezahlt mit einem Porsche, fabrikneubis zu dessen Tod im Jahr 2008sich die Lage bessern würde. verheiratet. Eine glückliche Vor vier Wochen lag die Aktie bei 3,50 diesem Tag in Manhattan. Trotz der Zeit, sagt sie, verglichen mit den wildenEuro, inzwischen notiert sie bei 4,30 Euro. Feindschaft der beiden Alten, sagt David Jahren, die sie mit Jack Nicholson ver-Es geht bergauf, aber langsam. Immer Zwirner, halte er Neuendorf für einen der brachte.noch muss Neuendorf gelegentlich auf großen Pioniere im deutschen Kunst- Als Huston Neuendorf sieht, umarmtseine Sammlung zurückgreifen, um seine handel.sie ihn wie einen alten Freund, den Kunst-hohen Lebenshaltungskosten zu finan-Zwirner kam vor 20 Jahren nach New spekulanten, der vor 40 Jahren ihremzieren. York. In Deutschland hatte er Jazz- Mann die Bienenwachs-Mädchen für ein „Inzwischen ist das Lager böse dezi- schlagzeuger gelernt, mittlerweile führt paar tausend Dollar abnahm und sie jetztmiert“, sagt er.ihn die Zeitschrift „ArtReview“ auf Platz für den hundertfachen Preis verkauft. Neuendorf steht in einer 3000 Quadrat- neun der hundert Mächtigsten im globa- Neuendorf verschwindet in einermeter großen Galerie in der 19. Straße len Kunsthandel. Zwirner, der Jüngere, Menge von Neuankömmlingen, Hustonim New Yorker Stadtteil Chelsea. Die gilt als harter Verhandlungspartner – sagt: „Robert mochte nicht viele Men-Räume gehören David Zwirner, dem auch weil er die Preise aus Neuendorfs schen, aber Hans hat er geliebt. Er hieltSohn von Rudolf Zwirner, jenem Mann, ihn immer für einen Säugling,der nicht viel Gutes über Neuendorf der erfüllt war von Zuver-zu sagen hat. Weil in der Weltsicht.“der Kunsthändler die Freund-So richtig geändert hat sichschaft meist durch den Wett- Hans Neuendorf seitdem of-ROBERT GRAHAM/UNTITLED,1964/VG BILD-KUNST, BONN 2012kampf um die angesagtenfensichtlich nicht. An diesemKünstler zerstört wird, ist es Abend, an dem noch einmalsinnvoll, dass immer wiederdie Leichtigkeit der sechzigerneue Generationen nachrü- Jahre beschworen wird, be-cken. So gehen die Geschäfteginnt er, wieder an etwas zuweiter, und so ist es auch an glauben. Er glaubt, dass seineZeit kommen wird, so wie sieirgendwie immer kam. Er „Untitled“ glaubt daran, dass sich das von Robert Graham, Internet, wo es doch schon die von Neuendorf in den sechzi- ganze Welt erobert hat, auchger Jahren ausgestellt in Kölnden Kunstmarkt noch greifenund Hamburg für 2000 Dollar,wird. Und er glaubt, dass ersteht derzeit in New York zum dann, endlich, reich wird, und Verkauf für 220 000 Dollar.zwar richtig reich.58
  • 45. DUDERSTADTMann gehtORTSTERMIN:Beim 30. deutschen Männertreffen ist es sexy, schwach zu sein.Ihn wundere, sagt Uwe, dass das The- kommt ihm ein Mann entgegen undUwe nickt. Ziemlich beste Freunde be-ma nicht mehr junge Leute anziehe. stöhnt: „Mir ist kalt hier draußen.“ schreibt ganz gut, was er vom Männer-Das Thema Mann. Dabei gebe es vieleDabei versucht Uwe seit Tagen, das Ju- treffen erwartet. Keine Revolution, keinwichtige Fragen. „Wer bin ich als Mann? gendgästehaus zu einem Ort umzubauen, Manifest, sondern freundlichen BeistandWas ist meine Rolle in der Gesellschaft?“ der Wärme spendet. Es gibt ein Zelt der von Leidensgenossen. Starke Männer Er geht über den Flur des Jugendgäste- Stille, Jodel- und Mal-Workshops sowie machen sich auf dem Männertreffen ver-hauses Duderstadt bei Göttingen, vor sei- Diskussionen zur Frage „Bin ich mit mei- dächtig. Sie könnten irgendwann zu Pa-ner Brust baumelt ein Lederlappen, auf ner Sexualität zufrieden?“ Das Gebäude triarchen werden. Schwäche ist besser.dem sein Vorname steht. In weiten Teilen funktioniert wie eine begehbare Kuschel- Schwach zu sein ist sexy. Uwe sagt: „EsDeutschlands heißen Männer, wenn sie rock-CD. Gespräche beginnen mit den kommt hier vor, dass drei Männer einfachvon anderen Männern angesprochen wer- Worten: „Um an deinen Gedanken von im Kreis stehen und sich umarmen.“den, noch „Ey“, „Alter“ oder „Digger“. vorhin anzuknüpfen“ oder „Ich würde Abends trinken sie das eine oder ande-Beim 30. Bundesweiten Männertreffen in gerne noch einen Schritt früher ansetzen“. re Bier, nicht zu viel. Uwe hat vorab ge-Duderstadt heißen sie Uwe,klärt, dass keine Studentin-Jean und Georg. nen am Zapfhahn stehen, 170 Männer sind ange-sondern Männer. Frauenreist, Lehrer, Ärzte, Sozial- stifteten Unruhe, sagt Jeanpädagogen, um über dieaus Münster. „Ich bin froh,Lage des Mannes zu bera-dass ich hier als Mensch binten. Einige Väter haben und nicht immer auf Frau-ihre Kinder mitgebracht.enbrüste gucken muss.“Das erste MännertreffenDas Orga-Team sorgt zu-fand vor 30 Jahren statt, dem dafür, dass einmal imaber die Lage ist seitdem Jahr das „Männertreffen Ma-SVEN DOERING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELnicht einfacher geworden. gazin“ erscheint, in demNoch immer werden Män-Teilnehmer ihre Erlebnissener diskriminiert, wenn sie schildern. Im aktuellen Heftunaufgefordert ihre Gefüh-schreibt Jean über das Tref-le thematisieren. Vor kur-fen im vergangenen Jahr, eszem haben sich Frauen inhabe ihm gutgetan, Men-verschiedenen Zeitungen schen zu begegnen, die wür-und Magazinen zu Wort ge- devoll mit ihm umgegangenmeldet, denen der moder-seien. „Niemand versuchtene Mann zu weiblich ist, zu wie Charles Bronson zu wir-problemorientiert. EinigeMänneraktivist Kaulbars (2. v. r.): „Einfach im Kreis stehen“ken oder den rhetorischenMänner jaulten auf, der Au- Rambo zu mimen.“ Rambotor Ralf Bönt schrieb ein und Charles Bronson sind„Manifest für den Mann“.für die MännerbewegungDas Verhältnis der Geschlechter wurdeUwe kommt seit Mitte der achtziger das, was Pamela Anderson und Gina Wilddadurch nicht weniger kompliziert.Jahre zu den Männertreffen. Sie entstan- für den Feminismus waren. Die Antihelden. Das Männertreffen soll den Teilneh- den als Pendant zur Frauenbewegung, Jean singt gern das Lied „Ich liebe mich“.mern die Möglichkeit geben, sich vom nachdem sich Männer gemeldet hatten,Uwe geht jetzt über die Wiese undStress, ein Mann zu sein, etwas zu erholen. die das Patriarchat und dessen Hierar- bleibt in einigem Abstand vor einem ZeltDas Organisationsteam wählte dafür das chien ähnlich nervig fanden. Die Männer stehen, das mit einer grünen Plane abge-Motto „Wertschätzung erfahren“. Frauen wollten gemeinsam mit den Frauen nach deckt ist. Die Schwitzhütte. Ein altessind nicht erwünscht, außer in der Küche. einem Ausweg aus der männerdominier- Ritual der Sioux-Indianer, sagt Uwe. Die Uwe Kaulbars ist Mitglied des Orga- ten Gesellschaft suchen, aber im Gegen- Schwitzhütte ist innen dunkel und wirdTeams, 57 Jahre alt und Ingenieur in satz zum Feminismus wurde die Männer- mit glühenden Steinen beheizt. DrinnenBonn. Er trägt eine neongrüne Warnwes- bewegung nie so richtig groß. Vielleicht hocken die Männer Schulter an Schulter,te mit der Aufschrift „30. MT“, MT wie fehlte ein Idol, ein Anführer. Die männli- nackt. Eine Sitzung kann Stunden dauern,Männertreffen. Die Weste legt er nur zum che Alice Schwarzer. man muss stark sein, um bis zum SchlussEssen ab oder wenn er „privat unterwegsUwe setzt sich draußen mit einem durchzuhalten. Ein Mann, der vorher raussein“ will. Aber auch wenn er die Weste Stück Käsekuchen zu Georg und Jean. will, ruft: Mann geht. „Ein schöner Zu-nicht anhat, sprechen ihn Teilnehmer an,„Hast du Vorbilder?“, fragt Georg.gang zur eigenen Spiritualität“, sagt Uwe.die den Weg zum Seminarraum nicht „Nö“, sagt Uwe.Er guckt hinüber zum Zelt. Die Planefinden oder Klopapier brauchen. Einige„Vielleicht die Leute, die ,Ziemlich bes- raschelt, dann steht ein nackter Mann aufMänner wirken hilflos, beinahe verloren. te Freunde‘ gemacht haben, den Film aus der Wiese.Als Uwe hinaus auf die Terrasse tritt, Frankreich?“, fragt Georg. CHRISTOPH SCHEUERMANND E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 259
  • 46. TrendsBÖRSENGÄNGEFacebook wirdzum FiaskoSHANNON STAPLETON / REUTERSFacebook wollte den erfolgreichsten In-ternet-Börsengang feiern, den die Weltje gesehen hat. Nun scheint das Projektzum größten Fiasko seit dem Zusam-menbruch der New Economy zu ver-kommen. Allein vom Start der Aktieam Freitag, 18. Mai, bis zum vergange- Übertragung des Facebook-Börsenstarts in New Yorknen Mittwoch verlor das Unternehmenrund 16 Milliarden Dollar an Wert. Der Erst kurz vor dem Börsenstart sollen auch die Technologiebörse Nasdaq mussImageschaden kann noch gar nicht be- noch Prognosen über die unterneh-sich rechtfertigen, weil der Handel mitziffert werden.merische Zukunft von Facebook nach der Aktie des sozialen Netzwerks amMittlerweile ermitteln die US-Börsen-unten korrigiert worden sein. Diese In-Starttag längere Zeit zusammenbrach –aufsicht SEC wie auch die Finanzauf- formationen seien aber nur großen In-angeblich wegen des großen Andrangs.sicht. Amerikanische Anwälte sammeln vestoren zugänglich gemacht worden.„Facebook ist ein klassisches Beispielden Protest von Kleinanlegern, die sich„Wäre dies der Fall, könnte es sich hier-für die Gier der Investoren“, so Jackbetrogen fühlen. Der Hauptvorwurf: bei um einen Prospektmangel in FormBogle, Chef des Vermögensverwalters unterlassener Aktualisierung handeln“, Vanguard. In Deutschland scheinenAktienkurs in Dollar sagt Markus Kienle, Vorstand der Schutz- nicht allzu viele Kleinaktionäre betrof-45,0 gemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). fen zu sein. Für sie sei es kaum möglich „Der Umstand – wenn dies stimmt –, gewesen, Facebook-Anteile zu zeich- 42 dass die mit der Emission beauftragten nen, sagt SdK-Sprecher Daniel Bauer. Banken die Information nur einem klei- „Hierzu wäre ein Depot in den USA nen Kreis weitergegeben haben, kannnötig gewesen.“Ausgabekurs 38,0 Ansprüche auch gegen die Emissions-Die wahre Bewährungsprobe für die 38banken auslösen“, so Kienle weiter. DieAktie ist ohnehin erst im Sommer und Lage sei aber „noch vollkommen un- im Herbst zu erwarten, wenn die Hal- übersichtlich“, so Klaus Nieding vom tefristen der großen Investoren enden. 34Deutschen-Anlegerschutzverbund.Rund 1,2 Milliarden Anteilscheine kön-32,0 Im Visier von Kritikern und Fahndern nen laut „Börsen-Zeitung“ dann zusätz- war vergangene Woche vor allem die lich zum Verkauf gestellt werden. Und 30Quelle: Bloombergbei dem Börsengang federführende In- dann erst wird sich zeigen, was Face-18. Mai21. Mai 22. Mai 23. Mai vestmentbank Morgan Stanley. Aberbook wirklich wert ist. SPIEGEL: Auch damals rutschte der Bör- SPIEGEL: Deckt das Geschäftsmodell INTERNET senkurs von AOL schnell nach unten.von Facebook überhaupt dessen Be- „Technische Reaktionen“ Wundert Sie der massive Facebook- Kurseinbruch von zum Teil mehr als 18 Prozent in den ersten Tagen?wertung von 88 Milliarden Dollar Mit-te vergangener Woche ab?Middelhoff: Auf jeden Fall. Eine erfah- Thomas Middelhoff,Middelhoff: Er wundert mich, weil es rene Investmentbank wie GoldmanB. THISSEN/PICTURE ALLIANCE/DPA 59, der zuletzt wegen keine neuen Erkenntnisse zum Unter-Sachs, die das Geschäftsmodell genau- seiner Flops als Arcan- nehmen gibt. Das sind technische estens unter die Lupe genommen hat, dor-Chef selbst ins Reaktionen, die vor allem mit demliegt wohl nicht so daneben. Visier der ErmittlerVerhalten von spekulativ ausgerichte-SPIEGEL: Dennoch – erleben wir gerade geriet, über den miss-ten Investoren zu tun haben. Die be- eine zweite Internetblase? glückten Facebook-teiligten Investmentbanken haben Middelhoff: Wenn ich mir etwa Googles Börsengangnicht auf eine ausgewogene MischungZahlen anschaue, dann ist dort die zwischen kurzfristig denkenden Börsenbewertung absolut richtig. BeiSPIEGEL: Fühlen Sie sich in die Zeit zu- Hedgefonds und langfristig interes-Facebook ist der Charme des unbe-rückversetzt, als Sie mit AOL unter Me-sierten Investoren geachtet. Alle, die kümmerten Start-ups endgültig ver-diengetöse Time Warner übernahmen? Facebook noch bis vorgestern überlorengegangen. Nun muss man sich dieMiddelhoff: Eher weniger. Die Übernah- alle Maßen gelobt haben und darinstrategischen Ziele genau ansehen undme von Time Warner war die eines klas- das Heil der Welt sahen, sind jetzt insschauen, was akquiriert wird. Es wer-sischen Medienkonzerns durch ein digita- andere Extrem verfallen und sagen, den zu den jetzigen Internetgigantenles Medienunternehmen. Facebook wardas war ja alles überbewertet. Das ist noch weitere große Firmen hinzu-ein gigantischer Börsengang, mehr nicht. völliger Quatsch!kommen.60D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 47. Wirtschaft HANDELAngst vor dem RetterBei Aktionären und Mitarbeitern derBaumarktkette Praktiker wachsen Be-fürchtungen, dass es sich bei dem ver-meintlichen Retter des Unternehmens,dem US-Finanzinvestor Anchorage,eher um einen Totengräber handelnkönnte. Grund: Zeitgleich mit demAngebot, Praktiker 85 Millionen Euroals Kredit zur Sanierung zur Verfü- TIMM SCHAMBERGER / DAPDgung zu stellen, verlangten die An-chorage-Manager eine Überschreibungder profitablen Praktiker-Tochter MaxBahr. Sollte der Sanierungsplan schei-tern, zu dem auch eine kräftige Kapi-talerhöhung gehört, wäre der US-Finanzinvestor damit mehr als abgesi- Spielwarenchert. Die bisherigen Aktionäre undMitarbeiter dagegen würden die EINZELHANDELHauptlast einer möglichen Insolvenztragen. Sie hegen daher den Verdacht,Anchorage könn-te Interesse an ei-Kindertag soll Umsätze ankurbelnner Insolvenz Der deutsche Spielwarenhandel willauch nicht weiter daran, dass der „Kin-der Baumarktket-aus einem bislang wenig bekannten dertag“ einst vor allem in der DDRte haben. Haupt-Gedenktag Kapital schlagen. Der „In-gefeiert wurde. Für Verwirrung könnteMARIUS BECKER / DPAaktionäre wie die ternationale Kindertag“ am 1. Juni soll dennoch sorgen, dass es noch einenösterreichische für die Branche künftig genauso lukra-weiteren ähnlichen Termin gibt: DerBank Semper tiv werden wie Muttertag oder Valen-„Weltkindertag“ am 20. SeptemberConstantia for- tinstag für die Floristen – zumindest wird unter anderem von Unicef undPraktiker-Werbung dern nun die Ein- wenn es nach dem Bundesverband desdem Kinderhilfswerk ausgerichtet undberufung einerSpielwaren-Einzelhandels (BVS) geht.zielt stärker auf die Rechte der Kinder.sofortigen Hauptversammlung und Mit zahlreichen Werbeaktionen sollDessen Sprecher Uwe Kamp sieht dieeine Offenlegung der Sanierungspläne. Eltern und Großeltern ein zusätzlicherKommerzpläne des Handels entspre-Der US-Finanzinvestor hatte sich vorAnreiz zum Schenken gegeben wer-chend kritisch: „Statt mehr Spiel-knapp zwei Wochen als Retter des an-den. BVS-Geschäftsführer Willy Fi-sachen zu verschenken, sollten Elterngeschlagenen Praktiker-Konzerns ins schel erhofft sich eine „deutliche Um-sich lieber im Alltag mehr Zeit fürSpiel gebracht. Er beteuerte bislang, satzsteigerung“. Angesichts der erwar-gemeinsame Aktivitäten mit ihrennur lautere Absichten zu haben. teten Einnahmen stößt sich FischelKindern nehmen.“
  • 48. FRANCOIS GUILLOT / AFPWWF-Aktion in Paris 2008: Nur noch eine Illusion von Hilfe und Rettung?N AT U R S C H U T ZKumpel der Konzerne Der WWF ist die mächtigste Naturschutzorganisation der Welt. Doch die Bilanz seiner Arbeit ist dürftig: Vieles, was er macht,nützt eher der Industrie als der Umwelt oder bedrohten Tierarten.D en Urwald schützen? Mit fünf Auch Regierungen vertrauen der Orga- mehren sich jedenfalls Zweifel an der Euro sind Sie dabei. Die Rettungnisation viel Geld an. Von der amerika- Unabhängigkeit des WWF und an seinem des Gorillas? Gibt’s ab drei Euro.nischen Entwicklungsbehörde bekam der Geschäftsmodell, gemeinsam mit der In-Und sogar mit 50 Cent ist der Natur ge-WWF über Jahre insgesamt 120 Millionendustrie die Natur zu beschützen.holfen – wenn man sie dem World Wide Dollar. Deutsche Ministerien bedachtenDer vom Genfer See aus operierendeFund for Nature (WWF) anvertraut.die Organisation lange derart üppig, dass Verband gilt als mächtigste Naturschutz- Fast zwei Millionen Sammelalben ver-sie in den neunziger Jahren sogar be- organisation der Welt. Er ist in mehr alskauften die Umweltschützer vergangenes schloss, die staatlichen Geschenke zu hundert Ländern aktiv, mit engenJahr zusammen mit dem Einzelhändlerdeckeln. Man wollte nicht wie der ver-Verbindungen zu den Mächtigen undRewe. In nur sechs Wochen kamenlängerte Arm des staatlichen Umwelt-Reichen. Der Panda findet sich auf875 088 Euro zusammen, die Rewe demschutzes wirken.Joghurtbechern von Danone ebenso wieKooperationspartner überwies. Nur: Kann der WWF tatsächlich dieauf Kleidern von Jetset-Größen wie der Der WWF verspricht, mit diesem Geld Natur vor den Menschen schützen? Oder Monaco-Fürstin Charlene. Konzerne zah-viel Gutes zu tun: für Wälder, Gorillas, das liefern die hübschen Poster der Organisa- len siebenstellige Euro-Beträge, um dasWasser, unser Klima – und den Panda na-tion nur noch die Illusion von Hilfe undLogo nutzen zu dürfen. Allein in Deutsch-türlich, das Wahrzeichen der Naturschützer.Rettung? 50 Jahre nach der Gründung land zählt der WWF 430 000 Mitglieder.62D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 49. WirtschaftDONANG WAHYU / LAIFFür Palmöl-Plantagen gerodete Wälder auf Sumatra: Lizenz zur Zerstörung der NaturUnd Millionen Menschen schenken derwie angeheuerte Trupps des WWF-Part- und sie hat damit durchaus manchesOrganisation ihr Erspartes. Die Frage ist, ners Wilmar ihre Häuser zerstört hatten. bewegt: Es war die holländische WWF-wie nachhaltig dieses Geld wirklich an-Sie waren der ungestörten Palmöl-Sektion, die Greenpeace das Protest-gelegt ist.Produktion im Weg gewesen. Flaggschiff „Rainbow Warrior“ mitfinan- Der SPIEGEL ist durch SüdamerikaAuch Vertreter unabhängiger Nichtre- zierte. Um Staudammprojekte an der Do-und auf die indonesische Insel Sumatra gierungsorganisationen wie Rettet dennau und der Loire zu verhindern, besetz-gereist, um das zu prüfen. In Brasilien er-Regenwald und Robin Wood sehen in derten Aktivisten Großbaustellen, manch-zählte ein Agro-Manager von der ersten Hilfsorganisation längst nicht mehr nurmal über Jahre. Die Schweizer SektionSchiffsladung nachhaltigen Sojas, dieden Treuhänder der Tiere. Vielen kommt wehrte sich in den achtziger Jahren sonach WWF-Standard zertifiziert wurde der WWF eher wie ein Komplize dervehement gegen Atomkraft, dass dieund im vergangenen Jahr mit viel PR- Konzerne vor, denen er gegen große Bundespolizei ihren Geschäftsführer alsGetöse Rotterdam erreichte. Die Her- Spenden und kleine Zugeständnisse dieStaatsfeind führte.kunft der Ladung, räumte der Manager Lizenz zur Zerstörung der Natur erteilt.So unbequem der WWF wirkt, er kannein, kenne er gar nicht genau. Auf Suma- Über 500 Millionen Euro nimmt dieauch sehr anschmiegsam sein. Auf Kritiktra berichteten Angehörige eines Stamms, Organisation inzwischen pro Jahr ein – am Kooperationskurs reagieren die Ma-nager der Organisation gereizt. Vergan-Viele Mittel ... ... wenig Wirkunggenes Jahr zog der WDR-Film „Der PaktJährliche Einnahmen des WWF, Durchschnittlicher Verlust der mit dem Panda“ eine verheerende Bilanzin Millionen Schweizer Franken669,1weltweiten Tropenregenwaldfläche, der WWF-Arbeit. Der Autor Wilfried in Millionen HektarQuelle: FAOHuismann machte die Umweltschützerdarin mitverantwortlich für die Regen-1054346 waldrodung. Ein Vorwurf, den der Ver-Veränderung band vehement zurückweist.2011 gegen- über 1990 Der Film sei „ungenau“ recherchiert300,0 oder gar „bewusst falsch“ gewesen, sagt+123 % 199020002005 Martina Fleckenstein. Die Biologin ist seit bis 2000bis 2005bis 2010 20 Jahren beim WWF. Sie arbeitet in Ber-lin und leitet die Sektion Agrarpolitik. Verlust seit 1990 insgesamt: 194 Mio. haFleckenstein ist eine Art Allzweckwaffe:Kaum ein runder Tisch mit der Industrie Das entspricht in etwa der findet ohne sie statt. Sie ist eine Königin199019952000 2005 2011 dreifachen Fläche Frankreichs. des Kompromisses. Nach dem Film wurde D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 263
  • 50. WirtschaftMaischberger hatte um Spen-den für die letzten 500 Suma-tra-Tiger geworben. Viele da-von sollen im Tesso Nilo leben,nur wenige Stunden vom Büroentfernt. Sunarto, ein studierter Bio-loge, arbeitet seit einigen Jah-ren als Tigerforscher im TessoNilo. Einen Tiger hat er dortbislang nicht gesehen. „Die Ti-gerdichte ist hier sehr niedrigwegen der menschlich-ökono-mischen Aktivität“, sagt er. ImSchutzgebiet gebe es teilweisenoch Rodungskonzessionen. Um den Raubkatzen über-haupt auf die Spur zu kommen,hat der WWF die Forscher mitHightech-Messtechnik ausge-stattet: GPS-Gerät, DNA-Ana-lysemethoden für den Tigerkotund 20 Fotofallen. Gerade mal ALAMY / MAURITIUS IMAGESfünf Tiger fingen die Fotoauto-maten beim letzten mehrwö-chigen Shooting ein. Der WWF sieht seine Ar-beit dort als große Hilfe. Miteinem „Feuerwehreinsatz“ seiTiger im WWF-Schutzgebiet Tesso Nilo: Hightech-Geräte zur Analyse des Kotsim Tesso Nilo die Rettung desRegenwalds gelungen, heißtder WWF allerdings von Protest-MailsRund 300 000 Familien mussten für den es. Tatsächlich ist das Schutzgebiet ge-überschwemmt. Mehr als 3000 Unterstüt- Schutz wilder Tiere ihre Heimat verlas-wachsen, der Wald darin aber ge-zer kündigten ihre Mitgliedschaft. Einen sen, schreibt Mark Dowie in seinem Buchschrumpft. Firmen wie Asia Pacific Re-solchen Aderlass hatte die Naturschutz- „Conservation Refugees“. Ursache dersources International, mit denen derorganisation noch nie erlebt.Vertreibung sei das Konzept der „Natur-WWF früher kooperierte, hätten den Ur- schutz-Festungen“, das auch der WWFwald gerodet, sagt Sunarto.Von Tigern und Menschenvon jeher proklamiere. Menschen hättenSein Kollege Ruswantu führt wohlha-Das Wappentier des WWF ist ein pos- darin keinen Platz. Der WWF sagt, er leh- bende Öko-Touristen auf gezähmten Ele-sierliches Wesen, das vom Aussterben be- ne Zwangsumsiedlungen ab. Auf das Kon- fanten durch den Park. Für Einheimischedroht ist, weil seine Paarungslust zu wün- zept der menschenleeren Nationalparksist das Terrain tabu, von den Deutschenschen übrig lässt. Die ganz großen Emo- setzte allerdings schon Bernhard Grzi-finanzierte Anti-Wilderer-Einheiten ach-tionen ruft der Panda nicht hervor. Zum mek, der deutsche Fernseh-Zoologe und ten darauf. „Der WWF hat hier das Sa-Spendensammeln sind Menschenaffen langjährige WWF-Stiftungsrat. Im Wind-gen, und das ist ein Problem“, sagt Bahri,besser geeignet oder Raubkatzen. Im schatten seines Erfolgsfilms „Serengeti der einen winzigen Laden besitzt und inJahr 2010 nutzte der WWF den chinesi- darf nicht sterben“ formierte sich 1961 einem Dorf vor dem Eingang des Natio-schen Kalender und rief das „Jahr des der WWF. Die Schweizer Gründer undnalparks wohnt. Niemand wisse, wo dieTigers“ aus. den Deutschen einte eine Mischung ausGrenzen verlaufen. „Wir hatten kleine Die Mission Tiger verfolgt der WWF Naturschutz und Kolonialherrentum. Zu Felder mit Gummibäumen und durftenschon lange. Bereits Anfang der siebziger diesem Erbe gehört auch die Vertreibung plötzlich nicht mehr dahin.“Jahre brachte er die indische Regierung der Massai-Nomaden aus der Serengeti.Der Umweltaktivist Feri nennt dieseunter Indira Gandhi mit einer Millionen-Allein in Afrika, schätzen Experten,Art von Naturschutz „rassistisch und neo-spende dazu, Schutzgebiete für die be- hat der Naturschutz seit der Kolonialzeitkolonial. Es gab hier nie Wald ohne Men-drohten Großkatzen auszuweisen. Gut 14 Millionen „Naturschutz-Flüchtlinge“schen“. Tausende Kleinbauern seien im4000 Tiger lebten damals einheimischen zurückgelassen. In diesem Modell dürfenTesso Nilo vertrieben worden, und dieSchätzungen zufolge im Land. Heute sind die Ureinwohner allenfalls als Parkwäch-Zahl der wilden Tiere nehme ab, seit diees noch 1700. Der WWF sieht das den- ter ihre Verwandten daran hindern, das Naturschützer gekommen seien. „Tessonoch als Erfolg. Ohne die Anstrengungen, Schutzgebiet zu betreten.Nilo ist kein Einzelfall.“so ein Sprecher, wären die Tiger in IndienTesso Nilo ist solch ein typisches WWF-Multinationale Unternehmen und Na-„möglicherweise schon ausgestorben“. gefördertes Schutzgebiet, „ein erfolgrei-turschützer arbeiteten heute Hand in Was weniger bekannt ist: Für diesen ches Projekt für den Tiger- und Elefan-Hand. „Der WWF ist verwickelt in dieErfolg wurden Menschen vertrieben. Da tenschutz“, so Martina Fleckenstein. DasUmwandlung unserer Welt in Plantagen,seien Dörfer „umgesiedelt worden, aber Gebiet liegt im Herzen der indonesischen Monokulturen und Nationalparks“, sagtnicht gegen ihren Willen“, sagt Claude Insel Sumatra. Zuständig ist das WWF-Feri, der die indonesische Umweltschutz-Martin, der von 1993 bis 2005 General- Büro in der Stadt Pekanbaru. organisation Walhi unterstützt.direktor des WWF International war.„Retten Sie seine Heimat“, steht auf ei-„Wir waren immer überzeugt, dass diese nem deutschen Tiger-Plakat im dortigen Das Geschäft mit dem PalmölSache mit rechten Dingen zugegangen Büro, das von deutschen WWF-Geldern Im Büro des Tigerschützers Sunarto hängtist.“ Doch auch daran gibt es Zweifel. finanziert wird. Die TV-Talkerin Sandraeine Karte, die den Kahlschlag auf Suma-64D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 51. tra zeigt, der sechstgrößten In-sel der Welt: In jeder Stundewird auf einer Fläche von 88Fußballfeldern Holz gefällt –meist für Palmöl-Plantagen. Indonesien lebt vom Boomdes Rohstoffs, das Entwick-lungsland sorgt für 48 Prozentder Weltproduktion. Das Mul-tifunktionsöl steckt in Biodie-sel, Nutella, Shampoos undHautcreme. Doch der starkeEinsatz von Pestiziden auf denMonokulturen verseucht Flüs-se und das Grundwasser. DieBrandrodung hat Indonesienzu einem der größten CO2-Pro-duzenten gemacht. Trotz Bekenntnissen zurNachhaltigkeit holzen vieleKonzerne weiter ab. Rund30 000 Dollar Schmiergeldoder Wahlkampfhilfe kosteeine Konzession, berichtet einehemaliger WWF-Mitarbeiter,LOOKATSCIENCES/LAIFder lange in Indonesien tätigwar. „Nachhaltiges Palmöl,wie es der WWF mit demRSPO-Zertifikat verspricht,gibt es eigentlich gar nicht“, Transport von Ölpalmenfrüchten in Indonesien: 48 Prozent der Weltproduktionsagt er. RSPO steht für Roundtable on Sus- mitbekommen. Sie leben inmitten der Nach der Verwüstung des Dorfs warfentainable Palmoil. Das Zertifikat erlaubt Wilmar-Plantage Asiatic Persada, südlich Organisationen wie Rettet den Regen-es, die Produktion anzukurbeln und der Stadt Jambi. Sie ist mit 40 000 Hektar wald und Robin Wood dem Wilmar-Kun-gleichzeitig das Gewissen der Kunden zu knapp halb so groß wie Berlin und soll den Unilever vor, an seiner Rama klebeberuhigen. So bewirbt etwa der Düssel- vom TÜV Rheinland RSPO-zertifiziert das Blut von Ureinwohnern. Einige vondorfer Konzern Henkel seinen Allesrei- werden. „Blutsauger“ hat jemand an ei- ihnen belagerten im Dezember sogar dieniger Terra Activ mit der Behauptung, nen der Eingänge geschrieben.deutsche Unilever-Zentrale.„gemeinsam mit dem WWF die nachhal-Zwischen den Ölpalmen steht Roni, Das wiederum kam nicht gut an beitige Produktion von Palm- und Palmkern- der Dorfälteste des Stamms, mit einigen dem niederländisch-britischen Konzern,öl“ zu unterstützen.Dutzend Menschen. Viele sind barfuß, der Nachhaltigkeitsindices anführt und Dadurch leiste das Unternehmen „ei- einer trägt einen Speer, mit dem er Wild- die Parole ausgegeben hat, einer Milliardenen Beitrag zum Schutz des Regenwal- schweine jagt. Hinter ihnen liegen nie- Menschen zu einer besseren Lebensqua-des“. Nur: Wie soll der Wald geschützt dergewalzte Holzlatten. Hier stand ein- lität verhelfen zu wollen.werden, wenn er vorher abgeholzt wer- mal ihr Dorf.Dass Hütten zerstört wurden undden muss?Am 10. August vergangenen Jahres ver- Schüsse gefallen sind, konnte Wilmar Es gebe ja „degradiertes“ Gelände, wüstete die berüchtigte Polizeibrigade nicht bestreiten. In einem Brief an Kun-Wald zweiter Klasse sozusagen, und Brimob die Häuser. Zuvor hatte ein den und Freunde (darunter WWF-Part-Brachland, argumentiert der WWF. Für Dorfbewohner versucht, Palmfrüchte zu ner wie der Palmöl-Finanzierer HSBC)ihn sind Plantagen-Monokulturen und verkaufen, die Wilmar für sich bean- wiegelten die Manager des Konzerns je-Naturschutz kein Gegensatz. „Market sprucht. doch ab.Transformation“ heißt das Schlagwort da- „Früh am Morgen nahmen sie 18 Leute Aus der Sicht Wilmars war einem so-für beim WWF. Es steht für den Glauben, gefangen, manche haben sie zusammen- zial ausgerichteten Unternehmen von einmit Kooperation mehr zu erreichen als geschlagen“, berichtet Roni. „Wilmar-Ma- paar Randalierern übel mitgespielt wor-mit Konfrontation.nager haben mit Brimob zusammengear- den. Unilever räumte in einer internen Die RSPO-Initiative startete der Ver- beitet. Dann schossen die, und wir sind E-Mail immerhin „unrechtmäßige Hand-band im Jahr 2004 zusammen mit Kon- mit den Kindern und den Frauen in den lungen“ ein und weist auf einen „Media-zernen wie Unilever (Rama, Langnese, Wald gelaufen.“ In ihren Wald. „Hier le- tionsprozess“ hin. Den Geschäftsbezie-Knorr), mit 1,3 Millionen Tonnen im Jahr ben wir seit der Zeit der Ahnen.“ hungen zu Wilmar tat die Polizeiaktioneiner der größten Palmöl-Verarbeiter der In den siebziger Jahren kamen die Ab- keinen Abbruch. Der Palmöl-Gigant hatWelt. Mit dabei ist auch Wilmar, einer holzer, aber es war genug Wald da, in inzwischen Behelfsheime errichtet undder weltgrößten Produzenten des Öls.den Ronis Stamm ausweichen konnte. In- sich zu Kompensationszahlungen durch- Wilmar habe „einen Wandel“ vollzo- zwischen aber sind seine Leute umzingelt gerungen.gen, lobt die WWF-Mitarbeiterin Flecken- von Palmen. 20 000 Hektar, rund die Hälf- Viele der indigenen Familien flohenstein. Das Unternehmen habe einen te der Plantage, hatte die Vorgängerfirma vor den Brimob-Schlägern nach PT Reki,klaren Zeitplan für die Zertifizierung, so- illegal errichtet. Wilmar scheint das nicht in eines der letzten halbwegs intaktenziale Kriterien seien berücksichtigt. zu stören. Roni hat für seinen Stamm so- Waldgebiete in der Nähe. Doch auch dort Davon haben die Ureinwohner des gar verbriefte Landrechte. Genützt hat durften sie nicht bleiben, denn da befin-Stammes Batin Sembalin noch nicht viel das nichts. det sich ein Aufforstungsprojekt, das vonD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 265
  • 52. GREEN RENAISSANCE / DPALuftrettung eines Nashorns aus Wilderergebiet in Südafrika: In Geheimoperationen den illegalen Hornhandel unterwandertder Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) deten Tausende Vögel nach einem Tan-bei kam immerhin heraus, dass für diesenfinanziert und vom Naturschutzbund kerunglück vor Frankreich, doch der „Friedenspark“ Korridore nötig waren(Nabu) unterstützt wird. WWF untersagte jede Kritik: „Das könn-und Umsiedlungen von Einwohnern, die te zukünftige Bemühungen um Spenden sich dagegen zur Wehr setzen.Gründer, Gönner, Großwildjäger gewisser Industriezweige gefährden“, Für neue Korridore des Kaza-National-Gediegen grün und bürgerlich brav wirkthieß es in einer Sitzung des Stiftungsrats. parks, eines weiteren WWF-Großpro-die WWF-Zentrale in Gland bei Genf. Als Ende der achtziger Jahre vermeint- jekts, will die KfW sogar 20 MillionenSilberne Tafeln erinnern noch immer dar- liche Wilderer in den Nationalparks der Euro lockermachen. „Auf jeden Euroan, wem die Organisation zu Dank ver-Weißen auftauchten, entschloss sich der vom WWF kommen mindestens fünf vonpflichtet ist – den „Mitgliedern der 1001“ WWF zur Gegenwehr. Der Nationalpark-staatlichen Stellen“, schätzt Martina Fle-etwa. Dieser elitäre Zirkel verdeckter verwaltung von Zimbabwe finanziertenckenstein. Der politische Einfluss der Or-Financiers wurde 1971 ins Leben gerufen, die Naturschützer Helikopter für Anti-ganisation scheint enorm.um die Organisation finanziell abzu- Wilderer-Einsätze. Dutzende Menschen In den neuen, riesigen Parks darf auchsichern. wurden bei den Einsätzen getötet. gejagt werden – der spanische König Juan Die Namen der Spender kommentiertGroßwildjäger Prinz Bernhard und seinCarlos war jüngst in Botswana auf Ele-der WWF bis heute nicht gern – wohlWWF-Afrika-Chef John Hanks heuerten fantenjagd. Juan Carlos ist WWF-Ehren-deshalb, weil auf Listen dieses Clubs Na-in einer Geheimoperation Söldner an, um präsident, was viele Menschen empörte.men auftauchen, die man für die gute Sa- den illegalen Rhinozeroshornhandel auf- Doch allein in Ländern wie Namibia ge-che lieber nicht erwähnt: Waffenhändlerfliegen zu lassen. Allerdings wurde die stattet der WWF in 38 Schutzgebieten dieAdnan Kashoggi etwa oder Zaires Dik- Truppe von südafrikanischen Militärs un-Trophäenjagd.tator Mobutu.terwandert, die damals als größte Horn-Reiche Europäer oder Amerikaner dür- Als ersten Großgönner konnte derhändler galten. fen sich aufführen wie zu Kolonialzeiten.damalige WWF-Präsident Prinz Bernhard Das Ganze sei lange her, sagt WWF- Sie dürfen Elefanten, Büffel, Leoparden,den Ölmulti Shell gewinnen. 1967 veren-Sprecher Phil Dickie. Man habe sich ge- Löwen, Giraffen und Zebras schießenändert und nehme inzwischenund sich nach alter Sitte das Blut der er-keine Gelder mehr von der Öl-, legten Tiere ins Gesicht schmieren. EinAtom-, Tabak- oder Waffenbran- WWF-Sprecher verteidigt diese Praxis.che an. Ausgegrenzt wird jedochEs seien Quoten festgelegt worden, derkeiner: In den WWF-Gremien sindErlös dieser „geregelten Jagd“ könne ei-deren Vertreter – etwa vom Ölmul-nen Beitrag zum Naturschutz leisten.ti BP – nach wie vor willkommen. John Hanks, immer noch Mit- Die Mär von der Nachhaltigkeitglied des ehrenwerten „Board ofAndrew Murphy, ein junger Harvard-Trustees“, kümmert sich heute um Absolvent mit Afrika-Erfahrung im USriesige grenzüberschreitende Na- Peace Corps, arbeitet im Team „Market RANN SAFARIS/SIPA PRESSturparks in Afrika. Wie auch der Transformation“. Er repräsentiert dieWWF: Peace Parks werden dieseneue Generation der Umweltschützer.Projekte genannt, obwohl sie vielSein Team sieht er als „Agenten des Wan-Unfrieden stiften. Für sogenanntedels“, die einen ganzen Markt „drehen“Peace-Park-Dialoge in Südafrikakönnten. Murphy hat eine Menge solcherWWF-Ehrenpräsident Juan Carlos 2006 spendierte die deutsche RegierungSprüche parat: Er will die größten Produ-„Geregelte Jagd“dem WWF rund 200 000 Euro. Da- zenten und Händler von Rohstoffen wie66 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 53. WirtschaftSoja, Milch, Palmöl, Holz und Fleisch aufterdam an. „Das war ein Erfolg“, sagt diedas Unkraut stirbt. Obwohl sich kritischeNachhaltigkeit trimmen. Gibt es Erfolge? Biologin Fleckenstein. Der WWF habeStudien mehren, die etwa Fortpflanzungs-Ja, die Unternehmen wollten jetzt sehen, die Ware genau geprüft. „Besonders ge- schäden bei Tieren nachweisen, erlaubtwoher die Ware kommt. „Und wir haben freut hat uns, dass diese Ware gentech-das RTRS-System seinen Gebrauch.kugelsichere Prüfsysteme aufgelegt.“ nikfrei war.“ Sie kam von zwei riesigen Auch andere Pestizide sind kein Pro-Murphy meint Standards wie den RTRS, Höfen der brasilianischen Familie Maggi. blem, RTRS verlange nur einen „vernünf-einen runden Tisch für nachhaltiges Soja. Das Firmenkonglomerat des Clans gilttigen Einsatz“, sagt João Shimada, der Zum RTRS hat der Verband im Jahrals größter Sojaproduzent der Welt, seineNachhaltigkeitsmanager der Grupo Mag-2004 die Industrie eingeladen. Großhänd- Plantagen bedecken weite Teile des Bun-gi. Das mit den 85 000 Tonnen Soja zu er-ler wie Cargill und Konzerne wie Mon-desstaates Mato Grosso im Mittelwesten.klären sei nicht ganz einfach, sagt er. „Insanto, das den WWF jahrelang mit insge-Die Maggis waren in den achtziger Jahren Wahrheit haben wir damit eine Nachfra-samt 100 000 Dollar unterstützte, prägtenaus dem Süden Brasiliens mit ihren Leu-ge erfüllt, die aus Europa kam.“ Unter-die Runde. ten dorthin gekommen. Sie holzten einennehmen wie Unilever brüsten sich seit-„Es war schnell klar, dass es hier umgroßen Teil des Savannen-Urwalds abdem damit, nachhaltiges Soja zu verwen-Greenwash für die Gensoja-Vermarkter und pflanzten Soja.den. Tatsächlich stammen höchstens 8000ging“, sagt ein Teilnehmer. Als einige Eu-Blairo Maggi stieg zum Gouverneur Tonnen von den beiden Farmen.ropäer über die Gefahren des Herbizids des Bundesstaats auf, Greenpeace verlieh„Ich weiß auch noch nicht, wo die rest-Glyphosat sprechen wollten, wurde ihnenihm 2005 die „Goldene Kettensäge“: Inlichen 77 000 Tonnen hergekommen sind“,der Mund verboten: „Man sei ,technolo- keinem Bundesstaat wurde so viel Ur- so Shimada. „Book & Claim“ wird diesegisch neutral‘, war das Totschlagargumentwald abgeholzt wie in Maggis Soja-Repu-märchenhafte Vermehrung vermeintlichder Amerikaner.“ blik. Dort, wo seine RTRS-Musterbetrie-nachhaltiger Ware in Fachkreisen genannt. Der deutsche WWF, offiziell gegen Gen- be stehen, wurde erst vor wenigen JahrenDas ist das Ergebnis des angeblich kugel-technik, sorgte dafür, dass auch die Kolle- gerodet. Die zwei Farmen sind nachsicheren Prüfsystems, von dem der WWF-gen am Tisch Platz nahmen, die dafür wa- RTRS-Auskunft die einzigen Lieferanten Nachwuchsmann Murphy schwärmt. In-ren: Den Vertretern des argentinischen der 85 000 Tonnen zertifizierter Sojaboh-zwischen gibt es schon 300 000 TonnenWWF-Ablegers, der lange von einem Mili- nen, die im Juni in Rotterdam ankamen.dieser vermeintlich nachhaltigen Ware.tärjunta-Mann und einem Agro-Industriel- Nur: Gentechnikfrei ist hier nichts.In Gland senkt sich die Sonne über denlen geführt wurde, finanzierten die Deut-Im Schatten einer Lagerhalle der Fa- Genfer See. Andrew Murphy hat es eilig,schen sogar die Reisen. Dass der WWF zu- zenda Tucunaré erhebt sich ein zehn Me-er muss weiter nach China, die Natursammen mit Schweizer Einzelhändlern da- ter hoher weißer Tank mit der Aufschriftretten. Zwar darf der WWF dort nochmals längst einen strengeren Soja-Standard „Glifosato“, dem portugiesischen Wortimmer keine Mitglieder werben, aberpräsentiert hatte, interessierte hier nicht. für das Unkrautvernichtungsmittel Gly- Kooperationen mit Parteikadern könnten Das Unterlaufen der eigenen Standards phosat. Tausende Liter passen da rein. der Umwelt ja auch was bringen.scheint eine Spezialität des WWF zu sein. Nur hundert Meter entfernt liegen dieJENS GLÜSING, NILS KLAWITTERUnd es ist diese Biegsamkeit, die dem Wohnhäuser der Arbeiter. Gleich hinterVerband Millionenspenden der Industrie dem Zaun steht stinkendes Wasser in Grä-beschert. Beim Soja war es so, dass die ben und schillert grünlich. Daneben liegtVideo:Runde am Tisch verhandelte und verhan- ein Depot, auf dem Schilder mit Toten-Expedition nachdelte. Sie weichte hier ein bisschen auf, kopf warnen: „Vorsicht, hochgiftig!“ Sumatragab da ein wenig nach, und dann, endlich,Glyphosat ist als Herbizid zum Schutz Für Smartphone-Benutzer:kamen im Juni vergangenen Jahres die genmanipulierten Sojas beliebt, weil dieBildcode scannen, etwa mitersten 85 000 Tonnen RTRS-Soja in Rot- Pflanze gegen das Gift resistent ist – nurder App „Scanlife“.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 67
  • 54. WirtschaftGESUNDHEITStrahlende Verlierer Ein Arzt im Rhön-Klinikum Hildesheim steht im Verdacht, Patienten ohne Not die Schilddrüse zerstört zu haben. Jeder Eingriff bringt 3000 Euro. Experten sind fassungslos.E s war vermutlich der größte Fehlernik nicht einer Radiojodtherapie unter- ihres Lebens, dass Katrin Schulzzogen.“ vor drei Jahren das Klinikum Hil-Auf dem Arztbrief aus Hildesheimdesheim aufsuchte. Die Mutter zweier steht zum Beispiel, dass die Patientin ei-kleiner Töchter hatte eine längere Kran- nen gut sichtbaren Kropf („Struma II“)kengeschichte hinter sich, sie litt unterhabe. Doch der Ultraschallbefund wider-Müdigkeit, Haarausfall, war gereizt. spricht dem völlig. „Struma heißt bei ei- Ihre Hausärztin hatte sie damals mitner Frau, dass die Schilddrüse über 18dem Verdacht auf eine Schilddrüsenent- Milliliter groß ist, hier steht aber, dass diezündung zu Michael Hofmann überwie-der Patientin nur 10 Milliliter Volumensen, der seine nuklearmedizinische Praxishatte.“ Professor Grünwald versteht nicht,im Rhön-Klinikum Hildesheim betrieb. warum der Patientin die Schilddrüse zer-Dort wurde vom Hals der Patientin mitstört wurde. „Sie hat jetzt eine deutlichBetroffene Schulz, Nuklearmediziner Bergter: „DieHilfe einer Spezialkamera eine sogenann- stärkere Unterfunktion als vorher.“te Szintigrafie gemacht. Das Bild, das ihrWenige Monate nach ihrer Radiojod-„Kunstfehler“. Wenn ein Student ihm imanschließend gezeigt wurde, enthielt lau-therapie ging es Katrin Schulz schlechterStaatsexamen so eine Radiojodtherapieter rote Flecken.als zuvor. „Ich hatte schreckliche Kopf- vorschlagen würde, müsse er ihn durch-„Die haben mir gesagt, dass meineschmerzen, es ging so weit, dass mir alles fallen lassen, sagt er.Schilddrüse voller Knoten sei“, erinnert egal war, ich wollte nur noch den Tag Zumindest für die Klinik ist eine Ra-sich Katrin Schulz. „Man hat ja keine Ah-rumbringen.“ Sie suchte erneut den Me- diojodtherapie grundsätzlich eine feinenung als Patient, man geht da hin, danndiziner Hofmann im Klinikum Hildes-Sache. Der Eingriff ist gut planbar, ohnewird einem erklärt, was man hat, man heim auf, wo sie sich auf Anraten desgrößeren Aufwand, und die Kranken-bekommt eine Therapie und fühlt sich Arztes im November 2011 einer zweitenkasse zahlt ihr dafür rund 3000 Euro.auch noch gut behandelt.“Radiojodtherapie unterzog.In privatisierten Krankenhäusern ist es Doch das Ergebnis war alles andere als Professor Roland Gärtner, Endokrino-üblich, dass Ärzte Zielvereinbarungengut. Hofmann sah bei der Patientin keine loge an der Universität München, der den unterschreiben: Je mehr Patienten, destoEntzündung, sondern eine deutliche Ver-Fall ebenfalls überprüft hat, ist fassungs-höher ihr Bonus. Auch im Rhön-Klinik-größerung der Schilddrüse und verordne-los. „Keine der Radiojodtherapien warVerbund gibt es solche Zielvereinbarun-te eine Radiojodtherapie. Bei dieser Be- angezeigt, insbesondere nicht die zweite,gen. Hofmann aber habe keinen solchenhandlung schlucken Patienten eine radio- weil da ja schon eine schwere Schilddrü- Vertrag gehabt, versichert der Konzern.aktiv gefüllte Kapsel, die die Schilddrüse senunterfunktion bestand.“ Er hat zwar neben der Praxis auch dievon innen bestrahlt und kranke Bereiche Für Gärtner ist die Zerstörung dernuklearmedizinische Abteilung im Kran-zerstören soll.Schilddrüse bei dieser Patientin ein klarerkenhaus geleitet, dafür aber eine feste Ist die Schilddrüse aber gesund oderPauschale erhalten, unabhän-nur entzündet, kann sie durch eine Radio-gig davon, ob er viele oderjodtherapie auch ganz zerstört werden. Lukrative Behandlungwenige RadiojodtherapienDas im Hals sitzende Organ ist eines der Je Radiojodtherapie erhält die Klinik rund 3000 Euroverordnet hat.wichtigsten überhaupt. Die Hormone, die Als Hofmann im Jahr 2007die Schilddrüse produziert, wirken auf im Klinikum Hildesheim an-Herz und Kreislauf, sie steuern den Blut-fing, feierte der Geschäftsfüh-druck, die Drüsen der Haut, die Zellen rer ihn als „Nuklearmedizi-und die Aktivitäten des Darms. ner mit breiter universitärer War der Eingriff bei Frau Schulz über-Ausbildung“. Die Lokalzei-haupt notwendig? tung nannte ihn noch vor kur- Der SPIEGEL hat ihre KrankenakteSchildknorpel zem einen „international ge-in anonymisierter Form Frank Grün- (Teil des Kehlkopfes) fragten Referenten“ und prieswald vorgelegt, dem Direktor der Nu- Bei der Behandlungseine „beeindruckende Publi-klearmedizinischen Abteilung an derschluckt der Patientkationsliste“.Universitätsklinik in Frankfurt am Maineine radioaktivDoch Katrin Schulz scheintund Vizepräsident der Deutschen Ge-gefüllte Kapsel kein Einzelfall gewesen zu Schilddrüsesellschaft für Nuklearmedizin. Grünwaldsein. Es gibt Hinweise, dass (speichert Jod undist ein zurückhaltender Mensch, derproduziert damitFehldiagnosen und -therapiennicht schlecht über Kollegen reden will. Das radioaktive Hormone für an dem Krankenhaus alltäg-Aber als er die Unterlagen von KatrinJod sammelt sichden Stoffwechsel) lich waren. Am 9. NovemberSchulz sieht, ist der Befund für ihn klar: in der Schilddrüsevergangenen Jahres traf sich„Die Patientin hätten wir in unserer Kli-und zerstört sieLuftröhre eine Runde von Nuklearme-68 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 55. STEFAN SOBOTTA / VISUM / DER SPIEGELDER SPIEGELhausinterne Qualitätskontrolle hat nicht funktioniert“dizinern aus Niedersachsen zu ihremBei Rhön tut man Bergters Vorwürfe ein Gutachten überreicht, für das sie 17„Qualitätszirkel“. Anschließend infor-mit „verschmähter Liebe“ ab, er habe sich Patienten aus dem Oktober 2011 ausge-mierten drei dieser Ärzte Wolfgang Peth-bei der Übernahme der Praxis nicht mitwählt hatte.ke, der in Hannover die Kontrollstelleder Erbin, Hofmanns Frau, einigen kön- Das Gutachten belegt die Missstände:der Ärztekammer für Strahlenmediziner nen. Die selbst antwortete nicht auf Fra- In 4 von 17 Fällen war die Radiojodthera-leitet. Die drei Ärzte hätten berichtet,gen. Der Rhön-Konzern weist zudem pie demnach zumindest fraglich, in einemdass es in Hildesheim „Qualitätsmängel“ darauf hin, dass Hofmann ein niedergelas- weiteren Fall klar falsch. Hochgerechnetbei den Radiojodtherapien gebe, räumt sener Arzt gewesen sei, der für seine Pra-auf das Jahr, würde der Befund bedeuten,Pethke ein. xis nur Räume im Klinikum angemietetdass in Hildesheim 32 Patienten ohne me- Tags darauf habe ihm einer der Ärzte hatte. Die Therapien seien zwar auf Sta-dizinische Notwendigkeit radiojodthera-vier Fälle geschildert, in denen Patientention erbracht worden, Hofmann habe diepiert worden wären, bei weiteren 129 Pa-ohne medizinische Notwendigkeit mit Abteilung aber selbst geleitet. Beschwer- tienten wäre die Therapie zumindest um-Radiojod behandelt worden sein sollen.den habe es nie gegeben, auch keine Hin-stritten gewesen. Pethke bat um eine Liste aller Patien- weise, dass etwas nicht stimme.Zudem haben die Gutachter in den Ak-ten, die im Oktober 2011 eine Radiojod-Hätten aber die hohen Fallzahlen nicht ten der Patienten „deutliche Dokumen-therapie erhalten hatten. Hofmann schick- auffallen müssen? Der Vizepräsident der tationsmängel“ festgestellt: „Hinsichtlichte 33 Namen. Aus dieser Liste wählteGesellschaft der Nuklearmediziner, Frankder Laborwerte muss von einer bewuss-Pethke mehrere Patienten aus, für die erGrünwald, weist darauf hin, dass jedesten Manipulation im Sinne einer ,Verschö-alle Unterlagen anforderte. Die Frist zur Jahr in Deutschland rund 54 000 Radio-nerung‘ … ausgegangen werden. Die of-Abgabe endete am 15. Februar 2012.jodtherapien durchgeführt würden. Rech- fenbar bewusste Veränderung der Labor- Hofmann lieferte die Unterlagen nichtnet man dies auf die Bevölkerung um,werte … ist erschreckend und in diesemmehr ab. Am 16. Februar verstarb er über- kommt man auf eine Behandlung pro Maße auch bei den Überprüfungen … nie-raschend im Alter von 51 Jahren. Nach 1500 Einwohner. Im Landkreis Hildes-mals zuvor beobachtet worden.“dem Tod stellte die Ärztekammer die be- heim leben 280 000 Menschen. Wenn alle Auf Anfrage kündigt der Rhön-Kon-reits angelaufene Überprüfung ein.Betroffenen nur in Hofmanns Praxis ge-zern nun an, alle 2000 Radiojodtherapien Alles wäre also im Sande verlaufen,gangen wären, könnte man mit rund 190 der vergangenen vier Jahre in Hildesheimwäre nicht mit Wolfgang Bergter ein Nu- Radiojodtherapien pro Jahr am Klinikumüberprüfen zu wollen. Die betroffenenklearmediziner aus Halle kurzfristig alsHildesheim rechnen. Tatsächlich fandenPatienten würden „unverzüglich“ ange-Praxisvertreter eingesprungen. Kaum fingdort 548 statt – fast dreimal so viele wiesprochen.Bergter in Hildesheim an zu arbeiten, ver-statistisch erwartbar. Auch die Experten blicken mit Schau-schlug es ihm nach eigenen Angaben die Der Rhön-Sprecher weist diese Rech-dern auf das Klinikum. NuklearmedizinerSprache: In einer E-Mail an die Klinik- nung zurück. Er sagt, dass auch Patienten Grünwald sagt: „Summarisch gesehen istgeschäftsführung schrieb er Ende März,von weit außerhalb des Landkreises zu da in Hildesheim schon einiges schiefge-dass „in keinem von mir durchgesehenenHofmann gekommen seien, weil er ebenlaufen.“ Professor Gärtner von der Uni-Fall der fünfjährigen Tätigkeit von Herrn einen hervorragenden Ruf genossen habe. Klinik München geht noch einen SchrittDr. Hofmann in der Schilddrüsensprech- Praxisvertreter Bergter hat nicht nurweiter. Er hält die Vorgänge für „wirklichstunde und Therapiestation eine korrektedas Klinikum über die von ihm beobach-beschämend für die deutsche Medizin“.Diagnose gestellt wurde. Dies ist nur die teten Missstände informiert, sondernFür die Patienten sei das tragisch: „DieSpitze einer fast unglaublichen Geschich- auch die Ärztekammer. Die hat daraufhin kommen ja zum Arzt, damit ihnen ge-te, die zeigt, dass die hausinterne Quali-ihre zunächst eingestellten Untersuchun-holfen wird, und anschließend sind sietätskontrolle des Klinikkonzerns nichtgen wieder aufgenommen. Am Montag kränker als vorher.“funktioniert hat“.vergangener Woche hat sie dem Klinikum MARKUS GRILLD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 269
  • 56. WirtschaftHirt: Das spielt eine Rolle, aber es geht auch darum sicherzustellen, dass ausrei- GELDINSTITUTE chend Mittel vorhanden sind, um das Ka- „Missglückte Erneuerung“ pital zu stärken und Steuern zu zahlen. Wir haben große Bedenken, dass bei den Investment- und einigen Universalban- ken die Personalkosten weiterhin zu hoch sind. Derzeit gehen etwa 40 CentDer Aktionärsvertreter Hans-Christoph Hirt von jedem Euro, der in solchen Banken rechnet mit der Führung der Deutschen Bank ab.umgesetzt wird, ans Personal. Wohlge- merkt: nicht vom Gewinn, sondern vom Umsatz.Hirt, 39, ist bei der briti- dex. Aber es gibt erhebliche Zweifel, wie SPIEGEL: Wie stark müssen die GehälterD. LYNCH/EYEVINE / PICTURE PRESSschen Fondsgesellschaft relevant der im täglichen Geschäft ist.sinken?Hermes Fachmann für SPIEGEL: Arbeitet die Top-Bank der Repu- Hirt: Es wäre falsch zu verallgemeinern.gute Unternehmensfüh- blik weniger verantwortungsvoll als die Aber was spricht dagegen, die Gesamt-rung. Hermes verantwor- Konkurrenz?vergütung auf 25 oder 30 Prozent der Er-tet ein Vermögen von 142 Hirt: Sie liegt zumindest unter dem Durch- träge zu reduzieren? Das wäre ein SchrittMilliarden Euro und be- schnitt. Die Liste der Rechtsstreitigkeiten, in die richtige Richtung. Die Banken kön-rät unter anderem Fonds, laufenden Untersuchungen und fragwür- nen zwar oftmals sagen, dass sie die Bonidie insgesamt 0,5 Prozent digen Geschäfte ist bei der Deutschen reduzieren, aber in vielen Fällen sind zu-an der Deutschen Bank halten. Bei deren Bank sehr lang. Das bereitet uns Sorgen. gleich die Fixgehälter erhöht worden.Hauptversammlung will Hirt kommende SPIEGEL: Die Rechtsstreitigkeiten kommen SPIEGEL: Geht es Ihnen nur um die Höhe?Woche dem Aufsichtsrat die Entlastung vor allem aus dem Investmentbanking, Hirt: Nein, die Gehälter müssten noch stär-verweigern – wegen Missmanagement. dem Bereich des neuen Co-Chefs Anshu ker an den langfristigen Erfolg geknüpft Jain. Trauen Sie ihm ein Umdenken zu? werden. Bemessungsgrundlage für dieSPIEGEL: Herr Hirt, womit haben sich die Hirt: Uns ist wichtig, dass es in Zukunft ro- Höhe des Bonus ist oft nur das ErgebnisKontrolleure der Deutschen Bank Ihren buste Strukturen und Prozesse gibt, um zu des abgelaufenen Jahres. Es sollten aberZorn zugezogen?prüfen, welche Risiken mit neuen Produk- wenigstens drei Jahre sein. Außerdem soll-Hirt: Der Aufsichtsrat der Deut-ten eingegangene Risiken sowieschen Bank hat in einigen seinerKapital- und LiquiditätskostenKernaufgaben versagt. Im Pro- berücksichtigt werden. Sonstzess um die Suche nach einemwird durch günstiges KapitalNachfolger für Josef Ackermannund die implizite Staatsgarantieist viel schiefgelaufen. Der spä- für die weniger riskanten Berei-ter aufgegebene Plan, ihn zum che die Vergütung der Invest-Aufsichtsratschef zu machen,mentbanker subventioniert.war unzureichend vorbereitet. SPIEGEL: Was kann der Gesetz-Wir kritisieren auch das Vergü- geber tun?tungssystem und die fehlendeHirt: Regierungen sehen weiterNachhaltigkeit in Kultur unddie Notwendigkeit, im ZweifelStrategie des Unternehmens. EsBanken zu retten, um zu-ist ein Punkt erreicht, wo wirmindest die Einlagen der Pri-ein Zeichen setzen wollen.vatkunden zu schützen. Ver-MARIO VEDDER / DAPDSPIEGEL: War es ein Fehler, Cle-ständlicherweise wollen siemens Börsig zum Aufsichtsrats-aber nicht für das riskante In-chef zu machen? vestmentbanking einstehen.Hirt: Es ist nicht grundsätzlichDeshalb sollten die weniger ris-falsch, wenn ein Vorstand di- Spitzenbanker Jain, Ackermann: „Keine gute Figur gemacht“ kanten Bereiche vom Invest-rekt in den Aufsichtsrat rückt. mentbanking isoliert und Ka-Aber spätestens nach dem gescheiterten ten, Praktiken und Strategien verbunden pitalbedarf und -kosten für beide Teileersten Versuch Börsigs 2009, Ackermanns sind. Zwar kommt die Deutsche Bank mit transparent sein, so wie es Reformvor-Nachfolge zu regeln, musste man davon der Aufarbeitung von Altlasten voran, aber schläge in Großbritannien vorsehen.ausgehen, dass es zu Konflikten kommen es ist noch nicht klar, wie Fehlentwicklungen SPIEGEL: Auch Großaktionäre haben Fehl-würde. Auch Ackermann hat keine gute künftig verhindert werden sollen. Die Bank entwicklungen lange verschlafen. MüssenFigur gemacht, indem er sich dann stark braucht ein stärkeres Risikobewusstsein. sie künftig eine stärkere Rolle bei derin die Nachfolgersuche eingemischt hat. SPIEGEL: Aktionäre gehen neuerdings auch Kontrolle der Banken einnehmen?SPIEGEL: Was erwarten Sie vom künftigen gegen die Vergütungspraktiken der Ban- Hirt: Investoren haben sich vor der KriseChef des Aufsichtsrats, Paul Achleitner? ken vor. Warum so spät? nicht immer durch kluges Verhalten aus-Hirt: Wir würden es begrüßen, wenn er Hirt: Wir und einige andere Investoren hat- gezeichnet. Analysten gingen von Bankdie Zusammensetzung und Arbeit des ten das Thema schon vor der Bankenkrise zu Bank und fragten: Wann schafft auchGremiums von externen Beratern evalu- auf der Agenda und haben es in den ver- ihr 25 Prozent Rendite? Das hat mögli-ieren ließe. Die missglückte Erneuerung gangenen Jahren immer wieder angespro- cherweise dazu beigetragen, dass hohedes Vorstands zeigt, dass ein echter Neu- chen – auch mit der Deutschen Bank. Ins- Risiken eingegangen wurden. Geradeanfang nötig ist. Achleitner muss zudem gesamt hat sich nicht genug verändert. Des- Pensionsfonds sollten den Vorständendafür sorgen, das Thema Nachhaltigkeit halb begehren jetzt mehr Aktionäre auf. auch mal sagen: lieber auf kurzfristigesstärker in die Strategie des Konzerns zu SPIEGEL: Liegt es daran, dass Banken we- Wetten verzichten und dafür stabil undintegrieren. Die Deutsche Bank hat einen niger verdienen und Aktionäre deshalb langfristig wertschöpfend arbeiten.umfangreichen Verhaltens- und Ethikko- einfach Kostensenkungen sehen wollen?INTERVIEW: MARTIN HESSE70D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 57. Wirtschaft Autor Sarrazin Target II statt Kopftuchmädchenlungen an die Spitze der Amazon-Best-sellerliste schob. Die ersten Reaktionen der Sarrazin-Fans über das neue Werk ihres Idolsfallen arg verhalten aus. In Internetpor-talen wie dem „Deutschlandecho“ ist von„reichhaltigen Fakten“ und einer „sach-lichen“ Auseinandersetzung die Rede,rechte Begeisterung klänge anders. Dasnationale „Globalecho“ lobt „Zahlen,Fakten und Hintergründe“. In diesen Kreisen hätte man sicherlichgern mehr darüber gelesen, wie die Süd-europäer den deutschen Steuerzahler aus-plündern. Und wäre es nicht besser, zurguten alten D-Mark zurückzukehren odersich mit einem Nord-Euro, vulgo: „Nor-do“, endlich von den levantinisch-lieder-lichen „Olivenstaaten“ abzugrenzen, wiees Hans-Olaf Henkel fordert? CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL Doch Sarrazin hält sich hier rhetorischzurück. Als langjähriger Beamter im Bun-desfinanzministerium, Berliner Finanz-senator und Bundesbank-Vorstand ver-steht er einfach zu viel von der Sache. Erunterscheidet sogar fein zwischen Nord-und Süditalien, zählt Frankreich zu unse- „Euro-Bonds“, „Target II“ und einen ge-ren Verbündeten und will auch die D- BÜCHERwissen „lender of last resort“; da sindMark nicht wieder einführen.Deutschland schon Autoren, die wirklich schreiben Es wird weder groß „aufgedonnert“ können, gescheitert. noch „skandalisiert“, wie der „Stern“Bereits der Titel seines nun erschiene- vorab mutmaßte. Auch die Suche nach schlafft sich ab nen Buchs, „Europa braucht den Euro„hellbraunen Assoziationen“ und „anti- nicht“, ist eine Zumutung: unentschlos-semitischen Klischees“, die der Publizist sen, langweilig, weit weg vom Leser, wie Michel Friedman zwischen den Zeilen Sarrazins Verlag DVA intern befürchtet.herauszulesen glaubt, verläuft in Wahr- Lang, lahm und viel zuDie Marketing-Experten hätten gern we- heit erfolglos. Dass, wie Sarrazin schreibt,ausgewogen – Thilo Sarrazins nigstens „Europa“ durch „Deutschland“eine Verbindung bestehe zwischenkrawallverwöhnte Zielgruppeersetzt, doch das wollte Sarrazin nicht. Deutschlands Schuld am Zweiten Welt- Wäre es nach ihm gegangen, hätte das krieg und seinem besonderen Engage- hadert mit dessen neuem Werk. Buch „Abenteuer Euro“ geheißen, einment für die europäische Völkerverstän- Alptraum für jeden Verlagsmanager. digung, findet sich so oder so ähnlich inWas war das doch für ein Spaß350 000 Bücher stark ist angeblich diejedem Sozialkundebuch.beim letzten Mal! DraußenStartauflage, das wäre ein Stapel viermal Sarrazins Thesen unterscheiden sichrangelten Polizei und Demon- so hoch wie die Zugspitze. In dieser Höhenicht groß von der Position, die auch an-stranten. Drinnen Klatschmarsch undbewegen sich sonst nur Richard David dere Ökonomen wie Hans-Werner Sinn,„Jawoll“-Rufe. Eine Seniorin fiel obliga-Precht und Harry Potter. Bei Sarrazins Chef des Münchner ifo Instituts, oder Dirktorisch in Ohnmacht vor lauter Begeiste- Vorgänger „Deutschland schafft sich ab“, Meyer von der Helmut-Schmidt-Universi-rung. Selten wurde den Besuchern einer Gesamtauflage mittlerweile gut 1,4 Mil-tät in Hamburg vertreten. Nein zu Euro-Autorenlesung mehr Nervenkitzel gebo-lionen, hatte der Verlag das LeserinteresseBonds, nein zur Transferunion, Griechenten als bei Thilo Sarrazins Auftritt imunterschätzt und zunächst viel zu wenige raus aus dem Euro: Sogar CSU-Chef Horstüberfüllten Potsdamer Nikolaisaal. Das Exemplare drucken lassen. Die Buchhänd-Seehofer ist längst ähnlicher Ansicht.war im Spätsommer 2010.ler waren darüber damals sehr erbost. Sie Dem Finanzwissenschaftler Stefan Trist ist die Stimmung am vergangenen mussten Zigtausende Kunden vertrösten. Homburg, der bei Sarrazins Buchpremie-Dienstag. Derselbe Ort, ein neues Buch, Diesmal könnte es ganz anders sein. re im Berliner Hotel Adlon eine empha-Sarrazin ist wieder da, bloß: Wo sind dieDeutschland schlafft sich ab.tische Laudatio halten sollte, ist Sarrazinanderen? Im Nikolaisaal ist etwa die Hälf-Das breite Publikum, so die Sorge des viel zu lasch. Historisch betrachtet habete der Plätze belegt. Weit und breit ist Verlags, ist von Sarrazins Gedanken zumeine Währungsunion noch nie funktio-nicht ein einziger Demonstrant in Sicht. Thema „Der Maastricht-Vertrag“ (Kapitelniert. Wenn es nach ihm ginge, würdeDie Security-Leute am Eingang stochern 2), „Anleihekauf durch die EZB“ (Kapitel das ganze Euro-Projekt abgewickelt, solustlos in Damenhandtaschen, die vor-4) oder „Zur Grundlogik konzeptionellerHomburg. Ein Satz, den Sarrazin so nichtsorglich alarmierte Polizei macht Feier- Finanzpolitik“ (Kapitel 7) womöglich stehenlassen will: „Mein Weg ist stiller“,abend. doch weniger angefixt als von Kopftuch-sagt er. Sarrazin hat auch keine rechte Lust,mädchen und der These vom nachteiligenWann schreibt Homburg eigentlich maldie Stimmung anzukochen, kein Wunder Ausländer-Genpool, auch wenn sich daswieder was?bei seinem neuen Thema. Es geht um Euro-Buch bereits durch die Vorbestel- ANDREAS MACHO, ALEXANDER NEUBACHER72 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 58. Trends MedienSPIEGEL: Warum ist in der Modelshow eigentlich immer Zi-KARRI ERENckenkrieg angesagt?„Überall Schubladen“Gonzalez: Die Mädchen lachen, weinen – und zicken vielleichtauch mal. Wo zu viele Frauen aufeinandertreffen, wird nun malgestritten. Aber am Ende geht es uns doch immer ums Modeln.SPIEGEL: Die aktuelle Show-Staffel rückt ihrem Finale geradeLaufstegtrainer Jorge Gonzalez, 44, über seinen Einsatz bei näher. Ein internationales Top-Model dürfte auch diesmal„Germany’s Next Topmodel“ (ProSieben) nicht geboren werden, oder? Gonzalez: Die Luft bei den internationalSPIEGEL: Herr Gonzalez, Sie sind gebür-erfolgreichen Top-Models ist sehr dünn.tiger Kubaner, haben einst in der Tsche- Da gibt es noch viel mehr Konkurrenz.choslowakei Nuklear-Ökologie studiertVielleicht waren die Mädchen bisherund bringen heute Heidi Klums Model- auch zu klein, vielleicht reichte ihre Per-Nachwuchs das Gehen bei. Werden Siesönlichkeit nicht aus. Oder andere warenoft unterschätzt?besser. Womöglich hatten sie auch nichtGonzalez: Ja, klar. Schubladen gibt es genügend Ehrgeiz. Die Arbeit endetüberall. Besonders in Deutschland. Die nach der Show nicht, sie beginnt dannLeute sehen einen Typen mit langen erst. Wenn es bei den Chicas mit der gro-Haaren und Stöckelschuhen, der immer ßen Model-Karriere nicht klappt, arbei-lacht und gebrochen Deutsch spricht. ten sie national oder werden eben Schau-Also sagen sie, das ist ein Paradies-spielerin oder Moderatorin.vogel, trallali, trallala. An meiner SPIEGEL: Neulich mussten die Kandida-Fröhlichkeit will ich nichts ändern. tinnen sich als Nixen in einen Berg toterAber an meinem Deutsch werde ich Fische legen. Was hat das mit der Mo-arbeiten.del-Wirklichkeit zu tun?SPIEGEL: Die Medien könnten mit IhnenGonzalez: Sehr viel. Man muss lernen, inüber die deutsche Energiewende disku-den schrägsten Situationen für die Ka-tieren. Stattdessen hat man Sie schonmera zu posieren. Ich habe als Studenteinen „fleischgewordenen Stöckelschuh“ in der Tschechoslowakei auch gemodelt.genannt. Schlimm?Da musste ich Bademode im SchneeGonzalez: Ich besitze 300 Paar Schuhe, präsentieren, bei minus 15 Grad Celsius. OLIVER S. / PROSIEBENmanche stehen in einem eigenen Raum, Und das, wo ich doch auf Kuba aufge-andere lagern in Kartons. High Heels wachsen bin. Fotografen müssen sichsind meine Passion. Inzwischen schen-heute immer ausgefallenere Bedingun-ken mir junge Designer welche in der gen für die Shootings ausdenken. UnterHoffnung, dass sie durch mich bekanntWasser. Am Helikopter hängend. Je ex-werden. Das ist doch schön.Gonzalez, Kandidatintremer, desto besser.N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N rung“, ob Medienangebote „entwick- Programm. Und strahlt sie seitherlungsbeeinträchtigend“ sind. Amauch immer wieder tagsüber aus.Montag teilte sie mit, dass sie die Aus- Anfang 2004 zum Beispiel zeigte derMys|te|ri|umstrahlung der amerikanischen Reihe„X-Factor: Das Unfassbare“ (Bild: Mo- Sender manchmal samstags vormittags sechs Folgen hintereinander, obwohlschwer erklärliches Phänomen, vgl.: Lan-derator Jonathan Frakes) im Tagespro-es überhaupt nur 45 Folgen gibt.desmedienanstaltgramm von RTL II beanstandet habe. In den USA war die Reihe 2002 einge-In der Sendung werden unheimlichestellt worden. Bei RTL II aber funktio-Dass die Landesmedienanstalten nichtund unerklärliche Geschichten erzählt, nierte sie so gut, dass sie zum Untotenvon dieser Welt sind, ist bekannt. In ih- und am Ende wird verraten, welchewurde, endlos wiederholt, noch im vo-rem eigenen Universum sind sie meistdavon angeblich wahr und welcherigen Jahr mit einer dreistelligen Zahlganz gut mit der Verwaltung ihrer eige- bloß erfunden sind.von Wiederholungsterminen. Erst seitnen Existenz beschäftigt. GelegentlichVor allem dass viele gruseligediesem Frühjahr spukt siesenden sie von dort etwas, das man eu-Mysterien als „wahr“ auf- weniger im Programm her-phemistisch als Lebenszeichen bezeich-gelöst wurden, könnte „aufum, und insofern ist es aufnen könnte. Es sind Presseerklärungen,Heranwachsende belastendeine paradoxe Art konse-Beschlüsse und Wortmeldungen, an- wirken“, mahnten die Ju-quent, dass nun die KJM mithand derer man die Entfernung zu demgendschützer. Die Sendung ihrer Beanstandung kommt.Planeten einschätzen kann, von demsei deshalb für Kinder unterOb sich eine „X-Factor“-Sen-sie stammen.zwölf Jahren nicht geeignet dung über die Landesme-Die Kommission für Jugendmedien-und hätte nicht vor 20 Uhrdienanstalten – angemessenschutz der Landesmedienanstaltenlaufen dürfen. Darüber ließegruselig inszeniert und am(KJM) etwa prüft in einem angemes-sich womöglich streiten.Ende als „wahr“ enthüllt –sen komplexen Verfahren nach demAllerdings hat RTL II die Sen-im Tagesprogramm zeigen„Prinzip der regulierten Selbstregulie- dung „X-Factor“ seit 1998 imließe? D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 75
  • 59. ROLF VENNENBERND / PICTURE ALLIANCE / DPASenderchefin Piel mit „Tatort“-Schauspielern*: Eine Anstalt nach der anderen verärgertRUNDFUNKEingemauertMonika Piel ist die mächtigste Frau der ARD – und deren amtierende Vorsitzende.Am Mittwoch wird sie als WDR-Intendantin wiedergewählt. Doch ihr Rückhalt schwindet. Die Baustellen im Ersten sind gewaltig.EErster im Ersten s gibt durchaus Intendanten, die Spricht man jedoch mit Mitgliedern eben-sich wohlwollend über ihre Kolle- jenes Gremiums, sagen die, sie hätten da- Einnahmen der ARD-Sendergin Monika Piel äußern. Sie sagen mit kein Problem, wenn Piel sich äußerte. aus Rundfunkgebühren in Millionen Eurodann beispielsweise, dass die WDR-Che- Fragen jedenfalls gäbe es genug. Wasfin „eine hervorragende Radiostimme“RB43eigentlich sind die Erfolge von Piels ersterhabe oder „als Mensch sympathisch“ sei. SR68Amtszeit beim WDR? Warum strebt sieUnd ein bisschen gönnerhaft fügt man-RBB368 eine zweite an? Warum ist der Unmut incher hinzu, ARD-Vorsitzende sei keinHR414Stand: 2010, der ARD über sie groß? Weshalb hielt sieleichter Job, und überhaupt seien die Zei- inkl. Anteil der zum Beispiel so lange an der fixen Ideeten schwierig. 1156 Landesmedien- fest, Thomas Gottschalk ins Vorabend-anstalten, Manchmal kann Lob ganz schön ge- MDR 591 Quelle: GEZ programm des Ersten zu hieven? Warummein sein. Vor allem wenn die Kollegenschafft sie es nicht einmal, in ihrer eige-SWR 1007Intendanten dann doch eher herumdruck-nen Anstalt eine kleine Radioprogramm-sen auf die Frage, womit Piels AmtszeitBR 904 reform umzusetzen, ohne zigtausend Hö-als ARD-Oberste denn einmal in die His- NDR 975 rer gegen sich aufzubringen?torie eingehen werde.Passieren kann ihr ohnehin nichts Piel selbst sagt – nichts. Sie wolle nicht4290Beschäftigte mehr. Am kommenden Mittwoch soll sie3674 3482öffentlich reden, teilt ihr Sprecher mit. 3233 2011, Planstellenals WDR-Intendantin wiedergewählt wer-Nicht jetzt, nicht vor der Wahl. Das ge- 2009 1722den. Der Rundfunkrat hat gar nicht erstbiete der Respekt vor dem Rundfunkrat. 1471 nach einem Gegenkandidaten gesucht,563 234 was auch daran liegt, dass das Kontroll-* Dietmar Bär, Klaus J. Behrendt und Joe Bausch ingremium umso stärker wird, je schwächerKöln.WDR SWR NDR BR MDR HR RBB SR RBein Intendant ist.76 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 60. Medien Monika Piel, 61 Jahre alt, Chefin des funkdirektorin brachte. Ende 2006 wurde habe vom nächsten Tag an andere Ar-größten Einzelsenders der ARD mit Sitz sie zur Intendantin gewählt, als Nachfol- beitszeiten, alles sei schon mit dem In-in Köln, kann sich ihres Amtes sicher sein – gerin von Fritz Pleitgen.tendanten besprochen, dann war dasmangels einer inspirierenden Alternative.Mehrere Bewerber, darunter der dama- durchaus glaubhaft. Ihr ARD-Vorsitz dagegen endet zum lige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Bren-Auch Intendantenkollegen klagen über31. Dezember turnusgemäß nach zwei der, waren beim Rundfunkrat durchge- „Monika hinter den Mauern“, wie man-Jahren, dann übernimmt der NDR. In der fallen – oder hatten sich selbst aus dem cher bereits über sie spöttelt. Der ChefARD sehnen diesen Tag mittlerweile vie- Rennen geworfen. Am Ende befanden die des Hessischen Rundfunks, Helmut Reit-le herbei. „Das waren zwei verlorene Jah- Ratsmitglieder, man müsse endlich mal ze, war vor ein paar Wochen so genervt,re“, heißt es etwa, wenn einige der Inten- eine Frau an die Spitze befördern. dass er ihr einen zornigen Brief schrieb.danten dann doch mal offen reden.Es war die Zeit, als die Testosteron-Ker-Es ging um ein wichtiges Gespräch der Kein einziges großes Projekt habe sie le der ARD allerorten abtraten. Peter Voß ARD-Spitze mit den Zeitungsverlegern.in ihrer Amtszeit hinbekommen, bemän- ging beim SWR in Ruhestand, Jobst Plog Reitze wandte sich an die „liebe Fraugeln die Kollegen. Die ARD sei Piel“ mit der „dringlichen Bittezerstritten wie nie zuvor. Nicht um Information“. Inzwischen sei-einmal in der Frage, ob man wirk-en „16 Tage verstrichen, und mirlich fünf abendliche Talkshows liegen immer noch keine Infor-brauche, bekomme sie eine Eini-mationen darüber vor, was beigung hin. Ganz abgesehen von dem Termin herumgekommender strategischen Entscheidung,ist“. Er selbst werde von den Gre-ob das Erste auch Erster bei der mien um Information gebeten,Quote sein solle und wolle oderkönne aber keine Auskunft ge-nicht. Der derzeitige ARD-Werbe- ben. „Das empfinde ich als sehrslogan „Wir sind eins“, sagt ein unangenehme Situation.“ Er den-CLEMENS BILAN / DAPDSenderboss, klinge wie Hohn. ke, schloss Reitze, „es geht den Ihr Vorgänger an der Spitze meisten anderen Intendantinnendes Verbunds, SWR-Intendantund Intendanten ebenso“.Peter Boudgoust, brachte dieDer Streit mit den VerlegernNeuordnung der Fernsehgebühr ist eine der aufgerissenen Bau-unter Dach und Fach und ver- stellen, die Piel ihrem ARD-schaffte den „Tagesthemen“ wo- Nachfolger hinterlassen dürfte.chentags einheitliche Anfangs- Dabei geht es wieder einmalzeiten. Beides waren Kraftakte.darum, wie sehr sich die öffent-Und Piel? Wenn jetzt nicht nochlich-rechtlichen Sender im Inter-etwas Bedeutsames passiert, wird net ausbreiten dürfen.sie in Erinnerung bleiben als die Der Krach entzündete sich anFrau, die Thomas Gottschalk ge-der „Tagesschau“-App. Am Endeschrumpft hat. verhandelte Piel mit den Verle- Sein Vorabend-Experimentgern einen Kompromiss, den inSTAR-MEDIA / INTER-TOPICSwar ein Lieblingsprojekt von der ARD viele als faul empfin-Piel. Auf seinem Schloss hochden. Die öffentlich-rechtlichenüberm Rhein, bei Kaffee undSender sollen sich weitgehendKuchen, hatte er ihr und dreiauf Bilder und Töne beschrän-weiteren ARD-Abgesandten sei-ken, die Verleger auf Texte.ne Pläne für eine werktägliche ARD-Stars Gottschalk, Florian Silbereisen (2. v. r.): Piel fing Feuer Doch selbst dieser KompromissSendung mit sich selbst als Kopf,kam nicht zustande, weil derGesicht und Zentrum präsentiert. Gott- beim NDR und beim WDR eben Pleitgen. neue ZDF-Intendant Thomas Bellut kurzschalk brannte. Piel fing Feuer. Es war ein Umbruch in Fragen der Macht- vor der Unterschrift die Notbremse zog. Mit seiner letzten „Wetten, dass …?“- kultur. In Köln fand man den Wechsel an Piel und das Erste waren blamiert.Sendung im ZDF hatte er fast 15 Millio- der Senderspitze durchaus erfrischend.Zwar ist der ARD-Vorsitz ohnehin einnen Zuschauer vor dem Fernseher ver- Und war bald schon ernüchtert. eher obskurer Posten. Zwar ist er vonsammelt. Im Ersten ist er jetzt bei einigenStatt einen Aufbruch zu wagen, pflege seinen Befugnissen her keineswegs zu ver-hunderttausend getreuen Fans angelangt. Piel das Prinzip der Abschottung, sagen gleichen mit dem Chefsessel beim ZDF, Hätte sie es wissen können? Hätte je- ihre Kritiker – und die finden sich keines- wo der Intendant quasi als aufgeklärtermand sie warnen müssen? Gottschalk war wegs bloß in einer Altherrenclique. Sie Monarch agiert. Zwar kann Piel nichts al-eben immer vor allem „Wetten, dass …?“. regiere per Akte. WDR-Mitarbeiter quer lein entscheiden. Aber andererseits ist esAm Ende war das Einzige, was Piel für durch Haus und Hierarchie bemängeln, ihr Job, diesen Senderverbund überhauptihren Schützling tun konnte: seine frist- dass sie kaum einen Gesprächstermin mit entscheidungsfähig zu machen.lose Absetzung durch die Intendanten- der Chefin bekommen. Abteilungsleiter Im Grunde geht es darum, neun bun-kollegen im April abzuwenden. Statt- warten angeblich mitunter monatelang desweit versprengte Sender im Zaum zudessen ist jetzt Anfang Juni Schluss. Und auf ein Treffen.halten, von denen der eine dem anderenschon heißt es in der ARD wieder, Piel Von ihrem Vorgänger Pleitgen waren nicht mal die Nachkommastelle bei dersei eben doch eher eine Radiofrau. die WDR-Leute anderes gewohnt. Er Einschaltquote gönnt. Man müsste sie Begonnen hatte sie ihre Laufbahn tat- stopfte seinen Tag voll mit Mitarbeiter- einen. Befrieden. Umarmen.sächlich beim Fernsehen. Als studentische gesprächen, spazierte durch die Anstalt,Piel, die jeden Arbeitstag mit demAushilfe bearbeitete sie einst Zuschauer- hier ein Schwätzchen, dort ein Plausch, zweimaligen Hören der „Morgenstim-fragen. Karriere machte sie jedoch beim lud in sein Büro und regelte vieles im di- mung“ aus Edvard Griegs „Peer-Gynt-Radio, wo sie als Parlamentskorrespon- rekten Kontakt. Wenn der Pförtner zu Suite Nr. 1“ beginnt und ihn gern mit ei-dentin in Bonn auffiel und es bis zur Hör- seinem Vorgesetzten lief und sagte, er nem Waldspaziergang ausklingen lässt,D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 77
  • 61. entschied sich für den gegenteiligen Weg.Sie begann ihre Amtszeit Anfang 2011damit, eine Anstalt nach der andern zu MUSIKFERNSEHEN Baku – blendendverärgern. In einer Reihe von Interviews distan-zierte sie sich von so ziemlich allem,wofür das Erste steht. Für „Anne Will“erklärte sie sich „nicht zuständig“. DiePersonalie Kai Pflaume, so gab sie zu Pro- Der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan wird als Sieg dertokoll, sei „nicht meine Entscheidung“ Fassade in die TV-Geschichte eingehen. Von Stefan Niggemeierund der Eurovision Song Contest für sie„nicht der Höhepunkt des ARD-Pro-Dgramms“. Kritik an der Häufung krach- er große Wanderzirkus des Euro-lederner Dudel-Shows im Ersten parierte vision Song Contest (ESC) wirdsie mit der Bemerkung, der WDR habe weiterziehen. Er wird die Auf-„noch nie Volksmusik angeboten“. So merksamkeit mitnehmen, die dieses Er-macht man sich keine Freunde. eignis aus schwer zu erklärenden Grün- Es ist schwer zu sagen, was diese In-den immer noch erhält. Und mehr als jetendantin antreibt. Oft ist es einfach diezuvor wird er zwei Fragen zurücklassen:Angst vor schlechter Presse. Als „Bild“ Hat er das Land verändert, in dem erim vergangenen Sommer etliche Recher- stattfand, diesmal Aserbaidschan? Undcheanfragen an die ARD schickte, warden Blick der Welt auf dieses Land?die Angst vor einer Kampagne des Bou-Goethe meinte: Man fühlt die Absichtlevardblatts gegen das böse Gebühren- und ist verstimmt. Aber Goethe war niefernsehen vor allem im WDR so groß, in Baku. Hier müsste der Satz lauten:dass in Piels Sender eilig eine Task-ForceMan fühlte die Absicht und war trotzdemunter Führung von Fernseh-Chefredak-beeindruckt.teur Jörg Schönenborn gebildet wurde.Über weniges lässt sich in diesem Land,Der Trupp sollte sich nicht bloß eine Stra- in dieser Stadt so ausgiebig philosophie-tegie zur Verteidigung zurechtlegen, son- ren wie über das Wesen und Wirken vondern auch darüber nachdenken, wie man Fassaden. Schon der Weg vom Flughafenzur Not im eigenen Programm zurück- in die Innenstadt von Baku führt an end-schießen könne. Die Kampagne kam nie. losen Schmuckmauern vorbei. Sie kön- Bereits im Frühjahr, als publik gewor- nen nicht immer verbergen, was dahinter-den war, dass die Soldaten in Afghanistan liegt. Ölgestank verrät die Förderfelder.wegen der Abschaltung eines ansonstenDie Stadt ist keine natürliche Schön-überflüssigen Satellitenkanals nicht mehr heit. Der Teil, den die Touristen und Be-die ARD empfangen konnten, war Piel sucher des ESC vor der Show am Samstagauf Druck der Presse eingeknickt. Statt zu sehen bekamen, war nicht nur zurecht-in Ruhe zu überlegen, wie das TV-Signal gemacht, er sah auch so aus. Parks, Wege,auf anderem Weg billiger zu den SoldatenGebäude wirkten, als hätte sie jemand Altstadt von Baku: Man fühlte die Absicht – undgeschickt werden könne, setzte sie in der gerade erst aus der Verpackung geholt.Intendantenrunde durch, weiterhin eineBaku war geliftet.konkreten Bilder waren ungleich mächti-knappe halbe Million Euro jährlich für Die Besucher konnten, wenn sie sichger als das Wissen.den Satelliten zu bezahlen. informiert hatten, sogar rekonstruieren,Fassaden verlieren ihre Wirkung nicht Ihre nächste Schlacht schlägt Piel nun wo die Häuser gestanden haben müssen, dadurch, dass man sie als solche erkennt.nicht am Hindukusch, sondern daheim die der Verschönerung Platz machenTrotzdem ließen sich die Verantwortli-in Köln. Im Sendegebiet des WDR zog mussten und deren Bewohner oft mit bru- chen bei deren Errichten ungern zusehen.sie sich den Zorn der Hörer zu, weil sietalen Methoden vertrieben wurden. AberManchmal war es schon zu viel, vor dendie Radio-Kulturwelle WDR 3 umbauen was die Besucher sahen, waren die ge- drei gewaltigen Türmen in Flammenformwollte, ohne darüber vorher groß mit derplanten Freiräume, die großzügigen Zu-zu stehen und Fotos machen zu wollen.Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen.fahrtsstraßen und Parkplätze und dieDerweil hatte sich die Eurovision vom Eigentlich wäre die Reform eine Klei-spektakuläre moderne Architektur. Diese Staat wenigstens für die Teilnehmer dernigkeit, denn das Programm hat pro Tagnur 220 000 Hörer. Doch am Ende wurdedaraus ein Tsunami. Piel hatte schlichtunterschätzt, welche Bedeutung die Wel- Kooperation auf der Kippele unter den Kulturschaffenden in Nord- Eine weitere Zusammenarbeit von StefanProgrammplatz am Hauptabend mehr ge-rhein-Westfalen einnimmt. Raab und der ARD für den nächsten ben. Entschieden wird über die Sendung Erst als 18 000 Menschen im Internet deutschen Vorentscheid zum Eurovision allerdings erst nach dem Eurovisions-einen Protestbrief an die Intendantin Song Contest ist unwahrscheinlich. Nach Finale am 26. Mai in Baku. Für eine neueunterschrieben hatten, erkannte sie Ge- der schlechten Zuschauerresonanz derVariante der Kandidatensuche gibt es insprächsbedarf. Prompt kündigte derCasting-Show „Unser Star für Baku“ stellender ARD-Unterhaltung bereits mehrereWDR Diskussionsveranstaltungen an. Al-die Verantwortlichen sowohl in der ARD alsModelle – mit und ohne Raab. Die ARDlerdings erst für Juni, wenn die Reform auch bei ProSieben das gesamte Konzepthatte 2010 zum ersten Mal mit ihm undschon beschlossen sein soll – und Monikader Reihe in Frage. In ihrer jetzigen Formdessen Stammsender ProSieben gemein-Piel als Intendantin wiedergewählt. werde die Sendung wohl kaum fortgesetzt,sam den deutschen Eurovisions-Kandida- Bis dahin schweigt sie weiter. heißt es in der ARD. Auch ProSieben willten gesucht – und so die spätere Gewinne- MARKUS BRAUCK, ALEXANDER KÜHNdem Quotenschwächling offenbar keinen rin Lena Meyer-Landrut gefunden.78D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 62. MedienVeranstaltung Garantien geben lassen:Das geplante große Oppositionskonzert Werte überleben. Es sind die Werte, fürMeinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit. „Sing for Democracy“ durfte nicht in der die Europa steht oder stehen sollte: Mei-Sie konnte nicht sagen, wann und in wel- Öffentlichkeit, sondern nur in einer Knei-nungs-, Presse- und Versammlungsfrei-cher Form derlei stattfinden könnte. Es pe stattfinden; Demonstrationen wurden heit etwa. Rund um den ESC konnte mansei aber natürlich wichtig, über diese Fra- sofort aufgelöst; zweifelhafte Prozesse ge-aber auch erleben, wie verdruckst Euro-gen nachzudenken. Mehr als Fassaden wa- gen inhaftierte Journalisten gingen weiter.päer darin sind, diese Werte zu verteidi-ren auch die Eurovision-Versprechen of- Es ging der Regierung offenkundig nichtgen und zu leben.fenbar nicht, während des Grand Prix auf darum, nach außen Eindruck durch Nach- Ein selbstverständliches Bekenntnisdie Gewährung von Freiheiten zu achten. giebigkeit zu machen, sondern nach innen dazu wurde gelegentlich von Westeuro- Formal, auf dem Papier, ist Aserbai- durch Härte. Sie zeigte der Bevölkerung, päern selbst als überheblicher Missio-dschan ein Staat, der wenig zu wünschen Freund und Feind, dass sie sich von demnierungsversuch abgetan, universales internationalen Druck gar nicht Menschenrecht als Luxusphänomen rela- beeindrucken lässt. tiviert.Offenbar wollte die Regierung Es war bestürzend zu sehen, wie weder friedliche Proteste zulas-schnell sich die Errungenschaften eines sen noch hässliche Bilder von ih- Rechtsstaats, mit all seinen Macken, rela- rer gewaltsamen Auflösung pro-tivieren lassen, wenn etwa die EBU-Che- duzieren. Beobachter hatten das fin Deltenre die rechtlich fragwürdigen Gefühl, dass die Sicherheitskräf- Zwangsräumungen in Aserbaidschan mit te deshalb etwas weniger ruppig Umsiedlungen vor den Olympischen Spie- vorgingen als sonst.len in London verglich.Die Regierung hat davon pro-Aserbaidschan wiederum wollte zei- fitiert, dass viele ihrer Gegenüber gen, dass es zu Europa gehört. Der ESC es leid wurden, dauernd hintersuggeriert diese Nähe. Und mit dem end- die schönen Kulissen schauen zu los wiederholten Verbot einer „Politi- sollen. Sie fand Verbündete insierung“ dieser Veranstaltung lässt sich Teilnehmern, Fans und Bericht-auch die bloße Forderung, Menschenrech- erstattern, die in Baku einfach te zu respektieren, von der Tagesordnung die übliche irre Grand-Prix-Sause wischen. Dass der ESC längst von der feiern wollten – unabhängig da- aserbaidschanischen Regierung politisiert von, was im Land passiert.wurde, fiel dabei regelmäßig unter denAusgerechnet ein „taz“-Jour- Tisch. nalist nannte den Menschen-Fast alles an Aserbaidschan ist bemer- rechtsbeauftragten der Bundes-kenswert, und manches auch bemerkens- regierung eine „Spaßbremse“,wert positiv, insbesondere für ein Land, verunglimpfte Kritiker als „Men-das an Iran grenzt, wo viele Aseri unterJOERN HAUFE / DAPD schenrechtisten“ und machte einem ganz anderen Regime leben. sich über die schwedische Teil-Das autoritäre Regime ist aber nicht nehmerin lustig, weil sie – einenur weniger schlimm, sondern auch ge- Ausnahme – Solidarität mit denschickter als Diktaturen. Im Vorfeld hattewar beeindrucktbedrängten Bürgerrechtlern deres einzelne Aktivisten zur Armee einzie- Stadt zeigte. hen lassen oder sie verhaftet, weil beiübriglässt. Das Land ist Mitglied des Eu-Der Europäischen Rundfunkunionihnen plötzlich Drogen gefunden wordenroparats – auch wenn es die Pflichten, die EBU, dem Veranstalter des jährlichenwaren. Die beiden prominenten Organi-damit verbunden sind, oft ignoriert. Das Wanderzirkus, war ohnehin daran gele- satoren von „Sing for Democracy“ sagten,Land hat Gesetze und Gerichte – auch gen, die Fassade einer unpolitischen Ver- sie seien von der Uni geworfen worden –wenn die oft nicht für Gerechtigkeit sor- anstaltung aufrechtzuerhalten. Sie trat alseine Repression, wirkungsvoll, aber ge-gen. Es sind Fassaden.Verbündeter der Regierung auf, geeintrade klein genug, um keinen Aufschrei Und das Land hat Geld. Es hilft unge- durch den Wunsch, eine in jeder Hinsichtzu provozieren. Das ist vielleicht der bes-mein, ein autoritäres Regime attraktiv reibungslose Veranstaltung über die Büh-te Fassadentrick des Landes: dass es sichwirken zu lassen, wenn dieses Regime es ne zu bringen. so wenig autoritär anfühlt.sich leisten kann, Attraktivität zu kaufen.„Wir sind nicht glücklich über das, wasDer ESC hat Baku gewaltige Aufmerk-Natürlich gäbe es wichtigere Dinge, in hier passiert ist“, sagte Annika Nyberg samkeit gebracht. Viele bunte, schönedie der Staat den Reichtum aus seinem Frankenhaeuser, die Mediendirektorin und geschönte Bilder, aber auch reichlichÖl investieren könnte, als Luxus in der der EBU, in Bezug auf die Zerschlagung Kritik. Ob und wie der ESC das Land tat-Innenstadt. Und theoretisch würden das mehrerer friedlicher Demonstrationen in sächlich verändern wird, ist offen. Kriti-vermutlich auch die meisten Gäste, die Baku. Die EBU habe das Thema aber ker im Land fürchten, dass nach ein, zweizum ESC in die Stadt gekommen sind, gegenüber den Behörden noch nicht an-Monaten Schonzeit das Regime mitunterschreiben. Aber praktisch hilft es gesprochen. Sie konnte auch nicht sagen, Macht zurückschlagen wird. Aber auchdoch sehr, wenn eine Stadt, die blenden wann und in welcher Form das stattfinden das ist nicht ausgemacht.will, auch blendend aussieht. könnte oder werde.Vielleicht wird sich herausstellen, dass Aserbaidschan wollte gut aussehen.Die EBU-Generaldirektorin Ingrid Del- der Song Contest einfach eine neue bunteAber nicht immer auf die Art, die ein tenre hingegen sagte, man habe die Be- Fassade war, und dahinter ist: nichts.westlicher Beobachter erwarten würde. hörden um eine Erklärung für angebliche Auf die Frage, ob der Wettbewerb einAnders als von vielen erhofft, reagierte Verhaftungen von Journalisten gebeten.wenig mehr Demokratie nach Aserbai-das Regime auf die plötzliche Aufmerk- Wenig sprach dafür, dass die EBU sich dschan bringen könnte, sagte ein Kennersamkeit aus aller Welt nicht mit demon- darum sorgte, dass hinter den bunten Ku- des Landes: „Ein Land, das sich demo-strativer (oder auch nur vorgeblicher) Of- lissen der vermutlich größten nichtsport- kratisieren will, braucht dafür nicht denfenheit und Entspannung.lichen Fernsehshow der Welt auch ihreEurovision Song Contest.“ D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 79
  • 63. PanoramaG R O S S B R I TA N N I E NMeister des MüßiggangsAuf dem Gipfel der Macht ist die Luftdünn, und mancher dort trägt soschwer an der Last der Verantwortung,dass ihm graue Haare wachsen. Nureiner widersteht: David Cameron, 45,hat geradezu Zen-artige Fähigkeitenzum Müßiggang entwickelt. Draußenmag die Schuldenkrise wüten – dochder Herr von 10 Downing Street zücktsein iPad und spielt „Angry Birds“.Angeblich hat er schon alle Level be-wältigt und widmet seine Aufmerk- SIMON ROBERTSsamkeit nun „Fruit Ninja“. Dabeimüht sich der Premierminister Groß-Cameronbritanniens, mit einem imaginärenNinja-Schwert möglichst viel umher-fliegendes Obst zu zermatschen.eine olympische Goldmedaille fürs Re-des Delegierens und der austarierten„Times“-Journalisten haben jetzt auchlaxen gäbe“, so zitieren die Journalis-Work-Life-Balance erregt den Spottenthüllt, mit welcher Verve Cameronten einen Parteifreund, „dann würdemancher Oppositionspolitiker – aberan Sonntagen entspannt. Auf seinem er sie gewinnen.“ Auf Staatsbesuchen Experten zollen ihm Respekt: Came-Landsitz Chequers sieht er fern, spieltzwackt Cameron oft etwas Zeit fürron verfüge über das Talent, sagt Alex-Billard und Tennis, kocht und trinkt sich ab, und jede Woche verbringt er andra Beauregard von der LondonWein, den Abend lässt er gelegentlicheine romantische „date night“ mit sei- School of Economics, seine Batterienmit Karaoke ausklingen. „Wenn es ner Frau Samantha. Der Großmeister wieder aufzuladen. ISRAELQUERSCHNITTArme, heilige Stadt BoomendesGenau 45 Jahre nach der Eroberungund Vereinigung Jerusalems ist die Afrika Quelle: IWF, teilweiseStadt tief gespalten: Während der jüdi- Schätzungensche Westen prosperiert, leben 78 Pro-zent der 360 882 palästinensischen Be- Der Schwarze Konti-wohner in Armut. 2006 hatte die vom nent ist besser als seinNigeriaisraelischen Sozialversicherungsinsti-GhanaÄthiopien Ruf. Seit etwa fünf Jah- tut ermittelte Armutsrate noch bei 64 Äquatorialguinea ren hellt sich die wirt- Prozent gelegen. Hauptgrund ist die schaftliche Situation stetigUganda hohe Arbeitslosigkeit: 40 Prozent derRuanda auf. 2012 wird Afrika ein Wachstum Männer und 85 Prozent der Frauen von im Schnitt 5,4 Prozent verzeichnen.sind ohne Beschäftigung, schätzt die Die Entwicklung der vergangenen JahreBürgerrechtsorganisation Acri. Einst wurde angeführt von Ländern wie Ghana, Malawiwar Ostjerusalem das wirtschaftliche Nigeria und Äthiopien, dessen Wirtschafts-Angola und kulturelle Zentrum der Palästinen- leistung seit 2006 um fast 60 Prozent gestie-ser, heute ziehen viele Bewohner in gen ist. Insgesamt fließen inzwischen mehr das aufstrebende Ramallah im Westjor- Investitionen als Entwicklungshilfe auf dendanland. Denn die israelische Stadt- Kontinent. Allerdings beruht der Boom in verwaltung vernachlässigt palästinensi- vielen Ländern auf einem einzigen Exportgut: sche Wohnviertel, erteilt kaum Bau- Rohstoffen wie Öl, Gas, Holz, Gold oder Dia- genehmigungen, die Schulen sind manten. Die Bevölkerung profitiert oft nicht schlecht. 40 Prozent der Schüler been- vom Aufschwung. Im Erdölland An- den die zwölf Pflichtschuljahre nicht, gola etwa wuchs selbst im Krisen-nur wenige können sich ausreichendZunahme der 40%20%bis jahr 2008 die Wirtschaft um 14 Pro-undbis20% für das Studium qualifizieren. Seit Ost- zent. Trotzdem lebt noch mehr alsWirtschafts-mehr 40%jerusalem durch einen Sperrwall vom die Hälfte der Angolaner unter der leistungWestjordanland abgetrennt ist, habenvon 2006Rückgang der keine Armutsgrenze. Weit abgeschlagenWirtschafts- Angabe viele Geschäfte mangels Kunden ge- liegen das diktatoriale Simbabwe bis 2011schlossen. Der Handel mit dem West-leistung und das kriegsversehrte Libyen.jordanland ist fast zum Erliegen ge-kommen, Industrie gibt es kaum.80 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 64. Ausland BÜCHERHistorische Gelegenheit Es gibt Begegnungen, die über Aufstieg und Fall entscheiden, über Karriere oder Knast. Für Seyed Hossein Mousa- vian, 54, wurde der 19. Juli 2005 zum Wendepunkt. Der langjährige Unter- händler Irans im Nuklearkonflikt war vorgeladen bei dem gerade gewählten Präsidenten Mahmud Ahmadine- dschad. Der frühere Botschafter in Deutschland und Leiter der außenpoli- tischen Abteilung im Nationalen Si- cherheitsrat Irans zählte zur engeren Wahl für das Amt des Außenministers. 20 Minuten waren für das Treffen vor- gesehen, doch die Diskussion über „das weite Feld von Irans Beziehungen zum Westen“ dauerte mehr als zwei Stunden lang. Mousavi- ans Fazit: „Wir stimm- ten nicht in einem einzi- gen Punkt überein.“ Die Konfrontation mit Ah- madinedschad ist eine der persönlichen Szenen aus Mousavians „Erinne- rungen“, die jetzt in den USA erscheinen, wo der Seyed HosseinRAINER MARTINI / LOOK-FOTO Top-Diplomat inzwi- Mousavian schen lebt. Denn seine Kritik am Kurs des Prä- The Iranian Nuclear Crisis – sidenten büßte Mousa- A Memoir Istanbulvian mit einer Verurtei- Carnegie Endow- lung: Wegen „Gefähr-ment, Washing- dung der nationalen Si- ton; 554 Seiten. TÜRKEI cherheit“ erhielt er fünf Jahre Berufsverbot. Um „Goldenes Zeitalter“ weiterer Verfolgung zu entgehen, suchte er 2009 Zuflucht beim „Großen Satan“. An der Elite-Universität Princeton lehrt Mousavian internatio-Es ist eine Ankündigung ganz nach dem Geschmack von Ministerpräsidentnales Krisenmanagement und zählt zuRecep Tayyip Erdogan – und sie fällt zusammen mit der Entscheidung des Inter-den gefragtesten Kommentatoren desnationalen Olympischen Komitees, Istanbul als Olympia-Stadt für 2020 in dieNuklearkonflikts. Die Gespräche zwi-engere Wahl zu ziehen: Serdar Inan, einer der größten Bauunternehmer der schen dem Westen und Iran, die amTürkei, will vor Istanbul eine künstliche Insel im Schwarzen Meer aufschüttenvergangenen Mittwoch in Bagdad be-lassen. „Havva adasi“ („Evas Insel“) soll mit einem Durchmesser von drei Kilo- gannen, sieht er als „historische Gele-metern groß genug sein, um 300 000 Menschen Platz zu verschaffen. Die Kosten,genheit“ zur Vertrauensbildung. In sei-so Inan, lägen bei 30 Milliarden Dollar. Als Füllmaterial will er den Aushub ver-nem Werk „The Iranian Nuclear Crisis“wenden, der beim geplanten Bau eines neuen Kanals zwischen dem Marmara-gibt der Spitzendiplomat nun einen sel-meer und dem Schwarzen Meer anfällt – ein Kanal, der „kleiner Bruder des Bos-tenen Einblick in die iranische Ver-porus“ genannt wird und zu Erdogans Lieblingsprojekten zählt. Wann der Kanal handlungsstrategie. Er zeigt, warumgegraben und die Insel aufgeschüttet wird, ist allerdings ungewiss; andere Bau-die Lösungsversuche bislang scheiternvorhaben wie Istanbuls dritter Großflughafen und eine dritte Bosporusbrückemussten – etwa weil das Misstrauen aufbefinden sich in der Planungsphase. Der Marmaray-Eisenbahntunnel, der Asieniranischer Seite so groß ist wie aufund Europa verbindet, ist dagegen fast fertiggestellt, er soll 2013 in Betrieb westlicher. Mousavians Aufzeichnun-gehen. Die Megaprojekte sind Ausdruck des gestiegenen Selbstbewusstseins der gen zählen zum Aufschlussreichsten,türkischen Regierung: Während Europas Süden und Südosten weiter in die Re- was über den Konflikt zu lesen ist –zession rutschen, hält der Boom in der Türkei an, im vergangenen Jahr lag dasund sind um so interessanter, als man-Wirtschaftswachstum bei 8,5 Prozent. Für den Unternehmer Inan jedenfalls sindche in Teheran dem Autor die Chancedie Vorhaben ein Beweis dafür, dass den Türken ein „goldenes Zeitalter“ bevor- auf ein politisches Comeback einräu-stehe: „Evas Insel“ werde ihr „Licht über die Welt verbreiten“.men, wenn im Sommer 2013 ein neuer Präsident gewählt wird.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 81
  • 65. AuslandWÄ H R U N G S P O L I T I KJudo am Abgrund Mit seiner Wachstumsagenda hat Frankreichs neuerPräsident Hollande die Kanzlerin in die Defensivegedrängt. Nun plant Angela Merkel den Gegenschlag.Um den Euro zu retten, fordert sie Strukturreformen. Jugendprotest in Madrid, Staatschef Hollande,J e mehr Staats- und Regierungschefs Es sind zwei gegensätzliche Programme, sich am vergangenen Mittwoch zu die Merkel und Hollande für den geplan- Wort meldeten, desto düsterer wurde ten EU-Wachstumsgipfel Ende Juni vor-die Miene von Angela Merkel. Einer nachlegen. Am Schluss muss ein Kompromissdem anderen sprach sich beim Abend-stehen, doch die Risiken sind groß. Gelingtessen für die gemeinsame Aufnahme vones den beiden Regierungschefs, aus ihrenSchulden und gegen den von Berlin ge-unterschiedlichen Plänen ein gemeinsamesforderten strikten Sparkurs aus. Die Kanz- Konzept für die Währungszone zu formen,lerin schaute stumm auf den Mann, derkönnen sie als Euro-Retter in die Geschich-ihr diesen Stimmungswandel eingebrockt te eingehen. Scheitern sie, wird sich jenerhatte: Frankreichs neuer Staatspräsident Prozess beschleunigen, den eine wachsen-François Hollande, der zufrieden feststell-de Zahl von Experten für unvermeidbarte, es gebe „eine Perspektive für Euro-hält: der Zerfall der Währungsunion.Bonds in Europa“. In dieser Woche schien Europa dem Merkel widersprach: Euro-Bonds seienAbgrund wieder ein Stück näher gerücktkein geeignetes Mittel, aber es half alles zu sein. Die Finanzmärkte spekuliertennichts. Nur eine Minderheit stellte sich hin-auf einen Euro-Ausstieg Griechenlands,ter die Deutsche. Selbst EU-Ratspräsidentder Kurs der GemeinschaftswährungHerman Van Rompuy sagte zum Schluss, stürzte auf neue Tiefststände, die ökono-es dürfe „keine Tabus“ geben. Er werde mischen Ungleichgewichte verschärftendie Idee der Euro-Bonds prüfen. „Her-sich. Während Deutschland erstmals eineman“, platzte es da aus Merkel heraus: Zwei-Jahres-Anleihe mit einem Zinssatz„Du solltest zumindest sagen, dass hier am von null an die Märkte bringen konnte,Tisch einige anderer Meinung sind.“blieben die Risikoprämien für spanische Verkehrte Welt: Zum ersten Mal seit und italienische Papiere auf Krisenniveau.Jahren gab die Kanzlerin auf einem EU-Die Euro-Zone driftet auseinander, undGipfel nicht den Ton an, steckte nicht zu- der deutsch-französische Richtungsstreitvor mit dem französischen Präsidentenist dafür mitverantwortlich. Es geht nichtim Hinterzimmer gemeinsame Positionennur um die Frage Wachstumsprogrammab.oder Fiskalpakt. Es geht um das politische Dabei hängt viel davon ab, ob die Deut- Gleichgewicht Europas, das sich seit demsche und der Franzose Hollande beimAmtsantritt Hollandes verschoben hat.Kampf um Europas Gemeinschaftswäh-Ein Staatschef ist auf die Bühne getre-rung zu einer gemeinsamen Haltung fin- ten, der seinen Bürgern und dem Restden können. Seit Wochen streiten sie, ob Europas zeigen will, dass er vor der über-der Euro durch mehr Sparen oder durchmächtigen Angela Merkel nicht kuschenmehr Geldausgeben zu retten ist. Nun er- wird. Weil er glaubt, dass sie unrecht hat.reicht der Zwist eine neue Eskalations-Er will nicht ihre Bedingungen überneh-stufe. Nach Hollandes Auftritt am Mitt-men, sondern ihr seine eigenen diktieren.woch legt Merkel jetzt ihr GegenkonzeptZumindest will er es so aussehen lassen.vor. In einem Sechs-Punkte-Plan fordert Wer Hollande in den letzten Wochensie tiefgreifende Strukturreformen für beobachtete, konnte einen Mann sehen,Europa. Staatsbetriebe sollen verkauft,der zu bersten schien vor Selbstbewusst-der Kündigungsschutz gelockert und hem-sein. Auf die Kritik eines konservativenmende Auflagen für Unternehmen besei-Politikers, er trete auf, als könnte er überstigt werden, von SonderwirtschaftszonenWasser laufen, sagte er zu Journalistenist die Rede und von Privatisierungsagen-beim jüngsten G-8-Gipfel im Scherz: „Dieturen nach dem Vorbild der Treuhandan- Chancen, dass ich das versuche, sindstalt. Kurz: Der Mittelmeerraum soll wer-gering.“den wie die Bundesrepublik, nur mit bes-Das war das Bescheidenste, was vonserem Wetter.ihm aus Amerika zu hören war. Der Prä-82D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 66. sident brüstete sich anschließend damit,das Thema „Wachstum“ auf die Agendagesetzt zu haben – auch wenn „Wachs-tum“ für alle etwas anderes heißt. SeineBerater verbreiteten: Während Hollandeund Obama sich bestens verstünden, seiMerkel mit ihrem Sparkurs isoliert. Schon lange vor dem EU-Sondergipfelin Brüssel erweckte der französische Prä-sident den Eindruck, er suche den Show-down mit den Deutschen. Im Wahlkampfhatte er stets gefordert, den Fiskalpakt neuzu verhandeln. Nach seinem Amtsantrittwiederholte er, ohne „Wachstumskompo-ALBERTO DI LOLLI / APnente“ werde er ihn nicht ratifizieren. Bis-her hatte Hollande sich immerhin gegeneine Vergemeinschaftung der Schuldenausgesprochen, seit vergangener WocheKanzlerin Merkel in Chicago: Eine Allianz der Franzosen gegen die Deutschen fordert er plötzlich echte Euro-Bonds –nicht mehr nur „Projekt-Bonds“ zur Fi-nanzierung europäischer Infrastrukturpro-jekte. Bereits am vergangenen Wochenendehatte der französische PremierministerJean-Marc Ayrault eine weitere Forde-rung gestellt, die allem widerspricht, wasden Deutschen heilig ist: Die EuropäischeZentralbank solle Krisenstaaten direktGeld leihen können, sagte er. Es sieht so aus, als wollten die Franzo-sen eine Allianz gegen die Deutschenschmieden: gemeinsam mit Vertreternder Europäischen Kommission, von Or-ganisationen wie der OECD und denVertretern kleinerer und südlicher EU-Länder. Hollandes Berater betonten, derItaliener Mario Monti liege mit seinenVorstellungen näher bei den Franzosenals bei den Deutschen. Hat sein erfolgreicher Start Hollandeübermütig werden lassen? Oder beendeter einen europäischen Irrweg? Will er nurdie Verhandlungsmasse vergrößern, umam Ende so viel wie möglich zu bekom-men? Oder ist alles eine große Show fürdas heimische Publikum, das ihm bei denParlamentswahlen am 10. und 17. Junieine Mehrheit verschaffen soll? Zum ersten Mal seit Beginn der Schul-denkrise wirkt Merkel, einst zur „KöniginEuropas“ ausgerufen, nicht mehr unan-greifbar. Hollande, den sie im Wahlkampfdemütigte, indem sie sich uneingeschränktauf die Seite seines Vorgängers stellte,zahlt es ihr nun heim. Auf Nicolas Sarkozy, der sein Heil darinsuchte, sich an die Kanzlerin zu ketten,folgt ein Präsident, der sich einen größerenpolitischen Gewinn davon verspricht, ge-gen die deutsche Dominanz in Europaanzutreten. Hollande will kein deutsch-französisches Direktorium, er will Europawieder öffnen.MICHAEL GOTTSCHALK / DAPD Die Franzosen sind überzeugt, dass inder jetzigen Vertrauenskrise der gemein-samen Währung getan werden muss, wasDeutschland bisher verhindern wollte:Die Staaten der Euro-Zone sollen zumin-dest für einen Teil ihrer Schulden gemein- 83
  • 67. FRANCOIS LENOIR / REUTERSKanzlerin Merkel, Präsident Hollande (r.) auf EU-Gipfel*: Kein deutsch-französisches Direktoriumsame Anleihen herausgeben. Sie glauben, Da ist etwas dran: Intern hat die EZBden Baltenstaaten, Nord- und Südeuropamit Euro-Bonds werde die dringend be-signalisiert, dass sie bei Bedarf, etwa wennund nach Nordafrika für besonders wich-nötigte Stabilität für Investoren in den Griechenland aus dem Euro ausscheidet,tig. Auch internationale Gasleitungen wieKrisenländern geschaffen. Außerdem sei wieder Anleihen anderer strauchelnder Nabucco oder der Ausbau leistungsfähigeres ohnehin ungerecht, dass Deutschland Staaten aufkaufen werde. Mit Blick aufInternetverbindungen sollen gefördertso viel niedrigere Zinssätze zahlen müsseHollandes Forderungen nach mehr Wachs-werden. Darüber sind sich Deutschlandals etwa Spanien, sagte Hollande am Mitt-tumsimpulsen wollen sich die Deutschenund Frankreich einig, die Unterschiedewoch. Dahinter steckt die von vielen hingegen konzilianter geben. Sie sind be- liegen woanders. Um das Wachstum eu-Ökonomen geteilte Haltung, eine Wäh- reit, das Kapital der Europäischen Inves- ropaweit anzukurbeln, wollen Merkels Be-rungsunion ohne politische Union und titionsbank (EIB) auf insgesamt 10 Milli- rater nicht nur auf Maßnahmen setzen,Vergemeinschaftung der Schulden habe arden Euro aufzustocken, der deutsche die Geld kosten. Wachstum lässt sich nachnoch nie funktioniert. Anteil würde 1,6 Milliarden Euro betragen.Überzeugung der Deutschen auch billiger Hollande unterscheidet sich inhaltlich Auch wollen sie dem französischenerzeugen, mit Strukturreformen, dienicht grundsätzlich von seinem Vorgän- Drängen nachgeben, die Mittel des euro- nichts anderes erfordern als Überwindung.ger Sarkozy – der vertrat stets ähnliche päischen Strukturfonds wachstums-In einer internen Vorlage, die im Kanz-Ansichten. Der Unterschied ist, dass Sar-freundlicher einzusetzen und sogenannte leramt kursiert, haben Experten der Bun-kozy Differenzen mit Merkel in den Hin-Projekt-Bonds aufzulegen. Dabei bringen desregierung einen Sechs-Punkte-Planterzimmern austrug, um die Märkte zu die EU-Staaten und private Investoren entwickelt, der an die Agenda 2010 erin-beruhigen. Der neue Präsident Hollande gemeinsam Geld auf, um zum Beispiel nert und mit dem Sparen und Wachstumhingegen stellt sie aus und scheint über-grenzüberschreitende Infrastrukturpro-in Europa wieder in Einklang gebrachtzeugt, dass er den deutschen Irrweg kor- jekte zu finanzieren. Merkel kann sichwerden sollen. Das Papier gibt die Linierigieren müsse.mit dem Gedanken anfreunden.vor, mit der Merkel in die Verhandlungen Doch Merkel ist eine erfahrene Geg-Einen Tag vor Beginn des EU-Sonder-mit Hollande und den anderen Partnernnerin. Sie weiß, dass sie in Europa in die gipfels in Brüssel beschlossen EU-Parla-der EU gehen will.Defensive geraten ist, nun plant sie den ment und europäische Regierungen inDabei vertrauen die Deutschen vor al-Gegenschlag. Sie glaubt, Euro-BondsStraßburg, solche Anleihen auszuprobie- lem auf Maßnahmen, die sich in der Ver-würden es den Krisenstaaten ermögli- ren: Zur Freude Hollandes, denn auf einer gangenheit schon daheim bewährt habenchen, sich billiger zu verschulden, die not- internen Prioritätenliste der EU-Kommis-– und die Deutschland in die Rolle derwendigen Strukturreformen würden auf-sion, die dem SPIEGEL vorliegt, findenWachstumslokomotive in Europa ge-geschoben. Deshalb will sie nun die Vor- sich einige Projekte mit französischer Be-bracht haben. Entsprechend will Merkelschläge Hollandes nach dem Prinzip von teiligung. So sollen die Hochgeschwindig- europaweite Programme zur Existenz-Judo-Kämpfern kontern: den Schwung keitstrasse des TGV zwischen Lyon und und Mittelstandsförderung auflegen, wiedes Gegners für den eigenen Angriff nut- Turin, der Kanal Seine-Nordeuropa imsie in Deutschland die Mittelstandsbankzen. Korridor zwischen Amsterdam und Mar-KfW im Angebot hat. Staatliche Instan- So ist Merkel entschlossen, nicht nur seille sowie die Transportwege zwischen zen müssen Investitionen innerhalb einerHollandes Forderung nach Euro-BondsDublin und Brüssel ausgebaut werden.festen Frist genehmigen. Ergeht in derabzulehnen, sondern auch seine WünscheBei Energievorhaben hält die EU-Kom- Zeit kein Bescheid, gelten sie automatischnach zusätzlichen Einsätzen der Europäi- mission die Anbindung der Windparks inals bewilligt.schen Zentralbank. Die Währungshüter der Nordsee oder die grenzüberschreiten- EU-Staaten mit hoher Arbeitslosigkeitwürden schon von sich aus alles Notwen-den Strom- und Gasleitungen zwischensollen ihren Arbeitsmarkt nach deut-dige tun, um den Euro zu stabilisieren,schem Vorbild reformieren. So könne derund damit auch ihre hochdotierten Posten * Mit dem italienischen Premierminister Mario Monti Kündigungsschutz gelockert und könntenim Frankfurter Euro-Tower zu retten. und dem spanischen Premier Mariano Rajoy. geringfügige Beschäftigungsverhältnisse84D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 68. Auslandmit niedrigerer Steuer- und AbgabenlastMit solchen Äußerungen wurde Hol- Europas. Der Portugiese Passos Coelhoeingeführt werden. Wie Deutschland sol- lande in Griechenland zu einer Lichtge-wetteifert mit seinem spanischen Kolle-len diese Länder ein duales Ausbildungs-stalt. Von einer „neuen Ära“ spricht der gen Mariano Rajoy um den Platz als Mer-system aufbauen.Führer des Linksbündnisses Syriza, Alexiskels Musterschüler. Seit der spanische Zudem ist Merkels Beratern aufgefal- Tsipras, der sich in seinem Widerstand ge- Konservative im vergangenen Dezemberlen, dass südliche EU-Staaten noch zahl-gen Merkels Sparpolitik auf die französi-an die Regierung kam, ließ er kaum einereiche Unternehmen besitzen, die beson- schen Sozialisten beruft: „Er ist für unsWoche verstreichen, ohne eine neuederen Schutz genießen. Dort sollen Treu-ein Hoffnungsträger, ganz klar“ (Seite 86).Sparmaßnahme zu verhängen.handanstalten nach deutschem MusterIn Italien, wo die Technokratenregie-Spanische Medien und die sozialisti-oder spezielle Fonds eingerichtet werden, rung von Mario Monti trotz einiger Re- sche Opposition hatten darauf gehofft,um die Unternehmen zu privatisieren.formen bisher kein Wachstum schaffen dass Rajoy im Windschatten HollandesAusländische Investoren könnten durch konnte, berichteten Kommentatorendie deutsche Kanzlerin unter Druck set-steuerliche Vergünstigungen und weniger nach dem G-8-Gipfel schadenfroh vonzen könnte, mehr für Wachstumsmaß-strenge Regulierungen angelockt werden. „Merkels Niederlage“ und schwärmtennahmen auszugeben. Doch noch bevor Dazu empfehlen die Merkel-Beratervon der „Geburt einer neuen Allianz“ Hollande und Rajoy sich trafen, gab esdie Einrichtung sogenannter Sonderwirt- zwischen Monti und Hollande. schon die erste Verstimmung. Hollandeschaftszonen, wie sie einst den ökonomi- Das ehemalige Berlusconi-Kampfblatt sagte, die spanischen Banken sollten ausschen Aufstieg Chinas eingeleitet haben.„Il Giornale“ schrieb, nicht Griechenland, dem europäischen Rettungsfonds rekapi-Schließlich fordern die Deutschen, dass sondern Deutschland sei das wahre Pro- talisiert werden können. Doch dieserdie Südstaaten Europas verstärkt in er- blem Europas: „Weil es vor GesundheitKommentar kam Rajoy höchst ungele-neuerbare Energien investieren, Steuer- platzt und dadurch auch die Nachbarn gen. „Hollande weiß nicht, wie es um diebarrieren abbauen und die Mobilität von zum Platzen bringt. Deutschland muss spanischen Banken steht“, wies er denArbeitnehmern fördern. All dies stärkesich dem Rest Europas anpassen, nichtfranzösischen Helfer zurück.die Wettbewerbsfähigkeit Europas. umgekehrt.“ Merkel hat bisher wenig LustStattdessen suchte Rajoy nach dem Wachstumsprogramme gegen Struktur- erkennen lassen, Hollande öffentlich zu- Nato-Gipfel die Nähe der Kanzlerin beireformen: Das ist die Auseinanderset- rechtzuweisen – beim EU-Sondergipfel ineiner gemeinsamen Bootsfahrt auf demzung, die Europa bevorsteht und für die Brüssel bemerkte sie nur spitz: „Euro- Chicago River. Auch hält er nichts von ei-Merkel und Hollande derzeit VerbündeteBonds schaffen kein Wachstum.“ Sie ner Debatte um Euro-Bonds. „Die sindsuchen. Der französische Präsident hatweiß, dass sie es erst nach der Parlaments-jetzt nicht das Wichtigste“, wiederholtevor allem in den südlichen Ländern deswahl Mitte Juni mit einemer am Mittwoch nach einem Besuch beiKontinents die Hoffnung geweckt, dass Präsidenten zu tun haben Hollande in Paris. Allerdings möchte auchder Sparkurs der deutschen Kanzlerinwird, der nicht mehr im7,5 er – wie Hollande – eine Zentralbank, dieaufgeweicht werden könnte. Schon im Wahlkampf steckt. Ob der aktiv Anleihen aufkauft und damit hilft,Wahlkampf hatte er sich als eine Art Mes- aber dann weniger hartnäckig die Zinssätze zu senken.sias der Südländer inszeniert: „So vielesein wird, weiß sie noch nicht. Und so steht Europa inmitten einesMenschen in Europa ersehnen unserenZudem hat Merkel zwar Konflikts mit ungewissem Ausgang. DerSieg! Ich will kein Europa der Austerität,Verbündete verloren, dochStreit um den Wachstumspakt kann diein dem Nationen auf die Knie gezwungenisoliert steht sie nicht da –Euro-Krise verschärfen, wenn sich Hol-werden“, rief er da.nicht einmal im Südenlande und Merkel blockieren. Er kann aber auch befreiende Wirkung haben, sollte er in einen tragfähigen KonsensDie Vorboten der Krise münden. Die Deutschen müssten einse-Veränderung der jährlichen Arbeitsproduktivität 2002 bis 2008 in der Euro-Zone*hen, dass noch mehr Geld vom Nordenin Prozent in den Süden fließen muss. Alle Mittel- meerländer hätten zu akzeptieren, dassABNAHMEsie weitere Reformen brauchen.Der Kampf hat gerade erst begonnen,Griechen- ItalienSpanien Portugal Niederlande 4,2und so ist es kein Wunder, dass derzeit land das Schlachtgetöse alles überlagert. Doch 0,10,1es gibt auch Signale der Annäherung: Bei 3,6 seinem Antrittsbesuch in Berlin ließ 0,60,5 Pierre Moscovici, neuer Minister für Wirt-3,1schaft und Finanzen, durchaus Sympa- thien für die deutsche Linie erkennen. Er* ohne Maltaund Zypern; bekräftigte nicht nur die Absicht derQuelle: Welt-neue0n französischen Regierung, dasbankstudie 2012 Staatsdefizit im kommenden Jahr unter die Obergrenze von drei Prozent des2,01,9 Bruttoinlandsprodukts zu drücken und ab 2017 ohne neue Schulden auszukommen, 1,31,4er unterstrich auch die Bedeutung gesun-ZUNAHMEder Haushalte für Wachstum und Beschäf-0,9tigung. Wer zu viele Schulden habe, ver- 0,8 arme, sagte er. Und wer arm sei, könne0,7 nicht investieren.FIONA EHLERS, JULIA AMALIA HEYER,CHRISTOPH PAULY, CHRISTIAN REIERMANN, MATHIEU VON ROHR, MICHAEL SAUGA, Irland Deutsch- BelgienÖster- Finnland Frank- Luxem-SlowakeiEstland SlowenienCHRISTOPH SCHULT, HELENE ZUBER land reich reich burg D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 285
  • 69. Ausland Tsipras hat die Ray-Ban auf den Tisch gelegt, der Shootingstar der griechischen GRIECHENLANDPolitik sieht erledigt aus an diesem Diens- „Ganz Europa ist in Gefahr“ tagnachmittag. Sein Terminplan ist eng. Erst Paris, jetzt Berlin, zuerst ein Ge- spräch mit Gregor Gysi, später Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel. Tsipras, 37, ist der Überraschungssieger der WahlAlexis Tsipras, Chef des Linksbündnisses Syriza, vom 6. Mai, sein Linken-Bündnis Syriza hofft noch immer auf das Unmögliche: den Euro zu behalten wurde zur zweitstärksten politischen Kraft. In drei Wochen wählen die Grie- und den Sparkurs aufzugeben.chen schon wieder. Es gilt als sicher, dass er dann noch mehr Stimmen auf sich vereinigen wird. Tsipras’ Tour durch die „beiden wichtigsten Hauptstädte Euro- pas“ dient vor allem der Imagepflege. Der Bauingenieur, bereits als Schüler Aktivist bei der Kommunistischen Ju- gend, gehört zu den schärfsten Kritikern der EU-IWF-Strategie für Griechenland. Gewinnt Alexis Tsipras am 17. Juni, will er die Vereinbarungen der Kreditverträ- ge aufkündigen. Griechenland laufe Ge- fahr, „deutsche Kolonie“ zu werden, hat- te er im Wahlkampf von den Podien ge- rufen. In Berlin klingt er milder: „Wir wollen überzeugen, nicht erpressen“, sag- te Tsipras dort. SPIEGEL: Herr Tsipras, ist Berlin nun tat- sächlich so schlimm, wie Sie es zu Hause in Athen immer erzählen, wenn Sie über die bösen Deutschen schimpfen? Tsipras: Berlin ist meine Lieblingshaupt- stadt in Europa. Es ist schade, dass ich immer nur so kurz hier bin. Ich hätte gern mehr Zeit. SPIEGEL: Wenn Sie das nächste Mal nach Berlin kommen, sind Sie vielleicht Pre- mierminister. Wird Griechenland dann noch Mitglied der Euro-Zone sein? Tsipras: Natürlich. Wie werden alles dafür tun, dass Griechenland den Euro behal- ten kann. Wir bemühen uns, unsere eu- ropäischen Partner davon zu überzeu- gen, dass es auch in ihrem Sinn ist, das Spardiktat endlich aufzubrechen. Wir brauchen eine Politik, die die griechische Wirtschaft nicht zerstört, sondern wieder Wachstum zulässt. Wird der Sparkurs nicht geändert, hat er die völlige Zerstö- rung der griechischen Wirtschaft zur Fol- ge. Das wäre in der Tat eine Gefahr für den Euro. SPIEGEL: Aber selbst Teile Ihres Parteien- bündnisses Syriza fordern doch ganz of- fen die Rückkehr zur Drachme. Tsipras: Das ist nur eine Minderheit. In je- der Partei, egal ob klein oder groß, gibt es unterschiedliche Richtungen, unter- schiedliche Meinungen. Dann wird abge- stimmt und die Mehrheit entscheidet. Au- ßerdem ist diese Minderheit bei uns nicht etwa für den Austritt aus dem Euro, sie möchte nur sicherstellen, dass Griechen-POLARIS / LAIF land auch dann überleben kann, zum Bei- spiel mit Hilfe einer anderen Währung, wenn andere unsere Volkswirtschaft voll-Syriza-Vorsitzender Tsipras: „Die Austeritätspolitik ist gescheitert“ends ruiniert haben.86D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 70. SPIEGEL: Welche „anderen“ meinen Sie? sondern noch fördern. Dafür sind wirduzieren, auch hier verbrauchen. UnsereDie griechische Wirtschaft liegt doch be- selbstverständlich verantwortlich, wir ha-Wettbewerbsfähigkeit hängt nicht nur,reits am Boden.ben das alles ja zugelassen. Aber wir ha-wie so viele sagen, von den ArbeitskostenTsipras: Was ich damit meine, ist, wenn ben auch die Verantwortung, genau das ab, sondern auch von anderen Parame-unsere wirtschaftliche Grundlage völlig jetzt zu ändern.tern, wie etwa der Infrastruktur oder derzerstört wird und dafür dann nicht die SPIEGEL: Wie denn, wenn Sie nur auf fi-Mentalität der Menschen und der Politi-Entscheidungen einer gewählten grie- nanzielle Unterstützung setzen, die ver- ker. Wir hegen durchaus den Wunschchischen Regierung verantwortlich sind, einbarten und dringend notwendigennach ein bisschen mehr Meritokratie …sondern gewisse politische Kräfte in Eu- Strukturreformen, etwa der öffentlichenSPIEGEL: Mit dem Verdienst nach Leistungropa. Dann werden die auch daran schuld Verwaltung, aber ablehnen?war es in Griechenland bisher nicht allzusein, beispielsweise Angela Merkel.Tsipras: Wir sind doch nicht gegen Refor-weit her. Stattdessen sind Korruption,SPIEGEL: Behaupten Sie im Ernst, die Re- men, wir sagen nur, was so viele Ökono-Vetternwirtschaft und Klientelpolitikformen, die Europa als Voraussetzung für men sagen, viele deutsche Zeitungenweitverbreitet, nicht gerade ein VorteilKredithilfen fordert, seien der Grund für oder selbst der Altbundeskanzler Helmut für die Wettbewerbsfähigkeit.die miserable Lage Griechenlands?Schmidt. Und was jetzt auch die OECD Tsipras: Ich kenne die Probleme, die derTsipras: Wenn wir weiter zu einem Spar- wieder in einer Studie bestätigt: Die Aus-griechische Staat hat. Er wurde von un-programm gedrängt und erpresst werden, teritätspolitik, die wir seit zwei Jahrenseren Politikern, die an der Macht waren,das so offensichtlich gescheitert ist, dann umsetzen, die Politik, nur auf dramati- systematisch heruntergewirtschaftet. Undwird Griechenland tatsächlich bald nicht sches Sparen zu setzen, ist gescheitert. viele Griechen sind mitverantwortlich,mehr in der Lage sein, seine Gläubiger Wir befinden uns mittlerweile im fünften sie haben dieses System unterstützt, undzu bezahlen. Dann kommt es zu einem Jahr der Rezession. Auch dieses Jahr wird sie haben es getragen, indem sie immerZahlungsstopp, zu dem wirwieder dieselben Politiker ge-quasi gezwungen wurden. Daswählt haben. Die Ursache derwird dann nicht nur für Grie-Krise kann das aber nicht sein,chenland, sondern für die ge-sondern allenfalls ein Symp-samte europäische Wirtschaft tom. Die Finanz- und Schulden-gefährlich. Die Finanzsystemekrise ist kein rein griechischesaller Länder sind heutzutage soProblem. Sonst gäbe es ja aucheng miteinander verflochten, keine hohen Staatsdefizite indass man die Krise nicht geo-anderen Ländern wie Italien,grafisch einschränken kann. SieSpanien, Portugal oder Irland.ist ein Problem aller Länder Es muss also andere Ursachenund aller Volkswirtschaften. geben. Deshalb müssen wir dieSPIEGEL: Kommt es zu einem Struktur der Gemeinschaft un-Austritt Griechenlands, dann tersuchen, ihre Architektur.sind auch Sie schuld. Sie ver- Auch bei unserer Gemein-sprechen Ihren Wählern das schaftswährung, dem Euro.Unmögliche: den Euro zu be-SPIEGEL: Sehen Sie in Frank-halten, die Vereinbarungen mit reichs neugewähltem sozialisti-den Europäern aber aufzukün- schem Präsidenten Françoisdigen. Wie soll das gehen? Hollande einen neuen Verbün-JOSE GIRIBASTsipras: Ich sehe darin keinen deten im Kampf gegen dasWiderspruch. Wir wollen ein- Spardiktat aus Deutschland?fach nicht, dass das Geld derTsipras: Hollande ist für uns eineuropäischen Bürger in einem Bettlerin in Athen: „Wir üben auch Selbstkritik“Hoffnungsträger, ganz klar.Fass ohne Boden verschwindet.Jetzt werden wieder Ideen undDass es die Finanzhilfen gibt, ist das Prin- unsere Wirtschaft wieder um mindestens Argumente gehört und diskutiert, die bis-zip der europäischen Solidarität und Zei- sechs Prozent schrumpfen. her kein Gehör fanden. Etwa eine stärkerechen dafür, Teil einer Gemeinschaft zu SPIEGEL: Ist das die ganze Wahrheit? SelbstRolle der Europäischen Zentralbank odersein. Das ist gut. Wir meinen aber, dass Ihr alter Mentor, der ehemalige Syriza-die Einführung von Euro-Bonds. Wir dür-diese Mittel auch vernünftig eingesetzt Fraktionsvorsitzende Alekos Alavanos, fen nicht nur Symptome kurieren, dannwerden sollten. Und zwar für Investitio- hat Sie aufgefordert, gegenüber den Bür- bleiben wir in der Tat bei Griechenlandnen, aus denen Wohlstand generiert wer- gern endlich ehrlich zu sein. stecken. Damit ist niemandem geholfen.den kann. Nur so können wir dann tat- Tsipras: Alavanos ist vor einigen JahrenWenn unser Land der Euro-Zone verlo-sächlich auch unsere Schulden zurück- aus der Partei ausgetreten, weil er unsererengeht, dann ist ganz Europa in Gefahr,zahlen.Überzeugung nicht teilt, in der Euro-da müssen wir uns nichts vormachen.SPIEGEL: Für Sie sind immer die anderen Zone zu verbleiben. Es ist schon komisch, SPIEGEL: Die letzten Regierungsgesprächeder Sündenbock. Andere tragen Schuld wenn ich mich nun dafür rechtfertigenin Athen sind gescheitert, weil Sie sichdaran, dass die Wirtschaft darniederliegt, muss, dass wir, wie die große Mehrheit auf keine Koalition eingelassen haben. Inandere müssen sie deshalb auch retten … der Bevölkerung übrigens, im Euro-Ver-den Meinungsumfragen liegt Syriza nunTsipras: Das stimmt nicht, natürlich üben band bleiben wollen.Kopf an Kopf vorn mit der konservativenwir auch Selbstkritik. Wir tragen große Die politische Wahrheit ist doch simpel:Nea Dimokratia. Mit wem wollen Sie IhreVerantwortung für unsere Situation. Wir Die Sparprogramme, so wie sie bisherPolitik nach der Neuwahl realisieren?haben Politiker akzeptiert, die die Pro- waren, sind gescheitert. Auch weil sie auf Tsipras: Natürlich wünschen wir uns eineduktionsbasis unseres Landes zerstört einem falschen Modell gründen, nämlichLinks-Koalition. Und werden alles dafürund einen korrupten Staat geschaffen ha- dem der innergriechischen Abwertung. tun, dass die Arithmetik diesmal auf un-ben. Wir haben diejenigen gewählt, die Wir sind aber kein Exportland. Die grie- serer Seite ist.ihr Geld im Ausland gebunkert haben chische Realität sieht vielmehr so aus,INTERVIEW: MANFRED ERTEL,und die Steuerflucht nicht nur zulassen, dass wir das meiste dessen, was wir pro-JULIA AMALIA HEYERD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 287
  • 71. AuslandGETTY IMAGES (R.)„Newsweek“-Titel zur Obama-Erklärung, Prediger Moss in Chicago: Die Bibel verraten? weil das, was in den Gottesdiensten ver- USA kündet wurde, Obama nur neue Proble- Einsamer Präsident me bereitet hätte. Denn es klang für die weißen Wähler zu radikal, wenn schwar- ze Geistliche ständig an die historische Schuld der Weißen erinnerten, das Erbe der Sklaverei. Schon das Motto von Moss’ Mit dem Eintreten für die Schwulenehe hat Barack Obama nurund Obamas Kirche schreckt Weiße ab:Monate vor der Wahl seine treuesten Anhänger verschreckt, die„Unashamedly Black“, „unverhohlen Schwarz“. Aber an diesem Sonntag gehtAfroamerikaner. Manche Pastoren drohen mit Wahlboykott.es nicht mehr um weiße Wähler, sondern um die Gefahr, dass sich schwarze Ge-Z wanzig Autominuten liegen an nor- Drei Stunden lang feiern sie hier ihren meinden wie Trinity von ihrem Präsiden- malen Tagen zwischen Ghetto und Gottesdienst, beten zusammen und tan- ten, dem „First Black President“, abwen- der glitzernden Geschäftswelt, zwi- zen zum Gospel der Befreiungsbewegung.den könnten.schen der Trinity United Church of Christ Auch an diesem Sonntag ist fast alles wie Obama heißt nun „The First Gay Pre-und Downtown Chicago. Aber an diesem damals, als Obama noch einer von ihnensident“, so nennt ihn „Newsweek“ aufSonntag, dem Wochenende des Nato- war, die große Hoffnung der Schwarzen. dem Titel und zeigt den Präsidenten inGipfels im McCormick Center in der In- Doch ist er das noch? der Woche des Nato-Gipfels mit einemnenstadt, trennen Stunden die beiden „Ich will euch nichts vorschreiben“, ruft Heiligenschein in Regenbogenfarben, denWelten. Demonstrationen legen den Ver- Moss der Gemeinde zu, als müsste er eineFarben der Schwulen- und Lesbenbewe-kehr lahm, Polizeisperren blockieren die Katastrophe verhindern. Er gehört zu de-gung, und in den Talksendungen redenStraßen. nen, die sich auch jetzt noch für den Prä-alle von Obamas mutigem Schritt, sichBarack Obama ist in der Stadt und muss sidenten ereifern: „Ihr dürft euch von nie- für die Schwulenehe auszusprechen, dieabgeschirmt werden, der Mann, der hier mandem einreden lassen, dass ihr dieses bisher nur in wenigen US-Staaten aner-einmal zu Hause war, in der Trinity Uni- Mal nicht wählen sollt.“ Immer lauter kannt wird. Es ist eine Neuerfindung sei-ted Church of Christ, der großen schwar- wird Moss, eindringlicher, rhythmisch wie ner Kandidatur, sie hat seinen Wahl-zen Kirche in der South Side Chicagos. einen Song wiederholt er die Botschaft: kampf belebt. Aber für die Mehrheit derSein alter Bekannter steht vor der Ge- „Geht wählen! Geht wählen!“ Und dannSchwarzen, die die Schwulenehe striktmeinde, die einmal Obamas Gemeinde beginnt Moss, den die Schwarzen ihren ablehnen, liest sich das wie ein Verrat.war, Reverend Otis Moss III., seit vier Jah- „HipHop-Prediger“ nennen, zu toben.Obama musste wissen, was er riskierte,ren der oberste Pastor der Trinity Church. „Wenn ihr euer Wahlrecht aufgebt, ver-als er sich vor zwei Wochen für diese Hal-Die beiden kannten sich schon vor Oba- sündigt ihr euch an der Bürgerrechtsbe- tung entschied, für einen Bruch mit seinermas Aufstieg zum Präsidenten. Zuweilen wegung, ihr versündigt euch an unserembisherigen Position, nur „civil unions“,hat er hier auf einer der Kirchenbänke ge- Bruder, an Martin Luther King.“ gleichgeschlechtliche Partnerschaften, zusessen, zwischen all den anderen Män-Vier Jahre schwieg Moss, wenn er nach unterstützen. Noch immer ist Homose-nern in Schwarz und den Frauen mit bun- Obama gefragt wurde, er lehnte Inter-xualität ein Tabuthema in schwarzen Ge-ten Hüten und rauschenden Gewändern. views ab, vermied kontroverse Debatten, meinden. 65 Prozent der Schwarzen hal-88 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 72. Auslandten die Schwulenehe für falsch, nur 48 Niemand hat größeren Einfluss auf dasWenn Obama nicht abschwört, wollen sieProzent der Weißen sind gegen solcheEmpfinden der Schwarzen als die Kir-ihm die Stimme verweigern.Verbindungen. Als 2008 die Kalifornierchen. Sie sind das Zentrum des Gesell- Otis Moss, Obamas Pastor, kann sichbei der Wahl auch über die Schwuleneheschaftslebens der Afroamerikaner. 22 Pro- über diese Glaubensbrüder richtig aufre-entschieden, stimmten 70 Prozent allerzent von ihnen gehen mehr als einmalgen: „Von denen hat kaum einer jemalsSchwarzen für ein Verbot. pro Woche in den Gottesdienst, doppeltgegen Rassismus protestiert, gegen Un-Im Januar 2009, als Barack Obama insso häufig wie Weiße. Sie glauben an das,gerechtigkeiten oder Polizeigewalt.“ ErWeiße Haus einzog, feierte die ganzewas ihr Pastor sagt und was in der Bibelhat deshalb einen offenen Brief geschrie-Welt den ersten schwarzen Präsidenten,steht, die sie wörtlich auslegen. Danachben. „Die Institution der Ehe“, sagt Mossaber für niemanden bedeutete seine Wahl darf eine Ehe nur zwischen Mann und da, „gerät nicht durch Obamas Worte un-so viel wie für die Schwarzen Amerikas. Frau geschlossen werden.ter Druck. Sie geriet schon vor Jahren96 Prozent von ihnen hatten für ObamaObama hatte alles versucht, um den unter Druck, weil Männer Frauen als ihrgestimmt, waren aus Begeisterung für ihnabsehbaren Schaden seiner EntscheidungEigentum betrachten und Kinder als Be-zur Wahl gegangen, viele zum ersten Mal.zu begrenzen. Unmittelbar nach seiner weis für sexuelle Potenz.“Und viele halten weiterhin zu ihm, trotzErklärung rief er bei acht schwarzen Pre-Auch am Sonntag des Nato-Gipfelsder Enttäuschungen, die seine Präsident-digern an, unter anderen auch bei Otisliest er seiner Gemeinde aus diesem Briefvor und zitiert seinen Vater, der gesagthat: „Unsere Vorfahren haben 389 Jahregebetet, dass einmal ein Schwarzer imWeißen Haus sitzt. Sie haben 200 Skla-venaufstände geführt, in elf Kriegen ge-fochten und in einem Bürgerkrieg, in demmehr als 600 000 Menschen starben. Ichwerde nicht zulassen, dass engstirnigeGeistliche oder rückwärtsgewandte Poli-tiker Befriedigung daran finden, dass ichnicht mein Wahlrecht wahrnehme.“ Essei „absurd“ zu verlangen, predigt derSohn, dass der Präsident Rücksicht aufWILLIAM HAEFELI / THE NEW YORKER COLLECTION / MAY 21, 2012, CONDENAST.COMtheologische Positionen nehmen müsse.„Er ist nicht der Präsident der Baptisten.Er hat die Aufgabe, sich um alle zu küm-mern, um Juden und Nichtjuden, Männerund Frauen, Junge und Alte, Hetero- undHomosexuelle, Schwarze und Weiße,Gläubige und Nichtgläubige.“ Er klingt jetzt ein bisschen wie BarackObama, der Heilsbringer im Wahlkampfvon 2008, der den Wandel versprach, dieVersöhnung einer zerstrittenen Nation,und der schon Jahre zuvor den großenSatz geprägt hatte: „Es gibt kein schwar-zes Amerika und kein weißes; es gibt nurdie Vereinigten Staaten von Amerika.“ Obamas Kampf für die Schwuleneheist wieder so ein großes Versprechen, eine„Bis wir in allen 50 Bundesstaaten heiraten können, sind wir vermutlich geschieden“ Zäsur im langen Kulturkampf Amerikas,und sicher hatte Obama mit seiner Ent- schaft für sie gebracht hat: Die Arbeitslo-Moss Jr., dem Vater von Otis Moss III., scheidung auch im Sinn, den Zauber von sigkeit unter Schwarzen liegt nach wie einem der Mitstreiter von Martin Luther 2008 wiederzubeleben. vor bei 13 Prozent, deutlich höher als der King. Aber auch bei jenen, die ihn bisherAber es gibt diesmal mehr Zweifler als nationale Durchschnitt von 8 Prozent. Elfunterstützt hatten, stieß er auf heftigedamals, die Mehrheit der Wähler sieht in Prozent der Schwarzen haben in der Kri-Kritik. Pastor Dwight McKissic aus Ar-diesem Schritt den kalkulierten Versuch, se ihre Häuser verloren. Doch nun muss lington, Texas, sagte: „Obama hat die Bi- reiche Homosexuelle als Großspender an Obama erstmals ernsthaft um ihre Zu- bel verraten.“ Pastor William Owens aus ihn zu binden. Nach vier Jahren Obama stimmung fürchten. Ohne sie würde im Memphis sprach von der „Geiselnahme klingt für sie das Versprechen hohl, ein November seine Wiederwahl scheitern. der Bürgerrechtsbewegung“ durch Ho- Amerika zu bauen, das allen dient.Obamas Bekenntnis zur Schwulenehe mosexuelle. Man könne Bürgerrechte Und viele Unterstützer von einst klin- hat die Schwarzen entsetzt. Homosexua- nicht auf Schwule übertragen: „Homose-gen heute so ernüchtert wie der schwarze lität passt nicht zur Macho-Kultur, die be-xuelle haben die Wahl zu sein, was sieProfessor Cornel West, ehedem ein enthu- herrscht wird vom Ideal starker Männ-sind, Schwarze haben nie die Wahl ge- siastischer Fan Obamas: „Er ist wie ein lichkeit. „Uns ist beigebracht worden, habt.“Schriftsteller, der eine Obsession für dass wir durch die Sklaverei unsererOwens droht nun, Obamas Wieder-Proust und Tolstoi hat, aber dann nur Männlichkeit beraubt wurden“, schreibt wahl zu sabotieren. Wie andere Geist- Kurzgeschichten schreibt, die es allenfalls der schwarze Publizist Charles Stephens, liche auch predigt er jetzt sonntags gegenin ein mittelmäßiges Magazin bringen“, „deshalb müssen wir an dem festhalten, Obamas Unterstützung für die Schwulen-sagt West. „Ich habe Proust und Tolstoi was uns geblieben ist.“ Ein Gutteil derehe. Er hat eine Interessengruppe von 13von ihm erwartet, stattdessen schafft er Hass-Kriminalität gegen Homosexuelle schwarzen Pastoren in Tennessee gegrün- es gerade auf den ,Newsweek‘-Titel.“ wird von Schwarzen verübt. det, die gegen Obama vorgehen wollen. MARC HUJER90D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 73. Ausland MARK RALSTON / AFP NIR ELIAS / REUTERS Mönche im Hochland von Tibet: Zugriff der PolitikNeubauten in Ordos: Wie Dubai ohne Einwohner GelberFlu 250 km ssPeking Jiabiangou Innere MongoleiOrdos Jiayuguan WuhaiCHINA WudaBohaiGansu Jinan QinghaiXining luss rF be Gelbes lLanzhou GeMeer Gyaring MaduoZhengzhouNgoringAnhui Shanghai CH INAWiege des VolkesMehr als 5000 Kilometer weit windet sich der Gelbe Fluss vom tibetischen Hochland bis zur Mündung in der Bucht von Bohai. Eine Reise entlang seiner Ufer zeigt, wie rasantdie Weltmacht ihren Aufstieg betreibt – und wie gnadenlos. Von Andreas LorenzQinghai ist das Ende der Welt. Lan- herden treiben. Die Hirten sitzen meistXia-Dynastie. Der soll, wenn es ihn dennge Zeit galt die abgelegene Pro- nicht mehr im Pferdesattel, sondern aufgegeben hat, etwa 2200 vor Christus ge-vinz zwischen dem Hochland von dem Moped. lebt haben.Tibet und den Wüsten im Norden als Chi- Von der Provinzhauptstadt Xining Was für die Ägypter der Nil, für dienas Sibirien. Hierhin schickten Pekingssteigt die Straße hinauf auf das Dach derAmerikaner der Mississippi, für die Deut-Herrscher ihre Sträflinge, kriminelle wieWelt. Auf den Bergpässen, manche sindschen der Rhein ist, das ist für die Chine-politische.über 5000 Meter hoch, flattern tibetischesen der Gelbe Fluss. An seinem Ufer ste- So abgelegen ist das Gebiet, dass in- Gebetsfahnen. In dieser Landschaft vollerhen symbolträchtige Denkmäler, die Müt-zwischen sogar die Arbeitslager wieder Mythen und Fabelwesen, nicht weit vonter mit ihren Babys auf dem Arm zeigen.aufgelöst und in erreichbarere Regionender Grenze zur Autonomen Region Tibet, In der Nähe seiner schlammigen Ufer sol-verlegt worden sind. In Chinas speziellementspringt der Huang He, der Gelbe Fluss len die Vorfahren der heutigen ChinesenSozialismus müssen auch Straflager Ge- – Chinas „Mutterstrom“. Er gilt als Sinn-die ersten Schriftzeichen in Schildkröten-winne erwirtschaften – was im unwirt-bild der ganzen Nation mit ihrer Jahrtau-panzer eingeritzt haben, hier soll der le-lichen Qinghai nicht gelingen will.  sende währenden Geschichte und auf sichgendäre Gelbe Kaiser geherrscht haben, Qinghai heißt „Grünes Meer“, nach selbst gerichteten Kultur. „Wer immerhier wurde dem Fluss einmal im Jahr eindem großen Salzsee im Osten der Pro- den Gelben Fluss kontrolliert, kontrolliertschönes Mädchen geopfert.vinz. Einem grünen Meer gleichen aberChina“ – diese Maxime von zeitloser Gül-5464 Kilometer weit windet der Stromauch die endlosen Weideflächen, über die tigkeit wird bereits Yu dem Großen zu- sich durch das große Reich, in der Nähetibetische Nomaden ihre Yaks und Schaf-geschrieben, dem ersten Herrscher derseines Ufers wurde der Philosoph Konfu-92D E RS P I E G E L2 2 / 2 0 1 2
  • 74. GETTY IMAGESOberlauf des Gelben Flusses in der Provinz Qinghai: Einmal im Jahr ein schönes Mädchen geopfertzius geboren, dessen Konzept einer all- der Aufstieg Chinas in die Reihe derWer zu den Quellen des Gelben Flussesumfassenden „Harmonie“ Pekings Kom- mächtigsten Nationen der Erde verur- vordringen will, muss im Marktfleckenmunisten mittlerweile zur Staatspolitik sacht hat, wie rücksichtslos seine Herr- Maduo auf dem Hochland von Qinghaigemacht haben. An den Fluss, in die fahl- scher mit ihrem eigenen Volk umgegan- haltmachen. Maduo liegt 4300 Meter übergelbe Lößlandschaft von Nordchina, zo- gen sind, wie gnadenlos sie Raubbau an dem Meeresspiegel, die Häuser sind frischgen sich Mao Zedong und seine Genossen der Natur betrieben haben. Genauso getüncht, die Polizei baut sich gerade ein1935 im Krieg mit der damals herrschen- deutlich ist aber auch die Kraft zu ent- neues Hauptquartier. In Maduo versorgenden Regierung der Kuomintang zurück. decken, mit der dieses Land – wie der sich die tibetischen Nomaden der Umge-Unter dem Namen „Langer Marsch“ ist Fluss – vorwärtsströmt. Und eine Reise bung mit Getreide, Medikamenten, Le-die Befreiung aus der Umkesselung durch den Fluss hinunter macht klar: China, das bensnotwendigem.nationalchinesische Soldaten zum zentra- Reich der Mitte, hat – nach einem Jahr-Längst sind auch hierhin, wo die dünnelen Heldenmythos der KP avanciert.hundert der Erniedrigung durch feind- Luft das Atmen schwermacht und jedeZuweilen nutzten Chinas Kriegsherren liche Mächte – voller Selbstbewusstsein Anstrengung mit Kopfschmerz bestraftden Fluss sogar als Waffe: In der Nähe seinen angestammten Platz wieder ein- wird, Wanderarbeiter aus anderen Teilender Stadt Zhengzhou ließ General Chiang genommen. Chinas vorgedrungen. Es sind MenschenKai-shek im Jahr 1938 die Däm- wie Li Bing, 23, aus der Provinzme sprengen, um den VormarschAnhui in Ostchina. Seit fünfder japanischen Truppen zu stop- Jahren näht und verkauft er inpen – Feind und Freund ertran- seinem Lädchen auf kaum mehrken zu Hunderttausenden. als fünf Quadratmetern Tem-Heute ist der Gelbe Fluss diepelschmuck und Gebetsfahnen.wichtigste Wasserquelle für 140Dass er, der ungläubige Chinese,XINHUA-CHINE NOUVELLE / GAMMA / LAIFMillionen Menschen und Tau-ausgerechnet mit tibetischen De-sende Fabriken. An seinem Lauf votionalien handelt, hat seinergibt es Unmengen von Boden-Ansicht nach einen einfachenschätzen, Kohle, Öl, Gas und Grund: „Die Tibeter kriegen dasSeltene Erden, die für Chinasmit den Bestellungen und derAufschwung immer wichtiger Logistik professionell nicht sowerden.richtig hin.“Am Gelben Fluss ist zu erken- Inzwischen hat Li seine Fraunen, welch gigantische Kosten Parteichef Mao am Gelben Fluss 1952: Zentraler Heldenmythos Yu nachgeholt und umgerechnet D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 93
  • 75. Auslandrund 20 000 Euro in das Geschäft inves-Im Gebetssaal hat er vier Fotos des Da-Yang will die Grausamkeiten eines Ge-tiert. Das Paar lebt in einer Nische über lai Lama aufgestellt, eines steht hinter ei- schichtsabschnitts dokumentieren, dendem Verkaufsraum, in dem auch noch die ner leeren Flasche Tuo-Schnaps, in der die KP auch heute noch am liebsten tot-Nähmaschine für die Gebetsfahnen steht. rote Kunstblumen stecken. Für den Dalai schweigt: Maos „Großen Sprung nach„Das Leben hier ist billig“, sagen sie. „Wir Lama hat der Alte sogar einen symboli- vorn“ am Ende der fünfziger Jahre. Da-gehen erst zurück nach Anhui, wenn wir schen Sitz hergerichtet, den er ebenfalls mals versuchte Chinas Führer, das Landeine Million Yuan zusammenhaben.“ Das mit einem Foto geschmückt hat. in einem Gewaltstreich zu industrialisie-wären etwa 120 000 Euro – für Li und YuIn der Autonomen Region Tibet ist das ren, um etwa Großbritannien „innerhalbeine Summe, die sie richtig reich machen Ausstellen von Fotos des Dalai Lama von 15 Jahren“ wirtschaftlich einzuholen.würde. Durchaus möglich, dass die bei- streng verboten. Doch im benachbarten Die KP befahl den Bauern, auf ihren Fel-den das schaffen.Qinghai ist der Zugriff der Politik etwas dern kleine Hochöfen anzulegen und Es sind viele Rinnsale, die aus den Bay- lockerer, hier darf der von der Regierung Stahl zu kochen. Gleichzeitig verlangtean-Har-Bergen im Nordosten des Hoch- als „Spalter“ und „Verräter“ beschimpfte sie immer höhere Getreideabgaben an dielands von Tibet herabströmen, sich ver- Mönch noch gezeigt werden. Der Dalai Städte. Der „Große Sprung nach vorn“einigen und die Gebirgsseen Gyaring und Lama, seit 1959 im indischen Exil, ist endete in einer Katastrophe, bis zu 45Ngoring durchfließen. Auf einer Anhöhe ebenfalls ein Sohn des Gelben Flusses, er Millionen Chinesen verhungerten.über den Seen hat die Kommunistische wurde vor bald 77 Jahren im Dorf Taktser Angefeuert vom späteren Wirtschafts-Partei dem Strom ein Denkmal errichtet, in Qinghai geboren.reformer Deng Xiaoping, sperrte die Parteidas wie stilisierte Hörner eines Yaks in Rund 200 Kilometer entfernt liegt etwa zur gleichen Zeit rund eine halbeden Himmel ragt. Auf einer Kupfertafel Lanzhou, die Hauptstadt der Provinz Million angeblicher Rechtsabweichler instehen Sätze, die die Bedeutungdes Flusses für Chinas Identitätproklamieren: „Der Gelbe Flussist die Wiege des chinesischenVolkes. Die Gelber-Fluss-Regionist der Geburtsort der großartigenalten chinesischen Kultur. DerGeist des Gelben Flusses ist derGeist des chinesischen Volkes.“ Doch nicht einmal hier obenist die Welt noch in Ordnung:„Früher war es viel kälter als heu-te“, sagt der Nationalpark-Ranger,der die Zufahrt zu den zwei Seenbewacht. „Manchmal lag derSchnee so hoch, dass ich morgensmeine Tür nicht aufbekam, heutereicht er nur bis zum Knöchel.“Die Piste zu den Ufern wird gera-de repariert; sie sackt ab, weil derMARK RALSTON / AFPPermafrostboden auftaut. Schuld an der Umweltverände-rung sind aber nicht nur die qual-menden Schlote und Autoabgase4000 Meter tiefer im Inneren des Yak-Karawane in Qinghai: Die Umsiedlung der Nomaden schafft böses BlutLandes. Auch die tibetischen Hir-ten haben sich an der Zerstörung ihrer Gansu. Seit den fünfziger Jahren entwi- Umerziehungslager. Die Lagerinsassen, oftHeimat beteiligt: Wegen der großen Nach- ckelte sich die Stadt zu einem bedeuten- gebildete Städter, wurden beschuldigt, diefrage nach teurer Kaschmirwolle haben den Standort für die Öl- und Chemie- Politik der KP anzuzweifeln. Viele über-die Nomaden in den vergangenen Jahren industrie, heute leben 3,5 Millionen Ein- lebten die Tortur nicht. Eines der Lagerimmer größere Herden über das Grasland wohner hier. Umweltschutz existierte war im Ort Jiabiangou in der Wüste Gobi.getrieben. Und die Kaschmirziegen gehen lange Zeit nicht einmal als Begriff. NichtAutor Yang hat Überlebende dieses La-besonders rabiat mit ihren Weideflächen nur die Fabriken, auch die Haushalte der gers aufgespürt und ihre Berichte in einerum, sie reißen die Halme mit der Wurzel ganzen Stadt pumpten ihre Abwässer in kleinen Shanghaier Literaturzeitschriftaus, so dass der Boden versandet.den Gelben Fluss. Erst jetzt werden Klär- veröffentlicht, deren Redakteure das Ver- Nun sind die traditionellen Weidegrün- anlagen zumindest für die Wohnsiedlun- bot der Zensoren ignorierten. An diesemde der Nomaden mit Zäunen abgesperrt. gen gebaut.Vormittag hat er den ehemaligen LehrerDie Regierung siedelt die Hirten in ande-Eine Seilbahn transportiert Besucher Chen Zonghai mitgebracht, einen rüsti-re Gegenden um, und das schafft böses über den Fluss zur Weißen Pagode. Ein gen 79-Jährigen, der das Lager Jiabian-Blut bei den Tibetern. Teehaus in der Nähe hat sich der Schrift- gou als einer von wenigen der insgesamt Am Ortseingang von Maduo liegt das steller Yang Xianhui, 66, ausgesucht – rund 3000 Inhaftierten überlebte.Gesawang-Kloster: ein paar Steinhäuser, nicht nur wegen des schönen Ausblicks Chens Kopf ist kahl, auf der Nase trägtein paar Nomadenzelte. Es ist das religiö- über die Stadt und die älteste Eisenbrücke er eine große Brille. Sein Pech war es, inse Zentrum der Quellregion des Gelben des Gelben Flusses, die Anfang des 20. den damals üblichen Kritiksitzungen, inFlusses. Ein alter Mönch führt die Besu- Jahrhunderts von deutschen Ingenieuren denen die Partei das Klassenbewusstseincher ins Hauptgebäude und erzählt seine errichtet wurde. Yang glaubt sich hier un- der Untertanen prüfte, „zu ruhig“ gewe-Geschichte. Von 1961 bis 1980 hatten die gestört. Er hat es sich zur Aufgabe ge- sen zu sein. Die Kader lasteten ihm an,Chinesen ihn ins Gefängnis geworfen, macht, die dunkle Vergangenheit Chinas dass er niemanden denunziert hatte. Alsosagt er. aufzuhellen.verfrachteten sie ihn am Ufer des Gelben94D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 76. Flusses auf einen Lastwagen und fuhrenAm Eingang warnt eine Tafel: „Wer heute Die Chinesen haben noch einen ande-ihn mit anderen Rechtsabweichlern nachnicht richtig arbeitet, kann sich morgen ren Namen für den großen Strom. SieJiabiangou. einen neuen Job suchen.“ Daneben sindnennen ihn „Chinas Sorge“ wegen all der Das Perfide an dieser Form der Haft: mit Kreide Zitate aus Reden der Partei-Tragödien, die sich an seinen Ufern ab-Sie war zeitlich nicht begrenzt. „Wir soll- führer Mao Zedong, Deng Xiaoping,gespielt haben.ten fleißig Tag und Nacht arbeiten undJiang Zemin und Hu Jintao geschrieben.Noch einmal knapp 600 Kilometeruns selbst umerziehen“, erinnert sichKein Schild, kein Gedenkstein weist flussabwärts von Lanzhou scheint ChinasChen. Doch die Camps entwickelten sichauf die Vergangenheit hin. Medizinstu- Sorgenstrom in der Hölle zu münden.zu Todeslagern, die ohnehin knappen Es- denten aus Lanzhou haben schon 1960 Dort, auf dem Weg nach Wuda in dersensrationen wurden kleiner und kleiner,alle Toten eingesammelt, die SkeletteInneren Mongolei, windet sich der Gelbedann gab es gar kein Essen mehr. Diewurden als Unterrichtsmaterial an dieFluss träge an Oasen vorbei durch SteppenWächter schauten zu, wie die HäftlingeUniversitäten verteilt.und Wüsten. Und plötzlich sieht es auseiner nach dem anderen verhungerten. Herr Chen,  der kein Verwandter des wie auf dem Mond: Geröll, Staub, alles ist Chen rupft einen Grashalm aus derehemaligen Lehrers ist, leitet den staat-grau. Kein Grashalm wächst, kein KäferErde. „So etwas ist essbar“, sagt er. „Ichlichen Agrarbetrieb. Er fühlt sich nicht krabbelt hier, auch die Vögel sind ver-habe damals von fetten Mahlzeiten ge- wohl, wenn er Besuchern aus dem Aus- schwunden. Unter der Oberfläche kochtträumt. Im Winter 1959 starben immerland ein dunkles Kapitel der Geschichtehier die Erde, wer zu lange stehen bleibt,mehr Mithäftlinge.“ 1961 war der Spuk Chinas öffnen soll. Doch den Autor Yangdem schmelzen die Sohlen. Und zuweilenschließlich vorbei. Die Behörden ließen schätzt er, also zeigt er die Gräben, dietut sich der Boden auf und zieht Menschendie wenigen Überlebenden laufen.von den Gefangenen ausgehoben wur- hinab in den glühenden Schlund.Ein Umweltinferno erstreckt sich über mehrere Quadratkilo- meter. Seit über 50 Jahren brennt hier in der Tiefe die Koh- le. Sie hat sich selbst entzündet, das Feuer flammt immer wieder auf, weil durch verlassene Stol- len Sauerstoff eindringt.Das Atmen fällt schwer, die Luft ist voller Schadstoffe, der Regen sauer. Viele Millionen Tonnen Kohle sind hier mittler- weile verbrannt. Langsam be- kommen Feuerwehrleute mit Hilfe deutscher Experten die Flammen in den Griff. Sie iso- lieren Brandherde mit unterir- dischen Mauern, schichten Erd-LAN SHANG / IMAGINECHINA massen um, damit die Flammen ersticken.Unmittelbar am Rande des In- fernos von Wuda haben Arbei- ter eine neue Straße betoniert, als wollten sie beweisen, dass sieMillionenstadt Lanzhou: „Wer heute nicht richtig arbeitet, kann sich morgen einen neuen Job suchen“ sich von der Natur nicht unter- kriegen lassen. Und auf der an- Wer in das alte Todeslager gelangen den, und die Bäume, die sie pflanzten. deren Seite der Piste, nur ein paar Meterwill,  muss eine Stunde nach Jiayuguan „Hier haben über tausend Menschen eine vom kochenden Untergrund entfernt, sindfliegen – und gerät in eine Welt, in der Kette gebildet, um Steine zu transportie- mittlerweile schon wieder neue Kohlemi-Vergangenheit und Zukunft gleicherma- ren“, sagt er. nen entstanden. „Hier ist es nicht mehrßen präsent sind. Hier verwittert die Gro-Dann spricht Chen über „notwendige gefährlich“, versichert Manager Chenße Mauer, die einst die Chinesen vor den Opfer“, die ein Reich wie China fordere, Zengfu von der 2. Huaying-Kohlemine.nomadischen Reitervölkern schützen soll- um den Fortschritt zu ermöglichen. Und „Wir gehen bis 700 Meter in die Tiefe.“te. Und hier leben heute Chinas Nuklear- er findet einen Vergleich, der sein Gewis- In diese Einöde hatte Mao in den sech-techniker, die rund hundert Kilometer sen entlastet: Auch der Bau der Großen ziger Jahren Teile seiner Schwer- undentfernt in der Wüste ihre Labors haben. Mauer habe viele Tote gefordert, sagt er, Rüstungsindustrie verlagert, weil er sieJeden Morgen um 7.40 Uhr transportiert „aber sie hat das Land vereint“.vor einem Angriff der Sowjetunion in Si-ein Zug Techniker und Arbeiter in das Im Teehaus in Lanzhou schaut der alte cherheit bringen wollte. „Dritte Linie“geheime Atomzentrum, gegen 18 Uhr Lehrer über den Gelben Fluss und das hieß das Projekt. Später kamen, nicht im-bringt er sie wieder zurück. Häusermeer der Metropole. „Ich glaube mer freiwillig, Bauern, die die Wüste am Von der Stadt aus führt eine Straße zu an nichts mehr“, sagt er. Obwohl der Tee- Gelben Fluss urbar machen sollten.einem der vier Weltraumbahnhöfe Chi- garten weitläufig und fast leer ist, setzenDer Rauch aus diesen Industriefossiliennas. Irgendwann auf dem Weg dorthin sich drei Männer direkt an den Neben- verdunkelt den Himmel, Schwerlasterzweigt ein Holperpfad ab – der Weg ins tisch und hören aufmerksam zu. Autor keuchen auf löchrigen Straßen heran. Inehemalige Hungerlager Jiabiangou.Yang spricht demonstrativ mit lauter trostlosen Kachelbauten warten Prostitu- Auf den ersten Blick erinnert nichts Stimme, als er die Geschichte von Jia- ierte auf die Lastwagenfahrer. Am Ufermehr an das Grauen jener Zeit: Jiabian- biangou erzählt: „Diese jungen Stasi-Bur- des Gelben Flusses schmurgelt das Zhu-gou ist heute eine blühende Oase, in der schen sollen ruhig hören, was damals pas- rong-Stahlwerk. Ein paar hundert MeterMais, Melonen und Chilischoten wachsen. siert ist.“weiter, auf einem Platz im Dorf namensD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 95
  • 77. MARK RALSTON / AFP Touristen in Ordos, Kohleabbau in Wuda: Größenwahn in der Steppe Roter Stern, 2. Einheit, kochen Anwohner Inneren Mongolei. Ordos gilt als das chi- Fluss etwa in der Hauptstadt Peking auf- Kohl für den Winter ein. „Wir können nesische Dubai. Auf 35 Milliarden Dollargekauft. Meistens zahlen sie bar und las- nicht atmen“, sagen sie. „Wir haben alle schätzen Experten die Einnahmen, diesen die Wohnungen leerstehen. Sie hof- Lungenprobleme.“ die staatlichen und privaten Minen 2010 fen darauf, dass die Preise weiter steigen.Das Werk zahlt dem Dorf 80 000 Yuan erwirtschaftet haben, das Wirtschafts- Wer den Unterlauf des Gelben Flusses (rund 10 000 Euro) im Jahr als Entschädi-wachstum war hier zuweilen doppelt so entlangreist, wird wie in einer defekten gung für die schlechte Luft. Die Bauernhoch wie im Rest des Landes.Zeitmaschine hin- und hergeworfen zwi- nutzen das Geld, um Wasser aus demUnd so soll es weitergehen: Ingenieure schen Vergangenheit und Zukunft. Hinter Gelben Fluss zu kaufen, mit dem sie diehaben in Ordos bislang ein Sechstel der den Deichen ducken sich Dörfer, die sich Felder bewässern.Kohlevorräte und ein Drittel der Gasvor-seit Jahrzehnten nicht verändert haben,Am Horizont sind moderne Industrie- kommen von ganz China aufgespürt. stehen Orte, deren Straßen wie zu Zeiten zonen zu erkennen, die in den vergange-Schon jetzt erwirtschaftet jeder der 1,5Maos „Eisen und Stahl“ heißen. Sie ha- nen Jahren entstanden sind, gigantischer Millionen Einwohner der Stadt im Schnittben keinen Dorfplatz, keine Kneipe, kei- noch als jene aus Maos Zeiten. Flugzeuge rund 20 000 Dollar im Jahr, so viel wie nen Friedhof. Die Toten begraben die im Landeanflug auf die Stadt Wuhai pas-nirgendwo sonst.Bauern auf ihren Feldern. sieren Fabrik um Fabrik, Schornstein um Bei Ordos hat die Partei den komplett Wo östlich der Provinzhauptstadt Jinan Schornstein, Kühlturm um Kühlturm. Da- neuen Stadtbezirk Kangbashi hochgezo- vor zehn Jahren nur noch Pfützen im hinter glitzert der Gelbe Fluss in der gen, inklusive Armeehauptquartier und Sand vertrockneten – während fast zwei Nachmittagssonne.Universität für 8000 Studenten. Mindes- Dritteln des Jahres versandete damals derSechs-, acht-, zehnspurige Straßen zer- tens 300 000 Menschen sollen hier einmalFluss, bevor er das Gelbe Meer erreich- schneiden die Sanddünen. Hier gießt Chi- leben. Bislang aber haben sich allenfalls te –, glitzert mittlerweile wieder das Was- na den Beton für die Plattenbauten in Pe-ein paar tausend angesiedelt. Noch istser in der Sonne. Der Staat reguliert, wie king und Shanghai, formt das Plastik für Kangbashi eine Geisterstadt und ein Mo- viel die einzelnen Provinzen entnehmen Radios und Fernseher, härtet den Stahl nument des Größenwahns in der Steppe. dürfen, Industrieunternehmen müssen für Wolkenkratzer, Brücken, Autos und Ein paar Kilometer südlich von Kang- moderne Bewässerungskanäle für die Hochgeschwindigkeitszüge.bashi liegt die Hauptquelle des Reich-Bauern der Umgebung bauen, damitIn Wuhai hat die Stadtverwaltung ge-tums: Kohle. Blauweiße Fördertürme undnicht so viel verdunstet. rade ein riesiges Regierungsgebäude er-Silos. Die Anlagen sind hochmodern, vonVor einer Pumpstation schaufeln drei richtet, zwei futuristische Stadien, eineeinem Kontrollraum aus wachen Inge- Arbeiter Schlamm beiseite. Die Bauern Universität und eine feine Parteihoch- nieure per Videokameras über das Ge-hinter dem Deich brauchen das Wasser schule. Nun will sie einige der gerade schehen unter Tage. des Gelben Flusses für ihre Maisfelder und hochgezogenen Apartmentblöcke schon Ein schmaler Zulauf des Gelben Flusses Baumwollsträucher. Sie haben zuvor ein wieder einreißen – ehrgeizigere Pläne ha-trennt hier das moderne Industrie-China kleines Feuerwerk angezündet, um die ben die alten überholt.von seinem düsteren Unterbau. Auf der bösen Geister des Flusses zu vertreiben.Auf der höchsten Kuppe des nahen Ge-anderen Seite haben private Unterneh-Nebenan hieven Wanderarbeiter für birges haben Arbeiter begonnen, denmer Stollen in die Erde geschlagen. Aus wenig mehr als zehn Euro am Tag mit Kopf des legendären Mongolenherrschers den Toren dieser unsicheren Mini-Berg-bloßen Händen Steine aufeinander, die Dschingis Khan in den Stein zu meißeln,werke keuchen vollbeladene Lkw, so altim Fall einer Flut die Deiche verstärken so wie es die Amerikaner mit ihren Prä-und demoliert, dass jede Tour in die Tiefesollen. Überall am Unterlauf liegen säu- sidenten in den Schwarzen Bergen von die letzte sein könnte. berlich aufgereiht Reservequader bereit. South Dakota taten. Schon bald wird der Die Kumpel dieser Mine leben auf ei-„Das Wasser ist jetzt trinkbar“, sagt Welteneroberer über den Gelben Fluss nem Hügel oberhalb des Bergwerks in Sojabohnenquark-Verkäufer Wei, der mit hinweg ins weite Land schauen. Verschlägen mit jeweils einem Eisenofen seinem Motorrad jeden Morgen die Ufer-Die Genossen von Wuhai sind keinin der Mitte. Das Gemeinschaftsklo stinkt dörfer abfährt. Auch Fische schwimmen Einzelfall: Wie sie träumen die Funktio- vor sich hin. Miete müssen die Arbeiter wieder im Fluss, die Anwohner erlegen näre allenthalben am Gelben Fluss davon, nicht bezahlen, für die ganze Siedlungsie, in dem sie Elektrokabel ins Wasser ihre Städte in die Reihe international be- gibt es eine kleine Kantine.  halten. deutender Metropolen zu schieben. Die Besitzer von Minen wie dieser sindIm Dorf namens „Schmiedeplatz“ istKaum jemand hat größere Pläne als mitverantwortlich für den Bauboom inMarkttag. Die Händler bieten Obst, Ge- die Parteiführer in Ordos, rund 80 Kilo- Chinas Metropolen. Ganze Neubauvier-müse, billige Elektronik und Kleidung meter südlich des Gelben Flusses in dertel haben die Kohlebarone vom Gelbenan. Hier gibt es alte Mao-Kappen für um- 96 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 78. Ausland mehr alle seine Arztrechnungen selbstren, ein anderes Boot tastet sich vorsich- bezahlen. Wie er sollen alle 700 Millionen tig heran, um den Untergrund aufzuwüh- Landleute eine Krankenversicherung ab- len, damit der Havarist wieder genug schließen können.Wasser unter den Kiel bekommt. NachDuan muss, wie er sagt, umgerechnet rund einer Stunde glückt das Manöver, sechs Euro im Jahr bezahlen. Dafür be- und beide Schiffe tuckern zurück in die kommt er fortan zwischen 40 und 70 Pro-blutrote Abendsonne. zent der Arztkosten zurück, abhängig da-Ein wenig flussaufwärts, in der Pro- von, ob er sich ambulant oder in einem vinzhauptstadt Jinan, lassen die Anwoh- MIKE GOLDWATER / GETTY IMAGES Krankenhaus behandeln lässt. „Ich habe ner zu dieser Zeit auf dem Platz zwischen schon das Foto für die Bescheinigung ge- den Regierungsgebäuden Drachen in den macht“, sagt er stolz. Nachthimmel steigen. Sie sind mit klei-Dann endlich, 100 Kilometer weiternen Leuchtbirnen versehen und funkeln nach Osten, ergießt sich der Gelbe Fluss mit den Sternen um die Wette. in die Bohai-Bucht, wo vor gut 50 JahrenDrachen sind hier schon seit Jahrhun- ein riesiges Ölfeld gefunden wurde. Es derten in den Himmel gestiegen. Das Chi- trägt den Namen „Sieg“. Seither lodern na von heute aber begnügt sich längst die Fackeln der Raffinerien, überall nicht mehr mit solch traditionellen Ver-gerechnet 57 Cent und traditionelleschwingen Ölpumpen wie Uhrpendel.gnügungen.Emailleschüsseln mit grellen Blumenmo-An der Mündung von Chinas Schick-In einer Ecke des Platzes ertönt kräch-tiven. „Uns geht es nicht gut und nichtsalsstrom hat die Regierung ein Natur- zend ein Kassettenrecorder. Eine Volks-schlecht“, sagt eine Bäuerin. „Ein paarschutzgebiet eingerichtet, dazu ein Tou- tanzgruppe streift sich Schuhe mit Me-tausend Yuan bleiben am Jahresende ristenzentrum, das mit futuristischer Ar-tallbeschlägen über. Dann erklingt irischeübrig.“chitektur protzt. Ausflugsdampfer bieten Volksmusik, und die Anwohner des Gel- In einer blauen Jacke sitzt der Sche- Touren bis ins Meer an, dort, wo die brau- ben Flusses beginnen zu steppen.renschleifer Duan, 71, an der Straße. „500 ne Farbe des Flusses auf das Blau desbis 600 Yuan verdiene ich im Monat“, be- Meeres stößt. Die Skipper müssen jederichtet er, circa 62 bis 74 Euro. Er ist auf Sekunde auf das Echolot achten, dennVideo:das Geld angewiesen, will er nicht seinennach mehr als 5000 Kilometer Lauf ist Andreas Lorenz überKindern zur Last fallen. „Wir Bauern be- das Wasser hier nicht mal mehr einensein Chinakommen in China keine Rente“, sagt er. halben Meter tief.Für Smartphone-Benutzer: Eine große Last hat die Partei ihm und Das Boot „Drachentor 688“ hat sich Bildcode scannen, etwa mitseiner Familie genommen: Er muss nicht mit Ausflüglern im Schlamm festgefah- der App „Scanlife“.
  • 79. Ausland AMSTERDAMHeile Welt Warum eine neue Bewegung aus den NiederlandenGLOBAL VILLAGE:Toaster und Bügeleisen repariertJ ede Revolution hat Helden. Diese Re- ses Stuhlbein anzuleimen. Es sind Frei- ständig dazu an, neu zu konsumieren. So volution hat Tonke, John und Koen: willige wie Tonke, John und Koen – sie wird das Reparieren langsam zu einer aus- drei Männer, die an ihren Tischen sit- reparieren kostenlos, weil sie anderen et- sterbenden Kultur.“zen und die Welt in Ordnung bringen wol- was beibringen wollen, weil sie Rentner,Es waren Texte wie das „Repair Mani-len. Sie schrauben, drehen, feilen, häm- arbeitslos oder einfach nur Idealisten sind. festo“, eine Kampfschrift von holländi-mern, frickeln. Sie sind schwer beschäf-Das Repair Café, so schwärmen Politi- schen Designern, die Postma inspirierten.tigt. Sie haben der Überflussgesellschaft ker und Sozialwissenschaftler, gehöre zu „Sei kein Sklave der Technologie – sei ihrden Kampf angesagt. Sie reparieren.den zurzeit aufregendsten sozialen Pro- Beherrscher!“, heißt es darin. Oder: „Re-„Ein mittelalter CD-Player“, sagt Ton- jekten in den Niederlanden. parieren ist kreativ! Reparieren überlebtke. „Das ist Billigware, made in China. Das erste wurde vor zweieinhalb Jah- die Mode!“Gebaut, um schnell kaputtzugehen.“ ren in einem Stadtteil von AmsterdamIm Oktober 2009 gründete die Journa-„Ein alter Toaster“, sagt John. „Rastet gegründet, heute gibt es 39 Repair Cafés listin das erste Repair Café, es folgte einenicht mehr ein. Könnte sein, dass da eine im ganzen Land. Belgien und Frankreich kleine Sensation. Radiosender berichte-Feder gebrochen ist.“ In ten über sie, von überalleinem früheren Leben her meldeten sich Frei-hat John medizinischewillige. Leute, die kaput-Geräte in Krankenhäu-ten Dingen ein zweitessern repariert.Leben gönnen, die nicht Vor Koen liegen die abhängig sein wollenEinzelteile eines Dampf- vom Diktat der Technik.bügeleisens. Gerade hatEs geht dabei nicht nurer das Gehäuse abge- um defekte Geräte, esschraubt, nun beugt er geht um Politik, um Er-sich hingebungsvoll über neuerung, um eine Kul-das Unterteil aus Plastikturrevolution.und Drähten. Er sieht Weil sie die Bewegungkonzentriert aus, manILVY NJIOKIKTJIEN / DER SPIEGEL irgendwann nicht mehrsollte ihn jetzt besserallein koordinieren konn-nicht stören. Eine Frau, te, gründete Postma einedie hinter Koen steht, Stiftung. Sie erhielt Un-sagt: „Das Problem ist terstützung vom Umwelt-der Dampf, dieses Bügel- ministerium und von ei-eisen hört nicht mehr aufBesucher im Repair Café: „Sei kein Sklave der Technologie!“ ner Organisation, die sichzu dampfen.“ für den „sozialen Zusam- Willkommen im „Re-menhalt“ in schwierigenpair Café“ in der Bali-Stadtteilen einsetzt, insstraat Nummer 48A in Amsterdams Os- interessieren sich mittlerweile für das Leben gerufen nach der Ermordung desten! Im Eingangsbereich eines unauffälli- Konzept, Blogger aus Amerika und Israel Politikers Pim Fortuyn 2002 und des Fil-gen Gemeinschaftszentrums, ausgestattet verbreiten die Idee im Netz. Im April memachers Theo van Gogh 2004.mit vier Holztischen, einer Sitzecke und wurde in Köln das erste deutsche Repair Auch die Balistraat, die Straße vor demeinem Tresen, haben sie sich eingefunden, Café eröffnet. Aus dem Projekt wurde Repair Café, sagt Postma, gehört zu ei-rund 20 Männer und Frauen aus dem eine Bewegung, ein Fanal gegen die Weg- nem Problemviertel. Doch im InnerenViertel. Sie haben defekte Elektrogeräte werfgesellschaft. des Cafés ist die Welt noch heil. Neugierigmitgebracht, Kleidungsstücke, Taschen,Dabei ist die Idee eher schlicht: Indem schauen zwei Türkinnen mit Kopftuch inSitzmöbel. Auf den Tischen stehen Werk- Leute zusammenkommen, um Dinge zu den Raum, in dem die Nähmaschinen rat-zeuge und Nähmaschinen.reparieren, lernen sie, Müll zu vermeiden, tern. Radha aus Surinam und Dalip aus Gekommen sind auch heute wieder nachhaltiger zu leben. Und: die Anony- Indien, ein Pärchen aus der Nachbar-jene, die sich eine teure Reparatur beim mität zu überwinden. „In den Repair Ca- schaft, haben eine kaputte MikrowelleKundendienst oder ein neues Produkt fés“, sagt ihre Gründerin Martine Postma, vorbeigebracht, sie stellen den riesigennicht leisten können; die ein Problem da- „treffen Leute aufeinander, die sonst in Kasten schüchtern lächelnd auf den Tischmit haben, ständig alte Drucker und Kaf- ihren Ghettos leben oder vereinsamen, von Tonke und John.feemaschinen wegzuwerfen, und solche, viele Alte, viele Migranten.“„Schon wieder Chinaware“, sagt Tonke.die einfach lernen wollen, wie man einenPostma, eine 42-jährige Journalistin, er- „Ihr braucht ein Ersatzteil“, sagt John.Schaltkreis überbrückt.zählt, sie habe sich lange Zeit gefragt, Nur Koen schweigt und runzelt die Stirn. Auf der anderen Seite: die Bastler und warum die Leute immer seltener reparie- Das verdammte Dampfbügeleisen zicktSchrauber, die versuchen, Geräte wieder ren. „Keiner schmeißt gern etwas weg. immer noch. Eine technische und einezum Laufen zu bringen, einen kaputten Aber fast alle finden es bequemer, etwas politische Herausforderung.Reißverschluss auszubessern oder ein lo- Neues zu kaufen. Die Industrie treibt unsDANIEL STEINVORTH98D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 80. Szene SportBergsteiger in der Lhotse-Flanke des Mount Everestoberhalb von Camp III (etwa 7300 Meter) am 18. Mai MOUNT EVEREST„Autobahn zum Gipfel“RALF DUJMOVITS Die Himalaja-ChronistinSPIEGEL: Am Wochenende machten sichden Everest und fliegen als Autor oder Billi Bierling, 44, über die gleichzeitig rund 200 Bergsteiger aufMotivationstrainerin wieder nach Hau- jüngsten Todesfälle undden Weg zum Gipfel. Ist eine Katastro- se. Sie wollen die Besteigung als Visiten- den zunehmenden Trubel phe dadurch nicht vorhersehbar?karte nutzen und lassen sich dafür skur- am höchsten Berg der WeltBierling: Die Route für den Aufstieg wirdrile Ideen einfallen.von einem Fixseil vorgegeben, das Seil SPIEGEL: Welche?SPIEGEL: Sie dokumentie-ist wie eine Autobahn zum Gipfel.Bierling: In diesem Jahr wollte ein Klet-ren in der nepalesischenManchmal hängen bis zu 20 Klettererterer sein Fahrrad mit zum Gipfel neh-Hauptstadt Katmandu die an einem Seil, das nur mit ein paarmen. Vor ein paar Jahren versuchte einExpeditionen im Himalaja. Schrauben im Eis verankert ist. DieNiederländer den Aufstieg in der Un-Voriges Wochenende sind am MountBergsteiger können sich kaum überho- terhose, er kam bis auf 7400 Meter. EsEverest vier Kletterer ums Leben ge-len, das würde in dieser Höhe zu vielgibt zu viel Show, der Respekt für denkommen, darunter ein 61-jähriger Deut-Kraft kosten. Also kommt es zum Stau.Berg lässt nach.scher. Was war passiert?Beim Warten wird den Kletterern sehr SPIEGEL: Warum beschränkt niemand dieBierling: Der deutsche Bergsteiger starbschnell kalt, und der Sauerstoff kannZahl der Everest-Besteiger?angeblich an einem Hirnödem, andere knapp werden.Bierling: Wer den Berg in Angriff neh-steckten am Hillary Step fest, einer Eng- SPIEGEL: Der Everest zieht so viele Berg-men will, bezahlt eine Gebühr vonstelle auf 8760 Metern. Einer von ihnen steiger an wie nie. Warum? 10 000 Dollar an die nepalesischen Be-war wohl schneeblind geworden. In die-Bierling: Das Geschäft boomt, der Berg hörden. Nepal ist eines der ärmsten Län-sem Jahr sind die Bedingungen am Eve- öffnet viele Türen. Es gibt Leute, die der der Welt, der Bergsport ist dort einrest schlecht, es gibt viel Steinschlag.gehen als Mechaniker oder Friseurin aufwichtiger Wirtschaftszweig. BASKETBALLte Highschool-Spieler seit Le-nieren und würde vielleichtBron James, dem Superstar eine steile Karriere riskieren. Profi oder Prediger? der National Basketball Asso-ciation (NBA). Er wird mitDanny Ainge, Präsident derBoston Celtics, rät ihm, sich DEANNE FITZMAURICE / SPORTS ILLUSTRATED/GETTY IMAGESAuszeichnungen überhäuft, auf den Sport zu konzen-Jabari Parker ist ein gläubiger Junge,es beobachten ihn schon mal trieren. Ainge ist auch Mor-jeden Morgen steht er um fünf Uhr auf 40 Talentspäher beim Trai-mone, missionierte nichtund betet, dreimal die Woche geht erning. In zwei Jahren könnte und holte zweimal den NBA-Punkt halb sechs zum Bibelkreis in dieer sich für einen Platz in derTitel. Jabari Parker weißKirche. Parker ist 17 und Mormone,NBA bewerben, er wäre der noch nicht, was er tun wird.er besucht die Highschool, in seinemerste schwarze Mormone in „Ich möchte gehen. Aber ichRucksack trägt er stets ein Paar Bas- der Liga. Mit 19 aber missio- habe Zweifel“, sagt er. Dieketballschuhe mit sich, T-Shirt, Shorts nieren Mormonen auch, zweiNBA sei der größte Traumund Strümpfe. Denn wenn er nicht ge-Jahre ziehen sie freiwillig eines jeden Basketballers.rade lernt oder betet, spielt er Basket-durchs Land, um ihren Glau- Allein: „Basketball ist das,ball für die Simeon Career Academyben zu verbreiten. In dieserwas ich tue. Es ist nicht das,in Chicago. Und Parker gilt als der bes-Zeit dürfte Parker nicht trai- Parker was ich bin.“ D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2101
  • 81. TEAM2Dortmunder Stars Piszczek, Blaszczykowski, Lewandowski: „Wolln Se die Wursttheke überfallen?“POLEN Drei Granaten für FranzDie Hoffnungen der Gastgeber bei der Fußball-EM ruhen auf den Legionären von Borussia Dortmund. Torjäger Lewandowski trägt die Hauptlast: Er soll seingebeuteltes Team zu Siegen schießen – und will nebenbei den eigenen Marktwert erhöhen.102 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 82. SportWo Dortmund aufhört,Mann aus der Klopp-Schule tragen nundie wahre „Schule des Lebens“ für ihnfängt Lünen an. Vor einem die Hoffnungen einer ganzen Nation. Amgewesen: „Ich war ja der einzige MannKlinkerbau am Rand der8. Juni eröffnet Polen die Europameister- im Haus.“ Um seine Mutter zu unterstüt-alten Zechenstadt bremstschaft im eigenen Land mit dem Duellzen, habe er sich zeitig bemüht, GeldRobert Lewandowski, stelltgegen Griechenland. Es wird der erste heimzubringen. Der Vater verstarb, alsseinen geländegängigenSchritt auf einem schwierigen Weg: In der Lewandowski 16 Jahre alt war.Schlitten ab und sperrt die Weltrangliste liegen die Gastgeber deut- Vermutlich ist es das, was die drei soTür auf zu seinem Reich.lich hinter allen EM-Konkurrenten – und unterschiedlichen Dortmunder Polen am „Verknallt“, sagt Trainer Jürgen Klopp,knapp hinter Sierra Leone.ehesten verbindet: Dass sie auf Kurssind sie ja derzeit bei Borussia DortmundNationaltrainer Franciszek Smuda ver-geblieben sind, wo andere aus der Bahnalle – in ihren Verein. Beim Torjäger Le- gleicht Polens Liga-Niveau vorsorglichgeworfen worden wären. Blaszczykowskiwandowski in Lünen sieht das daheim somit dem von Bosnien-Herzegowina.etwa verlor seine Eltern, als er elf war –aus: Von der Wohnzimmerwand grüßt Schuld, heißt das, hätte der Verband, soll- der Vater hatte die Mutter ermordet undder Hausherr als Posterboy im schwarz-te am Ende trotz dreier Dortmund-Legio- landete im Knast. Mit 19 spielte „Kuba“gelben Dress; in die Küche haben sie ihmnäre schon nach den Gruppenspielennoch in der vierten Liga. Mit 20 war ereinen Toaster gestellt, der das KürzelSchluss sein. Im Land des WM-DrittenNationalspieler, mit 21 in Dortmund. Die„BVB“ in Weißbrotscheiben brennt; und von 1974 und 1982 rächt sich inzwischen Begrüßung durch einen Mannschaftskol-den Garten ziert ein ins Gras gemähtesdas Fehlen flächendeckender „Schulung legen, der sich das Zimmer mit dem PolenClub-Emblem.der Jugend“, klagt Smuda. teilen sollte, klang damals so: „Oh Gott, Auch Lewandowski scheint angekom- Dabei werden in der Fußballakademieda muss ich ja mein Portemonnaie weg-men zu sein. Im Herzen des Ruhrgebiets. von Varsovia Warschau wie eh und je sperren.“ Dabei stammt Borussias Stürmerstar Talente geschliffen. Und zwar auf jenem „Kuba“ hat sich dann durchgesetzt,aus Polen. Dort ist er Idol und Werbe-Platz, auf dem schon Robert Lewan-nicht nur in dieser Sache. Inzwischen istträger für Millionen. Nike und Coca-Coladowski übte. Dass der schwächliche „Bo- er Kapitän der polnischen Nationalmann-schmücken sich mit ihm. Das Magazin schaft. Sein Kumpel Lukasz Piszczek,„MaleMen“ verewigte Lewandowski im2004 von Hertha BSC nach Berlin geholtMärz als muskelstrotzendes Model undund umgehend nach Polen zurückverlie-titelte: „So sehen 20 Millionen Euro aus“.hen, strandete zwischenzeitlich bei Zagle-Der Weltmarkt-Wert des polnischen An- bie Lubin. Umgerechnet 2500 Euro hatgreifers steigt derzeit rasant. er dort zur Manipulation eines Spiels ge- Wie lebt so einer zwischen Dortmundgen Cracovia Krakau beigesteuert. Seinund Lünen?Vereinstrainer von damals ist sein Natio- Tadellos, sagt Lewandowski. Und be-LUKASZ GROCHALA / NEWSPIX / PIXATHLONnaltrainer heute: Franciszek Smuda.stellt sich Schnitzel mit Mischgemüse im Piszczek hat sein Vergehen selbst an-Gasthaus Kegelkotten, weil der Kellner be-gezeigt, dafür gebüßt und daraus gelernt.dauert, weder Nudeln noch Lachs bietenEr ist ein freundlicher Kerl mit Manieren,zu können. Lewandowski ist der einzigeder über einem Bananensaft im Dort-Gast im Lokal. Mittagstisch wird zwischen munder Steakhouse Rodizio keinenDortmund und Lünen, wenn überhaupt, Zweifel daran lässt, dass ihm die Ver-stehend eingenommen. Kein Problem für wandlung zu einem der besten Außen-den Polen, der bei Feiern, wenn nötig, denverteidiger der Liga nicht den Kopf ver-BVB-Hit „Rubbeldikatz am Borsigplatz“ dreht hat. Piszczek sagt: „Wir drei Polenmitsummt. Und auch auf dem Feld ablie-Polnischer Nationaltrainer Smudahaben hier in Deutschland viel gelernt.fert, was von ihm erwartet wird.„Gefärbte Füchse“ In Sachen Tempo, Training, Merchan- 2010 als teuerster Transfer der polni- dising. Aber wir werben auch für unserschen Fußballgeschichte von Posen nachbek“, dem der Trainer einst riet, „mehr Land. Wir widerlegen mit unseren Leis-Dortmund verkauft und dort anfangs alsSpeck“ zu essen, letztendlich Karrieretungen die gängigen Vorurteile gegen„Lewandoofski“ verlacht, blamiert der machte, sei allerdings eher dem „Zufall“Polen.“Stürmer längst seine Kritiker. „Als Nameund Lewandowskis Ehrgeiz zu verdan-Einen wie Jan Tomaszewski in War-würde ,Lewantorski‘ mittlerweile besser ken als gezielter Förderung, sagt Marek schau besänftigt das nicht. Der Torwart,passen“, spottet Anna, die Verlobte.Krzywicki, Direktor der Akademie: „Ta-1974 Turm in der 0:1 gegen die Deutschen Saisontreffer 21 und 22 gelangen gegen lente werden bei uns nicht gehegt. Im verlorenen „Wasserschlacht von Frank-Freiburg am letzten Bundesliga-Spieltag;polnischen Fußball zählt kurzfristigerfurt“, ist heute Abgeordneter im Sejm.beim 5:2 gegen Bayern München im DFB- Erfolg.“Mit fast schon alttestamentlichem ZornPokalfinale am 12. Mai in Berlin warenSelbst in Leszno vor den Toren War- verfolgt er seinen einstigen Mitspieleres gar drei Tore. In Lewandowskis Bilanzschaus, wo am Waldrand das Haus steht,Grzegorz Lato, den amtierenden Präsi-stehen nun zwei Meistertitel mit der Bo-in dem Lewandowski groß wurde, stau-denten des Fußballverbands PZPN, undrussia binnen zwei Jahren. Maßgeblich nen sie bis heute über den Werdegangandere, die von Amts wegen mit demmitbeteiligt an den Erfolgen waren Jakubihres verlorenen Sohnes. Ausgerechnet polnischen Fußball zu tun haben.Blaszczykowski, genannt „Kuba“, und bei den Deutschen, bisher vor allem be- „Unglaubliche Dinge passieren beiLukasz Piszczek, polnische Nationalspie-rüchtigt dafür, dass sie hier 1939 Schule uns“, zürnt Tomaszewski: „Korrupteler auch sie. Bei gut 60 Prozent aller BVB- und Pfarrhaus niederbrannten, ausgerech-Funktionäre und Spieler machen einfachTore in der abgelaufenen Saison hatte net dort also soll aus „Bobek“ nun einerweiter, als wäre nichts passiert.“ Einereiner der drei aus dem Osten die Füße der größten Hoffnungsträger des polni-wie Piszczek, zum Beispiel, habe inim Spiel. Der „Kicker“ führt das Trio un- schen Fußballs geworden sein? Polens Auswahl nichts verloren. Undter den besten acht Feldspielern der Liga.Na ja, sagt Lewandowski und blicktVerbandspräsident Lato, der WM- In vaterländischem Überschwang ernst aus noch bubenhaftem Gesicht, imTorschützenkönig von 1974? Den be-schwelgt Warschaus Presse bisweilen Grunde seien seine Jugendjahre und dieschuldigt mit Hilfe von Videoaufnahmenschon von „Polonia Dortmund“. Die dreiersten Stationen als Fußballer in Polen ein Unternehmer, Schmiergeld angenom-D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 103
  • 83. Sportmen zu haben. Lato bestrei- Klopp dort neuerdings mittet das.der Forderung „Rusz dupe!“ Eitle Hahnenkämpfe der („Beweg deinen Arsch!“) bis-Helden von einst? Einen gibtweilen sein Polnisch aufblit-es, der inmitten all des ver- zen lässt, sorgt für Heiterkeit.bandsinternen Gezerres undSo wie der Platzwart, selbstGekeifes die Nerven behaltenim Nachbarland geboren, dermuss: Nationaltrainer Fran- neue Witze unters Volkciszek Smuda, seiner ober-bringt: „Watt is’ ein Pole, derschlesischen Herkunft wegen keine Arme hat? – ’ne Ver-„Franz“ gerufen.trauensperson.“ Franz hat zwar drei Grana-Andererseits: Erst ein hal-ten aus Dortmund im Kader,bes Jahr ist vergangen seitaber auch jede Menge Ärgerder letzten „Kuba“-Krise –am Hals. Er spreche besserals Blaszczykowski, über-Deutsch als Polnisch, mäkelnstrahlt vom jungen Mariodie einen. Er sage heute dies Götze, den Verein verlassenund morgen jenes, kritisieren wollte. Aus Piszczeks Umfeldandere. Er umwerbe „gefärbtewurden zuletzt Berichte überFüchse“, wettern Dritte: Spie-Avancen von Real Madrid ge-ler, die zwar eine polnischestreut. Und ein Lewandowski-Großmutter im Stammbaum,Agent heizte von Warschauaber höchstens ein paar polni-aus Spekulationen um seinensche Brocken im WortschatzKlienten an.haben, sollten das Trikot mitAuf Gruppenfotos stehendem Adler nicht tragen dürfen.sie bis auf weiteres noch brav Sagt auch Robert Lewan-zu dritt: gemeinsam mit älte-dowski. ren Fans aus der Heimat Smuda aber findet nach oder neben einem Batailloneigenem Bekunden nichts U-11-Spieler aus Krakau samtdabei, wie ein Brautwerberaufgebrezelten Fußballmüt-übers Land zu ziehen auf dertern, die das Trainingsgelän-Suche nach Verstärkung. Erde belagern und um Erinne-CZAREK SOKOLOWSKI / APahnt, dass drei Dortmunderrungsbilder bitten. „Kuba“Meisterspieler plus Torwart steht bei solchen AnlässenWojciech Szczesny von Arse- meist im Vordergrund undnal London als Korsettstan- Lewandowski am Rand.gen nicht genügen zum Auf- Der ist der Jüngste, in derbau einer konkurrenzfähigen PR-Figur Lewandowski in Warschau: „So sehen 20 Millionen Euro aus“ Heimat aber bereits Populärs-Truppe. te aus der Troika. Weil er au- Die Dienstreisen des Nationaltrainers hotel aus hinter Leithammel Klopp her ßer Toren einen eigenständigen Kopf zuins Ausland sprechen Bände über den Zu- unbehelligt durchs Kleine-Leute-Viertel bieten hat und mit Anna, der WM-Drittenstand des polnischen Fußballs. Im April Dortmund-Barop spazierten, der ahnt: im Karate 2008, auch noch eine fescheetwa besuchte Smuda auf Deutschland-Ab- Ihre außergewöhnlichen Leistungen könn- Verlobte. Als „Polens Beckhams“, dasstecher zuerst die Polizeiwache, in der sein ten mit außergewöhnlicher Gelassenheit sagen sie beide im Garten vor ihrem Klin-Kandidat Slawomir Peszko vom 1. FC Köln im Umfeld des BVB zu tun haben.kerhaus in Lünen, wollen sie nicht gehan-nach einer Sauftour nächtigen musste; er Wie Lewandowski lebt auch „Kuba“ in delt werden. Aber den Markt- und Wer-beschäftigte sich dann mit den Problemen Lünen, Piszczek wohnte bis vor kurzem bewert haben sie fest im Blick.der Kandidaten Sebastian Boenisch (Wer- dort. In Lünen ist ein Pole Pfarrer, ein Für angeblich 24 Millionen Euro Ge-der Bremen, Platzverweis) und Adam alter Steiger von der Zeche „Minister halt einen Vierjahresvertrag in der chi-Matuszczyk (Fortuna Düsseldorf, straf- Achenbach“ leitet den BVB-Fanclub nesischen Operettenliga zu unterschrei-versetzt); und er saß schließlich mit 80 719 „Schwarzes Gold Brambauer“, und die ben wie der Dortmunder Sturmkollegeanderen beim Spiel Borussia Dortmund Oma von nebenan fragt schon mal, wenn Lucas Barrios, das käme Lewandowskigegen den FC Bayern auf der Tribüne. „Kuba“ maskiert mit Sonnenbrille und nicht in den Sinn. Mit Fußballromantik Was Smuda dort sah, entschädigte für Baseballkappe bei Rewe einläuft: „Wolln allerdings, darauf legt er Wert, hat dasvieles: wie Piszczek und „Kuba“ die rech- Se die Wursttheke überfallen?“ nichts zu tun: „Liebesbekundungen zute Seite beackerten; wie Lewandowski Dortmund und Umgebung, das ist Po- einem bestimmten Verein sind schwach-einen Pfostentreffer stoisch wegsteckte, lenrevier seit der Kaiserzeit. Der Kohle- sinnig; nicht zuletzt deshalb, weil ja ge-während Mario Gomez auf der Gegensei- zechen und Stahlwerke wegen wanderten nauso gut der Tag kommen kann, wote noch beim Haareraufen auf die B-Note die Vorfahren jener Tilkowskis und Kwiat- plötzlich der Verein den Spieler nichtzu schielen schien; und wie Lewandowski kowskis ein, deren Namen heute die Ruh- mehr will.“am Ende mit der linken Hacke das ent- meshalle der Borussia zieren. 32 Lewan-Wenn am 8. Juni die EM beginnt, soscheidende Tor zum 1:0 machte. dowskis hat der Pfarrer der Polnischen viel steht fest, geht es für die drei Dort- Robert sei „körperlich noch stärker“ Katholischen Mission Dortmund in seiner munder Polen nicht nur um Vaterlands-geworden in Deutschland, sagt Smuda Kartei. Ihren Namensvetter, den Borus- liebe. Sondern zusätzlich um die bestenstolz, auch „Kuba“ und Piszczek hätten sen-Stürmer, sehen sie nun häufiger zum Plätze im Schaufenster der Zunft: „Na-sich verbessert. Wer die drei Polen sah, Gottesdienst in der Kirche St. Anna.türlich“, sagt Lewandowski, „spielt da je-wie sie, Stunden nur vor Beginn desFehlt nur noch eine polnische Flagge der von uns auch um seinen Marktwert.“Spiels gegen den FC Bayern, vom Team- über dem BVB-Trainingsgelände. DassRAFAEL BUSCHMANN, WALTER MAYR104 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 84. Sport Profi Montolivo „Zum Baden an die Ostsee“chen, den entscheidenden Pass geben,Tore schießen. Wirklich außerordentlich.Auch Miroslav Klose gefällt mir. Ein klas-sischer Torjäger.SPIEGEL: Ihr Vater ist Italiener, Ihre Mutterist Deutsche. Sind Sie Deutschland emo-tional verbunden?Montolivo: Natürlich, auch wenn ich michzu 90 Prozent als Italiener fühle, weil ichin Italien geboren und aufgewachsen bin.Ich besitze einen deutschen Pass, und mei-ne Mutter hat mit mir nur deutsch gespro-chen, als ich klein war. Inzwischen unter-halten wir uns in einem Mischmasch auszwei Sprachen. Als Schüler habe ich mei-ne Sommerferien in Schleswig-Holsteinverbracht. Ich war jedes Jahr für andert-halb Monate dort.SPIEGEL: Welche Erinnerungen haben Sie ANAN SESA / IMAGOan diese Zeit?Montolivo: Nur schöne. Ich habe von mor-gens bis abends im Garten von Oma undOpa Fußball gespielt, mit meinem älterenBruder Luca, mit Kindern aus der Nach-barschaft, mit Onkel Jochen. Und ich warI TA L I E NFrancesco Totti. Komischerweise habe ich„Mama ist heilig“damals bei einer Weltmeisterschaft oderEM immer Deutschland die Daumen ge-drückt. Das hat sich erst mit der Zeit ge-ändert. Mit meinem Onkel habe ich mirauch häufig Handballspiele des THW KielNationalspieler Riccardo Montolivo über die Aussichten seines angeguckt. Und zum Baden sind wir nach Teams bei der EM, die Favoritenrolle der deutschen Heidkate an die Ostsee gefahren.SPIEGEL: Was fällt Ihnen auf, wenn SieMannschaft und seine Kindheitserinnerungen an Schleswig-HolsteinDeutschland mit Italien vergleichen?Montolivo: In Italien sind die SträndeMontolivo, 27, dessen SPIEGEL: Weil die Iren von Ihrem Lands- schöner. Was ich an den Deutschen mag,Mutter aus Aschebergmann Giovanni Trapattoni trainiert wer- zumindest an den Menschen aus dembei Plön stammt, besitztden?Norden: Die Leute sind zurückhaltenderdie doppelte Staatsbür- Montolivo: Genau. Und der Signore ist inals die Italiener. Und sie gehen respekt-gerschaft und spricht flie- Italien sehr beliebt, aber eben auch sehr voller miteinander um. Dafür sind dießend Deutsch. Er hat fürgefürchtet. Italiener wesentlich offener und warm-Atalanta Bergamo undSPIEGEL: Gefürchtet? Warum? herziger. Ich denke, meine Eltern habenden AC Florenz gespielt Montolivo: Weil jeder Italiener weiß, was mir von beidem etwas mitgegeben. Aufund wechselt zur nächsten Saison zumfür ein Fuchs er ist. Trapattoni ist ein Stra-meinem rechten Fußballschuh ist dieAC Mailand. Der Mittelfeldspieler debü- tege, der unsere Mannschaft gut kennt.deutsche Fahne abgebildet, auf dem lin-tierte 2007 für die Squadra Azzurra,SPIEGEL: Warum ist das deutsche Team fürken die italienische.nahm an der Weltmeisterschaft 2010 in Sie ein Kandidat für den Titel? SPIEGEL: Was sagen Ihre Kollegen aus derSüdafrika teil und bestritt bislang 32 Län- Montolivo: Zum einen setzt sich Deutsch-Nationalmannschaft dazu?derspiele.land immer durch, das kennt man aus frü-Montolivo: Sie akzeptieren das. In Italienheren Turnieren. Die Mannschaft besitzt ist Mama heilig, und meine heißt nun malSPIEGEL: Herr Montolivo, Sie spielen miteinfach die Fähigkeit, sich in einen Wett-Antje und kommt vom Plöner See.der italienischen Nationalmannschaft zu-bewerb zu verbeißen. Das entspricht der SPIEGEL: Sie gelten nicht als „Il Tedesco“,nächst gegen Spanien, Kroatien und Ir-deutschen Mentalität. Und zum anderen als „der Deutsche“?land. Wie hoch schätzen Sie die Chancen stehen außergewöhnliche Talente in derMontolivo: Hin und wieder haben wir beimein, dass Italien sich durchsetzt?Mannschaft. Spielerisch sind die Deut-AC Florenz im Training Italiener gegenMontolivo: Die Gruppe ist schwer, nicht schen so stark wie nie zuvor. Wenn manAusländer gespielt. Da wurden manchmalviel leichter als die der Deutschen. Spa- diese beiden Eigenschaften addiert, ergibtScherze gemacht, in welche Mannschaftnien ist Welt- und Europameister, für sich daraus eine Spitzenelf.ich sollte.mich einer der Favoriten. Wie auch Hol- SPIEGEL: Welche Spieler beeindrucken SieSPIEGEL: Und?land und Deutschland. Die letzte Begeg- am meisten? Montolivo: Ich bin dorthin gegangen, wonung gegen Spanien haben wir knapp ge-Montolivo: Manuel Neuer fasziniert mich,Platz war.wonnen – das könnte hilfreich sein, auchobwohl er Torwart ist und ich Mittelfeld- SPIEGEL: Sind Sie noch oft in Deutschland?wenn es nur ein Freundschaftsspiel war. spieler bin. Er ist noch jung, strahlt aber Montolivo: Meine Mutter fährt einmal imGegen Irland wird es ein ganz speziellesschon so viel Sicherheit aus. Dann MesutJahr rauf, und ich versuche, sie für einSpiel für uns.Özil. Er kann alles: das Spiel schnell ma-paar Tage zu begleiten. Ich halte bis heute106D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 85. Kontakt zu meinen alten Freunden, wir Liga ist das Durchschnittsalter höher als Montolivo: Er ist ein väterlicher Freund.schreiben uns regelmäßig SMS und Mails. bei uns, und dann spielen in Italien auch Ruhig und witzig, nie arrogant. DurchausSie sind im vorigen Jahr zu unserem Län- noch relativ viele Ausländer. Es fehlt den streng. Er nominiert niemanden für einderspiel nach Dortmund gekommen, und Vereinen die Geduld, auf junge Spieler Länderspiel, der in der Liga vom Platzsie waren 2010 in München, als ich in der zu setzen, man gibt ihnen keine Chance. geflogen ist, weil er gemeckert hat. Pran-Champions League mit Florenz gegen Viele Clubs denken nicht langfristig ge- delli lässt konsequent offensiv spielen,den FC Bayern gespielt habe. nug. Das muss man aber. Nach 2006 hat was dem italienischen Charakter eigent-SPIEGEL: Verfolgen Sie in Italien die Bun- Deutschland alles richtig gemacht – und lich nicht entspricht. Das Verteidigen liegtdesliga? Italien ganz viel falsch. Wir sind jetzt eine uns mehr im Blut. Aber es funktioniert.Montolivo: Schon. Mir imponiert, dass die Mannschaft im Umbruch. Wir wollen SPIEGEL: Ihre Nationalmannschaftskolle-Clubs international wettbewerbsfähiger nachholen, was wir nach dem Gewinn gen Mario Balotelli und Antonio Cassanowerden. Und wie wunder-gelten als hochbegabte Stür-bar die Stadien sind. Alsmer, aber auch als schwerwir in München gespielterziehbar. Balotelli flanier-haben, sagten danach alle: te mit Mafia-Bossen durchOh, wie ist das schön in der Neapel, Cassano ist 29 Jah-Arena! Deutschland hatte re alt und behauptet, erdas Glück, 2006 die Welt-habe mit 700 Frauen ge-meisterschaft austragen zu schlafen. Marcello Lippi,können. Viele Stadien wur- Prandellis Vorgänger, hatden renoviert oder neu ge- die beiden hartnäckig igno-baut. In Italien spielen wir riert. Wie kommt Prandellimeist in maroden Kästen, mit den beiden zurecht?weil seit der WM vor 22Montolivo: Gut. Denn erJahren keiner in die Infra-glaubt an sie. Prandelli iststruktur investiert hat. Die niemand, der junge SpielerPolitik müsste die Priva-verbrennt. Bei ihm darf CLAUDIO VILLA/GETTY IMAGEStisierung der Stadien för- man Fehler machen. Erdern, weil die Städte kein mag keine Jasager.Geld haben, sie zu moder-SPIEGEL: Balotelli hat ghanai-nisieren.sche Wurzeln, er ist in Ita-SPIEGEL: Die Serie A galt bislien schon mehrfach ras-vor gut zehn Jahren alssistisch beleidigt worden.erste Adresse in Europa, Offenbar gefällt nicht allenmittlerweile macht die LigaTifosi, dass er für ihr Landvor allem durch Skandale spielt.von sich reden: Vor einemMontolivo: Den Leuten wirdMonat zwangen Ultras die nichts anderes übrigblei-Spieler des CFC Genua wäh- ben, als sich daran zu ge-rend der Partie, ihre Trikotswöhnen. Wir haben ja auchauszuziehen; einige Tage noch Thiago Motta imspäter prügelte Ihr TrainerTeam, der in Brasilien ge-in Florenz nach einer Aus- boren wurde. In Italien le-wechslung auf seinen eige- ben nicht so viele Einwan- DANIELE BUFFA / IMAGE SPORT / IPA / PIXATHLONnen Spieler ein. Randalie- derer wie in Deutschland,rende Fans, Wettmanipula-aber dass in unserer Natio-tion, antisemitische Parolen nalmannschaft Spieler mitund korrupte Schiedsrich-Migrationshintergrund ste-ter: Was ist da los? hen, ist die Zukunft.Montolivo: Fest steht, dassSPIEGEL: Was hätte es fürunser Fußball reinigungsbe-Folgen, wenn Italien wiedürftig ist. Es fehlt in Italien bei der Weltmeisterschaftan Sportlichkeit und Fair- vor zwei Jahren früh aus-ness. Ganz bestimmt muss scheiden würde?an der Sicherheit in den Sta- Eingebürgerter Nationalspieler Balotelli, Trainer Prandelli, Hooligans in Rom Montolivo: Das darf nicht pas-dien gearbeitet werden. Es „Unser Fußball ist reinigungsbedürftig“ sieren. Wird es auch nicht.muss härtere SanktionenWir wollen den Leuten beigeben für die Fans, die keine Fans sind, der Weltmeisterschaft versäumt haben: der Europameisterschaft zeigen, dass dersondern Verbrecher. Ich kann nicht ver- Das Team wird langsam, aber sicher ver- italienische Fußball nicht nur hässlich ist,stehen, wie ein paar Leute in Genua ein jüngt. Das ist nicht so leicht, weil es nicht sondern attraktiv und leidenschaftlich seinFußballspiel unterbrechen können, ob- so viele Talente gibt. Der Nachwuchs wur- kann. Ich habe auch das Gefühl, dass unswohl Polizisten im Stadion sind. Das ist de zu lange vernachlässigt. die Menschen in Italien mehr Vertrauenabsurd. Die Ränge sind leer, weil sich nor- SPIEGEL: Einer, dem es schon mal gelungen schenken als 2010.male Menschen nicht mehr trauen, eine ist, aus jungen Spielern ein erfolgreiches SPIEGEL: Vielleicht, weil die ErwartungenKarte zu kaufen. Team zu bauen, ist Cesare Prandelli. Der dieses Mal nicht so hoch sind?SPIEGEL: Hat das Auswirkungen auf die italienische Nationaltrainer war fünf Jah- Montolivo: Möglich. Aber am Ende ist esNationalmannschaft?re lang Ihr Coach in Florenz und hat die immer dasselbe: Wenn du für ItalienMontolivo: Für das Team ist etwas anderes Mannschaft in die Champions League spielst, spielst du, um zu gewinnen.schlimmer: In keiner europäischen Top- geführt. Was zeichnet ihn aus?INTERVIEW: MAIK GROSSEKATHÖFER D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 107
  • 86. PrismaArchiv der BräucheIn Westfalen wurden „Pfingst-lümmel“ einst mit Ginster-zweigen umbunden und wieTanzbären durch die Straßengeführt. Das Foto von 1906ist Teil einer volkskundlichenDatenbank zu Alltags- undFestbräuchen, die derzeit in RING / VOKOMünster aufgebaut wird.ARTENSCHUTZder Niederlausitz (Brandenburg). DortS C H I F F S BAUwurden in den vergangenen Tagen 27Schwedenvögel für Auerhühner ausgesetzt. Die Vögel wa-ren zuvor in Schweden eingefangenChristliche Seefahrt Deutschlandworden. Bei der Kescher-Aktion gerie-ten allerdings nur Hennen ins Netz.Die Verantwortlichen hoffen, dass die auf ÖkokursTrotz massiver Hilfsmaßnahmen Vögel wenigstens bereits befruchtet Eine Rückkehr zu Windkraft und Se-bleibt das Auerhuhn in Deutschlandwaren und Eier legen werden.gel könnte beim maritimen Frachtver-vom Aussterben bedroht. Die größtekehr große Mengen an Kraftstoff ein-Population, im Schwarzwald, zählt sparen. Ingenieure der Fachhochschuleneuesten Schätzungen zufolge nurKiel haben ein Konzept untersucht,noch 400 bis 500 Tiere. In anderen Re-bei dem Masten mit rechteckigen Dop-gionen ist Europas größter Hühner-pelsegeln teleskopartig aus demvogel schon ausgestorben. Der Grund:Schiffsrumpf ausfahren. Der von derZu viele Wälder wurden in Holzplan- Öko-Brise gelieferte zusätzliche Schubtagen verwandelt, zu viele Fressfeindekönnte die Antriebsmotoren spürbarwie Füchse oder Wildschweine stellenentlasten. Die Wissenschaftler habenihm nach. Die Männchen, bekannt für eine mittlere Treibstoffersparnis vonihr ausgiebiges Balzverhalten, werden 15,3 Prozent errechnet. Eine ähnlichebis zu 80 Zentimeter groß. Versuche,Technik bietet das Hamburger Unter-die imposanten Vögel in Ostdeutsch- nehmen SkySails an, das bereits vier IMAGEBROKER / VARIO IMAGESland wieder heimisch zu machen, Schiffe mit drachenartigen Segeln aus-erweisen sich als schwierig. In Thürin- gestattet hat. Demnächst wird diegen entsteht zwar derzeit eine weitereFirma auch den 170 Meter langen Mas-Aufzuchtstation; dennoch leben dort sengutfrachter „Aghia Marina“ um-nur noch 10 bis 15 Exemplare in der rüsten: Das 30 000-Tonnen-Schiff er-freien Wildbahn. Wenig helfen dürftehält einen Zugdrachen aus Kunststoffwohl auch ein Freisetzungsversuch inAuerhahn beim Balzritualvon 320 Quadratmeter Größe.108D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 87. Wissenschaft · Technik SEISMOLOGIE„Der Norden ist cooler“ Der Geophysiker Wolf- gang Lenhardt, 55, vom Österreichischen Erdbe- bendienst über die ak- tuellen Erdstöße in Ita- lien und BulgarienSPIEGEL: Bei Ihnen laufen die geologi-schen Alarmmeldungen aus Südtirolein. Wie hat die Bevölkerung dort rea-giert?Lenhardt: Viele waren geschockt undsehr überrascht. Ein Beben mit einer C. ECKMANN / RGZM C. ECKMANN / RGZMStärke von 6,0 in der Emilia-Romagnaereignet sich nur alle paar hundertJahre. Entsprechend verheerend istder Schaden an den historischen Ge-bäuden – ihr erster Stresstest.Schädel, Kopfschmuck der Prinzessin Li Chui RekonstruktionSPIEGEL: Warum rumpelte es kurz da-nach auch in Bulgarien? ARCHÄOLOGI E Römisch-Germanische ZentralmuseumLenhardt: Reiner Zufall. Eine Erdbeben-nach Mainz. Derzeit werden dort diehäufung wie in der Apokalypse istnicht zu erwarten. In Bulgarien kames zu einer Abschiebung der Erdkrus- 10 000 Jahre TraurigkeitSilbergefäße der Adligen metallurgisch untersucht. Ein Dreifuß diente wohl kosmetischen Zwecken. Auch die mitte, was in der Gegend äußerst selten Ihre Frisur schlägt alle Rekorde: Auf roter Tusche beschriebene Grabplattepassiert. Weit mehr Gefahr geht vom55 Zentimeter Höhe türmt sich der mit der Prinzessin konnte jetzt entziffert künstlichen Haarteilen, Goldspangen werden: Demnach war sie mit einem und Hunderten Edelsteinen garnierte kaiserlichen „Beamten zur Entwick- Kopfschmuck der chinesischen Prin-lung der Literatur“ verheiratet und litt zessin Li Chui aus dem 8. Jahrhundert.an einer „unheilbaren Krankheit“. Als Im Jahr 2003 war das prachtvollesie mit 25 Jahren starb, ergriff den Totengewölbe der Dame in Xi’an ent- Gatten unsägliche Schwermut, wie das deckt worden – allerdings beschädigtEpitaph verrät: „Noch in 1000 Herbs- durch einen Wassereinbruch. Viele der ten und in 10 000 Jahren weht hier der Beigaben kamen zur Restaurierung insWind der Traurigkeit.“ACTION PRESS / REX FEATURES QUERSCHNITT Tödliche Krankheiten in den ärmsten und den reichsten LändernZerstörter Uhrturm bei Bologna Eine Frage des Geldes Tote pro eine Million Einwohner 2008 Infektionen der AtemwegeSüden des Kontinents aus, wo die Ge- Infektionskrankheiten wie Aids und1291birgsbildung noch im Gang ist. TBC wüten bei den Armen, Krebs326SPIEGEL: Beim Erdbeben von Messina und Demenz treffen die Reichen. Einim Jahr 1908 kamen rund 100 000 Men- neuer Report der WHO zeigt, dassAidsschen ums Leben. sich mit steigendem Wohlstand auch877Lenhardt: In Süditalien werden kompli- die Todesursachen verändern. 17zierte tektonische Spannungen aufge-baut, weil die Afrikanische Platte ver-Tuberkuloserücktspielt. 487SPIEGEL: Wie steht es mit Deutschland?13Lenhardt: Der Norden ist generell coo-ler. Zwar gibt es in der Eifel noch Vul- Darmkrebs ärmste Länderkanismus. Doch die letzte Eruption27 Bruttonationaleinkommenereignete sich dort vor 10 000 Jahren. pro Kopf: 995 Dollar276oder wenigerMit der Prophezeiung der Maya, dassam 21. Dezember 2012 das Ende derreichste LänderWelt naht, haben die aktuellen Beben Bruttonationaleinkommen pro Kopf: 12196 Dollarnichts zu tun. Der Untergang lässt oder mehrnoch auf sich warten.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2109
  • 88. Titel Zu blau der Himmel Jeder wird sterben, die Frage ist nur: wie? Qualvoll im Krankenhaus? Dement im Heim? Das Tabu um dasThema Tod bröckelt – und es gibt gute Ideen für ein Sterben ohne Angst. Es ist Zeit, darüber zu reden.E in Selbstversuch: Schließen Sie diezwar oft und ausführlich, so, wie man Augen, und stellen Sie sich vor, Sie sich über Kindererziehung und Liebes- hätten gerade von einem Arzt er- dinge unterhält. Mehr noch: Am bestenfahren, dass Sie an einer unheilbaren, töd- plant jeder schon mal sein eigenes Ster-lichen Krankheit leiden, sagen wir: Lun-ben – so, wie man sich auf Geburten vor-genkrebs. Metastasen. Keine Hoffnungbereitet. Mit allen Beteiligten reden, sichauf Heilung.von einer Fachkraft beraten lassen, und Was empfinden Sie? die Aufgaben für den Tag X verteilen. Wahrscheinlich nicht viel. In diesemMit Sprechen und Planen kriegt manFall versagt die Phantasie. Den eigenen die Angst weg. Und vorbereitet undTod kann sich niemand vorstellen; das angstfrei stirbt es sich besser. Wer darüberDrama der Botschaft vom eigenen redet, beginnt, den Tod als Teil des Le-Ende  bleibt irgendwo in den äußerenbens zu begreifen. Wer fragt und zuhört,Hirnwindungen hängen. In Gefühl lässt erfährt, dass er entgegen aller Erwartungsie sich nicht übersetzen. Das Entsetzen, vieles selbst bestimmen kann auf demdas Aufbegehren spürt nur der wirklichWeg zu seinem Ende.Todgeweihte. Es gäbe dann auch mehr Vorsorgevoll- Natürlich weiß jeder, dass er sterbenmachten und Patientenverfügungen, somuss. Aber doch nicht jetzt! Doch nicht dass alle, die sich kümmern, besser wüss-ich! Es ist, das berichten Todkranke, als ten, ob sie beispielsweise einer Beatmungöffnete die Botschaft vom bevorstehendenzustimmen sollen. Das heißt: Mehr Men-Sterben eine Tür zu einer anderen Welt. schen würden ohne Qualen und in Würde Ein Zurück in die alte Susi-Sorglos- abtreten. Es gäbe eine neue Sterbekultur.Welt gibt es nicht.Das versprechen jedenfalls die Profis Das eigene Ich, ausgelöscht? Nicht in Sachen Sterben: Palliativmediziner,mehr denken, wie geht das? Nichts mehrderen Aufgabe es ist, Schwerstkranke auffühlen? Unvorstellbar. Die Amsel dahin- ihrem Weg zu begleiten. Es sind Ärzte,ten auf der Wiese, sie wird auch mor- die Hunderte Menschen haben sterbengen noch Würmer aus der feuchten Erde sehen, die den Tod nicht mehr als Feindzupfen, die Blättervorhänge der Trauer- sehen, den es zu bekämpfen gilt; Ärzteweide werden im Wind schwingen, und wie der Neurologe Gian Domenico Bora-die pinkfarbenen Pfingstrosen werdensio, der an der Universitätsklinik in Lau-ihren Duft verströmen. Aber ich bin sanne die Palliativmedizin leitet.dann – weg.Der eloquente Italiener mit Vollbart Sterben ist die größtmögliche Grau-und sonnigem Lächeln glaubt, dass dassamkeit.Schweigen über das eigene Sterben die Wer zum Teufel kann das wollen:Sache noch verschlimmere. „Das ist eineSiechtum, Blut spucken, Schmerzen, diesich selbst erfüllende Prophezeiung“, sagtmit Gewalt Besitz ergreifen von KörperBorasio. „Wer Angst vor einem qualvol-und Geist? Wer erträgt es, sich einer len Sterben hat, redet nicht darüber, be-Medizin auszuliefern, die den Menschenkommt deswegen keine Informationen,seiner Würde beraubt, aus seinem Leib kann nicht gut planen, und die Angehö-ihr Spielfeld macht, indem sie diesen öff-rigen wissen nicht über seine Wünschenet und in ihn eindringt und ihn an pum-Bescheid, wenn sie für ihn entscheidenpende, saugende, messende Apparaturen müssen.“hängt. Sprechen also. Es ist ein guter Zeit- Sterben macht Höllenangst. punkt. Der moderne Mensch tut zwar Auch deshalb reden die meisten Men-möglichst so, als würde gar nicht ge-schen nicht gern darüber. Aber sie solltenstorben. Die Hinfälligen schickt er insVerstorbene im Pflegeheim Sonnweides tun, dringend, das ist die neue Idee:Altenheim und ins Krankenhaus; dortLasst uns übers Sterben sprechen. Und hauchen sie ihr Leben aus, nicht mehr,110 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 89. MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 111
  • 90. Titel REPRO: MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL (L.); MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL (R.)Frischvermähltes Ehepaar Bacher 1954, Witwe Bacher heute: „Ich will dir noch ein letztes Busserl geben“wie einst, daheim. Und zwei Drittel derFribourg in der Schweiz, „ist das Sterben durch Krankheit bei guter medizinischerDeutschen glauben laut einer aktuellen selbst heute kaum mehr real erlebbar“.Versorgung, so, dass sie noch ein bisschenTNS-Emnid-Umfrage, die Gesellschaft Wie also anfangen, über den eigenenleben und dann Abschied von ihren Liebs-verdränge das Thema Tod „eher“ oderTod zu sprechen, sich auszutauschen,ten nehmen können. Tatsächlich wird,sogar „sehr“. Zu nah darf er jedenfallswenn kaum jemand mehr mitbekommt, schätzt Palliativmediziner Borasio, jedennicht kommen, das bewiesen im Februarwie Sterben eigentlich geht? Es ist Zeit, Zweiten dieser Tod ereilen.einige Hausbesitzer im Hamburger Sü- nachzuschauen, wie in Deutschland ge-Es überrascht nicht, dass fast niemandden, die gegen ein Hospiz in ihrer Nach- storben wird. Es ist Zeit, Sterbende undverwirrt aus dieser Welt scheiden will.barschaft protestierten. ihre Angehörigen und Pfleger zu befra-Dabei trifft genau dieses Schicksal sehr, Wenige Leute haben einen Plan, wiegen, wie es ist, zu Hause zu bleiben, ge- sehr viele Menschen: mehr als ein Drittel,mit ihnen verfahren werden soll, wennbrechlich, schwach, hilfsbedürftig (das Tendenz steigend. In 20 Jahren werdenein Herzinfarkt sie fällt. Und kaum je-geht, und zwar immer besser); ob es wirk- knapp zwei Millionen demenzkrankemand hat sich überlegt, was geschehenlich so schrecklich sein muss, dement sei-Deutsche ihrem Ende entgegendämmern.soll, wenn er schwer erkrankt: Zwölf Pro-nem Ende entgegenzudämmern (muss es Die Wahrscheinlichkeit dazuzugehörenzent der Deutschen haben eine Patien-nicht) oder im Altenheim sein Leben aus-ist hoch.tenverfügung verfasst, gerade einmal achtzuhauchen (kommt darauf an). Wie wich- Und natürlich gibt es ihn, den grau-Prozent eine Vorsorgevollmacht.tig ist der Sterbeort überhaupt? Was istsamen Tod; es gibt Ärzte, die um jeden Immerhin, das Tabu bröckelt. Bücher,wirklich wichtig, wenn man seinem EndePreis Leben erhalten wollen und daherdie vom realen Sterben handeln, verkau-entgegengeht? Krebspatienten, denen nichts mehr hilft,fen sich prächtig, zuletzt Borasios Plä-Vielleicht relativieren sich, wenn alleauch noch mit der x-ten Chemotherapiedoyer für einen angstfreien Weg in den über solche Fragen reden, auch die Wün- malträtieren. „Da kriegt man fünf Infu-Tod („Über das Sterben“); der Titel klet-sche, die viele Menschen über ihr Lebens- sionen, fünfmal Chemo, da kriecht manterte bis auf Platz drei der SPIEGEL-Best- ende äußern. Mehr Realismus könntenur noch auf’m Boden rum, man ist einsellerliste. In Deutschland haben die De-helfen, denn so, wie die meisten es sichWrack, man kann nicht mehr denken,batten um Patientenverfügung und Ster- wünschen, werden die wenigsten sterben. nicht mehr sprechen, die Seele schreit,behilfe geholfen, das Tabu zu lockern. So hofft laut einer SPIEGEL-Umfrage die was tust du uns an, die Zellen machenAuch das öffentliche Sterben beispiels-große Mehrheit von 67 Prozent auf einen Tohuwabohu“, so beschrieb der an Lun-weise eines Christoph Schlingensief trug schnellen Tod, beispielsweise durch Herz- genkrebs erkrankte Regisseur Christophdazu bei.infarkt (siehe Grafik Seite 114). Dabei ist Schlingensief zwei Jahre vor seinem Tod Doch während „Menschen mehr überein solcher Abgang nicht einmal 5 von die Heilversuche der Schulmedizin.das Sterben wissen und erfahren möch-100 Menschen vergönnt. Und ja, es gibt auch die alleinstehendenten“, analysiert der Theologe MarkusMehr als ein Viertel der Befragten be- Alten, die gegen ihren Willen in die Kran-Zimmermann-Acklin von der Universitätvorzugt einen nicht allzu langsamen Tod kenhausmaschinerie geraten, wo nie-112 D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 2
  • 91. MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELAufbahrungsraum im Maria-Stadler-Haus: „Lieber erschieß ich mich, als ins Heim zu gehen“mand mehr für sie spricht, die ans Bettthrose, Rheuma und Osteoporose habengroße Korkwand neben dem Fernsehergefesselt werden, weil die Pfleger dannaus ihr, der leidenschaftlichen Tango- undpinnt. Das ist schön, das ist Leben, aberweniger Stress mit ihnen haben, die kre- Walzertänzerin von einst, eine zierlicheRosemarie ist sich dennoch sicher: Wennpieren, weil niemand auf Station Zeit hat, alte Dame mit wackligen Beinen, schmer- der Tod eines Tages im Zimmer 21 halt-dem Opa mal richtig zuzuhören. zenden Knien, krummem Rücken und un-macht, wird sie die Reise mit einem Lä- Nichts soll schöngeredet werden. Undbeweglichen Fingern gemacht.cheln auf den Lippen antreten.dennoch, wer losgeht und Leute fragt, die„Das Herz steht still, wenn Gott will“,Rosemarie Bacher ist eine von 99 Be-ihren Tod vor Augen haben, trifft aufdas ist einer ihrer Lieblingssätze. Angst wohnern des Maria-Stadler-Hauses, einesMenschen, die traurig sind, vielleicht vor dem Sterben? „Hab ich keine“, sagtsonnendurchfluteten Pflegeheims mit ro-Angst haben, aber nicht hadern mit ihrem Rosemarie Bacher, und ihr Lächeln zieht sa Fassade mitten in Haar. Es gibt einenSchicksal. Weil sie es in die Hand genom-sich bis in die strahlend blauen Augen. Garten mit Goldfischteich vor dem Haus,men haben, es geplant haben, das Ster- Sie freut sich: auf das Wiedersehen mit gleich um die Ecke ragt ein Maibaum inben. Und darüber reden.ihrem Mann. „Die Leute mögen mich für den Himmel. Heile Welt auf Bayerisch. Jeder stirbt seinen eigenen Tod. Aber verrückt halten: Ich glaube an ein Leben Im Innern des Maria-Stadler-Hausesjeder kann lernen von den Erzählungennach dem Tod.“geht es allerdings kaum besser zu als inanderer, sie abgleichen mit seinen eige-Vor einem Jahr, im Mai, ist die 81-Jäh-anderen deutschen Seniorenheimen. Esnen Wünschen.rige gemeinsam mit ihrem damals 82-jäh- fehlt an Personal. Je hinfälliger die Alten Deswegen erzählen wir: von Frau Ba- rigen Mann Michael ins Maria-Stadler- sind, desto mehr Pflege brauchen sie; wiecher im Altenheim, die gerade den TodHaus gezogen, das Pflegeheim ihres Hei- intensiv die Pfleger sich jeweils um sieihres Mannes erlebt und ihren eigenenmatorts Haar bei München. Schon baldkümmern müssen, das legt das Sozialge-vor Augen hat; von Lieselotte Bee, die begann das Sterben ihres Mannes. Seit setzbuch fest. Daraus ergibt sich der Per-dement ist, aber eigentlich jetzt schon im vier Monaten ist er jetzt tot.sonalschlüssel: Je höher der Anteil rüsti-Himmel; von zwei Frauen, die beide an Vier Monate, in denen Rosemarie je-ger Herrschaften in einem Heim, destoder unheilbaren, seltenen Krankheit ALSden Abend vor dem Einschlafen mit dem weniger Pfleger darf es einstellen.leiden, aber unterschiedliche Wege in denBild auf ihrem Nachttisch spricht. Es zeigtIm Maria-Stadler-Haus kümmert sichTod gehen. Und wir berichten, warumdie frischvermählten Bachers auf demein Pfleger um neun bis zehn Bewohner.kleine Kinder gelassener sterben als Er- Sitz eines Motorrollers. „Vati“, sagt Ro- Der Medizinische Dienst der Kranken-wachsene. Wenn ihre Eltern sie lassen. semarie dann zu ihrem Michael, „hol versicherung hat ausgerechnet, wie lange mich bald zu dir.“ein Pfleger für die einzelnen Betreuungs-Im Pflegeheim Rosemarie hat eine  Tochter, einen schritte brauchen darf – Haarekämmen:Seit der Tod ihren Mann geholt hat, kann Schwiegersohn und zwei Enkelinnen. Re-eine Minute; mundgerechte Nahrungszu-er Rosemarie Bacher nicht mehr schre-gelmäßig schreiben die Mädchen derbereitung: zwei Minuten; Rasieren: fünfcken. Zumal ihr Leben Mühsal ist. Ar-Oma Postkarten, die Rosemarie an dieMinuten; Windelwechseln nach Stuhl- D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2113
  • 92. Titelgang: sieben Minuten. „Fließbandarbeitmit Waschlappen“ nennt das der Heim-leiter Peter Reitberger. Rosemarie Bacher hat die Pfleger imMaria-Stadler-Haus ins Herz geschlossen.Sie vergisst nicht, dass die Mitarbeiterfreiwillig Überstunden geschoben haben,als ihr Mann im Sterben lag.„Lieber erschieß ich mich, als ins Heimzu gehen“, hatte Michael Bacher gesagt.Das war vor der Diagnose Hirntumor.Das Krankenhaus entließ RosemariesMann, die Ärzte konnten nichts mehr fürihn tun. Also zogen Bachers in das Senioren-wohnheim hundert Meter entfernt vonihrer Wohnung, auch weil Michael nunseine Rosemarie mit ihren kaputten Kno-chen nicht mehr umsorgen konnte.„Hauptsache, wir sind zusammen“, sag-te er beim Einzug. An den ersten Tag imMaria-Stadler-Haus erinnert sich Rose-marie Bacher nicht gern. „Es war furcht-bar“, sagt sie. Die lauthals singende De-menzkranke im Speisesaal, die Windel-packungen auf den Pflegewagen im Gang.Saugkraft Plus, Super, Strong. Der abge- MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELwetzte Holzfußboden. In den Gängen und Aufenthaltsräumendes Maria-Stadler-Hauses sitzen viele apa-thisch wirkende Alte in Rollstühlen,Mund geöffnet, der Blick ins Nirgendwogerichtet. Mehr Frauen als Männer. EineFrau schaut starr durch die Glaswand ins Pflegeheim Sonnweid: „Unsere Bewohner sind dement, aber nicht bescheuert“menschenleere Treppenhaus. Hin undwieder deutet ihr Kopf ein Nicken an.das, beim Nachtdienst. Sie verliebten sich,cher am Bett ihres Mannes. Sie wollte sei-Der Urinbeutel auf Höhe des linken Knö-wurden ein Paar. Die Liebe blieb. Jedenne Hand nicht loslassen. Die Tochterchels wippt sachte mit. Im Hintergrund Abend gab es ein Bussi, vor dem Einschla-beschwor die Mutter: „Wenn wir bei ihmsäuselt Schlagermusik aus dem Radio. fen ein „Hab dich lieb“. Dann kam derbleiben, wird Vati nicht gehen können.“„Nur weil man weiß, was kommt, ist Tumor. Um 22 Uhr ließ Rosemarie Bacher ihrenman nicht besser drauf vorbereitet“, sagt Ein unheilbarer Gehirntumor bedeutetMann los. Um ein Uhr nachts hörte seinRosemarie Bacher. Sie kennt die Welt der Demenz im Zeitraffer. Schon wenige Wo- Herz auf zu schlagen. Er starb allein.Katheter und Kanülen, sie war Kranken- chen nach dem Einzug ins Heim begann So hatte er es sich gewünscht.schwester, ihr Mann Pflegedienstleiter amMichael, sich zu verändern. Er fiel plötz-Haarer Bezirkskrankenhaus. Dort habenlich zu Boden, auf dem Weg ins Bad, auf *sie sich kennengelernt. Vor 60 Jahren wardem Weg zum Balkon. Später konnte Mi- Jedem zweiten Mann in Deutschland chael nur noch mit Gurt im Stuhl sitzen. wird es so ergehen wie Michael Bacher,SPIEGEL-UMFRAGE Damit Rosemarie nachts ein bisschen er wird laut einer Statistik der Kran-Sterbeartschlafen konnte, schoben die Pfleger Mi- kenkasse Barmer GEK an seinem Le- chaels Bett vor das Zimmer der Nacht-bensende auf Pflege angewiesen sein. Bei schwestern. In den letzten zwei Wochen den Frauen sind es sogar drei von vier.„Welche Art des Sterbens würden Sie seines Lebens wurde Michael Bacher ru- 2,4 Millionen Menschen in Deutschlandbevorzugen, wenn es Ihnen möglich wäre?“ higer. Essen lehnte er ab, hin und wiederbedürfen der Pflege, davon 750 000 inplötzlich aus guternippte er am Wasserglas. „Damit es Heimen.gesundheitlicher Verfassungohne Dinge regeln oderAbschied nehmen zu können67 % schneller geht“, sagte er in einem seiner hellen Momente. Rosemarie Bacher sagt: „Das war das Einzige, was er bei seinem Mehr als die Hälfte der Bewohner indeutschen Pflegeheimen ist verwirrt.Wenn die Pfleger dann, wie im Maria- Sterben selber in der Hand hatte.“ Stadler-Haus, nur wenig Zeit haben, istnach schwerer Krankheit Ein anderer heller Moment geht Rose-es kaum verwunderlich, dass die Des-über 2 bis 3 Jahre undklarem Bewusstseinmit guter Pflege und Möglichkeiten, 27 %marie nicht aus dem Kopf. Als Michael abends an ihrem Bett vorbei aus demorientierten mit ihrem Rollstuhl einsamauf dem Gang herumstehen. Es gibt we-das Leben noch etwas zu genießen Zimmer gerollt wurde, flüsterte er:  „Mut- nige Orte, an denen sich beobachten lässt, ti, komm her.“ „Vati, was ist denn?“ Ro- wie gut es Demenzpatienten gehen kann, semarie schob sich vorsichtig aus demwenn sich jemand Zeit nimmt für sie.nach schwerer Krankheit undDemenz über 8 bis 10 Jahremit guter Pflege und mehr 2%eigenen Pflegebett. „Komm näher her“, hauchte ihr Mann, „ich will dir noch ein Im DemenzheimMöglichkeiten, Lebenszeit zu nutzenletztes Busserl geben.“Die alte Dame sieht aus, als schliefe sie.TNS Forschung am 21. und 22. Mai; 1000 Befragte ab 18 Jahre;Drei Tage später starb Michael Bacher.Sie trägt ihren karierten Lieblingsanzugan 100 fehlende Prozent: „Weiß nicht“/keine Angabe Bis in die Nacht wachte Rosemarie Ba-und eine gelbe Bluse. Von oben fällt Ta-114 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 93. Ein Jahr vor seinem Tod kam Lieselotte Bee in die Sonnweid; seit zwei Jahren ist sie in der „Oase“, der Station für die Schwerstdementen. Sie kann sich kaum mehr rühren, ihr Gehirn sendet keine Befehle mehr an die Muskeln ihrer Arme und Beine. „Wir erhalten ihre Beweg- lichkeit, indem wir jeden Morgen während des Waschens und Eincremens alle Glied- maßen mobilisieren“, erklärt Isufi. Eine Dreiviertelstunde dauert diese Behandlung.Frau Bee kaut jetzt, immer noch mit ge- schlossenen Lidern. Dann, plötzlich, schlägt sie die großen grauen Augen auf. „Jetzt sind Sie wach, gell, Frau Bee?“, zwitschert die Pflegerin, „draußen regnet’s, es ist Mai.“ Florije Isufi weiß weder, ob Frau Bee sie versteht, noch ob sie den Regen registriert. „Aber sie hört mich“, sagt Isufi, die blonde Albanerin, auf Schweizerdeutsch, das bei ihr immer so klingt, als lächle sie.Fünfmal am Tag bekommen die Oasen- bewohner Essen, eine stundenlange Pro- zedur. Niemand wird per Magensonde ernährt. „Unsere Bewohner haben das Recht, die Nahrungsaufnahme zu verwei- gern“, sagt Isufi, für sie ist das ein Men- MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL schenrecht.Die Pflegerin ist überzeugt, dass Frau Bee noch Lebensfreude empfindet. „Sie leidet nicht“, sagt Isufi, „darauf achten wir sehr.“ Frau Bee bekommt Morphium- tropfen gegen den Schmerz in den ver-Demenzkranke Bee, Pflegerin Isufi: „Jetzt sind Sie wach, gell, Frau Bee?“krampften Muskeln.Neulich dachten sie schon, es wäre so-geslicht durch einen blaugestrichenennicht einmal mehr die Motorik steuern.weit. Frau Bee verweigerte das Essen.Schacht auf ihr Gesicht. Ihre Haut schim-Die Sonnweid setzt dagegen: maximale„Aber wir kontrollierten erst mal, ob siemert matt; die Züge sind friedlich. DerLebensqualität. Jeder Bewohner soll das Schmerzen im Mund hat.“ Der ZahnarztTod scheint ihr das frühere Selbst wieder- bekommen, was ihm Freude macht, hierkam und fand die Ursache der Appetit-gegeben zu haben: Man erkennt nicht, und jetzt. Es ist wichtig, dass er die Lieder,losigkeit: einen faulenden Zahn. Seitdemdass Orta Hänggli schwer dement war, als die er liebt, mitsummen kann, dass er die der gezogen wurde, isst Frau Bee wieder.sie starb. Speisen, die ihm schmecken, zu essen be- Frau Bee hat nicht den ganzen Teller Im Sarg liegt jene freundliche Person,kommt. Die Krankenakte jedes Patientengeschafft. Erschöpft macht sie ihr „Mit-die ihr Mann so lange liebte, eine Kauf- vermerkt die Lieblingsdüfte, die Lieb-tagsschlöfli“, einen Plüschaffen im Arm.frau, die bis zu ihrer Rente bei der Schwei- lingsmusik, die Lieblingsgerichte. Wenn Über dem Bett hängt ein Foto mit demzerischen Nationalbank arbeitete.ein Mensch nur Süßes mag, dann kochtEhemann, auf der Hochzeit einer Enkelin. Der „Aufbahrungsraum“ ist das Toten-ihm die Küche eben nur Süßes. Alle Bewohner haben solche Bilder amzimmer der Sonnweid, eines Demenz-„Frau Bee, mögen Sie etwas Fleisch?“,Bett. „Für mich sind sie nicht Demente“,heims in der Nähe von Zürich. Es riechtfragt die 39-jährige Pflegerin Florije Isufisagt Isufi, „sondern Menschen. Sie habennach Maiglöckchen. ihre Patientin. Sie hat Frau Bees schmale ihr Leben gelebt. Jeder ist einzigartig.“ Die Sonnweid beherbergt 150 Men-Hand in ihre linke genommen, mit derschen mit Demenz und ist selbst für groß-rechten hält sie lockend einen Löffel mit*zügige Schweizer Verhältnisse etwas Be-Fleischpüree vor die Nase der 82-Jähri-Jedes Jahr legen Ärzte in Deutschlandsonderes. Und das liegt nicht am Geld. gen. Reglos sitzt die knochendünne Frau 140 000 PEG-Sonden, viele Demenz-Der Pflegeschlüssel ist mit eins zu drei invor ihrem Teller, die Augen verschlossen, patienten werden auf diese Weise künst-der Schweiz normal. Die Art der Betreu-das Gesicht zart wie das einer Porzellan- lich ernährt. Ebenso ist es gängige Praxis,ung ist außergewöhnlich. „Unsere Bewoh-puppe.Sterbenden künstlich Flüssigkeit zuzufüh-ner sind dement, aber nicht bescheuert“,Die Demenz traf als erstes Lieselotteren. „Beides ist in der Regel nicht not-lautet das Credo des Sonnweid-Chefs Mi-Bees Sprachzentrum. Ein furchtbarer Ver-wendig“, erklärt Palliativmediziner Bo-chael Schmieder. Und deshalb sieht das lust für eine Frau, die die Literatur und rasio, „und sogar schädlich.“ Alle StudienHeim anders aus als die meisten anderendie Künste liebte und gern weit reiste. dazu zeigten, dass es den Dementen da-Einrichtungen dieser Art, die mit Mobi-Die schöne Lieselotte war die Lieblings-durch nicht bessergehe. Im Gegenteil: Dieliar aus den Fünfzigern ihre Patienten intochter ihres Vaters, ihren Mann lernte Sonde begünstigt Infektionen.die Kindheit zurückversetzen wollen. Die sie schon in der Schule kennen, sie beka-Keinen Hunger und keinen Durst mehrSonnweid wirkt wie ein modernes Hotel, men drei Töchter. Er wurde Architekt, sie zu verspüren gehört dazu, wenn der Kör-hell und funktional. lernte gleich zwei Berufe, Laborassisten- per sich nach und nach herunterfährt, Niemand kann die Menschen, die hier tin und Bibliothekarin. Ihre Finger, jetztwenn’s aufs Ende zugeht. Nur der Mundsind, heilen; ihr Weg ist ein langes Driften steif und still, spielten früher flink Klavier. muss befeuchtet werden, dazu genügenins Vergessen, am Ende kann das Hirn Vor sechs Jahren starb Bees Mann. ein Schwämmchen und ein paar Tropfen; D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 115
  • 94. Titel ROMAN MENSING / ARTDOC.DESchlingensief-Installation: „Ich wär sautraurig, wenn ich gehen müsste“ansonsten geht es den Sterbenden sogar gen – was passiert mit meinen Kindern, in Deutschland gibt. Die sogenanntenschlechter, wenn man ihnen Flüssiges inwenn ich nicht mehr da bin? – zu bespre- SAPV-Teams können den sehnlichstendie Venen schleust.chen. Um einem unheilbar Kranken ein Wunsch vieler Schwerstkranker erfüllen: Es komme nicht selten vor, berichtetgutes Ende zu bereiten, braucht es nicht in den eigenen vier Wänden zu sterben,Borasio, dass Schwerkranke bewusst auf nur Ärzte, sondern Pfleger, Kranken- die Krankenkasse zahlt.Wasser und Nahrung verzichteten, wie schwestern, Sozialarbeiter, Psychologen,Dafür organisieren sie Rollstühle, Lie-Michael Bacher im Maria-Stadler-Haus,Seelsorger. Deswegen bedeutet Palliativ- gehilfen, Krankenbetten oder Pflegerin-um schneller zu sterben. Und es funktio- versorgung auch das Ende der Allmachtnen und Physiotherapeuten. Sie geizenniert: Die Mehrheit dieser Männer unddes Arztes. Und es schränkt die Herr-nicht mit Morphin gegen Schmerzen oderFrauen scheiden innerhalb von 15 Tagen schaft der Pharmakonzerne ein, die Atemnot, sie verabreichen Neuroleptika,dahin, sie sterben einen friedlichen Tod.einen großen Teil ihres Umsatzes mit wenn die Patienten delirieren. Borasio möchte, dass mehr Ärzte und Medikamenten für Patienten im letzten Die Mitarbeiter der Mobilteams verfas-Pfleger solche Patientenentscheidungen Lebensjahr machen. Palliativmedizin istsen für ihre Patienten Briefe an Kranken-respektieren. Sein Konzept dafür heißt:eine Rebellion gegen das medizinischekassen oder besorgen noch einmal eine„liebevolles Unterlassen“. Establishment. Karte für ein Champions-League-Spiel Wer, wie Christoph Schlingensief, nichtDie Idee stammt aus der Hospizbewe- des FC Bayern München. Was sonst Wo-„mit drei Schläuchen im Arsch in so ’ner gung, die in den siebziger Jahren, aus chen dauert, geht hier oft in Stunden.Klinik krepieren“ will, wer sicherstellenEngland kommend, die westliche Welt er-Alle wissen: Wer schwerstkrank ist, hatmöchte, dass sein Leben nicht auf deroberte mit ihrer Sicht auf den Sterbendenkeine Zeit mehr.letzten Etappe qualvoll verlängert wird, als Menschen, dessen Würde und Wün- In Deutschland arbeiten bereits mehrder muss sich einen Sterbeort suchen, an sche mehr zählen als der Wille von Ärz-als 200 SAPV-Teams. Sie sind eine Artdem palliativ gearbeitet wird. ten, Leben um jeden Preis zu erhalten. Hospiz auf Rädern mit 24-Stunden-Ruf- Palliativbehandlung, denken viele, sei Die Idee vom selbstbestimmten Ster- bereitschaft. Notärzte ohne Blaulicht.bloß eine Methode, um Schmerzen zu lin-ben hat seither um sich gegriffen, beför-dern. Doch Palliativversorgung kümmert dert von Tausenden Freiwilligen, die Ster- Zu Hausesich nicht nur um die körperlichen Be- bende in Hospizen auf deren Weg be-Bis vor wenigen Wochen hat Elisabethschwerden der Patienten, sondern um al-gleitet haben. Und von Ärzten wie Gian Schulte noch die Aufsätze ihres Mannes,les, was Wohlbefinden ausmacht, was es Domenico Borasio, die erlebt haben, waseines Uni-Dozenten, gegengelesen undbraucht für ein friedliches Ende.Schwerstkranke wirklich brauchen.korrigiert. Beide sind Psychologen. Kol- Dazu gehört auch, die Furcht vor Ihr Engagement hat dazu geführt, dass legen ist ihr Name geläufig, deswegendem Sterben zu nehmen, zu trösten, Sor-es jetzt eine mobile Palliativversorgung will die 70-Jährige ihn hier nicht lesen,116 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 95. nicht für alle sichtbar die Intimitäten ihresSterbens veröffentlichen. Tippen, mühsam den Arm zur Tastaturheben, keine ganzen Sätze mehr schrei-ben, Stichwörter nur, das geht noch andiesem Frühlingsmorgen in ElisabethSchultes Häuschen im Münchner Westen.Sprechen geht schon lange nicht mehr.Vor eineinhalb Jahren bekam sie dieDiagnose: ALS. Die Nervenkrankheitlähmt nach und nach alles – bloß nichtden Intellekt. Da ging es los, das Leben im Noch.Noch konnte sie gehen. Noch konnte sieessen, trinken. Noch konnte sie für sichsorgen. Dann schritt die Muskellähmungrapide fort. Jetzt kümmert sich ihr Mann um sie.Und die Palliativleute sind für sie da. Andiesem Morgen kommt Barbara Pittnervorbei. Pittner ist Krankenschwester undSozialarbeiterin. Sie will, dass ElisabethSchulte weiter schreibt und liest, weiter-hin das tut, was sie kann und liebt. Dasssie weiter lebt. Elisabeth Schultes Gesicht ist zu keinerRegung mehr fähig, sie kann nicht mehrschlucken, nicht mehr husten. Nicht mehrlachen. Doch die Augen sind hellwach,so wie ihr Verstand. MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL Die Philosophie des Münchner Pallia-tivteams heißt: „Talk about the elephantin the room“. Zu Deutsch: nicht drumherumreden. Dieser Mensch stirbt, undzwar bald. Es soll wieder raus, das Ster-ben, aus dem Verborgenen, dem Ver-schämten, es soll zurück unter die Leute, ALS-Patientin Heinrich mit Hospiz-Mitarbeiterinnen: „Es ist hier ziemlich lustig“dahin, wo das Leben ist: nach Hause. Bei Schultes setzen sich alle an den run-Das weiß er, das weiß seine Frau. ment zu wechseln. „Wir geben nicht auf“,den Esstisch vor der Terrassentür, Elisa- Nichts ist tabu. „Wir müssen jetzt Nägel sagt Pittner.beth Schulte im Rollstuhl. Sie muss ein- mit Köpfen machen“, sagt der Mann, „wirDann geht Barbara Pittner, Schultesmal sehr schön gewesen sein, ihr Gesicht sind jetzt an diesem Punkt.“ Pittner Mann hat alle Fragen abgehakt. Erist markant, die blonden Haare sind or- schlägt vor, das Krankenbett ins Erdge- schiebt seine Frau in den Garten. Es istdentlich frisiert. Groß wirkt sie auch im schoss bringen zu lassen. warm, die Frühlingsblumen leuchten imRollstuhl noch, immer war sie schlank Problem gelöst. Schultes Mann hakt Gras. Ist sie zufrieden, hier zu Hause zuund sportlich, sagt ihr Mann. Nun schlägt ab. „Wie ist es zum Schluss“, fragt er, bleiben? Ja, hier findet sie’s am schönsten,das blaue T-Shirt Falten über dem mage- „wird sie noch im Rollstuhl sitzen kön- erklärt ihr Mann. Und sosehr sich die Mit-ren Leib, Arme und Hände sind gerötet nen? Und wie verläuft dann der Tag? arbeiter in einem Hospiz bemühten –und dick. Wassereinlagerungen. Auf dem Kann sie noch auf die Toilette?“ man sei dort immer nur Gast. AußerdemTisch steht der Laptop, neben dem Roll- Pittner sagt, drei Wochen vor dem Tod müsse Elisabeth im eigenen Haus aufstuhl ein Ständer für Infusionsflaschen.werde Elisabeth nur noch liegen können, niemanden Rücksicht nehmen. Alles ist Herr Schulte hat einen Fragenkatalog bis dahin soll ein umklappbarer Roll- vertraut.zusammengestellt für Pittners Besuch. stuhl organisiert werden. Und Windel- Und was sagt sie selbst dazu, die Ster-Auf dem sorgfältig gefalteten Notizzettel hosen, weil sie dann nicht mehr aufs Klo benskranke? „Kontakte“ tippt sie müh-verwaltet er das Sterben seiner Frau. Das gehen kann. „Das ist nicht leicht“, sagt selig in den Laptop. Sie weint. DerErledigte hakt er mit einem Kugelschrei- Pittner zu ihrer Patientin. Denn Elisabeth Ehemann übersetzt. „Nachmittags kom-ber ab. Er weiß, dass er mit Barbara Pitt- Schulte ist nicht inkontinent. „Seit dem men oft ihre Freundinnen her. Das istner alles besprechen kann.dritten Lebensjahr weiß man, dass man wunderbar für sie, ein paar geschenkte Die dringende Frage ist jetzt, wie er nicht in die Hose pinkelt. Jetzt soll man Stunden.“künftig seine Frau vom Schlafzimmer im plötzlich in die Windel machen. Aber SieObergeschoss nach unten in die Wohn- werden sehen, das geht schon. Wir helfen Im Hospizräume bringt. In wenigen Tagen werden Ihnen.“ Karina Heinrich hat sich anders entschie-ihre Knie versagen, dann müsste er sieDie Schwester prüft ein Medikament, den. Die 42-jährige ALS-Patientin ver-tragen, 55 Kilo, das ist nicht zu schaffen es soll verhindern, dass Elisabeth Schulte bringt die Zeit, die ihr noch bleibt, infür den 80-Jährigen. Angebote für einen an dem Schleim erstickt, den sie nicht einem Hospiz. „Zu Hause war ich oftTreppenlift liegen vor, das billigste Mo- mehr abhusten kann. Die Wirkung reicht allein“, sagt sie, „mein Mann bei der Ar-dell kostet 8500 Euro. „Wahnsinn“, sagt nicht mehr. Pittner ruft die Apothekerin beit, die Töchter in der Schule, der Pfle-er, „und das für kurze Zeit.“ Seine Frau in der Palliativzentrale an, dann den Arzt. gedienst schon wieder weg.“ Stets musstewird nicht mehr lange leben.Zusammen entscheiden sie, das Medika- sie fürchten, dass ihr im Rollstuhl plötz-D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2117
  • 96. Titellich die Luft knapp wird oder ein Krampf sagt sie. Die Töchter, heutesie packt. 15 und 20 Jahre alt, hätten Seit einer Woche lebt Heinrich jetzt im lieber mehr von der MutterHospiz von Herrnhut, einem Städtchen gehabt. Gemeinsame Ausflü-in Sachsen, nahe der polnischen Grenze.ge gab es selten, schon weilZwölf helle, freundliche Zimmer stehen nur an jedem sechsten Wo-hier bereit für Kranke, die keine Aussicht chenende die Dienstplänemehr auf Heilung haben. Vom großen der Eltern zusammenpassten.Balkon geht der Blick über den Obstgar- Die Krankheit meldeteten hinaus ins Hügelland der Oberlausitz.sich zum ersten Mal, als Ka- Frau Heinrichs Tag hat annehmlich be- rina Heinrich eine Treppegonnen: „Ich sitze gut, die Haare liegen hinunterlief. Plötzlich knick-schön, weil ich gerade geduscht habe, undte ihr Bein weg. Inzwischendie Leute hier wissen schon, dass ich es sind alle Gliedmaßen bis aufmag, wenn sie mich dabei kräftig abrub-die linke Hand gelähmt. „Im-beln.“ Es sind die Kleinigkeiten des All-mer habe ich mir mehr Zeittags, die nun zählen. Das Personal mussfür die Familie gewünscht“,lernen, wie die Neue behandelt werdensagt sie. „Da hat mich wohlmöchte, bevor ihr die Kraft zum Sprechen jemand falsch verstanden.“schwindet.Wenigstens soll die Zeit Heinrich ist froh, dass ihr starkenun nicht ungenutzt verstrei-Schmerzen bis zum Ende erspart bleiben.chen. Die Kranke redet viel,Sie wird Morphium bekommen, so vielvor allem mit den Mädchen,sie braucht; darauf können sich alle ver-und sie freut sich über jedelassen, die hier versorgt werden.neue Freundschaft, die sie Es gibt Zeiten, da stirbt jeden Tag je- schließt – auch dafür hatte siemand im Hospiz. „Aber es ist hier eigent-früher kaum die Muße. Ihrelich ziemlich lustig“, sagt Heinrich, „esletzte Eroberung ist die Frau,wird gesungen und gelacht.“ Die Gästedie sie unter die Erde bringensollen sich ja auch wohl fühlen, sagt Gun- wird. „Ja, wirklich“, sagt sie,dula Seyfried, die Leiterin. „Für uns gehört halb verlegen, halb stolz, „ichdas Sterben zum Leben, nicht zum Tod.“ habe mich mit meiner Bestat- Karina Heinrich war selbst Kranken- terin angefreundet.“schwester, rastlos unterwegs im ambulan-Es gab viel zu besprechen,ten Pflegedienst, aber mit der eigenen die Grabstätte, den Blumen-Endlichkeit hat sie sich nie ernstlich be- schmuck, das Zeremoniell.PRIVATfasst, „ich war ja immer mopsfidel“. Sie Und unversehens kamen dieliebte den Umgang mit den Patienten, in- beiden einander übers Ge- Krebspatient Patrick 2010: „Wovor soll ich Angst haben?“begriffen selbst die chronischen Zankteu-schäftliche näher.fel und Griesgrame, die sie mit doppelter Die Beerdigung ist Frau Heinrichs letz- men hier leichter zur Ruhe“, glaubt Sey-Anstrengung für sich einzunehmen such- tes großes Projekt. „Das wird meine Fei- fried. „Sie müssen sich ja lösen.“te: „Einem bösen Hund musst du zweier“, sagt sie. Die Todesanzeige ist geschrie- Häufig leben die Kranken nach der An-gute Stücke hinwerfen.“ben, die Musik ausgesucht, etwas für Orgel kunft für eine Weile merklich auf. Die ei- Heinrich ging auf in ihrem Beruf, aberund Sänger, und auch die Grabrednerin nen finden wieder Geschmack an einemheute findet sie, dass der Preis zu hoch ist instruiert. Sie wird ein Gedicht vortra- Glas Sekt, die anderen freuen sich, dasswar. „Ich habe mich einfach verrannt“, gen und dann einen Brief hervorziehen: sie ihr Essen behalten oder eine ganze Die Verstorbene wendet sich noch einmal Nacht schlafen konnten. Manche äußernSPIEGEL-UMFRAGEan ihren Mann und die beiden Töchter. noch letzte Wünsche: das Enkelkind zuSterbeort Anfangs wollte Karina Heinrich zu sehen, eine große Pizza zu bestellen (von Hause bleiben bis zum Ende, aber das der sie nur einen Bissen schaffen). Oder, wäre wohl, nach den langen Jahren der im Winter, noch einmal einen Schnee-„An welchem Ort möchten Sie am liebstenKrankheit, über die Kräfte ihrer Angehö- mann zu berühren.sterben, wenn es einmal so weit ist?“rigen gegangen. „Ich habe gesehen, dass Nach und nach erlischt dann das Inter-zu Hause 66ich meine Familie schützen muss“, sagt esse an der Welt. In den letzten Tagen sie. „Die Mädchen sagen, sie könnten nie wollen die meisten Sterbenden nicht ein- wieder das Zimmer betreten, in dem ich mal mehr auf den Balkon gerollt werden: im Hospiz 11 mit guter gestorben bin. Mein Mann würde wohl zu blau der Himmel, zu grell die Sonne,Sterbebegleitung das ganze Haus verkaufen.“zu optimistisch das Gezwitscher der Vö-Zu Hause muss nicht immer der beste gel. Ihr Bewusstsein trübt sich, sie verlie-auf einer4 Ort sein, um gelassen den Tod zu erwarten. ren das Zeitgefühl und schlafen sehr viel, PalliativstationAlles dort erinnere die Sterbenden an ihr auch ohne Morphium. Im Glücksfall glei- mit guter medi- vergangenes Leben, mit dem sie noch viel- ten sie sanft aus dem Leben.zinischer Linderung fach verstrickt sind, sagt Hospizleiterin Der Körper stirbt fast immer leicht.im Krankenhaus 3 Seyfried. „Hinzu kommt, dass oft ständig Manchmal kommt es zwar zu Krämpfen die Türen gehen: der Pflegedienst, die Fa- oder plötzlichen Schmerzanfällen, vorTNS Forschung in einem Heim 1am 21. und 22. Mai; milie, die Nachbarn, die Freunde.“ Im Hos- allem bei Krebspatienten, wenn der Tu-1000 Befragte ab 18 Jahre; piz dagegen empfängt die Übersiedler ein mor in neue Körperregionen vordringt.an einemAngaben in Prozent;aufgeräumtes Zimmer und die fürsorgliche „Aber auch solche Durchbruchsschmer-anderen Ort 8an 100 fehlende Prozent: Neutralität einer Herberge. „Viele kom- zen haben wir nach fünf bis zehn Minu-„Weiß nicht“/keine Angabe118D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 97. beruhigt, ist das Versprechen, sie nichtallein zu lassen. Ein Kind stirbtAuf dem Waldfriedhof im südbayerischenTaufkirchen sitzt Barbara Hopf, 37, imGras, die Knie an den Oberkörper gezo-gen, schaut auf das Grab ihres Sohnesund sagt, das sei eine schöne Geschichte,wie Patrick gestorben ist. Es begann im Mai vor drei Jahren imUrlaub an der Nordsee. Es gibt dort einenBauernhof mit Schafen, Schweinen und ei-nem Traktor. Jedes Jahr fuhren die Hopfsdorthin – Patrick, sein zweieinhalb Jahreälterer Bruder Florian, Mama und Papa.Dieses Mal klagte der Dreijährige überBauchschmerzen, Fieber, Halsschmerzen.Das Antibiotikum half nicht. Zu Hause, eine Woche später, schlepptesich Patrick samstags noch auf die Toilette.Sonntags konnte er nicht mehr aufstehen. Der Vater fuhr mit dem Auto zum Kran-kenhaus, Barbara Hopf hielt das Kind aufdem Arm. Sein Bauch war dick, sie sah,wie er anschwoll. Er stirbt, dachte sie. Im Ultraschall in der Klinik sah BarbaraHopf es dann: einen neun Zentimeter gro-ßen Tumor, der in den rechten Herzvorhofragte. Tumorzapfen heißt das medizinisch.Wandert er, hieß das konkret, stirbt Patrick.Er kam sofort auf die Intensivstation. Ein Jahr verging, bis Patrick und seineMutter das Krankenhaus endgültig verlas-sen konnten. Dazwischen lagen Operatio-nen am Herzen, an Leber und an Lunge, PRIVATdrei Chemotherapien, Nierenversagen.Zeichnung von Patricks Bruder: „Wenn ich sterbe, holt mich mein roter Drache“ Barbara Hopf spendete ihrem Sohn Kno-chenmark, es war die letzte Chance, ei-ten mit Medikamenten im Griff“, sagt mer so empfindlich“, sagt sie. „Sogargentlich nur noch ein Experiment.Kathrin Dwornikiewicz, die Leiterin des mein Schmuck musste aus Gold sein.“Als alles versucht war und Patrick sag-Pflegedienstes. Gegen die Angst vor dem Karina Heinrich hat Angst vor dem te, dass er nie wieder in die Klinik wolle,Ersticken, wenn der Atem flach wird, hel- Ende. gingen sie nach Hause. Wenn der Krebsfen Beruhigungsmittel.* zurückkäme, da waren sie, Eltern und Dennoch können die letzten Tage zumFast alle Menschen haben diese Angst. Kind, sich einig, dann sei es eben so.Kampf werden, auch in Herrnhut. Die Auch Regisseur Schlingensief fürchtete Es begann eine neue Zeit. BarbaraSterbenden richten sich auf, die Beine fan- sich „vor dem Moment, wo das alles auf- Hopf zeigt Fotos. Patrick, der spielt, dergen an zu arbeiten, als müssten sie noch hört. Irgendwann gehen die Gedanken ja reitet, der Schlitten fährt. Sie musstenirgendwohin. Es ist das seelische Hinschei- weg!“. Lange haderte er mit seinemerst die Ärzte fragen, ob das Medikamentden, das manche über die Maßen aufwühlt. Schicksal. „Ich wär sautraurig, wenn ich in der Schmerzmittelpumpe die Kälte„Der Tod kommt viel sanfter, wenn un- gehen müsste“, sagte er in einem Fernseh- überhaupt aushält. Sie lacht. Mehr Bilder:sere Bewohner die Zeit hatten, ihre Dinge interview. „Also, das wär das Alleraller- Patrick auf dem Bobby-Car, Patrick beimzu ordnen, wenn sie die Familien versorgt letzte. Ich hab da a) keinen Bock drauf Zähneputzen, ein Schlauch, der hintenwissen und letzte Konflikte ausräumen und b), ich find das so sensationell hier!“ aus der Schlafanzughose baumelt. „Daskonnten“, sagt Hospizleiterin Seyfried. Kleine Kinder sterben anders. Gelasse-war Freiheit“, sagt sie.Eine Mutter hatte seit 16 Jahren keinen ner, weil sie sich diesen Moment des fina- Es war die Zeit, als Patrick seinen Dra-Kontakt mehr mit ihrem Sohn. Er kam len Abschieds von der Welt nicht vorstel- chen kennenlernte. Seine Tante hatte ihmaus den Niederlanden nach Herrnhut an- len können. Sie leben in einem magischen ein Buch geschickt, „Drache, kleiner Dra-gereist, und sie hielt durch, bis er da war. Universum, in dem sie sich selbst und ihre che“ heißt es. Es geht um einen krankenErst dann starb sie. Eltern für allmächtig halten. Zeit messenJungen und einen Drachen, der kommt, Am Ende sind alle friedlich.sie nicht in abstrakten Kategorien wie Wo- wenn Kinder sterben. Karina Heinrich weiß nicht, was ge- chen und Jahren, sondern sehr konkret:„Wenn ich sterbe, holt mich mein roterschieht, wenn ihr die Kraft zu atmen „Wie oft muss ich noch schlafen?“, fragenDrache“, sagte Patrick nun. Er wirkte be-schwindet. Sie hat noch nicht gewagt zu sie, wenn sie wissen wollen, wie lange et-ruhigt. „Wovor soll ich Angst haben? Ichfragen. Sie weiß aber, dass sie keine Ein- was dauert. Es zählt der Moment. hab doch einen Drachen!“griffe will, die ihr Leben verlängern: we-Und so ist es auch mit dem Tod, sie be-Barbara Hopf begann, Tagebuch zuder einen Luftröhrenschnitt zum Beatmen greifen Sterben nicht als endgültig. Wenn schreiben, es wurden Briefe an den Dra-noch eine Magensonde. Schon Infusionen sie etwas daran fürchten, dann eines: vonchen. Als sie erfuhren, dass der Krebs infindet sie unerträglich. „Ich war schon im- ihren Eltern getrennt zu werden. Was sieder Lunge streut und Patrick keine Angst D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 119
  • 98. TitelARCHIVO TERZANISchriftsteller Terzani mit Sohn 2004: „Es ist doch die natürlichste Sache der Welt“bekam, schrieb sie: „Dieser sagenhafteFrau, die zuhören kann. Seit 2004 hat ihr trick noch einmal tief atmete, seufzteFrieden, der alles beruhigte, war wunder- Team im Projekt „Home“ mehr als 300 und es danach nur noch Ruhe und Frie-bar. Nicht mehr kämpfen zu müssen.“ Kindern geholfen, zu Hause zu sterben. den gab – und die Gewissheit, dass esWem hätte sie sagen können, dass sie er-Zwei weitere Ärztinnen, zwei Kranken- gut so war.leichtert ist, dass ihr Kind nun sterbenschwestern, eine Sozialarbeiterin, einedarf? Wem außer einem Drachen?Seelsorgerin und ein Psychologe gehören * Hopfs fuhren wieder an die Nordsee,dazu. Sie erlauben so viel normales Le-Wolfgang Herrndorf, 46, Autor derPatrick hatte sich das gewünscht. Zweiben wie möglich, wenn eigentlich nichts Bestsellerromane „Tschick“ und „Sand“,Wochen blieben sie, es war schön wie im-mehr normal ist. weiß, dass er bald tot sein wird. Sehr bald.mer. Zurück zu Hause, tröstete Florian Monika Führer oder ihre Kolleginnen In seinem Kopf breitet sich ein Tumorsich damit, dass er im Sommer ja wieder kamen nun regelmäßig zu den Hopfs, aus. Ende April bekam er seine vorerstdahin fahren könne. „Und ich?“, fragteauch nachts, wann immer Patricks Mutter letzte Prognose. „Erst mal drei Monate“,Patrick. Sie wisse es nicht, sagte seineanrief. Sie hörten zu, spendeten Trost, schrieb er in sein Blog, danach reiste erMutter, und was sie nicht wisse, könnegaben Medikamente. noch mal nach Afrika.sie nicht versprechen. Im August, zwei Jahre nach der Dia- Herrndorf hielte es für „segensreich“, Patrick weinte. Er schlug um sich, ergnose, packte Barbara Hopf das Auto. wenn man frühzeitig im Leben wüsste,tobte, er wolle aber an die Nordsee! ZumSchmerzmittel nahm sie mit, Pumpen, auf wann man sterben wird. Vielleicht nochersten Mal wurde ihm klar, dass er keinedem Rücksitz lag eine Matratze: für Pa- nicht als Kind, meint er, aber dann:Zukunft hatte, wie sie andere Kinder ha-trick, der nicht mehr sitzen konnte. Oma „Besuch im Genlabor, dann ungefährben. Aber so schnell, wie er aufgebraustund Florian waren vorausgefahren. Patrick ausrechnen, dann planen, dann leben.war, beruhigte er sich wieder. „Was ma- reiste ein letztes Mal an die Nordsee. Könnte man sich viel Quatsch ersparen.“chen wir jetzt?“, fragte er seine Mutter.Es regnete und stürmte, aber die HopfsVielleicht könnte, wer sich den Quatsch Der Frühling kam, Patrick säte Sonnen- gingen jeden Tag an den Hafen. Patrick erspart, so ruhig und glücklich in den Todblumen. Wann immer eine verwelkte,konnte nicht mehr sehen, er war schwach, gehen wie der Schriftsteller Tiziano Ter-musste seine Mutter sie auf den Balkon le-häufig müde, aber er roch und hörte das zani. Seinem Sohn berichtete er von dergen. Da holte sie der Drache ab und pflanz- Meer. Er war glücklich.„geballten Freude“, die er spüre, die „inte sie in den Garten neben dem Drachen-Einen Monat später starb Patrick. Eine alle Richtungen ausstrahlt“. Terzani starbhaus, wo sie wachsen sollten, bis Patrick Krankenschwester sprach aus, was alle „ohne Angst, denn es ist doch die natür-nachkommt. Er baute die Drachenwelt aus,dachten: „Ich mache mal das Fenster auf“, lichste Sache der Welt“.die Phantasie gab ihm Antworten auf seine sagte sie. „Der Drache klebt schon an derRAFAELA VON BREDOW, ANNETTE BRUHNS,Fragen. „An Weihnachten bin ich bestimmtScheibe.“ MANFRED DWORSCHAK, LAURA HÖFLINGER,schon bei meinem Drachen“, sagte er. An jenem Morgen, als klar war, dass esANNA KISTNER, CONNY NEUMANN Seit über einem Jahr war Patrick zuso weit war, ging Florian nicht in die Schu-Hause, als er Krampfanfälle bekam. Derle. Der Vater fuhr zur Arbeit. Er konnteKrebs hatte sein Gehirn erreicht. Barbara nicht dabei sein, seine Frau verstand. DieVideo:Hopf wusste, dass nun das Sterben begann. Oma kam. Zwei Krankenschwestern. DieWie man Trauernden Sie wandte sich an Monika Führer, Ärz- Mutter schickte sie hinaus. Sie wollte al-hilfttin für Kinderpalliativmedizin am Klini-lein sein mit ihrem Sohn. Für Smartphone-Benutzer:kum der Uni München. Führer hat mehr Ein paar Tage später schrieb sie inBildcode scannen, etwa mitLachfalten als Sorgenfalten, sie ist eine einem Brief an den Drachen, wie Pa- der App „Scanlife“.120D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 99. TechnikGanzheitliche FotosFunktionsweise der Lichtfeldkamera MikrolinseEinzelne Linse Trägermaterialmit einemSensorSensor, der nurwenige Pixelabbilden kannLichtfeldchipmit Hundertenvon Einzel-linsen 1 Eine Vielzahl von Mikrolinsen nimmt jeweils 2 Erst der Computer montiert die vieleneinen Ausschnitt des späteren Fotos auf. Einzelaufnahmen zu einem Gesamtbild. Verborgen in abgedunkelten Optik- FOTOGRAFIE labors hantieren die Wissenschaftler dortInsektenaugen für Computermit Computerchips, die sehen können.Klein und so flach wie ein Fingernagelsehen sie aus, mit Metallbeinchen, wieeckige Tausendfüßer. Ihre Linsen sind nichterkennbar, ihre Oberflächen wirken blind. Kameras, klein wie ein Fingernagel, könnten die BildgebungFrank Wippermann, 37, hält einen sol-revolutionieren. Sie haben Hunderte Minilinsen, sindchen Chip eine Armlänge vor sich – undprompt erscheint auf dem angeschlos- billig herzustellen, 3-D-fähig und ähneln einem Insektenauge.senen Laptop sein Gesicht: hohe Stirn,schmale Brille. Er hält sich den Chip einenE rst knipsen, dann scharf stellen! Dieund her zu schieben, von der Blume im Millimeter vor die Nase – und porentief Nachricht schlug Wellen, als ein ka- Vordergrund zum Haus im Hintergrund.wird seine Haut sichtbar. Weder externe lifornisches Start-up namens Lytro Doch Fachmagazine wie „c’t“ kritisieren Linsen noch Blenden oder ein Auslöserim vorigen Jahr eine Kamera vorstellte, die „nicht gerade begeisternde Qualität“, sind dazu nötig, nur der Lichtfeldchipbei der sich nachträglich am Computer den schlechten Monitor, einen „katastro-selbst: ein Elektronikbauteil, kaum größerentscheiden lässt, welche Bildpartien phalen“ Weißabgleich, das Fehlen vonals eine Haferflocke. Elektronik und Op-scharf sein sollen. „Jetzt gibt es eine Aus-Blitz, Fernauslöser und Standard-Datei- tik verschmelzen.rede weniger, das perfekte Foto zu ver- format – und das alles zum stattlichen Gerade dank ihrer Unsichtbarkeitpassen“, schrieb die „New York Times“.Preis von 400 Dollar. Dass ein solcheskönnten die sehenden Chips in ein paar Entwickelt wurde die Kamera von ei-Gerät die Fotografie revolutioniert, er-Jahren allgegenwärtig werden, sie könn-nem Team um Ren Ng (dessen chinesi- scheint nicht sehr wahrscheinlich.ten uns anglotzen aus Musikspielern,scher Nachname sich „Ang“ spricht). DerUnd doch könnte die Technik, die der Zahnbürsten oder Hemdknöpfen.heute 32-Jährige hatte an der StanfordLytro-Kamera zugrunde liegt, die Bilder- „Das Lichtfeldprinzip ist einfach“, sagtUniversity seine Dissertation über Licht- welt tiefgreifend verändern. Ihr volles Wippermann, der am IOF eine zehn-feldkameras geschrieben. Einst bestandenPotential dürfte sie dann entfalten, wenn köpfige Entwicklergruppe leitet: „Wirdiese aus Dutzenden Einzelkameras, an-sie nicht mit poppiger Kamerahülle daher-geschlossen an einen Supercomputer. Ngkommt, sondern klein und unscheinbar.ist es gelungen, die gesamte InstallationAuf der Suche nach dieser stillen Re-in einen handlichen Zylinder zu packen, volution lohnt sich eine Reise nach Jena,der entfernt an ein Opernglas erinnert. in die Stadt der Zeiss-Werke, wo um 1870 LYTRO / ACTION PRESSDas Fokussieren der Bilder geschiehtder Physiker Ernst Abbe erstmals Mikro-nachträglich am eigenen Rechner, dieskop-Optiken mathematisch präzise be-Spezialsoftware dafür wird mitgeliefert.rechnete. Am Stadtrand liegen in einem Die Lytro-Kamera startete als Sensa- kantigen Zweckbau die Forschungsstättention – doch sie endete als Gimmick. Esdes Fraunhofer-Instituts für Angewandte Lytro-Kameramacht zwar Laune, den Schärfepunkt hinOptik und Feinmechanik (IOF). Von der Sensation zum Gimmick122 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 100. nikbranche. Apple, Sony und Intel hätten bereits angefragt. Mit Ng, dem Gründer von Lytro, traf sich Apple-Chef Steve Jobs noch kurz vor seinem Tod. Denn die Lichtfeldtechnik machte eine weitere Miniaturisierung möglich: „Die Dicke eines Handys ist großenteils durch die Tiefe der Kamera definiert“, sagt Andreas Bräuer, 60, der die Mikrolinsen-Arbeits- gruppen am IOF leitet. „Mit unseren millimeterdünnen Microarrays könnten Handys noch dünner werden.“Zweiter großer Vorteil: Die 3-D-Kame- ras eignen sich ideal für die Gestenerken- nung, denn sie können nah und fern un- terscheiden und so Hand und Hinter- grund leicht auseinanderhalten.Auch mit der Autoindustrie arbeitet Bräuer zusammen. Dort könnten die Minikameras dazu benutzt werden, den Blicken des Fahrers zu folgen. Dass die kleinen Insektenaugen herkömmlichen Kameras so wenig ähneln, betrachtet Bräuer dabei als Vorteil: „Viele Autofah- rer würden sich von einer Linse beob- achtet fühlen.“Dass sie mit ihrer Tüftelei das Sehen3 Die Vielzahl der Perspektiven ermöglicht neu erfinden können, verdanken Bräuer und seine Mitstreiter einem anderen, demdas nachträgliche Fokussieren per Software. Ähnliches mit dem Hören gelang: Die Entwicklung der Jenaer Insektenaugenmachen das wie beim Facettenauge derwinzigen Linsen eine etwas andere Per- wird durch die Zukunftsstiftung derInsekten. Statt einer großen nutzen wir spektive abbildet, kann der Computer Fraunhofer-Gesellschaft finanziert. Dieüber 200 winzige Linsen, die auf der Chip-aus den Unterschieden nachträglich drei- speist sich aus den Lizenzeinnahmen füroberfläche angeordnet sind.“ Jede einzel- dimensionale Bilder errechnen oder die das Musikkompressionsformat MP3, dasne Linse ist klein wie ein Sandkorn und Schärfezone nach Wunsch legen (siehe der Fraunhofer-Forscher Karlheinz Bran-fängt auf nur 40 mal 40 Bildpunkten einen Grafik). denburg vor 20 Jahren in Erlangen mit-Ausschnitt des jeweiligen Objekts ein. ErstDie neue Technik erfüllt damit einenentwickelt hat. Allein im Jahr 2011 brach-nach der Aufnahme werden die Teilbilder alten Traum, denn das Unbehagen an der ten die Lizenzen 125 Millionen Euro ein.überlagert und zusammengerechnet. Starrheit des einäugigen Kamerablicks ist In Jena tüftelt man weiter und kehrt Noch sind die Jenaer Sehchips nur Pro- fast so alt wie die Fotografie selbst. Schon nun die Richtung der Lichtstrahlen um:totypen, bisher sind sie nicht sehr licht-1908 entwarf der französische Physik-Wer Licht einfangen kann, sollte es auchstark, und die Auflösung ist schwammignobelpreisträger Gabriel Lippmann dieaussenden können. Ein sechs Millimeterwie bei einem alten Fernseher. Doch die-Vision von „photographies intégrales“, dünner Projektor steht in einem abge-se Mängel der haarkleinen Lichtfeld-also umfassenden, ganzheitlichen Foto- dunkelten Labor und wirft einen Trick-kameras werden durch enorme Vorteilegrafien mit Hilfe von Lichtfeldern. Plen-film mit der Simpson-Familie an dieaufgewogen: optik wird diese Technik auch genannt, Wand. Das Prinzip ist dasselbe wie für‣ Die Chips sind nur halb so dick wie was so viel bedeutet wie: Vollsehen. Nur die Insektenkamera, nur dass statt Licht- herkömmliche Handykameras; eines fehlte den Fürsprechern des voll-sensoren hier Hunderte leuchtender Di-‣ sie haben keine beweglichen Teile, dasständigen Blicks: die dafür notwendige oden hinter den Mikrolinsen sitzen. Ent- macht sie schnell, robust und strom- Rechenleistung.wickelt wird das Gerät von Marcel Sieler, sparend;Seit die Computertechnik diese nun im einem Doktoranden. Mit 27 Jahren hat‣ durch Massenherstellung könnte ihrÜberfluss zur Verfügung stellt, hat derer schon sieben Patente angemeldet. Preis auf wenige Cent schrumpfen;vieläugige Blick Konjunktur. Künstler wie Das Besondere des Lichtfeldprojektors:‣ fertige Bilder können elektronischDavid Hockney versuchen mit ganzen Der Beamer kann sogar an geneigte oder nachfokussiert oder auch als 3-D-Fotos Kamerabatterien der starren Zentralper-gewellte Oberflächen gestochen scharfe aufbereitet werden.spektive zu entkommen. Und Drohnen-Bilder werfen – denn jedes Teilbild lässt Erstmals brechen Lichtfeldkameras mitforscher statten ihre Flugobjekte mit In-sich einzeln fokussieren. So flach ließedem Grundprinzip, das sich seit Erfindung sektenaugen aus, um ihnen Rundum-sich der Minibeamer bauen, dass er sogarder Fotografie um 1830 kaum verändert blicke zu erlauben.in ein Handy passte.hat: Bei herkömmlichen Fotoapparaten Auch in der Industrie hat der Siegeszug HILMAR SCHMUNDTwird das Bild durch ein einziges Objektiv der Lichtfeldkameras bereits begonnen.auf eine zweidimensionale Fläche proji- Die Kieler Firma Raytrix etwa verkaufteziert. Alle Lichtstrahlen wandern durch sie schon lange vor Lytro. Hersteller set-Video:dieselben Linsen, wobei Informationen zen die Kieler 3-D-Augen seither ein, umSo funktionieren diezur räumlichen Tiefe verlorengehen. etwa am Fließband die Qualität vonMinikameras Lichtfeldkameras dagegen bestehenWerkstücken zu testen.Für Smartphone-Benutzer:nicht aus einer Optik, sondern aus Hun-Die Jenaer Forscher berichten von re-Bildcode scannen, etwa mitderten „Objektiven“. Und weil jede dergem Interesse vor allem aus der Elektro-der App „Scanlife“.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 123
  • 101. Wissenschaft Olympiasieger Steiner* Zuckerkrank und stärkster Mann der Welt „Die Betreuung von Diabeteskindernin Deutschland ist noch viel zu sehr amtraditionellen, konservativen Familien-bild orientiert“, kritisiert Kirsten Mön-kemöller, Diabetologin und Oberärztinam Kinderkrankenhaus AmsterdamerStraße in Köln. „Wenn die Mutter ihrenBeruf aufgibt, zu Hause bleibt und allesorganisiert, klappt es gut – sonst nicht.“ Ein Drittel aller Mütter von diabetes-kranken Kindern, ergab eine Untersu-chung, kapituliert am Ende und verlässtden Job ganz oder teilweise, weil die Ver-sorgung anders nicht zu schaffen ist. Verschärft wird das Problem, weil dieZahl der Mädchen und Jungen mit Dia-betes Typ 1 seit Jahren steigt. Aktuellsind in Deutschland rund 18 000 Kinderunter 15 Jahren betroffen – eines von 600.Und die Krankheit bricht immer früheraus. Bis zum Jahr 2020, schätzen Exper-ten, wird sich die Zahl der diabeteskran-ken Kinder unter fünf Jahren verdoppeln.DIABETESDE „Wahrscheinlich ist die Ursache dafüreine Kombination aus erblicher Veranla-gung, Ernährung und dem Auftreten von kriegen, Sport treiben – oder sogar zumVirusinfekten“, sagt der Diabetologe Tho- MEDIZIN stärksten Mann der Welt werden wie mas Danne, Chefarzt am Kinderkranken-Wenn Kleine Matthias Steiner, Olympiasieger im Ge- haus Auf der Bult in Hannover, wo rund wichtheben. Durch die bessere Blut-700 zuckerkranke Kinder behandelt wer- zucker-Einstellung treten zudem Spät-den. Die Infektionen lösen dabei eine messen müssen folgen wie Nierenversagen, ErblindungAutoimmunreaktion aus, welche die Insel- oder Nervenschäden deutlich seltener zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. und später auf. Auch gibt es Hinweise darauf, dassTrotz aller Fortschritte läuft die Betreu-Kaiserschnittgeburten das DiabetesrisikoIn Deutschland wächstung von Diabeteskindern in deutschen erhöhen können; vermutlich weil das die Zahl diabeteskranker Kinder. Kindergärten und Schulen jedoch nochKind dabei nicht mit den natürlichen Doch Kindergärten und immer erschreckend schlecht. „Man muss Scheidenbakterien der Mutter in Berüh- gemeinsam eine Lösung vor Ort suchen“, rung kommt und sich sein ImmunsystemSchulen sind mit der Betreuung erklärt ein Sprecher des nordrhein-west- schlechter entwickelt.häufig überfordert.fälischen Schulministeriums das Prinzip.Immerhin ist die Insulinersatztherapie Manchmal gelingt das – oft aber heißtin den vergangenen Jahren perfektioniertDass ihre Tochter in den Kinder- dies, dass die Eltern das meiste selbst or- worden. Auch Lea G. trägt eine Insulin-garten gehen kann, empfindet ganisieren müssen. pumpe in einem kleinen pinken BeutelNadine G. aus der Nähe von Bie- um ihren Bauch. Ein dünner Schlauchlefeld schon als Glück. Erst im dritten führt zu einem Katheter am Oberschen-Anlauf stieß sie auf eine Einrichtung, dieStudie zu Diabetes Typ 1kel. Alle paar Minuten pumpt der Appa-bereit war, Lea aufzunehmen.bei Kindern in Baden-Württemberg, rat automatisch den Basisbedarf an Insu- Dabei ist die Fünfjährige ein Kind, wiejährliche Neuerkrankungen lin ins Unterhautfettgewebe. Wie viel In-es sich Erzieherinnen nur wünschen kön- pro hunderttausend Kinder21,1 sulin der Körper zusätzlich benötigt, mussnen – schlau und wissbegierig, freundlich,bei jeder Mahlzeit neu errechnet und inlustig und unkompliziert. Das Einzige, Quelle: ISPADdie Pumpe eingetippt werden. Sport wie-was ihr fehlt, ist ein Hormon: Die Insel- derum kann den Blutzuckerspiegel sen-zellen ihrer Bauchspeicheldrüse produ-ken – darauf muss geachtet werden, dennzieren so gut wie kein Insulin mehr. Leasonst droht eine Unterzuckerung, bei derleidet seit ihrem zweiten Lebensjahr an die Kinder im Extremfall sogar bewusst-Diabetes Typ 1. los werden können. Die medizinische Therapie der Krank-„Das moderne Blutzuckermanagementheit hat in den vergangenen 30 Jahren 10,2 Anstieg der Erkrankungsfälle ist zwar komplex, aber bei entsprechen-große Fortschritte gemacht. Vorbei sindin den Altersgruppen,der Schulung ab einem gewissen Alterdie Zeiten, in denen Zuckerkranke nach 2010 gegenüber 2005 in Europamachbar“, sagt Diabetologin Mönke-einem festzementierten Schema essen 0 bis 4 Jahre +28,6%möller. Allerdings können die Kinder ih-und Insulin spritzen mussten. Längst kön- 5 bis 9 Jahre +18,9%ren Diabetes frühestens ab zwölf Jahrennen Diabetiker mit einer individuellen10 bis 14 Jahre+ 4,8%Insulintherapie ein normales Leben füh- * Bei einer Erlebniswoche mit diabeteskranken Kindernren, auf Reisen gehen, Eis essen, Kinder1987 9095200006 auf Burg Rabenstein in Brandenburg.124 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 102. Wissenschaftweitgehend selbständig managen. Zu Hau-se kümmern sich bei Jüngeren die Elterndarum. Doch etliche Kindergärten und ASTRONOMIETrauriges GewölkGrundschulen wehren sich dagegen, Dia-beteskinder aufzunehmen – oder verlan-gen von den Eltern, einen Haftungsaus-schluss zu unterschreiben. Und wenn eineEinrichtung die Unterstützung zusagt,sind die meisten Lehrer und Kindergärt- Zum letzten Mal für über hundert Jahre schiebt sich die Venusnerinnen zwar motiviert, den Kindern zuvor die Sonne. Durch Vermessung einer solchen Mini-Finsternishelfen – aber auch schnell überfordert. Diese Erfahrung machte auch Nadineerkannten Himmelsforscher einst, wie riesig das Weltall ist.G. Anfangs versuchte sie, die Erziehe-Krinnen im Umgang mit der Krankheit ih- ein anderer Astronom hatte jemals Doch ausgerechnet in der Nacht vorrer Tochter selbst zu schulen: „Aber das so viel Pech wie der Franzose Guil- dieser Mini-Finsternis zogen dunkle Wol-reichte nicht. Die Unsicherheit blieb zu laume Le Gentil. Um das seltene ken auf. Le Gentil war am Boden zerstört:groß.“ Um eine Unterzuckerung zu ver- Himmelsspektakel zu beobachten, nahm „Über 10 000 Meilen habe ich zurückge-meiden, hatten die Kindergärtnerinnen der Gelehrte eine neun Jahre dauernde legt, um zuzusehen, wie sich ein traurigesLea häufig zur Sicherheit einfach Trau- Odyssee auf sich, die ihn um die halbe Gewölk vor die Sonne schiebt.“benzucker verabreicht. Doch dadurch Welt führte. Der französische Gelehrte war nichtwar ihr Blutzucker ständig erhöht. Am Kap der Guten Hoffnung entging der Einzige, der sich wegen des Venus- Besser klappt es, wenn nicht die Eltern, er nur knapp den Kanonen britischer Transits in die Ferne aufmachte. Rundsondern eine Fachkraft die Lehrer oderKriegsschiffe. Auf Mauritius wäre er fast 250 Forscher an 130 BeobachtungsortenErzieherinnen schult. Nur weigern sichan der Durchfallkrankheit Ruhr gestor- richteten am 3. Juni 1769 ihre Teleskopedie Krankenkassen häufig, diese Schulun-ben. Im Indischen Ozean kam so hefti- aufs Firmament. Alle führenden Natio-gen zu bezahlen.ger Sturm auf, dass der Kapitän und der nen hatten Expeditionen auf den Weg ge- Anders sind die Bedingungen etwa inErste Offizier in Streit gerieten und ihr schickt, so manch ein Sternengucker be-Schweden. „Bei uns muss die GemeindeSchiff der „Willkür des Windes“ (Le zahlte den Wagemut mit seinem Leben.selbstverständlich diese Kosten überneh-Gentil) überließen. In Panik übernahm Bei dem Forschungswettlauf ging es dar-men“, sagt Fredrik Löndahl, Präsident der Sternenforscher selbst das Ruder – um, ein Menschheitsrätsel zu lösen: Wiedes Schwedischen Diabetesverbands. In und steuerte den Segler in sicheres Fahr- weit ist die Sonne entfernt? Wie groß istSchweden muss auch jede Schule Diabe- wasser.das Planetensystem?teskinder aufnehmen. Während der Un- Trotz dieser Widrigkeiten erreichte LeMitte des 18. Jahrhunderts bot der Ve-terrichtszeit ist die Lehranstalt verpflich-Gentil rechtzeitig seinen Beobachtungs- nus-Transit erstmals die Chance, die Aus-tet, all das an Betreuung zu übernehmen,ort Pondichéry im Südosten Indiens. Er maße unserer kosmischen Nachbarschaftwas zu Hause die Eltern machen. Lön-schaffte es sogar noch, ein Observatorium zu berechnen. Dazu war es erforderlich,dahl: „Und ist ein Lehrer mit dieser Auf- zu errichten. Auch das Wetter schien mit- den zeitlichen Ablauf an möglichst vielengabe überfordert, dann muss der Direktorzuspielen, wochenlang blickte er in einen weit voneinander entfernten Orten zudie Versorgung des Schülers auf anderestrahlend blauen Himmel. All die Strapa- messen (siehe Grafik). Unter abenteuer-Weise organisieren.“zen hatte er nur auf sich genommen, um lichsten Umständen reisten europäische Wenn es in Deutschland die Betreuerzu verfolgen, wie die Venus als kleiner Astronomen deshalb bis nach Kaliforniennicht schaffen, den Blutzucker des Kindes schwarzer Fleck vor die Sonnenscheibe und Sibirien, bis zum Nordkap und in dieregelmäßig zu kontrollieren, bezahlen die wandert („Transit“). Südsee – und das zu einer Zeit, als einKrankenkassen zwar einen Pflegedienst.Doch für die knapp zehn Euro, die dafür Schwesterplanet auf Achse Berechnung desvorgesehen sind, lohnt sich der Aufwand Der Venus-Transitfür die meisten Pflegedienste nicht.Abstands zwischen Nadine G. hat nach langem Suchen Die Venus überholt die Erde alle 584 Tage.Erde und Sonneeine Pflegekraft aus dem benachbarten Weil die Venusbahn jedoch gegenüber dem nach EdmondErdorbit geneigt ist, schiebt sich der Planet Halley UnterschiedlicheAltenheim gefunden, die regelmäßig in dabei nur sehr selten genau zwischen Erdeden Kindergarten kommt, um bei Lea Beobachtungenund Sonne. Wenn eine solche Mini-FinsternisVenusvor der Sonneden Blutzucker zu messen und ihre Insu- auftritt, dann meist zweimal im Abstandlinpumpe zu bedienen. von acht Jahren – danach aber erst wieder Erde Doch auch der Pflegedienst kann nichtüber hundert Jahre später.verhindern, dass Lehrern grobe Fehler un-terlaufen. Miriam Backes, Kinderkranken-schwester aus Köln, hat selbst schon diehaarsträubendsten Vorfälle erlebt: „Ein-VenusVenus-Transitmal sagte ein Kind im Sportunterricht:,Mir ist schlecht, ich unterzuckere.‘ Darauf-hin erwiderte der Lehrer: ,Jetzt stell dichnicht so an, du hast nur keine Lust mehr.‘“Erdenormale Begegnung Nadine G. konnte sich auf die Erziehe-ohne Venus-Transitrinnen bislang verlassen. Wenn es ein Pro-blem gibt, rufen sie aus dem Kindergartenbei ihr an. Einkaufen kann die Mutter indieser Zeit allerdings nicht: An der Kasse Erdbahn Einim Supermarkt ist ein Funkloch.Umlauf um die Son ne dauert 365 Tage.VERONIKA HACKENBROCH, KERSTIN KULLMANN126 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 103. Brief von Berlin nach Paris fünf Tage be-Der Kapitän gab nicht auf, stur segeltenötigte.er weiter westwärts. Erschöpft erreichten Auf einmal kooperierten sogar Forscher,die Abenteurer nach achtmonatiger Fahrtderen Heimatländer Krieg gegeneinanderihr Ziel: die Südseeinsel Tahiti. Kaum imführten. „Sie kamen im Geist der Aufklä-Paradies angekommen, ließ Cook einerung zusammen“, schreibt die Historike- bewachte Beobachtungsstation bauen:rin Andrea Wulf in ihrem soeben erschie-das „Fort Venus“. Anschließend vergnüg-nenen Buch**. „Die Messung des Venus- ten sich seine Männer mit den freizügigenTransits war ein Schlüsselmoment einerTahitianerinnen.neuen Epoche, in der man die Natur mit Beinahe zum bewaffneten KonfliktHilfe der Vernunft zu verstehen suchte.“kam es, als die Insulaner einen Quadran- In deutschen Städten projizierten Astro- ten stibitzten und in seine Einzelteilenomen mit Hilfe von Spiegeln und Linsen zerlegten, ohne den die Vermessung desdie Mini-Finsternis auf Wände; eine Früh- Transits nicht möglich war. Von Pistolenform von Public Viewing, die damals die bedroht, rückten die Eingeborenen dasZuschauer verzauberte.Instrument wieder heraus. Nun steht wieder eine Mini-Finsternis Als die Venus schließlich vor die Son-bevor. Am 6. Juni wird die Venus erneut nenscheibe zog, herrschte perfektes Be-die Sonnenscheibe beflecken, indem sieobachtungswetter, 48 Grad im Schattensich zwischen Erde und Sonne schiebt. Inund nicht eine Wolke am Himmel. „DerDeutschland lässt sich das SpektakelTag“, so Cook, „erwies sich als so günstig,AKGunmittelbar nach Sonnenaufgang verfol-wie wir nur wünschen konnten.“gen – ein Jahrhundertereignis, das dieEntdecker Cook vor Tahiti* Nach den erfolgreichen Messungen warheute Lebenden wohl nie wieder werden Wie weit ist die Sonne weg? die Expedition aber noch lange nicht zubestaunen können: Zum nächsten TransitEnde. Von Tahiti aus überquerte daskommt es erst am 11. Dezember 2117.Vor allem aber Amateurastronomen Schiff den nicht enden wollenden Pazifi- Großteleskope, darunter das „Hubble“-fiebern dem Venus-Transit entgegen. „Fürschen Ozean. Im tückischen KorallenriffWeltraum-Observatorium, werden in Stel- uns ist das der Höhepunkt des Jahres“,Great Barrier Reef vor Australien lief dielung gebracht. Denn während der erd-sagt Otto Guthier, Vorsitzender der 4000„Endeavour“ auf Grund. Joseph Banks,nächste Planet vor der Sonne entlangzieht,Mitglieder zählenden „Vereinigung der der Botaniker an Bord, notierte in seinemwird seine Atmosphäre gleichsam durch-Sternfreunde“. Auf Astro-Reisen spezia- Tagebuch: „Nun blickten wir dem Todleuchtet. Die Forscher wollen testen, wie lisierte Veranstalter fliegen die Fans dort-ins Auge.“diese Durchleuchtungstechnik helfen kann, hin, wo das Himmelsschauspiel besondersDoch der ereilte sie erst im Hafen vonaußerirdische Lebensformen zu finden. gut zu sehen sein wird. Die Sterngucker-Jakarta. Viele Männer starben an Malaria. Ähnlich wie jetzt die Venus kann auchtour von Eclipse-Reisen nach Island bei-Den britischen Chefastronomen Charlesein Planet in einem fernen Sonnensystem spielsweise ist ausgebucht. Als beliebtes Green raffte schwerer Durchfall dahin.bei einem Transit einen Fingerabdruck Ziel von Hobbyastronomen gilt auch das Erst zwei Jahre nach dem Transitder chemischen Zusammensetzung seiner ferne Australien. brachte Cook die BeobachtungsdatenAtmosphäre hinterlassen. Und schon das Beim historischen Venus-Transit 1769 nach Europa – das Internet war nochVorhandensein großer Mengen Sauerstoffwar der Pauschaltourismus noch nichtnicht erfunden.wäre ein klarer Hinweis darauf, dass wo-erfunden. Wer damals in die Ferne auf- Der Weltumsegler wurde als Held ge-möglich auch auf der Alien-Welt die Bäu-brach, riskierte sein Leben.feiert, die mühsam errungenen Messun-me in den Himmel wachsen.Die weiteste Reise legte der britische gen vom anderen Ende der Erde erwiesenEntdecker James Cook mit der „Endea-sich als besonders wertvoll. Aus den Da-vour“ zurück. Vor Kap Hoorn schüttelten ten aller Expeditionen zusammen konn-Mehrere Beobachter verfolgen dieeisige Orkane sein Schiff durch. Auf Feu- ten die Astronomen schließlich errech-Venus mit der Sonne als Hintergrund.erland starben mitreisende Forscher beimnen, dass die Entfernung zur Sonne rundJe nach Standort auf der Erde werden Bahn Pflanzensammeln – sie wurden von einem150 Millionen Kilometer beträgt, weitund Dauer des Transits anders erlebt. Schneesturm überrascht. mehr als vermutet. Zum ersten Mal bekamen die MenschenMit Hilfe der genauen Koordinaten * Stahlstich, um 1845.eine Ahnung davon, wie riesig das Weltall** Andrea Wulf: „Die Jagd auf die Venus und dieder Beobachter lässt sich die Distanz Vermessung des Sonnensystems“. C. Bertelsmann, Mün- um uns herum wirklich ist.zwischen Erde und Sonne bestimmen.chen; 416 Seiten; 21,99 Euro.Mit leeren Händen kehrte hingegen derPechvogel Le Gentil in seine französischeHeimat zurück – wo der Sternenkundlereinen weiteren Schicksalsschlag verkraf-Venusbahn E ten musste. in Umlauf umd i e B a hn i s t g e d i e So n n eSeine Erben hatten ihn inzwischen für g e n ü b e r de m da u e r t 2 2Erdorbit um 5 Erdtage tot erklärt und damit begonnen, seinen ; 3,4 Grad Besitz unter sich aufzuteilen.g e n eig t . Venus-Transit in Deutschland:OLAF STAMPF 6. Juni 2012 / 0.10 bis 6.49 UhrSonneSonnenaufgang gegen 4.50 Uhr Video: Blitzreise durch unser Sonnensystem Für Smartphone-Benutzer:Venus-TransitBildcode scannen, etwa mit der App „Scanlife“. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2127
  • 104. SIÈCLES PRODUCTIONS, NEW CENTURY PRODUCTION & DOLLAR FILM (O.); Szene aus „After the Battle“FI LM EMACH ER „Salafisten sind gegen Kunst“Der ägyptische Regis-arbeitet und einen jener Reiter kennen- kann man von Demokratie träumen,J.DEMARTHON / AFP / GETTY IMAGESseur Yousry Nasrallah, lernt, die vom Mubarak-Regime auf wenn man sich als Individuum klein-59, über die Umbrüchedem Tahrir-Platz gegen Demonstrantenredet? Wie will ich meine Kinder erzie-in seinem Land und sei-eingesetzt wurden.hen, wenn ich mich zum Opfer erkläre?nen neuen Film „AfterNasrallah: Die beiden kommen sich Wir müssen lernen, Verantwortung zuthe Battle“, der auf näher, aber eine Beziehung zwischen übernehmen.dem Filmfestival von ihnen wäre für sie beide sehr gefährlich. SPIEGEL: Ägyptische Filmemacher müs-Cannes Premiere hatteSie würden eine Demarkationslinie sen sich ihre Projekte nach wie vor von überschreiten. Ich habe Szenen gedreht, einer Zensurbehörde genehmigen las-SPIEGEL: Herr Nasrallah, Ihr Film „After in denen die Verwandten der Frau über-sen. Sind die Zensoren heute großzü-the Battle“ ist ein Porträt der ägyp-legen, sie in eine Anstalt zu stecken,giger?tischen Gesellschaft nach dem Sturzweil sie sich mit diesem Mann trifft. Nasrallah: In der Zensurbehörde herrschtMubaraks. Was ist von der Euphorie SPIEGEL: Dieser Mann fühlt sich von Mu- ein eher liberaler Geist, aber sie stehtdes Aufbruchs geblieben? baraks Regime missbraucht. Er behaup- unter Druck. Die Salafisten sind jaNasrallah: In den 18 Tagen des Aufstands tet, er habe niemals gewaltsam gegengrundsätzlich gegen Kunst, die habenfühlten wir uns alle vereint, Klassen- Zivilisten vorgehen wollen. Gibt es vie-schon vorgeschlagen, Statuen unter gro-schranken schienen aufgehoben, religiöse le Ägypter, die so denken?ßen Mengen von Wachs verschwindenund ethnische Grenzen durchbrochen.Nasrallah: Das ist so unsere Art. Wir ge- zu lassen. Man könnte einen schönenNun hat jeder wieder seine eigenen Pläne.ben gern den anderen die Schuld: denFilm darüber drehen, wie das WachsSPIEGEL: Sie erzählen in Ihrem Film vonAmerikanern, den Israelis, der Regie- schmilzt und die Statuen nach und nacheiner jungen Frau, die in der Werbungrung oder Mama und Papa. Doch wie wieder zum Vorschein kommen. POP „Cars“ drehten. Den Song nun auch auf dem neuen, zur Ausstellung sang Mitte Juni erscheinenden Nebenjobs Lowtzow selbst, hauptbe- ruflich ist er Gitarrist und Sänger von Tocotronic.Phantom-Ghost-Album„Pardon My English“ zu hö-ren, das Lowtzow selbst alsMusiker machen bildende Kunst, Den Song „In the Tittery“„ein kleines Werk des Irr-Schauspieler schreiben Literatur, alle präsentierte Lowtzow je- sinns“ bezeichnet, das nachmachen alles. Vor kurzem ging in der doch mit seinem Nebenpro-einem „schwulen KurtBerliner Galerie Cinzia Friedlaender jekt Phantom Ghost, derWeill“ klinge. Es ist tatsäch-eine Ausstellung zu Ende, die denProduzent Thies Myntherlich eine eigenartige Platte,schönen Gaga-Titel „In the Tittery“begleitete Lowtzows melan- operettenhafte Piano-JUTTA POHLMA / BUBACKtrug. Die Kamerafrau Jutta Pohlmanncholischen, absichtlich al-melodien, dazu der bewusstund der Musiker Dirk von Lowtzow bernen Gesang am Klavier,überzogene Gesangzeigten Installationen, Videos und die Künstlerin MichaelaLowtzows. Das Cover, klar,Tuschezeichnungen, die sich um Auto- Meise sang mit LowtzowLowtzow, Mynther stammt von einer Künst-reifen, Hunde und den Pixar-Film im Duett. Dieser Song istlerin: Cosima von Bonin.128 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 105. KulturBUCHHANDELab, dass Händlerin Petra Schulz davon L I T E R AT U Rleben kann. Amazon, Kettenbuch- Kann Gutes schaden?läden und das E-Book erschweren ihrdie Existenz. Seit Oxfam eröffnet undein Schaufenster mit billigen BüchernEin Schmerz fürs Leben„Für eine gerechte Welt“ lautet der dekoriert hat, ist Schulz’ UmsatzDa steht er plötzlich vor ihr, der Ge-Werbespruch der Hilfsorganisation rückläufig, und sie überlegt, ihrenliebte von einst. Eine Begegnung amOxfam. Doch das mit der Gerechtig-Laden zu schließen. „Wir verkaufen Flughafen, nach vielen Jahren. Er mitkeit ist nicht so einfach. Am Rande höchstens 50 aktuelle Bücher imEhefrau an der Seite und in Birken-des Münchner GlockenbachviertelsMonat“, sagt dagegen Svenja Koch stock-Sandalen, sie allein. „Darf icheröffnete vor kurzem eine Oxfam-von Oxfam. Petra Schulz, die den vorstellen“, sagt er zu seiner Frau,Filiale, in der jeder Spenden abgeben vollen, durch die Preisbindung fest- „sie hier war eine Zeitlang das Un-kann, Kleider, CDs, Bücher. Die Er- gesetzten Preis nehmen muss, fragteglück meines Lebens.“ So wird weg-löse kommen Projekten gegen Armut bei der Oxfam-Filiale an, ob sie dortgewitzelt, was einmalzugute. Drei Gehminuten von der nicht auf Bücher verzichten könnten. wild und wichtig war. ImOxfam-Filiale entfernt existiert seit „Warum sollten wir das tun?“, fragtersten Erzählband der22 Jahren der letzte inhabergeführteKoch. „Die Leute spenden die Bücher, Journalistin und Radio-Buchladen des Viertels mit einem all- weil sie unsere Projekte unterstützenmoderatorin Manuelagemeinen, breitgefächerten Sortiment, wollen.“ Vielleicht deshalb, weil es Reichart ist diese Begeg-die Glockenbachbuchhandlung. Dasetwas wert ist, wenn eine Buchhand-nung eine kurze Szene,Geschäft wirft gerade so viel Gewinnlung erhalten bleibt.eines von 70 Prosastü- cken, die es zusammen mit Prolog und Epilog ge- rade einmal auf etwas mehr als hundert SeitenManuelaReichart bringen. „Zehn Minuten und ein ganzes Leben“Zehn Minutenund ein heißt das Buch. Es bietetganzes Leben den Extrakt eines Frauen-S. Fischer Verlag, lebens. Wobei gar nichtFrankfurt am eindeutig ist, ob es sichMain; 112 Seiten; immer um dieselbe Per- 16,99 Euro. son handelt. Kindheits- bilder, Mutproben, Grö- ßenphantasien, Abstürze, die erste Liebe, die enttäuscht, eine zweite, die den Freund in die Verzweiflung treibt. Dann das Sterben der Mutter, wäh- rend die Tochter im Kosmetiksalon sitzt. Denn: „Jedes Unglück erträgtLedoyen, Krugerman gut geschminkt besser.“ Die letz- in „Leb wohl, ten Worte dieser Skizze: „Die Scham CAPELIGHTmeine Königin!“über diesen Satz verlässt sie nie mehr, der Schmerz bleibt fürs Leben.“ Be- standsaufnahmen mit melancholischen Resümees werden hier geboten, oft KINO IN KÜRZE ausgelöst durch eine Wiederbegeg- nung. So auch mit der Jugendfreundin, „Leb wohl, meine Königin!“ war im Februar der Eröffnungsfilm der Berlinale. mit der sie Zungenküsse geübt hat und Der Regisseur Benoît Jacquot zeigt den Beginn der Französischen Revolution ausdie ihr dann den Freund ausspannte. der Perspektive der Bediensteten in Versailles. Im Juli 1789 wird es unruhig am Hof Nun ist die andere nicht mehr jung von König Ludwig XVI., Gerüchte von der Erstürmung der Bastille machen die Runde. und schön, sondern zu einer pumme- Die Weitsichtigen planen heimlich ihre Flucht. Nur die königliche Vorleserin Sidonieligen Frau geworden, die ein Wäsche- (Léa Seydoux), gerade in der Gunst von Königin Marie Antoinette (Diane Kruger)geschäft betreibt. Als die Rivalin den aufgestiegen, genießt die neuen Privilegien, die Nähe zur Majestät, die Machtspiele Laden hochgemut verlässt, sieht sie in von Hofdamen wie Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen). Auch Regisseur Jacquot der Schaufensterscheibe eine Frau mit scheint dem Prunk von Versailles erlegen zu sein: Er inszeniert das Revolutionsdramaheruntergezogenen Mundwinkeln, und als Kostümorgie. Wo ist die Guillotine, wenn man sie braucht? es heißt: „Fast geht sie daran vorbei, ohne sich selber zu erkennen.“ Das „Bulb Fiction“ könnte auch ein Film des Krawall-Dokumentarfilmers gelingt selten in der Literatur: in mini-Michael Moore sein, wenn der denn ein Problem mit Energiesparlampenmalistischer Manier Vergangenheithätte. Stattdessen steckt hinter diesem Manifest gegen die finsteren und Vergänglichkeit zu beschwören.Machenschaften der Leuchtmittelindustrie der österreichische Regis-Und dann noch ein wenig Bosheit da-seur Christoph Mayr, der die sogenannte Kompaktleuchtstofflamperüberzustreuen. „Diese Ehe steht festwegen ihres hohen Quecksilbergehalts und des immensen Recycling- in den Gesundheitsschuhen“, wirdAufwands für ähnlich teuflisch hält wie Moore einst George W. Bush.über das Paar am Flughafen gelästert. „Er hätte nicht besser wählen können.“D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 129
  • 106. Kultur Architekt Speer in der Wüste vor Doha MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGELBAU KU N ST Vater MorganaMitten in der Wüste acht Fußballstadien bauen und drumherum Stadtteile. Diesen Scherz hat Albert Speer in das WM-Projekt von Katar verwandelt – das nächste Monument arabischer Herrscherarchitektur. Von Alexander SmoltczykAm 10. April steht Albert Speer amlar-Plan, im Kleinstaat Katar die Fußball-und en détail. Eine Dreimillionenstadt inRednerpult des Grand Hyatt Ho- weltmeisterschaft 2022 zu veranstalten. Kairo, eine neue Hauptstadt für Nigeriatels in Doha. Über ihm leuchten Eine Idee, die außerhalb des Grand-und die Automobil-City Anting bei Shang-in den matten Farben eines Computer- Hyatt-Konferenzsaals in etwa so einleuch- hai für 50 000 Menschen. Einen Kinder-beamers Visionen auf und verlöschen wie- tet, als wollte sich Flensburg um die Aus-garten in Eschborn und die Expo in Han-der, Stadien, Terminals, Sportpaläste, tragung der Olympischen Winterspielenover, außerdem die Olympiabewerbun-Glastürme, ganze Städte. Es sind Archi-bewerben. gen von Leipzig, München, Baku.tektenwelten, seltsam aufgeräumt wirken- „Großereignisse wie Olympia oder Fuß-Es heißt, wenige Deutsche könnten sode Räume, in denen gutaussehende Men-ball-WM machen das Undenkbare denk- gut Städte bauen wie er und seine 120schen in Gruppen beieinanderstehen.bar“, sagt Speer und drückt auf die Fern- Mitarbeiter von „Albert Speer & Partner“ Dichtgedrängt im Saal sitzen Firmen-bedienung. „Es gibt dann keine Tabus. in Frankfurt. Es heißt, der heute 77-Jäh-vertreter. Anbieter von Spezialstählen,Feste Termine sind sehr hilfreich, wenn rige habe „Nachhaltigkeit“ in die Stadt-Rechtsberater, Logistikexperten. Sie tref- eine Stadt umgebaut werden muss.“ planung eingeführt, als das noch ein Wortfen sich hier einmal im Monat, ausgestat- Speer hat einen guten Ruf in der Re- aus der Forstwirtschaft war. Er sei „dastet mit reichlich Visitenkarten, um nichts gion. Er liefert Masterpläne, Machbarkeits- grüne Gewissen der Branche“, schreibtzu verpassen an der lukrativsten Baustel-studien, Standortanalysen, Mega-Event-die „Süddeutsche Zeitung“.le der Region: dem 140-Milliarden-Dol- Planungen. Er macht alles. Pläne en gros Wie kommt er dann nach Doha?130D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 107. Barrelpreise von 30, 80, 130 Dollar ha-ben in den vergangenen 20 Jahren einenneuen Typ von Herrscher am Golf her-vorgebracht. Egal ob es die Maktums inDubai, die Nahajans in Abu Dhabi, dieThanis in Katar sind oder ein Sultan Ka-bus im Oman. Es sind Männer um diesechzig, oft ausgebildet an den britischenMilitärakademien und in der Gewissheitaufgewachsen, immer über die nötigenMittel zu verfügen, sich jeden Wunsch er-füllen zu können. Die Pferderennbahnen und Palästesind gebaut. Aber Städte sind größer alsPaläste. Der verstorbene Soziologe Pierre Bour-dieu hat von „symbolischem Kapital“ ge-sprochen. Er meint damit das, was Neu- FOTOS: AS&P - ALBERT SPEER & PARTNER GMBH / VISUALISIERUNG: HHVISION, KÖLNreiche sich anschaffen, wenn ihre Garageschon voll ist und sie dennoch das Gefühlhaben, von ihresgleichen nicht angemes-sen gewürdigt zu werden. Meist fangendiese Menschen dann an, Charities zugründen oder großformatige Bilder zusammeln. Ähnlich ist es auch bei Staaten. In dieser Generation am Golf ist einWettbauen im Gange, ein oft zwanghaftesModernisieren und Wetteifern darum,wer den höchsten Büroturm, den erfolg-reichsten Champions-League-Verein, dengrößten Tiefwasser- oder Flughafen hatoder einen Original-Guggenheim-Able-ger, wer die nachhaltigste Ökostadt vor-führen kann oder die schnellste Formel-1-Rennstrecke oder am besten beides di-Speers Stadionentwürfe für Katar: „Es gibt keine Tabus“ rekt nebeneinander wie in Abu Dhabi. Es ist der Komplex sehr kleiner Staaten, Speer redet vom Denken in Kreisläu-Der andere Albert Speer war Rüstungs- nicht beachtet zu werden und sich des-fen und dem Offenhalten von Räumen, minister des „Dritten Reichs“, Planer von halb größer zu machen. Vielleicht einevon Ressourcenschonung, „dezentraler Hitlers Ruhmeshallen und der „Germa- Überlebensstrategie.Konzentration“ und den „Emotions“, die nia“-Überstadt. Mit dem Professor SpiehrUm genügend Aufsehen zu bekommen,jedes Bauen bei den Menschen auslösen im Grand Hyatt hat dieser Speer nichtsbucht jeder Herrscher sich seinen Nor-muss. Er redet frei und auf Englisch. zu tun. Außer dass er der Vater ist.man Foster, I. M. Pei, Jean Nouvel, Rem Der Konferenzleiter hatte diesen älte- Vom Grand Hyatt aus sind zwei merk- Koolhaas, alle stets in jenes Schwarz ge-ren Herrn, während er betont sportlich würdig gezackte Bürogebilde zu sehen,kleidet, das Luxusmarken globalen Bau-zum Pult gegangen war, als „Professor die einsam aus der Weite ragen. Wüste ens auszeichnet. Bei dieser Architektur,Spiehr“ vorgestellt. In Katar klingt Speers muss für Planer so sein wie ein sehr gro- so der britische Städtebau-Kritiker DeyanName anders. „Die jungen Leute müssen ßes Reißbrett. Im flirrenden Dunst eine Sudjic, geht es immer um das Gleiche:das Gefühl für Siege und Niederlagen Flottille von Bulldozern, die lautlos Sand-„Macht, Ruhm, Spektakel, Erinnerung,lernen, die Härten und Ausdauer des berge umherschieben. Hier ist GeschichteIdentität.“Sports“, sagt Speer zum Abschluss seiner etwas, das vor einem liegt und nicht mit- Nachhaltige Macht, nachhaltiges Spek-Keynote-Speech, und auch das macht sich geschleppt wird wie eine Betonplatte. takel. „Ich liebe die Araber“, sagt Speer,besser auf Englisch.Am folgenden Morgen meldet dieals er nach der Konferenz die breite Trep- Man erhebt sich zum Buffet. Er sei nur „Gulf Times“, dass sich der Staatshaus- pe zur Lobby hinuntergeht. Ein von Was-wegen Albert Speer gekommen, sagt halt Katars im laufenden Rechnungsjahrserplätschern und omanischem Weih-Bernd-Wolfgang Wink, unterwegs für entgegen aller Planung entwickelt habe.rauch erfüllter Raum in den Dimensioneneine Firma aus Montabaur. Und wie zur Die Einnahmen seien doppelt so hoch eines Flugzeughangars. Er mag das LichtErklärung: „Man kennt ihn ja aus der wie erwartet. Schuld daran ist der hohehier, und er mag Herrscher, die noch MutGeschichte.“Ölpreis.zum Planen haben können. Da ist er wieder, der andere Speer.Katar ist ein Staat von knapp 300 000Speer hat nichts gegen Größe: „Man Es ist schwer, über einen Städteplaner sehr, sehr reichen Menschen und vielenwill eben zeigen, was man kann. So wieAlbert Speer zu schreiben, ohne an den Nicht-Bürgern, die die Arbeit machen.früher der Kirchturm. Wenn etwas flachanderen Baumeister gleichen Namens zu Das Pro-Kopf-Einkommen der Staatsbür- ist, sieht es keiner.“ Nur müsse diesesdenken. Es ist ungerecht, wenn man beim ger liegt inzwischen über dem von Lu- Bauen ein „menschliches Maß“ einhalten.Händedruck denken muss, wem dieser xemburg. Es dürfte kaum einen besseren Menschliche Größe, das ist sehr deutsch,Mann als kleiner Junge, auf dem Ober- Ort geben für Leute, die in Fünf-Sterne-nachkriegsdeutsch.salzberg, die Hand gegeben hat. Aber der Hotels Keynote-Speeches halten oder von Dubais eng aneinandergebauten TürmeGedanke ist da, wie manches, was eigent- „neuen Seidenstraßen des Wissens“ redenetwa missfallen ihm, das seien „die Slumslich vergangen ist. wollen oder von Nachhaltigkeit. des 21. Jahrhunderts“. Er hat ein Buch D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 131
  • 108. Kulturgegen die Überheblichkeit der Architek- Mit einer Wasserbewirtschaftung, die esten geschrieben: „Die intelligente Stadt“. damals in der arabischen Welt noch über-Der Stadtplaner mache Vorschläge, sagt haupt nirgends gab.“er, sonst nichts. Einige seiner Auftraggeber sind in den Speer redet nicht im üblichen Archi- vergangenen Monaten von Rebellionentekten-Sound. Seine Sprache ist leicht gestürzt worden oder in Bedrängnis ge-pfälzisch gefärbt. Bei Vokalen am Anfang raten. Die Stadtbevölkerungen wollteneines Wortes stockt er manchmal und sich nicht mehr vorschreiben lassen, wiemacht, kaum merklich, ein Legato daraus: sie zu leben hätten.e-hetwas.„Für Gaddafi hätten wir nicht gearbeitet. Des Stotterns wegen habe er die Schule In Saudi-Arabien arbeiten wir seit 1977abgebrochen, sagt Speer, und eine Schrei- und werden das weiterhin tun.“ Seinenerlehre in Heidelberg gemacht: „Mein Faustregel sei: „Wo Deutschland eine Bot-Gesellenstück war eine Musikkommode, schaft hat, sollten Deutsche auch grund-selbst entworfen nach den Regeln des sätzlich arbeiten dürfen.“Goldenen Schnitts, mit BirnbaumfurnierMan spürt, dass er diese Debatte nichtund eingelegten Nussbaumadern. Aber mehr hören kann. „Wir tun etwas für diees war nur die Hülle, die Installation ist Menschen, wenn wir in Alexandria einennie passiert.“ Nur ein Vorschlag.Masterplan für vier bis sechs Millionen Speer erzählt, wie er 1958 mit seiner Bewohner entwerfen. Das hat sehr wenigLambretta bis nach Ankara geknattert ist, mit Politik zu tun.“ohne Sturzhelm und fest entschlossen, al- Albert Speer wuchs in Berchtesgadenles hinter sich zu lassen: „Das war auch auf, als ältestes von sechs Kindern. SeinKarl May, natürlich. Ich wollte rauskom- Großvater war schon Architekt gewesen,men, etwas anderes sehen.“ Speers Vater und auch sein Vater, der Generalbauin-saß damals noch im Spandauer Gefängnis, spektor für die Reichshauptstadt und spä-als einer der ranghöchsten Nazi-Würden- tere Reichsminister für Bewaffnung undträger, die Krieg und Prozesse überlebt Munition. Der junge Speer war öfter aufhatten.dem Obersalzberg und bekam von dem Speer hat sich immer geweigert, den „netten Onkel“ dort Bonbons geschenkt, Hotelterrasse in Doha, Gäste: „Wir wollen aneinfachen Weg zu gehen und sich bei- wenn sein Vater mit Hitler die Planungenspielsweise einen neuen Namen zu su- für die neue Hauptstadt Germania durch- Broschüren: Für Mega-Events mit demchen. Stattdessen übte er eine andere Un- ging. Denn „unsere heutigen Großstädte Siegel der Nachhaltigkeit gab es also eineterschrift ein, so lange bis er denselben besitzen keine das ganze Stadtbild be- Adresse in Frankfurt. Vier Wochen späterNamen anders schreiben konnte, ohne herrschenden Denkmäler, die irgendwie kam eine Einladung aus Doha. Dann derdas spitze, große A des Vaters. „Letztlich als Wahrzeichen der ganzen Zeit ange- Auftrag: Speers Büro sollte die Bewer-kommt es immer auf einen alleine an“, sprochen werden könnten“. So stand es bung für die Fußball-WM 2022 konzipie-sagt Speer.in „Mein Kampf“.ren. „Der Anspruch war, alle Anforde-„Es stört ihn natürlich, in seinem Alter „Architektur wird von Politikern ge- rung der Fifa zu erfüllen und das besteimmer noch als Junior bezeichnet zu wer- zielt eingesetzt, um zu verführen, zu be- Bewerbungsbuch zu erstellen, das dieden“, sagt einer seiner Partner. „Das ist eindrucken oder einzuschüchtern“, Fifa-Leute je in der Hand hatten“, sagtverständlich.“ Dem Architekturkritiker schreibt Deyan Sudjic weiter. Und nimmt Speer. „Und das haben wir gemacht.“Gerhard Matzig gegenüber sagte Speer Katars Bewerbung wurde allgemein alseinmal, er habe sein Leben lang versucht,absurd verstanden. Doha? Do-ha-ha!sich von seinem Vater abzugrenzen. Um genügend Aufsehen„Der größte Fußballwitz aller Zeiten“, Eine Schwester wurde Erziehungswis- zu erregen, bucht jeder schrieb die norwegische Zeitung „Dag-senschaftlerin und Abgeordnete der Al- bladet“. Das Kronjuwel unter allen Sport-ternativen Liste in Berlin. Ein jüngerer Herrscher seinen Foster Events in einem Wüstenfleck, wo es nurBruder wurde Mediziner und beantragtedrei Stadien gab und Biertrinken auf derdie Änderung seines Vornamens. Er waroder Koolhaas.Straße mit Peitsche bestraft wird?auf Adolf getauft. Aber sie meinten es ernst. Gewöhnlich Arabien brachte Speer Glück. Durch ein Beispiel aus der Speerschen Fami- werden Städte umgebaut für eine WM.Zufall bekam er einen Großauftrag in Li- liengeschichte: die Berliner Reichskanzlei. Hier musste eine Stadt erst geschaffenbyen, damals noch ein Königreich. Dann Deren Eingangsbereich war darauf aus- werden, und Albert Speer sollte mit sei-folgten Aufträge in Saudi-Arabien, Ägyp- gerichtet, jeden Besucher in einen Wurm nen Leuten der Schöpfer dieser Fata Mor-ten, Jordanien. Arabien hat ihn nicht zu verwandeln. gana werden. Neben 80 000 Hotelzim-mehr losgelassen. Er mochte diese Regi- Denkmäler interessierten ihn nicht, sagt mern und einem internationalen Flugha-on, das Licht, die Kultur, die Kleidung, Speer. Die überlässt er Jean Nouvel oder fen für 60 Millionen Passagiere brauchendie Hitze. Er erzählt, wie in Saudi-Ara- Norman Foster oder Zaha Hadid. Albert sie einen Damm zur Insel Bahrain samtbien der König seine Untertanen empfan- Speer mag keine Monumentalität um 22 Kilometer langer Brücke. Außerdemge, einmal im Monat: „Da wird jeder vor- ihrer selbst willen. Aber er hat keine ein 320 Kilometer langes Schienennetzgelassen und angehört. Das sind völlig Angst vor Größe, vor der Totalität eines für Fracht, Hochgeschwindigkeitszügeandere Denkstrukturen.“Projekts. Ihn interessiert die Komplexität und Metro. Speers Lieblingsprojekt ist nach wie der Stadt mehr als die Ästhetik einzelnerDie Katarer klangen wie Jules Vernevor das Diplomatenviertel in Riad. Eine Bauten.im Absinth-Rausch. Der Vorsitzende desStadt, auf deren Plätzen noch öffentlichAuf der Marketing-Messe „SportAc- Bewerbungskomitees war der sechstegeköpft wird. „Wir haben eine Mischnut- cord“ in Denver 2009 kamen ein paar jun- Sohn des Emirs von Katar, Mohammedzung durchsetzen können, ein Stadtvier- ge Katarer an den Stand von „Albert Bin Hamad al-Thani. Der Prinz war da-tel, in dem 70 Prozent Saudis wohnen. Speer & Partner“ und blätterten in den mals knapp volljährig.132D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 109. WM nach London vergeben wird. Wir in Europa dürfen uns nicht einbilden, der Nabel der Welt zu sein. Der ganze arabi- sche Raum ist fußballverrückt.“Albert Speer steht auf einer Brache am Stadtrand von Doha, für das Foto. Im Hintergrund flirrt die Skyline der Stadt, man sieht das Schieben der Bull- dozer, die Kolonnen der Hilfsarbeiter, hört das Tacktacktack eines Hydraulik- hammers.Vieles gefällt ihm hier nicht. Manche Gebäude seien schlicht „Schrott“, die Viertel zu flach, die Verkehrsachsen zu breit, wohl von Amerikanern geplant. Wie soll „Stadt“ entstehen, gar eine „in- telligente Stadt“, wenn 80 Prozent der Bevölkerung aus Hilfsarbeitern, Beratern und Glückssuchern bestehen, und sich die herrschende Schicht ihre Dior-Ta-MAURICE WEISS / OSTKREUZ / DER SPIEGEL schen hinterhertragen lässt?Na ja, sagt Speer. Natürlich gebe es in den Scheichtümern Diskussionen, un- sichtbar für den Ausländer. „Unsere demokratische Tradition ist gerade mal 100 Jahre alt. Die können wir nicht über- all als das allein Seligmachende an- sehen.“Er sagt noch einmal, die Bedeutung derdie lokale Kultur anknüpfen“ Planer werde immer überschätzt. „Wir machen Vorschläge. Zu sagen haben wirSpeer nahm den Auftrag an. Es reizte Und weil man sich manche Vision nur nicht viel.“ Der Baumeister braucht Geld ihn zu beweisen, dass es sich bei „Doha schwer vorstellen kann, auch wenn sie inund Macht. Wenn er groß bauen will, 2022“ um mehr handeln könnte als eine Leder gebunden ist, hatte die britische braucht er viel von beidem, und beides grandiose Ressourcenverschwendung.Beraterfirma Arup ein „Modell-Stadion“kann er sich nur leihen.Es gab bereits einen Masterplan 2030,für 500 Zuschauer gebaut, mit einer 700- Die Deutschen stehen weitgehend ab- ausgearbeitet von Amerikanern. Und ei-Kilowatt-Solarstromanlage. In der Stadt seits bei diesem Geschäft. Viele Firmen, nen Verkehrswegeplan der Deutschenherrschten 44 Grad, als die Fifa-Dele-sagt Speer, bemühten sich nicht richtig Bahn International. Auf dieser Basis ent- gation Platz nahm. Auf dem Rasen wur- um die Araber, sprächen kein gutes Eng- warf Speers Chefarchitektin Karin Berta-den die gewünschten 23 Grad gemessen. lisch: „Es ist das Uraltthema. Wir Deut- loth acht neue Stadien. „Wir wollten anDas Büro Speer bestellte dazu eine sche gehen nicht genügend raus. Es ist die lokale Kultur anknüpfen“, sagt Speer. Multimediashow, so teuer und fulminant, die Furcht vor dem Fremden.“ „Das ist sehr wichtig.“ dass sie nachhaltigen Eindruck auf die Aber ob sein Büro jemals eines der Sta-So sah ein Stadion aus wie ein mit Bän-Fifa-Funktionäre machte. In 3-D-Technik dien bauen wird, ist offen. Speers Visio- dern umflochtener Korb, ein anderes er- und mit Surround-Sound. Lachende Kin- nen haben die WM nach Katar geholt. innerte an eine Muschel, eines sollte mit der und weise Scheichs wirbelten herum, Jetzt, in der Vorbereitung der Bauphase, dem Wassertaxi oder der Yacht zu errei- Stadien wuchsen, es wurde gezoomt ins sind Koreaner, Amerikaner, Briten besser chen sein. Zusammen würden die zwölfGestern und ins Übermorgen. Alles war im Geschäft. Es sind angelsächsische Fir- Stadien genug Sitzplätze für fast die Hälf- so schön und so echt. Und als nach dermen, die die Ausschreibung organisieren. te von Katars Bevölkerung haben: „Das Vorführung tatsächlich Zinédine ZidaneJetzt stören sie vielleicht auch, all diese wären White Elephants, klar“, sagt Speer. in der Ecke stand, hielten ihn die Fifa-kontinentalen Normen und Bedenken, „Also haben wir die Stadien demontier-Leute erst für ein Hologramm. die Vorsicht, die Angst vor dem Germa- bar und für den Rückbau entworfen, um „Katar 2022“ schlug die USA, Japan, nia in der Wüste. sie später als kleinere Sportstätten an är- Australien und Südkorea. In den Haupt- Man müsse bescheiden bleiben, sagt mere Staaten verschenken zu können.“städten der Golfstaaten kreisten am 2.Speer. Letztlich ginge es nur darum, dasSein Plan versprach die Quadratur desDezember 2010 die Autokorsos. In Mün- Schlimmste zu verhindern: „Und mitzu- Kreises: Sonnenglut zur Kühlung aus-chen erklärte der Präsident des FC Bay- helfen, nicht alle Fehler zu machen, die zunutzen. Die Stadien sollten sich auch ern: „Offensichtlich hat heutzutage nur wir gemacht haben.“ bei Wüstenhitze auf 27 Grad herunter- noch eine Bewerbung Erfolg, wenn zu- Er habe nie wirklich verstanden, sagt kühlen lassen, nachhaltig und „CO²-neu- sätzlich Zahlungen unter dem Tisch ge-Speer, woher sein Stottern gekommen tral“. Die Technik heißt Absorptionsküh-macht werden.“ist. Es fing an, als alles zu Ende war: lung, ein altes Verfahren, das in jederSpeer hatte am 2. Dezember mit seiner„Nach dem Kriege konnte ich keinen Hotel-Minibar zu studieren ist. Das Sta-Frau vor dem Fernseher gesessen und Satz richtig rauskriegen. Wo es her- dion soll schwitzen, nicht die Zuschauer. nicht an einen Sieg geglaubt. Im Nachhin- kommt, weiß ich auch nicht richtig.“ Er Ähnliche Lösungen würde man für das ein erscheint ihm die Entscheidung aber hat viel kämpfen müssen, um mit dem Public Viewing finden, für die Fußwegevollkommen schlüssig. „Diese Welt-Sport-Stottern umzugehen: „Aber dieses Ge- und Plätze. ereignisse haben sehr viel mit Markt undfühl, etwas nicht so ausdrücken zu kön-Fifa-Präsident Sepp Blatter bekam einGeld zu tun. Für die Fußballwelt gewinnst nen, wie man es gern hätte, das bleibt in Fußballleder gebundenes Exemplar.du keine neuen Kunden dazu, wenn dieeinem das ganze Leben.“D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 133
  • 110. Kulturte, 200 Jahre nach der industriellen Re-volution, erklären? Wie kommt es, dass GESCHICHTE trotz Globalisierung 1,3 Milliarden Men-Es ist die Politik, Dummkopfschen in Entwicklungsländern ihr Daseinmit weniger als 1,25 Dollar am Tag fristenmüssen? Warum scheitern Nationen? Nicht weniger als eine universell gülti-ge Theorie der wirtschaftlichen Entwick-Worauf gründen Wohlstand und Armutlungsgeschichte streben die ehrgeizigen der Nationen? Zwei US-Wissenschaftler versuchen sich Autoren an und streifen dabei rund umdie Welt durch die Epochen, von der Jung- in ihrem Bestseller an einer Antwort.steinzeit, als die ersten Jäger und Samm-ler im Nahen Osten sich dem AckerbauDie Geschichte ist ein Fluss, dessen aufstrebenden USA die Möglichkeiten der zuwandten, bis zur desaströsen Gegen-Lauf der Zufall bestimmt. In kriti- industriellen Revolution voll nutzten und wart von Ländern wie Mali, Sierra Leone,schen Momenten, wenn sie an eine zu einer demokratischen ökonomischen Somalia oder Afghanistan.Wasserscheide gelangt und einen Atem- Großmacht aufstiegen, verarmte MexikoAls moderne Nachfahren von Adamzug lang innehält, können kleine Uneben- dramatisch und versank mehr oder weni- Smith, der das menschliche Eigeninteres-heiten über eine Richtungsänderung ent- ger in Anarchie. Zwischen 1824 und 1867 se als die treibende Kraft hinter der „un-scheiden, die erst im Nachhinein als Epo- wurden dort 52 Präsidenten gezählt. Der sichtbaren Hand“ des Marktes identifi-chenumbruch kenntlich wird. „Gottes große deutsche Forschungsreisende Alex- zierte, konzentrieren sich Acemoglu undGang in der Welt“, wie Hegel esgenannt hat, ist nicht unerforsch-lich, aber voller Unwägbarkeiten. Als die Spanier Ende des 15.Jahrhunderts ihre Eroberung derNeuen Welt begannen, war Eng-land eine mittelmäßige Macht, diesich gerade von den Folgen einesBürgerkriegs erholte. Im Wettlaufum die Kolonien Amerikas kamenihre Seefahrer fast ein Jahrhundertzu spät. Sie mussten mit dem vor-liebnehmen, was übrig war: demdünnbesiedelten Norden, wo es,wie die ersten englischen Siedlerzu ihrem Leidwesen merkten, we-nig zu holen gab. Während die Conquistadoressich im Reich der Azteken undInkas als die neuen feudalen Her-ren festsetzten, Land und Leuteunter sich verteilten, die Einhei-JOSE CENDON / AFPmischen versklavten und derenGold- und Silberminen ausbeute-ten, mussten die Colonists der Vir-ginia Company, die am 14. Mai1607 die Siedlung Jamestown an Soldaten in Mogadischu 2007: Marsch in den Zusammenbruchder Chesapeake Bay gründeten,ihre Hoffnung auf ein Schwelgen im Luxus ander von Humboldt nannte Mexiko „das Robinson auf die historischen Grundströ-alsbald fahrenlassen. In den ersten Win- eigentliche Land der Ungleichheit“. Heute mungen und die spezifischen Bedingun-tern kämpften sie ums nackte Überleben. ist der durchschnittliche US-Bürger fünfmal gen, die heutige Gesellschaften prägen. Weitgehend auf sich allein gestellt, nah- so reich wie sein südlicher Nachbar.Daraus ergibt sich ihre simple und dochmen die Neuankömmlinge ihr SchicksalZwei amerikanische Wissenschaftler, unkonventionelle Schlussfolgerung: „In-in die Hand, organisierten ihre darbende Daron Acemoglu, in Istanbul geborener stitutionen, Institutionen, Institutionen“,Gemeinschaft selbständig und bildeten Ökonom am Massachusetts Institute of so das pathetische Insistieren der beiden,bereits 1619 eine eigene Generalversamm- Technology (MIT), und James A. Robin- machten den Unterschied zwischen ar-lung – der Beginn eines langen Prozesses, son, Politologe in Harvard und Spezialist men und reichen, gescheiterten und erfolg-der 1787 in Philadelphia zur Niederschrift für Entwicklungshilfe, erzählen diese Ge- reichen Nationen aus.der amerikanischen Verfassung führte.schichte der unterschiedlichen Kolonisie-Die Institutionen, die eine staatliche Geplant war das nicht gewesen, die Vir- rung Nord- und Südamerikas in einer Gemeinschaft strukturieren, können in-ginia Company träumte von schnellem monumentalen Studie, in der sie den tegrierend sein („inclusive“) – an Plura-Reichtum, ihre Männer hätten es den Spa- Ursprüngen von Macht, Wohlstand und lismus, Machtkontrolle und Allgemein-niern nur zu gern nachgemacht und ein Armut nachgehen*. Wie lassen sich die wohl orientiert; oder ausbeuterisch („ex-sattes Leben auf dem Rücken der Einge- krassen Gegensätze in der Welt von heu- tractive“) – wenn eine herrschende Eliteborenen geführt. Weil ihre Gier sich nicht ihre partikularen Interessen zu Lasten derso leicht befriedigen ließ, drehten sich die * Daron Acemoglu, James A. Robinson: „Why Nations großen Mehrheit mit versteckter oderVerhältnisse in einer fast lehrbuchmäßigen Fail. The Origins of Power, Prosperity, and Poverty“. offener Gewalt durchsetzt. VereinfachtIronie der Geschichte um: Während die Crown Business, New York; 532 Seiten.gesagt: Demokratie oder Repression.134D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 111. Historisch gesehen ist Letzteres dieIn der gleichen Tradition gewann Sim-Europas analysieren: die allmähliche Be-Norm. Freiwillig gibt eine parasitäre Kas-babwes Präsident Robert Mugabe im Ja- freiung der Bauern aus der feudalen Leib-te ihre Privilegien nicht auf. Nach dem nuar 2000 auf wundersame Weise in der eigenschaft, die nach der großen Pest im„ehernen Gesetz der Oligarchie“, das aufnationalen Lotterie den Hauptpreis in 14. Jahrhundert im Westen des Kontinentsden deutschen Soziologen Robert Michels Höhe von 100 000 Simbabwe-Dollar, un- begann; die Entdeckung Amerikas mit ih-zurückgeht, reproduziert sie sich selbstgefähr fünfmal so viel wie das jährlicherem Handels- und Globalisierungsschub;und zeigt sich dabei erstaunlich wand-Pro-Kopf-Einkommen im Land. Nicht die industrielle Revolution mit ihren ra-lungs- und anpassungsfähig. dass er das Almosen gebraucht hätte; derschen technologischen Neuerungen, die Revolutionen können einen System-manipulierte Gewinn war einfach ein Tri-wiederum ohne die politischen Revolutio-umsturz hervorbringen und trotzdem dasbut an den Staatschef, eine symbolische nen in England 1688 und in Frankreichalte Muster in neuem Gewand fortführen. Hommage an den Mann, der seine Hei- 1789 ihren Siegeszug nicht hätte antretenDie Bolschewiken verlängerten auf ihremat mit großen Hoffnungen in die Frei-können.Weise den Absolutismus der Zaren. Die heit geführt hatte.Autoritäre Regime, argumentieren dieafrikanischen Unabhängigkeitsführer setz-Bill Clinton hatte 1992 im Wahlkampf Autoren, haben wenig Interesse an tech-ten sich und ihre Clique oft genug an die das Rezept für den Sieg entdeckt: „It’s nologischem Wandel und am WohlstandStelle der verjagten Kolonialherren, ohne the economy, stupid!“ Acemoglu und Ro-der Massen, denn sie fürchten die Be-deren Ausbeutung wirklich zu beenden. binson ergänzen die Losung: It’s the poli-drohung durch die „schöpferische Zer-„Fettes Gemüse“ („les grosses légumes“) tics, stupid! Wenn ein korruptes Regime,störung“, die sich nach dem Ökonomennannten die Menschen im ehemaligen Bel- raffgierige Eliten, ausbeuterische Institu- Joseph Schumpeter aus Innovation er-gisch-Kongo den starken Mann und selbst-tionen in einem schwach ausgebildeten gibt. Metternichs Gehilfe Friedrich vonernannten Marschall Mobutu Sese SekoZentralstaat ohne verlässliches Rechtssys-Gentz wehrte Vorschläge für eine Sozi-alreform im Habsburger-Reichmit dem Einwand ab, es sei garnicht erwünscht, dass die großeMasse bessergestellt werde: „Wiekönnten wir sie sonst beherr-schen?“ Die prognostischen Qualitäteneiner Theorie, die ökonomischeund politische Evolution nicht nuran historischen Grundwellen, son-dern vor allem auch an der Zufäl-ligkeit bestimmter Konstellatio-nen nachzeichnet, scheinen natur-gemäß begrenzt. Wer hätte schonim 15. oder selbst im 16. Jahrhun-dert prophezeit, dass Englandsich an die Spitze des Fortschrittssetzen würde? Dennoch wagen die beidenWissenschaftler am Ende ihrerStudie ein paar Vorhersagen. Ei-nige sind wenig überraschend:SIEGFRIED KUTTIGWeil die Kreisläufe von Armutund Wohlstand ziemlich bestän-dig seien, sich sogar selbst ver-stärkten, würden die USA undTimes Square in New York: „Institutionen, Institutionen“Westeuropa auch in hundert Jah-ren beträchtlich reicher sein alsmit seiner Entourage, die das rohstoffrei-tem zusammenkommen, ist der Weg inAfrika südlich der Sahara, der Nahe Os-che Land von 1965 bis 1997 in einer Art Elend, Bürgerkrieg und Zusammenbruchten, Mittelamerika oder Südostasien. DasVampirkapitalismus aussaugten. Als Mo-vorgezeichnet.ist etwas billiger Balsam gegen grassie-butu sich in Gbadolite einen Palast errich-Das mag keine sonderlich originellerende Niedergangsängste.ten ließ, ordnete er zugleich den Bau eines These sein, aber Geschichte kann in ihrerSchon kühner ist das chinesische Ho-Flughafens in der abgelegenen GegendBrutalität manchmal erschreckend banalroskop: „Wachstum unter ausbeuteri-an, groß genug, dass die von Air France sein. Das Erklärungsmodell der beiden schen politischen Institutionen, wie ingecharterte Concorde landen konnte. Professoren passt jedenfalls bestens aufChina, wird nicht nachhaltig sein, wahr- Wie Pizarro und Cortés in Mittel- unddie zahllosen historischen Beispiele, die scheinlich wird der Maschine der DampfSüdamerika bauten auch die Belgier im sie in unakademischem Plauderton anfüh- ausgehen.“ China stecke jetzt in einerKongo auf Institutionen und Strukturen, ren. Andere Deutungsmuster prominen-Aufholjagd, aber autoritär gesteuertesdie sie vorfanden und für ihre Zwecke ter Sozialwissenschaftler, die für die Be-Wachstum, das auf dem Import fremderumwandelten. Vor der Ankunft der Euro-ständigkeit von bitterer Armut in bestimm-Technologien und dem Export von Billig-päer regierten im Königreich Kongo loka-ten Weltgegenden wahlweise Boden undprodukten beruhe, stoße irgendwann anle Herrscher, die ihren Reichtum aus demKlima, Kultur und Mentalität, ReligionGrenzen. Es sei denn, die schöpferischeSklavenhandel und einem willkürlichen und Ignoranz anführten, lassen sie empi-Zerstörung erfasse das politische SystemSteuersystem schöpften. So wurde eine risch nicht gelten. mit dem Machtmonopol der KP. Nur weißSteuer, berichten die Autoren, jedes Mal Für den Aufstieg des Westens erkennenniemand, ob man darauf hoffen oder sicherhoben, wenn der Kopfschmuck des Kö- Acemoglu und Robinson drei Gründe, diedavor fürchten soll.nigs zu Boden fiel. sie als Wendepunkte in der EntwicklungROMAIN LEICKD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2135
  • 112. Kultur SPI EGEL-GESPRÄCH„Sie haben Angst vor uns“ Vor fast drei Wochen ist der iranische Musiker Shahin Najafi untergetaucht, weil gegen ihneine Fatwa verhängt wurde. Ein Besuch in seinem Versteck.S o sieht also das Exil im Exil aus.Auf der Flucht vor den Drohungeniranischer Ajatollahs ist der irani-sche Liedermacher Shahin Najafi, 31, ineinem Gartenhaus in der Nähe von Kölnuntergekommen, zwischen zwitschern-den Vögeln und einem Feigenbaum. Ersteht zwar unter Polizeischutz, trotzdemscheinen die mittlerweile vier Fatwas,die in den vergangenen Wochen von füh-renden Geistlichen in Iran gegen ihn aus-gesprochen wurden, denkbar weit wegzu sein. Najafi hat einen Song veröffent-licht, in dem er den zehnten Imam Alial-Hadi al-Naghi anfleht, zurück auf dieErde zu kommen, um mit den Proble-men des heutigen Iran aufzuräumen.Naghi gilt den Schiiten als Heiliger, erist seit 1143 Jahren tot. Über 500 000-malist der Song mittlerweile allein in Iranheruntergeladen worden, dazu kommenmehr als eine halbe Million Aufrufe beiYouTube. Der Musiker wirkt gut gelaunt, das Ge-spräch findet auf Deutsch statt, allerdingsspringt Najafi immer wieder ins Persische,sein Manager, ein Deutschiraner, über-setzt dann. Der Schriftsteller Günter Wall-raff, der Najafi unterstützt, ist auch da.In der Ferne hört man Kinderstimmen.SPIEGEL: Herr Najafi, seit fast drei Wochenverstecken Sie sich nun. Wie sieht Ihr All-tag aus?Najafi: Ich lese, ich schreibe, ich habe mei-ne Gitarre dabei. Ich versuche, die Be-drohung zu ignorieren.SPIEGEL: Bekommen Sie Besuch?Najafi: Nein, von niemandem. Nur vonmeinem Manager und Herrn Wallraff.SPIEGEL: Sie sind hier in Deutschland ver-heiratet. Wie geht Ihre Familie mit derSituation um?Najafi: Es ist schwierig, mehr möchte ichdazu nicht sagen.SPIEGEL: Haben Sie Kontakt zu Ihrer Fa-milie in Iran? Najafi: Ich stehe in Verbindung mit ein ALAN SCHMIDT / DER SPIEGELpaar Freunden. Bisher haben sie keineProbleme. Meine Mutter weiß, was pas-siert ist. Sie ist sehr alt.SPIEGEL: Was macht Ihr Vater?Das Gespräch führten die Redakteure Georg BönischRapper Najafi: „Ich war ein gläubiger Junge“und Tobias Rapp.136D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 113. schlagen müssen, die nichts haben und SPIEGEL: Es ist ja nicht einfach, als Künstler Tag für Tag ums Überleben kämpfen im Exil. Das alte Publikum ist weg, das müssen. Die Geschichten dieser Männer neue Publikum kennt man nicht. waren schockierend. Manche waren ge- Najafi: Ich habe viel herumprobiert und zwungen, mit Drogen zu handeln, andere bin schließlich beim Rap gelandet. Eigent- mussten ihre eigene Frau verkaufen. lich mag ich HipHop nicht sehr, die Musik ZAHID HUSSEIN / REUTERS SPIEGEL: Wann war das?ist mir zu klischeehaft, die Subkultur, vor Najafi: 1999. Der Militärdienst dauerte 21 allem das Macho-Gehabe der Gangsta- Monate. Meine Familie dachte, wenn ich Rapper ist nicht mein Ding. Aber gleich- zum Militär gehe, nehme ich Vernunft an, zeitig ist Rap eine einfache, direkte und werde ein bisschen ruhiger. Aber ich bin starke Musiksprache.Islamistischer Aktivistin allem, was ich gemacht habe, immer SPIEGEL: Eigentlich dürften Sie sich kaum„Die Mächtigen mögen keine Satiriker“extrem gewesen. Als Gläubiger wie als wundern, dass Ihr Song „Naghi“ zu die- Nichtgläubiger. Als ich vom Militär zu- sen Reaktionen geführt hat: Immerhin ru-Najafi: Mein Vater ist gestorben, als ich rückkam, hatte ich vor allem verstanden, fen Sie einen Imam an, der den Schiitenfünf Jahre alt war. Er war bei der Polizei.   wie viel Ungerechtigkeiten es in Iran gibt. viel bedeutet, Sie rappen von geflicktenSPIEGEL: Wo sind Sie aufgewachsen? Dass die Meinungsfreiheit für die armen Jungfernhäutchen, von Korruption undNajafi: In Bandar-e Ansali, einer kleinen Leute nicht das Allerwichtigste ist, solan- Sex. Auf dem Cover ist eine Moschee-Stadt in Nordiran. Ich hatte dort einen ge es keine soziale Gerechtigkeit gibt.kuppel zu sehen, die einer FrauenbrustMusikinstrumenteladen, vom Jahr 2000 SPIEGEL: Warum mussten Sie Iran verlas- ähnelt, auf ihr ist die Regenbogenfahnebis Ende 2004, als ich das Land verlassen sen? gehisst. Viel mehr Provokation auf einmalmusste.Najafi: Ich war nach dem Militär in Bands, geht nicht.SPIEGEL: Wie sind Sie zur Musik gekom- die Coverversionen westlicher Popmusik Najafi: Dass meine Songs das Regime är-men? spielten. Erst nur Instrumentals, weil es gern, war mir klar. Das Cover ist unterNajafi: Ich habe eine Ausbildung zum da keinen Ärger mit den Behörden gab, anderem eine Anspielung auf die Zeit-professionellen Koransänger gemacht,von meinem 14. bis zu meinem 18. Le-bensjahr. Dafür musste ich arabischeHarmonielehre lernen, Atemtechnik, alldiese Dinge, die dazugehören. Undselbstverständlich habe ich dafür denKoran studiert.SPIEGEL: Was hat Sie daran fasziniert?Najafi: Ich war ein sehr gläubiger Jungeund habe eines Tages die Musik einesägyptischen Koransängers in der Mo-schee gehört. Die Melancholie dieserMusik berührte mich so sehr, dass ichweinen musste. Also fragte ich einen Jun-gen, der auch da war, was denn das füreine Musik sei, und er erklärte es mir.TRAVIS BEARD / AGENTUR FOCUSLustigerweise habe ich ihn vor einigerZeit wiedergetroffen, er lebt jetzt inSüddeutschland, spielt Gitarre und hörtPink Floyd. Dass einer derjenigen, diemich zum Koransingen gebracht haben,mittlerweile einen ähnlichen Weg ge-nommen hat wie ich, finde ich sehrberuhigend.Party in Teheran: „Die Ajatollahs sind alte Männer, die das Leben verlernt haben“SPIEGEL: Dann haben Sie studiert.Najafi: Ja, Soziologie. Aber das Studium dann in einer Band, die Songs der Gipsy ehen in Iran, die von den Mullahs, manch-habe ich nicht beendet. Vor allem, weil Kings nachspielte, die waren nämlich mal nur für ein paar Stunden, geschlossenes islamische Soziologie war. Mit den nicht verboten, also war auch eine Gip- werden und die daran mitverdienen. UndDogmen konnte ich nichts anfangen. Das sy-Kings-Coverband erlaubt. Aber ab die Fahne auf der Moscheekuppel sym-war keine Wissenschaft, wie es sie im 2003 habe ich eigene Songs geschrieben bolisiert die Todesstrafen, die im NamenWesten gibt. Ich wurde exmatrikuliert. und gespielt und wurde rasch vom Ge- der Religion gegen Homosexuelle ver-Dann musste ich zum Militär. Dort habe heimdienst verfolgt. Im November 2004 hängt werden. Dass die Reaktion so ex-ich meinen Glauben verloren. habe ich dann mein letztes Konzert trem werden würde, hätte ich trotzdemSPIEGEL: Was ist passiert? gespielt und bin über die Türkei nach nicht erwartet.Najafi: Bis dahin war ich ein junger Idealist. Deutschland geflohen, weil ich wegen SPIEGEL: Der Text Ihres Songs hat etwasIch habe in der Poesie gelebt, der Welt der eines Liedes zu drei Jahren Gefängnis Satirisches.Ideen. Ich dachte, das Leben besteht aus und 100 Peitschenhieben verurteilt wor- Najafi: Ja, ich bin Satiriker. Die MächtigenKunst und Denken. Beim Militär habe ich den war. mögen keine Satiriker.auf einmal das echte Leben kennengelernt. SPIEGEL: Warum Deutschland?SPIEGEL: Auch Salman Rushdie könnteSPIEGEL: Ein Realitätsschock?Najafi: Ich habe mich schon früh mit deut- man als Satiriker bezeichnen.Najafi: Absolut. Meine Kameraden kamen scher Literatur und Philosophie beschäf- Najafi: Fundamentalisten verstehen keinenfast alle aus der Unterschicht. Zum ersten tigt. Es gab also eine kulturelle Nähe zu Spaß. Niemals. Sie wollen, dass wir blind-Mal war ich mit der Wirklichkeit von Deutschland. Außerdem leben viele Exil- lings gehorchen, ihnen alles nachbetenMenschen konfrontiert, die sich durch- iraner in Deutschland.und an ihre Dogmen glauben. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2137
  • 114. Kultur MEHDI CHEBIL / POLARIS / LAIFUnderground-Rockkonzert in Teheran 2008: „In der Öffentlichkeit ist nichts erlaubt, hinter verschlossenen Türen alles“SPIEGEL: In „Naghi“ zeichnen Sie ein Bild ich mir ihre Reden angehört. Dem Groß-lebt, hat die Fatwa gegen Sie kritisiert.von Iran als total verkommener Gesell-ajatollah Nasser Makarem Schirasi ... Haben Sie Verbündete jenseits Ihrerschaft. SPIEGEL: ... der die Fatwa ausgesprochenFans?Najafi: So ist es auch. Ein Beispiel: Wegen hat, in der zum ersten Mal Ihr Name er- Najafi: Es sind Zigtausende, die sich imdes Schleiers sind die paar Dinge inwähnt wird ...Internet zu Wort melden und mich er-einem Gesicht, die sichtbar bleiben, sehr Najafi: ... dem habe ich begeistert zuge- mutigen, nicht aufzugeben.wichtig. Die Augenbrauen zum Beispiel.hört, als ich noch ein Jugendlicher war.SPIEGEL: Schreckt Sie der Gedanke, dassUnd das führt dazu, dass sogar schon dieSPIEGEL: Wer benutzt die Großajatollahs Sie sich womöglich lange versteckenjungen Mädchen sich ihre AugenbrauenIhrer Meinung nach? müssen?tätowieren lassen. In diesem Land wer-Najafi: Iran ist schwer zu verstehen. EsNajafi: Ja, sicher. Aber ich bin Musiker,den die öffentliche und die private Sphärewird zwar autoritär regiert, ist aber keinich muss auftreten. Ich kann nicht aufge-völlig voneinander getrennt. In der Staat, in dem alles von einem Zentrum ben. Ich muss noch mutiger werden. WirÖffentlichkeit ist nichts erlaubt, hinter aus gesteuert wird. Es gibt viele Kräfte, wissen, dass wir viele Feinde haben.verschlossenen Türen alles. die nebeneinanderarbeiten, Militär, Ge- Nicht nur in Iran. Aber das ist egal. DieSPIEGEL: Wo hört man Ihre Musik?heimdienst, Revolutionsgarden, Klerus,Zukunft gehört uns. Ich finde, die KunstNajafi: Im Geheimen natürlich.Regierung. Allen gemeinsam ist die Angstist eine Kraft, um die Welt zu verändern.SPIEGEL: Wie verbreiten Sie Ihre Musikvor der Jugend. Deshalb wird von mirSPIEGEL: Das sind große Worte.denn in Iran? das Bild eines Staatsfeinds aufgebaut. IchNajafi: Gestern Nacht habe ich im InternetNajafi: Wenn ein neues Album heraus-bin ein einfaches Ziel, weit weg. Das sollein Video gesehen. Zwei maskierte Män-kommt, kann man es überall im Internetdavon ablenken, dass viele Intellektuelle,ner bedrohen mich, auf Persisch mit af-kaufen, außer in Iran. Deswegen bietenMenschenrechtler, Schriftsteller und Sän- ghanischem Akzent. Sie fragen: Warumwir es für die Menschen dort über eineger im Gefängnis sitzen.beleidigst du unseren Glauben? Wir fin-Internetseite zum kostenlosen DownloadSPIEGEL: Woran glauben Sie politisch? den dich, egal wo du dich versteckst, duan. Die Leute hören die Lieder über ihreNajafi: Ich glaube an die Freiheit, ich bin bist nirgendwo sicher. Und sie reden auchHandys. für eine Welt ohne Grenzen. Aber das istDeutsch. Vielleicht leben sie in Deutsch-SPIEGEL: Die Großajatollahs sind sehr alt,ein Ideal. Praktisch bin ich für einenland oder sind hier aufgewachsen. Wasdie iranische Bevölkerung ist eher jung.säkularen Staat, in dem die Religion nursoll ich machen? Nachgeben? Reue zei-Ist der Streit mit Ihnen auch ein Genera- eine untergeordnete Rolle spielt. In west-gen? Das werde ich nicht. Ich glaube antionenkonflikt? lichen Kategorien wäre ich wohl ein die Geschichte. Wir brauchen Zeit. EsNajafi: Auf den ersten Blick sieht es so aus. sozialdemokratischer Pragmatiker mitwird dauern, bis sich was ändert. AberIch glaube allerdings, dass die Groß- anarchistischen Neigungen. Das Wichtigs-es wird passieren.ajatollahs auch benutzt werden. Das sindte an der Demokratie, glaube ich, ist der SPIEGEL: Herr Najafi, wir danken Ihnenalte Männer, die das Leben verlernt Schutz der Minderheit.für dieses Gespräch.haben und nicht mitkriegen, was die SPIEGEL: Lässt sich eine Fatwa eigentlichSehnsüchte, Interessen und Träume be- revidieren?sonders der jungen Menschen in Iran Najafi: Das hat’s bisher noch nie gegeben.Video:ausmachen. Ich wette, die haben meine Die Großajatollahs glauben sich im Besitz Was will ShahinLieder nie gehört. Die kennen nur ihreder absoluten Wahrheit und können sichNajafi?Studierstuben, die Schulen, in denen siedementsprechend nicht irren.Für Smartphone-Benutzer:lehren. Ich weiß, wovon ich rede: Ich war SPIEGEL: Der iranische Ajatollah Mahmud Bildcode scannen, etwa mitja selbst mal da. Als ich jung war, habeAmdschad, der seit einiger Zeit im Exil der App „Scanlife“.138 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 115. BestsellerIm Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vomFachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahl- kriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestsellerBelletristik Sachbücher 1 (1) Jonas Jonasson 1 (1) Philippe Pozzo di Borgo Der Hundertjährige, der aus demZiemlich beste Freunde Fenster stieg und verschwand Hanser Berlin; 14,90 Euro Carl’s Books; 14,99 Euro2 (3) Rolf Dobelli 2 (2) Suzanne CollinsDie Kunst des klaren Denkens Die Tribute von Panem –Hanser; 14,90 Euro Gefährliche Liebe Oetinger; 17,95 Euro3 (2) Samuel Koch/Christoph Fasel 3 (4) Suzanne CollinsZwei Leben Die Tribute von Panem –Adeo; 17,99 Euro Flammender Zorn Oetinger; 18,95 Euro4 (7) Hans-Ulrich Grimm 4 (3) Suzanne CollinsVom Verzehr wird abgeraten Die Tribute von Panem – Tödliche Droemer; 18 Euro Spiele Oetinger; 17,90 Euro5 (4) Joachim Gauck 5 (6) Jean-Luc BannalecFreiheit Kösel; 10 Euro Bretonische Verhältnisse Kiepenheuer & Witsch; 14,99 Euro 6 (6) Norbert RobersJoachim Gauck – Vom Pastor zum 6 (5) Jussi Adler-OlsenPräsidenten – Die Biografie Das Alphabethaus Koehler & Amelang; 19,90 Euro dtv; 15,90 Euro7 (5) Carsten Maschmeyer 7 (8) Sarah Lark Selfmade Die Tränen der Maori-GöttinAriston; 19,99 Euro Bastei Lübbe; 15,99 Euro8 (8) Jürgen Domian 8 (10) Josephine AngeliniInterview mit dem Tod Göttlich verlorenGütersloher Verlagshaus; 16,99 Euro Dressler; 19,95 Euro9 (16) Adam Zamovski 9 (7) Nicholas Sparks1812 – Napoleons Feldzug in Mein Weg zu dirRussland C.H. Beck; 29,95 Euro Heyne; 19,99 Euro10 (17) Dieter Nuhr10 (14) Michael RobothamDer ultimative Ratgeber für allesDer Insider Bastei Lübbe; 12,99 Euro Goldmann; 14,99 Euro11(9) Bill Mockridge11 (9)Dora HeldtJe oller, je dollerBei Hitze ist es wenigstens Scherz; 14,99 Euronicht kalt dtv; 14,90 Euro12 (11) Martin Walker 12(–) David GraeberDelikatessenSchulden – Die Diogenes; 22,90 Euroersten 5000 JahreKlett-Cotta; 26,95 Euro13 (15) Jussi Adler-OlsenErlösung dtv; 14,90 Euro14 (18) Jussi Adler-OlsenSchändung dtv; 14,90 EuroAntikapitalistischesGeschichtswerk des15 (–)Rachel Joyce AnthropologenDie unwahrscheinliche Pilgerreise und Occupy-Aktivistendes Harold Fry Krüger; 18,99 Euro16 (17) Markus Heitz13 (10) Joe BauschOneiros – Tödlicher Fluch Knast Ullstein; 19,99 Euro Knaur; 14,99 Euro14 (13) Walter Isaacson17 (20) Arne Dahl Steve JobsC. Bertelsmann; 24,99 EuroGier Piper; 16,99 Euro15Thomas Kistner(–)18 (–) Sten Nadolny Fifa-Mafia Droemer; 19,99 Euro Weitlings16 (12) Gunter Frank SommerfrischeSchlechte Medizin – Ein Wutbuch Piper; 16,99 EuroKnaus; 16,99 Euro17(–) Norbert BlümEhrliche Arbeit – Ein Angriff auf denEin Segelunfall versetztFinanzkapitalismus und seine Raffgiereinen Berliner RichterGütersloher Verlagshaus; 19,99 Euro 50 Jahre zurück in 18 (15) Hans Küng seine Jugend: Latein Jesus Piper; 19,99 Euround Strafarbeiten19 (20) Cid Jonas Gutenrath19 (12) Susanne Fröhlich110 – Ein Bulle hört zu – Aus derLackschaden Notrufzentrale der Polizei Krüger; 16,99 Euro Ullstein extra; 14,99 Euro20 (13) Ursula Poznanski20 (14) Wibke BruhnsFünfNachrichtenzeit Wunderlich; 14,95 Euro Droemer; 22,99 EuroD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2139
  • 116. KulturE S S AYDateien kann man nicht lieben Von Elke SchmitterE rst mal: eine Erinnerung. Nicht nur, weil es schön ist, in Aus den Hitparaden herausoperiert, Ansagereste vorn und die Erinnerungen zu schwelgen. Sondern auch, weil das Schlusstakte abgeschnitten, aus lauter Nervosität, um dem Ge- Gedächtnis unser Maßstab für die erlebte Gegenwart ist – quatsche des Moderators zuvorzukommen. Verschenkte, ge-spontan, intuitiv und rechthaberisch. Denn wie es war, so war schenkte Pretiosen: Kassetten mit unversehrten Songs, sorgsames meistens gut, schon weil man selbst die Hauptfigur der ei- beschriftete Einlegeblätter, vorn mit Bildern beklebt. Einblickegenen, inneren Geschichte ist und weil man möchte, dass sie in die Seele der Klassenkameraden, der Kommilitonen. Wunder-so und nicht anders sinnvoll war. Undsame Expeditionen in die Gefühlswelt,schließlich, weil in der gegenwärtigen La- denn nichts berührt die Seele so unmit-ge drei Generationen, mindestens, mit- telbar wie Musik: die weltabgewandteeinander klarkommen müssen. DreimalEntschiedenheit, mit der Glenn GouldsErziehung des Herzens mit demselbenlinke Hand über das Elfenbein wandert,und zugleich ganz anderem Material: diesein Summen und leises Stöhnen im lang-Kinder der Bits & Bytes, die Kassetten-samen Satz des E-Dur-Konzerts vonGeneration und die Musiktruhen-Inhaber.Bach. Die raue Erotik von Marvin Gaye, In meinem Vaterhaus stand so einJoan Baez’ ergreifende, klagende Inner-Ding. Kompakt und elegant, schimmerndlichkeit, die kehligen Schreie von Janisund voller Geheimnis. Eine Art Hausbar Joplin – Appelle an unseren ersten sozia-der Musik, Betreten nur den Befugten len Sinn: unser Vermögen, zu hören underlaubt. Man konnte Radio hören undzu begreifen, dass da noch etwas außerPlatten auflegen, man musste behutsamuns ist, das ein Bewusstsein hat und mitsein: den Regler am Radio langsam dre- dem wir in Verbindung sind. Denn wirhen, an Wörtern wie „Vatikan“ und „Lu- können die Augen schließen, aber diexemburg“ entlang zu „Paris II“, „Lon-Ohren nicht.don“ und „AFN“. Zwischen Rauschen Bald kam auch die erste eigene Samm-und Fiepen und Gemurmel in fremden lung, die langsam, aber unaufhörlich PERGAN / INTERFOTOSprachen, zwischen Störgeräuschen undwuchs und sich um Musik von FreundenSprachgeschnatter den richtigen Sender erweiterte. Die Gewöhnung an anderefinden, den coolen Swing, die großen Sounds, weil sie als Gesten des Vertrau-Heuler des Pop und den elementaren ens und der Zuneigung gewidmet wor-Soul zwischen Orgelkonzerten und Wirt- Sängerin Manuela mit Musiktruhe, um 1965den waren und weil es eine zwar virtuellschaftsgesprächen aus der unermessli-schon unendliche, aber praktisch dochchen Tiefe ziehen. Sich die richtigen In meinem Vaterhaus standendliche Auswahl gab: Irgendwann rissenPositionsmarkierungen merken und den-die Bänder oder verwickelten sich, wur-noch mit dem Zufall befreundet sein. Umso ein Ding. Kompakt undden mit zahllosen kleinen Drehungendann, wenn man endlich allein im Wohn-voller Geheimnis. Eine Art notdürftig wieder aufgespult, leiertenzimmer war, die Plattensammlung zu en- aus. Die metallische, nervensägendetern: ein Block von vielleicht 30 unhand-Hausbar der Musik.Stimme von Joni Mitchell habe ichlichen Hüllen, die vorn und hinten opu-schließlich nur geliebt, weil ich sie jahre-lent mit faszinierenden Bildern, aber auch kruden Informatio- lang hörte, aus Mangel an anderem Stoff. Musik war ein teuresnen versehen sind. Da stand das Copyright, irgendein Produ- Vergnügen, wenn man sie fertig, perfekt und nagelneu kaufte.zent, irgendein Studio, alles uninteressant. Entscheidend nurEine Lehre aus der Beschränkung: Gute Musik bleibt guteder Moment, nach dem der Tonarm an der richtigen Stelle ge- Musik, egal wie oft man sie hört. Sie vernetzt sich jedes Mallandet war, die Nadel die Rille gefunden hatte: Musik. Die neu mit der Situation und reichert sich so zu einem inneren„Brandenburgischen Konzerte“ in immer derselben Einspielung, Zeitspeicher an. Nicht nur, weil jedes erneute Hören das erstedas Musical „Hair“ in unabwendbarer Reihenfolge der Songs, Mal wieder evoziert. Sondern auch, weil in dieser Kreidezeit„Lady Madonna“ mit dem Kratzer an verlässlich derselben der Musikindustrie die Aneignung der Materie, das Aufnehmen,Stelle. Musik als Rausch der Wiederholung, als fliegender Tep- das Tauschen und Überspielen, das Beschriften und Überschrei-pich für Tagesreste und Hoffnungen aller Art, Musik als passi- ben, das Basteln und Kleben eine Biografie der eigenen Artver, geduldiger Freund, als Objekt der Eroberung und als wachsen ließ: in einem Stapel zerkratzter, geschundener, ge-Initiator der inneren Ausschweifung. Gespeichert in einem heiligter Kassettenhüllen aus Kunststoff. Und in einer LP-luxuriösen Tresor, so geheimnisvoll wie ein Auto und von kom- Sammlung, deren Erwerb lange Erwägungen vorausgegangenpakter und objektiver Qualität.waren: die ganze Platte und ein volles Taschengeld wegen nur Phase II: der phantastische Bandsalat. Der erste Kassetten- eines Songs, wegen der schimmernden Hülle, wegen des Di-recorder, natürlich schwarz, und die erste eigene Sammlung. stinktionsgewinns oder trotz ihres entlarvenden Biedersinns?140D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 117. Zeige mir deine Sammlung, und ich sage dir, wer du bist (also wird das System durch das kollektive Vertrauen. Das wiederumCat Stevens schnell unters Bett, wenn der Stones-Fan kommt! schwindet mit jedem Mal, da ein Banker aus sportlichem TriebBis, morgens um drei, vielleicht doch das Herz durch die Stäbe oder aus Versehen ein paar hundert Millionen versenkt oderbricht). Bei jedem Umzug die Prüfung, wer man inzwischen wir uns vorzustellen versuchen, was eine öffentliche Verschul-sei, was vom akustischen Poesiealbum in die nächste Lebens- dung von 2038 Milliarden für die deutsche Allgemeinheit – sol-phase gerettet wird, wofür man sich vor sich selbst schämt und len wir das sein? – bedeutet. Es erodiert außerdem durch diewas man bewahren will. Der taumelnde und langsam wach- Erfahrung, dass, während die virtuelle Geldmenge ständigsende Respekt vor der gelebten Vergangenheit und der Kunst, wächst, die realen Lebensverhältnisse für sehr viele Menschendie sich nichts daraus macht, weil das „Köln Concert“ eine schlechter geworden sind: Gerechtigkeit, der Glaube ans GeldSternstunde bleibt, ganz egal, wie man darüber denkt. Das und der an die Gemeinschaft gehören nicht nur moralisch, son-alles passt in eine Kiste, die wertvoller ist als fast alles andere, dern auch funktional zusammen.denn es ist Materie, die durch aktive Andacht entstanden ist.WErhört, betastet, betrachtet, gesammelt, gesampelt.enn wir heute in einem abstrakten Zeichensystem, Heute reicht meine Lebenserwartung noch aus, um irgend- gebildet aus Buchstaben und Zahlen, Güter tauschen,wann alles zu hören, was auf meiner Festplatte liegt. Aber die erwerben oder legal wie illegal downloaden, bewegenSammlung wächst, und ich sehe den Zeitpunkt kommen, da wir uns in einem vergleichbaren Funktionskreislauf. So, wieLebenszeit und Musikdateien nicht mehr kompatibel sein wer- das Geld im Supermarkt beglaubigt werden muss, indem manden. Die letzten CDs führen ein staubiges Dasein; es sind Er- wirklich etwas für diese Zeichen bekommt, so wird auch dieinnerungsstücke darunter, die sich wohl halten werden, bis die Musik der Dateien immer wieder „real“: in einem Konzert, innächste technische Umdrehung dieses Speichermedium un- einem Club, bei einer Autofahrt. Diese Revitalisierung im At-brauchbar macht. Ich höre meine Musik mit einem Gerät, mit mosphärischen ist nötig, weil die Sache selbst sonst ihre Auradem ich filmen und telefonieren, ein Ho-verliert. Der Kauf oder die Inbesitznah-tel in Australien googeln und eine E-Mail me aber ist ein blitzschneller Vorgangschreiben kann, Flüge kaufen und Schul- ohne lebensweltliche Spuren, und dasden machen. Jeder einzelne Song, jedesneutralisiert nicht nur die Prozedur, son-Konzert ist von blendender Klangquali-dern entwertet auch die Objekte – mög-tät und zugleich Musik ohne Eigenschaf- licherweise nicht in ihrem Gebrauch,ten; unsichtbar, unantastbar, durch einen aber sicher in ihrem Handelswert. Es gibtKlick zu haben und zugleich fern wieunermesslich viele davon im Netz. Es istnie. Sie löst kein Besitzgefühl mehr aus, schwer einzusehen, warum manche Gelddenn es gibt keinen langen Weg der An-kosten und andere nicht. Der legale Kaufeignung mehr. und das illegale Beschaffen sind Hand- Ein paar Klicks – die immergleichen, lungen, die sich kaum unterscheiden. Amegal wo ich bin –, damit ein DatensatzEnde ist alles eine Datei.sich zu den anderen gesellt. Es ist egal,Was neuer Fetisch wird, darüber lässtwie viele Datensätze es sind, denn es ist sich nur spekulieren.Platz für alle da, und nichts muss abge- Es bilden sich bereits neue, weil Kunststaubt und umsortiert werden, kein Re-der Erfahrung möglichst vieler Sinne be-galbrett biegt sich unter der Last, keindarf, um begehrt und erlebt zu werden.vergessenes Exemplar taucht beim Um-Nicht die Qualität der Musik, sondernzug hinter dem Schrank wieder auf. Es das große Spektakel drum herum oderGETTY IMAGESgibt keine materiellen Zufälle, keine die intime Gegenwärtigkeit treibt dieUnfälle mehr. Die Verwaltung der Au-Liebhaber zu Madonna, den Stones unddiothek hat ihre Tücken auf den Daten-in den Club. Und Kammermusik ist nichtschreibtisch verlagert, in dessen uner-iPod-Nutzerinnur schöner, wenn man hört, wie siemesslichen Tiefen vieles verschwindet,gemacht wird – man versteht sie auchweil es keine Eigenschaften mehr hat. Das alles ist nicht meins.besser, wenn man die Leute bei der Ar-Keine knallbunten Hüllen, keine abge- beit sieht.stoßenen Ecken und keine WidmungenEs ist ein potentiellesSicher ist nur: Das Dateiwesen breitetmehr. Brendels Schubert von 1972, diesinnliches Ereignis bar jeder sich aus, legal wie illegal. Vielleichterste Aufnahme des Buena Vista Social lohnt es sich bald auch nicht mehr, jedesClub, die letzten Seufzer von Amy Wine-Sinnlichkeit.Jahr fast 100 000 neue deutschsprachigehouse: auf dem Bildschirm eine Zeile in Bücher zu drucken, und auch das wärederselben Schrift, und irgendwo dahinter eine Codierung von kein Weltuntergang. Books-on-Demand schonen die Umwelt,0 und 1. Das alles ist nicht „meins“. Es ist ein potentielles sinn- und vielleicht entstehen so wieder Bibliotheken, die Kostbar-liches Ereignis bar jeder Sinnlichkeit.keitsspeicher sind. Gewiss aber brauchen wir einen Gesell- schaftsvertrag, der auf das Verschwinden der alten WarenformDie Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun entwi- reagiert. Der Gerechtigkeit und Wertschätzung in einen me-ckelt in ihrem gerade erschienenen, bemerkenswerten dialen Kreislauf bringt, in dem es keine sinnlichen TrägerBuch „Der Preis des Geldes“ die These, der immate- mehr gibt und in dem nur noch Zeichen kursieren. Dateienrielle Geldbesitz führe zur Gier, weil er unbewusst Angst er- lösen keine Gefühle aus – keinen Besitzerstolz, keine Erinne-zeuge. Dagobert Duck, der in seinen Talern badet, vergewissert rung, keinen Genuss beim Betrachten, Verschönern, Pflegen,sich so seines Eigentums. Wer heute am Bildschirm Zeichen Verschenken. Und kein schlechtes Gewissen beim Klauen.bewegt und damit Gewinne macht, bewegt sich in den eisigsten Die Message des Mediums lautet: Ich bin verwechselbar, un-Höhen der Abstraktion. Das sich per Mausklick vermehrende persönlich, inflationär.Geld, das die EU-Staaten gerade schöpfen, um Volkswirtschaf-Die Geräte, sie sind das einzig Materielle, das uns bleibt;ten zu stützen, hat keine materielle Erscheinungsform und das Einzige, das uns etwas wert zu sein scheint. Vielleicht istlängst keinen „Gegenwert“ mehr – es sind Zeichen der Hoff- eine neue Gerätesteuer die richtige Lösung.nung, die zugleich Zeichen der Verzweiflung sind. BeglaubigtDie alten Träger der Aura sind jedenfalls futsch.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 141
  • 118. KulturLeicht verwischt Eine New Yorker Ausstellung untersucht, ob der deutscheKUNSTKRITIK:Malerstar Gerhard Richter als Denkmal der Gegenwartskunst taugt.Seit fast zehn Jahren fotografiert Selbstmörder aus Stammheim, auf denen mals war der Markt ignorant, heute kannHasan Elahi, geboren in Bangla- sein Gemäldezyklus „18. Oktober 1977“ er nicht genug von Richter bekommen.desch, aufgewachsen in New York, beruht. Elahi will beweisen, dass er kein Allen sorgt für Nachschub. Er schicktesein Leben. Die Betten, in denen er Attentäter ist. Formal lehnt sich Elahisein paar Fotodateien mit Abbildungen ausschläft, die Mahlzeiten, die er zu sich Werk an Richter an, er versteht es aber dem SPIEGEL nach China. Dort entstan-nimmt, den Blick aus den Flugzeugen, als Waffe und lädt diese mit Angriffslust. den die falschen Sechziger-Jahre-Richtersin denen er reist, sogar die Toiletten, die Es gibt – das zeigt die Ausstellung – in einer dieser Klitschen, in denen für einer benutzt.diese und es gibt andere Möglichkeiten,paar Dollar auch eine Mona Lisa zu haben Elahi, 40, hat seine Gründe. Das FBI mit dem deutschen Idol umzugehen. ist. Das mag respektlos wirken, denn Al-setzte ihn nach den Anschlägen von 2001 Ziemlich lässig erscheint die des ameri-len korrigierte das Urteil des Malers.auf die Liste möglicher Terroristen. Er kanischen Filmemachers, Künstlers und Letztlich hat er ebenfalls große Konzept-wurde verhört, immer wieder, monate- Bloggers Greg Allen. Er hat Bilder von kunst geschaffen. Fachleute sprechen vonlang. Man hielt seine Herkunft für ver- Richter noch einmal malen lassen, und „Appropriation Art“, wenn Künstler frem-dächtig, seinen Namen, die vielende Kompositionen zur GrundlageFlugmeilen. Damals fand Elahi, ihres eigenen Schaffens machen.ein Künstler, sein Lebensthema:Allen sagt, diese Malerei betrach-Er überwacht sich seither selbst.te er sehr wohl als seine eigene. Dem FBI nimmt er viel Arbeit Seine Ausstellungsstücke sindab. Wenn die Beamten wollen, Bilder nach Bildern von Bildernkönnen sie seine – verwirrendnach Bildern. Konkreter: Gemäl-detailreiche – Internetseite be- de nach Jpegs von GemäldenCOURTESY OF GREG ALLEN AND POSTMASTERS GALLERY, NEW YORKsuchen oder sich derzeit die Auf-nach Abbildungen, die Richternahmen von 672 Kloschüsseln in einst aus Zeitungen ausriss. Undder Postmasters Gallery in New Allen selbst hat fast keinen Fin-York ansehen.ger rühren müssen. Dort an der weißen Wand hän- In dieser Schau wird auch klar:gen die Fotos, akkurat sortiert. Man sollte sich als Künstler nieDas Werk sieht aus wie klassischeden Spaß verderben lassen, auchKonzeptkunst, gepaart jedoch mit nicht, wenn man es nicht so weitGalgenhumor. Und es überrascht gebracht hat wie Richter. Davidnur im ersten Moment, dass diese Diao findet jedoch, ein wenigInszenierung Teil einer Gruppen- mehr Anerkennung verdient zuschau ist, die sich mit dem deut-haben. Der Künstler ist Amerika-schen Maler Gerhard Richter aus- ner chinesischer Herkunft. Diao,einandersetzt. Es geht um Rich-69, hatte in den späten Sechzi-ters Status als lebendes Denkmal. Allen-Werk „Zerstörtes Richter-Gemälde Nr. 4“gern, also lange vor dem Deut-Zu viel Ehrfurcht darf man von schen, die Idee, bei abstraktender Ausstellung mit dem TitelKompositionen den Pinsel durch„Richteriana“ aber nicht erwarten. eine Art Spachtel zu ersetzen. Richter, 80, ist einer der teuersten le- zwar solche, die der strenge Maler vor Später knüpfte sich Diao einen Artikelbenden Maler der Welt, ein Star in beiden fast 50 Jahren eigenhändig zerschnitten aus einem Fachmagazin vor, der GerhardDisziplinen, in der Abstraktion und in hat, weil er mit ihnen unzufrieden war.Richter gewidmet war. Er vergrößerteeiner – bei ihm typischen, leicht verwischt Ein Kriegsschiff, eine Frau im Bikini, einden Text, rahmte ihn, zuvor aber ersetztewirkenden – Gegenständlichkeit. Diese Familienporträt, so etwas.er den Namen des Deutschen durch sei-figurativen Bilder entstehen seit vielenAufmerksam wurde Allen, 45, auf die nen eigenen, die Abbildungen von Rich-Jahrzehnten nach Fotos.vernichteten Bilder durch einen Artikelters Werken durch Abbildungen seiner Aus seinem Fundus an eigenen und im SPIEGEL (5/2012). Richter ließ sich im eigenen Gemälde.fremden fotografischen Aufnahmen schuf Laufe seiner Karriere ja selbst durch Pres- Aus Richter wurde Diao. Auch so kannRichter sogar ein eigenes, stetig wachsen- seberichte zu Kunstwerken anregen – ge-man Kunstgeschichte schreiben.des Kunstwerk, das er „Atlas“ nannte. legentlich auch durch solche im SPIEGEL.ULRIKE KNÖFELDas Konvolut besteht aus etwa 15 000 Fo-Der Hinweis darauf, dass die nichttos, sorgfältig arrangiert auf 783 Tafeln. mehr vorhandenen Richter-Gemälde heu-Politisches ist dabei, auch Privates.te viele Millionen wert wären, brachte360°-Foto: In Elahis Werk steckt viel vom „Atlas“, Allen dazu, aus seinem Werk über Rich-Die Ausstellung „Richte-und doch ist es anders. Richter verwaltet ter auch ein Werk über den Kunstmarktriana“ im Panoramaseine Inspirationen, Elahi dokumentiert zu machen. Denn der Maler hatte einige Für Smartphone-Benutzer:seinen Alltag. Richter archiviert Aufnah- der später vernichteten Gemälde 1964 – Bildcode scannen, etwa mitmen wie die von den Leichen der RAF- vergebens – zum Kauf angeboten. Da- der App „Scanlife“.142 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 119. Jeden Tag. 24 Stunden. MONTAG, 28. 5. | SAT.1 SPIEGEL TV REPORTAGE Die Sendung entfällt aufgrund des Pfingstsonderprogramms. SONNTAG, 3. 6., 22.15 – 23.00 UHR | RTL SPIEGEL TV MAGAZIN Tausendfacher Protest – Hamburger ge- gen Neonazi-Demo; Nervenkitzel über den Wolken – Das lebensgefährliche Hobby der Skywalker; Rette sich, wer kann! – Griechische Millionäre verlas- sen das sinkende Schiff.ANDREAS GEBERT / DPA SAMSTAG, 2. 6., 22.00 – 23.20 UHR | SKY SPIEGEL TV GESCHICHTE 2. Juni 1967 – Der Tod des Benno Ohnesorg Als der Student Benno Ohnesorg am THEMA DER WOCHE Rande einer Demonstration gegen Generalprobe für Jogis Jungsden Besuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967 in Berlin von einer Polizeikugel tödlich getroffen wird, Wer darf in die Ukraine reisen? Bis Diens-ahnt niemand, dass dieses Ereignis tag muss Bundestrainer Joachim Löwzur Initialzündung der Studenten- revolte werden würde. Der Schütze, seinen endgültigen Kader für die Fußball- Karl-Heinz Kurras, berief sich auf EM bekanntgeben – und vier SpielerINA FASSBENDER / REUTERS aus seinem vorläufigen Aufgebot streichen. Am Donnerstag geht es dann zum Test- spiel gegen Israel. Mit SPIEGEL ONLINE sind Sie bei den Entscheidungen live dabei.SPIEGEL TV POLITIK | Links ruckelt sich zurecht Die Linkspartei braucht nach Wahlpleiten und Machtkampf dringend ein Erfolgserlebnis. Auf ihrem Parteitag in Göttingen Kurras-Opfer Ohnesorg 1967 küren die zerstrittenen Genossen ihre neue Führungsspitze. Notwehr und wurde freigesprochen, PANORAMA | Botenstoffe und Beuteschemadoch Zweifel an seiner Verteidigungs- Der Bauch kribbelt, das Herz klopft – aber wo ist die Liebe linie blieben. Recherchen des SPIE- wirklich zu Hause? Ein Besuch beim Biopsychologen GEL belegen anhand von Filmaufnah- Peter Walschburger, einem Experten für Frühlingsgefühle.men und Fotos, dass der Täter offen- bar unbedrängt auf sein Opfer schoss. NETZWELT | Lernt Programmieren! Es wird Zeit für die digitale Aufklärung: Warum wir jetzt alle zumindestMITTWOCH, 30. 5., 16.45 – 17.30 UHR | ARTE ein kleines bisschen lernen müssen, wie man ComputerDie Swanen – Leben mit den Ahnen programmiert – und wie das am besten funktioniert. Ein Plädoyer.Ein Bergvolk im Kaukasus In einem schwer zugänglichen Tal des Großen Kaukasus lebt der Stamm der Swanen. Isoliert durch Bergketten,| Stuss am Schluss haben die Swanen bis heute ihre eige-Alles hat ein Ende, nur der Film hat zwei! ne Kultur und Sprache erhalten. SieUm den nächsten großen Kinohit zu landen,pflegen ein besonderes Verhältnis zugreifen Hollywood-Studios oft in letzter ihren Verstorbenen. Sie glauben, dassSekunde zur Schere und lassen ein völlig die Seelen der Toten in regelmäßigenneues Ende nachdrehen – auch wenn es gar Abständen wieder zurückkehren. Innicht zum Rest des Films passt. einestages.deKriegszeiten oder während Blutfeh-DDP IMAGESverrät, wie „Pretty Woman“, „Rambo“ undden boten die Wehrtürme in den Dör-Co. ursprünglich ausgehen sollten. fern den Sippen Schutz vor ihren Feinden. SPIEGEL-TV-Autor Andreas Lünser hat die Swanen besucht und www.spiegel.de – Schneller wissen, was wichtig istihren Alltag dokumentiert. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2145
  • 120. RegisterGESTORBENerst hatte sein „Titanic Requiem“ mit dem Royal Philharmonic Orchestra Urauffüh-Kurt Felix, 71. So hätte man es sich imrung. Robin Gibb starb am 20. Mai inechten Leben gewünscht: dass im ärgstenLondon an Krebs.Schlamassel der freundliche Kurt Felixum die Ecke kommt und einem erklärt, Abd al-Bassit al-Mikrahi, 60. Er war derdas Auto sei gar nicht einzige Verurteilte im Fall Lockerbie, undabgeschleppt wordenbis zuletzt beteuerte der libysche Agentund das Urlaubs- seine Unschuld. Bei dem Bombenan-gepäck auch nichtschlag auf einen PanAm-Jumbo, der amverlorengegangen; da 21. Dezember 1988 über Schottland ab-hinter der Säule habestürzte, starben 270 Menschen. Das FBIer nämlich eine Ka-hielt Mikrahi, den ehemaligen Sicherheits-mera versteckt, undchef der staatlichen libyschen Fluglinie,man selbst sei der für den Hauptverdächtigen, weil Texti-Star der nächstenlien, die er angeblich auf Malta gekauftAusgabe von „Verste- hatte, ein Zünderfragment des Spreng-IMAGOhen Sie Spaß?“. Ob satzes anhaftete. Nach seiner Überstel-er nun eine Telefon- lung von Libyen an die Niederlande wur-zelle samt Benutzer wie von unsichtbarer de ihm dort der Prozess nach schotti-Hand in die Höhe hieven ließ oder demschem Recht gemacht. MerkwürdigkeitenMassenchorleiter Gotthilf Fischer eine fal-begleiteten das Verfahren; so entpupptesche Queen in die Probe schickte: Wutsich der Kronzeuge der Anklage alsund Ärger schlugen schnell in gemeinsa- langjähriger CIA-In-mes Gelächter um, denn böse sein konnte formant. Das GerichtMANOOCHER DEGHATI / PICTURE-ALLIANCE / DPAman dem sanftmütigen Schweizer nurverurteilte Mikrahischwer. In den sechziger Jahren hatte er2001 zu einer lebens-im Hauptberuf als Lehrer gearbeitet und langen Freiheitsstrafe,nebenbei fürs Radio. „Teleboy“, seine ers-und Gaddafis Regimete Sendung mit Streichen, war sein Durch- zahlte 2,7 Milliardenbruch im Schweizer Fernsehen. 1980Dollar Entschädi-wechselte er zur ARD. Felix war ein har-gung, um eine Aufhe-ter Arbeiter, er galt als bescheiden. Show- bung der SanktionenGlamour verlieh ihm seine Frau und Co-gegen das Land zu er-Moderatorin, die Schlagersängerin Paola.wirken – wenngleichNach seinem 50. Geburtstag zog er sichunklar blieb, inwie-von der Bühne zurück, um hinter der Ka-weit der libysche Diktator selbst über diemera weiterzuarbeiten. Kurt Felix starbVerwicklungen seiner Geheimdienste Be-am 16. Mai nach langer Krankheit in sei- scheid wusste. 2009 wurde Mikrahi wegenner Heimatstadt St. Gallen.seiner Krebserkrankung aus schottischer Haft entlassen, was zu scharfer Kritik ausRobin Gibb, 62. Es gibt viele Familien- den USA führte. Abd al-Bassit al-Mikrahibands im Pop, kaum eine war erfolgrei- starb am 20. Mai in Tripolis.cher als die Bee Gees, die Robin Gibb zu-sammen mit seinen Brüdern Maurice und Roman Dumbadse, 47. Der georgischeBarry schon 1960 gründete, da waren sie Generalmajor a. D. bezahlte seine Geg-noch Kinder. Kurz vorher war die Familie nerschaft zum autoritären Präsidentenvon England nach Australien ausgewan- Micheil Saakaschwili mit dem Leben. Derdert. Als sie ab 1967 ihre ersten großen noch in der Sowjetära geschulte MilitärHits hatten, wurden sie als Beatles-Nach- hielt den Konfrontationskurs seinesfolger gehandelt. Robin war der ewige Staatschefs gegenüber Russland für ver-Zweite, der kreative Kopf der Band. Welt- hängnisvoll. Im Frühjahr 2004 unterstellteruhm erlangten die drei allerdings erst, er sich der moskaufreundlichen Regie-als sie sich dem Disco-Sound zuwandten rung der georgischen autonomen Repu-und Klassiker schufen wie „Stayin’ Alive“, blik Adscharien, die sich der Zentralre-„How Deep Is Yourgierung in Tiflis widersetzte. DeswegenLove“ und „Night Fe- ließ Saakaschwili ihn verhaften und 2006ver“ vom Soundtrackzu 17 Jahren Gefängnis verurteilen. Nachdes Films „Saturdaydem Fünftagekrieg zwischen RusslandNight Fever“. Derund Georgien 2008 kam er im Zuge einesstand 1978 fast einGefangenenaustausches frei. Der Ex-halbes Jahr lang auf Militär zog nach Moskau, wo er 2010 dieCONTRAST / ACTION PRESSdem ersten Platz der russische Staatsbürgerschaft erhielt. Ro-US-Charts.Robinman Dumbadse starb am 21. Mai beiGibb blieb bis zu sei- einem mutmaßlich von georgischen Ge-nem Tod produktiv, heimdienstlern verübten Mordanschlagvor wenigen Wochen in Moskau.146 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 121. PersonalienJohannes Teyssen, 52, Vorstandschef desEnergiekonzerns E.on, unternahm ver-gangene Woche eine kleine Expeditionins ewige Eis. Rund 1200 Kilometer vomNordpol entfernt, machte der Top-Mana-ger erste Erfahrungen als Fahrer einesSchneemobils – leichte Schwierigkeitenbei der Steuerung der wuchtigen Yama-ha-Maschine inklusive. Teyssen war füreine dreitägige Konferenz über umwelt-freundliche Technologien auf die norwe-gische Insel Spitzbergen gereist. In Ny-Alesund, der nördlichsten permanent be-wohnten Siedlung der Welt, erforschenWissenschaftler in bis zu 14 Forschungs-stationen die Auswirkungen des Klima-wandels. Der Top-Manager nutzte einePause für die Erkundung der Gegend.Weil auf der Inselgruppe mehr Eisbären MEHDI FEDOUACH / AFPals Menschen leben, fand Teyssens Aus-flug mit bewaffneter Begleitung statt. DieTiere blieben aber in Deckung.Olivier Giroud, 25, bester Torjäger Frank-Taubira (4. v. r.), Basketballer des Gefängnisturniersreichs und neuer Landesmeister mit demClub HSC Montpellier, wagt einen Tabu-Christiane Taubira, 60, frischgekürte Jus-Ulrich Kelber, 44, fülliger SPD-Fraktions- bruch. Der „französische Beckham“ po-tizministerin in Frankreich, hatte bei ih-vize im Bundestag, fühlt sich durch die siert mit nacktem Oberkörper auf demrem ersten offiziellen Auftritt großesBerufung des ebenfalls vollschlanken Pe-Pech. Die aus Französisch-Guyana stam-ter Altmaier zum Bundesminister ge-mende ehemalige Wirtschaftsprofessorinstärkt. „Die Dicken sind ja keine schlech-besuchte am vorvergangenen Freitag, ten Umweltpolitiker“, kommentierte Kel-zwei Tage nach Amtsantritt, den Pariser ber die überraschende Beförderung desSportpalast Bercy, um sich ein Basketball-CDU-Kollegen im Kurznachrichtendienstspiel mit Häftlingen und Mitgliedern desTwitter. Zum Beleg nahm Kelber SPD-Wachpersonals anzusehen. Einer derChef Sigmar Gabriel, ehemals Bundes-Spieler, ein wegen Diebstahls und Hehle-umweltminister. Gabriel reagierte spöt-rei einsitzender Georgier, nutzte die Ge- tisch auf die Anspielung: „Du bist unsererlegenheit und flüchtete nach dem Match. Gewichtsklasse ja abtrünnig geworden“,Die linksgerichtete Ministerin sieht sich stichelte er wiederum gegen Kelber. Stim-dem Hohn der Konservativen ausgesetzt:me nicht, konterte der, „ich bin wieder„Erster öffentlicher Auftritt von Frau Tau- dabei“. Offenbar hatte Gabriel nicht re-bira, erster gelungener Häftlingsaus- gistriert, dass eine kürzlich befolgte Sport-bruch“, spottete ein Abgeordneter in ei-und Salatkur des Kollegen ohne bleiben-ner Pressemitteilung. den Erfolg geblieben war. DANIEL RIERA / TÊTU ZITAT„Es geht um dieGiroud als Coverboy von „Têtu“ Ohren, darum geht’s.Titel des Pariser Magazins für Homos Ich habe diese und Lesben „Têtu“. Der glücklich verhei-ratete Sportler habe das Angebot sofort Ohren. Insofern binangenommen, erklärt die Redaktion. Ge-rade im oft homophoben Fußballermilieu ich die nahe-sei das keine Selbstverständlichkeit. „Ich liegendste Wahl.“mache keinen Unterschied zwischen Ho-mos und Heteros“, sagt Giroud im Inter-view. Er könne nicht abschätzen, welcheAuswirkungen der „Têtu“-Titel habenWill Smith, 43, Hollywood-Star, aufMAJA HITIJ / DAPDwerde. „Aber ich würde mich freuen,die Frage, ob er sich vorstellen kann,wenn ich dazu beitragen kann, etwas amden US-Präsidenten Barack Obama Blick und an den Mentalitäten zu än-darzustellendern.“148D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 122. Gilad Schalit, 25, ehemaliger israelischer Soldat, der über fünf Jahre in Hamas- Gefangenschaft war, durfte bei Dreh- arbeiten für die neue Staffel der US-Serie „Homeland“ in Israel zuschauen. Ge- dreht wurde auf dem Flohmarkt von Jaffa – und der bekennende „Home- land“-Fan Schalit stahl den Schauspielern Claire Danes und Damian Lewis die Show. Passanten interessierten sich mehr für ihn als für die Amerikaner. Schalit ist seit sei- ner Freilassung so gut wie nie in der Öffentlichkeit auf- getreten, doch je- der in Israel kennt sein Gesicht – da- MEIR PARTUSH / FLASH90 ran ändert auch die Sonnenbrille nichts, die er meistens trägt. Vieles in der Serie dürfte dem Is- raeli bekannt vor- Schalit (r.) kommen, denn es geht um einen von al-Qaida entführten US-Soldaten, der nach Hause zurück- kehrt. Ob es irgendetwas gebe, was er aus seiner Erfahrung als Gefangener gern hinzufügen würde, fragte ihn einer der Schauspieler. „Nein, nicht wirklich“, sag- te Schalit. Eine Rolle als Statist lehnte er dankend ab. Dirk Niebel, 49, Entwicklungshilfeminis-Rihanna, 24, aus Barbadoster im Bundeskabinett, sorgt mit seinerstammende Popsängerin, Personalpolitik für Unruhe im Ministe-weckt bei den Superstars rium. Wie in einem internen SchreibenBeyoncé und Jay-Z Beschüt- von Niebels Staatssekretär Hans-Jürgenzerinstinkte. Die MusikerinBeerfeltz am vorvergangenen Montagwar nach einer ausschwei-bekannt wurde, soll dem Personalrat dasfenden Party in New York inStimmrecht bei der Einstellung neuerein Hospital eingeliefertMitarbeiter entzogen werden. Laut Beer-worden. Die Klatsch-Web- feltz ist das Stimmrecht – es besteht seitsite Femalefirst vermeldet,25 Jahren – „nicht rechtskonform“. DasJay-Z und Beyoncé würden Entwicklungsministerium stützt sich da- bei auf ein Gutachten des Bundesinnen-SHOOTING STAR / INTER-TOPICS„ernsthaft erwägen“, diejunge Frau in ihrer New Yor- ministeriums. Das Beratungsrecht desker Wohnung aufzunehmen, Personalrats bleibe hingegen „selbstver-um sie wieder „auf den ständlich unberührt“. Der Personalratrechten Weg zu bringen“. hatte sich mehrmals kritisch über Nie- bels Personalpolitik geäußert. Der Prüf- auftrag an das Innenministerium wurde am selben Tag erteilt, an dem ein kriti-Gerwald Claus-Brunner, 40, Pirat im Ber-Transparenz zu lösen versuchte: Er löschte scher Zwischenbericht des Personalratsliner Abgeordnetenhaus, verärgerte ver- die entsprechende Nachricht; später sperr- öffentlich wurde. Zudem wird Niebelgangene Woche nicht nur weibliche Par-te er seinen Account für die Öffentlichkeit. seinen Abteilungsleiter Planung undteimitglieder. Per KurznachrichtendienstDerzeit diskutieren die Berliner Neu- Kommunikation, Friedel Eggelmeyer, imTwitter hatte er den Befürworterinnen ei- parlamentarier über eine Frauenquote für Juli von seinen Aufgaben entbinden. Ur-ner Frauenquote vorgeworfen, sie wolltendie Kandidatenliste zur Bundestagswahl. sache dafür ist offenbar ein Streit Eggel-„auch nur Posten mit Tittenbonus“. Dar- Claus-Brunner hat sich inzwischen auf der meyers mit Staatssekretär Beerfeltz. Deraufhin brach ein Shitstorm über ihm zu- Homepage der Berliner Piraten-Fraktion Abteilungsleiter ist wie Niebel FDP-Mit-sammen, den Claus-Brunner zunächstfür seine „sexistische“ und „völlig unpas- glied und war vom Minister 2010 in seinganz entgegen dem Piraten-Gebot der sende“ Ausdrucksweise entschuldigt.Haus geholt worden.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 149
  • 123. HohlspiegelRückspiegelAus dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „InZitateeinem Gebüsch fanden die Beamten denFirmentresor. Er wurde einem HaftrichterDie „Hannoversche Allgemeine Zeitung“vorgeführt.“zum SPIEGEL-Gespräch „Ich will keineschwache Kanzlerin“ mit Arbeitsministe-rin Ursula von der Leyen (Nr. 21/2012):Bayerns Familienministerin Christine Ha-derthauer (CSU) lässt im Streit um dasBetreuungsgeld nicht locker: Sie atta-ckierte jetzt den neuen Vorschlag derBundesarbeitsministerin und CDU-VizeAus der „Oberhessischen Presse“ Ursula von der Leyen, die eine regelmä-ßige Überprüfung des Betreuungsgeldesfordert. Gegenüber dieser Zeitung sagteAus der „Main-Post“: „Doch am wich- Haderthauer: „… Diese Bevormundungtigsten war für viele, alte Schulfreundin-junger Eltern kann von der Leyen dochnen und ehemalige Lehrer zu treffen und nicht ernst meinen – das wäre Überwa-das vertraute Gefühl, wie lebendig sich chungsstaat pur.“ Bundesarbeitsministe-ihre alte Schule auch nach 300 Jahren rin von der Leyen hatte gegenüber demnoch darstellt.“SPIEGEL erklärt, nur mit Hilfe von Da-ten und Fakten könne man „ohneSchaum vor dem Mund“ über positiveund negative Folgen der geplanten staat-lichen Leistung urteilen.Die „Welt“ zum SPIEGEL-Bericht „Ham-burg – Olaf, der Allmächtige“ über dieAus der „Rheinischen Post“Frage, ob der Hamburger Senat demEnergiekonzern Vattenfall geholfen habe,sich Konkurrenten vom Leibe zu haltenBildunterschrift in der „Westfalenpost“:(Nr. 21/2012):„In dieser völlig vermüllten Wohnung inHagen wurde die vom Tod gezeichnete Die Opposition droht mit einem neuenLeiche gefunden.“ Parlamentarischen Untersuchungsaus-schuss … Auslöser war ein Bericht desNachrichten-Magazins DER SPIEGEL,wonach der Senat eine Kleine Anfrageder Grünen unvollständig beantwortetund Informationen über seine Gesprächemit dem Energiekonzern Vattenfall zu-rückgehalten haben soll.Uefa-Präsident Michel Platini äußerteAus dem „Delmenhorster Kreisblatt“sich gegenüber der Nachrichtenagenturdpa zum SPIEGEL-Interview „Sport-politik – Wir stehen für Werte“ mit demAus einem Leserbrief im „Nordbayeri-Kapitän der deutschen Fußball-National-schen Kurier“: „In keiner Stadt mit Schloss mannschaft Philipp Lahm über die De-ist es erlaubt, im angrenzenden Park Fahr-batte um die Menschenrechte im EM-rad zu fahren, Hunde angeleint laufenzu-Gastgeberland Ukraine (Nr. 19/2012):lassen, geschweige denn zu grillen.“„Er kann sagen, was er will. Das ist miregal. Herr Lahm ist nicht mein Chef. Erhat von mir nichts zu fordern. Er ist Ka-pitän der deutschen Nationalmannschaft,nicht Kapitän der Uefa“, sagte der Präsi-dent der Europäischen Fußball-Union ineinem Interview der Nachrichtenagenturdpa … Lahm hatte zuletzt im SPIEGELdie politische Führung der Ukraine wegendes Umgangs mit der inhaftierten Oppo-sitionsführerin Julia Timoschenko kriti-siert und von der Uefa gefordert, sichdeutlich zur Frage der Menschenrechtein der früheren Sowjetrepublik zu äußern.In Richtung Platini sagte er: „Ich glaube,dass er Position beziehen sollte. Und ichSchild vor einem Restaurant in Heinsbergbin gespannt, was er zu sagen hat.“150 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
    Please download to view
  • All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
    ...

    Der spiegel 2012 22

    by the-skunks

    on

    Report

    Category:

    Education

    Download: 0

    Comment: 0

    20,548

    views

    Comments

    Description

    Der Spiegel No 22 / 2012
    Download Der spiegel 2012 22

    Transcript

    • 1. Hausmitteilung26. Mai 2012 Betr.: Titel, WWF, GuruW er anderen Menschen Fragen über Tod und Sterben stellt, kommt nichtumhin, für sich selbst nach Antworten zu suchen. So begannen TitelautorinRafaela von Bredow, 45, und ihre Kolleginnen und Kollegen über das eigene Daseinnachzudenken, als sie mit Sterbenden und Hinterbliebenen, Ärzten und Pflegernüber Wege zu einem würdevollen Ende sprachen. Laura Höflinger, 24, überlegte,was sie im Leben noch erleben möchte, und schrieb eine Liste der großen undkleinen Dinge. Die Reise nach Indien ist in Vorbereitung, ein weiterer Punkt bereitsabgehakt: mehr Erdbeeren essen. Anna Kistner, 30, erwog erstmals ernsthaft, dochirgendwann Kinder zu bekommen. Und Manfred Dworschak, 52, war so angetanvon der Atmosphäre eines sächsischen Hospizes, dass er sagt: „Hier will ich auchmal sterben.“ Der Inlandsauflage liegt eine DVD von SPIEGEL TV zum Thema„Nahtod – Einblicke ins Jenseits“ bei (Seite 110).D ie Empörung war groß, alssich der Ehrenpräsident desWorld Wide Fund for Nature(WWF), der spanische König JuanCarlos, 74, auf der Jagd nach Ele-fanten verletzte. Die SPIEGEL-Re-dakteure Jens Glüsing, 51, und NilsKlawitter, 45, hingegen überraschtedie Bigotterie nicht. „Die mäch- DER SPIEGELtigste Naturschutzorganisation derWelt ist als elitärer Club von In-dustriellen und Großwildjägern Klawitter, Sunarto auf Sumatragegründet worden“, sagt Klawitter,„das wirkt nach.“ Um die Arbeit des WWF zu bilanzieren, reisten die Redakteuredurch Südamerika und Indonesien. Glüsing entdeckte auf einer brasilianischenSojafarm einen Tank mit dem Herbizid Glyphosat – obwohl das Soja dort angeblichden WWF-Standards entspricht. Klawitter sprach auf Sumatra mit dem TigerforscherSunarto und mit Einheimischen, die auf einer Palmöl-Plantage eines WWF-Partnersgelebt hatten: Sie wurden vertrieben, ihre Hütten zerstört (Seite 62). Zehntausende rotgewandete Sinnsucheraus Deutschland folgten in den Sieb- zigern und Achtzigern Bhagwan Shree Rajneesh, der erst als Sex- und dann als Rolls- Royce-Guru beleumundet war. 22 Jahre nach dessen Tod ist die Bewegung „in aller Welt bemerkenswert lebendig“, beobachtete SPIE- GEL-Redakteur Carsten Holm, 57. Der Jour- DER SPIEGEL nalist begab sich auf Spurensuche in alle Welt, in die USA und nach Goa, ins indische PuneKeerti, Holm bei Neu Delhi ebenso wie ins thüringische Wurzbach. In In- dien traf er Swami Chaitanya Keerti, 63, einsteiner der engsten Vertrauten Bhagwans. Keerti berichtete vom Streit um das Erbedes Mystikers, der sich später Osho nannte. „Die Führungsclique in Pune will nurnoch Monopoly spielen und Geld machen“, sagt der Veteran, der wegen seinerKritik nicht zum Grabmal Oshos vorgelassen wird. Die Chefs des Meditationszen-trums in Pune mochten sich dazu nicht äußern – und ebensowenig erklären, warumSpendengelder in beträchtlicher Höhe verschwunden sind (Seite 40).Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 23
  • 2. In diesem HeftTitelEnde ohne Schrecken – Wege zueinem angstfreien Sterben ............................... 110DeutschlandPanorama: Merkel und Seehofer für Flexi-Quote /SPD-Unmut über Kandidaten-Troika /NRW-Innenminister fordert härteres Vorgehengegen Fußballrandalierer ................................... 15Außenpolitik: Die neue Eiszeit in dendeutsch-russischen Beziehungen ....................... 20SPD: SPIEGEL-Gespräch mit FraktionschefFrank-Walter Steinmeier über die Lehren ausdem Wahlsieg der Sozialisten in Frankreich ........ 24Linke: Oskar Lafontaine hinterlässteine Partei vor der Selbstauflösung ................... 28Bundestagswahl: Streitfall Überhangmandate –kippen die Karlsruher Verfassungsrichterdas aktuelle Wahlgesetz? .................................. 32CDU: Kritik an Merkels Kursder Modernisierung ........................................... 34Wie der gefeuerte Umweltminister NorbertRöttgen seinen tiefen Fall erlebt ....................... 35Landesbanken: Ostkommunen wurdenLafontaines Waterloo Seite 28HANNIBAL HANSCHKE / DPAvon den öffentlichen Kreditinstituten Getrieben von seiner Partnerin Sahra Wagenknecht, griff Oskarausgenommen ................................................... 36Parteien: Die merkwürdige Doppelrolle von Lafontaine in seiner Partei noch einmal nach der Macht – und verlor.Piraten-Chef Bernd Schlömer ........................... 38Er stürzt die Linke in die tiefste Krise ihrer Geschichte.Esoterik: Gut 22 Jahre nach seinem Tod lebendie Ideen des Gurus Bhagwan in deutschenKommunen und Meditationszentren fort .......... 40Missbrauch: Ein noch unveröffentlichterLandtagsbericht kritisiert die zögerlicheAufklärung an der Odenwaldschule .................. 46Hartz IV: In einem Berliner Wohnprojekt werdenalleinerziehende Mütter zu Bildungsabschlüssenund Erwerbstätigkeit angehalten ....................... 47Neue Eiszeit Seite 20Die Stimmung wird frostig sein, wenn Wladimir Putin an diesem FreitagGesellschaftnach Berlin kommt. Angela Merkel traut dem russischen Präsidenten keineSzene: Die Tricks chinesischer Panda-Züchter /Reformen zu. Die Kanzlerin will seine Gegner unterstützen.Der Münchner Sportpsychologe JürgenBeckmann über das Trauma der Bayern ........... 52Eine Meldung und ihre Geschichte – übereinen Richter, der zur Selbstjustiz greift ........... 53Der TraumfabrikantKunstmarkt: Der InternetgaleristHans Neuendorf und der Boom aufdem Bildermarkt ............................................... 54Seite 130Ortstermin: Beim 30. deutschen MännertreffenEin größenwahnsinniger Traum: mitten in der Wüste acht Fußballstadien zuist es sexy, schwach zu sein ............................... 59 bauen und drum herum eine Stadt. Albert Speer hat daraus das WM-Projektvon Katar entwickelt – ein Beispiel für arabische Herrscherarchitektur.WirtschaftTrends: Wie der Facebook-Börsengang zumFiasko werden konnte / Praktiker-Belegschaftfürchtet neuen Investor / Kindertag soll Profit im NamenSpielwarenumsätze steigern .............................. 60Naturschutz: Die dürftige Bilanzdes Rettungsriesen WWF .................................. 62Gesundheit: Wurde im KlinikumHildesheim etlichen Patienten ohne Notdie Schilddrüse zerstört? ................................... 68 des PandasGeldinstitute: Fondsmanager undSeite 62Aktionärsvertreter Hans-Christoph Hirt rechnetmit der Führung der Deutschen Bank ab .......... 70Der WWF ist die mächtigsteBücher: Thilo Sarrazin enttäuschtNaturschutzorganisation derseine krawallverwöhnte Zielgruppe .................. 72Welt. Über 500 Millionen Euro nimmt die Organisa-Medien tion pro Jahr ein. FirmenTrends: Interview mit Heidi Klumszahlen siebenstellige Euro-unterschätztem Laufstegtrainer Beträge, um mit dem Panda-Jorge Gonzalez / Die absurde BeanstandungGETTY IMAGESvon „X-Factor: Das Unfassbare“ ....................... 75Wappen für ihre Umwelt-Rundfunk: Monika Piel ist die mächtigste Frauverantwortung zu werben.der ARD – unangefochten, aber umstritten ...... 76 Doch die Bilanz der Natur-Musikfernsehen: Was man aus dem EurovisionWWF-Aktion in Genf schützer ist durchwachsen.Song Contest in Aserbaidschan lernen kann ..... 786D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 3. Merkel, HollandeAusland Panorama: Hohe Wachstumsraten in Afrika / David Cameron, der relaxte Premierminister ... 80 Währungspolitik: Wie Deutschland sich den Weg aus der Krise vorstellt ......................... 82 Griechenland: Interview mit Alexis Tsipras, Chef des Linksbündnisses Syriza, über seinen Wunsch, in der Euro-Zone zu bleiben ............... 86 USA: Obama spaltet das schwarze Amerika ...... 88 China: Der Gelbe Fluss – Kraftquelle der Supermacht ................................................. 92 Global Village: Warum eine neue Bewegung in den Niederlanden Toaster repariert .............. 98Sport Szene: Kletterer-Ansturm auf den Mount Everest / Ein 17-jähriger Mormone gilt als größtes Talent des US-Basketballs ........ 101 Euro 2012: Drei Stars von Borussia Dortmund sind die Hoffnungsträger des EM-Gastgebers Polen ...................................... 102 Der italienische Nationalspieler RiccardoMerkels Konzept für Europa Seiten 82, 86 Montolivo über die Favoritenrolle des deutschen Teams und seine Kindheitserinnerungen an Schleswig-Holstein ........................................... 106Mit einem Sechs-Punkte-Plan und Strukturreformen will die Kanzlerindie Krise bekämpfen. Der griechische Linkspopulist TsiprasWissenschaft · Technik BPA / REUTERSwünscht sich im Interview das Unmögliche: den Euro zu behalten.Prisma: Auerhahn vor dem Aussterben / Hightech-Segel für Frachtschiffe ...................... 108 Fotografie: Minikameras mit Insektenaugen revolutionieren Handys und Computer ........... 122 Medizin: Die schwierige Betreuung diabeteskranker Kinder ................................... 124 Astronomie: Jahrhundertereignis für Sternengucker – die Venus schiebt sich vorErst knipsen, dann scharf stellenSeite 122 die Sonne ......................................................... 126KulturNeuartige Lichtfeldkameras haben Linsen wie Insektenaugen. Der Clou: Szene: Der ägyptische Filmemacher YousryDie Bilder werden erst nachträglich scharf gestellt. Die Technik könnte denNasrallah über die Umbrüche in seiner Heimat /Bau schlankerer Handys ermöglichen, die sich mit Gesten steuern lassen.Manuela Reicharts Prosadebut ........................ 128 Baukunst: Albert Speer und das größenwahnsinnige WM-Projekt von Katar ...... 130 Geschichte: Ein US-Bestseller klärt über die Gründe für Wohlstand und ArmutDrei Dortmunder für PolenSeite 102 der Nationen auf .............................................. 134 Exil: SPIEGEL-Gespräch mit dem iranischen Musiker Shahin Najafi überSie sind Deutscher Meister und Pokalsieger, nun sollen dreisein Leben mit der Fatwa undLegionäre EM-Gastgeber Polen zu Ruhm und Siegen führen. Torjäger seinen Kampf für die Freiheit der Kunst .......... 136Robert Lewandowski trägt die Hauptlast.Bestseller ........................................................ 139 Essay: Warum man Dateien nicht lieben kann, Schallplatten aber sehr wohl .................. 140 Kunstkritik: Eine junge Generation arbeitet sich am Maler-Übervater Gerhard Richter ab ......... 142Die Aura des Briefe .................................................................. 8 Impressum, Leserservice ................................. 144Plattentellers Register ........................................................... 146 Personalien ...................................................... 148 Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 150Seite 140Titelbild: Foto Action PressAls im Wohnzimmer nocheine Musiktruhe stand, dieSchlagerhits und KarajansDie Mega-SchauBeethoven von teuren LPs Was bisher geschah:kamen, hatten die Men- Skandale und Rekordeschen ein Gefühl für den der Documentas 1 bisWert von Musik. Heute, 13. Außerdem im Kultur- GETTY IMAGESin Zeiten von Download SPIEGEL: die Tanz-und iPhone, hat der Kultur-oper „C(h)œurs“; kannkonsum die Aura des Kost-Bikini-Werbung män-baren verloren. Musikhörerin nerfeindlich sein? D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 2 7
  • 4. Briefe binett ein Machtwort spricht und Wirt- schaftsminister Rösler auf eine klima- „Paradoxie pur: Die Personen, freundliche Energiewende verpflichtet. Und wenn sie zweitens dafür sorgt, dass die den friedfertigen, ein- Altmaier im Kabinett und in seiner Frak- tion Gehör findet und nicht wie Röttgen fachen Bürger vertreten sollen, von den eigenen Leuten bekämpft wird. können nie so sein wieUWE NESTLE, FLENSBURG dieser, da sie es sonst nie Herr Röttgen hat dafür gesorgt, dass die CDU in NRW erheblich unter Wert ge- so weit bringen würden.“schlagen wurde. Wäre er im Amt des Um- weltministers geblieben, hätte man ihnSEBASTIAN SCHREIBER, HILPOLTSTEIN (BAYERN) bei jedem Problem in der EnergiewendeSPIEGEL-Titel 21/2012an den Pranger gestellt, immer unter Hin- weis auf seine schwache Leistung und be- wiesene Bürgerferne im NRW-Wahl-Nr. 21/2012, Ziemlich beste Feinde – Neidkampf. Er wäre ständig in der Defensive.und Niedertracht in der PolitikDa er das nicht einsah, was leider ein De- fizit an gesundem Menschenverstand of-Die Patin hat abgedrückt fenbart, blieb der Kanzlerin wohl nichts anderes übrig, als ihn zu entlassen.Ein Minister hat’s schwer! Kein Arbeits- DR. HUBERT HOFMANN, IMMENSTAADvertrag, kein Kündigungsschutz, kein Ar- (BAD.-WÜRTT.)beitsgericht. Aber: Bevor er das Amt an-tritt, weiß er das alles.Brutus hat mit dem Feuer gespielt und WOLFGANG HÖRNLEIN / PDHFRITZ GRÖGER, LANGENZERSDORF (ÖSTERREICH)sich dabei die Finger verbrannt. Sage kei- ner, er wusste nicht, was er tat, war erDas zweifellos Eindrucksvollste am doch mal Muttis Klügster.Abend nach der NRW-Wahl war, dass einGÜNTER KRUG, BERLINVerlierer das Geschehene zutreffend undangemessen kommentierte. UnerwartetUnabhängig von der Vielzahl der persön-wohltuend hob sich dies ab von den Er-Kontrahenten Merkel, Röttgen lichen Fehler sind Aufstieg und Fall desklärungen der Sieger, welche ihre allzuNorbert Röttgen die Konsequenz aus ei-oft gehörten Phrasen droschen.wohl auch dank seiner Bezüge als einfa-nem unlösbaren Dilemma: Ökologie undERNST-GUST KRÄMER, KALLETAL (NRW) cher Bundestagsabgeordneter zumindesteine um ihre konservative Identität rin-bis zur nächsten Wahl nicht auf der Stra-gende Union – das passt nicht zusammen.Paranoid, wie Kanzlerin Merkel mit Geg- ße landen. Und sicher findet sich alterna- Röttgen war der falsche Mann in einemnern verfährt: Kritik an ihr oder Gegen-tiv dazu auch noch ein ordentlich dotier-falschen Spiel. Er trug die Klappentextebewegungen zu ihrem Kurs werden übelter Posten als Lobbyist. Wer möchte da ökologischer Ideen vor und schmücktesanktioniert. Das hat eine despotischenicht gern „Opfer“ sein?!sie wuchtig aus. Heiße Luft, richtig ver-Note! Dieses Verhalten lehne ich als de- MARTIN HENNIGER, POTSDAMstanden hat er nichts.mokratische Bürgerin ab. Diese Dame ge- MICHAEL MÜLLER, DÜSSELDORFhört endlich selbst in die Machtlosigkeit Deutschlands politische „Schwarze Wit-SPD-STAATSSEKRETÄR A. D.verbannt. we“ demonstriert öffentlich Macht! Nur –GABI EICHFELD, KÖLN was wird sein, wenn alle ihre Männchen Frau Merkel hat getan, was jeder Mana-verschlungen sind? ger tun würde: Sie hat einen illoyalenIch habe größte Hochachtung davor, dassDR. UDO KÜPPERS, BREMEN und uneinsichtigen Führungsmitarbeiter,Röttgen auf förmlicher Demission bestan- der sich weder zwischen zwei Abteilun-den hat, statt sich auf das übliche verlo-Wegen der fehlenden Macht im Kabinettgen entscheiden kann noch mit Leistunggene Ritual vom „freiwilligen Rücktritt“und in der eigenen Partei war der Raus-überzeugt, entlassen. Wer seiner Chefinaus gesundheitlichen oder anderen fal-wurf Röttgens vermutlich richtig. Er und den Bürgern so wenig Wertschätzungschen Gründen einzulassen.reicht aber nicht aus. Der neue Umwelt-entgegenbringt wie Herr Röttgen, mussGÜNTER SCHUMACHER, ROETGEN (NRW)minister Altmaier wird nur dann dazu sich nicht wundern, wenn mal die Chefinbeitragen können, die Energiewende vor-entscheidet und mal der Bürger.Von Don Vito Corleone, der im Filmanzutreiben, wenn Merkel erstens im Ka- ANDREA DOBRIN, BERLINGEN (SCHWEIZ)„Der Pate II“ als Oberhaupt einer sizilia-nischen Mafiafamilie New York regiert,stammt das berühmte Zitat: „Geld ist eineWaffe. Politik ist zu wissen, wann manDiskutieren Sie im Internetabdrückt.“ Bundeskanzlerin Angela Mer-www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegelkel hat abgedrückt, als sie am Mittwochfür alle überraschend ihren Umweltminis-‣ Titel Wie kann die Gesellschaft ein würdevollester Norbert Röttgen schasste und so poli- Sterben ermöglichen?tisch erledigte.‣ Demokratie Erststimme, Zweitstimme, Überhang-ROLAND KLOSE, BAD FREDEBURG (NRW) mandat – ist das deutsche Wahlrecht zu kompliziert?Herr Röttgen wird zunächst das ihm zu-‣ SPD Wäre Sigmar Gabriel ein geeigneter Kanzlerkandidat?stehende Übergangsgeld beziehen und8 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 5. BriefeNr. 20/2012, Der Rechtsstaatzerstörte die Existenz von Harry Wörz undließ ihn dann mit den Folgen alleinKalt und herzlosDie Geschichte von Harry Wörz geht un-ter die Haut. Das Versagen der Ermittlerund Richter, das kaum Konsequenzennach sich zieht, die fortwährende Trau-matisierung des Mannes, dem offenbar –trotz allen Unrechts – nicht schnell undunbürokratisch geholfen wird, zeichnen HEIKO SPECHT / VISUMein grausames Bild vom Umgang mit derWürde von Menschen, die zu Opfernstaatlicher Instanzen wurden. ANGELA ELIS, FREIBERG (SACHSEN)Der Staat behandelt den langjährig un- Baustelle mit Dämmstoffen in Kölnschuldig inhaftierten Harry Wörz rechtkleinkrämerisch. Dabei sollte er ihm nicht zahl und Heizöl für weniger als zehnnur die Haftentschädigung auszahlen, Pfennig pro Liter. Bei einer 50-prozenti-sondern auch den gesamten beruflichengen Erhöhung der Scheibenzahl von ei-Verdienstausfall infolge der Haftzeit, die nem „Schneewittchensarg“ zu sprechenvollständigen Kosten für die Verteidigungist nur ein schlechter – allerdings fürs Kli-und die Anerkennung seiner Erkrankungma vielleicht nicht folgenloser – Witz.als Folge der Haftzeit. KURT AUBECK, REINHEIM (HESSEN) CHRISTIANE SCHMID, RETHEM (NIEDERS.) Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnä-Die Jurisdiktion in Staatsdiensten ist bei ckigkeit sich die Postulate zum Themauns kalt und herzlos, wenn es um die Op- der energetischen Altbausanierung hal-fer geht.ten. Ich habe in 20 Jahren Bau von Pas- WERNER LADWIG, LUG (RHLD.-PF.)sivhäusern und Altbausanierung mit teil- weise extremer Wärmedämmung keinen einzigen dadurch verursachten Schimmel- befall gehabt. Im Bereich Altbau ist es im Moment so, dass überwiegend Laien und Handwerker mit Halbwissen die Sa-WOLFRAM SCHEIBLE / DER SPIEGEL nierungen ausführen, was vermeintlich Geld spart. Das ist so, als ließe man einen Metzger den Blinddarm entfernen und verdammte nach Ableben des Patienten die Operation als solche.MICHAEL TRYKOWSKI, FRENSDORF (BAYERN)Justizopfer Wörz, TherapeutinSeit der strengeren Energieeinsparverord- nung 2009 ist klar, dass Neubauten eigent-Auch die Justiz ist nicht unfehlbar. Aberlich eine Lüftungsanlage benötigen, umnachdem man das Leben eines Unschul- den notwendigen Luftaustausch zu ge-digen zerstört hat, wäre es das Mindeste,währleisten. Nur scheuen sich viele Bau-dem Opfer die Rückkehr ins normale herren vor diesem Schritt, weil sie inLeben durch eine angemessene Entschä-Deutschland nicht zum Standard gehört.digung zu erleichtern. Die Haftpflicht- BENJAMIN GÜRKAN, WEITERSTADT (HESSEN)versicherung der Justiz ist letztlich derSteuerzahler, und als solcher hätte ichmit dieser Regelung kein Problem.Nr. 20/2012, Wie ein Schweizer PaarHERBERT TAUREG, HENNEF (NRW) acht Monate in der Gewalt pakistanischer Taliban überlebteNr. 20/2012, Schärfere Öko-Vorschriftenverschrecken Hausbesitzer und Mieter Willkommen zurück im Leben! Ich bin zwölf Jahre lang auf deutschenEin Metzger am Blinddarm Handelsschiffen zur See gefahren. Unsere Einsätze haben uns in manches Krisen-Als nach dem Zweiten Weltkrieg die da- gebiet geführt, das meine Kollegen undmals sogenannten Thermopanescheibenich sonst auf jeden Fall gemieden hätten.als Doppelverglasung ihren Siegeszug an- Wir waren immer wieder überrascht, mittraten, hat jedermann den Nutzen er- welcher Blauäugigkeit sich Touristen auskannt, trotz Verdoppelung der Scheiben-Wohlstandsnationen in den risikoreichs-10D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 6. MAURICE HAAS / 13 / DER SPIEGELEx-Geiseln Daniela Widmer, David Ochten Regionen der Welt bewegen. Erleb-nistrips in Westafrika und durch Drogen-gebiete in Lateinamerika kann man wahr-scheinlich nur mit Wohlstandsüberdrusserklären. Gratulieren kann man demSchweizer Paar zur gelungenen Flucht.Das Erlebte mag man keinem gönnen!DANIEL KÜPFER, RAPPERSWIL(ST. GALLEN/SCHWEIZ)Ein unfassbar ergreifender Bericht überzwei sehr starke Persönlichkeiten, diephysisch und vor allem psychisch aushal-ten mussten, was wohl eine der schlimms-ten Erfahrungen ist, die ein Mensch über-haupt machen kann. Bei der „Geburts-tagstorte“ schossen mir die Tränen in dieAugen. Daniela, David: Willkommen zu-rück im Leben!KLAUS-PETER MÜLLER, BADEN-BADENNr. 20/2012, SPIEGEL-Gespräch mit demfranzösischen Historiker Emmanuel ToddTeufel am TischPolemik, Provokationen und Neid aufden wirtschaftlich erfolgreicheren Nach-barn – viel mehr war von Herrn Todd lei-der nicht zu vernehmen. Insbesonderenichts Neues. Dazu halbgare Lösungs-ansätze wie „eine gehörige Dosis Protek-tionismus“. Und zu guter Letzt sitzt auchnoch der Teufel mit am Tisch. BENJAMIN GLAUER, HANAUDer Artikel bringt es klar und deutlichauf den Punkt. Die Wahrheit wird schnör-kellos dargestellt. SUSANNE BRETHAUER, DORTMUNDEs wäre sehr schön gewesen, wenn SieHerrn Todd nicht derart unwidersprochenüber seine weltfremde Ansicht schwa-dronieren lassen hätten. Schade!FRANK HENNEMANN, DRESDEN12D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 7. BriefeWie verbohrt muss man sein, umteten Rollenbild à la Geis folgen wollen.Deutschland als Gewinner der EU und Sie wollen Zeit für ihre Kinder haben, sieder Globalisierung wahrzunehmen? Herr wollen, dass ihre Partnerin trotz kleinerTodd müsste wissen, dass auch hierzulan-Kinder die Möglichkeit hat, am Berufsle-de die Staatsschulden steigen und guteben teilzuhaben, denn Beruf ist nicht nurJobs rarer werden. Auch unsere „Export- Karriere, sondern auch soziales Umfeld.nation“ zählt wegen des Zollabbaus zu BETTINA NOLDE, HANNOVERden Opfern des grenzenlosen Lohndum-ping-Wettbewerbs. In vielen Familien stellt sich die Frage, MANFRED JULIUS MÜLLER, FLENSBURG ob ein Partner zu Hause bleibt, gar nicht.Beide müssen arbeiten gehen, um überTodds Bemerkung, das „französische Ide- die Runden zu kommen. Es geht nichtal mit seinem universalistischen Men- darum, dass die Ehefrau die Welt retten,schenbild von der Gleichheit aller“ sei inan ihrer Professur arbeiten oder zumDeutschland nicht so tief verankert, ver- Mond fliegen möchte. Es ist auch für Män-anlasst mich dazu, ihm zu empfehlen, sich ner nicht die Frage, ob sie sich im Haus-näher mit der Geschichte des französi-halt betätigen möchten oder nicht: Wennschen Kolonialismus zu befassen. Insbe- die Dame des Hauses arbeiten geht undsondere der Krieg in Algerien ist hinsicht- sie nicht im Dreck ersticken möchten,lich dieses Menschenbilds und der darausmüssen sie halt auch mal den Putzlappenresultierenden französischen Humanitätin die Hand nehmen.sehr aufschlussreich und ernüchternd. ANKE WIRTH, HEMHOFEN (BAYERN) HUBERT KOLB, BERLINErwartungsgemäß habe ich mich beim Le-sen eines Interviews mit Norbert Geis ge-Nr. 20/2012, Streitgespräch zwischen Na-ärgert. Nicht wegen seiner konservativendine Schön (CDU) und Norbert Geis (CSU)über das Familienbild der KonservativenPutzlappen statt MondfahrtLangsam fühle ich mich diskriminiert vonMAURICE WEISS / DER SPIEGELden ehernen Verfechtern des Hausfrau-enmodells. Bin ich als Kind berufstätigerEltern arm dran? Vor dem Kindergarten-alter wurde ich von einem Kindermäd-chen und im Kindergartenalter nachmit-tags von einer Bekannten betreut. Ab derersten Klasse hatte ich einen Hausschlüs- Unionspolitiker Geis, Schönsel und bereitete mir mein Essen selbstzu. Heute bin ich sogar ein erfolgreiches Ansichten, sondern weil er keinerlei Fä-und zufriedenes Mitglied der Gesell-higkeit zur Selbstreflexion zeigt. Interes-schaft, welch ein Wunder! sant wäre die Frage gewesen, ob Geis MARTIN REUTER, MAINZ denn als voll berufstätiger Vater seinenKindern gerecht werden konnte. SchwerWenn ich Herrn Geis reden höre, bin ich erträglich finde ich auch, wenn er sichzutiefst dankbar für unsere säkularezwar das Recht abspricht, über andere zuStaatsform. urteilen, sich aber zugleich das vernich- PHILIPP FÄTH, HÖSBACH (BAYERN) tende Urteil der katholischen Kirche überHomosexuelle zu eigen macht.Bei jungen Familien geht es selten umJONAS FECHNER, KONSTANZdie großen Lebensentwürfe, sondern umDie Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mitden alltäglichen Wahnsinn der Vergabe Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-von Kita-Plätzen. Es geht auch darum, tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:dass viele Väter eben nicht einem [email protected] der SPIEGEL-RedaktionDie Stadt der Gondeln und Kanäle war jahrhundertelang mächti-ge Seerepublik, Drehscheibe des Welthandels und Metropoleder Malerei, Musik und Architektur. Abenteurer wie Marco Polound Casanova, Genies wie Monteverdi und Tizian waren hier zuHause. SPIEGEL GESCHICHTE zeichnet den erstaunlichen Aufstiegeiner malariaverseuchten Lagunensiedlung zu einer der bedeu-tendsten europäischen Großmächte nach – vom ewigen Kampfgegen das Wasser bis zum Fall der Dogenrepublik, als Venedigzum Sehnsuchtsort wurde. Das Heft ist ab Mittwoch im Handel. D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 213
  • 8. PanoramaDeutschlandNORBERT MILLAUER / DAPDSeehofer, MerkelGESCHLECHTER IUnion für Flexi-Quote Angela Merkel, Kanzlerin und CDU-Vorsitzende, und der stammt von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder CSU-Vorsitzende Horst Seehofer wollen im Gesetz eine(CDU). Merkel und Seehofer wollen mit ihrer Einigung zum flexible Frauenquote für Unternehmen festschreiben. Auf einen den Unmut der Frauen in der Unionsfraktion dämpfen, diesen Schritt hätten sich die beiden in einem vertraulichendie sich gegen das von der CSU geforderte Betreuungsgeld Gespräch am Dienstagabend im Kanzleramt verständigt, heißtwenden. Zum anderen sehen sie in der Flexi-Quote ein Kom- es in Kreisen der Koalition. Die sogenannte Flexi-Quote sieht promissangebot an die FDP. Die Liberalen sind strikt gegen vor, dass Unternehmen sich selbst ein Ziel für die Förderungeine feste Quote, wie sie unter anderem Bundesarbeitsminis- von Frauen in Führungspositionen setzen. Wenn ein Unter-terin Ursula von der Leyen (CDU) fordert. Auch Seehofer nehmen dieses Ziel verfehlt, können Sanktionen – zum Bei- hat in internen Gesprächen deutlich gemacht, dass er für eine spiel Geldbußen – verhängt werden. Die Idee der Flexi-Quote feste Quote keine Mehrheit in seiner Partei sieht. GESCHLECHTER II tierten und rund 15 Prozent der Pro-ner- und Frauenanteilen nach dem fessoren in der höchsten Besoldungs-Studienabschluss öffnet und im ZugeFrau Doktor, stufe C4/W3. Die Zahlen zeigten, „dass sich die Schere zwischen Män- der weiteren wissenschaftlichen Lauf- bahn größer wird“. Zwar habe es seit Herr Professoreiner Vergleichserhebung 2006 Fort- schritte gegeben: Der Frauenanteil bei den C4/W3-Professoren lag damalsDer Wissenschaftsrat fordert eineum rund vier Prozentpunkte niedriger,Frauenquote – im Gespräch waren zu-in den Spitzenpositionen der außer-letzt 40 Prozent – in Auswahlkommis- universitären ForschungseinrichtungenBERND SETTNIK / PICTURE ALLIANCE / DPAsionen und Entscheidungsorganen vonstieg er von 7,9 auf 11,3 Prozent. ZurForschungseinrichtungen und Hoch-weiteren Steigerung dieses Anteilsschulen. Dadurch sollen mehr Wissen- empfehlen die Experten den Hoch-schaftlerinnen in Führungspositionen schulen und Instituten, bei befristetengelangen. Nach Angaben des Berater-Verträgen längere Laufzeiten einzu-gremiums stellten Frauen im Jahr 2010räumen, um Eltern mehr Sicherheit zuzwar 52 Prozent der Hochschulabsol-bieten, außerdem ausreichend vieleventen und 44 Prozent der Promovier- Kinderbetreuungsplätze einzurichtenten, aber nur 25 Prozent der Habili- Biologiestudentinnen in Potsdam und bei Arbeitszeiten flexibel zu sein.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 215
  • 9. PanoramaGRÜNE Basis bestimmtWahlkampfthemenDie Mitglieder der Grünen sollen ent-scheiden, welche Forderungen die Par-tei im Bundestagswahlkampf 2013 her-vorhebt. Nach den Plänen, die Bundes-geschäftsführerin Steffi Lemke denLandesvorständen vorstellte, wählendie Parteimitglieder bei Diskussionenin den Kreisverbänden sowie im Inter-net die zehn wichtigsten Wahlverspre-chen. Darüber bestimmen sonst die IMAGO SPORTFOTODIENSTSpitzenkandidaten und der Bundesvor-stand. Die Grünen-Führung hofft dar-auf, dass die Basis im Wahlkampf fürdie selbstgewählten Themen engagier-ter streitet. Das neue Mitmachmodellsei keineswegs eine Reaktion auf das Fan-Krawalle im Düsseldorfer Stadion beim Rückspiel gegen Hertha BSCErstarken der Piratenpartei, betont dieParteiführung.FUSSBALL Anfeuern statt feuern Nach den Ausschreitungen bei den Bun- nen. „Die Vereine müssen alle rechtlichen desliga-Relegationsspielen fordert derMöglichkeiten ausschöpfen“, sagt Jäger. nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Das Abbrennen von Bengalos mit Tempe-OLIVER KILLIG / PICTURE ALLIANCE / DPA Jäger (SPD) die Fußballvereine auf, ihreraturen von 1000 Grad sei „lebensgefähr- Geschäftsbedingungen zu ändern. Beimlich für alle Fans“ und könne eine Panik Ticketkauf sollen sich die Fans verpflich-mit unübersehbaren Folgen auslösen. Der ten, keine Pyrotechnik ins Stadion mitzu- NRW-Innenminister verlangt von den bringen. Randalierer, die im Stadion mitClubs zudem, bei ihren Kontrollen sorg- bengalischen Feuern, Rauchbomben undfältiger vorzugehen. Auf der anstehenden Böllern erwischt werden, müssten dann Innenministerkonferenz will Jäger seine mit empfindlichen Vertragsstrafen rech- Vorschläge den Kollegen vorlegen.Landesparteitag der Grünen in DresdenA M O K LÄU F E Pistolen im Elternhaus. Wie lässt sichchen Sportschützen nie an Wettkämp- so etwas verhindern?fen teil. Diesem Personenkreis sollte„Erwerb vonBrenneke: Ob die Waffen richtig ver- wahrt waren, müssen die Ermittlungen man den Besitz von scharfen Waffen verbieten und erst recht deren Aufbe-Waffen erleichtert“ergeben. Das generelle Problem ist, dass überhaupt so viele Menschen Waffen und Munition zu Hause haben. wahrung zu Hause. SPIEGEL: Klingt leicht umzusetzen. Brenneke: Das wäre eine Revolution! EsDer frühere Referats-Da haben alle Parteien mitgewirkt.heißt immer, das Waffengesetz vonleiter für Waffenrecht Vor allem für Sportschützen gab es bis2003 sei verschärft worden. Aber esA. STEIN / JOKER / DER SPIEGELim Bundesinnenministe- 2008 immer wieder Liberalisierungen wurde nur die Altersgrenze heraufge-rium, Jürgen Brenneke, statt Verschärfungen. setzt, und die Waffenschränke müssen74, über die GefahrenSPIEGEL: Welche denn? jetzt besser gesichert sein. Der Erwerbdurch SportschützenBrenneke: Jeder, der in einem Schützen- von Waffen wurde eher erleichtert.und andere Waffen- verein ist, darf praktisch beliebig viele SPIEGEL: Funktionieren die Kontrollen?besitzer in DeutschlandWaffen besitzen – und zwar nicht nurBrenneke: Für die Vollzugsbehörden solche, mit denen in seinem Verein ge-sind erst jetzt die allgemeinen Verwal-SPIEGEL: Der Vorfall in Memmingen, schossen wird. Die Logik des Gesetzes tungsvorschriften für das Waffengesetzwo ein 14-Jähriger vor seiner Schule lautet: Falls er mal bei einem anderenvon 2003 erlassen worden. Und in die-und auf einem Sportplatz mehrmalsVerein als Gast schießt, müsse er einesen Vorschriften wird der Gesetzestextschoss, erinnert an das Massaker von dort im Wettkampf zulässige Waffe extrem großzügig ausgelegt – zuguns-Winnenden: Der Vater ist im Schüt- mitbringen können. Dabei nehmen ten der Waffenbesitzer, aber zu Lastenzenverein, der Sohn besorgt sich die weit mehr als 50 Prozent der angebli- der inneren Sicherheit.16D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 10. Deutschland BUNDESPRÄSIDENTSPD Imitatoren gestoppt Aus drei mach einsAnonyme Täuscher können nichtIn der SPD wächst der Unmut gegenlänger unter www.praesidialamt.deden Plan, weiterhin auf die Troika ausden Eindruck erwecken, Bundespräsi-Parteichef Sigmar Gabriel, Bundes-dent Joachim Gauck beantworte dort tagsfraktionschef Frank-Walter Stein-Bürgeranfragen. Nach einem Hinweis meier und Ex-Finanzminister Peerdes Bundespräsidialamts löschte dieSteinbrück zu setzen. „Das Konzeptdeutsche Internetregistrierungsstelleder Troika hat sich totgelaufen“, sagtDenic die Domain. Die unbekanntender wirtschaftspolitische Sprecher derGauck-Doubles betreiben aber weiter- SPD-Fraktion im Bundestag, Garrelthin die im Ausland registrierte SeiteDuin. Er will die Kür des Kanzler-www.praesidialamt.com, auf der sie kandidaten vorziehen und diesender Denic vorwerfen, die deutschenicht erst im Januar 2013 bestimmen.Paralleladresse „wie in bester diktato-Auch sein Parlamentskollege Frankrischer Manier enteignet“ zu haben.Schwabe, Umweltexperte aus Nord-Eine weitere Internetadresse derselben rhein-Westfalen, fordert ein Ende derBetreiber, www.jgauck.de, leitet die Troika: „Es muss klar sein, dass derBenutzer direkt auf die Homepage der Parteivorsitzende das Verfahren be-Scientology Kirche Berlin. „Wir habenstimmt, das darf nicht unter drei Män-damit mit Sicherheit nichts zu tun“, nern ausgemacht werden.“ Seit demerklärte ein Sprecher der Organisation.Sieg der SPD mit ihrer Spitzenkan-Die Unbekannten hatten sich bei derdidatin Hannelore Kraft bei der Land-Denic unter einer falscher Adresse an- tagswahl in NRW mehren sich in dergemeldet: der des Bundesnachrichten- Partei die Stimmen für eine Kanzler-dienstes.kandidatur Krafts. H AU P T S TA D TBruchlandung in Brüssel?Die Verschiebung des Starts des Berli- Die Gesellschafter, die beiden Bundes-ner Großflughafens um ein Dreiviertel- länder sowie der Bund, müssen Kapitaljahr könnte der Bundesregierung Pro- nachschießen oder neue Kredite überbleme mit der Europäischen Kommis- Bürgschaften absichern. Die Parlamen-sion einbringen und die Finanzplanun-te werden vermutlich noch vor dergen der Länder Brandenburg und Ber-Sommerpause Nachtragshaushalte be-lin durcheinanderwirbeln. Da die staat-schließen und die EU-Kommission umliche Flughafengesellschaft deneine Genehmigung dafür bitten müs-Kreditrahmen von 2,4 Milliarden Euro sen. Die Brüsseler Wettbewerbswäch-nahezu ausgeschöpft hat, braucht sie ter äußerten bei einem ähnlichen Vor-bis zum neuen Starttermin im März fri- gang um den Flughafen Leipzig-Hallesches Geld. Insider schätzen die Zusatz- im September große Bedenken gegenkosten – unter anderem für Schadenser- eine nachträgliche Kapitalerhöhung.satzforderungen und den WeiterbetriebDer Fall liegt nach Angaben der Flug-der Flughäfen Tegel und Schönefeld – hafengesellschaft Leipzig beim Europäi-auf mindestens 300 Millionen Euro. schen Gerichtshof.KLAUS-DIETMAR GABBERT / DAPDFlughafen Berlin Brandenburg D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 217
  • 11. Deutschland Panorama VERKEHRQUERSCHNITTRamsauers siebter Sinn Luisenbad, SchleiBundesverkehrsminister Peter Ram-Elbe, sauer (CSU) kämpft unbeirrt darum,Kollmardass die ARD die Verkehrsratgebersen-Weser,Lütauer Seedung „Der 7. Sinn“ wieder einführt.UplewardKleinensiel„Schließlich geht es um die Verkehrssi-Freibadcherheit“, sagt Ramsauer, „ich habeDyksterhausenEms, Leerkeinerlei Verständnis, dass die ARD- Kleine Badewiese, Anstalten als öffentlich-rechtliches UnterhavelFernsehen sich einem solch plausiblen, wichtigen und populären Anliegen ver- schließen.“ Zuvor hatte die ARD-Vor- sitzende Monika Piel dem Politikereine Absage erteilt.Bebraer Die Chefredakteu-Teichere der ARD hättensich gegen eineWißmarerWiederaufnahmeentschieden, teilte CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGELSeePiel in einem Briefvom 11. Mai mit.Meerhofsee Wasserqualität„Finanzielle, pro-Wasserzustand unterhalb duktionstechnischeder Mindestanforderungenund inhaltlich-kon-Schornweisach Nur Mindestanforderungenzeptionelle Überle-Kocherbade-Weiherwerden erfülltbuchtRamsauer gungen haben zukeinem Ergebnis Buchhornergeführt, das Ihrem Anliegen entspre- See chen würde“, heißt es darin. Die Rech- te für die Sendung, die von 1966 bis 2005 in der ARD ausgestrahlt worden war, liegen beim WDR. Auch Länder- verkehrsminister und die Deutsche Rheinschwimmbad, Schwörstadt Polizeigewerkschaft hatten die Wieder- belebung der dreiminütigen Kultsen- dung gefordert. Diese war oft unmittel- bar nach der Tagesschau ausgestrahlt Wasser – marsch!worden und hatte in Spitzenzeiten bis zu 20 Millionen Zuschauer erreicht. Ramsauer hatte in einem Brief Ende Wer in diesen ersten Sonnentagen des Jahres nach Abkühlung sucht, sollte an März angeboten, dass sich sein einigen Bädern in Deutschland nur die Fußspitze ins Wasser stecken. 15 derMinisterium indirekt an der Finanzie- offiziellen EU-Badestellen hierzulande haben eine geringe Wasserqualität (rot rung beteiligen würde. Er könne den markiert). 36 Badestellen schneiden kaum besser ab, sie erfüllen gerade die Wunsch in der Bevölkerung, die Sen- Mindestanforderungen der EU-Richtlinie (schwarz markiert). Insgesamt ver- dung wieder ins Programm zu nehmen, schlechterte sich die Wasserqualität an den Küsten im Vergleich zum Vorjahr.gut nachvollziehen, hatte Ramsauer Die gute Nachricht: An den übrigen 2259 untersuchten Badestellen kann man geschrieben, „da ich die Sendung laut der Studie bedenkenlos planschen.selbst kenne und deren konzeptionel- len Wert stets geschätzt habe“.POLIZEIschlägt das niedersächsische Ministe-fentlicht, bis das niedersächsischerium vor, Regeln „insbesondere inJustizministerium diese Praxis als völ-Fahndung viaBezug auf die Nutzung sozialer Netz-werke festzulegen“. Aktivitäten bei kerrechtswidrig kritisierte: Der Face- book-Server befinde sich in den USA, TwitterFacebook und anderen Netzwerkenwerden als „sinnvolle Ergänzung“ der„Informations-, Ermittlungs- und Fahn- die Polizei werde ohne völkerrecht- liche Vereinbarung auf fremdem Staatsgebiet tätig. Die hannoverscheDie Innenminister prüfen, bundeswei-dungsarbeit“ bezeichnet. Behörde erwähnt deshalb auf ihrerte Standards für den Umgang der Si- Bisher nutzen die Ermittler die Netz-Facebook-Seite die Fahndungen nurcherheitsbehörden mit Facebook, Twit- werke unterschiedlich. Die Polizei-noch und verweist auf den Internet-ter und Co. zu schaffen. In einem Ent-direktion Hannover hatte Fahndungs-auftritt der Polizei. Erst dort findenwurf für die Innenministerkonferenz aufrufe auf ihrer Facebook-Seite veröf-sich detaillierte Angaben.18D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 12. DeutschlandAU S S E N P O L I T I K Kalter FriedenIm deutsch-russischen Verhältnis zieht eine neue Eiszeit herauf. Berlin ist wie seltenzuvor auf die Zusammenarbeit mit Moskau angewiesen, doch Merkel misstraut dem wiedergewählten Präsidenten Putin. Sie will die Opposition stärken.E s sollte eine Geste der Verbundenheit werden, eine große Inszenierung:Wladimir Putin, der russischePräsident, und sein deutscherKollege Joachim Gauck beimPuzzlespiel auf dem RotenPlatz in Moskau, direkt vor denToren des Kreml. Mit handver-lesenen Gästen wollten diebeiden Staatschefs aus 1023Einzelteilen eine überdimen-sionale Kopie des Selbstbild-nisses von Albrecht Dürerzusammenfügen. Das Gemäldeist eine Ikone der europäischenKunst. Doch Putin ist die Lust aufPuzzlespiele vergangen. Erstsagte der Kreml einen Terminim Mai ab, da sollte dasdeutsch-russische Jahr eröffnetwerden. Jetzt ließ der Präsi-dent mitteilen, dass er im Juniebenfalls keine Zeit habe. Derehemalige KGB-Agent Putinwill dem FreiheitskämpferGauck, der nur Verachtung fürdas Spitzelsystem des Kommu-nismus übrig hat, keine großeBühne bieten. Die Absage des Puzzlespielsspiegelt den Stand des deutsch-russischen Verhältnisses treff-lich wider. Am kommendenFreitag reist Putin zu einem of-fiziellen Besuch nach Berlin. Es MARKUS SCHREIBER / APist die erste Reise in ein westli-ches Land, nachdem er AnfangMai zum dritten Mal als Präsi-dent ins Amt eingeführt wurde.Eigentlich sollte das eine posi-tive Botschaft sein. Tatsächlich Kanzlerin Merkel*: Wenig Hoffnung auf einen Wandel in Moskausind die Beziehungen zwischenBerlin und Moskau so schlecht wie seit kann nur über Berlin Einfluss in Europa land bleibt wegen des drohenden Schei-Jahren nicht mehr.ausüben. terns des Pipeline-Projekts Nabucco wei- Die Beziehungen zu Russland genießen Aber ausgerechnet in einer Zeit, in der ter abhängig vom russischen Gas. Putintraditionell eine Sonderstellung in der Deutsche und Russen zunehmend auf- wiederum braucht deutsche Investoren,deutschen Außenpolitik. Deutsche Regie- einander angewiesen sind, steuern beide um die Wirtschaft seines Landes zu mo-rungen sehen sich aufgrund der gemein- Länder auf eine neue Eiszeit zu. Deutsch- dernisieren.samen, leidvollen Geschichte in einerGut entwickeln sich derzeit nur dieMittlerrolle zwischen den westlichen Part- * Am 14. März im Kanzleramt vor der Ankunft des tu- Handelsbeziehungen. Die deutschen Ex-nern und Russland. Moskau wiederum nesischen Ministerpräsidenten.porte nach Russland legten im vergange-20D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 13. nen Jahr um 34 Prozent auf 27 Milliardensie ihre Ämter tauschen würden, fühlteheitsanteils des Autobauers Opel an einEuro zu, die Importe stiegen um 27 Pro- Merkel sich hintergangen. Sie musste er-russisch geführtes Konsortium vor dreizent auf 25 Milliarden Euro. Deutschlandkennen, dass Medwedew, auf den sie so Jahren. Schuld daran war nach Putinsist nach China der zweitwichtigste Han- große Hoffnungen gesetzt hatte, nur eineMeinung der Widerstand Washingtons.delspartner Russlands.Marionette Putins war.Die Europäer seien wenig mehr als „Va- Politisch sieht die Lage anders aus. DasDie Enttäuschung der Kanzlerin saß sallen“ Amerikas, sagte Putin jüngst inVerhältnis zwischen Merkel und Putin isttief, zwischen Kanzleramt und Kreml einer landesweit übertragenen Bürger-angespannt. Die Kanzlerin empfängt am herrschte erst einmal Funkstille. Die Fäl-Fragestunde.Freitag einen Gast, dem sie schon vor schungen bei der Wahl zur russischen Was Putin vom Westen hält, machte erJahren das Ende seiner politischen Kar- Duma und die Schmutzkampagnen gegen in den vergangenen Tagen deutlich: Er reis-riere gewünscht hat. Nun ist er mächtiger Oppositionelle bestätigten sie in ihrem te nicht zum G-8-Gipfel der wichtigstendenn je.Urteil über Putin.Wirtschaftsnationen nach Camp David. Merkel hatte auf Putins Vorgänger Dmi-Vor der Präsidentschaftswahl ließ sieAuch dem Nato-Gipfel in Chicago blieb ertrij Medwedew gesetzt. Ihm traute sie zu, ihm eine Botschaft übermitteln: Er solledemonstrativ fern. Das ist noch kein neuerRussland zu modernisieren. Sie hoffte,sich doch als Staatsoberhaupt eine GesteKalter Krieg, aber ein kalter Frieden.Das Treffen in Berlin wird daran nichts ändern. Es sollen keine Abkommen unterzeich- net werden, wie eigentlich bei solchen Begegnungen üblich. Zu einer Annäherung bei um- strittenen Themen wie den von Moskau geforderten Visa-Er- leichterungen wird es ebenfalls nicht kommen, weil weder Ber- lin noch Moskau Neues anzu- bieten haben.Natürlich ist man sich im Kanzleramt darüber im Klaren, dass Deutschland in wichtigen Fragen auf die Russen angewie- sen ist. Das gilt nicht nur für die Energieversorgung. Moskau wird bei den Verhandlungen über das iranische Atompro- gramm gebraucht. Auch im Sy- rien-Konflikt können die Rus- sen mit ihrem Veto-Recht die Politik des Westens blockieren.Aber Merkel ist sich inzwi- schen gar nicht mehr sicher, ob Putin ihren Argumenten zu- gänglich ist. Vor einigen Wo- chen rief sie Putin an, um ihm klarzumachen, dass Russland mit seinem Verhalten in der Syrien-Krise den eigenen In- teressen schade. Sie beschwor ihn, seine Haltung zu überden- ken. Es passierte nichts.Die Kanzlerin ist nun ent-SASHA MORDOVETS / GETTY IMAGES schlossen, Putin auf andere Wei- se unter Druck zu setzen. Sie veranlasste, dass die Führung des sogenannten Petersburger Dialogs verändert wurde. Die jährlich stattfindende Veranstal- tung war vor elf Jahren vonPräsident Putin*: Der Westen hat nicht mehr die oberste PrioritätMerkels Vorgänger Gerhard Schröder und Putin ins Lebendass er erneut als Präsident kandidierenüberlegen, die im Westen als Aufbruchs- gerufen worden, um beiden Ländern einwerde, auch wenn viele Experten das für signal gedeutet wird, eine Freilassung desForum zum gesellschaftlichen Austauschunwahrscheinlich hielten. Als Medwedewehemaligen Oligarchen Michail Chodor- zu geben. Tatsächlich hat sich der Dialogund der damalige Ministerpräsident Putinkowski zum Beispiel. Doch Putin igno- nach Meinung von Kritikern zu einer ri-im September vergangenen Jahres erklär- rierte das Ansinnen.tualisierten Konferenz entwickelt, die vonten, es sei schon lange abgesprochen, dass Der russische Präsident respektiert dieehemaligen Politikern und kremlhörigenKanzlerin zwar, aber er hält sie für zu Funktionären dominiert wird.* Am 15. Mai im Kreml bei einem Gipfeltreffen der amerikafreundlich. Als Beleg dafür giltMerkel hat im April zwei Vertraute inGUS-Staatschefs.ihm der gescheiterte Verkauf eines Mehr-der Führung des Petersburger DialogsD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 221
  • 14. Deutschlandinstalliert, die auf Veränderung in Russ- felte Machtgeste. Russland gebe sich Plan die Keimzelle für eine „Eurasischeland dringen sollen. Der stellvertretende stark, weil es in Wirklichkeit schwach sei.Union“, der sich weitere Staaten der zer-Unionsfraktionschef Andreas Schocken-Für den Kreml stellt sich die Lage ganz fallenen Sowjetunion anschließen sollen.hoff, ein Vertrauter Merkels, übernimmt anders dar. Putin und seine Berater sehen Einer Annäherung zwischen Merkel unddie wichtige Arbeitsgruppe Zivilgesell- nicht ohne Schadenfreude, dass der welt- Putin steht auch die EU im Wege. Der rus-schaft. Merkels früherer Regierungsspre- politische Einfluss des Westens schwindet.sische Präsident sieht die Gemeinschaft alscher Ulrich Wilhelm soll sich um die Zu- Sie weisen darauf hin, dass der Anteil derschwaches Gebilde, das sich durch kompli-sammenarbeit der Medien kümmern.EU-Staaten an der weltweiten Wirtschafts-zierte Entscheidungsverfahren selbst lähmt.„Wir müssen deutlich machen, dass leistung in den vergangenen 30 JahrenRussland will gute bilaterale Beziehungenwir unter Modernisierungspartnerschaft kontinuierlich gesunken ist. „Putin ist sichzu Deutschland. Die EU stört da nur.mehr verstehen als nur eine bessere Zu- sicher, dass das westliche Modell den Merkel dagegen weiß, dass Deutsch-sammenarbeit im Energiesektor“, sagt Zenit seiner weltweiten Anziehungskraft land als Führungsmacht in Europa auchSchockenhoff. Deutschland müsse den schon hinter sich hat“, sagt der Politologeauf die kleineren Staaten Rücksicht neh-Aufbruch der russischen Mittelschicht un- Nikolai Slobin.men muss. Im Baltikum oder in Polenterstützen, die mit ihren Protesten nach Dabei spielt Deutschland in Putinsherrscht aus historischen Gründen nachder Duma-Wahl öffentlich Kritik gezeigt Weltbild durchaus eine wichtige Rolle. Erwie vor Misstrauen gegenüber Moskau.habe, dass sie eine echte Modernisie- hat hier traditionell wichtige außenpoli-Das kann Merkel nicht ignorieren.rungskraft in Russland ist. tische Initiativen vorgestellt. Er beschriebNicht nur sachliche Gründe sind fürIn der Bundesregierung weiß man, 2001 vor dem Bundestag das Ziel eines den deutsch-russischen Stillstand verant-dass das ein mühsamer Prozess ist. Kurz- „einheitlichen und sicheren Europa“, in wortlich. Im Verhältnis Berlin-Moskau spielten persönliche Beziehungen immer eine große Rolle.Das gemeinsame Bad Willy Brandts mit KPdSU-Chef Leonid Breschnew im Jahr 1971 ebnete den Weg für die deut- sche Ostpolitik. Kohl verhandelte mit Gorbatschow in Strickjacke im Juli 1990 über die deutsche Einheit, das sollte ihr enges Vertrauensverhältnis symbolisieren. Die Duz-Freunde Putin und Schröder fuh- ren 2001 im Pferdeschlitten durchs ver- schneite Moskau.Merkel und Putin begegnen sich dage- gen mit kalter Geschäftsmäßigkeit. Die ostdeutsche Pastorentochter hat nicht ver- gessen, dass Putin als KGB-Offizier in der DDR eingesetzt war. Für Merkel war das Ende der Sowjetunion die Ouvertüre fürINTERNATIONAL HERALD TRIBUNE die Freiheit des Ostblocks. Putin empfand es als Schmach.Merkel stößt ab, wie Putin seine Männ- lichkeit bei der Tigerjagd oder mit nack- tem Oberkörper beim Angeln zur Schau stellt. Seine Versuche, sie einzuschüch- tern, empfand sie als Affront. Bei einemAnti-Putin-Karikatur: Die Enttäuschung saß tiefTreffen in Putins Ferienresidenz an der Schwarzmeerküste in Sotschi im Januarfristige Erfolge erwartet niemand. Dasdem die Staaten Europas und Russland 2007 ließ Putin seine schwarze Labrador-Putin-Lager wird wohl versuchen, dieihre Ressourcen vereinigen. Im Novem-Hündin Koni an der Hose des GastesOpposition als Agenten des Westens zu ber 2010 hat er vor seinem Berlin-Besuch schnüffeln. Merkel hat Angst vor Hunden,diffamieren.in einem außenpolitischen Grundsatz- seit sie als Kind einmal gebissen wurde. Die neue russische Regierung bietetartikel für eine „harmonische Wirtschafts- Putin lächelte nur.nach Ansicht der Bundesregierung weniggemeinschaft von Lissabon bis Wladi-Dabei beeindruckt ihn die Härte, mitHoffnung auf einen Wandel: Putin habe wostok“ geworben.der ihm Merkel entgegentritt. „Putineinen Konservativen wie Außenminister„Putin hat aber zur Kenntnis genom- schätzt Merkel als hochkarätige und pro-Sergej Lawrow im Amt gehalten. Einmen, dass seine Vorschläge ohne Antwortfessionelle Politikerin“, sagt WladislawHardliner wie Innenminister Raschid Nur-blieben“, sagt Kreml-Berater Wladislaw Below. „Er hält sie eindeutig für eingalijew sei durch den Moskauer Polizei- Below. „Der Westen hat für ihn heute Schwergewicht.“chef Wladimir Kolokolzew ersetzt wor- nicht mehr oberste Priorität.“Beim EU-Russland-Gipfel im Mai 2007den, dessen Truppen immer wieder bru-Mehr als sein Vorgänger Medwedewlieferten sich Merkel und Putin vor lau-tal gegen Demonstranten vorgegangen richtet Putin sein Augenmerk auf die Staa- fenden Kameras ein Wortgefecht zum The-seien.ten der ehemaligen Sowjetunion in Russ-ma Menschenrechte. Als Putin im Januar Aus deutscher Sicht hat die Führung in lands unmittelbarer Nachbarschaft. Er2009 auf dem Höhepunkt des russisch-Moskau noch immer nicht verstanden, setzte eine Zollunion mit Weißrussland ukrainischen Gasstreits in Berlin zu Gastdass Russland keine Weltmacht mehr ist, und Kasachstan durch, „einen gewaltigenwar, erteilte die Kanzlerin ihm Lektionensondern Europa als verlässlichen PartnerBinnenmarkt von 165 Millionen Men- wie eine Lehrerin einem Schuljungen. „Siebraucht. Dass Russland gegen die Rake-schen mit freiem Verkehr von Kapital und hat mit mir geschimpft“, sagte Putin spätertenabwehr der Nato zu Felde zieht, er-Arbeitskräften“, wie er schwärmte. Der halb ironisch, halb anerkennend.scheint den Deutschen als letzte verzwei- östliche Wirtschaftsclub bildet in PutinsRALF NEUKIRCH, MATTHIAS SCHEPP22D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 15. Deutschland MAURICE WEISS / DER SPIEGELOppositionsführer Steinmeier: „Wir werden in acht Monaten einen Kandidaten haben, der die SPD ins Kanzleramt führt“ SPI EGEL-GESPRÄCH„Niederlagen gehören dazu“SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, 56, über die Konsequenzen aus dem Wahlerfolg der französischen Sozialisten, seinen Kuschelkurs mit Kanzlerin AngelaMerkel und den Streit in seiner Fraktion über die richtige Linie in der SicherheitspolitikSPIEGEL: Herr Steinmeier, wer macht dieSteinmeier: Das ist Unfug. Aber ich ver-müssen das Land verlassen – und zwarbessere Oppositionspolitik gegen Angelastehe Ihre Begeisterung für Hollande, bis Ende 2014.Merkel: Sie oder Frankreichs neuer Prä-denn seine Forderungen nach einer euro- SPIEGEL: Sie wollen also mal wieder exaktsident François Hollande?päischen Wachstumsinitiative stimmendas, was die Regierung auch will.Steinmeier: François Hollande ist fran-zum Großteil mit unseren überein. Was Steinmeier: Sie wissen selbst, dass das Un-zösischer Präsident. Ich bin deutscher den Afghanistan-Abzug angeht, war meinsinn ist. Es war doch umgekehrt. Die SPDOppositionsführer. Und ich weiß, was ich Grundsatz immer: gemeinsam rein, ge-hat doch erst das Konzept für die Be-will: die Ablösung von Frau Merkel und meinsam raus. Deshalb habe ich auch endigung des Einsatzes entworfen. Mer-ihrer Regierung. Diesem Ziel sind wir in stets vor deutschen Alleingängen ge-kel und die Union haben uns drei Monateden letzten Wochen deutlich näherge- warnt.dafür beschimpft, um es anschließendkommen.SPIEGEL: Hollande sollte seine Haltungabzukupfern. Wie so vieles übrigens.SPIEGEL: Hollande piesackt Merkel, indem also noch mal überdenken? SPIEGEL: Und die Euro-Bonds? Die habener Wachstumspakete fordert, Euro-Bonds Steinmeier: Ich habe dem französischenSie früher lautstark gefordert, jetzt sindeinführen und die französischen Soldaten Staatspräsidenten keine EmpfehlungenSie still und heimlich davon abgerückt.schon bis Ende des Jahres aus Afghani- zu geben. Klar ist, dass der Afghanistan- Steinmeier: Warum schauen Sie nicht ein-stan abziehen will. Da zeigt er deutlich Einsatz zu Ende gehen muss. Auslän- fach mal in die Interviews, die Sie selbstklarere Kante als Sie. dische Streitkräfte, auch die deutschen,mit mir geführt haben? Dort können Sie24 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 16. meine Auffassung lesen, dass Euro-Bonds Steinmeier: Ich garantiere Ihnen, den Fis-von Maßnahmen mit der Bundesregie-nur dann machbar sind, wenn sie mit har- kalpakt wird es nur mit ergänzendenrung verhandeln müssen, um Europa austen Bedingungen verbunden sind und wir Wachstumselementen geben. Wenn die der Sackgasse zu führen. Das ist meineeine harmonisierte europäische Wirt- nicht kommen, wird es keine Zustimmung Art, Politik zu machen. Entscheidend ist,schafts- und Finanzpolitik haben. Im Üb- der SPD geben. Weitere Bedingungen sind, was hinten rauskommt.rigen gibt sich inzwischen ja selbst der dass die Besorgnisse der Bundesländer aus- SPIEGEL: Eine Finanztransaktionsteuer for-FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüder- geräumt werden und die Frage der parla- dert inzwischen selbst der bayerischele offen für Euro-Bonds.mentarischen Beteiligung geklärt wird.CSU-Finanzminister Markus Söder. Wer-SPIEGEL: Umso verwunderlicher, dass Sie SPIEGEL: Von Wachstum sprechen inzwi- den Sie da gerade von links überholt?bei dem Thema so zaghaft klingen. schen alle, es ist also nicht besonders mu- Steinmeier: Wir freuen uns über jeden, derSteinmeier: Das tue ich nicht. Ich weise tig, das zu fordern. Welche Bedingungendazulernt.nur darauf hin, dass erst die Bedingungen müssen zwingend erfüllt sein? SPIEGEL: Haben Sie eigentlich den Ein-geschaffen werden müssen. Dann muss Steinmeier: Ohne eine Besteuerung der Fi- druck, dass Ihre Forderungen nach einergeklärt werden, worüber wir reden. Mit nanzmärkte, ohne eine Stärkung der In- Wachstumsinitiative bei den Wählernder Überschrift Euro-Bonds können ganz vestitionskraft und ohne eine Ausweitung ankommen? Denen ist doch klar, dass imunterschiedliche Dinge gemeint sein.des Kreditvolumens der Europäischen In- Zweifel Deutschland zahlen muss.SPIEGEL: Was sollte man in der Zwischen- vestitionsbank wird die SPD den Weg derSteinmeier: Die SPD ist nicht die Linkspar-zeit tun? Bundesregierung nicht mitgehen. So wer- tei, die sich auf die Marktplätze stellt undSteinmeier: Mittelfristig bin ich dafür, dass den das im Übrigen viele europäische Re-den Menschen vormacht, Manna regnetwir uns dem Modell nähern, das der Sach- gierungen halten.vom Himmel. Ich muss den Deutschenverständigenrat vor einiger Zeit vorgelegt SPIEGEL: Genau diese Art von Junktim ha- erklären, dass es ihnen auch deshalb gut-hat. Er schlägt vor, einen Europäischen ben Sie bislang immer abgelehnt.geht, weil in Frankreich, Spanien und Ita-Schuldentilgungsfonds einzurichten, weil Steinmeier: Ich habe in meinem Leben lien Autos und Maschinen aus Deutsch-ohne einen Umgang mit Altschulden für mehr als eine schwere Verhandlung ge- land gekauft werden. Deutsche Arbeits-viele Länder kein Ausweg aus der Ver- führt. Und ich weiß: Das Junktim bindet plätze werden davon abhängen, ob es unsschuldungskrise zu organisieren ist. Zwar nur den, der es aufstellt. Mir war von An-gelingt, unsere europäische Nachbarschaftbliebe jedes Land dazu verpflichtet, seine fang an klar, dass wir ein ganzes Bündel wieder ins wirtschaftliche Gleichgewichteigenen Schulden zu tilgen. Aber zu bringen. Auf Dauer kann es unsder gemeinsame Zinssatz würdenicht gutgehen, wenn es dem Restdeutlich unter den üblichen Sätzen Europas schlechtgeht. Deshalb ha-für stark verschuldete Länder liegen.ben wir eine Verantwortung, Eu-Dadurch wäre es solchen Ländernropa aus der Krise zu führen.überhaupt erst möglich, mit der Til- SPIEGEL: Statt Geld auszugeben,gung ihrer Schulden zu beginnen. sind Sie in Deutschland einst denSPIEGEL: Sind Sie harmoniesüchtig? umgekehrten Weg gegangen. SieSteinmeier: Säße ich dann mit Ihnengelten als Erfinder der Agenda 2010,an einem Tisch? Aber im Ernst: mit deren harten Einschnitten SieWer 24 Stunden am Tag Harmonie die Sozialsysteme saniert haben.braucht, geht nicht ins politische Steinmeier: Das ist eine Legende,Geschäft.die leider immer wieder falsch wei-SPIEGEL: Dann fragen wir uns, war- tergetragen wird.um Sie die Europapolitik der Kanz- SPIEGEL: Es gab keine Einschnitte?lerin immer wieder für falsch erklä- Steinmeier: Natürlich gab es die. Undren, am Ende aber doch stets zu- keiner hat den Streit darüber besserstimmen. in Erinnerung als ich. Aber wenn inSteinmeier: Ich führe eine Opposi- der Rückschau von heute unsere Po-tion, die sich auf Regierungsverant- litik erfolgreich war, dann doch, weilwortung vorbereitet. Und es gibt wir genau diesen Dreiklang aus Ein-weder ein schwarz-gelbes noch einsparungen, Strukturreformen undrot-grünes Europa. Stattdessen Erhalt von Wachstumskräften hin-müssen wir dafür Sorge tragen, bekommen haben, um den es jetztdass Europa in seiner heutigen auch wieder geht. Neben den Ein-Form überhaupt noch besteht, schnitten haben wir damals massivwenn wir 2013 die Regierung über-investiert. Beispielsweise sind viernehmen. Also müssen wir als Op-Milliarden in den Ausbau der Ganz-position versuchen, die Fehler der tagsschulen geflossen.Bundesregierung zu korrigieren,SPIEGEL: Neulich hat die Bundestags-wo immer es geht. Deshalb fordernfraktion sich offen gegen Sie gestellt.wir, dass die europäische Sparpoli-Sie wollten, dass die Abgeordnetentik um Wachstumspolitik ergänztsich bei der Abstimmung über diewird und es endlich zu einer Be- Anti-Piraterie-Mission Atalanta ent-steuerung der Finanzmärkte halten, die Fraktion entschied sichkommt. aber für die Ablehnung. Haben SiePATRICK SINKEL / DAPDSPIEGEL: Um den Fiskalpakt und da- Ihre Mannschaft noch im Griff?mit die europäische Schuldenbrem-Steinmeier: Ich verliere nicht gern,se durch das Parlament zu bringen, weder Abstimmungen über Sach-braucht die Kanzlerin die Stimmenfragen noch Wahlen. Aber Nieder-der SPD. Lehnen Sie ab, wenn Ihrelagen gehören im politischen LebenForderungen nicht erfüllt werden? Genossin Kraft: „Verzicht auf Glanz und Glamour“ dazu. Wenn so etwas passiert, muss D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 25
  • 17. HENNING SCHACHTTroika Steinmeier, Gabriel, Steinbrück: „Fair miteinander umgehen“man eben in Zukunft darauf achten, dassim Gespräch zu halten, wirkt inzwischen Schulter und wollen ein persönlicheses die Ausnahme bleibt.ziemlich überholt. Wie soll das erst in Wort mit ihr reden. Da ist keine DistanzSPIEGEL: Was haben Sie falsch gemacht? acht Monaten sein?zu spüren, und das ist bemerkenswert.Steinmeier: Die europäischen Themen do-Steinmeier: Ich habe eher den Eindruck, SPIEGEL: Damit hat sie eine klare Mehrheitminieren die Tagesordnung. Sie nehmendass die SPD die Menschen zunehmend für Rot-Grün geholt. Davon können Sieleider die Zeit in Anspruch, die wir für interessiert. Wir sind jetzt bei der elften im Bund derzeit nur träumen. Warumdie Beratung anderer, nicht weniger wich-Landtagswahl in Folge in Regierungsver- verabschieden Sie sich nicht von der Illu-tiger Themen dringend brauchen. Wir hät- antwortung gewählt worden. Im Januarsion einer rot-grünen Neuauflage und öff-ten der Debatte über das Mandat zum Aus- in Niedersachsen machen wir das Dut-nen sich? Zur FDP zum Beispiel?landseinsatz mehr Raum geben müssen. zend voll. Im Übrigen kann ich Ihnen ver- Steinmeier: Ich glaube, Sie hinken demSPIEGEL: Und wenn es wieder passiert?sichern, dass wir in acht Monaten einen Zeitgeist etwas hinterher. Es ist doch of-Steinmeier: Das liegt doch weit hinter uns.Kandidaten haben werden, der die SPDfensichtlich, dass Merkels Zeit zu EndeGlauben Sie ernsthaft, dass ich hier inins Kanzleramt führt. Bis dahin werdengeht. Sie hat 2013 keinen Koalitions-öffentliche Drohgebärden gegen meine wir weiterhin fair miteinander umgehen. partner mehr, sie hat keine Ideen, wie esFraktion verfalle? SPIEGEL: Jetzt rufen die ersten Genossenmit dem Land weitergehen soll, und aufSPIEGEL: Bei der Abstimmung brach sich nach der nordrhein-westfälischen Wahl-der Einwechselbank ihrer Regierungs-offensichtlich der Wunsch vieler Abge- siegerin Hannelore Kraft: Sie sei die beste mannschaft sitzt auch niemand mehr. Wirordneter Bahn, klare Kante zu zeigen.Kanzlerkandidatin.brauchen in Deutschland keine RegierungSteinmeier: Daran ist kein AbgeordneterSteinmeier: Ich glaube nicht, dass diejeni- für Stillstand und Hader, sondern einean irgendeinem Tag in der Woche gehin- gen, die diese Debatte führen, HanneloreKoalition für Aufbruch und Veränderung.dert. Die Bundesregierung bietet dazuKraft einen Gefallen tun. Sie hat sich öf-Das sind ja keine einfachen Zeiten, dieauch ausreichend Gelegenheit.fentlich zu ihrer Rolle in der Politik ge-auf uns zukommen. Deshalb sind Sozial-SPIEGEL: Ihr Parteichef Sigmar Gabriel hat äußert, und ich habe den Eindruck, dasdemokraten und Grüne eine gute Per-weniger Probleme mit direkter Konfron- sollten wir ernst nehmen. Gleichwohlspektive.tation. Wäre er der bessere Oppositions- zeigt diese Diskussion, was der Union imSPIEGEL: Oskar Lafontaine hat auf den Vor-führer?Gegensatz zu uns fehlt: eine Riege vonsitz der Linkspartei verzichtet, damit ent-Steinmeier: Politik lebt doch von unter- starken Ministerpräsidenten und Persön- fällt ein wesentlicher Grund, den die SPDschiedlichen Typen. Sigmar Gabriel hat sei-lichkeiten, die in der Lage sind, Regie-immer gegen Bündnisse mit den Linkenne Aufgabe als Parteivorsitzender, die rungsverantwortung zu übernehmen. ins Feld geführt hat. Ist Rot-Rot-Grünmacht er gut. Und ich mache meine alsSPIEGEL: Was kann die SPD von Frau Kraftjetzt möglich?Fraktionsvorsitzender vielleicht auch nichtlernen? Steinmeier: Die Linkspartei spielt in unse-ganz schlecht. Gemeinsam sind wir mit derSteinmeier: Ganz viel. Hannelore Kraftren Plänen keine Rolle. Es steht doch inSPD ein gutes Stück nach vorn gekommen.verzichtet auf Glanz und Glamour, den Sternen, ob sie dem nächsten Bun-SPIEGEL: Hinzu kommt noch Peer Stein-nimmt aber die Sorgen und Nöte derdestag überhaupt angehört. Und solangebrück, der als einfacher Bundestagsabge- Menschen ernst. Wenn man mit ihr im sich die inhaltlichen Positionen nicht än-ordneter zur Troika der möglichen SPD- Wahlkampf unterwegs war, hat man ge-dern, kommen wir sowieso nicht zusam-Kanzlerkandidaten zählt. Haben Sie den spürt, dass die Leute keine Schwellen-men. Wir kämpfen für Rot-Grün.Eindruck, das Format funktioniert noch?angst hatten. Die Menschen kommen vor-SPIEGEL: Sollte die SPD jetzt mit einem de-Steinmeier: Ich verstehe ja, dass Journa-behaltlos auf sie zu, klopfen ihr auf die zidiert linken Kanzlerkandidaten antre-listen die SPD zu einer schnellen Ent- ten, um Linken-Wähler einzusammeln?scheidung drängen wollen. Aber es sind Steinmeier: Ganz bestimmt wird sich dienoch immer anderthalb Jahre bis zurSPD in Programm und Personal nicht annächsten Bundestagswahl. Es reicht,einer völlig ruinierten Linkspartei und ih-wenn wir den Kandidaten nach der nie-rem Schicksal ausrichten.dersächsischen Landtagswahl im JanuarSPIEGEL: Aber sie muss überlegen, wie sie MAURICE WEISS / DER SPIEGELküren. Das ist dann immer noch fast einenttäuschte Linken-Anhänger lockenDreivierteljahr bis zur Wahl.kann. Wäre dafür nicht Sigmar GabrielSPIEGEL: Aber die Idee hinter der Troika,am besten geeignet?die Partei durch einen Wettstreit von drei Steinmeier: Ich weiß nicht, ob Sigmar Ga-Kandidaten interessant zu machen und briel sich über diese Einschätzung von Ih- nen wirklich freut.* Mit den Redakteuren Konstantin von Hammerstein Steinmeier beim SPIEGEL-Gespräch* SPIEGEL: Herr Steinmeier, wir danken Ih-und Christoph Hickmann in Steinmeiers Büro.„Die Linkspartei spielt keine Rolle“nen für dieses Gespräch.26 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 18. Deutschland dem Osten, die der Gestürzte in einem letzten Triumph noch mit nach unten zie-LINKEhen will; eine Partei schließlich, die nach Napoleon und Lady Macbeth einem Höhenflug auf fast zwölf Prozent ziemlich am Boden liegt.Monatelang hatte Oskar Lafontaine seine Partei in Atem gehalten, in einem erbitterten Kampf um die Macht. Vorder-Mit dem Rückzug von Oskar Lafontaine endet in der Partei gründig ging es um die Entscheidung, wer ein erbitterter Machtkampf. Sinkt die Linke zur Regionalpartei ab, auf dem Parteitag am kommenden Wo- chenende in Göttingen Vorsitzender oder steigt sie zum möglichen Partner der SPD im Bund auf?wird: der ostdeutsche, realpolitisch ori- entierte Fraktionsvize Dietmar Bartsch oder doch noch einmal die Machtmaschi- ne aus dem Westen. Dahinter aber stand ein von langer Hand vorbereiteter Ver- such des Politikpaares Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, die Partei auf ihren strammen Oppositionskurs zu ver- pflichten. Für dieses Ziel arbeiteten sie mit allen Methoden, mit politischer Be- stechung, Täuschung, Drohung.Für die Partei Die Linke stellt sich nun die Existenzfrage: Spaltung und Rückfall in die Rolle als ostdeutsche Regionalpar- tei – oder eine Wiedergeburt als moder- nisierter Herausforderer und möglicher Partner für SPD und Grüne?Der Rückzug des einstigen Übervaters der Linken bringt Bewegung in die deut- sche Parteienlandschaft. Für die SPD-Spit- ze war ein Bündnis mit der Linkspartei auf Bundesebene tabu. Das lag an man- chen Programmpunkten, aber mehr noch an der Person Lafontaine. Viele Sozial- demokraten haben ihm bis heute nicht verziehen, wie er erst den SPD-Parteivor- sitz hinschmiss und dann sein eigenesCAROLINE SEIDEL / DPA Konkurrenzunternehmen aufzog.Aus dem Führungszirkel der Sozialde- mokratie war bis Ende der Woche nur Abwägendes zu hören. „Für die SPD än- dert sich erst einmal nichts, weil das keinLinken-Politiker Lafontaine*: Ein Drama, in dem es bislang nur Verlierer gibtSieg der Reformer ist“, meinte General- sekretärin Andrea Nahles. Und Fraktions-E inmal saßen sie noch zusammen, sitz neben Lafontaine in einer Doppel- chef Frank-Walter Steinmeier höhnt: am vergangenen Sonntag im Berli- spitze übernähme. Bartsch wusste, dass „Ganz bestimmt wird sich die SPD in Pro- ner Café Dressler Unter den Lin- der Saarländer diese Kröte nicht schlu- gramm und Personal nicht an einer völligden. Oskar Lafontaine hatte seinen Ver- cken würde.ruinierten Linkspartei und ihrem Schick-trauten Klaus Ernst mitgebracht, sein Ri-Aber Lafontaine machte gar kein An- sal ausrichten.“ Aber schon eine Ebenevale Dietmar Bartsch war allein gekom- gebot mehr, er ahnte schon, dass die Rea-men. Lange redeten sie ganz allgemein los aus dem Osten diesmal nicht klein bei-und ganz freundlich über Politik, fast geben würden. So blieb es bei seinerCountdown für die Linkezwei Stunden dauerte dieses Abtasten Forderung, keinen weiteren Kandidaten „Welche Partei würden Sie wählen,und Belauern: Wer gibt einen Hinweis, neben ihm für das höchste Parteiamt zu- 13 wenn am nächsten Sonntagdass er bereit ist, nachzugeben im Kampf zulassen – alles oder nichts. „Dann muss Bundestagswahl wäre?“um die Führung der Linkspartei? Wer der Parteitag entscheiden“, sagte Bartsch. 11,9zeigt einen Moment der Schwäche? 36 Stunden später, nachdem am Mon- Antwort: Die Linke; Angaben in Prozent Bartsch war zu diesem Zeitpunkt längst tag auch noch Gregor Gysi dem ehemali-entschlossen, den Kampf zu Ende zu brin- gen Sozialdemokraten die Freundschaft 10gen, so oder so. Er rechnete damit, dass aufgekündigt hatte, erklärte Lafontaine9Lafontaine ihm in diesem Gespräch beim seinen Verzicht auf den Parteivorsitz.Rotwein irgendwann anbieten würde, un- Damit endete der vorläufig letzte Akt8ter ihm Bundesgeschäftsführer zu werden. eines Dramas, wie es auf der politischen7Und er hatte sich auch eine Antwort zu- Bühne selten geboten wird und in dem Bundestags-6rechtgelegt: Geschäftsführer ja, aber nur, es bisher nur Verlierer gibt: einen gede- wahlergebniswenn er bestimmen dürfe, wer den Vor- mütigten Patriarchen, dem in seiner gro- September 2009Umfragen: Infratest dimap5 ßen Zeit alles zugetraut wurde, sogar die* Beim NRW-Wahlkampf in Düsseldorf am 9. Mai.Kanzlerschaft; die Herausforderer aus 2009 20102011201228 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 19. tiefer klang die Reaktion deutlich freund- Solange sie allein war, konnte sie sich sensgespräche auf Spitzenebene. „Daslicher. „Sowohl Herr Bartsch als auch die nie richtig gegen Bartsch und dessen För-war die Vereinbarung“, poltert Ramelowgenannten möglichen Kandidatinnen ste-derer Gysi durchsetzen. Aber jetzt hatte heute wütend vor Genossen – denn washen für einen durchaus soliden Politik- sie ihren Partner an der Seite. Nur er, La-dann folgte, empfindet er als Täuschung.stil“, urteilte der Berliner SPD-Landes-fontaine, könne Bartsch verhindern, so Andere Parteigenossen werden nochchef Michael Müller.hätten Wagenknecht und ihre Freundedeutlicher. Sie nennen Klaus Ernst und Für Lafontaine wiederholt sich mit dem auf ihn eingeredet, berichtet es der Lin-Lafontaine „Lügner“.Rückzug aus der Führung der Linken einken-Mann im Hintergrund. Schnell wurde klar, dass Lafontainepersönliches Trauma. Schon einmal, imSo begann das Spiel um die Macht, imwohl gar nicht daran dachte, sich mitHerbst 1990, ließen ihn die OstdeutschenRückblick nennt es der Thüringer Frakti- Bartsch zu einigen. Statt über eine Lö-auflaufen mit seinen Ambitionen, damals,onschef Bodo Ramelow, einer der Haupt- sung zu verhandeln, zog er sich ins Saar-als sie ihm den Griff zur Kanzlerschaft verhandlungsführer hinter den Kulissen,land zurück und ließ die Partei rätseln,verwehrten. 22 Jahre später scheiterte derMachtmensch aus dem Westen wieder anselbstbewussten Ossis. Das Waterloo desSaar-Napoleons liegt östlich der Elbe. Auch in der Linkspartei rätselten inden vergangenen Wochen viele, warumLafontaine mit 68 Jahren noch einmalbrachial an die Spitze strebte. Und wiedieser Instinktpolitiker übersehen konnte,dass der Widerstand zu groß sein würde,um mit seinen maßlosen Forderungendurchzukommen. Eine Antwort auf die-ses Rätsel bekommt man im Saarland, beieinem langjährigen, engen Mitarbeiter. Bevor der Mann Auskunft gibt, mussman mit ihm allerdings spätabends überdie Grenze nach Frankreich fahren, zu JOCHEN LÜBKE / DPA (O.); THOMAS TRUTSCHEL/PHOTOTHEK.NET (U.)tief sitzt die Angst, von Lafontaines Zu-trägern gesehen und verpetzt zu werden. „Die Antwort heißt Sahra“, sagt derVertraute. Der Saarländer selbst sei schonlange müde von der Politik, so berichtetes der Mitstreiter; seine Bemerkungen,dass er keine Lust mehr habe, seien durch-aus ernst zu nehmen. Es spricht einiges dafür, dass diese Ein-schätzung stimmt: Lafontaine hatte seinLeben nach der Trennung von EhefrauChrista Müller neu geordnet; er hatte einschönes Haus auf dem Land gekauft, Wa-genknecht hatte für ihn ihren Wohnsitzan die Saar verlegt.Spitzenkandidaten Kipping, Schwabedissen, Bartsch: „Kooperative Führung“ Weil ein Lafontaine nicht ganz auf Sta-tus und Privilegien verzichten kann, woll-eine „Schmierenkomödie“. Den Eröff-wie die „kooperative Führung“ aussehente er den Fraktionsvorsitz im Saarlandnungszug machte das Paar im vergange-könnte, von der er gesprochen hatte.behalten und liebäugelte mit einer Spit-nen Dezember, bei einem Treffen der Zu einem zweiten Treffen der Länder-zenkandidatur für die Europawahl. AberLandes- und Fraktionsvorsitzenden im fürsten im April in Düsseldorf reiste La-mehr sollte es auch nicht unbedingt sein. thüringischen Elgersburg, wo Personalfontaine nicht einmal mehr an. Die Run-„Ich habe in meinem Leben in genug Sit- und Politik für die Landtagswahlkämpfe de beschloss, zwei Emissäre an die Saarzungen gehockt“, sagte er vor Monaten und den Parteitag 2012 auf der Tagesord- zu schicken: Heinz Vietze, Chef der Rosa-am Ende einer Veranstaltung: „Wenn ichnung standen.Luxemburg-Stiftung, und den hessischenmeine Denkmäler sehen will, kann ich Gleich zu Beginn der ZusammenkunftFraktionschef Willi van Ooyen. Lafon-durch Saarbrücken spazieren.“ schlug das Bartsch-Lager vor, den nächsten taine ließ nur ausrichten: keine Personal- Doch dann erklärte Bartsch seinen An-Parteitag vorzuziehen, um die Führungs-debatte während der Wahlkämpfe. Dannspruch auf den Vorsitz. Das sei das Signalfrage vor den anstehenden Wahlen zu klä- sollte die alte PDS-Größe Hans Modrowfür das Lager um Sahra Wagenknecht ge-ren. Das leuchtete den meisten ein, aber vermitteln, einer der wenigen ehemaligenwesen, ihren Lebensgefährten zu drän- Lafontaine lehnte ab; er musste Zeit gewin-PDS-Politiker, denen Lafontaine vertraut.gen, sich dem Anführer der Ost-Realos nen. Als Bartsch-Getreue darauf die Idee Aber auch für Modrow hieß es: kein Ter-in den Weg zu stellen, so erzählt es dereiner Mitgliederbefragung ins Spiel brach- min in Saarbrücken.Vertraute. Wagenknecht ist dem ehema- ten, konterte Lafontaine mit der Anregung,Schließlich stellte der misstrauisch ge-ligen Schatzmeister und Gysi-Freund der Vorstand sollte lieber selbst einen Per- wordene Gregor Gysi seinen langjährigenschon aus PDS-Zeiten in inniger Feind-sonalkompromiss präsentieren, „eine ko-Co-Chef nach einem gemeinsamen Wahl-schaft verbunden. Während Bartsch die operative Führung unter Einbeziehung von kampfauftritt in Nordrhein-Westfalen zurLinkspartei mit der SPD zusammen in Bartsch“, wie sein Angebot lautete.Rede. Was denn nun sei, mit dem Kom-viele Regierungen bringen will, setzt Wa-Lafontaine wusste genau, dass er beipromissvorschlag und mit Bartsch? Esgenknecht auf harten Oppositionskurs. einem Basisentscheid wenig Chancen ge- wurde laut, die beiden gingen im StreitFür sie ist das Bündnisgerede Verrat. habt hätte, also verabredete man Kon-auseinander. Zu dem Zeitpunkt ahnteD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 229
  • 20. Deutschland Gysi bereits, dass sich das Spiel nicht nurnicht mehr für den Bundestag aufgestellt um Lafontaine und Bartsch drehte, son- werde. dern dass auch Sahra Wagenknecht an Auch in Thüringen versuchte Lafon- ihrem Aufstieg arbeitete – und zwar auftaine, Ostdelegierte auf seine Seite zu seine Kosten. Einen deutlichen Hinweis,ziehen. Dem Landesvorsitzenden Knut dass sie ihm seinen Platz streitig machte, Korschewsky ließ er das Angebot über- hatte es bei einer Fraktionssitzung im bringen, er könne Bundesgeschäftsführer Frühjahr gegeben. Vor einer Bundestags-werden, wenn er im Osten für Lafontaine debatte zum Euro-Rettungsschirm hatten werbe. Der thüringische Fraktionschef sich Wagenknechts Anhänger zu Wort ge- Bodo Ramelow saß gerade am Lenkrad meldet, Gysi solle seine Redezeit „mit seines Autos, als er von Lafontaines Lock- der Sahra“ teilen; traditionell sind solchemittel erfuhr; er bekam einen solchen Auftritte Chefsache. Tobsuchtsanfall, dass er fast einen UnfallNach einigem Hin und Her platzte Gysi verursacht hätte. Ramelow stellte Kor- dann der Kragen. Am Ende redete er al- schewsky zur Rede, der verkündete dann lein, Wagenknecht schwänzte die Debat- am Montagabend kleinlaut, er persönlich te. Anschließend kam sie zu ihm und er-sei nun für einen „dritten Weg“, ohne klärte, der Vorstoß sei mit ihr nicht abge-Lafontaine und Bartsch. sprochen gewesen. Aber Gysi ist zu langeEs ist gut möglich, dass dieser dritte im Geschäft, um solchen Entschuldigun- Weg jetzt Realität wird: mit einer weib- gen zu trauen. lichen Doppelspitze aus der bisherigenJe länger der Kampf um den Parteivor- Vizechefin Katja Kipping und der in sitz währte, desto klarer wurde, dass es Nordrhein-Westfalen gerade krachend ge- um weit mehr ging, als Oskar Lafontainescheiterten Spitzenkandidatin Katharina an die Spitze zu hieven. Wagenknecht und Lafontaine wollten die Not der Partei nut- zen, um ihr ihren Willen aufzuzwingen.In der Parteizentrale lief der getreue Klaus Ernst durch die Gänge und berei- tete die Mitarbeiter auf die Rückkehr des Königs vor. Bei einer Versammlung vor zwei Wochen stellte sich Ernst vor die Belegschaft und erklärte: Alle müssten wissen, hinter ihm stehe Lafontaine, und der verdächtige das gesamte Haus der Il-STEFAN BONESS / IPON loyalität. Dann sagte er, nur mit Lafon- taine erreiche die Partei noch genügend Prozente bei Wahlen. Und Prozente be- deuteten Geld. Und Geld bedeute Ar- beitsplätze: „Auch eure!“ Das verstanden alle als Drohung. „Arschloch“, schalltePolitikerpaar Lafontaine, Wagenknecht es aus der Menge zurück. „Die Antwort heißt Sahra“Von einem personellen Kompromiss- angebot war schon lange nicht mehr die Schwabedissen. Es wäre immerhin ein Rede. Emissäre übermittelten Gysi undGenerationswechsel. Bartsch vor zwei Wochen weitere Bedin-Bleibt die Frage, was aus Sahra Wagen- gungen: Wagenknecht solle noch in die- knecht wird, der Lady Macbeth der Lin- ser Legislaturperiode gleichberechtigteken. Nach dem gescheiterten Anlauf von Fraktionsvorsitzende werden, für Bartsch Lafontaine meldete Ernst für sie den An- sei allenfalls als Vizevorsitzender Platz, spruch auf den Vorsitz an, quasi als di- und auch das nur „auf Bewährung“. La-rekte Erbfolge. Die Realos wissen, sie ge- fontaine will sich dazu nicht äußern, Wa-hört zu den Figuren, die auch außerhalb genknecht nennt diese Darstellung, „einder Partei Strahlkraft besitzen, und sie mieses Spiel“ jener, die ihr und Lafontai- kann die Wut der Fundis über Bartsch ne schaden wollten ausschlachten.Nun war klar: Was Lafontaine ein „An-Wenn die Linke nicht zur Provinzpar- gebot in einer schwierigen Situation“tei absteigen will, braucht sie Leute, die nannte, bedeutete für große Teile der Par- auch außerhalb des verlässlichen Fan- tei Unterwerfung.blocks Säle füllen. Dass Lafontaine fürVom starken Widerstand überrascht,die Genossen als Gastredner weiterhin versuchte Lafontaines Lager, die Ostfrontkämpferische Vorträge halten wird, darf aufzuweichen. Den wichtigen, weil mit- als ausgeschlossen gelten. Seinen ehema- gliederstärksten Verband in Sachsen woll-ligen Büroleiter in der Parteizentrale, Ha- te es gewinnen, indem die weithin unbe-rald Schindel, ließ er am Telefon zornig kannte Bundestagsabgeordnete Sabinewissen: „Die glauben doch nicht im Ernst, Zimmermann aus Zwickau als zweitedass ich nächstes Jahr für die noch Wahl- Vorsitzende präsentiert wurde. Doch diekampf mache, wenn sie mir jetzt in denEinfach QR-CodeSachsen ließen nur kühl wissen, dass FrauArsch treten.“scannen, z. B. mit Zimmermann dann kommendes Jahr MARKUS DEGGERICH, CHRISTOPH HICKMANNder App „Sminna“ 30D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 21. Deutscher BundestagDAVID HEERDE / IMAGO STOCK&PEOPLE„willkürlichen und widersinnigen“ Ergeb- B U N D E S TA G S WA H Lnissen. Dennoch fand die Wahl 2009 nach Mehr Stimmen, weniger Sitzeden alten Regeln statt – und auch danachkonnten sich die Parteien nicht auf einegemeinsame Lösung des Problems ver-ständigen. Es ist ja auch nicht so einfach mit denVerstößt das neue deutsche Wahlrecht gegen dasBundestagswahlen: Das „personalisierteGrundgesetz? Einiges spricht dafür, dass die Verfassungsrichter Verhältniswahlrecht“ versucht, die Ergeb-nisse einer Direktwahl von Kandidatenin Karlsruhe diese Frage demnächst bejahen werden.(mit der Erststimme) in eine Verhältnis-wahl des Gesamtparlaments (mit derW as der Verfassungsrichter Micha- über die Regeln des politischen Machter-Zweitstimme) zu integrieren – und das el Gerhardt, 64, vom neuen werbs und Machtverlusts: Angela Merkels auch noch proportional verteilt auf Par- Bundestagswahlrecht hält, istschwarz-gelbe Koalition.teilisten aus 16 Bundesländern.nicht so einfach auszudrücken. Sein Vo- Dabei hätte die demokratische Etikette Wenn eine Partei in einem Bundeslandtum ist 250 Seiten lang.verlangt, die Opposition einzubeziehen –mehr per Erststimme direkt gewählte Ab- Ist das Wahlgesetz verfassungswidrig?oder Änderungen am Wahlgesetz frühes- geordnete für den Bundestag bekommt, Diese Frage soll Gerhardts geheimertens für die übernächste Wahl vorzuneh- als ihr nach ihrem Zweitstimmen-AnteilEntwurf beantworten. Das Schriftstück men. Zeit genug wäre gewesen. Bereits zustehen, entstehen Überhangmandate.ist die Grundlage für ein Urteil, das die 2008 hatte das Bundesverfassungsgericht Und deren Zahl nimmt eher noch zu, vorKarlsruher Richter in den kommenden das bis dato geltende Wahlgesetz für ver- allem, weil diejenigen Wähler, die mitWochen fällen müssen. Wenn es schlechtfassungswidrig erklärt. Die Überhang- der Zweitstimme FDP, Grüne, Linke oderläuft, entzieht das Bundesverfassungsge-mandate, so urteilten damals die Richter, Piraten wählen, mit der Erststimme fürricht der Bundestagswahl 2013 die Rechts- führten unter bestimmten Umständen zu eine der großen Parteien, CDU oder SPD,grundlage, Deutschland stünde im Wahl-jahr ohne gültiges Wahlgesetz da. Erst im vergangenen Herbst hatte derBundestag das neue Wahlrecht verab-Tücken des Wahlrechtsschiedet. Schwarz-Gelb hatte es – am Die Zweitstimme entscheidet bei der Bundestagswahl darüber, inEnde unter Zeitdruck – zusammenge- welchem Verhältnis die Parteien insgesamt Bundestagssitze bekommen.schustert. Politiker, Juristen und Wahlma- Davon unabhängig werden mit der Erststimme Wahlkreiskandidatenthematiker halten es für so schlecht kon-direkt gewählt.struiert, dass es sich bis zur kommendenWahl kaum reparieren ließe. „Wahlrecht-Sonderfall 1: ÜberhangmandateSonderfall 2: Negatives Stimmgewichtlicher Unfug“ sei das Gesetz, schimpft Erststimme: Eine Partei gewinnt in einem Mit einigen Zweitstimmen mehr wären derder Berliner Staatsrechtsprofessor HansBundesland in 45 Wahlkreisen. Die Direkt-Partei in diesem Bundesland 41 AbgeordneteMeyer, „greuliches Flickwerk“, fügt derkandidaten ziehen sicher in den Bundestag ein. zugeteilt worden, in einem anderen Bundes-Friedrichshafener Politologe und Wahl- Zweitstimme: Aufgrund eines schwächerenland bekäme sie dafür ein Mandat weniger.experte Joachim Behnke hinzu.Zweitstimmenergebnisses dürfte die Partei in Am 5. Juni wird das Bundesverfas- diesem Bundesland aber eigentlich nursungsgericht über die Klagen gegen das 40 Abgeordnete entsenden.ErgebnisDie Partei hätte in die-Gesetz verhandeln, die SPD und Grüne, sem Bundesland weiteraber auch Tausende Bürger erhoben 45 Mandate, aber nurhaben. Ergebnis noch vier Überhang- Das umstrittene Wahlrecht ist das kom-Die Partei gewinnt fünfmandate. Durch denplizierteste, das es je gab. Einen undemo- Überhangmandate. Wegfall eines Mandatskratischen Hautgout hat es obendrein:Damit ziehen fünf 45 Mandate in einem anderen Bun-Wohl erstmals in der Geschichte der bun- Abgeordnete zusätzlich desland hätte die Partei für die Partei in denjedoch insgesamt eindesdeutschen Demokratie entschieden al- 45 Mandate Bundestag ein. Mandat weniger.lein die, die gegenwärtig die Macht haben,32 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 22. DeutschlandTreppe nach unten 795 316 ZweitstimmenRechenbeispiel zum negativen StimmgewichtWahlergebnisse 2005, ermittelt nach neuem Wahlrecht 1781782005 bekam die CDU in Sachsen 795 316 Zweitstimmen.CDU-MandateBundesweit wäre die Partei nach neuem Wahlrecht damitim Bundestagauf 177 Mandate gekommen. Das Paradoxe: Wären 5000177177CDU- Wähler in Sachsen zu Hause geblieben, hätte dieCDU ein Mandat mehr gehabt – dies ist ein negativesStimmgewicht. Ab rund 970000 Zweitstimmen in Sachsenhätte die CDU dagegen einen Sitz verloren; erst ab1761,07 Millionen Zweitstimmen wäre die Zahl ihrer Berechnungen: Ulrich Wiesner, www.ulrichwiesner.deBundestagsmandate – durch Listenplätze in Sachsen –wieder angestiegen.600700800900 1000 1100 1200 Zweitstimmen der CDU in Sachsen in tausendstimmen, damit die Erststimme nicht annun auch, zusammen mit der Initiative tag eingezogen, wenn dieser Platz in dereinen aussichtslosen Kandidaten geht. „Mehr Demokratie“, die Verfassungsbe- Länderverrechnung nicht den Bremer Ge- Lange hat das Bundesverfassungs- schwerde gegen das neue Gesetz an. Ei-nossen zugeschlagen worden wäre. Dort,gericht Überhangmandate als unvermeid-nem von ihnen, dem Physiker Martinin der roten Hochburg, nutzte der SPDliches Übel akzeptiert – aber nur unter Fehndrich, waren schon bei der Wahl der Sitz aber nichts, sie war mit Direkt-der Bedingung, dass der mögliche Mehr-1994 die vielen Überhangmandate aufge-mandaten überversorgt. Hätten die Sozi-Wert mancher Wählerstimmen nicht zu fallen, er rechnete nach, „wie das allesaldemokraten 600 Stimmen weniger inmassiv werde. Als sich 2005 bei einer funktioniert“, und stieß auf den negati-Bremen bekommen, hätte Berg sein Man-Nachwahl in Dresden zeigte, dass eine ven Effekt von Stimmengewinnen. dat gewonnen, in Bremen wäre ein Über-Partei als Folge der Überhangmandate so- Auf einem Schaubild, entwickelt vonhangmandat entstanden – und kein Sitzgar Sitze im Bundestag verlieren kann,einem Mitstreiter Fehndrichs, kann manverlorengegangen.wenn sie mehr Stimmen bekommt, gaberkennen, wie der Mechanismus auch imNormalerweise sind solche inversen Ef-es kein Vertun mehr. Eine Änderung desneuen Wahlrecht noch wirkt. „Norma- fekte im Wahlergebnis versteckt und las-Wahlgesetzes, das solche Negativeffekte lerweise“, so Fehndrich, „müsste es für sen sich nur im Nachhinein herauslesen.erlaubte, war unvermeidlich.weniger Stimmen weniger Sitze geben – In Dresden zeigte sich bei der Bundes- Vor allem die Union fahndete jedochhier ist es aber umgekehrt“ (siehe Grafik tagswahl 2005 der negative Stimmeffektnach einer Möglichkeit, die Überhang- oben).dagegen auf offener Bühne: als im Wahl-mandate zu erhalten, denn allein die gro-Was sich mit den Wahlergebnissen von kreis I die Abstimmung zwei Wochen spä-ßen Parteien profitieren davon. So kam2005 aus dem neuen Paragrafenwerk er- ter nachgeholt werden musste, weil eineim vergangenen Herbst ein Gesetz in die geben würde, sei „kabarettreif“, meintDirektkandidatin der NPD kurz vor demWelt, mit dem die CDU versuchte, wider- Experte Meyer, der die Bundestags-Wahltermin gestorben war.sinnige Stimmeffekte wie in Dresden fraktionen von SPD und Grünen in Da der Bundeswahlleiter die übrigenkünftig zu vermeiden – aber die liebge- Karlsruhe vertritt. „Wären 5000 CDU-Wahlergebnisse schon veröffentlicht hat-wonnenen Überhangmandate trotzdem Wähler in Sachsen der Urne fernge-te, konnten Spezialisten nachrechnen,zu behalten.blieben, hätte das der CDU im Bund einwelche Verschiebungen sich dort je nach Doch diese Lösung macht das ProblemMandat (von der Berliner Landesliste) Wahlausgang ergeben würden: Erhielteeher noch größer. Experten prophezeienmehr eingebracht. Weil das Land Berlindie CDU mehr als 41 225 Zweitstimmen,sogar noch mehr Überhangmandate – wegen des zugewanderten CDU-Mandats würde ein Listenmandat aus Nordrhein-und Mandatsverschiebungen, die mindes-insgesamt besser wegkommt, verschiebt Westfalen nach Sachsen fallen, dort abertens ebenso sinnwidrig und willkürlichsich bei den Grünen ein Mandat vongar nicht zu Buche schlagen, weil die Par-erscheinen wie der vom Verfassungsge- Bayern nach Berlin, bei den Linken einestei bereits mehrere Überhangmandatericht gerügte Effekt. von Sachsen nach Hessen, und die FDPhatte – deren Zahl hätte sich dann einfach Nicht nur die Kläger in Karlsruhe er-erhält ein zusätzliches Reststimmen-reduziert, insgesamt hätte die CDU alsoheben den Vorwurf, das neue Gesetz ver- mandat in Brandenburg. Alles wegeneinen Sitz verloren. Um das zu verhin-fälsche den Wählerwillen noch mehr und5000 zu Hause gebliebener CDU-Wählerdern, brauchte die CDU viele Erst- undführe dazu, dass Wählerstimmen unter- in Sachsen.“wenig Zweitstimmen.schiedliches Gewicht bekommen. „In Negative Stimmeffekte wird es geben,Union und Liberale stimmten dann diekeiner Weise wurde auch nur annähernd solange es Überhangmandate gibt. SieWerbung für die Nachwahl in Dresdenversucht, ein Wahlsystem zu entwerfen,seien, sagt der Augsburger Mathematiker erkennbar aufeinander ab: Die CDU pla-das einer intern kohärenten Logik ent-Friedrich Pukelsheim, der auch daskatierte „Erststimme CDU“, die Libera-spricht“, kritisiert der Politologe Behnke. Bundesverfassungsgericht berät, „ein Ab-len „Zweitstimme FDP“. Die RechnungGemessen am Verlangen des Verfassungs-fallprodukt der Überhangmandate“. Und ging auf: Die CDU bekam das Direktman-gerichts von 2008, die Sitzzuteilung fürje mehr Überhangmandate es gebe, destodat, mit 38 208 Zweitstimmen aber keinenden Bundestag „auf eine neue, normen- wahrscheinlicher sei ein verdrehtes Re- weiteren Listensitz, ein zusätzliches Über-klare und verständliche Grundlage zu stel-sultat. hangmandat entstand. Eine Einladung fürlen“, sei der Koalitionsentwurf, so Behn-Was bei Abstimmungen alles passieren Manipulationen: So lässt sich mit abge-ke, „in Bausch und Bogen gescheitert“.kann, musste der bayerische SPD-Politi- stimmtem Wählerverhalten das Wahl- Geklagt hatten damals mehrere jungeker Axel Berg schon nach altem Rechtrecht überlisten.Wissenschaftler, die seit Jahren unterbei der Bundestagswahl 2009 erfahren.Nach der Reform von Schwarz-Gelbwww.wahlrecht.de im Internet auf Män- Über die bayerische Landesliste wäre er soll künftig das Verteilungsverfahren fürgel im Wahlrecht hinweisen. Sie führenvon seinem 17. Platz noch in den Bundes-die Bundestagssitze von der Höhe der D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 233
  • 23. DeutschlandWahlbeteiligung in den Ländern abhän-gen. Das mindert negative Stimmeffekte,CDU Merkels Minusaber es eliminiert sie nicht. Und: DiesesVerfahren schafft noch mehr Probleme,als es löst. Eine solche Regelung werfe erneut den„Verdacht des Verfassungsverstoßes“ auf, Nach dem Rausschmisssagt Wahlrechtler Meyer. Das Abstellenvon Norbert Röttgen entbrennt inauf die Länder und die Wahlbeteiligungdort, so Meyer, widerspreche dem „uni- der CDU eine Kursdebatte.tarischen Charakter“ der Bundestagswahl: Bestreitet die Partei damit dasSchließlich wähle man eine „Vertretung politische Sommertheater?des Bundesvolkes“ und nicht eine Vertre-Ftung „konkurrierender Landesvölker“.ür CDU-Generalsekretär Hermann Verwirrung stiftet auch eine neu kon-Gröhe ist der typische CDU-Wählerstruierte Regelung, ein Zugeständnis an ein Produkt aus Zahlen und Statis-die FDP, sie bestimmt, dass „Reststim-tiken, der Kanzlervertraute glaubt an diemen“ einer Partei, die bei der RechnereiWeisheit von Umfragen. Daher sucht Grö-in den Ländern nicht für ein weiteres he künftige Unionswähler da, wo ihn dieMandat reichen, bundesweit zusammen-Meinungsforscher ausgemacht haben:gekratzt werden dürfen. So entstehen in links von der CDU.einem erneuten BerechnungsverfahrenFür den alten CDU-Haudegen Wolfgangabermals acht bis zehn zusätzliche Par- Bosbach ist der Unionswähler ein Menschlamentssitze, quasi Überhangmandate aus Fleisch und Blut. Er hat seinen Bun-neuer Art für Kleinparteien.destagswahlkreis im Bergischen Land Spätestens in Karlsruhe dürfte sichschon fünfmal direkt gewonnen, Bosbachzeigen, dass es nur einen sauberen Wegweiß, was seine Leute umtreibt, die über-gibt, Ungleichheiten und Negativeffekte hastete Energiewende und das Hin undendgültig zu beseitigen: die BeseitigungHer beim Betreuungsgeld. Für ihn ist diealler Überhangmandate.Stimmung der CDU-Anhänger klar: Sie Am einfachsten wäre dies zu erreichen, verstehen den Kurs der eigenen Partei Politiker Merkel, Joachim Gauck, Peter Altmaier,wenn alle überzähligen Direktmandatenicht mehr.einer Partei in einem Bundesland mit den Als sich am vergangenen Montagabend Kreis aus etwa 30 Unions-Politikern willParlamentsplätzen verrechnet würden,die CDU-Bundestagsabgeordneten aus zum Ende der Sommerpause bei einemdie von derselben Partei in einem ande- Nordrhein-Westfalen zur Analyse des De- großen Auftritt in Berlin sein Manifestren Land erobert wurden, wo sie nicht bakels bei der Landtagswahl trafen, prall- vorstellen.so viele Direktmandate erzielen konnte. ten die beiden Weltsichten aufeinander. Dabei sieht die Merkel-Strategie aufDas wollen etwa die Grünen. Gröhe zitierte Umfragen, Bosbach verwies dem Papier durchaus überzeugend aus. Doch die Union befürchtet, das könnteauf eigene Erkenntnisse: „Hermann, um „Politische Selbsteinschätzung der Stamm-den Länder-Proporz im Bundestag mini- die Stimmung unserer Leute zu erkennen, wähler“ lautet der Titel der Vorlage, ausmieren. Der CDU-Abgeordnete Günterbrauche ich keine Umfragen. Da muss ich der Gröhe bei den NRW-ParlamentariernKrings, maßgeblicher Mitautor des um- nur in die Fußgängerzone gehen.“ zitierte. Danach halten sich Wechsel-strittenen Gesetzes: „Es kann doch nicht Die Episode zeigt: Falls Angela Merkel wähler, die der CDU den Rücken kehren,sein, dass dann Parteien in einigen Län-dachte, sie könnte die aufkeimende De- für weniger konservativ als CDU-Stamm-dern gar keine eigenen Mandate in Berlinbatte über den Kurs ihrer Partei durch wähler. Ähnlich ist das Bild bei der SPD.bekommen, weil ihre Listen als Stein- den Rauswurf von Umweltminister Nor- Deren Kernklientel ordnet sich auf dembruch für die Überhang-Länder herhalten bert Röttgen stoppen, hat sie sich ge- politischen Meinungsspektrum deutlichmüssen.“täuscht. Röttgen hat als Spitzenkandidat weiter links ein als die Abwanderer. Das Die Union weiß, was sie an der alten Fehler gemacht. Doch das Problem liegt Fazit der Meinungsforscher: Wer dieOrdnung hat. Hätte die von den Grünen tiefer. Seit Merkel mit der FDP regiert, Wechselwähler in der Mitte gewinnt, ge-favorisierte Regel etwa bei der Wahl 2009 hat die CDU bei acht Landtagswahlen winnt auch das Kanzleramt.gegolten, wären Polit-Stars wie Sozialmi- verloren. „Wenn die CDU in manchenDumm nur, dass die Basis davon nichtnisterin Ursula von der Leyen oder Bun- Wahllokalen in der Studentenstadt Müns- überzeugt ist. Das CDU-Stammpublikumdestagspräsident Norbert Lammert nichtter noch nicht mal mehr zehn Prozent er- sieht nicht ein, dass die Partei sich bei derins Parlament eingezogen. reicht, dann kann das nicht nur an Nor- Laufkundschaft anbiedert. In der CDU- Am 5. Juni werden in Karlsruhe solchebert Röttgen gelegen haben“, klagt der Zentrale setzen sie deshalb auf ein be-Erwägungen nicht zählen. Auf dem SpielCDU-Parlamentarier Jens Spahn. währtes Instrument. Um den Frust dersteht nicht nur der Ruf der Unionsfrak-Viele in der Union finden inzwischen, Anhänger einzuhegen, will sich die Che-tion, sondern auch das Ansehen der deut-dass Merkel kritische Stimmen systema- fin bei einer Kreisvorsitzendenkonferenzschen Demokratie. Was passiert, wenntisch mundtot macht. „Wir müssen die Anfang Juni der Kritik der Basis stellen.das Parlament rechtzeitig vor dem Wahl- Union in ihrer ganzen Breite darstellen – Vor dem Parteitag Ende des Jahres, so dietag kein verfassungsgemäßes Wahlgesetzvom Wirtschafts- bis zum Sozialflügel“, Überlegungen, könnte dann eine Reihehinbekommt, hat Verfassungsgerichtsprä- sagt der CDU-Fraktionschef von Thürin- von Regionalkonferenzen folgen. Diesesident Andreas Voßkuhle jüngst in Berlingen, Mike Mohring. „Das gelingt aber haben einen wichtigen Vorzug: Sie sindschon mal angedeutet: Dann macht dasnicht, wenn jede von der Parteiführung ganz auf die Kanzlerin zugeschnitten. InGericht einen Vorschlag, den die Parteien abweichende Meinung gleich als Hoch- der Vergangenheit haben sie die Kritik annicht ablehnen können.verrat bestraft wird.“ Auch die Konser- Merkel verstummen lassen – wenn auch So geht es in Bananenrepubliken zu.vativen wollen Merkel einen heißen Som- nur für ein paar Wochen. THOMAS DARNSTÄDT, DIETMAR HIPP mer bereiten. Der sogenannte Berliner PETER MÜLLER34 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 24. Die kalte Kündigung ist in Röttgens Augen die Panikreak- tion einer Kanzlerin, die ihre Macht schwinden sah. Seinen Getreuen hat er inzwischen de- tailliert erzählt, wie jenes denk- würdige Gespräch am Dienstag vor zwei Wochen verlief, bei dem Merkel ihm den Stuhl vor die Tür setzte.Merkel sagte demnach, dass Röttgen nicht mehr die Kraft und die Autorität habe, die Energie- wende durchzusetzen. Röttgen erwiderte, er halte dieses Argu- ment für vorgeschoben. Er habe keine Zweifel, dass er im Ringen mit den mächtigen Ministerprä- sidenten und den Bossen der Energiewirtschaft weiterhin be- stehen könne. Trotzdem will er einen Vorschlag zur Güte ge- macht haben: Merkel solle ein paar Wochen abwarten. Wenn sich dann zeige, dass er im Amt STEFAN BONESS / IPON nichts mehr bewegen könne, wis- se er schon, was er zu tun habe.Darauf wollte sich Merkel nicht einlassen. Ihr Minister soll- te keine neue Chance bekom-Röttgen*: Abweichende Meinung gleich Hochverratmen. Röttgen sollte selbst zu- rücktreten – und zwar sofort. AlsEhrgeiz spektakulär gescheitert ist. VorRöttgen sich weigerte, war für MerkelRöttgens Racheallem aber schaden Wut und Unverständ-klar, dass sie ihn rauswerfen würde.nis über seinen Rauswurf jener Frau, als Viele unterstellen, dass Merkel Röttgenderen möglicher Nachfolger Röttgen noch für illoyales Verhalten in den vergange-vor ein paar Tagen galt: Angela Merkel. nen Jahren bestrafen wollte. Röttgen hältDer gefeuerte Umweltminister ver-Röttgen ist unentschieden, wie seine den Vorwurf für absurd. Sicherlich, alszichtet vorerst auf AngriffeZukunft aussehen soll. Nur so viel gibt einer der wenigen CDU-Männer um gegen die Kanzlerin. Er hofft dar- er Vertrauten in diesen Tagen zu erken- Merkel hatte er schon immer eine eigeneauf, dass sich die Partei mit ihm nen: Noch mag er seine politische Karrie- Meinung. Aber gilt das schon als Verrat?re nicht abschreiben. Aber er weiß, dass Und sein verkorkster Wahlkampf in solidarisiert – und Merkel abstraft. die Fortsetzung nur dann gelingen wird, NRW? Röttgen weiß, dass er Fehler ge-wenn seine große Gegnerin fällt.macht hat. Aber ihn ärgert auch, dass dieEs gibt Lichtblicke für Norbert Rött- Sein Schweigen ist im Moment seine Frage, ob er nach einer Wahlniederlagegen, auch in diesen dunklen Tagen. schärfste Waffe gegen die Kanzlerin. Bis-in Düsseldorf bliebe, die Wähler mehrAls er am vergangenen Dienstag- lang galt sie als eine Frau, die zu ihren interessierte als die Schulden der Hanne-nachmittag in den Fraktionssaal von CDU Leuten hält und nicht zu rohen Machtges-lore Kraft.und CSU kommt, ist er schnell umringt ten neigt. Nun hat sie ihren einstigen Ge- In seinen Augen haben die Medien anvon Kollegen, die ihm auf die Schulter folgsmann auf offener Bühne geköpft, das ihn, die Kanzlerhoffnung der CDU, an-klopfen. Ein Parlamentarier nach dem an- hat ihr Bild in der Partei verdüstert. Die dere Maßstäbe angelegt als an die bravenderen geht zu seinem Platz, hinten bei Sympathien im Volk sind auf Röttgens Landespolitiker in Düsseldorf. Fair fandden NRW-Abgeordneten. Erst als Frak- Seite, so empfindet er es jedenfalls. Er hat er das nicht. Und dann, schließlich, diesetionschef Volker Kauder die Sitzung mit in wenigen Tagen Tausende E-Mails er- alberne Aufregung um einen Fernsehauf-der Glocke eröffnet, endet der Reigen.halten, aber die Welle der Solidarität wür- tritt, in dem er – Ironie! – sagte, „bedau- Wenn der geschasste Umweltminister de sofort brechen, wenn er offen Racheerlicherweise“ entscheide ja der Wählerderzeit in Berlin auftritt, umgibt ihn eine nähme und die Kanzlerin angriffe. Daher über seine Zukunft. Röttgen wundert sichWoge von Sympathie. In der Bundestags- kann Röttgen seine Version des Raus- nach wie vor, dass der Clip zum Rennerfraktion herzen ihn die Kollegen, in der schmisses nicht im Interview erzählen. im Internet wurde.Landesgruppe gab es Applaus, bei der Er hofft, dass sie sich auch ohne seinWie soll es nun weitergehen? RöttgenVerabschiedung in seinem Ministerium öffentliches Zutun durchsetzt. Merkel soll ist klar, dass er nur dann eine Chance aufdrückten einige Mitarbeiter sogar ein als eine Chefin dastehen, die einen Unter-ein Comeback hat, wenn Merkel 2013 denpaar Tränchen weg.gebenen just in dem Moment stürzte, als Kampf ums Kanzleramt verliert. Im Mo- Röttgen tun diese Erlebnisse gut. Sie er ihre Hilfe am meisten brauchte. Die ment ist er entschlossen, bei der nächstensind Balsam für einen, der mit großem Deutschen mögen Merkel auch deshalb,Bundestagswahl anzutreten. Wie einer,weil sie nicht zu Gefühlsausbrüchen neigt.der sich schon mit einer Rolle als Hinter-* Am vergangenen Dienstag bei der Ernennung vonWenn dieses Bild nun Kratzer erhält,bänkler abgefunden hat, wirkt er in die-Peter Altmaier zum Umweltminister im Berliner Schloss dann könnte sie das bei der nächstensen Tagen nicht.Bellevue. Wahl entscheidende Stimmen kosten.PETER MÜLLERD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 235
  • 25. Deutschland Das klinge kompliziert, sei aber ohne großes Risiko, soll der Banker gesagt ha- LANDESBANKENben, so erinnert sich ein Teilnehmer derStaat plündert Staat Runde.Nicht alles, was auf dem Bildschirm aufleuchtete, verstand Oberdorfer, aber er fühlte sich in guten Händen. Denn schließlich kam der Finanzprofi nicht von Öffentliche Kreditinstitute haben offenbar gezielt Kommunen irgendeinem Geldinstitut, sondern von ausgenommen. Sie drehten den Provinzlern riskante der Landesbank. Und deren Eigentümer waren damals der Freistaat Sachsen und Finanzprodukte an – jetzt summieren sich Millionenverluste. Sparkassen – auch die jener Stadt, in der Ralf Oberdorfer Oberbürgermeister ist.S eit der Finanzkrise hat die Öffent-Zwei Opfer des Sachsen-LB-Vertriebs,Heute ist sich der Kommunalpolitikerlichkeit ein neues Verständnis da-Leipzig und Mittweida, klagen bereits. jedoch sicher, dass er nicht in die fürsorg-von, was das Wesen einer Bank ist.Ein Dutzend weiterer Klagen ist einge- lichen Hände eines Staatsbankers geratenEine Bank hat komplizierte Produkte und reicht oder in Vorbereitung. „Es war einewar, sondern in die Fänge von Abzockern,einfache Motive. Sie schafft Papiere, de- gezielte Abzocke, den Schaden wird der die es schafften, sein einstiges Minus vonren Wert sich ableitet aus der gebündel-Steuerzahler bezahlen müssen“, sagt der600 000 Euro zu verhundertfachen – auften Ableitung von etwas, zum Beispiel Münchner Rechtsanwalt Jochen Weck, sagenhafte 61 Millionen Euro.faulen Hypothekenkrediten. Dann sucht der mehrere sächsische Kommunen ver-Oberdorfer glaubte damals, eine Artsie jemanden, der dumm genug ist, Geldtritt. Versicherung gegen steigende Zinsenfür Schrott auszugeben.Alarmiert ist inzwischen auch die Poli- abgeschlossen zu haben. Sie würde die Manche Banker der Wall Street verach-tik. Das sächsische Innenministerium, dasRisiken des hochverschuldeten Zweckver-teten die „Stupid Germans in Düssel-erst im März per Erlass den Kommunen bandes mindern, so dachte er. In Wahr-dorf“, aber ihr Geld nahmen sie. Ange-solche Geschäfte verboten hatte, rät be- heit hatte er eher eine Wette abgeschlos-stellte der Landesbanken kauften bis zumtroffenen Städten, einen Weg zu suchen,sen, ähnlich der beim Pferderennen, aufSchluss wertlose US-Hypotheken-Papie- gegen die Landesbanken zu klagen. Ger- die Entwicklung des Zinssatzes.re. Aber nun wird klar, dass die verlach- hard Schick, finanzpolitischer Sprecher Solche Produkte aus der Giftküche ver-ten Landesbanker ihrerseits noch Düm- der grünen Bundestagsfraktion, fordert kauften private Geschäftsbanken zu Hun-mere fanden, die sie überreden konnten, Aufklärung, „wie es dazu kommen konn-derten an ahnungslose Kommunalpoliti-Geld zu zahlen für Giftpapiere, die sie te, dass staatliche Banken in einer offen- ker und Mittelständler (SPIEGEL 6/2011).später in den Abgrund zogen.bar konzertierten Aktion KommunenIm vorigen März verurteilte der Bundes- Diese noch Dümmeren waren Politikerüber den Tisch gezogen haben“. gerichtshof die Deutsche Bank, ein sol-deutscher Städte und Gemeinden, die Ge-Bevor er verstand, was los war, glaubte ches Geschäft mit einem Mittelständlerschäftsführer kommunaler Unternehmen. zum Beispiel Ralf Oberdorfer, der Ober-rückabzuwickeln und den Schaden vonSie schlossen aus Unwissenheit irrwitzige bürgermeister von Plauen im Vogtland,über einer halben Million Euro zu über-Verträge ab, für deren Folgen sie balddass da ein sympathischer Banker zu ihmnehmen.nicht mehr zahlen konnten.gekommen sei, vor allem, um zu helfen.Doch wie kaum ein anderes Geldinsti- Aussagen von ehemaligen Bankern so-Der Mann von der Landesbank wirkte tut haben ausgerechnet die vom Steuer-wie Dokumente legen den Verdacht nahe,souverän und kompetent, er versprach zahler gestützten Landesbanken die Pro-dass die Düsseldorfer WestLB, die ehe-dem Bürgermeister Unterstützung. Dennfitmaximierung auf Kosten der Kommu-malige Sachsen LB und die Landesbankein Kreditgeschäft des regionalen Ab-nen perfektioniert.Baden-Württemberg (LBBW) sich ge- wasser-Zweckverbands lief aus, die Kom- Den Entschluss, mit dem Ruin ihrer ei-meinsam Städte, Zweckverbände und mune sollte 603 000 Euro an eine Bankgenen Anteilseigner zu spielen, fasstenkommunale Unternehmen in Sachsen zurzahlen.die Landesbanker schon vor der Finanz-Beute gemacht haben. Der Staat plünder-Das würde seine Bank übernehmen,krise. Denn 2005 zerstörte die Europäi-te den Staat. versprach der Teamleiter der Sachsen LBsche Kommission ihr bisheriges Geschäfts- Die Kommunen und ihre Betriebe ste-im Januar 2007. Dann klappte er seinen modell. Die Landesbanken bekamenhen wegen der Schäden aus den Giftge- Laptop auf und klickte sich durch Gra- keine Staatsgarantien mehr, Geld am Ka-schäften mit den Landesbanken mit drei- fiken und Diagramme, die Kurven wie- pitalmarkt wurde für sie deshalb teurerstelligen Millionenbeträgen im Minus. sen alle nach oben – Richtung Gewinn.und ihr altes Kerngeschäft mit Mittel- Wetten mit SchuldenSo wollten Kommunen ihre Kredite mit Derivaten absichern – ein Beispiel eines Spread-Ladder-SwapsBANK RATHAUSEine KommuneDieser Zinssatz ist ihr zu hoch.Im ersten Jahr ist oft ein niedriger Zinssatz vereinbart. In denhat einen KreditDeshalb tauscht (= swap) sieDann orientiert sich der Zinssatz an der Differenzvergangenenmit festem Zinssatz für einen bestimmten Zeitraum (= spread) zwischen kurzfristigen (z. B. 2-jährigen)Jahren habenz. B. über 20 Jahre (z. B. 7 Jahre) ihren festen, und langfristigen Zinsen (z. B. 10-jährigen). Je kleinerviele Kommunenbei einer Bank ab-langfristigen Zinssatz gegendie Differenz ist, desto mehr verliert die Kommune. ihre Wettengeschlossen.einen variablen.Es ist eine Wette mit nahezu unbegrenztem Risiko. verloren.36D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 26. standskrediten unattraktiv. Die Banken ten die Kommunen auch noch das deut-Für die Wasserwerke lief es nicht sosuchten neue Geschäftsfelder: Sie sollten lich schlechtere Blatt. „Gewinne für die gut. Aus drohenden Verlusten in Höhemöglichst risikolos sein, aber hohen Profit Banken, Verluste für die Kommunen, von sechs Millionen Euro im Jahr 2008abwerfen. money for nothing“, beschreibt ein ehe- waren vier Jahre später rund 35 Millionen Die Sachsen LB beschloss, groß in das maliger Sachsen-LB-Banker das System Euro geworden.Geschäft mit Finanzderivaten einzustei- der Geldschöpfung. Ende 2010 wollten die KWL-Managergen. Sie sollten finanziell klammen Kom-Als in den Finanzpapieren der Kom- nicht mehr die Dummen sein und klagtenmunen als Absicherung gegen steigende munen etwa ein Jahr nach Abschluss die gegen die LBBW „wegen arglistiger Täu-Zinsen angedient werden. Ausfälle droh- ersten Verluste aufliefen, war es zu spät. schung“. Laut seinen Anwälten wirft dasten nicht, der Steuerzahler würde ja haf- Die Kommunen wandten sich in ihrer Not kommunale Unternehmen der staatli-ten. Ihren Schnitt machte die Bank mit an die Banken – und wurden ein zweites chen Bank vor, über Risiken des „hoch-den gewaltigen Gebühren, die bei solchen Mal ausgenommen. Im Februar 2008 war spekulativen Derivats“ nicht umfassendGeschäften anfielen.der Landesbanker aus Sachsen wieder informiert zu haben. Außerdem habe die Doch die Produkte, die Bank ihre eigene Margedas Sachsen-LB-Team dannverschwiegen. Seit Aprilals „Gelegenheit zur Opti-beschäftigen sich die Rich-mierung“ oder „Sicherungs-ter des Landgerichts Stutt-schutz ohne Prämie“ an- gart mit dem Geschäft.pries, stammten eigentlich Noch übler wurde demvon der DüsseldorferBürgermeister OberdorferWestLB. Für das neue Ge-aus Plauen mitgespielt. Wieschäftsfeld fehlte der Sach-in Leipzig hatte das Banker-sen LB sowohl das techni- team auch dort die Zins-sche als auch das finanz- wetten umstrukturiert. Stattmathematische Know-how. den Plauenern zu helfen,Um trotzdem bei den hoch- wurde die Schlinge umprofitablen Zinswetten mit- ihren Hals weiter zuge-verdienen zu können, hattezogen.die Sachsen LB im Mai 2006 Das legt zumindest ein fi-mit der WestLB in einer nanzmathematisches Gut-„White-Label-Kooperation“ achten einer Beraterfirmavereinbart, den Vertrieb deraus Cambridge nahe. DieWestLB-Produkte in Sach-britischen Experten für Fi-sen zu übernehmen.nanzkonstrukte kommen Das Geschäft funktionier-zu dem Schluss, dass mit je-te so: Die WestLB decktedem Umbau des Swaps dersich am Kapitalmarkt mitProfit für die Bank gestie-Zinswetten ein, bastelte dar- gen und das Verlustrisikoaus ein hochkomplexes für den Zweckverband ge-Produkt und vergab es zuwachsen sei – und zwarschlechteren Bedingungenexponentiell. Im schlimms-an die Sachsen LB. Die Leip-ten Falle könne der Verlustziger wiederum verkauften in Plauen astronomischees, satten Aufschlag inklusi- 600 Millionen Euro betra-ve, an hochverschuldete gen. Gewinne und VerlusteStädte, Kreise und kommu- seien von Anfang an „grobnale Unternehmen. Den unfair“ verteilt gewesen, LBBWKämmerern und Geschäfts-schreiben die Gutachter.führern machten sie weis, Zentrale der Landesbank in Stuttgart: „Arglistige Täuschung“Das Geschäft im Jahre 2007mit dem Hexenwerk ihreund seine Restrukturierun-Kredite leichter finanzieren zu können. einmal als angeblicher Retter unterwegs – gen seien „für den Kunden das Nachtei-Die ließen sich überzeugen. bei den Kommunalen Wasserwerken Leip- ligste“, was sie „jemals an strukturierten Dabei waren die Konditionen mitunter zig (KWL). Drei Jahre zuvor war das Un- Swaps analysiert“ hätten.geradezu bizarr: Die Kommunen konnten ternehmen ein Zinsgeschäft bei der Sach- Die beteiligten Banken lehnten einesolche Verträge nicht einfach kündigen. sen LB eingegangen. In den Büchern Stellungnahme zu detaillierten Fragen ab.Sollten die Wetten jedoch für die Kom- stand inzwischen ein Minus von sechs Ein Sprecher der Stuttgarter LBBW wiesmune gut laufen, konnte die Bank den Millionen Euro. Damit diese nicht fällig lediglich darauf hin, dass die Bank mitVertrag einseitig beenden oder für sich wurden, schlugen die Banker eine neue den „betroffenen Kommunen, Zweckver-das Risiko begrenzen. Zinswette vor – einen „Wandelmemory bänden und kommunalen Unternehmen Die Produkte waren von Beginn an so Swap“. Das KWL-Management unter- in Kontakt“ sei, „in der Absicht, gemein-konstruiert, dass sie für die Kommunen schrieb.sam Lösungen zu finden“. Wie die ausse-eine Rechnung mit vielen UnbekanntenNicht mehr bei der Sachsen LB, son- hen könnten, darüber hüllt sich die Bankwaren. „Es ist wie ein Pokerspiel, bei dem dern bei der Landesbank Baden-Würt- in Schweigen.eine Seite die Regeln bestimmt und alle temberg. Die LBBW hatte 2008 die Sach- Doch eines ist jetzt schon sicher: BeiKarten kennt, auch die des Gegners, das sen LB übernommen, weil die sich mit dem Modell Staat plündert Staat gibt esist die Bank“, sagt ein Insider. Und weil US-Hypotheken ruiniert hatte. Der Frei- immer noch Dümmere, die am Ende dieKosten und Gewinnmarge der Banken staat Sachsen bürgte für die Übernahme Rechnung begleichen müssen. Die Steu-von vornherein in dem „Zinsoptimie- der Landesbank durch die Stuttgarter mit erzahler.rungsprodukt“ eingerechnet waren, hat- mehr als 2,75 Milliarden Euro. HANNES VOGEL, ANDREAS WASSERMANN D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 237
  • 27. DeutschlandBeamter Schlömer, Vorgesetzter de Maizière: Einmalige Konstellation im deutschen Parteiensystem Schlömer, 41, arbeitet im Verteidigungs- PA R T E I E N ministerium als Regierungsdirektor, erDer doppelte Schlömerkümmert sich um die Aufsicht der beidenBundeswehr-Unis in Hamburg und Mün-chen. Es ist ein Verwaltungsjob, Schlömersteht fünf Hierarchiestufen unter Behör-denchef de Maizière und hat selbst keinePiraten-Chef Bernd Schlömer arbeitet hauptberuflich als ReferentMitarbeiter. Er ist verpflichtet, 41 Stunden im Verteidigungsministerium. Die Zweifachbelastung pro Woche zu arbeiten, sprich: anwesendzu sein, es gibt ein Zeiterfassungssystem. stellt ihn zeitlich und politisch vor ein unlösbares Dilemma.Zwischen 9 und 15 Uhr muss Schlömer inder Dienststelle verfügbar sein, in der Re-Als Bernd Schlömer seinen Dienst-Chef einer Partei, die in vier Landespar- gel sitzt er von 7.30 Uhr bis 17 Uhr im Büro.vorgesetzten das erste Mal persön-lamenten vertreten ist und bald in denSein Monatseinkommen liegt nach eigenenlich trifft, klirren ringsum die Glä- Bundestag einziehen dürfte. Angaben bei rund 5000 Euro netto – soser. Es ist ein Donnerstag im Mai, dieWas in anderen Parteien undenkbar viel müsste er als Parteichef verdienen,Telekom hat in Berlin zum Parlamenta- wäre, ist von den Piraten genau so gewollt. ohne Einbußen zu machen, sagt er.rischen Abend geladen. Schlömer plau- Um böse Politkarrieristen abzuschrecken, Rechtlich darf ein Beamter zwar poli-dert munter, da erscheint in der Mengebezahlt die Partei ihren Vorständen keine tisch tätig sein, aber nach dem Beamten-Thomas de Maizière, sein Minister. In die-Gehälter, sogar der Bundesvorsitzende ar- gesetz ist es einem Staatsdiener untersem Moment verdoppelt sich Berndbeitet ehrenamtlich. Doch die hehre Ideeanderem verboten, während des DienstesSchlömer. Er ist jetzt nicht nur der neue könnte dafür sorgen, dass Schlömer sein Werbung für den Eintritt in eine ParteiChef der Piratenpartei. Er ist auch Refe- schönes Amt bald wieder los ist.zu machen, politische Plaketten zu tragenrent des Verteidigungsministeriums. Denn seine Doppelrolle stellt ihn nicht und den politischen Gegner zu verun- Ob Schlömer sein Glückwunschschrei-nur vor Zeitprobleme, sondern wirft auchglimpfen. In seiner Arbeitszeit darf Schlö-ben zum Parteivorsitz bekommen habe,politische Fragen auf. Als Beamter istmer in Sachen Piraten nicht mal mailenfragt der Verteidigungsminister. Nein,Schlömer eigentlich zur politischen Zu- oder twittern, so sieht es das Ministerium.sagt Schlömer, das hänge wohl in der Pi-rückhaltung verpflichtet. Aber ein Partei-Schlömer sieht es etwas anders.ratenzentrale fest. De Maizière spricht chef muss die Gegner aufs Korn nehmen, „Twittern würde ich auch zur Dienst-Schlömers Doppelbelastung an, ein Mi- und zu denen gehören für die Piratenzeit“, sagt Schlömer. Er findet die rigidenisterialbeamter als Parteichef, das könneauch de Maizière und Kanzlerin Angela Trennung von beruflichen und anderenProbleme geben. „Passen Sie auf, dass Merkel. Tätigkeiten angesichts der ständigen Ver-Sie nicht in schwieriges Fahrwasser gera- Montagnachmittag, 17.30 Uhr. Vor derfügbarkeit des Internets nicht mehr zeit-ten“, sagt de Maizière. Schlömer nickt. Bundesgeschäftsstelle der Piratenpartei gemäß. „Die Effizienz von ArbeitszeitEr versteht die Worte des Ministers als in Berlin-Mitte knattert ein Mann mit kann man nicht daran messen, welchefreundliche Warnung.rötlichem Dreitagebart auf einer VespaWebseiten man wie lange besucht hat. Mit der Wahl Bernd Schlömers zum heran. Bernd Schlömer hat Termine als Das ist letzten Endes auch eine Sache desneuen Vorsitzenden der Piraten hat sich Parteichef, wie immer erst nach 17 Uhr, Vertrauens zwischen Arbeitgeber undeine einmalige Konstellation im deut- darauf legt er Wert. Es ist sein Versuch, Arbeitnehmer“, sagt Schlömer. Doch erschen Parteiensystem ergeben. Nie zuvor seine beiden Rollen wenigstens zeitlich weiß, dass seine Vorgesetzten die Dingein der Geschichte der Bundesrepublikzu trennen. Aber schon das wird langsam nicht so locker sehen. „Es gibt Leute imwar ein aktiver Ministeriumsbeamter schwierig.Ministerium, die darauf warten, dass ich38D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 28. Doch die Piraten stehen angesichts desnahenden Bundestagswahlkampfs unterDruck, sich inhaltlich präziser zu äußern.Beim nächsten Parteitag müsse Außen-und Sicherheitspolitik endlich auf dieAgenda, fordert die Nordpiratin und frü-here Grüne Angelika Beer. Der stellver-tretende Parteichef Sebastian Nerz findet:„Spätestens bis zum Bundestagswahl-kampf müssen wir Grundsatzpositionenzu Auslandseinsätzen, dem Nahost-Kon-flikt und Deutschlands Rolle als Bündnis-partner formuliert haben.“ Aleks Lessmann, politischer Geschäfts- HC PLAMBECK / DER SPIEGEL (L.); CHRISTIAN THIEL (R.)führer der bayerischen Piraten, beschreibtSchlömers Dilemma: „Im Fall des Fallesmüsste sich Bernd überlegen, welcheLoyalität ihm wichtiger ist: die zu seinerPartei oder die zu seinem Ministerium.“Die kleine „AG Friedenspolitik“ hat denfrüheren Panzergrenadier Schlömer vor-sorglich zu einer ihrer Sitzungen einge-laden, um seine Haltung abzuklopfen.„Ich möchte seine Meinung zu Krieg undFrieden hören“, sagt Koordinator UdoFischer, der die Einsätze im Kosovo, imIrak und in Afghanistan als „Lügenkon-Fehler mache“, sagt er. Im Moment ist strukte“ bezeichnet.Schlömer offenbar dabei, die ToleranzNach Meinung des Beamtenrechtlersseiner Chefs zu testen. Ulrich Battis ist der Interessenkonflikt „Ich kann mehrere Stufen der Eska- für Schlömer unvermeidlich – und unlös-lation durchlaufen“, sagt Schlömer. Ei- bar. „Sobald die Parteipositionen einennem Beamten, der seine Dienstpflicht ver- Bezug zu seinem Amt haben, wird esletzt, droht zunächst ein Verweis. Später schwierig für Schlömer. Er kann keinesind auch Gehaltskürzungen möglich, verteidigungspolitischen Linien gegenwas Schlömer empfindlich treffen würde. den Dienstherrn vertreten“, sagt er. „BeiWeil er zwei unterhaltsberechtigte Kinder den Piraten scheint ja vieles möglich,hat, könne er sich keine Einkommensaus- vielleicht beschließen sie sogar die Ab-fälle leisten, sagt er. schaffung der Bundeswehr. Dann ist es Politisch bewegt sich Schlömer eben- mit Schlömer natürlich sofort vorbei.“falls auf dünnem Eis. Das BeamtengesetzIn einem Fall liegt der Beamte Schlö-schreibt vor, dass Staatsdiener bei politi- mer schon jetzt mit dem Parteichef Schlö-scher Betätigung „Mäßigung und Zurück-mer über Kreuz. Das umstrittene „Natio-haltung“ zu wahren haben. Zur Rolle ei- nale Cyber-Abwehrzentrum“ (NCAZ) innes Parteichefs, der im Wettbewerb mitBonn lehnen die Piraten ab – sie haltender politischen Konkurrenz zuspitzenes für nutzlos, weil es Hackerangriffeund polarisieren muss, passt diese Vor- nicht verhindern könne. Ausgerechnetgabe schlecht.Schlömers Chef de Maizière trieb zu sei- Er sei seinem Arbeitgeber gegenüberner Zeit als Innenminister die Gründung„hundertprozentig loyal“, sagt Schlömer.des NCAZ voran. Nun ist auch das Ver-Doch was passiert, wenn die unberechen- teidigungsministerium an dem Projektbare Parteibasis etwa einen Antrag durch- beteiligt, die Bundeswehr ist mit eigenenwinkt, der Auslandseinsätze grundsätz-Experten vertreten.lich ablehnt? Diese Frage wurde Schlö- Schlömer macht keinen Hehl daraus,mer vor seiner Wahl auf dem Parteitag dass er das Abwehrzentrum für Humbugin Neumünster gestellt. „Dann würde ich hält. Bereits als Parteivize geißelte er diedas als Vorsitzender natürlich nach außen Plattform als „Feigenblatt“, Aufgabenvertreten“, sagte Schlömer diplomatisch.und Kompetenzen seien undefiniert. EsDer Referent Schlömer unterstützt alsobestehe „die Gefahr, dass Fragen der in-die Afghanistan-Mission der Bundeswehr, neren und äußeren Sicherheit vermischtder Parteichef Schlömer lehnt sie ab? Das werden“, so Schlömer.wäre praktizierte Schizophrenie. Allen Widersprüchen zum Trotz will Schlömers Glück ist, dass die PiratenSchlömer seine Doppelrolle weiterhinin der Außen- und Sicherheitspolitik bis- ausüben. „Ich sehe den möglichen In-lang kaum konkrete Positionen vertreten,teressenskonflikten gelassen entgegen“,im Parteiprogramm findet sich kein ein- sagt er. Für ihn ist die Sache simpel: So-ziger Satz dazu. Bei Fragen zu Krieg undlange es keine Beschwerden gibt, bleibtFrieden bleibt der Schwarm bislang be-er einfach im Amt.merkenswert stumm.ANNETT MEIRITZ, MERLIND THEILE D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 39
  • 29. MATTHIAS GROPPE / DER SPIEGELSpirituelle Lebensgemeinschaft Parimal Gut Hübenthal: „Erleuchtet in der Höhle, das reicht nicht“ESOTERIKIm Bann des Weißbarts Er nannte sich Bhagwan und zuletzt Osho. Er war erst der Sex-, dann der Rolls-Royce-Guru.22 Jahre nach dem Tod des Mystikers leben seine Ideen in HundertenMeditationszentren fort – und in Deutschland sogar in Kommunen. Von Carsten HolmE s gibt nicht viele Menschen, die mit und auch der Journalist geriet in den BannPoona. Er wurde Müllarbeiter und Bus- größtem Vergnügen davon erzählen,des Weißbarts mit den tiefgründigen Au- fahrer des Gurus, der sich in seinen letz- dass sie nach dem Urteil anderer ei- gen. Der Bhagwan stellte nahezu alle Reli-ten Jahren Osho nannte. Eine kleine, pri-nen richtigen Knall haben. Der früheregionen und Philosophien in Frage und plä- vate Revolution war das. Und ziemlich„Stern“-Reporter Jörg Andrees Elten ge- dierte für die bedingungslose Freiheit desverrückt.hört zu dieser seltenen Spezies. Trium- Individuums, fernab antiquierter Moralvor-Nun, 34 Jahre später, lebt Wahre Selig-phierend lächelnd erinnert er sich daran, stellungen. Der Guru schenkte seinenkeit in Mecklenburg-Vorpommern. Derwie Kollegen und Freunde ihn „von einem Adepten neue Namen. Die Frauen unter85 Jahre alte Mann, der glatt zehn JahreTag zum anderen auf alle Zeit für völligden Sannyasins heißen bis heute Ma, die jünger wirkt, hebt beschwörend seineverrückt erklärten“.Männer Swami. Dazu gibt es Beinamen Hände: „Sie wollen über Osho schreiben? Elten war 1977 ins indische Poona ge-von geradezu kosmischer Kraft. Und so Sie können nur scheitern. Man kann ei-reist, um über den Guru Bhagwan Shree wurde aus Jörg Andrees Elten der Sannya-nen Mystiker wie Osho nicht mit demRajneesh zu berichten. Zehntausende jun-sin Swami Satyananda, Wahre Seligkeit.Verstand erklären.“ger Menschen, darunter viele Deutsche, Elten war 51 Jahre alt. Er schmiss sei-Vielleicht ja doch. Denn 22 Jahre nachzählten zu dessen Jüngern, den Sannyasins,nen hochbezahlten Job hin und zog nachdem Tod des Meisters ist die Bewegung40D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 30. Deutschlandauf allen Kontinenten recht vital. Mor- Rajneesh wurde Philosophiedozent nen sollten straffrei ausgelebt werden, zu-gens um Viertel vor sieben schließt etwa und scharte von 1968 an in Bombay Schü- meist war der Umgang aber zärtlich. Ir-der Sannyasin-Veteran Amano, 64, die ler um sich. Recht bescheiden nannte er gendwann zogen sich alle aus, bildetenTür zum Osho Tabaan Meditationscenter sich Acharya (Lehrer) und hob sich doch einen Kreis im Liegen, die Füße berühr-in Hamburg auf. Die Hinterhof-Oase im vom Heer der Meister ab, die auf dem ten sich in der Mitte. Atemübungen, be-Karolinenviertel ist eines von Hunderten Subkontinent zum Alltagsleben gehören. wusstes Zittern. Den Kopf hin und herBuddha-Feldern weltweit. So nennen Er kritisierte die indische Politik und die schlagen, bis zur Erschöpfung. Der Ver-Sannyasins Orte, an denen Menschen spi- prüde Sexualmoral. 1974 zog er nach Poo- stand sollte Hausverbot bekommen. Spä-rituell vorankommen wollen – was immer na, das heute Pune genannt wird, weiter – ter wurde das Licht ausgeschaltet. Diedas sein mag. und ließ sich zum Bhagwan (der Erhabe- Nackten durften berühren, wen sie in der Die Hamburger Doro, 30, und Silveer ne) promovieren. Dunkelheit ertasteten.22, schwitzen nach einer Stunde Medita- Meditationen, Körperarbeit und jedeJörg Andrees Elten litt in der „Ego-Zer-tion. Mit einem guten Dutzend Besucher, Menge Sex zur Gesundung der Seele lehr- trümmerungsanlage“. Aber er glaubt, indie meisten sind zwischen 35 und 50 Jah- te der Bhagwan. Auf dem Weg zur Er- Pune „ein anderer Mensch geworden“ zure alte Frauen, haben sie in der ersten leuchtung müsse man „durch den Sex sein: „Bewusster gegenüber meinenPhase zu Sphärenklängen hektisch geat- durchgehen“, predigte er. Das passte in Schwächen, sensibler und wohl auch ge-met. Die Technik soll Körper und Geist die Zeit: „Make Love, Not War“, der Slo- rechter gegenüber anderen.“ Die Arbeitaus ihren gewohnten Verankerungen lö- gan des Musikfestivals von Woodstock, im Encounter wurde aufgelockert vonsen. Das Ziel: Vergiss alles Bhagwans Vorträgen. Er zi-um dich herum. Dann habentierte Freud, Nietzsche undsie während der sogenann-Kant aus dem Stegreif, plap-ten dynamischen Meditation perte auf dem Niveau chine-geschrien, geweint und ge- sischer Glückskeksbotschaf-lacht. In der dritten Phaseten oder war schlicht men-hüpften sie, in der viertenschenfeindlich.(„Freeze!“) verharrten sie 15 Homosexualität, dozierteMinuten in der letzten Be- Bhagwan, sei „eine Perver-wegung. Dann tanzten sie.sion“, das „biologische Pro-Die Zehnerkarte für jeweilsgramm“ der Spermien seieine Stunde Vergessen, Los-heterosexuell, bei Schwulenlassen und Entspannen kos- „stimmt was nicht“. Das Be-tet 30 Euro. triebsblatt „Rajneesh Times“ Doro und Silveer sind die druckte den Text unter derTREICK / SIPA PRESSEinzigen dieser Gruppe, dieRubrik„Meisterwerke“.noch kein „Sannyas genom-Kinder, die behindert gebo-men“ haben. Damit ist derren würden, sollten, soInitiationsritus gemeint, er Bhagwan, „in den ewigenist Taufe und Glaubensbe- Bhagwan 1985, SPIEGEL-Titel 10/1981: Kiffen am Fluss, zügelloser Sex Schlaf geschickt“ werden,kenntnis zugleich. Zum Ri- „wenn die Eltern bereittus gehören ein neuer Name und auf war inmitten des Kalten Kriegs zur Parole sind“. Ein solches Kind könne dann „wo-Wunsch auch die früher obligatorische für die freie Liebe geworden. Und es war anders mit einem besseren Körper gebo-Mala, eine Kette mit 108 Rosenholzku- „in“ (heute: cool), von Spiritualität zu re- ren“ werden, „nichts wird zerstört“.geln, die ein Medaillon mit dem Bild des den, seit die Beatles 1968 in einem indi- Viele, die aus dem richtigen LebenMeisters trägt. schen Ashram (Ort der Anstrengung) me- nach Pune kamen, fühlten sich überfor- Die Lehren des Meisters sind weltweit ditiert hatten.dert. Karl-Heinz Kabel hatte Konserven-präsent. Oshos Schrifttum, in 47 Sprachen Unter alten Bäumen des früheren Ko- fabriken im Odenwald und in Spanienübersetzt, steht bei vielen deutschen lonialviertels entstand in Pune eine idyl- aufgebaut. Er hatte sie für viele MillionenBuchhändlern im Regal, im Internet bie- lische Siedlung. Meditationen in den verkauft, weil sein Herz nicht mehr mit-tet Amazon über hundert Titel von ihm Gruppen, Lectures beim Meister und Kif- machte. Kabel wurde 1979 Sannyasin.an. Jahr für Jahr pilgern Abertausende fen am nahen Fluss sorgten für Kurzweil. Seither heißt er Kavish, der Gesegnete.Sannyasins in die Kathedralen der Bewe- Die meisten Männer, die nach Pune fuh- Kabel, damals 51 Jahre alt und Witwer,gung: ins Osho-Meditationszentrum im ren, träumten von zügellosem Sex, und erlebte Pune als Befreiung: „Ich war soitalienischen Miasto, ins Humaniversity- ihre Träume wurden erfüllt.erzogen worden, dass ich kein geiler BockZentrum im niederländischen EgmondWer sich selbst erfahren wollte, hatte sein durfte“, sagt er heute. Sein Lebenaan Zee und ins Kölner Uta-Institut, in Pune indes einen dornenreichen Weg habe damals „neu begonnen“, er habeEuropas größtes Osho-Zentrum. Zu Me- vor sich. „Stern“-Reporter Elten nahm „nicht mehr danach trachten müssen, im-ditationen und Kursen melden sich allein an einem siebentägigen Encounter („Be- mer nur mein Ego zu befriedigen“. Karl-dort pro Jahr rund 10 000 Frauen und gegnung“) teil. Über seine Zeit im Heinz Kabel lebt in Grünwald bei Mün-Männer an.Ashram schrieb er das Buch „Ganz ent- chen, er ist noch immer Dauergast in Begonnen hatte alles in Indien, unter spannt im Hier und Jetzt“. Es fand mehr Pune. Vor ein paar Jahren hat er dort sei-einem Baum. Rajneesh Chandra Mohan, als 200 000 Käufer, es gilt bis heute als Bi- ne Frau Elena Kuszminka, 57, kennenge-1931 im heutigen Bundesstaat Madhya bel der Bewegung. lernt. Die Diplom-Chemikerin aus Weiß-Pradesh als Sohn eines Tuchhändlers ge- Der Journalist erlebte mit acht Frauen russland gehörte der Osho-Meditations-boren, fühlte sich zum Guru berufen, und sechs Männern in einem fensterlosen gruppe in Minsk an, bevor sie zu ihm zog.nachdem er 1953 erleuchtet worden sein Raum eine kleine Hölle. Alle außer ihmEnde der siebziger Jahre trudeltenwollte. Spirituelle Sinnsucher verstehen waren Sannyasins, alle waren in rote oder auch prominente Sinnsucher in Pune eindarunter die Erweiterung des Alltagsbe- orangefarbene Kleider gehüllt. Der Meis- wie der Philosoph Peter Sloterdijk, diewusstseins hin zu einem Gefühl des Eins- ter hatte den Dresscode verordnet. Sie Schriftstellerin Elfie Donnelly, die „Ben-seins mit der gesamten Existenz.schlugen und sie küssten sich. Aggressio- jamin Blümchen“ und „Bibi Blocksberg“ D E R S P I E G E L2 2 / 2 0 1 2 41
  • 31. DeutschlandDIETER KLAR / PICTURE-ALLIANCE / DPA JULIA BAIER / LAIFBhagwan bei Rolls-Royce-Parade in Oregon um 1984, ehemalige Bhagwan-Vertraute Sheela: „Ein kindliches Bedürfnis nach Luxus“erfand, die Schauspielerinnen Eva Renzi dies vor dem Biss in die verbotene Fruchtund „Einsichten bekommen, die jedenund Barbara Rütting.zu sein. Abends war Zeit für ein Würfel- Einsatz wert waren“. Es sei Oshos Anlie- Die meisten Sannyasins waren zwi-spiel nach „Monopoly“-Art. Statt Schloss-gen gewesen, „die ganze Menschheit zumschen 25 und 30 Jahre alt, viele hatten allee und Badstraße gab es Felder mit spi- Erwachen zu bringen aus der Trance jahr-Abitur und studiert. „CDU-Wähler gabrituellen Handlungsanweisungen: „Baumtausendealter Strukturen wie des Glau-es nie unter uns“, erinnert sich Elfie Don- für Bhagwan gepflanzt? Rücke drei Felder bens an Religionen“. Was ihn betreffe,nelly. Der ehemalige Berliner Kommu-vor.“ „Eigenes Ding gemacht? Einmalsei dem Meister das „gelungen“.narde Rainer Langhans hält Bhagwan füraussetzen.“ Während Rajneeshpuram wuchs, blüh-einen „Kriegsgewinnler, der das Streugut „Offen“ zu sein war Pflicht. Lust auf ten auch die Kommunen in Deutschlandder 68er-Revolte aufsammelte und aufSex mit einer anderen Frau als der Freun-auf. In Berlin lebten knapp 200 Sannya-den langen Marsch durch ihre inneren In-din? Na, dann mal los. Besitzansprüche sins zusammen, in Köln sogar rund 400.stitutionen schickte“.waren peinlich. „Es gab einen Zwang, Und auf Kosten der Gemeinschaftskasse Für die Inder war der Ashram, in dem nicht eifersüchtig zu sein“, sagt die Auto-flogen sie zu Festivals nach Oregon.bis zu 50 000 Menschen hausten, davon rin Donnelly. Kehrte ein Fremdgänger zu Dort zelebrierte der Guru einen ob-ein Drittel Deutsche, ein Provokation. Sieseiner Freundin zurück, hieß es achselzu-szönen Luxus. Sein Fuhrpark bestand ausfürchteten wegen der weltweit publizier-ckend: „Du, die Energy war einfach da.“mehr als 90 Rolls-Royce. Manche warenten Nacktfotos „eine Zerstörung ihrerEs waren Sternstunden der Egomanie. gespendet, viele aus der KommunekasseKultur“, sagt Abhay Vaidya, 48, Chef der Rund 260 Millionen Dollar, vor allembezahlt worden. Seine Vertraute Maörtlichen Tageszeitung „Daily News &aus Spenden, soll die Kommune im Laufe Anand Sheela, 62, die heute in derAnalysis“. Der Widerstand wuchs – davon gut vier Jahren investiert haben. Die- Schweiz zwei Wohnheime für Behindertekauften Vertraute Bhagwans 1981 im US-ter von Siemens, 57, ein Spross der Sie- führt, erinnert sich stolz daran, dass dreiBundesstaat Oregon für sechs Millionenmens-Dynastie, gab alles, was er hatte.Sannyasin-Mechaniker in England beiDollar die „Big Muddy Ranch“, einst Der Agrarwissenschaftler, der heute Fel- Rolls-Royce geschult worden seien.Drehort von Western mit John Wayne. denkrais-Therapeut in München ist und Der Meister habe „ein kindliches Be- Bhagwans Land war zweieinhalbmal die Tanz- und Meditationsmethode Shi-dürfnis nach Luxus“ gehabt, sagt Sheela,so groß wie Sylt. Bhagwans Vertraute Ma nui lehrt, wurde Sannyasin und erfuhrbeim renommierten Juwelier Bucherer inAnand Sheela wollte eine Heimstatt füreine „Erdung, die ich nicht kannte“. ErZürich habe sie für ihn Piguet-Uhren im100 000 ständige Bewohner schaffen. Und spürte, „wie stark ich geistig und körper- Wert von sieben Millionen Euro gekauft.so stampften die Mas und Swamis zwi-lich blockiert war“. Man ahne nicht, „wie Der Ashram war für den Meister zumschen den hohen Hügeln eines idyllischenes ist, wenn sich Blockaden auflösen, manCashram geworden, die Sannyasins hattenCanyons eine Stadt aus dem Schlamm, im ganzen Körper zu Hause ist und jede nichts zu melden. Eine spirituelle Kom-die sie Rajneeshpuram nannten, die StadtZelle lebt“. mune könne auch niemals ein demokrati-ihres Meisters. Die vier Flugzeuge der Siemens war 26 Jahre alt, als er denscher Verein sein, meint Jörg Andrees El-Air Rajneesh hoben vom kommuneeige- Entschluss fasste, sich seinen Erbteil inten: „Die Kommune kennt keine Kontrol-nen Flugplatz ab. Höhe von fast zwei Millionen Mark aus- le von Macht. Sie lebt von Vertrauen. Das Eine linke Utopie schien Wirklichkeitzahlen zu lassen und das Geld zu spen- ist im Ashram eines Weisen nicht anderszu werden: Die Produktionsmittel gehör- den. Als die Kommune in Oregon 1985als in einem buddhistischen oder katholi-ten der Kommune, die Trennung von Le- zusammenbrach, verlor er alles. „Nichts“ schen Kloster.“ Allein: Bisher wurdeben und Arbeiten war aufgehoben. Kost bereue er, sagt Siemens, und man mag esnichts über Äbte bekannt, die Dutzendeund Logis waren frei. Es schien das Para- ihm glauben. Er habe sein AuskommenRolls-Royce vor ihrem Kloster parken.42D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 32. Die Siedlung des Bhagwan gehörtezum gut 20 Kilometer entfernten DorfAntelope, und dessen 40 Bürger konntendie rotgewandeten Neuankömmlingenicht gut leiden. John Silvertooth-Stewart,62, Liberaldemokrat und Obama-Wähler,sitzt auf der Veranda seines Holzhausesin Antelope und erinnert sich: WeilRajneeshpuram rechtlich als Stadt aner-kannt war, durften sich Dutzende Bhag-wan-Jünger in vier Wochen auf einer Poli-zeiakademie zu Hilfssheriffs ausbildenlassen. Auf Streifenfahrten leuchteten sienachts in alle Häuser hinein. Die Lage eskalierte. Es tauchten Flug-blätter fundamentalistischer Christen auf,in denen von der Eröffnung der „Jagd-saison“ auf Rajneesh und seine „roten CHRISTIAN LEHSTEN / ARGUM / DER SPIEGELRatten“ die Rede war. Und während derMeister seine vierjährige Schweigephasegenoss, kürte er Sheela zur allmächtigenPräsidentin der Rajneesh Foundation –und ließ sie eine 150 Mann starke bewaff-nete „Peace Force“ aufbauen. Es war wohl Silvertooth-Stewart, derviel zum Ende der Sannyasins in Oregonbeitrug. Er fand auf einem Müllplatz Be-weise für die Arrangements von Schein-Bhagwan-Veteran Elten: Private Revolution in Puneehen, mit denen sich die Jünger Aufent-haltsgenehmigungen erschwindeln woll- Schwarzwald verhaftet und an die USA Der Freiburger IT-Unternehmer undten – und er verpfiff sie.ausgeliefert.Sannyasin Wendelin Ackermann, 52, ist Auch der Meister selbst hatte gegen 25 Sannyasins standen wegen der Straf- ein Zeuge jener Zeit. Rajneeshpuram seiEinreisebestimmungen verstoßen. Er gabtaten vor Gericht, 8 erhielten Freiheits- „eine zentral gelenkte Kommune, einevor, seine angeschlagene Gesundheit instrafen. Sheela wurde unter anderem richtige Sekte“ geworden. „Schwarmver-den USA behandeln lassen zu wollen –wegen unerlaubten Abhörens und der halten“ habe dazu geführt, „dass wir un-und bereitete in Wahrheit die ErrichtungVergiftung von Lebensmitteln zu mehre- sere moralische Autonomie und unsereeiner Großkommune vor.ren Jahren Gefängnis verurteilt, wegen Urteilskraft verloren haben, obwohl der Charles Turner, 73, war damals Bun-guter Führung aber nach zwei Jahren Meister gerade die stärken wollte“.desanwalt für Oregon, er leitete die Er-und fünf Monaten vorzeitig entlassen.Ende Oktober 1985 flüchtete der Gurumittlungen gegen die Kommune. Da zeig-Sie wagte mit ihrem inzwischen verstor- in einem Flugzeug überraschend austen ein paar der Menschen, die eine neue, benen Mann, ebenfalls ein Sannyasin, ei- Rajneeshpuram, Polizeibeamte nahmenfriedliche Welt begründen wollten, ihrnen Neuanfang in der Schweiz. Sheela ihn in North Carolina fest. Der Erhabeneneigt dazu, schnell müde zu werden, wurde zu einer Geldstrafe von 400 000wenn ihr heute Fragen zu den Straftaten Dollar und zu zehn Jahren Gefängnis aufEin Lehrstück gestellt werden. Sie hat ihre eigene Wahr- Bewährung verurteilt – unter der Bedin-über Aufstieg und heit: „Ich habe unschuldig im Gefängnis gung, die USA sofort zu verlassen.gesessen.“ Da die indischen Behörden FriedenFall eines Nüchtern betrachtet war die Inderin schlossen mit Bhagwan, kehrte er 1987Protagonistin eines Lehrstücks über Auf- in den Ashram von Pune zurück. Eincharismatischen Führers.stieg und Fall sozialer Bewegungen, die Jahr später wollte der Meister plötzlichvon einem charismatischen Führer be- nicht mehr Bhagwan genannt werden.hässlichstes Gesicht: Eine Bande aus dergründet werden. Ob es Jesus, der Mor- Seine Schüler schlugen als neuen NamenFührungsriege schmuggelte Waffen ausmone Joseph Smith, der Scientologe Ron Osho vor, eine respektvolle Anrede ausTexas nach Oregon, um Turner zu ermor-Hubbard oder Bhagwan ist: Nach einer der Zen-Literatur. Der Meister willigteden. „Ich habe zwei Jahre mit einer Smith lebendigen Phase der Experimente mit ein.& Wesson unter dem Kopfkissen geschla-Visionen vom neuen Menschen erstarren„Das war eine bewegende Zeit damalsfen“, sagt der frühere Chefermittler. die Bewegungen zu einer Art Kirche mit im zweiten Ashram von Pune“, erinnert Zutage kam am Ende noch mehr: In einem schwer kontrollierbaren Eigenle- sich die Autorin Donnelly. Sie lebt aufallen Telefonzellen und fast allen Häusernben. Die „Veralltäglichung des Charisma“ Ibiza, in ihrer Finca mit Meeresblickvon Rajneeshpuram fanden die Beamtenhat der Soziologe Max Weber diesen Pro- schreibt sie Kinderliteratur wie „EmmaAbhöranlagen, mit denen die oberste La- zess genannt.Panther und die Sache mit dem Größen-gerleitung die Linientreue der BewohnerBhagwan hatte während seiner Schwei- wahn“, gerade arbeitet sie an einem Ro-überprüfen wollte. „Wir waren bedroht.gephase fast alle Brücken zu seinen Schü- man.Das waren notwendige Sicherheitsmaß-lern abgebrochen. Er nahm nur noch „wieElfie Donnelly hatte in den siebzigernahmen“, sagt Sheela heute. eine Figur aus dem Wachsfigurenkabinett Jahren Sannyas genommen und wurde Als diverse Straftaten nach und nach Madame Tussauds“ (Elten) am Lenkrad Anasha, Innerster Kern der Ewigkeit. Sieans Licht kamen, hatte sich Sheela längst eines seiner Rolls-Royce die Parade seiner sagt, sie habe dem Meister „viel zuabgesetzt. Sie wurde mit internationalemJünger ab. Sheela hatte den „Rajneeshis- verdanken, weil ich in all den TherapienHaftbefehl gesucht, im Oktober 1985 immus“ zur Religion erklärt. und Kursen gelernt habe, mir zu vertrau-D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 43
  • 33. BERND JONKMANNS / LAIFMeditationsresort in Pune: Großes Interesse an vermögenden Sinnsuchernen“. Die Schriftstellerin wollte sich in Poo-Für die meditierenden Sannyasins in al-Die Therapien und Kurse der Grün-na einen Alterssitz einrichten. Die Füh-ler Welt ist Pune weit weg. Sie haben ihre dungsphase wurden weiterentwickelt –rungsclique wusste, dass sie die Rechte Zentren inzwischen überall auf dem Glo-Fachleute hatten oft grundsätzliche Kritikan „Blocksberg“ und „Blümchen“ fürbus, in Taiwan und Argentinien, in Mexi- an den Verfahren geübt. Joachim Galuskarund fünf Millionen Mark verkauft hatte.ko und in Griechenland. 83 Osho-Center etwa, Mitbegründer und Ärztlicher Di-„Die haben oft versucht, viel Geld ausgibt es allein in Italien, 28 in den USA, 22 rektor der Heiligenfeld-Kliniken im un-mir rauszuholen“, sagt sie. in Indien und 19 in Russland. Im australi- terfränkischen Bad Kissingen, behandelte Elfie Donnelly fand eine Villa und schen Byron Bay sitzen Sannyasins im Ge- im Lauf der Jahre Dutzende Sannyasins,Lehrer für die Gründung einer Schule ne-meinderat, in Thailand hat Pranesh Pascaldie Seelenkrisen hatten.ben dem Ashram in Pune. Sie überwiesSacher, ein Erbe der Wiener Tortenpro-Galuska, 57, ist ein spirituell offenerden Gefolgsleuten des Meisters dafürduzenten, ein herrlich gelegenes Medita- und erfahrener Mensch. Die Methodenviele hunderttausend Mark. Ihr GeldOshos aber, sagt der Klinikchef, „habenverschwand, in wessen Taschen auch auch Frauen und Männer angezogen, dieimmer.Die Schriftstellerin Elfie eine richtige Psychotherapie gebraucht„Man hat mein Vertrauen gebrochen“, Donnelly spendetehätten“. Nach seiner Erfahrung „bergensagt sie, und dass sie „kein Einzelfall“ ge- einige der selbsterfahrungsorientiertenwesen sei. Andere hätten auf diese WeiseHunderttausende – dasspirituellen Methoden die Gefahr, dassMillionen Dollar verloren. Als eine Artinstabile Menschen dekompensieren, bisEntschädigung erhielt Donnelly einGeld verschwand. hin zur Psychose und zum Selbstmord“.Wohnrecht im Ashram. Sie mag es nicht Sannyasins seien sehr stark von ihrermehr in Anspruch nehmen.tionsresort eröffnet. Notgedrungen kon-Gruppe abhängig, urteilt der Psychothe- Der SPIEGEL wollte Mitglieder desspirativ trifft sich eine Gruppe von Sann- rapeut. Wie bei Mitgliedern der ZeugenFührungszirkels in Pune dazu sprechen.yasins regelmäßig in einem Privathaus in Jehovas oder der Sekte Universelles Le-In Frage steht auch, ob jene Jünger, dieder iranischen Hauptstadt Teheran. ben übernehme die Gemeinschaft einenOshos Geschäfte fortführen und mit Sinnsuche ist ein florierender Ge-Teil ihrer Identität. „Das System sagt, wasseinen Büchern und Therapien Millionen- schäftszweig. Im Kölner Osho Uta Institutman zu tun oder zu lassen hat“, erklärtumsätze machen, ein Testament vor-wird ein fünftägiges Seminar „Learning Galuska. Die in der Welt der Sannyasinsweisen können: Doch die Pune-Oberen Love“ mit 530 Euro berechnet, plus Ver-noch immer verbreitete Überzeugung,lehnten ab. Dem SPIEGEL wurde ein pflegung im Osho-Uta-eigenen Restau- das Ego müsse aufgelöst werden, seikurzer Rundgang über das Gelände er-rant Osho’s Place. Uta-Chef Ramateertha, „überholt“. Das Ego müsse, so der Medi-laubt – für einen längeren Aufenthalt hät-selbst eine Legende unter den Therapeu-ziner, „erkannt werden, um in der Weltte das Magazin unter anderem einen Ver- ten der Sannyasins, war unter seinem bür-mit einer größeren Flexibilität agieren zuzicht auf den Abdruck von Fotos aus der gerlichen Namen Robert Doetsch einst können“. Die spirituelle Entwicklung kön-Gründungsphase in Pune und aus Ore- als Arzt tätig. Er ist der führende Mann ne „niemals die Persönlichkeitsentwick-gon erklären müssen. Zudem hätte dereiner GmbH, die etwa 10 Angestellte be-lung ersetzen“.Name Bhagwan nicht erwähnt werden schäftigt, weitere 30 arbeiten als Hono-Ramateertha wehrt solche Kritik nichtdürfen. rarkräfte mit. einmal ab. Die spirituelle Therapie habe44D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 34. Deutschlandseit dem Ende der achtziger Jahre „ihre mühle war Siddharta, er ist am 13. MaiDie Bewohner von Parimal empfindenGrenzen erkannt“. Bestimmte Ansätze im Alter von 76 Jahren gestorben. Er hießsich als „Lebensgemeinschaft, die vonkönnten Menschen schaden – wenn sie mal Werner Gartung, war Gärtner aufOsho inspiriert“ sei, die aber zugleichetwa unter Psychosen litten. DieseSchloss Herrenchiemsee, hatte sich in Hei- ihre Offenheit „für Impulse anderer spi-brauchten psychiatrische Therapien. delberg als Jazzmusiker durchgeschlagenritueller Richtungen“ betont. Sie möchten Die heutigen Osho-Therapien, so Ra-und war als Objektkünstler unter dem ihr Leben lang an sich arbeiten.mateertha, seien „Lichtjahre von demNamen Y Fongi zu Ruhm gekommen. In Hübenthal wird das Ideengut desentfernt, was in den siebziger und zu Be- Siddharta war 1982 die treibende Kraft,Meisters fortentwickelt. Die Sannyasin-ginn der achtziger Jahre gemacht wurde“.als rund 150 Bhagwan-Schüler auf Schloss Bewegung sei früher apolitisch gewesen,Ein Trend sei, dass Menschen, die eineWolfsbrunnen nahe der hessischen Stadt sagt Bewohner Alfons Claes. Die sozialePsychoanalyse oder eine tiefenpsycholo- Eschwege eine Kommune begründeten. und ökologische Verantwortung aber seigisch fundierte Psychotherapie erfahrenBis zuletzt lebte er seinen Traum inwichtig: „Erleuchtet in einer Höhle, dashaben, „danach zu uns zur spirituellenThüringen. „Wer es kann“, sagte der Alt- reicht nicht.“Therapie kommen“. Körpertherapien sei-Kommunarde, zahle 450 Euro im Monat Um das richtige Bewusstsein geht esen noch immer ein zentraler Punkt der in die Gemeinschaftskasse für Kost und auch im indischen Goa. Wenn es kalt wirdArbeit im Uta-Institut, „weil Klienten ihre Logis. Der Ashram verkauft selbstange- in Europa, treffen sich die Veteranen derPersönlichkeit dabei spiegeln, in Kontakt bautes Gemüse, zusätzliche Einnahmen Bewegung am sogenannten Osho-Beachzu sich treten können und über Probleme hat er durch die Vermietung von Räumen von Candolim. Sam Okonski, 83, gehörtnicht nur geredet wird“.für den großen Edelsteinladen, den dazu, er wird „CIA-Sam“ genannt, weil Doch manchen Sinnsuchern ist dies zu Siddhartas Frau Sigari führt.er in den sechziger Jahren in Frankfurtwenig. Sie möchten mehr als ein paarmalEin anderes Modell funktioniert auf am Main für den US-Geheimdienst tsche-im Jahr Kurse in spirituellen Gruppen be- Parimal Gut Hübenthal, zwischen denchische Überläufer betreute.legen, sie möchten mit Gleichgesinntenbewaldeten Hügeln des Werratals naheEs ist 22 Jahre und ein paar Tage, nach-zusammenleben. Und so halten Vetera-Kassel. 60 Erwachsene und 10 Kinderdem ihr Meister seinen Körper verlassennen, aber auch Jüngere die Sannyasin- leben dort in Wohngemeinschaften oderhat, wie Sannyasins sagen. Im Strandre-Kommunen am Leben: 30 Frauen undallein. Die meisten Bewohner arbeitenstaurant D’Mello erzählt Okonski mitMänner im Alter zwischen 30 und 75 Jah- außerhalb als Architekt, Psychiater, leuchtenden Augen von der alten Zeit.ren leben etwa im Naturpark Thüringer Markthändler, UnternehmensberaterSein Blick schweift über die Wellen desSchiefergebirge Obere Saale nahe demoder Taxifahrer, 15 verdienen ihr Geld Indischen Ozeans hinüber zu den altenDorf Wurzbach in den zwölf Gebäuden mit Teilzeitjobs auf dem Gelände. Es gibtMauern des Fort Aguada. „Wir wollten dieeiner früheren Holzsägemühle. Miet- und Eigentumswohnungen – man Erleuchtung“, sagt CIA-Sam, „und wenn Osho-Stadt nennt sich das Projekt, gestattet sich ein hohes Maß an Indivi-wir da ein paar Millimeter vorangekom-Herz und Seele der Kommune Zschachen- dualität.men sind, dann ist das doch viel.“
  • 35. Deutschland Protestplakate bei der Odenwaldschule „Pädophile werden angezogen“agogen werden von solchen Strukturengeradezu angezogen.“ Katrin Höhmann widerspricht. Als sievor etwa einem Jahr zur Odenwaldschulekam, wurde zusammen mit ihr erstmalsauch ein Internatsleiter an der Schule ein-gestellt. Er soll die Lehrer bei ihrer Auf-gabe als „Familienhaupt“ kontrollierenund fortbilden. Zudem werde jede Fami-lie jetzt von einem zweiten Lehrer imAuge behalten. Bei anderen Kritikpunkten fällt Höh-mann der Widerspruch schwerer, dennsie kämpft an zwei Fronten. Sie muss dieSchule nach außen verteidigen; aber siemuss nach innen auch Widerstände über-ARNE DEDERT / PICTURE ALLIANCE / DPAwinden, von zahlreichen Betonköpfenetwa unter den Mitgliedern des Träger-vereins der Schule, die einfach zur Tages-ordnung übergehen wollen. In einer internen Aktennotiz hatteHöhmann im vergangenen Novemberselbst „die mangelnden Aktivitäten in Sa-chen Aufklärung der Missbrauchsfälle“sowie „die immer deutlicher werdendenclique, die sich unter dem Deckmäntel-Nachlässigkeiten in der Vergangenheit imM I S S B RAUC Hchen fortschrittlicher ReformpädagogikUmgang mit Betroffenen“ angeprangert. Zu viel Nähe,an ihren Schülern vergriff. Gerade bei der wissenschaftlichen Aufar- Viele der Opfer klagen, die Schule stel- beitung, warnte Höhmann damals, stehele sich nur zögerlich ihrer Verantwortung,„unsere Reputation mit auf dem Spiel“. zu viel Machtzudem hätten sie bis heute keine Entschä-Der unwürdige Umgang mit der Ver-digung bekommen. Und das sind nochgangenheit schreckt nun selbst solche Fa-lange nicht alle Vorwürfe.milien ab, die der Schule trotz allem noch Der hessische Grünen-Abgeordnete wohlgesinnt waren. Inzwischen melden Nur zögerlich stellt sich dieMarcus Bocklet hat im Auftrag des Land- so wenige begüterte Eltern ihre KinderOdenwaldschule ihrer Vergangen- tags monatelang recherchiert, wie die an, dass die Lehranstalt finanziell am Ab- heit – in einem Bericht für denSchule mit den mehr als 130 bislang re- grund steht.gistrierten Opfern umgeht, wie sie den Nach dem vertraulichen „Lagebericht“Hessischen Landtag erhebt ein Ab- massenhaften Missbrauch untersucht, wie eines Wirtschaftsprüfers zählte die Schulegeordneter schwere Vorwürfe.sie sich neu organisiert hat. „Das Ergebnis mit ihren 126 Mitarbeitern an einem Stich-ist in allen Bereichen ernüchternd“, sagt tag Ende 2011 nur noch 138 Internats-D ie Schulleiterin hat eine langeBocklet, der demnächst dem Petitionsaus-schüler sowie 42 Externe, die nicht dort Konferenz hinter sich, eine an-schuss seinen Bericht vorlegen will.übernachten. In guten Jahren, wie dem strengende Unterrichtswoche. SieNicht einmal zehn Prozent der miss-Schuljahr 2002/03, waren es 267 Internats-sieht müde aus. Und jetzt muss sie wieder brauchten Kinder von einst haben nach schüler. Unterm Strich, so der Prüfer,kämpfen. Um die Existenz ihrer Schule.Bocklets Nachforschungen bislang finan- machte die Schule im Jahr 2011 fast Sie soll alle überzeugen. Eltern natür-zielle Hilfen oder Entschädigungen über-680 000 Euro Verlust.lich, aber auch Politiker, Ehemalige, Jour- wiesen bekommen. Wissenschaftliche Ur- Weitermachen kann das Internat nurnalisten. Katrin Höhmann zeigt am Frei- sachenforschung, aus der man Schlüsse mit Hilfe der Jugendämter. Die haben imtag vor einer Woche Schaubilder mit Or- für eine Neuorganisation der Schule zie-vergangenen Jahr laut Prüfbericht dasganisationsstrukturen, sie spricht über das hen könnte? Gebe es nicht. Das Fami-Schulgeld für fast die Hälfte der Inter-„Vier-Augen-Prinzip“ und über „Siche- lienprinzip, das den Missbrauch entschei- natsschüler gezahlt. Wie lange die Schulerungsmechanismen“. Die Odenwaldschu-dend begünstigt hat? Sei unverändert. so weiterwirtschaften könne, sei unklar,le, sagt Höhmann, habe die richtigen Noch heute leben Lehrer und Schülermeint Bocklet. Der örtliche Landrat hatSchlüsse aus ihrer dunklen Vergangenheitin den auf dem Gelände verstreuten Häu- schon angeordnet, dass die Jugendhilfegezogen. Die Schüler seien heute gut ge-sern als sogenannte Familien zusammen.seines Landkreises keine weiteren Kindergen sexuellen Missbrauch geschützt. Wie zu den Zeiten, als das Internat nochmehr in die pittoresken Internatshäuser So gut, wie das in einem Internat mög- bei der deutschen Elite aus Wirtschaftschickt. Der Abgeordnete Bocklet feiltlich sei. und Politik beliebt war, unterrichten Leh-nun an den letzten Formulierungen seines Es ist ein harter Kampf, den Höhmann rer am Vormittag, betreuen am Nachmit-Berichts – und denkt darüber nach, allenführt, vielleicht ein aussichtsloser. Die tag, führen Aufsicht in der Nacht.hessischen Jugendämtern zu empfehlen,Schule im südhessischen Oberhambachtal Das bedeute zu viel Nähe, zu vielkünftig keine Kinder mehr dorthin zuhat keinen echten Neuanfang geschafft,Macht und zu wenig Kontrolle, urteilt schicken, schon wegen der ungewissenseit sie vor gut zwei Jahren zum Symbol Bocklet, der diese besondere Konstruk-Zukunft der Schule. Das wäre dann ver-des systematischen Missbrauchs wurde, tion mit Psychologen und Missbrauchs- mutlich das Ende des Internats.zum Symbol einer pädophilen Lehrer- experten diskutiert hat. „Pädophile Päd-MATTHIAS BARTSCH46D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 36. Deutschland, in fast jeder fünften Familie zieht ein Elternteil den Nachwuchs alleinHARTZ IV groß. Und: 40 Prozent aller Alleinerzie- Tritt in den Hintern hendenhaushalte bekommen Hartz IV.In den vergangenen Jahren konnte die Bundesagentur für Arbeit viele Arbeits- lose vermitteln, auch Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte. Doch Frauen wie Der Staat scheitert seit Jahren daran, alleinerziehenden Frauen die aus Marzahn-Nord profitieren kaum den Weg ins Berufsleben zu ebnen. Ein neues Projekt droht von diesem Aufwärtstrend.Ein neues Wohnprojekt mit dem Na-Müttern nun mit Wohnungsverlust, wenn sie sich keinen Job suchen.men „Jule“ (kurz für „junges Leben“) soll jetzt helfen, dass 15 junge Frauen aus dem Viertel nicht dauerhaft dort landen, wo viele ihrer eigenen Mütter feststecken: in einem Leben ohne Perspektive.Eine der Ersten, die in den kommen- den Wochen einziehen werden, ist Kath- leen. Derzeit wohnt sie noch mit ihrer Mutter, drei Geschwistern und einem Jack-Russell-Terrier auf knapp 80 Qua- dratmetern. Demnächst wird sie allein mit Emily fast genauso viel Platz in einer frisch renovierten Wohnung in einem an- deren Hochhaus im Viertel bekommen.Ein Luxus, für den sie allerdings Leis- tung zeigen muss: Wenn Kathleen inner- halb der kommenden drei Jahre nicht ge- nügend für den Schulabschluss büffelt, müsste sie Jule im schlimmsten Fall ver- lassen. Dann müsste sie entweder wieder bei ihrer Mutter einziehen oder sich eine neue Wohnung suchen – was schwierig ist für eine alleinerziehende Frau unter zwanzig, ohne Job.Jule ist keine Idee des Sozialstaats, son- dern eine der Wohnungsgesellschaft De- gewo, die in Berlin etwa 70 000 Wohnun-FOTOS: ANNE SCHÖNHARTING / DER SPIEGEL gen verwaltet. Die Degewo startet das Experiment, um den Müttern zu helfen, aber auch, weil sie selbst sich nicht anders zu helfen weiß. Die Mitarbeiter der Woh- nungsgesellschaft kennen die Probleme aus der Nähe, sie wollen eingreifen, weil es sonst niemandem gelingt. Gerade in Marzahn sei in den vergangenen Jahren die Zahl der jungen, alleinerziehendenTeenagermütter Kathleen, Jessica*: Büffeln für den SchulabschlussMütter „explodiert“, sagt Degewo-Vor- stand Frank Bielka. Und das sei eineBei Kathleen passierte es im vergan-alleinerziehend, ohne Schulabschluss, „Mietergruppe, bei der sich die Problem-genen Frühling. Sie war 17 und ohne Berufsausbildung. Wie so viele hier. lagen häufen“.zweimal in der neunten Klasse sit- Typisch Marzahn-Nord.Etliche der Alleinerziehenden hättenzengeblieben. Sie ging selten zur SchuleIn den Plattenbauten des Berliner Be-hohe Mietschulden oder brächten dieund lag morgens bis elf Uhr im Bett. Eines zirks Marzahn-Hellersdorf wachsen fastNachbarn mit ungewöhnlichen Tages-Abends lernte sie einen Mann kennen, 70 Prozent aller Kinder unter sieben Jah- rhythmen gegen sich auf: Morgens schlie-fast zehn Jahre älter, arbeitslos und ohne ren in Hartz-IV-Familien auf, etwa diefen die Kleinsten so lange, dass sie bisAntrieb, daran etwas zu ändern. Kaum Hälfte bei alleinerziehenden Müttern, Mitternacht munter mit ihrem Bobbycarliiert, war Kathleen schwanger. „Hat nicht Tendenz steigend. An kaum einem ande- über die Wohnungsflure donnerten. „Dasgeklappt mit der Verhütung“, sagt sie. ren Ort der Republik werden mehr Teen-Sozialsystem kümmert sich zu wenig um Seit vier Monaten gibt es nun die klei- agerschwangerschaften registriert.diese Frauen und verlangt ihnen nichtsne Emily, die in einer Wiege in Kathleens Für die Mädchen bedeutet dies oft denab“, sagt Bielka, „das wollen wir ändern.“Kinderzimmer schläft. Mit Emilys Vater Einstieg in ein Erwachsenenleben in dau- Zwei Sozialarbeiterinnen sollen beiist die 18-Jährige schon lange nicht mehrernder Abhängigkeit von Transferleistun-Jule umsetzen, woran die Politik bei al-zusammen, der wollte keinen Nachwuchs; gen. Der Sozialstaat scheitert seit Jahrenleinerziehenden Hartz-IV-Empfängernund weil er arbeitslos ist, kann er keinen daran, jungen, alleinerziehenden Frauen gescheitert ist: Fördern und Fordern. DieCent Unterhalt zahlen, was ja „typisch“wie Kathleen den Weg in ein normalesDegewo hat die 15 Mütter unter knappsei, wie Kathleen sagt. So ist sie nun alsoBerufsleben zu ebnen. 30 Bewerberinnen ausgewählt. Wenn sieRund 1,6 Millionen Alleinerziehendein ihre Wohnung eingezogen sind, wer-* Mit Töchtern Emily und Alina-Marie.mit Kindern unter 18 Jahren gibt es inden sie von den Sozialarbeiterinnen bei D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 47
  • 37. DeutschlandKinderbetreuung, Bewerbungen und Äm- plus Miete. Allerdings hat rund die Hälfteterbesuchen unterstützt. Im Gegenzug der arbeitslosen Alleinerziehenden niemüssen die Frauen sich aber verpflichten, einen Beruf erlernt und würde deshalbbestimmte Ziele zu erreichen. Kathleen kaum mehr verdienen. Wozu also derwill Verkäuferin werden. Stress mit einem schlechtbezahlten Job? „Mit Betüddeln hat Jule nichts zu tun“,Dass es um eine Perspektive gehe, umsagt Marina Bikádi, eine der Sozialarbei- einen Weg, Vorbild für die eigenen Kin-terinnen, die sich demnächst um die jun- der zu sein, will nun das Degewo-Projektgen Mütter kümmern werden. Bikádi sitzt vermitteln. Die jüngste Frau, die an Juleim 200 Quadratmeter großen Jule-Ge- teilnimmt, ist Jessica. Sie ist 17, hat abermeinschaftsbereich, der etwa für Koch- das älteste Kind: Die Kleine heißt Alina-abende und Kindernachmittage hergerich- Marie, ist zweieinhalb Jahre alt und seitet wurde, die Wohnungen liegen im „natürlich nicht geplant“ gewesen. „DieBlock drum herum. Die 45-Jährige arbei- Verhütung hat nicht geklappt“, sagt auchtet schon viele Jahre mit alleinerziehen- Jessica, die derzeit noch zusammen mitden Müttern im Viertel. Was viele ver- ihrer Mutter, deren Freund und ihren bei-binde, sei das langsame Abdriften in den Geschwistern auf 70 Quadratmetern„Trägheit und Perspektivlosigkeit“.wohnt. Jessicas Mutter ist 36 Jahre alt Schuld daran sei der Sozialstaat selbst, und hat selbst gerade wieder eine Tochtersagt Bikádi. Nicht nur, dass es an Kita- zur Welt gebracht: Nun hat die kleine Ali-Plätzen mangele. Der Staat biete jungen na-Marie einen Säugling als Tante.Müttern auch „keinerlei Anreize“, sichAnders als die meisten Jule-Mütter hatum Berufsbiografie und Partnerschaft zu Jessica einen Schulabschluss und eine klare Berufsperspektive. „Ich brauche Mit Kind, ohne Ausbildung aber trotzdem einen Tritt in den Hintern, Anteil der Alleinerziehenden, die Hartz IVum jetzt auch mit der Ausbildung zur bekommen, an allen AlleinerziehendenKinderpflegerin weiterzumachen“, sagt sie. Eine Ausnahme ist Jessica auch des- Rund die Hälfte aller arbeits-wegen, weil sie noch mit dem Vater ihres 40% losen Berufsausbildung sind ohneAlleinerziehendenKindes zusammen ist. Der 20-jährige Cartier arbeitet als Tischler und will „oft zu Besuch kommen“.Haushalte Alleinerziehender*Viele der Väter würden sich trennen,insgesamt: 1,6 Mio. wenn die Freundin schwanger sei, erzäh- len die Sozialarbeiterinnen. Theoretisch sind die jungen Männer verpflichtet, Un- Quelle: terhalt zu zahlen, aber wer keine ArbeitBundesagenturfür Arbeit 2010; hat, kann auch nicht zahlen. Betreuerin *mit Kindern unter 18 JahrenBikádi warnt davor, nur die Väter zu ver- dammen. „Auch viele junge Mütter tunkümmern. Natürlich ist es schwierig, al- sich in einem Stadtteil wie Marzahn-Nordlein Kinder großzuziehen, selbstverständ- leicht mit der Trennung“, sagt sie.lich ist es schlimm, wenn der ErzeugerFinanziell ist das kein Nachteil, dennsich aus dem Staub macht, noch bevor alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin-das Kind geboren ist. Doch der Staat un- nen erhalten zusätzlich eine Zulage vonterstützt bedürftige Alleinerziehende ver- durchschnittlich etwa 140 Euro. „Hartzgleichsweise großzügig und schafft genau IV schafft keine Anreize, in eine Bezie-so Anreize, gar nicht zu arbeiten. Be- hung zurückzukehren“, sagt Heinrich Alt,kommt eine Hartz-IV-Empfängerin ein Vorstand der Bundesagentur für Arbeit.Kind, muss sie sich drei Jahre lang nicht Alt würde die Zulage für Alleinerzie-um Ausbildung oder Arbeitssuche bemü- hende deswegen am liebsten abschaffen –hen. Unbelästigt vom Jobcenter kann sie zumal es ein offenes Geheimnis ist, dasssich in Ruhe ums Kind kümmern. Für viele Paare die Trennung vortäuschenMädchen, die mit 16 schwanger würden, und sich die Väter nur zum Schein einesei das aber „völlig falsch“, sagt Bikádi. andere Wohnung suchen. Sind Mann undViele junge Mütter brächen vor der Ge- Frau Hartz-IV-Empfänger, gibt es beiburt des ersten Kindes Schule oder Aus- zwei Kindern rund 250 Euro im Monatbildung ab und stünden nach drei Jahren mehr, wenn sie getrennt leben. Und Geldmit leeren Händen da.fürs Nichtstun, sagt Bikádi, das sei es, was Einige flüchteten deswegen „gezielt“ Menschen „lethargisch“ mache.in die nächste Schwangerschaft, glaubt Bi-GUIDO KLEINHUBBERTkádi. Durch die geplante Einführung desBetreuungsgeldes könne sich das noch ver-schärfen – zumindest dann, wenn die alsVideo:„Herdprämie“ kritisierte Zulage nicht aufSo lebt die alleinerzie-die Hartz-IV-Bezüge angerechnet werde. hende JessicaNatürlich lässt sich von den Regelsätzen Für Smartphone-Benutzer:nicht komfortabel leben, eine Mutter mit Bildcode scannen, etwa mitzwei Kindern bekäme etwa tausend Euroder App „Scanlife“.48D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 38. SzeneWas war da los,Herr Wu?Wu Daifu, 34, chinesischer Tierpfleger,über seine Arbeitskleidung: „Es ist wich-tig, dass Menschen möglichst wenigEinfluss auf ein Panda-Baby habenund das Tier nicht von ihnen abhängigwird. Deswegen trage ich das Panda-Kostüm, wenn ich das Gehege sauber-mache oder die Bärenjungen zurUntersuchung bringe. Dieses Panda-Baby ist vier Monate alt. Es wurde inunserer Forschungsstation in Wolongin der Provinz Sichuan geboren. Wirmessen regelmäßig seine Größe unduntersuchen die Zähne, die Augenund den Urin. Wenn die Pandas zweiJahre alt sind, werden sie in der Wild-nis ausgesetzt. Ich selbst habe be-stimmt schon 10, 20 Panda-Babys auf-gezogen. Unser Panda-Kostüm istmaßgeschneidert und wurde neulichnoch verbessert. Wir haben jetzt einWinter- und ein Sommerkostüm. CHINA DAILY / REUTERSTrotzdem schätze ich, dass erwachse-ne Bären wissen, dass ich kein echterPanda bin. Schon wegen des Ge-ruchs.“ Wu Ist Bayern am Ende, Herr Beckmann?Am 19. Mai verlor der FC Bayern SPIEGEL: Wir reden von 62 500 Zuschau- richtig machen und konzentriert sich aufMünchen das Finale der Championsern im Stadion, und Sie kommen mit die Ausführung des Schusses. Weil dasLeague. Der Münchner Sportpsycho- Ihrer Oma. bei einem Profi eigentlich hoch auto-loge Jürgen Beckmann, 57, erklärt, wieBeckmann: Durch das Ausatmen ver-matisiert ist, verliert er sein Ballgefühl.man die Spieler mental aufbauen langsamt sich der Herzschlag, das be-Statt besser wird der Schuss nun schlech-könnte. ruhigt. Ein anderer Trick wäre auch, ter. Wenn der Spieler die linke Faustkurz vor dem Schuss die linke Hand ballt, aktiviert er die rechte Gehirnhälf-SPIEGEL: Wie überwinden die Spieler zur Faust ballen.te. Dadurch verlässt er sich wieder aufdes FC Bayern die Niederlage? SPIEGEL: Was bringt das? die automatisierte Ausführung, das Ball-Beckmann: Am besten ist es, die FehlerBeckmann: In Drucksituationen domi-gefühl ist da, und der Ball ist im Tor.zu analysieren, um daraus zu lernen.niert oft die linke Gehirnhälfte. DerSPIEGEL: Acht Bayern-Profis sind imSPIEGEL: Soll Schweinsteiger analysie-Spieler denkt an Technik. Er will allesEM-Kader der deutschen Fußballnatio-ren, warum er an den Pfosten schoss? nalmannschaft. Sollten die Spieler erstBeckmann: Ich fand schon merkwürdig, mal auf der Bank sitzen?dass er bei Robbens Elfmeter nicht Beckmann: Nein. Der Bundestrainerhinschauen konnte. Die Nerven lagenJoachim Löw wird das schon richten.möglicherweise so blank bei ihm, dassSPIEGEL: Wie?er vielleicht bei seinem eigenen Elfme-Beckmann: Er wird den Bayern-Spie- TOBIAS KUBERSKI / GES-SPORTFOTOter die Konzentration nicht aufbringen lern klarmachen, dass die EM ihrekonnte. Das könnte er analysieren, umChance ist zu zeigen, dass sie erfolg-daran zu arbeiten. reicher sein können als gegen Chelsea.SPIEGEL: Ist ja verständlich, dass er auf- SPIEGEL: Sind Sie als Münchner trauma-geregt war.tisiert durch die Niederlage?Beckmann: Aber es gibt da ein paar Beckmann: Nein, ich schaue mir zwarTricks. Einen kannte meine Oma gern guten Fußball an, aber ich fahreschon: tief ausatmen. Fußballer Schweinsteiger eigentlich lieber Ski.52 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 39. GesellschaftSelbstjustizEINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie ein Richter einen Fall mit dem Polierlappen erledigteA mtsgericht Delmenhorst, an einem Rüdebusch fährt selbst einen schwar- die gehöre auch noch dazu. Rüdebusch Dienstag um 9.20 Uhr, zum Aufruf zen Passat, 14 Jahre alt, mit einem Krat-fragte, warum er diese Schramme dann kommt die Sache 660 Js 37731/11. zer, der sich über die ganze Seite zieht.nicht der Polizei gezeigt hatte, die denStreitgegenstand ist ein Lackfleck. Farbe Poliermittel? Hatte er nicht. Also fragteFall aufgenommen hatte. Und überhaupt,Rot, Länge dreieinhalb Zentimeter, Fund- er den Christian, seinen Kumpel. Begna- da habe doch schon einer mit demstelle: am Türrahmen einer grauen A-Klas- deter Autoschrauber. Der gab ihm eineLackstift gearbeitet. Ob es nicht seinse. Kann von einem Toyota sein, der im Poliermilch und sagte: „Du glaubst garkönne, dass dieser Schaden schon vielMärz 2011 neben dem Mercedes auf einem nicht, was man damit alles wegkriegt.“älter sei.Parkplatz stand. Linke Tür trifft rechte Sei- Und so ging Rüdebusch am Tag derEs ging in den Gerichtssaal, Rüdebuschte, Rot auf Grau. Das Übliche. Eines dieser Verhandlung auf den Parkplatz. Er fragte erwartete die Anträge. Er fragte den Mer-30-Minuten-Verfahren, bei denencedes-Fahrer, ob er seine Klagedie Justiz zur Abfertigungsanlagejetzt nicht lieber zurücknehmenwird. Macht gemäß Kostenvoran- wolle. Nein, wollte der nicht.schlag, dem Papiergeld der Amts- Stattdessen beschwerte er sich:gerichtswelt, 430 Euro an den Klä- dass Rüdebusch ihn lächerlichger. Nächster bitte! gemacht, ihn vorgeführt habe. So hat sich das der Mercedes-„Wissen Sie, wen Sie vorgeführtFahrer wohl auch gedacht, denn haben?“, so erinnert sich Rüde- JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELso läuft das doch, weiß doch je- busch an seine Antwort. „Sichder, ist doch Alltag in deutschenselbst und Ihren Anwalt. Sie sindGerichten: der Fotobeweis, das für mich ein Schlitzohr, und heu-Gutachten, der Kostenvoran-te sind Sie einfach mal an einenschlag, Entscheidung nach Ak-Besseren geraten.“ Wenn er dietenlage. 430 Euro für dreieinhalbKlage zurückziehe, werde es aberZentimeter. Standardsache. billiger für ihn, statt 105 Euro Ge- Aber diesmal kein Standard- richtskosten nur 35. Immerhin,Richter. Stattdessen Marco Rüde- das wirkte.busch, 45. Einer, der gern malAls das Landgericht Oldenburg„Alles cool“ oder „Alter Schwe-Rüdebusch: „Darf ich mal?“den Fall an die Presse gab, staun-de“ sagt. Der auf seinem Richter-te Rüdebusch über die Anrufe,tisch Verkehrsunfälle mit dendie er bekam. Vielleicht koket-Matchbox-Autos seines Sohnes tiert er auch nur damit, über-nachstellen lässt. Und vor allem rascht zu sein.einer, der gute Geschichten er- Schon 2011 hatte er einenzählt, über einen Vater, der fastGrenzstreit unter Nachbarn da-alles reparieren konnte. Sogar mit beendet, dass er eine Sägeeine Glühbirne. Eine Glühbirne?genommen und gefragt hatte,„Wenn der gerissene Draht noch welche überhängenden Äste erlang genug ist, die Birne schüt- denn jetzt gleich mal wegnehmenteln, bis die Drahtenden sich be-Aus der „Süddeutschen Zeitung“könne. Alles cool. Dafür wähltenrühren. Dann Strom hinein, und ihn die Leser der Oldenburgerder Draht schmilzt wieder zu- „Nordwest-Zeitung“ zum Mannsammen.“ So einer. des Jahres, neben der Frau des Also hatte sich Richter Rüdebusch vor- den Kläger: „Ist das der Schaden?“, er Jahres, die Angela Merkel hieß, und demgenommen, an diesem Tag etwas zu repa- fragte: „Darf ich mal?“ Und nach 20 Se- Paar des Jahres, Kate und William.rieren, was sich vermutlich noch schwerer kunden, erzählt Rüdebusch heute, warRüdebusch erzählt das, als wisse erreparieren lässt als eine Glühbirne: das der rote Strich verschwunden. immer noch nicht recht, was er davonVertrauen in den gesunden Menschenver-Rüdebusch war zufrieden. Kein Scha-halten solle. Er, der Richter aus Delmen-stand der Justiz. Er hatte Herrn Mercedes den mehr, also auch keine Lack-Spektral- horst, neben solchen Prominenten, dasund Frau Toyota mit ihren Autos auf den analyse für 600 Euro, kein Gutachten für sei doch etwas merkwürdig gewesen.Gerichtsparkplatz bestellt. Er kannte die 1000 Euro, keine Kosten für die Versiche- Allerdings bei weitem nicht so merkwür-Fotos aus der Akte. Er wusste: Es gab keine rung, keine höheren Beiträge für Fraudig wie eine Justiz, in der es ganz normalKerbe, nur etwas roten Lack. „Killefitz.“ Toyota, und am Ende der Kette: keine ist, über Jahre hinweg Akten zu Akten-Er hatte deshalb schon zwei, drei Tage lang höheren Beiträge für die Versicherten- bergen wachsen zu lassen. Ohne dass derüber den Fall gegrübelt. Wenn es keine Ba- gemeinschaft. Eine Selbstjustiz der Ver-Richter auch nur einmal von seinem Platzgatellgrenze im deutschen Zivilprozess gibt, nunft; Fall erledigt, alle glücklich. Alle? aufsteht, zur Tür hinausgeht und draußensagt er, dann gibt es auch keinen Grund für Der Kläger war nicht glücklich. Er nachschaut, wer eigentlich recht hat.Richter, sich das Nachdenken zu ersparen. zeigte auf eine Schramme daneben: Hier,JÜRGEN DAHLKAMP D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 53
  • 40. Internetpionier NeuendorfKUNSTMARKT Der Goldgräber Was Immobilien für die Mittelschicht sind, ist Kunst für die Reichen: eine Anlageformin unsicheren Zeiten. Der deutsche Händler Hans Neuendorf, schon lange imGeschäft, will mit seiner Internetbörse das große Geld verdienen. Von Thomas Hüetlin DIRK ANSCHÜTZ / DER SPIEGELH ans Neuendorf, offener weißerendorf weigerte sich, seinen Glastisch zuSo wie Neuendorf es erzählt, war es Kragen, dunkle Hosenträger, stehtverlassen. „Nee, das World Trade Center bloß ein weiterer Tag im Büro, an dem am Fenster seines New Yorker Bü- fällt doch nicht bis hierher“, sagte er.er die Nerven behielt.ros, 23 Stockwerke weiter unten liegt dieErst als die Türme einstürzten, es fins-Ob das stimmt, weiß kein Mensch au-Baustelle von Ground Zero. Neuendorfter wurde und der Staub durch die ge- ßer ihm. Denn es gab niemanden, der zu-war dabei, als alles zusammenbrach, und kippten Fenster drang, stand Neuendorfsammen mit Neuendorf ausharrte hierjetzt ist er dabei, als alles wieder aufge- auf. Er schloss die Fenster.oben im 23. Stock. Es darf aber angenom-baut wird. Die Durchsagen – „Wer jetzt noch immen werden, dass Neuendorf wirken Neuendorf schiebt sich ein Stück Gebäude ist, raus, sofort“ – ignorierte er. möchte wie ein Bruce Willis der Kunst-Quiche in den Mund, sein Mittagessen. Stattdessen schrieb er E-Mails: „Wir ha-welt: cool, unerschrocken, scharfsinnig,Dazu benutzt er weißes Plastikbesteck.ben nichts abgekriegt.“ mutig. Einer, um den herum die Welt un-Er erzählt von jenem Septembertag vorEr habe, sagt er heute, damals gedacht,tergeht und der bloß einmal aufsteht, umelf Jahren. dass es oben im 23. Stock ungefährlicherdie Fenster zu schließen. Neuendorf war früh in seinem Bürosei als unten, wo Panik herrschte. Er sagt Neuendorf ist 74 Jahre alt. Er kenntdamals, wenige hundert Meter von dennicht, es war die Hölle. Nicht, die armen den modernen Kunsthandel seit den fünf-Twin Towers entfernt. Es gab Durchsagen:Leute, die in den Trümmern begraben ziger Jahren, er hat viel erlebt, viel Geld„Bitte das Gebäude räumen“, Mitarbeiter wurden. Er sagt nicht, es war der Tag, an verdient, er hätte sich auf seine moderneriefen: „Die Türme fallen um.“ Aber Neu-dem sich die Welt änderte.Burg auf Mallorca zurückziehen können,54D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 41. Gesellschaft die ihm der Architekt von Calvin Klein „Ein besorgniserregender, idiotisch ho- litz-Auktion ausdrucken. Ein paar Augen- und Giorgio Armani gebaut hat. Aber da- her Preis“, sagt Neuendorf über den neu- blicke später hat er die versteigerten „Hel- von will er nichts wissen. Stattdessen sitzt en Rekord am Kunstmarkt, den vor drei den“-Bilder von Baselitz auf dem Tisch. er in einem New Yorker Büroturm und Wochen die Versteigerung von Edvard „Spekulation“ für 5 195 000 Dollar, „Gro- hat nur noch ein Ziel. Er will den Kunst- Munchs „Der Schrei“ bei Sotheby’s in ße Nacht“ für 3 845 000 Dollar, „Der handel, der ihn reich gemacht hat, refor- New York erzielte.Baum“ für 2 855 000 Dollar, „Drei Her- mieren, und zwar gründlich.Der Hammer fiel bei 119,9 Millionen zen“ für 2 046 000 Dollar.„Wenn ich ein Auto verkaufen will, Dollar, der Käufer blieb anonym, aber Neuendorf lächelt. Neid liegt in diesem dann schaue ich in die Schwacke-Liste, Neuendorf sagt, in diesen Dimensionen Lächeln, vor allem aber Bewunderung. wie viel das Ding wert ist“, sagt Neuen- würden nur noch Menschen mitmischen, „Da hat der Graf richtig abkassiert“, sagt dorf, „und in einer Woche bin ich die Kis- „die das Geld eingenommen, aber nicht Neuendorf. Aber es sei ein gerechter te los.“ verdient haben: Ölkönige aus Dubai, rus- Lohn. Schließlich habe der Graf die Bil-Wenn es nach Neuendorf geht, dann sische Oligarchen, Hedgefondsmanager“. der 30 Jahre lang gehalten. sollen Bilder von Chagall, Picasso oder Für die Reichen scheint Kunst das zu sein,Der Kunstmarkt ist keine offene Lichtenstein verkauft werden wie Ge- was Gold und Immobilien für die nicht Veranstaltung. Er lebt von den Hinter- brauchtwagen, mit Listenpreis, für jeden ganz so Reichen sind: eine begehrte Form zimmern, dem Unter-sich-Sein, der einsehbar, meistbietend übers Internet. der Anlage, eine Währung der Zukunft. wohlplatzierten, gezielten Indiskretion. Seine Firma Artnet betreibt er seit 20 Jah-Neuendorf telefoniert. Es geht um Transparenz oder die offene Indiskretion, ren. „Artnet hat den umfassendsten glo- Georg Baselitz, den bekannten deutschen wie Neuendorf sie betreibt, ist der balen Datenspeicher, was Kunst betrifft“, Künstler, der so wohlhabend ist, dass er Kunstwelt ein Graus. Sie gilt als billig, sagt Neuendorf, „und jetzt wird es außer- in einem Anwesen am Ammersee wohnt, plebejisch, niveaulos. dem das größte Auktions-Normalerweise ist der haus der Welt“, in seiner„Big Torn Campbell’sGalerist oder der Händler Vorstellung größer und Herr über den Preis. Er mächtiger als Sotheby’s undSoup Can“ nennt ihn dem Kunden am Christie’s zusammen. Bei von Andy Warhol,liebsten unter vier Augen, Artnet zu verkaufen seivon Neuendorf 1964 er-oft flüsternd. Der Einzelne schneller, transparenter, vorfolglos ausgestellt insoll das Gefühl haben, em- allem kostengünstiger, sagtHamburg zum Preis von porgehoben zu werden in Neuendorf. 10 000 Dollar, ge-die Kaste ausgesuchter Ken-Vergangenes Jahr wurde schätzter Wert 2012: nerschaft. der erste Warhol über Art-60 Millionen Dollar.Neuendorfs Artnet zer- net versteigert. Es war einstört diese Aura der Ex-FRANCIS PICABIA/COQUETTERIE,1922/ VG BILD-KUNST BONN, 2012 (U.); 2012 THE ANDY WARHOL FOUNDATION OF THE VISUAL ARTS,INC/ARTISTS RIGHTS SOCIETY(ARS), NY (O.) grünes Bild mit blauen klusivität. Hier zählen nur Blumen. Das Mindestgebot das Werk und der Preis, im lautete 800 000 Dollar. DasPrinzip so wie in einem Motiv war sechs Tage imSupermarkt, und damit Netz zu besichtigen. Kurz „Coquetterie“nervt er die ganze Branche. vor Schluss zogen die Ge-von Francis Immer häufiger nämlich bote an. Neuendorf gingrücken die Kunden in den zumMittagessenbeiPicabia,Hinterzimmern mit Aus- 800 000. Als er sein Sand- von Neuendorf drucken von Neuendorfs wich verspeist hatte, stand1988 verkauft inArtnet über die weltweiten der Warhol bei 1,3 Millio- Paris an CharlesPreise eines Künstlers an nen Dollar, Zuschlag erteilt,Saatchi, London,und verpesten damit die vorbei.für 200 000 Dollar, gepflegte Atmosphäre.Neuendorf stellt einenversteigert im JuniUmsätze und Auktionser- Fuß gegen die gläserne 2008 bei Sothe- gebnisse für mehr als 4000 Schreibtischkante. Seinby’s, London, für Künstler lassen sich auf Art- Blick geht zum Fenster hin-1 850 000 Dollar. net abrufen und versetzen aus, über den westlichen auch den Hobbysammler in Rand von Manhattan, über das graue maßgefertigt von den Architekten Herzog den Stand eines kompetenten Geschäfts- Wasser des Hudson, hin zu einer überdi- & de Meuron, die sonst Sachen bauen partners. Der Käufer gewinnt an Macht, mensionierten Uhr in New Jersey, deren wie das Olympiastadion von Peking. der Händler dagegen verliert. Deshalb ist Zeiger stehengeblieben sind. „Ein Graf aus Deutschland“, sagt Neuendorf für viele Galeristen der Feind.Jetzt ist seine Zeit gekommen, daran Neuendorf, „hat neulich seine Baselitz- Der internationale Kunsthandel ist in glaubt er, das sagen ihm die Zahlen. Als Sammlung abgestoßen bei Sotheby’s in den letzten 30 Jahren gewaltig gewachsen. Lehman Brothers dichtmachte und nach London.“ Der Graf habe so viele Baselitz’ Allein der Umsatz von Kunstauktionen dem 11. September die zweite große Ka- gehabt, dass er den Überblick darüber hat sich in den vergangenen zehn Jahren tastrophe das neue Jahrtausend überkam, verloren hätte, woher die Bilder ursprüng- verfünffacht. Kunst ist nicht mehr nur sah es schlecht aus für Hans Neuendorf. lich kamen. In seiner Verwirrung habe reserviert für eine kleine, bildungsbürger- Die Finanzkrise riss den Kunstmarkt der Graf bei ihm angerufen und gefragt: liche Elite, sie ist ein Statussymbol, ein gleich mit in die Tiefe, zwei Jahre lang Du hast mir doch auch mal acht Stück Indiz für Macht und Ego, eine Aktie, die gingen die Preise nach unten. Seit 2010 verkauft, richtig?man sich an die Wand hängt. Die 6,5 Mil- allerdings hat sich die Richtung geändert, „Donnerwetter, der Graf hatte ganz lionen Pfund, die ein Hedgefondsmana- es scheint keine Grenzen zu geben auf schön was gebunkert“, sagt Neuendorf ger aus Connecticut im Jahr 2004 für ei- dem Weg nach oben. Allein im vorigen voller Respekt.nen in Formaldehyd eingelegten Hai des Jahr wurden weltweit mit Kunst 46 Mil- Neuendorf winkt seine Assistentin her- britischen Künstlers Damien Hirst über- liarden Euro umgesetzt.an. Sie soll ihm die Ergebnisse der Base- wies, wurden zum frivolen Symbol fürD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 55
  • 42. GesellschaftKunsthändler Neuendorf 1966*Drei Warhols, bedeckt mit einer Plastikplaneden Ansturm des neuen Geldes auf dieKunst. Gleichzeitig hat sich der Handel globa-lisiert. Vermögende Russen und Chinesentreiben die Preise, erweitern ein Geschäft,das Jahrzehnte lang auf Europa und Ame-rika beschränkt war. 106 Millionen Dollarfür einen Picasso, 140 Millionen für einenJackson Pollock, 100 Millionen für einenWarhol, 86 Millionen für einen Francis Ba-con, bezahlt von Roman Abramowitsch,dem russischen Oligarchen, im Mai 2008. Diese Preise gebe es auch dank Artnet,sagt Neuendorf, das Portal habe den Kun-den Sicherheit gegeben. Aber Neuen-dorfs Firma kommt nur langsam voran.Während die Erfinder von Amazon oderEbay Milliardäre sind, muss Neuendorfsein Unternehmen immer wieder mitdem Verkauf von Kunstschätzen finan-zieren, die er als Galerist in den sechzigerund siebziger Jahren anhäufte. Neuendorf ist fasziniert von Geld.Gern redet er von Kunst als einer Ware,und die würde er am liebsten nach demVorbild von Walmart verkaufen, jeneramerikanischen Supermarktkette, derenStärke darin liegt, alle anderen im Marktzu unterbieten. Neuendorf stürmt aus seinem Büro,hetzt den Broadway hinauf, wo er sichneue Räume ansehen will, im legendärenWoolworth Building, einem schlossarti-gen Wolkenkratzer mit kupfergrünemDach, einem Monument, das sich der ers-te Kaufhauskönig gleichen Namens vorhundert Jahren in der Nähe der WallStreet hat errichten lassen. Neuendorf istein kleiner Mann, er wird schnell unsicht-bar im Gewimmel des Bürgersteigs. Ermag hohe Häuser. Sein erstes Geschäft machte er mitneun Jahren, als er die weggeworfenenFilzstiefel deutscher Kriegsheimkehrerbei einem Bauern gegen eine Weihnachts-gans tauschte. Er sammelte halbgerauchteZigaretten amerikanischer Soldaten vonder Straße auf, stahl liegen gebliebeneKartoffeln von den Feldern, fahndete sozialisten verhöhnt, verfolgt, verboten, lach, 85, gehört zu dem Menschen, dienach Splittern explodierter Fliegerbom-hatte es immer noch schwer in der auf-Deutschland nach dem Krieg kulturellben. Heute rühmt er sich: „Ich hatte da- wachsenden Demokratie. Aber Neuen-und gesellschaftlich modernisierten. Seinmals die größten Bombensplitter.“dorf war infiziert. Stadthaus ist gefüllt mit Zeugnissen die- Ein Untermieter seines Vaters, der ei-Er lieh sich von seinem Vater 300 Mark, ses Weges. In seine Wohnzimmerregalenen Koffer zurückgelassen hatte, brachte fuhr per Anhalter nach Paris, besorgtehat er aus Platzmangel gerahmte Bilderden Sammler Neuendorf zur Kunst. Grafiken von Chagall, verkaufte die Ar- einsortiert wie Bücher. Er zieht eines mit„Schau mal nach, ob da nicht was Ordent- beiten an Zahnärzte und Rechtsanwälte einem roten Rahmen heraus. „Ist ein Kip-liches drin ist“, sagte der Vater zu seinemfür das Doppelte. Anfang der sechzigerpenberger“, sagt er.Sohn. Neuendorf fand ein Aquarell mitJahre gründete er seine erste Galerie, dreiNeuendorf gehörte zu denen, die dieSegelbooten, es stellte sich heraus, dassZimmer in einer Parterrewohnung imPop-Art nach Deutschland brachten, er-es von Lyonel Feininger stammte, esSchatten der Hamburger Grindel-Hoch-zählt Gundlach. „Der Erste, der zu diesenbrachte 3000 Mark. häuser. Neuendorf war 26 Jahre alt, Kon-Engländern und Amerikanern intensive Da leuchtete plötzlich ein Markt auf, kurrenz gab es wenig, in DeutschlandKontakte hatte und wusste, wie man mitden es in Deutschland eigentlich nicht existierten gerade mal ein Dutzenddiesen Leuten umgeht.“gab. Moderne Kunst, von den National-Galerien.Mit seinem Bruder fuhr Neuendorf im Der Modefotograf F. C. Gundlach geliehenen Lastwagen nach Paris, Ziel* Mit einem Bild von Allen Jones.wohnt bis heute in dieser Gegend. Gund- Ileana Sonnabend, Galeristin. Auf dem56 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 43. Laster zurück Richtung Hamburg standen ted Artists“, bat Bekannte und wohl- Er hatte alles richtig gemacht, glaubte er.drei geliehene Rauschenbergs, zwei Lich- habende Geschäftsleute um eine Einlage Aber dann versickerte der Boom in Japan,tensteins, drei Warhols, drei Jasper Johns’, von je 50 000 Mark. Dieses Geld, sagte Neuendorf konnte die Kredite nicht mehrbedeckt von einer Plastikplane. Neuen- Neuendorf den Anlegern, werde er ver- bedienen und musste seine Schätze unterdorf zeigte die Bilder in seiner Galerie, mehren, Rendite zehn Prozent im Jahr. Wert verkaufen. „Auf diese Weise wardoch niemand wollte sie kaufen. Zurück Sein Plan: Wenn schon das hanseatische ich gezwungen, einen großen Teil meinesnach Paris, Höchstgeschwindigkeit 60 Kunstpublikum so träge sei, müsse man Vermögens zu vernichten“, sagt er heute.Stundenkilometer, Autobahn gab es nicht. die Geschwindigkeit des Marktes anpas- Der Mann, der damals zwischen Neu- Mit David Hockney lief es ähnlich. Nur sen und die Arbeiten erst nach zehn Jah- endorf und den Banken vermittelte, heißtGundlach hatte Verwendung. Er nutzte ren verkaufen. Ende der Siebziger hatte Rudolf Zwirner. Zwirner lebt heute in ei-die Swimmingpool-Bilder des Mannes Neuendorf das Kapital der Anleger ver- ner weißen Villa im Berliner Grunewald.aus Los Angeles, um Bademoden für „Bri- doppelt, aber der Umgang mit diesen Leu- Er war früher ein Geschäftspartner Neu-gitte“ zu fotografieren.ten strengte ihn an. Sie wollten nun auch endorfs, beide gehörten zu den Organisa- Neuendorf ließ sich nicht abschrecken, über Kunst reden, obwohl sie nichts von toren des ersten Kölner Kunstmarkts 1967,spielte Schach mit Hockney und bezahlte Kunst verstanden. jener Veranstaltung, aus der sich später diedessen Strafzettel. In Los Angeles entdeck- Als dann Mitte der Achtziger der Art Cologne und moderne Kunstmessente Neuendorf den Bildhauer Robert Gra- Frankfurter Oberbürgermeister den im Stil der Art Basel entwickelten. Beideham, der ihn bat, ihm eine Wohnung in Kunsthändler Neuendorf bat, samt Gale- wollten Wachstum, den Markt vergrößern.London zu besorgen. Außerdem wollte er rie in seine Stadt zu ziehen, hatte er end-Von Geld sei Neuendorf immer mehrin der düsteren Stadt mit einem Porsche lich, was er immer wollte: Wertschätzung fasziniert gewesen als von Kunst, erzähltherumfahren, in Schwarz. Graham über- und Unterstützung, er konnte sein eige- Zwirner. Neuendorf habe die Kundenließ ihm zwei Mappen mit taxiert, deren Schuhe,Grafiken, Neuendorf liefer- „Rebell“ von Handtaschen und Uhrente vom Erlös den Porsche,geschätzt, und wenn ihmfabrikneu aus Stuttgart. Georg Baselitz, gefiel, was er sah, richtig Im Jahr 1969 konnte Neu-von Neuendorf 1973Gas gegeben.endorf zum ersten Mal rich- ausgestellt in Ham-„Er hatte diesen Tick mittig Geld verdienen, als er in burg zum Preis von dem großen Geld“, sagtItalien Arbeiten von Cy12 000 Mark, ihmZwirner. Neuendorf mieteteTwombly besorgte. Die elf1982 abgekauft voneine Villa für 9200 Euro imBilder lehnten an der Wand,der Tate Gallery, Monat, seine Frau flog re-eingerollt. Die Großen soll-London, fürgelmäßig zum Friseur nachten 2500 Dollar kosten, die 80 000 Mark, ge- Paris. Spätestens nach sei-weniger großen 2000. Neu- schätzter Wert 2012: ner Pleite in Frankfurt spür-endorf schob sie durchs5 Millionen Dollar. te Hans Neuendorf, dass esSchiebedach eines Fiat 500 Zeit war, etwas zu ändern.und fuhr so zum Flughafen.Er stürzte sich AnfangIn Köln auf dem damaligender neunziger Jahre aufKunstmarkt trieb er damiteine Idee, die ihm eindie Preise durch die Decke,Sammler namens Pierreer erlöste 20 000 Mark pro Sernet auf der KunstmesseBild.in Paris erläutert hatte. Ser- Mit Neuendorfs erstem „Flag“ von Jasper Johns,net hatte Verfahren entwi-deutschen Künstler, Georgvon Neuendorf 1964 erfolglosckelt, um Abbildungen vonBaselitz, gab es gleich wie- ausgestellt in HamburgKunstwerken und die dazu-der einen Rückschlag. Diezum Preis von 10 000 Dollar,gehörigen Preise elektro-Bilder waren zu groß für geschätzterWert 2012: nisch zu veröffentlichen.die Wände der Galerie. 30 Millionen Dollar. Es gab noch kein InternetGundlach vermittelte Räu-damals, Sernets Firma ver-JASPER JOHNS/FLAGGE ÜBER WEISS/AKG/VG BILD-KUNST, BONN 2012 (U.); GEORG BASELITZ (O.)me in einem Bunker in derschickte CDs mit einer Soft-HamburgerFeldstraße. ware, mit der Kunden Ab-„Entsetzlich“ fanden die meisten Besu- nes Zentrum gestalten, in dem moderne bildungen und Preise aus dem Telefon-cher die „Heldenbilder“. Wenige kauften, Kunst ernst genommen wurde.netz abrufen sollten. Es war kompliziert,darunter Gundlach, der ein Werk für „Frankfurt schwamm im Geld“, sagt Neu- und es funktionierte nicht richtig.12 000 Mark erwarb. endorf. Sie stellten ihm ein GaleriehausNeuendorf glaubte an die Idee, investier- Wenn man mit Neuendorf über seine samt Wohnung, er holte Sotheby’s an den te Millionen, und als Mitte der neunzigerVersuche spricht, den Schwung der Sech- Main, er wollte im Zentrum des bundes- Jahre das Internet seine Revolution begann,ziger nach Hamburg zu holen, formt sich deutschen Kapitalismus, dem Reich der Ban- gehörten ihm bereits 85 Prozent der Firma.sein schmaler Mund zu einem spöttischen ken und des größten Flughafens Deutsch- Trotzdem kam Artnet nicht aus den rotenLächeln. Das Normale war, sagt er, dass lands, ein „ganz großes Rad drehen“.Zahlen. „Mein Anteil wurde durch immer„die Pfeffersäcke nichts kauften“. Bei sei- Der Boom verlagerte sich Richtung neue Kapitalerhöhungen verwässert“, sagtner ersten Warhol-Ausstellung habe der Japan, und Neuendorf schien recht zu Neuendorf, „und ich musste trotzdem wei-Direktor des Museums für Kunst und Ge- behalten. Die Banken, die früher dem ter Kunstwerke aus meinem Lager versil-werbe nur abschätzig die herumschwe- Kunsthandel die Kredite verweigert hat- bern, um den Verschleiß zu bezahlen.“benden Heliumkissen zerknautscht. Man ten, riefen jetzt bei ihm an, sie wollten Es reichte nicht. Schließlich holte erhielt Warhol für Quatsch, Lichtenstein die Welle nicht verpassen. Neuendorf sich noch mehr Geld, indem er Artnet anfür überschätzt, Baselitz für indiskutabel. kaufte den gesamten Nachlass des fran- die Börse brachte. Neuendorf hatte eine neue Idee. Er zösischen Malers Francis Picabia, inves-46 Euro kostete die Aktie, Neuendorfgründete einen Fonds, nannte ihn „Uni- tierte groß in den Italiener Lucio Fontana. hielt 1,6 Millionen Stück. Er verkaufte da-D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 57
  • 44. Gesellschaftvon neun Prozent, erlösteDatenspeicher kennt. Heute ist6 624 000 Euro, eine Menge er allerdings auffällig char-Geld, wovon er erst mal Schul- mant, denn Neuendorf stelltden abbezahlte, die er mit sei-bei ihm Plastiken des Künst-nem teuren Lebensstil, vier Kin- lers Robert Graham aus, jenesdern auf Privatschulen, einemMannes, dem er in denTownhouse in der vornehmen sechziger Jahren in London63. Straße angehäuft hatte.den schwarzen Porsche vor die Auch die Firma war durchTür gestellt hatte. In aufgeheiz-den Börsengang um 26 Millio- ten Zeiten wie diesen hoffennen Euro reicher geworden. beide, selbst mit einem schwer-Neuendorf investierte, in neue verkäuflichen Künstler wieRäume, in neue Mitarbeiter, in Graham Geld machen zu kön-großes Marketing, in Online- nen.Auktionen, um, jedenfalls nach Über dem Betonfußbodenseiner Vorstellung, mit Sothe- sind in kleinen Glaskästen dieby’s und Christie’s konkurrie- Arbeiten Grahams verteilt. Fei-ren zu können. Das Credo der nes Bienenwachs modelliert zuZeit hieß: Umsatz steigern,winzigen Frauen, in Betten lie-Marktanteile sichern, abgerech-gend, auf Kartoffeln reitend,net wird später. Nach zwei am Strand sich sonnend, gleich-Jahren waren die 26 Millionensam schwebend in einem end-Euro ausgegeben. Nachdem losen Müßiggang aus Drogen,der Neue Markt zusammenge- Pazifikgischt und Geld. Jederbrochen war, verlor auch Art-Puppenkasten kostet um dienet dramatisch an Wert, bis die200 000 Dollar.Aktie 2003 nur noch mit 25 Neben der Skulptur einerCent notierte. barbusigen, nur einen silber- Andere Internet-Glücksritternen Slip tragenden Frau, die SHOOTING STAR / EYEVINEtraten den Rückzug an, lande-an einer Leine eine Kartoffelten im Gefängnis, tauchten un- hinter sich herzieht, steht dieter in neuen Firmen. Neuen-Hollywood-Schauspielerin unddorf blieb bei seinem Unter- Oscar-Preisträgerin Anjelicanehmen, hielt seine restlichen Huston. Sie war mit Graham1 456 000 Aktien, hoffte, dass Künstler Graham 2003: Bezahlt mit einem Porsche, fabrikneubis zu dessen Tod im Jahr 2008sich die Lage bessern würde. verheiratet. Eine glückliche Vor vier Wochen lag die Aktie bei 3,50 diesem Tag in Manhattan. Trotz der Zeit, sagt sie, verglichen mit den wildenEuro, inzwischen notiert sie bei 4,30 Euro. Feindschaft der beiden Alten, sagt David Jahren, die sie mit Jack Nicholson ver-Es geht bergauf, aber langsam. Immer Zwirner, halte er Neuendorf für einen der brachte.noch muss Neuendorf gelegentlich auf großen Pioniere im deutschen Kunst- Als Huston Neuendorf sieht, umarmtseine Sammlung zurückgreifen, um seine handel.sie ihn wie einen alten Freund, den Kunst-hohen Lebenshaltungskosten zu finan-Zwirner kam vor 20 Jahren nach New spekulanten, der vor 40 Jahren ihremzieren. York. In Deutschland hatte er Jazz- Mann die Bienenwachs-Mädchen für ein „Inzwischen ist das Lager böse dezi- schlagzeuger gelernt, mittlerweile führt paar tausend Dollar abnahm und sie jetztmiert“, sagt er.ihn die Zeitschrift „ArtReview“ auf Platz für den hundertfachen Preis verkauft. Neuendorf steht in einer 3000 Quadrat- neun der hundert Mächtigsten im globa- Neuendorf verschwindet in einermeter großen Galerie in der 19. Straße len Kunsthandel. Zwirner, der Jüngere, Menge von Neuankömmlingen, Hustonim New Yorker Stadtteil Chelsea. Die gilt als harter Verhandlungspartner – sagt: „Robert mochte nicht viele Men-Räume gehören David Zwirner, dem auch weil er die Preise aus Neuendorfs schen, aber Hans hat er geliebt. Er hieltSohn von Rudolf Zwirner, jenem Mann, ihn immer für einen Säugling,der nicht viel Gutes über Neuendorf der erfüllt war von Zuver-zu sagen hat. Weil in der Weltsicht.“der Kunsthändler die Freund-So richtig geändert hat sichschaft meist durch den Wett- Hans Neuendorf seitdem of-ROBERT GRAHAM/UNTITLED,1964/VG BILD-KUNST, BONN 2012kampf um die angesagtenfensichtlich nicht. An diesemKünstler zerstört wird, ist es Abend, an dem noch einmalsinnvoll, dass immer wiederdie Leichtigkeit der sechzigerneue Generationen nachrü- Jahre beschworen wird, be-cken. So gehen die Geschäfteginnt er, wieder an etwas zuweiter, und so ist es auch an glauben. Er glaubt, dass seineZeit kommen wird, so wie sieirgendwie immer kam. Er „Untitled“ glaubt daran, dass sich das von Robert Graham, Internet, wo es doch schon die von Neuendorf in den sechzi- ganze Welt erobert hat, auchger Jahren ausgestellt in Kölnden Kunstmarkt noch greifenund Hamburg für 2000 Dollar,wird. Und er glaubt, dass ersteht derzeit in New York zum dann, endlich, reich wird, und Verkauf für 220 000 Dollar.zwar richtig reich.58
  • 45. DUDERSTADTMann gehtORTSTERMIN:Beim 30. deutschen Männertreffen ist es sexy, schwach zu sein.Ihn wundere, sagt Uwe, dass das The- kommt ihm ein Mann entgegen undUwe nickt. Ziemlich beste Freunde be-ma nicht mehr junge Leute anziehe. stöhnt: „Mir ist kalt hier draußen.“ schreibt ganz gut, was er vom Männer-Das Thema Mann. Dabei gebe es vieleDabei versucht Uwe seit Tagen, das Ju- treffen erwartet. Keine Revolution, keinwichtige Fragen. „Wer bin ich als Mann? gendgästehaus zu einem Ort umzubauen, Manifest, sondern freundlichen BeistandWas ist meine Rolle in der Gesellschaft?“ der Wärme spendet. Es gibt ein Zelt der von Leidensgenossen. Starke Männer Er geht über den Flur des Jugendgäste- Stille, Jodel- und Mal-Workshops sowie machen sich auf dem Männertreffen ver-hauses Duderstadt bei Göttingen, vor sei- Diskussionen zur Frage „Bin ich mit mei- dächtig. Sie könnten irgendwann zu Pa-ner Brust baumelt ein Lederlappen, auf ner Sexualität zufrieden?“ Das Gebäude triarchen werden. Schwäche ist besser.dem sein Vorname steht. In weiten Teilen funktioniert wie eine begehbare Kuschel- Schwach zu sein ist sexy. Uwe sagt: „EsDeutschlands heißen Männer, wenn sie rock-CD. Gespräche beginnen mit den kommt hier vor, dass drei Männer einfachvon anderen Männern angesprochen wer- Worten: „Um an deinen Gedanken von im Kreis stehen und sich umarmen.“den, noch „Ey“, „Alter“ oder „Digger“. vorhin anzuknüpfen“ oder „Ich würde Abends trinken sie das eine oder ande-Beim 30. Bundesweiten Männertreffen in gerne noch einen Schritt früher ansetzen“. re Bier, nicht zu viel. Uwe hat vorab ge-Duderstadt heißen sie Uwe,klärt, dass keine Studentin-Jean und Georg. nen am Zapfhahn stehen, 170 Männer sind ange-sondern Männer. Frauenreist, Lehrer, Ärzte, Sozial- stifteten Unruhe, sagt Jeanpädagogen, um über dieaus Münster. „Ich bin froh,Lage des Mannes zu bera-dass ich hier als Mensch binten. Einige Väter haben und nicht immer auf Frau-ihre Kinder mitgebracht.enbrüste gucken muss.“Das erste MännertreffenDas Orga-Team sorgt zu-fand vor 30 Jahren statt, dem dafür, dass einmal imaber die Lage ist seitdem Jahr das „Männertreffen Ma-SVEN DOERING / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGELnicht einfacher geworden. gazin“ erscheint, in demNoch immer werden Män-Teilnehmer ihre Erlebnissener diskriminiert, wenn sie schildern. Im aktuellen Heftunaufgefordert ihre Gefüh-schreibt Jean über das Tref-le thematisieren. Vor kur-fen im vergangenen Jahr, eszem haben sich Frauen inhabe ihm gutgetan, Men-verschiedenen Zeitungen schen zu begegnen, die wür-und Magazinen zu Wort ge- devoll mit ihm umgegangenmeldet, denen der moder-seien. „Niemand versuchtene Mann zu weiblich ist, zu wie Charles Bronson zu wir-problemorientiert. EinigeMänneraktivist Kaulbars (2. v. r.): „Einfach im Kreis stehen“ken oder den rhetorischenMänner jaulten auf, der Au- Rambo zu mimen.“ Rambotor Ralf Bönt schrieb ein und Charles Bronson sind„Manifest für den Mann“.für die MännerbewegungDas Verhältnis der Geschlechter wurdeUwe kommt seit Mitte der achtziger das, was Pamela Anderson und Gina Wilddadurch nicht weniger kompliziert.Jahre zu den Männertreffen. Sie entstan- für den Feminismus waren. Die Antihelden. Das Männertreffen soll den Teilneh- den als Pendant zur Frauenbewegung, Jean singt gern das Lied „Ich liebe mich“.mern die Möglichkeit geben, sich vom nachdem sich Männer gemeldet hatten,Uwe geht jetzt über die Wiese undStress, ein Mann zu sein, etwas zu erholen. die das Patriarchat und dessen Hierar- bleibt in einigem Abstand vor einem ZeltDas Organisationsteam wählte dafür das chien ähnlich nervig fanden. Die Männer stehen, das mit einer grünen Plane abge-Motto „Wertschätzung erfahren“. Frauen wollten gemeinsam mit den Frauen nach deckt ist. Die Schwitzhütte. Ein altessind nicht erwünscht, außer in der Küche. einem Ausweg aus der männerdominier- Ritual der Sioux-Indianer, sagt Uwe. Die Uwe Kaulbars ist Mitglied des Orga- ten Gesellschaft suchen, aber im Gegen- Schwitzhütte ist innen dunkel und wirdTeams, 57 Jahre alt und Ingenieur in satz zum Feminismus wurde die Männer- mit glühenden Steinen beheizt. DrinnenBonn. Er trägt eine neongrüne Warnwes- bewegung nie so richtig groß. Vielleicht hocken die Männer Schulter an Schulter,te mit der Aufschrift „30. MT“, MT wie fehlte ein Idol, ein Anführer. Die männli- nackt. Eine Sitzung kann Stunden dauern,Männertreffen. Die Weste legt er nur zum che Alice Schwarzer. man muss stark sein, um bis zum SchlussEssen ab oder wenn er „privat unterwegsUwe setzt sich draußen mit einem durchzuhalten. Ein Mann, der vorher raussein“ will. Aber auch wenn er die Weste Stück Käsekuchen zu Georg und Jean. will, ruft: Mann geht. „Ein schöner Zu-nicht anhat, sprechen ihn Teilnehmer an,„Hast du Vorbilder?“, fragt Georg.gang zur eigenen Spiritualität“, sagt Uwe.die den Weg zum Seminarraum nicht „Nö“, sagt Uwe.Er guckt hinüber zum Zelt. Die Planefinden oder Klopapier brauchen. Einige„Vielleicht die Leute, die ,Ziemlich bes- raschelt, dann steht ein nackter Mann aufMänner wirken hilflos, beinahe verloren. te Freunde‘ gemacht haben, den Film aus der Wiese.Als Uwe hinaus auf die Terrasse tritt, Frankreich?“, fragt Georg. CHRISTOPH SCHEUERMANND E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 259
  • 46. TrendsBÖRSENGÄNGEFacebook wirdzum FiaskoSHANNON STAPLETON / REUTERSFacebook wollte den erfolgreichsten In-ternet-Börsengang feiern, den die Weltje gesehen hat. Nun scheint das Projektzum größten Fiasko seit dem Zusam-menbruch der New Economy zu ver-kommen. Allein vom Start der Aktieam Freitag, 18. Mai, bis zum vergange- Übertragung des Facebook-Börsenstarts in New Yorknen Mittwoch verlor das Unternehmenrund 16 Milliarden Dollar an Wert. Der Erst kurz vor dem Börsenstart sollen auch die Technologiebörse Nasdaq mussImageschaden kann noch gar nicht be- noch Prognosen über die unterneh-sich rechtfertigen, weil der Handel mitziffert werden.merische Zukunft von Facebook nach der Aktie des sozialen Netzwerks amMittlerweile ermitteln die US-Börsen-unten korrigiert worden sein. Diese In-Starttag längere Zeit zusammenbrach –aufsicht SEC wie auch die Finanzauf- formationen seien aber nur großen In-angeblich wegen des großen Andrangs.sicht. Amerikanische Anwälte sammeln vestoren zugänglich gemacht worden.„Facebook ist ein klassisches Beispielden Protest von Kleinanlegern, die sich„Wäre dies der Fall, könnte es sich hier-für die Gier der Investoren“, so Jackbetrogen fühlen. Der Hauptvorwurf: bei um einen Prospektmangel in FormBogle, Chef des Vermögensverwalters unterlassener Aktualisierung handeln“, Vanguard. In Deutschland scheinenAktienkurs in Dollar sagt Markus Kienle, Vorstand der Schutz- nicht allzu viele Kleinaktionäre betrof-45,0 gemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). fen zu sein. Für sie sei es kaum möglich „Der Umstand – wenn dies stimmt –, gewesen, Facebook-Anteile zu zeich- 42 dass die mit der Emission beauftragten nen, sagt SdK-Sprecher Daniel Bauer. Banken die Information nur einem klei- „Hierzu wäre ein Depot in den USA nen Kreis weitergegeben haben, kannnötig gewesen.“Ausgabekurs 38,0 Ansprüche auch gegen die Emissions-Die wahre Bewährungsprobe für die 38banken auslösen“, so Kienle weiter. DieAktie ist ohnehin erst im Sommer und Lage sei aber „noch vollkommen un- im Herbst zu erwarten, wenn die Hal- übersichtlich“, so Klaus Nieding vom tefristen der großen Investoren enden. 34Deutschen-Anlegerschutzverbund.Rund 1,2 Milliarden Anteilscheine kön-32,0 Im Visier von Kritikern und Fahndern nen laut „Börsen-Zeitung“ dann zusätz- war vergangene Woche vor allem die lich zum Verkauf gestellt werden. Und 30Quelle: Bloombergbei dem Börsengang federführende In- dann erst wird sich zeigen, was Face-18. Mai21. Mai 22. Mai 23. Mai vestmentbank Morgan Stanley. Aberbook wirklich wert ist. SPIEGEL: Auch damals rutschte der Bör- SPIEGEL: Deckt das Geschäftsmodell INTERNET senkurs von AOL schnell nach unten.von Facebook überhaupt dessen Be- „Technische Reaktionen“ Wundert Sie der massive Facebook- Kurseinbruch von zum Teil mehr als 18 Prozent in den ersten Tagen?wertung von 88 Milliarden Dollar Mit-te vergangener Woche ab?Middelhoff: Auf jeden Fall. Eine erfah- Thomas Middelhoff,Middelhoff: Er wundert mich, weil es rene Investmentbank wie GoldmanB. THISSEN/PICTURE ALLIANCE/DPA 59, der zuletzt wegen keine neuen Erkenntnisse zum Unter-Sachs, die das Geschäftsmodell genau- seiner Flops als Arcan- nehmen gibt. Das sind technische estens unter die Lupe genommen hat, dor-Chef selbst ins Reaktionen, die vor allem mit demliegt wohl nicht so daneben. Visier der ErmittlerVerhalten von spekulativ ausgerichte-SPIEGEL: Dennoch – erleben wir gerade geriet, über den miss-ten Investoren zu tun haben. Die be- eine zweite Internetblase? glückten Facebook-teiligten Investmentbanken haben Middelhoff: Wenn ich mir etwa Googles Börsengangnicht auf eine ausgewogene MischungZahlen anschaue, dann ist dort die zwischen kurzfristig denkenden Börsenbewertung absolut richtig. BeiSPIEGEL: Fühlen Sie sich in die Zeit zu- Hedgefonds und langfristig interes-Facebook ist der Charme des unbe-rückversetzt, als Sie mit AOL unter Me-sierten Investoren geachtet. Alle, die kümmerten Start-ups endgültig ver-diengetöse Time Warner übernahmen? Facebook noch bis vorgestern überlorengegangen. Nun muss man sich dieMiddelhoff: Eher weniger. Die Übernah- alle Maßen gelobt haben und darinstrategischen Ziele genau ansehen undme von Time Warner war die eines klas- das Heil der Welt sahen, sind jetzt insschauen, was akquiriert wird. Es wer-sischen Medienkonzerns durch ein digita- andere Extrem verfallen und sagen, den zu den jetzigen Internetgigantenles Medienunternehmen. Facebook wardas war ja alles überbewertet. Das ist noch weitere große Firmen hinzu-ein gigantischer Börsengang, mehr nicht. völliger Quatsch!kommen.60D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 47. Wirtschaft HANDELAngst vor dem RetterBei Aktionären und Mitarbeitern derBaumarktkette Praktiker wachsen Be-fürchtungen, dass es sich bei dem ver-meintlichen Retter des Unternehmens,dem US-Finanzinvestor Anchorage,eher um einen Totengräber handelnkönnte. Grund: Zeitgleich mit demAngebot, Praktiker 85 Millionen Euroals Kredit zur Sanierung zur Verfü- TIMM SCHAMBERGER / DAPDgung zu stellen, verlangten die An-chorage-Manager eine Überschreibungder profitablen Praktiker-Tochter MaxBahr. Sollte der Sanierungsplan schei-tern, zu dem auch eine kräftige Kapi-talerhöhung gehört, wäre der US-Finanzinvestor damit mehr als abgesi- Spielwarenchert. Die bisherigen Aktionäre undMitarbeiter dagegen würden die EINZELHANDELHauptlast einer möglichen Insolvenztragen. Sie hegen daher den Verdacht,Anchorage könn-te Interesse an ei-Kindertag soll Umsätze ankurbelnner Insolvenz Der deutsche Spielwarenhandel willauch nicht weiter daran, dass der „Kin-der Baumarktket-aus einem bislang wenig bekannten dertag“ einst vor allem in der DDRte haben. Haupt-Gedenktag Kapital schlagen. Der „In-gefeiert wurde. Für Verwirrung könnteMARIUS BECKER / DPAaktionäre wie die ternationale Kindertag“ am 1. Juni soll dennoch sorgen, dass es noch einenösterreichische für die Branche künftig genauso lukra-weiteren ähnlichen Termin gibt: DerBank Semper tiv werden wie Muttertag oder Valen-„Weltkindertag“ am 20. SeptemberConstantia for- tinstag für die Floristen – zumindest wird unter anderem von Unicef undPraktiker-Werbung dern nun die Ein- wenn es nach dem Bundesverband desdem Kinderhilfswerk ausgerichtet undberufung einerSpielwaren-Einzelhandels (BVS) geht.zielt stärker auf die Rechte der Kinder.sofortigen Hauptversammlung und Mit zahlreichen Werbeaktionen sollDessen Sprecher Uwe Kamp sieht dieeine Offenlegung der Sanierungspläne. Eltern und Großeltern ein zusätzlicherKommerzpläne des Handels entspre-Der US-Finanzinvestor hatte sich vorAnreiz zum Schenken gegeben wer-chend kritisch: „Statt mehr Spiel-knapp zwei Wochen als Retter des an-den. BVS-Geschäftsführer Willy Fi-sachen zu verschenken, sollten Elterngeschlagenen Praktiker-Konzerns ins schel erhofft sich eine „deutliche Um-sich lieber im Alltag mehr Zeit fürSpiel gebracht. Er beteuerte bislang, satzsteigerung“. Angesichts der erwar-gemeinsame Aktivitäten mit ihrennur lautere Absichten zu haben. teten Einnahmen stößt sich FischelKindern nehmen.“
  • 48. FRANCOIS GUILLOT / AFPWWF-Aktion in Paris 2008: Nur noch eine Illusion von Hilfe und Rettung?N AT U R S C H U T ZKumpel der Konzerne Der WWF ist die mächtigste Naturschutzorganisation der Welt. Doch die Bilanz seiner Arbeit ist dürftig: Vieles, was er macht,nützt eher der Industrie als der Umwelt oder bedrohten Tierarten.D en Urwald schützen? Mit fünf Auch Regierungen vertrauen der Orga- mehren sich jedenfalls Zweifel an der Euro sind Sie dabei. Die Rettungnisation viel Geld an. Von der amerika- Unabhängigkeit des WWF und an seinem des Gorillas? Gibt’s ab drei Euro.nischen Entwicklungsbehörde bekam der Geschäftsmodell, gemeinsam mit der In-Und sogar mit 50 Cent ist der Natur ge-WWF über Jahre insgesamt 120 Millionendustrie die Natur zu beschützen.holfen – wenn man sie dem World Wide Dollar. Deutsche Ministerien bedachtenDer vom Genfer See aus operierendeFund for Nature (WWF) anvertraut.die Organisation lange derart üppig, dass Verband gilt als mächtigste Naturschutz- Fast zwei Millionen Sammelalben ver-sie in den neunziger Jahren sogar be- organisation der Welt. Er ist in mehr alskauften die Umweltschützer vergangenes schloss, die staatlichen Geschenke zu hundert Ländern aktiv, mit engenJahr zusammen mit dem Einzelhändlerdeckeln. Man wollte nicht wie der ver-Verbindungen zu den Mächtigen undRewe. In nur sechs Wochen kamenlängerte Arm des staatlichen Umwelt-Reichen. Der Panda findet sich auf875 088 Euro zusammen, die Rewe demschutzes wirken.Joghurtbechern von Danone ebenso wieKooperationspartner überwies. Nur: Kann der WWF tatsächlich dieauf Kleidern von Jetset-Größen wie der Der WWF verspricht, mit diesem Geld Natur vor den Menschen schützen? Oder Monaco-Fürstin Charlene. Konzerne zah-viel Gutes zu tun: für Wälder, Gorillas, das liefern die hübschen Poster der Organisa- len siebenstellige Euro-Beträge, um dasWasser, unser Klima – und den Panda na-tion nur noch die Illusion von Hilfe undLogo nutzen zu dürfen. Allein in Deutsch-türlich, das Wahrzeichen der Naturschützer.Rettung? 50 Jahre nach der Gründung land zählt der WWF 430 000 Mitglieder.62D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 49. WirtschaftDONANG WAHYU / LAIFFür Palmöl-Plantagen gerodete Wälder auf Sumatra: Lizenz zur Zerstörung der NaturUnd Millionen Menschen schenken derwie angeheuerte Trupps des WWF-Part- und sie hat damit durchaus manchesOrganisation ihr Erspartes. Die Frage ist, ners Wilmar ihre Häuser zerstört hatten. bewegt: Es war die holländische WWF-wie nachhaltig dieses Geld wirklich an-Sie waren der ungestörten Palmöl-Sektion, die Greenpeace das Protest-gelegt ist.Produktion im Weg gewesen. Flaggschiff „Rainbow Warrior“ mitfinan- Der SPIEGEL ist durch SüdamerikaAuch Vertreter unabhängiger Nichtre- zierte. Um Staudammprojekte an der Do-und auf die indonesische Insel Sumatra gierungsorganisationen wie Rettet dennau und der Loire zu verhindern, besetz-gereist, um das zu prüfen. In Brasilien er-Regenwald und Robin Wood sehen in derten Aktivisten Großbaustellen, manch-zählte ein Agro-Manager von der ersten Hilfsorganisation längst nicht mehr nurmal über Jahre. Die Schweizer SektionSchiffsladung nachhaltigen Sojas, dieden Treuhänder der Tiere. Vielen kommt wehrte sich in den achtziger Jahren sonach WWF-Standard zertifiziert wurde der WWF eher wie ein Komplize dervehement gegen Atomkraft, dass dieund im vergangenen Jahr mit viel PR- Konzerne vor, denen er gegen große Bundespolizei ihren Geschäftsführer alsGetöse Rotterdam erreichte. Die Her- Spenden und kleine Zugeständnisse dieStaatsfeind führte.kunft der Ladung, räumte der Manager Lizenz zur Zerstörung der Natur erteilt.So unbequem der WWF wirkt, er kannein, kenne er gar nicht genau. Auf Suma- Über 500 Millionen Euro nimmt dieauch sehr anschmiegsam sein. Auf Kritiktra berichteten Angehörige eines Stamms, Organisation inzwischen pro Jahr ein – am Kooperationskurs reagieren die Ma-nager der Organisation gereizt. Vergan-Viele Mittel ... ... wenig Wirkunggenes Jahr zog der WDR-Film „Der PaktJährliche Einnahmen des WWF, Durchschnittlicher Verlust der mit dem Panda“ eine verheerende Bilanzin Millionen Schweizer Franken669,1weltweiten Tropenregenwaldfläche, der WWF-Arbeit. Der Autor Wilfried in Millionen HektarQuelle: FAOHuismann machte die Umweltschützerdarin mitverantwortlich für die Regen-1054346 waldrodung. Ein Vorwurf, den der Ver-Veränderung band vehement zurückweist.2011 gegen- über 1990 Der Film sei „ungenau“ recherchiert300,0 oder gar „bewusst falsch“ gewesen, sagt+123 % 199020002005 Martina Fleckenstein. Die Biologin ist seit bis 2000bis 2005bis 2010 20 Jahren beim WWF. Sie arbeitet in Ber-lin und leitet die Sektion Agrarpolitik. Verlust seit 1990 insgesamt: 194 Mio. haFleckenstein ist eine Art Allzweckwaffe:Kaum ein runder Tisch mit der Industrie Das entspricht in etwa der findet ohne sie statt. Sie ist eine Königin199019952000 2005 2011 dreifachen Fläche Frankreichs. des Kompromisses. Nach dem Film wurde D E RS P I E G E L 2 2 / 2 0 1 263
  • 50. WirtschaftMaischberger hatte um Spen-den für die letzten 500 Suma-tra-Tiger geworben. Viele da-von sollen im Tesso Nilo leben,nur wenige Stunden vom Büroentfernt. Sunarto, ein studierter Bio-loge, arbeitet seit einigen Jah-ren als Tigerforscher im TessoNilo. Einen Tiger hat er dortbislang nicht gesehen. „Die Ti-gerdichte ist hier sehr niedrigwegen der menschlich-ökono-mischen Aktivität“, sagt er. ImSchutzgebiet gebe es teilweisenoch Rodungskonzessionen. Um den Raubkatzen über-haupt auf die Spur zu kommen,hat der WWF die Forscher mitHightech-Messtechnik ausge-stattet: GPS-Gerät, DNA-Ana-lysemethoden für den Tigerkotund 20 Fotofallen. Gerade mal ALAMY / MAURITIUS IMAGESfünf Tiger fingen die Fotoauto-maten beim letzten mehrwö-chigen Shooting ein. Der WWF sieht seine Ar-beit dort als große Hilfe. Miteinem „Feuerwehreinsatz“ seiTiger im WWF-Schutzgebiet Tesso Nilo: Hightech-Geräte zur Analyse des Kotsim Tesso Nilo die Rettung desRegenwalds gelungen, heißtder WWF allerdings von Protest-MailsRund 300 000 Familien mussten für den es. Tatsächlich ist das Schutzgebiet ge-überschwemmt. Mehr als 3000 Unterstüt- Schutz wilder Tiere ihre Heimat verlas-wachsen, der Wald darin aber ge-zer kündigten ihre Mitgliedschaft. Einen sen, schreibt Mark Dowie in seinem Buchschrumpft. Firmen wie Asia Pacific Re-solchen Aderlass hatte die Naturschutz- „Conservation Refugees“. Ursache dersources International, mit denen derorganisation noch nie erlebt.Vertreibung sei das Konzept der „Natur-WWF früher kooperierte, hätten den Ur- schutz-Festungen“, das auch der WWFwald gerodet, sagt Sunarto.Von Tigern und Menschenvon jeher proklamiere. Menschen hättenSein Kollege Ruswantu führt wohlha-Das Wappentier des WWF ist ein pos- darin keinen Platz. Der WWF sagt, er leh- bende Öko-Touristen auf gezähmten Ele-sierliches Wesen, das vom Aussterben be- ne Zwangsumsiedlungen ab. Auf das Kon- fanten durch den Park. Für Einheimischedroht ist, weil seine Paarungslust zu wün- zept der menschenleeren Nationalparksist das Terrain tabu, von den Deutschenschen übrig lässt. Die ganz großen Emo- setzte allerdings schon Bernhard Grzi-finanzierte Anti-Wilderer-Einheiten ach-tionen ruft der Panda nicht hervor. Zum mek, der deutsche Fernseh-Zoologe und ten darauf. „Der WWF hat hier das Sa-Spendensammeln sind Menschenaffen langjährige WWF-Stiftungsrat. Im Wind-gen, und das ist ein Problem“, sagt Bahri,besser geeignet oder Raubkatzen. Im schatten seines Erfolgsfilms „Serengeti der einen winzigen Laden besitzt und inJahr 2010 nutzte der WWF den chinesi- darf nicht sterben“ formierte sich 1961 einem Dorf vor dem Eingang des Natio-schen Kalender und rief das „Jahr des der WWF. Die Schweizer Gründer undnalparks wohnt. Niemand wisse, wo dieTigers“ aus. den Deutschen einte eine Mischung ausGrenzen verlaufen. „Wir hatten kleine Die Mission Tiger verfolgt der WWF Naturschutz und Kolonialherrentum. Zu Felder mit Gummibäumen und durftenschon lange. Bereits Anfang der siebziger diesem Erbe gehört auch die Vertreibung plötzlich nicht mehr dahin.“Jahre brachte er die indische Regierung der Massai-Nomaden aus der Serengeti.Der Umweltaktivist Feri nennt dieseunter Indira Gandhi mit einer Millionen-Allein in Afrika, schätzen Experten,Art von Naturschutz „rassistisch und neo-spende dazu, Schutzgebiete für die be- hat der Naturschutz seit der Kolonialzeitkolonial. Es gab hier nie Wald ohne Men-drohten Großkatzen auszuweisen. Gut 14 Millionen „Naturschutz-Flüchtlinge“schen“. Tausende Kleinbauern seien im4000 Tiger lebten damals einheimischen zurückgelassen. In diesem Modell dürfenTesso Nilo vertrieben worden, und dieSchätzungen zufolge im Land. Heute sind die Ureinwohner allenfalls als Parkwäch-Zahl der wilden Tiere nehme ab, seit diees noch 1700. Der WWF sieht das den- ter ihre Verwandten daran hindern, das Naturschützer gekommen seien. „Tessonoch als Erfolg. Ohne die Anstrengungen, Schutzgebiet zu betreten.Nilo ist kein Einzelfall.“so ein Sprecher, wären die Tiger in IndienTesso Nilo ist solch ein typisches WWF-Multinationale Unternehmen und Na-„möglicherweise schon ausgestorben“. gefördertes Schutzgebiet, „ein erfolgrei-turschützer arbeiteten heute Hand in Was weniger bekannt ist: Für diesen ches Projekt für den Tiger- und Elefan-Hand. „Der WWF ist verwickelt in dieErfolg wurden Menschen vertrieben. Da tenschutz“, so Martina Fleckenstein. DasUmwandlung unserer Welt in Plantagen,seien Dörfer „umgesiedelt worden, aber Gebiet liegt im Herzen der indonesischen Monokulturen und Nationalparks“, sagtnicht gegen ihren Willen“, sagt Claude Insel Sumatra. Zuständig ist das WWF-Feri, der die indonesische Umweltschutz-Martin, der von 1993 bis 2005 General- Büro in der Stadt Pekanbaru. organisation Walhi unterstützt.direktor des WWF International war.„Retten Sie seine Heimat“, steht auf ei-„Wir waren immer überzeugt, dass diese nem deutschen Tiger-Plakat im dortigen Das Geschäft mit dem PalmölSache mit rechten Dingen zugegangen Büro, das von deutschen WWF-Geldern Im Büro des Tigerschützers Sunarto hängtist.“ Doch auch daran gibt es Zweifel. finanziert wird. Die TV-Talkerin Sandraeine Karte, die den Kahlschlag auf Suma-64D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 51. tra zeigt, der sechstgrößten In-sel der Welt: In jeder Stundewird auf einer Fläche von 88Fußballfeldern Holz gefällt –meist für Palmöl-Plantagen. Indonesien lebt vom Boomdes Rohstoffs, das Entwick-lungsland sorgt für 48 Prozentder Weltproduktion. Das Mul-tifunktionsöl steckt in Biodie-sel, Nutella, Shampoos undHautcreme. Doch der starkeEinsatz von Pestiziden auf denMonokulturen verseucht Flüs-se und das Grundwasser. DieBrandrodung hat Indonesienzu einem der größten CO2-Pro-duzenten gemacht. Trotz Bekenntnissen zurNachhaltigkeit holzen vieleKonzerne weiter ab. Rund30 000 Dollar Schmiergeldoder Wahlkampfhilfe kosteeine Konzession, berichtet einehemaliger WWF-Mitarbeiter,LOOKATSCIENCES/LAIFder lange in Indonesien tätigwar. „Nachhaltiges Palmöl,wie es der WWF mit demRSPO-Zertifikat verspricht,gibt es eigentlich gar nicht“, Transport von Ölpalmenfrüchten in Indonesien: 48 Prozent der Weltproduktionsagt er. RSPO steht für Roundtable on Sus- mitbekommen. Sie leben inmitten der Nach der Verwüstung des Dorfs warfentainable Palmoil. Das Zertifikat erlaubt Wilmar-Plantage Asiatic Persada, südlich Organisationen wie Rettet den Regen-es, die Produktion anzukurbeln und der Stadt Jambi. Sie ist mit 40 000 Hektar wald und Robin Wood dem Wilmar-Kun-gleichzeitig das Gewissen der Kunden zu knapp halb so groß wie Berlin und soll den Unilever vor, an seiner Rama klebeberuhigen. So bewirbt etwa der Düssel- vom TÜV Rheinland RSPO-zertifiziert das Blut von Ureinwohnern. Einige vondorfer Konzern Henkel seinen Allesrei- werden. „Blutsauger“ hat jemand an ei- ihnen belagerten im Dezember sogar dieniger Terra Activ mit der Behauptung, nen der Eingänge geschrieben.deutsche Unilever-Zentrale.„gemeinsam mit dem WWF die nachhal-Zwischen den Ölpalmen steht Roni, Das wiederum kam nicht gut an beitige Produktion von Palm- und Palmkern- der Dorfälteste des Stamms, mit einigen dem niederländisch-britischen Konzern,öl“ zu unterstützen.Dutzend Menschen. Viele sind barfuß, der Nachhaltigkeitsindices anführt und Dadurch leiste das Unternehmen „ei- einer trägt einen Speer, mit dem er Wild- die Parole ausgegeben hat, einer Milliardenen Beitrag zum Schutz des Regenwal- schweine jagt. Hinter ihnen liegen nie- Menschen zu einer besseren Lebensqua-des“. Nur: Wie soll der Wald geschützt dergewalzte Holzlatten. Hier stand ein- lität verhelfen zu wollen.werden, wenn er vorher abgeholzt wer- mal ihr Dorf.Dass Hütten zerstört wurden undden muss?Am 10. August vergangenen Jahres ver- Schüsse gefallen sind, konnte Wilmar Es gebe ja „degradiertes“ Gelände, wüstete die berüchtigte Polizeibrigade nicht bestreiten. In einem Brief an Kun-Wald zweiter Klasse sozusagen, und Brimob die Häuser. Zuvor hatte ein den und Freunde (darunter WWF-Part-Brachland, argumentiert der WWF. Für Dorfbewohner versucht, Palmfrüchte zu ner wie der Palmöl-Finanzierer HSBC)ihn sind Plantagen-Monokulturen und verkaufen, die Wilmar für sich bean- wiegelten die Manager des Konzerns je-Naturschutz kein Gegensatz. „Market sprucht. doch ab.Transformation“ heißt das Schlagwort da- „Früh am Morgen nahmen sie 18 Leute Aus der Sicht Wilmars war einem so-für beim WWF. Es steht für den Glauben, gefangen, manche haben sie zusammen- zial ausgerichteten Unternehmen von einmit Kooperation mehr zu erreichen als geschlagen“, berichtet Roni. „Wilmar-Ma- paar Randalierern übel mitgespielt wor-mit Konfrontation.nager haben mit Brimob zusammengear- den. Unilever räumte in einer internen Die RSPO-Initiative startete der Ver- beitet. Dann schossen die, und wir sind E-Mail immerhin „unrechtmäßige Hand-band im Jahr 2004 zusammen mit Kon- mit den Kindern und den Frauen in den lungen“ ein und weist auf einen „Media-zernen wie Unilever (Rama, Langnese, Wald gelaufen.“ In ihren Wald. „Hier le- tionsprozess“ hin. Den Geschäftsbezie-Knorr), mit 1,3 Millionen Tonnen im Jahr ben wir seit der Zeit der Ahnen.“ hungen zu Wilmar tat die Polizeiaktioneiner der größten Palmöl-Verarbeiter der In den siebziger Jahren kamen die Ab- keinen Abbruch. Der Palmöl-Gigant hatWelt. Mit dabei ist auch Wilmar, einer holzer, aber es war genug Wald da, in inzwischen Behelfsheime errichtet undder weltgrößten Produzenten des Öls.den Ronis Stamm ausweichen konnte. In- sich zu Kompensationszahlungen durch- Wilmar habe „einen Wandel“ vollzo- zwischen aber sind seine Leute umzingelt gerungen.gen, lobt die WWF-Mitarbeiterin Flecken- von Palmen. 20 000 Hektar, rund die Hälf- Viele der indigenen Familien flohenstein. Das Unternehmen habe einen te der Plantage, hatte die Vorgängerfirma vor den Brimob-Schlägern nach PT Reki,klaren Zeitplan für die Zertifizierung, so- illegal errichtet. Wilmar scheint das nicht in eines der letzten halbwegs intaktenziale Kriterien seien berücksichtigt. zu stören. Roni hat für seinen Stamm so- Waldgebiete in der Nähe. Doch auch dort Davon haben die Ureinwohner des gar verbriefte Landrechte. Genützt hat durften sie nicht bleiben, denn da befin-Stammes Batin Sembalin noch nicht viel das nichts. det sich ein Aufforstungsprojekt, das vonD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 265
  • 52. GREEN RENAISSANCE / DPALuftrettung eines Nashorns aus Wilderergebiet in Südafrika: In Geheimoperationen den illegalen Hornhandel unterwandertder Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) deten Tausende Vögel nach einem Tan-bei kam immerhin heraus, dass für diesenfinanziert und vom Naturschutzbund kerunglück vor Frankreich, doch der „Friedenspark“ Korridore nötig waren(Nabu) unterstützt wird. WWF untersagte jede Kritik: „Das könn-und Umsiedlungen von Einwohnern, die te zukünftige Bemühungen um Spenden sich dagegen zur Wehr setzen.Gründer, Gönner, Großwildjäger gewisser Industriezweige gefährden“, Für neue Korridore des Kaza-National-Gediegen grün und bürgerlich brav wirkthieß es in einer Sitzung des Stiftungsrats. parks, eines weiteren WWF-Großpro-die WWF-Zentrale in Gland bei Genf. Als Ende der achtziger Jahre vermeint- jekts, will die KfW sogar 20 MillionenSilberne Tafeln erinnern noch immer dar- liche Wilderer in den Nationalparks der Euro lockermachen. „Auf jeden Euroan, wem die Organisation zu Dank ver-Weißen auftauchten, entschloss sich der vom WWF kommen mindestens fünf vonpflichtet ist – den „Mitgliedern der 1001“ WWF zur Gegenwehr. Der Nationalpark-staatlichen Stellen“, schätzt Martina Fle-etwa. Dieser elitäre Zirkel verdeckter verwaltung von Zimbabwe finanziertenckenstein. Der politische Einfluss der Or-Financiers wurde 1971 ins Leben gerufen, die Naturschützer Helikopter für Anti-ganisation scheint enorm.um die Organisation finanziell abzu- Wilderer-Einsätze. Dutzende Menschen In den neuen, riesigen Parks darf auchsichern. wurden bei den Einsätzen getötet. gejagt werden – der spanische König Juan Die Namen der Spender kommentiertGroßwildjäger Prinz Bernhard und seinCarlos war jüngst in Botswana auf Ele-der WWF bis heute nicht gern – wohlWWF-Afrika-Chef John Hanks heuerten fantenjagd. Juan Carlos ist WWF-Ehren-deshalb, weil auf Listen dieses Clubs Na-in einer Geheimoperation Söldner an, um präsident, was viele Menschen empörte.men auftauchen, die man für die gute Sa- den illegalen Rhinozeroshornhandel auf- Doch allein in Ländern wie Namibia ge-che lieber nicht erwähnt: Waffenhändlerfliegen zu lassen. Allerdings wurde die stattet der WWF in 38 Schutzgebieten dieAdnan Kashoggi etwa oder Zaires Dik- Truppe von südafrikanischen Militärs un-Trophäenjagd.tator Mobutu.terwandert, die damals als größte Horn-Reiche Europäer oder Amerikaner dür- Als ersten Großgönner konnte derhändler galten. fen sich aufführen wie zu Kolonialzeiten.damalige WWF-Präsident Prinz Bernhard Das Ganze sei lange her, sagt WWF- Sie dürfen Elefanten, Büffel, Leoparden,den Ölmulti Shell gewinnen. 1967 veren-Sprecher Phil Dickie. Man habe sich ge- Löwen, Giraffen und Zebras schießenändert und nehme inzwischenund sich nach alter Sitte das Blut der er-keine Gelder mehr von der Öl-, legten Tiere ins Gesicht schmieren. EinAtom-, Tabak- oder Waffenbran- WWF-Sprecher verteidigt diese Praxis.che an. Ausgegrenzt wird jedochEs seien Quoten festgelegt worden, derkeiner: In den WWF-Gremien sindErlös dieser „geregelten Jagd“ könne ei-deren Vertreter – etwa vom Ölmul-nen Beitrag zum Naturschutz leisten.ti BP – nach wie vor willkommen. John Hanks, immer noch Mit- Die Mär von der Nachhaltigkeitglied des ehrenwerten „Board ofAndrew Murphy, ein junger Harvard-Trustees“, kümmert sich heute um Absolvent mit Afrika-Erfahrung im USriesige grenzüberschreitende Na- Peace Corps, arbeitet im Team „Market RANN SAFARIS/SIPA PRESSturparks in Afrika. Wie auch der Transformation“. Er repräsentiert dieWWF: Peace Parks werden dieseneue Generation der Umweltschützer.Projekte genannt, obwohl sie vielSein Team sieht er als „Agenten des Wan-Unfrieden stiften. Für sogenanntedels“, die einen ganzen Markt „drehen“Peace-Park-Dialoge in Südafrikakönnten. Murphy hat eine Menge solcherWWF-Ehrenpräsident Juan Carlos 2006 spendierte die deutsche RegierungSprüche parat: Er will die größten Produ-„Geregelte Jagd“dem WWF rund 200 000 Euro. Da- zenten und Händler von Rohstoffen wie66 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 53. WirtschaftSoja, Milch, Palmöl, Holz und Fleisch aufterdam an. „Das war ein Erfolg“, sagt diedas Unkraut stirbt. Obwohl sich kritischeNachhaltigkeit trimmen. Gibt es Erfolge? Biologin Fleckenstein. Der WWF habeStudien mehren, die etwa Fortpflanzungs-Ja, die Unternehmen wollten jetzt sehen, die Ware genau geprüft. „Besonders ge- schäden bei Tieren nachweisen, erlaubtwoher die Ware kommt. „Und wir haben freut hat uns, dass diese Ware gentech-das RTRS-System seinen Gebrauch.kugelsichere Prüfsysteme aufgelegt.“ nikfrei war.“ Sie kam von zwei riesigen Auch andere Pestizide sind kein Pro-Murphy meint Standards wie den RTRS, Höfen der brasilianischen Familie Maggi. blem, RTRS verlange nur einen „vernünf-einen runden Tisch für nachhaltiges Soja. Das Firmenkonglomerat des Clans gilttigen Einsatz“, sagt João Shimada, der Zum RTRS hat der Verband im Jahrals größter Sojaproduzent der Welt, seineNachhaltigkeitsmanager der Grupo Mag-2004 die Industrie eingeladen. Großhänd- Plantagen bedecken weite Teile des Bun-gi. Das mit den 85 000 Tonnen Soja zu er-ler wie Cargill und Konzerne wie Mon-desstaates Mato Grosso im Mittelwesten.klären sei nicht ganz einfach, sagt er. „Insanto, das den WWF jahrelang mit insge-Die Maggis waren in den achtziger Jahren Wahrheit haben wir damit eine Nachfra-samt 100 000 Dollar unterstützte, prägtenaus dem Süden Brasiliens mit ihren Leu-ge erfüllt, die aus Europa kam.“ Unter-die Runde. ten dorthin gekommen. Sie holzten einennehmen wie Unilever brüsten sich seit-„Es war schnell klar, dass es hier umgroßen Teil des Savannen-Urwalds abdem damit, nachhaltiges Soja zu verwen-Greenwash für die Gensoja-Vermarkter und pflanzten Soja.den. Tatsächlich stammen höchstens 8000ging“, sagt ein Teilnehmer. Als einige Eu-Blairo Maggi stieg zum Gouverneur Tonnen von den beiden Farmen.ropäer über die Gefahren des Herbizids des Bundesstaats auf, Greenpeace verlieh„Ich weiß auch noch nicht, wo die rest-Glyphosat sprechen wollten, wurde ihnenihm 2005 die „Goldene Kettensäge“: Inlichen 77 000 Tonnen hergekommen sind“,der Mund verboten: „Man sei ,technolo- keinem Bundesstaat wurde so viel Ur- so Shimada. „Book & Claim“ wird diesegisch neutral‘, war das Totschlagargumentwald abgeholzt wie in Maggis Soja-Repu-märchenhafte Vermehrung vermeintlichder Amerikaner.“ blik. Dort, wo seine RTRS-Musterbetrie-nachhaltiger Ware in Fachkreisen genannt. Der deutsche WWF, offiziell gegen Gen- be stehen, wurde erst vor wenigen JahrenDas ist das Ergebnis des angeblich kugel-technik, sorgte dafür, dass auch die Kolle- gerodet. Die zwei Farmen sind nachsicheren Prüfsystems, von dem der WWF-gen am Tisch Platz nahmen, die dafür wa- RTRS-Auskunft die einzigen Lieferanten Nachwuchsmann Murphy schwärmt. In-ren: Den Vertretern des argentinischen der 85 000 Tonnen zertifizierter Sojaboh-zwischen gibt es schon 300 000 TonnenWWF-Ablegers, der lange von einem Mili- nen, die im Juni in Rotterdam ankamen.dieser vermeintlich nachhaltigen Ware.tärjunta-Mann und einem Agro-Industriel- Nur: Gentechnikfrei ist hier nichts.In Gland senkt sich die Sonne über denlen geführt wurde, finanzierten die Deut-Im Schatten einer Lagerhalle der Fa- Genfer See. Andrew Murphy hat es eilig,schen sogar die Reisen. Dass der WWF zu- zenda Tucunaré erhebt sich ein zehn Me-er muss weiter nach China, die Natursammen mit Schweizer Einzelhändlern da- ter hoher weißer Tank mit der Aufschriftretten. Zwar darf der WWF dort nochmals längst einen strengeren Soja-Standard „Glifosato“, dem portugiesischen Wortimmer keine Mitglieder werben, aberpräsentiert hatte, interessierte hier nicht. für das Unkrautvernichtungsmittel Gly- Kooperationen mit Parteikadern könnten Das Unterlaufen der eigenen Standards phosat. Tausende Liter passen da rein. der Umwelt ja auch was bringen.scheint eine Spezialität des WWF zu sein. Nur hundert Meter entfernt liegen dieJENS GLÜSING, NILS KLAWITTERUnd es ist diese Biegsamkeit, die dem Wohnhäuser der Arbeiter. Gleich hinterVerband Millionenspenden der Industrie dem Zaun steht stinkendes Wasser in Grä-beschert. Beim Soja war es so, dass die ben und schillert grünlich. Daneben liegtVideo:Runde am Tisch verhandelte und verhan- ein Depot, auf dem Schilder mit Toten-Expedition nachdelte. Sie weichte hier ein bisschen auf, kopf warnen: „Vorsicht, hochgiftig!“ Sumatragab da ein wenig nach, und dann, endlich,Glyphosat ist als Herbizid zum Schutz Für Smartphone-Benutzer:kamen im Juni vergangenen Jahres die genmanipulierten Sojas beliebt, weil dieBildcode scannen, etwa mitersten 85 000 Tonnen RTRS-Soja in Rot- Pflanze gegen das Gift resistent ist – nurder App „Scanlife“.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 67
  • 54. WirtschaftGESUNDHEITStrahlende Verlierer Ein Arzt im Rhön-Klinikum Hildesheim steht im Verdacht, Patienten ohne Not die Schilddrüse zerstört zu haben. Jeder Eingriff bringt 3000 Euro. Experten sind fassungslos.E s war vermutlich der größte Fehlernik nicht einer Radiojodtherapie unter- ihres Lebens, dass Katrin Schulzzogen.“ vor drei Jahren das Klinikum Hil-Auf dem Arztbrief aus Hildesheimdesheim aufsuchte. Die Mutter zweier steht zum Beispiel, dass die Patientin ei-kleiner Töchter hatte eine längere Kran- nen gut sichtbaren Kropf („Struma II“)kengeschichte hinter sich, sie litt unterhabe. Doch der Ultraschallbefund wider-Müdigkeit, Haarausfall, war gereizt. spricht dem völlig. „Struma heißt bei ei- Ihre Hausärztin hatte sie damals mitner Frau, dass die Schilddrüse über 18dem Verdacht auf eine Schilddrüsenent- Milliliter groß ist, hier steht aber, dass diezündung zu Michael Hofmann überwie-der Patientin nur 10 Milliliter Volumensen, der seine nuklearmedizinische Praxishatte.“ Professor Grünwald versteht nicht,im Rhön-Klinikum Hildesheim betrieb. warum der Patientin die Schilddrüse zer-Dort wurde vom Hals der Patientin mitstört wurde. „Sie hat jetzt eine deutlichBetroffene Schulz, Nuklearmediziner Bergter: „DieHilfe einer Spezialkamera eine sogenann- stärkere Unterfunktion als vorher.“te Szintigrafie gemacht. Das Bild, das ihrWenige Monate nach ihrer Radiojod-„Kunstfehler“. Wenn ein Student ihm imanschließend gezeigt wurde, enthielt lau-therapie ging es Katrin Schulz schlechterStaatsexamen so eine Radiojodtherapieter rote Flecken.als zuvor. „Ich hatte schreckliche Kopf- vorschlagen würde, müsse er ihn durch-„Die haben mir gesagt, dass meineschmerzen, es ging so weit, dass mir alles fallen lassen, sagt er.Schilddrüse voller Knoten sei“, erinnert egal war, ich wollte nur noch den Tag Zumindest für die Klinik ist eine Ra-sich Katrin Schulz. „Man hat ja keine Ah-rumbringen.“ Sie suchte erneut den Me- diojodtherapie grundsätzlich eine feinenung als Patient, man geht da hin, danndiziner Hofmann im Klinikum Hildes-Sache. Der Eingriff ist gut planbar, ohnewird einem erklärt, was man hat, man heim auf, wo sie sich auf Anraten desgrößeren Aufwand, und die Kranken-bekommt eine Therapie und fühlt sich Arztes im November 2011 einer zweitenkasse zahlt ihr dafür rund 3000 Euro.auch noch gut behandelt.“Radiojodtherapie unterzog.In privatisierten Krankenhäusern ist es Doch das Ergebnis war alles andere als Professor Roland Gärtner, Endokrino-üblich, dass Ärzte Zielvereinbarungengut. Hofmann sah bei der Patientin keine loge an der Universität München, der den unterschreiben: Je mehr Patienten, destoEntzündung, sondern eine deutliche Ver-Fall ebenfalls überprüft hat, ist fassungs-höher ihr Bonus. Auch im Rhön-Klinik-größerung der Schilddrüse und verordne-los. „Keine der Radiojodtherapien warVerbund gibt es solche Zielvereinbarun-te eine Radiojodtherapie. Bei dieser Be- angezeigt, insbesondere nicht die zweite,gen. Hofmann aber habe keinen solchenhandlung schlucken Patienten eine radio- weil da ja schon eine schwere Schilddrü- Vertrag gehabt, versichert der Konzern.aktiv gefüllte Kapsel, die die Schilddrüse senunterfunktion bestand.“ Er hat zwar neben der Praxis auch dievon innen bestrahlt und kranke Bereiche Für Gärtner ist die Zerstörung dernuklearmedizinische Abteilung im Kran-zerstören soll.Schilddrüse bei dieser Patientin ein klarerkenhaus geleitet, dafür aber eine feste Ist die Schilddrüse aber gesund oderPauschale erhalten, unabhän-nur entzündet, kann sie durch eine Radio-gig davon, ob er viele oderjodtherapie auch ganz zerstört werden. Lukrative Behandlungwenige RadiojodtherapienDas im Hals sitzende Organ ist eines der Je Radiojodtherapie erhält die Klinik rund 3000 Euroverordnet hat.wichtigsten überhaupt. Die Hormone, die Als Hofmann im Jahr 2007die Schilddrüse produziert, wirken auf im Klinikum Hildesheim an-Herz und Kreislauf, sie steuern den Blut-fing, feierte der Geschäftsfüh-druck, die Drüsen der Haut, die Zellen rer ihn als „Nuklearmedizi-und die Aktivitäten des Darms. ner mit breiter universitärer War der Eingriff bei Frau Schulz über-Ausbildung“. Die Lokalzei-haupt notwendig? tung nannte ihn noch vor kur- Der SPIEGEL hat ihre KrankenakteSchildknorpel zem einen „international ge-in anonymisierter Form Frank Grün- (Teil des Kehlkopfes) fragten Referenten“ und prieswald vorgelegt, dem Direktor der Nu- Bei der Behandlungseine „beeindruckende Publi-klearmedizinischen Abteilung an derschluckt der Patientkationsliste“.Universitätsklinik in Frankfurt am Maineine radioaktivDoch Katrin Schulz scheintund Vizepräsident der Deutschen Ge-gefüllte Kapsel kein Einzelfall gewesen zu Schilddrüsesellschaft für Nuklearmedizin. Grünwaldsein. Es gibt Hinweise, dass (speichert Jod undist ein zurückhaltender Mensch, derproduziert damitFehldiagnosen und -therapiennicht schlecht über Kollegen reden will. Das radioaktive Hormone für an dem Krankenhaus alltäg-Aber als er die Unterlagen von KatrinJod sammelt sichden Stoffwechsel) lich waren. Am 9. NovemberSchulz sieht, ist der Befund für ihn klar: in der Schilddrüsevergangenen Jahres traf sich„Die Patientin hätten wir in unserer Kli-und zerstört sieLuftröhre eine Runde von Nuklearme-68 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 55. STEFAN SOBOTTA / VISUM / DER SPIEGELDER SPIEGELhausinterne Qualitätskontrolle hat nicht funktioniert“dizinern aus Niedersachsen zu ihremBei Rhön tut man Bergters Vorwürfe ein Gutachten überreicht, für das sie 17„Qualitätszirkel“. Anschließend infor-mit „verschmähter Liebe“ ab, er habe sich Patienten aus dem Oktober 2011 ausge-mierten drei dieser Ärzte Wolfgang Peth-bei der Übernahme der Praxis nicht mitwählt hatte.ke, der in Hannover die Kontrollstelleder Erbin, Hofmanns Frau, einigen kön- Das Gutachten belegt die Missstände:der Ärztekammer für Strahlenmediziner nen. Die selbst antwortete nicht auf Fra- In 4 von 17 Fällen war die Radiojodthera-leitet. Die drei Ärzte hätten berichtet,gen. Der Rhön-Konzern weist zudem pie demnach zumindest fraglich, in einemdass es in Hildesheim „Qualitätsmängel“ darauf hin, dass Hofmann ein niedergelas- weiteren Fall klar falsch. Hochgerechnetbei den Radiojodtherapien gebe, räumt sener Arzt gewesen sei, der für seine Pra-auf das Jahr, würde der Befund bedeuten,Pethke ein. xis nur Räume im Klinikum angemietetdass in Hildesheim 32 Patienten ohne me- Tags darauf habe ihm einer der Ärzte hatte. Die Therapien seien zwar auf Sta-dizinische Notwendigkeit radiojodthera-vier Fälle geschildert, in denen Patientention erbracht worden, Hofmann habe diepiert worden wären, bei weiteren 129 Pa-ohne medizinische Notwendigkeit mit Abteilung aber selbst geleitet. Beschwer- tienten wäre die Therapie zumindest um-Radiojod behandelt worden sein sollen.den habe es nie gegeben, auch keine Hin-stritten gewesen. Pethke bat um eine Liste aller Patien- weise, dass etwas nicht stimme.Zudem haben die Gutachter in den Ak-ten, die im Oktober 2011 eine Radiojod-Hätten aber die hohen Fallzahlen nicht ten der Patienten „deutliche Dokumen-therapie erhalten hatten. Hofmann schick- auffallen müssen? Der Vizepräsident der tationsmängel“ festgestellt: „Hinsichtlichte 33 Namen. Aus dieser Liste wählteGesellschaft der Nuklearmediziner, Frankder Laborwerte muss von einer bewuss-Pethke mehrere Patienten aus, für die erGrünwald, weist darauf hin, dass jedesten Manipulation im Sinne einer ,Verschö-alle Unterlagen anforderte. Die Frist zur Jahr in Deutschland rund 54 000 Radio-nerung‘ … ausgegangen werden. Die of-Abgabe endete am 15. Februar 2012.jodtherapien durchgeführt würden. Rech- fenbar bewusste Veränderung der Labor- Hofmann lieferte die Unterlagen nichtnet man dies auf die Bevölkerung um,werte … ist erschreckend und in diesemmehr ab. Am 16. Februar verstarb er über- kommt man auf eine Behandlung pro Maße auch bei den Überprüfungen … nie-raschend im Alter von 51 Jahren. Nach 1500 Einwohner. Im Landkreis Hildes-mals zuvor beobachtet worden.“dem Tod stellte die Ärztekammer die be- heim leben 280 000 Menschen. Wenn alle Auf Anfrage kündigt der Rhön-Kon-reits angelaufene Überprüfung ein.Betroffenen nur in Hofmanns Praxis ge-zern nun an, alle 2000 Radiojodtherapien Alles wäre also im Sande verlaufen,gangen wären, könnte man mit rund 190 der vergangenen vier Jahre in Hildesheimwäre nicht mit Wolfgang Bergter ein Nu- Radiojodtherapien pro Jahr am Klinikumüberprüfen zu wollen. Die betroffenenklearmediziner aus Halle kurzfristig alsHildesheim rechnen. Tatsächlich fandenPatienten würden „unverzüglich“ ange-Praxisvertreter eingesprungen. Kaum fingdort 548 statt – fast dreimal so viele wiesprochen.Bergter in Hildesheim an zu arbeiten, ver-statistisch erwartbar. Auch die Experten blicken mit Schau-schlug es ihm nach eigenen Angaben die Der Rhön-Sprecher weist diese Rech-dern auf das Klinikum. NuklearmedizinerSprache: In einer E-Mail an die Klinik- nung zurück. Er sagt, dass auch Patienten Grünwald sagt: „Summarisch gesehen istgeschäftsführung schrieb er Ende März,von weit außerhalb des Landkreises zu da in Hildesheim schon einiges schiefge-dass „in keinem von mir durchgesehenenHofmann gekommen seien, weil er ebenlaufen.“ Professor Gärtner von der Uni-Fall der fünfjährigen Tätigkeit von Herrn einen hervorragenden Ruf genossen habe. Klinik München geht noch einen SchrittDr. Hofmann in der Schilddrüsensprech- Praxisvertreter Bergter hat nicht nurweiter. Er hält die Vorgänge für „wirklichstunde und Therapiestation eine korrektedas Klinikum über die von ihm beobach-beschämend für die deutsche Medizin“.Diagnose gestellt wurde. Dies ist nur die teten Missstände informiert, sondernFür die Patienten sei das tragisch: „DieSpitze einer fast unglaublichen Geschich- auch die Ärztekammer. Die hat daraufhin kommen ja zum Arzt, damit ihnen ge-te, die zeigt, dass die hausinterne Quali-ihre zunächst eingestellten Untersuchun-holfen wird, und anschließend sind sietätskontrolle des Klinikkonzerns nichtgen wieder aufgenommen. Am Montag kränker als vorher.“funktioniert hat“.vergangener Woche hat sie dem Klinikum MARKUS GRILLD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 269
  • 56. WirtschaftHirt: Das spielt eine Rolle, aber es geht auch darum sicherzustellen, dass ausrei- GELDINSTITUTE chend Mittel vorhanden sind, um das Ka- „Missglückte Erneuerung“ pital zu stärken und Steuern zu zahlen. Wir haben große Bedenken, dass bei den Investment- und einigen Universalban- ken die Personalkosten weiterhin zu hoch sind. Derzeit gehen etwa 40 CentDer Aktionärsvertreter Hans-Christoph Hirt von jedem Euro, der in solchen Banken rechnet mit der Führung der Deutschen Bank ab.umgesetzt wird, ans Personal. Wohlge- merkt: nicht vom Gewinn, sondern vom Umsatz.Hirt, 39, ist bei der briti- dex. Aber es gibt erhebliche Zweifel, wie SPIEGEL: Wie stark müssen die GehälterD. LYNCH/EYEVINE / PICTURE PRESSschen Fondsgesellschaft relevant der im täglichen Geschäft ist.sinken?Hermes Fachmann für SPIEGEL: Arbeitet die Top-Bank der Repu- Hirt: Es wäre falsch zu verallgemeinern.gute Unternehmensfüh- blik weniger verantwortungsvoll als die Aber was spricht dagegen, die Gesamt-rung. Hermes verantwor- Konkurrenz?vergütung auf 25 oder 30 Prozent der Er-tet ein Vermögen von 142 Hirt: Sie liegt zumindest unter dem Durch- träge zu reduzieren? Das wäre ein SchrittMilliarden Euro und be- schnitt. Die Liste der Rechtsstreitigkeiten, in die richtige Richtung. Die Banken kön-rät unter anderem Fonds, laufenden Untersuchungen und fragwür- nen zwar oftmals sagen, dass sie die Bonidie insgesamt 0,5 Prozent digen Geschäfte ist bei der Deutschen reduzieren, aber in vielen Fällen sind zu-an der Deutschen Bank halten. Bei deren Bank sehr lang. Das bereitet uns Sorgen. gleich die Fixgehälter erhöht worden.Hauptversammlung will Hirt kommende SPIEGEL: Die Rechtsstreitigkeiten kommen SPIEGEL: Geht es Ihnen nur um die Höhe?Woche dem Aufsichtsrat die Entlastung vor allem aus dem Investmentbanking, Hirt: Nein, die Gehälter müssten noch stär-verweigern – wegen Missmanagement. dem Bereich des neuen Co-Chefs Anshu ker an den langfristigen Erfolg geknüpft Jain. Trauen Sie ihm ein Umdenken zu? werden. Bemessungsgrundlage für dieSPIEGEL: Herr Hirt, womit haben sich die Hirt: Uns ist wichtig, dass es in Zukunft ro- Höhe des Bonus ist oft nur das ErgebnisKontrolleure der Deutschen Bank Ihren buste Strukturen und Prozesse gibt, um zu des abgelaufenen Jahres. Es sollten aberZorn zugezogen?prüfen, welche Risiken mit neuen Produk- wenigstens drei Jahre sein. Außerdem soll-Hirt: Der Aufsichtsrat der Deut-ten eingegangene Risiken sowieschen Bank hat in einigen seinerKapital- und LiquiditätskostenKernaufgaben versagt. Im Pro- berücksichtigt werden. Sonstzess um die Suche nach einemwird durch günstiges KapitalNachfolger für Josef Ackermannund die implizite Staatsgarantieist viel schiefgelaufen. Der spä- für die weniger riskanten Berei-ter aufgegebene Plan, ihn zum che die Vergütung der Invest-Aufsichtsratschef zu machen,mentbanker subventioniert.war unzureichend vorbereitet. SPIEGEL: Was kann der Gesetz-Wir kritisieren auch das Vergü- geber tun?tungssystem und die fehlendeHirt: Regierungen sehen weiterNachhaltigkeit in Kultur unddie Notwendigkeit, im ZweifelStrategie des Unternehmens. EsBanken zu retten, um zu-ist ein Punkt erreicht, wo wirmindest die Einlagen der Pri-ein Zeichen setzen wollen.vatkunden zu schützen. Ver-MARIO VEDDER / DAPDSPIEGEL: War es ein Fehler, Cle-ständlicherweise wollen siemens Börsig zum Aufsichtsrats-aber nicht für das riskante In-chef zu machen? vestmentbanking einstehen.Hirt: Es ist nicht grundsätzlichDeshalb sollten die weniger ris-falsch, wenn ein Vorstand di- Spitzenbanker Jain, Ackermann: „Keine gute Figur gemacht“ kanten Bereiche vom Invest-rekt in den Aufsichtsrat rückt. mentbanking isoliert und Ka-Aber spätestens nach dem gescheiterten ten, Praktiken und Strategien verbunden pitalbedarf und -kosten für beide Teileersten Versuch Börsigs 2009, Ackermanns sind. Zwar kommt die Deutsche Bank mit transparent sein, so wie es Reformvor-Nachfolge zu regeln, musste man davon der Aufarbeitung von Altlasten voran, aber schläge in Großbritannien vorsehen.ausgehen, dass es zu Konflikten kommen es ist noch nicht klar, wie Fehlentwicklungen SPIEGEL: Auch Großaktionäre haben Fehl-würde. Auch Ackermann hat keine gute künftig verhindert werden sollen. Die Bank entwicklungen lange verschlafen. MüssenFigur gemacht, indem er sich dann stark braucht ein stärkeres Risikobewusstsein. sie künftig eine stärkere Rolle bei derin die Nachfolgersuche eingemischt hat. SPIEGEL: Aktionäre gehen neuerdings auch Kontrolle der Banken einnehmen?SPIEGEL: Was erwarten Sie vom künftigen gegen die Vergütungspraktiken der Ban- Hirt: Investoren haben sich vor der KriseChef des Aufsichtsrats, Paul Achleitner? ken vor. Warum so spät? nicht immer durch kluges Verhalten aus-Hirt: Wir würden es begrüßen, wenn er Hirt: Wir und einige andere Investoren hat- gezeichnet. Analysten gingen von Bankdie Zusammensetzung und Arbeit des ten das Thema schon vor der Bankenkrise zu Bank und fragten: Wann schafft auchGremiums von externen Beratern evalu- auf der Agenda und haben es in den ver- ihr 25 Prozent Rendite? Das hat mögli-ieren ließe. Die missglückte Erneuerung gangenen Jahren immer wieder angespro- cherweise dazu beigetragen, dass hohedes Vorstands zeigt, dass ein echter Neu- chen – auch mit der Deutschen Bank. Ins- Risiken eingegangen wurden. Geradeanfang nötig ist. Achleitner muss zudem gesamt hat sich nicht genug verändert. Des- Pensionsfonds sollten den Vorständendafür sorgen, das Thema Nachhaltigkeit halb begehren jetzt mehr Aktionäre auf. auch mal sagen: lieber auf kurzfristigesstärker in die Strategie des Konzerns zu SPIEGEL: Liegt es daran, dass Banken we- Wetten verzichten und dafür stabil undintegrieren. Die Deutsche Bank hat einen niger verdienen und Aktionäre deshalb langfristig wertschöpfend arbeiten.umfangreichen Verhaltens- und Ethikko- einfach Kostensenkungen sehen wollen?INTERVIEW: MARTIN HESSE70D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 57. Wirtschaft Autor Sarrazin Target II statt Kopftuchmädchenlungen an die Spitze der Amazon-Best-sellerliste schob. Die ersten Reaktionen der Sarrazin-Fans über das neue Werk ihres Idolsfallen arg verhalten aus. In Internetpor-talen wie dem „Deutschlandecho“ ist von„reichhaltigen Fakten“ und einer „sach-lichen“ Auseinandersetzung die Rede,rechte Begeisterung klänge anders. Dasnationale „Globalecho“ lobt „Zahlen,Fakten und Hintergründe“. In diesen Kreisen hätte man sicherlichgern mehr darüber gelesen, wie die Süd-europäer den deutschen Steuerzahler aus-plündern. Und wäre es nicht besser, zurguten alten D-Mark zurückzukehren odersich mit einem Nord-Euro, vulgo: „Nor-do“, endlich von den levantinisch-lieder-lichen „Olivenstaaten“ abzugrenzen, wiees Hans-Olaf Henkel fordert? CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL Doch Sarrazin hält sich hier rhetorischzurück. Als langjähriger Beamter im Bun-desfinanzministerium, Berliner Finanz-senator und Bundesbank-Vorstand ver-steht er einfach zu viel von der Sache. Erunterscheidet sogar fein zwischen Nord-und Süditalien, zählt Frankreich zu unse- „Euro-Bonds“, „Target II“ und einen ge-ren Verbündeten und will auch die D- BÜCHERwissen „lender of last resort“; da sindMark nicht wieder einführen.Deutschland schon Autoren, die wirklich schreiben Es wird weder groß „aufgedonnert“ können, gescheitert. noch „skandalisiert“, wie der „Stern“Bereits der Titel seines nun erschiene- vorab mutmaßte. Auch die Suche nach schlafft sich ab nen Buchs, „Europa braucht den Euro„hellbraunen Assoziationen“ und „anti- nicht“, ist eine Zumutung: unentschlos-semitischen Klischees“, die der Publizist sen, langweilig, weit weg vom Leser, wie Michel Friedman zwischen den Zeilen Sarrazins Verlag DVA intern befürchtet.herauszulesen glaubt, verläuft in Wahr- Lang, lahm und viel zuDie Marketing-Experten hätten gern we- heit erfolglos. Dass, wie Sarrazin schreibt,ausgewogen – Thilo Sarrazins nigstens „Europa“ durch „Deutschland“eine Verbindung bestehe zwischenkrawallverwöhnte Zielgruppeersetzt, doch das wollte Sarrazin nicht. Deutschlands Schuld am Zweiten Welt- Wäre es nach ihm gegangen, hätte das krieg und seinem besonderen Engage- hadert mit dessen neuem Werk. Buch „Abenteuer Euro“ geheißen, einment für die europäische Völkerverstän- Alptraum für jeden Verlagsmanager. digung, findet sich so oder so ähnlich inWas war das doch für ein Spaß350 000 Bücher stark ist angeblich diejedem Sozialkundebuch.beim letzten Mal! DraußenStartauflage, das wäre ein Stapel viermal Sarrazins Thesen unterscheiden sichrangelten Polizei und Demon- so hoch wie die Zugspitze. In dieser Höhenicht groß von der Position, die auch an-stranten. Drinnen Klatschmarsch undbewegen sich sonst nur Richard David dere Ökonomen wie Hans-Werner Sinn,„Jawoll“-Rufe. Eine Seniorin fiel obliga-Precht und Harry Potter. Bei Sarrazins Chef des Münchner ifo Instituts, oder Dirktorisch in Ohnmacht vor lauter Begeiste- Vorgänger „Deutschland schafft sich ab“, Meyer von der Helmut-Schmidt-Universi-rung. Selten wurde den Besuchern einer Gesamtauflage mittlerweile gut 1,4 Mil-tät in Hamburg vertreten. Nein zu Euro-Autorenlesung mehr Nervenkitzel gebo-lionen, hatte der Verlag das LeserinteresseBonds, nein zur Transferunion, Griechenten als bei Thilo Sarrazins Auftritt imunterschätzt und zunächst viel zu wenige raus aus dem Euro: Sogar CSU-Chef Horstüberfüllten Potsdamer Nikolaisaal. Das Exemplare drucken lassen. Die Buchhänd-Seehofer ist längst ähnlicher Ansicht.war im Spätsommer 2010.ler waren darüber damals sehr erbost. Sie Dem Finanzwissenschaftler Stefan Trist ist die Stimmung am vergangenen mussten Zigtausende Kunden vertrösten. Homburg, der bei Sarrazins Buchpremie-Dienstag. Derselbe Ort, ein neues Buch, Diesmal könnte es ganz anders sein. re im Berliner Hotel Adlon eine empha-Sarrazin ist wieder da, bloß: Wo sind dieDeutschland schlafft sich ab.tische Laudatio halten sollte, ist Sarrazinanderen? Im Nikolaisaal ist etwa die Hälf-Das breite Publikum, so die Sorge des viel zu lasch. Historisch betrachtet habete der Plätze belegt. Weit und breit ist Verlags, ist von Sarrazins Gedanken zumeine Währungsunion noch nie funktio-nicht ein einziger Demonstrant in Sicht. Thema „Der Maastricht-Vertrag“ (Kapitelniert. Wenn es nach ihm ginge, würdeDie Security-Leute am Eingang stochern 2), „Anleihekauf durch die EZB“ (Kapitel das ganze Euro-Projekt abgewickelt, solustlos in Damenhandtaschen, die vor-4) oder „Zur Grundlogik konzeptionellerHomburg. Ein Satz, den Sarrazin so nichtsorglich alarmierte Polizei macht Feier- Finanzpolitik“ (Kapitel 7) womöglich stehenlassen will: „Mein Weg ist stiller“,abend. doch weniger angefixt als von Kopftuch-sagt er. Sarrazin hat auch keine rechte Lust,mädchen und der These vom nachteiligenWann schreibt Homburg eigentlich maldie Stimmung anzukochen, kein Wunder Ausländer-Genpool, auch wenn sich daswieder was?bei seinem neuen Thema. Es geht um Euro-Buch bereits durch die Vorbestel- ANDREAS MACHO, ALEXANDER NEUBACHER72 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 58. Trends MedienSPIEGEL: Warum ist in der Modelshow eigentlich immer Zi-KARRI ERENckenkrieg angesagt?„Überall Schubladen“Gonzalez: Die Mädchen lachen, weinen – und zicken vielleichtauch mal. Wo zu viele Frauen aufeinandertreffen, wird nun malgestritten. Aber am Ende geht es uns doch immer ums Modeln.SPIEGEL: Die aktuelle Show-Staffel rückt ihrem Finale geradeLaufstegtrainer Jorge Gonzalez, 44, über seinen Einsatz bei näher. Ein internationales Top-Model dürfte auch diesmal„Germany’s Next Topmodel“ (ProSieben) nicht geboren werden, oder? Gonzalez: Die Luft bei den internationalSPIEGEL: Herr Gonzalez, Sie sind gebür-erfolgreichen Top-Models ist sehr dünn.tiger Kubaner, haben einst in der Tsche- Da gibt es noch viel mehr Konkurrenz.choslowakei Nuklear-Ökologie studiertVielleicht waren die Mädchen bisherund bringen heute Heidi Klums Model- auch zu klein, vielleicht reichte ihre Per-Nachwuchs das Gehen bei. Werden Siesönlichkeit nicht aus. Oder andere warenoft unterschätzt?besser. Womöglich hatten sie auch nichtGonzalez: Ja, klar. Schubladen gibt es genügend Ehrgeiz. Die Arbeit endetüberall. Besonders in Deutschland. Die nach der Show nicht, sie beginnt dannLeute sehen einen Typen mit langen erst. Wenn es bei den Chicas mit der gro-Haaren und Stöckelschuhen, der immer ßen Model-Karriere nicht klappt, arbei-lacht und gebrochen Deutsch spricht. ten sie national oder werden eben Schau-Also sagen sie, das ist ein Paradies-spielerin oder Moderatorin.vogel, trallali, trallala. An meiner SPIEGEL: Neulich mussten die Kandida-Fröhlichkeit will ich nichts ändern. tinnen sich als Nixen in einen Berg toterAber an meinem Deutsch werde ich Fische legen. Was hat das mit der Mo-arbeiten.del-Wirklichkeit zu tun?SPIEGEL: Die Medien könnten mit IhnenGonzalez: Sehr viel. Man muss lernen, inüber die deutsche Energiewende disku-den schrägsten Situationen für die Ka-tieren. Stattdessen hat man Sie schonmera zu posieren. Ich habe als Studenteinen „fleischgewordenen Stöckelschuh“ in der Tschechoslowakei auch gemodelt.genannt. Schlimm?Da musste ich Bademode im SchneeGonzalez: Ich besitze 300 Paar Schuhe, präsentieren, bei minus 15 Grad Celsius. OLIVER S. / PROSIEBENmanche stehen in einem eigenen Raum, Und das, wo ich doch auf Kuba aufge-andere lagern in Kartons. High Heels wachsen bin. Fotografen müssen sichsind meine Passion. Inzwischen schen-heute immer ausgefallenere Bedingun-ken mir junge Designer welche in der gen für die Shootings ausdenken. UnterHoffnung, dass sie durch mich bekanntWasser. Am Helikopter hängend. Je ex-werden. Das ist doch schön.Gonzalez, Kandidatintremer, desto besser.N I G G E M E I E RS M E D I E N L E X I KO N rung“, ob Medienangebote „entwick- Programm. Und strahlt sie seitherlungsbeeinträchtigend“ sind. Amauch immer wieder tagsüber aus.Montag teilte sie mit, dass sie die Aus- Anfang 2004 zum Beispiel zeigte derMys|te|ri|umstrahlung der amerikanischen Reihe„X-Factor: Das Unfassbare“ (Bild: Mo- Sender manchmal samstags vormittags sechs Folgen hintereinander, obwohlschwer erklärliches Phänomen, vgl.: Lan-derator Jonathan Frakes) im Tagespro-es überhaupt nur 45 Folgen gibt.desmedienanstaltgramm von RTL II beanstandet habe. In den USA war die Reihe 2002 einge-In der Sendung werden unheimlichestellt worden. Bei RTL II aber funktio-Dass die Landesmedienanstalten nichtund unerklärliche Geschichten erzählt, nierte sie so gut, dass sie zum Untotenvon dieser Welt sind, ist bekannt. In ih- und am Ende wird verraten, welchewurde, endlos wiederholt, noch im vo-rem eigenen Universum sind sie meistdavon angeblich wahr und welcherigen Jahr mit einer dreistelligen Zahlganz gut mit der Verwaltung ihrer eige- bloß erfunden sind.von Wiederholungsterminen. Erst seitnen Existenz beschäftigt. GelegentlichVor allem dass viele gruseligediesem Frühjahr spukt siesenden sie von dort etwas, das man eu-Mysterien als „wahr“ auf- weniger im Programm her-phemistisch als Lebenszeichen bezeich-gelöst wurden, könnte „aufum, und insofern ist es aufnen könnte. Es sind Presseerklärungen,Heranwachsende belastendeine paradoxe Art konse-Beschlüsse und Wortmeldungen, an- wirken“, mahnten die Ju-quent, dass nun die KJM mithand derer man die Entfernung zu demgendschützer. Die Sendung ihrer Beanstandung kommt.Planeten einschätzen kann, von demsei deshalb für Kinder unterOb sich eine „X-Factor“-Sen-sie stammen.zwölf Jahren nicht geeignet dung über die Landesme-Die Kommission für Jugendmedien-und hätte nicht vor 20 Uhrdienanstalten – angemessenschutz der Landesmedienanstaltenlaufen dürfen. Darüber ließegruselig inszeniert und am(KJM) etwa prüft in einem angemes-sich womöglich streiten.Ende als „wahr“ enthüllt –sen komplexen Verfahren nach demAllerdings hat RTL II die Sen-im Tagesprogramm zeigen„Prinzip der regulierten Selbstregulie- dung „X-Factor“ seit 1998 imließe? D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 75
  • 59. ROLF VENNENBERND / PICTURE ALLIANCE / DPASenderchefin Piel mit „Tatort“-Schauspielern*: Eine Anstalt nach der anderen verärgertRUNDFUNKEingemauertMonika Piel ist die mächtigste Frau der ARD – und deren amtierende Vorsitzende.Am Mittwoch wird sie als WDR-Intendantin wiedergewählt. Doch ihr Rückhalt schwindet. Die Baustellen im Ersten sind gewaltig.EErster im Ersten s gibt durchaus Intendanten, die Spricht man jedoch mit Mitgliedern eben-sich wohlwollend über ihre Kolle- jenes Gremiums, sagen die, sie hätten da- Einnahmen der ARD-Sendergin Monika Piel äußern. Sie sagen mit kein Problem, wenn Piel sich äußerte. aus Rundfunkgebühren in Millionen Eurodann beispielsweise, dass die WDR-Che- Fragen jedenfalls gäbe es genug. Wasfin „eine hervorragende Radiostimme“RB43eigentlich sind die Erfolge von Piels ersterhabe oder „als Mensch sympathisch“ sei. SR68Amtszeit beim WDR? Warum strebt sieUnd ein bisschen gönnerhaft fügt man-RBB368 eine zweite an? Warum ist der Unmut incher hinzu, ARD-Vorsitzende sei keinHR414Stand: 2010, der ARD über sie groß? Weshalb hielt sieleichter Job, und überhaupt seien die Zei- inkl. Anteil der zum Beispiel so lange an der fixen Ideeten schwierig. 1156 Landesmedien- fest, Thomas Gottschalk ins Vorabend-anstalten, Manchmal kann Lob ganz schön ge- MDR 591 Quelle: GEZ programm des Ersten zu hieven? Warummein sein. Vor allem wenn die Kollegenschafft sie es nicht einmal, in ihrer eige-SWR 1007Intendanten dann doch eher herumdruck-nen Anstalt eine kleine Radioprogramm-sen auf die Frage, womit Piels AmtszeitBR 904 reform umzusetzen, ohne zigtausend Hö-als ARD-Oberste denn einmal in die His- NDR 975 rer gegen sich aufzubringen?torie eingehen werde.Passieren kann ihr ohnehin nichts Piel selbst sagt – nichts. Sie wolle nicht4290Beschäftigte mehr. Am kommenden Mittwoch soll sie3674 3482öffentlich reden, teilt ihr Sprecher mit. 3233 2011, Planstellenals WDR-Intendantin wiedergewählt wer-Nicht jetzt, nicht vor der Wahl. Das ge- 2009 1722den. Der Rundfunkrat hat gar nicht erstbiete der Respekt vor dem Rundfunkrat. 1471 nach einem Gegenkandidaten gesucht,563 234 was auch daran liegt, dass das Kontroll-* Dietmar Bär, Klaus J. Behrendt und Joe Bausch ingremium umso stärker wird, je schwächerKöln.WDR SWR NDR BR MDR HR RBB SR RBein Intendant ist.76 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 60. Medien Monika Piel, 61 Jahre alt, Chefin des funkdirektorin brachte. Ende 2006 wurde habe vom nächsten Tag an andere Ar-größten Einzelsenders der ARD mit Sitz sie zur Intendantin gewählt, als Nachfol- beitszeiten, alles sei schon mit dem In-in Köln, kann sich ihres Amtes sicher sein – gerin von Fritz Pleitgen.tendanten besprochen, dann war dasmangels einer inspirierenden Alternative.Mehrere Bewerber, darunter der dama- durchaus glaubhaft. Ihr ARD-Vorsitz dagegen endet zum lige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Bren-Auch Intendantenkollegen klagen über31. Dezember turnusgemäß nach zwei der, waren beim Rundfunkrat durchge- „Monika hinter den Mauern“, wie man-Jahren, dann übernimmt der NDR. In der fallen – oder hatten sich selbst aus dem cher bereits über sie spöttelt. Der ChefARD sehnen diesen Tag mittlerweile vie- Rennen geworfen. Am Ende befanden die des Hessischen Rundfunks, Helmut Reit-le herbei. „Das waren zwei verlorene Jah- Ratsmitglieder, man müsse endlich mal ze, war vor ein paar Wochen so genervt,re“, heißt es etwa, wenn einige der Inten- eine Frau an die Spitze befördern. dass er ihr einen zornigen Brief schrieb.danten dann doch mal offen reden.Es war die Zeit, als die Testosteron-Ker-Es ging um ein wichtiges Gespräch der Kein einziges großes Projekt habe sie le der ARD allerorten abtraten. Peter Voß ARD-Spitze mit den Zeitungsverlegern.in ihrer Amtszeit hinbekommen, bemän- ging beim SWR in Ruhestand, Jobst Plog Reitze wandte sich an die „liebe Fraugeln die Kollegen. Die ARD sei Piel“ mit der „dringlichen Bittezerstritten wie nie zuvor. Nicht um Information“. Inzwischen sei-einmal in der Frage, ob man wirk-en „16 Tage verstrichen, und mirlich fünf abendliche Talkshows liegen immer noch keine Infor-brauche, bekomme sie eine Eini-mationen darüber vor, was beigung hin. Ganz abgesehen von dem Termin herumgekommender strategischen Entscheidung,ist“. Er selbst werde von den Gre-ob das Erste auch Erster bei der mien um Information gebeten,Quote sein solle und wolle oderkönne aber keine Auskunft ge-nicht. Der derzeitige ARD-Werbe- ben. „Das empfinde ich als sehrslogan „Wir sind eins“, sagt ein unangenehme Situation.“ Er den-CLEMENS BILAN / DAPDSenderboss, klinge wie Hohn. ke, schloss Reitze, „es geht den Ihr Vorgänger an der Spitze meisten anderen Intendantinnendes Verbunds, SWR-Intendantund Intendanten ebenso“.Peter Boudgoust, brachte dieDer Streit mit den VerlegernNeuordnung der Fernsehgebühr ist eine der aufgerissenen Bau-unter Dach und Fach und ver- stellen, die Piel ihrem ARD-schaffte den „Tagesthemen“ wo- Nachfolger hinterlassen dürfte.chentags einheitliche Anfangs- Dabei geht es wieder einmalzeiten. Beides waren Kraftakte.darum, wie sehr sich die öffent-Und Piel? Wenn jetzt nicht nochlich-rechtlichen Sender im Inter-etwas Bedeutsames passiert, wird net ausbreiten dürfen.sie in Erinnerung bleiben als die Der Krach entzündete sich anFrau, die Thomas Gottschalk ge-der „Tagesschau“-App. Am Endeschrumpft hat. verhandelte Piel mit den Verle- Sein Vorabend-Experimentgern einen Kompromiss, den inSTAR-MEDIA / INTER-TOPICSwar ein Lieblingsprojekt von der ARD viele als faul empfin-Piel. Auf seinem Schloss hochden. Die öffentlich-rechtlichenüberm Rhein, bei Kaffee undSender sollen sich weitgehendKuchen, hatte er ihr und dreiauf Bilder und Töne beschrän-weiteren ARD-Abgesandten sei-ken, die Verleger auf Texte.ne Pläne für eine werktägliche ARD-Stars Gottschalk, Florian Silbereisen (2. v. r.): Piel fing Feuer Doch selbst dieser KompromissSendung mit sich selbst als Kopf,kam nicht zustande, weil derGesicht und Zentrum präsentiert. Gott- beim NDR und beim WDR eben Pleitgen. neue ZDF-Intendant Thomas Bellut kurzschalk brannte. Piel fing Feuer. Es war ein Umbruch in Fragen der Macht- vor der Unterschrift die Notbremse zog. Mit seiner letzten „Wetten, dass …?“- kultur. In Köln fand man den Wechsel an Piel und das Erste waren blamiert.Sendung im ZDF hatte er fast 15 Millio- der Senderspitze durchaus erfrischend.Zwar ist der ARD-Vorsitz ohnehin einnen Zuschauer vor dem Fernseher ver- Und war bald schon ernüchtert. eher obskurer Posten. Zwar ist er vonsammelt. Im Ersten ist er jetzt bei einigenStatt einen Aufbruch zu wagen, pflege seinen Befugnissen her keineswegs zu ver-hunderttausend getreuen Fans angelangt. Piel das Prinzip der Abschottung, sagen gleichen mit dem Chefsessel beim ZDF, Hätte sie es wissen können? Hätte je- ihre Kritiker – und die finden sich keines- wo der Intendant quasi als aufgeklärtermand sie warnen müssen? Gottschalk war wegs bloß in einer Altherrenclique. Sie Monarch agiert. Zwar kann Piel nichts al-eben immer vor allem „Wetten, dass …?“. regiere per Akte. WDR-Mitarbeiter quer lein entscheiden. Aber andererseits ist esAm Ende war das Einzige, was Piel für durch Haus und Hierarchie bemängeln, ihr Job, diesen Senderverbund überhauptihren Schützling tun konnte: seine frist- dass sie kaum einen Gesprächstermin mit entscheidungsfähig zu machen.lose Absetzung durch die Intendanten- der Chefin bekommen. Abteilungsleiter Im Grunde geht es darum, neun bun-kollegen im April abzuwenden. Statt- warten angeblich mitunter monatelang desweit versprengte Sender im Zaum zudessen ist jetzt Anfang Juni Schluss. Und auf ein Treffen.halten, von denen der eine dem anderenschon heißt es in der ARD wieder, Piel Von ihrem Vorgänger Pleitgen waren nicht mal die Nachkommastelle bei dersei eben doch eher eine Radiofrau. die WDR-Leute anderes gewohnt. Er Einschaltquote gönnt. Man müsste sie Begonnen hatte sie ihre Laufbahn tat- stopfte seinen Tag voll mit Mitarbeiter- einen. Befrieden. Umarmen.sächlich beim Fernsehen. Als studentische gesprächen, spazierte durch die Anstalt,Piel, die jeden Arbeitstag mit demAushilfe bearbeitete sie einst Zuschauer- hier ein Schwätzchen, dort ein Plausch, zweimaligen Hören der „Morgenstim-fragen. Karriere machte sie jedoch beim lud in sein Büro und regelte vieles im di- mung“ aus Edvard Griegs „Peer-Gynt-Radio, wo sie als Parlamentskorrespon- rekten Kontakt. Wenn der Pförtner zu Suite Nr. 1“ beginnt und ihn gern mit ei-dentin in Bonn auffiel und es bis zur Hör- seinem Vorgesetzten lief und sagte, er nem Waldspaziergang ausklingen lässt,D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 77
  • 61. entschied sich für den gegenteiligen Weg.Sie begann ihre Amtszeit Anfang 2011damit, eine Anstalt nach der andern zu MUSIKFERNSEHEN Baku – blendendverärgern. In einer Reihe von Interviews distan-zierte sie sich von so ziemlich allem,wofür das Erste steht. Für „Anne Will“erklärte sie sich „nicht zuständig“. DiePersonalie Kai Pflaume, so gab sie zu Pro- Der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan wird als Sieg dertokoll, sei „nicht meine Entscheidung“ Fassade in die TV-Geschichte eingehen. Von Stefan Niggemeierund der Eurovision Song Contest für sie„nicht der Höhepunkt des ARD-Pro-Dgramms“. Kritik an der Häufung krach- er große Wanderzirkus des Euro-lederner Dudel-Shows im Ersten parierte vision Song Contest (ESC) wirdsie mit der Bemerkung, der WDR habe weiterziehen. Er wird die Auf-„noch nie Volksmusik angeboten“. So merksamkeit mitnehmen, die dieses Er-macht man sich keine Freunde. eignis aus schwer zu erklärenden Grün- Es ist schwer zu sagen, was diese In-den immer noch erhält. Und mehr als jetendantin antreibt. Oft ist es einfach diezuvor wird er zwei Fragen zurücklassen:Angst vor schlechter Presse. Als „Bild“ Hat er das Land verändert, in dem erim vergangenen Sommer etliche Recher- stattfand, diesmal Aserbaidschan? Undcheanfragen an die ARD schickte, warden Blick der Welt auf dieses Land?die Angst vor einer Kampagne des Bou-Goethe meinte: Man fühlt die Absichtlevardblatts gegen das böse Gebühren- und ist verstimmt. Aber Goethe war niefernsehen vor allem im WDR so groß, in Baku. Hier müsste der Satz lauten:dass in Piels Sender eilig eine Task-ForceMan fühlte die Absicht und war trotzdemunter Führung von Fernseh-Chefredak-beeindruckt.teur Jörg Schönenborn gebildet wurde.Über weniges lässt sich in diesem Land,Der Trupp sollte sich nicht bloß eine Stra- in dieser Stadt so ausgiebig philosophie-tegie zur Verteidigung zurechtlegen, son- ren wie über das Wesen und Wirken vondern auch darüber nachdenken, wie man Fassaden. Schon der Weg vom Flughafenzur Not im eigenen Programm zurück- in die Innenstadt von Baku führt an end-schießen könne. Die Kampagne kam nie. losen Schmuckmauern vorbei. Sie kön- Bereits im Frühjahr, als publik gewor- nen nicht immer verbergen, was dahinter-den war, dass die Soldaten in Afghanistan liegt. Ölgestank verrät die Förderfelder.wegen der Abschaltung eines ansonstenDie Stadt ist keine natürliche Schön-überflüssigen Satellitenkanals nicht mehr heit. Der Teil, den die Touristen und Be-die ARD empfangen konnten, war Piel sucher des ESC vor der Show am Samstagauf Druck der Presse eingeknickt. Statt zu sehen bekamen, war nicht nur zurecht-in Ruhe zu überlegen, wie das TV-Signal gemacht, er sah auch so aus. Parks, Wege,auf anderem Weg billiger zu den SoldatenGebäude wirkten, als hätte sie jemand Altstadt von Baku: Man fühlte die Absicht – undgeschickt werden könne, setzte sie in der gerade erst aus der Verpackung geholt.Intendantenrunde durch, weiterhin eineBaku war geliftet.konkreten Bilder waren ungleich mächti-knappe halbe Million Euro jährlich für Die Besucher konnten, wenn sie sichger als das Wissen.den Satelliten zu bezahlen. informiert hatten, sogar rekonstruieren,Fassaden verlieren ihre Wirkung nicht Ihre nächste Schlacht schlägt Piel nun wo die Häuser gestanden haben müssen, dadurch, dass man sie als solche erkennt.nicht am Hindukusch, sondern daheim die der Verschönerung Platz machenTrotzdem ließen sich die Verantwortli-in Köln. Im Sendegebiet des WDR zog mussten und deren Bewohner oft mit bru- chen bei deren Errichten ungern zusehen.sie sich den Zorn der Hörer zu, weil sietalen Methoden vertrieben wurden. AberManchmal war es schon zu viel, vor dendie Radio-Kulturwelle WDR 3 umbauen was die Besucher sahen, waren die ge- drei gewaltigen Türmen in Flammenformwollte, ohne darüber vorher groß mit derplanten Freiräume, die großzügigen Zu-zu stehen und Fotos machen zu wollen.Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen.fahrtsstraßen und Parkplätze und dieDerweil hatte sich die Eurovision vom Eigentlich wäre die Reform eine Klei-spektakuläre moderne Architektur. Diese Staat wenigstens für die Teilnehmer dernigkeit, denn das Programm hat pro Tagnur 220 000 Hörer. Doch am Ende wurdedaraus ein Tsunami. Piel hatte schlichtunterschätzt, welche Bedeutung die Wel- Kooperation auf der Kippele unter den Kulturschaffenden in Nord- Eine weitere Zusammenarbeit von StefanProgrammplatz am Hauptabend mehr ge-rhein-Westfalen einnimmt. Raab und der ARD für den nächsten ben. Entschieden wird über die Sendung Erst als 18 000 Menschen im Internet deutschen Vorentscheid zum Eurovision allerdings erst nach dem Eurovisions-einen Protestbrief an die Intendantin Song Contest ist unwahrscheinlich. Nach Finale am 26. Mai in Baku. Für eine neueunterschrieben hatten, erkannte sie Ge- der schlechten Zuschauerresonanz derVariante der Kandidatensuche gibt es insprächsbedarf. Prompt kündigte derCasting-Show „Unser Star für Baku“ stellender ARD-Unterhaltung bereits mehrereWDR Diskussionsveranstaltungen an. Al-die Verantwortlichen sowohl in der ARD alsModelle – mit und ohne Raab. Die ARDlerdings erst für Juni, wenn die Reform auch bei ProSieben das gesamte Konzepthatte 2010 zum ersten Mal mit ihm undschon beschlossen sein soll – und Monikader Reihe in Frage. In ihrer jetzigen Formdessen Stammsender ProSieben gemein-Piel als Intendantin wiedergewählt. werde die Sendung wohl kaum fortgesetzt,sam den deutschen Eurovisions-Kandida- Bis dahin schweigt sie weiter. heißt es in der ARD. Auch ProSieben willten gesucht – und so die spätere Gewinne- MARKUS BRAUCK, ALEXANDER KÜHNdem Quotenschwächling offenbar keinen rin Lena Meyer-Landrut gefunden.78D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 62. MedienVeranstaltung Garantien geben lassen:Das geplante große Oppositionskonzert Werte überleben. Es sind die Werte, fürMeinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit. „Sing for Democracy“ durfte nicht in der die Europa steht oder stehen sollte: Mei-Sie konnte nicht sagen, wann und in wel- Öffentlichkeit, sondern nur in einer Knei-nungs-, Presse- und Versammlungsfrei-cher Form derlei stattfinden könnte. Es pe stattfinden; Demonstrationen wurden heit etwa. Rund um den ESC konnte mansei aber natürlich wichtig, über diese Fra- sofort aufgelöst; zweifelhafte Prozesse ge-aber auch erleben, wie verdruckst Euro-gen nachzudenken. Mehr als Fassaden wa- gen inhaftierte Journalisten gingen weiter.päer darin sind, diese Werte zu verteidi-ren auch die Eurovision-Versprechen of- Es ging der Regierung offenkundig nichtgen und zu leben.fenbar nicht, während des Grand Prix auf darum, nach außen Eindruck durch Nach- Ein selbstverständliches Bekenntnisdie Gewährung von Freiheiten zu achten. giebigkeit zu machen, sondern nach innen dazu wurde gelegentlich von Westeuro- Formal, auf dem Papier, ist Aserbai- durch Härte. Sie zeigte der Bevölkerung, päern selbst als überheblicher Missio-dschan ein Staat, der wenig zu wünschen Freund und Feind, dass sie sich von demnierungsversuch abgetan, universales internationalen Druck gar nicht Menschenrecht als Luxusphänomen rela- beeindrucken lässt. tiviert.Offenbar wollte die Regierung Es war bestürzend zu sehen, wie weder friedliche Proteste zulas-schnell sich die Errungenschaften eines sen noch hässliche Bilder von ih- Rechtsstaats, mit all seinen Macken, rela- rer gewaltsamen Auflösung pro-tivieren lassen, wenn etwa die EBU-Che- duzieren. Beobachter hatten das fin Deltenre die rechtlich fragwürdigen Gefühl, dass die Sicherheitskräf- Zwangsräumungen in Aserbaidschan mit te deshalb etwas weniger ruppig Umsiedlungen vor den Olympischen Spie- vorgingen als sonst.len in London verglich.Die Regierung hat davon pro-Aserbaidschan wiederum wollte zei- fitiert, dass viele ihrer Gegenüber gen, dass es zu Europa gehört. Der ESC es leid wurden, dauernd hintersuggeriert diese Nähe. Und mit dem end- die schönen Kulissen schauen zu los wiederholten Verbot einer „Politi- sollen. Sie fand Verbündete insierung“ dieser Veranstaltung lässt sich Teilnehmern, Fans und Bericht-auch die bloße Forderung, Menschenrech- erstattern, die in Baku einfach te zu respektieren, von der Tagesordnung die übliche irre Grand-Prix-Sause wischen. Dass der ESC längst von der feiern wollten – unabhängig da- aserbaidschanischen Regierung politisiert von, was im Land passiert.wurde, fiel dabei regelmäßig unter denAusgerechnet ein „taz“-Jour- Tisch. nalist nannte den Menschen-Fast alles an Aserbaidschan ist bemer- rechtsbeauftragten der Bundes-kenswert, und manches auch bemerkens- regierung eine „Spaßbremse“,wert positiv, insbesondere für ein Land, verunglimpfte Kritiker als „Men-das an Iran grenzt, wo viele Aseri unterJOERN HAUFE / DAPD schenrechtisten“ und machte einem ganz anderen Regime leben. sich über die schwedische Teil-Das autoritäre Regime ist aber nicht nehmerin lustig, weil sie – einenur weniger schlimm, sondern auch ge- Ausnahme – Solidarität mit denschickter als Diktaturen. Im Vorfeld hattewar beeindrucktbedrängten Bürgerrechtlern deres einzelne Aktivisten zur Armee einzie- Stadt zeigte. hen lassen oder sie verhaftet, weil beiübriglässt. Das Land ist Mitglied des Eu-Der Europäischen Rundfunkunionihnen plötzlich Drogen gefunden wordenroparats – auch wenn es die Pflichten, die EBU, dem Veranstalter des jährlichenwaren. Die beiden prominenten Organi-damit verbunden sind, oft ignoriert. Das Wanderzirkus, war ohnehin daran gele- satoren von „Sing for Democracy“ sagten,Land hat Gesetze und Gerichte – auch gen, die Fassade einer unpolitischen Ver- sie seien von der Uni geworfen worden –wenn die oft nicht für Gerechtigkeit sor- anstaltung aufrechtzuerhalten. Sie trat alseine Repression, wirkungsvoll, aber ge-gen. Es sind Fassaden.Verbündeter der Regierung auf, geeintrade klein genug, um keinen Aufschrei Und das Land hat Geld. Es hilft unge- durch den Wunsch, eine in jeder Hinsichtzu provozieren. Das ist vielleicht der bes-mein, ein autoritäres Regime attraktiv reibungslose Veranstaltung über die Büh-te Fassadentrick des Landes: dass es sichwirken zu lassen, wenn dieses Regime es ne zu bringen. so wenig autoritär anfühlt.sich leisten kann, Attraktivität zu kaufen.„Wir sind nicht glücklich über das, wasDer ESC hat Baku gewaltige Aufmerk-Natürlich gäbe es wichtigere Dinge, in hier passiert ist“, sagte Annika Nyberg samkeit gebracht. Viele bunte, schönedie der Staat den Reichtum aus seinem Frankenhaeuser, die Mediendirektorin und geschönte Bilder, aber auch reichlichÖl investieren könnte, als Luxus in der der EBU, in Bezug auf die Zerschlagung Kritik. Ob und wie der ESC das Land tat-Innenstadt. Und theoretisch würden das mehrerer friedlicher Demonstrationen in sächlich verändern wird, ist offen. Kriti-vermutlich auch die meisten Gäste, die Baku. Die EBU habe das Thema aber ker im Land fürchten, dass nach ein, zweizum ESC in die Stadt gekommen sind, gegenüber den Behörden noch nicht an-Monaten Schonzeit das Regime mitunterschreiben. Aber praktisch hilft es gesprochen. Sie konnte auch nicht sagen, Macht zurückschlagen wird. Aber auchdoch sehr, wenn eine Stadt, die blenden wann und in welcher Form das stattfinden das ist nicht ausgemacht.will, auch blendend aussieht. könnte oder werde.Vielleicht wird sich herausstellen, dass Aserbaidschan wollte gut aussehen.Die EBU-Generaldirektorin Ingrid Del- der Song Contest einfach eine neue bunteAber nicht immer auf die Art, die ein tenre hingegen sagte, man habe die Be- Fassade war, und dahinter ist: nichts.westlicher Beobachter erwarten würde. hörden um eine Erklärung für angebliche Auf die Frage, ob der Wettbewerb einAnders als von vielen erhofft, reagierte Verhaftungen von Journalisten gebeten.wenig mehr Demokratie nach Aserbai-das Regime auf die plötzliche Aufmerk- Wenig sprach dafür, dass die EBU sich dschan bringen könnte, sagte ein Kennersamkeit aus aller Welt nicht mit demon- darum sorgte, dass hinter den bunten Ku- des Landes: „Ein Land, das sich demo-strativer (oder auch nur vorgeblicher) Of- lissen der vermutlich größten nichtsport- kratisieren will, braucht dafür nicht denfenheit und Entspannung.lichen Fernsehshow der Welt auch ihreEurovision Song Contest.“ D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 79
  • 63. PanoramaG R O S S B R I TA N N I E NMeister des MüßiggangsAuf dem Gipfel der Macht ist die Luftdünn, und mancher dort trägt soschwer an der Last der Verantwortung,dass ihm graue Haare wachsen. Nureiner widersteht: David Cameron, 45,hat geradezu Zen-artige Fähigkeitenzum Müßiggang entwickelt. Draußenmag die Schuldenkrise wüten – dochder Herr von 10 Downing Street zücktsein iPad und spielt „Angry Birds“.Angeblich hat er schon alle Level be-wältigt und widmet seine Aufmerk- SIMON ROBERTSsamkeit nun „Fruit Ninja“. Dabeimüht sich der Premierminister Groß-Cameronbritanniens, mit einem imaginärenNinja-Schwert möglichst viel umher-fliegendes Obst zu zermatschen.eine olympische Goldmedaille fürs Re-des Delegierens und der austarierten„Times“-Journalisten haben jetzt auchlaxen gäbe“, so zitieren die Journalis-Work-Life-Balance erregt den Spottenthüllt, mit welcher Verve Cameronten einen Parteifreund, „dann würdemancher Oppositionspolitiker – aberan Sonntagen entspannt. Auf seinem er sie gewinnen.“ Auf Staatsbesuchen Experten zollen ihm Respekt: Came-Landsitz Chequers sieht er fern, spieltzwackt Cameron oft etwas Zeit fürron verfüge über das Talent, sagt Alex-Billard und Tennis, kocht und trinkt sich ab, und jede Woche verbringt er andra Beauregard von der LondonWein, den Abend lässt er gelegentlicheine romantische „date night“ mit sei- School of Economics, seine Batterienmit Karaoke ausklingen. „Wenn es ner Frau Samantha. Der Großmeister wieder aufzuladen. ISRAELQUERSCHNITTArme, heilige Stadt BoomendesGenau 45 Jahre nach der Eroberungund Vereinigung Jerusalems ist die Afrika Quelle: IWF, teilweiseStadt tief gespalten: Während der jüdi- Schätzungensche Westen prosperiert, leben 78 Pro-zent der 360 882 palästinensischen Be- Der Schwarze Konti-wohner in Armut. 2006 hatte die vom nent ist besser als seinNigeriaisraelischen Sozialversicherungsinsti-GhanaÄthiopien Ruf. Seit etwa fünf Jah- tut ermittelte Armutsrate noch bei 64 Äquatorialguinea ren hellt sich die wirt- Prozent gelegen. Hauptgrund ist die schaftliche Situation stetigUganda hohe Arbeitslosigkeit: 40 Prozent derRuanda auf. 2012 wird Afrika ein Wachstum Männer und 85 Prozent der Frauen von im Schnitt 5,4 Prozent verzeichnen.sind ohne Beschäftigung, schätzt die Die Entwicklung der vergangenen JahreBürgerrechtsorganisation Acri. Einst wurde angeführt von Ländern wie Ghana, Malawiwar Ostjerusalem das wirtschaftliche Nigeria und Äthiopien, dessen Wirtschafts-Angola und kulturelle Zentrum der Palästinen- leistung seit 2006 um fast 60 Prozent gestie-ser, heute ziehen viele Bewohner in gen ist. Insgesamt fließen inzwischen mehr das aufstrebende Ramallah im Westjor- Investitionen als Entwicklungshilfe auf dendanland. Denn die israelische Stadt- Kontinent. Allerdings beruht der Boom in verwaltung vernachlässigt palästinensi- vielen Ländern auf einem einzigen Exportgut: sche Wohnviertel, erteilt kaum Bau- Rohstoffen wie Öl, Gas, Holz, Gold oder Dia- genehmigungen, die Schulen sind manten. Die Bevölkerung profitiert oft nicht schlecht. 40 Prozent der Schüler been- vom Aufschwung. Im Erdölland An- den die zwölf Pflichtschuljahre nicht, gola etwa wuchs selbst im Krisen-nur wenige können sich ausreichendZunahme der 40%20%bis jahr 2008 die Wirtschaft um 14 Pro-undbis20% für das Studium qualifizieren. Seit Ost- zent. Trotzdem lebt noch mehr alsWirtschafts-mehr 40%jerusalem durch einen Sperrwall vom die Hälfte der Angolaner unter der leistungWestjordanland abgetrennt ist, habenvon 2006Rückgang der keine Armutsgrenze. Weit abgeschlagenWirtschafts- Angabe viele Geschäfte mangels Kunden ge- liegen das diktatoriale Simbabwe bis 2011schlossen. Der Handel mit dem West-leistung und das kriegsversehrte Libyen.jordanland ist fast zum Erliegen ge-kommen, Industrie gibt es kaum.80 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 64. Ausland BÜCHERHistorische Gelegenheit Es gibt Begegnungen, die über Aufstieg und Fall entscheiden, über Karriere oder Knast. Für Seyed Hossein Mousa- vian, 54, wurde der 19. Juli 2005 zum Wendepunkt. Der langjährige Unter- händler Irans im Nuklearkonflikt war vorgeladen bei dem gerade gewählten Präsidenten Mahmud Ahmadine- dschad. Der frühere Botschafter in Deutschland und Leiter der außenpoli- tischen Abteilung im Nationalen Si- cherheitsrat Irans zählte zur engeren Wahl für das Amt des Außenministers. 20 Minuten waren für das Treffen vor- gesehen, doch die Diskussion über „das weite Feld von Irans Beziehungen zum Westen“ dauerte mehr als zwei Stunden lang. Mousavi- ans Fazit: „Wir stimm- ten nicht in einem einzi- gen Punkt überein.“ Die Konfrontation mit Ah- madinedschad ist eine der persönlichen Szenen aus Mousavians „Erinne- rungen“, die jetzt in den USA erscheinen, wo der Seyed HosseinRAINER MARTINI / LOOK-FOTO Top-Diplomat inzwi- Mousavian schen lebt. Denn seine Kritik am Kurs des Prä- The Iranian Nuclear Crisis – sidenten büßte Mousa- A Memoir Istanbulvian mit einer Verurtei- Carnegie Endow- lung: Wegen „Gefähr-ment, Washing- dung der nationalen Si- ton; 554 Seiten. TÜRKEI cherheit“ erhielt er fünf Jahre Berufsverbot. Um „Goldenes Zeitalter“ weiterer Verfolgung zu entgehen, suchte er 2009 Zuflucht beim „Großen Satan“. An der Elite-Universität Princeton lehrt Mousavian internatio-Es ist eine Ankündigung ganz nach dem Geschmack von Ministerpräsidentnales Krisenmanagement und zählt zuRecep Tayyip Erdogan – und sie fällt zusammen mit der Entscheidung des Inter-den gefragtesten Kommentatoren desnationalen Olympischen Komitees, Istanbul als Olympia-Stadt für 2020 in dieNuklearkonflikts. Die Gespräche zwi-engere Wahl zu ziehen: Serdar Inan, einer der größten Bauunternehmer der schen dem Westen und Iran, die amTürkei, will vor Istanbul eine künstliche Insel im Schwarzen Meer aufschüttenvergangenen Mittwoch in Bagdad be-lassen. „Havva adasi“ („Evas Insel“) soll mit einem Durchmesser von drei Kilo- gannen, sieht er als „historische Gele-metern groß genug sein, um 300 000 Menschen Platz zu verschaffen. Die Kosten,genheit“ zur Vertrauensbildung. In sei-so Inan, lägen bei 30 Milliarden Dollar. Als Füllmaterial will er den Aushub ver-nem Werk „The Iranian Nuclear Crisis“wenden, der beim geplanten Bau eines neuen Kanals zwischen dem Marmara-gibt der Spitzendiplomat nun einen sel-meer und dem Schwarzen Meer anfällt – ein Kanal, der „kleiner Bruder des Bos-tenen Einblick in die iranische Ver-porus“ genannt wird und zu Erdogans Lieblingsprojekten zählt. Wann der Kanal handlungsstrategie. Er zeigt, warumgegraben und die Insel aufgeschüttet wird, ist allerdings ungewiss; andere Bau-die Lösungsversuche bislang scheiternvorhaben wie Istanbuls dritter Großflughafen und eine dritte Bosporusbrückemussten – etwa weil das Misstrauen aufbefinden sich in der Planungsphase. Der Marmaray-Eisenbahntunnel, der Asieniranischer Seite so groß ist wie aufund Europa verbindet, ist dagegen fast fertiggestellt, er soll 2013 in Betrieb westlicher. Mousavians Aufzeichnun-gehen. Die Megaprojekte sind Ausdruck des gestiegenen Selbstbewusstseins der gen zählen zum Aufschlussreichsten,türkischen Regierung: Während Europas Süden und Südosten weiter in die Re- was über den Konflikt zu lesen ist –zession rutschen, hält der Boom in der Türkei an, im vergangenen Jahr lag dasund sind um so interessanter, als man-Wirtschaftswachstum bei 8,5 Prozent. Für den Unternehmer Inan jedenfalls sindche in Teheran dem Autor die Chancedie Vorhaben ein Beweis dafür, dass den Türken ein „goldenes Zeitalter“ bevor- auf ein politisches Comeback einräu-stehe: „Evas Insel“ werde ihr „Licht über die Welt verbreiten“.men, wenn im Sommer 2013 ein neuer Präsident gewählt wird.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 81
  • 65. AuslandWÄ H R U N G S P O L I T I KJudo am Abgrund Mit seiner Wachstumsagenda hat Frankreichs neuerPräsident Hollande die Kanzlerin in die Defensivegedrängt. Nun plant Angela Merkel den Gegenschlag.Um den Euro zu retten, fordert sie Strukturreformen. Jugendprotest in Madrid, Staatschef Hollande,J e mehr Staats- und Regierungschefs Es sind zwei gegensätzliche Programme, sich am vergangenen Mittwoch zu die Merkel und Hollande für den geplan- Wort meldeten, desto düsterer wurde ten EU-Wachstumsgipfel Ende Juni vor-die Miene von Angela Merkel. Einer nachlegen. Am Schluss muss ein Kompromissdem anderen sprach sich beim Abend-stehen, doch die Risiken sind groß. Gelingtessen für die gemeinsame Aufnahme vones den beiden Regierungschefs, aus ihrenSchulden und gegen den von Berlin ge-unterschiedlichen Plänen ein gemeinsamesforderten strikten Sparkurs aus. Die Kanz- Konzept für die Währungszone zu formen,lerin schaute stumm auf den Mann, derkönnen sie als Euro-Retter in die Geschich-ihr diesen Stimmungswandel eingebrockt te eingehen. Scheitern sie, wird sich jenerhatte: Frankreichs neuer Staatspräsident Prozess beschleunigen, den eine wachsen-François Hollande, der zufrieden feststell-de Zahl von Experten für unvermeidbarte, es gebe „eine Perspektive für Euro-hält: der Zerfall der Währungsunion.Bonds in Europa“. In dieser Woche schien Europa dem Merkel widersprach: Euro-Bonds seienAbgrund wieder ein Stück näher gerücktkein geeignetes Mittel, aber es half alles zu sein. Die Finanzmärkte spekuliertennichts. Nur eine Minderheit stellte sich hin-auf einen Euro-Ausstieg Griechenlands,ter die Deutsche. Selbst EU-Ratspräsidentder Kurs der GemeinschaftswährungHerman Van Rompuy sagte zum Schluss, stürzte auf neue Tiefststände, die ökono-es dürfe „keine Tabus“ geben. Er werde mischen Ungleichgewichte verschärftendie Idee der Euro-Bonds prüfen. „Her-sich. Während Deutschland erstmals eineman“, platzte es da aus Merkel heraus: Zwei-Jahres-Anleihe mit einem Zinssatz„Du solltest zumindest sagen, dass hier am von null an die Märkte bringen konnte,Tisch einige anderer Meinung sind.“blieben die Risikoprämien für spanische Verkehrte Welt: Zum ersten Mal seit und italienische Papiere auf Krisenniveau.Jahren gab die Kanzlerin auf einem EU-Die Euro-Zone driftet auseinander, undGipfel nicht den Ton an, steckte nicht zu- der deutsch-französische Richtungsstreitvor mit dem französischen Präsidentenist dafür mitverantwortlich. Es geht nichtim Hinterzimmer gemeinsame Positionennur um die Frage Wachstumsprogrammab.oder Fiskalpakt. Es geht um das politische Dabei hängt viel davon ab, ob die Deut- Gleichgewicht Europas, das sich seit demsche und der Franzose Hollande beimAmtsantritt Hollandes verschoben hat.Kampf um Europas Gemeinschaftswäh-Ein Staatschef ist auf die Bühne getre-rung zu einer gemeinsamen Haltung fin- ten, der seinen Bürgern und dem Restden können. Seit Wochen streiten sie, ob Europas zeigen will, dass er vor der über-der Euro durch mehr Sparen oder durchmächtigen Angela Merkel nicht kuschenmehr Geldausgeben zu retten ist. Nun er- wird. Weil er glaubt, dass sie unrecht hat.reicht der Zwist eine neue Eskalations-Er will nicht ihre Bedingungen überneh-stufe. Nach Hollandes Auftritt am Mitt-men, sondern ihr seine eigenen diktieren.woch legt Merkel jetzt ihr GegenkonzeptZumindest will er es so aussehen lassen.vor. In einem Sechs-Punkte-Plan fordert Wer Hollande in den letzten Wochensie tiefgreifende Strukturreformen für beobachtete, konnte einen Mann sehen,Europa. Staatsbetriebe sollen verkauft,der zu bersten schien vor Selbstbewusst-der Kündigungsschutz gelockert und hem-sein. Auf die Kritik eines konservativenmende Auflagen für Unternehmen besei-Politikers, er trete auf, als könnte er überstigt werden, von SonderwirtschaftszonenWasser laufen, sagte er zu Journalistenist die Rede und von Privatisierungsagen-beim jüngsten G-8-Gipfel im Scherz: „Dieturen nach dem Vorbild der Treuhandan- Chancen, dass ich das versuche, sindstalt. Kurz: Der Mittelmeerraum soll wer-gering.“den wie die Bundesrepublik, nur mit bes-Das war das Bescheidenste, was vonserem Wetter.ihm aus Amerika zu hören war. Der Prä-82D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 66. sident brüstete sich anschließend damit,das Thema „Wachstum“ auf die Agendagesetzt zu haben – auch wenn „Wachs-tum“ für alle etwas anderes heißt. SeineBerater verbreiteten: Während Hollandeund Obama sich bestens verstünden, seiMerkel mit ihrem Sparkurs isoliert. Schon lange vor dem EU-Sondergipfelin Brüssel erweckte der französische Prä-sident den Eindruck, er suche den Show-down mit den Deutschen. Im Wahlkampfhatte er stets gefordert, den Fiskalpakt neuzu verhandeln. Nach seinem Amtsantrittwiederholte er, ohne „Wachstumskompo-ALBERTO DI LOLLI / APnente“ werde er ihn nicht ratifizieren. Bis-her hatte Hollande sich immerhin gegeneine Vergemeinschaftung der Schuldenausgesprochen, seit vergangener WocheKanzlerin Merkel in Chicago: Eine Allianz der Franzosen gegen die Deutschen fordert er plötzlich echte Euro-Bonds –nicht mehr nur „Projekt-Bonds“ zur Fi-nanzierung europäischer Infrastrukturpro-jekte. Bereits am vergangenen Wochenendehatte der französische PremierministerJean-Marc Ayrault eine weitere Forde-rung gestellt, die allem widerspricht, wasden Deutschen heilig ist: Die EuropäischeZentralbank solle Krisenstaaten direktGeld leihen können, sagte er. Es sieht so aus, als wollten die Franzo-sen eine Allianz gegen die Deutschenschmieden: gemeinsam mit Vertreternder Europäischen Kommission, von Or-ganisationen wie der OECD und denVertretern kleinerer und südlicher EU-Länder. Hollandes Berater betonten, derItaliener Mario Monti liege mit seinenVorstellungen näher bei den Franzosenals bei den Deutschen. Hat sein erfolgreicher Start Hollandeübermütig werden lassen? Oder beendeter einen europäischen Irrweg? Will er nurdie Verhandlungsmasse vergrößern, umam Ende so viel wie möglich zu bekom-men? Oder ist alles eine große Show fürdas heimische Publikum, das ihm bei denParlamentswahlen am 10. und 17. Junieine Mehrheit verschaffen soll? Zum ersten Mal seit Beginn der Schul-denkrise wirkt Merkel, einst zur „KöniginEuropas“ ausgerufen, nicht mehr unan-greifbar. Hollande, den sie im Wahlkampfdemütigte, indem sie sich uneingeschränktauf die Seite seines Vorgängers stellte,zahlt es ihr nun heim. Auf Nicolas Sarkozy, der sein Heil darinsuchte, sich an die Kanzlerin zu ketten,folgt ein Präsident, der sich einen größerenpolitischen Gewinn davon verspricht, ge-gen die deutsche Dominanz in Europaanzutreten. Hollande will kein deutsch-französisches Direktorium, er will Europawieder öffnen.MICHAEL GOTTSCHALK / DAPD Die Franzosen sind überzeugt, dass inder jetzigen Vertrauenskrise der gemein-samen Währung getan werden muss, wasDeutschland bisher verhindern wollte:Die Staaten der Euro-Zone sollen zumin-dest für einen Teil ihrer Schulden gemein- 83
  • 67. FRANCOIS LENOIR / REUTERSKanzlerin Merkel, Präsident Hollande (r.) auf EU-Gipfel*: Kein deutsch-französisches Direktoriumsame Anleihen herausgeben. Sie glauben, Da ist etwas dran: Intern hat die EZBden Baltenstaaten, Nord- und Südeuropamit Euro-Bonds werde die dringend be-signalisiert, dass sie bei Bedarf, etwa wennund nach Nordafrika für besonders wich-nötigte Stabilität für Investoren in den Griechenland aus dem Euro ausscheidet,tig. Auch internationale Gasleitungen wieKrisenländern geschaffen. Außerdem sei wieder Anleihen anderer strauchelnder Nabucco oder der Ausbau leistungsfähigeres ohnehin ungerecht, dass Deutschland Staaten aufkaufen werde. Mit Blick aufInternetverbindungen sollen gefördertso viel niedrigere Zinssätze zahlen müsseHollandes Forderungen nach mehr Wachs-werden. Darüber sind sich Deutschlandals etwa Spanien, sagte Hollande am Mitt-tumsimpulsen wollen sich die Deutschenund Frankreich einig, die Unterschiedewoch. Dahinter steckt die von vielen hingegen konzilianter geben. Sie sind be- liegen woanders. Um das Wachstum eu-Ökonomen geteilte Haltung, eine Wäh- reit, das Kapital der Europäischen Inves- ropaweit anzukurbeln, wollen Merkels Be-rungsunion ohne politische Union und titionsbank (EIB) auf insgesamt 10 Milli- rater nicht nur auf Maßnahmen setzen,Vergemeinschaftung der Schulden habe arden Euro aufzustocken, der deutsche die Geld kosten. Wachstum lässt sich nachnoch nie funktioniert. Anteil würde 1,6 Milliarden Euro betragen.Überzeugung der Deutschen auch billiger Hollande unterscheidet sich inhaltlich Auch wollen sie dem französischenerzeugen, mit Strukturreformen, dienicht grundsätzlich von seinem Vorgän- Drängen nachgeben, die Mittel des euro- nichts anderes erfordern als Überwindung.ger Sarkozy – der vertrat stets ähnliche päischen Strukturfonds wachstums-In einer internen Vorlage, die im Kanz-Ansichten. Der Unterschied ist, dass Sar-freundlicher einzusetzen und sogenannte leramt kursiert, haben Experten der Bun-kozy Differenzen mit Merkel in den Hin-Projekt-Bonds aufzulegen. Dabei bringen desregierung einen Sechs-Punkte-Planterzimmern austrug, um die Märkte zu die EU-Staaten und private Investoren entwickelt, der an die Agenda 2010 erin-beruhigen. Der neue Präsident Hollande gemeinsam Geld auf, um zum Beispiel nert und mit dem Sparen und Wachstumhingegen stellt sie aus und scheint über-grenzüberschreitende Infrastrukturpro-in Europa wieder in Einklang gebrachtzeugt, dass er den deutschen Irrweg kor- jekte zu finanzieren. Merkel kann sichwerden sollen. Das Papier gibt die Linierigieren müsse.mit dem Gedanken anfreunden.vor, mit der Merkel in die Verhandlungen Doch Merkel ist eine erfahrene Geg-Einen Tag vor Beginn des EU-Sonder-mit Hollande und den anderen Partnernnerin. Sie weiß, dass sie in Europa in die gipfels in Brüssel beschlossen EU-Parla-der EU gehen will.Defensive geraten ist, nun plant sie den ment und europäische Regierungen inDabei vertrauen die Deutschen vor al-Gegenschlag. Sie glaubt, Euro-BondsStraßburg, solche Anleihen auszuprobie- lem auf Maßnahmen, die sich in der Ver-würden es den Krisenstaaten ermögli- ren: Zur Freude Hollandes, denn auf einer gangenheit schon daheim bewährt habenchen, sich billiger zu verschulden, die not- internen Prioritätenliste der EU-Kommis-– und die Deutschland in die Rolle derwendigen Strukturreformen würden auf-sion, die dem SPIEGEL vorliegt, findenWachstumslokomotive in Europa ge-geschoben. Deshalb will sie nun die Vor- sich einige Projekte mit französischer Be-bracht haben. Entsprechend will Merkelschläge Hollandes nach dem Prinzip von teiligung. So sollen die Hochgeschwindig- europaweite Programme zur Existenz-Judo-Kämpfern kontern: den Schwung keitstrasse des TGV zwischen Lyon und und Mittelstandsförderung auflegen, wiedes Gegners für den eigenen Angriff nut- Turin, der Kanal Seine-Nordeuropa imsie in Deutschland die Mittelstandsbankzen. Korridor zwischen Amsterdam und Mar-KfW im Angebot hat. Staatliche Instan- So ist Merkel entschlossen, nicht nur seille sowie die Transportwege zwischen zen müssen Investitionen innerhalb einerHollandes Forderung nach Euro-BondsDublin und Brüssel ausgebaut werden.festen Frist genehmigen. Ergeht in derabzulehnen, sondern auch seine WünscheBei Energievorhaben hält die EU-Kom- Zeit kein Bescheid, gelten sie automatischnach zusätzlichen Einsätzen der Europäi- mission die Anbindung der Windparks inals bewilligt.schen Zentralbank. Die Währungshüter der Nordsee oder die grenzüberschreiten- EU-Staaten mit hoher Arbeitslosigkeitwürden schon von sich aus alles Notwen-den Strom- und Gasleitungen zwischensollen ihren Arbeitsmarkt nach deut-dige tun, um den Euro zu stabilisieren,schem Vorbild reformieren. So könne derund damit auch ihre hochdotierten Posten * Mit dem italienischen Premierminister Mario Monti Kündigungsschutz gelockert und könntenim Frankfurter Euro-Tower zu retten. und dem spanischen Premier Mariano Rajoy. geringfügige Beschäftigungsverhältnisse84D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 68. Auslandmit niedrigerer Steuer- und AbgabenlastMit solchen Äußerungen wurde Hol- Europas. Der Portugiese Passos Coelhoeingeführt werden. Wie Deutschland sol- lande in Griechenland zu einer Lichtge-wetteifert mit seinem spanischen Kolle-len diese Länder ein duales Ausbildungs-stalt. Von einer „neuen Ära“ spricht der gen Mariano Rajoy um den Platz als Mer-system aufbauen.Führer des Linksbündnisses Syriza, Alexiskels Musterschüler. Seit der spanische Zudem ist Merkels Beratern aufgefal- Tsipras, der sich in seinem Widerstand ge- Konservative im vergangenen Dezemberlen, dass südliche EU-Staaten noch zahl-gen Merkels Sparpolitik auf die französi-an die Regierung kam, ließ er kaum einereiche Unternehmen besitzen, die beson- schen Sozialisten beruft: „Er ist für unsWoche verstreichen, ohne eine neuederen Schutz genießen. Dort sollen Treu-ein Hoffnungsträger, ganz klar“ (Seite 86).Sparmaßnahme zu verhängen.handanstalten nach deutschem MusterIn Italien, wo die Technokratenregie-Spanische Medien und die sozialisti-oder spezielle Fonds eingerichtet werden, rung von Mario Monti trotz einiger Re- sche Opposition hatten darauf gehofft,um die Unternehmen zu privatisieren.formen bisher kein Wachstum schaffen dass Rajoy im Windschatten HollandesAusländische Investoren könnten durch konnte, berichteten Kommentatorendie deutsche Kanzlerin unter Druck set-steuerliche Vergünstigungen und weniger nach dem G-8-Gipfel schadenfroh vonzen könnte, mehr für Wachstumsmaß-strenge Regulierungen angelockt werden. „Merkels Niederlage“ und schwärmtennahmen auszugeben. Doch noch bevor Dazu empfehlen die Merkel-Beratervon der „Geburt einer neuen Allianz“ Hollande und Rajoy sich trafen, gab esdie Einrichtung sogenannter Sonderwirt- zwischen Monti und Hollande. schon die erste Verstimmung. Hollandeschaftszonen, wie sie einst den ökonomi- Das ehemalige Berlusconi-Kampfblatt sagte, die spanischen Banken sollten ausschen Aufstieg Chinas eingeleitet haben.„Il Giornale“ schrieb, nicht Griechenland, dem europäischen Rettungsfonds rekapi-Schließlich fordern die Deutschen, dass sondern Deutschland sei das wahre Pro- talisiert werden können. Doch dieserdie Südstaaten Europas verstärkt in er- blem Europas: „Weil es vor GesundheitKommentar kam Rajoy höchst ungele-neuerbare Energien investieren, Steuer- platzt und dadurch auch die Nachbarn gen. „Hollande weiß nicht, wie es um diebarrieren abbauen und die Mobilität von zum Platzen bringt. Deutschland muss spanischen Banken steht“, wies er denArbeitnehmern fördern. All dies stärkesich dem Rest Europas anpassen, nichtfranzösischen Helfer zurück.die Wettbewerbsfähigkeit Europas. umgekehrt.“ Merkel hat bisher wenig LustStattdessen suchte Rajoy nach dem Wachstumsprogramme gegen Struktur- erkennen lassen, Hollande öffentlich zu- Nato-Gipfel die Nähe der Kanzlerin beireformen: Das ist die Auseinanderset- rechtzuweisen – beim EU-Sondergipfel ineiner gemeinsamen Bootsfahrt auf demzung, die Europa bevorsteht und für die Brüssel bemerkte sie nur spitz: „Euro- Chicago River. Auch hält er nichts von ei-Merkel und Hollande derzeit VerbündeteBonds schaffen kein Wachstum.“ Sie ner Debatte um Euro-Bonds. „Die sindsuchen. Der französische Präsident hatweiß, dass sie es erst nach der Parlaments-jetzt nicht das Wichtigste“, wiederholtevor allem in den südlichen Ländern deswahl Mitte Juni mit einemer am Mittwoch nach einem Besuch beiKontinents die Hoffnung geweckt, dass Präsidenten zu tun haben Hollande in Paris. Allerdings möchte auchder Sparkurs der deutschen Kanzlerinwird, der nicht mehr im7,5 er – wie Hollande – eine Zentralbank, dieaufgeweicht werden könnte. Schon im Wahlkampf steckt. Ob der aktiv Anleihen aufkauft und damit hilft,Wahlkampf hatte er sich als eine Art Mes- aber dann weniger hartnäckig die Zinssätze zu senken.sias der Südländer inszeniert: „So vielesein wird, weiß sie noch nicht. Und so steht Europa inmitten einesMenschen in Europa ersehnen unserenZudem hat Merkel zwar Konflikts mit ungewissem Ausgang. DerSieg! Ich will kein Europa der Austerität,Verbündete verloren, dochStreit um den Wachstumspakt kann diein dem Nationen auf die Knie gezwungenisoliert steht sie nicht da –Euro-Krise verschärfen, wenn sich Hol-werden“, rief er da.nicht einmal im Südenlande und Merkel blockieren. Er kann aber auch befreiende Wirkung haben, sollte er in einen tragfähigen KonsensDie Vorboten der Krise münden. Die Deutschen müssten einse-Veränderung der jährlichen Arbeitsproduktivität 2002 bis 2008 in der Euro-Zone*hen, dass noch mehr Geld vom Nordenin Prozent in den Süden fließen muss. Alle Mittel- meerländer hätten zu akzeptieren, dassABNAHMEsie weitere Reformen brauchen.Der Kampf hat gerade erst begonnen,Griechen- ItalienSpanien Portugal Niederlande 4,2und so ist es kein Wunder, dass derzeit land das Schlachtgetöse alles überlagert. Doch 0,10,1es gibt auch Signale der Annäherung: Bei 3,6 seinem Antrittsbesuch in Berlin ließ 0,60,5 Pierre Moscovici, neuer Minister für Wirt-3,1schaft und Finanzen, durchaus Sympa- thien für die deutsche Linie erkennen. Er* ohne Maltaund Zypern; bekräftigte nicht nur die Absicht derQuelle: Welt-neue0n französischen Regierung, dasbankstudie 2012 Staatsdefizit im kommenden Jahr unter die Obergrenze von drei Prozent des2,01,9 Bruttoinlandsprodukts zu drücken und ab 2017 ohne neue Schulden auszukommen, 1,31,4er unterstrich auch die Bedeutung gesun-ZUNAHMEder Haushalte für Wachstum und Beschäf-0,9tigung. Wer zu viele Schulden habe, ver- 0,8 arme, sagte er. Und wer arm sei, könne0,7 nicht investieren.FIONA EHLERS, JULIA AMALIA HEYER,CHRISTOPH PAULY, CHRISTIAN REIERMANN, MATHIEU VON ROHR, MICHAEL SAUGA, Irland Deutsch- BelgienÖster- Finnland Frank- Luxem-SlowakeiEstland SlowenienCHRISTOPH SCHULT, HELENE ZUBER land reich reich burg D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 285
  • 69. Ausland Tsipras hat die Ray-Ban auf den Tisch gelegt, der Shootingstar der griechischen GRIECHENLANDPolitik sieht erledigt aus an diesem Diens- „Ganz Europa ist in Gefahr“ tagnachmittag. Sein Terminplan ist eng. Erst Paris, jetzt Berlin, zuerst ein Ge- spräch mit Gregor Gysi, später Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel. Tsipras, 37, ist der Überraschungssieger der WahlAlexis Tsipras, Chef des Linksbündnisses Syriza, vom 6. Mai, sein Linken-Bündnis Syriza hofft noch immer auf das Unmögliche: den Euro zu behalten wurde zur zweitstärksten politischen Kraft. In drei Wochen wählen die Grie- und den Sparkurs aufzugeben.chen schon wieder. Es gilt als sicher, dass er dann noch mehr Stimmen auf sich vereinigen wird. Tsipras’ Tour durch die „beiden wichtigsten Hauptstädte Euro- pas“ dient vor allem der Imagepflege. Der Bauingenieur, bereits als Schüler Aktivist bei der Kommunistischen Ju- gend, gehört zu den schärfsten Kritikern der EU-IWF-Strategie für Griechenland. Gewinnt Alexis Tsipras am 17. Juni, will er die Vereinbarungen der Kreditverträ- ge aufkündigen. Griechenland laufe Ge- fahr, „deutsche Kolonie“ zu werden, hat- te er im Wahlkampf von den Podien ge- rufen. In Berlin klingt er milder: „Wir wollen überzeugen, nicht erpressen“, sag- te Tsipras dort. SPIEGEL: Herr Tsipras, ist Berlin nun tat- sächlich so schlimm, wie Sie es zu Hause in Athen immer erzählen, wenn Sie über die bösen Deutschen schimpfen? Tsipras: Berlin ist meine Lieblingshaupt- stadt in Europa. Es ist schade, dass ich immer nur so kurz hier bin. Ich hätte gern mehr Zeit. SPIEGEL: Wenn Sie das nächste Mal nach Berlin kommen, sind Sie vielleicht Pre- mierminister. Wird Griechenland dann noch Mitglied der Euro-Zone sein? Tsipras: Natürlich. Wie werden alles dafür tun, dass Griechenland den Euro behal- ten kann. Wir bemühen uns, unsere eu- ropäischen Partner davon zu überzeu- gen, dass es auch in ihrem Sinn ist, das Spardiktat endlich aufzubrechen. Wir brauchen eine Politik, die die griechische Wirtschaft nicht zerstört, sondern wieder Wachstum zulässt. Wird der Sparkurs nicht geändert, hat er die völlige Zerstö- rung der griechischen Wirtschaft zur Fol- ge. Das wäre in der Tat eine Gefahr für den Euro. SPIEGEL: Aber selbst Teile Ihres Parteien- bündnisses Syriza fordern doch ganz of- fen die Rückkehr zur Drachme. Tsipras: Das ist nur eine Minderheit. In je- der Partei, egal ob klein oder groß, gibt es unterschiedliche Richtungen, unter- schiedliche Meinungen. Dann wird abge- stimmt und die Mehrheit entscheidet. Au- ßerdem ist diese Minderheit bei uns nicht etwa für den Austritt aus dem Euro, sie möchte nur sicherstellen, dass Griechen-POLARIS / LAIF land auch dann überleben kann, zum Bei- spiel mit Hilfe einer anderen Währung, wenn andere unsere Volkswirtschaft voll-Syriza-Vorsitzender Tsipras: „Die Austeritätspolitik ist gescheitert“ends ruiniert haben.86D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 70. SPIEGEL: Welche „anderen“ meinen Sie? sondern noch fördern. Dafür sind wirduzieren, auch hier verbrauchen. UnsereDie griechische Wirtschaft liegt doch be- selbstverständlich verantwortlich, wir ha-Wettbewerbsfähigkeit hängt nicht nur,reits am Boden.ben das alles ja zugelassen. Aber wir ha-wie so viele sagen, von den ArbeitskostenTsipras: Was ich damit meine, ist, wenn ben auch die Verantwortung, genau das ab, sondern auch von anderen Parame-unsere wirtschaftliche Grundlage völlig jetzt zu ändern.tern, wie etwa der Infrastruktur oder derzerstört wird und dafür dann nicht die SPIEGEL: Wie denn, wenn Sie nur auf fi-Mentalität der Menschen und der Politi-Entscheidungen einer gewählten grie- nanzielle Unterstützung setzen, die ver- ker. Wir hegen durchaus den Wunschchischen Regierung verantwortlich sind, einbarten und dringend notwendigennach ein bisschen mehr Meritokratie …sondern gewisse politische Kräfte in Eu- Strukturreformen, etwa der öffentlichenSPIEGEL: Mit dem Verdienst nach Leistungropa. Dann werden die auch daran schuld Verwaltung, aber ablehnen?war es in Griechenland bisher nicht allzusein, beispielsweise Angela Merkel.Tsipras: Wir sind doch nicht gegen Refor-weit her. Stattdessen sind Korruption,SPIEGEL: Behaupten Sie im Ernst, die Re- men, wir sagen nur, was so viele Ökono-Vetternwirtschaft und Klientelpolitikformen, die Europa als Voraussetzung für men sagen, viele deutsche Zeitungenweitverbreitet, nicht gerade ein VorteilKredithilfen fordert, seien der Grund für oder selbst der Altbundeskanzler Helmut für die Wettbewerbsfähigkeit.die miserable Lage Griechenlands?Schmidt. Und was jetzt auch die OECD Tsipras: Ich kenne die Probleme, die derTsipras: Wenn wir weiter zu einem Spar- wieder in einer Studie bestätigt: Die Aus-griechische Staat hat. Er wurde von un-programm gedrängt und erpresst werden, teritätspolitik, die wir seit zwei Jahrenseren Politikern, die an der Macht waren,das so offensichtlich gescheitert ist, dann umsetzen, die Politik, nur auf dramati- systematisch heruntergewirtschaftet. Undwird Griechenland tatsächlich bald nicht sches Sparen zu setzen, ist gescheitert. viele Griechen sind mitverantwortlich,mehr in der Lage sein, seine Gläubiger Wir befinden uns mittlerweile im fünften sie haben dieses System unterstützt, undzu bezahlen. Dann kommt es zu einem Jahr der Rezession. Auch dieses Jahr wird sie haben es getragen, indem sie immerZahlungsstopp, zu dem wirwieder dieselben Politiker ge-quasi gezwungen wurden. Daswählt haben. Die Ursache derwird dann nicht nur für Grie-Krise kann das aber nicht sein,chenland, sondern für die ge-sondern allenfalls ein Symp-samte europäische Wirtschaft tom. Die Finanz- und Schulden-gefährlich. Die Finanzsystemekrise ist kein rein griechischesaller Länder sind heutzutage soProblem. Sonst gäbe es ja aucheng miteinander verflochten, keine hohen Staatsdefizite indass man die Krise nicht geo-anderen Ländern wie Italien,grafisch einschränken kann. SieSpanien, Portugal oder Irland.ist ein Problem aller Länder Es muss also andere Ursachenund aller Volkswirtschaften. geben. Deshalb müssen wir dieSPIEGEL: Kommt es zu einem Struktur der Gemeinschaft un-Austritt Griechenlands, dann tersuchen, ihre Architektur.sind auch Sie schuld. Sie ver- Auch bei unserer Gemein-sprechen Ihren Wählern das schaftswährung, dem Euro.Unmögliche: den Euro zu be-SPIEGEL: Sehen Sie in Frank-halten, die Vereinbarungen mit reichs neugewähltem sozialisti-den Europäern aber aufzukün- schem Präsidenten Françoisdigen. Wie soll das gehen? Hollande einen neuen Verbün-JOSE GIRIBASTsipras: Ich sehe darin keinen deten im Kampf gegen dasWiderspruch. Wir wollen ein- Spardiktat aus Deutschland?fach nicht, dass das Geld derTsipras: Hollande ist für uns eineuropäischen Bürger in einem Bettlerin in Athen: „Wir üben auch Selbstkritik“Hoffnungsträger, ganz klar.Fass ohne Boden verschwindet.Jetzt werden wieder Ideen undDass es die Finanzhilfen gibt, ist das Prin- unsere Wirtschaft wieder um mindestens Argumente gehört und diskutiert, die bis-zip der europäischen Solidarität und Zei- sechs Prozent schrumpfen. her kein Gehör fanden. Etwa eine stärkerechen dafür, Teil einer Gemeinschaft zu SPIEGEL: Ist das die ganze Wahrheit? SelbstRolle der Europäischen Zentralbank odersein. Das ist gut. Wir meinen aber, dass Ihr alter Mentor, der ehemalige Syriza-die Einführung von Euro-Bonds. Wir dür-diese Mittel auch vernünftig eingesetzt Fraktionsvorsitzende Alekos Alavanos, fen nicht nur Symptome kurieren, dannwerden sollten. Und zwar für Investitio- hat Sie aufgefordert, gegenüber den Bür- bleiben wir in der Tat bei Griechenlandnen, aus denen Wohlstand generiert wer- gern endlich ehrlich zu sein. stecken. Damit ist niemandem geholfen.den kann. Nur so können wir dann tat- Tsipras: Alavanos ist vor einigen JahrenWenn unser Land der Euro-Zone verlo-sächlich auch unsere Schulden zurück- aus der Partei ausgetreten, weil er unsererengeht, dann ist ganz Europa in Gefahr,zahlen.Überzeugung nicht teilt, in der Euro-da müssen wir uns nichts vormachen.SPIEGEL: Für Sie sind immer die anderen Zone zu verbleiben. Es ist schon komisch, SPIEGEL: Die letzten Regierungsgesprächeder Sündenbock. Andere tragen Schuld wenn ich mich nun dafür rechtfertigenin Athen sind gescheitert, weil Sie sichdaran, dass die Wirtschaft darniederliegt, muss, dass wir, wie die große Mehrheit auf keine Koalition eingelassen haben. Inandere müssen sie deshalb auch retten … der Bevölkerung übrigens, im Euro-Ver-den Meinungsumfragen liegt Syriza nunTsipras: Das stimmt nicht, natürlich üben band bleiben wollen.Kopf an Kopf vorn mit der konservativenwir auch Selbstkritik. Wir tragen große Die politische Wahrheit ist doch simpel:Nea Dimokratia. Mit wem wollen Sie IhreVerantwortung für unsere Situation. Wir Die Sparprogramme, so wie sie bisherPolitik nach der Neuwahl realisieren?haben Politiker akzeptiert, die die Pro- waren, sind gescheitert. Auch weil sie auf Tsipras: Natürlich wünschen wir uns eineduktionsbasis unseres Landes zerstört einem falschen Modell gründen, nämlichLinks-Koalition. Und werden alles dafürund einen korrupten Staat geschaffen ha- dem der innergriechischen Abwertung. tun, dass die Arithmetik diesmal auf un-ben. Wir haben diejenigen gewählt, die Wir sind aber kein Exportland. Die grie- serer Seite ist.ihr Geld im Ausland gebunkert haben chische Realität sieht vielmehr so aus,INTERVIEW: MANFRED ERTEL,und die Steuerflucht nicht nur zulassen, dass wir das meiste dessen, was wir pro-JULIA AMALIA HEYERD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 287
  • 71. AuslandGETTY IMAGES (R.)„Newsweek“-Titel zur Obama-Erklärung, Prediger Moss in Chicago: Die Bibel verraten? weil das, was in den Gottesdiensten ver- USA kündet wurde, Obama nur neue Proble- Einsamer Präsident me bereitet hätte. Denn es klang für die weißen Wähler zu radikal, wenn schwar- ze Geistliche ständig an die historische Schuld der Weißen erinnerten, das Erbe der Sklaverei. Schon das Motto von Moss’ Mit dem Eintreten für die Schwulenehe hat Barack Obama nurund Obamas Kirche schreckt Weiße ab:Monate vor der Wahl seine treuesten Anhänger verschreckt, die„Unashamedly Black“, „unverhohlen Schwarz“. Aber an diesem Sonntag gehtAfroamerikaner. Manche Pastoren drohen mit Wahlboykott.es nicht mehr um weiße Wähler, sondern um die Gefahr, dass sich schwarze Ge-Z wanzig Autominuten liegen an nor- Drei Stunden lang feiern sie hier ihren meinden wie Trinity von ihrem Präsiden- malen Tagen zwischen Ghetto und Gottesdienst, beten zusammen und tan- ten, dem „First Black President“, abwen- der glitzernden Geschäftswelt, zwi- zen zum Gospel der Befreiungsbewegung.den könnten.schen der Trinity United Church of Christ Auch an diesem Sonntag ist fast alles wie Obama heißt nun „The First Gay Pre-und Downtown Chicago. Aber an diesem damals, als Obama noch einer von ihnensident“, so nennt ihn „Newsweek“ aufSonntag, dem Wochenende des Nato- war, die große Hoffnung der Schwarzen. dem Titel und zeigt den Präsidenten inGipfels im McCormick Center in der In- Doch ist er das noch? der Woche des Nato-Gipfels mit einemnenstadt, trennen Stunden die beiden „Ich will euch nichts vorschreiben“, ruft Heiligenschein in Regenbogenfarben, denWelten. Demonstrationen legen den Ver- Moss der Gemeinde zu, als müsste er eineFarben der Schwulen- und Lesbenbewe-kehr lahm, Polizeisperren blockieren die Katastrophe verhindern. Er gehört zu de-gung, und in den Talksendungen redenStraßen. nen, die sich auch jetzt noch für den Prä-alle von Obamas mutigem Schritt, sichBarack Obama ist in der Stadt und muss sidenten ereifern: „Ihr dürft euch von nie- für die Schwulenehe auszusprechen, dieabgeschirmt werden, der Mann, der hier mandem einreden lassen, dass ihr dieses bisher nur in wenigen US-Staaten aner-einmal zu Hause war, in der Trinity Uni- Mal nicht wählen sollt.“ Immer lauter kannt wird. Es ist eine Neuerfindung sei-ted Church of Christ, der großen schwar- wird Moss, eindringlicher, rhythmisch wie ner Kandidatur, sie hat seinen Wahl-zen Kirche in der South Side Chicagos. einen Song wiederholt er die Botschaft: kampf belebt. Aber für die Mehrheit derSein alter Bekannter steht vor der Ge- „Geht wählen! Geht wählen!“ Und dannSchwarzen, die die Schwulenehe striktmeinde, die einmal Obamas Gemeinde beginnt Moss, den die Schwarzen ihren ablehnen, liest sich das wie ein Verrat.war, Reverend Otis Moss III., seit vier Jah- „HipHop-Prediger“ nennen, zu toben.Obama musste wissen, was er riskierte,ren der oberste Pastor der Trinity Church. „Wenn ihr euer Wahlrecht aufgebt, ver-als er sich vor zwei Wochen für diese Hal-Die beiden kannten sich schon vor Oba- sündigt ihr euch an der Bürgerrechtsbe- tung entschied, für einen Bruch mit seinermas Aufstieg zum Präsidenten. Zuweilen wegung, ihr versündigt euch an unserembisherigen Position, nur „civil unions“,hat er hier auf einer der Kirchenbänke ge- Bruder, an Martin Luther King.“ gleichgeschlechtliche Partnerschaften, zusessen, zwischen all den anderen Män-Vier Jahre schwieg Moss, wenn er nach unterstützen. Noch immer ist Homose-nern in Schwarz und den Frauen mit bun- Obama gefragt wurde, er lehnte Inter-xualität ein Tabuthema in schwarzen Ge-ten Hüten und rauschenden Gewändern. views ab, vermied kontroverse Debatten, meinden. 65 Prozent der Schwarzen hal-88 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 72. Auslandten die Schwulenehe für falsch, nur 48 Niemand hat größeren Einfluss auf dasWenn Obama nicht abschwört, wollen sieProzent der Weißen sind gegen solcheEmpfinden der Schwarzen als die Kir-ihm die Stimme verweigern.Verbindungen. Als 2008 die Kalifornierchen. Sie sind das Zentrum des Gesell- Otis Moss, Obamas Pastor, kann sichbei der Wahl auch über die Schwuleneheschaftslebens der Afroamerikaner. 22 Pro- über diese Glaubensbrüder richtig aufre-entschieden, stimmten 70 Prozent allerzent von ihnen gehen mehr als einmalgen: „Von denen hat kaum einer jemalsSchwarzen für ein Verbot. pro Woche in den Gottesdienst, doppeltgegen Rassismus protestiert, gegen Un-Im Januar 2009, als Barack Obama insso häufig wie Weiße. Sie glauben an das,gerechtigkeiten oder Polizeigewalt.“ ErWeiße Haus einzog, feierte die ganzewas ihr Pastor sagt und was in der Bibelhat deshalb einen offenen Brief geschrie-Welt den ersten schwarzen Präsidenten,steht, die sie wörtlich auslegen. Danachben. „Die Institution der Ehe“, sagt Mossaber für niemanden bedeutete seine Wahl darf eine Ehe nur zwischen Mann und da, „gerät nicht durch Obamas Worte un-so viel wie für die Schwarzen Amerikas. Frau geschlossen werden.ter Druck. Sie geriet schon vor Jahren96 Prozent von ihnen hatten für ObamaObama hatte alles versucht, um den unter Druck, weil Männer Frauen als ihrgestimmt, waren aus Begeisterung für ihnabsehbaren Schaden seiner EntscheidungEigentum betrachten und Kinder als Be-zur Wahl gegangen, viele zum ersten Mal.zu begrenzen. Unmittelbar nach seiner weis für sexuelle Potenz.“Und viele halten weiterhin zu ihm, trotzErklärung rief er bei acht schwarzen Pre-Auch am Sonntag des Nato-Gipfelsder Enttäuschungen, die seine Präsident-digern an, unter anderen auch bei Otisliest er seiner Gemeinde aus diesem Briefvor und zitiert seinen Vater, der gesagthat: „Unsere Vorfahren haben 389 Jahregebetet, dass einmal ein Schwarzer imWeißen Haus sitzt. Sie haben 200 Skla-venaufstände geführt, in elf Kriegen ge-fochten und in einem Bürgerkrieg, in demmehr als 600 000 Menschen starben. Ichwerde nicht zulassen, dass engstirnigeGeistliche oder rückwärtsgewandte Poli-tiker Befriedigung daran finden, dass ichnicht mein Wahlrecht wahrnehme.“ Essei „absurd“ zu verlangen, predigt derSohn, dass der Präsident Rücksicht aufWILLIAM HAEFELI / THE NEW YORKER COLLECTION / MAY 21, 2012, CONDENAST.COMtheologische Positionen nehmen müsse.„Er ist nicht der Präsident der Baptisten.Er hat die Aufgabe, sich um alle zu küm-mern, um Juden und Nichtjuden, Männerund Frauen, Junge und Alte, Hetero- undHomosexuelle, Schwarze und Weiße,Gläubige und Nichtgläubige.“ Er klingt jetzt ein bisschen wie BarackObama, der Heilsbringer im Wahlkampfvon 2008, der den Wandel versprach, dieVersöhnung einer zerstrittenen Nation,und der schon Jahre zuvor den großenSatz geprägt hatte: „Es gibt kein schwar-zes Amerika und kein weißes; es gibt nurdie Vereinigten Staaten von Amerika.“ Obamas Kampf für die Schwuleneheist wieder so ein großes Versprechen, eine„Bis wir in allen 50 Bundesstaaten heiraten können, sind wir vermutlich geschieden“ Zäsur im langen Kulturkampf Amerikas,und sicher hatte Obama mit seiner Ent- schaft für sie gebracht hat: Die Arbeitslo-Moss Jr., dem Vater von Otis Moss III., scheidung auch im Sinn, den Zauber von sigkeit unter Schwarzen liegt nach wie einem der Mitstreiter von Martin Luther 2008 wiederzubeleben. vor bei 13 Prozent, deutlich höher als der King. Aber auch bei jenen, die ihn bisherAber es gibt diesmal mehr Zweifler als nationale Durchschnitt von 8 Prozent. Elfunterstützt hatten, stieß er auf heftigedamals, die Mehrheit der Wähler sieht in Prozent der Schwarzen haben in der Kri-Kritik. Pastor Dwight McKissic aus Ar-diesem Schritt den kalkulierten Versuch, se ihre Häuser verloren. Doch nun muss lington, Texas, sagte: „Obama hat die Bi- reiche Homosexuelle als Großspender an Obama erstmals ernsthaft um ihre Zu- bel verraten.“ Pastor William Owens aus ihn zu binden. Nach vier Jahren Obama stimmung fürchten. Ohne sie würde im Memphis sprach von der „Geiselnahme klingt für sie das Versprechen hohl, ein November seine Wiederwahl scheitern. der Bürgerrechtsbewegung“ durch Ho- Amerika zu bauen, das allen dient.Obamas Bekenntnis zur Schwulenehe mosexuelle. Man könne Bürgerrechte Und viele Unterstützer von einst klin- hat die Schwarzen entsetzt. Homosexua- nicht auf Schwule übertragen: „Homose-gen heute so ernüchtert wie der schwarze lität passt nicht zur Macho-Kultur, die be-xuelle haben die Wahl zu sein, was sieProfessor Cornel West, ehedem ein enthu- herrscht wird vom Ideal starker Männ-sind, Schwarze haben nie die Wahl ge- siastischer Fan Obamas: „Er ist wie ein lichkeit. „Uns ist beigebracht worden, habt.“Schriftsteller, der eine Obsession für dass wir durch die Sklaverei unsererOwens droht nun, Obamas Wieder-Proust und Tolstoi hat, aber dann nur Männlichkeit beraubt wurden“, schreibt wahl zu sabotieren. Wie andere Geist- Kurzgeschichten schreibt, die es allenfalls der schwarze Publizist Charles Stephens, liche auch predigt er jetzt sonntags gegenin ein mittelmäßiges Magazin bringen“, „deshalb müssen wir an dem festhalten, Obamas Unterstützung für die Schwulen-sagt West. „Ich habe Proust und Tolstoi was uns geblieben ist.“ Ein Gutteil derehe. Er hat eine Interessengruppe von 13von ihm erwartet, stattdessen schafft er Hass-Kriminalität gegen Homosexuelle schwarzen Pastoren in Tennessee gegrün- es gerade auf den ,Newsweek‘-Titel.“ wird von Schwarzen verübt. det, die gegen Obama vorgehen wollen. MARC HUJER90D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 73. Ausland MARK RALSTON / AFP NIR ELIAS / REUTERS Mönche im Hochland von Tibet: Zugriff der PolitikNeubauten in Ordos: Wie Dubai ohne Einwohner GelberFlu 250 km ssPeking Jiabiangou Innere MongoleiOrdos Jiayuguan WuhaiCHINA WudaBohaiGansu Jinan QinghaiXining luss rF be Gelbes lLanzhou GeMeer Gyaring MaduoZhengzhouNgoringAnhui Shanghai CH INAWiege des VolkesMehr als 5000 Kilometer weit windet sich der Gelbe Fluss vom tibetischen Hochland bis zur Mündung in der Bucht von Bohai. Eine Reise entlang seiner Ufer zeigt, wie rasantdie Weltmacht ihren Aufstieg betreibt – und wie gnadenlos. Von Andreas LorenzQinghai ist das Ende der Welt. Lan- herden treiben. Die Hirten sitzen meistXia-Dynastie. Der soll, wenn es ihn dennge Zeit galt die abgelegene Pro- nicht mehr im Pferdesattel, sondern aufgegeben hat, etwa 2200 vor Christus ge-vinz zwischen dem Hochland von dem Moped. lebt haben.Tibet und den Wüsten im Norden als Chi- Von der Provinzhauptstadt Xining Was für die Ägypter der Nil, für dienas Sibirien. Hierhin schickten Pekingssteigt die Straße hinauf auf das Dach derAmerikaner der Mississippi, für die Deut-Herrscher ihre Sträflinge, kriminelle wieWelt. Auf den Bergpässen, manche sindschen der Rhein ist, das ist für die Chine-politische.über 5000 Meter hoch, flattern tibetischesen der Gelbe Fluss. An seinem Ufer ste- So abgelegen ist das Gebiet, dass in- Gebetsfahnen. In dieser Landschaft vollerhen symbolträchtige Denkmäler, die Müt-zwischen sogar die Arbeitslager wieder Mythen und Fabelwesen, nicht weit vonter mit ihren Babys auf dem Arm zeigen.aufgelöst und in erreichbarere Regionender Grenze zur Autonomen Region Tibet, In der Nähe seiner schlammigen Ufer sol-verlegt worden sind. In Chinas speziellementspringt der Huang He, der Gelbe Fluss len die Vorfahren der heutigen ChinesenSozialismus müssen auch Straflager Ge- – Chinas „Mutterstrom“. Er gilt als Sinn-die ersten Schriftzeichen in Schildkröten-winne erwirtschaften – was im unwirt-bild der ganzen Nation mit ihrer Jahrtau-panzer eingeritzt haben, hier soll der le-lichen Qinghai nicht gelingen will.  sende währenden Geschichte und auf sichgendäre Gelbe Kaiser geherrscht haben, Qinghai heißt „Grünes Meer“, nach selbst gerichteten Kultur. „Wer immerhier wurde dem Fluss einmal im Jahr eindem großen Salzsee im Osten der Pro- den Gelben Fluss kontrolliert, kontrolliertschönes Mädchen geopfert.vinz. Einem grünen Meer gleichen aberChina“ – diese Maxime von zeitloser Gül-5464 Kilometer weit windet der Stromauch die endlosen Weideflächen, über die tigkeit wird bereits Yu dem Großen zu- sich durch das große Reich, in der Nähetibetische Nomaden ihre Yaks und Schaf-geschrieben, dem ersten Herrscher derseines Ufers wurde der Philosoph Konfu-92D E RS P I E G E L2 2 / 2 0 1 2
  • 74. GETTY IMAGESOberlauf des Gelben Flusses in der Provinz Qinghai: Einmal im Jahr ein schönes Mädchen geopfertzius geboren, dessen Konzept einer all- der Aufstieg Chinas in die Reihe derWer zu den Quellen des Gelben Flussesumfassenden „Harmonie“ Pekings Kom- mächtigsten Nationen der Erde verur- vordringen will, muss im Marktfleckenmunisten mittlerweile zur Staatspolitik sacht hat, wie rücksichtslos seine Herr- Maduo auf dem Hochland von Qinghaigemacht haben. An den Fluss, in die fahl- scher mit ihrem eigenen Volk umgegan- haltmachen. Maduo liegt 4300 Meter übergelbe Lößlandschaft von Nordchina, zo- gen sind, wie gnadenlos sie Raubbau an dem Meeresspiegel, die Häuser sind frischgen sich Mao Zedong und seine Genossen der Natur betrieben haben. Genauso getüncht, die Polizei baut sich gerade ein1935 im Krieg mit der damals herrschen- deutlich ist aber auch die Kraft zu ent- neues Hauptquartier. In Maduo versorgenden Regierung der Kuomintang zurück. decken, mit der dieses Land – wie der sich die tibetischen Nomaden der Umge-Unter dem Namen „Langer Marsch“ ist Fluss – vorwärtsströmt. Und eine Reise bung mit Getreide, Medikamenten, Le-die Befreiung aus der Umkesselung durch den Fluss hinunter macht klar: China, das bensnotwendigem.nationalchinesische Soldaten zum zentra- Reich der Mitte, hat – nach einem Jahr-Längst sind auch hierhin, wo die dünnelen Heldenmythos der KP avanciert.hundert der Erniedrigung durch feind- Luft das Atmen schwermacht und jedeZuweilen nutzten Chinas Kriegsherren liche Mächte – voller Selbstbewusstsein Anstrengung mit Kopfschmerz bestraftden Fluss sogar als Waffe: In der Nähe seinen angestammten Platz wieder ein- wird, Wanderarbeiter aus anderen Teilender Stadt Zhengzhou ließ General Chiang genommen. Chinas vorgedrungen. Es sind MenschenKai-shek im Jahr 1938 die Däm- wie Li Bing, 23, aus der Provinzme sprengen, um den VormarschAnhui in Ostchina. Seit fünfder japanischen Truppen zu stop- Jahren näht und verkauft er inpen – Feind und Freund ertran- seinem Lädchen auf kaum mehrken zu Hunderttausenden. als fünf Quadratmetern Tem-Heute ist der Gelbe Fluss diepelschmuck und Gebetsfahnen.wichtigste Wasserquelle für 140Dass er, der ungläubige Chinese,XINHUA-CHINE NOUVELLE / GAMMA / LAIFMillionen Menschen und Tau-ausgerechnet mit tibetischen De-sende Fabriken. An seinem Lauf votionalien handelt, hat seinergibt es Unmengen von Boden-Ansicht nach einen einfachenschätzen, Kohle, Öl, Gas und Grund: „Die Tibeter kriegen dasSeltene Erden, die für Chinasmit den Bestellungen und derAufschwung immer wichtiger Logistik professionell nicht sowerden.richtig hin.“Am Gelben Fluss ist zu erken- Inzwischen hat Li seine Fraunen, welch gigantische Kosten Parteichef Mao am Gelben Fluss 1952: Zentraler Heldenmythos Yu nachgeholt und umgerechnet D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 93
  • 75. Auslandrund 20 000 Euro in das Geschäft inves-Im Gebetssaal hat er vier Fotos des Da-Yang will die Grausamkeiten eines Ge-tiert. Das Paar lebt in einer Nische über lai Lama aufgestellt, eines steht hinter ei- schichtsabschnitts dokumentieren, dendem Verkaufsraum, in dem auch noch die ner leeren Flasche Tuo-Schnaps, in der die KP auch heute noch am liebsten tot-Nähmaschine für die Gebetsfahnen steht. rote Kunstblumen stecken. Für den Dalai schweigt: Maos „Großen Sprung nach„Das Leben hier ist billig“, sagen sie. „Wir Lama hat der Alte sogar einen symboli- vorn“ am Ende der fünfziger Jahre. Da-gehen erst zurück nach Anhui, wenn wir schen Sitz hergerichtet, den er ebenfalls mals versuchte Chinas Führer, das Landeine Million Yuan zusammenhaben.“ Das mit einem Foto geschmückt hat. in einem Gewaltstreich zu industrialisie-wären etwa 120 000 Euro – für Li und YuIn der Autonomen Region Tibet ist das ren, um etwa Großbritannien „innerhalbeine Summe, die sie richtig reich machen Ausstellen von Fotos des Dalai Lama von 15 Jahren“ wirtschaftlich einzuholen.würde. Durchaus möglich, dass die bei- streng verboten. Doch im benachbarten Die KP befahl den Bauern, auf ihren Fel-den das schaffen.Qinghai ist der Zugriff der Politik etwas dern kleine Hochöfen anzulegen und Es sind viele Rinnsale, die aus den Bay- lockerer, hier darf der von der Regierung Stahl zu kochen. Gleichzeitig verlangtean-Har-Bergen im Nordosten des Hoch- als „Spalter“ und „Verräter“ beschimpfte sie immer höhere Getreideabgaben an dielands von Tibet herabströmen, sich ver- Mönch noch gezeigt werden. Der Dalai Städte. Der „Große Sprung nach vorn“einigen und die Gebirgsseen Gyaring und Lama, seit 1959 im indischen Exil, ist endete in einer Katastrophe, bis zu 45Ngoring durchfließen. Auf einer Anhöhe ebenfalls ein Sohn des Gelben Flusses, er Millionen Chinesen verhungerten.über den Seen hat die Kommunistische wurde vor bald 77 Jahren im Dorf Taktser Angefeuert vom späteren Wirtschafts-Partei dem Strom ein Denkmal errichtet, in Qinghai geboren.reformer Deng Xiaoping, sperrte die Parteidas wie stilisierte Hörner eines Yaks in Rund 200 Kilometer entfernt liegt etwa zur gleichen Zeit rund eine halbeden Himmel ragt. Auf einer Kupfertafel Lanzhou, die Hauptstadt der Provinz Million angeblicher Rechtsabweichler instehen Sätze, die die Bedeutungdes Flusses für Chinas Identitätproklamieren: „Der Gelbe Flussist die Wiege des chinesischenVolkes. Die Gelber-Fluss-Regionist der Geburtsort der großartigenalten chinesischen Kultur. DerGeist des Gelben Flusses ist derGeist des chinesischen Volkes.“ Doch nicht einmal hier obenist die Welt noch in Ordnung:„Früher war es viel kälter als heu-te“, sagt der Nationalpark-Ranger,der die Zufahrt zu den zwei Seenbewacht. „Manchmal lag derSchnee so hoch, dass ich morgensmeine Tür nicht aufbekam, heutereicht er nur bis zum Knöchel.“Die Piste zu den Ufern wird gera-de repariert; sie sackt ab, weil derMARK RALSTON / AFPPermafrostboden auftaut. Schuld an der Umweltverände-rung sind aber nicht nur die qual-menden Schlote und Autoabgase4000 Meter tiefer im Inneren des Yak-Karawane in Qinghai: Die Umsiedlung der Nomaden schafft böses BlutLandes. Auch die tibetischen Hir-ten haben sich an der Zerstörung ihrer Gansu. Seit den fünfziger Jahren entwi- Umerziehungslager. Die Lagerinsassen, oftHeimat beteiligt: Wegen der großen Nach- ckelte sich die Stadt zu einem bedeuten- gebildete Städter, wurden beschuldigt, diefrage nach teurer Kaschmirwolle haben den Standort für die Öl- und Chemie- Politik der KP anzuzweifeln. Viele über-die Nomaden in den vergangenen Jahren industrie, heute leben 3,5 Millionen Ein- lebten die Tortur nicht. Eines der Lagerimmer größere Herden über das Grasland wohner hier. Umweltschutz existierte war im Ort Jiabiangou in der Wüste Gobi.getrieben. Und die Kaschmirziegen gehen lange Zeit nicht einmal als Begriff. NichtAutor Yang hat Überlebende dieses La-besonders rabiat mit ihren Weideflächen nur die Fabriken, auch die Haushalte der gers aufgespürt und ihre Berichte in einerum, sie reißen die Halme mit der Wurzel ganzen Stadt pumpten ihre Abwässer in kleinen Shanghaier Literaturzeitschriftaus, so dass der Boden versandet.den Gelben Fluss. Erst jetzt werden Klär- veröffentlicht, deren Redakteure das Ver- Nun sind die traditionellen Weidegrün- anlagen zumindest für die Wohnsiedlun- bot der Zensoren ignorierten. An diesemde der Nomaden mit Zäunen abgesperrt. gen gebaut.Vormittag hat er den ehemaligen LehrerDie Regierung siedelt die Hirten in ande-Eine Seilbahn transportiert Besucher Chen Zonghai mitgebracht, einen rüsti-re Gegenden um, und das schafft böses über den Fluss zur Weißen Pagode. Ein gen 79-Jährigen, der das Lager Jiabian-Blut bei den Tibetern. Teehaus in der Nähe hat sich der Schrift- gou als einer von wenigen der insgesamt Am Ortseingang von Maduo liegt das steller Yang Xianhui, 66, ausgesucht – rund 3000 Inhaftierten überlebte.Gesawang-Kloster: ein paar Steinhäuser, nicht nur wegen des schönen Ausblicks Chens Kopf ist kahl, auf der Nase trägtein paar Nomadenzelte. Es ist das religiö- über die Stadt und die älteste Eisenbrücke er eine große Brille. Sein Pech war es, inse Zentrum der Quellregion des Gelben des Gelben Flusses, die Anfang des 20. den damals üblichen Kritiksitzungen, inFlusses. Ein alter Mönch führt die Besu- Jahrhunderts von deutschen Ingenieuren denen die Partei das Klassenbewusstseincher ins Hauptgebäude und erzählt seine errichtet wurde. Yang glaubt sich hier un- der Untertanen prüfte, „zu ruhig“ gewe-Geschichte. Von 1961 bis 1980 hatten die gestört. Er hat es sich zur Aufgabe ge- sen zu sein. Die Kader lasteten ihm an,Chinesen ihn ins Gefängnis geworfen, macht, die dunkle Vergangenheit Chinas dass er niemanden denunziert hatte. Alsosagt er. aufzuhellen.verfrachteten sie ihn am Ufer des Gelben94D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 76. Flusses auf einen Lastwagen und fuhrenAm Eingang warnt eine Tafel: „Wer heute Die Chinesen haben noch einen ande-ihn mit anderen Rechtsabweichlern nachnicht richtig arbeitet, kann sich morgen ren Namen für den großen Strom. SieJiabiangou. einen neuen Job suchen.“ Daneben sindnennen ihn „Chinas Sorge“ wegen all der Das Perfide an dieser Form der Haft: mit Kreide Zitate aus Reden der Partei-Tragödien, die sich an seinen Ufern ab-Sie war zeitlich nicht begrenzt. „Wir soll- führer Mao Zedong, Deng Xiaoping,gespielt haben.ten fleißig Tag und Nacht arbeiten undJiang Zemin und Hu Jintao geschrieben.Noch einmal knapp 600 Kilometeruns selbst umerziehen“, erinnert sichKein Schild, kein Gedenkstein weist flussabwärts von Lanzhou scheint ChinasChen. Doch die Camps entwickelten sichauf die Vergangenheit hin. Medizinstu- Sorgenstrom in der Hölle zu münden.zu Todeslagern, die ohnehin knappen Es- denten aus Lanzhou haben schon 1960 Dort, auf dem Weg nach Wuda in dersensrationen wurden kleiner und kleiner,alle Toten eingesammelt, die SkeletteInneren Mongolei, windet sich der Gelbedann gab es gar kein Essen mehr. Diewurden als Unterrichtsmaterial an dieFluss träge an Oasen vorbei durch SteppenWächter schauten zu, wie die HäftlingeUniversitäten verteilt.und Wüsten. Und plötzlich sieht es auseiner nach dem anderen verhungerten. Herr Chen,  der kein Verwandter des wie auf dem Mond: Geröll, Staub, alles ist Chen rupft einen Grashalm aus derehemaligen Lehrers ist, leitet den staat-grau. Kein Grashalm wächst, kein KäferErde. „So etwas ist essbar“, sagt er. „Ichlichen Agrarbetrieb. Er fühlt sich nicht krabbelt hier, auch die Vögel sind ver-habe damals von fetten Mahlzeiten ge- wohl, wenn er Besuchern aus dem Aus- schwunden. Unter der Oberfläche kochtträumt. Im Winter 1959 starben immerland ein dunkles Kapitel der Geschichtehier die Erde, wer zu lange stehen bleibt,mehr Mithäftlinge.“ 1961 war der Spuk Chinas öffnen soll. Doch den Autor Yangdem schmelzen die Sohlen. Und zuweilenschließlich vorbei. Die Behörden ließen schätzt er, also zeigt er die Gräben, dietut sich der Boden auf und zieht Menschendie wenigen Überlebenden laufen.von den Gefangenen ausgehoben wur- hinab in den glühenden Schlund.Ein Umweltinferno erstreckt sich über mehrere Quadratkilo- meter. Seit über 50 Jahren brennt hier in der Tiefe die Koh- le. Sie hat sich selbst entzündet, das Feuer flammt immer wieder auf, weil durch verlassene Stol- len Sauerstoff eindringt.Das Atmen fällt schwer, die Luft ist voller Schadstoffe, der Regen sauer. Viele Millionen Tonnen Kohle sind hier mittler- weile verbrannt. Langsam be- kommen Feuerwehrleute mit Hilfe deutscher Experten die Flammen in den Griff. Sie iso- lieren Brandherde mit unterir- dischen Mauern, schichten Erd-LAN SHANG / IMAGINECHINA massen um, damit die Flammen ersticken.Unmittelbar am Rande des In- fernos von Wuda haben Arbei- ter eine neue Straße betoniert, als wollten sie beweisen, dass sieMillionenstadt Lanzhou: „Wer heute nicht richtig arbeitet, kann sich morgen einen neuen Job suchen“ sich von der Natur nicht unter- kriegen lassen. Und auf der an- Wer in das alte Todeslager gelangen den, und die Bäume, die sie pflanzten. deren Seite der Piste, nur ein paar Meterwill,  muss eine Stunde nach Jiayuguan „Hier haben über tausend Menschen eine vom kochenden Untergrund entfernt, sindfliegen – und gerät in eine Welt, in der Kette gebildet, um Steine zu transportie- mittlerweile schon wieder neue Kohlemi-Vergangenheit und Zukunft gleicherma- ren“, sagt er. nen entstanden. „Hier ist es nicht mehrßen präsent sind. Hier verwittert die Gro-Dann spricht Chen über „notwendige gefährlich“, versichert Manager Chenße Mauer, die einst die Chinesen vor den Opfer“, die ein Reich wie China fordere, Zengfu von der 2. Huaying-Kohlemine.nomadischen Reitervölkern schützen soll- um den Fortschritt zu ermöglichen. Und „Wir gehen bis 700 Meter in die Tiefe.“te. Und hier leben heute Chinas Nuklear- er findet einen Vergleich, der sein Gewis- In diese Einöde hatte Mao in den sech-techniker, die rund hundert Kilometer sen entlastet: Auch der Bau der Großen ziger Jahren Teile seiner Schwer- undentfernt in der Wüste ihre Labors haben. Mauer habe viele Tote gefordert, sagt er, Rüstungsindustrie verlagert, weil er sieJeden Morgen um 7.40 Uhr transportiert „aber sie hat das Land vereint“.vor einem Angriff der Sowjetunion in Si-ein Zug Techniker und Arbeiter in das Im Teehaus in Lanzhou schaut der alte cherheit bringen wollte. „Dritte Linie“geheime Atomzentrum, gegen 18 Uhr Lehrer über den Gelben Fluss und das hieß das Projekt. Später kamen, nicht im-bringt er sie wieder zurück. Häusermeer der Metropole. „Ich glaube mer freiwillig, Bauern, die die Wüste am Von der Stadt aus führt eine Straße zu an nichts mehr“, sagt er. Obwohl der Tee- Gelben Fluss urbar machen sollten.einem der vier Weltraumbahnhöfe Chi- garten weitläufig und fast leer ist, setzenDer Rauch aus diesen Industriefossiliennas. Irgendwann auf dem Weg dorthin sich drei Männer direkt an den Neben- verdunkelt den Himmel, Schwerlasterzweigt ein Holperpfad ab – der Weg ins tisch und hören aufmerksam zu. Autor keuchen auf löchrigen Straßen heran. Inehemalige Hungerlager Jiabiangou.Yang spricht demonstrativ mit lauter trostlosen Kachelbauten warten Prostitu- Auf den ersten Blick erinnert nichts Stimme, als er die Geschichte von Jia- ierte auf die Lastwagenfahrer. Am Ufermehr an das Grauen jener Zeit: Jiabian- biangou erzählt: „Diese jungen Stasi-Bur- des Gelben Flusses schmurgelt das Zhu-gou ist heute eine blühende Oase, in der schen sollen ruhig hören, was damals pas- rong-Stahlwerk. Ein paar hundert MeterMais, Melonen und Chilischoten wachsen. siert ist.“weiter, auf einem Platz im Dorf namensD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 95
  • 77. MARK RALSTON / AFP Touristen in Ordos, Kohleabbau in Wuda: Größenwahn in der Steppe Roter Stern, 2. Einheit, kochen Anwohner Inneren Mongolei. Ordos gilt als das chi- Fluss etwa in der Hauptstadt Peking auf- Kohl für den Winter ein. „Wir können nesische Dubai. Auf 35 Milliarden Dollargekauft. Meistens zahlen sie bar und las- nicht atmen“, sagen sie. „Wir haben alle schätzen Experten die Einnahmen, diesen die Wohnungen leerstehen. Sie hof- Lungenprobleme.“ die staatlichen und privaten Minen 2010 fen darauf, dass die Preise weiter steigen.Das Werk zahlt dem Dorf 80 000 Yuan erwirtschaftet haben, das Wirtschafts- Wer den Unterlauf des Gelben Flusses (rund 10 000 Euro) im Jahr als Entschädi-wachstum war hier zuweilen doppelt so entlangreist, wird wie in einer defekten gung für die schlechte Luft. Die Bauernhoch wie im Rest des Landes.Zeitmaschine hin- und hergeworfen zwi- nutzen das Geld, um Wasser aus demUnd so soll es weitergehen: Ingenieure schen Vergangenheit und Zukunft. Hinter Gelben Fluss zu kaufen, mit dem sie diehaben in Ordos bislang ein Sechstel der den Deichen ducken sich Dörfer, die sich Felder bewässern.Kohlevorräte und ein Drittel der Gasvor-seit Jahrzehnten nicht verändert haben,Am Horizont sind moderne Industrie- kommen von ganz China aufgespürt. stehen Orte, deren Straßen wie zu Zeiten zonen zu erkennen, die in den vergange-Schon jetzt erwirtschaftet jeder der 1,5Maos „Eisen und Stahl“ heißen. Sie ha- nen Jahren entstanden sind, gigantischer Millionen Einwohner der Stadt im Schnittben keinen Dorfplatz, keine Kneipe, kei- noch als jene aus Maos Zeiten. Flugzeuge rund 20 000 Dollar im Jahr, so viel wie nen Friedhof. Die Toten begraben die im Landeanflug auf die Stadt Wuhai pas-nirgendwo sonst.Bauern auf ihren Feldern. sieren Fabrik um Fabrik, Schornstein um Bei Ordos hat die Partei den komplett Wo östlich der Provinzhauptstadt Jinan Schornstein, Kühlturm um Kühlturm. Da- neuen Stadtbezirk Kangbashi hochgezo- vor zehn Jahren nur noch Pfützen im hinter glitzert der Gelbe Fluss in der gen, inklusive Armeehauptquartier und Sand vertrockneten – während fast zwei Nachmittagssonne.Universität für 8000 Studenten. Mindes- Dritteln des Jahres versandete damals derSechs-, acht-, zehnspurige Straßen zer- tens 300 000 Menschen sollen hier einmalFluss, bevor er das Gelbe Meer erreich- schneiden die Sanddünen. Hier gießt Chi- leben. Bislang aber haben sich allenfalls te –, glitzert mittlerweile wieder das Was- na den Beton für die Plattenbauten in Pe-ein paar tausend angesiedelt. Noch istser in der Sonne. Der Staat reguliert, wie king und Shanghai, formt das Plastik für Kangbashi eine Geisterstadt und ein Mo- viel die einzelnen Provinzen entnehmen Radios und Fernseher, härtet den Stahl nument des Größenwahns in der Steppe. dürfen, Industrieunternehmen müssen für Wolkenkratzer, Brücken, Autos und Ein paar Kilometer südlich von Kang- moderne Bewässerungskanäle für die Hochgeschwindigkeitszüge.bashi liegt die Hauptquelle des Reich-Bauern der Umgebung bauen, damitIn Wuhai hat die Stadtverwaltung ge-tums: Kohle. Blauweiße Fördertürme undnicht so viel verdunstet. rade ein riesiges Regierungsgebäude er-Silos. Die Anlagen sind hochmodern, vonVor einer Pumpstation schaufeln drei richtet, zwei futuristische Stadien, eineeinem Kontrollraum aus wachen Inge- Arbeiter Schlamm beiseite. Die Bauern Universität und eine feine Parteihoch- nieure per Videokameras über das Ge-hinter dem Deich brauchen das Wasser schule. Nun will sie einige der gerade schehen unter Tage. des Gelben Flusses für ihre Maisfelder und hochgezogenen Apartmentblöcke schon Ein schmaler Zulauf des Gelben Flusses Baumwollsträucher. Sie haben zuvor ein wieder einreißen – ehrgeizigere Pläne ha-trennt hier das moderne Industrie-China kleines Feuerwerk angezündet, um die ben die alten überholt.von seinem düsteren Unterbau. Auf der bösen Geister des Flusses zu vertreiben.Auf der höchsten Kuppe des nahen Ge-anderen Seite haben private Unterneh-Nebenan hieven Wanderarbeiter für birges haben Arbeiter begonnen, denmer Stollen in die Erde geschlagen. Aus wenig mehr als zehn Euro am Tag mit Kopf des legendären Mongolenherrschers den Toren dieser unsicheren Mini-Berg-bloßen Händen Steine aufeinander, die Dschingis Khan in den Stein zu meißeln,werke keuchen vollbeladene Lkw, so altim Fall einer Flut die Deiche verstärken so wie es die Amerikaner mit ihren Prä-und demoliert, dass jede Tour in die Tiefesollen. Überall am Unterlauf liegen säu- sidenten in den Schwarzen Bergen von die letzte sein könnte. berlich aufgereiht Reservequader bereit. South Dakota taten. Schon bald wird der Die Kumpel dieser Mine leben auf ei-„Das Wasser ist jetzt trinkbar“, sagt Welteneroberer über den Gelben Fluss nem Hügel oberhalb des Bergwerks in Sojabohnenquark-Verkäufer Wei, der mit hinweg ins weite Land schauen. Verschlägen mit jeweils einem Eisenofen seinem Motorrad jeden Morgen die Ufer-Die Genossen von Wuhai sind keinin der Mitte. Das Gemeinschaftsklo stinkt dörfer abfährt. Auch Fische schwimmen Einzelfall: Wie sie träumen die Funktio- vor sich hin. Miete müssen die Arbeiter wieder im Fluss, die Anwohner erlegen näre allenthalben am Gelben Fluss davon, nicht bezahlen, für die ganze Siedlungsie, in dem sie Elektrokabel ins Wasser ihre Städte in die Reihe international be- gibt es eine kleine Kantine.  halten. deutender Metropolen zu schieben. Die Besitzer von Minen wie dieser sindIm Dorf namens „Schmiedeplatz“ istKaum jemand hat größere Pläne als mitverantwortlich für den Bauboom inMarkttag. Die Händler bieten Obst, Ge- die Parteiführer in Ordos, rund 80 Kilo- Chinas Metropolen. Ganze Neubauvier-müse, billige Elektronik und Kleidung meter südlich des Gelben Flusses in dertel haben die Kohlebarone vom Gelbenan. Hier gibt es alte Mao-Kappen für um- 96 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 78. Ausland mehr alle seine Arztrechnungen selbstren, ein anderes Boot tastet sich vorsich- bezahlen. Wie er sollen alle 700 Millionen tig heran, um den Untergrund aufzuwüh- Landleute eine Krankenversicherung ab- len, damit der Havarist wieder genug schließen können.Wasser unter den Kiel bekommt. NachDuan muss, wie er sagt, umgerechnet rund einer Stunde glückt das Manöver, sechs Euro im Jahr bezahlen. Dafür be- und beide Schiffe tuckern zurück in die kommt er fortan zwischen 40 und 70 Pro-blutrote Abendsonne. zent der Arztkosten zurück, abhängig da-Ein wenig flussaufwärts, in der Pro- von, ob er sich ambulant oder in einem vinzhauptstadt Jinan, lassen die Anwoh- MIKE GOLDWATER / GETTY IMAGES Krankenhaus behandeln lässt. „Ich habe ner zu dieser Zeit auf dem Platz zwischen schon das Foto für die Bescheinigung ge- den Regierungsgebäuden Drachen in den macht“, sagt er stolz. Nachthimmel steigen. Sie sind mit klei-Dann endlich, 100 Kilometer weiternen Leuchtbirnen versehen und funkeln nach Osten, ergießt sich der Gelbe Fluss mit den Sternen um die Wette. in die Bohai-Bucht, wo vor gut 50 JahrenDrachen sind hier schon seit Jahrhun- ein riesiges Ölfeld gefunden wurde. Es derten in den Himmel gestiegen. Das Chi- trägt den Namen „Sieg“. Seither lodern na von heute aber begnügt sich längst die Fackeln der Raffinerien, überall nicht mehr mit solch traditionellen Ver-gerechnet 57 Cent und traditionelleschwingen Ölpumpen wie Uhrpendel.gnügungen.Emailleschüsseln mit grellen Blumenmo-An der Mündung von Chinas Schick-In einer Ecke des Platzes ertönt kräch-tiven. „Uns geht es nicht gut und nichtsalsstrom hat die Regierung ein Natur- zend ein Kassettenrecorder. Eine Volks-schlecht“, sagt eine Bäuerin. „Ein paarschutzgebiet eingerichtet, dazu ein Tou- tanzgruppe streift sich Schuhe mit Me-tausend Yuan bleiben am Jahresende ristenzentrum, das mit futuristischer Ar-tallbeschlägen über. Dann erklingt irischeübrig.“chitektur protzt. Ausflugsdampfer bieten Volksmusik, und die Anwohner des Gel- In einer blauen Jacke sitzt der Sche- Touren bis ins Meer an, dort, wo die brau- ben Flusses beginnen zu steppen.renschleifer Duan, 71, an der Straße. „500 ne Farbe des Flusses auf das Blau desbis 600 Yuan verdiene ich im Monat“, be- Meeres stößt. Die Skipper müssen jederichtet er, circa 62 bis 74 Euro. Er ist auf Sekunde auf das Echolot achten, dennVideo:das Geld angewiesen, will er nicht seinennach mehr als 5000 Kilometer Lauf ist Andreas Lorenz überKindern zur Last fallen. „Wir Bauern be- das Wasser hier nicht mal mehr einensein Chinakommen in China keine Rente“, sagt er. halben Meter tief.Für Smartphone-Benutzer: Eine große Last hat die Partei ihm und Das Boot „Drachentor 688“ hat sich Bildcode scannen, etwa mitseiner Familie genommen: Er muss nicht mit Ausflüglern im Schlamm festgefah- der App „Scanlife“.
  • 79. Ausland AMSTERDAMHeile Welt Warum eine neue Bewegung aus den NiederlandenGLOBAL VILLAGE:Toaster und Bügeleisen repariertJ ede Revolution hat Helden. Diese Re- ses Stuhlbein anzuleimen. Es sind Frei- ständig dazu an, neu zu konsumieren. So volution hat Tonke, John und Koen: willige wie Tonke, John und Koen – sie wird das Reparieren langsam zu einer aus- drei Männer, die an ihren Tischen sit- reparieren kostenlos, weil sie anderen et- sterbenden Kultur.“zen und die Welt in Ordnung bringen wol- was beibringen wollen, weil sie Rentner,Es waren Texte wie das „Repair Mani-len. Sie schrauben, drehen, feilen, häm- arbeitslos oder einfach nur Idealisten sind. festo“, eine Kampfschrift von holländi-mern, frickeln. Sie sind schwer beschäf-Das Repair Café, so schwärmen Politi- schen Designern, die Postma inspirierten.tigt. Sie haben der Überflussgesellschaft ker und Sozialwissenschaftler, gehöre zu „Sei kein Sklave der Technologie – sei ihrden Kampf angesagt. Sie reparieren.den zurzeit aufregendsten sozialen Pro- Beherrscher!“, heißt es darin. Oder: „Re-„Ein mittelalter CD-Player“, sagt Ton- jekten in den Niederlanden. parieren ist kreativ! Reparieren überlebtke. „Das ist Billigware, made in China. Das erste wurde vor zweieinhalb Jah- die Mode!“Gebaut, um schnell kaputtzugehen.“ ren in einem Stadtteil von AmsterdamIm Oktober 2009 gründete die Journa-„Ein alter Toaster“, sagt John. „Rastet gegründet, heute gibt es 39 Repair Cafés listin das erste Repair Café, es folgte einenicht mehr ein. Könnte sein, dass da eine im ganzen Land. Belgien und Frankreich kleine Sensation. Radiosender berichte-Feder gebrochen ist.“ In ten über sie, von überalleinem früheren Leben her meldeten sich Frei-hat John medizinischewillige. Leute, die kaput-Geräte in Krankenhäu-ten Dingen ein zweitessern repariert.Leben gönnen, die nicht Vor Koen liegen die abhängig sein wollenEinzelteile eines Dampf- vom Diktat der Technik.bügeleisens. Gerade hatEs geht dabei nicht nurer das Gehäuse abge- um defekte Geräte, esschraubt, nun beugt er geht um Politik, um Er-sich hingebungsvoll über neuerung, um eine Kul-das Unterteil aus Plastikturrevolution.und Drähten. Er sieht Weil sie die Bewegungkonzentriert aus, manILVY NJIOKIKTJIEN / DER SPIEGEL irgendwann nicht mehrsollte ihn jetzt besserallein koordinieren konn-nicht stören. Eine Frau, te, gründete Postma einedie hinter Koen steht, Stiftung. Sie erhielt Un-sagt: „Das Problem ist terstützung vom Umwelt-der Dampf, dieses Bügel- ministerium und von ei-eisen hört nicht mehr aufBesucher im Repair Café: „Sei kein Sklave der Technologie!“ ner Organisation, die sichzu dampfen.“ für den „sozialen Zusam- Willkommen im „Re-menhalt“ in schwierigenpair Café“ in der Bali-Stadtteilen einsetzt, insstraat Nummer 48A in Amsterdams Os- interessieren sich mittlerweile für das Leben gerufen nach der Ermordung desten! Im Eingangsbereich eines unauffälli- Konzept, Blogger aus Amerika und Israel Politikers Pim Fortuyn 2002 und des Fil-gen Gemeinschaftszentrums, ausgestattet verbreiten die Idee im Netz. Im April memachers Theo van Gogh 2004.mit vier Holztischen, einer Sitzecke und wurde in Köln das erste deutsche Repair Auch die Balistraat, die Straße vor demeinem Tresen, haben sie sich eingefunden, Café eröffnet. Aus dem Projekt wurde Repair Café, sagt Postma, gehört zu ei-rund 20 Männer und Frauen aus dem eine Bewegung, ein Fanal gegen die Weg- nem Problemviertel. Doch im InnerenViertel. Sie haben defekte Elektrogeräte werfgesellschaft. des Cafés ist die Welt noch heil. Neugierigmitgebracht, Kleidungsstücke, Taschen,Dabei ist die Idee eher schlicht: Indem schauen zwei Türkinnen mit Kopftuch inSitzmöbel. Auf den Tischen stehen Werk- Leute zusammenkommen, um Dinge zu den Raum, in dem die Nähmaschinen rat-zeuge und Nähmaschinen.reparieren, lernen sie, Müll zu vermeiden, tern. Radha aus Surinam und Dalip aus Gekommen sind auch heute wieder nachhaltiger zu leben. Und: die Anony- Indien, ein Pärchen aus der Nachbar-jene, die sich eine teure Reparatur beim mität zu überwinden. „In den Repair Ca- schaft, haben eine kaputte MikrowelleKundendienst oder ein neues Produkt fés“, sagt ihre Gründerin Martine Postma, vorbeigebracht, sie stellen den riesigennicht leisten können; die ein Problem da- „treffen Leute aufeinander, die sonst in Kasten schüchtern lächelnd auf den Tischmit haben, ständig alte Drucker und Kaf- ihren Ghettos leben oder vereinsamen, von Tonke und John.feemaschinen wegzuwerfen, und solche, viele Alte, viele Migranten.“„Schon wieder Chinaware“, sagt Tonke.die einfach lernen wollen, wie man einenPostma, eine 42-jährige Journalistin, er- „Ihr braucht ein Ersatzteil“, sagt John.Schaltkreis überbrückt.zählt, sie habe sich lange Zeit gefragt, Nur Koen schweigt und runzelt die Stirn. Auf der anderen Seite: die Bastler und warum die Leute immer seltener reparie- Das verdammte Dampfbügeleisen zicktSchrauber, die versuchen, Geräte wieder ren. „Keiner schmeißt gern etwas weg. immer noch. Eine technische und einezum Laufen zu bringen, einen kaputten Aber fast alle finden es bequemer, etwas politische Herausforderung.Reißverschluss auszubessern oder ein lo- Neues zu kaufen. Die Industrie treibt unsDANIEL STEINVORTH98D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 80. Szene SportBergsteiger in der Lhotse-Flanke des Mount Everestoberhalb von Camp III (etwa 7300 Meter) am 18. Mai MOUNT EVEREST„Autobahn zum Gipfel“RALF DUJMOVITS Die Himalaja-ChronistinSPIEGEL: Am Wochenende machten sichden Everest und fliegen als Autor oder Billi Bierling, 44, über die gleichzeitig rund 200 Bergsteiger aufMotivationstrainerin wieder nach Hau- jüngsten Todesfälle undden Weg zum Gipfel. Ist eine Katastro- se. Sie wollen die Besteigung als Visiten- den zunehmenden Trubel phe dadurch nicht vorhersehbar?karte nutzen und lassen sich dafür skur- am höchsten Berg der WeltBierling: Die Route für den Aufstieg wirdrile Ideen einfallen.von einem Fixseil vorgegeben, das Seil SPIEGEL: Welche?SPIEGEL: Sie dokumentie-ist wie eine Autobahn zum Gipfel.Bierling: In diesem Jahr wollte ein Klet-ren in der nepalesischenManchmal hängen bis zu 20 Klettererterer sein Fahrrad mit zum Gipfel neh-Hauptstadt Katmandu die an einem Seil, das nur mit ein paarmen. Vor ein paar Jahren versuchte einExpeditionen im Himalaja. Schrauben im Eis verankert ist. DieNiederländer den Aufstieg in der Un-Voriges Wochenende sind am MountBergsteiger können sich kaum überho- terhose, er kam bis auf 7400 Meter. EsEverest vier Kletterer ums Leben ge-len, das würde in dieser Höhe zu vielgibt zu viel Show, der Respekt für denkommen, darunter ein 61-jähriger Deut-Kraft kosten. Also kommt es zum Stau.Berg lässt nach.scher. Was war passiert?Beim Warten wird den Kletterern sehr SPIEGEL: Warum beschränkt niemand dieBierling: Der deutsche Bergsteiger starbschnell kalt, und der Sauerstoff kannZahl der Everest-Besteiger?angeblich an einem Hirnödem, andere knapp werden.Bierling: Wer den Berg in Angriff neh-steckten am Hillary Step fest, einer Eng- SPIEGEL: Der Everest zieht so viele Berg-men will, bezahlt eine Gebühr vonstelle auf 8760 Metern. Einer von ihnen steiger an wie nie. Warum? 10 000 Dollar an die nepalesischen Be-war wohl schneeblind geworden. In die-Bierling: Das Geschäft boomt, der Berg hörden. Nepal ist eines der ärmsten Län-sem Jahr sind die Bedingungen am Eve- öffnet viele Türen. Es gibt Leute, die der der Welt, der Bergsport ist dort einrest schlecht, es gibt viel Steinschlag.gehen als Mechaniker oder Friseurin aufwichtiger Wirtschaftszweig. BASKETBALLte Highschool-Spieler seit Le-nieren und würde vielleichtBron James, dem Superstar eine steile Karriere riskieren. Profi oder Prediger? der National Basketball Asso-ciation (NBA). Er wird mitDanny Ainge, Präsident derBoston Celtics, rät ihm, sich DEANNE FITZMAURICE / SPORTS ILLUSTRATED/GETTY IMAGESAuszeichnungen überhäuft, auf den Sport zu konzen-Jabari Parker ist ein gläubiger Junge,es beobachten ihn schon mal trieren. Ainge ist auch Mor-jeden Morgen steht er um fünf Uhr auf 40 Talentspäher beim Trai-mone, missionierte nichtund betet, dreimal die Woche geht erning. In zwei Jahren könnte und holte zweimal den NBA-Punkt halb sechs zum Bibelkreis in dieer sich für einen Platz in derTitel. Jabari Parker weißKirche. Parker ist 17 und Mormone,NBA bewerben, er wäre der noch nicht, was er tun wird.er besucht die Highschool, in seinemerste schwarze Mormone in „Ich möchte gehen. Aber ichRucksack trägt er stets ein Paar Bas- der Liga. Mit 19 aber missio- habe Zweifel“, sagt er. Dieketballschuhe mit sich, T-Shirt, Shorts nieren Mormonen auch, zweiNBA sei der größte Traumund Strümpfe. Denn wenn er nicht ge-Jahre ziehen sie freiwillig eines jeden Basketballers.rade lernt oder betet, spielt er Basket-durchs Land, um ihren Glau- Allein: „Basketball ist das,ball für die Simeon Career Academyben zu verbreiten. In dieserwas ich tue. Es ist nicht das,in Chicago. Und Parker gilt als der bes-Zeit dürfte Parker nicht trai- Parker was ich bin.“ D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2101
  • 81. TEAM2Dortmunder Stars Piszczek, Blaszczykowski, Lewandowski: „Wolln Se die Wursttheke überfallen?“POLEN Drei Granaten für FranzDie Hoffnungen der Gastgeber bei der Fußball-EM ruhen auf den Legionären von Borussia Dortmund. Torjäger Lewandowski trägt die Hauptlast: Er soll seingebeuteltes Team zu Siegen schießen – und will nebenbei den eigenen Marktwert erhöhen.102 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 82. SportWo Dortmund aufhört,Mann aus der Klopp-Schule tragen nundie wahre „Schule des Lebens“ für ihnfängt Lünen an. Vor einem die Hoffnungen einer ganzen Nation. Amgewesen: „Ich war ja der einzige MannKlinkerbau am Rand der8. Juni eröffnet Polen die Europameister- im Haus.“ Um seine Mutter zu unterstüt-alten Zechenstadt bremstschaft im eigenen Land mit dem Duellzen, habe er sich zeitig bemüht, GeldRobert Lewandowski, stelltgegen Griechenland. Es wird der erste heimzubringen. Der Vater verstarb, alsseinen geländegängigenSchritt auf einem schwierigen Weg: In der Lewandowski 16 Jahre alt war.Schlitten ab und sperrt die Weltrangliste liegen die Gastgeber deut- Vermutlich ist es das, was die drei soTür auf zu seinem Reich.lich hinter allen EM-Konkurrenten – und unterschiedlichen Dortmunder Polen am „Verknallt“, sagt Trainer Jürgen Klopp,knapp hinter Sierra Leone.ehesten verbindet: Dass sie auf Kurssind sie ja derzeit bei Borussia DortmundNationaltrainer Franciszek Smuda ver-geblieben sind, wo andere aus der Bahnalle – in ihren Verein. Beim Torjäger Le- gleicht Polens Liga-Niveau vorsorglichgeworfen worden wären. Blaszczykowskiwandowski in Lünen sieht das daheim somit dem von Bosnien-Herzegowina.etwa verlor seine Eltern, als er elf war –aus: Von der Wohnzimmerwand grüßt Schuld, heißt das, hätte der Verband, soll- der Vater hatte die Mutter ermordet undder Hausherr als Posterboy im schwarz-te am Ende trotz dreier Dortmund-Legio- landete im Knast. Mit 19 spielte „Kuba“gelben Dress; in die Küche haben sie ihmnäre schon nach den Gruppenspielennoch in der vierten Liga. Mit 20 war ereinen Toaster gestellt, der das KürzelSchluss sein. Im Land des WM-DrittenNationalspieler, mit 21 in Dortmund. Die„BVB“ in Weißbrotscheiben brennt; und von 1974 und 1982 rächt sich inzwischen Begrüßung durch einen Mannschaftskol-den Garten ziert ein ins Gras gemähtesdas Fehlen flächendeckender „Schulung legen, der sich das Zimmer mit dem PolenClub-Emblem.der Jugend“, klagt Smuda. teilen sollte, klang damals so: „Oh Gott, Auch Lewandowski scheint angekom- Dabei werden in der Fußballakademieda muss ich ja mein Portemonnaie weg-men zu sein. Im Herzen des Ruhrgebiets. von Varsovia Warschau wie eh und je sperren.“ Dabei stammt Borussias Stürmerstar Talente geschliffen. Und zwar auf jenem „Kuba“ hat sich dann durchgesetzt,aus Polen. Dort ist er Idol und Werbe-Platz, auf dem schon Robert Lewan-nicht nur in dieser Sache. Inzwischen istträger für Millionen. Nike und Coca-Coladowski übte. Dass der schwächliche „Bo- er Kapitän der polnischen Nationalmann-schmücken sich mit ihm. Das Magazin schaft. Sein Kumpel Lukasz Piszczek,„MaleMen“ verewigte Lewandowski im2004 von Hertha BSC nach Berlin geholtMärz als muskelstrotzendes Model undund umgehend nach Polen zurückverlie-titelte: „So sehen 20 Millionen Euro aus“.hen, strandete zwischenzeitlich bei Zagle-Der Weltmarkt-Wert des polnischen An- bie Lubin. Umgerechnet 2500 Euro hatgreifers steigt derzeit rasant. er dort zur Manipulation eines Spiels ge- Wie lebt so einer zwischen Dortmundgen Cracovia Krakau beigesteuert. Seinund Lünen?Vereinstrainer von damals ist sein Natio- Tadellos, sagt Lewandowski. Und be-LUKASZ GROCHALA / NEWSPIX / PIXATHLONnaltrainer heute: Franciszek Smuda.stellt sich Schnitzel mit Mischgemüse im Piszczek hat sein Vergehen selbst an-Gasthaus Kegelkotten, weil der Kellner be-gezeigt, dafür gebüßt und daraus gelernt.dauert, weder Nudeln noch Lachs bietenEr ist ein freundlicher Kerl mit Manieren,zu können. Lewandowski ist der einzigeder über einem Bananensaft im Dort-Gast im Lokal. Mittagstisch wird zwischen munder Steakhouse Rodizio keinenDortmund und Lünen, wenn überhaupt, Zweifel daran lässt, dass ihm die Ver-stehend eingenommen. Kein Problem für wandlung zu einem der besten Außen-den Polen, der bei Feiern, wenn nötig, denverteidiger der Liga nicht den Kopf ver-BVB-Hit „Rubbeldikatz am Borsigplatz“ dreht hat. Piszczek sagt: „Wir drei Polenmitsummt. Und auch auf dem Feld ablie-Polnischer Nationaltrainer Smudahaben hier in Deutschland viel gelernt.fert, was von ihm erwartet wird.„Gefärbte Füchse“ In Sachen Tempo, Training, Merchan- 2010 als teuerster Transfer der polni- dising. Aber wir werben auch für unserschen Fußballgeschichte von Posen nachbek“, dem der Trainer einst riet, „mehr Land. Wir widerlegen mit unseren Leis-Dortmund verkauft und dort anfangs alsSpeck“ zu essen, letztendlich Karrieretungen die gängigen Vorurteile gegen„Lewandoofski“ verlacht, blamiert der machte, sei allerdings eher dem „Zufall“Polen.“Stürmer längst seine Kritiker. „Als Nameund Lewandowskis Ehrgeiz zu verdan-Einen wie Jan Tomaszewski in War-würde ,Lewantorski‘ mittlerweile besser ken als gezielter Förderung, sagt Marek schau besänftigt das nicht. Der Torwart,passen“, spottet Anna, die Verlobte.Krzywicki, Direktor der Akademie: „Ta-1974 Turm in der 0:1 gegen die Deutschen Saisontreffer 21 und 22 gelangen gegen lente werden bei uns nicht gehegt. Im verlorenen „Wasserschlacht von Frank-Freiburg am letzten Bundesliga-Spieltag;polnischen Fußball zählt kurzfristigerfurt“, ist heute Abgeordneter im Sejm.beim 5:2 gegen Bayern München im DFB- Erfolg.“Mit fast schon alttestamentlichem ZornPokalfinale am 12. Mai in Berlin warenSelbst in Leszno vor den Toren War- verfolgt er seinen einstigen Mitspieleres gar drei Tore. In Lewandowskis Bilanzschaus, wo am Waldrand das Haus steht,Grzegorz Lato, den amtierenden Präsi-stehen nun zwei Meistertitel mit der Bo-in dem Lewandowski groß wurde, stau-denten des Fußballverbands PZPN, undrussia binnen zwei Jahren. Maßgeblich nen sie bis heute über den Werdegangandere, die von Amts wegen mit demmitbeteiligt an den Erfolgen waren Jakubihres verlorenen Sohnes. Ausgerechnet polnischen Fußball zu tun haben.Blaszczykowski, genannt „Kuba“, und bei den Deutschen, bisher vor allem be- „Unglaubliche Dinge passieren beiLukasz Piszczek, polnische Nationalspie-rüchtigt dafür, dass sie hier 1939 Schule uns“, zürnt Tomaszewski: „Korrupteler auch sie. Bei gut 60 Prozent aller BVB- und Pfarrhaus niederbrannten, ausgerech-Funktionäre und Spieler machen einfachTore in der abgelaufenen Saison hatte net dort also soll aus „Bobek“ nun einerweiter, als wäre nichts passiert.“ Einereiner der drei aus dem Osten die Füße der größten Hoffnungsträger des polni-wie Piszczek, zum Beispiel, habe inim Spiel. Der „Kicker“ führt das Trio un- schen Fußballs geworden sein? Polens Auswahl nichts verloren. Undter den besten acht Feldspielern der Liga.Na ja, sagt Lewandowski und blicktVerbandspräsident Lato, der WM- In vaterländischem Überschwang ernst aus noch bubenhaftem Gesicht, imTorschützenkönig von 1974? Den be-schwelgt Warschaus Presse bisweilen Grunde seien seine Jugendjahre und dieschuldigt mit Hilfe von Videoaufnahmenschon von „Polonia Dortmund“. Die dreiersten Stationen als Fußballer in Polen ein Unternehmer, Schmiergeld angenom-D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 103
  • 83. Sportmen zu haben. Lato bestrei- Klopp dort neuerdings mittet das.der Forderung „Rusz dupe!“ Eitle Hahnenkämpfe der („Beweg deinen Arsch!“) bis-Helden von einst? Einen gibtweilen sein Polnisch aufblit-es, der inmitten all des ver- zen lässt, sorgt für Heiterkeit.bandsinternen Gezerres undSo wie der Platzwart, selbstGekeifes die Nerven behaltenim Nachbarland geboren, dermuss: Nationaltrainer Fran- neue Witze unters Volkciszek Smuda, seiner ober-bringt: „Watt is’ ein Pole, derschlesischen Herkunft wegen keine Arme hat? – ’ne Ver-„Franz“ gerufen.trauensperson.“ Franz hat zwar drei Grana-Andererseits: Erst ein hal-ten aus Dortmund im Kader,bes Jahr ist vergangen seitaber auch jede Menge Ärgerder letzten „Kuba“-Krise –am Hals. Er spreche besserals Blaszczykowski, über-Deutsch als Polnisch, mäkelnstrahlt vom jungen Mariodie einen. Er sage heute dies Götze, den Verein verlassenund morgen jenes, kritisieren wollte. Aus Piszczeks Umfeldandere. Er umwerbe „gefärbtewurden zuletzt Berichte überFüchse“, wettern Dritte: Spie-Avancen von Real Madrid ge-ler, die zwar eine polnischestreut. Und ein Lewandowski-Großmutter im Stammbaum,Agent heizte von Warschauaber höchstens ein paar polni-aus Spekulationen um seinensche Brocken im WortschatzKlienten an.haben, sollten das Trikot mitAuf Gruppenfotos stehendem Adler nicht tragen dürfen.sie bis auf weiteres noch brav Sagt auch Robert Lewan-zu dritt: gemeinsam mit älte-dowski. ren Fans aus der Heimat Smuda aber findet nach oder neben einem Batailloneigenem Bekunden nichts U-11-Spieler aus Krakau samtdabei, wie ein Brautwerberaufgebrezelten Fußballmüt-übers Land zu ziehen auf dertern, die das Trainingsgelän-Suche nach Verstärkung. Erde belagern und um Erinne-CZAREK SOKOLOWSKI / APahnt, dass drei Dortmunderrungsbilder bitten. „Kuba“Meisterspieler plus Torwart steht bei solchen AnlässenWojciech Szczesny von Arse- meist im Vordergrund undnal London als Korsettstan- Lewandowski am Rand.gen nicht genügen zum Auf- Der ist der Jüngste, in derbau einer konkurrenzfähigen PR-Figur Lewandowski in Warschau: „So sehen 20 Millionen Euro aus“ Heimat aber bereits Populärs-Truppe. te aus der Troika. Weil er au- Die Dienstreisen des Nationaltrainers hotel aus hinter Leithammel Klopp her ßer Toren einen eigenständigen Kopf zuins Ausland sprechen Bände über den Zu- unbehelligt durchs Kleine-Leute-Viertel bieten hat und mit Anna, der WM-Drittenstand des polnischen Fußballs. Im April Dortmund-Barop spazierten, der ahnt: im Karate 2008, auch noch eine fescheetwa besuchte Smuda auf Deutschland-Ab- Ihre außergewöhnlichen Leistungen könn- Verlobte. Als „Polens Beckhams“, dasstecher zuerst die Polizeiwache, in der sein ten mit außergewöhnlicher Gelassenheit sagen sie beide im Garten vor ihrem Klin-Kandidat Slawomir Peszko vom 1. FC Köln im Umfeld des BVB zu tun haben.kerhaus in Lünen, wollen sie nicht gehan-nach einer Sauftour nächtigen musste; er Wie Lewandowski lebt auch „Kuba“ in delt werden. Aber den Markt- und Wer-beschäftigte sich dann mit den Problemen Lünen, Piszczek wohnte bis vor kurzem bewert haben sie fest im Blick.der Kandidaten Sebastian Boenisch (Wer- dort. In Lünen ist ein Pole Pfarrer, ein Für angeblich 24 Millionen Euro Ge-der Bremen, Platzverweis) und Adam alter Steiger von der Zeche „Minister halt einen Vierjahresvertrag in der chi-Matuszczyk (Fortuna Düsseldorf, straf- Achenbach“ leitet den BVB-Fanclub nesischen Operettenliga zu unterschrei-versetzt); und er saß schließlich mit 80 719 „Schwarzes Gold Brambauer“, und die ben wie der Dortmunder Sturmkollegeanderen beim Spiel Borussia Dortmund Oma von nebenan fragt schon mal, wenn Lucas Barrios, das käme Lewandowskigegen den FC Bayern auf der Tribüne. „Kuba“ maskiert mit Sonnenbrille und nicht in den Sinn. Mit Fußballromantik Was Smuda dort sah, entschädigte für Baseballkappe bei Rewe einläuft: „Wolln allerdings, darauf legt er Wert, hat dasvieles: wie Piszczek und „Kuba“ die rech- Se die Wursttheke überfallen?“ nichts zu tun: „Liebesbekundungen zute Seite beackerten; wie Lewandowski Dortmund und Umgebung, das ist Po- einem bestimmten Verein sind schwach-einen Pfostentreffer stoisch wegsteckte, lenrevier seit der Kaiserzeit. Der Kohle- sinnig; nicht zuletzt deshalb, weil ja ge-während Mario Gomez auf der Gegensei- zechen und Stahlwerke wegen wanderten nauso gut der Tag kommen kann, wote noch beim Haareraufen auf die B-Note die Vorfahren jener Tilkowskis und Kwiat- plötzlich der Verein den Spieler nichtzu schielen schien; und wie Lewandowski kowskis ein, deren Namen heute die Ruh- mehr will.“am Ende mit der linken Hacke das ent- meshalle der Borussia zieren. 32 Lewan-Wenn am 8. Juni die EM beginnt, soscheidende Tor zum 1:0 machte. dowskis hat der Pfarrer der Polnischen viel steht fest, geht es für die drei Dort- Robert sei „körperlich noch stärker“ Katholischen Mission Dortmund in seiner munder Polen nicht nur um Vaterlands-geworden in Deutschland, sagt Smuda Kartei. Ihren Namensvetter, den Borus- liebe. Sondern zusätzlich um die bestenstolz, auch „Kuba“ und Piszczek hätten sen-Stürmer, sehen sie nun häufiger zum Plätze im Schaufenster der Zunft: „Na-sich verbessert. Wer die drei Polen sah, Gottesdienst in der Kirche St. Anna.türlich“, sagt Lewandowski, „spielt da je-wie sie, Stunden nur vor Beginn desFehlt nur noch eine polnische Flagge der von uns auch um seinen Marktwert.“Spiels gegen den FC Bayern, vom Team- über dem BVB-Trainingsgelände. DassRAFAEL BUSCHMANN, WALTER MAYR104 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 84. Sport Profi Montolivo „Zum Baden an die Ostsee“chen, den entscheidenden Pass geben,Tore schießen. Wirklich außerordentlich.Auch Miroslav Klose gefällt mir. Ein klas-sischer Torjäger.SPIEGEL: Ihr Vater ist Italiener, Ihre Mutterist Deutsche. Sind Sie Deutschland emo-tional verbunden?Montolivo: Natürlich, auch wenn ich michzu 90 Prozent als Italiener fühle, weil ichin Italien geboren und aufgewachsen bin.Ich besitze einen deutschen Pass, und mei-ne Mutter hat mit mir nur deutsch gespro-chen, als ich klein war. Inzwischen unter-halten wir uns in einem Mischmasch auszwei Sprachen. Als Schüler habe ich mei-ne Sommerferien in Schleswig-Holsteinverbracht. Ich war jedes Jahr für andert-halb Monate dort.SPIEGEL: Welche Erinnerungen haben Sie ANAN SESA / IMAGOan diese Zeit?Montolivo: Nur schöne. Ich habe von mor-gens bis abends im Garten von Oma undOpa Fußball gespielt, mit meinem älterenBruder Luca, mit Kindern aus der Nach-barschaft, mit Onkel Jochen. Und ich warI TA L I E NFrancesco Totti. Komischerweise habe ich„Mama ist heilig“damals bei einer Weltmeisterschaft oderEM immer Deutschland die Daumen ge-drückt. Das hat sich erst mit der Zeit ge-ändert. Mit meinem Onkel habe ich mirauch häufig Handballspiele des THW KielNationalspieler Riccardo Montolivo über die Aussichten seines angeguckt. Und zum Baden sind wir nach Teams bei der EM, die Favoritenrolle der deutschen Heidkate an die Ostsee gefahren.SPIEGEL: Was fällt Ihnen auf, wenn SieMannschaft und seine Kindheitserinnerungen an Schleswig-HolsteinDeutschland mit Italien vergleichen?Montolivo: In Italien sind die SträndeMontolivo, 27, dessen SPIEGEL: Weil die Iren von Ihrem Lands- schöner. Was ich an den Deutschen mag,Mutter aus Aschebergmann Giovanni Trapattoni trainiert wer- zumindest an den Menschen aus dembei Plön stammt, besitztden?Norden: Die Leute sind zurückhaltenderdie doppelte Staatsbür- Montolivo: Genau. Und der Signore ist inals die Italiener. Und sie gehen respekt-gerschaft und spricht flie- Italien sehr beliebt, aber eben auch sehr voller miteinander um. Dafür sind dießend Deutsch. Er hat fürgefürchtet. Italiener wesentlich offener und warm-Atalanta Bergamo undSPIEGEL: Gefürchtet? Warum? herziger. Ich denke, meine Eltern habenden AC Florenz gespielt Montolivo: Weil jeder Italiener weiß, was mir von beidem etwas mitgegeben. Aufund wechselt zur nächsten Saison zumfür ein Fuchs er ist. Trapattoni ist ein Stra-meinem rechten Fußballschuh ist dieAC Mailand. Der Mittelfeldspieler debü- tege, der unsere Mannschaft gut kennt.deutsche Fahne abgebildet, auf dem lin-tierte 2007 für die Squadra Azzurra,SPIEGEL: Warum ist das deutsche Team fürken die italienische.nahm an der Weltmeisterschaft 2010 in Sie ein Kandidat für den Titel? SPIEGEL: Was sagen Ihre Kollegen aus derSüdafrika teil und bestritt bislang 32 Län- Montolivo: Zum einen setzt sich Deutsch-Nationalmannschaft dazu?derspiele.land immer durch, das kennt man aus frü-Montolivo: Sie akzeptieren das. In Italienheren Turnieren. Die Mannschaft besitzt ist Mama heilig, und meine heißt nun malSPIEGEL: Herr Montolivo, Sie spielen miteinfach die Fähigkeit, sich in einen Wett-Antje und kommt vom Plöner See.der italienischen Nationalmannschaft zu-bewerb zu verbeißen. Das entspricht der SPIEGEL: Sie gelten nicht als „Il Tedesco“,nächst gegen Spanien, Kroatien und Ir-deutschen Mentalität. Und zum anderen als „der Deutsche“?land. Wie hoch schätzen Sie die Chancen stehen außergewöhnliche Talente in derMontolivo: Hin und wieder haben wir beimein, dass Italien sich durchsetzt?Mannschaft. Spielerisch sind die Deut-AC Florenz im Training Italiener gegenMontolivo: Die Gruppe ist schwer, nicht schen so stark wie nie zuvor. Wenn manAusländer gespielt. Da wurden manchmalviel leichter als die der Deutschen. Spa- diese beiden Eigenschaften addiert, ergibtScherze gemacht, in welche Mannschaftnien ist Welt- und Europameister, für sich daraus eine Spitzenelf.ich sollte.mich einer der Favoriten. Wie auch Hol- SPIEGEL: Welche Spieler beeindrucken SieSPIEGEL: Und?land und Deutschland. Die letzte Begeg- am meisten? Montolivo: Ich bin dorthin gegangen, wonung gegen Spanien haben wir knapp ge-Montolivo: Manuel Neuer fasziniert mich,Platz war.wonnen – das könnte hilfreich sein, auchobwohl er Torwart ist und ich Mittelfeld- SPIEGEL: Sind Sie noch oft in Deutschland?wenn es nur ein Freundschaftsspiel war. spieler bin. Er ist noch jung, strahlt aber Montolivo: Meine Mutter fährt einmal imGegen Irland wird es ein ganz speziellesschon so viel Sicherheit aus. Dann MesutJahr rauf, und ich versuche, sie für einSpiel für uns.Özil. Er kann alles: das Spiel schnell ma-paar Tage zu begleiten. Ich halte bis heute106D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 85. Kontakt zu meinen alten Freunden, wir Liga ist das Durchschnittsalter höher als Montolivo: Er ist ein väterlicher Freund.schreiben uns regelmäßig SMS und Mails. bei uns, und dann spielen in Italien auch Ruhig und witzig, nie arrogant. DurchausSie sind im vorigen Jahr zu unserem Län- noch relativ viele Ausländer. Es fehlt den streng. Er nominiert niemanden für einderspiel nach Dortmund gekommen, und Vereinen die Geduld, auf junge Spieler Länderspiel, der in der Liga vom Platzsie waren 2010 in München, als ich in der zu setzen, man gibt ihnen keine Chance. geflogen ist, weil er gemeckert hat. Pran-Champions League mit Florenz gegen Viele Clubs denken nicht langfristig ge- delli lässt konsequent offensiv spielen,den FC Bayern gespielt habe. nug. Das muss man aber. Nach 2006 hat was dem italienischen Charakter eigent-SPIEGEL: Verfolgen Sie in Italien die Bun- Deutschland alles richtig gemacht – und lich nicht entspricht. Das Verteidigen liegtdesliga? Italien ganz viel falsch. Wir sind jetzt eine uns mehr im Blut. Aber es funktioniert.Montolivo: Schon. Mir imponiert, dass die Mannschaft im Umbruch. Wir wollen SPIEGEL: Ihre Nationalmannschaftskolle-Clubs international wettbewerbsfähiger nachholen, was wir nach dem Gewinn gen Mario Balotelli und Antonio Cassanowerden. Und wie wunder-gelten als hochbegabte Stür-bar die Stadien sind. Alsmer, aber auch als schwerwir in München gespielterziehbar. Balotelli flanier-haben, sagten danach alle: te mit Mafia-Bossen durchOh, wie ist das schön in der Neapel, Cassano ist 29 Jah-Arena! Deutschland hatte re alt und behauptet, erdas Glück, 2006 die Welt-habe mit 700 Frauen ge-meisterschaft austragen zu schlafen. Marcello Lippi,können. Viele Stadien wur- Prandellis Vorgänger, hatden renoviert oder neu ge- die beiden hartnäckig igno-baut. In Italien spielen wir riert. Wie kommt Prandellimeist in maroden Kästen, mit den beiden zurecht?weil seit der WM vor 22Montolivo: Gut. Denn erJahren keiner in die Infra-glaubt an sie. Prandelli iststruktur investiert hat. Die niemand, der junge SpielerPolitik müsste die Priva-verbrennt. Bei ihm darf CLAUDIO VILLA/GETTY IMAGEStisierung der Stadien för- man Fehler machen. Erdern, weil die Städte kein mag keine Jasager.Geld haben, sie zu moder-SPIEGEL: Balotelli hat ghanai-nisieren.sche Wurzeln, er ist in Ita-SPIEGEL: Die Serie A galt bislien schon mehrfach ras-vor gut zehn Jahren alssistisch beleidigt worden.erste Adresse in Europa, Offenbar gefällt nicht allenmittlerweile macht die LigaTifosi, dass er für ihr Landvor allem durch Skandale spielt.von sich reden: Vor einemMontolivo: Den Leuten wirdMonat zwangen Ultras die nichts anderes übrigblei-Spieler des CFC Genua wäh- ben, als sich daran zu ge-rend der Partie, ihre Trikotswöhnen. Wir haben ja auchauszuziehen; einige Tage noch Thiago Motta imspäter prügelte Ihr TrainerTeam, der in Brasilien ge-in Florenz nach einer Aus- boren wurde. In Italien le-wechslung auf seinen eige- ben nicht so viele Einwan- DANIELE BUFFA / IMAGE SPORT / IPA / PIXATHLONnen Spieler ein. Randalie- derer wie in Deutschland,rende Fans, Wettmanipula-aber dass in unserer Natio-tion, antisemitische Parolen nalmannschaft Spieler mitund korrupte Schiedsrich-Migrationshintergrund ste-ter: Was ist da los? hen, ist die Zukunft.Montolivo: Fest steht, dassSPIEGEL: Was hätte es fürunser Fußball reinigungsbe-Folgen, wenn Italien wiedürftig ist. Es fehlt in Italien bei der Weltmeisterschaftan Sportlichkeit und Fair- vor zwei Jahren früh aus-ness. Ganz bestimmt muss scheiden würde?an der Sicherheit in den Sta- Eingebürgerter Nationalspieler Balotelli, Trainer Prandelli, Hooligans in Rom Montolivo: Das darf nicht pas-dien gearbeitet werden. Es „Unser Fußball ist reinigungsbedürftig“ sieren. Wird es auch nicht.muss härtere SanktionenWir wollen den Leuten beigeben für die Fans, die keine Fans sind, der Weltmeisterschaft versäumt haben: der Europameisterschaft zeigen, dass dersondern Verbrecher. Ich kann nicht ver- Das Team wird langsam, aber sicher ver- italienische Fußball nicht nur hässlich ist,stehen, wie ein paar Leute in Genua ein jüngt. Das ist nicht so leicht, weil es nicht sondern attraktiv und leidenschaftlich seinFußballspiel unterbrechen können, ob- so viele Talente gibt. Der Nachwuchs wur- kann. Ich habe auch das Gefühl, dass unswohl Polizisten im Stadion sind. Das ist de zu lange vernachlässigt. die Menschen in Italien mehr Vertrauenabsurd. Die Ränge sind leer, weil sich nor- SPIEGEL: Einer, dem es schon mal gelungen schenken als 2010.male Menschen nicht mehr trauen, eine ist, aus jungen Spielern ein erfolgreiches SPIEGEL: Vielleicht, weil die ErwartungenKarte zu kaufen. Team zu bauen, ist Cesare Prandelli. Der dieses Mal nicht so hoch sind?SPIEGEL: Hat das Auswirkungen auf die italienische Nationaltrainer war fünf Jah- Montolivo: Möglich. Aber am Ende ist esNationalmannschaft?re lang Ihr Coach in Florenz und hat die immer dasselbe: Wenn du für ItalienMontolivo: Für das Team ist etwas anderes Mannschaft in die Champions League spielst, spielst du, um zu gewinnen.schlimmer: In keiner europäischen Top- geführt. Was zeichnet ihn aus?INTERVIEW: MAIK GROSSEKATHÖFER D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 107
  • 86. PrismaArchiv der BräucheIn Westfalen wurden „Pfingst-lümmel“ einst mit Ginster-zweigen umbunden und wieTanzbären durch die Straßengeführt. Das Foto von 1906ist Teil einer volkskundlichenDatenbank zu Alltags- undFestbräuchen, die derzeit in RING / VOKOMünster aufgebaut wird.ARTENSCHUTZder Niederlausitz (Brandenburg). DortS C H I F F S BAUwurden in den vergangenen Tagen 27Schwedenvögel für Auerhühner ausgesetzt. Die Vögel wa-ren zuvor in Schweden eingefangenChristliche Seefahrt Deutschlandworden. Bei der Kescher-Aktion gerie-ten allerdings nur Hennen ins Netz.Die Verantwortlichen hoffen, dass die auf ÖkokursTrotz massiver Hilfsmaßnahmen Vögel wenigstens bereits befruchtet Eine Rückkehr zu Windkraft und Se-bleibt das Auerhuhn in Deutschlandwaren und Eier legen werden.gel könnte beim maritimen Frachtver-vom Aussterben bedroht. Die größtekehr große Mengen an Kraftstoff ein-Population, im Schwarzwald, zählt sparen. Ingenieure der Fachhochschuleneuesten Schätzungen zufolge nurKiel haben ein Konzept untersucht,noch 400 bis 500 Tiere. In anderen Re-bei dem Masten mit rechteckigen Dop-gionen ist Europas größter Hühner-pelsegeln teleskopartig aus demvogel schon ausgestorben. Der Grund:Schiffsrumpf ausfahren. Der von derZu viele Wälder wurden in Holzplan- Öko-Brise gelieferte zusätzliche Schubtagen verwandelt, zu viele Fressfeindekönnte die Antriebsmotoren spürbarwie Füchse oder Wildschweine stellenentlasten. Die Wissenschaftler habenihm nach. Die Männchen, bekannt für eine mittlere Treibstoffersparnis vonihr ausgiebiges Balzverhalten, werden 15,3 Prozent errechnet. Eine ähnlichebis zu 80 Zentimeter groß. Versuche,Technik bietet das Hamburger Unter-die imposanten Vögel in Ostdeutsch- nehmen SkySails an, das bereits vier IMAGEBROKER / VARIO IMAGESland wieder heimisch zu machen, Schiffe mit drachenartigen Segeln aus-erweisen sich als schwierig. In Thürin- gestattet hat. Demnächst wird diegen entsteht zwar derzeit eine weitereFirma auch den 170 Meter langen Mas-Aufzuchtstation; dennoch leben dort sengutfrachter „Aghia Marina“ um-nur noch 10 bis 15 Exemplare in der rüsten: Das 30 000-Tonnen-Schiff er-freien Wildbahn. Wenig helfen dürftehält einen Zugdrachen aus Kunststoffwohl auch ein Freisetzungsversuch inAuerhahn beim Balzritualvon 320 Quadratmeter Größe.108D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 87. Wissenschaft · Technik SEISMOLOGIE„Der Norden ist cooler“ Der Geophysiker Wolf- gang Lenhardt, 55, vom Österreichischen Erdbe- bendienst über die ak- tuellen Erdstöße in Ita- lien und BulgarienSPIEGEL: Bei Ihnen laufen die geologi-schen Alarmmeldungen aus Südtirolein. Wie hat die Bevölkerung dort rea-giert?Lenhardt: Viele waren geschockt undsehr überrascht. Ein Beben mit einer C. ECKMANN / RGZM C. ECKMANN / RGZMStärke von 6,0 in der Emilia-Romagnaereignet sich nur alle paar hundertJahre. Entsprechend verheerend istder Schaden an den historischen Ge-bäuden – ihr erster Stresstest.Schädel, Kopfschmuck der Prinzessin Li Chui RekonstruktionSPIEGEL: Warum rumpelte es kurz da-nach auch in Bulgarien? ARCHÄOLOGI E Römisch-Germanische ZentralmuseumLenhardt: Reiner Zufall. Eine Erdbeben-nach Mainz. Derzeit werden dort diehäufung wie in der Apokalypse istnicht zu erwarten. In Bulgarien kames zu einer Abschiebung der Erdkrus- 10 000 Jahre TraurigkeitSilbergefäße der Adligen metallurgisch untersucht. Ein Dreifuß diente wohl kosmetischen Zwecken. Auch die mitte, was in der Gegend äußerst selten Ihre Frisur schlägt alle Rekorde: Auf roter Tusche beschriebene Grabplattepassiert. Weit mehr Gefahr geht vom55 Zentimeter Höhe türmt sich der mit der Prinzessin konnte jetzt entziffert künstlichen Haarteilen, Goldspangen werden: Demnach war sie mit einem und Hunderten Edelsteinen garnierte kaiserlichen „Beamten zur Entwick- Kopfschmuck der chinesischen Prin-lung der Literatur“ verheiratet und litt zessin Li Chui aus dem 8. Jahrhundert.an einer „unheilbaren Krankheit“. Als Im Jahr 2003 war das prachtvollesie mit 25 Jahren starb, ergriff den Totengewölbe der Dame in Xi’an ent- Gatten unsägliche Schwermut, wie das deckt worden – allerdings beschädigtEpitaph verrät: „Noch in 1000 Herbs- durch einen Wassereinbruch. Viele der ten und in 10 000 Jahren weht hier der Beigaben kamen zur Restaurierung insWind der Traurigkeit.“ACTION PRESS / REX FEATURES QUERSCHNITT Tödliche Krankheiten in den ärmsten und den reichsten LändernZerstörter Uhrturm bei Bologna Eine Frage des Geldes Tote pro eine Million Einwohner 2008 Infektionen der AtemwegeSüden des Kontinents aus, wo die Ge- Infektionskrankheiten wie Aids und1291birgsbildung noch im Gang ist. TBC wüten bei den Armen, Krebs326SPIEGEL: Beim Erdbeben von Messina und Demenz treffen die Reichen. Einim Jahr 1908 kamen rund 100 000 Men- neuer Report der WHO zeigt, dassAidsschen ums Leben. sich mit steigendem Wohlstand auch877Lenhardt: In Süditalien werden kompli- die Todesursachen verändern. 17zierte tektonische Spannungen aufge-baut, weil die Afrikanische Platte ver-Tuberkuloserücktspielt. 487SPIEGEL: Wie steht es mit Deutschland?13Lenhardt: Der Norden ist generell coo-ler. Zwar gibt es in der Eifel noch Vul- Darmkrebs ärmste Länderkanismus. Doch die letzte Eruption27 Bruttonationaleinkommenereignete sich dort vor 10 000 Jahren. pro Kopf: 995 Dollar276oder wenigerMit der Prophezeiung der Maya, dassam 21. Dezember 2012 das Ende derreichste LänderWelt naht, haben die aktuellen Beben Bruttonationaleinkommen pro Kopf: 12196 Dollarnichts zu tun. Der Untergang lässt oder mehrnoch auf sich warten.D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2109
  • 88. Titel Zu blau der Himmel Jeder wird sterben, die Frage ist nur: wie? Qualvoll im Krankenhaus? Dement im Heim? Das Tabu um dasThema Tod bröckelt – und es gibt gute Ideen für ein Sterben ohne Angst. Es ist Zeit, darüber zu reden.E in Selbstversuch: Schließen Sie diezwar oft und ausführlich, so, wie man Augen, und stellen Sie sich vor, Sie sich über Kindererziehung und Liebes- hätten gerade von einem Arzt er- dinge unterhält. Mehr noch: Am bestenfahren, dass Sie an einer unheilbaren, töd- plant jeder schon mal sein eigenes Ster-lichen Krankheit leiden, sagen wir: Lun-ben – so, wie man sich auf Geburten vor-genkrebs. Metastasen. Keine Hoffnungbereitet. Mit allen Beteiligten reden, sichauf Heilung.von einer Fachkraft beraten lassen, und Was empfinden Sie? die Aufgaben für den Tag X verteilen. Wahrscheinlich nicht viel. In diesemMit Sprechen und Planen kriegt manFall versagt die Phantasie. Den eigenen die Angst weg. Und vorbereitet undTod kann sich niemand vorstellen; das angstfrei stirbt es sich besser. Wer darüberDrama der Botschaft vom eigenen redet, beginnt, den Tod als Teil des Le-Ende  bleibt irgendwo in den äußerenbens zu begreifen. Wer fragt und zuhört,Hirnwindungen hängen. In Gefühl lässt erfährt, dass er entgegen aller Erwartungsie sich nicht übersetzen. Das Entsetzen, vieles selbst bestimmen kann auf demdas Aufbegehren spürt nur der wirklichWeg zu seinem Ende.Todgeweihte. Es gäbe dann auch mehr Vorsorgevoll- Natürlich weiß jeder, dass er sterbenmachten und Patientenverfügungen, somuss. Aber doch nicht jetzt! Doch nicht dass alle, die sich kümmern, besser wüss-ich! Es ist, das berichten Todkranke, als ten, ob sie beispielsweise einer Beatmungöffnete die Botschaft vom bevorstehendenzustimmen sollen. Das heißt: Mehr Men-Sterben eine Tür zu einer anderen Welt. schen würden ohne Qualen und in Würde Ein Zurück in die alte Susi-Sorglos- abtreten. Es gäbe eine neue Sterbekultur.Welt gibt es nicht.Das versprechen jedenfalls die Profis Das eigene Ich, ausgelöscht? Nicht in Sachen Sterben: Palliativmediziner,mehr denken, wie geht das? Nichts mehrderen Aufgabe es ist, Schwerstkranke auffühlen? Unvorstellbar. Die Amsel dahin- ihrem Weg zu begleiten. Es sind Ärzte,ten auf der Wiese, sie wird auch mor- die Hunderte Menschen haben sterbengen noch Würmer aus der feuchten Erde sehen, die den Tod nicht mehr als Feindzupfen, die Blättervorhänge der Trauer- sehen, den es zu bekämpfen gilt; Ärzteweide werden im Wind schwingen, und wie der Neurologe Gian Domenico Bora-die pinkfarbenen Pfingstrosen werdensio, der an der Universitätsklinik in Lau-ihren Duft verströmen. Aber ich bin sanne die Palliativmedizin leitet.dann – weg.Der eloquente Italiener mit Vollbart Sterben ist die größtmögliche Grau-und sonnigem Lächeln glaubt, dass dassamkeit.Schweigen über das eigene Sterben die Wer zum Teufel kann das wollen:Sache noch verschlimmere. „Das ist eineSiechtum, Blut spucken, Schmerzen, diesich selbst erfüllende Prophezeiung“, sagtmit Gewalt Besitz ergreifen von KörperBorasio. „Wer Angst vor einem qualvol-und Geist? Wer erträgt es, sich einer len Sterben hat, redet nicht darüber, be-Medizin auszuliefern, die den Menschenkommt deswegen keine Informationen,seiner Würde beraubt, aus seinem Leib kann nicht gut planen, und die Angehö-ihr Spielfeld macht, indem sie diesen öff-rigen wissen nicht über seine Wünschenet und in ihn eindringt und ihn an pum-Bescheid, wenn sie für ihn entscheidenpende, saugende, messende Apparaturen müssen.“hängt. Sprechen also. Es ist ein guter Zeit- Sterben macht Höllenangst. punkt. Der moderne Mensch tut zwar Auch deshalb reden die meisten Men-möglichst so, als würde gar nicht ge-schen nicht gern darüber. Aber sie solltenstorben. Die Hinfälligen schickt er insVerstorbene im Pflegeheim Sonnweides tun, dringend, das ist die neue Idee:Altenheim und ins Krankenhaus; dortLasst uns übers Sterben sprechen. Und hauchen sie ihr Leben aus, nicht mehr,110 D E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2
  • 89. MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGELD E R S P I E G E L 2 2 / 2 0 1 2 111
  • 90. Titel REPRO: MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL (L.); MICHAEL TRIPPEL / DER SPIEGEL (R.)Frischvermähltes Ehepaar Bacher 1954, Witwe Bacher heute: „Ich will dir noch ein letztes Busserl geben“wie einst, daheim. Und zwei Drittel derFribourg in der Schweiz, „ist das Sterben durch Krankheit bei guter medizinischerDeutschen glauben laut einer aktuellen selbst heute kaum mehr real erlebbar“.Versorgung, so, dass sie noch ein bisschenTNS-Emnid-Umfrage, die Gesellschaft Wie also anfangen, über den eigenenleben und dann Abschied von ihren Liebs-verdränge das Thema Tod „eher“ oderTod zu sprechen, sich auszutauschen,ten nehmen können. Tatsächlich wird,sogar „sehr“. Zu nah darf er jedenfallswenn kaum jemand mehr mitbekommt, schätzt Palliativmediziner Borasio, jedennicht kommen, das bewiesen im Februarwie Sterben eigentlich geht? Es ist Zeit, Zweiten dieser Tod ereilen.einige Hausbesitzer im Hamburger Sü- nachzuschauen, wie in Deutschland ge-Es überrascht nicht, dass fast niemandden, die gegen ein Hospiz in ihrer Nach- storben wird. Es ist Zeit, Sterbende undverwirrt aus dieser Welt scheiden will.barschaft protestierten. ihre Angehörigen und Pfleger zu befra-Dabei trifft genau dieses Schicksal sehr, Wenige Leute haben einen Plan, wiegen, wie es ist, zu Hause zu bleiben, ge- sehr viele Menschen: mehr als ein Drittel,mit ihnen verfahren werden soll, wennbrechlich, schwach, hilfsbedürftig (das Tendenz steigend. In 20 Jahren werdenein Herzinfarkt sie fällt. Und kaum je-geht, und zwar immer besser); ob es wirk- knapp zwei Millionen demenzkrankemand hat sich überlegt, was geschehenlich so schrecklich sein muss, dement sei-Deutsche ihrem Ende entgegendämmern.soll, wenn er schwer erkrankt: Zwölf Pro-nem Ende entgegenzudämmern (muss es Die Wahrscheinlichkeit dazuzugehörenzent der Deutschen haben eine Patien-nicht) oder im Altenheim sein Leben aus-ist hoch.tenverfügung verfasst, gerade einmal achtzuhauchen (kommt darauf an). Wie wich- Und natürlich gibt es ihn, den grau-Prozent eine Vorsorgevollmacht.tig ist der Sterbeort überhaupt? Was istsamen Tod; es gibt Ärzte, die um jeden Immerhin, das Tabu bröckelt. Bücher,wirklich wichtig, wenn man seinem EndePreis Leben erhalten wollen und daherdie vom realen Sterben handeln, verkau-entgegengeht? Krebspatienten, denen nichts mehr hilft,fen sich prächtig, zuletzt Borasios Plä-Vielleicht relativieren sich, wenn alleauch noch mit der x-ten Chemotherapiedoyer für einen angstfreien Weg in den über solche Fragen reden, auch die Wün- malträtieren. „Da kriegt man fünf Infu-Tod („Über das Sterben“); der Titel klet-sche, die viele Menschen über ihr Lebens- sionen, fünfmal Chemo, da kriecht manterte bis auf Platz drei der SPIEGEL-Best- ende äußern. Mehr Realismus könntenur noch auf’m Boden rum, man ist einsellerliste. In Deutschland haben die