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Hausarbeit Gerhard Richter "Tante Marianne"

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Die Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Werk "Tante Marianne" von Gerhard Richter. Die Frage, die diese Arbeit versucht zu klären lautet folgendermaßen: Kann das Werk Gerhard Richters nur als eine Vergangenheitsbewältigung seiner Familiengeschichte gelesen werden? Neben der Analyse u,nd Interpretation des Werkes aus dieser Sicht, werden zugleich auch andere Interpretationsversuche vorgestellt und deren Sinnhaftigkeit untersucht. Das Werk "Tante Marianne" wird in der Kunstgeschichtsforschung als ein Schlüsselwerk Richters angesehen und in einen engen autobiografischen Bezug zu dem Künstler gestellt. Denn seine Tante wurde während des Nationalsozialismus ein Opfer der Euthanasie. Jürgen Schreiber stellt in seinem Roman "Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter das Drama einer Familie"
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Universität Leipzig Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften Institut für Kunstgeschichte Seminar Gerhard Richter Dozent: Prof. Dr. Martin Schieder Gerhard Richter Tante Marianne Nur ein Bild aus der Vergangenheit? Nicole Dutschmann 3. Fachsemester Kernfach: Kommunikations- und Medienwissenschaft Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung .......................................................................................................................... 3 2. Tante Marianne ein Bild aus der Vergangenheit Gerhard Richters .................................. 4 2.1 Der Forschungstand .................................................................................................... 4 2.2 Die Bildbeschreibung .................................................................................................. 5 2.3 Das Verhältnis Vorlage- Bild und die Technik der Verwischung ............................... 6 2.4 Die Vergangenheitsbewältigung Gerhard Richters .................................................... 9 2.5 Die Analogie des Bildes Tante Marianne zur Darstellung der Madonna in der Kunstgeschichte ............................................................................................................... 12 2.6 Tante Marianne ein Doppelporträt im Sinne eines Familienbildes .......................... 14 3. Fazit ................................................................................................................................. 16 4. Anmerkungen .................................................................................................................. 18 5. Literaturverzeichnis ......................................................................................................... 20 6. Abbildungsverzeichnis .................................................................................................... 22 I Anhang – Tante Marianne ................................................................................................ 23 II Anhang – Vorlage Fotografie Tante Marianne ............................................................... 24 III Anhang - Familie am Meer ............................................................................................ 25 IV Anhang - Herr Heyde ..................................................................................................... 26 V Anhang - Schwimmerinnen ............................................................................................. 27 VI Anhang - Leonardo Da Vinci, Die Felsengrottenmadonna .......................................... 28 VII Anhang – Nicolas Poussin, Die heilige Familie auf der Treppe .................................. 29 2 1. Einleitung Das Werk Tante Marianne (Anhang 1) von Gerhard Richter zählt zu den in den sechziger Jahren geschaffenen Fotobildern. Als Vorlage diente ihm eine schwarz-weiße Fotografie aus seinem Fotoalbum (Anhang 2). In der Kunstgeschichte wird zum jetzigen Forschungsstand immer der Aspekt des autobiografischen Bezuges zu seiner Vergangenheit, der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der Euthanasie hervorgehoben. Vor allem Jürgen Schreiber trieb diese Richtung der Interpretation durch sein Buch „Ein Maler aus Deutschland – Gerhard Richter das Drama einer Familie“ mit der Veröffentlichung 2005 voran. In der Analyse und Interpretation des Bildes Tante Marianne soll der Frage: Kann das Werk Gerhard Richters nur als eine Vergangenheitsbewältigung seiner Familiengeschichte gelesen werden? nachgegangen werden. Der Ausgangspunkt der Erörterung wird eine Bildbeschreibung sein, auf die sich die weitere Analyse und anschließende Interpretation des Bildes beziehen wird. Dabei werden zentrale Aspekte bearbeitet. Darunter die Technik des Verwischens, das Verhältnis von Vorlage – Bild, der Bezug zu der traditionellen Malerei unter dem Aspekt der Porträtmalerei und der Darstellungstradition der Madonna sowie der Rückbezug auf die Vergangenheit Gerhard Richters. Das Ziel der Arbeit soll es sein, mithilfe der Analyse und Interpretation des Bildes Tante Marianne, die Alleinstellung der autobiografischen Bedeutung des Werkes von Gerhard Richter aufzubrechen. Des Weiteren werden weitere Interpretationsmöglichkeiten vorgestellt. Aufgrund des geringen Umfanges kann es nur einen Einblick in die Thematik geben sowie die Möglichkeit weitere Reflexionen anzuregen. 3 2. Tante Marianne ein Bild aus der Vergangenheit Gerhard Richters 2.1 Der Forschungstand Die Literatur zu dem Künstler Gerhard Richter und seinen Werken umfasst eine Vielzahl von Monografien, Ausstellungskatalogen und Publikationen zu einzelnen Werken sowie die Auseinandersetzung mit seinem Oeuvre. Die kunstwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Bild Tante Marianne begann 2005 mit der Versteigerung bei Sotheby’s in London. Davor befand es sich im Privatbesitz, so dass es der Öffentlichkeit unzugänglich blieb. Mit der Versteigerung setzte die kunstwissenschaftliche Forschung ein und ordnete es in den Kontext der frühen Fotomalerei Gerhard Richters ein. Die Schwerpunkte in der Literatur liegen zu meist auf der Technik des Verwischens, dem Verhältnis der Vorlage Familienfotografie und deren Bedeutung für die entstandene Malerei sowie der Bezug zu den Familienbildern. Die Bedeutung der Familienbilder für Gerhard Richter widmet sich der Autor Hubertus Butin, indem er das Schaffen Richters in einen Bezug zu der historische Gattung Familienbild setzt (siehe Punkt 2.6). Die Autorinnen Astrid Kasper „Richter, Malerei als Thema der Malerei“ und Ingrid Mistereck-Plagge „Kunst mit Fotografie und die frühen Fotogemälde Gerhard Richters“ beschäftigen sich in ihren Abhandlungen mit der Technik und dem Verhältnis der Fotovorlage zum Bild (siehe Punkt 2.3). Des Weiteren wird die Porträtmalerei in Richters Oeuvre untersucht, so zum Beispiel bei Paul Moorhause „Die Porträts von Gerhard Richter“ (siehe Punkt 2.5). Bei der Interpretation des Bildes durch die Forschung werden die Vergangenheit Gerhard Richters und die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus aufgegriffen. Elger Dietmar, Leiter des Dresdener Richterarchivs, liefert 2005 in seiner Monografie „Gerhard Richter- Maler“ erstmals die Zusammenhänge des Bildes mit der Vergangenheit Richters und versucht die mögliche Intention hinter dem Bild offen zulegen. Jürgen Schreiber greift diesen Ansatz auf und veröffentlicht den Roman „Ein Maler aus Deutschland – Gerhard Richter das Drama einer Familie“, indem er das tragische Leben der Tante Marianne nach verfolgt (siehe Punkt 2.4). 4 In der folgenden Analyse und Interpretation wird die genannte und andere Literatur Verwendung finden, gleichzeitig wird versucht eigene Ansätze mithilfe dieser Grundlage zu finden. 2.2 Die Bildbeschreibung Das Bild Tante Marianne von Gerhard Richter, die Nummer 87 im Werkverzeichnis, entstand 1965 in der Technik Öl auf Leinwand. Die Maße des Bildes betragen 120 cm mal 130 cm. Nachdem sich das Bild rund 40 Jahre im Privatbesitz befand, wurde es 2005 von einer Stuttgarter Besitzerin bei Sotheby’s in London zur Versteigerung eingereicht. Der asiatische Geschäftsmann Pierre T.M. Chen aus Taiwan ersteigerte das Bild und gab es 2007 als Leihgabe an die Dresdner Galerie der Neuen Meister, wo es bis heute ausgestellt wird.1 Tante Marianne, von einem schlichten Buchenrahmen umgeben, hängt zwischen zwei weiteren Fotobildern, links von der Mustang-Staffel und rechts von dem Porträt Dr. Knobloch. Das Zentrum des Schwarz-Weiß-Gemäldes bilden ein Mädchen und ein Junge im Säuglingsalter. Das Mädchen in einem weißen mädchenhaften Kleid, steht hinter einem runden mit weißen Kissen bedeckten Tisch. Sie trägt ihre Haare offen und kinnlang, während die vordere Partie der Haare mit einer Spange nach hinten frisiert wurde. Ihre Gesichtszüge zeigen ein entspanntes Lächeln, während sie möglicherweise etwas beobachtet, was sich außerhalb des linken Blickfeldes des Betrachters abzuspielen scheint. Gleichzeitig erweckt es den Anschein, sie sei der Situation vollkommen entrückt. Ihre linke untere Gesichtshälfte bis zur Nase wird von dem Kopf des Jungen verdeckt, während sie sich ihm leicht zuwendet. Dabei ruhen ihre Arme auf dem Kissen hinter seinem Körper. Der Junge, circa ein halbes Jahr alt, liegt seitlich auf der Mitte des Tisches. Er trägt einen weißen Strampelanzug und hält in den Händen eine Rassel. Sein Kopf ist gehoben und der Blick geht am Betrachter vorbei diagonal aus dem Bild hinaus. Im Hintergrund sind schemenhaft in verschiedenen dunklen Grautönen gemalte Bäume und Büsche zu erkennen, welche einen starken Kontrast zum Vordergrund bilden. Dieser ist in hellen Grautönen bis hin zu einem strahlenden Weiß dargestellt. Durch diesen starken 5 Kontrast wird die Szene, die in einer Dreieckskomposition gehalten ist, regelrecht von dem Bildhintergrund abgehoben. Die Darstellung ist ein klassisches Doppelporträt, welches gleichzeitig durch den Bildaufbau an die klassischen Madonnendarstellungen in der Kunstgeschichte erinnert. Neben den auffälligen Bezügen zur traditionellen Malerei verweist die Technik der Verwischung auf die Anlehnung an die Fotografie hin. Zugleich schafft sie eine Trennung von der Fotografie, aufgrund der bewussten Veränderung des Bildes in seiner Schärfe. 2.3 Das Verhältnis Vorlage- Bild und die Technik der Verwischung Gerhard Richter beschäftigt sich seit den frühen 1960er Jahren mit der Thematik der Fotografie und deren Verhältnis zur Malerei. Das Ergebnis dieser intensiven Auseinandersetzung sind die Fotobilder. Dies führt zu der These, dass das Abmalen von Fotografien für Richter als eine Art Flucht aus dem in der DDR gelehrten sozialistischen Realismus dient. Es bietet ihm die Möglichkeit der Erprobung einer neuen Technik mithilfe der Fotografie, ohne die gängigen Konventionen der Bildentstehung zu gebrauchen. Er nutzt die Fotografie dementsprechend, um den Schaffensprozess von der Idee, über die Komposition und der Farbwahl zu umgehen, um somit vordergründig keine eigene Kunst zu machen. Das Ergebnis ist das Bild Tante Marianne als eine reproduzierte Fotografie mit den Mitteln der Malerei. Dennoch stehen seine Fotobilder in einem Spannungsverhältnis zwischen Reproduktion und eigenständiger Kunst, was ein Vergleich zwischen Vorlage und gemaltes Bild zeigt.2 Astrid Kasper setzt sich mit der Thematik der Funktion der Fotografie für die Malerei in Gerhard Richters Werken auseinander. Dabei dient diese bei Richter als Hilfsmittel zur Erfassung der Realität. Als zweidimensionale Abbildung der Wirklichkeit nimmt sie im Prozess des Schaffens eine objektive Stellung ein. Richter besitzt so die Möglichkeit auf einem neutralen Weg sich der Realität anzunähern und sich ein Bild von ihr zu machen. Er schiebt das Medium Fotografie zwischen sich und der Wirklichkeit und stellt so eine Kritische Distanz her und wird dadurch zu einem unabhängigen Beobachter. Dennoch ist ihm nicht an einer bloßen Kopie der Vorlage gelegen, sondern er nimmt während des Malprozess und bei der Wahl des Ausschnittes Veränderungen vor.3 6 Bezogen auf das Bild Tante Marianne, zeigt sich der Veränderungsprozess im Größenverhältnis zum Original. Er kopiert nicht die gesamte Vorlage, sondern vergrößert einen Ausschnitt, um die zwei Personen stärker in den Vordergrund zu rücken. Das Original zeigt die runde Platte des Tisches sowie links und rechts den parkähnlichen Hintergrund, während diese Teile im Bild weggelassen werden. Dennoch ist es nicht Richters Ziel, in der Art der klassischen Fotorealisten zu malen. Deren Fotorealismus wird „[…] als superscharfe, übergenaue Wirklichkeitswiedergabe [beschrieben, welche] die Wirklichkeit noch wirklicher präsentieren [will], als sie es tatsächlich ist […].“4 Richters Fotobilder sind zwar malerische Reproduktionen der Wirklichkeit, aber gleichzeitig betonen sie die Eigenständigkeit des malerischen Mediums. Dies zeigt sich vor allem in der Verwendung der Technik Verwischung, was ein „[…] hervorstechendes Charakteristikum der Fotobilder Richters.“5 darstellt. Heinz Ohff interpretiert sie hingegen „[…]als Zeichen einer dilettantischen Knipsfotografie mit Verwackelungsspuren“6. Richter selbst äußert sich ebenfalls über die Verwischung und erklärt, dass sie zwar beabsichtigt war, um die Fotoähnlichkeit herzustellen. Auf der anderen Seite versucht er sich dieser Fotorezeption zu entziehen. Er äußert sich in einem Interview zu der Thematik folgendermaßen: „Das, was wir als Unschärfe ansehen, ist Ungenauigkeit und das heißt Anderssein im Vergleich zum dargestellten Gegenstand. Aber da Bilder nicht gemacht werden, um sie mit der Realität zu vergleichen, können sie auch nicht unscharf sein oder ungenau oder anders (anders als was?). Wie sollte z. B. Farbe auf Leinwand unscharf sein können?“7 In den Äußerungen Richters zeigt sich eine Janusköpfigkeit. Zum Einen ist die Verwischung ein Signifikant für den Zustand der Fotografie, auf der anderen Seite stellt sie sich selbst als Farbe und Form auf der Leinwand dar.8 Richter gebraucht die Fotografie als Zwischenmedium und verfolgt damit eine bestimmte Intention. „Er benutzt das Foto als Vorlage zum Schaffen von etwas Neuem im Medium der Malerei.“9 In der Verwischung findet Richter genau das malerische Mittel, um „[…]auf die Autonomie der Malerei hinzuweisen.“10 Das entstandene Bild gelangt zu einer Eigenständigkeit, indem es sich von seiner Abbildhaftigkeit gegenüber der Vorlage löst und zu einer autonomen Bildstruktur findet. Dabei spielt der Grad der Unschärfe eine wesentliche Rolle, denn er bestimmt, wieweit das Motiv zugunsten der Betonung des malerischen Mediums in den Hintergrund rückt.11 Die 7 Verwischung ist gleichzeitig eine Weichzeichnung der Oberflächeneigenschaft. Er erreicht diese Unschärfe, indem er mit einem trockenen Pinsel über die noch feuchte Farbfläche wischt, so dass die Konturen der Formen aufgeweicht werden. Bei dem Werk Tante Marianne setzt Richter den Pinsel am oberen linken Bildrand an und wischt einmal waagerecht bis zum oberen rechten Bildrand. So verfährt er mit dem gesamten Bild. Das Ergebnis ist die Aufbrechung der harten Konturen und ein fließender Übergang zwischen den einzelnen Flächen. „Infolge einer solchen Abstrahierung der Bilder erscheinen die Dargestellten wie entrückt, in ihrer Erscheinung gleichsam abgehoben von der Realität. Das Auge bemüht sich, die abgebildeten Personen zu erfassen, wird aber zurückgewiesen.“12 Ein weiterer Effekt der Verwischung im Bild ist die Negierung der Handschrift des Künstlers, sowie die Unschärfe des Hintergrundes und der individuellen Details. Das Auge ist bemüht, beim Betrachten des Bildes die wesentlichen Dinge scharf zu stellen und so die undefinierbare Kleinigkeiten unerkannt bleiben. „Die Verschwommenheit erzeugt einen Eindruck von Undeutlichkeit, wirkt wie ein Scheitern oder eine Unfähigkeit, die Personen, auf die sich solche Bilder beziehen, richtig darzustellen.“13 Die Vorlage zeigt im Hintergrund einen Garten oder Park, die Lagebestimmung der Szene im Bild ist jedoch durch die Unschärfe kaum auszumachen und verstärkt so den Fokus auf die Darstellung der beiden Personen. Es scheint, das nichts von der wesentlichen Komposition ablenken soll, gleichzeitig weist der Bildgegenstand selbst eine Unschärfe und somit eine Distanz auf. Erreicht wird dies durch die Weichzeichnung der Konturen, die den Übergang zwischen den Formen fließend werden lassen. Klaus Honnef unterscheidet in Richters Fotobildern drei unterschiedliche Realitätsebenen: „ ›Das Bild ist ein Gemälde‹.“, ›Das Bild ist die malerische Reproduktion einer Fotografie.‹ oder ›Das Bild die malerische Reproduktion einer Fotografie, auf der [ein bestimmter Gegenstand] zu sehen ist.‹“14 Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, baut Richter einen komplexen Zusammenhang im Werk „Tante Marianne“ zwischen der Malerei, Fotografie und Wirklichkeit auf, indem er die drei Realitätsebenen miteinander verbindet und ein eigenständiges Endprodukt entwirft. Richter malt das Bild in monochromen Grautönen, wobei die Palette der Grautöne breit und fein abgestuft ist. Er selbst begründet seine Entscheidung folgendermaßen: Grau „[…] hat schlechthin keine Aussage, es löst weder Gefühle noch Assoziationen aus, es ist eigent8 lich weder sichtbar noch unsichtbar“15. Die Farbwahl liegt hauptsächlich an der Schwarzweiß-Vorlage, da Richter an der möglichst genauen Übertragung der Farbe vom Original auf das Bild interessiert ist. Gleichzeitig betont er durch die Grautöne den dokumentarischen Charakter des Bildes, denn das Grau erzeugt eine Wirkung der Neutralität. Ein weiterer Ansatz ist der Aspekt der Farbe Grau als Erinnerung, welche mit der Zeit heller wird und zu verblassen scheint.16 2.4 Die Vergangenheitsbewältigung Gerhard Richters Die in seiner Reihe Fotobilder entstandenen Gemälde Tante Marianne, Onkel Rudi, Familie und Familie am Meer zeigen die intensive Beschäftigung mit seiner eigenen Familie, der Zeit des Nationalsozialismus sowie der Familie seiner ersten Ehefrau Ema. Dies führt zu der These, dass er gegen seine Behauptung in den 1960er Jahren, sich keine Gedanken über die Bildthemen gemacht zu haben, die geschaffenen Familienbilder eine andere Sprache sprechen. In gewisser Weise muss Gerhard Richter von dem Euthanasieverbrechen an seiner Tante gewusst haben. Hinzu kommt das Bild Herr Heyde, einer der Mitverantwortlichen des Euthanasieprogramms unter Adolf Hitler. Richter malt das Bild Tante Marianne zur eigenen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, viel wichtiger scheint ihm aber dem Euthanasieverbrechen durch eine reale Person ein Gesicht zu geben. Möglicherweise will er zur Aufarbeitung der NS-Zeit beitragen, ohne sich öffentlich dazu zu bekennen, indem er sich selbst nicht zu den Werken äußert. Mit der Verwischung der Oberfläche scheint er gleichzeitig das Vergessen über die Vergangenheit malerisch umzusetzen. Die Verwischung wird mit dem Verblassen und Verschwimmen der Erinnerung gleichgesetzt (siehe Punkt 2.3).17 Der Titel des Bildes Tante Marianne lässt auf dem ersten Blick auf keine Verwandtschaftsverhältnisse zu Gerhard Richter schließen. Viel eher ist es ein Bild familiärer Idylle. Das dargestellte Mädchen könnte die Tante von irgendjemand sein. Erst Elger Dietmar deckt in seiner Monografie „Gerhard Richter – Maler“ die Identität der dargestellten Personen auf. Dargestellt werden Marianne Schönfelder, die jüngste Schwester von Richters Mutter, im Alter von 14 Jahren und er selbst mit vier Monaten. 9 Richter vermutet in dem Buch von Jürgen Schreiber, dass die Fotografie 1932 bei einer Familienfeier entstanden sei. Er selbst besäße kaum noch Erinnerungen an sie, aber die unheilvolle Atmosphäre, wenn über seine Tante gesprochen wurde, sei heute noch in seinen Gedanken präsent.18 Mariannes Leidensgeschichte beginnt im Alter von 17 Jahren, als sie an Schizophrenie erkrankt. 1938 weisen sie die Ärzte in die Heil- und Nervenklinik Arnstadt ein. Als sie 1943 nach Großschweidnitz verlegt wird, gibt es keine Hoffnung mehr für sie. Bis zu ihrem Tod am 16. Februar 1945 werden ihr systematisch zu hoch dosierte Medikamente verabreicht und sie wird unterversorgt. Die offizielle Todesursache lautet Herzversagen. Die gesamte Lebensgeschichte stellt Jürgen Schreiber der Öffentlichkeit vor und deckt eine brisante Verbindung zwischen Gerhard Richter, Marianne Schönfelder und Professor Dr. Heinrich Eufinger auf. Dieser war SS – Obersturmbannführer und Chefarzt der Frauenklinik Friedrichstadt. Während des Krieges trug er die Verantwortung für fast tausend Zwangssterilisationen von geisteskranken Patientinnen. Er handelt strikt nach dem Gesetz zur »Verhütung erbkranken Nachwuchses«. Nur dem Zufall ist es geschuldet, das Marianne Schönfelder nicht zu seinen Patientinnen gehörte. 19 Gerhard Richter beginnt 1951 an der Dresdner Kunstakademie sein Studium und lernt 1953 die Tochter Heinrich Eufingers kennen. Ema, mit richtigem Namen Marianne, wird Richters erste Frau und lebt unter dem Dach der Familie Eufinger. Von der Vergangenheit seines Schwiegervaters hat Richter nach seinen eigenen Aussagen nichts gewusst. Sie hätten nie ein enges Verhältnis zu einander gehabt und über die Kriegsjahre wurde nicht gesprochen. 20 Sicherlich kann die Verbindung zwischen dem Bild Tante Marianne und Familie am Meer (Anhang III) in einem Kontext gesehen werden. Einmal die Tante, ermordet durch die Nationalsozialisten und auf der anderen Seite die Familie Eufinger, glücklich am Strand, das Abbild einer glücklichen bürgerlichen Familie ohne Familientragödie.21 Einen anderen Ansatz liefert Elger Dietmar, indem er Tante Marianne in einen Kontext zu zwei weiteren Bildern Herr Heyde (Anhang IV) und Schwimmerinnen (Anhang V) stellt. Kurze Zeit nach der Entstehung von Tante Marianne malt Richter das Porträt Herr Heyde nach einer Bildvorlage aus der Zeitung. Auf dem Bild sind zwei Personen zu erkennen, die Erste im Vordergrund scheint ein uniformierter Beamter zu sein, der den männlichen Kopf im Hintergrund mit Hut und Brille 10 im Profil mit dem Körper halb verdeckt. Zusätzlich wird die Identifikation durch die horizontale Verwischung noch erschwert. Erst die geschriebene Bildunterschrift, übernommen aus der Vorlage, klärt den Betrachter auf. „Werner Heyde im November 1959, als er sich den Behörden stellte.“ Die Verbindung zwischen den beiden Personen Marianne und Herr Heyde werden erst durch die weitere Recherche möglich. Prof. Dr. Werner Heyde war in der Zeit des Nationalsozialismus einer der führenden Protagonisten bei der Durchführung des Euthanasieprogrammes. Nach dem Krieg konnte er untertauchen und lebte unter falschen Namen in Flensburg und praktizierte als Neurologe und Gutachter beim Gericht. Nachdem er sich den Behörden gestellt hatte, beging er vor dem Prozessbeginn in seiner Zelle Selbstmord und entzog sich durch diese Handlung der Verantwortung.22 Die Werke Tante Mariane und Herr Heyde stehen somit in einem direkten Dialog zu einander und interpretieren sich gegenseitig. Sie ordnen die familiäre Dimension und das verbrecherische System des Dritten Reiches ein und machen es am individuellen Schicksal erfahrbar.23 „Damals wäre es mir unangenehm gewesen, diese Hintergründe öffentlich zu machen. Dann wäre die Kunst als eine Aufarbeitung von Zeitgeschichte oder als Sozialarbeit gelesen worden. So hatte ich meine Ruhe und das blieb alles anonym. Jetzt stört es mich nicht mehr, wenn das bekannt ist.“24 Das Werk Schwimmerinnen ist im gleichen Zeitraum entstanden und kann als sarkastischer Kommentar zu den anderen beiden Werken gelesen werden. Dargestellt wird die deutsche Sprungstaffel, die an der Olympiade in Tokio 1964 trainiert. Richter stellt die Frauen in ihrem athletischen, gesunden Körper dar, denen nach der Ansicht der Nationalsozialisten ein gesunder kräftiger Geist zugesprochen wird. Dietmar Elger verortet die Schaffung seiner Familienbilder und Verweise zu anderen Bildern in der schwierigen Kindheit Richters. Das schwierige Verhältnis der Eltern zueinander und das eigene problematische Verhältnis zu seinem Vater sind sicherlich Ursachen für die Entstehung dieser Bilder. Des Weiteren vermutet Dietmar, dass Richter zu dem Zeitpunkt nicht bereit war, die Beziehung zwischen den Themen offen darzulegen und dadurch der Eindruck der Banalität und Beliebigkeit seiner Motive entstand. So konnte er ungestört seine eigenen Erfahrungen und Erinnerungen reflektieren und verarbeiten, ohne dass die Öffentlichkeit Teil daran hatte.25 11 Die Verwischung im Bild Tante Marianne kann als inhaltliches Mittel gelesen werden. Die bildhafte Darstellung von Unschärfe könnte ein Synonym für Erinnerungsfetzen sein. Umso länger das Ereignis vergangen ist, desto undeutlicher wird es in der Erinnerung. Es verschwimmt und wird mit der Zeit immer blasser, bis es wie ein Nachbild eines Geschehens oder einer Person wird.26 Gerhard Richter schafft so einerseits Distanz zum realen Geschehen und kann es als Zeitdokument betrachten, zum anderen verschleiert es zusätzlich die Identität der Dargestellten. Er überlässt es dem Betrachter eine eigene Geschichte in dem Bild zu lesen. 2.5 Die Analogie des Bildes Tante Marianne zur Darstellung der Madonna in der Kunstgeschichte Bei der Erörterung des Punktes soll es um die These gehen, dass die Wahl Richters das Werk Tante Marianne nach der Fotografie zu malen, nicht nur der Gedanke der Familiendarstellung zugrunde liegt, sondern auch die starke Analogie zu den religiösen Darstellungen der Madonna mit Kind. Der kompositorische Aufbau und die dargestellten Personen scheinen für ein modernes Madonnenbildes ideal zu sein. Seit der Renaissance wird bei der Darstellung religiöser Themen vorwiegend die Dreieckskomposition verwendet. Die Künstler sahen in ihr eine kompositorische Klarheit und zugleich eines der wichtigsten religiösen Bildzeichen, die der göttlichen Dreifaltigkeit (Gott Vater – Sohn – Heiliger Geist). Verwendung fand diese vor allem bei der Darstellung der Ereignisse des Neuen Testaments, der Geburt, Kreuzigung und Tod Christi sowie Maria und das Jesuskind. Die Komposition sollte dabei die Spiritualität der Bildthemen unterstreichen. Das Dreieck in seiner geometrischen Grundform strahlt Ruhe und Ebenmaß aus. Durch die Spitze und Basis entstehen eine Über- und Unterordnung, die das Bild zusätzlich in seiner Struktur gliedert. Die Spitze trägt zur Symmetrie des Bildes bei, da sie über der Mitte der Grundlinie liegt, teilt die vertikale Achse das Dreieck mit drei gleichen Seiten, während das gleichschenklige Dreieck sie in zwei symmetrische Seiten halbiert.27 Bei dem Werk Tante Marianne handelt es sich um den kompositorischen Aufbau des gleichseitigen Dreiecks. Gerhard Richter verändert in seinem Bild die Größenverhältnisse, indem er die Ränder abschneidet und so das Dreieck der Komposition bis an die Seitenrän12 der zieht. Die Tante steht hinter ihrem Neffen, das Gesicht leicht an den Hinterkopf des Jungen gelehnt und bildet die Spitze des Dreiecks. Die Seiten laufen entlang der Arme und gehen in die Seiten der Kissen über, während die Basis von den Kissen auf dem Tisch gebildet wird. Zusätzlich wird die Dreiecksform durch die farbliche Gestaltung hervorgehoben. Richter malt diese in strahlenden Weißtönen, währende der Hintergrund in dunkleren Grautönen bis ins Schwarz gehalten wird. Durch diese klare Abgrenzung der beiden Flächen, scheint die Szene aus dem Inneren zu strahlen und eine gewisse Transzendenz aufzuweisen. Unterstützt werden, kann diese Vermutung durch das Fehlen einer Lichtquelle. Ein weiterer Ansatzpunkt für die Interpretation eines modernen Madonnenbildes ist der ursprüngliche Titel Mutter mit Kind, zu finden in seinem ersten Werkverzeichnis von 1969.28 Erst in seinem zweiten Verzeichnis ändert er es in Tante Marianne und stellt es in die Reihe seiner Familienbilder. In dem Buch von Jürgen Schreiber indes findet sich eine Äußerung Gerhard Richters zu dem Bild, die die aufgeworfene Vermutung unterstreicht. Er beschreibt sie mit dem Satz: „Sie sieht aus wie eine Madonna.“29 Durch seine akademische Kunstausbildung sind ihm die Darstellungen der Madonnen in den Epochen vertraut. Zum Vergleich können unzählige Beispiele herangezogen werden, die den gleichen Bildaufbau zeigen. Aus diesem Grund sollen hier nur zwei genannt werden, um die Analogie der Darstellungen zu verdeutlichen. Die Werke von Leonardo da Vinci Die Felsengrottenmadonna (Anhang VI) oder Nicolas Poussin mit dem Werk Die heilige Familie auf der Treppe (Anhang VII) weisen beiden den kompositorischen Aufbau auf und vermitteln das Bild der fürsorglichen Madonna, die schützend über das Jesuskind wacht. Bei der Betrachtung des Bildes Tante Marianne ist es ebenfalls der Gesichtsausdruck, der den Betrachter festhält. Marianne scheint in ihren eigenen Gedanken versunken zu sein, während sie ihr Gesicht fürsorglich gegen den Hinterkopf des Knaben lehnt, als wolle sie ihn beschützen. Aufgrund der Komposition und der künstlerischen Gestaltung sowie die Parallelen zu anderen Madonnendarstellungen kann bei dem Bild Tante Marianne von einer modernen Madonna mit Kind gesprochen werden. 13 2.6 Tante Marianne ein Doppelporträt im Sinne eines Familienbildes Die Quelle für das Bild Tante Marianne ist eine Amateurfotografie von 1932, die Gerhard Richter 1965 in seinem Atelier abmalte. Kunsthistorisch betrachtet gehört es zu den Porträts mit der Besonderheit der Familienfotografie. Durch seine Vorgehensweise Porträts von Fotografien oder Zeitungsausschnitten zu schaffen, deren Identität bekannt oder anonym ist und mithilfe der Verwischung eine unscharfe Darstellung der Porträtierten bewirkt, widerspricht er der konventionellen Porträtdarstellung. Die Porträts entstehen nicht mehr vor einem realen Modell, sondern anhand bereits existierenden Bildmaterials, wodurch sich der Einwand erhob, dass es sich nur eingeschränkt oder gar nicht mehr um ein Porträt handeln könnte.30 Im Zuge dieser Diskussion äußerte sich Richter in einem Interview zu seiner Porträtmalerei. „Ich glaube, dass ein Maler das Modell gar nicht sehen und kennen muss, dass nichts von der ›Seele‹, dem Wesen, dem Charakter des Modells zum Ausdruck gebracht werden soll. Ein Maler soll ein Modell auch nicht in einer bestimmten persönlichen Weise ›sehen‹, denn ein Porträt kann einem Modell nicht ähnlicher sein, als wenn es ihm sehr ähnlich ist. Es ist auch deshalb viel besser, ein Porträt nach einem Foto zu malen, weil man ja doch nicht einen bestimmten Menschen malen kann, sondern immer nur ein Bild, das mit dem Modell aber auch gar nichts gemeinsam hat. Die Ähnlichkeit mit dem Modell bei einem von mir gemalten Porträt ist nicht nur eine scheinbare und unbeabsichtigte, sondern sie ist auch ganz nutzlos.“31 Diese Bemerkung Richters macht deutlich, dass es ihm bei einem Porträt nur um eine Ähnlichkeit geht. Sie kann eine Aufzeichnung der äußeren Erscheinung sein, jedoch besitzt das Porträt nach seiner Auffassung nicht die Funktion, den Charakter des Porträtierten darzustellen. Da Richter die Auffassung vertritt, das Innenleben des Modells in einem Bild nicht festhalten zu können, reicht das Abmalen von einer Vorlage vollkommen aus.32 „Die Frage nach der Beziehung des Künstlers zum Modell ist deshalb bedeutsam, weil Richter, was den Grund für das Malen eines Porträts angeht, den Schwerpunkt von der Kenntnis des Modells und dem Ausdruck seines inneren Charakters verlagert hat zur Gestaltung einer Erscheinungsähnlichkeit unter Rückgriff auf ein mechanisch produziertes Bild.“33 14 Paul Moorhouse spricht im Kontext der Familienbilder und der privaten Porträts von Andachtsbildern. Diese stammen aus dem eigenen Fotoalbum und sind eine weitere nichtkünstlerische Quelle. „Jeder hat seine ›Andachtsbilder‹ selbst hergestellt – das sind die Abbilder der Verwandten und Freunde, andenkend konserviert.“34 Tante Marianne zählt zu einem dieser Andachtsbilder, wobei der Begriff in diesem Sinne nicht religiös verortet ist, sondern die persönliche Beziehung zu den Bildern darstellt und so die Funktion einer Erinnerung einnehmen. Um die Hinwendung Richters zu dem Genre der Familienbilder zu verstehen, muss erst einmal die Entwicklung des Genres kurz nachvollzogen werden. Die historische Gattung des eigenständigen, weltlichen Familienporträts etablierte sich bereits in der Renaissance, hatte seine Hochblüte in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts und repräsentierte gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Bild der bürgerlichen Familie.35 Sie erschien als „[…] Hort häuslicher Geborgenheit, privater Stabilität und individuellen Glücks.“36 Dabei galt die Familie als individuelle Identitätsstifter und als institutionalisierte Lebensgemeinschaft, deren Bilder vor allem im Biedermeier die Darstellung eines harmonischen Zusammenhalts verkörpern sollte. Durch die Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert wurde die Anfertigung eines Familienporträts für die überwiegende Bevölkerung möglich. Besonders auffällig ist, dass zu jener Zeit bei den Amateurfotografien unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, die Darstellungsweise überwiegend gleich war. Die Form und Funktion war nicht klassenspezifisch ausgerichtet, sondern weitestgehend einer gesamtgesellschaftlichen Gesamtästhetik unterworfen. Zeitgeschichtlich betrachtet, hat sich es sich in den letzten 150 Jahren ebenfalls nicht groß verändert. Im Gegenteil, die Fotografien sind bis heute ein Zeugnis für den Wunsch nach einer bürgerlichen repräsentativen Respektabilität und einer harmonischen familiären Intimität. Dabei bilden Ereignisse oder Situationen wie Ausflüge oder Feiern in der Familie immer noch die häufigsten Anlässe für solche Fotografien. Sie implizieren dabei das ideologische Gebilde eines positiven Familienbildes ohne negative Schattenseiten der Porträtierten darzustellen. Indem Richter die Fotografie aus seinem Kontext heraushebt, verändert und in den Zusammenhang mit der Kunst stellt, wird es unwiderruflich zu einem Objekt der künstlerischen Reflexion und verliert seine Bedeutung als Amateurfotografie. Existiert heutzutage nur noch die Fotografie als Familienporträt, führt es Richter wieder zurück in den Kontext der Malerei ohne den Ursprung der Fotografie zu unterschlagen. 37 15 Die Vorlage zu Tante Marianne entspricht den Konventionen des Familienfotos. Aufgenommen zu einem besonderen Anlass, zentriert im Mittelpunkt des Geschehens und in einer vorher festgelegten Posen fotografiert. Ein Zeugnis für eine Feier, um sich später daran zu erinnern. Die Fotografie zeigt ein harmonisches Verhältnis zwischen Marianne Schönfelder und Gerhard Richter und verkörpert den idealen Typus einer familiären Intimität. Richter überträgt die Merkmale der Familienfotografie in sein künstlerisch geschaffenes Bild, dabei übernimmt er die äußeren Erscheinungen der Personen ohne den Versuch zu unternehmen, das Innenleben der Personen abzubilden, da dies nach Richters eigener Aussage nicht möglich wäre. Tante Marianne kann daher in die Reihe der von Richter geschaffenen Porträts eingereiht werden, mit der Besonderheit, dass es ebenfalls in die Gattung der Familienbilder gehört. 3. Fazit Das Anliegen der Arbeit ist es gewesen, die Frage nach der Alleinstellung der Interpretation des Bildes Tante Marianne als Vergangenheitsbewältigung Gerhard Richters zu hinterfragen. Um diese Frage zu beantworten, wurden drei Thesen aufgestellt. Die erste These führte zu der Behauptung, dass das Abmalen von Fotografien für Gerhard Richter eine Art Flucht bedeutete, um den gelernten sozialistischen Realismus nicht mehr anzuwenden. Das Ergebnis wäre demzufolge das Bild Tante Marianne als ein reproduziertes Produkt. Richter hat sich jedoch nicht nur auf das Abmalen der Vorlage beschränkt sondern bewusste Veränderungen vorgenommen wie das Größenverhältnis zum Original und die Verwischung als zentrales Mittel der künstlerischen Eigenständigkeit. Demzufolge diente die Vorlage zum Umgehen des normalen Schaffensprozess von der Idee bis zur Komposition und der Farbwahl, befreite ihn jedoch nicht gänzlich von der schöpferischen Tätigkeit. Das Abmalen war für Richter der Neubeginn für seine Kunst im Westen. Die zweite These verwies auf die bewusste Vergangenheitsbewältigung Richters mit seiner eigenen Familie, aber auch die verschlüsselte politische Dimension der Themen Euthanasie, die oberflächliche Aufarbeitung der NS- Zeit und die bis dahin nicht gefassten Verantwortlichen. Dietmar Elger stellte unter diesem Bezugspunkt eine Verbindung zu den 16 Werken Herr Heyde und Schwimmerinnen her. Seine Interpretation der verdeckten Chiffren, wie in Punkt 2.4 erläutert, zeigt die intensive Auseinandersetzung Richters mit der Vergangenheit, ohne sie zu dieser Zeit der Öffentlichkeit preiszugegeben, sondern den eigenen Frieden mit sich und seiner Familie zu finden. Dennoch kann Tante Marianne, wie in der dritten These aufgeworfen, als eine moderne Madonna mit Kind interpretiert werden (siehe Punkt 2.5). Die Dreieckskomposition, die schon von den Renaissancekünstlern für religiöse Bildthemen verwendet wurde, findet sich ebenfalls in diesem Bild. Das Ergebnis der Erörterung zeigt, dass die wesentlichen Merkmale einer Madonnendarstellung gegeben sind. Sei es die Komposition, die erste Wahl des Titels Mutter mit Kind oder der Vergleich mit zwei weiteren Kunstwerken. Ein vierter Aspekt ist die Porträtfunktion des Bildes, welche zum einen sicherlich eine Rolle bei der Auswahl gespielt hat, zum anderen der Aspekt der traditionellen Familienbilder, die historisch verortet sind und von Richter in einen neuen Kontext gesetzt werden. In dem er die Vorlage der Fotografie abmalt, verliert sie den Status der Amateurfotografie und wird zu einem künstlerischen Produkt. Zusammenfassend kann bemerkt werden, dass sich die Kunsthistoriker in der Forschung bis jetzt nur auf die zentralen Punkte der Familiengeschichte hinter dem Werk gewidmet haben, sowie der Porträtdarstellung und der Einordnung in die Fotobilder. Der Ansatz, es als Madonnendarstellung zu lesen, taucht in der Literatur nicht auf, wird in dieser Arbeit aber als ein zusätzlicher Interpretationsweg aufgezeigt. 17 4. Anmerkungen Vgl.Simona Block: Richters “Tante Marianne” auf Zeit in Dresden. In: SZ-Online, 2007 [04.04.2007] URL:˂ http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=1455087˃ (06.März 2011, 10:11 Uhr). 2 Vgl. Kasper, Astrid: Gerhard Richter. Malerei als Thema der Malerei. Berlin 2003, S. 185 3 Vgl. ebd. S.158 4 Richter, Horst: Malerei der sechziger Jahre. Köln 1990, S. 7. 5 Mistereck-Plagge, Ingrid: „Kunst mit Fotografie“ und die frühen Fotogemälde Gerhard Richters. Münster, Hamburg 1992. S. 164. 6 Ohff, Heinz: Pop und die Folgen. Düsseldorf 1968. S.17. 7 Dietmar, Elger/ Obrist, Hans – Ulrich (Hg.): Gerhard Richter. Text. Schriften. Interviews. Briefe. Köln 2008. S. 60. 8 Mistereck – Plagge (wie Anm. 4), S.165. 9 Honisch, Dieter: Zu den Arbeiten Gerhard Richters. In: Gerhard Richter. Katalog Venedig Biennale 1972. Essen 1972. S. 3f. 10 Kasper (wie Anm. 1) S. 159. 11 Kasper (wie Anm. 1) S. 159. 12 Moorhouse, Paul: Die Porträts von Gerhard Richter. Köln 2009. S.69. 13 ebd. S. 69. 14 Honnef, Klaus: Gerhard Richter. Recklinghausen 1976. S.16ff. 15 Stoor, Robert (Hg.): Gerhard Richter. New York. 2002. S.42. 16 Strauß, Lydia: Onkel Rudi (1965) macht Geschichte. Untersuchungen zu einem Porträt Gerhard Richters. In: Stephan, Inge/ Tacke, Alexandra (Hg.): Nachbilder des Holocaust. Köln, Weimar, Wien 2007. S. 266. 17 Vgl. ebd. S.266 18 Vgl. Schreiber, Jürgen: Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter das Drama einer Familie. Berlin 2005. S. 57f. 19 In dem Buch von Jürgen Schreiber wird die Krankengeschichte Marianne Schönfelders in mehreren Kapiteln geschildert und deren Verbindung zu der Familie Eufinger. In der vorliegenden Arbeit werden die wichtigsten genannten Fakten und Zusammenhänge gekürzt wiedergegeben. Nach Schreiber (wie Anm. 16) 20 Vgl. ebd. S.161-209 21 Vgl. ebd. S.227-233 22 Vgl. Dietmar, Elger: Gerhard Richter. Maler. Köln 2002. S.88. 23 Vgl. ebd. S.88. 24 Vgl. ebd. S.88. 25 Vgl. ebd. S.88f. 26 Vgl. Strauß (wie Anm. 15) S.267. 27 Vgl. Kent, Sarah: Bildkomposition. Stuttgart, Zürich 1996. S.16. 28 Vgl. Strauß (wie Anm. 15) S. 262 29 Schreiber (wie Anm. 16) S.57. 30 Vgl. Moorhouse (wie Anm. 11) S.16-19 31 Vgl. Dietmar/Obrist (Hg.) (wie Anm. 6) S.45f. 18 1 Vgl. Moorhouse (wie Anm. 11) S.19. ebd. S.19. 34 Dietmar/Obrist (Hg.)(wie Anm.11) S.30. 35 Vgl. Butin, Hubertus: Gerhard Richter und die Reflexion der Bilder. In: Butin, Hubertus/ Gronert, Stefan: Gerhard Richter. Editionen 1965 – 2004. Osterfilden – Ruit 2004. S.62. 36 ebd. S.62 37 ebd. S.62-65. 33 32 19 5. Literaturverzeichnis Butin, Hubertus: Gerhard Richter und die Reflexion der Bilder. In: Butin, Hubertus/ Gronert, Stefan: Gerhard Richter. Editionen 1965 – 2004. Osterfilden – Ruit 2004. Dietmar, Elger: Gerhard Richter. Maler. Köln 2002. Dietmar, Elger/ Obrist, Hans – Ulrich (Hg.): Gerhard Richter. Text. Schriften. Interviews. Briefe. Köln 2008. Honisch, Dieter: Zu den Arbeiten Gerhard Richters. In: Gerhard Richter. Katalog Venedig Biennale 1972. Essen 1972. Honnef, Klaus: Gerhard Richter. Recklinghausen 1976. Kasper, Astrid: Gerhard Richter. Malerei als Thema der Malerei. Berlin 2003. Kent, Sarah: Bildkomposition. Stuttgart, Zürich. 1996. Misterek-Plaage, Ingrid: „Kunst mit Fotografie“ und die frühen Fotogemälde Gerhard Richters. Münster, Hamburg. 1992. Moorhouse, Paul: Die Porträts von Gerhard Richter. Köln. 2009. Ohff, Heinz: Pop und die Folgen. Düsseldorf 1968. Richter, Horst: Malerei der sechziger Jahre. Köln 1990. Schreiber, Jürgen: Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter das Drama einer Familie. Berlin 2005. Strauß, Lydia: Onkel Rudi (1965) macht Geschichte. Untersuchungen zu einem Porträt Gerhard Richters. In: Stephan, Inge/ Tacke, Alexandra (Hg.): Nachbilder des Holocaust. Köln, Weimar, Wien 2007. Stoor, Robert (Hg.): Gerhard Richter. New York. 2002. Internetquellen: Gerhard Richter: Familie am Meer,1964. Öl auf Leinwand, 150 x 200cm. Sammlung Ströher Darmstadt. In: Homepage Gerhard Richter. URL: ˂http://www.gerhard- richter.com/art/search/detail.php?5504˃(3.März 2011, 16:54 Uhr). 20 Leonardo Da Vinci, Felsengrottenmadonna, 1483-1484/85. Öl auf Holz, 197,3 x 120cm. Musée National du Louvre Paris. In: Prometheus-Bildarchiv. URL: ˂https://webvpn.unileipzig.de/+CSCO+dh756767633A2F2F6365627A7267757268662E6861762D786272796 12E7172++/pandora/image/show/Image-imagoded579f40a48981c25fc18afa5155d6546c2dc05˃(3. März 2011, 17:00 Uhr). Gerhard Richter, Herr Heyde, 1965. 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Simona Block: Richters “Tante Marianne” auf Zeit in Dresden. In: SZ-Online, 2007 [04.04.2007] URL:˂ http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=1455087˃ (06.März 2011, 10:11 Uhr). 21 6. Abbildungsverzeichnis Gerhard Richter, Familie am Meer,1964, Öl auf Leinwand, 150 x 200cm, Sammlung Ströher, Darmstadt Leonardo Da Vinci, Felsengrottenmadonna, 1483-1484/85, Öl auf Holz, 197,3 x 120cm, Musée National du Louvre, Paris Gerhard Richter, Herr Heyde, 1965, Öl auf Leinwand, 55 x 65 cm, Werkverzeichnis: 100, Privatbesitz Nicolas Poussin, Die heilige Familie auf der Treppe, 1648, Öl auf Leinwand, 72,2 x 111,7cm, The Cleveland Museum of Art, Cleveland Gerhard Richter, Schwimmerinnen, 1965, Öl auf Leinwand, 200 x 160cm, Sammlung Froehlich, Stuttgart Gerhard Richter, Tante Marianne, 1965, Öl auf Leinwand, 120 x 130cm, Dresdner Galerie der Neuen Meister, Dresden 22 I Anhang – Tante Marianne 23 II Anhang – Vorlage Fotografie Tante Marianne 24 III Anhang - Familie am Meer 25 IV Anhang - Herr Heyde 26 V Anhang - Schwimmerinnen 27 VI Anhang - Leonardo Da Vinci, Die Felsengrottenmadonna 28 VII Anhang – Nicolas Poussin, Die heilige Familie auf der Treppe 29 Selbstständigkeitserklärung Hiermit erkläre ich, dass ich die vorliegende Hausarbeit in allen Teilen selbständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel (einschließlich elektronischer Medien und Online-Quellen) benutzt habe. Alle wörtlich oder sinngemäß übernommenen Textstellen habe ich als solche kenntlich gemacht. Name ........................................ Matrikelnummer.……………………... Leipzig, den .....................................................(Unterschrift) 30
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