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Über den derzeitigen stand der frage des stotterns

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  • Uber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. Von Dozent Dr. Emil Fr~schels (Wien). (Eingegangen am 25. Ma{ 1916.) Das Stottern stand im Altertum im Mittelpunkt des Interesse~ der Arzte. Schon Hi p p o kr a t e s hat sich mit der Untersuchung der Sprach- st6rungen befal~t und eine noch heute anerkennenswerte Beschreibung des Stotterns gegeben. Aber auch nicht~rztliche Schriftsteller, wie Ar istoteles, Herodot und P lu tarch haben in ihren naturwissen- schaftlichen bzw. historischen Studien den Sprachfehler oft eingehend behandelt. H e r o d o t berichtet fiber den KSnig B at t u s v o n C y re ne, daI~ er die erste Silbe eines Wortes h~ufig wiederholte und seit damals gebrauchten die Grieehen das Wort fla~va~i$etv (battarizein) fiir Stot- tern. Bei Cornel ius Celsus linden wir zum ersten male den Vol~chlag, die SprachstSrung operatif7 und zwar durch Losl6sung der Zunge zu heilen. Der grof~e Galenus lieferte eine ausfiihrliche Beschreibung der Sprachst6rung und ffihrt sie auf Abnormit~ten der Zunge und der Mundorgane zurfick. Ssikorski (~ber das Stottern. Berlin 1891.) beriehtet in seiner Monographie fiber das Stottern, daI~ Caelius Aure l ianus im 3. Jahr- hundert n. Chr. bereits Sprachgymnastik gegen das Ubel verwendete, welche sich in ihren Grundlagen nicht wesentlich von den modernen sprachgymnastischen Methoden unterschied. Ebenfalls im Ssi kors ki linden wir eine komische Stelle aus Rabelais zitiert, wo von einer Heilung infolge Zungenl6sung bei einer Frau berichtet wird, einer Heilung, die ~o grfindlich war, da$ der Mann der Patientin sieh be- stiirzt an den Arzt wandte, ob er sie nicht rfickg~ngig machen kSnne. Ira 17. Jahrhundert wurde von dem deutschen Chirurgen yon Hi lden ebenfalls die operative Behandlung der Sprachst6rungen in weitestem Make betrieben. H ie ronymus Mereurial is gab eine ausffihrliche Besehreibung des Stotterns, doch nur derjenigen Form, welche wir sp~iter als Wiederholungsstottern genauer kennenlernen
  • 320 E. Fr~schels: werden. Er nimmt eine besondere Feuchtigkeit des Gehirns als Grund fiir den Sprachfehler an und empfiehlt teils chirurgische, tells medikamentSse Behandlung. Boissier de Sauvages (18. Jahrhun- dert) ist der Ansicht, daft der Grund der Krankheit in einer Schw~che der Muskeln zu suehen ist. Damals erschienen die ersten bahnbrechen- den Arbeiten fiber die Physiologie der Sprache, und zwar die yon Amman, Hal ler , Wallis und Kempelen. I ta rd in Paris dfirfte der erste Arzt gewesen sein, welcher das Stottern von den iibrigen SprachstSrungen sieher zu unterscheiden wul~te. In der ersten H~lfte des 19. Jahrhunderts war es eine Mrs. Leigh, welche eine gymnastische Methode gegen das Stottern errand, die sie im allgemeinen geheimhielt und nur einzelnen wenigen Leuten mit- teilte. Die Urteile fiber die Erfo]ge ihrer Methode waren sehr sehwan- kend, jedoeh knfipft sich an ihren Namen ein epochemachendes Inter- esse fiir das Stottern bei ~:rzten und P~dagogen. Damals erschien eine grundlegende Arbeit yon Schultel~; er definiert in klassischer Weise das Stottern als ein plStzliches Unver- mSgen, eine Silbe oder ein Wort auszuspreehen, w~hrend das Stam- meln naeh ihm darauf beruht, dal~ die einzelnen Laute entweder gar nicht cder falsch gesprochen werden. Fast gleichzeitig erschien ein Werk von Colombat. Er lieferte eine besonders griindliche Beschreibung der ~ul~eren Symptome des Stotterns und empfahl die Institutsbehandlung der Patienten, welehe er selbst besonders mit cinem metronomartigen Instrument dureh- fiihrte, das den Takt gab, nach welcheln die Kranken spreehen mu6ten. Im Jahre 1841 verSffentlichte der Chirurg Dief fenbach eine operative Methode, welche ihm angeblich ~,rol~e Erfolge besehert hatte. Diese Methode beruhte auf dem Ausschneiden eines keilfSrmigen Stiiekes aus der Zunge und griindete sieh auf einer wohl vSllig aus der Luft gegriffenen und kfinstlich konstruierten J~hnlichkeit des Stotterns mit dem Sehielen, bei welch letzterem in der Tat noah heute mit bestem Erfolge eine Zerschneidung der Augenmuskeln geiibt wird. Fiir unsere weiteren Betrachtungen ist die Ausfiihrung Dief fenbachs deshalb von gro6er Bedeutung, weft uns in ihr zum ersten Male eine klare Definition des Stotterns als Krampfzustand entgegentritt. Die ope- rative Methodik Dief fenbachs land unz~Mige Nachahmer. Es kam in der Pariser Akademie der Wissenschaften zu mehreren ~uBerst er- regten Debatten, bls dann die ganze Bewegung abflaute, als sich immer h~ufiger herausstellte, da6 die operativ errungenen Erfolge nur vor- iibergehend waren, und so keineswegs die Gefahr gerechtfertigt werden konnte, weleher sich die Stotterer dureh die Operation aussetzten.
  • ~ber dea derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 321 In den 50er Jahren tauchten noch die ersten Arbeiten des Anato- men Merkels auf, die abet doch nur insofern von Wert waren, als sie griindliche physiologische Betraehtungen brachten. Fast gleichzeitig ersehien eine VerSffentlichung von Besel, in welcher er das Stottern in 5 Formen tei[te: 1. Stottern mi~ Verschlul] der Stimmritze und Hochstand des Kehl- kopfes ; 2. Stottern mit weiter Stimmritze und Hochstand des Kehlkopfes; 3. Stottern mit den Lippen; 4. Stottern mit herunterh~ngendem Unterkiefer; 5. Kombinationsformen. Wir erw~hnen es deshalb so genau, weft ein moderner Forscher, Ssi- korski , ganz in gleichem Sinn bei der Unterssheidung der Stotterer- formen vorging und 16 Grundtypen anfstellte. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts errichtete K lencke sine Heilanst~lt filr SprashstSrungen und verSffentliehte eine kleine Schrift (Die Heilung des Stotterns. Leipzig 1860), in welcher er das Ubel vornehmlich auf Skrofulose zurficldiihrt und neben allgemeiner Be- handlung ein System yon Atem-, Stimm- und Artikulationsiibungen empfahl, auf welchem sich alls seither entstandenen ~hnlichen Me- thoden aufbauten. Sehr wishtig in seiner Sehrift erssheint mir der Satz, dab er nach Absolvierung der genannten Ubungen den Befehl erteilte, ,,der Stotterer dfirfe von nun an nicht mehr stottern". Man wird zugeben, dal~ es sich bier um eine Suggestivtherapie und nicht um eine Gymnastik, wie der Autor es sich vorstellte, handelt. In Wien hat in den 80er Jahren Co~n mehrere Schrflten fiber SprachstSrungen verSffentlicht und speziell vom Stottern angegeben, da[t die Kr~nkheit auf mangelhafter Atmung beruhe, die wieder auf mikroorganisehe VerSnderungen im verl~ngerten Riickenmark zurfick- zufiihren sei. Auch er dachte gleiehzeitig an gewisse Anomalien der KSrperkonstitution. Sein System war wieder ein gymnastisches nach der Art des Klenckeschen. Bcrkhan (St5rungen der Sprache und der Schriftspra~he. Berlin 1889) machte besonders die Rachitis ffir den Sprachfehler verant- wortlich und empfahl neben allgemeinen kr~ftigenden Mitteln sine ~hnliche gymnastische Therapie. Rose nthal in Wien gab an, den galvanischen Strom mit Vorteil benutzt zu haben. Ein be~onderes Verdienst um die Stottererforschung hat sish K u s s- maul (Die StSrungen der Spraehe. 4. Aufl. Leipzig 1910) erworben, indem er die Symptomatologie dank seinem ausgezeichneten Forscher- blick mit viel Genauigkeit niederlegte. Er zog aus seinen Beobach- tungen den Sehlu~, das S to t tern sei sine spast isshe Koordi -
  • 322 E. Fr(ischels: nat ionsneurose , bedingt durch eine angeborene Sehws des Silbe n koordi nat io nsa p parates. Ganz in seinem Sinne spraeh sich Albert Gutzmann und sein Sohn Hermann Gutzmann aus. Dieser hat in einer grol~en Anzahl ausfiihrlicher Publikationen immer wieder darauf hingewiesen, dal~ die K u s s m a ulsche Ansicht roll und ganz zu Recht bestehe und hat nur in letzter Zeit, vermutlich infolge der Publikationen von Denhardt und FrSschels zugegeben, dal~, da aueh Stottern bei einzelnen Lauten vorkomme, die Koordinations- neurose nieht auf den silbenbildenden Apparat beschrs sei. De nhardt (Das Stottern. Leipzig 1890) sagt : ,,Der Stotterer ws beim Sprechen auf ein ganz reales Hindernis zu stoi~en. - - Daher die miihevoUe Anstrengung, mit der wir ihn ws des Paroxysmus arbeiten sehen." ,,Die Mitbewegungen haben zuns den Zweck, das Mal~ der fiir den Sprechakt bereits aufgebotenen Kraft zu erhShen. Solchen Erseheinungen gegeniiber pflegt man seit I ta rd von Spasmen zu reden. Doch hat man einen stichhaltigen oder gar zwingenden Beweis fiir diese Auffassung nicht erbracht." Er vertritt dann auf Grund yon Aussagen seiner Patienten den Standpunkt, dab die Mitbewegungen bewuBt und beabsiehtigt durehgefiihrt werden. Den gleichen Beweis t r i t te r fiir die Embolophrasien 1) an. Fiir die ~tiologie des Ubels kommen nach ibm in erster Linie erbliche Disposition und Nachahmung in Betracht. Andererseits kommen okkasionelle Ursachen dazu. ,,Bei Kindern," sagt De nhardt , ,,welche die Worte ohne geniigende |r sieht auf die Leistungsfs ihrer Sprachorgane mit allzu groi]er Schnelligkeit hervorzubringen sich bemiihen, mag der Grund sein, welcher er will, bildet sich 6frets bleibendes Stottern heraus." ,,Fragt man einen Stotterer, weshalb er eigentlich stottert, erhs man in den meisten Fs die Antwort: ,Weil ich Furcht habe.' Dieser Furcht liegt die Vorstellung, nicht spreehen zu k6nnen, zugrunde. Diese Vorstellung geniigt, um die Sprachhemmung zu erzeugen." ,,Wir haben es", sagt De nhardt , ,,mit einer Wahnvorstellung zu tun, die in das Denken des Stotterers ihre Wurzeln so tief hineingetrieben hat, dab sie ihn wohl zeitweilig.., verliil~t, abet jedesmal, nicht selten mit erhShter Intensits wiederkehrt. Diese Wahnidee und die mit ihr zusammenh~ngende Sprechfurcht sind die Folge der ersten Ursache, wie ein Entgleisen des kindliehen Spreehens, oder ein Sturz, Sto~, Schreck usw. Ereignisse, die zu einer momentanen Sprachhemmung fiihren kSnnen (auch wir Erwachsene erleben das). Dieses Ereignis hinterls ein Erinnerungsbild, dessen Sts von der Gef i ih lsbetonung des ersten Eindruckes abhs und beige- i) Wird spater erklart werden.
  • Uber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 323 niigender St~rke die Empfindung der Furcht, dal~ sich das sprach- liche Ereignis wiederholen kSnnte, auslSst. Es tuft dann zum zweiten Male Verwirrung und VerzSgerung in der Sprechaktion hervor; diese Erscheinung wird sich wiederholen. Mit jeder Wiederholung haben die Kr~fte leichteres Spiel. Die aus der Erinnerung aufstei~ende Be- sorgnis hat sich ja als wohlbegrfindet erwiesen." Scr ip ture (Stuttering and Lisping. New ~rork 1912) sagt: ,,The most frequent cause of stuttering is a nervous shock. . . In some cases the fear has developed gradually." Neben dem Shock gibt er Infek- tionskrankheiten und psychische Infektion als Ursachen des Sprach- tehlers an, den er ganz im Sinne der Kussmaulschen Definition als Krampf auffal~t. Ebenso Vil l iger (Sprachentwicklung und Sprach- stSrungen im Kindesalter. Leipzig 1911), der den Krampf auf die Disso- ziation zwischen Denken und Sprechgeschicklichkeit im frfihen Kindes- alter zurfickffihrt. Gruenbaum (Erkl~rung des Stotterns. Leipzig 1897) glaubt in einer zentral bedingten L~hmung die Ursache des l~bels gefunden zu haben. Die Psychoanalytiker sind durchwegs der MeAnung, das Stottern ent- stehe auf Grund neurotischer Veranlagung durch ein seelisches Trauma. Stec kel (NervOse Angstzust~inde. Wien 1912) betont besonders die Be- deutung sexueller Traumen, w~hrend La u bi (Nochmals die psychogenen SprachstSrungen, Monatsschr. f. d. ges. Sprachheilk. 1910) auch andere Affekte gelten l~il~t. Er kommt wohl der De n h a r d t schen Auffassung und bis zu einem hohen Grade auch der unsrigen nahe, wenn er sagt: ,,Bei vielen Kindern geht die Entwicklung der normalen Sprache sehr lang- sam vor sich, sie finden nur langsam den richtigen Ausdruck ffir ihre Gedanken, unterbrechen und korrigieren ihre Worte undes entsteht so eine StSrung des Redeflusses, die dem Stottern sehr ghnlich ist . . . . Von eigentlichem Stottern dfirfen wir aber erst sprechen, wenn dutch Erregung seiner Affektivit~t, zu der schon die Erregung der Aufmerk- samkeit auf den Sprachvorgang, der automatisch ablaufen sollte, ge- hOrt, Kr~mpfe entstehen." F rank beschuldigt besonders schreck- hafte Erlebnisse neben der an und ffir sich psychoneurotischen Ver- anlagung (besonders starkes Affektleben) der Erzeugung yon Stottern (Uber Angstneurosen und das Stottern. Zfirich). Aronsohn (Der psychologische Ursprung des Stotterns. Halle a. S. 1914) h~lt das (]bel fiir eine Charakteranomalie. Darfiber wird sparer Genaueres berichtet werden. A. L iebmann (Vorlesungen fiber SprachstSrungen. Berlin 1898), nach dem das Stottern tells aus unwillkiirlichen, tells aus willkfirlichen Bewegungen besteht, glaubt, dal~ es vornehmhch auf dem Boden sprachlicher Ungeschicklichkeit bei kleinen Kindern auftritt, die von
  • 324 E. Fr~schels: ihrer Umgebung in unzweckm~iBiger Weise aut ihre geringfiigige Spraeh- st6rung aufmerksam gemaeht werden. Wir werden in die auBerordentlich verwickelte Frage fiber das Wesen des Stottems am ehesten die n6tige Klarheit bringen, wennwir die ver- sehiedenen Ansichten nach ~tiologischen, symptomato log ischen und thdrapeut i schen Gesichtspunkten ordnen werden. Wenn es uns dabei gelingen wird, zu zeigen, dab sie trotz der krassen schein- baren Gegens~tze vielfach nebeneinander bestehen k6nnen, wenn man nut ihre Geltung nicht allgemein nimmt, so wird damit u. a. auch dem Bediirfnis nach einer Analyse des Vielfachen, das unter dem Namen Stottern bisher zusammengefaBt wurde, nuchgekommen werden. Nado leczny (Die Sprach- und Stimmst6rungen im Kindesalter. Leipzig 1912) gibt diesem Bediirfnis in folgender Form Ausdruck: ,,Ira iibrigen sind die meisten Autoren darin einig, dab Stottern keine ein- heitliche Erkrankung sei. Wir haben aber heute noch keine geniigend begriindete Trennung in verschiedene Formen, mit Ausnahme der Ein- teilung in organische und funktionelle (H. Stern, Zur Terminologie und Diagnose des Stotterns. 25. KongreB fiir inhere Medizin. Wien 1908)". Vom symptomatologischen Gesichtspunkte aus miissen wir uns wohl nur mit den For~chern seit dem 18. Jahrhundert befassen, da ja vorher die Definition des Sprachiibels keineswegs feststand und man es vielfaeh mit dem Stammeln in einen Topf waft. Seit dieser Zeit ]edoeh waren die Beschreibungen des Sprachfehlers ziemlieh genau und besonders G utzmann hat das Verdienst, eine der Komponenten der Sprache - - wir wissen ja, dai~ die Sprache aus Atembewegungen, Stimmband- und Kehlkopfbewegungen und Artikulationsbewegungen besteht --, n~mlich (lie Atmung, mit graphischen Methoden genau untersueht zu haben. Jedenfalls wird auch hier noch manche Ncue- rung yon Vorteil sein, und zwar, wie schon hier bemerkt sei, besonders das Achten auf den Umstand, ob und wie der Sprachfehler des einzelnen sich seit seinem Beginn verKnderte, ferner die genaue stenographische oder womSglich phonographische Aufnahme der Sprache des Kranken zur Zeit der Untersuchung. Manehe Forscher haben der Sache dadurch zu dienen gehofft, dab sie jene Muskelgruppen, in welchen das Stottern des einzelnen sich zeigte, genau beschrieben und danach dem ~bel einen Namen gaben. Hier ist Ss ikorsk i zu erw~hnen, der, wie schon friiher erw~hnt wurde, in seiner Monographie 16 verschiedene Formen unterscheidet, z. B. den Krampf der Oberlippe, den Krampf der Unterlippe, den der Zungenspitze usw. So wertvoll nun zweifellos jede genaue klinische Beschreibung ist, so gef~hrlich kann es der Forschung werden, wenn die Symptcme yon
  • ~ber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 325 ~alschen Gesiehtspunkten aus zu Gruppen geordnet werden. Hierher diirften auch mit Recht die genannten Versuche S s i k o r ski s zu z~hlen sein, da die genauere Beobachtung lehrt, dab die Einzelsymptome bei den Kranken in stetem Weehsel begriffen sind. Wenn wir jetzt in groben Ziigen die Symptomatologie des Stotterns besprechen wollen, so sei schon einleitend darauf hingewiesen, dal~ ich der von mir aufgestellten Forderung, genau auf eventuelle Ver~nderung des Stotterns seit seinem Bestand und ferner auf genaue Beachtung des momentanen Typus zu achten, in meinen Publikationen (l~ber die Be- handlung des Stotterns, Centralbl. f. Psychoanal. 1913; Uber das Wesen des Stotterns, Wiener reed. Wochenschr. 1914; Uber die Pathogenese des Stotterns, Archiv f. klin. u. experim. Phonetik 1915; Stottern und Nystagmus, Monatsschr. f. Ohrenheilk. 1915; Zur Klinik des Stotterns, Miinch. med. Wochenschr. 1916 und Zur ]~ifferentialdiagnose zwischen frischem traumatisehen und altem Stottern, IVied. Klin. 1916) nach- gekommen bin. Am auff~lligsten sind die an den Sprechakt gebundenen krankhaften Bewegungen der Sprachmuskeln und anderer an dem Sprechakt un- beteiligter Muskelgruppen. Zu den Sprachmuskeln gehSren die Atem- muskulatur, die Muskeln des Kehlkopfes und die Artikulationsmuskeln. Zu diesen letzteren z~hlt man die Muskeln des Rachens, des weichen Gaumens, der Zunge, des Mundbodens, der Lippen, des Kiefers und der Wangen. Die Atmung des Stotterers.ist yon der des normalen Sprechers wesentlich verschieden. W~hrend dieser beim Reden durch den Mund atmet, zeigen die meisten Stotterer Nasenatmung. Auch ist die Atmung sehr oberfl~chlich und unSkonomisch. Mitunter verschwenden sie bei einem Laut oder Wort ihre Luft oder sie versuchen, fast ohne Luft in den Lungen zu spreehen. Der in der Literatur als tonischer Krampf beschriebene Zustand ist ein v611iger Stillstand der Brust- und Bauch- atmung und eine Inkongruenz zwischen der Bewegung der Thorax- muskul'atur und des Zwerchfelles. Ein Hin- und Herschwanken der Ein- und Ausatmung wird hingegen als kloniseher Spasmus bezeichnet. Fiir die Differentialdiagnose gegen simuliertes Stottern empfehle ich ein fast regelm~[3ig auftretendes Zucken der Nasenflfigel. Bei fast allen Stotterern finden wir ferner, dab sie nach einer tiefen Einatmung 6, 8, 10 oder 12 Sekunden ausatmen, wi~hrend ein gesunder Erwachsener 15--20 Sekunden Exspirationszeit aufweist. Tonisch und klonisch kSnnen wir auch die abnormen Bewegungen des S t i m m o r g a n s nennen. Der normale Mensch geht n~mlich aus dem sog. Einsatz, das ist die Stellung der Stimmbi~nder vor dem Sprechen, sofort in die Phonationsstellung, wi~hrend der Stotterer beim Anfall entweder in der Einsatz- oder in der Phonationsstellung verharrt.
  • 326 E. Fr(ischels: Die 3 Formen des Einsatzes sind: 1. Der gehauchte Einsatz, bei dem die Stimmbander nach hinten divergieren, so einen dreieckigen Spalt begrenzen und die Luft beim AusstrSmen ein Reibegeri~usch, das Hauchen, erzeugt. 2. Der weiche Einsatz, wobei die Stimmb~nder gleich in der Pho- nationsstellung sind und der Vokalbeginn weich klingt und 3. der harte Einsatz, bei dem sich die Stimmbander aneinander pressen und der Ubergang in die Vokalstellung yon einem Explosiv- ger~usch begleitet ist. Der Stotterer gebraucht nun oft statt des weichen Einsatzes den gehauchten, so da[~ er z. B. das Wort ,,Amsel" sprechen will und H-Amsel sagt, oder er spricht mit hartem Einsatz, den er mit- unter geraume Zeit nicht zu verlassen imstande ist. Es kann auch vorkommen, dal~ der Patient den falschen Einsatz mit nachfolgendem Vokale wiederholt ausspricht, ehe er zum niichsten Laut iibergeht, z. B. A-A-A-Amsel. Das kann nun auch mit dem weichen Einsatz verbunden sein und diese pathologisehe Wiederholung yon Lauten wird von den Autoren als klonischer Krampf bezeiehnet, w~hrend man den iibertrieben lang gehaltenen harten Einsatz den tonischen Krampf der Stimmbi~nder nennt. Auch in den Ar t iku la t ionsorganen finden wir ,,tonische" und ,,klonisehe" BewegungsstSrungen. Es kommt vor, dal~ ein Stotterer bei einem Worte die Lippen nicht auseinander bringt; ein andermal bleibt er stumm, trotzdem er die Absicht hat zu sprechen und wohl weil~, was er sagen will, w~thrend er ein drittes Mal die einleitende Silbe wieder- holt. Auch zeigen, die meisten Stotterer ,,Mitbewegungen" in den Sprach- werkzeugen und in Muskelgruppen, die mehr oder weniger welt von den Spraehorganen entfernt sind. So nickt ein Kranker unausgesetzt wi~hrend des Anfalls mit dem Kopf, ein anderer stampft mit den Fti[Jen oder macht allerlei Bewegungen mit den Armen und Beinen." Nicht unerwi~hnt daft bleiben, dal~ Stot terer me is t angeben, gut zu sprechen, wenn sie a l le in s ind. Darauf werde ieh noch zurtick- kommen. Wie sind nun die symptomatologischen Ansichten der genannten modernen Autoren zu bewerten? Hier ist vor allem gegen die An- sicht Stellung zu nehmen, dal~ es sieh beim Stottern um Kri~mpfe handelt. Die Definition ftir das Wort Krampf, wie sie z. B. von Str i i m- pel l gibt, lautet: ,,Eine vom Willen unabh~ngige, ja selbst gegen den Willen des Patienten auftretende Bewegung." Es wird nun not- wendig sein, diese Definition mit besonderer Beriicksichtigung der Stottererfrage nach zwei Richtungen hin zu beleuchten.
  • Uber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 327 Erstens: Entsprieht diese Definition einer Art von Muskelbewegun- gen, die in ihrem Grundwesen miteinander tibereinstimmen ? Zweitens: Liegen beim Stottern wirklich vom Willen unabhitngige Bewegungen vor, so dab die modernen Stottererforscher wenigstens dann zweifellos im Rechte sind, wenn die Stri impellsche Defini- tion zur Grundlage genommen wird. Der erste Punkt greift fief in die Physiologie bzw. Psychologie. Wir mtissen uns die Frage vorlegen, ob denn das, was gemeinig- lich als Willen bezeichnet wird, ein einheitlicher Begriff ist. Nehmen wir z. B. an, ein Mensch wolle eine Kirehe zeichnen und nehme bei Ausftihrung dieses Planes, wahrend er schon intensiv das zu zeich- nende Objekt betrachtet, den Bleistift aus der Tasche. Besteht zwischen den beiden Handlungen des genauen Fixierens der Kirche und des Erfassens des Bleistiftes, abgesehen von den verschiedenen dabei be- teiligten Organen, keinerlei Untersehied in bezug auf den dabei be- teiligten Willen ? Man kann wohl sicher annehmen, dab die erste Handlung weitaus mehr bewul~t vollbracht wird als die zweite, welche fast automatiseh abli~uft. Ein anderes Beispiel: Ein Mensch will einen Begriff definieren, so wird er mit angestrengter Aufmerksamkeit die Worte willktirlich suchen und dem HSrer tiber- mitteln wollen, das Auszusprechende selbst jedoch, d. h. die dazu nStigen Sprachbewegungen, obwohl sie zweifellos Akte des Willens sind, doch infolge der langji~hrigen Bewegung vSllig automatisch ab- laufen lassen. Gerade diese letzte Tatsache hat manche modernen Psychologen iiberhaupt leugnen lassen, dab es beim gewShnlichen Reden motorische Sprachbegriffe gebe. Man sieht daraus, dab die seit langer Zeit bestehende GewShnung an eine Handlung dazu geeignet ist, den psychologischen Ablauf so zu veri~ndern, dab er der Selbst- beobachtung vSllig anders entgegentritt als der bei verwandten, aber weniger getibten Funktionen. Exner (Entwurf zu einer physiologischen Erkli~rung der psy- chischen Erscheinungen, I. Bd. Wien 1890) teilt die willktirlichen Be- wegungen in a) gemischt willktirliche (,,wenn ich mit einer Axt aus- hole, um einen kr~tftigen Schlag zu ftihren, so ist die bewuBte Aktion auf die Bewegung der oberen Extremiti~t gerichtet. Gleichzeitig aber und in gewissem Sinne unbewuBt werden in zweckmi~l~iger Weise viele andere Muskeln des KSrpers mit innerviert"), b) Rein willkiirliche Bewegungen. An anderer Stelle sagt er: ,,Man wtirde mit dem gangbaren Sprachgebrauch in .arge Kollision geraten, wollte man die Defi- nition der rein willkiirlichen Bewegung in der Abh~ngigkeit suchen, in welcher die einzelnen Muskeln vom Willen stehen." Er weist
  • 328 E. Fr(ischels: dabei auf die mitinnervierten anderen Muskeln hin und entscheidet folgendermaBen: ,,Jede willkfirliche Bewegung verursacht bewuBte sensorische Effekte und eine Bewegung, deren sensorischer Effekt nicht vorgestellt werden kann, ist dem Willen entzogen." Wie un- klar tibrigens die Ansichten anderer Autoren fiber diese Frage sind, zeigen z. B. die Worte von Kassowi tz (Allg. Biologie, III. Bd. Wien 1906): ,,In der Frage, wodureh sieh nach meiner Auffassung die will- ktirlichen Bewegungen yon den unwillktirlichen unterscheiden, geht die Antwort zun~ichst dahin, dab wir uns der ersteren bewuBt werden." Wenn wir uns ferner den Begriff ,,unwillkiirlich" etwas n~iher be- trachten, so werden wit finden, dab auch in ihm manehes Verschiedene enthalten ist. Unwillktirlieh ist z. B., wenn man sich streng naeh den Worten richtet, der Herzschlag, unwillktirlich entschltipft einem aber auch ein Wort, und man wird zugeben, dab auch in diesem Negativ des Willens ganz Verschiedenes vereinigt wird. Diese Betrachtungen sollen uns lehren, wie miBlich es ist, das Wort Willen ohne n~here Beschreibung in einer Definition anzutreffen. Wenn ich jetzt noch die Erfahrung der Pathologie hinzustelle, so wird dadurch die Schwierigkeit noch ver- grSl3ert werden. Kein Menseh wird leugnen, dab ein Wadenkrampf eine Bewegung darstellt, die man weder machen noch tiberwinden kann. Das gleiehe \vird man von den epileptischen Kr~mpfen an- nehmen kSnnen. Begibt man sich nun aber in das Gebiet der Hysterie und liest man einen erfahrenen Autor wie Lewandowsky oder die modernen Psychoanalytiker wie F reud , B leuler , S teeke l , Jungh , F r a n k, L a u b i usw., so wird man finden, dab hier bei einem ,,Krampf"- bild, das dem der Epilepsie vielfach i~uBerlich gleicht, beztiglich des Wesens g~nzlieh andere Anschauungen vorliegen. So sagt Lewan- dows ky (Die Hysterie): ,,Fassen wir die bisher geschilderten, auf dem Gebiete der sen- siblen und sensorischen, sowie der Funktionen der quergestreiften KSrpermuskulatur sich abspielenden einzelnen sog. k5rperlichen Krank- heitserscheinungen der Hysterie ins Auge, so dtirfte dariiber Uberein- stimmung herrsehen, dab wir alle hysterischen Symptome, sowohl die fltichtigen wie die li~ngere Zeit andauernden, von den Symptomen der organischen Hirnkranken vollstiindig abrticken, grundsi~tzlich trennen mtissen. Solche Vorstellungen, dab etwa die halbseitige hysterisehe sensibel-sensorische Ani~sthesie im Carrefour sensitiv zu lokalisieren sei, dab hysterische Kri~mpfe mit J ae k so n schen gleichzustellen seien und mit ihnen das gleiche Substrat hi~tten, erscheinen uns heute nicht mehr diskussionsfi~hig. In den Fi~llen, woes sich um die Unterschei- dung solcher StSrungen handelt, die auf die Unterbrechung oder Rei- zung yon - - motorischen oder sensiblen - - Projektionsbahnen oder
  • 0ber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 329 ihrer prim~ren Endstation (Zentrum) bezogen werden mtiBten, kSnnen wir fast in jedem Einzelfall den Beweis erbringen, dab es sich um keine prim~re St5rung innerhalb der Projektionsbahnen oder ihrer primaren Endstation handeln kann; auch nicht um solche StSrungen, wie sic als postepileptische oder postparalytische Zusti~nde oder entsprechende ~quivalente zur Beobachtung kommen. Selbstverst~ndlich muB ein hysterischer Krampf die Pyramidenbahn ebenso passieren wie ein epileptischer. Aber beim epileptischen ist die Erregung eben eine primhre der Ursprungszelle der cerebrofugalen Bahnen; beim hysteri- schen liegt der Ursprung ganz wo anders. ])er Ursprung des hysterischen Krampfes muB denjenigen Gebilden mindestens sehr nahe stehen oder mit ihnen identisch sein, die auch der willktirliehen Bewegung vor- stehen." Aber nicht nur diese Erw~gungen ergeben die Unzul~nglichkeit der Krampfdefinition, sondern auch physiologische Betrachtungen. Klopft man einen Menschen auf die Sehne unterhalb der Kniescheibe, so ent- steht bekanntlich eine Streckung im Kniegelenk, Es handelt sich bier zweifellos um einen vom Willen unabhi~ngigen Vorgang, der aber doch nicht als Krampf, sondern als Reflex bezeichnet wird. ])enken wit ferner an gewisse Bewegungen im Schlafe, so werden wir auch hier das Merkmal ,,vom Willen unabh~ngig" vorfinden (Exner sagt in der zitierten Monographie: . .. ,,Im tiefen Schlafe wollen wir wenigstens in der Regel nichts"), ohne dab wir doch von Krampfen sprechen werden. Nun aber zur Frage, wie sich denn das Stottern in dieser Beziehung verhi~lt. Uber sic habe ich in meiner Abhandlung im Centralbl. f. Psy- choanal, folgendes geschrieben: ,,Betrachtet man die Mitbewegungen in den eigentlichen Sprach- werkzeugen genauer, so fi~llt auf, dab sic hi~ufig Lautcharakter haben. Wenn z. B. ftir ])ame n-])ame, ffir Gabel n-Gabel, ffir Wasser s-Wasser gesprochen wird, so liegen solche lautartige Mitbewegungen vor. Alle unsere Mundbewegungen aber sind geeignet, Laute zu werden, wenn gleichzeitig Luft mit geniigender St~rke ausgeatmet wird. Ob das gebr~uchliche oder neue Laute sind, ist fiir die vorliegende Frage gleich- gtiltig, denn es soll lediglich bewiesen werden, dab zwischen den Mit- bewegungen yon Lautcharakter und denen ohne Lautcharakter in den Sprechmuskeln kein prinzipieller Unterschied besteht. Nun findet man beim Stottern noch eine eigenartige Erscheinung, die Embolophrasie. ])as sind Flickworte, die nicht dem auszusprechenden Gedanken an- gehSren. Sic werden nur gebraucht, wenn Sprechschwierigkeiten auf- treten. ])a dies am Anfang eines Satzes'h~ufiger der Fall ist, so be- kommt man die embolischen Worte zu Beginn des Satzes hKufiger zu hSren; doch sind sic auch mitten im Satze keine Seltenheit. Beispiels- Z. f. d. g, Neur. u. Psych. O, XXXI I I . ~
  • 330 E. Fr~sehels: weise sagte einer meiner Patienten: ,Und weil ich und assentiert worden bin, und mSeht ich den Herrn Doktor also fragen, ob alsdann eine a-ttilf alsdann fiir meinen also Sprachfehler war.' Man wird zugeben miissen, dab auch die embolischen Worte niehts anderes sind als Mitbewegungen mit Lauteharakter. Wenn sieh nun fiir diese die Krampftheorie kaum mehr aufrechterhalten laBt, so ist die Unwillkiirliehkeit, wenn auch unwahrseheinlieh, so doch nicht absolut auszuschlieBen. Wenn man jedoeh erfahrt, dab manche Patienten im Larvieren dieser embolisehen Worte so geschiekt sind, dab nur der Erfahrene sie iiberhaupt noeh findet, so' wird die Unwillkiirlichkeit wohl mehr als fraglich. Ich bin der Ansicht, dab es sich um willkiirliche Aktionen handelt und komme unter Beriieksichtigung der friiher ausgef(ihrten prinzipiellen Uberein- stimmung zwischen den embolischen Worten und den sog. Mitbewegun- gen in den Sprechwerkzeugen zu dem Schlusse, dab auch diese ihren Ursprung in der Willkiir haben. Dasselbe muB nun folgerichtig fiir die Mitbewegungen im iibrigen KSrper angenommen werden. Nun ware es notwendig, v9 n einer einheitlichen Deutung des gesamten Symptomenkomplexes beim Stottern abzusehen, wenn man die die aus- zusprechenden Laute selbst begleitenden BewegungsstSrungen, also das, was der Laie unter Stottern versteht, als unwillkiirliche Krampfe deuten wollte. Doch liegt dafiir kein Grund vor. Nicht nur, dal~ auch die Kussmaul -Gutzmannsche Schule infolge der innigen Ver- einigung yon ,eigentliehen Sprachkrampfen' und ,Mitbewegungen' sich veranlaBt sah, naeh einer einheitliehen Deutung fi]r beide Ersehei- nungen zu suchen, auch die direkte Beobachtung macht es uns nnmSg- lich, diesen Unitarismus zu verlassen. Verfolgt man namlich die Be- wegungen tier Sprachmuskeln eines Patienten wahrend eines Anfalles, so wird man linden, dab es unmSglieh ist, in vielen Fallen diese beiden BewegungsstSrungen auseinander zu halten. Sprieht z. B. ein Stotterer ein D so, dab er die Zunge erst zwischen die Zahne bringt, so wird es sich wohl kaum entseheiden lassen, was davon ,Sprechkrampf' und was ,Mitbewegung' war. Verhalt es sich ebenso bei einem Lippenlaute, z.B. P, so wird die Mitbewegung klar zutage liegen. Wo ist abet tier Untersehied zwischen beiden Fallen ?! Der sog. Sprachkrampf ist eine sog. Mitbewegung und die sog. Mitbewegung ist ein sog. Sprachkrampf. Daraus drangt sieh der SchluB auf , dab auch die ,Spraeh- k rampfe ' ebenso wi l lk i i r l ieh ents tanden sind." Zur Frage der ,,spastisehen Koordinationsneurose" habe ieh vom symptomatologisehen Gesiehtspunkte aus noeh weitere Beitrage ge- leistet. Ieh habe vor allem darauf hingewiesen, dab ~ieh die yon H. G utz- mann hervorgehobene Verki~rzung der Exspirationszeit, die, wie er sagt, nut bei Patienten, die schon l~nger an dem Ubel leiden, besteht t wenn die Leute aufgefordert werden, ohne zu spreehen naeh tiefer Ein-
  • l)ber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 331 atmung langsam auszuatmen, von ihm nicht erklart wurde. I-tier handelt es sich zweifellos n ichtum eine Koordinationsneurose im Kussmaulschen Sinne, da sich doeh eine der Komponenten, welche zum Koordinationsakt der Sprache gehSren, als gestSrt erweist, w~h- rend doch der Begriff Koordinationsneurose bedeutet, dal~ die Neurose nur bei der Koordination der Einzelkomponenten zum Ausdruck komme. Ieh habe weiters (Zur Pathologie des Stotterns. Passows und Sch~ffers Beitr~ge zur Anatomie, Physiologie u. Pathologie des Ohres, der Nase, des Halses 1914) zum ersten Male graphisch gezeigt, dab auch Stottern bei einzelnen Leuten vorkommt, so dab das Verlegen des Sitzes der Krankheit in den SilbemKoordinationsapparat wenigstens in der allgemeinen Fassung K u s s m a u 1 s nicht zu Recht besteht. Ich habe ferner (Stottern und Nystagmus, Monatsschrift ffir Ohrenheilkunde 1915) dar- auf hingewiesen, da~ der sog. klonische Stotterkrampf nur in Muskeln vorkomme, in welchen man einen derartigen ,,Krampf" machen kSnne, um damit meine Ansicht, da~ die Stotterbewegungen vom Willen nicht vSllig unabh~ngig seien, neuerdings zu beweisen. Endlich konnte ich (Zur Differentialdiagnose zwischen frischem traumatisehen und altem Stottern, Med. Klin. 1916) darauf hinweisen, da~ der Gebrauch kom- plizierter Embolophrasien den ~lteren Stotterf~llen eigen ist und ich glaubte, sagen zu dfirfen, dal~ es hSchst unwahrscheinlich ist, da~ ein Krampf, je l~nger er besteht, zu um so komplizierteren Bewegungen ffihren sollte. Eine vortreffliche Stfitze ffir meine vom klinischen Gesichtspunkte aus entwickelte Ansicht bieten die Arbelten H 6 p f n ers, in welchen er mR biologlschen bzw. psyehologischen Betrachtungen gegen die Krampf- theorie zu Felde zieht. Seine VerSffentlichung ,,Stottern als assoziative Aphasie" (Zeitsehr. f. Pathopsychol., Leipzig 1912) beginnt mit der Er- kl~rung der Silbenwiederholung zu Anfang des Stotterns. Der Autor ffihrt sie auf einen doppelten I~eiz zurfick, welcher den motorischen Sprachapparat gleichzeitig trifft. Die daraus resultierende Bewegung sei eine ataktisehe, wie man sie z. B. bei dem gehenlernenden Kinde finder, welches noch nicht imstande ist, alle vom Gehirn ausgehenden gleichzeitigen l~eize zu einer zweckm~igen einheitlichen Handlung zu verwerten. Wenn ieh dem Autor auch darin nicht folgen kann, dal~ er eine so weitgehende ~bereinstimmung zwischen den ataktischen Gehversuchen und der Silbenwiederholung aufstellt, so halten wir doch diese Frage ffir keineswegs ausschlaggebend und stimmen insofern mit ibm fiberein, als wir die prim~re SpraehstSrung des stotternden Kindes nicht mit dem Worte ,,Krampf" belegt wissen wollen. Denn bei unserer Beobachtung von beginnenden Stotterern haben wir uns des Eindruckes nieht erwehren kSnnen, da{3 die BewegungsstSrungen mit dem, was 22*
  • 332 E. FrSschels: man unter klonischem Krampf versteht, nicht zu identifizieren ist. Der Annahme H Spfners jedoeh, dab die Bewegungsanomalien notwendig zu einem Ansto$ daffir werden, dab das Kind einerseits eine Summe rein egozentriseher Reflexionen (Gedanken fiber die eigene Sprachart) bildet und andererseits naturgem~$ aueh bei seinen Ejekten (sozialen Genossen) nicht allzu viel Aufmunterung finder, denselben seine diesbezfiglichen Reflexionen mitzuteilen, mfissen wir vo]l und ganz beipflichten. Dann legt sich HSpfner die Frage vor: ,,Da man aus Anamnesen weft], dab sehr hiiufig aus dem rein wiederhalenden ataktischen Sprechen ein dau- erndes und spezifisches Stottern entstanden ist: Ist die Fahigkeit, den fraglichen Vorgang zu erinnern, hierffir allein verantwortlich zu machen oder ist nach nach einer anderen Erkli~rung zu suchen, ist eine materielle Ursaehe, ein Leitungsdefekt als Grund anzunehmen?" Einerseits sucht er nun darzulegen, daft eine solche Leitungsanamalie nach unserem heutigen neurologischen Denken sich nicht beweisen l~$t. Andererseits sagt er, es sei unter Annahme einer ganz besanders gearteten Seele mSglich, daft sich das Bewufttsein etabliert, daft bei der primiiren BewegungsstSrung Druck, Muskelarbeit und Anstrengung vorhanden war. Dadureh kommt es nun eben unter Berficksichtigung des noch sp~ter zu definierenden Seelenzustandes zu besonderem Aufmerken auf das Aussprechen und zu einem Bedfirfnis des Individuums, sich dabei anzustrengen. Infalgedessen tritt allmi~hlich der Wert der Wortbedeu- tung gegenfiber den Bewegungsvorstellungen zurfick. (Psychologische Entwertung des Wortes.) Er wendet sich dann gegen Psychoanalytiker, welche durch Affekte (die er als solche beim Stottern zugibt) Kriimpfe entstehen lassen und sueht auf Grund der Kassowitzsehen Lehre van der Biologie der Nerven darzutun, dab auf diese Weise Dauerkon- traktionen van der Dauer eines Krampfes~ aber kein Krampf entstehen kSnne. An der Hand seiner Erfahrung weist HSpfner auf die psychi- schen Abnarmiti~ten hin, welche den Statterern eigen sind, und sagt, dab die Erinnerungssieherheit die Funktianssicherheit und die Wider- standskraft gegen Sch/idigungen, naeh Kaan die drei Patenzen des Selbstbewufttseins, in allen F/illen geschiidigt sind. Die Folge davan sei die Ausbildung eines StSrungsbewufttseins. Auf dieser Basis wird die Vorstellung der gestSrten Bewegung, welche unter narmalen Ver- hiiltnissen, z.B. beim Versprechen, nicht zu Bewufttsein kommt, da geniigend eingelernte Bewegungen physialogischer Weise ihren Vorstel- lungseharakter verheren, wieder bewu~t. Das Hineinspielen yon Be- wegungsvorstellungen in Bewegungen, welche automatisch ablaufen sallten, wirkt sicherlich st6rend. Achten wir z. B. beim Gehen auf jeden Schritt, so werden wir bestimmt ungesehickter gehen und langsamer vorwiirts kommen. So wird auch der Stotterer durch seine Reflexianen seine Sprachbewegungen nur mehr hemmen und durch das BewuBtsein
  • Uber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 333 der zur Bewegung gehSrigen Anstrengung immer kr~ftigere krampf- artige Bewegungen ausfiihren. So sei es auch zu erklKren, warum die Patienten, wenn sie keinen AnlaB haben, an ein ,,sorgf~ltiges" Sprechen zu denken, sehr gut yon der Stelle kommen. Unter Beriicksichtigung der Seh~digung der gesamten Sprechvorstellung, ,,der gesamten sprachlichen Koordination ~', schl~gt der Autor ffir das Stottern den Namen ,,assozia- tive Aphasie" vor. Eine andere Abhandlung (Psychologisches fiber Stottern und Spre- chen, Zeitschr. f. Psychother. u. med. Psychol. 1911) behandelt die psychologische Seite der Frage noch etwas ausffihrlicher. Vor allem wird darauf hingewiesen, dab das Stottern eine bedingungsweise Sprech- stSrung sei und sodann untersueht, wie sich die einzelnen Spreehkompo- nenten beim Stotterer verhalten. Die Beziehungen des Wortklangbildes zu optisehen, taktilen und sonstigen Sinneseindrficken seien beim Stot- terer intakt. Diesen Satz h~tte der Autor vielleieht mehr unterstrichen, h~tte er vonder Ansieht Makuens (The psychology of stammering. NewYork reed. Journ. 1915) Kenntnis gehabt, daft das Stottern auf defekten Lautklangbildern beruhe. Einleitend hat der Autor darauf hingewiesen, daft ein rein motorisehes Vorstellen zum Erlernen der muskul~ren Geschieklichkeit, Wortkl~nge mSgliehst richtig zn produzieren, vielleieht fiberhaupt nicht nStig sei, denn viel von dieser Geschicklichkeit ist angeboren, wie man am ersten Schrei erkennen kann. Wenn fiberhaupt ein sprachliehes motorisches Vorstellen vorkomme, so trite es bald ganz zurfick hinter die Bereiehe- rung des HSrverst~ndnisses. Aber auch der Wortklang verliert sich sehlieftlich hinter der logischen Bedeutung des Wortes. I~ie Kontrolle der erlernten KSrperbewegungen ist eine rein begriffliche und keines- wegs eine taktile-kin~sthetische. Die Spraehbewegungen sind die vor- zfiglichsten Ausdrueksbewegungen; beim Stottern nun zeigt sich, dal] alle willkiirliehen Bewegungen in den Spreehakt einbezogen werden kSnnen. Die Geste wird geradezu zum Wortersatz (hier kSnnen wir dem Autor nicht vSllig zustimmen). Der Stotterer unterscheidet sich weiter dadurch vom normalen Menschen, dab er auch die Bewegung als solche kontrolliert und zu ihren Gunsten die begriffliche Kontrolle verl~ftt. ,,Alle diese Beobaehtungen lehren gleichm~ftig," heiftt es weiter, ,,daft die gesuchte StOrung eine Assoziation ist, und zwar eine solche, die neue und eigenartige Anpassungszust~nde zu schaffen dann geeignet sein kann, wenn die in Frage stehende geistige Organisation in besonderer Hinsieht widerstandsunf~hig ist." Nun zeigt es sieh in der Tat, daft der Stotterer beim Sprechenwollen eine eigentfimliehe Entschluftunfreiheit hat, entweder er schweigt oder er unterbricht andere. Darin erblickt H 5 p f n e r eine StSrung in den normalen Beziehungen zwischen Empf~ng- liehkeit und Selbstt~tigkeit des Ich.
  • 334 E. Fr(~schels: Eine weitere abnorme Erscheinung ist, dab die Worte, bei denen gestottert ~ird, ihre Begrifflichkeit verlieren und zu Klangbildern de- gradiert werden. Auch die sekund~ren Spreehcharaktere, Rhythmus, Betonung und Geschwindigkeit sind gemiil3 der Verminderung der Begrifflichkeit der Worte gestSrt. Die Ursache des Sprechiibels ist eine assoziative, und zwar die Assoziation, da[~ man Sehwierigkeiten haben wiirde. Aronsohn (Der psychologische Ursprung des Stotterns. Halle a. S. 1914) sprieht sich vor allem gegen die Kussmaulsche Spasmen- theorie aus und fiihrt als Grnnd gegen die Auffassung, dal3 es sich um Kr~mpfe handelt, an, dab die angenommenen Kr~mpfe des Zwerch- felles, der Stimmritze und der Sprechmuskulatur des Mundes, trotzdem sie oft lange andauern, niemals das allergeringste Erstickungsgefiihl her- vorrufen. Schliel31ich weise auch die leichte Nachahmbarkeit des Stot- terns, wie die Entstehung des Stotterns durch Nachahmung darauf bin, dab die Muskelzusammenziehungen willkiirlicher Art sind. Er sagt weiter: ,,Nun ist meiner (~berzeugung nach der Ursprung der gew6hn- lichen Stotterf/~lle, wie sic im 3. oder 4. Lebensjahre entstehen, darin zu suchen, dal3 Kinder mit fiberaus starkem Eigenwillen, mit fiberaus lebhaftem Trieb- und Affektleben aus erzieherischen Griinden dazu an- gehalten werden, in jedem Fremden einen Menschen zu sehen, der scharf beobachtet, alles sieht, ihre Ungezogenheit verurteilt, und zugleich dazu bestimmt werden, unter allen Umst~nden ihre wahre Natur vor ihm zu verbergen. Die Folge dieser Erziehungsfehler ist, dab solche Kinder vor jedem Fremden ohne Unterschied die gr6i3te Angst haben, sich ihrer h~Blichen Eigenschaften und des falschen Benehmens sch~men, fiber und fiber rot werden und nicht friiher zu sprechen wagen, bis alle Er- regung iiberwunden ist. Gelingt ihnen diese Uberwindung der Affekte nicht, so ist aus ihnen in Gegenwart Fremder bisweilen kein Wort heraus- zubekommen. In anderen F~llen kommt es nur zu einer erheblichen Ver- z6gerung des Sprechanfanges, und bei der Lebhaftigkeit, mit der sie bis dahin ihren kindlichen Gedanken Ausdruck zu geben gewohnt waren, passiert es nicht allzu selten, dal~ sie nicht imstande sind, ihren Rede- drang geniigend zu ziigeln und ihnen ganz wider Willen die erste Silbe desjenigen Wortes, das zun~chst gesprochen werden soll, ein oder mehrere Male entschliipft, wenn sie auch noch nicht in der Lage sind, ohne Er- regung sprechen zu k6nnen." Beziiglich der im Vordergrund der entwickelten Sprachst6rung stehende Sprechfurcht ~ul3ert sich A ronsohn fo]genderma~en: ,,Die Angst vor bestimmten Worten oder vor Worten mit bestimmtem An- laut ist aus den urspriinglichen Stottererscheinungen nicht zu erkl~ren, steht mit ihnen Jedenfalls in keinem direkten Zusammenhang. Aus den vorausgegangenen Erscheinungen erhellt, dal~ das Stottern niemals
  • Uber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 335 an bestimmte Worte gebunden ist, sondern lediglich in Erscheinung tritt, um Affekte zu unterdriieken . . . Ieh habe reich in allen meinen F~llen davon iiberzeugen kSnnen, dal~ die Stotterer erst yon unberufener Seite darauf hingewiesen waren, sie kSnnten diesen oder ]enen Laut nieht spreehen, oder zuf~lligerweise wiederholt vor ganz bestimmten Worten stotterten, bevor die Angst vor diesem Worte sich entwickelte... Das Stottern vor bestimmten Worten ist also im wesentliehen als eine hyste- risehe Erscheinung anzusehen und darauf zuriiekzufiihren, dab ein zu- f~lliges Stottern vor bestlmmten Worten unter dem Einflul~ unabsieht- lieher Suggestionen seitens Aui~enstehender zum stereotypen Stottern wird und dieses als ein wiehtiger Beweis des ihnen vom Sehieksal auferlegten Duldertums in der Erinnerung der Stotterer festgehalten und als vermeintliche Ursaehe ihrer SprachstSrung betraehtet zu werden pflegt." Er sehliei~t seine Ausfiihrungen mit folgenden drei Punkten: ,,I. Das Stottern ist eine SpraehstSrung, die urspriinglich haupts~ch- lieh, in manehen FKllen ausschliei~lich in Gegenwart Fremder, Respekts- personen oder Vorgesetzter auftritt. II. Das Stottern ist urspriinglich nur an den Anfang des Sprechens gekniipft und ist hier stets am betr~chtliehsten. Die Stottererseheinungen zu Anfang des Sprechens sind deshalb als primer, die iibrigen als sekund~r zu bezeiehnen. Die sekund~ren Stottererseheinungen tragen zur Ver- sehlimmerung des Leidens bei, haben aber keine selbst~ndige Bedeu- tung. III. Die pdm~ren Stottererscheinungen haben in zwei Charakter- eigensehaften der Stotterer, in dem pfliehtgem~i~en Bestreben, das leicht erregbare Innenleben den kritischen Blieken Fremder unter keinen Um- st~nden preiszugeben einerseits und in dem zumeist urspriingliehen Drange, in eiliger, iiberhastender, iiberstiirzender Rede den Gedanken Ausdruck zu geben andererseits ihre unmittelbare Ursaehe. Die Hem- mungen oder Unterbreehungen des Redeflusses zu Anfang des Spreehens erfolgen, damit die Stotterer in der Lage sind, der urspriinglichen Nei- gung oder Anlage zum Trotz im Benehmen und Sprechen stets so zu erscheinen, wie es die vermeintliche Pflicht erheischt." Wie schon erw~hnt, geben die meisten Stotterer an, dab sie gut spre- ehen, wenn sie allein sind. Mit Recht haben die modernen Autoren dieser Tatsache ihr Augenmerk geschenkt. Besonders De nhardt hebt diesen Befund als aul~erordentlich wichtig hervor und zieht daraus den Sehlui~, dab es sich beim Stottern nicht um zentrale Erkrankung im K u s s m a ul- schen Sinne handeln kSnne. Nun gibt aber Gutzmann an, er babe sich in seiner Heilanstalt zu wiederholtem Male davon iiberzeugt, dab die Patienten, auch wenn sie sich allein w~hnen, wohl besser, aber nicht gut sprechen. Bei meinen Nachpriifungen, die ich in meinem Sana-
  • 336 E. Friischels: torium vornahm, wenn Patienten zu Ubungszwecken laut lasen, konnte ich mich yon der Gutzmannschen Angabe nicht iiberzeugen, mul3 jedoch zugeben, da6 ich meiner Sache nicht v611ig sicher bin, da ich nur hinter Tiiren lauschen konnte. Doch halte ich dieses Experiment, ebenso wie die Angabe der Stctterer, dab sie beim Alleinsein gut sprechen, fiir nicht wichtiger als die alltiigliche Beobachtung bei der gew6hnlichen Konvorsation der Stotterer, dab sie manchmal eine Reihe yon Worten flieBend sprechen, ehe sie bei einem steckenbleiben. Spr/iche denn diese Tatsaehe, vorausgesetzt dab die Patienten wirklich zwischen zwei Stotter- anf/illen tadellos reden, weniger gegen die zentrale Liision als die gute Sprache beim Alleinsein ? Doch wohl nicht! Also bleibt nur die Frage zu erliiutern, ob es sich wirklich um ein tadelloscs Funktionieren handelt. Diesbeziiglich ist unbedingt zwischen frischem Entwicklungsstottern und iilteren Fs zu unterscheiden. DaB die ersteren tadellos sprechen, wenn sie nicht gerade eine Silbe wiederholten, wird mir jeder zugestehen, welcher der beginnenden Sprachst6rung seine Aufmerksamkeit zuge- wendet hat. Ist nun m it dieser Tatsache allein den Gegnern d er K us s- maulschen Ansicht nicht weniger gedient, als wenn der einwandfreie Nachweis, dab Stotterer beim Alleinsein gut sprechen, gelingen wiirde, so wollen wit doch noch der Vollstiindigkeit halber auch die Sprache inveterierter Fiille, wie sie zwischen zwei Stotteranf/illen ist, beleuchten. Diese Sprache unterscheidet sich yon der des Normalen hs durch das Tempo und durch mangelhafte Atmung. Oft sprechen die Patienten fiberaus schnell und nur manchmal in eigentiimlich getragener Weise. (Siehe K. C. Rothe, ~ber einige Beziehungen yon Sprechweise und Sprechmelodie zum Stottern. Die Heilkunde 1916.) Ist nun die hastige Sprechweise etwa in die Kussmaul -Gutzmannsche I)efinition, dab das Stottern eine Unterbrechung der Rede sei, unterzubringen ? I)och wohl nicht. Ich glaube nicht, dal3 ein Anhiinger der Gutz m annschen Richtung mir antworten werde, er habe noch etwas anderes zwischen zwei Stotteranf/illen bemerkt, niimlich leichteres ttiingenbleiben, denn dann ws h6chstens der Zwischenraum zwischen zwei Stotteranf~illen geringer, weil man ni~mlich das leichte H~ngenbleiben auch schon als Stotteranfall bezeichnen miiBte. Immer wiire aber noch ein Zwischen- raum, der weder fiir die spastische Koordinationsneurose, noch tSr die Unterbrechung der Rede zu verwerten wiire. Die Fs mit der ge- tragenen Redeweise verhalten sich in dieser Beziehung nicht andes. Das hastige Sprechen scheint mir aus der Sprechfurcht ebenso zu er- kliiren zu sein wie das Steckenbleiben, und die getragene Sprechweise ist wohl nichts anderes, als eines iener Hilfsmittel, die andere Autoren als Mitbewegungen bezeichnen. Dariiber wird spiiter mehr berichtet werden. Die abnorme Atmung endlich ist niehts anderes als die Unfi~higkeit,
  • ()ber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 337 langsam auszuatmen, welche sich die Patienten unter dem ewigen Be- diirfnis, ihre Sprechhindernisse mit Hilfe abnormer Mengen Sprechluft zu iiberwinden, zugezogen haben. Nun zur J ( t io logie. Im groBen und ganzen stehen einander drei ~t io lo 'g ische Ansiehten gegenfiber, und zwar diejenige, welche besagt, dab das Stottern auf Anomalien der peripheren Sprachorgane zurfick- zuffihren sei, ferner diejenige, welche von gr6beren und feineren orga- nisehen Veri~nderungen des Zentralnervensystems spricht, und endlich die yon der rein psychogenen Entstehungsart des Obels. Zur ersten Gruppe gehSren vor allem Mtere Forscher, wie C o r n eli u s Celsus, Ga lenus , Bo iss ier de Sauvages , D ie f fenbach und in gewissem Sinne auch K lencke und Berkhan. Der zweiten Gruppe gehSren an: H ieror /ymus Mercur ia l i s , Co~n, dem sich yon neueren Autoren bezfiglieh mikroorganischer Ver~nderungen im Zentralnervensystem W. Hen z (Die mensehliche Stimme und Spraehe und ihre Pflege in gesundem und krankem Zustand. Altenburg S.-A. 1913) anschliel~t, ferner Kussmaul und Gutzmann mit seiner Schule und Gruenbaum. Zur dritten Gruppe endlich sind zu zi~hlen I ta rd , Merke l , Den- h ar d t, H 5 p f n e r, A r o n s o h n, die Psychoanalytiker vor allen L a u b i, F rank , S teeke l und meine Person. Doeh sei bier hinzugeffigt, dab sich vielfaeh Ubergiinge zwischen den einzelnen Ansichten bei ein und derhselben Autor linden, doch ist immerhin bei einzelnen ganz klar for- muliert die ZugehSrigkeit zu ei her der genannten Ansichten zu erkennen und hierher geh6ren vor allem Kussmaul und Gutzmann und ihre ziemlich welt verbreitete Schule. Wenn wir uns besonders ausffihrlich mit der Ansicht dieser Autoren befassen werden, so geschieht das des- halb, weil sie bis vor nicht langer Zeit dig allein geltende war, da sie alle i~lteren zu widerlegen unternommen hatte, was ihr auch nach der Ansicht der meisten gelungen war. Was nun meine Ansicht fiber die ~ti~Dlogie anbelangt, kann ich n ieht s tark genug betonen, dab nach meinerOberzeugung die versch iedensten Ursachen zum Stot tern f f ihren. In erster Linie sei" das als Entwicklungsstottern bezeichnete Ubel be- sprochen. Hier glauben wir wenigstens ffir eine groBe Anzahl von F~llen eine anni~hernd gleiehe J~tiologie annehmen zu dfirfen, und zwar das Fehlen von genfigender Sicherheit in der Wortfindung bei Kindern mit reichem Sprachdrang. HSpfner und Kobrak bezeichnen dieses Stadium als ataktisehes Sprechen, eine Bezeiehnung, welche vielleieht nicht vSllig das besagt, was nach meiner Meinung den Beginn des Stot- terns in solchen Fttllen bedingt. DaB das Fehlen einzelner Worte in der Tat zu Wiederholungen nach sicher gewuBten Silben ffihren kann,
  • 338 E. FrSschels : wurde geradezu experimentell yon mir bei Kindern nachgewiesen, wel- che nicht mehr stotterten, wenn man sie naeh Dingen fragte, die sie wul~ten, wohl aber sofort mit Silbenwiederholungen sprachen, wenn man ihre Phantasie reizte. Ein weiterer Beweis nach dieser Richtung seheint mir in der Analogie mi~ gewissen Formen des Stotterns bei Aphasie und mit dem Verlegen- heitsstottern zu liegen. In einer jtingst erschienenen Publikation (Uber traumatische Sprachst5rungen, Wiener med. Wochschr. 1916) habe ich einige Fi~lle yon Aphasie beschrieben, bei denen der amnestisehe Ausfall bei der Priifung auf Bezeichnung von Einzelgegensti~nden vSllig aus- reichte, um das Stottern in der Konversation zu erkliiren. Es sei hier ausdrticklich darauf hingewiesen, daf~ ich dureh Zusammenstellung der Krankengeschichten von stotternden Aphasien nachweisen konnte, dal~ aueh hier die sog. iterative (Wiederholungen; darfiber sp~ter Genaueres) Form die Regel ist. Uber das Verlegenheitsstottern hat K. C. Rothe eine ausffihrliche Abhandlung geschrieben (Uber Verlegenheitssprach- stSrungen, Centralbl. f. Psychoanalyse 1913) und auch hier die Ausfalls- erseheinungen ftir die wieder iterativ auftretende SprachstSrung verant- wortlieh gemaeht. Nicht unerwi~hnt mSchte ieh lassen, dab verschiedene Kollegen, unter anderen auch ein Beobaehter wie Bs163 seit meiner ersten diesbeziiglichen Publikation an ihren eigenen Kindern ganz analoge Beobachtungen anstellten und mir mitteilten. Andererseits wird unter Umst~nden aueh das Fehlen von Gedanken oder yon geordneten Gedanken ein iteratives Stottern auslSsen kSnhen, und zwar besonders bei Kindern, die durch unvernfinftige Erziehung immer dazu angespornt werden, sich geistig zu produzieren, ohne da$ dann schlie$1ich das kindliehe Gehirn mit dem geschtirten Ehrgeiz Sehritt halten kannl). Auch die Berkhansche Theorie von der Rachitis wird bei der ~tiologie des Stotterns nicht mehr ganz zu vernaehli~ssigen sein, da wir ja in einer groSen Statistik (Uber Stummheit bei h5renden Kindern, Wiener klin. Rundsch. 1913) die Rolle nachgewiesen haben, welehe die englisehe Krankheit bei VerzSgerung der Sprachentwicklung spielt. Da nun solche Kinder vielfaeh in ihrer Intelligenz nicht gehemmt sind, so wird in gleichem Sinn, wie bei den zuerst besprochenen F~llen eine Kollision zwisehen Intelligenz und Spraehfi~higkeit gerade hier auftreten kSnnen. Auch die alte Klenckesche Ansicht von der Skrofulose als i~tiologi- 1) Die Ursachen kSnnen unter Umsti~nden neben den psychischen, die sonst das ausgebildete Ubel unterhalten, for~bestehen. Manchc erwachsene Stotterer zeigen noeh derartige Ausfalle an Worten oder Begriffen wohl auf Grund einer nicht vSllig normalen Geistesentwicklung. Eine eingehende VerSffentlichung dariiber soll demn/~chsb erschcinen.
  • 13bet den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 339 schem Faktor wird vielleicht, freilich in wesentlich eingeschranktem Male, Geltung haben, da ja jedes allgemeine Leiden auch wieder eine Hemmung in der Sprachentwicklung hervorzurufen geeignet ist. Gegen Aronsohn ist m. E. einzuwenden, dal~ seine Theorie nut ffir einzelne StotterfMle, nach all meiner Erfahrung sicherlich aber nicht ftir alle Entwicklungsstotterer Geltung haben dfirfte. Ich kSnnte unschwer ffir jede dieser vier Gruppen zahlreiche Beispiele aus meiner Praxis anftihren, unterlasse es aber, weil beztiglich des Feh- lens von Ausdrticken oder Gedanken als prim~rer Ursache des Stotterns doeh nur meine subjektiven Eindrficke als Beobachter wiedergegeben werden kSnnten, w~hrend es in bezug auf die verzSgerte Sprachentwick- lung durch Rachitis oder andere Allgemeinleiden yon gleichem Wert ist, wenn ich versichere, dab sie sich sehr haufig in der Anamnese von Stotterern finder. Meine einschlagige Statistik ergibt 25O/o . Von grSi~erem Weft scheint mir der Hinweis darauf zu sein, dal~ ich bei Durchsicht meiner Krankengeschichten 8 FMle fand, in denen mir die Eltern, ohne danach von mir gefragt worden zu sein, erzahlten, dab ihre Kinder anfhnglich nur stotterten, wenn sie ,,nicht welter wuBten" Darunter kann nun sowohl das Fehlen yon Ausdrficken als das yon Gedanken gemeint sein. Von freraden Beobachtungen sei weiter die yon K. C. Rothe (Das erste Jahr in der Sonder-Elementarklasse fiir sprachkranke Kinder, Monatsschr. f. Ohrenh. u. Laryngo-Rhinol. 1915, 2. u. 3. H.) ausgefiihrt: Fall Nr. 2: ,,Das Stottern war ein leichtes Wiederholungsstottern und ist wohl in der verminderten Intelligenz begrtindet, gewissermaBen ein ,Verlegenheitsstottern', das ich mir so erkl~re: ,Die geringen Erlebnisse dieser Psyche spielen sich langsam und zerfahren ab. Die so stark herabgesetzte Reaktionsgeschwindigkeit schafft nur einen der ,Verlegenheit' analogen Zustand. Ein schwacher Wille zum Sprechen ist vorhanden, die Wiederholung der Silbe hilft Zeit gewinnen." Und nun ein Satz, der sich auf eine andere, friiher gewtirdigte Frage bezieht: ,,Da sich der Knabe der Sprach- s tSrung bisher n icht bewuBt wurde, blieb sie s tat ionar ; es trat das tonische ,Element' nicht in Erscheinung." Im Anschlug daran m6chte ich das Auf t re ten von Sto t te rn in der ersten Schulzei t erwahnen. Es gehSrt nicht zu den Selten- heiten. Holger Mygind (Uber die Ursaehen des Stotterns. Arch. f. Laryng. Bd. 8) land es in 17 Prozent. Es ist in gewissen Fallen analog dem Entwicklungsstottern als Diskoordination zwischen der den erhShten Anforderungen nicht nachkommenden Intelligenz und dem Sprechzwang zu deuten, wahrend es, worauf wieder K. C. Rothe hingewiesen hat, unter Umstanden dureh strenge Behandlung yon seiten des Lehrers als Shockwirkung (siehe das spater besprochene ,,traumatische" Stottern) aufzufassen ist. In einem Rest der FMle
  • 340 E. Fr(ischels: beruht es auf Nachahmung, worauf ebenfalls erst spi~ter n~ther ein- gegangen wird. Endlich ist eventuell auch an eine Seh~digung des Allgemeinbefindens zu denken, was eine gewisse Parallele zur K le n c k e- schen Theorie einerseits, zum Stottern nach schweren Krankheiten andererseits (siehe unten) ergi~be. Ftir die ~tiologische Frage seheint mir mit besonderer Berticksichti- gung der K u s s m a u l- G u t z m a n n sehen Theorie, dab das Stottern von einer Schw~che des Silbenkoordinationsapparates herriihrt, der Umstand von nicht zu untersch~tzender Bedeutung zu sein, dab die einzelnen Symptome bei geniigend |anger Dauer der Sprachst6rung in jedem einzelnen Falle wechseln, d. h. dab die einen verschwinden und andere auftauchen. Hatte z. B. ein Patient bei dem Laut ,,r" Schwierig- keit, so kann er ihn nach einiger Zeit leicht aussprechen, wi~hrend wieder ein anderer oder mehrere andere gestottert werden. Ganz das Gleiche gilt yon den sogenannten Mitbewegungen. Hat etwa ein Kranker jet i t einen sog. Krampf im rechten Unterarm, so wird er nach einiger Zeit diesen nicht mehr zeigen, wohl aber eine i~hnliche Erscheinung in einem anderen K6rperteil. Kann man sich nun eventuell noch das auftretende neue Symptom aus einer Verbreitung der yon Kussmaul und Gutz - mann angenommenen Schw~che fiber eine'n grSBeren Zentralbezirk vorstellen, so wird man beim Verschwinden der Symptome, zumal bei dem oft fiberaus schnellen, in der Theorie von der Schw~che eines Zentrums kaum mehr eine ausreichende Erkl~rung finden. Wir stellen uns viel- mehr vor, dab der Stotterer, dessen Leiden wenigstens in einem fort- geschrittenen Stadium auf dem Glauben beruht, er kSnne nicht normal sprechen und der nun zu allen m6glichen Hilfsmitteln greift, um die Sehwierigkeiten zu iiberwinden, durch immer neue bSse Erfahrungen, welche er sammelt, am Werte dieser Hilfsmittel zu zweifeln beginnt, um nun die alten aufzugeben und neue zu versuchen. In das Kapitel Atiologie geh6rt auch die frtiher erwahnte Tatsache, dab es Stottern bei einzelnen Leuten gibt. Wenn nun Gutzmann in letzter Zeit die Kussmaulsche Lehre yon der Sehwi~che des Silben- koordinationsapparates unter Beriicksichtigung der genannten Tat- sache fallen l~l~t und sagt, da/~ nur mehr die Lehre vonder spastischen Koordinationsneurose zu Recht bestiinde, so hat er meiner Ansicht nach die Bedeutung des Vorkommens von Stottern bei einzelnen Lauten damit nieht geniigend gewiirdigt. Dann wfirden wir uns fragen, woher riihrt nun eigentlich der ,,Krampf" ? Etwa yon einer ,,reizbaren Schwa- che" des zentralen Lautapparates? Dagegen erhebt sieh nun die aus all meiner Erfahrung und aueh aus der Erfahrung HSpfners resul- tierende Tatsache, dab das Stottern bei einzelnen Lauten sich immer erst in spateren Stadien und nie zu Beginn des Stotterns zeigt. Wiirde Gutzmann, das berticksichtigend, etwa gesagt haben, die ,,zentrale
  • 1Jber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 341 Schw~che" breite sich vom Silbenkoordinationsapparat als ihrem pri- mgren Sitz fiber den zentralen Lautapparat aus, so liel~e sich darfiber debattieren bzw. man mfil~te diese neue Theorie von denselben Gesichts- punkten aus beki~mpfen wie die alte Kussmaulsche . Mit dem bloBen Aufgeben des Teiles der Kussmaulschen Lehre, welche vom Silben- koordinationsapparat handelt, ist abet eine so breite Lficke in die K u s s- m a ulsehe Lehre gerissen worden, dab sie in diescr neucn verstfimmelten Gestalt kaum mehr fortbcstchen dfirfte. Nunmehr erfibrigt uns, noch auf fiinf Entstehungsarten des Stotterns hinzuweisen, und zwar auf das postinfektiSse, auf das nach Traumen, auf das Stottern bei Aphasie, auf das sich auf dem Boden yon Stammeln entwickelnde und das dutch Nachahmung entstchende Stottern. Be- zfiglich des ersten Punktes kann ich heute, was ich vor einigen Jahren noch nicht aus eigener Erfahrung besti~tigen konnte, auf Grund eigener Beobachtungen zugeben, daI~ es ein S to t tern , welches nach In - fek t ionskrankhe i ten auftritt, gibt. Diese Tatsache wurde schon yon Mteren Autoren angeffihrt. Da~ jedoch diese J~tiologie eine recht seltene sein mfisse, ergibt sich eben aus dem Umstande, dal~ ich sie trotz meines sehr .groBen Stotterermaterials eben erst in den letzten zwei Jahren in wenigen F~llen kennenlernte. Ein Beispiel daffir, welches aus der Kriegspraxis stammt, sei hiermit angeffihrt: Robert Sch. war ein Jahr im Felde, erst in Serbien, dann an der italienischen Front, wo er an Typhus erkrankte. Seit seiner Krankheit stottert der Patient. Frfiher war seine Sprache ganz normal; auch seine AngehSrigen besitzen keinen Sprachfehler. - - Puls rhythm, aequal. 68, HerztSne rein, Lunge ohne Befund. Chvostek der Oberlippe, keine Steigerung der Sehnenreflexe an den oberen Extremit~ten. Patellar- sehnenreflex vorhanden, Hodenreflex und Bauchdeckenreflexe normal, ebenso FuI~sohlenreflex. Pupillen reagieren prompt. Zunge und Mund- organe ohne Besonderheiten. Wfirg- und Cornealreflexe vorhanden. Nasenflfigelsymptom positiv. Pat. streckt beim Sprechen den linken Arm yon sich, blickt nach links und wendet den Kopf nach links. Braucht Minuten, eheer seinen Vornamen nennt. Es kommt dabci nur ein wieder- holtes ,,r" mit leisen KehlkopfstoI~lauten hervor. Will man die Rolle, wclche die Infektion bei der Erzeugung des Stottcrns spielt, erkl~ren, so wird man sich am ehesten der Ansicht HSpfners anschliel~en kSnnen, dab es sich um eine toxisch erzeugte Dissoziation yon Sprcchvorstellungen handelt. T r a u mat i s c h e s S t o t t e r n ist im Kriege aul~erordentlich hi~ufig. Ich habe dieses Thema in vier Abhandlungen, und zwar in den zitierten (Zur Klinik des Stotterns. Uber traumatische Sprachst6rungen. Zur Differentialdiagnose zwischen frischem traumatischen und altem Stot-
  • 342 E. Fr~schels: tern, und endlieh fiber KriegssprachstSrungen ars medici 1916) bespro- chen. In der erstgenannten Arbeit sage ich darfiber. ,,In der sprachi~rztlichen Abteilung des k. u. k. Kriegsspitals Nr. 4 liegen nun eine grSBere Anzahl stotternde Soldaten, welche ich in drei Gruppen geteilt habe. In solche, bei denen das Ubel schon vor dem Kriege bestand und sich im Kriege eventuell versehlechtert hat, in solche, die naeh Schi~delsehfissen zu stottern begannen und endlich in so]ehe, die ohne i~uBere Verletzung des Zentralnervensystems den Spraehfehler akquirierten. Von dieser letzten Gruppe allein will ieh an dieser Stelle sprechen. Sie umfaBt i2 Mann. 11 ergeben die einheitliehe Anamnese, dab das Stottern nach einer Schrapnell- oder Granatexplosion, welche sie zu Boden warf, ohne sic 5uBerlich zu verwunden, plStzlich auftrat. Ich kann mich kurz fassen und sagen, dab sie sehon unmittelbar nach dem Trauma die Sprachst6rung in ihrer sehwersten Form zeigten, sei es, dab sie anfangs fiberhaupt unfi~hig waren, einen Laut zu sprechen, sei es, dab sie sofort die klassische Trias (Wiederholungen, Pressen in den Spraehwerkzeugen und Mitbewegungen in anderen Muskeln) zeigten. Dabei lagen nieht die Symptome vor, die man bei Aphasien zu sehen gewohnt ist. Man muB hier sehr vorsichtig sein, da immerhin die Ver- mutung, dab das Trauma zu kleinen Blutungen im Zentralnervensystem geffihrt hat, nieht ohne weiteres vonder Hand zu weisen ist. Immerhin ist beim typischen motorischen Aphatiker der Ausfall an Spraehideen in der Regel insofern klar, als er bei seinen Sprechversuchen nicht fiber- starke Sprechbewegungen macht, vielmehr entweder fiberhaupt keine oder eher minderstarke als der normale; tiber das Stottern nach Aphasien konnte ieh auf Grund der Literatur und eigener Beobaehtungen berich- ten (Lehrbueh der Sprachheilkunde, Wien 1913), dab es den initialen Typus zeigt. Bei meinen 11 traumatischen Stotterern lagen jedoeh sowohl zur Zeit der Untersuchung als aueh - - nach Angabe der Kranken --- sofort naeh dem Trauma beim Versuche zu spreehen fiber- m~Big starke und h~ufige (,,klonische" und ,,tonische") Bewegungen vor. Aueh ergab der somatische Befund keine Anzeiehen von Verletzung des Zentralnervensystems, da man doch beiderseitige Sehnenreflex- steigerungen als funktionelI bedingt annehmen darf." Wie schon friiher erwi~hnt, habe ich darauf hingewiesen, dab viele inveterierte Fi~lle von Stottern viel kompliziertere Embolophrasien ver- wenden als frisehe Traumatiker. Neuere Untersuchungen scheinen zu ergeben, dab sich auch frischere F~lle von Entwieklungsstottern von ~lteren ira gleichen Sinne unterscheiden wie die frischen traumatischen von den inveterierten. ~tiologisch dtirften diese Ergebnisse so zu deuten sein, dab momentane Traumen, undes handelt sich j~ hier um sehr heftige, mit einem Male psyehische Hemmungen von solcher ttShe er- zeugen, wie sie beim Entwicklungsstottern erst allm~thlich unter den
  • ~ber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 343 peinigenden Eindrtieken immer neuer Mil~erfolge und Blamagen ent- stehen. Da sich aber auch bei einzelnen unserer traumatischen Kriegs- stotterer Symptome zentraler Li~sionen linden (wie in der Publikation traumatischer SprachstSrung angeffihrt wird), so wird man gut tun, daran zu denken, dab auch hie und da anatomische Veri~nderungen im Zentralnervensystem dem Stottern zugrunde liegen. Mit dieser Vermu- tung w~re ein AnschluB gewonnen an einen weiteren ~tiologischen Faktor des Stotterns, ni~mlich an die Aphasie. Gerade das ,,Stottern als Herd- symptom", wie Gutzmann es nannte (Monatsschr. f. d. ges. Sprach- heilk. 1909), schien diesem Autor eine wichtige Stiitze ffir seine Theorie zu bieten. Nun muB freilich die MSglichkeit zugegeben werden, dab bei einem oder dem anderen Stotterer mit grob anatomischen zentralen L~sionen wirklich eine Verletzung der tieferen motorischen Sprach- bahnen vorliegt. Ein solcher Fall kSnnte dann in der Tat als rein moto- risch bedingt gelten, womit dann, aueh aber nur mit der wesentlichen Einschr~nkung, dab es sich um eine Seltenheit handelt, die Kuss maul- Gutzmannsche Theorie zu Recht besttinde. Einen derartigen Fall hat A. P ick (Die agrammatische SpraehstSrung. Berlin 1913) beschrie- ben. Im fibrigen jedoch glaube ich ggzeigt zu haben, dab auch das Stottern bei Aphasie in der Regel durch AusfaUserscheinungen in den hochgelegenen Ideenzentren zu erkli~ren ist, wodurch dann eine weit- gehende Ubereinstimmung mit unserer Deutung des Beginnes von Ent- wicklungsstottern gegeben wi~re. Ist es doch ftir das sprachliche Re- sultat gleichgtiltig, ob jema~d Ausdrticke mangeln, weil er sie nicht gentigend erlernt hat, oder weil sie ihm auf Grund anatomischer Veri~nderungen im Zentralnervensystem nicht mehr zur Verftigung stehen. Es sei gestattet, ein schon anderwi~rts verSffentlichtes Bei- spiel anzuftihren: ,,Vor einigen Jahren wurde mir ein 62 ji~hriger Advokat vorgestellt, der das typisehe Bild einer amnestisehen Aphasie bot. Er hatte sich vor 20 Jahren luetisch infiziert, lift seit einiger Zeit an Aorten- stenose und begann vor 8 Monaten ,klonisch' zu stottern. Das trat zuerst wi~hrend eines Pl~doyers auf und wurde dann immer h~ufiger beobachtet, bis es ganz allmi~hlich in Aphasie iiberging, jedoch so, dab eine Zeitlang einmal Stottern, ein andermal vSlliger Ausfall eines Wortes auftrat, bis dann schlieBlieh die Aphasie das Bild be- herrschte. Man daft wohl vermuten, dab die anfangs geringe aphasi- sche StSrung sich nur in einer VerzSgerung der Wortfindung ~uBerte, wobei der Patient, daran nicht gewShnt, und wohl aueh im Eifer des Spreehens, die letzte Silbe bzw. das letzte Wort solange wiederholte, bis er sich entweder dabei ertappte oder bis das gesuchte Wort auf- trat. Der Kranke ging unter dem Bride der Lissauerschen Paralyse zugrunde." Aber auch die bei Aphasie h~ufig vorhandenen Li~hmungs-
  • 344 E. Frsschels: e rsche inungen der per ipheren Sprachwerkzeuge k6nnen ge- gebenen Falles zu Stottern bei Aphasic fiihren. Ein 7j~hriges M~dchen erlitt w~hrend eines Scharlachs eine L~h- mung der linken K6rperhMfte. BewuStlosigkeit und Verlust der Sprache oder des Sprachverst~ndnisses waren nicht vorhanden. Hingegen trat unmittelbar darauf eine geringe Sprachst6rung auf, welche ganz eigen- artig war. Das Kind gab in geordneten Satzen Antwort, jedoeh war die Aussprache der Zungenlaute verlangsamt und deutlich erschwert. Weniger war das bei den Lippen- und Gaumenlauten der Fall. Das Gesamtbild war das eines ,,tonischen" Stotterns. Ich gewann den Ein- druek, dab die Kleine nicht das richtige Ma$ ftir den Kraftaufwand hatte, welcher jetzt infolge tier Parese der Sprachmusketn n6tig war, um die einzelnen Laute zu bilden. Sic schol~ sozusagen fiber das Ziel und wandte noch Kraft an, nachdem sehon die richtige Lautstellung erreicht war, wodurch bei einzelnen Lauten ein Pressen in der Artiku- lationszone zustande kam. So wurde z.B. beim T die Zungenspitze an die Oberz~hne gedriickt; lies ieh den Laut allein aussprechen, also nicht in einem Worte, so dauerte es lediglich l~nger, bis die Zungenspitze au die Z~hne gebraeht wurde, ein Anpressen jedoeh fand nieht statt. Es schien mir, dal~ dieses verschiedene Verhalten so zu erkl~ren war, da$ die Patientin helm isolierten Laut ihre ganze Aufmerksamkeit fiir die Aussprache verwenden konnte, whhrend sic bei Antworten in Worten oder S~tzen zu sehr vom Denkvorgange in Anspruch genommen wurde. Die Zunge wich beim Herausstecken naeh der linken Seite ab. Es lag tin ahnliches Krankheitsbild vor, wie wit es bei der Pseudobulbar- paralyse der Kinder sehen. Unser Fall hat viel Xhnlichkeit mit dem yon Abadie beschriebenen dysarthrischen Stottern. Seine Entstehungs- ursaehe liegt in erster Linie in den motorischen Sprachbahnen, doch ist auch der Einflu$ des Denkvorganges von ausschlaggebender Bedeutung; also wieder eine Inkongruenz zwischen Denken und Sprechm6glichkeit, wobei jedoch der motorische Akt nachhinkt. Die willktirliche Anstren- gung spielt such bier eine grol~e Rolle. Mit diesem letzten Beispiel ist wieder Ansehluf~ gewonnen an Stot - te rn , welches bei bestehendem Stammeln auftritt. Stammeln nennt man das Fehlen oder die falsche Aussprache yon Lauten. Statt aller weiterer Erl~uterungen ein in diese Gruppe gehSrendes Beispiel: Ein 6j~hriges M~dchen stotterte kiirzere Zeit. Sie soil niemals Wiederholungsstottern gezeigt haben. Die Untersuchung ergab, dal~ die Kleine das G und das K nieht sprechen konnte, jedoch nieht im Sinne von Stottern, sondern im Sinne yon Stammeln. Sic war einfach nicht imstande, die Explosivlaute der dritten Artikulationszone zu sprechen und ersetzte sie dutch die der zweiten, n~mlieh D und T. Nun bekam sic eine Gouvernante, welehe, ohne in der Lage zu sein, dem
  • |)ber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 345, Kinde die Bildung der Gaumenlaute zu erkl~ren, yon ihm immer ver- langte, dab es doch G und K sage. Die Folge davon war, da~ die Pa- tientin sich bei D und T wenn sie G und K sagen wollte, i iberm~ig anstrengte - - ,,tonisch" stotterte. Zum Schlusse der i~tiologischen Betrachtungen ist noch die Rolle zu erw~hnen, welche die Nachahmungen ffir das Akquirieren des S to t terns spielen. Es ist eine durch zahlreiche kasuistische Beitri~ge erhi~rtete Tatsache, dai~ Kinder, welche andere Leute stottern h6rten un(1 diese nun scherzweise nachahmten, das Ubel behielten und es nicht mehr verloren. Hier liegt wohl die psychogene Entstehungsart klarer als irgendwo anders zutage. Diese Art der ,,psychischen Infektion" ist abet nicht die einzige. Sie kann auch ohne jedes willktirliche Nach- ahmen auftreten. Hi~ufig erfi~hrt man bei der Aufnahme der Anamnese, da~ ein Kind zu stottern begann, als ein Stotterer in seine Schulklasse eintrat, ohne da{~ sich aber der Patient vor dem genauen Ausfragen dieser Tatsache bewul~t war. Wenn man sich nun fragt, warum gerade dieses ei n e Kind yon allen Mitschtilern spraehgestSrt wurde, so kommt man in ein Gebiet, welches auch bei den anderen Entstehungsarten des Stotterns von ausschlag- gebender Bedeutung ist. Ich meine die D ispos i t ion . So wenig man sich unter diesem Wort vorzustelten vermag, wenn man es auf die ge- samten Stotterf~lle bezieht, so beginnt sich der Begriff doch zu kl~ren, wenn man ihn in jedem einzelnen Falle besonders erw~gt. Es sei nur ganz generell noch bemerkt, dab die Disposition keineswegs, wenn ich so sagen daft, chronisch sein mul~, daI~ vielmehr auch gegebenenfalls eine akute Schw~che der kSrperlichen oder seelischen Konstitution dispositionell wirken kann. Wit werden diese Frage hier nicht welter verfolgen, da ja aus unseren friiheren ~tiologischen Betrachtungen manches schon als Disposition benannt werden kann, z.B. die In- kongruenz zwischen Denken und Sprechen oder eine Infektionskrank- heir. Nur des fami l ia ren Auf t re tens des S to t ter i ibe ls i s t noch zu gedenken, und da sei mir gestattet, einen Abschnitt aus meiner Schrift ,,Ratschl~ge ffir die Erziehung kleiner Kinder" (M. Perles u. Comp. 4916) zu zitieren. ,,Ftir manche Kinder ist das Elternhaus Gift. Es gibt Infektions- krankheiten, zu welchen die Disposition vererbt werden kann, die aber bei den erblich Belasteten erst zum Ausbruch kommen, wenn Gelegen- heit zur Ansteckung vorhanden war. In diesem Sinne ist unter anderem die sog. ererbte Tuberkulose zu deuten. Das ftir die Krankheit durch Vererbung empf~ngliche Kind wird z. B. yon dem tuberkulSsen Vater infiziert. Man spricht auch yon psychischen Infektionen und versteht darunter einen in seinem Wesen noch nicht ergrtindeten Vorgang, durch den eine mehr oder minder getreue Kopie yon an einem Menschen be- Z. f. d. g. Near. u. Psych. O. XXXIII. 23
  • 346 E. Friischels: obachteten Krankheitssymptomen beim Beobachter entsteht. Tic- Kranke (nerv5se Zuckungen) z. B. kSnnen andere ,infizieren'. Beson- ders Kinder sind solchen psychischen Ansteckungen zugiinglich, was mit ein Zeichen ftir die starke Aufnahms- und Nachahmungssucht dieser Altersstufe ist. Der berfihmte P a ul E h r lic h hat ftir gewisse Vorgi~nge bei kSrperlichen Infektionskrankheiten die Theorie aufgestellt, da~ es Zellen im K5rper gibt, die Haptophoren, welche mit saugenden Neben- zellen aasgerfistet sind, die ganz bestimmte Bakteriengifte anziehen und festhalten. ~hnlich k5nnte man yon ,Haptophoren der Seele' sprechen. Es gibt Leute, die jedes unangenehme Ereignis festhalten, die angenehmen gar nicht beachten und daher immer Grund zur Traurig. keit haben. In ihnen fiberwiegen die ,Haptophoren' ffir Unangenehmes. Und so mag jeder Mensch spezifische ,seelische Haptophoren' besitzen, die f fir einen bestimmten psychischen Vorgang sozusagen abgestimmt sind. Diese spezifischen ,Haptophoren' kSnnen sich vererben, und dringt nun noch das ihnen entsprechende seelische Gift ein, so entsteht die Neurose, die Psychoneurose. Jetzt mag es vielleicht etwas versti~nd- licher erscheinen, warum sich gerade die nervSsen Leiden der Eltern oft bei ihren Naehkommen zeigen. In diesem Sinne wohl nut wird z. B. der Tic, das Stottern, die Hypochondrie, werden gewisse Phobien, wie Platzfurcht, Bacillenfurcht vererbt." Zuletzt seien die verschiedenen thera peut ischen R ichtungen, welche gegen den Sprachfehler eingeschlagen werden, besprochen. Es gibt eine Menge sog. gymnastiseher Methoden, die sieh voneinander nur wenig unterscheiden. Beachtet man einerseits die Geringftigigkeit dieser Differenzen und liest man andererseits, wie jeder einzelne Erfinder angibt, gerade mit seiner Methode die besten Resultate erzielt zu haben, so wird man nicht umhin kSnnen, den EinfluB dieser Behandlungsmetho- den nicht in der Gymnastik, sondern in der damit verbundenen Sugge- stion zu suchen. In meiner Publikation fiber die Behandlung des Stotterns sind die wichtigsten Methoden zusammengestellt und ieh will mich da- mit begnfigen, hier nur zwei von ihnen einander gegentiberzustellen, um den Leser davon zu iiberzeugen, wie unwesentlich sie voneinander unterschieden sind. Ieh wi~hle die yon K lencke und die von Gutz- mann. K lencke empfahl folgendes System. Er lieB zuerst Atemtibungen nach den folgenden Regeln machen. 1. Immer tieferes Einatmen mit erweitertem unteren Teil des Brust- kastens und Herabsteigen des Zwerchfelles erst langsam und gesteigert, dann schneller und mit Kraft. 2. Sehnelles kr~ftiges Ausatmen. 3. Zuriickhalten der eingeatmeten Luft yon der Dauer eines Atem- zuges an bis auf mSglichst lange Zeit.
  • Uber den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 347 4. Sehr langsames, gemessenes Ausatmen, selbst mit Unterbrechun- gen und Anhaltspausen desselben nach dem Taktstock. 5. Geregeltes Ein- und Ausatmen nach schnellem und langsamem Takt. 6. Steigen der ununterbrochen aufeinanderfolgenden Atemziige, so- weit der Atem reicht, bis zu 100 und mehrere Male hinauf. Ferner kamen Ubungen von mehrmaliger unterbrochener Ein- und Ausatmung und sodann Stimmtibungen. Es wurde ein einzelner Vokal erst tier und krifftig, dann immer h6her durch eine Oktave geiibt, und zwar unter vSlliger Ausnutzung der eingeatmeten Luft. Sodann wurde mit einem Ausatmungsstrom zuerst derselbe Vokal angeschlagen und dann verschiedene Vokale hintereinander. Das bedeutet Ubungen des harten Einsatzes. Es wurde aber aueh der gehauchte und weiche Ein- satz nicht vernachl~tssigt, sondern ebenfalls gelehrt. Nachher g inger auf die Ubung der Konsonanten ein und empfahl zu diesem Zweek einen Spiegel, in welchem der Patient seine eigene Mundstellung mit der des Arztes vergleichen konnte. Spi~ter kam K lenc k e yon diesen Artiku- lationstibungen ab und liel~ nach Absolvierung der Atem- uncl Stimm- fibungen den Stotterer sofort Worte und S~tze frei nachsprechen. Die G u tz m a n n sche Methode beginnt ebenfalls mit Atemtibungen, welche der Sehreberschen ,,Zimmergymnastik" entnommen sind. Ffir die Stimmtibungen sind Schemen aufgestellt, welche wir nigher betrachten wollen. Hauch Ill . . . . . . . . . . . . . . . . . ]h --- .+- ]h ~- [h - ~- e Fltisternd h . . . . . . . . a h - - u Hauchen h - Stimme a . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . u . . . . a --= u i . a . . . . . . . . 0 U 6 i a-Stellung Ih Pause h-Laut 23*
  • 348 E. Fr6schels: F l i is tern in der a-Stel lung h " - - ha h ha _ _ h - - ha h a . . . . . . ~ . . . . . . . - _ ha ha . . . . . ha ha . . . . . . . . ha Pause a - - - - - a . . . . ha - - a ha a . . . . . . a . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a a a a a a a a a ~a~a~a~ i a - tern a . . . . llerhand ] �9 . . . . . . . . lbert a . . . . . . . . . . . . . dieu l a . . . . . . . . . . nfang a rbeiten ]a nher a merika l a bend a nbeginn l a ntworte rasch l a - l le~Anfang~sCschwer ]a s ienist ein Erdteil ]Ha . . . . . . . . . . . . . . . alte lest, was du hast I Ha - - - mburg~an"der~Elbe Die Ar t iku la t ions i ibungen werden mit e inem dreitei l igen Spiegel vor- genommen, in welchem der Pat. n icht nur die eigenen Art iku lat ions- werkzeuge sieht, sondern auch die des Arztes. Es wird nun der Reihe nach der Konsonant als auch der Vokal leise gesprochen werden und al lmiihl ich erst der Selbst laut starker hervortreten. Der Konsonant wird anfangs isoliert, dann mit Vokalen verbunden, geiibt. Sobald wie m6glich werden Worte und S~tze gesprochen, und zwar nach dem Pr in- zip, dab der erste Vokal gedehnt wird, und alles tibrige dann ohne Unterbreehung und kont ina ier l i ch ine inander i ibergehend gesagt wird, wie zum Beispiel: I b bb bbb bbbb i d dd ddd dddd ] ba ba - - ba ba ba Ida da da da da !Ba 11 IDa s [ Ba -- d IDa mpfschiff ]Ba ld"komm('der~Weihnachtsmann :Da nzig ist eine Handelsstadt Genau nach derselbcn Anordnung werdcn alle Mit laute und die Doppehn i t laute gefibt.
  • [lber den derzeit.igen Stand der Frage des Stotteras. 349 Ffir die •bung des fliei~enden Sprechens werden folgende 12 Regeln aufgestellt. I. Sprieh langsam und ruhig, d. h. sprich Silbe ffir Silbe, Wort fiir Wort, Satz ftir Satz. II. Sei dir stets klar darfiber, was und wie du sprechen willst. III. Sprieh nieht zu l~ut und nicht zu leise. IV. Stehe oder sitze beim Sprechen gerade und still. V. Hole vor dem Spreehsatz mit geSffnetem Munde kurz und tier Atem. VI. Sei sparsam mit dem Atem und halte ihn beim Sprechen mehr zurfick als dai~ du ihn vorschiebst. VII. Gehe stets seharf in die Vokalstellung. VIII. Richte die ausstrSmende Luft nicht auf den Konsonanten, sondern auf den Vokal. IX. Driicke niemals in der Lautbildung, sprich nOtigenfalls tiefer als gewShnlich und dehne die Vokale durchweg etwas. X. Fange den offenen Vokal mit leisem und etwas tieferem Stimm- einsatz an. XI. HaRe den ersten Vokal im Sprechsatze lange aus und verbinde alle WSrter im Satze so miteinander, als wenn das Ganze ein Wort whre. XII. Befleil~ige dich stets einer reeht deutlichen, lautreinen und wohlklingenden Sprache. Ffige ich nun noeh hinzu, dais K lencke, wie wir schon frfiher er- w~hnten, in einem bestimmten Stadium der Behandlung den Patienten verbot, zu stottern, so wird damit neuerdings ein Beweis ffir die groBe Rolle geliefert sein, welche die Suggestion bei all diesen Methoden spielt. Eine Art l~bergang zwischen gymnastischen und rein suggestiven Methoden ist die Behandlungsart, welehe L iebm~nn empfiehlt. Er l~f~t den P~tienten sofort ohne vorhergehende Atemiibungen und der- gleiehen S~tze mit gedehnten Vokalen nachsprechen. Nun kSnnte man glauben, dai3 in der Dehnuug wieder eine Art gymnastischer Hilfsmittel liegt. Wie sehr jedoeh auch hier die Suggestion als allein wirksames Moment in Betrachtung kommt, erhellt daraus, dab L iebman n, wie ich privaten Mitteilungen entnehmen konnte, vonder Dehnung der Selbstlaute abgekommen ist und nunmehr den Patienten nach einer Erklgrung des Sprachmeehanismus sofort in normaler Rede nach- sprechen IM3t. Tr5 tuner berichtet fiber sehr gute Erfolge mit Hypnose und die psyehoanalytischen Autoren teilen mit, mit ihrer kathartischen Methode in dieser Beziehnng nicht zurfiekzustehen. Was diese letzte Riehtung anbelaugt, so besteht bekanntlieh ein Streit, ob sie wirklich dazu ffihre, das seelische Grundfibel ~ufzudecken und zu eliminieren, oder ob nieht aueh hier Suggestion vorliege. Diese Frage zu entseheiden, bin ich nicht berufen, sie spielt aber auch fiir unser Thema keine wichtige
  • 350 E. FrSschels: Rolle. JedenfaUs handelt es sich bei ihr um eine rein seelische Behand- lung des Kranken, und wenn mit ihr Heilungen oder doch wenigstens Besserungen erzielt wurden, so ist damit m. E. ein neuer Beweis daffir erbracht, da$ das Stottern seeliseh ausgelSst werden kann. Hier einige Worte fiber die Heilungen des Stotterns. Ieh habe ebenso wie die anderen Spezialisten F~lle behandelt, welche seither - - es handelt sich bei man- chen um eine. ganze Reihe yon Jahren - - tadellos sprechen. Ich habe aber ebenso wie andere Xrzte Rezidive erlebt, die nach ktirzeren oder l~ngeren Epochen normalen Sprechens auftraten. Wie derartige Er- ,scheinungen sich mit einer Theorie yon einem angeborenen Sitz der Krankheit im Silben- oder einem anderen Koordinationsapparat ver- tragen sollen, ist mir nicht klar. Ich selbst besitze weder eine eigene Methode, noch aueh wende ieh ffir alle Falle ein und dieselbe an. Ich greife vielmehr je nach meinem Empfinden zu dieser oder jener und kSnnte nicht sagen, da$ eine vor der anderen den Vorzug h~tte, raseher zum Ziele zu ffihren. Nur zweier F~lle will ich im besonderen gedenken: Ein 12j~hriger Stotterer, weleher mit dem Ubel seit seinem 4.3ahre behaftet war, wurde von mir in folgender Weise behandelt. Ich sprach ihm S~tze g e n a u mit seinem Stottern vor, forderte ihn auf, mich genau nachzuahmen. Das Resultat war, da$ er mir ohne jedes Stottern naeh- sprach. Nach einigen derartigen Sitzungen jedoch kam er mit neuen ,,schwierigen Lauten" und neuen ,,Mitbewegungen" zu mir. Ich ak- kommodierte mich diesem Typus sofort und stotterte ihm in seiner neuen Spraehart vor. Das l~esultat war das gleiche wie bei den ersten Sitzungen. Noch einige Male anderte der Patient seinen Stottertypus, ich aber hetzte ihn sozusagen wie der J~ger das Wild durch das ganze Revier, bis er den Kampf aufgab, und gut sprach. Ob die Heilung eine dauernde war oder nicht, ist mir nicht bekannt. Der suggestive Ein flus liegt hier wohl klar zutage. Ein ahnliches Experiment gelang mir bei einem 27 j~hrigen Fraulein. Doch erlebte ieh hier in kurzer Zeit ein Rezidiv, dessen ich nicht mehr Herr werden konnte. F a s s e n wir a 1 s o z u s a m in e n, was wir in den einzelnen Abschnitten ffir das Verst~ndnis des Stotterns gewonnen haben: I. Sy mptomato log ie . 1. Es gibt ,,Mitbewegungen" von Wortcharakter, die unmSglich unabhangig vom Willen sein kSnnen; da sie sich von anderen ,,Mit- bewegungen" und anderen Stotterbewegungen nur graduell unterschei- den, so werden auch die anderen als mit dem Willen zusammenh~ngend
  • (~ber dell derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. 351 aufzufassen sein. 2. Das Stottern zeigt Symptome, die in den Begriff Koordinationsneurose nicht hineinpassen, n~mlich die verktirzte Aus- atmung auBerhalb des Sprechens. 3. Die Lehre vonder Silbenkoordi- nationsneurose ist schon deshalb nicht stichhaltig, weil es auch Stottern bei einzelnen Lauten gibt. 4. ~ltere Stotterer gebrauchen kompliziertere Mitbewegungen von Lautcharakter, als frischere F~tlle. Es ist nicht ein- zusehen, wie ein Krampf, je l~nger er besteht, um so kompliziertere Bewegungen auslSsen und ausfiihren sollte. 5. Nach HSpfner sind die supponierten Sprachkri~mpfe unserem heutigen biologischen Wissen widersprechend. 6. Die stotterfreien Zeiten sprechen gegen eine dem Stottern zugrunde liegende organische Veri~nderung. II. ~tiologie. 1. Das Fehlen von Worten und Vorstellungen kann ohne jeden dazu kommenden Krampf zum Stottern ftihren, wie man unter anderem aus dem Verlegenheitsstottern schlieBen kann. 2. Da allgemeine Erkran- kungen eine Verz6gerung in der Sprachentwicklung bedingen k6nnen, so sind sie als indirekte ~tiologische Faktoren anzuerkennen. 3. Das Verschwinden vom Stottern bei bestimmten Lauten und das Verschwin- den der ,,Mitbewegungen" ist aus der Annahme einer zentralen organi- schen Ver~nderung nicht zu erkl~ren. 4. Viele Fi~lle sog. aphatischen Stotterns sind nicht durch Kri~mpfe, vielmehr durch Fehlbewegungen infolge der Ausfallserscheinungen zu erkli~ren. 5. Das Stottern infolge psychischer Infektion spricht eindeutig ffir die psychogene Entstehungs- art, wenigstens dieser Gruppe. III. Therapie. 1. Die sog. gymnastischen Methoden, welche voneinander nicht wesensverschieden sind, haben vor allem suggestiven Wert, wie beson- ders aus der Klenc keschen Methode zu ersehen ist. 2. Die neue Lieb- m a n n sche Methode enthi~lt tiberhaupt nichts mehr, was ffir die gymna- stische Beeinflussung irgendeines Zentrums spr~che und ist ebenfalls rein suggestiv. 3. Auch mit anderen Suggestivmethoden sind Hei- lungen zu erzielen. Aus all dem scheint mir e indeut ig hervorzugehen, dab die a l lermeisten Stotterfi~lle nicht durch Kri~mpfe, sondern durch Feh lbewegungen, die anf~ngl ich auf dem Boden zen- t ra len Ideenaus fa l les ents tehen und spi~ter durche ineKom- b inat |on von Verkennung des Ubels mit Sprechfurcht be- wuBter und unterbewuBter Art geni~hrt worden, zu er- kli~ren ist. Weitere For tschr i t te in der Stot ter f rage sind vor al lem zu erwarten vonder genauesten Anamnese und den nicht
  • 352 E. FrSsehels: [,q)er den derzeitigen Stand der Frage des Stotterns. minder genauen kSrper l ichen, seel ischen und geist igen Uutersuchungen eines jeden e inze lnen Fulles, wobei n icht zu letzt auf die Form des S to t te rns jedes Pat ienten minuziSs geachtet werden mu6. Diese zweifellos schwierige Arbeit dtirfte sich jedoch um so mehr lohnen, als zu hoffen ist, da$ (lurch (lie genaue Er forschung des S to t te rns auch gr61~ere K larhei t in (las Gebiet dcr Neuroseu gebracht wer(len wir
  • Fig. 2. !Y 0 h 1 w i l l : EntwicklungsstOrungem Verlag yon Julius Springer ia Berli~
  • Z. f. d. g. Neur. u. Psych. Orig. XXXIII. Tafel III. Fig. 4. W o h l wi 11, Entwick luugsstSrungen. verlag von Julius Springer in Berlin.
  • Z. f. d. g. Neur. u. Psych. Orig. XXXI I I . Tafel IV. Fig. 2. S i t t ig , Destruktionsprozesse bei Cerebrospinalmeningitis. Verlag yon Jul ius Springer in Berlin.
  • Z. f. d. g. Neur. u. Psych. Orig. XXXIIJ. Tafel V. Fig. 4. Sittig~ Destruktionsprozesse bei Cerebrospinalmeningitis. Verlag yon Julius Springer in BerUn.
  • ~r. f. d. g. Neur. u. Psych. Orig. XXXI I I . Tafel Vl. ~ittig, Destruktionsprozel~ der Hirm'inde. Verlag yon Julius Springer in Berlim
  • Z. f. d. g. Neur. u. Psych. Orig. XXXI I I . Tafel VII. Sittig, Destruktionsprozeli der Hirnrinde. Verlag yon Julius Springer in Berlin.
  • Z. f. d. g. Neur. u. Psych. Orig. XXXIII. Tafel VIII. S i t t i g, Destruktionsproze~ der Hirnrinde. Verlag yon Julius Springer in Berlin.
  • Z. f. d. g. Neur. u. Psych. Orig. XXXII I . Tafel IX. Fig. 2. Si trig, Destruktionsprozel~ der Hirnrinde. Verlag yon Julius Springer in Berlin.
  • Z. f. d. g. Neur. u. Psych. Orig. XXXIII. Tafel X. Sittig~ Destruktionsprozel~ der Hirnrinde. Verlag von Julius Springer in Berlin.
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