• Cover DIE-Reihe Delikte, Indizien, Ermittlungen Bartsch, Rudolf Der Mann, der über den Hügel steigt
  • Kriminalroman _____________________________________ Hauptmann Lohm, Mitarbeiter der Morduntersuchungs- kommission im Präsidium der VP, hat den Mord an einer Frau aufzuklären. Ungewöhnliche Tatumstände deuten darauf hin, daß ein dem Opfer Nahestehender das Verbrechen begangen hat. – Der Ehemann, Zinn, hatte jedoch keine Gelegen- heit zur Tat und kein Motiv. Ein Liebhaber scheint im Spiele zu sein. Zinn aber schließt diese Möglichkeit ener- gisch aus; er führte eine harmonische Ehe. Doch warum lebte das Ehepaar in der Großstadt Berlin wie auf einer Insel? Diese Fragen werden unwichtig, da sich überraschend der Mörder findet. Ist das schon die Lösung? Lohm forscht weiter. Er entdeckt etwas, womit er nicht gerech- net hat, entdeckt Hintergründe, entdeckt ein verborgen gehaltenes Leben.
  • Rudolf Bartsch Der Mann, der über den Hügel steigt _____________________________________ Verlag Das Neue Berlin
  • 1. Auflage © Verlag Das Neue Berlin, Berlin • 1975 Lizenz-Nr.: 409-160/84/75 • LSV 7004 Umschlagentwurf: Erhard Grüttner Printed in the German Democratic Republic Gesamtherstellung: Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschaft Dresden Scan & Ebook by *MM* 622 230 3 EVP 3,- Mark
  • Erster Teil 8
  • ERSTES KAPITEL Leibchen oder Schwelende Asche Soeben mußte der Sprengwagen durchgekommen sein. Der Asphalt, naß, schimmernd, ein Spiegel hingewisch- ter Lichtreflexe, summte leise und beruhigend unter Leibchens Wagen. Durchs Fenster wehte die Nacht mit ihrem bittersüßen erdigen Duft, ein Hauch von Ohn- macht und Trauer, die Ahnung vom Sterben der Natur. Es war September, ein wilder, aberwitziger September, hochsommerheiß zu Anbeginn mit einer für Leibchen enttäuschenden Erwärmung der Gewässer, hernach eine Periode beinahe frostiger Winde, erfreulicher Zufluß po- larer Luft, nur leider nicht von Dauer; aber es hatte ge- nügt. Die Wiederkehr des Sommers von Süden her, drei Tage lang drohend, war an der Barriere der Alpen geschei- tert, Luft vom Meer, die wohl Regen, doch auch Milde- rung gebracht hätte, im Zusammenprall mit einer mächti- gen Nordströmung unterlegen. Aus dem Norden kam das Gute. Die Temperaturen in den Gewässern sanken auf fünfzehn Grad Celsius in der Monatsmitte, und vorgestern hatte Leibchen schon vierzehn gemessen. Vierzehn Grad! Die lähmten die Fäulniserreger, wirkten nahezu konser- vierend und verhinderten den gefährlichen vorzeitigen Auftrieb. Das Wasser würde ihm keinen Strich durch die Rechnung machen. War es nur kalt genug, fast so kühl wie der Tod, behielt es den Tod eine Weile bei sich. Und auf diese Weile kam es an. Nicht für immer sollte das Wasser bewahren, was er ihm anvertrauen würde. Ein Mensch, spurlos verschwun- den, kann mehr Gefahr bedeuten als einer, der sich nach 9
  • einiger Zeit wieder einfindet, wenn auch tot. Vierzehn Grad Celsius! Die machten den See zu einem Maul, das so bald nicht preisgibt, was es zwischen den Zähnen hat. Wärmeres Wasser, wenn auch um ein weniges wärmer nur, nimmt eine Leiche nicht an; es spuckt sie an die Oberfläche nach zweimal vierundzwanzig Stunden. Aber das würde nicht geschehen, obwohl die Sonne wieder am Himmel tanzte, als hätte der Teufel den Ka- lender in die Hundstage zurückgedreht, ihn, Leibchen, zu ärgern. Auf sechsundzwanzig Grad war das Thermome- ter gestern geklettert, und heute hatte es sogar achtund- zwanzig erreicht. Die Gewässer mußten sich ja erwärmen in dieser brutalen Hitze. Bei achtzehn Grad lag die Gren- ze, jenseits der es für ihn nur Aufschub gab, befristet zwar, aber was konnte sich inzwischen nicht alles ereig- nen. Doch ihn schreckte das gelbe Gespenst der Sonne nicht. Aufschub war nicht vonnöten. Das Jahr stand am Rande, die Nächte waren kühl. Jetzt herrschten sie. Die Sonne war nichts mehr als eine Lampe, die oberflächlich wärmt und ein wenig Stimmung zaubert, Herbstgold mit Wehmut, romantisches Gaukelspiel – wohlan, es sollte ihm willkommen sein. Leibchen war ein vorsichtiger Mann, durchaus nicht ehrgeizig, ging es um den Lorbeer für Mannesmut und Tapferkeit, deshalb jedoch nicht ängstlich. Er baute stets auf doppelte Sicherheit. Trotzdem hatte auch er jene Unru- he kennengelernt, mit der man für ein Wagnis zahlt. Aber er hatte nie bezahlen müssen. Er hatte sich einer Selbst- zucht unterworfen, die er eisern nannte. Er hatte aus sich einen Mann gemacht, der sich in jeder Lage beherrscht, der alles berechnet, nie improvisiert. Nur dadurch war für ihn kein Wagnis, was er heute noch tun würde. Es zu unterlassen wäre für ihn ein Wagnis gewesen. Denn die 10
  • beschlossene, bis in die letzte Einzelheit vorbereitete Tat war das Antiwagnis, die Ausschaltung von Leben, das zum Wagnis geworden war, die Endlösung. Vorn wob sich jetzt ein roter Schein in das Gewirr der Farben. Er kam von der Leuchtschrift einer Bar. Auf- flammen, strahlen, verlöschen, wieder aufflammen, strah- len, verlöschen, wobei ein Buchstabe immer etwas später zündete. Auf Leibchen wirkte das wie eine Folge lautlo- ser Explosionen, Geburt, Leben, Tod, zusammengefaßt im Stenogramm winziger Sekunden. Als er an dem Haus vorbeifuhr, standen die Fassade und der Asphalt in Glut, und er fuhr durch sie hindurch wie durch eine Feuers- brunst, rasch. Er haßte Stätten wie diese. Leibchen war das Viertel nicht vertraut, er wußte von Steffi, daß es diese OLEANDER-BAR gab. Nicht weit von ihr den Salon, der unlängst eröffnete – „ANNA- BELLE bietet höchsten Bedienungskomfort bei nahezu vollständiger Leistungsskala in der Schönheitspflege, sogar einen Espresso zum Warten“, so hatte Steffi es ihm aus der Zeitung vorgelesen –, dort kam er in Sicht, in blaues Neon getaucht. Wie Tinte rann es vom Sims her- ab, bildete Lachen auf dem Asphalt, Blaulicht, nicht ge- rade angenehm. Nun, als Leibchen in langsamer Fahrt das Weltniveau besichtigte (Steffi hatte in der Tat dieses Wort benutzt), stellte er fest: Aquarium, mehr Glas als Rahmen, mehr flach als hoch, die neuerdings übliche Masche. Aber das Bild stimmte ihn heiter, denn er dachte sich das wichtigste Element hinein, das hier fehlte: das Wasser. Drangvoll sprengte es den Boden, stieg, umbro- delte die Sessel, leckte den Damen die Schenkel, kochte in den Trockenhauben, erstickte die Münder, löschte die Lampen und hatte vielfachen Tod gebracht. Und es hätte doch nur eines Todes bedurft. Na wennschon, dann eben 11
  • alle für einen. Leibchen, hätte die Möglichkeit eines der- art phantastischen Unglücks bestanden, eines Wasser- durchbruchs, so betäubend schnell, daß nicht eine sich hätte retten können, er hätte sie geopfert, alle, die da ah- nungslos schwatzten und lächelten oder still vor sich hin träumten beim Anblick ihres Spiegelbilds, alle mit einem Federstrich, nur daß ihm der Griff erspart bliebe. Der Griff, den er erlernt hatte, geübt in hartem Training bis zur vollkommenen Beherrschung, zuletzt noch kontrol- liert an einem Dutzend von Carl August Zinns weißen Zuchtratten; nicht eine hatte ihn überlebt. Und dennoch würde ihn anzuwenden ihm nicht leichtfallen, auch die- ses eine und einzige Mal nicht. Es graute ihn davor auf eine merkwürdige, ihm unerklärliche Weise: Er bemitlei- dete sich selbst, ja, fast beneidete er das Opfer um das Glück seiner Ahnungslosigkeit. Er hielt ein paar Meter weiter an, wohin der Schein der Leuchtschrift nicht reichte. Der Wagen stand im Dun- keln, vor ihm Autos, abgestellt unter einer Laterne, eins in einer Segeltuchhülle. Obwohl Leibchen auf Verbots- schilder geachtet hatte, war er jetzt erst beruhigt; ein Strafmandat wegen falschen Parkens hätte ihm zum Ver- hängnis werden können. Niemand durfte erfahren, daß er sich am Abend des fraglichen Tags in der Nähe des Sa- lons ANNABELLE aufgehalten hatte. Er stellte den Motor ab und schaltete das Standlicht ein. Um nicht gesehen zu werden, blieb er im Wagen. Vom Leuchtzifferblatt las er die Zeit ab: zwanzig Uhr drei. Er steckte sich eine Zigarette an und richtete sich aufs Warten ein, hoffend, es werde nicht zu lange dauern. Obwohl er nicht der Mann war, dessen Geduld sich rasch erschöpfte, verstrich die Zeit quälend langsam. Un- entwegt behielt er den Rückspiegel im Auge, um Steffi 12
  • nicht zu verpassen. Zum Bus führte ihr Weg am Wagen vorbei, dann war es einfach; ging sie zur Untergrund- bahn, mußte er sich bemerkbar machen, entweder durch Hupen oder indem er ausstieg, denn wenden durfte er hier nicht. Als sie endlich in der Tür erschien, war noch keine halbe Stunde vergangen, und er stellte befriedigt fest, daß bis jetzt alles programmgemäß abgelaufen war. Steffi schien unschlüssig, ob sie den Bus oder die Bahn nehmen sollte. Sie stand am Eingang in der glei- ßenden Fülle des Lichts, und Leibchen konnte sich selbst jetzt der Wirkung nicht entziehen, die von ihr ausging, ihr Wuchs, die Art, wie sie den Kopf erhoben trug, der herbe Liebreiz ihrer Gestalt, als wollte sie ihm Zeit las- sen, sie noch einmal genau zu betrachten, so stand sie dort, und er genoß den Anblick, und etwas wie ein leises Bedauern regte sich in ihm, daß Carl August Zinn seiner Frau nie gestattet hatte, den Rock wenigstens eine Hand- breit überm Knie zu tragen; die Anmut ihrer Beine war so nur ein halbes Versprechen für fremde Augen. Und Steffi, vom Bazillus der Modeseuche bereits angesteckt, hätte doch so gern mitgemacht! In dieser morbiden Zeit, da man allerorts Weiberbeine antraf, frech zur Schau ge- stellt, ob sie nun klumpwadig oder säulengerade waren, mitunter bis hart an den Ansatz des Hinterns, als gälte es, Fleisch zu beweisen, nicht aber Form, in dieser Zeit hätte Steffi wahrlich die besten Chancen gehabt. Aber Carl August Zinn hatte es nicht erlaubt, und Leibchen, als er jetzt an Zinns eisige Ablehnung dachte, lachte in sich hinein. Steffi hatte sich für den Bus entschieden. Sie kam auf den Wagen zu, nicht ahnend, daß jeder ihrer Schritte in zwei grausame Augen reflektiert wurde; wie ein Visier hat- te der Rückspiegel sie erfaßt. Sie mußte sich unbeobachtet 13
  • fühlen, denn außer einem Telegrammboten, der soeben auf seinem gelben Postrad vorbeiknarrte, war niemand auf der Straße; trotzdem war ihre Haltung untadelig und ihr Gang von stolzer Anmut. Sie war schon ein fesches Weib, die Steffi, kein Mann konnte das leugnen, und Leibchen war ein Mann und war nicht frei von Wehmut. Aber das bangte ihn nicht. Es war die Wehmut, die mit jedem Abschied kommt und geht, ist der Abschied voll- zogen. Der Tod fragt nicht nach Form und Wesen. Der Tod hat keinen Blick für das Schöne. Als Steffi so dicht heran war, daß der Rückspiegel nur mehr ihren Rumpf wiedergab, abgeschnitten bis zu den Hüften und enthauptet, tippte Leibchen dreimal aufs Bremspedal. Wie sie stutzte, konnte er nicht sehen. Aber sie hatte den Wagen sogleich erkannt, denn ihre Hand legte sich auf den Türgriff, und ihre Augen blickten groß und überrascht ins Innere. Leibchen drückte die Tür auf. „Du?“ sagte sie. „Komm, steig ein.“ „Jetzt holst du mich sogar ab.“ Leibchen merkte ihr an, sie wußte nicht recht, was sie davon halten sollte, es war ihr aber nicht unangenehm. „Vielleicht hab’ ich eine Überraschung für dich“, sagte er. „Vielleicht wollte ich auch nur mal sehn, für wen du dich so schön machen läßt.“ Sie antwortete mit einem Lächeln, bitter und doch voll Hoffnung: „Für wen schon?“ Es schmeichelte ihr, wie er das „so“ betont hatte. Sie hörte gern, daß sie schön war. Carl August Zinn ver- wöhnte sie damit nicht. Um der Geborgenheit willen, die sein Name ihr gab, hatte sie auf manches verzichten müs- sen, wovon sie als junge Frau geträumt hatte. Sie hatte sich gefügt, einsichtig des Unvermeidlichen, und das 14
  • Geld, das sich mit dem Gewimmel Carl Augusts weißer Zuchtratten mehrte, hatte es ihr leichter gemacht. Doch Zinn war mehr und mehr wie das Metall geworden, mit dem er den Namen gemeinsam hatte. Es ging keine Wärme von ihm aus, und der silberweiße Glanz seines Haares war wie der Widerschein seiner inneren Leere. Nicht an sie, Steffi, an seine Ratten wandte er seine Sor- ge und eine beleidigende, fast zärtliche Aufmerksamkeit. Nicht auf sie waren seine Wünsche gerichtet, sondern auf jenes unselige Geschöpf, das sie nie leibhaftig zu Gesicht bekommen hatte, dieses junge Luder mit den groben, gewöhnlichen Zügen, fruchtbar sicher wie die Rattenpest. Selbst vom Foto hatte sie ein Hauch von Geilheit ange- weht, abstoßend, und dazu die ebenso kitschige wie fata- le Widmung: Meinem wunderbaren Carli-Mann von sei- nem Hedda-Heimchen! Als sie es bei ihm entdeckt hatte, hatte sie geglaubt, das Ende sei nun da, aber als sie sich dieses Ende ausgemalt hatte, hatte sie der Mut verlassen. Und er hatte die Bindung ja auch sofort gelöst, beteuert, sie sei nur locker, flüchtig gewesen, nicht mal ein Verhält- nis zu nennen. Dennoch hatte sie sich oft danach gefragt, ob das der Lohn für ihre Treue gewesen sei, für ihre Treue. Das war keine Treue, wie die Menschen sie ver- standen, eine Last war das, ein Fluch, die lebendige Ver- dammnis. Ständig heimgesucht von den Gespenstern der Angst, hatte sie mehr gelitten als gelebt, jahrelang, ver- folgt von Halluzinationen, die sie heimlich mit Schlafmit- teln und Tranquillizern bekämpfte, furchtsam vor ihm gehütet – er hätte es nicht verstanden, er hatte ja nicht einmal gefragt, wie sie es aushielt. Einmal, lange bevor ihr jenes Foto in die Hände gera- ten war, hatte sie all ihren Mut zusammengenommen und gewagt, das lähmende Tabu zu durchbrechen, mit dem er 15
  • alles an ihrer Vergangenheit hatte auslöschen wollen, selbst die Träume der Erinnerung. Sie hatte leise gespro- chen, fast tonlos: „Einst habe ich einen Mann gekannt, der war so ganz anders zu mir als du. Dem war ich etwas wert, Carl, dem habe ich sehr viel bedeutet. Hast du denn vergessen, daß es ihn einmal gab? Weißt du überhaupt noch, wie er hieß?“ „Von wem sprichst du?“ hatte Zinn gefragt, Einhalt gebietend, drohend. „Von Egon Leibchen.“ Da hatte er aufgebrüllt: „Du hast mir geschworen, die- sen Namen nie wieder zu erwähnen. Du hast einen heili- gen Eid geleistet. Dieser Mann ist tot, tot, tot, ein für alle- mal! Er hat weder in deinem noch in meinem Leben was zu suchen. Nicht mal sein Name. Nie wieder will ich ihn von deinen Lippen hören, nie, und wenn wir achtzig Jahre alt werden, merk dir das! Und denk an deinen Schwur! Diesen Mann hat es nie in deinem Leben gegeben, nie- mals, nie. Ich bestehe darauf, hörst du, ich, dein Mann.“ „Ja, Carl, ja. Verzeih mir, bitte. Ich sehe ein, es war falsch von mir, dich daran zu erinnern.“ „Es war falsch von dir, dich selbst zu erinnern.“ „Ja, Carl, auch das war falsch.“ „Schwör mir, daß es nie wieder vorkommt!“ „Ja, Carl, das tue ich. Ich schwör’s.“ „Hebe die Hand! Steh auf und hebe die Hand! Schwö- re, daß du diesen Mann und seinen Namen vergißt!“ Da hatte sie sich erhoben und wie unter einem hypno- tischen Zwang den Eid geleistet. „Schwöre es beim Seelenheil deiner Mutter!“ Sie hatte auch diesem Befehl gehorcht. „Du weißt, in der Sache verstehe ich keinen Spaß. Wehe uns, ich könnte mich vergessen!“ 16
  • Dann, wie erschöpft von diesem besinnungslosen Ausbruch, hatte Zinn sie umarmt, als müßte er sich fest- klammern an ihr, und bitterlich in ihrem Schoß geweint. Nie wieder hatte sie Egon Leibchen erwähnt. Nur in Gedanken war sie zu ihm geflüchtet, den weiten Weg zurück in jene Jahre, deren sie mit ungläubigem Staunen gedachte, angstvoll, Zinns argwöhnische Augen könnten erspähen, was sie hinter ihrem Gleichmut verbarg. Und es war seltsam: Die Zeit, die doch auf allem ihre Spuren hinterläßt, auf Lebendem wie Totem, sogar auf härtestem Stein, sie hatte dem Bilde Leibchens nichts anhaben kön- nen. Wie Steffi es einst in sich aufgenommen, hatte sie es im Gedächtnis bewahrt, von keiner Unschärfe getrübt. Ja, das Leben mit Carl August Zinn hatte den Griffel der Zeit, der die Erinnerung zerkratzt, eher stumpf gemacht. Mit jedem Jahr hatte das Bild Egon Leibchens an Leuchtkraft gewonnen, und es waren viele Jahre vergan- gen, mehr als eine ganze Jugend. Nur der Hoffnung, er könnte einmal wieder bei ihr sein, so wie er einst gewe- sen, war sie nie verfallen. Das war wohl unwiderruflich dahin. Über die Dammbrücke, wo die Wasser von Spree und Dahme sich mischen, links in der Tiefe die Masse der Baumgarteninsel, vor sich die Silhouette der Laurenti- uskirche, fuhren sie in Alt-Köpenick ein, dessen Kopf- steinpflaster dem Wagen nicht behagte. Leibchen, der die Geschwindigkeit hier ohnehin drosseln mußte, gab nur so viel Gas, daß der Motor nicht klingelte. Wie im- mer ergötzte er sich an der burlesken Fassade des Rat- hauses, auf dem Mondschein lag. Auf Zacken und Gie- beln tanzten gespenstische Schatten. Noch gespenstischer das Schloß seitlich der Langen Brücke, auf der Leibchen die Fahrt wieder beschleunigte. Dort, wo die alten Mauern 17
  • aus dem Wasser stiegen, verblaßte das Licht der Fenster im Glanz des leise bewegten Spiegels der Dahme, und die Wipfel auf der Schloßinsel standen wie schwarze Flammen unterm Mond. Am Köllnischen Platz bog Leibchen in die Grünauer Straße, und jenseits der Grünauer Brücke, vor der sie den Gegenverkehr hatten abwarten müssen, kam sie endlich, die Erklärung, warum er Steffi abgeholt habe. Es war in der Tat überraschend, was er ihr da zu sagen hatte. Steffis Herz pochte bis in die Schläfen hinauf. „Und du bist sicher, daß es gelingt?“ fragte sie dann. „Absolut“, sagte er. „Auch Sicherheit ist käuflich. Sie hat ihren Preis wie jede Ware, und wie jede Ware be- kommt man sie in minderer oder erstklassiger Qualität. Ich hab’ die beste gewählt, die zur Zeit im Angebot ist. Sie kostete mich zwanzigtausend.“ Als handelte es sich um eine Summe, die kein Aufhebens lohnt, sprach er in lässigem Plauderton weiter: „Die Anzahlung. Für einen würde es genügen. Da ich dich aber mitnehmen will …“ Er scherzte: „Oder möchtest du lieber bei Carl August Zinns Ratten bleiben?“ Steffi bewegte unwillig den Kopf. Jetzt hatte sie kei- nen Nerv für Späße. Sie sagte: „Darüber solltest du nicht spotten.“ „Verzeih“, sagte er. „Da ich dich also mitnehme, kommen noch zwanzigtausend hinzu. Die werden aber erst fällig, wenn wir die Papiere erhalten. Die Leute sind clever, aber nicht unverschämt. Gedulde dich noch die paar Tage, dann kannst du Carl August Zinn und dieses dumpfe Rattenleben vergessen, wie du mich vergessen mußtest. Nur werde ich“, ein unterdrücktes Lachen gab seiner Stimme Farbe, „tolerant sein im Gegensatz zu Zinn. Ich werde nicht toben, wenn sein Name fällt. Wann 18
  • immer du willst, werden wir von ihm reden. Ich fürchte nur, du wirst keinen Wert drauf legen, und ich kann’s ja auch verstehen. Obwohl – wir sollten ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen.“ Steffi schwieg. Sie lauschte, die Brauen hochgezogen, die Lippen zusammengepreßt. „Meine Lage wird ungleich leichter sein als seine“, fuhr Leibchen fort. „Leibchen bedeutete für Zinn Gefahr, Zinn für Leibchen nicht mal eine Herausforderung.“ „Das schon.“ „Allein der Gedanke an Leibchen versetzte Zinn in panische Angst, wohingegen sich für dich mit meinem Namen nur schöne Erinnerungen verbanden. Oder?“ „Doch“, sagte Steffi. „Du bist so einsilbig.“ Er musterte ihr Gesicht, das keine Regung zeigte, aus den Augenwinkeln und seufzte: „Ich dachte, du würdest dich freuen.“ „Freuen? – Wenn du vor zwei, drei Jahren damit ge- kommen wärst, ich wär’ mit dir überallhin gegangen, selbst in den Kongo …“ Sie drehte ihm das Gesicht zu, und als er ihre Augen sah, dachte er: Ich hab’ alles falsch gemacht, es war umsonst, es ist zu spät. „Aber zwei Jahre sind eine lange Zeit …“ „Und das letzte halbe Jahr, hab’ ich mich da nicht sehr um dich bemüht? Im Rahmen des Möglichen natürlich, ich mußte ja vorsichtig sein. Aber bemüht hab’ ich mich. Das mußt du doch zugeben, Steffi.“ „Das hast du, ja. Aber was davor war, war für mich wie eine Ewigkeit.“ Wieder sah sie ihn an, diesmal mit einem Anflug von Mitleid. „Sei mir nicht böse, aber ich halte dein Vorha- ben für verrückt. Um mich nicht aufzugeben, willst du alles aufgeben, und du weißt nicht mal, ob ich je wieder 19
  • so werde, wie ich war. Ich glaube nämlich nicht, daß ich noch einmal so werden kann.“ „Wer eine Frau liebt, geht ein solches Risiko ein“, sag- te er dumpf. „Warum, meinst du, kannst du nicht mehr so werden? Ich biete dir alles, worauf du bis heute verzich- ten mußtest, Steffi. Dafür ist mir kein Geld zu schade. Und vor allem: Du wirst wieder frei atmen können, du wirst frei sein.“ „Frei ist man, wo man sein Leben so einrichten kann, wie man will“, sagte sie. „Dazu brauche ich nicht nach Istanbul zu gehn. Ich brauche überhaupt nicht von hier fortzugehn.“ „Nur von der großen alten weißen Ratte“, sagte er durch die zusammengebissenen Zähne. „Nicht“, bat sie und legte ihm die Hand auf den Arm. „Übrigens werden deine Papiere auf den Namen Ingrid Leibchen ausgestellt. Wir hätten das Schiff als das Ehe- paar Leibchen betreten. Daran siehst du, was ich mir für Illusionen gemacht hab’. Egon Leibchen und Frau, ein Traum! Und was für einer! Fünfundzwanzig Jahre alt. Aber er zerrinnt wie nichts. Na, vielleicht setzen auch Träume Rost an mit der Zeit.“ Er hielt den Wagen an und ließ sich aufs Lenkrad sin- ken, das Gesicht in den Armen vergraben. „Nun bist du enttäuscht“, sagte Steffi, sie strich ihm übers Haar. Und Leibchen war enttäuscht. Damit hatte er nicht ge- rechnet. Daß ihr das ereignislose Leben mit Carl August Zinn, mochte er es ihr auch noch so bequem gemacht haben, nicht mehr paßte, konnte er verstehn; aber daß sie hier bleiben wollte, in diesem Land, das war ihm unbe- greiflich. Ich brauche überhaupt nicht von hier fortzu- gehn, wie hatte sie das sagen können, ausgerechnet sie! 20
  • Aufs Gegenteil hatte er gebaut, darauf, daß sie ihm freu- dig zustimmen würde. Was nun? fragte er sich. Kenne ich sie so wenig? Habe ich sie etwa verkannt? Und Leibchen begann noch einmal zu reden. Er rede- te, als ginge es um seinen Kopf, und als er spürte, daß Steffi unsicher wurde, daß sie fast schon unschlüssig war, wagte er den Vorschlag, der ihm plötzlich in den Sinn kam, der entweder idiotisch oder genial war, das würde sich erweisen. Als es sich dann erwiesen hatte, war ihm zumute, als habe er eine aussichtslose Schlacht gewon- nen. Da fuhr er weiter. „Glaub mir, es wird dir guttun“, sagte er. „Fremde Länder, neue Leute, Orient … Nimm’s wie eine Reise, die du einfach abbrichst, wenn’s dir nicht mehr gefällt. Du kannst dich jederzeit von mir lösen. Schon nach vier Wochen meinetwegen. Deshalb reut mich das Geld nicht, das ich dafür auf den Tisch legen mußte.“ Er legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie an sich. „Du bist mir für nur vier Wochen sogar zwanzigtausend wert!“ Nun endlich lächelte sie, gerührt von seiner Großzü- gigkeit, beeindruckt von der Verachtung, mit der er über eine so horrende Summe hinwegsah, ihretwegen. „Ich habe dich immer geliebt“, sagte er, „auch wenn ich dir manchmal Grund gegeben hab’, daran zu zwei- feln. Vielleicht hätt’ ich dich nicht so lange warten lassen dürfen.“ Sie nickte. „Die Ausweglosigkeit, diese zermürbende unbarmherzige Leere … Dadurch war alles so trist, so ohne Sinn.“ Statt Hoffnungslosigkeit habe sie jetzt Gewißheit, meinte Leibchen, und er räumte ein, daß sie beide haben warten müssen, übermenschlich lange. Schwächliche Charaktere hätten aufgegeben, wären daran zerbrochen. 21
  • Sie nicht. Sie haben gelitten, er wie sie; aber es habe sie nicht aufgezehrt. Ob sie wisse, warum. Weil sie gesund seien, gesund bis in den letzten Tropfen ihres Bluts. Jetzt winke ihnen der Lohn für ihr Ausharren, und ihr, Steffi – er legte seine Hand in ihren Schoß –, für ihre Treue. Steffi blieb stumm. Leibchen, da ihnen auf der Straße nichts entgegenkam, sah sie an, ihr Profil mit dem unver- lierbaren Zauber, gegen den die Zeit machtlos gewesen war, die steile Stirn über der geraden Nase und die schmalen Lippen, die etwas vortäuschten, was Steffi nie gezeigt hatte: Hochmut und Spott. Nein, ihr Schweigen verhieß keinen Widerspruch. Sie konnte nicht sprechen. Nur ihr Atem ging rascher, und im Schein einer Straßen- lampe gewahrte er Tränen in ihren Augen. Sein Lob ihrer Treue – es mochte für sie den Geschmack bitteren Wer- muts haben, aber es hatte sie zugleich versöhnt. „Ob Istanbul wohl eine schöne Stadt ist?“ fragte sie. „Auf alle Fälle ist es alt, sehr alt sogar“, antwortete Leibchen, „und ziemlich verdorben. Eine Stadt mit Ge- schichte eben. Soll eine Unmenge Nachtlokale dort ge- ben, mit Nepp und allen möglichen Schweinereien, und das sauberste Nest wird’s auch nicht sein. Orient eben. Aber das soll uns nicht stören.“ Er legte Steffi den Arm um den Nacken und zog sie an seine Seite, und als ihr Kopf an seiner Schulter lag, schmeichelte seine Stimme: „Wir werden frei sein, du und ich, endlich und für alle Zeiten frei. Ob da die Straßen dreckig sind oder die Fi- sche in den Basaren stinken, ist das dann wichtig?“ Steffi schüttelte den Kopf. Sie flüsterte: „Wenn uns etwas nicht gefällt, machen wir einfach die Augen zu.“ „Auf dein Kommando“, sagte Leibchen und lachte. „Du sagst einfach: ‚Augen zu!‘, und dann weiß ich, daß dich irgend so ein schäbiger Muselman mit seinem Anblick 22
  • schockiert oder sonstwas. Jedenfalls lasse ich die Augen so lange zu, bis du ‚Augen auf!‘ kommandierst oder wir in den Bosporus gefallen sind.“ Sie lachten beide, und Leibchen mußte die zweite Hand wieder ans Steuer nehmen, da der Wagen auf der gebuckelten Regattastraße ausscheren wollte. „Übrigens gibt’s dort nicht bloß Nepp oder Armut, sondern noch was dazwischen, gute Restaurants mit eu- ropäischer Küche und natürlich entsprechende Hotels, europäisch geführt. Vor allem haben die ganz anständige Bauwerke dort, Moscheen und ähnliches. In ein paar tau- send Jahren sammelt sich schon was an, und da die nie Krieg mit den Amis hatten … Nur damit du nicht denkst, Istanbul sei so was wie Kongo oder noch weiter hinten.“ Während sie schweigend neben ihm saß, zählte Leib- chen weitere Vorzüge ihres fernen Reiseziels auf, und obwohl seine drastische Ausdrucksweise seiner Absicht nicht angemessen war, erreichte er, was er bezweckte. Steffis Phantasie, endlich aufgeweckt, beflügelte sich selbst, und während er die Bekömmlichkeit des mediter- ranen Klimas lobte, sah sie die Pracht des Goldenen Horns vor sich hingebreitet, auf dem es in ihrer Vorstel- lung nur schneeweiße Schiffe gab und an seinen Gesta- den die Perlenschnüre weißer Villen. Inzwischen hatten sie den asphaltierten Teil der Regattastraße erreicht. Der Wagen rumpelte nicht mehr, er fuhr sanft und fast ohne Geräusch; es war wie ein Gleiten unter Segeln. Die Sil- houetten der Villen und Sporthäuser huschten vorbei, gestochen scharf vor dem leuchtenden Hintergrund aus Wasser, Mondlicht und Himmel. Hin und wieder öffnete sich der Blick auf die Dahme, aufs jenseitige Wen- denschloß, das mit wirren Lampen das Ufer säumte. Der leise Singsang der Reifen, die Luft dieses sommermilden 23
  • Septemberabends, die Steffis Wange streichelte, der Duft von Erde, Laub und See – das alles versetzte sie in einen Zustand des Verzücktseins, dem sie sich willig hingab. „Ich hab’ in Richtershorn einen Tisch bestellt“, sagte Leibchen. „Eigentlich wollte ich dir alles erst dort erzäh- len, aber du siehst, ich hab’ nicht dichthalten können.“ „Du weißt es doch bestimmt schon eine ganze Zeit.“ „Seit heute nachmittag.“ Er lächelte vor sich hin, als er sie verblüfft sah, und sagte, den Entschluß freilich habe er schon lange gefaßt, sie könne sich denken wann. „Oder?“ „Doch“, sagte sie leise, und er fuhr rasch fort: „Da hab’ ich das Ziel dann nicht mehr aus dem Auge gelassen, kein leichtes Stück Arbeit so aus der Deckung heraus, aber na … Nun haben wir Gewißheit.“ Er blickte sie an. „Du wirst es nicht glauben, aber als du mich an- riefst und mir sagtest, du gingest zum Friseur, war noch nichts. Dann kam ein Telegramm.“ „Ein Telegramm?“ fragte Steffi erschrocken. „Selbstverständlich verschlüsselt. Da hatte ich’s also verbrieft, daß es in zehn Tagen soweit ist, und da hab’ ich mir gedacht, wir sollten diesen Abend festlich be- gehn, mit Sekt und so, und hab’ in Richtershorn den Tisch bestellt. Dort essen wir, und wenn du Lust hast, fahren wir anschließend zurück in die Stadt und gehn noch in irgendeine Bar.“ „Ist das nicht unvorsichtig?“ „Ach was“, rief Leibchen, „wir haben lange genug Verstecken gespielt!“ Seine Stimme, eine Siegesfanfare, ging Steffi ins Blut. Er habe dieses ewige Rücksichtneh- men satt, ihm gehe es wie ihr, auch er sehne sich nach Leben, vielleicht nicht so inbrünstig und leidenschaftlich wie sie, mag sein, aber das sei ja verständlich, schließlich 24
  • sei sie eine Frau. „Und was für eine!“ schmetterte die Fanfare. „Wenn du dich sehn könntest, jetzt, in diesem Augenblick …“ Steffi wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen leuchteten. Sie sei zu schade dafür, sich hinter verschlossenen Tü- ren zu verzehren. Sie habe ein Recht auf Leben, sie habe ein Vorrecht darauf. Das habe sie sich redlich verdient, und nun sei die Zeit gekommen. Jawohl, Treue zahle sich aus, und er werde sie ab sofort und in alle Zukunft hin entschädigen, reichlich, ja im Übermaß. Sie habe sich bewährt. Sie habe alle Prüfungen bestanden, ehrenhaft, in Nibelungenmanier. Das solle ihr erst mal eine nachma- chen, dieses Rattenleben jahrelang und dennoch un- gebrochen, und dann mit vierundvierzig noch so aussehn wie sie, als komme sie geradewegs aus der Sommerfri- sche, immer Haltung, immer tipptopp. „Ha“, rief er noch lauter, wie plötzlich in Wut geraten, „das soll dir erst mal eine nachmachen von diesen Ziegen und Gebärkühen! Wenn die nur einen Teil davon durchhätten, was du durchhast, die wären total abgehalftert, sag’ ich dir, Schindmähren wären die, faltig und ohne Fleisch unter der Haut, mit hohlen Hängeärschen.“ Das Leuchten in Steffis Augen erlosch. Prüfend sah sie ihn an. Diese rüden Worte, die ein brutales Gefühl aus ihm herausgeschleudert hatte, sie drangen zu ihr wie aus einer unendlichen Vergangenheit, in der alles verhallt war, was einst Laut und Stimme hatte. Nun war es wieder da, mit einemmal, unüberhörbar und wild, verkörpert in dem Mann, der derselbe geblieben war, der Tschammers Weib geschmäht hatte und Hossingers Braut, weil er für alle Frauen Verachtung empfand außer für eine, außer für sie. Und soeben noch peinlich berührt, sagte sie mit dankbarer Nachsicht: „Jetzt erkenne ich dich wieder.“ 25
  • Aber sie, rief er, wie von ihrer Bemerkung angespornt, sie sei da, voll da, sei immer dagewesen. Als ob es ihr nichts ausgemacht hätte. Dabei habe es ihr viel ausge- macht, verdammt viel sogar. Nur sehe es ihr niemand an, nicht mal er. Sie sei für ihn, wie sie vor zwanzig Jahren war, genauso frisch, genauso jung, sein Jungbrunnen sei sie, in den er hineintauche wie jener Vogel da von früher, dieser Phänomen oder so, der aus der Asche auferstand. Richtig, Phönix habe das Vieh geheißen, nicht Phäno- men, das sei ja wohl mal eine Fahrradmarke gewesen, aber sie wisse schon, was er meine. Jungsein sei keine Frage des Alters. Jung seien die Gesunden. Und das sei sie, gesund bis ins Mark. Und schön. Steffi schloß die Augen, und Leibchen sah, was er in ihr ausgelöst hatte; aber er sah auch, als sie ihm die Hand auf den Arm legte, ihre im Armaturenlicht glänzenden Finger- nägel, frisch manikürt, von kundiger Hand sorgfältig zuge- feilt, zweifellos schön, doch nicht ungefährlich, falls sie die Halsschlagader ertasteten und sich durch die Gefäßwand schlitzten, ja nur Kratzmale hinterließen. Wie eine Spinne, fand Leibchen, saß die Hand auf seinem Arm, eine zärtli- che Spinne, doch auf der Lauer, leicht gekrümmt wie zum Sprunge und an jedem Bein mit einem Dolch bewehrt. An diese Möglichkeit hatte er nicht gedacht. „Wir sind reichlich früh“, sagte er. „Der Tisch wird ab halb zehn reserviert, weil ich annahm, es würde bei dir länger dauern. Wir haben noch fast eine Stunde. Was meinst du, fahren wir trotzdem gleich hin, oder vertreten wir uns ein bißchen die Beine? Ich überlass’ das dir.“ Steffi hielt die Hand in den Fahrtwind. „Ich habe drei Stunden beim Friseur gesessen. Ich würde ganz gern ein Stück laufen. Wer weiß, ob wir vor der Abreise noch mal in diese Gegend kommen.“ 26
  • „Wohl kaum.“ „Dann gehn wir doch.“ Leibchen fand eine Stelle, wo er ziemlich nahe an die Bäume heranfahren konnte. In einer gewissen Entfernung mußten die Umrisse des Wagens mit der Finsternis, die der Wald ausstrahlte, verschmelzen und dem menschli- chen Auge unentdeckt bleiben. Nachdem beide ausgestiegen waren und Leibchen die Tür abschließen wollte, fragte Steffi, ob sie die Tasche nicht lieber mitnehmen solle. „Du hast doch nicht etwa Wertsachen drin“, sagte er scherzend. „Nur den Ausweis, etwas Geld und das Frotteetuch.“ „Wenn’s weiter nichts ist“, sagte er und drehte den Schlüssel um. „Das klaut keiner.“ Gleich darauf stutzte er. „Du hast ein Badetuch mit?“ „Badetuch?“ fragte sie erstaunt. „Denkst du, ich ginge um diese Zeit baden?“ „Warum nicht?“ „Im September?“ „Na“, sagte er, „es ist zwar schon eine ganze Weile her, daß du im Juni geschwommen bist, um Mitternacht und sogar nackt, und im Frühjahr ist das Wasser kälter als im Frühherbst, es erwärmt sich ja erst den Sommer über, und das hält dann eine Weile vor. Aber …“ „Ach, damals!“ sagte sie. „Damals war ich keine zwan- zig, und außerdem war es nie im Frühjahr, sondern noch im Frühjahr und schon im Sommer. Ich ging im Frühling ins Wasser hinein und kam im Sommer erst wieder heraus.“ „Wir.“ „Natürlich wir. Aber das dauerte nie länger als ein paar Minuten, und dann haben wir uns am Feuer aufge- wärmt.“ 27
  • „Ja, damals …“, sagte er versonnen. „Wie unver- schämt jung und gesund wir damals waren, was?“ Obwohl es dunkel war, suchte Leibchen in Steffis Miene zu erkennen, wie sie diesen Stoßseufzer nach der einstigen Jugend auffaßte. Reagierte sie so, wie er es er- hoffte, dann mußte sie, die für ihre unverbrauchte Frische soeben noch Gerühmte, jetzt überlegen, ob die Gelegen- heit nicht günstig sei, ihm den Beweis zu liefern: Da, bitte, die Jahre haben mir nichts ausgemacht, ich bin genau noch so wie früher! Er hielt das aber für unwahr- scheinlich, und um sich keine vorschnelle Erwiderung einzuhandeln, fragte er, warum sie denn ein Handtuch mit habe. „Aber ich nehme doch immer ein Handtuch mit zum Friseur, schon weil es saubrer ist.“ „Ach so“, sagte er, wobei er den Wagen wieder auf- schloß. „Jetzt willst du sie wohl doch mitnehmen?“ Leibchen, sich in den Wagen beugend, sagte: „Wer draußen steht, weiß ja nicht, was in der Tasche ist, und hat er den Wagen erbrochen, läßt er die auf alle Fälle mitgehn. Leder riecht man doch.“ Als er die Tasche vom Rücksitz hob, fiel sein Blick auf den Verbandkasten, und im gleichen Moment, wie im Aufzucken eines Blitzlichts, sah er die dolchbewehrte Fingerspinne auf seinem Arm, und er schob den Ver- bandkasten aufatmend in die Tasche und zog den Reiß- verschluß zu. Mit einemmal war ihm wohler. Vergnügt, wobei er Steffi um die Hüfte faßte, sagte er: „Und außerdem, wenn wir schon was zum Abtrocknen haben … vielleicht spring’ ich mal kurz hinein?“ Steffi lachte ungläubig. Das nahm sie nicht ernst. Sie rief: „Das möcht’ ich sehn!“ 28
  • Arm in Arm schritten sie dann in den Wald, immer der Promenade entlang, rechts die unter den Wipfeln schon nächtliche Finsternis, links die leuchtende Fläche des Langen Sees, von keinem Windhauch gekräuselt, nur von der Strömung bewegt, hart glänzend wie Stanniol. Seit der Wald sie aufgenommen hatte, schwiegen sie. Steffi, von Leibchen geführt, brauchte auf den Weg nicht zu achten. Sein Arm bedeutete Sicherheit. Von der Finster- nis wie eingeschläfert, fanden ihre Sinne keine Nahrung, ihre Phantasie aber war hellwach. Das Licht vom Wasser her kratzte mit lautlosem Finger an einem Stamm – für Steffi war es der Stamm einer Zypresse; ein Schiffshorn gähnte in der Ferne – für sie war es die Ferne des Südens. Steffi, in einem Zustand zwischen Traum und Wachsein, wanderte bereits als Ingrid Leibchen im Schatten durch- sonnter Pinienwälder, während sie noch als Steffi Zinn durch den nächtlichen Stadtforst ging, und wenn ihr Leibchens freundliche Nähe nicht unwirklich anmutete, so nur, weil sie das gemeinsame Ziel nicht bloß wirklich erreichbar dünkte. Sie hatte es ja schon erreicht! Der Mann, den sie verloren geglaubt hatte, war wiederge- kommen, gleichsam auferstanden war er, der Phönix aus der Asche, unverwechselbar er, Egon Leibchen, wie sie ihn geliebt hatte vor mehr als zwanzig Jahren. Leibchen, der Steffis Gefühle ahnte, rechnete damit, daß sie ihm im Augenblick in gleichem Maße nah wie fern war. Beides war gut. Wie sie sich an ihn schmiegte, zeugte von arglosem, ja fast rührendem Vertrauen. Ihr Hirn war taub für einen alarmierenden Impuls. Sie wähn- te sich sicher, stand sie doch unter seinem Schutz. Was wollte er mehr? Ihr Schweigen erklärte er sich mit geisti- ger Abwesenheit. Vielleicht bestieg sie soeben die Ma- schine in Schönefeld, vielleicht erging sie sich auf dem 29
  • Sonnendeck des Touristendampfers oder auf einem türki- schen Boulevard? Sie hatte zu lange warten müssen, um den Tag noch erwarten zu können. Also war sie der Zeit vorausgeeilt. Und wenn’s nur ein Ausflug war, ein Phan- tasiesprung von Kontinent zu Kontinent – sie war bereits unterwegs! Folglich war sie nicht hier. Zwar war sie es körperlich, doch wachsam ist nur der Geist. Jetzt trat ihr Fuß gewiß nicht trockenen märkischen Sand, und standen sie erst am Wasser, würde nicht Mißtrauen in ihr aufstei- gen, sondern die Lust am Vergleichen – Ah, das Goldene Horn wird sicher viel malerischer sein! –, oder sie würde glauben, jenes Gewässer vor Augen zu haben, das sie in wenigen Tagen zu sehen hoffte: Da, schau nur, der Bos- porus! Hätte er es sich besser wünschen können? Nicht mal sie, Steffi, selbst. Oder gibt es einen schöneren Tod als den, der einen vom Gipfel freudiger Lebenshoffnung jäh herunterreißt? Ich bin sogar human, dachte Leibchen. Und er dachte es nicht, um sein Gewissen zu besch- wichtigen, sondern weil er es glaubte; ja, er dachte es sogar mit Erleichterung und Dankbarkeit. Er glaubte an den Mythus vom humanen Tode, der ausgeteilt wird wie eine Ration, verabreicht wie eine Medizin, und er ver- spürte Dankbarkeit für Steffi, weil sie ihn unwissentlich hingeleitet hatte zu einer Methode, die noch humaner war als die von ihm erwählte, humaner zwar für ihn als für das Opfer; aber auch der Vollstrecker sollte nicht über Gebühr leiden. Dennoch würde es ihn ein Leid kosten. Schließlich war es nicht irgendeine, sondern Steffi. Welcher Chirurg ist ohne Scheu, setzt er das Skalpell an den Leib des ei- genen Weibes, um es zu retten? Wie sollte da er, der Steffi einst geliebt hatte, frei von Erschütterung sein? War er im Grunde seines Wesens nicht ein empfindsamer, 30
  • edelmütiger und hochherziger Mensch? Wie hätte er eine solche Tat stumpf und innerlich unbewegt vollbringen können? O nein, es würde ihn ein Leid kosten. Aber das war wohl nur die Bestätigung dafür, daß jene höhere Ge- rechtigkeit, die oft beschworene, wirklich existierte, jen- seits aller irdischen Gesetze. Doch seit er die bessere Methode wußte, würde es ihm nicht mehr so viel Überwindung abfordern. Es würde sanfter geschehn, weniger direkt. Und vor allem: Nun würde nicht er ihr den Tod geben müssen, sein Bundes- genosse würde es tun. Er, Egon Leibchen, brauchte den Tod nur zu vermitteln. Dafür war er Steffi dankbar. Sein Verstand, intakt, gedrillt und reaktionsschnell, ein Computer, seit einem halben Jahr auf nur eine Lösung programmiert, hatte hektisch gearbeitet seit dem Ge- spräch um Steffis Tasche. Sie hatte ein Handtuch mit! Sofort hatte er den ursprünglichen Plan verworfen. Nicht die Tote, die noch Lebende würde er dem Wasser über- antworten! Nicht er, das Wasser würde das Werk voll- bringen. Den an Carl August Zinns weißen Ratten geüb- ten Griff, vor dem ihm bei Steffis Anblick gegraust hatte, ihn würde er nicht anwenden müssen. Sein Gehör würde verschont bleiben von ihrem letzten Röcheln, sein Auge vor ihrem brechenden Blick. Die Weite der Unsichtbar- keit würde zwischen ihnen sein. Gleichsam abgewandten Gesichts konnte er den Tod herbeirufen und dennoch beobachten, wie der seine Arbeit tat. Und es drohte auch keine Gefahr von Steffis spitzen Nägeln mehr! Die neue Methode, die sanfte, nicht so di- rekte, bewahrte sein Gesicht und seinen Hals vor Scha- den. Steffi war weder zimperlich noch schwach, sie war einst eine gute Sportlerin gewesen und hatte den Speer 31
  • weiter geschleudert als alle ihre Rivalinnen. Sollte sie zu Gegenwehr fähig sein, so hätte die scheußliche Finger- spinne ihm ins Gesicht kriechen können, um sich in die Augäpfel oder die Lippen oder die Halsarterie hineinzu- fressen, nicht gleich todbringend für ihn und doch im Endeffekt bedrohlich für sein Leben; denn solche Spuren schminkte einem keiner weg. Nun aber wird sein Gesicht ihr nicht erreichbar sein, ja, sie wird es gar nicht erst zu erreichen versuchen, weil sie es nicht sehen wird. Sie wird es nicht sehen können, und um es zu ertasten, wird es ihr an Beherrschung und Überlegung und letztlich an Kraft mangeln. Sie wird al- lenfalls seinen Arm, der nackt sein wird, nackt wie er, Leibchen, zu fassen kriegen. Welch lästiger Gedanken zuerst, bis, ja … jetzt konnte er triumphieren, denn in- zwischen hatte der Computer in seinem Schädel gearbei- tet, zügig und verläßlich wie je. Sollte sie doch! Nebbich, dachte Leibchen, und dabei lächelte er, wie er immer lä- chelte, herablassend, nein, hochmütig, wenn er ein Prob- lem mit dem vieldeutigen Nebbich als erledigt abtun konnte. Dieses Nebbich, es war übrigens das einzige, was er mit Carl August Zinn gemeinsam hatte, dieses jiddi- sche Wort und Steffi. Wenn sie die Waffen hatte, seinen Arm zu zerfleischen, bitte sehr, er hatte dagegen die Er- leuchtung gehabt! Und wie er sie ins Wasser bekommen würde, war ihm auch kein Rätsel mehr. Er mußte sie zwingen, gewiß, doch mit dem einzigartigen Zwang, der vom Opfer nicht als Zwang empfunden wird, den es, gehorcht es ihm, für die eigne freie Willensentscheidung hält: mit dem guten Beispiel. Er würde mit gutem Beispiel vorangehn. Er würde zum letztenmal für Steffi Vorbild sein, ein Vorbild an Unerschrockenheit, körperlicher Zucht und Härte, und 32
  • sie würde ihm folgen, daran war kein Zweifel; denn sie war von außerordentlich gesunder Naivität. „Schau mal, da drüben der Müggelturm“, sagte Steffi, und gleich darauf: „In Istanbul steht eine weltberühmte Moschee.“ „Davon gibt’s dort sicher ’ne Menge“, sagte Leibchen. „Du kannst sie, wenn du willst, meinetwegen alle nach- einander besuchen.“ „Ich meine die Hagia Sophia.“ „Sofia?“ Leibchen dachte an Bulgarien, besann sich aber rechtzeitig. „Ach, die meinst du, die Ha … dingsda Sofia! Schon möglich. Die haben dort Moscheen wie Sand am Meer.“ Steffi, mit einem kecken Seitenblick, sagte lachend: „In Sofia gibt’s übrigens auch welche.“ „Na wennschon“, knurrte Leibchen. „Was interessiert mich Bulgarien, wenn wir in die Türkei abhauen. Ich mache jetzt ganz was andres, wirst mal sehn.“ Sie standen am Ufer, das an dieser Stelle wie das Modell einer stark zergliederten Küste wirkt, eine Ad- rialandschaft im kleinen, flach zwar, doch reich an win- zigen Buchten, kaum eine lang genug für ein Boot, Spielzeugbuchten für Papierschiffchen, mit Riesenbäu- men auf ausgewaschenen Wurzeln wie auf Krakenbei- nen, als seien sie an Land gewatet. Jenseits der blau- schwarze Höhenzug der Müggelberge mit dem leuch- tenden Turm, in der Tiefe ein mattes Blinken, Marien- lust und Schmetterlingshorst, und dazwischen das laut- lose Strömen des Wassers, das einzige Zeichen von Le- ben auf diesem Bild im Mondlicht gefrorener Natur. Totenstarr kam es Leibchen vor. Glänzt nicht wie Stan- niol das Wasser, glänzt eher wie Zinn, dachte er, doch ohne Zynismus, es schien ihm wahrhaft so, während er 33
  • sich auszog und ein Kleidungsstück sorgfältig aufs an- dere legte; den Boden hatte er zuvor geprüft. Er hatte auch die Umgebung geprüft und konnte sicher sein, daß sie unbeobachtet waren. Absurder Gedanke, es könnte sich in dieser Jahreszeit um diese Stunde ein Mensch hierher verirren. Doch Leibchen kalkulierte auch den närrischsten Zufall mit ein. Er war beruhigt und entklei- dete sich. Steffi indessen war offenbar schon wieder am Mittel- meer, oder sie nahm Abschied von Berlin, nicht ahnend, daß dieser Abschied ewige Nimmerwiederkehr bedeute- te. Sie blickte über den See. Wie eine griechische Statue stand sie auf der Grenze zwischen Schatten und Licht, auf einem Sockel, der ihren Füßen gerade noch Platz bot, einer winzigen Landzunge. Von ihrem Haar ging ein sonderbarer Glanz aus, matt, kupfergolden, eine Gloriole trauriger Freude. Ein Bild voll Anmut und natürlicher Schönheit. Wiederum konnte Leibchen sich dem Zauber nicht entziehen, und es überkam ihn ein Taumel von Wehmut, ein Schmerz, bestimmbar bis hinab in die Len- den, wo er sich konzentrierte. Das war ihm nicht fremd. Einmal befragt, wo er den Sitz des menschlichen Gewis- sens vermute, hatte er laut hinausgelacht, so etwa in der Lendengegend scheine seins zu stecken, denn woanders habe er noch nichts gespürt. Hier spürte er es wieder, und jetzt stellte sich auch jenes heftige Lustgefühl ein, das den Schmerz umwandelte in ein dumpfes, rauschhaftes Begehren, unaufhaltsam. Nein, es gab keine Alternative, hätte in Steffi selbst die reine Unschuld vor ihm gestan- den. „So“, sagte er. Steffi sah sich um und erschrak. Er war vollkommen nackt. 34
  • „Du hast gedacht, ich traute mich nicht, stimmt’s?“ sagte er. „Bist du nicht gescheit“, sagte sie. „Wie sollte ich auf so einen kindischen Gedanken kommen?“ „Na, macht nichts.“ Er begann sich warm zu trampeln; ihm war hundekalt. „Inzwischen bist du eben erwachsen, und ich bin kindisch geblieben – wie damals vor fünf- undzwanzig Jahren.“ „Aber so hab’ ich das doch nicht gemeint!“ „Und nun paß mal auf. Was du jetzt siehst, siehst du nämlich so bald nicht wieder. Das macht kein Türke und erst recht kein Neger. Denen fehlt’s an Härte, diesen wel- schen Brüdern. Aber wir, wir sind immer noch wer!“ Er ging aufs Wasser zu. Er lief nicht, er ging. Er fand es heldenmütig genug, bei solchen Temperaturen zu baden, da brauchte er sich nicht tollkühn hineinzu- stürzen. Als seine Füße ins Wasser tauchten, griff die Kälte blitzschnell bis hinauf in sein Hirn und verursachte ihm einen Schwindel, und er dachte: Scheißfisimatenten, warum hab’ ich Idiot sie nicht einfach erwürgt. Jetzt ging er nicht mehr, jetzt stelzte er wie ein Gockelhahn, bestimmt lächerlich anzuschauen, aber anders brachte er es nicht fertig. Das Wasser reichte ihm bereits bis an die Knie, als er sich die Brust benetzte. Dann holte er tief Luft, schloß die Augen und warf sich mit ausge- streckten Armen nach vorn, seinen ganzen Willen auf- bietend gegen den Schrei, der aus ihm herausdrängte. Mit hundert eisigen Pranken packte, umklammerte ihn das Wasser, Ihm war, als erloschen seine Sinne. Aber als er in jäher Angst noch dachte: Wenn jetzt dein Herzschlag aussetzt … tauchte er schon auf, und Steffi hatte den Satz, den sie ihm nachgerufen, noch nicht einmal beendet. 35
  • „Sei doch still“, sagte er. „Wenn dadurch jemand an- gelockt wird, so nackt wie ich bin!“ Obwohl er ihr Gesicht nur undeutlich sah, war es ihm, als lächelte sie. Sie war von ihrem kleinen Podest herabgestiegen, wohl um nicht bespritzt zu werden. Nun stellte sie sich wieder darauf, das Mondlicht traf sie voll, und unverkennbar zeigte sich: Steffi lächelte. Nicht geringschätzig, nicht ablehnend war dieses Lächeln, nein, amüsiert war es, heiter. Leibchen hatte sich nicht geirrt. Die Rechnung schien aufzugehn. Steffi, soeben noch konsterniert, imponierte sein jungenhaftes, über- mütiges Spiel. „Es ist herrlich“, sagte er und schwamm ein paar Zü- ge, „und es ist gar nicht so kalt. Nur am Anfang. Wir hat- ten heute immerhin noch mal achtundzwanzig Grad im Schatten, das macht sich bemerkbar. Ein zünftiger Ab- schied, findest du nicht?“ „Doch“, sagte sie, „wenn auch leicht verrückt.“ „Gelobt sei, was hart macht!“ Er lachte und sang plötzlich mit einer Stimme, die etwas nach Zähneklap- pern klang: „Und dennoch hab’ ich harter Mann die Lie- be auch gefühlt …“ „Aber doch nicht jetzt“, sagte Steffi mit kokettem Zweifel. „Es ist genau wie damals, der Mondschein, die Stille … Vielleicht nicht so feierlich, mag sein, aber dafür ist es einsamer. Der ganze See für mich allein.“ Leibchen, immer darauf bedacht, nicht laut zu spre- chen, hielt sich auch stets in Ufernähe. „Kann sein, daß ich etwas zu schnell ’rein bin“, sagte er. „Wenn du auch kommst, müßtest du dich sorgfältiger abkühlen.“ „Wie stellst du dir das vor?“ 36
  • „Ich mein ja nur. Wenn du natürlich nicht willst … Du wirst aber noch ’n Weilchen auf mich warten müssen. Das letzte Bad in europäischen Gewässern, in einem deutschen See … Es stimmt mich richtig traurig. Aber na, ist alles ’ne Frage der Gewöhnung“, er lachte, „auch die Wassertemperatur. Phantastisch, sag’ ich dir!“ „Wollen …“, sagte Steffi zögernd. „Mir ist es bloß um die Frisur. Wenn die naß wird … Es wär’ schade drum.“ „Ja, wenn du tauchen willst …“ „Tauchen?“ „Zuzutrauen wär’s dir ja. Wenn ich dran denke, wie du damals der Tschammern den Schneid abgekauft hast mit sechs Längen Vorsprung. Meine Herren! Aber da hattest du immer ’ne Badekappe auf.“ „Du darfst aber auch nicht spritzen.“ „Spritzen! Wie stellst du dir das vor? Ich will mit dir noch in ’ne Bar.“ „Und wenn Leute kommen?“ „Erstens kommen keine, und zweitens gucken die von sich aus weg, wenn sie was spitzkriegen sollten. Die sind hier nicht so.“ Steffi blickte prüfend in den Wald, und Leibchen fand, daß sie ihn sogar noch unterstützte. Sollte dort wirklich jemand sein, so konnte sie das vom Land aus leichter ausmachen als er vom Wasser. Es war aber nichts, und Steffi zog sich aus. Als sie dann doch vor dem Wasser zurückscheute, re- dete er ihr zu, und das tat er mit ebensoviel Nachsicht wie Geschick. Es kam ihm dabei nicht in den Sinn, daß er sie zum letztenmal sah und nicht nur sah, sondern so sah, ja, eigentlich sah er sie gar nicht. Er fühlte sich sei- nem Ziel so nah, daß außer dem Ziel nichts mehr für ihn von Belang war, und hatte er vor Minuten noch ihre 37
  • Schönheit bewundert, ihre Nacktheit sagte ihm nichts mehr, und der Gedanke, daß sie so entblößt und ungeschützt die vollkommene Wehrlosigkeit verkörperte, konnte sein Hirn nicht mehr erreichen. Als Steffi sich Brust und Arme anfeuchtete, wobei sie unterdrückt kreischte, schimpfte Leibchen plötzlich, jetzt habe er doch vergessen, die Uhr abzuschnallen, und er watete an Land, während Steffi ins Wasser sprang, und lief zu der Tasche und nahm den Verbandkasten heraus. Mit dem Rücken zum See gewandt, hockte er sich hin und riß gleich von mehreren Mullbinden die Papierhüllen ab. Dann umwickelte er sich den rechten Arm vom Handgelenk bis an die Schulter, Binde um Binde, bis alle aufgebraucht waren. In diesen Panzer preßte er mit äu- ßerster Kraft die Fingernägel. Er empfand schmerzhaft den Druck des Griffs, stellte aber erleichtert fest, daß die Nägel nicht in die Haut drangen. Obwohl seine Zähne in rasendem Stakkato aufeinanderschlugen, verspürte er keine Kälte. Er rannte zurück und stürzte sich ins Was- ser; dabei sah er noch, daß Steffi hinausgeschwommen war. Er wußte, daß er es im Wasser nicht mehr lange aus- halten würde, und fluchte. Wo er keinen Boden unter den Füßen hatte, konnte er es nicht tun; das Risiko, von Steffi mit hinabgerissen zu werden, war zu groß, und Menschen in Todesangst boten ungeheure Kräfte auf. Er mußte Steffi zurückholen. Da er nicht rufen durfte, schwamm er ihr hinterher. Sie hatte einen gehörigen Vorsprung, und zu- dem schien sie noch zu glauben, er wollte ein kleines Wettschwimmen veranstalten; denn nachdem sie sich einmal umgeschaut hatte, winkte sie ihm lachend und zog dann mit Schwung davon. Leibchen schwamm wie um sein Leben. Die Kälte setzte ihm nun schon arg zu, und je weiter er sich vom 38
  • Land entfernte, um so mehr wuchs seine Furcht vor ei- nem Wadenkrampf oder einer Kreislauf schwäche, die tödlich sein mußte. Wohl war er ein schneller, doch kein sonderlich ausdauernder Schwimmer und bei weitem nicht mehr so intakt wie vor fünfundzwanzig Jahren, und selbst damals, bei den Sonnenwendfeiern, im Scheine der lodernden Feuer, waren ihre Badespiele keine Wettkämp- fe gewesen, sondern weihevolle Rituale. Nicht körperli- che Anstrengung hatte sie ihnen abverlangt, die Huldi- gung an den Mythus, nein, sie hatte ihnen nichts genom- men, sie hatte Stärke in ihnen entfacht, den Taumel seeli- scher Größe. Das aber war dahin. Heute war es anders, alles war heute anders. Es loderten keine Feuer mehr, die wehrhaften Götter zu preisen und die Haut ihrer irdischen Abkömmlinge zu trocknen, und es rollten keine Flam- menräder die Gebirge hinab, die morsche Welt mit ihrer Glut zu entzünden. Die Feuer waren zu Asche zerfallen, nicht eins leuchtete ihm, Leibchen, auf seiner verzweifel- ten Jagd, die ihn mehr und mehr erschöpfte – schon hüpf- te der Mond ihm vor Augen wie ein glimmender Gum- miball, der aufs Wasser prallt und zurückspringt und wieder fällt, bleich wie die Gebeine derer, die Pech ge- habt hatten oder ein Quentchen Schlauheit zuwenig, Tschammer zum Beispiel, der sich in der Alpenfestung verkrochen hatte, wo sie ihn bald erwischten. Sie hatten ja selbst den einen noch erwischt, dessen Asche nun in alle Winde verstreut war, ein paar Gramm Dung für die Unermeßlichkeit des Mittelmeers. Ihn, Egon Leibchen, sollten sie nicht bekommen. Als er Steffi erreichte, war er halbtot. Sie lachte ihn an, prustend. Wasser schäumte auf ihrem Gesicht, und Perlen schimmerten in ihrem Haar. Sie hatte sogar ihre Frisur mißachtet. Die Lust, ihm zu zeigen, wie jung sie 39
  • noch war, hatte sie übermannt, ihr hatte sie nicht wider- stehen können. Und jetzt hatte sie es geschafft. Sie hatte gesiegt, sie triumphierte: Da, bitte, bin ich etwa nicht mehr die von vor zwanzig Jahren? Leibchen keuchte. „Hab’ gar nicht gedacht, daß du noch so auf Draht bist“, rief Steffi anerkennend. „Bei meinem Vorsprung! – Aber da vorn ist die Strömung.“ Er müsse umkehren, keuchte Leibchen, ihm sei auf einmal so komisch, er fürchte, ihm werde schlecht, wenn sie nicht gleich … „Ich bin zu lange drin“, fügte er hinzu. Sofort kehrte Steffi um. Was bisher war, es war Spiel für sie gewesen. Plötzlich war Ernst daraus geworden. Das Mondlicht war um einen Schein dunkler, das Ufer um viele Anstrengungen ferner, und die Strömung war auf einmal so nahe, als könnte sie den Entkräfteten in ihren Sog ziehen. Steffi hatte Angst um Leibchen. Jetzt dachte sie nicht an ihren verlockenden Wahrtraum von Istanbul und weißen Gestaden, jetzt erfüllte sie nichts als das Bangen um den Mann an ihrer Seite. „Hoffentlich schaffst du’s“, sagte sie. „Es wird schon gehn.“ „Ich bleibe dicht bei dir. Wenn dich eine Schwäche ankommt, hab’ keine Angst, ich rette dich.“ „Angst …“, sagte Leibchen, obwohl die Angst ihm die Kehle zuschnürte. Er schwamm in gleichmäßigen, wenn auch nicht mehr kraftvollen Zügen, um sich nicht vollends zu verausga- ben, und allmählich, je mehr das Ufer heranrückte, schwand seine Angst, zumal er Steffi bei sich wußte, die- se exzellente, ausdauernde Schwimmerin, die ihn genau- so aus dem Wasser bugsieren würde, wie sie es einst mit 40
  • Hossingers Braut getan hatte. Wenn sie ahnte, daß sie leben bleiben könnte, ließe sie mich hier ersaufen, dachte er. Gäbe sie mir jetzt einen Tritt, ich würde absacken wie ein Stein. Ob sie das wohl fertigbrächte? Als er Boden unter den Füßen spürte, bat er sie ei- nen Moment zu warten, er sei zu schlapp, er müsse erst mal verschnaufen. Das Wasser reichte ihm bis an die Schultern. So tief durfte es nicht sein. Gelang es Steffi, sich seinem Griff zu entwinden, konnte sie mit einem Schritt im offenen Wasser sein, und dort war er ihr in seinem Zustand unterlegen. Auch lag die Stelle im Mondlicht. Er mußte in den Schatten des Schilfgürtels, näher ans Land, wo es vermutlich auch seichter war. Es waren nur ein paar Meter, aber Steffi stützte ihn. Diese geradezu mütterliche Besorgnis verwirrte ihn, die Wärme, die von ihrem Arm in seine Achsel drang, stimmte ihn wehleidig. Ein paar Gedanken lang rechte- te er mit sich, und tief in ihm regte sich etwas. Das kannte er nicht. War es Mitleid, waren es Skrupel, war es nur ein Gefühl, oder war es mehr? Er lehnte sich dagegen auf wie gegen den Zugriff einer zersetzenden fremden Gewalt, eines seinem Wesen feindlichen An- spruchs, und er siegle mit Lendenschmerz und dem plötzlich übermächtig hereinbrechenden rauschhaften Begehren. Den gepanzerten Arm von Steffi abgewandt, den an- dern um ihre Schulter gelegt, sich scheinbar stützend, als sei er noch kraftlos, sah er das Wasser wie einen Eich- strich an ihren Brüsten. Es war die richtige Stelle, seicht und tief genug, und der Schatten vom Schilf wehte um sie in schwarzen Fahnen, und sonst war nichts außer dem leeren Wald und den vergeblichen Lichtern jenseits des Sees und ihnen beiden. 41
  • Plötzlich sagte Steffi: „Ich weiß nicht, aber ich habe Angst.“ „Angst?“ Leibchen wurde es glühendheiß. „Ja, ich hab’ auf einmal Angst vor dem fremden Land und dem Leben dort.“ Obwohl ihre Zähne aufeinan- derschlugen, versuchte sie zu lächeln. „Das muß das Wasser gemacht haben. Zuerst war ich wie benommen, du hattest mich ja richtiggehend überrumpelt. Aber jetzt ist mein Kopf völlig klar.“ Leibchen zwang sich zu einem Auflachen, es klang wie Gekrächz. „Na schön, wenn du nicht willst, dann bleibst du eben hier.“ „Du mußt mich verstehn, Egon. Ich fürchte, ein neuer Anfang mit uns beiden, selbst da unten … Ich bin doch nicht mehr die von damals.“ „Unten ist gut. Dann geht also nur einer von uns nach unten, wie du so schön sagst … Bitte, wie du willst.“ Langsam hob er den Arm aus dem Wasser. „Was hast du denn da?“ fragte Steffi. „Einen Ver- band?“ „Einen Schutzverband“, sagte er. „Ich bin nun mal ein vorsichtiger Mann.“ Und ehe sie noch etwas sagen konnte, hatte er die Hand um ihren Nacken gelegt und ihren Kopf herunter- gedrückt, ganz sacht zuerst, so daß sie sich nicht dage- genstemmte, verwundert, was das nun wieder sollte. Erst als ihr Gesicht das Wasser berührte und untertauchte, spürte er an ihrem Widerstand, daß sie begriff, was mit ihr geschah. Aber da hielt er sie bereits so weit von sich ab, daß ihre schlagenden und ziellos greifenden Hände nur seinen gepanzerten Arm erreichten, und er fühlte ihre Nägel nicht, diese gefährlichen Dolche, fühlte nur den Druck ihres Zupackens, weniger stark jedoch; denn stärker 42
  • war der ziehende Schmerz in seinen Lenden, während ihre verzweifelte, chancenlose Gegenwehr erlahmte, mehr und mehr, bis die letzte Luft aus ihren Lungen barst und in zwei großen platzenden Blasen das Wasser aufbrodelte. Sie wollte mich retten, dachte er. Nun hat sie mich al- so gerettet. Weiß Gott, ich bin ein Schwein. Aber auch Schweine wollen leben. Den Leichnam schob er der Strömung entgegen. Dann wankte er an Land, ausgepumpt, dem Umsinken nahe. Dort taumelte er auf Steffis Handtuch zu, sich abzufrot- tieren. Als er es ans Gesicht hob, wunderte es ihn, daß er plötzlich ihr Haar vor Augen hatte mit dem sonderbaren kupfergoldnen Glanz, und unwillkürlich dachte er an ihre rührende Sorge um ihre Frisur. 43
  • ZWEITES KAPITEL Zinn oder Das gebrochene Herz Der Morgennebel, der die Straße mit seiner schmutzigen Watte verstopfte, beginnt sich zu lichten, und VP-Meister Handtke hofft, es werde noch nicht vorbei sein mit den schönen Tagen dieses ungewöhnlichen Septembers. Jetzt kommt sogar die Sonne durch und läßt die noch nicht ver- rosteten Antennen auf dem Dach gegenüber funkeln. Sogleich hängt die junge Frau im dritten Stock wieder Ba- bywäsche auf den Balkon. Als habe er darauf gewartet, nickt Meister Handtke. Eigentlich müßte er die Nase rümp- fen, denn das Wäschetrocknen zur Straße hin zuwiderläuft der Stadtordnung. Aber der Diensthabende im 33. Revier nickt und schmunzelt. Er hat seit sechs Wochen einen En- kel und läßt sich von der ständigen Babywäscheausstellung gern instruieren, was man einem solchen Hosenmatz für reizendes Zeug auf den Popo ziehen kann. Diesmal flattert es salatgrün und rosa getupft von der Leine. Der hochgewachsene, weißhaarige Mann, der wenig später das Dienstzimmer betritt, ist etwa in Handtkes Al- ter. Das sieht Handtke sofort. Jahrelanger Revierdienst schärft den Blick. „Guten Tag“, antwortet er und deutet auf den Besucherstuhl gegenüber seinem Schreibtisch. „Bitte, nehmen Sie Platz.“ „Danke.“ Der Mann scheint überrascht zu sein, daß ihm sofort ein Stuhl angeboten wird. Noch hat er nicht gesagt, was ihn ins Revier geführt hat. Der Diensthaben- de kann also nicht wissen, daß die Angelegenheit nicht mit ein paar Worten abzumachen ist. Er könnte ja nur um eine Auskunft gekommen sein. 44
  • Handtke weiß das selbstverständlich nicht, und von Ahnungen hält er nichts. Die untrügliche Witterung, von der es in alten Detektivromanen knistert und die sich auch heute wohl mancher Kriminalist gar nicht ungern nachrühmen ließe, findet bei ihm ihre Zuordnung allein im Tierreich, wo sie auch hinpaßt. Nun ist Handtke kein Kriminalist. Aber auf jedem Polizeirevier fällt von Zeit zu Zeit etwas an, was hier vom Tisch geht, um die Ge- nossen von der K in der Inspektion oder im Präsidium zu beschäftigen, und dann muß auch ein Diensthabender im Revier sich als Kriminalist betätigen. Nein, Handtke geht einfach davon aus, daß einer zwei Treppen ersteigen muß, ehe er zu ihm gelangt, und wenn dem nicht mehr der ers- te Jünglingsflaum auf den Wangen sprießt, mag er ruhig im Sitzen verschnaufen. „Ich heiße Carl August Zinn“, sagt der Mann, wobei er sich auf dem Stuhle leicht verbeugt. „Ich möchte eine Vermißtenanzeige erstatten.“ Handtke denkt sogleich an seinen Enkel und hat die Er- klärung für die Besorgnis, die sich in Zinns dicklichem, rosigem Gesicht eingenistet hat. Sie glimmt in der Tiefe der grauen Augen, die wie erloschen anmuten, als haben sie die schrecklichen Bilder des Möglichen in der phantas- tischen Vorwegnahme durch die Angst schon geschaut, Bilder, die von der Realität zum Glück nur in den seltens- ten Fällen zusammengefügt werden. Wer hat beim Auf- kreischen von Bremsen nicht schon an sein Kind gedacht? Neulich erst hat Handtke einen Ziegelstein vor das Rad eines fahrlässig abgestellten Kinderwagens gelegt, und prompt hat er nachts geträumt, sein Enkel, der ja noch in den Windeln liegt, sei entlaufen. Der Traum hat ihn bis in den Tag hinein verfolgt. Wie erst muß einem zumute sein, für den ein solcher Alptraum zur Wirklichkeit wird? 45
  • „Handelt es sich um ein Kind?“ „Nein, um meine Frau.“ „Aha.“ Dieses Aha, von Handtke einfach so dahingesagt, scheint Zinn irgendwie getroffen zu haben. Offenbar mißt er ihm eine Bedeutung bei, die von Handtke gar nicht beabsichtigt war; denn nichts weiter drückte dieser leise Ausruf aus als Handtkes Erleichterung. Deshalb setzt er hinzu: „Die Suche nach einem Erwachsenen ist oft schwieriger, aber ein Kind ist größeren Gefahren aus- gesetzt. Denken Sie nur an den Verkehr.“ Zinn nickt, wobei er sich über sein silberweißes Haar streicht. Er trägt es in Wellen, denen man nicht ansieht, ob sie sich allein unter den Zähnen eines Kammes so ele- gant um den Kopf schmiegen. Vermutlich ist das Haar der persönliche Stolz dieses Mannes, der zweifellos weiß, welche Wirkung von ihm ausgeht. Die ordnende, mit überflüssiger Sorgfalt vollführte Handbewegung hat es Handtke verraten; denn kein Härchen lag widerspenstig in der Frisur. Warum nicht, denkt Handtke, auch manche Bilder werden ansehnlicher durch einen prächtigen Rah- men. Wäre er kahlköpfig, sähe dieser Zinn nach gar nichts aus mit seiner rosigen Haut, den Tränensäcken unter den Augen und dem dicklichen Untergesicht. Aber wer weiß, vielleicht ist er übernächtigt, vielleicht hat er kein Auge zugetan, seit ihm die Frau weggelaufen ist, und solcher Kummer kann ein Antlitz ziemlich verunzieren. Daß diesem Mann die Frau davongelaufen ist, setzt Handtke voraus. Zwar weiß er bisher nichts von diesem Zinn, seiner Frau und deren Leben. Aber es steht schon jetzt für ihn fest: Wenn dieser Herr Zinn mit seiner Ver- mißtenanzeige nicht voreilig handelt – und das wird sich gleich herausstellen –, wenn ihm die Gattin also tatsäch- 46
  • lich abhanden gekommen ist, dann ist sie ihm durchge- brannt. Freilich gelangt Handtke nicht mangels Phantasie zu solcher Mutmaßung. Er weiß einfach, wo er lebt, er kennt sich aus in den Verhältnissen, die er, der VP- Meister Handtke, mit geordnet hat und die sich sehen lassen können. Hier werden Frauen weder entführt noch umgebracht, und geschieht es doch einmal, daß ein Mord die Gemüter erregt, ist es die einsame Ausnahme, die an der Regel nichts ändert. So beginnt Handtke die Befragung mit einer gewissen Gelassenheit, die er Zinn freilich nicht spüren läßt. Was immer die Dame bewogen haben mag, auf solche Weise ihren Mann zu verlassen oder auch nur zu strafen, der Betroffene ist dadurch in einen Zustand gebracht, der ernst genommen werden muß. Die Hilfe, die er sucht, wird er bekommen, selbst wenn eine Großfahndung ein- geleitet werden müßte, die vielleicht schon in der Stunde darauf wieder abgeblasen wird, weil nämlich in gerade dieser Stunde das Strohfeuer abgebrannt sein kann und die Vermißte sich wieder eingefunden hat. Mitunter er- fährt die Polizei einen solchen Ausgang dann erst durch Nachbarn, die verantwortlicher zu den Dingen stehn als jene Leute, welche in ihrer Angst am liebsten die ganze Republik in Alarmzustand versetzt hätten. Diesen Eindruck macht Zinn allerdings nicht. Er be- antwortet jede Frage korrekt, wirkt den Umständen ent- sprechend gefaßt und verschont den VP-Meister mit dem Schwall jener Befürchtungen, den dieser bei ähnlichen Anlässen oft über sich ergehen lassen muß. Zinn hat of- fenbar einiges im Leben durchgemacht und daraus die Erkenntnis gewonnen, daß Geschehnisse erst dann ihr volles Gewicht haben, wenn man ihr Ende vor Augen hat. Das macht ihn Meister Handtke sympathisch. Speku- 47
  • lationen verachtet Handtke ebenso wie Unbeherrschtheit. Gerade die beherrschte Haltung eines Mannes kann über- zeugender sichtbar machen, was in ihm vorgeht, welche Sorge ihn quält. Jedoch gehört ein erfahrener Blick dazu, das Verborgene aufzuspüren. Meister Handtke weiß, daß dieser Blick bei ihm nicht auf Einbildung beruht. „Seit wann vermissen Sie Ihre Gattin, Herr Zinn?“ „Seit wann ich sie vermisse?“ Zinn blickt Handtke un- schlüssig an. „Das ist schwer zu sagen … Zuerst wußte ich ja nicht, daß sie nicht wiederkommen würde. Ehrlich gesagt, weiß ich das auch jetzt nicht. Aber inzwischen ist sie sechsunddreißig Stunden von zu Hause fort, und nun mache ich mir ernsthaft Sorgen.“ „Seit sechsunddreißig Stunden also.“ „Ist sie fort“, betont Zinn. „Ja, das meinte ich ja.“ „Ach so.“ „Was sollte ich sonst gemeint haben?“ fragt Handtke. „Nichts … ich dachte nur …“ Zinn scheint verwirrt und verstummt. Doch als Handtkes Augen fragend auf ihn gerichtet bleiben, fügt er mit einem kleinen schuld- bewußten Lächeln hinzu: „Es war wirklich nichts.“ „Dieses ‚Ach so‘ von Ihnen, wissen Sie“, erklärt Handtke, „wenn jemand ‚Ach so‘ sagt, ist immer was. Ich wollte von Ihnen wissen, seit wann Ihre Gattin fort ist. Sie haben meine Frage beantwortet und sagten dann ‚Ach so‘.“ Diesmal lächelt Zinn schmerzlich. „Sie haben mich gefragt, seit, wann ich meine Frau vermisse. Als ich sie nicht vorfand, vermißte ich sie wohl, doch in einem an- dern Sinne. Das Gefühl, daß sie vielleicht nicht zurück- kommen könnte, stellte sich naturgemäß erst später ein. Diesen Zeitpunkt könnte ich nicht genau angeben.“ 48
  • Handtke stellt fest, daß Zinn ein Mann ist, der es mit dem Wort genau nimmt, und obwohl ihm, dem Meister der VP, soeben eine leichte Unkorrektheit im Ausdruck nachgewiesen wurde, nimmt ihn das gegen Zinn nicht ein. Es könnte ihn auch gar nicht gegen Zinn einnehmen, denn diese Unkorrektheit war beabsichtigt. Sie diente dem Meister dazu, mit seiner Methode dem ihm völlig fremden Mann ein wenig den Puls zu fühlen. Dessen Re- aktion besagt zwar nicht viel, aber Handtke sagt sie aller- hand. Zinn ist offensichtlich korrekt bis ins Detail, doch nicht so, daß er Nebensächliches überbewertet. Denn nur auf Handtkes Drängen hin hat er ihn auf seine unge- schickte Fragestellung aufmerksam gemacht, und das mit angenehmer Zurückhaltung. Genauigkeit auf der einen Seite, das dürfte präzise Angaben erwarten lassen, Groß- zügigkeit andrerseits aber hat schon oft zu Entwicklun- gen beigetragen, an deren Ende dann ein Mensch vor Handtke in ähnlicher Lage saß wie jetzt dieser Carl Au- gust Zinn. Zinns Personalausweis ist übrigens tipptopp, ein Mus- terstück peinlicher Ordnungsliebe. Auf jeder Seite sieht man ihm an, daß sein Besitzer sich des Werts seines wichtigsten Dokuments bewußt ist. „Sie sind Carl August Zinn.“ „Ja.“ „Geboren am dreiundzwanzigsten November neun- zehnhundertsechzehn in Allstetten.“ „Ja.“ „Wo liegt denn das?“ „Im ehemaligen Ostpreußen.“ „Aha.“ Handtke schlägt die Meldeseite auf. „Wohn- haft in Berlin, Griffelsberger Straße siebzehn.“ „Ja.“ 49
  • Handtke blättert zurück. „Von Beruf sind Sie Züchter.“ „Ja.“ Handtke blickt vom Ausweis auf, einen Anflug von Neugier in den Augen. „Was züchten Sie denn, Herr Zinn?“ „Ratten“, sagt Zinn. „Ratten?“ Handtkes Neugier weicht einer leisen Be- troffenheit. „Ich denke, die vernichtet man?“ „Die Ratten, die Sie meinen, werden ausgerottet, gewiß“, antwortet Zinn. „Wer in unsern Breiten von Ratten spricht, denkt meist an die zwei Arten, die bei uns heimisch sind, die aus Asien stammende Wander- ratte …“ „Aus Asien, aha.“ „Sie stammt wirklich aus Asien“, sagt Zinn. Handtke lächelt. „Wenn Sie es sagen – ich wußte es. nicht.“ „Sie kann“, erklärt Zinn mit der leisen Erregung des Sachkundigen, „von der Schnauze bis zur Schwanzspitze fast einen halben Meter messen, ein gefräßiger Schäd- ling, der sogar Geflügel und Kaninchen tötet.“ „Was Sie nicht sagen“, staunt Handtke, „fast einen halben Meter?“ „Mit dem Schwanz.“ „Na, der wird ja wohl nicht länger als der Körper sein.“ „Stimmt, bei der Wanderratte ist er kürzer, nur bei der kleineren Hausratte nicht. Die ist aber, auch wenn sie kleiner ist, nicht weniger schädlich. Sie nährt sich in der Hauptsache von pflanzlichen Stoffen, Saatgutbestände und so. Eine Gefahr für die Volksernährung.“ „Und für die Hygiene“, sagt Handtke. „Das ist mir be- kannt.“ 50
  • „Es gibt aber nicht bloß diese beiden Arten auf der Welt. Es gibt über zweihundertfünfzig in mehr als einem halben Tausend Unterarten.“ „Ach was“, sagt Handtke, den diese Zahl verblüfft. „Und eine davon züchte ich“, fährt Zinn fort, wobei er sorgfältig über seine Frisur streicht, an der doch alles in Ordnung ist. „Es sind weiße Ratten. Sie werden für me- dizinische Zwecke gebraucht, Tests, Laborversuche, Er- probung chemischer und pharmakologischer Präparate und so weiter. Der Bedarf wächst in dem Maße, in dem die Wissenschaft sich entwickelt, und deren Wachstums- tempo ist ja wahrhaft imponierend.“ „Allerdings“, bestätigt Handtke und betrachtet Zinn mit sichtbarem Wohlgefallen. „Ihre Gattin ist also seit sechsunddreißig Stunden verschwunden. Vielleicht er- zählen Sie mir jetzt davon etwas mehr, Herr Zinn.“ Zinn richtet sich auf dem Stuhle auf, als müsse er sich straffen, so unsanft zurückgerufen aus der Ferne der wohltuenden gedanklichen Abschweifung. Wie ein Er- wachen geht es durch den Mann, ein Erwachen voller Schmerz, der mühsam niedergerungen wird. Seine Au- gen, für einen Moment groß aufgetan, blicken Handtke ratlos an. „Es ist noch nie passiert“, sagt er; er sagt es eher vor sich hin als für den andern. „Ich weiß nicht, was ich da- von halten soll. Ich bin mit Steffi fünfundzwanzig Jahre verheiratet.“ „Was ist noch nie passiert, Herr Zinn?“ „Daß sie ging, ohne ein Wort zu sagen. Wenn ich nicht da war, hat sie immer eine Nachricht hinterlassen. So ist sie nie gegangen, kein einziges Mal in all den Jah- ren. Sie blieb auch nie länger aus als ein, zwei Stunden. Ich finde keine Erklärung dafür, Genosse Leutnant.“ 51
  • „Ich bin nur VP-Meister, Herr Zinn“, sagt Handtke. „Aber die Erklärung werden wir vielleicht trotzdem fin- den. Wichtiger ist, daß wir Ihre Gattin finden, nicht wahr? Waren Sie eigentlich lange Soldat?“ „Wieso?“ fragt Zinn verdutzt. „Nur so.“ Handtke lächelt. „Heute trägt ein Leutnant Sterne auf der Schulterklappe.“ „Ach so! Na, ich lern’s nicht mehr. Ich hab’s immer durcheinandergebracht. Ich war nie bei der Wehrmacht, und später dann war ich zu alt. Ehrlich gesagt, war mir beides recht. Ich bin alles andre als eine Sportsnatur.“ Handtke zuckt mit den Schultern. Das kann er nicht beurteilen, ob dem Herrn Zinn das eine wie das andre so recht war und er keine Sportsnatur ist, und er will es auch gar nicht. Es interessiert ihn nicht. Die kleine Abschwei- fung gestattete er sich eigentlich nur, weil Zinns irrtümli- che Anrede nicht gerade gut zum Bild eines Mannes paßt, der bis ins Detail korrekt ist. Aber da er Diensträn- ge schon immer durcheinandergebracht hat, sind sie of- fenbar Nebensache für ihn, und Nebensächliches bewer- tet er, was Handtke bereits erkannt hat, nicht über. So rundet sich das Bild zum Schluß doch wieder. „Darf ich hier rauchen?“ „Aber bitte.“ Zinn bietet Handtke eine Zigarette an und hat auch gleich ein Feuerzeug zur Hand. Die Gasflamme faucht leise, reglos steht sie vor Handtkes Augen wie ein hauch- dünn geschliffener winziger Dolch. Handtke saugt Glut an und stellt fest, Ratten scheinen ein einträgliches Ge- schäft zu sein. Diese Sorte gönnt er sich nur sonntags, nun ja … „Ich hatte auch nie Streit mit meiner Frau“, sagt Zinn. „Das mag unwahrscheinlich klingen, aber es ist so. Mei- 52
  • nungsverschiedenheiten, die gab es schon, wenn auch selten. Aber sie arteten nie aus. Heftige Worte oder Be- schimpfungen oder diese entsetzlichen Szenen, die Ehe- leute sich mitunter machen, das alles war uns fremd. Wir lebten wirklich in harmonischer Eintracht zusammen.“ „Das hört man gern“, sagt Handtke. „Lag es nun an Ihnen oder an Ihrer Gattin, daß das so war?“ „Wohl an uns beiden. Ich glaube, wir paßten einfach zueinander. Ich muß allerdings sagen, daß Steffi daran ein großes Verdienst zukam. Sie war eine sanftmütige Frau.“ „Warum war sie das?“ Zinn hebt ein wenig die Hand mit der Zigarette, und der blaue Rauch zeichnet lebhaft Spiralen in die Luft. „Sie war von Natur aus so.“ „Das meine ich nicht“, sagt Handtke. „Anscheinend ist Ihnen gar nicht bewußt, daß Sie fortwährend in der Ver- gangenheitsform von Ihrer Gattin sprechen.“ „Im Hinblick auf die Harmonie zwischen uns beiden“, antwortet Zinn und drückt die erst halb gerauchte Ziga- rette aus, ohne dabei die Augen von Handtke zu wenden. Er sieht nicht, daß die Glut gelöscht ist. Als schwele sie unsichtbar weiter, dreht er den Rest der Zigarette in den Aschenbecher hinein mit der breiten Kuppe seines Dau- mes, dessen Nagel gespalten ist. Dieser Mann ist enttäuscht, denkt Handtke, enttäuscht und verletzt und bis oben hin voll von diesem weinerli- chen Groll, der zu nichts nütze ist, als einen seelisch vol- lends zum Wrack zu machen. Und ihm ist gar nicht be- wußt, wie er mir das jetzt zeigt. Genauso macht Loni die Zigarette aus, seit Alfons sie mit dem Kinde hat sitzen- lassen. Mit der gleichen dumpfen Lust zermalmt sie jede Zigarette, als erinnere sie das letzte Fünkchen Glut an 53
  • ihre zerronnenen Hoffnungen und Illusionen. Aber Loni hat immer noch uns, und bei ihr sind von heute auf mor- gen nicht fünfundzwanzig Jahre auf die Passivseite ge- rutscht. Wen hat der? fragt Handtke sich und sieht, daß Zinns Haut durchaus nicht rosig ist, gelblich fahl ist sie wie die eines Galleleidenden, und die Augen liegen so tief in den Höhlen, als seien sie in die Tränensäcke hin- einversenkt. Zwei Treppen, die können einen, der nicht mehr jung ist, schon in Hitze bringen und ihm die Wan- gen röten. Aber nun ist die Aufwallung des Bluts abge- klungen, und der Mann, der nicht älter als Handtke ist, wirkt mit einemmal wie fünfundsechzig, und sein Unter- gesicht ist weniger dicklich als schlaff und aufgeweicht von der kummervollen Enttäuschung. „Vorgestern“, sagt Zinn, und obwohl sein Blick den be- schmutzten Daumen streift, wischt er ihn nicht ab, „hatten wir eine Auseinandersetzung, die erste in fünfundzwanzig Jahren. Ich bin ganz offen zu Ihnen, Genosse Meister, es war entsetzlich. Wir waren beide nicht mehr wir selber.“ „Kam es zu Tätlichkeiten?“ „Nein, das nicht. Aber seit vorgestern weiß ich, daß Worte einen Menschen ebenso empfindlich treffen kön- nen wie Schläge, und sie können einen noch nachhaltiger verletzen. Die Wunde, die ein häßliches Wort verursacht, verheilt nicht so schnell.“ „Nicht nur bei Ihnen, Herr Zinn.“ „Aber ich nehme Steffi doch davon nicht aus!“ ruft Zinn und legt die Hand an die Brust, aufs feingewebte, seidig schimmernde Tuch seines Mantels, dessen Revers der Aschedaumen ein schmutziggraues Mal aufprägt. „Ich bin ihr doch nichts schuldig geblieben! Schrie sie mir ein böses Wort ins Gesicht, so fand ich ein böseres, und so steigerten wir uns in einen Zustand hinein, der 54
  • bisher für uns ohne Beispiel gewesen ist. Ich weiß nicht, woher mir diese Worte zuströmten, Worte, wie sie vorher nie über meine Lippen gekommen sind.“ „Da haben Sie ja die Erklärung“, sagt Handtke mit lei- sem Widerwillen. „Der erste richtige Zusammenprall, und gleich in dieser Form, das war zuviel für Ihre Frau.“ „Ich weiß nicht einmal mehr, worum es ging“, sagt Zinn und stützt den Kopf in die Hände, untheatralisch, ein Ausdruck zählebiger Fassungslosigkeit. „Jedenfalls um nichts, um eine Lappalie.“ Handtke, nickt. Das hört er nicht zum erstenmal. „So fängt’s oft an.“ „Und wie endet es?“ Zinn richtet sich auf. „Auch so?“ Handtke zuckt mit den Schultern. „Als Ihre Frau es nicht mehr aushielt, rannte sie davon. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie kopflos sie war.“ „Aber ich bin ja gegangen!“ „Sie?“ „Ich habe das Haus verlassen und mich zu Zumseil ge- setzt. Das ist die Bierstube an der Ecke.“ „Und Ihre Frau?“ „Als ich nach Haus kam, fand ich sie nicht mehr vor.“ „Kamen Sie spät?“ „Das war vielleicht mein Fehler“, sagt Zinn, und zum erstenmal weicht er Handtkes Blick aus. Aber Handtke sieht auch so, wie dieser Mann sich seines Verhaltens schämt. „Ich kam am nächsten Morgen.“ „Sie blieben also die ganze Nacht fort? Wann war überhaupt der Streit?“ „Gegen zweiundzwanzig Uhr.“ „Also doch fast die ganze Nacht.“ „Ja, ich habe bei Zumseil übernachtet. Ich wollte nicht gleich wieder zurück. Ich war so … wie soll ich sagen … 55
  • ich hatte einfach Angst, ja, Angst davor, es könnte wei- tergehn.“ „Zumseil hat doch gar keine Hotelkonzession. Oder hat er neuerdings eine?“ „Genosse Meister“, sagt Zinn, „ich möchte Sie bitten, dem Gastwirt Zumseil deswegen keine Schwierigkeiten zu machen. Ich kenne den Mann, seit er das Lokal über- nommen hat. Das ist jetzt acht Jahre her. Zumseil führt sein Geschäft so, daß es bis heute nicht die geringste Be- anstandung seitens der Behörden gab, im Gegenteil, er wurde mit einigen Urkunden ausgezeichnet. Zumseil hat aus einer verrufenen, heruntergewirtschafteten Kneipe ein saubres, ordentliches Lokal gemacht, wo jedermann in Ruhe seine Molle trinken kann, unbehelligt von Ra- daubrüdern und diesem Gesindel notorischer Säufer.“ Um Handtkes Lippen zuckt ein Lächeln. „Sie brau- chen sich für Zumseil nicht so ins Zeug zu legen, Herr Zinn.“ „Ich meine nur … es war eine private Abmachung. Zumseils Tochter studiert in Dresden, und ich konnte in ihrem Zimmer schlafen. Ich war gewissermaßen beim Privatmann Zumseil. Es wäre mir unerhört peinlich, wenn … ich meine, sein Verständnis für meine Lage, daß er mir durch sein persönliches Entgegenkommen – und nur auf mein drängendes Bitten hin … Er sträubte sich lange.“ „Schon gut, Herr Zinn“, sagt Handtke. „Haben Sie denn inzwischen bei Verwandten oder Freunden nachge- forscht?“ Zinn verneint kopfschüttelnd und mit zusammen- gepreßten Lippen. „Das hätten Sie aber tun müssen.“ „Wir haben keine Verwandten.“ 56
  • „Hier in Berlin.“ „Auch anderswo nicht. Wir haben niemanden. Wir hatten immer nur uns.“ „Hm“, brummt Handtke. „Ich bin in einem Waisenhaus aufgewachsen“, sagt Zinn, „ein Findelkind. Meine Eltern habe ich nie ge- kannt. Ich weiß nicht mal, ob ich Geschwister habe. Und die Eltern meiner Frau haben die Amerikaner auf dem Gewissen, ein Bombenangriff.“ „Vielleicht ist sie zu Freunden gegangen“, sagt Handt- ke rasch. „Wir haben auch keine Freunde“, antwortet Zinn. Das begreift Handtke nicht. „Die Ratten“, sagt Zinn und verzieht grämlich den Mund. „Sie nähren wohl ihren Mann, aber um welchen Preis? Wahrscheinlich meinen die Leute, wer Ratten züchtet, dem müsse etwas von diesen Tieren anhaften. Sie kennen doch das Sprichwort: Sage mir, mit wem du umgehst …“ Er lacht bitter in sich hinein, und Handtke kann ihm nachfühlen, wie ihm zumute ist; er kennt des Menschen Hang zur Voreingenommenheit. „Wenn ich mich als Züchter vorstelle, finden die meisten das ganz normal, denn sie denken an Schweine oder Hunde. Aber wenn sie dann hören, was ich züchte, steigt manchem der blanke Ekel ins Gesicht, und in ihre Augen tritt ein ganz bestimmter Ausdruck. Mit dem gleichen Blick würden sie auf eine Ratte starren, die ihnen unter die Füße gerät.“ Zwischen den Zähnen hindurch sagt Zinn: „Dabei hasse ich Ratten. Ich habe sie immer gehaßt. Und“, sagt er in düsterer, verzweifelter Gegenwehr, „ich züchte die weiße Ratte, deren Schädlichkeit in keinem Verhältnis steht zu ihrem Nutzen für die Wissenschaft. Aber wer denkt schon daran, wer weiß das überhaupt!“ 57
  • „Ich nehme an“, sagt Handtke, „daß Sie Ihre Gattin unter diesen Umständen auch bei Bekannten nicht ver- muten.“ „Nein“, sagt Zinn. „Es sei denn, sie hat Bekannte, von denen Sie nichts wissen.“ „Meine Frau hat keine Bekanntschaften“, antwortet Zinn sofort und sehr bestimmt. „Nun ja …“ In Handtkes Augen zeigt sich leiser Zwei- fel. „Ausgeschlossen“, sagt Zinn, der Handtkes Blick rich- tig deutet, „sie hat auch keinen heimlichen Liebhaber, falls Sie das meinen. Steffi nicht. Sie weiß genau, daß ich daran zugrunde ginge. Diese Schmach würde sie mir nie antun, um keinen Preis. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“ Lieber nicht, denkt Handtke; gerade von denen, die sich ihrer Sache so sicher sind, verbrennen sich immer wieder welche dabei, ehe sie’s sich versehn. „Nun gut“, sagt er und läßt beim Aufstehen den Stuhl über die Die- len schrammen. „Dann werden wir die Fahndung einlei- ten.“ Er tritt an einen Aktenschrank heran, dessen Rolltür mit Getöse herunterrasselt, und entnimmt ihm ein Formu- lar. Mit diesem Formular setzt er sich wieder an den Schreibtisch. Zinns Angaben sind lückenlos. Steffi trägt einen rosa- farbenen Rock, so der Schnitt, so der Besatz, eine Hand- breit herab übers Knie, eng; Pullover aus hauchzartem Silastikmaterial, hochgeschlossen, weiß; breiter Leder- gurt mit auffallender Schnalle, eloxiert; weiße Pumps, hochhackig, mit offener Ferse. So war sie bei dem unse- ligen Streit bekleidet. Zinn hat sich vergewissert, daß sie sich in seiner Abwesenheit nicht mehr umgezogen hat. 58
  • Diese Stücke fehlen in ihrem Schrank. Auch ihr Trench- coat fehlt, beige, Münzenknöpfe, mit Gürtel selbstver- ständlich – Steffi betont gern ihre Figur. Die Wäsche, wie, die auch? Nun ja, das hat er sich schon gedacht, und wenn’s denn sein muß. Eine weiße Garnitur ließ sich nicht mehr finden, der dünne Pullover erlaubte eine ande- re Farbe ohnehin nicht, nur an den Schlüpfern sind Schleifchen, lila. Diese Personenbeschreibung läßt anscheinend keine Wünsche offen, und bisher ist Meister Handtke auch durchaus zufrieden. Doch dann zeichnet Zinn das Bild der Vermißten, und Handtke merkt bald, daß es zwecklos wäre, diesen Mann anzuhalten, sich gerade jetzt mit prägnanten Angaben zu bescheiden. Handtke braucht Auskunft über Erscheinung und Aussehen der Person, nicht aber über Zinns Verehrung seiner Frau, seine tiefe Bindung und Abhängigkeit, die er unbewußt mit seiner Schilderung verrät. Die Augenfarbe interessiert Handtke, Zinn indessen schwelgt laut vor sich hin: Stellen Sie sich einen Hochsommerhimmel vor, in dessen Blau noch ein Wehen soeben zergangener Federwölkchen mitschwingt. Handtke schreibt lautlos knurrend blau und vernimmt in wehrlosem Unbehagen die Fortdauer der Himmelsbe- schreibung, obwohl er die Haarfarbe wissen will. Doch was er nicht weiß, erfährt er nun, daß nämlich nur unter einem bestimmten Himmel in Hochlagen, also im klaren Licht der Berge, reifender Weizen den Goldschimmer von Steffis Haar ausstrahlt. Handtke hat sich Hochla- genweizen nie so genau angesehen, auch ist ja nicht ’raus, ob er Zinns bestimmten Himmel über sich und die Lichtverhältnisse angetroffen hätte, die ein solches Na- turschauspiel erst ermöglichen. Unmutig brummt er: „Blond also“, aber blond, dieses dürftige, glanzlose, 59
  • nackte Alltagswort, genügt eben nicht, Steffis Haarfarbe zu bezeichnen, sonst hätte Zinn ja nicht mit dem Ver- gleich aufgewartet. Nur dieser Vergleich läßt vor dem geistigen Auge eines Betrachters, der Steffi nicht sehen kann, ihr wunderbares Haar erstehn; mit einem einzelnen Wort ist da nichts zu machen. Es gibt kein einzelnes Wort dafür. Vor Handtkes geistigem Auge wehen Weizenfelder in allen Schattierungen, reifende, reife, überreife Ähren auf gelben, goldenen, rostbraunen Halmen, Felder in allen Ausdehnungen, Täler, Hänge, ganze Landstriche voll. Aber die sind bei ihm nicht gefragt, er ist weder Sorten- züchter noch Agronom. Er kann nur mit einer präzisen Angabe etwas anfangen, die allein taugt als Fahndungs- hilfe, und um dem immensen Wachstum der Weizenfel- der dieses hörigen Mannes nicht länger ausgesetzt zu sein, kürzt er das Verfahren ab, schreibt rotblond, mehr nicht, legt aufatmend den Kugelschreiber aus der Hand, sagt: „So, das genügt vorerst, Herr Zinn“ und starrt be- troffen in Zinns sich öffnenden Mund, aus dem die Worte hervortaumeln: „Ich glaube, ich habe Ihnen Steffis Ohren noch nicht beschrieben. Sie sind nicht nur klein, sie sind zierlich und besonders an einem Merkmal zu erkennen, das, ohne Übertreibung …“ „Danke, Herr Zinn“, sagt Handtke und weiß, daß er, wäre er ein Hund, jetzt bellen würde; aber er bringt nur eine matte Geste zustande, ein hoffnungsloses Abwehren mit der Hand – entsetzlich der Gedanke, sich eine seltene Meermuschel hundert Meilen südwestlich der Malediven in sechs Meter Tiefe bei abflauendem Monsun und alge- gefiltertem Wetterleuchten vorstellen zu müssen, um ei- nen Begriff von Steffis einzigartigen Ohren zu kriegen! Entschuldigend fügt er hinzu: „Unsre Genossen können 60
  • doch einer Frau, die Ihre Gattin sein könnte, nicht unters Haar fassen, um …“ „Aber Steffi trägt eine Hochfrisur“, sagt Zinn mit ge- radezu lächerlicher Hartnäckigkeit. „Es genügt mir aber, was ich habe“, entgegnet Handt- ke, nun fast bellend. „Und übrigens bekommen wir ja auch noch ein Foto von Ihnen.“ „Leider“, sagt Zinn mit gesenktem Blick, „ich besitze kein Foto von Steffi.“ „Was?“ ruft Handtke. „Sie hat eine kleine Warze am Nasenflügel links“, er- klärt Zinn, „und Frauen sind nun mal eitel.“ „Dann müssen wir auf ihr Personalfoto zurückgrei- fen“, sagt Handtke und schüttelt – diese Weiber – den Kopf. „Den Ausweis hat sie aber doch bei sich.“ „Wir haben ein Doppel hier, Herr Zinn.“ „Ach ja, richtig. Daran hab’ ich nicht gedacht.“ Nach einer Pause, in der er sich wohl auf dieses Foto zu besin- nen versucht hat, murmelt er: „So bin ich wenigstens die- se Sorge los.“ „Sie werden von uns hören“, sagt Handtke und steht auf. Auch Zinn erhebt sich. Handtke streckt ihm die Hand über den Tisch hin. „Wir werden uns bemühn, Ihre Gattin zu finden, mit al- len Mitteln, die uns zu Gebote stehn. Dessen kann ich Sie versichern, Herr Zinn.“ „Danke“, sagt Zinn und drückt Handtkes Hand. In der Tiefe seiner grauen Augen glimmt wieder die Besorgnis, die lähmende Angst, vom Leben gezwungen zu werden, jene gräßlichen Bilder zu schauen, die jetzt noch als Schattengespenster durch die dunklen Bezirke der Phan- tasie geistern. 61
  • „Kopf hoch“, sagt Handtke. „Ich muß wohl“, antwortet Zinn mit einem Zucken um die Lippen. Als er geht, weiß Handtke, dieser Mann wird wie eine Pflanze verdorren, falls seine Frau genug hat von seiner Selbstunterwerfung und die Rückkehr verweigert. Wie ein andrer Körper einen Menschen doch versklaven kann, denkt er, und wie wenig von ihm dann noch bleibt. Zinn – ein weiches Metall. Worin, verdammt, unterscheidet sich Hochlagenweizen eigentlich von den märkischen Sorten? 62
  • DRITTES KAPITEL Lohm oder Im Dunkel der Möglichkeiten I Oberleutnant Gallich, den Mantel noch halb auf der Schulter, nimmt den Hörer ab, als sei er aus Blei, hebt ihn mit dem Ausdruck unzumutbarer Anstrengung ans Ohr und lauscht. Der Mißmut in seinem Gesicht ist der Mißmut des Regens, dem er soeben entronnen ist ins Gemäuer des Präsidiums, sanft emporgetragen vom Pa- ternoster, auf glitschigen Sohlen durchs Labyrinth der rechtwinklig geordneten, das Flurlicht widerspiegelnden Gänge, in deren Mitte, schmal wie ein Gartenweg, die Schmutzbahn vieler Füße glänzt. Vor fast jeder Tür zwei- gen einzelne Tapfen ab, und der Gartenweg wird zum Saumpfad mit zählbaren Tritten. Der Schmant kommt vom Baugrubendreck vor der Tür, ein unschicklicher Gruß des Skeletts, das sich, wie aus der Erde gewachsen, mehr und mehr gen Himmel reckt und einmal das Haus des Reisens sein wird. Eine Tür vor seiner endet, was der Raumpflegebrigade schwerer im Magen liegen wird als Gallich die frühe Morgenstunde. Hinter dieser Tür sitzt Hauptmann Schnei- der mit seiner Arbeitsgruppe, Schneider, der sich mit Ei- gentumsdelikten herumschlägt. Er hat eine Bilderbuchspur hinterlassen, einen Abdruck, so klar und durchgezeichnet in den Konturen, wie man ihn nur an Glückstagen findet oder im Lehrbuch für Kriminalisten. Wahrscheinlich hat er unversehens fester aufgetreten, als er vom makellosen Glanz des Bodenbelags vor der Nachbartür ablas, die von der MUK wären wieder einmal später dran. 63
  • Jetzt, am Schreibtisch, den Hörer am Ohr, kann Gal- lich den Gedanken nicht fortspinnen. Lohm ist noch nicht da, und dieser Leutnant Berndt an der Strippe wäre bes- ser beraten, würde er den Hauptmann erreicht haben. Das gäbe Gallich selbst einem Dritten gegenüber unumwun- den zu. Er hat das vielgerühmte Gold der Morgenstunde für seine Person noch nicht entdeckt, und er wird es wohl nie entdecken. Am allerwenigsten an einem Morgen wie diesem, der den Menschen daran glauben läßt, es könnte die Sintflut im beschriebenen Ausmaß wohl doch gege- ben haben. Müde ist Gallich, so müde und klamm in den Glie- dern, daß es ihm schon Erleichterung schafft, jetzt nie- manden anschauen zu müssen. Er hält den Blick zu Bo- den gesenkt, wo sich rings um seine Schuhe, Tropfen um Tropfen, eine Lache bildet. Er sieht ihrem Entstehen zu mit einer Anteilnahme, die nur seiner Müdigkeit ent- springt. Aber ohne daß er es will, formt sich in seinem Hirn ein Bild, angeregt durch die Informationen dieses ihm unbekannten Leutnants, der noch verdammt jung sein muß, Stimme und Erregungsgrad lassen darauf schließen, und dieses Bild deckt sich mit der Lache zu seinen Füßen. Oberleutnant Gallich sieht sich in einem winzigkleinen, von den aus dem Loden seines Mantels fallenden Tropfen leise bewegten Müggelsee stehen. „Müggelsee?“ sagt er in die Muschel. „Ah, Langer See!“ In dem Augenblick dringt Lohm ins Zimmer ein. Lohm dringt stets in Zimmer ein, auch in Hallen und Sä- le, in Räume jeder Art. Offenbar ist er nicht fähig, ir- gendwo einzutreten, es sei denn, der Dienst gebietet das. Dann erzeugt er eine Lautlosigkeit, die Gallich selbst in seiner müdesten Morgenperiode nicht zustande brächte. 64
  • „Morgen“, sagt Lohm. „Morgen“, sagt Gallich. „Scheißwetter“, sagt Lohm und knöpft sich aus dem knirschenden Ledermantel, von dem das Wasser beim Marsch durch die Gänge schon abgelaufen ist. Die Erwähnung des Wetters zwingt Gallich ein Gäh- nen in die Kehle, das er mit Rücksicht auf den aufgereg- ten Leutnant am andern Strippenende herunterpreßt. „Moment, Genosse“, sagt er in die Muschel, „ich gebe Ihnen am besten den Genossen Hauptmann. Er ist soeben zurückgekommen.“ „War beim Chef“, sagt Lohm. Er hat den Mantel über den Bügel gestreift und an das Spind gehängt. In das Spind paßt der Mantel nicht hinein. Lohm hat das Idealmaß eines Handballers, eins achtundneunzig auf nackten Sohlen. Vor Jahren wurde ihm bei einem Ver- kehrsunfall die linke Schulter zertrümmert, die seitdem herabhängt. Dann und wann fängt er unterwegs den Blick eines Menschen auf, der meint, er sei mit einer Verwachsung behaftet. Gegen solches Bedauern kämpft Lohm nicht an, er honoriert es mit einem Lä- cheln. Die Leute haben ja recht; es ist in der Tat alles so gut verwachsen, daß er und sein tüchtiger Chirurg glücklich darüber sind. Der Schönheitsfehler kümmert ihn nicht, Vera findet ihn sogar schick. Die abfallende Schulter läßt den Hals auf der einen Seite länger er- scheinen und den Kopf ein wenig schief; das sieht aus, als lausche Lohm unentwegt in die Tiefe. „Da ist ’n Leutnant Berndt von der Inspektion Köpe- nick dran“, sagt Gallich und streckt Lohm den Hörer hin. „Die haben in Grünau was an Land gezogen und sind jetzt draußen, und dieser Berndt kommt wohl damit nicht ganz klar. Sprich du mal mit ihm, Herbert.“ 65
  • „Ich möchte bloß wissen, was deine Frau dir zum Frühstück für Kaffee vorsetzt“, sagt Lohm, rührt aber keine Hand. „Bist du jemals vor zehn zu gebrauchen?“ „Ich laufe immer schwer an, du weißt ja, und wie erst bei solchem Mistwetter“, stöhnt Gallich, den Hörer in der ausgestreckten Hand, mit beiden Füßen im winzigkleinen Müggelsee. „Ich werd’ aus dem seinem Esperanto ein- fach nicht klug. Der meint, das sei vielleicht ’ne Sache für uns, dann meint er wieder, das sei vielleicht keine Sache für uns.“ „Am besten“, empfiehlt Lohm und grinst, „du klärst ihn über die Zuständigkeit der Morduntersuchungskom- mission auf.“ „Das weiß er doch selber“, sagt Gallich gequält. „Der weiß auch, wann wir zuständig sind. Nur weiß er eben nicht, ob’s ’n Mord ist. Nimm schon, Herbert, und red du mit ihm. Die haben ’ne Frau aus dem Wasser gefischt, und die ist schon ziemlich hin.“ „Gib her“, sagt Lohm und ist mit zwei Schritten bei Gallich, wofür der mindestens drei gebraucht hätte. Als er sich meldet, hört man aus seiner Stimme keine Erre- gung heraus. Aber in seinen grauen Augen steht kalter Glanz, das Zeichen seiner Bestürzung. II Von den wenigen Passanten, die an diesem Morgen auf den Straßen sind, würde mancher dem Wagen einen Blick schenken, der das Zentrum der Hauptstadt in Richtung Osten verläßt, ahnte er, wohin er unterwegs ist. Doch die meisten sehen ihn nicht mal in ihren hochgeschlagenen Mantelkragen, unter den ins Gesicht gezogenen Hüten und den tänzelnden Schirmen, mit denen sie sich gegen die 66
  • fauchenden Regenböen stemmen. Durch die Wagenfenster nimmt Lohm nur Schemen wahr. Sie geistern über die Trottoire in allen möglichen Verrenkungen, meist gebeugt wie anrennende Stiere, Breschen schlagend in die Mauern sprühenden, aufstiebenden grauen Wassers, welches das Tageslicht aufsaugt wie ein Schwamm. „Das ist ’n Wetterchen, was?“ sagt der Fahrer, als eine Lache mit dumpfem Schlag gegen den Wagenboden springt und das ganze Fahrzeug erdröhnt. Quirlende Bä- che rinnen die Bordsteine entlang und stürzen in schäu- menden Wirbeln in die Gullys. Die Tachonadel steht un- beweglich auf der Vierzig. Mehr mutet der Fahrer seinen Insassen und dem kriechenden Verkehr nicht zu. Der Re- gen überschwemmt das Leuchten der Rücklichter, das die Scheinwerfer ihm erst entreißen, sitzt man dem Vorder- mann fast auf der Stoßstange. Dennoch überholen sie etliche Autos, und wieder frohlockt der Fahrer: „Don- nerwetter, ist das ’n Guß!“ Prost Mahlzeit, denkt der kleine, schmächtige Ober- leutnant Reiß, der neben Lohm im Fond sitzt, da ist die Kriminaltechnik wieder am beschissensten dran, und die- ser Knallkopp jubiliert wie ’ne Sommerlerche! Bei dieser Waschküche sollte der mal ’ne Spur ausmachen, der fände nicht mal ’nen ganzen Schuh. „Das hat uns noch gefehlt“, knurrt er, den Blick auf den Nacken des Fahrers geheftet. „Der Genosse Oberleutnant mag Regen nicht sonder- lich gern“, sagt Gallich zum Fahrer. „Das ist schon kein Regen mehr“, sagt Reiß. „Das war keiner und wird keiner mehr werden. Das ging gleich so los und hört auch so wieder auf, Nur wann?“ „Ich denke, wenn wir in Lichtenberg sind“, sagt der Fahrer. „Spätestens in Köpenick. Da vorn wird der Him- mel schon hell.“ 67
  • „Hell nennen Sie das?“ brummt Reiß. „Ach, Sie machen das schon, Genosse Oberleutnant“, sagt der Fahrer mit umwerfender Zuversicht, und Lohm muß lächeln, als er Reiß’ wehrlose Miene sieht. Auf dem Adlergestell dann hängen die unablässig zerplatzenden, schüttenden Regenwolken tatsächlich im Rückfenster, und vor ihnen erglänzt der Asphalt unter einer bleichen, kummervollen Sonne, die über alles, was da steht oder sich bewegt, den kühlen Schleier ihres gla- sigen Lichts wirft. „Am Langen See“, sagt Lohm, „vom Sportdenkmal ein Stück stromauf.“ „Ist der Fundort“, sagt Gallich. „Ja“, sagt Lohm. „Ich hab’s dem Fahrer schon beschrieben“, sagt Gal- lich. „Ich weiß“, sagt Lohm. Er blickt in das Glitzern der Regentropfen auf den vorbeihuschenden Bäumen. Die Bäume sind vergilbt; jetzt tragen sie Silber statt Grün. An der Tankstelle Grü- nau biegt der Fahrer in die Wassersportallee ein. Auf dem Steinpflaster befällt den Wagen ein Zittern, das wie Gallert über die Gesichter rinnt. Dann folgt das schmale gewundene Band der Regattastraße. Das leise Zischen der Reifen auf dem nassen Asphalt verliert sich in der lautlosen Melancholie, die mit dem Herbst hier eingezo- gen ist. Das kleine Café gegenüber der Seeseite, dessen Fenster nicht ahnen läßt, wieviel Raum und Behaglich- keit den Gast hinter den bunten Scheiben erwartet, ist um diese Stunde noch geschlossen. Vorbei ist die Zeit der Gartenlokale, der Uferterrassen und sonntäglichen Pro- menaden, der großen Regatten und einsamen Segel. Die Parkplätze sind leer. Nur unterm Garagendach des neuen 68
  • Motels stehen ein paar Autos. Die Bootshäuser haben dichtgemacht bis zur nächsten Saison, und geistert über die verwaisten Tribünen dann und wann ein Hauch von Leben, dann ist es das Spiel der Sonne oder der Tanz ver- irrter Blätter. Wo sich der Wald der Straße öffnet, erwartet ein Si- cherungsposten den Wagen; er beschreibt dem Fahrer die Zufahrt zum Fundort. Auf dem Promenadenweg fahren sie langsam bis zu der Stelle, die dem Fundort offenbar am nächsten liegt; denn dort stehen drei Fahrzeuge, ein Funkstreifenwagen, ein Pkw, mit dem der Arzt vom Ret- tungsamt gekommen ist, und der Bergungswagen der Feuerwehr. Der Fahrer parkt hinter dem kleinen Konvoi. Das Ufer ist Fahrzeugen unzugänglich, aber zwischen den Stämmen schimmert schon der See; es sind nur ein paar Schritte bis hin. Lohm geht voran, gefolgt von Gallich und Reiß. Das regenfeuchte Unterholz peitscht ihre Beine, Zweige zer- knacken unter ihren Tritten, ein untersetzter, stämmiger Mann löst sich aus einer am Wasser stehenden Gruppe und kommt ihnen entgegen. Es ist der Leutnant Berndt, ein junger Genosse, der sich sogleich an Lohm wendet, obwohl Lohm ihn heute zum erstenmal sieht. Aber Lohm ist bekannt und unverwechselbar dank seiner Körpergröße. Der Leutnant informiert Lohm in knappen Zügen, als müsse der Hauptmann auf den restlichen Metern bis zum Ufer den gesamten Hergang erfahren. Dabei versucht er sich an Lohms Seite zu halten, woran ihn mehrmals ein Baum recht unsanft hindert. Sein Gesicht ist weiß wie ein Laken, und über dieses ungesund-kalkige Weiß ergießt sich das unstete Feuer aufgerissener Augen. „Wohl bös der Anblick?“ fragt Lohm. 69
  • „Schrecklich“, antwortet der Leutnant. „Nichts für schwache Nerven“, sagt Lohm. „Es ist mein erster Fall, Genosse Hauptmann“, sagt Berndt, „und gleich so.“ „Ja, dann …“, sagt Lohm; aber er denkt nicht zurück, wie es ihm beim ersten Male erging. Er ist ganz auf das konzentriert, was ihn da vorn, keinen Steinwurf mehr weg von ihnen, erwartet, „Die Leiche ist vollkommen nackt“, sagt Berndt. „Dann schauen Sie am besten nicht mehr hin“, sagt Lohm und fügt nach einer kleinen Pause an: „Wenn Sie davon solche Schwierigkeiten kriegen.“ Die Bäume stehen hier bis dicht ans Wasser, einige wachsen sogar aus der Uferkante, und es ist nicht viel Platz um den grausigen Fund. Wo der Bergungstrupp ihn geborgen hat, gähnt eine Schneise im Schilf. Der Leich- nam liegt auf einer Gummiplane. Lohm genügt ein Blick, den Grad der Zersetzung zu erfassen. Nur gut, daß es kühl ist, denkt er und wendet sich ab. Auch ihm macht der Anblick zu schaffen. Er begrüßt den Arzt und den Leiter des Bergungs- trupps, die er beide kennt. Er gibt auch den Genossen der Feuerwehr die Hand und Leutnant Berndts Mitarbeiter; und dem alten Angler, der seinen Fund dem Revier ge- meldet hat, klopft er begütigend auf die Schulter, als der mit aller Beredsamkeit seines zahnlosen Mundes das auf- regende Ereignis zu schildern anfängt. „Noch nicht“, sagt Lohm. „Wir machen lieber alles der Reihe nach.“ „Jawoll!“ sagt der Alte und läßt seine trockne Gestalt aufzucken, als schlage er die Hacken zusammen. „Ick halte mir zu Ihrer Vafüjung, Herr Kriminalinschpektor. Wenn’t sein muß, zeije ick Ihn’n ooch jern die Stelle, wo 70
  • se aus’m Wasser rausjekiekt hat, det nackte Mädchen. Ick bin nich zimpalich.“ „Um so besser“, sagt Lohm und wendet sich an den Arzt. „Wie lange, vermuten Sie, hat sie im Wasser gele- gen, Doktor Scherfig?“ „Zwei Wochen“, antwortet der Arzt, „vielleicht auch ein paar Tage länger. Sie wissen, ich bin kein Sachver- ständiger, Herr Lohm.“ „Natürlich. Ich wollte es auch nur ungefähr wissen.“ „Das Wasser ist schon beträchtlich kalt“, fügt Doktor Scherfig hinzu. „Ja“, sagt Lohm, „sonst wär’ sie früher aufgetrieben. Haben Sie irgendwelche Anzeichen von Gewalteinwir- kung bemerkt?“ „Auf den ersten Blick nicht, und zu mehr hat’s bei mir nicht gereicht.“ Doktor Scherfig verzieht das Gesicht. „Ich habe noch nicht gefrühstückt.“ „Nun ja“, sagt Lohm, „das ergibt ja dann die gerichts- medizinische Sektion.“ „Es ist meine erste Todesfeststellung …“ Lohm blickt den Arzt erstaunt an. „… die ich in einem Wolkenbruch machte“, ergänzt Doktor Scherfig mit frostsaurem Lächeln, und jetzt erst fällt dem Hauptmann auf, wie durchnäßt alle sind. „Sie brauchen mich doch nicht mehr?“ „Aber nein“, sagt Lohm und verabschiedet den Arzt. „Ich danke Ihnen, Herr Doktor.“ Der See dampft wie ein Tiegel, in dem Öl verbrennt. In Augenhöhe sammelt sich der Nebel und schwebt in Schichten über dem Wasser, milchfarbenes Haar, das die Sonne zu Strähnen kämmt. Ein Schlepper zieht hindurch. Der Nebel bäumt sich auf und bildet weiße Gebirge, von denen Lawinen mit lautlosem Donnern herabstürzen. 71
  • Hoch darüber, am jenseitigen Ufer, schimmern schwarz- grün die wirklichen Berge; der warnende Zeigefinger des Müggelturms glüht in der Sonne. Lohm blickt zur Toten hin. Ihr Haar klebt in Strähnen um den Kopf, geblichenes Kupfer im stumpfen Glanz der Leblosigkeit, von der schmutzigen Patina aus Tang und Schlamm behaftet, einst sicher der Stolz seiner Trägerin, nun nutzlos und fremd wie der Tod. Nie wieder wird ein Kamm dieses Haar formen, nie wieder eine Hand es zärt- lich glätten und bei seiner Berührung eine Ahnung von Glück verspüren. Wer hat das gewollt? Reiß macht sich an der Toten zu schaffen. Er hockt neben dem Leichnam und betrachtet ihn durch eine Lupe. Über den Knöcheln seiner Finger spannt sich der Gum- mihandschuh. Im Gesicht des Kriminaltechnikers verrät kein Muskel, was ihn bewegt, anders als bei dem jungen Berndt, der sich abseits hält, farblos wie Zuckerwatte, und sich wohl verzweifelt fragt, ob er sich in eine solche Arbeit jemals eingewöhnen wird. Dennoch hat er die Zeit bis zu Lohms Ankunft genutzt; eine lobenswert exakte Fundortskizze ist angefertigt, die Fotos sind auch schon im Kasten, geschossen beim Durchbruch des ersten Son- nenstrahls. Lohm sagt dem Leutnant ein anerkennendes Wort, verschweigt aber, was er im Geiste hinzufügt: Der Tatort wäre mir lieber. Doch kann hier von einem Tatort überhaupt die Rede sein? Sprechen die Umstände nicht eher für einen Unfall- tod oder Selbstmord? „Nein“, sagt Lohm zu Gallich, der seine Kamera so- eben ins Futteral schiebt. Der Oberleutnant hat, obwohl die Tote ja bereits auf einen Film gebannt ist, seinen Elektronenblitz mehrere Male aufzucken lassen. Alle Mü- digkeit ist von ihm gewichen, und nun, da er angelaufen 72
  • ist, wird er in Fahrt bleiben über jegliche Anfechtungen hinweg, und ginge es zweimal rund um die Uhr. „Nein“, sagt Lohm, „ein Selbstmörder sucht sich doch gewöhn- lich eine Stelle, wo er sich ins Wasser stürzen kann, da- mit er nicht versucht ist umzukehren. Es genügt ihm also nicht mal ein Bootssteg, es sei denn, er bindet sich einen Stein um den Hals. Eine solche Stelle gibt es am ganzen Ufer nicht, mit Ausnahme der Schmöckwitzer Brücke.“ „Hm“, brummt Gallich, „die ist allerdings hoch genug.“ „Ja, aber die Tote ist unbekleidet.“ „Sie müßte also nackt hineingesprungen sein – und das von der Schmöckwitzer Brücke.“ Gallich massiert sein Kinn. „Ist unwahrscheinlich, stimmt.“ „Es gibt Menschen, die machen sich schön, ehe sie Hand an sich legen. Vielleicht war das Schönste für diese Frau ihr Körper?“ „Und mit dem stellt sie sich vorher auf der Schmöck- witzer Brücke zur Schau.“ „Warum nicht? Dort ist doch nicht den ganzen Tag Verkehr.“ „Also nachts.“ „Zum Beispiel.“ „Gefällt mir nicht“, sagt Gallich und wiegt den Kopf. „Ist mir zu verrückt. Außerdem, was hat sie mit ihren Sachen gemacht? In der Nähe versteckt? Dann hätte sie ja nackt auf die Brücke gehen müssen. Nein.“ Aber auch daß die Kleidung an der Brücke abgelegt oder ins Wasser geworfen wurde, hält Gallich für ausgeschlossen; so oder so wäre sie inzwischen gefunden worden. „Nun ja, gefunden vielleicht schon“, sagt Lohm. „Aber selbst wenn sie nicht abgegeben worden wäre, es kann so nicht gewesen sein. Schau dir mal die Strömung und diese Bucht hier an. Was mit der Strömung treibt, 73
  • treibt an der Bucht vorbei. Sie muß ganz in der Nähe umgekommen sein.“ „Und was spricht dagegen?“ „Wenn sie hier umgekommen ist“, antwortet Lohm bestimmt, „ist es nicht Selbstmord gewesen.“ „Ich bin da nicht so sicher“, sagt Gallich mit einem Blick auf die Tote. „Sie muß ja nicht so weit hinausge- schwommen sein, um von der Strömung erfaßt zu wer- den. Sie kann auch …“ „Nun?“ „Freilich, im seichten Wasser“, lenkt Gallich ein und greift sich ans Kinn. „So einfach hineinzugehn, bis man den Boden unter den Füßen verliert, und dann durchzu- halten, ohne Hilfsmittel, bloß mit dem Willen und noch dazu als Frau.“ „Das kriegt auch ein Mann nicht fertig.“ „Also ein Unfall?“ Lohm zuckt mit den Schultern, sagt aber dann: „So sieht’s erstmal aus.“ „Wenn sie zwei Wochen im Wasser gelegen hat, ist es im September passiert. Hm. Es war ein ausgesprochen schöner September, teilweise mit hochsommerlichen Temperaturen. Trotzdem, um diese Zeit spielt sich hier nichts mehr ab mit baden und so. Ich weiß nicht, ob eine Frau dann hier rausfährt, sich auszieht und Freikörperkul- tur betreibt bei sagen wir zwölf bis fünfzehn Grad Was- sertemperatur.“ „Ich weiß es auch nicht“, sagt Lohm. Er blickt über den See, der unter dem milchigen Dunst jetzt schwarz und gläsern leuchtet. „Es soll ja Leute geben, die solche Temperaturen nicht scheuen – selbst Frauen“, setzt er mit einem Seitenblick auf Gallich hinzu. „Aber sucht sich eine Frau zum Nacktbaden diese Gegend aus, auch wenn sich hier nichts mehr abspielt? Es kommt doch mal ein 74
  • Spaziergänger vorbei. Und vom See her der Schiffsver- kehr, die Sportboote? Die sind um diese Zeit ja auch noch draußen.“ „Tagsüber schon. Aber abends?“ „Und dann allein?“ „Hm“, sagt Gallich, „das ist mir auch schon durch den Kopf gegangen. Na, wenn wir den Befund der Sektion haben, wissen wir mehr.“ „Damit hast du wieder mal ins Schwarze getroffen“, sagt Lohm mit freundlichem Spott. „Portig schaut in die Leiche hinein und findet mit der Todesursache auch gleich die Umstände. Schön wär’s.“ „Daran hab’ ich noch gar nicht gedacht, wie schön das wäre“, erwidert Gallich trocken. „Im nächsten Urlaub werd’ ich damit anfangen.“ „Tu das“, sagt Lohm. „Aber vorher, denk’ ich, knöp- fen wir uns den Alten mal vor und gucken uns etwas in der Umgebung um.“ „Wenn wir Glück haben“, seufzt Gallich, „finden wir einen Pilz.“ Der alte Angler steht unter einem Baum in Bereitschaft, stramm und etwas schäbig wie ein Zinnsoldat, dem ein Bubenfinger die Montur heruntergekratzt hat. Kaum ist er angesprochen, öffnet sich sein zahnloser Mund, ein Schleusentor, aus dem eine Woge von Worten hervor- bricht. Was an dem Alten beweglich ist, gerät in Bewe- gung: Tief aus der Schulter heraus holt er die Kraft seiner Arme, mit denen er die Riemen durchs Wasser zieht; aus dem Handgelenk dreht er den Wurf der Rute, der Finger bremst den Flug der Schnur, und dann, plötzlich, werden die Giebel seiner Brauen spitz, die zitternde Hand schirmt die Augen ab, Entsetzen läßt die Falten auf seinem Ge- sicht gerinnen – er hat sie erspäht, die Wasserleiche! 75
  • „Mittenmang von det Schilf, eijentlich jarnich uffäl- lich, mehr wie’n Häufken Schnee, wat aufm Wassa schaukelt. Aba Otto is helle! Otto, sar ick mir, wo soll’n der Schnee herkomm’ dieset Jahr im Oktoba! Und ick denk mir, wat wie Schnee aussieht im Oktoba, det kann ja gar keen Schnee sein. Aba wat isset dann?“ Am Stammtisch wird Otto zweifellos einen Magne- tismus ausstrahlen, der sogar die Zecher an der Theke von ihren Mollen reißt. Für Lohm ist der Informations- wert gleich Null. Die Hauptsache ist durch die Umstände ohnehin bekannt: Der Alte hat die Tote im Schilf ent- deckt und den Fund auf dem nächsten Revier gemeldet, so rasch ihn Kahn und Füße trugen. Lohm, der immer wieder versucht hat, Otto Murschke aufs Wesentliche hinzulenken, fragt: „Wie oft angeln Sie hier?“ „Zweimal die Woche. Dienstag und Freitag, aber nur, wenn Minke ’ne jute Nacht jehabt hat.“ Lohm nickt verstehend, um keine Erläuterungen über Minke herauszufordern. Ihm ist es Wurst, ob Minke Ot- tos Frau oder etwa eine Katze ist, die Goldfische frißt. „Sind Sie am letzten Freitag auch hier vorbeigerudert?“ „Aba det is doch meine Route.“ „Und war das, was wie Schnee aussah, am Freitag schon da?“ „Nee.“ „Oder ist es Ihnen da bloß nicht in dem Maße aufge- fallen, daß Sie nach dem Rechten sahen? Man guckt ja nicht immer so aufmerksam ins Schilf.“ „Wer is man?“ fragt Otto Murschke und lächelt dem Hauptmann tadelnd ins Auge. „Ick bin keen Sonntachs- angler, Herr Inschpektor, und ick kieke imma uffmerk- sam in’t Schilf. Wo soll ick denn sonst hinkieken, wo 76
  • doch im Schilf der Hecht steht? Nee, am Freitach war da noch nischt, dajejen wett ick meine janze Ausrüstung mitsamt’m Kahn.“ „Den setzen Sie mal lieber nicht aufs Spiel“, sagt Lohm und klopft dem Alten auf die Schulter. „Genosse Hauptmann!“ ruft Oberleutnant Reiß. Lohm dreht sich um. Ohne ein Anzeichen von Erre- gung kommt Reiß auf ihn zu, langsam, als habe es keine Eile, was er dem Hauptmann zu sagen hat. Lohm lächelt. Reiß läßt sich so leicht nichts anmerken, sein schmales Gesicht mit den hohlen Wangen und den schwarzen Ra- surschatten darauf ist voller Verstecke für Gedanken und Gefühle. Nur die Augen entziehen sich seiner Beherr- schung. An ihnen erkennt Lohm, daß der Kriminaltech- niker etwas entdeckt hat. Im Vorbeigehen tippt Reiß an Gallichs Kamerafutte- ral. „Die brauchen wir noch mal.“ „Wenn wir dich nicht hätten“, sagt Gallich. Lohm tritt zu den beiden. „Die rechte Hand“, sagt Reiß. Lohm kostet es Überwindung, die Leiche aus der Nähe zu betrachten. Die Zersetzung ist nicht nur sichtbar, sie füllt die Luft ringsum mit einem schweren warmen, wür- genden Geruch an, der mit jedem Atemzug in die Lunge kriecht. Das ist wie die indirekte körperliche Berührung durch einen Hauch, und obwohl der tote Mund geschlos- sen ist, ist es, als suche er mit seinem Hauch die Leben- den zu treffen und zu vertreiben. Lohm atmet flach, die Oberlippe hochgezogen als unwirksame Barriere vor der Nase. Aber es ist nicht ganz so schlimm, hat man wenigs- tens eine Abwehrillusion. „Die Nägel“, sagt Reiß zu Gallich. „Geh so dicht ’ran wie möglich. Ich brauche sie ganz groß.“ 77
  • Jetzt sieht es auch Lohm. Die Spitzen der Nägel des Mittel- und Zeigefingers sind umgeknickt, tief bis in den Nagelkörper hinein. Der Mittelfingernagel ist abgebro- chen, hängt aber noch an einem Ende fest, und in der Bruchstelle haftet ein zentimeterlanger aufgequollener weißer Faden. „Aha“, sagt Lohm und blickt zu Reiß auf. „Sehr gut.“ Der schmächtige Oberleutnant verzieht keine Miene. „Fast hätt’ ich’s übersehn.“ „Fast“, sagt Gallich, indem er die Kamera aus dem Futteral nimmt. „Die Haut überm Nagelbett ist auch ein- gerissen.“ „Das stammt von mir“, erwidert Reiß. „Irgendwie mußte ich an die Nägel ’ran. Ich sah nur ein Ende von dem Faden, und auch das bloß durch die Lupe. Die Nägel waren ja vollkommen …“ „Verstehe“, sagt Lohm und tritt beiseite, um Gallich Platz zu machen. Gallich, die Kamera am Auge, beugt sich über die To- te, stellt die Schärfe ein, und dann läuft das Aufzucken des grellen Blitzlichts wie ein lautloses Beben durch den Wald. Das wiederholt sich mehrere Male. Aus verschie- denen Winkeln und wechselndem Abstand fotografiert Gallich die Hand, die, als wolle sie die Lebenden ver- höhnen, einen Faden an sich gerissen hat, ein Fädchen, das sie nun vorweist wie einen hämischen Triumph unentdeckbaren Wissens. „Es ist eine Spur“, sagt Lohm. „Sie paßt weiß Gott un- ter einen Fingernagel.“ Müde fügt er hinzu: „Aber es ist eine Spur.“ 78
  • III Sie haben die Umgebung abgesucht, Schritt für Schritt. Wie eine Treiberkette haben sie den Wald durchkämmt, Lohm mit seinen beiden Mitarbeitern und Leutnant Berndt mit seinem, fünf Augenpaare, denen so leicht nichts verborgen bleibt. Sie haben keinen Quadratmeter ausgelassen, weder am Uferstreifen noch unter den Bäu- men, wohin das Leuchten des Wassers nicht mehr dringt. Sie haben dem Schilfgürtel ebensoviel Aufmerksamkeit geschenkt wie jedem verrotteten Reisighaufen. Sie sind stromaufwärts bis zu der Landzunge gegangen, der be- vorzugten Badestelle, wo der Bungalow vom Rettungs- dienst steht, und noch ein Stück über die Bammelecke hinaus, die gelbsandige Bucht umrundend, vorbei an dem liegengebliebenen Müll des Sommers, leeren Flaschen, gähnenden Blechbüchsen und vom Wetter angeschmutz- tem Papier. Sie haben nichts gefunden, nicht einmal Gal- lichs sarkastisch beschworenen Pilz. Der Wald ist voll von raunendem, tropfendem, zwitscherndem Leben; ih- nen erscheint er leer. Die Sonne, wo sie durch die Wipfel sticht, schält aus den grünen Schatten das absolute Nichts. Es gibt keine Spuren, ob nun ein Täter da war oder nicht. „Vielleicht war es doch ein Unfall“, sagt Gallich leise. Im Ton dieser Stimme begegnet Lohm der eigenen Hoff- nungslosigkeit. „Aber eine Spur haben wir doch, Genossen“, sagt der junge Leutnant, dessen Wangen wieder Farbe zeigen. „Einen Faden, ja“, sagt Lohm. „Es ist bloß etwas viel, was an diesem Faden hängt.“ „Mal abwarten, was er uns zu erzählen hat“, meint Reiß. Seine Aufgabe ist es, die Dinge zum Sprechen zu bringen; ihr widmet er sich mit der leidenschaftslosen, erbitterten 79
  • Beharrlichkeit seines Wissens. Freilich ließe dieses Wissen ihn ratlos, stünde ihm nicht der ausgeklügelte Apparat des Kriminalistischen Instituts zur Verfügung. Und selbst ihn könnte er sich nicht dienstbar machen ohne den Stab der Helfer, der Experten in den weißen Mänteln. Gemeinsam mit ihnen wird er dem Faden Antworten ablisten, die jetzt noch in seiner winzigen, scheinbar nichtssagenden Existenz verborgen sind. So ist Reiß optimistisch, weil er wenigstens einen Faden hat, auch wenn, um mit Lohm zu reden, etwas viel an ihm hängt. Lohm wäre froh, hätte er eine Spur, die rasches Zupa- cken erlaubte; der Zeitgewinn ist eine Gegenwaffe des Täters, die immer wirksamer wird, je länger sie nicht un- schädlich gemacht werden kann. Aber nicht das ist es, was ihn bedrückt – schon manche Untersuchung endete mit einem derart mageren Ergebnis. Es ist die Begegnung mit dem Verbrechen selbst, das Widernatürliche, das aus solchen Taten spricht, dieser krankhafte Egoismus, der jeder Kreatur wesensfremd ist – warum nicht dem Men- schen? Lohm weiß die Antwort, und dennoch fragt er sich stets aufs neue: Warum? Der sinnlose gewaltsame Tod, er erfüllt Lohm stets mit Unruhe und Bitterkeit. Auf der Rückfahrt hängt jeder seinen Gedanken nach. Noch gibt es nicht viel zu sagen, noch könnte man sich nur in Mutmaßungen ergehen. Das ist ohnehin nicht nach Reiß’ Geschmack, der recht wortkarg sein kann. Er hat sich zurückgelehnt und starrt in den Stoffhimmel des Wagens. Gallich grübelt, ein Auge stets auf dem strö- menden Verkehr; doch ob er mit den Fahrkünsten des Fahrers oder mit seiner Kombinationsgabe unzufrieden ist, verrät sein abwärts gekrümmter Mund nicht. Gallich hat sich, als wollte er etwas nach hinten sagen, zur Seite gedreht, dann aber doch geschwiegen. Jetzt sitzt er in 80
  • dieser Haltung, den Arm auf der Rücklehne, und sein Profil wirkt wie ein Scherenschnitt im Licht des Bugfens- ters. Kein Wort fällt, ja, im Gebrumm des Motors ist nicht mal ein Atemzug zu hören, und die Geräusche von draußen machen die Stille nur noch drückender. Lohm reicht Gallich sein Zigarettenetui über die Leh- ne, und Gallich nickt und greift hinein, und der Fahrer schielt zur Seite und greift auch hinein, und selbst Reiß, der Nichtraucher, kehrt aus seinem Stoffhimmel zurück und bewahrt die Verachtung für das Rauchen in einem der vielen Verstecke seines Gesichts. Daß die sich jetzt eine anstecken müssen, dafür hat er Verständnis. Nach dem ersten Zug sagt Gallich: „Gesetzt den Fall, sie wäre von Schmöckwitz oder von noch weiter her ange- trieben worden, sie wäre nicht so unbehelligt bis da run- tergekommen.“ Er dreht sich noch mehr in der Hüfte und blickt Reiß an. „Oder hast du ’ne Verletzung entdeckt?“ „Was ich entdeckt hab’, hast du fotografiert“, antwor- tet Reiß. „Sonst war da aber auch gar nichts.“ „Bitte, nur die Nägel“, sagt Gallich. „Auf einer länge- ren Strecke hätte sie der Sog einer Schiffsschraube hoch- gerissen, und was der Sog einmal hat, ist auch gleich in der Schraube drin – und wenn in der nächsten. Das sieht dann verdammt unfeierlich aus, na, wem sag’ ich das!“ „Ich war mal dabei, als sie ’ne Frau aus ’nem Enten- teich gezogen haben“, sagt der Fahrer. „Es war mehr ein Tümpel, das Wasser ging einem nur bis zum Nabel, aber drunter war Schlamm. Die war nicht ertrunken, die war erstickt. ’nen Schleifstein hatte sie sich um den Hals ge- bunden. Mit ’nem Pferdegespann mußten sie die aus dem Modder hieven, und da hatte sie schon ’ne Woche drin- gesteckt. Seitdem schau’ ich mir so was nicht mehr an, und wenn’s in klarstem Quellwasser passiert wär’.“ 81
  • „Sie tun recht daran, Genosse“, sagt Reiß mit unbe- wegter Miene, und als die Augen des Fahrers ihn durch den Rückspiegel fragend anblicken: „Kugeln sind aus Blei mit etwas Stahl drum ’rum. Wären sie aus reinem Gold, sie würden ebensolche Wunden schlagen.“ „Angenommen, unsre Unbekannte hat Selbstmord verübt“, beginnt Gallich wieder, „was hätte sie veranlas- sen sollen, ihre Sachen zu verstecken?“ „Die Absicht, ein Verbrechen vorzutäuschen“, antwor- tet Reiß. „Daran glaubst du doch selber nicht“, sagt Gallich. „Es wäre nicht der erste Fall in der Kriminalgeschichte“, entgegnet Reiß. „In dieser Art doch“, sagt Gallich. „Soweit mir be- kannt ist, haben Selbstmörder, die einen Mord fingieren wollten, es der Polizei immer leicht gemacht, den ver- meintlichen Täter zu finden. Sie haben Spuren hinterlas- sen, aber nicht verwischt.“ „Es hat Selbstmörder gegeben, die haben die Polizei nur deshalb irregeführt, weil sie nicht als Selbstmörder gelten wollten“, sagt Reiß mit einem feinen Lächeln. „Das war sicher zu den Zeiten, als Selbstmörder noch außerhalb der Friedhöfe verscharrt wurden“, sagt der Fahrer. „Auch“, sagt Reiß. „Du glaubst also, die Frau hat Selbstmord begangen?“ fragt Gallich. „Ich glaube gar nichts“, antwortet Reiß. „Das ist auch ’ne Methode“, knurrt Gallich. „Wer sie beherzigt, legt sich zumindest nicht fest.“ „Ich würde mich gern festlegen“, erwidert Reiß unbe- eindruckt, „wenn ich nicht genau wüßte, daß das in diesem Stadium ausgesprochen voreilig wäre. Sie kann Selbstmord 82
  • verübt haben, sie kann beim Baden einen Herzschlag erlitten haben oder ertrunken sein, ebensogut kann es sich um Mord handeln. Drei Möglichkeiten, von denen jede noch offen ist. Oder ist eine nachweislich wider- legt? Nein. Und erst recht nicht zwei. Ich könnte mich aber nur auf die dritte festlegen, und auf eine Unbekann- te lege ich mich nicht fest, nicht mal dir zuliebe.“ „Die fügst du lieber in eine Gleichung ein, und die Gleichung löst du mit Hilfe deines Fadens“, sagt Gallich grinsend. „Es ist keine Gleichung“, sagt Reiß. „Aber es wird ei- ne Analyse – und eine sehr genaue.“ Und nach einer Pau- se: „Ich habe noch nie was davon gehalten, sich unter den Zwang einer Vermutung zu stellen, schon gar nicht, wenn sie nicht mal auf einem einzigen Indiz basiert.“ „Ein einziges ist gut.“ Gallich freut sich. „Die Nägel und der Faden sind, denk’ ich, zwei – nach Adam Riese.“ „Rechnerisch ist das richtig“, entgegnet Reiß. „Aber kriminologisch ist das rein hypothetisch. Noch sind die Nägel und der Faden keine Indizien. Du kannst aber hof- fen, daß sie sich als solche erweisen.“ Lohm hat den beiden schmunzelnd zugehört. Er kennt diese Dispute, die immer mit Gallichs Niederlage enden. Reiß ist einfach nicht aus der Ruhe zu bringen, und er ist auch nicht zu schlagen. Lohm sagt: „Nun laßt’s mal gut sein. Die Gerichtsme- dizin hat da ja auch noch ’n Wörtchen mitzureden.“ „Sag’ ich doch von Anfang an“, brummt Gallich und wendet sich an Reiß. Aber als er Reiß’ versonnenes Lä- cheln sieht, schweigt er. Im Präsidium begibt Reiß sich sofort ins Labor, wo- hin er auch Gallichs Film mitnimmt. Lohm schickt Gallich in die Fahndungszentrale. Die Fahndungskartei 83
  • ist nach vermißt gemeldeten Personen durchzusehen. Sie enthält ausführlichere Angaben als das Fahndungs- buch, und Lohms Arbeitsgruppe sitzt im Präsidium wie der Knabe an der Quelle. Nach einer halben Stunde ist Gallich zurück. Er legt zwei Informationsblätter vor Lohm auf den Schreibtisch, die mit dem V für Vermißte gekennzeichnet sind. „Gleich zwei?“ sagt Lohm. „Nur für den Fall, daß Doktor Scherfig sich geirrt hat. Sonst kommt bloß eine in Frage.“ „Na, mal sehn.“ Als Lohm die Angaben überflogen hat, muß er Gallich zustimmen: Da ist zuerst die als vermißt gemeldete Hil- trud Gehring aus Dresden-Klotzsche, 1920 geboren, eins fünfundsechzig groß, blond, grauäugig. Die aufgefunde- ne Tote hatte etwa dieses Alter, die Größe, war ebenfalls blond. An die Augen erinnert Lohm sich nicht, obwohl er sie vor sich sieht, auf gerissen wie in einem letzten ver- zweifelten Versuch, den herannahenden Tod mit der hypnotischen Kraft der Angst zu bannen. Von den Augen toter Menschen bleibt Lohm stets nur dieser Ausdruck im Gedächtnis, das ohnmächtige, staunende Entsetzen, das sie den Augen toter Fische ähnlich macht. Selbst wenn er bei der Unbekannten im Weiß der Augäpfel einen Farb- ton wahrgenommen haben sollte, so ist er in seiner Vor- stellung unter der Wucht jenes andern Eindrucks verblaßt. Die zweite Vermißte ist eine Steffi Zinn aus der Grif- felsberger Straße in Berlin, 1926 geboren, eins achtund- sechzig groß, Haarfarbe rotblond, Augenfarbe blau. Die detaillierten Angaben über ihre Bekleidung interessieren nicht, da die Tote vom Langen See nackt war. Auch diese Steffi Zinn könnte mit ihr identisch sein. Das ist sogar 84
  • wahrscheinlich, denn zu ihrer Person wurde die Vermiß- tenanzeige am 26. September erstattet, also vor reichlich zwei Wochen; nach der Hiltrud Gehring aber wird seit acht Tagen gefahndet. „Ich glaube nicht, daß Doktor Scherfig sich so ge- täuscht haben soll“, sagt Lohm und wirft noch einen Blick auf das beigeheftete Foto der Hiltrud Gehring, das ein ausgezehrtes, männlich anmutendes Gesicht zeigt. Dann legt er das Fahndungsblatt aus der Hand. Steffi Zinn lächelt ihn von einem Paßbild an. Ein Vermerk informiert, daß in Ermangelung eines Fotos der Vermißten das in der Meldekartei befindliche Duplikat ihres Paßbildes vervielfältigt worden ist. „Gibt’s denn so was?“ murmelt Lohm. Gallich beugt sich über Lohms Schulter. „Der Ehemann konnte von seiner Frau kein Foto bei- bringen.“ „Muß ’n Trottel sein“, meint Gallich. „Wer ’ne Frau mit so ’nem Gesicht nicht jeden dritten Sonntag fotogra- fiert, muß ’n Trottel sein. Oder er ist blind.“ „Sag das doch mal, wenn deine Maxi dabei ist.“ „Ach, in dem Falle würde sie mir beipflichten.“ Gal- lich grinst. „Sie denkt nämlich genauso von mir.“ „Maxi ist eben eine Perle“, sagt Lohm, aber ihm ist nicht nach scherzen zumute. Beim Anblick des Gesichts, das ihn anlächelt, als ob es lebe, beim Anblick dieses festgehaltenen, verewigten Lebendigseins, das sogar über den Tod hinwegtäuscht, empfindet er eine unbestimmte, unklare, einsame Trauer. Die Augen, die ihn vom Bild her anschauen, gibt es nicht mehr. Ihm ist aufgetragen, sollte ein Mensch diese Augen ausgelöscht haben, diesen Menschen zu verfolgen und zu stellen. Vor einer solchen Aufgabe steht er nicht das erste 85
  • Mal; doch nie hat er den Triumph des Jägers verspürt, nie die erschöpfte, atemlose Lust des Läufers, dessen Brust das Zielband zerreißt, nie den feierlichen Stolz des Berg- bezwingers. Er tut seine Pflicht, und er tut sie gewissen- haft und mit der zähen Ausdauer, die seinem Willen un- terworfen ist, bis an die Grenze des körperlich Zumutba- ren heran. Er ist stark, gesund und jung genug, um noch eine Zeitlang stark zu sein. Aber so jung, daß der Wunsch, den er einmal geäußert hat, sich ihm noch erfül- len wird, ist er mit seinen achtunddreißig Jahren nicht mehr. Er hat sich keine Traumreise gewünscht, keinen Lotteriegewinn, keine Alterslosigkeit; er wünschte sich das Ende der Verbrechen, die das Leben antasten. Er, der das Verbrechen bekämpft, rief nicht nach dessen Ausrot- tung; er wünschte sich sein Ende. Und er glaubt daran, daß dieses Ende einmal kommen wird. Er hat nicht den Ehrgeiz, ein erfolgreicher, ein bekannter Kriminalist zu sein. Er wäre glücklich, würden eines Tages keine Fotos mehr auf seinen Schreibtisch kommen müssen mit die- sem festgehaltenen, verewigten Lebendigsein, das ir- gendwo unter dem Zwang einer bösen Gewalt aufgehört hat zu existieren. „Fast zweieinhalb Wochen“, sagt Lohm, „und die Fahndung läuft noch. Liegt da nicht bei uns etwas an?“ „Ich wüßte nicht.“ „Steffi Zinn. Sagt dir der Name was?“ „Nie gehört.“ „Hm, wahrscheinlich haben sich da die Genossen von der Inspektion hintergeklemmt.“ „Stimmt“, sagt Gallich. „Die haben beim Fahndungs- bevollmächtigten rückgefragt. Ich glaube, der Genosse Rimpler hat dem Ehemann ein bißchen den Puls gefühlt.“ „Rimpler?“ 86
  • „Na, du weißt doch, der mit der randlosen Brille und den Sommersprossen.“ „Ach ja. Und?“ „Offenbar nichts, sonst hätt’s ja bei uns gebimmelt.“ „Gut“, sagt Lohm und läßt die Hand auf den Telefon- hörer sinken, „darüber kann mir Rimpler gleich selber berichten. Und dann werd’ ich mir mal diesen Zinn an- schauen. Den brauchen wir ohnehin zur Identifizierung der Toten.“ „Ich hab’ in der Sache Rex noch was zu machen“, sagt Gallich, sein Kinn massierend. „Hätt’ das gern bald vom Tisch, Herbert.“ Mit einem Ruck hebt Lohm den Hörer ab. Diese jähe kantige Bewegung hat er beibehalten aus der Zeit, als er den beschädigten Arm zu fast voller Funktionstüchtigkeit trainierte. Er gebraucht ihn noch heute, wo immer es möglich ist. Mit einem Augenblinzeln sagt er zu Gallich: „Dein Weg zu Rex führt zwar am Leichenschauhaus vor- bei, aber geh nur, Werner. Zinn übernehme ich.“ IV Leutnant Rimpler hat Lohm nicht viel sagen können. Zinn hatte, als Rimpler ihn aufsuchte, den Schock noch nicht überwunden gehabt. Tags zuvor aus dem Kranken- haus entlassen, in das man ihn eingeliefert hatte, nach- dem er auf dem Heimweg vom Revier bei Rot über eine Kreuzung gegangen und auf dem Mittelstreifen zusam- mengebrochen war, hatte er nur mit Mühe Rimplers Fragen beantworten können. Immer wieder hatte er sich der Schuld am Verschwinden seiner Frau bezichtigt, da er sie nach dem Streit sich selber überlassen hatte. Daß er einfach da- vongelaufen war, kopflos zwar, doch unbekümmert, wie es 87
  • auf sie wirken mußte, wenn er die Nacht nicht nach Hau- se kam, konnte er sich nicht verzeihen. Wie es häufig in solchen Fällen geschieht, setzte er seine ganze Hoffnung auf die Polizei, als könnte die Wunderdinge vollbringen. Die Erkundigungen, die Rimpler in der Nachbarschaft über Zinn und dessen Frau eingezogen hat, haben Zinns Angaben bestätigt: ein ruhiges, zurückgezogen lebendes Ehepaar, freundlich zu jedermann, stets hilfsbereit, auf- geschlossen den Erfordernissen der Zeit, auch wo es galt, mit einem Griff in den Geldbeutel diese Haltung zu be- weisen, einfache Leute also, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben, ohne daß ihnen das zu Kopfe gestiegen ist. VP-Meister Handtke, der die Vermißtenanzeige ent- gegennahm, hat aus dem Gespräch mit Zinn einen Ein- druck gewonnen, der sich mit Rimplers Bild deckt: ein zurückhaltender, passiver Typ, korrekt, ordnungsliebend, vielleicht ein wenig verklemmt, was Handtke aus seiner Eitelkeit schließt. Die Verklemmtheit könnte sich in der Abkapselung herausgebildet haben, in welche die Ehe- leute, bedingt durch Zinns ausgefallene Tätigkeit, hinein- gedrängt worden sind; die beiden haben ja förmlich in einem Zustand gesellschaftlicher Quarantäne gelebt. Der Rattenzüchter, wohl schon von Hause aus charakterlich labil, habe sich diesem Klima offenbar widerstandslos ausgesetzt, und da außer den Ratten seine Frau das einzi- ge lebende Wesen war, mit dem er in ständigem Kontakt stand, sei er mit der Zeit bis zur Hörigkeit von ihr abhän- gig geworden. Lohm ahnt, daß er einen jener zermürbenden Fälle zu bearbeiten haben wird, die desto mehr einem diaboli- schen Ratespiel gleichen, je intensiver man sich mit ih- nen beschäftigt. Aber noch ist nicht erwiesen, daß die 88
  • Tote vom Langen See ermordet worden ist, ja, noch muß sich erst herausstellen, ob es sich bei ihr überhaupt um die vermißte Steffi Zinn handelt! Und Hauptmann Lohm, auf der Fahrt in die Griffelsberger Straße, denkt: Viel- leicht ist sie es gar nicht, wer sagt dir denn, daß sie es ist? So als könne er erleichtert sein, wenn die Tote eine ande- re wäre, kommt ihm dieser Gedanke, der besänftigend, ja wohltuend ist, bis Lohm begreift, was ihn bewirkt hat, was bestürzend hinter ihm steht: der unkontrollierte Wunsch, die verführerische unsinnige Hoffnung, die Tote möge wirklich Steffi Zinn nicht sein. „Nein!“ sagt Lohm unwillkürlich. Der Fahrer schrickt auf. „Bitte?“ „Ach, nichts“, sagt Lohm. „Ich hab’ nur laut gedacht.“ Heiliger Bimbam! denkt er. Wenn sie es nicht ist, wo sollen wir dann beginnen? Zwei Wochen Fahndung nach einer Vermißten – ergebnislos, obwohl die Genossen alle Register gezogen haben. Wenn die genauen Angaben zur Person dieser Steffi Zinn nichts erbracht haben, wie soll dann die Suche nach der unbekannten Toten verlaufen? Von der wissen wir faktisch nichts, nicht mal, was sie auf dem Leibe trug, weder Hemd noch Schal noch ein Söck- chen, kein Stück haben wir von ihr! Nur ihr vom Wasser verformtes Gesicht. Wer soll, wenn die Presse die Veröf- fentlichung eines Fotos überhaupt für zumutbar hält, dar- in die Lebende wiedererkennen, noch dazu in der Un- schärfe des Rasters? Nein, es würde nichts leichter da- durch. Lohm, soeben noch bestürzt darüber, daß dieser Ge- danke, dieser dunkel empfundene Wunsch, diese eigent- lich beschämende Hoffnung ihn verwirren konnte, ist im nächsten Moment nicht minder bestürzt, als er die Abwe- senheit jeglicher Logik bei seinen Schlußfolgerungen 89
  • feststellt. Wenn Steffi Zinn nicht gefunden wurde, ob- wohl alle erforderlichen Angaben verfügbar waren, wa- rum in drei Teufels Namen soll dann die Fahndung nach der Unbekannten vom Langen See nicht innerhalb weni- ger Stunden von Erfolg gekrönt sein! Wenn diese mit der Steffi Zinn nicht identisch ist, spielen doch ganz andere Komponenten bei der Suche eine Rolle! „Fahr ich zu schnell?“ fragt der Fahrer, der einen Blick auf Lohms Gesicht geworfen hat. „Warum?“ sagt Lohm. „Fahren Sie nur.“ Ich bin heut aber verdammt schlecht in Form, denkt er. Sogar der Fahrer spürt, daß mit mir was nicht stimmt. Macht mich die Sache etwa schon verrückt? Die hat doch noch gar nicht richtig begonnen. „So, da wär’n wir“, sagt der Fahrer und hält. „Grif- felsberger siebzehn.“ Lohm erinnert sich nicht, jemals hier gewesen zu sein. Trotzdem ist der Anblick ihm vertraut. Es gibt noch viele solcher Straßen in Berlin. Vor zwei Menschenaltern sind ihre Fassaden allerorts aus dem Boden gekrochen, vier, fünf Stockwerke hoch, mit schmächtigen Fenstern und den Geschwülsten steinernen Zierats, der die Monotonie nur noch augenfälliger macht. Unversehrt hat sich die Griffelsberger in ihrer welken Häßlichkeit erhalten über alle Bombardements und Feuersbrünste hinweg, und spä- ter dann hat kein Sandstrahlgebläse sie angetastet. Über kurz oder lang wird im Gebrüll der Preßlufthämmer und Planierraupen ihr trostloses Dasein untergehen. Auch hier werden Häuser wachsen, auf getan der Sonne und dem Licht, mit einer Wohnung für Gallich vielleicht, der sich in der Griffelsberger vorerst noch heimisch fühlen würde. Die schwere Eichenholztür dreht sich geräuschlos, ein Luftzug streicht durch den Flur, kellerkühl. Aus einer Lu- 90
  • ke steigt der Brodem gärenden Sauerkrauts. Im Licht der himmelhohen Deckenfunzel sind die Namen auf dem An- schlagbrett kaum lesbar. Zinn wohnt in der ersten Etage. Der Sauerkrautgeruch folgt Lohm die Treppe auf- wärts. Hier ist die Beleuchtung besser, die Lampenglo- cken sind geputzt. Lohm greift in den aufgesperrten bronzenen Löwenra- chen an der Tür; es schrillt durch die Wohnung. Lohm behält den Spion im Auge; Zinn benutzt ihn jedoch nicht. Er klinkt die Tür auf, die fast eine Tonleiter herunter- knarrt, und versucht zu erkennen, wer da Einlaß begehrt. Das Treppenhaus hat kein Fensterlicht, die Lampe brennt in Lohms Rücken. Lohm hat von Rimpler und Handtke nur eine ungefäh- re Beschreibung des Rattenzüchters, aber selbst die ver- liert ihre Gültigkeit. Lohm hat sich Zinn anders vorge- stellt. Er könnte nicht genau sagen, worin das durch die Beschreibung angeregte Bild seiner Phantasie sich von der Wirklichkeit unterscheidet; vielleicht nur darin, daß die Wirklichkeit körperlich und damit wirklich ist. Aber in seiner Vorstellung sah Zinn anders aus, nicht so ver- mottet, nicht gar so schlaff. Der leibhaftige Zinn hat Pan- toffeln an den Füßen und eine verschossene Hausjacke an, und seine Augen glänzen krank aus den umschatteten Höhlen. Nur die Frisur ist ohne Tadel; wie eine Aureole aus silbrigem Licht umfließt das Haar den schmalen Kopf, an dem ein dickliches Untergesicht hängt. Als Lohm sich ausweist, belebt sich der Glanz in Zinns Augen. Hoffnung durchfiebert den Mann bis in die Lippen, die im vergeblichen Versuch, Worte zu formen, leise zittern. Sich leicht verbeugend, gibt er Lohm den Weg frei in einen hell erleuchteten Korridor, an dessen Decke ein Kristallüster funkelt. An den Wänden stehen 91
  • zierliche Schemel mit geschwungenen Beinen, Bieder- meier vermutet Lohm. „Bitte, legen Sie doch ab“, sagt Zinn. Er will Lohm behilflich sein, aber Lohm dankt und sieht im prunkvoll gerahmten Garderobespiegel, wie Zinns Blick an seiner hängenden Schulter stockt. Deshalb zwingt er die Man- telschlaufe mit der linken Hand über den Haken, spie- lend, obwohl das Leder allerhand wiegt. Als er sich um- dreht, sagt Zinn: „Sie bringen hoffentlich gute Nachricht, Genosse Hauptmann?“ „Ich weiß nicht“, antwortet Lohm, „ob es Sie betrifft, Herr Zinn.“ „Kommen Sie nur erst einmal herein“, sagt Zinn und öffnet die Tür zu einem weiten Zimmer, wo jeder Schritt in dicken Teppichen verstummt. Lohm hat solche Teppi- che schon in Warenhäusern bewundert, nie aber seinen Fuß auf sie gesetzt. Er geht wie auf Hochmoorboden, der weich und federnd unter jedem Tritt nachgibt. China oder Vietnam, denkt er, als Zinn ihm einen Sessel rückt, in dem Lohm versinkt. Geometrische Intarsien schmücken die Platte des Tischchens, auf dem ein Aschenbecher und ein Kästchen aus getriebenem Silber stehen. Zinn klappt es auf. „Falls Sie rauchen möchten, bedienen Sie sich, bitte. Ich muß mich für einen Moment entschuldigen, mein Aufzug.“ Er faßt ans Revers der Hausjacke, lächelt verlegen und streicht sich über die Frisur, die doch keiner ordnenden Hand bedarf. „Aber doch nicht meinetwegen“, sagt Lohm. „Ich lasse Sie nicht lange warten“, sagt Zinn. In der Tür bleibt er stehen, wendet sich um; die Hoffnung in seinen Augen ist am Erlöschen. „Haben Sie wenigstens einen Hinweis auf Steffi?“ 92
  • „Einen Hinweis“, sagt Lohm nur. Er fürchtet, daß Zinn, erführe er den Grund des Besuchs jetzt, wie er da abwartend zwischen Tür und Angel steht, zusammenbre- chen würde. Zinns Augen rätseln in Lohms Gesicht. Ob er etwas ahnt? Ob er es Lohm ansieht? Lohm greift, weil er sonst etwas sagen müßte, in das Zigarettenkästchen und spürt, wie Zinn sich entfernt. Als er sich vergewissert, ist die Tür leer. Wenn Zinn zurück ist, wird Lohm ihn schonend darauf vorbereiten, daß der heutige Tag für ihn zum Un- glückstag werden kann, zum vielleicht bittersten seines Lebens; daß er damit rechnen muß und sich wappnen soll, weil das besser für ihn sei, auch wenn die Tote nicht seine Frau sein sollte. Wenn sie es ist, denkt Lohm, wird er in der toten Pracht dieser Möbel wie in der Umarmung alter, sinnlo- ser Grabsteine weiterleben als weißhaariges Gespenst, in seiner verwaschenen Jacke, die er dann vielleicht nicht mehr einem Besucher zu Ehren wechselt. Schrecklich, hier allein und einsam den Rest seines Lebens zu verbringen, auf diesen Stühlen, auf denen wer weiß wie viele gesessen haben, die nicht mal in ihren Gräbern mehr aufzufinden wären. Mag sein, daß an jedem Stück eine Erinnerung haftet; aber die Erinnerungen der andern, die in diesen Hölzern, Schnörkeln und verblichenen Sei- den nisten, würden mich unruhig machen. Dann schon lieber ein nichtssagendes Zimmer mit einem Bett, mit Stuhl, Tisch und Spind. In dieser Wohnung steckt ein Vermögen, denkt Lohm. Allein dieses Zimmer gäbe so mancher für den Wolga, der unten auf ihn wartet, nicht her. Das denkt er, obwohl er die Stile, die hier in einem wilden Konglomerat ange- 93
  • häuft sind, nicht zu bestimmen vermag. Was er drau- ßen auf dem Korridor für Biedermeier gehalten hat, ist friderizianisches Rokoko; die Stühle und der Tisch ihm gegenüber, die, wie er meint, sich nur im Holz, im schwarzgedunkelten Mahagoni, von den Schemeln mit den geschwungenen Beinen unterscheiden, sind frühes Chippendale. Er würde nicht dahinterkommen, daß die schweren Empiresessel, die einen Kenner täuschen könn- ten, Imitationen sind, von einem findigen Berliner Tisch- ler um die Jahrhundertwende geschaffen, und er würde die Echtheit der Vitrine im Louis-seize-Stil nicht anzwei- feln, die Zinn zu einem sündhaften Preis erworben hat, um sie seiner Frau zum Geschenk zu machen. Sie ist üb- rigens wirklich echt, diese Vitrine, die Lohm ahnungslos für das kostbarste Stück der Sammlung hält. Aber das wird er später alles von Zinn selbst erfahren, und er wird dadurch gewisse Kenntnisse erwerben, die er im Augen- blick vermißt. Jetzt ahnt er davon noch nichts. Zinn kommt wider Erwarten in seiner verschossenen Hausjacke zurück und setzt sich Lohm gegenüber, wort- los, die grauen Augen voller Scheu und bänglicher Er- wartung. Lohm sieht ihm an, daß es für ihn unerheblich geworden ist, ob sein Aufzug dem Besucher mißfällt, die schiefgetretenen Pantoffeln, die abgewetzten Ärmelkan- ten, die herausfordernde Armut seines Alltagsgewandes, die wie ein Schmutzfleck in der Gediegenheit dieses Zimmers wirkt. Dieser Mann hat erfaßt, daß nicht mit einer Freudenbotschaft kommt, wer so wie dieser Hauptmann auftritt. „Ich fürchte, Herr Zinn“, beginnt Lohm, „wir haben Ihre Gattin gefunden.“ „Sie fürchten“, sagt Zinn und läßt den Kopf langsam sinken, und alles, was Lohm noch sagen wollte, kann er 94
  • nun nicht mehr sagen. Hellhörig hat Zinn diesem einen Wort abgelauscht, was Lohm noch nicht ausgesprochen hat. „Am Langen See“, sagt Lohm. „Nein!“ ruft Zinn, wehrlos gegen das Entsetzen, das nun mit voller Wucht über ihn hereinbricht. „Noch wissen wir nicht, ob es sich bei der Toten um Ihre Frau handelt“, sagt Lohm. „Darüber kann nur die Identifikation Aufschluß geben. Ich weiß, es ist furchtbar für Sie, aber es geht nicht anders. Sie müssen die Tote identifizieren.“ Zinn hebt den Kopf, als erwache er aus einer tiefen Benommenheit, und blickt Lohm verständnislos an. „Welche Tote?“ „Sie allein können uns Gewißheit geben, ob die Tote Ihre Frau ist“, antwortet Lohm ruhig. „Niemand sonst, Herr Zinn, nur Sie.“ „Ich?“ sagt Zinn abwesend. „Ich kenne doch die Tote nicht.“ „Nein“, sagt Lohm. „Aber Ihre Frau, die kennen Sie doch, Herr Zinn.“ „Ja“, sagt Zinn und nickt. „Besser als wir sie von dem Paßbild her kennen.“ Zinn versteht nicht sofort, nickt dann aber wieder. „Ja, natürlich.“ Als sei er eine Erklärung schuldig, fügt er hinzu: „Ich lebe ja seit fünfundzwanzig Jahren mit Steffi zusammen.“ „Sehen Sie“, sagt Lohm, „deshalb brauchen wir Sie.“ „Deshalb“, sagt Zinn vor sich hin. „Ich habe einen Wagen unten“, sagt Lohm. Er spricht zu Zinn wie zu einem Kinde, mit der unerschöpflichen Geduld des Verstehens. Käme einer zu ihm, eine Tote sei gefunden worden, und diese Tote könne seine Vera sein, 95
  • er würde vielleicht anders reagieren, aber die ungeheuer- liche Vorstellung würde ihn ebenso betäuben und verstö- ren wie diesen Mann. „Wenn es Steffi wäre“, sagt Zinn in einer jähen Hoff- nung, „dann wüßten Sie es doch, Genosse Hauptmann. Der Polizeimeister auf dem Revier hat doch alles genau aufgeschrieben. Ich habe vorher alle Schränke und Schub- laden durchsucht. Was sie an hatte, habe ich angegeben, jedes Stück! Das kann doch nicht verlorengegangen sein.“ „Es ist auch nicht verlorengegangen, Herr Zinn“, ant- wortet Lohm. „Die Tote war unbekleidet.“ Zinn starrt Lohm fassungslos an. „Das … das ist ja entsetzlich! – Nackt?“ Lohm nickt. „Ein Verbrechen?“ „Belasten Sie sich jetzt nicht mit solchen Gedanken“, sagt Lohm. Zinn sitzt aufrecht und bewegungslos. Er schluchzt nicht, er weint nicht, er atmet kaum. Wie ein Stein ohne Leben ist, so ohne Leben scheint dieser Mann zu sein, als habe ihn der grauenvolle Gedanke getötet. Lohm weiß, daß er diesen Anblick menschlichen Schmerzes sein Leben lang nicht vergessen wird. Er steht auf, tritt an Zinns Seite und legt ihm die Hand auf die Schulter. „Sie müssen sich jetzt fassen, Herr Zinn. Im Gerichtsmedizinischen Institut wartet man auf uns.“ „Ja“, sagt Zinn. „Ich komme.“ Lohm faßt Zinn unter den Arm, um ihm beim Aufste- hen zu helfen. „Lassen Sie nur“, sagt Zinn, „es geht schon, ich halte schon noch eine Weile durch.“ Fast Gesicht an Gesicht, Auge in Auge mit Lohm, setzt er hinzu, als leiste er ei- nen Schwur: „Falls an Steffi ein Verbrechen begangen 96
  • worden ist, müssen Sie den Mörder finden, Genosse Hauptmann Lohm. So lange will ich noch leben, länger nicht.“ V Eine Stunde später gibt es keinen Zweifel mehr: Die Tote vom Langen See ist Steffi Zinn. Lohm hat ihr Gesicht vom Fundort her in Erinnerung; der Anblick, der sich ihm im Leichenschauhaus bietet, ist nicht ganz so bestür- zend. Die Haare sind von Tang und Wasserschmutz ge- reinigt, die Leichentoilette hat die gröbsten Verunstal- tungen dem Auge erträglicher gemacht, und die Gewiß- heit, hier nicht in der Nähe des Tatorts zu sein oder gar unmittelbar am Tatort zu stehen wie vielleicht dort drau- ßen am Ufer des Sees, nimmt dem Augenblick etwas von seiner Dramatik. So empfindet Lohm und weiß doch ge- nau, daß er bereits in einem sachlichen Verhältnis zu den Dingen steht, nicht unbeteiligt, doch viel weniger betei- ligt als der Mann an seiner Seite, der ein solches Verhält- nis nie gewinnen wird, in dessen Augen dieser Anblick sich einfressen wird als das schrecklichste Bild, das sie jemals ertragen mußten. Zinn weint leise vor sich hin. Sie nehmen ihn in die Mitte, ehe sie ihn behutsam wegführen, der kleinwüchsige Staatsanwalt Haller mit den überaus beweglichen pechschwarzen Augenbrauen und der Hüne Lohm. Die Tür des Sektionssaals schließt sich hinter ihnen. Sie gehen durch den langen Korridor, durch dessen hohe Fenster das Licht des trüben Tags wie Milch einfließt, sie gehen an der Pförtnerloge vorbei und bleiben an den Stufen zum Ausgang stehen, beklommen der Hauptmann und der Staatsanwalt, denn solche Erleb- nisse entziehen sich der Gewöhnung, sind stets aufs neue 97
  • deprimierend, und gebrochen der Mann in ihrer Mitte, der um Jahre gealtert scheint. Lohm ist unschlüssig. Dok- tor Saltz wartet mit dem Befund der gerichtsmedizini- schen Sektion, und Staatsanwalt Haller ist eigens ins In- stitut gekommen, an dem Gespräch teilzunehmen. Als Lohm Haller anblickt, stimmt der mit einem Zucken sei- ner Augenbrauen zu. „Mein Fahrer wird Sie nach Hause fahren, Herr Zinn“, sagt Lohm. Zinn sieht den Hauptmann an. Sein Gesicht ist ver- schwollen, zwischen den geröteten Augenlidern Tränen. Eine Wimper ist auf die Nasenwurzel gewischt. „Kommen Sie, Herr Zinn“, sagt Lohm und faßt den Rattenzüchter am Ärmel. Nun erst scheint Zinn zu begreifen. „Nein, nein“, sagt er und schüttelt den Kopf, „ich möch- te nicht, daß Sie mich nach Hause bringen lassen. Ich könn- te jetzt nicht zwischen diesen Wänden … Ich werde ein wenig herumgehn und mich in einen Park setzen.“ Zinn gibt zuerst dem Staatsanwalt die Hand, wortlos, den Blick auf dessen Halstuch geheftet, als sei ihm nicht bewußt, daß Haller ebenso wie Hauptmann Lohm beauf- tragt ist, das Verbrechen aufzuklären. Es liegt ein Anflug von Abwehr in dieser Art des Handgebens, der stumme Vorwurf wie an einen Außenstehenden, der sich die Be- trachtung eines fremden Schmerzes erschlichen hat. Noch ist dieser flüchtige Händedruck nicht getauscht, hat Zinn das Interesse an Hallers Halstuch schon verloren, hat er den Blick aufgerichtet in Lohms graue Augen, und ihn dort belassend, drückt er dem Hauptmann schwach die Hand. „Nicht wahr, Genosse Hauptmann Lohm“, sagt er, „Sie versprechen mir, daß Sie alles tun werden.“ 98
  • „Das ist unsre Pflicht“, sagt der Staatsanwalt. „Ich weiß, ich weiß“, murmelt Zinn. „Schon gut, Herr Zinn“, sagt Lohm und erwidert den Händedruck. „Sie können versichert sein, wir werden tun, was menschenmöglich ist.“ „Danke“, sagt Zinn, „danke“, und ehe er geht, streift sein Blick noch einmal den Staatsanwalt, bleibt aber wieder an dessen Halstuch hängen. Langsam, das Gelän- der benutzend, steigt er dann die Stufen hinab zum Aus- gang, dessen schwere Tür er mit der Schulter aufdrückt. Dort sich wendend, sagt er: „Ich stehe jederzeit zu Ihrer Verfügung, Genosse Hauptmann Lohm, zu jeder Tag- und Nachtstunde.“ Als Lohm sich mit Haller in die oberen Stockwerke begibt, fragt dieser, indem er die Brauen hochreißt: „Was hat der Mann eigentlich für Augen?“ „Zinn?“ „Ja.“ „Graue, wenn ich nicht irre. Warum?“ „Nur so“, sagt Haller. „Hat er Sie denn nicht angesehn?“ „Vielleicht hab’ ich’s nur nicht bemerkt“, sagt Haller. „Mir kam es so vor, als bliebe er mit den Augen immer an meinem Halstuch hängen. Ist daran was nicht in Ord- nung?“ Haller dreht sich leicht zu Lohm, so daß der den Sitz des Schals begutachten kann. „Ich wüßte nicht“, sagt Lohm achselzuckend und denkt: Weiße Seide, na schön, wem’s gefällt. „Vielleicht hat Zinn bei Ihrem Schal an seine weißen Haare denken müssen, die sind ja wirklich prachtvoll.“ „Wenn sie echt sind“, sagt Haller mit leiser Mißbilli- gung. „Sie ahnen ja nicht, wie viele Männer heimlich 99
  • Kosmetik betreiben. Sogar die Haare lassen manche sich färben.“ „Man hält es nicht für möglich“, sagt Lohm, der es besser weiß, als er tut; schließlich ist ihm nicht unbe- kannt, daß der Staatsanwalt Haller eine Perücke trägt, obwohl sein natürlicher Haarschmuck einen solchen Aufwand nicht erforderlich machte. Aber Haller wirkt mit Perücke um zehn Jahre jünger, und er hat eine sehr jugendliche Frau. „Sie ist übrigens ertrunken, die Zinn“, sagt Haller, als sie vor Doktor Saltz’ Tür angelangt sind. Der Staatsan- walt hat der Obduktion beigewohnt, während Lohm auf dem Wege zu Zinn war, um ihn ins Gerichtsmedizinische Institut zu holen. Lohm nickt und verzichtet auf die Frage, die wichtiger für ihn ist: Ob der Befund denn ergeben hat, daß Steffi Zinn ertränkt worden sei. Darauf mag ihm der Gerichts- mediziner selbst antworten. Doktor Saltz geleitet die beiden Männer durch einen Laborraum in ein Nebengelaß, dem Sessel, ein niedriger Tisch und eine Liege private Wohnlichkeit verleihen; auf einem Sims Hängepflanzen, dem Fenster gegenüber, stumpf im sonnelosen Tageslicht, ein Landschaftsaqua- rell. Nachdem sie sich gesetzt haben, greift Doktor Saltz zum Obduktionsbericht, gewahrt Lohms suchenden Blick und drückt sich mit kraftvollem Schwung aus dem Ses- sel. Vom Sims nimmt er einen Messingaschenbecher, der platt und schief wie eine Flunder ist. „Danke“, sagt Lohm. Er hält dem Doktor seine Ziga- retten hin. Der wehrt lächelnd ab. „Nicht mehr.“ Und Haller, als Lohm ihm eine anbietet, verschmäht sie mit Nachdruck. „Noch nie!“ 100
  • „Na, ich gewöhn’s mir auch noch ab“, sagt Lohm; aber schon nach dem ersten Zug kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß ihm das je gelingen wird. „Merkwürdige Form“, sagt Haller, den Blick auf dem Aschenbecher. „Der wurde einmal von einem Lastzug überrollt“, er- klärt Doktor Saltz, wobei er den Aschenbecher liebevoll in Lohms Nähe schiebt. „Damit ist er für unser Institut gewissermaßen gesellschaftsfähig geworden.“ „Mit andern Worten“, bemerkt Haller mit einem Lä- cheln, „auf eine Leiche mehr kommt’s Ihnen nicht an.“ „Oh, sagen Sie das nicht, Herr Haller“, antwortet Dok- tor Saltz. „Uns kommt’s auf jede an, und jede einzelne ist uns eigentlich zuviel.“ „So wollte ich nicht verstanden sein“, sagt Haller mit einem Gesicht, als tadelte er sich für den mißglückten Anlauf zur Heiterkeit. „Ich hatte nur den Aschenbecher im Sinn. Die Form ist zerstört, aber seine Funktion den- noch erhalten. Der Mensch hingegen verliert alles mit seinem Leben.“ „Und daran gewöhnen wir uns ebensowenig wie andre Leute“, sagt Doktor Saltz, greift zu seinen Notizen und gibt nun den Obduktionsbefund bekannt. Lohm raucht schweigend, während Haller den Vortrag des Gerichtsmediziners dann und wann mit sachkundi- gem Kopfnicken begleitet, wobei der weiße Seidenschal sich unter seinem Kinn wie ein Harmonikabalg bewegt. „So, das wär’s“, sagt Doktor Saltz mit einem wehmü- tigen Blick auf Lohms Zigarette. „Sie sagen in Ihrem Gutachten, die Tote habe etwa ein bis zwei Wochen im Wasser gelegen, Herr Doktor Saltz. Eine genauere Bestimmung ist wohl nicht möglich?“ fragt Lohm. 101
  • „Leider nicht“, antwortet der Arzt. „Es ist nicht die erste Wasserleiche, die ich gesehn ha- be“, gibt Haller zu bedenken. „Waren Sie nicht auch der Meinung, daß sie recht gut erhalten sei, Herr Saltz?“ Doktor Saltz blickt den Staatsanwalt erstaunt an. „Sie sagten es sogar bei der Autopsie, falls ich mich nicht verhört habe“, fügt Haller hinzu. „Das habe ich gesagt, allerdings, und ich erhalte es auch aufrecht“, entgegnet Doktor Saltz. „Aber das bedeu- tet nicht, daß ich mit wissenschaftlicher Exaktheit bele- gen könnte, die Leiche sei drei oder fünf Tage alt gewe- sen, als sie gefunden wurde, und das wollten Sie doch wissen, nicht wahr, Herr Lohm?“ „Ja“, sagt Lohm, „denn wesentlich länger als zwei Wochen kann die Zinn ohnehin nicht tot sein. Sie wurde vor vierzehn Tagen als vermißt gemeldet und hat vor sechzehn Tagen nachweislich noch gelebt. Dafür stehen Zeugenaussagen.“ „Es gibt Phänomene, Herr Haller, die auch heute noch der Wissenschaft Rätsel aufgeben“, sagt Doktor Saltz zum Staatsanwalt. „Eines dieser Phänomene ist die Be- schaffenheit eines Leichnams. Sie können zwei Leichen nebeneinander liegen haben, bei denen der Exitus zum gleichen Zeitpunkt eingetreten ist. Die eine sieht aus, als wäre sie drei Tage alt, den Anblick der zweiten können Sie kaum ertragen. Liegt ein Exitus länger als vierund- zwanzig Stunden zurück, ist eine so exakte Aussage, wie Sie es wünschen, nicht mehr vertretbar.“ „Demnach, wenn ich Sie recht verstanden habe, Herr Saltz“, sagt Haller mit einer gewissen Hartnäckigkeit, „gibt es keinen Gerichtsmediziner, der strikt erklären würde, die Leiche sei drei oder vier Tage alt.“ „Was heißt drei oder vier?“ 102
  • „Nun ja, sagen wir drei.“ „Ich kenne keinen“, antwortet Doktor Saltz. „Gut. Sie sprechen aber von ein bis zwei Wochen. Wenn es so ist, wie Sie sagen, warum sprechen Sie dann nicht von drei bis vierzehn Tagen? Wenn eine exakte Bestimmung sowieso nur innerhalb vierundzwanzig Stunden möglich ist.“ „Weil ich in dem Falle, der uns vorliegt, mit Be- stimmtheit sagen kann, die Leiche hat mindestens acht Tage im Wasser gelegen, höchstwahrscheinlich länger. Im Wasser, wohlgemerkt. Ich habe Sie doch auf den Be- ginn der Waschhautbildung aufmerksam gemacht, erin- nern Sie sich?“ „Ach so, ja, richtig.“ Doktor Saltz nickt. „Und die Waschhaut stellt sich im allgemeinen nicht vor der zweiten Woche ein.“ „Hm“, brummt Haller und blickt den Hauptmann an, „da haben Sie ja wieder mal eine Sache auf den Tisch bekommen, lieber Lohm.“ „Ich fürchte auch“, sagt Lohm. „Um die ich Sie nicht beneide“, sagt der Arzt. „Ich beneide Sie übrigens auch nicht, Doktor“, gibt der Hauptmann zurück, und Doktor Saltz schürzt die Lippen zu einem süßsauren Lächeln und ist für einen Moment mit seinen Gedanken weit fort. Dann sagt er, zuerst Lohm, dann Haller anschauend: „Ich glaube, wir alle tun unsre Arbeit, weil sie von jemandem getan wer- den muß.“ Lohm nickt. Haller hingegen krümmen sich die Augenbrauen. „Wenn Sie – Ihr Fach in Ehren, Doktor Saltz – von Lust und Liebe zu Ihrer Arbeit sprächen, klänge das vielleicht etwas zynisch. Aber die Stellung eines Kriminalisten zu 103
  • seiner Arbeit dürfte doch nicht vornehmlich von der Notwendigkeit bestimmt sein.“ „Das kann Herr Lohm wohl besser beurteilen als ich“, antwortet Doktor Saltz. Und Haller wendet das Gesicht dem Hauptmann zu, die Brauen leicht angehoben. „Sie wird vornehmlich von der Notwendigkeit be- stimmt“, sagt Lohm. „Wäre das nicht so, wär’ ich Gärtner.“ In das kleine Schweigen bricht das Schrillen des Tele- fons. Doktor Saltz entschuldigt sich, verläßt das Zimmer und ruft Lohm an den Apparat. Lohm drückt, ehe er nach draußen stürmt, die Zigarette aus, die fast bis an den Fil- ter abgeraucht ist, und als Doktor Saltz beim Zurück- kommen die verschwelenden Tabakkrümchen im Aschenbecher bemerkt, fragt er Haller: „Warum haben Sie eigentlich nie geraucht?“ „Wozu sollte ich?“ fragt Haller zurück. Doktor Saltz setzt sich. „Nun ja, eine Notwendigkeit besteht dazu nicht, solange man damit nicht angefangen hat. Aber hatten Sie nie das Bedürfnis, nie Lust zu rau- chen?“ „Doch“, sagt Haller, „hin und wieder schon.“ Und nach kurzem Nachdenken fügt er freundlich hinzu: „Aber das Bedürfnis, Schaden abzuwenden, überwog bei mir stets die Lust, mir selber zu schaden.“ „Soso“, sagt Doktor Saltz, „dann haben Sie ja Ihren Idealberuf.“ „Den habe ich allerdings“, sagt Haller. „Sie doch hof- fentlich auch.“ „Nein.“ „Sieh an, was wollten Sie dann werden?“ „Ich wollte werden, was ich bin.“ „Gerichtsmediziner?“ 104
  • „Ja, so ist es“, antwortet Doktor Saltz. „Trotzdem ist Hauptmann Lohms Sehnsucht mir begreiflich, sie ist mir nicht einmal fremd.“ Als Lohm wieder eintritt, diesmal nicht eindringend, hineinstürmend, wie es sonst seine Art ist, sitzen Haller und Doktor Saltz schweigend am Tisch. Haller blickt auf das vom trüben Tageslicht milchgrau eingefärbte Aqua- rell, der Arzt auf Lohms offene Zigarettenschachtel, nicht ohne Wehmut. „Soeben hat mein Kriminaltechniker angerufen“, sagt Lohm. „Die chemische Analyse des Fadens, den Ober- leutnant Reiß unterm Nagel der Toten gefunden hat, liegt vor. Mein Genosse glaubt, es gibt einen Täter.“ VI Aber es gibt keinen Hinweis auf den Täter. Unter diesen Umständen den Mörder in der Millionenstadt zu finden scheint ein ebenso sinnloses Unterfangen wie die Suche nach einer Schlange, die man im Dschungel gefangen, an Ort und Stelle markiert und wieder freigelassen hat in der aberwitzigen Annahme, das Tier schon bald wieder auf- zuspüren, läßt man ihm nicht länger als zwei Wochen Frist und durchstreift die gigantische Wildnis dann zu dritt. So könnte die Aufgabe anmuten, vor der Lohm mit seinen Männern steht, um eines sogar schwieriger noch: Der Täter ist ein Mensch, also mit Intelligenz begabt, und trägt keine Markierung. Er ist unkenntlich, er ist unsicht- bar. Er kann in einer Kneipe in der Schönhauser am Tre- sen stehen und eine Molle trinken, in einem Marzahner Schrebergarten Blumenzwiebeln stecken, er kann unter denen sitzen, die in der „Distel“ lachen, oder in der U- Bahn die Abendzeitung lesen, Lohm gegenüber an die 105
  • Tür gelehnt, vielleicht sogar wissend, daß Lohm der Mann ist, den er nun am meisten fürchten muß. Es gibt keinen Hinweis auf ihn, den Täter, den Mörder, der in Freiheit ist wie jedermann und somit eine Gefahr für je- dermann. Wo es keinen Hinweis gibt, kann die fiktive Rekon- struktion des Tathergangs Anhaltspunkte eröffnen. Sol- che Rekonstruktionen sind häufig trügerisch, auch wenn jedes Detail genau durchdacht, angezweifelt, verworfen, erneut erwogen, für stichhaltig befunden und dann erst dem Modell eingefügt wurde, weil es ins entstehende Mosaik paßte wie ein Schlüssel in ein Patentschloß und das Bild dadurch sinnvoller wurde, womöglich erst einen Sinn ergab. Denn es ist durch und durch logisch. Nichts scheint mehr absurd, nichts wurde an den Haaren herbei- gezerrt. So und nicht anders nur kann es gewesen sein. So muß es gewesen sein. Herrgott, ja, so ist es gewesen! Und doch war es anders, nicht viel anders, nur ein wenig. Aber anders war’s, und der Weg, der verfolgt wurde, en- det in der Irre. Die fiktive Rekonstruktion, auf dem Fun- dament der Logik aufgebaut, hat nichts erbracht; denn das Fundament brach zusammen. Die Logik hielt der Wirklichkeit nicht stand. Hier war es falsch, logisch zu denken, zu kombinieren. Weil ein Täter nicht selten jeder Logik zuwiderhandelt. Lohm und seine Männer wissen um diese Fallgruben, die sich plötzlich auftun und alles, was da investiert wur- de an Denkkraft, Geduld und Schweiß, verschlingen können. Dennoch haben sie ein Modell des Tathergangs erarbeitet. Die beste Methode ist immer noch die, die man anwendet, wo es keine bessere gibt. Steffi Zinn wurde ertränkt. Nicht die gebrochenen Fingernägel deuten darauf hin; beim vergeblichen Griff 106
  • nach einem Bootssteg, einem schwimmenden Balken, einer Mauer können die Nägel eines Ertrinkenden bre- chen. Aber Bootsstege, Balken oder Mauern sind nicht mit Verbandmull gepolstert, und Autoreifen, wie sie an Schiffsanlegestellen angebracht sind, sind auf Leinwand vulkanisiert, und Leinwand ist nicht Mull. Eine im Was- ser treibende Binde aber setzt einer zupackenden Hand keinen Widerstand entgegen. Nun könnte die Zinn sich, ehe sie ins Wasser ging, die Nägel lädiert haben. Doch wo? In der Nähe des Wassers gibt es keinen Mull, ein herumliegendes Verbandpäckchen vielleicht, Mull auch in anderer Form, jedoch nicht befestigt, auf eine Unterla- ge gespannt, an der Nägel brechen können. „… und an Bäumen wächst ja keiner“, sagt Gallich. Er ist es auch, der es für ausgeschlossen hält, daß die Zinn sich unterwegs schon, bevor sie in den Wald kam, an den Nägeln verletzt haben könnte; dann hätte sie das hängen- de Nagelstück abgeschnitten oder abgefeilt, ja, in Er- mangelung eines Instruments hätte sie es sogar abgebis- sen, denn welche Frau liefe mit so einer Hand herum. Auch daß sie an Land angefallen worden sei, ist zu ver- werfen, obwohl die verschwundene Kleidung zu der An- nahme verleiten kann, beim Kampf mit dem Täter sei die Kleidung beschädigt und deshalb von diesem anschlie- ßend beseitigt worden. Wäre die Zinn an Land getötet oder in einen Kampf verwickelt worden, hätte der Leich- nam entsprechende Merkmale aufgewiesen, und daß der Täter sie zuerst ertränkt und hernach der Toten die nas- sen Sachen vom Leibe gezogen haben könnte, ist eine abenteuerliche Hypothese, weit jenseits aller Wahr- scheinlichkeit, selbst wenn man beim Täter auch die mi- nimalste Fähigkeit zu logischem Handeln ausschließt, ihn also als Wahnsinnigen annimmt. 107
  • Demnach muß die Zinn freiwillig ins Wasser gegan- gen sein, ins Wasser, doch nicht auf den Tod aus. Was aber konnte sie dazu bewogen haben? Diese Frage be- reitete den Kriminalisten einiges Kopfzerbrechen. Wer schwimmt bei vierzehn Grad Wassertemperatur? „Wer reinfällt“, sagt Reiß, „nur fällt man ins Wasser im allgemeinen nicht nackt.“ „Oh, es gibt schon so’n paar Verrückte“, sagt Gallich, „die warten bis zum Winter und hauen dann Löcher ins Eis.“ Solche Scherze lockern die Atmosphäre auf, Frischluft in der Stickigkeit des Grübelns. Obwohl keinem nach Lachen zumute ist, geschieht’s dann und wann, daß einer lacht, halblaut, lautlos. Verlegenheit steckt in diesem La- chen, das dazu gehört, wenn’s auch nicht her paßt; aber es ergibt sich, das ist nun mal so, und es erleichtert, ent- spannt die Gesichter für die Dauer einiger Atemzüge, ehe die Gedanken sich wieder in ihnen spiegeln. Wieso hat die Zinn nackt gebadet? Bedenkt mal, wo sie das ge- macht hat. Zwischen Schmöckwitz und Grünau gibt’s keinen Nudistenstrand, und ausgerechnet dort spielt eine Kamerun, und die ist nicht etwa sechzehn, sondern vier- undvierzig und eine mustergültige Ehefrau. Was, zum Teufel, ist mustergültig? Jedenfalls hat sie sehr zurück- gezogen mit ihrem Mann gelebt, ob musterhaft oder nicht, zurückgezogen haben die beiden gelebt, und so eine Frau steigt wie Diana ins Bad in ein rege befahrenes Gewässer? Das hat die dann schwerlich am hellichten Tage getan, die zurückgezogen lebende Frau. Zurückge- zogenheit macht scheu. Und es gehört schon eine Portion vom Gegenteil dazu, sich am Langen See im unver- fälschten Naturzustand zur Schau zu stellen. Also hat sie’s in der Dämmerung gemacht, abends eher als morgens, 108
  • denn die Abende sind milder, und dabei ist sie nicht al- lein gewesen. Preisfrage: mit wem aber? Wer war ihr Partner? Mit wem begibt sich eine Frau von der Lebens- art der Steffi Zinn zum Nacktbaden in die bewaldete Pe- ripherie einer Millionenstadt? Vermutlich in der Dunkel- heit. Und im September. Doch nicht mit einem Fremden! Der Ehemann scheidet aus, nicht weil dieser Halbgreis zu solchen Unternehmungen nicht mehr brauchbar er- scheint, sondern weil er in Zumseils Bierstube seinen Moralischen begoß, und das mit Ausdauer, und weil er von Stund an ständig im Blickfeld der Umwelt war, zehn Tage lang bis zu seiner Entlassung aus dem Kranken- haus. Der, wenn er auch fünfundzwanzig Jahre lang ihr Partner war, kann an jenem einen Tage Steffi Zinns Part- ner nicht gewesen sein. „Bleibt nur ’n heimlicher Liebhaber“, sagt Gallich, „und solche gibt’s wie Sand am Meer, und daß einer sich seiner Geliebten entledigt hat, hat’s auch schon da und dort gegeben.“ Daß es einem Liebhaber, der sich auf sei- ne Rolle versteht, nicht gelingen könnte, seine Geliebte an einem milden, mondscheinigen Septemberabend zu einem Wassernixenspielchen zu überreden, weist Gallich von der Hand. „Die kriegen alles fertig.“ „Und er, meinst du, hat sich auf einen Bootssteg ge- setzt und sie bewundert, bevor er sie dann vom Steg her- ab unter Wasser drückte?“ fragt Lohm. „Wieso vom Steg herab? Die sind gemeinsam ’rein und ein Stück rausgeschwommen.“ „Hinausgeschwommen sind sie keinesfalls“, sagt Reiß, „und wenn, hat er es nicht draußen getan. Vielleicht sind sie ein Stück hinausgeschwommen, aber dann sind sie umgekehrt, und in der Nähe des Ufers hat er’s dann ge- tan. Draußen hätte er sein Leben riskiert.“ 109
  • „Jedenfalls, wenn’s überhaupt so war, ist er mit ihr gemeinsam ins Wasser“, sagt Gallich. „Die Frau möcht’ ich sehn, die sich unter solchen Umständen auszieht und ins Wasser steigt, und ihr Liebster guckt ihr von ’nem Steg herab zu, weil er sich nicht reingetraut! Leib an Leib bei vierzehn Grad, das mag zur Not noch ’n Vergnügen sein, wenn auch kein reines. Na, Verliebte sprechen ja auf die verschiedensten Reize an. Aber für einen allein sind vierzehn Grad ’ne Hundesache und erst recht für ’ne Frau unter den Augen eines Zimperlings. Nein, die sind gemeinsam ’rein, oder es ist ganz anders gewesen. Wa- rum soll der’s nicht auf die Masche Rattenfänger von Hameln gemacht haben? Er selber als Lockvogel und dazu die entsprechenden Flötentöne, da watet doch jede Frau in die Fluten wie der Fischer beim alten Goethe.“ „Jede nicht“, sagt Reiß, „aber es geht zum Glück ja bloß um eine. Und den Fischer hat’s gezogen.“ Gallich stutzt, aus dem Konzept gebracht. Dann si- ckert ein Lächeln in seine Lippen, und mit Wonne sagt er: „Nicht es, sie hat den Fischer gezogen.“ „Es war aber besser gewesen“, sagt Reiß. „Es?“ Gallich überlegt. „Ach so, das feuchte Weib. Schulmeister!“ „Das gewisse Etwas, das Unbekannte, das Nichtzu- bestimmende“, erklärt Reiß mit unbewegter Miene. „Oder was hat die Zinn ins Wasser gebracht, etwa ’ne Faust im Nacken?“ „Das Unbekannte, das Nichtzubestimmende“, höhnt Gallich und ist voller Triumph. „Sexuelle Hörigkeit, da- mit du’s weißt, du Junggeselle! Die Zinn war ihrem Ga- lan mit Haut und Haaren verfallen. Von dem ließ die mit sich machen, was der wollte, und das hat der dann ja auch. Fummelt an den Werken unsres Spitzenklassikers 110
  • ’rum! Es wär besser gewesen. Wo gibt’s denn so was? Als hätt’ der alte Goethe mit dem Es, was du meinst, nichts anzufangen gewußt. Lies mal den Faust. Lies bloß mal den Fischer, aber richtig.“ Reiß verzieht keine Miene, schweigt aber, und Gallich weiß, was das bedeutet. Er blickt über den Tisch wie ein Feldherr nach einem Sieg über ein Schlachtfeld, und sind Goethes Zeiten, als Schlachtfelder noch zu überblicken waren, auch lange vorbei, mit Goethe hat er Reiß ge- schlagen, endlich einmal, mit Goethes altem Angler, der beim Fischen seine Ruh verlor, weil ein Weib ihn lockte. Hörigkeit auch dort? Beim Angler war’s ein fremdes Weib. Spontane Hörigkeit also? Veni, vidi, vici? Der die Steffi Zinn ins Wasser geführt hat, kam nicht, sah nicht, siegte nicht. Der war schon eine Weile vorher da, war kein Fremder für sie. Aber wer er war, das hat sie mit ins Grab genommen, so konsequent, wie sie das Geheimnis ihrer verbotenen Liebe gehütet hat, von der sie nicht ahn- te, daß sie tödlich sein sollte. Es gibt keinen Hinweis auf den Täter. „Einer mit einem Verband, mit einer Wunde also“, sagt Gallich. „Mit einer vermutlich unbedeutenden Wunde“, sagt Reiß. „Stimmt. Sonst wär’ der nicht ins Wasser gegan- gen“, sagt Gallich. „Wenn er mitgegangen ist“, sagt Reiß. „Nach meiner Version ist er“, sagt Gallich. „Zumin- dest als Lockvogel. Er muß ja nicht geschwommen sein, und ertränken kannst du einen schon in ’ner Pfütze.“ Weder Lohm noch seine beiden Genossen ahnen, wie nahe sie der Wahrheit sind, hautnah. Die fiktive Rekon- struktion des Tathergangs deckt sich mit der Wirklich- keit. Gewiß, sie haben auf manche Frage keine Antwort 111
  • gefunden. Aber so hat es sich zugetragen, das Verbre- chen am Langen See. Sie wissen es nicht. Sie hoffen, daß sie nicht fehlgegangen sind auf dem Weg durch das Dunkel der Möglichkeiten. Die Furcht, plötzlich ins Nichts zu taumeln, wenn sie auf diesem Wege weiterge- hen, das Gefühl der Unsicherheit, der Improvisation – das alles ist nicht auszustreichen wie eine überflüssige Ziffer, eine unbestimmbare Unbekannte. Es belastet sie und wird sie begleiten, bis sie mehr wissen, bis sie an jenem Punkt angelangt sind, wo sie sich entweder einge- stehen müssen, daß sie irrten, oder sich erleichtert sagen können, daß ihre Arbeit nicht umsonst gewesen ist. „Gesetzt den Fall, wir sind mit dieser Auslegung nicht auf dem Holzweg“, sagt Lohm, sich aus seiner schiefen Haltung hochzwingend, graue Müdigkeit um die Augen, mit denen er Reiß und Gallich ansieht, „müssen wir auf eine Frage Antwort bekommen. Von ihr wird abhängen, ob es so gewesen sein kann, nicht muß, aber kann.“ „Hm“, brummt Gallich, und Reiß fragt, von wem Lohm diese Antwort einholen wolle. Lohm sagt: „Von Doktor Saltz.“ VII Vierundzwanzig Stunden nach seinem Besuch im Ge- richtsmedizinischen Institut sitzt Lohm ein zweites Mal Doktor Saltz gegenüber. Im Fenster steht ein sonniger Herbstnachmittag, dessen Licht breit und golden ins Zimmer flutet und den Zauber aller Farben enthüllt. Feu- ergelb und ziegelrot brennen die letzten Blätter im Geäst vor den Scheiben, die Landschaft auf dem Aquarell glänzt wie ein Stück Natur nach einem erfrischenden Re- gen, und das Lärmen der Vögel erinnert an die Tollheit 112
  • übermütiger Jungen. In einem Sonnenstrahl glüht der vom Lastzug überrollte Aschenbecher; er stand bei Lohms Eintreten schon bereit. „Wissen Sie, was ich jetzt möchte?“ sagt Doktor Saltz, lehnt sich im Sessel zurück und verschränkt die Hände im Nacken. „Angeln. Obwohl die Fische um diese Stun- de nicht beißen, möcht’ ich jetzt angeln, irgendwo an einem stillen Gewässer, in einem Kahn, der nicht mehr ganz dicht ist und in dem von meinem Vorgänger noch paar Utensilien liegen, eine zerbrochene Pose, eine alte Wurmdose, irgendwas, was nicht mehr brauchbar ist – aber diese kleinen Dinge machen einem das Alleinsein erst so richtig bewußt. Und wenn dann keiner angebissen hat, nach Stunden nicht, ach was, nach einem halben Tag nicht …“ „… hat man trotzdem das Gefühl, die Zeit nicht nutz- los umgebracht zu haben“, ergänzt Lohm, und Doktor Saltz kehrt von seinem romantischen Ausflug zurück, jäh und erstaunt, nimmt dann eine Hand hinterm Nacken hervor und stößt mit dem Finger bei jedem Wort in die Luft. „Genau das ist es. Jawohl!“ Er läßt die Hand sin- ken, lächelt. „Sie kennen das also auch.“ „Nur leider nicht vom Angeln“, sagt Lohm und zieht seine Zigaretten aus der Tasche. „Ich darf doch?“ „Heute dürfen Sie mir sogar eine anbieten.“ „Rauchen Sie denn wieder?“ „Nur eine mal, diese mal, ausnahmsweise heute“, sagt Doktor Saltz und lacht. „Wir sind ja unter uns.“ „Haben Sie ein Glück, daß ich nicht Staatsanwalt bin“, sagt Lohm und reicht dem Arzt die Schachtel hin. „Daß Sie nicht Haller sind“, berichtigt der. „Ein tüchtiger Jurist“, sagt Lohm. „Ich arbeite gern mit ihm zusammen.“ 113
  • „Weil er tüchtig ist?“ Doktor Saltz hält eine Sekunde inne und bekommt etwas Lausbübisches ins Gesicht. „Oder wegen seiner Schrulligkeit?“ „Haller ist wirklich tüchtig“, sagt Lohm. „Gott ja, Sie haben ja recht!“ Doktor Saltz beugt sich über den Tisch, um von Lohm Feuer zu nehmen. „Schrullig sind wir letztlich alle irgendwo. Oder haben Sie keinen Spleen? Ich habe einige.“ „Zum Beispiel in Form unerfüllbarer Wünsche“, sagt Lohm, und beide lachen, und Doktor Saltz bläst den Rauch der Zigarette steil in die Luft und ruft: „Und trotz- dem, wenn ich jetzt könnte …“ „Ein Angler war es übrigens, der die tote Steffi Zinn gefunden hat“, sagt Lohm. „Tja“, sagt Doktor Saltz, mit einemmal ernst, „diese Steffi Zinn. Ich hätte Sie gern schon eher empfangen, Herr Lohm, aber Sie wissen ja, vormittags ist das bei mir nicht drin.“ „Ich weiß“, sagt Lohm. „Na, wir haben inzwischen heftig debattiert. Mir brummt jetzt noch der Schädel.“ „Wie wär’s dann mit einem Kaffee? Wir haben alles im Haus, sogar Zutaten für ’n paar handfeste Sandwi- ches. Wenn’s bei uns mal rund geht und der Magen knurrt …“ „Vielleicht später.“ „Schön. Sie haben also dieses mysteriöse Fädchen identifiziert?“ „Ja, entfettete Baumwolle.“ „Aha. Stammt also von einem Verband.“ „Ja, entfettete Baumwolle wird zu Mullbinden und ähnlichem Zeug verarbeitet.“ „Und der Faden saß unter dem geknickten Fingernagel.“ „Er hing in der Knickstelle.“ 114
  • „Soso.“ Doktor Saltz überlegt, wobei er die Asche ab- streift. „Der eine Nagel war ja abgebrochen, der vom Zeigefinger bis in den Nagelkörper hinein geknickt. Das einzige Anzeichen übrigens, was auf eine Abwehrreakti- on des Opfers hindeutet. Andre Symptome einer Gewalt- einwirkung waren nicht festzustellen.“ „Einer Gewalteinwirkung?“ Doktor Saltz lächelt. „Nicht nur ein Täter, Herr Lohm, auch der Tod ist eine Gewalt, der man sich zu erwehren versucht.“ „Die Selbstmordhypothese haben wir verworfen“, sagt Lohm. „Es sprachen zu viele Umstände dagegen, allein die Lage des Fundorts. An dieser Stelle wäre der Leichnam von der Strömung vorbeigetrieben worden. Die Zinn müßte demnach in der Nähe ins Wasser gegangen sein, das im weiten Umkreis dort seicht ist, und im seichten Wasser müßte sie sich ertränkt haben, sonst wär’ sie von der Strö- mung erfaßt und mitgenommen worden. Welcher Mensch, Doktor Saltz, bringt eine derart anormale Willenskraft auf?“ „Ein Selbstmörder“, antwortet Doktor Saltz prompt und fast ein wenig amüsiert. „Die anormale Willenskraft, wie Sie es nennen, entspricht einer anormalen Geistesverfas- sung. Vernunft, Verstand, selbst elementarste Triebfunkti- onen können dabei ausgeschaltet, ja ins Gegenteil verkehrt sein. Ich könnte Ihnen da ganz andre Beispiele nennen. Das also spricht nicht verläßlich gegen Selbstmord.“ Lohm zieht an der Zigarette und blickt in die aufleuch- tende Glut. „Selbstmord war es trotzdem nicht.“ „Ich würde dafür, wenn Sie gestatten, einen andern Gesichtspunkt ins Kalkül ziehen“, fährt Doktor Saltz fort. Lohm läßt die Hand mit der Zigarette sinken. 115
  • „Der Tod ist eine Gewalt, gegen die man sich wehrt, gewiß. Aber“, Doktor Saltz macht eine kleine Pause und sagt dann mit gewisser Wucht, „der Tod trägt keinen Mullverband.“ Nun lächelt Lohm. „Soweit sind wir auch gekommen, nur hat mein Genosse Gallich es nicht so poetisch formu- liert.“ Der Arzt lacht. „Dabei bin ich gar kein Freund von Reißern. Ich liebe Dostojewski.“ „Den mag ich nun wieder gar nicht.“ „Was lesen Sie denn?“ „Auf keinen Fall Kriminalromane“, antwortet Lohm, und Doktor Saltz ist voller Verständnis und fragt nicht weiter. Wohlwollend betrachtet er den Hauptmann, der, rie- senhaft, ihm gegenübersitzt und, würde er sich nicht ab und zu bewegen, wie ein Granitblock wirkt. Plötzlich schlägt der Arzt auf die Armlehne seines Sessels und ruft mit voller Stimme: „Nein, mit Ihnen möchte ich weiß Gott nicht tauschen! Wenn ich mir vorstelle, einen auf- spüren zu müssen, der einen Verband trägt … und wo trägt er den, um den Bauch, am Hintern, an der Hand? Das allein ist schon ’ne Frage! Und inzwischen hat er ihn vielleicht längst abgenommen, hat nur noch ’ne Narbe an der Stelle, ’n Närbchen, daumennagelgroß oder dünn wie’n Strich … und der in diesem Moloch von Stadt, die- ser unerhörten Zusammenballung von Menschen, unter- getaucht, spurlos wie’n abgeflauter Wind – wenn ich den suchen müßte und nicht bloß suchen, nein, auch finden, finden müßte, denn gefunden muß der doch werden … o Mann, nee …!“ Lohm lächelt und antwortet ganz gelassen: „Wir son- dern aus, Herr Doktor Saltz, genau wie Sie. Wenn einer 116
  • ertrunken ist, untersuchen Sie ja auch nicht dessen Bauchspeicheldrüse.“ „Sehr gut!“ lobt Doktor Saltz. „Nur gibt’s leider mehr Menschen in Berlin als Eingeweide in einer menschli- chen Hülle.“ „Vielleicht stammt der Täter sogar aus der Republik.“ „Und das erfüllt Sie nicht mit Grausen?“ „Nein“, sagt Lohm. „Das ist ja meine Arbeit. Dafür bin ich da. Und außerdem, zuerst durchsieben wir einmal die Spreu, die wir vom Weizen schon getrennt haben. Und wenn wir da nichts finden, dann erst kommt der Weizen dran.“ „Ganze Weizenfelder, Hekatomben von Weizenfel- dern!“ ruft Doktor Saltz. „Im Gegenteil“, sagt Lohm. „Zum Weizen gehört bis- her nur einer, der Ehemann.“ „Der Zinn?“ entfährt es Doktor Saltz. „Vor dem Gesetz war er der Ehemann, und was unsre Recherchen ergeben haben, war er’s auch de facto. Sogar mustergültig.“ „Und was bewegt Sie anzunehmen …?“ „Ich nehme gar nichts an“, sagt Lohm. „Ich habe nicht mal einen Verdacht. Ich hätte einen, hätten Sie sich dafür verbürgen können, daß die Tote nicht länger als drei Ta- ge im Langen See gelegen hat.“ „Nicht länger als drei Tage? Ausgeschlossen“, sagt Doktor Saltz entschieden. „Aber warum wäre Zinn dann verdächtig?“ „Selbst dann wäre er noch nicht verdächtig, aber dann könnte er den Mord verübt haben. So nicht.“ „So ist das also“, sagt Doktor Saltz. „Daß die Zinn ei- nen heimlichen Liebhaber gehabt haben könnte, haben Sie das schon erwogen?“ 117
  • Lohm sieht den Arzt nur schmunzelnd an, und der wird leicht verlegen. „Entschuldigen Sie …“ Lohm winkt ab. „Mitunter kommt man auf das Aller- einfachste nicht, das ist auch uns schon passiert.“ Wie um von seiner unbedachten Frage abzulenken, sagt Doktor Saltz: „Es war kein Notzuchtverbrechen, und ein Raubmord sieht im allgemeinen anders aus. Was war es dann? Aber das muß zum Glück nicht ich herausfinden.“ „Sondern ich“, sagt Lohm, „und ich werde es auch.“ Er stutzt, wundert sich, mit welcher Entschiedenheit er diese schwerwiegenden Worte ausgesprochen hat, das ist doch nicht seine Art, einem andern gegenüber eine sol- che Selbstsicherheit hervorzukehren, auch wenn er sich mit ihr gewappnet hat und bei jedem Fall aufs neue wappnet, denn was wäre erreichbar, würde er sich von Schwierigkeiten entmutigen lassen, das Vertrauen in die eigene Kraft, es steht nun mal am Anfang seiner Arbeit – doch daß ihm davon etwas über die Lippen rutschte, ist ihm peinlich, und so fügt er hinzu: „Hoffentlich.“ „Ich hoffe mit Ihnen“, sagt Doktor Saltz. „Sie muß ei- ne schöne Frau gewesen sein.“ Er steht auf und tritt ans Fenster, öffnet es, und eine Woge reiner, lauwarmer Luft, schwer vom Duft welkenden Laubes, strömt herein und wirbelt den Tabakrauch durcheinander, und wie der Arzt ins burleske Spiel von Licht und Schatten blickt, das, nicht sichtbar für Lohm, den Park mit lautlosem tanzen- dem und doch schon ermattendem Leben erfüllt, stellt der Hauptmann seine Frage, ob es der Gerichtsmedizin wohl möglich sei festzustellen, wo ein Mensch ertrunken ist, in größerer Tiefe oder am Rande eines Gewässers. „Um mir diese Frage zu stellen, sind Sie gekommen, nicht wahr, Hauptmann Lohm?“ sagt Doktor Saltz, un- 118
  • beweglich am Fenster stehend, den Blick nach draußen gerichtet. „Ja“, sagt Lohm. „Wenn die Gerichtsmedizin das könnte, und zwar ex- akt, wäre Ihnen wohler, nicht wahr?“ „Sie kann es also nicht“, sagt Lohm. Doktor Saltz wendet sich um. „Nein, das kann sie lei- der nicht.“ VIII Lohm ist nicht enttäuscht, als er Doktor Saltz verläßt. Hätte der Gerichtsmediziner sich dafür verbürgt, daß Steffi Zinn in Ufernähe ertränkt worden sei, so hätte das die Schlußfolgerungen untermauert, mehr nicht. Daß Doktor Saltz hier passen mußte, spricht nicht gegen den angenommenen Tathergang. Lohm geht am Institutsgebäude vorbei, dessen gelbe Backsteinmauern in der dunklen Sonne glänzen, vorbei an der langen Reihe abgestellter Wagen aus dem Reparatur- werk, die immer am Straßenrand stehen, als finde sich keiner, sie abzuholen, und mit jedem Schritt wird der Lärm, der sich von der Kreuzung heranwälzt, lauter, bis Lohm in ihn eintaucht und im Zentrum dieser akustischen Wolke stehenbleibt, gestoppt von rotem Ampellicht, das blaugraue Fetzen umflattern, Auspuffgase der mit heise- rem Gekicher anfahrenden Zweitakter. Wie an einem rei- ßenden Bach steht er, in dem Autos treiben, in ihrer Mitte eine rasselnde Straßenbahn. Jetzt braucht einer keine Uhr, um die Stunde zu wissen. Der große Run aus Amtszim- mern, Büros und Werkhallen hat eingesetzt, heimzu, und die Stadt erhitzt sich noch einmal in hektischem Fieber, während die Sonne schon gegen den Horizont rutscht. 119
  • Lohm, ehe die Ampel auf Grün springt, will die Uhren vergleichen; aber die Normaluhr zeigt das Bild des auf- gestellten Zeigefingers mit dem abgespreizten Daumen: 16 Uhr. Sie steht. In einem Pulk langhaariger junger Leu- te überschreitet er die Hannoversche, und als er drüben ist, hört er hinter sich die abfallende Tonleiter einer bremsenden Straßenbahn. Sich wendend, blickt er in ro- tes Ampellicht. Die kriegt er nicht mehr. Die jungen Leu- te sind unbefangener, rasen zurück, was schert sie Rot, acht, neun Mann hoch und zwei untergefaßte Mädchen, denen beim Rennen das nackte Fleisch unterm Röckchen hervorlugt, und hangeln sich in die Bahn. Der Verkehrs- polizist im Leitstand, die Trillerpfeife schon am Mund, verzichtet auf den Ordnungspfiff, was soll’s, und als die elf an Lohm vorbeifahren, bedauert der nur, daß er keine siebzehn mehr ist, sonst hätte er’s so wie die gemacht und Vera am Bahnhof Friedrichstraße noch erwischt. Nur hat er Vera mit siebzehn noch nicht gekannt. So geht er denn zu Fuß, gemächlich, er hat’s ja nicht eilig, und außerdem ist die Lederhülle bei solchem Wet- ter eine Last. Als er morgens aus dem Fenster blickte, stand der Plänterwald hüfthoch in zähem Oktobernebel, und der Himmel sah aus, als könnte er den Regen nicht bei sich behalten, der im Wetterbericht angedroht worden war. Vielleicht hat’s im Plänterwald auch geregnet, nur eben im Zentrum nicht, oder er hat Vera gerade etwas zugerufen, als der Nachrichtensprecher das sinnreiche Wort „strichweise“ sagte. Man hört ja nie so richtig hin. Lohm, eingeschnürt in den Mantel, diese tragbare le- derne Sauna, schwitzend und nicht ohne Durst, denkt an alles mögliche, wie er durch die Friedrichstraße geht, dem Bahnhof zu. An den Fall der Steffi Zinn denkt er nicht. Nicht, weil der Dienst für ihn zu Ende ist; ein Kriminalist 120
  • ist nie außer Dienst, und ist auch die tägliche Dienstzeit um, der Dienst ist es nicht, solang es dem eignen Hirn gefällt, und das ist mitunter noch in der Badewanne ruh- los bei der Sache. Nein, Lohm denkt an den Fall nicht, weil ihn dieser Fußmarsch ablenkt. Ohne daß er es woll- te, hat er abgeschaltet. Die Schaufenster interessieren ihn nicht, Autos, selbst chromblitzende Straßenkreuzer mit exotischen Nummernschildern, sind ihm gleichgültig, aber der Menschenstrom, der sich vor ihm teilt wie Was- ser an einem Wogenbrecher, der ihn umfließt und hinter ihm zusammenschlägt, reißt immer wieder einen seiner Gedanken mit sich fort: Augen, die ihn flüchtig streifen, die Ungleichheit der Gesichter, das schleifende Gewand eines beturbanten Afrikaners, ein Lachen, ein verkniffner Mund, der Singsang einer Gruppe Jugendlicher in blauen Hemden, ein Kinderwagen, den ein Mädchen vor sich her schiebt, selbst fast noch ein Kind, doch mit hoch erhobe- nem Kopf – dieses Bild allein lohnt den Weg. An alldem fährt er sonst vorbei, unsichtbar im Fond des Dienstwa- gens und selber nicht sehend, was da ist; wie durch eine lebendige Kulisse fährt er, die an seinem Auge vorbei- huscht und ganz anders sein könnte, als sie ist – er würde es nicht bemerken. Vera hat recht, wenn sie sagt, wer vom Sessel in den Wagen steigt und vom Wagen in den Sessel, hat sich selber eine Binde vor die Augen gelegt. Zum Glück ist es schattig in der Friedrichstraße, aber als der Johannishof in Sicht kommt, sind rechts keine Häuser mehr, und die Sonne, mit letzter Wucht, ist noch einmal da. Nun knöpft Lohm den Mantel auf, läßt den Gürtel baumeln; mit den Armen, ehe er sie auf dem Rü- cken verschränkt, schlägt, er die Schöße zurück und kommt sich etwas angeberisch vor in dieser Haltung; aber er fühlt sich wohler. Aus einer offenen Gaststättentür 121
  • duftet es nach Bier, er zögert, geht jedoch weiter, und auf der Weidendammer Brücke entschädigt ihn ein kühler Luftzug, der von der Spree heraufweht. Im Theater waren wir schon ewig nicht, denkt er und ist plötzlich voller Unternehmungslust, nicht unbedingt auf Theater, es könnte ja auch sonstwie ein netter Abend sein in einem Café, einem Speiselokal, mit Vera irgendwo gemeinsam zu essen macht immer Spaß, und sie sind seit Monaten nicht mehr aus gewesen, nun ja, er wird’s ihr bald mal vorschlagen, und ihr zuliebe wird er sogar mit in die Oper gehn, vorher, falls sie’s davon abhängig machen sollte. Was tut man nicht alles für seine Frau. In der Bahnhofshalle sagt jemand zu ihm: „Wie du so ankommst – wie’n Kosak.“ Es ist Vera. Daß Lohm sie im Gedränge übersehen hat, ist zu verzeihen; sie reicht ihm bis knapp über den Ellen- bogen. „Das paßt ja prima“, sagt Lohm. „Wie gut, daß einem mitunter die Bahn vor der Nase wegfährt! Du hast länger gearbeitet?“ „Ja, beim Friseur“, sagt Vera. „Es fällt wohl nicht sehr auf, wie?“ „Und wie’s auffällt!“ sagt Lohm und lacht. „Findest du, daß mir das steht?“ „Riesig“, sagt Lohm und bewundert den Turmbau aus schwarzem Haar, das im Licht bläulich schimmert. „Hab’ gar nicht gewußt, daß ich so ’ne große Frau hab’. Wie die Frisur den Menschen doch gleich hebt!“ „Affe“, sagt Vera. „Bummeln wir ein Stück?“ „Ich wollte dich ohnehin einladen.“ „Oho!“ „Zum Essen.“ 122
  • „Nicht schlecht. Laß mal sehn, wie du ’rumläufst. Hm, sogar mit Schlips. Schlips und ausgebeulte Hosen.“ „Ich bin ja nicht auf ein stinkfeines Lokal aus.“ „Mit mir müßtest du aber nur auf solche Lokale aus sein.“ „Hab’ ich denn ahnen können, daß ich dich treffe?“ „Du solltest zumindest immer damit rechnen.“ „Ab heute“, sagt Lohm, „ab heute rechne ich immer damit. Wo gehn wir hin? Ins Ganymed?“ „Ich hab’ eigentlich mehr Durst als Hunger“, sagt Ve- ra. „Du weißt doch, wenn ich beim Friseur sitze, kriege ich jedesmal Durst auf Bier.“ „Auf Bier? Seit wann denn das?“ „Schon immer.“ „Das hast du mir aber noch nie gesagt.“ „Wirklich? Dann hab’ ich’s vergessen“, sagt Vera la- chend und hakt sich bei ihm ein. „Ist ja auch nicht wich- tig, oder?“ „Nein, ist absolut nicht wichtig.“ „In den Presseclub willst du sicher nicht, hm?“ „Dort wirst du doch gleich umlagert“, sagt Lohm. „Ich möchte mit dir allein sein, irgendwo, wo’s nett ist.“ „Nett kann’s auch in ’ner Kutscherkneipe sein.“ „Gut, dann wollen wir mal sehn, ob wir eine Kut- scherkneipe finden.“ Später sitzen sie in einer Bierbar, wo es Brathähnchen gibt. Alle Gäste essen Hähnchen und trinken Bier dazu. Der Anblick der kauenden Münder, die von fettfeuchten Fingern mit Fleischstücken vollgestopft werden, ist nicht gerade ein Augenschmaus; aber Lohm hat einen Zweier- tisch erwischt und nimmt von der Umgebung nicht mehr wahr als die aufdringliche Akustik, die ein Ventilator monoton und sausend untermalt. Zwei Jahre ist er mit 123
  • Vera jetzt verheiratet, Zeit genug, mit einem Antlitz so vertraut zu werden, daß man es mit geschlossenen Au- gen vor sich sieht; aber das Gesicht, von dem er keinen Blick wendet, ist Veras Gesicht, und immer wieder entdeckt er in ihm einen Zug, der ihm, wie er meint, bislang verborgen war, und so wird er nie müde, seine kleine, zierliche Frau, die er mühelos auf einem Arm von einem Zimmer ins andere durch die Wohnung tra- gen kann, anzuschauen, ja, er kann sich nicht vorstel- len, daß er dessen jemals müde werden könnte. Wie er sie anschaut, verrät jedem, was mit ihm los ist, und Vera sieht ihn ebenso an aus ihren großen, klaren, ein wenig verschmitzten Augen. „Du hast eine Farbe, als wärst du den ganzen Tag in der Sonne gewesen“, sagt Lohm, „richtig braun.“ „Ein herrlicher Tag, nicht wahr?“ „Ich hab’ nur ’ne Handvoll von abbekommen.“ „Ich war draußen in Biesdorf, im Hundewäldchen.“ „Hundewäldchen?“ „Sie dressieren Hunde dort.“ „Aha. Reportage?“ „Ja. Und du, was hast du gemacht?“ „Ach, alles mögliche“, sagt Lohm. „Zuletzt war ich noch mal in der Gerichtsmedizin.“ „Wegen dieser Steffi Zink?“ „Zinn.“ „Und?“ Lohm zuckt mit den Schultern. „Ich hatte mir da was erhofft, weißt du, aber diesmal mußte der Doktor Saltz passen. Na, macht nichts.“ „Deprimiert?“ Vera langt über den Tisch und faßt sei- ne Hand. Sie sieht ihn an und lächelt. Das Lächeln sagt ihm, er möge es nicht tragisch nehmen. 124
  • „Nein, nicht deprimiert“, sagt Lohm und drückt ihre Hand. „Es kann nicht alles programmgemäß verlaufen.“ „Habt ihr immer noch keinen Anhaltspunkt?“ „Der Mörder muß eine Verletzung gehabt haben, das ist alles.“ „Eine Verletzung? Ich denke, der hat das so gemacht, daß an der Toten überhaupt nichts zu sehn war?“ „Der Mörder, nicht sein Opfer.“ „Das versteh’ ich nicht“, sagt Vera. „Es hat also doch ein Kampf stattgefunden? Wie habt ihr denn das festgestellt?“ „Nicht doch“, sagt Lohm. „Der Mörder muß eine Ver- letzung gehabt haben, vorher schon. Er hat einen Ver- band getragen.“ „Woher wißt ihr denn das?“ „Wir fanden bei der Toten einen Faden unterm Fin- gernagel, und der stammte von Verbandzeug.“ „Und deshalb glaubt ihr, der Mörder müsse eine Ver- letzung gehabt haben?“ „Na ja.“ „Komisch“, sagt Vera. „Was findest du daran komisch?“ „Daß einer eine Verletzung haben muß, wenn er einen Verband trägt. Im Hundewäldchen in Biesdorf umwi- ckeln die, die den Täter spielen und vom Hund gestellt werden sollen, sich vorher den Arm, damit der Hund nicht durchbeißt. Die haben verdammt scharfe Köter dort. He, Herbert, hörst du?“ „Ja, ja“, sagt Lohm, aber Vera sieht ihm an, daß er im Augenblick nicht an ihrem Tische saß. „Ist’s denn so abwegig, daß einer, der so ein scheußli- ches Verbrechen plant, auch an so etwas denkt?“ „Das ist’s ja“, sagt Lohm, „es ist überhaupt nicht abwegig. Im Gegenteil. Nur ist keiner von uns drauf- 125
  • gekommen. Heiliger Bimbam, und du, du sprichst es aus, als läg’s offen auf der Hand!“ „Ich kann mich irren“, sagt Vera und zuckt mit den Achseln, „aber es ist zumindest nicht um sieben Ecken gezerrt, gib’s zu.“ „Vera, Verotschka“, ruft Lohm und packt ihre Hände, das Aufsehen mißachtend, das sein Ausruf unter den Es- sern erregt, „jetzt geb’ ich dir einen Kuß, hörst du, und dann wollen wir mal sehn, ob die nicht Sekt in diesem Schuppen führen!“ „Sekt hier?“ Vera rümpft die Nase. „Bei Sekt will ich woandershin.“ „Was liegt in der Nähe?“ „Das Newa“, sagt Vera. „Gut, dann auf ins Newa! Den Sekt trinken wir. Herr Ober, bitte zahlen!“ IX Noch am Abend telefoniert Lohm mit Gallich. Er könnte bis zum Dienstbeginn warten, um mit seinen Mitarbeitern den so einfachen und einleuchtenden Gedanken zu erörtern, auf den Vera ihn gebracht hat. Aber es drängt ihn, wenigs- tens mit Gallich sofort zu sprechen. Trifft Veras Vermutung zu, so lenkt das die Ermittlungen in eine bestimmte Rich- tung, auf einen engbegrenzten Punkt, ja, es würde sie auf diesen Punkt zurücklenken; denn von ihm sind sie ausge- gangen, ehe sie, durch ihre Recherchen veranlaßt, sich von ihm abgewandt und eine eher ziellose Suche aufgenommen haben. Was wird Gallich dazu sagen? Das zu erfahren, kann Lohm nicht bis zum Morgen warten. Gallich ist erst einmal still, und Lohm sieht, obwohl er ihn nicht sieht, seinen Oberleutnant am Telefon stehen, 126
  • wie er sein Kinn massiert und mit zusammengekniffenen Augen, als blende ihn ein Licht, in sich hineinlauscht, dem Echo lauscht, das dieser Anruf in ihm ausgelöst hat. „Wenn Vera recht hat“, antwortet Gallich dann, und seine Stimme klingt erregt, „hat der Täter sich geschützt, weil er damit rechnen mußte, daß er in den Kreis der Verdächtigen einbezogen wird, und so einer hütet sich vor Kratzwunden an seinem Arm. Das ist dann aber be- stimmt keiner gewesen, den in der Griffelsberger oder im Bekanntenkreis der Zinns niemand kennt.“ „Die Zinns hatten keine Bekannten, Werner.“ „Aber das ist doch Unsinn! Bekannte hat jeder. So iso- liert, wie der Zinn es dargestellt hat, kann ja keiner leben.“ „Und wenn es Zinn selber war?“ Gallich schweigt. „Du denkst ans Motiv, nicht wahr?“ fragt Lohm. „Auch“, antwortet Gallich. „’n Mord ohne Motiv und von solcher Beschaffenheit? Nee, Herbert, die Vorsätz- lichkeit schreit doch aus jedem Detail! Und außerdem, wir haben bei unsern Ermittlungen doch nicht geschla- fen! Denk doch mal, Zinn hatte es gar nicht nötig, uns sein Alibi zu erbringen. Das hat die Umwelt für ihn ge- tan, vom Vorsitzenden der Nationalen Front über die Hausbewohner bis zum Stationsarzt. Wenn Zinn es auch nur gewesen sein könnte, quittier’ ich meinen Dienst. Der kann’s ja nicht mal theoretisch gewesen sein!“ „Das ist allerdings ein Argument“, sagt Lohm und lacht. „Wenn du den Dienst an den Nagel hängen willst …“ „Ich tippe nach wie vor auf den heimlichen Liebha- ber“, fährt Gallich fort, „nur wohnt der nicht im Nir- gendwo, sondern vielleicht im selben Haus oder in der Drehe, und weil er weiß, daß der eine oder andre sein Bratkartoffelverhältnis kannte, nur eben der gehörnte 127
  • Ehemann nicht – Mensch, Herbert, solche Trottel laufen doch en masse herum! –, hat der sich eben was einfallen lassen.“ „Mag sein, Werner“, sagt Lohm. „Nur daß der auch gleich dort gewohnt haben soll, ist mir zuviel Butter auf einer Scheibe.“ „Muß er ja nicht, woher denn“, ruft Gallich. „Er kann sogar in ’nem andern Stadtbezirk wohnen. Aber in der Griffelsberger kann er mal gesehn worden sein mit der Zinn oder woanders in der Stadt von einem aus der Grif- felsberger, und das hat er spitzgekriegt und sich gemerkt, Holzauge sei wachsam! Das ist doch wohl drin.“ „Das schon“, gibt Lohm zu. „Es ist sogar noch viel mehr drin. Deshalb werden wir noch einmal in der Grif- felsberger Straße etwas Staub wischen – und das gleich morgen. Gute Nacht bis dahin. Ende.“ X Der Gastwirt Arno Zumseil, aufgeschwemmt, mit prallem Bauch und rotem Gesicht, zieht schnaufend den Rolladen über dem gähnenden Türloch hoch, als Lohm sich der Bierstube nähert. Zumseil kennt bisher nur Leutnant Rimpler von der Inspektion und Gallich und Quint von Lohms Stab und vermutet in dem hochgewachsenen Mann, der auf sein Lokal zusteuert, offenbar einen frühen Gast, denn er winkt ab, wobei die Leine, an welcher der Rolladen hängt, ihm ein Stück aus der Hand rutscht und der Rolladen vor Lohm wieder bis auf Kniehöhe herunterrasselt. „Wollen Sie mich mit dem Ding guillotinieren?“ fragt Lohm scherzend. „Ick lüfte nur“, dröhnt Zumseils Stimme hinter dem Rollladen hervor, „ausjeschenkt wird in ’ner Stunde.“ 128
  • „Dann ziehn Sie das Ding mal trotzdem wieder hoch“, sagt Lohm und hilft an der Unterkante mit, „sonst kommt ja keine Luft in Ihre feine Halle.“ „Nu haben Se sich dreckich jemacht“, sagt Zumseil mit dem Anflug eines Grinsens, als der Rolladen oben einhakt. „Und jetzt wolln Se sich die Pfötchen waschen und dabei ’n Pils valöten. Ick öffne aba erst in ’ner Stun- de, wat saren Se nu?“ Lohm erwidert das Grinsen. „Kriminalpolizei.“ „Ach nee“, sagt Zumseil, Lohms Dienstausweis vor Augen, „det ha ick jerne.“ „Dann haben Sie ja schon am frühen Morgen eine Freude“, sagt Lohm und tritt an dem dicken Gastwirt vorbei ins halbdunkle Lokal. Zumseil, wohl auf eine wortreiche Sitzung gefaßt, schließt erst einmal das Bier an. Lohm lehnt am Tresen und erkundigt sich nach dem Geschäftsgang. Er äußert sich anerkennend über die Sauberkeit der Gaststätte, die ja vor Zumseils Ära nur ein besserer Stall gewesen sein solle, und man sehe doch gleich, wo eine ordnende Hand am Werke sei. Das hört der Gastwirt gern, zumal aus dem Munde eines Mannes, der im Polizeipräsidium sitzt. Er füllt zwei Halbliterseidel, packt beide mit energischem Griff und schiebt sich um den Tresen herum zum Stamm- tisch, wo er Lohm den einzigen Lehnsessel anbietet, den sonst wahrscheinlich er einnimmt. Als das halbe Liter bis auf eine unwesentliche Neige in ihm verschwunden ist, rülpst Zumseil donnerhaft, entschuldigt sich und ist bald darauf so aufgetaut, daß Lohm seine Mitteilsamkeit steu- ern muß. Den Stammtisch trennt ein schmiedeeisernes Gitter von der Gaststube. Rotes Licht fällt auf die blankge- scheuerte Eichenholzplatte aus einer Stallaterne, die an 129
  • Ketten malerisch von einem geborstenen Balken herab- hängt. Es fällt auch auf Zumseils Gesicht, dessen Röte dadurch einen Stich ins Blaue erhält und Lohm befürch- ten läßt, den Mann könne jeden Augenblick der Schlag treffen. Auch wird dem Gastwirt von Zeit zu Zeit die Luft knapp, so daß er hörbar Atem holt. Dennoch berich- tet er anschaulich und gewaltig gestikulierend: Hier an diesem Tische habe Herr Zinn, ein wohl seltener, doch stets gern gesehener und angenehmer Gast, an jenem Abend gesessen, verstört, ja regelrecht außer sich; kein Wunder, wurde er nach fünfundzwanzigjähriger Ehe doch von der Erkenntnis zermalmt, statt einer Frau einen Besen geheiratet zu haben. Als er dies sagt, lugt Zumseil über die Schulter zum Tresen, hinter dem die Tür zur Küche offensteht. Und eine solche Erfahrung aus heiterm Himmel schmettre einen Bullen nieder, geschweige einen so stillen und vornehmen Menschen, wie es der Herr Zinn nun mal sei. Angst habe der Mann gehabt, richtige Angst, die einem nur eine Furie einjagen könne, und wenn die Steffi Zinn nun auch tot sei, was ihr niemand gewünscht habe, so habe sie ihren Mann mit ihrem Geze- ter doch aus dem Hause getrieben, das stehe fest, denn hier an diesem Tische habe er gesessen und sich nicht mehr heimgetraut, und so habe er, Zumseil, ihm auf sein inständiges Drängen hin das Zimmer Tittis angeboten, was seine Tochter aus erster Ehe sei, die sich mit seiner vierten Frau nicht versteht und schon deshalb gern in Dresden studiert, Hotelfach übrigens und mehr auf prak- tischer Ebene. „Verstört war Zinn?“ fragt Lohm. „Und wütend“, sagt Zumseil, „besonders am andern Morjen, als seine Frau den Hörer von’t Telefon nich ab- jenommen hat, wo er’s doch mindestens fünf Minuten 130
  • bimmeln ließ. Det hat den so in Rage jebracht, dieser Trotz von seine andre Hälfte, det der jar nich ruff is zu sich. ’ne Bockwurst hat der hier jegessen, ’ne kalte, und denn is er gleich von hier weg in ’ne Firma. Et jibt ja ooch nischt schlimmeret, Jenosse Kommissar, als Weiba, die denn tajelang tückschen.“ Der Blick, den Zumseil nun wieder zur offenen Tür hinterm Tresen schickt, scheint ihn zu beruhigen. Dann bemerkt er den eingefal- lenen Grabhügel in Lohms Glas, die geschrumpfte Blu- me, die schmutzig und welk auf dem goldgelben Gers- tensaft schwimmt, und sein Gesicht verzieht sich in Kränkung. Lohm greift sogleich zu und trinkt. „Regt den Kreislauf an“, sagt Zumseil. „Schmeckt auch“, sagt Lohm, und der Gastwirt ist ver- söhnt. Lohm knüpft dort wieder an, wo Zumseil vom Thema abgekommen war, bei Zinns Verstörtheit. „Sie sagten, er habe sogar Angst gehabt. Hatten Sie den Eindruck, bei dieser Angst hätte vielleicht so etwas wie ein schlechtes Gewissen mitgespielt?“ Lohm, kaum daß die Frage über seine Lippen ist, würde sie am liebsten zurücknehmen. Auf eine Suggestivfrage erhält man oft die Antwort, die schon in der Frage steckt, und das führt häufig nicht weiter. „Freilich hatte er keen jutet Jewissen“, sagt Zumseil. „Er hatte sich ja sojar üba sich selba jeärgert, weil er sei- ne Frau ooch mit Ausdrücken bombardiert hatte. Aba wejen det Jewissens hatte er keene Angst. Die hatte er, weil er dachte, et würde weitajehn, sobald er det Been üba die Schwelle setzt.“ „Und da ist er also die eine und die nächste Nacht bei Ihnen geblieben?“ „So war et, Jenosse Kommissar.“ 131
  • „Wann ist er eigentlich an jenem Abend gekommen?“ „Viertel nach zehn.“ „Woher wissen Sie das so genau?“ „Weil er noch nie so spät jekomm’ war, die janzen Jahre nich. Da ha ick mir jewundat und uff de Uhr ge- kiekt, und da war et jenau Viertel nach zehn.“ „Hat Herr Zinn bei Ihnen getrunken?“ „Na, ick weeß nich, ob man det trinken nennen kann. Zwei, drei Schnäpse. Uff Alkohol hat der nie jestanden. Et kann natürlich sein, det Emma ihm ooch wat an’n Tisch jebracht hat, mehr als een Glas aba bestimmt nich.“ „Wer ist Emma?“ Zumseils Gesicht umwölkt sich. „Meine vierte.“ „Aha“, sagt Lohm. „Ein Luda is det Weibsbild, sar ick Ihnen“, flüstert Zumseil. „Entweda sie wird Witwe, oder ick, Jenosse Kommissar, jeh noch mal een Risiko ein. Ick schaff den Laden ja alleene nich, und Titti, was meine Tochta aus erster Ehe is, hat nischt wie Rosinen im Kopp von wejen Intahotel und so. Vaglichen mit meine Emma war die Steffi Zinn ’n sanftet Schönwettawölkchen.“ Lohm, als er sich von Zumseil trennt, nicht ohne Eile, denn er fürchtet Emmas unverhofftes Erscheinen, weiß nicht mehr, als was Gallichs und Quints Recherchen er- bracht haben. So ergeht es ihm bei allen, die in der Sache bereits ihre Aussage gemacht haben, bei der sechzehnjäh- rigen Adelheid Puhlke, deren Zimmer an Zinns Wohnung grenzt und die den hemmungslosen Ehekrach mit anhö- ren mußte, bis es ihr zu bunt wurde und sie mit der Faust an die Wand schlug, worauf Herr Zinn noch die Frech- heit gehabt habe zu brüllen, sie solle sich nur nicht so haben, es sei gerade erst zehn; und es ergeht ihm so bei der ältlichen Schauspielerin Aldi Wenn, die gegen halb 132
  • elf von einem Rezitationsabend aus dem Veteranenklub heimkehrte und Steffi Zinn in entgegengesetzter Rich- tung davoneilen sah. Der Stationsarzt Doktor Grach bes- tätigt, daß Zinn acht Tage lang in der Klinik gelegen hat mit schwerer Nierenkolik, und überhaupt habe der Mann ein mächtig zerschlissenes Nervenkostüm und gehörte eigentlich in psychotherapeutische Behandlung. Frau Zoll, die auf Zinns Grundstück, wo er die Ratten züchtet, eine Art Hausmannsposten versieht und für Sauberkeit sorgt, hat mit eigenen Augen gesehen, wie Herr Zinn an jenem Tage, als er aus Titti Zumseils verwaistem Bett in die Firma kam, Stunde um Stunde mit seiner Frau zu te- lefonieren versuchte, ohne Anschluß zu kriegen, weil die Arme, das wisse man ja nun, um die Zeit wohl schon nicht mehr unter den Lebenden weilte, und so fügt sich eine Aussage an die andere, fugenlos, nahtlos, glatt, daß es fast unheimlich anmutet, wie das Schicksal hier Präzi- sionsarbeit geleistet hat. An einem solchen Alibi zerrinnt jeder Verdacht wie Schnee auf einer heißen Herdplatte, zumal Lohms Verdacht, den er gar nicht begründen könnte, der mehr von einem vagen Gefühl genährt wur- de, und wenn das Gefühl in der kriminalistischen Arbeit auch ein fragwürdiger Ratgeber ist, auf den man besser nicht hört, so ist doch keiner frei davon. Schon vor der ersten Begegnung mit Zinn hat sich in ihm etwas gegen den Mann geregt, und als er Gallich am Telefon sagte, es könne ja auch Zinn selber gewesen sein, da hat er das nicht bloß gesagt, um den Raum des Möglichen zu um- schreiben, in dem auch und gerade für den Ehemann Platz ist, solange sie den Täter nicht haben; Zinns Bil- derbuchalibi stimmt ihn nachdenklich, die ungewöhnli- che gesellschaftliche Abkapselung der beiden Eheleute und der heftige Streit nach so vielen friedvollen Jahren. 133
  • Ist es möglich, daß ein solcher Streit aus heiterem Himmel kommt? Bald jedoch neigt auch Lohm zu der Ansicht, daß Gal- lich mit seinem Liebhaber auf der richtigen Fährte ist. Aber so recht wohl ist ihm nicht dabei; denn dafür findet sich in der Griffelsberger Straße kein noch so winziger Anhaltspunkt. Die Zinns waren ein Herz und ein Sinn; alle, bei denen Lohm vorsichtig darauf zu sprechen kommt, erklären das mit Nachdruck, nicht nur Bodo Lemke, der HGL- Vorsitzende, sogar die kleine Adelheid Puhlke, bei der Zinn sich am nächsten Tag für den Radau und seine un- gehörige Reaktion auf ihr Klopfen in aller Form ent- schuldigt hat. Dabei habe er auch gefragt, ob denn seine Frau nicht hinterlassen habe, wo sie hingegangen sei, denn in der Wohnung sei sie nicht und in der Firma habe sie sich den ganzen Tag nicht blicken lassen. – „Und da hab’ ich dem angesehn, was der sich für Vorwürfe mach- te, richtig schlaff und zusammengefallen war der, wie’n leerer Mehlsack“, zwitscherte die kleine Adelheid, die zuerst gar nicht mit der Sprache heraus wollte und hinter der verächtlich gerümpften Stupsnase und dem gelang- weilten Gesichtsausdruck ein Unbehagen versteckte, für das sie eine Erklärung aber nicht schuldig blieb; er, Lohm, sei nun schon der dritte, und einer, so ein lahmer Hirsch, sei ihr besonders auf den Wecker gefallen mit seiner pinseligen Fragerei. „Sie sind wenigstens ’n Typ“, fügte sie hinzu, und Lohm stand etwas hilflos einer sol- chen Fülle unverklemmter Jugend gegenüber; aber wohl tat’s ihm doch. Freilich konnte Gallichs Lesart von der vermeintlichen Liebschaft auch einen Text ergeben, drehte man sie um. Warum sollte nicht Zinn seine Frau hintergangen haben? 134
  • Dann wäre sogar das Motiv, das bislang fehlte, herbeige- schafft! Doch diese Frage nahm keiner ernst. Selbst Bodo Lemke beantwortete sie mit einem Lächeln, das Lohms bedauerliche Phantasie in die Schranken wies, und Aldi Wenn, die gerade Schota Rusthaweli deklamierte, blitzte Lohm aus ihren umrunzelten Augen an, als zückte sie ein Reckenschwert, und schleuderte ihm die Zeile entgegen: „Ach, ich weiß, die Welt ist Blendwerk, das ein Lügen- mund aufblies!“ Und als Lohm zusammenzuckte, ließ sie diesem Hieb einen zweiten folgen, ein Wetterleuchten von Entrüstung in den Falten des Gesichts, die Fransen- stola über die Schulter werfend wie einst der Recke sein Tigerfell. Sie schrie: „Hilf, sei nah und nimm mich wahr! Wer von allen Erdenwallern wär’ wie du mir traut und klar!“ Da trat Lohm den Rückzug an, denn dieser Vers konnte nur auf ihn gemünzt sein. Adelheid Puhlke ant- wortete zeitgemäßer. „Der?“ rief sie und schüttete sich aus vor Lachen. „’ne individuelle Ische? Der ist doch zahm wie Opa Lemkes Dackel!“ So ergebnislos wie das Staubwischen in der Griffels- berger Straße und in Zinns Zuchtbetrieb, dessen Nach- barschaft und im Spital verlaufen die Nachforschungen in den Grünauer und später in anderen Lokalen. Steffi Zinn könnte sich ja in einem aufgehalten haben oder in Begleitung eingekehrt sein. Aber jeder Wirt, jeder Kell- ner schüttelt den Kopf, nein, die Frau auf dem Paßbild sei nicht in der Gaststätte gewesen. Eine Zeitungsveröffent- lichung des Fotos erbringt Hinweise, die keiner Prüfung standhalten. Ein Mann will mit Steffi Zinn sogar im Zug gefahren sein, gemeinsam in einem Abteil, und die Er- güsse ihres Wehklagens über sich haben ergehen lassen; jedoch war die Zinn um diese Zeit schon mindestens eine Woche tot. 135
  • Lohm und seine Männer stehen vor einer Hürde, die sich immer gebirgiger vor ihnen auftürmt, eine Felsen- barriere, steil und glatt wie ein Monolith, der unaufhalt- sam wächst, und den sollen sie überwinden? Erklimme eine Wand, die mit keinem Riß, keinem Vorsprung dei- nen Fingern einen Halt bietet. „Scheiße“, sagt Gallich. Lohm fände, um seine Stim- mung in Worte zu fassen, keinen praktischeren Aus- druck. Zinn, den Lohm noch einmal aufgesucht hat, dämmert dahin in den leblosen Überresten von Rokoko und Chip- pendale, die nun wie endgültig und unwiderruflich tot anmuten. Die Möbel, bisher wie ein Augapfel gehütet, stauben ein; in Zinns Anwesenheit wirken sie der Zeit entrückt und widersinnig, jenseits des Jahrhunderts. Ob die Ratten gedeihen, scheint Zinn nicht zu kümmern; Frau Zoll sorgt für sie und die streng überwachte Hygie- ne. Zinn liegt gleichsam im Sterben, krank am Tode sei- ner Frau. Er nimmt an nichts mehr richtig Anteil, ist sich selber gram. Er haßt den Umstand, daß er noch lebt, und er erträgt den Haß, weil er leben muß, leben dem einzi- gen Augenblick, der diesem mühseligen Ausharren einen letzten verzweifelten Sinn gibt. „Ich möchte diesem Ungeheuer Aug in Aug gegenü- berstehn, und wenn Sie es gefaßt haben, Genosse Hauptmann Lohm, rapple ich mich noch einmal auf, und müßte ich auf allen vieren dorthin kriechen.“ Selbst der Stolz dieses Mannes, sein schönes, immer wohlgeordnetes Haar, ist ihm kein Handaufheben mehr wert; es umschlingt seinen Kopf wie ein Bündel ineinan- dergewundener Schlangen. Nur als Lohm behutsam dar- an tippt, daß seine Frau ihm vielleicht nicht ganz treu gewesen sei, richtet sich in Zinn ein energischer, fast 136
  • eigensinniger Protest auf, und der gebrochene Mann flammt vor Empörung, daß man die Verblichene, die noch nicht mal unter der Erde sei, mit derart übler Nach- rede behellige. „Niemand redet Ihrer verstorbenen Gattin etwas nach, Herr Zinn“, sagt Lohm besänftigend, aber auch miß- gestimmt. „Eine Frage ist doch keine Unterstellung! Oder unterstellte ich Ihnen das Verbrechen, als ich mich fragte, ob nicht womöglich Sie der Täter seien und welches Ihr Motiv gewesen sein könnte?“ Zinn richtet seinen glanzlosen grauen Blick auf Lohm. „Mein Lebensglück umzubringen, das hätte ein Motiv sein können für mich“, sagt er in Lohms Augen hinein. „Nein, eine Frage ist keine Unterstellung, entschuldigen Sie mein Aufbrausen, Genosse Hauptmann. Aber“, seine Stimme wird beschwörend, „die Zeit mag unmoralisch sein. Steffi war es nicht!“ Gallich, mit dem Lohm sich darüber austauscht, bleibt trotzdem bei seiner Version. Was wissen schon die Ehe- männer! „Du hast Zinn wohl immer noch in Verdacht?“ fragt er. „Was heißt Verdacht“, sagt Lohm unbestimmt. „Am Langen See, als wir vor der Leiche standen, da ist mir etwas durch den Kopf gegangen. Bei so einer Geschichte denkt man unwillkürlich auch an den Ehemann. Aber da kannte ich ihn ja noch nicht.“ „Mensch, Herbert“, sagt Gallich, „der hätte es doch in der Hand, uns nach dem Liebhaber totlaufen zu lassen! Leuchtet dir das denn nicht ein?“ „Und wenn“, sagt Lohm sauer. „Trotzdem werd’ ich noch einmal mit Zinn sprechen.“ „Noch mal? Worüber denn?“ 137
  • „Ich werde durchblicken lassen, in welcher Richtung unsre Vermutungen laufen.“ „Was denn“, ruft Gallich betroffen, „die Sache mit dem Verband?“ „Genau die.“ „Und was versprichst du dir davon?“ „Gewißheit.“ „Moment mal, da kann ich dir nicht ganz folgen. Du willst Gewißheit dadurch, daß du ihm sagst, wie der Mörder es unsrer Ansicht nach bewerkstelligt hat? Mann, wie stellst du dir das vor?“ „Das“, sagt Lohm und lächelt, „wirst du schon sehn.“ XI Unter schwefelgelbem Himmel wird Steffi Zinn zu Gra- be getragen. Ein Sturm tobt über der Stadt, der zuweilen Orkanstärke erreicht. Die Luft ist angefüllt mit Sand und Staub, der in Nase und Ohren dringt, die Augen verklebt und als schmutziger Belag auf den Lippen haftet. Das Tageslicht hat eine braune Färbung angenommen und seine Leuchtkraft verloren. Wo soeben noch Bäume standen, krümmen sich ächzende Schemen; die Grabhü- gel kriechen ins Erdreich hinein. Die Beerdigung findet trotzdem statt. Vor der Trauergemeinde, die sich als brauner, staubi- ger Wurm durch den Friedhof windet, schwanken die Sargträger einher wie in fataler Trunkenheit. Nicht die Last auf ihren Schultern drückt sie herab; der Sarg ist leicht, denn der Sturm trägt mit. Sie klammern sich gleichsam am Sarge fest, halten ihn mit verkrallten Fin- gern, damit er nicht fortgeweht wird und an einem Baum zerschmettert. 138
  • Die Soutane des Priesters, aufgerissen, ist wie ein Fallschirm gebläht und macht dem Mann jeden Schritt zum Wagnis; er schreitet vorwärts, als balanciere er über einen Schwebebalken. Einige sind barhäuptig, ihre Hüte hängen irgendwo in den Zweigen oder fliegen jenseits der Mauern durch menschenleere Straßen. Lohm marschiert mit Gallich am Endes des Zuges, verdrossen. Dieser höllische Spektakel paßt ihm nicht ins Konzept. Fehlte bloß, daß es auch noch regnete! Was da losbräche, ist nicht schwer zu erraten. Dann ersöffe der Zweck dieses Begräbnisgangs für sie im wahrsten Sinne des Wortes, und die Chance, die Lohm sich ausgerechnet hat, wäre für immer dahin. Die Gelegenheit ist unwieder- holbar, ein und dieselbe Beerdigung findet höchst selten zweimal statt. Und ein Mörder kehrt häufig nicht nur an den Ort des Verbrechens zurück, es hat auch welche schon auf Friedhöfe gezogen, sich mit eigenen Augen zu vergewissern, daß das Opfer aus der Welt geschafft ist. Das weiß hoffentlich auch Zinn. Aber der Regen bleibt aus, kein Tropfen fällt. Rings um den Wall aus lehmigen Schollen, der die Grube umgibt, stellt die Trauerschar sich auf. Es sind viele Leute gekommen, auch Alma Puhlke mit Adelheid, der dicke Zumseil und der Hausgemeinschaftsleiter Bodo Lemke, ein dürres Männchen, das dem Sturm den Wider- stand einer Messerschneide bietet. Aldi Wenn, die sich auf Heldenlieder festgelegt hat, seit die Bretter der Welt jüngere Füße tragen, hat unterwegs die Flucht ergriffen; ihr bot sich kein Arm, an dem sie Halt finden konnte. Neben Lemke steht Zinn. Er, der weder Verwandte noch Freunde hat, hat offenbar nie einem Menschen das letzte Geleit geben müssen. Sein Schwarz ist ladenneu. Unter der Zylinderkrempe leuchtet weiß sein Gesicht, wenn der 139
  • Sturm abflaut, ehe er mit erneuter Wucht zupackt. Dann wirkt es grau. Die Träger sind heilfroh, als sie den Sarg hinabgelas- sen haben. Zinn wischt sich die Augen. Der Priester spricht ein paar Worte, die niemand versteht. Er bewegt die Lippen wie in Furcht, am Sande zu ersticken, machte er den Mund zu weit auf. So erzeugt er Stummheit, pflichtgetreu, doch sinnlos; die Tote hört ihn nicht, und die Lebenden sind taub vom Geheul des Sturms und schon in Ungeduld. So ein gestörtes, unfeierliches und fluchtartiges Begräbnis erfordert einen Aufwand an Pie- tät, den man nicht von jedem verlangen kann. Zumseil macht ein Gesicht, als bedauere er, daß statt der Steffi Zinn nicht seine Emma in die Grube gefahren ist, und der kleinen Adelheid sieht man trotz der miserablen Sicht an, daß nur ihr Körper hier weilt. Zinn allein blickt versun- ken und schmerzvoll auf das offene Grab; dieses hölli- sche Wetter kann ihm den Abschied von seiner Lebens- gefährtin nicht verleiden. Selbst umstürzende Bäume würden ihn nicht aus seiner Andacht reißen. Nun greift der Priester in die Schale mit den Erdkru- men – die mit den Blütenblättern ist ohnedies leer, auch das Blumengebinde vom Sarg liegt irgendwo zwischen den Gräbern, im letzten Moment noch fortgeweht – und wirft eine Handvoll hinein aus sicherem Abstand von der Grube, das Beispiel des Sargschmucks vor Augen. Dann folgen Zinn und die übrigen, einer nach dem andern, sturmumpfiffen, taumelnd, aneinander Halt suchend, ein gespenstischer Reigen schweigender Gestalten. Nur einer wirft keine Erde auf Steffi Zinns Sarg, damit Staub wie- der zu Staub werde. Dieser eine steht abseits unter einem Baum, als ob er nicht dazu gehöre. Es ist ein Mann von etwa vierzig Jahren. Aus zusammengekniffenen Augen 140
  • beobachtet er die Begräbniszeremonie, offenbar darauf bedacht, nicht bemerkt zu werden. Im Dämmerdunkel, im Gebrodel der Staubschwaden hat er sich ziemlich na- he herangewagt. Den rechten Arm trägt er in einer Schlinge, die Hand in einem klumpigen Mullverband. Lohm tritt an den Hausgemeinschaftsleiter heran, nachdem dieser Zinn die Hand gedrückt hat. „Kennen Sie alle Leute hier?“ ruft er Lemke ins Ohr. „Und ob. Sind doch alle aus der Griffelsberger und drum ’rum.“ „Der dort auch?“ Lohm deutet nur mit dem Kopf in die Richtung. „Nee“, sagt Lemke nach angestrengtem Hinsehen, „der nicht. Muß ein Fremder sein.“ „Danke“, sagt Lohm und wendet sich an Gallich, der, als Lohm mit Lemke zu sprechen begann, an sie herange- treten ist. „Sieh dir mal den dort an.“ „Gehört er nicht dazu?“ „Nein. Nicht wahr, Herr Lemke, Sie kennen den Mann nicht.“ „Nie gesehn“, sagt Lemke. „Aber warum sind Sie denn so aufgeregt, Genosse Hauptmann?“ „Wie viele Ausgänge hat der Friedhof?“ fragt Lohm. „Weiß nicht“, antwortet Lemke. „Warum? Fragen wir doch den Totengräber!“ „Los, Werner!“ sagt Lohm, und Gallich drängt sich zu dem Totengräber durch, der mit über den Kopf gezoge- ner Joppe und auf den Spaten gestützt wie eine Grabfigur jenseits der Grube steht. Als Gallich mit ihm spricht, weist der Totengräber, ohne seine Haltung zu verändern, in die vier Himmelsrichtungen. „So ein Idiot!“ wettert Lohm. „Kann der das nicht noch auffälliger machen?“ 141
  • Solcher Ton läßt selbst den arglosen Lemke aufhor- chen, und als er in Lohms ergrimmtes Gesicht blickt, ahnt er, daß dieser gewissermaßen dienstlich so erregt ist und daß die Ursache dafür auf dem Friedhof stecken muß, irgendwo in dieser Ansammlung vom Sturm jetzt eingeebneter Hügelchen und Grabsteine, vielleicht sogar ganz nahe dem noch offenen Loch, von dem die meisten Trauergäste sich inzwischen entfernt haben. Nur einige stehen noch bei Zinn, der des letzten Händedrucks harrt, unter ihnen der massige Zumseil. Und wie Lemke noch einmal zu Lohms Gesicht hochschielt, sieht er, daß der den Mann mit der Armbinde, den Fremden, nicht aus dem Auge läßt, nur mit dem Augenwinkel hat er ihn er- faßt, als dürfe der davon nichts merken, sonst ginge er weg, einfach weg, und könnte nie mehr wiedergefunden werden. Bei dem Gedanken beschleicht den kleinen Mann ein unheimliches Gefühl, ein Schauder, wie er ei- nen mitunter aus vermodernden Kellern anweht. Auf dem Rückweg braucht Gallich sich nicht mehr durchzudrängen. Er atmet etwas heftiger als sonst, als er sagt: „Drei Ausgänge. Der vierte ist seit Jahren geschlos- sen.“ „Jetzt ist er weg!“ schreit Lemke und sticht mit dem Arm in die wirbelnden Staubschleier. „Verdammt“, flucht Lohm. „Wohin jetzt? Wir sind nur zu zweit.“ „Nehmt Zumseil“, ruft Lemke, „dann seid ihr zu dritt! Der Lump entwischt euch sonst.“ „Quatsch“, brüllt Lohm, „der Zumseil kommt doch nicht vom Fleck.“ Und während Gallich losrennt, dem Westausgang zu, eilt er zu den beiden Männern hin, die nun allein am Grabe stehen, Zumseil und Zinn, als seien sie in ihrem 142
  • einsamen Schweigen erstarrt. Doch Lemke, wieselflink, von der Gewalt des Sturms geschoben, überholt ihn, wie an ihm vorbeigeblasen, stolpert über die Erdschollen und fällt dem verblüfften Zumseil an den Schenkel, an dem er sich anklammert, und in die beiden Gesichter hinauf schreit er: „Der Mörder entkommt! Er entkommt, der Mörder!“ Zumseil ist zu verdutzt, um sich sogleich zurechtzu- finden. Aber Zinn, den Hausgemeinschaftsleiter nicht beachtend, blickt dem heranstampfenden Lohm entge- gen, und sein Gesicht wirkt wie erfroren. „Was reden Sie da bloß für einen Mist, Herr Lemke“, schimpft Lohm, als er bei den drei Männern anlangt. „Mörder! Wir wissen gar nichts. Wir haben lediglich einen Mann bemerkt, der den Arm in ’ner Schlinge trägt und den hier kein Schwanz kennt. Der hat sich aus dem Staub gemacht. Offenbar hat er spitzgekriegt, daß wir auf ihn aufmerksam wurden. Drei Ausgänge hat der Friedhof, wir sind aber nur zu zweit. Laufen Sie, Herr Zinn, laufen Sie zum Haupttor, und halten Sie den Mann fest, falls Sie ihn einholen. Ich nehme den Ausgang im Osten.“ Lohm wartet nicht ab, wie Zinn reagiert, ob der über- haupt so blitzschnell zurückfindet aus seiner schmerzvol- len Andacht in die rauhe Wirklichkeit, die ihn vor diese schier unzumutbare Forderung stellt, in der Begräbnis- stunde seiner Frau einem verdächtigen Manne nachzuja- gen. Mit gewaltigen Sätzen stürmt er von der Trauerstätte weg, dem Wege zu, Sand zwischen den Zähnen, Staub in den tränenden Augen. Im letzten Moment sieht er einen Schatten auf sich zuwachsen, ein dunkles plumpes Ge- bilde, dem er mit einem Sprung ausweichen will. Ein Schlag trifft seinen Arm, Leder schürft auf Stein, und die 143
  • Wucht des Anpralls dreht ihn aus der Richtung. Da er- blickt er die drei, nicht genau, er nimmt sie nur wahr, wie sie zum Haupttor rennen, Zinn voran, gefolgt von Zum- seil und einem Strich, der sich zappelnd bewegt. Zinn läuft, als sei er dem Tod auf den Fersen, der Fallen nicht achtend, die ein Friedhof bei solcher Sicht mit seinen offenen Gruben, seinen Hügeln, Umfriedungen, Ziergat- tern, Grabsteinen und Kreuzen dem in den Weg legt, der die Weihe des Totenackers so ungestüm und frevlerisch mißachtet. Er läuft wie um sein Leben. Da streicht Lohm sich übers Gesicht, unterm Handrü- cken ein müdes, nicht sehr glückliches Lächeln. Mit den Fingern tastet er, ob sein Ärmel beschädigt ist. Dann geht er langsam dem Haupttor zu. XII Der Friedhofstest, dem Lohm Gewißheit verdankt, hat ein Nachspiel. Das ereignet sich dort, wo er es aber auch gar nicht erwartet, in den häuslichen vier Wänden. Nun ist Lohm keineswegs stolz auf die gelungene Ak- tion. Sie scheint ihm auch eher geglückt als gelungen, und das sagt hinreichend aus, wie er über sie denkt. Nichts läge ihm ferner, als sich vor einem andern, und sei’s vor der eigenen Frau, damit zu brüsten, wie er Licht in das Dunkel um Zinn gebracht hat. Mag das spitzfindig oder raffiniert ausgeklügelt nennen, wer will; er, Lohm, sieht die Sache nüchterner: ein Trick, mehr nicht, und daß man nicht einfallslos ist, versteht sich am Rande. Darüber verliert man kein Wort. Es war ihm schon nicht recht, daß er einen dritten Mann hinzuziehen mußte; lie- ber hätte er es mit Gallich allein gemacht, obwohl der sich von dem Experiment gar nichts versprach. Gallich 144
  • hatte sogar behauptet, Reiß würde es als unwissenschaft- lich verachten. Aber der vermeintliche Mörder mußte Zinn unbekannt sein, und so hat Lohm sich denn den Un- terleutnant Schramm ausgeborgt beim Hauptmann Schneider; man hilft einander, wo man kann. Wenn Lohm seiner Vera nun von diesem Nachmittag erzählen wird, so nur, weil das bei ihnen üblich ist. Ein- mal, vor der Ehe noch, hat Vera zu ihm gesagt: „Wenn ich auf dich warte, warte ich eigentlich auf zwei, auf dich und auf den, der du den ganzen Tag ohne mich warst.“ Schon damals hat er ihr immer viel erzählt, eigentlich alles, was sie erfahren durfte – mitunter steht ein dienstliches Gebot solcher Mitteilsamkeit entgegen –, und als sie dann ver- heiratet waren, hat er es weiter so gehalten, Vera hat es ebenso gehalten, und mit der Zeit hat sich das eingespielt; da haben sie nicht mehr darauf verzichten können. Zwischen Bratkartoffeln, Spiegelei und rotbemützten Sardellenröllchen berichtet Lohm also von diesem denk- würdigen Begräbnis und was sich auf dem Friedhof so ereignet hat unter seiner verstohlenen Regie. Er erzählt, mehr nicht, ausführlich, mag schon sein, der Gegenstand kann Ausführlichkeit ja auch durchaus vertragen, aber ohne jede Gestik; mit der Hand führt er schließlich die Gabel und nicht das Wort, und so nimmt sich zum Bei- spiel das Unwetter bei ihm viel weniger urwüchsig aus, als es war. Leider beachtet er dabei Veras Gesicht nicht; die Bratkartoffeln rutschen so leicht von der Gabel und beanspruchen seine ganze Aufmerksamkeit, und die Ket- chup-Mützchen auf den Sardellenröllchen sollen ihm auch nicht auf die Hose fallen. „Nun ja“, sagt er, beim Ende angelangt, einen knusp- rigen Kartoffelwürfel im Visier, den er schon mehrmals vergeblich angespießt hat, „so einfach war das. Wäre 145
  • Zinn der Täter, hätte er den vermeintlichen Mörder ent- kommen lassen, damit wir uns nach ihm totsuchen konn- ten. Diese Chance hatte er ja, wir hatten’s ihm so einge- richtet. Aber du hättest mal sehn sollen, wie der gerannt ist, um den Mörder seiner Steffi zu erwischen. Schramm meint, Zinn hätte ihn bestimmt eingeholt, so ein Tempo hatte er drauf. Aber da waren noch ein paar Nachzügler der Trauergesellschaft auf dem Friedhof, und denen hat Zinn zugebrüllt, sie sollten den Flüchtigen aufhalten. Das haben sie auch getan.“ „Müssen nette Leute gewesen sein.“ „Nette Leute?“ „Nun ja, wenn sie den Schramm aufgehalten haben. Der hat doch den Mörder gemimt, zumindest für Zinn und für sie, nicht wahr.“ „Hat er übrigens tadellos gemacht, der Junge“, sagt Lohm, im nachhinein noch beeindruckt von Unterleut- nant Schramms darstellerischer Leistung. „Als ich dazu- kam, hatte der dicke Zumseil ihn gerade in die Mangel genommen. Und wie!“ „Verdientermaßen.“ Lohm schmunzelt. „Na, ich kam noch im rechten Au- genblick, sonst freilich … Als Schramm auf sie zurannte, haben die Leute gedacht, der habe irgendwas ausgefres- sen auf dem Friedhof. Zumseil wußte mehr, und als er herangekeucht war, hat er sie aufgeklärt, und da geriet die Volksseele natürlich ins Kochen. Ich mußte ihn zum Schein abführen, das war gar nicht so einfach. Sie haben sogar den Wagen noch umringt.“ „Wir waren aber noch bei den Leuten, als die deinen Komödianten aufgehalten haben“, sagt Vera. Lohm hat sich soeben dem Bier zugewandt. Beim Trinken ist es nicht unerläßlich, den Blick ins Glas zu 146
  • senken, und so begegnet er Veras Augen. Die sind mit etwas angefüllt, was Lohm nicht sogleich bezeichnen kann; es mutet ihn an wie heftige Distanz. „Die hätten sich ja auch einen Spaß draus machen können, dieser Hatz untätig zuzuschauen“, sagt Vera. „So was wird einem doch nicht alle Tage geboten, ein Jagd- rennen quer über einen Friedhof mit Grabhügeln als Hür- den, und der Außenseiter ist ein alter Mann, dem das Herz fast zerspringt.“ „Alter Mann“, sagt Lohm. „Wenn du Zinn gesehn hättest.“ „Wobei? Wie er über die Gräber setzte?“ Vera zieht die Mundwinkel herab. „Das blieb mir zum Glück er- spart.“ „Wie du sprichst! Wir haben einen Test gemacht, weiter nichts.“ „Einen Test, soso. Und bei einem Test ist alles er- laubt.“ „Was heißt denn nun wieder alles?“ sagt Lohm. Statt zu antworten, bittet Vera um eine Zigarette, und als er ihr Feuer reicht, erkennt er an ihren Augen, wie verstimmt sie ist, mehr noch, richtig aufgebracht ist sie gegen ihn und die Maßnahme, die er getroffen hat, um wenigstens einen Schritt weiterzukommen. Daß er damit erreicht hat, was er wollte, zieht sie offenbar überhaupt nicht in Betracht. Zugegeben, es mag nicht nach jeder- manns Geschmack sein, so eine listig inszenierte Jagd über eine Stätte, die gänzlich anderen Zwecken geweiht ist; aber sie könnte doch wenigstens beherzigen, daß ernsthafte Gründe vorlagen, ehe sie sich an Äußerlichkei- ten stößt! Sie tut ja grad so, als habe er nicht der Not- wendigkeit gehorcht, sondern einem lästerlichen Spiel- trieb nachgegeben. 147
  • Das hält er ihr entgegen, und Vera lächelt mit sehr viel Herablassung und sagt: „Äußerlichkeiten nennst du das.“ „Ja, wie denn sonst?“ ruft Lohm, dem diese Hartnä- ckigkeit zusetzt. „Wenn etwas geschmacklos ist, dann ist es das schon im Kern“, sagt Vera, „und dieser Test, entschuldige, war der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Aber für dich sind das Äußerlichkeiten. Kein Wunder, daß du dich aufregst, daß ich mich daran stoße.“ „Ich hör’ wohl nicht recht, ich rege mich auf?“ sagt Lohm. „Du siehst mich an mit einem Gesicht, als hält’ ich wer weiß was angestellt, und auf einmal heißt es, ich …“ Lohm zwingt sich zu einem empörten Lachen, wird aber sogleich wieder ernst. „Und überhaupt, der Gipfel der Geschmacklosigkeit! Du übertreibst, meine Liebe – wie in der Zeitung.“ Das hätte er lieber nicht sagen sollen. Vera reagiert auf Vorwürfe, in die er den Journalismus einbezieht, stets allergisch, und prompt knallt sie ihm die Antwort hin: „Schön, ich übertreibe. Man hetzt einen alten Mann hin- ter dem vermeintlichen Mörder seiner Frau her, das Grab ist noch nicht zugeschüttet, er steht vielleicht noch am Rande, der arme Kerl, und wie ihm dabei ums Herz ist, das kann sich jeder denken, auch du – oder nicht? –, aber die Show ist geplant, und da wird sie also abgezogen, eine billige Posse, weiter nichts. Aber ich übertreibe ja, und da muß es sich wohl um einen kriminalistischen Ge- niestreich gehandelt haben. Zu dumm, daß mir der pas- sende Blick dafür fehlt. Aber wo soll eine von der Zei- tung den auch herhaben?“ „So hab’ ich das doch nicht gemeint“, sagt Lohm und weiß im gleichen Augenblick, daß er mit diesem Einlen- ken erst recht heraufbeschwört, was er eigentlich hat ver- 148
  • hindern wollen, das Umkippen von Veras gereizter Stimmung in eine neue Qualität. Sie nutzt die günstige Gelegenheit auch sofort. Sie sagt laut und ihres Vorteils bewußt: „Hat dir denn keiner diesen Wahnsinn ausgere- det, nicht mal Gallich? Der ist doch sonst nicht so. Und dieser Schramm gibt sich auch noch dazu her, damit die- se … diese makabre Narrenposse über die Bühne geht, und über was für eine!“ „Narrenposse?“ sagt Lohm. Er brüllt nicht, er sagt es nur, aber es wirkt wie gebrüllt, vielleicht weil er auf- springt und dabei den Stuhl umstößt. „Du vergißt, daß ein Mensch ermordet worden ist, meine Liebe, umge- bracht wie nichts, eine Frau!“ „Nicht von Zinn.“ Vor Augen ihr Gesicht, dessen Ausdruck ihm verkün- det, daß kein Argument bei ihr Zugang finden wird, beugt er sich über den Tisch. „Wenn sich aber durch unsre Nar- renposse herausgestellt hätte, daß Zinn der Mörder ist, wär’s dann in deinen Augen auch der Gipfel der Ge- schmacklosigkeit gewesen? Dann doch wohl nicht, oder?“ Vera blickt ihn mitleidig an, und mit der ihr eigenen umwerfenden Logik, die ihn mitunter zur Verweiflung bringt, sagt sie: „Das konnte sich gar nicht herausstellen, denn er ist es ja nun wirklich nicht gewesen.“ „Und wodurch wissen wir das?“ Lohm ringt nach Luft. „Etwa durch den Wetterbericht?“ „Also hättest du ihm das ersparen können“, stellt Vera fest, und die Entschiedenheit, mit der sie das tut, bringt ihn noch mehr auf, zumal sie hinzufügt: „Diesem bekla- genswerten Mann.“ „So, hätte ich“, sagt er, nicht wissend, was er sagen soll, und ärgerlich, mit heftigem Abwinken: „Ach, was verstehst du denn davon!“ 149
  • „Nicht soviel wie du, stimmt, und noch weniger als Gallich, denn der wußte es schon vorher.“ Lohm, der gerade den Stuhl aufhebt, zuckt zusammen, wie von einem Pfeil in den Rücken getroffen. „Aber dessen Meinung gilt ja wohl nur sonntags.“ Dieser zweite Pfeil ist schmerzhafter, seine Spitze ist mit dem Gift der Gehässigkeit getränkt. Lohm wuchtet den Stuhl auf den Boden; daß ihm der kleine Zeh dabei unter ein Bein gerät, empfindet er fast als Liebkosung. Das muß sie ihm sagen, ausgerechnet ihm! Hat er den Wert einer Meinung je von der Stellung ihres Urhebers abhängig gemacht? Ist ihm Arroganz nach unten nicht ebenso verhaßt wie Jasagen nach oben? Weiß sie das etwa nicht? Natürlich weiß sie das, und wie sie das weiß! Und wenn sie es nicht wissen sollte, soll sie doch Gallich selber fragen, ob er und wie er, bitte sehr! Soll sie ihn doch fragen. Er wird sich deshalb nicht aus der Fassung bringen lassen, deshalb nicht. Aber da kann man mal sehen, da kann man mal sehen … Nicht hinweggehen kann er über ihren sträflichen Irr- tum, daß eine Hypothese ein Beweis sei. Gallichs Ver- mutung identisch mit Wissen, haha. Wo kämen wir hin, würden wir dieser Abart von Hellseherei in der Krimina- listik einen Platz einräumen? Den Scharfsinn in Ehren, den Spürsinn noch, selbst den sogenannten guten Riecher – aber nichts mehr als in Ehren! Was nicht beweisbar ist, bleibt ungewußt. Zwar hat er ihr darüber schon einige Vorträge gehalten, längst müßte sie aus dem Volontär- stadium heraus sein, gleichsam Assistentenreife haben, aber wenn sie glaubt, daß Gallich wußte, dann hat sie ihr Latein eben noch lange nicht verdaut. Sie hört ihm zu, offensichtlich gelangweilt, mit wip- pender Fußspitze am Bein, das sie in seinem Blickfeld 150
  • keß übers andre geschlagen hat, und sagt, als er fertig ist: „Bist du nun fertig?“ „Ja!“ „Und wenn Zinn nun Schramm eines Tags auf der Straße begegnet?“ „Dann werden sie vermutlich aneinander vorbeigehn, ohne sich zu grüßen.“ „Und wenn Zinn erfährt, was Schramm in Wirklich- keit ist?“ Daran hat Lohm auch schon gedacht, leider erst hin- terher, als alles gelaufen war. Hätte er die Aktion sonst abgeblasen? Er mußte Gewißheit haben, und die ist mit- unter nur gegen ein Risiko zu bekommen. „Dann werden wir Zinn reinen Wein einschenken.“ „Wäre es nicht besser, du würdest das vorher tun, ich meine, ehe du dazu gezwungen bist? Du könntest dich bei ihm dann gleich entschuldigen.“ „Entschuldigen?“ „Ja, ihr habt ihm doch recht übel mitgespielt.“ „Ich verstehe nicht“, sagt Lohm. „Ich soll mich bei Zinn dafür entschuldigen, daß wir uns von ihm haben helfen lassen?“ „Ihr habt euch nicht helfen lassen, ihr habt ihn be- nutzt“, sagt Vera, „wie ein Versuchskaninchen. Was ist das für eine Hilfe, die man einem Menschen ablistet und die zu nichts führt.“ „Wir wissen nun, daß er es nicht gewesen ist, zum Kuckuck noch mal, ist das nichts?“ „Wißt ihr denn dadurch auch, wer es war?“ Lohm stöhnt auf, greift sich mit beiden Händen an den Kopf und setzt sich auf den Stuhl. „Vielleicht liegt es daran, daß ich eine Frau bin“, sagt Vera. „Ich glaube nicht, daß ein Ziel für mich weniger 151
  • wichtig ist, nur weil der Weg, der zu ihm hinführt, mir nicht gleichgültig ist, nicht so wie dir. Hast du dir einmal vorzustellen versucht, was in dem Mann vorgegangen sein muß, diese schreckliche Angst, der Mörder könnte ent- kommen, der Mörder seiner Frau, und wie diese Angst ihn gehetzt hat? Wenn er nun einen Herzschlag erlitten hätte dort auf dem Friedhof, weil du Gewißheit haben mußtest, Gewißheit! Was bleibt davon übrig, wenn einer einen sol- chen Preis dafür zahlt? Was ist sie dann noch wert?“ „Aber er hat ihn nicht gezahlt!“ schreit Lohm. Zum erstenmal schreit er, vielleicht zum erstenmal in den zwei Jahren ihrer Ehe, in denen oft debattiert, auch mal gestrit- ten, nie gebrüllt wurde, aber wer soll denn das aushalten, verdammt noch mal. „Er lebt, dein beklagenswerter Carl August“, schreit er, „du kannst dich ja überzeugen, fahr doch hin zu ihm, Griffelsberger siebzehn! Quietschver- gnügt lebt der, wirst mal sehn!“ „Bist du sicher?“ sagt Vera mit einem Blick, der so empfindlich verwunden kann, weil sie die Augen so weit aufbekommt, Augen voller Erstaunen. „Der Mann, dem einer die Frau umgebracht hat, lebt quietschvergnügt?“ „Ach, laß mich doch in Frieden mit deiner Wortklaube- rei!“ schreit Lohm. „Quietschvergnügt wird der gerade leben! Was du da wieder … was du einem so in die Worte reinlegst … Du machst einen ja noch völlig meschugge!“ Und grußlos verläßt er das Zimmer, ruft auch nicht gu- te Nacht, als er sich ins Bett legt, hineinschmeißt könnte man sagen, so wütend ist er, so durcheinandergebracht hat sie ihn, als habe er’s aus reiner Schikane mit diesem armen Hund so getrieben. Ah, armer Hund! Dahaben wir’s schon, da hat sich bereits was eingenistet, na, das kann ja heiter werden. Das wird eine Nacht, das wird ein Schlaf! 152
  • Woher soll Lohm wissen, wie recht er damit hat? Niemand warnt ihn vor dieser Nacht, die ihm noch zu schaffen machen wird; Ruhe sucht er, doch was wird er finden? Auch Vera ahnt nicht, was da auf sie zukommt, auf sie beide in diesem Fall, sonst würde sie ihren Mann wach halten mit allen Mitteln der Kunst, selbst der Kunst, die nicht gelehrt wird, in der sie dennoch Meister ist, nur übt man sie eben nicht freudig aus bei so un- freundlichem Ehewetter. Dessenungeachtet würde sie es tun, könnte sie ihn dadurch am Einschlafen hindern, die ganze Nacht hindurch, heftig, wenn’s anders nicht ginge. Aber sie weiß nichts, ahnt nichts, sitzt, sich selber auf einmal zuviel, im Zimmer und blickt auf die Wand, hin- ter die er geflüchtet ist vor ihren Fragen. Jetzt möchte sie ebenfalls vor diesen Fragen fliehen, nur wohin? Ein Sieg, der solche Schlachtfelder hinterläßt, ist eine glatte Nie- derlage. Sie hat diesen Sieg nicht gewollt, hat überhaupt nicht siegen gewollt, nur bedauert hat sie diesen Zinn, den sie nicht kennt. Das hat man nun davon, einen ver- patzten Abend, eine einsame Nacht, und die Schwelle, jenseits derer das Möbel steht, auf dem man selbst aus solchen Niederlagen Siege formen kann, mit sehr viel Selbstverleugnung allerdings und ungemäßer Demut, sie ist unüberschreitbar wie ein Fluß, der Hochwasser führt, für sie, Vera Lohm, jedenfalls. Also sitzt sie da und starrt verdrossen auf die Zim- merwand, nicht ahnend, was dahinter auf den zukommt, der endlich Ruhe zu haben glaubt vor ihr und diesem ar- men, mißbrauchten Zinn. Kein andrer kommt auf ihn zu, kein andrer als eben der. Zinn steigt schon über den Hü- gel. 153
  • XIII Zunächst beachtet Lohm den Mann nicht, der allmählich jenseits des Hügels emporwächst, Stück um Stück, Kopf, Schultern, Rumpf und Schenkel, ruckhaft, als hole er mit dem ganzen Körper Schwung und drücke bei jedem Schritt das Knie durch, den Aufstieg zu schaffen, bis er in voller Größe auf der runden, kahlen grauen Kuppe steht, über der ein schwarzer Himmel treibt wie Rauch. Da kommt eben einer, na schön. Sollte er Lohm nach dem Weg fragen, dann wird er ihm sagen, er kenne sich hier auch nicht aus, sei gleichfalls zum ersten Male in der Gegend, der absonderlichen, besteht sie doch nur aus diesem steingrauen Hügel und dem kotbraunen See zu seinen Füßen, an dessen Ufer nichts gedeiht, absolut nichts, nicht mal das genügsamste Steppengras, und ein dritter Farbton täte dem Auge doch wohl. Freilich ist da noch der schwarze Rauch des Himmels, aber der löscht den stumpfen Glanz der Schmutzfarben vollends aus. Auch keine treibende Alge, kein angeschwemmter Tang mischt etwas Grün in dieses dürftige Sortiment von Grau und Braun, woher auch, der Spiegel des Sees ist ohne Bewegung, keine Welle, kein Gekräusel vom Sprung eines Tisches, eine atemlose Windleere dehnt sich von Horizont zu Horizont, wie soll da etwas ange- schwemmt werden von dieser geronnenen Flut, und würde es angeschwemmt, es würde von ekligem Braun sein und auf dem Gestein nach und nach ergrauen. Lachhaft zu hoffen, ein Fahrgastschiff könne das Ge- wässer queren, wo doch noch gar nicht erwiesen sei, ob es sich bei diesem See um ein Gewässer handelt, und von einer Bahnstation habe er, Lohm, auch nichts ge- sehn. Nein, wird er dem Mann sagen, er solle lieber um- kehren, den Weg zurück, den er gekommen ist, wenn er 154
  • nicht wie er, Lohm, sich mit heftigen Armschlägen in die Lüfte schwingen könne. Dem Mann also, der inzwischen auf der Kuppe ver- harrt, reglos wie ein Standbild, gleichsam angepaßt die- ser toten Landschaft, dieser Landschaft des Todes, mehr und mehr Bestandteil von ihr, zunehmend ihre Farbe an- nehmend, steingrau und kotbraun und vor allem das Rauchschwarz dieses ungewöhnlichen fremden Him- mels, ihm schenkt Lohm nicht weiter Beachtung. Der Mann ist zu sehr hier, als daß er Rat oder Hilfe brauchen könnte, ein Alteingesessener offenbar, der sich auskennt. Der auch zu wissen scheint, wann einer ankommt, denn soeben watet unten eine Gestalt an Land, watet aus dem See, dessen Spiegel sich nicht bewegt, obwohl jeder Schritt ihn zersplittert, betritt mit nacktem Fuß das Ge- stade und winkt herauf, unverkennbar eine Frau, wie Lohm nun feststellen kann, da sie näher kommt – kein männlicher Körper hat solche Rundungen, solche Ge- schmeidigkeit im Gang, so ein samtenes Flimmern um die Hüften, und die Glieder sind so weiß, daß es fürs ers- te die Augen schreckt in dieser Stumpfheit aus Grau, Braun und Schwarz. Nun winkt der Mann von der Kuppe und steigt herab, und die Frau eilt ihm entgegen, leicht- füßig, als fordere der Anstieg ihr keine Anstrengung ab, wie beflügelt von der Gewißheit, dem, der da gemächlich herabsteigt, willkommen zu sein. Lohm weiß, auf seiner Höhe werden sie aufeinandertreffen, denn er steht der Kuppe näher als dem Grund, und der Mann, der sich Zeit nimmt, wird keine fünfzig Schritte gegangen sein, wenn die Frau hundert gemacht haben wird. Und Lohm will sich abwenden, hierbei Augenzeuge zu sein wäre ihm peinlich, und noch dazu aus so geringer Distanz, denn die Begrüßung der beiden wird stürmisch sein, ein Zusam- 155
  • menprall ihre Umarmung, ihr Kuß nur ein Vorspiel, die Frau will mehr, gleich hier, das sieht er ihr an, so voller Lust und Begehrlichkeit ist sie; auch ist sie nackt und bar jeder Scheu, als sei er gar nicht vorhanden, ja, seine An- wesenheit scheint sie nicht nur nicht zu stören, sie scheint ihr ein besonderer Reiz zu sein, ergötzlich bis in die Fin- gerspitzen, wie sonst sollte er das Aufleuchten ihrer Au- gen deuten, als sie kurz auf ihm verweilen, und ihr sinn- lich perlendes Lachen, von dem er nicht weiß, ob es ihn einlädt oder verspottet, denn eine Herausforderung kann beides. Doch er bekommt den Blick nicht weg von ihr, sosehr er sich auch bemüht und so laut ihn auch eine in- nere Stimme warnt, er möge nicht hinschauen. Vera wer- de ihm das nie verzeihen, werde ihm nicht glauben und behaupten, er sei der Mann gewesen, der über den Hügel kam, dem schamlosen Ansturm dieses Weibes zu erlie- gen, treulos und rüde, von ihrer luderhaften Nacktheit behext und gleich auf dem blanken Stein, er und nicht der arme, beklagenswerte Zinn. Er bekommt den Blick nicht weg von ihr, obwohl ihre Augen ihn losgelassen haben und ihr Lachen nicht ihm mehr gilt, sondern Zinn, der es nach wie vor nicht eilig hat, behutsam setzt er sei- ne Füße, Schritt um Schritt, wie abgezirkelt, während sie ihm entgegenfliegt mit ausgebreiteten Armen. Lohm be- kommt den Blick nicht weg. Da besinnt er sich auf seine Fähigkeit, springt und beginnt sofort zu strampeln, und zugleich kraftvoll mit den Armen schlagend, hebt er sich vom Boden ab und schwebt ballonleicht in die Höhe, und als er über den beiden ist, erkennt er in der Frau die Steffi Zinn, erkennt sie zuerst am Glanz ihres Haares, das wie gleißende Rinnsale ihre Schultern umspült bis hinab zu den Hüften, und da läßt er sich etwas herabsinken, um besser zu sehn, und erkennt sie nun auch am Gesicht. In 156
  • dieser Höhe bleibt er, von beiden unbemerkt, und es ist ihm auf einmal gleichgültig, was Vera sagen wird, ja, jetzt ist es ihm sogar angenehm, Zaungast zu sein bei den beiden, von denen er sich nicht vorstellen kann, wie die zueinanderfinden sollen; das möchte man sich denn doch nicht entgehen lassen, wie die heißblütige Steffi den Eis- berg Zinn zum Schmelzen bringt. Steffi umschlingt Zinns Nacken und hängt sich an ihn, als erwarte sie, von ihm in toller Freude herumgewirbelt zu werden, und dabei strampelt sie mit den Beinen, aus Lohms Perspektive ein Anblick nicht ohne Würze, be- sonders Steffis Rückenpartie mit ihrem rasanten Schwung; derart von oben hat er solches noch nie ge- sehn, und so nimmt er die Gelegenheit wahr und wech- selt die Höhe, läßt sich einige Meter fallen, bis er Einzel- heiten wahrnimmt, und gleitet dann wieder hinauf, höher als vorher, es macht ja nicht die mindeste Mühe, und ge- nießt den Reiz der Totale. Zinn jedoch denkt nicht daran, sich mit seinem Weibe wie ein Verliebter zu drehn, gera- de noch, daß er sich ihr Gebaren gefallen läßt, das er wahrscheinlich äffisch findet. Zwar kann Lohm nur ver- muten, denn nun macht die Perspektive sich als nachtei- lig bemerkbar, er würde zu gern in Zinns Gesicht bli- cken, schaut aber nur auf dessen Schopf, der übrigens schwarz ist wie der rauchige Himmel. Aber schon wie Zinn sich verhält, verrät, daß er selbst dort, wo ihm das Leben so ausgelassen vergnügt und in derart heiterer Gestalt kommt, stets ein ernsthafter Mann bleibt. Und nun deutet er in die Ferne, hinweg über den kotbraunen See, aus dem Steffi heraufgestiegen ist, und spricht dabei auf sie ein, unhörbar für Lohm, der sich schleunigst he- rabsinken läßt und trotzdem nichts vernimmt, ein Satz ist allzu schnell gesagt, und Steffi stellt das Beinestrampeln 157
  • ein, das Lohm so imponiert hat, gibt auch Zinns Nacken frei und wendet sich der Richtung zu, die er noch immer weist mit ausgestrecktem Arm. Geh, scheint Zinn ihr zu bedeuten, geh ein paar Schritte, damit du besser sehen kannst, was ich im Auge habe! Und Steffi folgt willig, eine Hand über die Augen gelegt, als gebe es eine Sonne an diesem rauchschwarzen Himmel, deren Blendung sie abschirmen müsse, und wie sie zwei, drei Schritte getan hat, geschieht etwas Unfaßliches: Zinns Hand kriecht wie eine Raupe in die Tasche seines Jacketts, und als er sie herauszieht, glänzt in ihr der blaue Stahl eines Pistolen- laufs, und wie Steffi noch ahnungslos die Ferne absucht, hebt sich langsam sein Arm, ruhig, wie abgezirkelt, und in Lohms Aufschrei bricht der Schuß, der Steffi genau in den Nacken trifft, aber nicht eindringt. Und Zinn schießt ein zweites und drittes Mal, ebenso ruhig wie zuerst, gleichsam gelassen, als wisse er, daß in der Wiederho- lung der Erfolg liegt, und wie er den sechsten Schuß ab- gefeuert hat, nickt er, steckt die Pistole ein, von deren Mündung er zuvor den Rauch geblasen hat, und macht kehrt. Und Lohm, plötzlich unfähig, seinen Flug zu steu- ern, wie dazu verdammt, fortwährend Arme und Beine im gleichen Rhythmus zu bewegen, damit er in der Höhe bleibe, von der herab er das alles mit angesehen hat, Lohm kann nichts dagegen tun, daß Zinn, wie er ge- kommen ist, über den Hügel steigt und jenseits der Kup- pe allmählich verschwindet, Stück um Stück, Schenkel, Rumpf, Schultern und Kopf, bis er entwichen ist aus die- ser toten Landschaft, dieser Landschaft des Todes, als habe ein unheimlicher Zauber ihn aus ihr genommen. Und ebenso machtlos muß er mit ansehen, wie Steffi stirbt, langsam verblutend, wie sie taumelt, als suche sie Halt, und hinsinkt. Er muß es mit ansehen und kann ihr 158
  • nicht beistehn, denn sein Direktor, welcher der Prüfungs- kommission vorsitzt, sagt: Tut mir leid, Lohm, Sie haben Ihr Abitur nicht bestanden, und das eine will ich Ihnen sagen, wenn Sie sich dauernd in solchen unmöglichen Landstrichen herumtreiben, wo nackte Frauen erschossen werden, die nachweislich ertränkt worden sind, dann wird aus Ihnen nie was Ordentliches werden, das sage ich Ihnen allen Ernstes, nicht mal ein durchschnittlicher Kriminalist wird dann aus Ihnen werden. Aber sie waren ja schon immer ein Querkopf. Nun haben Sie die Quit- tung, Lohm. Sie sind durchgefallen. Ich glaube kaum, daß es sinnvoll wäre für Sie, noch einen Anlauf zu unter- nehmen; Sie sind unterdes achtunddreißig, waren ohne- hin seit zwanzig Jahren der Älteste in Ihrer Klasse. Aber wenn Sie wollen, bitte sehr, setzen Sie sich noch einmal auf die Schulbank, es ist dies die letzte Chance, die ich Ihnen einräume, und dabei riskiere ich sogar, daß mir das Volksbildungsministerium aufs Dach steigt. Aber ich wag’s. Versuchen Sie’s. Sie schaffen’s zwar nicht, das sage ich Ihnen gleich, solche Eigenbrötler wie Sie ha- ben’s noch nie geschafft, das Matur, mit andern Worten die Reife, aber vielleicht, wer weiß, schaffen Sie es doch. 159
  • VIERTES KAPITEL Lorras oder Die kriminelle Beichte I Der Organist von St. Gabriel liebt den Optimismus der vol- len Akkorde. Jauchzet, frohlocket! In einem gewaltigen Crescendo läßt er die Orgel aufbrüllen, als ströme unter der Empore ein Heer von Gläubigen aus der Kirche, denen er das Gefühl göttlicher Allmacht ins Herz pflanzen müsse. Es sind aber nur wenige zur Abendmesse gekommen, alte Leute zumeist. Als sie durch das Portal ins Freie treten, ist der Abend weiß vom ersten Schnee. Wirbelnd fallen die Flocken, rund wie Notenköpfe, und es hört sich an, als spie- le der Organist in wildem Triumphe diese Partitur, die als Schneegestöber vom Himmel fällt. Könnten Töne Mauern sprengen, St. Gabriel wäre längst ein Trümmerhaufen. Der Sakristan hat es eilig, die Tür hinter dem letzten Gläubigen zu schließen. Er leidet unter der Musizierfreu- de des Organisten, der es nicht lassen kann, jeder Messe ein privates Orgelkonzert anzuhängen. Ist die Kirche leer, braucht der Organist keine Rücksicht auf empfindli- che Ohren zu nehmen. Dann gerät er in Verzückung und wütet drauflos. Vor dem Höllenlärm, unter dem selbst der hölzerne Gabriel, der Schutzpatron, erzittert, ist einer nur außerhalb des Gotteshauses sicher. Sogar durch die schwere Ebenholztür der Sakristei dringen die Stakkatos und Kadenzen dieser Klangorgie; aber dort ist es halb- wegs erträglich. Einst war der Sakristan Herr über den Organisten. Das war zu der Zeit, als er den Blasebalg noch treten mußte. Stieg er von den Pedalen herab, konnte der Organist auf die 160
  • Tasten hauen, soviel er wollte, die Orgel gab keinen Mucks von sich – und er war stets pünktlich von den Pedalen he- rabgestiegen. Damals kehrte der süße Friede der Nacht in St. Gabriel ein, sobald der letzte Gläubige das Weihwasser- becken passiert hatte. Seit die Orgel elektrisch betrieben wird, muß der Friede mit seinem Einzug warten. Der Sakristan hat den Verdacht, der Organist werde zu seinen entnervenden Zugaben von Rachegelüsten bewogen; die Gelegenheit dazu hat ihm die Technik verschafft. Die Technik bringt Unruhe in die Welt, sogar in Gotteshäuser. Als der Sakristan durchs düstere Seitenschiff eilt, löst sich aus dem Schatten eines Pfeilers eine Gestalt und ver- tritt ihm den Weg, lautloser Spuk, die Orgel duldet keine Geräusche neben sich. Der Sakristan ist nicht zu schre- cken; nicht der lange Kerzenlöscher in der Hand macht ihn furchtlos, sondern die Gewißheit, in einem ordentli- chen Lande zu leben. „Was suchen Sie noch hier?“ „Ich muß den Priester sprechen.“ „Den Priester? Jetzt? Die Kirche ist geschlossen.“ „Ich muß den Priester sprechen“, wiederholt der Mann beharrlich. „Ich muß eine Beichte ablegen.“ „Warum kommen Sie nicht zur Beichtstunde?“ „Weil ich es jetzt tun muß. Es eilt. Ich hab’ nicht mehr viel Zeit.“ Der Sakristan sieht sich den Menschen genauer an, und der Unmut, den die fremde fordernde Stimme in ihm erregt hat, legt sich. Seine Augen beginnen in dem fahlen Fleck, der das Gesicht darstellt, Züge zu unterscheiden. „Moment“, sagt er, geht ein paar Schritte bis zum Ma- rienaltar und kommt mit einer brennenden Kerze zurück. Verächtlich krümmt der Mann die Lippen, als das Licht vor seinem Gesicht flackert. Dem Kirchendiener 161
  • fährt nun doch ein Schauder in die Glieder. Er fühlt sich in die Krypta versetzt, in die finstere Grabstätte mit der feuchten Moderluft, wo die mumifizierten Leichname in den Särgen langsam zu Staub zerfallen. Der Mann könnte aus einem dieser Särge heraufgestiegen sein. Ein fader Geruch geht von ihm aus, als hafte fauliges Holzmehl in seinen Kleidern. Sein Gesicht ist gelb und pergamenten, fleischlos unter der Haut. Ein riesiger Adamsapfel ragt wie eine Felszacke über die Krawatte. Die Lippen wirken eingeschrumpft. Das Antlitz eines lebenden Skeletts. „Krebs“, sagt der Mann und schiebt des Sakristans Arm mit der Kerze beiseite. „Gehen Sie nun. Rufen Sie den Priester.“ Der Sakristan folgt dieser Aufforderung widerspruchs- los, obwohl ihm unklar ist, ob der Mann sich ihm vorge- stellt oder auf die Ursache seines erbärmlichen Ausse- hens hingewiesen hat. Wer mit solchem Nachdruck die Lossprechung von seinen Sünden erstrebt, muß ein Recht darauf haben. Welches Recht könnte schwerer wiegen als das eines reuigen Sünders? Und der Mann sieht nicht so aus, als würde er wegen eines schäbigen Ehebruchs oder eines Ladendiebstahls den kirchlichen Feierabend stören. Pfarrer Rinten, stets untadelig und in aufrechter Hal- tung sein priesterliches Amt versehend, hat inzwischen das Meßgewand abgelegt und sich den Schmerzen hin- gegeben, die seinen alternden Körper peinigen. Er ist in seinen Lehnsessel gesunken und wartet auf die lindernde Wirkung der Droge. Er, der sich nie anmerken läßt, wie- viel Angst ihn befällt, die Monstranz könnte seinen gich- tigen Händen entgleiten, wenn er sie vor dem Hochaltar erhebt, bietet nun ein jammervolles Bild des Verfalls, froh, den Tag überstanden zu haben, dankbar für das kurze Verweilen in der Sakristei, dieses notwendige 162
  • Ausruhen, ohne das er die fünfzig Schritte ins Pfarr- haus nicht bewältigen könnte. Als der Sakristan eintritt, bricht der Jubel greller Soprantöne in die Sakristei, schmetternd wie die Fanfa- ren von Jericho. Der alte Pfarrer fühlt sich zu schwach, den Arm zu erheben, um damit des Sakristans bissige Bemerkungen über den Organisten abzuwehren. Er hat die Augen geschlossen, er lauscht in sich hinein, lauscht dem viel stärkeren, bösen Lärm, den die Schmerzen in seinem Körper erzeugen. „Ein Beichtkind?“ sagt er ungläubig. „Jetzt?“ „Ich habe den Mann auf die Beichtstunde verwiesen“, sagt der Sakristan. „Aber er meint, er habe nicht mehr viel Zeit. Er sieht auch so aus.“ „Wie soll ich das verstehen, er sehe auch so aus?“ fragt der Pfarrer. „Manchen steht’s eben auf der Stirn geschrieben“, sagt der Sakristan, den Blick auf die Gichtknoten an Rintens Händen gerichtet, und der alte Priester begreift, was ge- meint ist. Er nickt und erhebt sich mühsam aus dem Ses- sel, nun, da er seines Amts walten muß, seinen gekrümm- ten Körper straffend. Als der Sakristan ihm die Stola reicht, stöhnt Rinten leise auf; aber das Wissen, ge- braucht zu werden, läßt den Schmerz in seinem müden Gesicht keinen Ausdruck finden. Der Sakristan wartet an der Tür, bis der Pfarrer bereit ist, drückt dann die geschmiedete Klinke und stemmt sich gegen das Ebenholz, das sich schwer und knarrend in den Angeln dreht. Doch das Knarren hört man nicht; das halbdunkle Kirchenschiff ist erfüllt vom vielstimmi- gen Gebrumm der Orgelbässe. Rinten schickt einen Blick empor, wo im Schein des Instrumentenlichts der riesenhafte Schatten des Orga- 163
  • nisten zwischen den glänzenden Orgelpfeifen hin und her springt. „Bitten Sie Herrn Scholtissek, er möge in seinem Spiel ein paar Takte pausieren, es sei denn, er begnügte sich ein Weilchen mit einigen Läufen im Sopran und ganz piano.“ Lächelnd fügt Rinten hinzu: „Einen Reumütigen, den es zu so ungewöhnlicher Stunde hertreibt, möchte ich schon verstehen können.“ Da Rinten nicht laut spricht, muß der Sakristan ihm die Worte von den Lippen ablesen, und so liest er die paar Takte und die Läufe im Sopran, die der Pfarrer dem Organisten ganz piano einräumt, einfach nicht ab. Er er- steigt die Wendeltreppe, die zum Orgelstuhl emporführt, mit dem festen Vorsatz, den Organisten für heute aus St. Gabriel zu vertreiben. „Schluß jetzt, junger Mann!“ ruft er dem Organisten ins Ohr, der nichts vernimmt, so versunken ist er in seinen Palestrina. „He, Scholtissek“, brüllt der Sakristan und rüttelt die schmale Schulter, die sich emsig bewegt, „Sie sollen endlich aufhören mit dem Radau, Anweisung vom Herrn Pfarrer!“ Und als der ehrgeizige Student, der es einmal zu Raminscher Virtuosität brin- gen will und übt, wann immer ihm das vergönnt ist, zweifelnd den Kopf schüttelt, denn Organisten sind rar und schwerer zu beschaffen als Altarkerzen, reißt der Sakristan kurz entschlossen den Stecker aus der Dose, und das Notenlicht erlischt. Rasselnd faucht die Orgel ihren Atem aus. So lange hat der alte Pfarrer Rinten im Beichtstuhl gewartet, so lange hat der Mann mit dem gezeichneten Gesicht vor dem vergitterten Fensterchen gekniet. Nun neigt der Priester sein Ohr dem fremden Mund entgegen, nicht frei von Neugier, was dieses späte Beichtkind, ein 164
  • vielleicht vom göttlichen Pfade abgekommenes, abgeirr- tes, womöglich heruntergetriebenes Schaf der einst so gewaltigen Herde, dem Gott wohl zu gestehen hat, der alle Sünden vergibt – denn irdisch sein heißt in der Ver- suchung stehen, und lieber ist mir ein bekehrter Sünder als tausend Gerechte. Nun denn, die Orgel ist verstummt, zwar dringen erregte Stimmen von oben herab, es hört sich an wie Streit, und der geräuschempfindliche Sakristan wird doch wohl dem braven, wenn auch lauten Organisten St. Gabriel als Betätigungsstätte nicht verlei- den! Doch Rintens Gedanken werden sogleich zurückge- lenkt, er lauscht auf, der Mann, dessen Gesicht wie ein gefrorener grauer Schatten ist, scheint ein Tunichtgut zu sein, denn er hat sich vorgestellt, „Lorras mit L wie Leib- chen“, und das im Beichtstuhl, wo gibt’s denn so was, und jetzt bittet er, Hochwürden möge morgen das Haus Nummer sechs im Rosenbuschweg besuchen, ein Ansin- nen, das Rinten nicht minder befremdet, zumal der Mann keinen Grund benennt. „Kommen Sie, wann es Ihnen paßt, ich bitte Sie dar- um, Hochwürden“, wiederholt der Mann, als lehne er sich gegen das Zögern des Priesters auf. „Aber kommen Sie morgen. Morgen ist noch Zeit.“ „Was soll ich in diesem Haus?“ fragt Rinten. „Ein Mensch braucht Ihre Hilfe.“ „Was ist das für ein Mensch?“ „Ein Sterbender.“ „Ein Sterbender, bei dem ich mir die Zeit wählen kann?“ sagt Rinten ungläubig. „Ja, Hochwürden“, antwortet der Mann. „Kommen Sie, wann Sie wollen. Er wird so lange warten. Sie werden doch einem Sterbenden den letzten geistlichen Trost nicht versagen?“ 165
  • Rinten schiebt sein Gesicht so nahe ans Fenster, daß er mit der Nase das Gitter berührt. Aber sein Verdacht er- lischt sofort; der Atem des Mannes riecht übel, nach Al- kohol riecht er nicht. „Ich bin ein kranker Mann“, sagt Rinten. „Nicht die Demütigung würde mich verletzen, müßte ich in jenem Haus erleben, daß Sie mit meiner priesterlichen Ver- pflichtung nur Ihren Spott getrieben haben. Aber für je- den Schritt zahle ich mit körperlichen Schmerzen, und so muß jeder Weg wohlbedacht sein. Ich ginge auch nach Golgatha, müßte es sein. Aber ich möchte dort ein Kreuz finden und kein Hohngelächter.“ „Hohngelächter?“ sagt der Mann. „Keine Angst, Hochwürden. Ich habe viele sterben sehen. Von denen hat keiner gelacht. Aber mancher wäre dankbar gewesen, hätt’ ihm in seiner letzten Stunde ein Priester beigestan- den. Doch nie war ein Priester zugegen.“ „Wovon reden Sie?“ „Was kümmert einen Mörder das Seelenheil seines Opfers? Ist der Leib verstummt, hat die Seele ihren Frie- den. Es ist ja auch wahr. Ich weiß von keinem, der einen Seelsorger an den Tatort bestellt hätte. Nur das Opfer ruft. Aber es kann rufen, kann schreien, so laut es will, es wird nicht gehört. Oder haben Sie jemals einen Ruf ver- nommen, hat Sie auch nur einer jener Schreie erreicht? Nichts haben Sie gehört, nicht wahr, nicht einen einzigen Laut. Wie sollten Sie auch? Gotteshäuser haben dicke Mauern und sind voller Jubel, Gesang und Orgelmusik. Wie sollten Sie da auch was hören?“ „Ich verstehe Sie nicht. Ich verstehe Ihre verworrenen Worte nicht“, sagt Rinten in ratloser Bestürzung. „Wa- rum sind Sie gekommen?“ „Aber auch er hat nichts gehört. Nichts gehört und 166
  • nichts gesehn“, sagt der Mann, wie von tiefer Befriedi- gung erfüllt. „Oder hat er sich nur taub gestellt, hat er nicht hinschauen wollen?“ „Von wem sprechen Sie?“ sagt Rinten, obwohl er es ahnt. Und die Ahnung, der er mit Hilflosigkeit begegnet, und das Wissen, daß er vor dieser Herausforderung zu- rückwich, indem er sich in eine Frage flüchtete, wecken die Schmerzen in seinem Körper. Während der alte Priester leise stöhnt und die Hände gegen den Leib preßt, sagt der Mann: „Sie werden ein Kreuz finden in jenem Haus, Hochwürden, ein echtes, ein schweres, kein so sorgfältig gezimmertes, wie’s da vorn am Altar steht zur Erbauung der Ahnungslosen, mit Firnis und Lack ansehnlich und haltbar gemacht für die frommen Augen. Golgatha liegt gar nicht so weit zurück. Oder doch? War’s nicht dort, wo Christus gekreuzigt wurde? Einer für alle.“ Rinten sieht, wie der Mann das Gesicht verzieht. „Was für eine Legende. Golgatha! Ich habe den Namen fünfundzwanzig Jahre lang nicht gehört. Ich habe mich seiner nicht mal erinnert, kein einziges Mal in diesen vielen Jahren. Was dort gesche- hen ist – es gibt bösere Orte, Hochwürden, es gibt schlimmere Namen. Die haben manchen dieses Golga- tha vergessen lassen.“ „Welch ein Hochmut spricht aus Ihnen“, sagt Rinten in müder Auflehnung und seufzt, als bedauere er, dem lästerlichen Gerede nur sein ohnmächtiges Wort entge- gensetzen zu können. „Aber selbst der Hochmütige, der in seiner Vermessenheit Gott anklagt, findet Gnade vor ihm. Das Opfer unsres Herrn läßt sich nicht verkleinern. Er wußte, wofür er es brachte und was er auf sich nahm. Er brachte es auch für die, die ihn leugnen, und er nahm es auf sich, von ihnen beladen zu werden mit all dem 167
  • Unheil, das sie angerichtet haben und noch anrichten werden.“ Die Stimme Rintens erhebt sich und fährt dem Mann ins Gesicht, der keine Regung zeigt. „Es gibt böse- re Orte und schlimmere Namen als Golgatha, gewiß. Aber die, die Gott an solchen Orten geschändet haben, die sollen nicht denken, sie seien aus der Verantwortung entlassen. Die Verantwortung dem Menschen gegenüber, die nimmt Gott keinem ab.“ „Ich weiß“, sagt der Mann zu Rintens Erstaunen. „Ich weiß das. Aber es gibt welche, die es nicht wissen wol- len. Ich leugne nicht, daß ich Menschen gemordet habe. Ich gestehe es. Um dieses Geständnis abzulegen, bin ich gekommen. Ich beichte Ihnen keine Sünden, ich klage mich grausamer und heimtückischer Verbrechen an. Ab- solution erwarte ich nicht. Ich will sie nicht. Deshalb bit- te ich nicht um sie. Die Lossprechung würde mir zum Hohn auf die eigne Feigheit werden, die mein Leben be- stimmt und ohnehin erbärmlich gemacht hat. Ich möchte mir einen Rest Achtung vor mir selber bewahren, ehe ich Schluß mache. Mit meiner ganzen Schuld will ich vor den hintreten, der mich richten wird. Ich bin ein krimi- neller Mörder, Hochwürden, ein ganz gewöhnlicher kri- mineller Mörder.“ Rinten hat die Augen mit der Hand bedeckt. Was da an sein Ohr dringt, ist ungeheuerlich genug; dem Anblick dessen, der ein menschliches Gesicht trägt, ist er nicht gewachsen. Aber vor den geschlossenen Augen des alten Priesters steht ein Bild, die Landschaft des Sterbens, die Richtstätte von Golgatha, und zu Seiten des Kreuzes, an das sie Christus genagelt haben, die mit den beiden ge- wöhnlichen kriminellen Verbrechern, von denen der eine, Barrabas, den leidenden Messias verhöhnt; und er hört Christus antworten: Heute noch wirst du im Paradiese 168
  • sein. O du mein Gott, betet Rinten, ich habe gesagt, ich ginge auch nach Golgatha, wenn es sein müßte, und so werde ich morgen in jenes unbekannte Haus im Rosen- buschweg gehen, und wenn dieser hier der Sterbende sein wird, den ich dort vorfinden soll, dann nimm den Zweifel von mir, mach mich stark im Glauben, das Para- dies stehe auch diesem einen offen, und gib mir die Kraft, ihm diesen letzten Trost nicht zu versagen, auch wenn ich lügen müßte! Die Stimme des Mannes, der bisher sicher und flie- ßend sprach, stockt plötzlich. Rinten entgeht dieses Sto- cken nicht, und ihm entgeht das Unbehagen nicht, mit dem der Mann fortfährt. Es kommt Rinten vor, dem Mann falle jetzt das Sprechen schwer, als lehne sich et- was in ihm auf gegen die Preisgabe dessen, was er viel- leicht gar nicht mehr sagen wollte, und er neigt das Ohr dem Gitter zu, und jedes Wort trifft ihn wie ein Schlag. „Vor siebenundsiebzig Tagen – ich führe genau Buch – das Verbrechen am Langen See … eine Frau … Sie wa- ren alle nackt gewesen, auch die andern – wie diese Stef- fi Zinn … Ich habe sie mit diesen Händen …“, wie Raubvögel erheben sich jenseits des Gitters die Hände des Mannes, und Rinten wendet das Gesicht ab, „er- tränkt. Nicht die andern, die starben anders – nur die Steffi Zinn habe ich auf diese Weise … Ich kannte sie von früher … Habe es bewußt getan, im vollen Vorsatz – jeden Mord, auch diesen letzten … Er mag genügen – er steht für alle andern.“ Einer für alle, denkt Rinten angewidert. Mein Gott, welch grauenvolle Abgründe klaffen im menschlichen Gewissen! Wozu ist der Mensch fähig, den du nach deinem Ebenbild geschaffen hast. Wie ist es möglich, daß dieser Mann seine Untaten zusammenfaßt wie ein Buchhalter eine 169
  • Postenaufstellung in der Endsumme und dabei nicht vor Ekel über seine Verworfenheit stirbt? Sechsundvierzig Jahre lang hast du mich vor der Begegnung mit einem solchen Menschen bewahrt, von jenem Tage an, da ich als junger Kaplan meinem ersten Beichtkind die Absolu- tion erteilte. Sechsundvierzig Jahre lang habe ich mein Amt versehen, nicht immer frei von Zweifeln, doch fest im Glauben an dich und dir stets ein gehorsamer Diener. Du hast mich geprüft mit seelischen Erschütterungen und körperlichem Leiden; ich habe alles erduldet, dein Gleichnis vor Augen. Nie habe ich mein Siechtum be- klagt, nie deine gerechte Güte vermißt. Ich hätte mich für dich ans Kreuz schlagen lassen. Ich war sogar darauf ge- faßt und innerlich bereit dazu, denn ich wußte, was um mich herum geschah in den düsteren Jahren, als deine Botschaft unter genagelten Stiefeln zertreten werden soll- te, und ich habe von der Kanzel herab meine Stimme da- gegen erhoben mit deinem Wort. Warum, mein Gott, hast du so lange gewartet mit dieser Bürde, die du mir mit dem da auferlegst? Warum hast du diesen Kelch nicht an mir vorbeigehen lassen, jetzt, da ich alt und schwach und so müde geworden bin? Als Rinten langsam die Augen öffnet und das Gesicht zum Fenster dreht, schimmern durch die Rhomben des Gitters die wenigen Lichter, die in der Kirche noch bren- nen. Der Mann ist fort. II „Gestern abend sah es ganz so aus, als bekämen wir wei- ße Weihnachten dieses Jahr“, sagt Gallich, als er sich am Fenster in seinen Lodenmantel knöpft, „und heute? Nichts als Wasser.“ 170
  • „Und noch dazu pur“, sagt Lohm. „Dieser Regen kotzt mich langsam an. Das ging doch schon im Sommer los, und dann dieser verwässerte Herbst! Wenn einer bei so ’nem hartnäckigen Mistwetter nicht trübsinnig wird, ist das ’ne Leistung. Ich werd’ noch plemplem. Gestern hab’ ich Gabi einen Bob ge- kauft. Als die erste Flocke fiel, ging ich ins Sportgeschäft und hab’ mit dem Ladenschwengel noch Streit gekriegt, weil der gerade dichtmachen wollte. Jetzt hab’ ich den Bob, und der Schnee ist weg. Du hast keine Kinder, du verstehst das nicht. ’n Eunuch versteht auch nicht, warum einer seinen Kopf riskiert, um mal eine Nacht mit ’nem Dutzend Haremsdamen zu verbringen.“ Lohm lacht. „Nee“, sagt Gallich mit tragischer Miene, dem Fenster den Rücken wendend, „Weihnachten ohne Schnee sind für einen Vater wie’n Park ohne Bänke für ein Liebes- paar.“ „Einen Bob für Gabi“, sagt Lohm. „Du mußt eine aus- gesprochen gute Stunde gehabt haben, als dieser Entschluß dich heimsuchte. Gabi wird doch erst vier.“ „Wieso erst?“ erwidert Gallich. „Sie wird bereits vier, wenn du nichts dagegen hast. Ich habe mit sechs schon reiten können.“ „Siehst du, du hättest ihr lieber ein Schaukelpferd kau- fen sollen.“ „Auf einem richtigen Gaul, Mensch, bin ich geritten!“ sagt Gallich. „Auf ’nem Oldenburger Wallach, Kaltblut, schwer wie’n Elefant.“ „Die sind ja bekanntlich so schnell, daß einer sich kaum auf ihnen halten kann.“ Lohm nimmt den Mantel vom Spind. Das Leder knirscht, als er den Mantel über- zieht. 171
  • Gallich sucht nach einer Antwort, dann zuckt er mit den Schultern und geht zur Tür. Das Telefon schrillt. Gallich, die Hand auf der Klinke, seufzt und streift den Ärmel über der Uhr zurück. „Geh mal ’ran“, sagt Lohm. „Ich möchte das Gefühl mal kennenlernen, das einer hat, dessen Feierabend andern Leuten heilig ist“, brummt Gallich. Er hebt ab und meldet sich. Er lauscht in den Hörer, verstopft mit dem Finger das freie Ohr, obwohl Lohm nichts sagt und es still im Zimmer ist, ruft: „Spre- chen Sie doch lauter, ich verstehe Sie nicht!“, schlägt den Hörer mehrmals gegen die flache Hand, flucht, während er an der Zuleitung herumfummelt, auf das überlastete Fernsprechnetz und hat endlich klaren Empfang. „Mußt nur den passenden Fluch bereit haben“, sagt er grinsend zu Lohm, „das einzige, was da noch hilft.“ Lohm steht wartend an der Tür und wirkt gar nicht er- freut, als Gallich mit dümmlich-verdutztem Gesicht „Ach!“ ruft, einen Stift aus der Federschale reißt und auf dem ersten besten Blatt, das ihm unter die Finger gerät, notiert, was ihn da soeben aus dem Gleichgewicht ge- bracht hat. Das alles geschieht so rasch, daß Lohm ihm nicht in den Arm fallen kann. Das wird ein schönes Ge- zeter geben, wenn die Sekretärin morgen feststellt, daß Gallich die Reinschrift des Quartalsberichts mit seinen Hieroglyphen verunziert hat. „Wir kommen sofort. Ende.“ Gallich läßt den Hörer auf die Gabel sinken, sanft, geradezu feierlich, und wen- det sich im Vollgenuß des Wissens, das er Lohm voraus hat, langsam um. „So was gibt’s nur im wirklichen Le- ben“, sagt er, und immer noch feierlich fügt er die Erklä- rung hinzu: „Herbert, der Fall der Steffi Zinn hat sich von selber gelöst.“ 172
  • Nun ist Lohm verblüfft. Nun sagt er laut „Ach!“ und macht das gleiche Gesicht wie Gallich vor ein paar Mi- nuten. „Rosenbuschweg sechs“, sagt Gallich. „Dort sitzt ei- ner, der’s gut mit uns meint.“ „Rosenbuschweg? Wo ist denn der?“ „Am Arsch der Welt, aber noch in Berlin.“ „Hab’ gar nicht gewußt, daß der uns so nahe ist“, sagt Lohm mit leiser Giftigkeit. „Was will denn dieser Neun- malkluge wissen?“ „Der will nicht nur, der weiß“, antwortet Gallich. „Der Neunmalkluge kennt den Mörder. Und weißt du, was der Mörder ist?“ „Rattenzüchter vielleicht, wie?“ sagt Lohm, den Gal- lichs Gebaren allmählich entnervt. „Ach ja, dein Geheimtip!“ Gallich lacht. „Der ist nun vollends perdu. Hab’ ich’s nicht immer gesagt?“ „Nun hab’ dich mal nicht so.“ „Nein, der Mörder ist ganz was anderes, nämlich tot.“ „Ach“, sagt Lohm zum zweitenmal. „Und weißt du, was dein Neunmalkluger ist?“ „Hellseher, wie?“ ruft Lohm und greift zum Telefon. „Wenn du die Zeit weiter so vertrödelst, sitzt ein andrer im Wagen. Aber dann gehst du zu Fuß hin.“ Gallich lächelt. „Dein Neunmalkluger ist ’n katholi- scher Priester.“ Und zum drittenmal sagt Lohm nun: „Ach …“ III Der Rosenbuschweg ist eine unbefestigte Straße, wo die Stadt aufhört. Disteln, Schachtelhalme und mannshohe Brennesseln haben seine Fahrbahn zu einer schmalen 173
  • Gasse eingeengt. Die Gasse gleicht einem Bach, der nicht mehr fließt und noch nicht ganz ausgetrocknet ist. Über- all glänzen Pfützen im Scheinwerferlicht, fröstelnde Au- gen, die in den verhangenen Himmel starren. Der Fahrer fährt Schritt, besorgt um Achsen und Stoßdämpfer. Wie ein Schiff in der Dünung stampft der Wagen, und Lohm reibt sich den Schädel; dank seiner Länge kennt er die Härte von Autodächern aus dem Effeff. Der Fahrer hält an. Vom Haus Nummer sechs ist nichts zu sehen, es ist überhaupt kein Haus zu sehen, nur eine Hecke, seit Jahren nicht gestutzt, gewachsenes Mau- erwerk, undurchdringlich. Hinter dem Filigran der Zwei- ge ist der Schein einer fernen Lampe zu ahnen. Sie wis- sen dennoch, daß sie am Ziel sind; vor der Gartenpforte ist ein Polizeikrad abgestellt. Die Pforte ist unbeziffert. Als Lohm hindurchgeht, stößt er an einen herabhän- genden Ast, und auf den ihm folgenden Gallich ergießt sich einiges von dem, was so eine Silbertanne von einem ordentlichen Regen festhält. „Die Großen lösen’s aus, und die Kiemen trifft’s“, knurrt Gallich und wischt sich das Wasser aus dem Ge- nick. Laut sagt er: „Laß mich mal vorgehn, Herbert.“ Lohm bleibt stehn und gibt ihm die Stablampe. „Bitte, wenn du besser siehst.“ „Ach, sehen!“ brummt Gallich, marschiert an Lohm vorbei und fühlt sich jäh und schmerzhaft zurückgezo- gen. Sein Handballen hakt an einem Dornenzweig fest. Als er sich losgemacht hat, seufzt er: „Barbarisch, nicht mal die Rosen zu beschneiden. Aber ’nen Garten haben, Grundstücksbesitzer sein! So was lieb’ ich.“ Der Garten wächst anscheinend, wie er will, wuchernd nach allen Richtungen, von keiner ordnenden Hand in seinem maßlosen Anschwellen gehemmt, eine Wildnis, 174
  • in die vermutlich nicht mal die Sonne zu dringen vermag. Das Haus steht am Ende des Grundstücks, von einer in die Treppenbrüstung zementierten Laterne schwach be- leuchtet. Auf dem einzigen Geschoß sitzt ein Walmdach wie auf zu kleinem Kopf ein Hut mit herabgebogener Krempe. Ein roher Ziegelbau offenbar; das Lampenlicht reicht nicht hinauf zu den Putzfladen, die von der Mauer noch nicht abgefallen sind. „Mindestens ’n Pfund tote Insekten“, sagt Gallich mit einem Blick in die Laterne, „schau dir das an. Sagenhaft!“ In der winzigen Diele hören sie Stimmen. Sie treten durch eine offene Tür in ein Zimmer, dessen Mobiliar an die Wildheit des Gartens erinnert. Lohm erblickt zuerst den Geistlichen, einen alten Mann mit welkem Gesicht, der auf einem Rohrstuhl sitzt, kurz die Augen hebt und Lohms Gruß mit einem müden Kopfnicken erwidert. Ein breitschultriger Mann steht mit dem Rücken zur Tür, of- fensichtlich über etwas gebeugt. Als der Abschnittsbe- vollmächtigte Lohm begrüßt und sich mit den Krimina- listen bekannt macht – „Meister Gerboth“, sagt er mit einem Zucken der Schultern, als wolle er die Ankömm- linge auf seine nagelneuen Schulterstücke aufmerksam machen, „ich habe doch hoffentlich richtig gehandelt, indem ich gleich Sie informierte, Genosse Hauptmann?“ –, richtet der Breitschultrige sich auf und sagt: „Ad exitum. Zyankali. Dagegen ist in Gottes schönstem Garten bis heute noch kein Kraut gewachsen.“ Der Geistliche dreht langsam den Kopf und blickt den Breitschultrigen von unten herauf an. „Sind Sie sicher, daß Sie alle Kräuter kennen, die Gott auf Erden wachsen läßt, Doktor Helmissen? Abgesehen davon, daß die Medizin sich ja nicht nur die Botanik dienstbar macht.“ 175
  • Der Arzt lächelt, nickt dem Geistlichen zu und sagt mit einem Blick schräg hinter sich: „Nun ja, ein Raspu- tin, der Blausäure wie Wodka trinken konnte, war Lorras nicht, wie man sehen kann.“ Jetzt tritt er beiseite, und Lohm steht unmittelbar vor dem Toten. Der sitzt mit durchgedrücktem Kreuz in ei- nem Ohrensessel, als habe er in der Agonie den Tod mit der Brust abwehren wollen. Seine Lippen sind blau ver- färbt, die Augen hervorgequollen und mit dem Blut ge- platzter Äderchen angefüllt. Der Anblick erfordert Ner- ven, weil der Tote zum Skelett abgemagert ist. „Es riecht nach bitteren Mandeln“, sagt Gallich. „Das ist typisch“, sagt der Arzt. „Blausäure riecht nun mal besser, als sie einem tut.“ Er wendet sich an Lohm. „Die Herren sind von der Kriminalpolizei?“ Lohm bejaht und nennt seinen Namen. Der Arzt deutet eine Verbeu- gung an und sagt: „Doktor Helmissen. Ich wohne in der Nähe. Lorras war seit Jahren mein Patient.“ „Selbstmord also.“ „Ohne Zweifel“, antwortet Doktor Helmissen. „Eine Glasampulle. In der Mundhöhle finden sich Splitter. Au- ßerdem hatte er sich einen Zeugen bestellt.“ Er wirft ei- nen Blick auf den Toten und fügt kopfschüttelnd hinzu: „Der merkwürdige Mensch.“ „Einen Zeugen?“ „Mich“, sagt Rinten. „Sie gestatten wohl, daß ich sit- zen bleibe.“ „Aber bitte, Herr Pfarrer.“ „Ehe ich weiterspreche, lesen Sie bitte den Zettel, der auf dem Tischchen neben dem Toten liegt.“ Gerboth reicht Lohm ein liniiertes Blatt Papier, auf dem eine schwungvolle Handschrift quer zu den Linien verläuft. Lohm liest halblaut: „Hochwürden, ich entbinde 176
  • Sie des Beichtgeheimnisses. Vergeben Sie mir. Joseph Lorras.“ „Sie waren sein Beichtiger?“ Rinten wirkt unschlüssig. „Ja und nein. Ich habe Herrn Lorras gestern zum erstenmal gesehen, wenn man das so nennen kann, denn in der Kirche waren die Lichter bis auf wenige schon gelöscht. Ich hatte die Abendandacht in Sankt Gabriel beendet, der Sakristan die Kirche bereits verschlossen, als Herr Lorras mich bitten ließ, ihm noch die Beichte abzunehmen. Nun ja, man schickt ein Beichtkind ungern fort, und wer sich an die Zeiten nicht hält, ist womöglich in schwerer Bedrängnis. Die Stunde war ungewöhnlich genug.“ „Sie haben ihm die Beichte also abgenommen.“ „Das ist es ja“, sagt Rinten. „Herr Lorras war gar nicht gekommen, um zu beichten. Aber das gestand er mir erst im Beichtstuhl. Erwünschte keine Absolution. Mit seiner ganzen Sündenlast beladen, wollte er hinübergehn – nun wissen wir ja, wohin.“ Rinten blickt schmerzlich und enttäuscht auf den Toten. „Ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ihn zu Gott zurückführen zu können, heute, er hatte mich ja eigens in sein Haus gebeten. Ich sollte kommen, wann es mir paßte, nur unbedingt heute sollte es sein. Aber als ich gegen vier hier eintraf …“ Rinten bricht ab. Seine Augen nehmen einen Ausdruck an, als schauen sie eine beklemmende Vision. „Ich hatte an der Gartentür geläutet und bin dann eingetreten, weil niemand erschien. Das Haus fand ich offen, läutete aber trotzdem wieder, und die Klingel schlug auch an. Er hat mich also gehört und auch kommen sehn. Es rührte sich abermals nichts auf mein Läuten, und so trat ich ins Haus und rief seinen Namen und daß ich da sei. Da vernahm ich ein Geräusch. Es waren unartikulierte menschliche 177
  • Laute, eine Art Ächzen, als versuchte jemand, mit aller Kraftaufbietung eine Last emporzustemmen, und als sei derjenige voller Angst, die Last nicht zu bewältigen und von ihr erdrückt zu werden. Nun war ich ja darauf gefaßt, einen Sterbenden vorzufinden, und so eilte ich sogleich in dieses Zimmer, dessen Tür offenstand wie auch jetzt.“ Wieder hält Rinten inne. Er bittet um ein Glas Wasser, und der VP-Meister wendet sich zur Tür. Da ruft Doktor Helmissen: „Bleiben Sie nur, Herr Gerboth, ich kenne mich hier aus.“ Rinten sagt: „Ich mußte mit ansehn, wie er starb“ und senkt den Blick auf seine gefalteten, von der Gicht ver- unstalteten Hände. Irgendwo rauscht Wasser in ein Spülbecken. Dann kommt Doktor Helmissen mit einem Glas zurück. Rinten fügt hinzu: „Hilflos. Ich bin schließlich kein Arzt.“ „Es gibt keinen Arzt, Herr Pfarrer, der Lorras noch hätte helfen können“, sagt Doktor Helmissen. Rinten nimmt das Glas entgegen, wobei er etwas Was- ser verschüttet, bedankt sich bei Helmissen und trinkt in kleinen Schlucken. „Vielleicht tue ich dem Toten un- recht, wenn ich ihm unterstelle, er habe die Klingel ge- hört und mich kommen sehen?“ sagt er dann. „Vielleicht hat er das Gift genommen, als er nicht mehr glaubte, daß ich kommen würde, und das war genau der Augenblick meiner Ankunft? Er war so voller Zweifel.“ „Er ist gestern also bei Ihnen gewesen, Herr Pfarrer, nur um Sie für heute zu sich zu bitten?“ fragt Gallich. „O nein“, sagt Rinten. „Herr Lorras hat sich vor mir schwerster Verbrechen angeklagt. Er nannte sich einen kriminellen Mörder. Das waren seine Worte, die er im Beichtstuhl an mich richtete: Ich bin ein krimineller 178
  • Mörder, ein ganz gewöhnlicher krimineller Mörder.“ Rinten deutet mit zitternder Hand auf Lorras’ seltsame Willenserklärung, mit der er den Geistlichen seiner Schweigepflicht entbunden hat. „Nun darf ich ja darüber sprechen.“ „Nannte er Einzelheiten?“ fragt Lohm. „Anfangs stand ich unter dem Eindruck, einen Zyniker vor mir zu haben, der die Kirche schmähte, um mich als Priester zu demütigen. Ich fürchtete auch, der Mann könnte geistesgestört sein. Seine Reden waren allzu ver- worren. Aber als ich ihn an die Verantwortung des Men- schen dem Menschen gegenüber gemahnte, wurde seine Rede klarer. Daß diese Verantwortung Gott keinem ab- nehme, wisse er. Er leugne nicht, Menschen ermordet zu haben. Und er bezichtigte sich grausamer und heimtücki- scher Verbrechen.“ „Mehrerer?“ Rinten nickt. Doktor Helmissen entschuldigt sich für einen Moment, verläßt das Zimmer, und wieder rauscht Wasser in ein Spülbecken. „Welcher Verbrechen?“ fragt Lohm. „Er nannte sie nicht. Er sprach ganz summarisch von ihnen. Nur den Mord an einer gewissen Steffi Zinn er- wähnte er namentlich“, und Rinten berichtet, was Lorras ihm im Beichtstuhl gestanden hat. Als er davon spricht, daß Lorras die Steffi Zinn von früher her gekannt habe, beobachtet Gallich die Wirkung dieser Worte auf Lohm. Doch Lohms Gesicht bleibt unbewegt. „Und er sagte wörtlich, dieses eine Verbrechen möge genügen, es stehe für alle andern?“ fragt Lohm. „Das hat mich am meisten entsetzt“, sagt Rinten. „Ein Mensch, der die Opfer seiner Verbrechen vor sich selber dem Vergessen anheimgegeben hat. Ich schauderte.“ 179
  • „Konnten Sie seinen Reden entnehmen, wann etwa er diese andern Verbrechen verübt haben könnte?“ „Das konnte ich nicht. Es sei denn …“ Rinten überlegt und fährt dann zögernd fort: „Er fragte mich, ob ich je- mals jene verzweifelten Schreie vernommen hätte.“ „Was für Schreie?“ „Die Rufe, mit denen die Opfer nach einem Geistli- chen verlangten, bevor sie sterben mußten.“ „Ein Irrer“, sagt Gallich. „Seine Opfer?“ fragt Lohm. „Ich glaube, er meinte das mehr allgemein. Ich bin auch nicht sicher, ob ich alles genau im Gedächtnis be- halten habe. Seine lästerlichen Worte hatten mich sehr erzürnt. Auch fand ich keinen Sinn hinter manchem, was er sagte. Er schien mir hochgradig verstört, wie gespal- ten. Er leugnete Gott und wollte doch vor seinen Richter- stuhl treten. Nun ja, dort ist er ja nun wohl.“ Rinten rich- tet die Augen auf den Toten und murmelt: „Ob Golgatha noch immer nur eine Legende für dich ist?“ „Golgatha?“ „Ja, wo sie Christus ans Kreuz geschlagen haben.“ „Ich weiß“, sagt Lohm. „Was war damit?“ „Er wollte sich seit fünfundzwanzig Jahren dieses Namens nicht mehr erinnert haben.“ „Seit fünfundzwanzig Jahren?“ „Ja. Es gebe schlimmere Orte und bösere Namen. Das sagte er so, als sei der Tod Christi, damit verglichen …“ „Ja?“ Rinten schweigt. „Nannte er diese Orte?“ Rinten schüttelt den Kopf. Lohm zieht sich einen Stuhl heran. Das brüchige Rohrgeflecht knistert, als er sich setzt. 180
  • „Haben Sie Lorras so verstanden, Herr Pfarrer, als ha- be er seinen christlichen Glauben dadurch verloren, daß er diese Verbrechen beging, und als sei das vor fünfund- zwanzig Jahren geschehn?“ Rinten wiegt den Kopf. „Lorras war wohl nie ein gläu- biger Christ, und daß das Böse lange in ihm fortgewirkt hat, bezweifle ich nicht. Aber ich habe kein Recht zu ei- ner solchen Bezichtigung.“ „Zu welcher Bezichtigung, Herr Pfarrer?“ „Daß Lorras mit dem Tag seiner Abtrünnigkeit zum Verbrecher wurde.“ „Sie meinen also nicht, daß Lorras von den fünfund- zwanzig Jahren im Zusammenhang mit seinen andern Verbrechen sprach?“ „Ich weiß es einfach nicht“, sagt Rinten, „und Sie wol- len von mir doch nur hören, was ich wirklich weiß, nicht wahr, Herr Kommissar?“ „Selbstverständlich“, sagt Lohm. „Ist Ihnen sonst et- was an dem Mann aufgefallen?“ „Seine perfekte Ausdrucksweise, ich sagte es wohl schon.“ „Sie sagten es nicht, aber das ist nicht von Belang.“ Lohm wendet sich an den Abschnittsbevollmächtigten. „Was war Lorras eigentlich von Beruf?“ „Filmvorführer, Genosse Hauptmann“, antwortet Ger- both mit einem Zucken der Schultern, und Lohm bemerkt erneut, wie dessen Schulterstücke glänzen. „Die Papiere habe ich sichergestellt. Aber ich wußte es auch so.“ „Sie kennen Ihre Leute, wie, Genosse Meister?“ „Ist doch klar, Genosse Hauptmann“, sagt Gerboth und strahlt. „Außerdem gehe ich ab und an in unser altes Gloria, damit es nicht eines Tages geschlossen wird.“ „Warum sollte es geschlossen werden?“ 181
  • „Wegen Besuchermangels, Genosse Hauptmann“, antwortet Gerboth treuherzig. Lohm ist leicht konsterniert. Aber als er sieht, wie un- geniert Gallich grinst, zwingt er sich eine interessierte Miene auf. „Diesen Gesichtspunkt habe ich noch nie ins Auge gefaßt. Da werde ich wohl gelegentlich auch mal wieder ins Kino gehn.“ „Wenn man Glück hat, lohnt es sich sogar“, sagt Ger- both. Doktor Helmissen hat sich inzwischen in der Diele seinen Mantel angezogen. Er wirkt jetzt noch wuchtiger, eine Churchill-Statur mit einem De-Gaulle-Gesicht. An der Hand, mit der er die Bereitschaftstasche trägt, glitzert ein Brillant. „Ich muß mich leider empfehlen“, sagt er zu Lohm. „Ich werde noch gebraucht.“ Gallich murmelt: „Da sind Sie nicht der einzige.“ „Eine Patientin, blutjung, gerade achtzehn, perniziöse Anämie.“ Doktor Helmissen seufzt. „Sie bildet sich ein, es sei Leukämie. Ach, diese argwöhnische Jugend!“ Die Mundwinkel herabziehend, betrachtet er Rintens Hände, die wie ineinander verknotet anmuten. „Übrigens glaubt auch sie nicht an den lieben Gott. Lorras glaubte wenigs- tens seinem Arzt.“ „Und hat damit keine Berge versetzt, wie man sieht“, sagt Rinten mit einem Blick auf den Toten. „Der Zustand, in den er sich versetzt hat, hält wohl je- dem Vergleich stand“, entgegnet Doktor Helmissen mit wehmütigem Lächeln. „Es ist kein halbes Jahr her, daß ich ihm eine Operation angeraten habe, dringlichst. Es hätte für ihn die letzte Chance sein können trotz seines rapiden körperlichen Verfalls. Aber er wollte nicht. Nicht weil er das Risiko scheute oder meine Diagnose anzwei- felte. Im Gegenteil, er nannte mich einen Schönfärber, 182
  • als ich ihm noch rund hundert Tage gab, falls er sich zu einem Eingriff nicht entschloß. Ich glaube, er hat seine Krankheit gehandhabt wie ein Flagellant die Peitsche. Nach dem, was wir nun über ihn wissen, ist diese Deu- tung freilich nicht allzu schwer.“ „Ein Flagelwas?“ fragt Gallich. „Ein Flagellant ist ein von religiösem Wahn Befalle- ner, ein Geißler, der sich selber grausam züchtigt“, er- klärt Doktor Helmissen. „Diese Form tätiger Reue ist allerdings seit dem Mittelalter passe. Die Kirche hat das Flagellantentum wohl nie sonderlich geschätzt.“ Er lä- chelt ironisch. „Welche Hierarchie schätzt schon ihre Abweichler?“ „Lorras ein Flagellant“, sagt Rinten kopfschüttelnd. „Wie ein Flagellant“, betont Doktor Helmissen und wirft einen letzten Blick auf den Ohrensessel, dessen Lehne der abgezehrte Körper des Toten nur zur Hälfte verdeckt. „Als er sich umbrachte, hat er nichts andres getan, als die Peitsche aus der Hand gelegt. Er muß uner- trägliche Schmerzen ausgestanden haben.“ „Also war es nicht Reue“, sagt Rinten düster. „Reue?“ Doktor Helmissen zieht die Brauen hoch. „Es war Krebs. Sein ganzer Organismus war eine einzige Metastase.“ „Lebte Lorras allein?“ fragt Lohm. „In letzter Zeit wohl.“ Doktor Helmissens Blick schweift durchs Zimmer. „Es sah zwar nie viel anders hier aus, auch nicht, als seine Haushälterin noch lebte …“ „Ach, die ist tot?“ Doktor Helmissen lächelt. „Die hatte nun wirklich Leukämie, und daran ist sie auch gestorben. Lorras hat dann keine mehr genommen – oder bekommen. Bei sei- nem Gehalt konnte er sich ohnedies keine Sprünge leisten. 183
  • Er hatte immer Rentnerinnen, die ihm den Haushalt be- sorgten. Aber die machen’s auch nicht mehr für ein But- terbrot.“ „Demnach war er nicht verheiratet.“ „Nein, Genosse Hauptmann“, antwortet Gerboth so- fort, „verheiratet war Lorras nicht, sondern ledig.“ Um Doktor Helmissens schwungvolle Nase bildet sich ein Gespinst lebhafter Schmunzelfältchen. „Die Polizei weiß alles – und wie exakt, was, Herr Gerboth?“ „Nun ja“, sagt der Abschnittsbevollmächtigte mit ei- nem Seitenblick auf den Pfarrer, „alles ist ein dehnbarer Begriff, und allwissend ist keiner.“ Doktor Helmissen ist zu Fuß gekommen, da der Ro- senbuschweg mehr was für schwere Ackerschlepper sei. Wenn Pfarrer Rinten ihn bis zur Garage begleiten wolle, würde er ihn von dort aus gern bis zum Pfarramt mit- nehmen. „Sie können mit uns fahren, Herr Pfarrer“, sagt Lohm. „Unser Wagen ist zwar auch nur ein Auto, aber er steht vor der Tür!“ „Dann fahre ich ein andermal mit Ihnen, Doktor Hel- missen“, sagt Rinten. „Wenn der Herr Hauptmann so freundlich ist, mich ein Stück mitzunehmen … Der Weg zu Ihnen ist nicht weit, gewiß, aber für mich doch be- schwerlich.“ Rinten will sich erheben, kommt aber nicht vom Stuhl hoch, und Gerboth springt hinzu und stützt ihn. „Danke, Herr Gerboth“, sagt Rinten. „Falls die Herren hier noch etwas zu erledigen haben, warte ich gern. Aber ich setze mich lieber in die Diele.“ Doktor Helmissen verabschiedet sich von jedem mit Handschlag. Lohm gibt er einen Wink, ihm nach drau- ßen zu folgen. Sie gehen durch die Diele, die von einer 184
  • Hängelampe mit verblichenem Seidenschirm nur dürftig beleuchtet wird. Die Merkmale der bestürzenden Verrot- tung sind in dem schwachen Licht kaum wahrnehmbar. Es riecht nach Schwamm und Moder. Die in den Wänden stockende Nässe hat die Tapeten aufgeweicht und ihre Farben zu schmierigen Flecken ineinanderfließen lassen. Im Deckenputz klaffen Löcher, aus denen Strünke des Rohrgeflechts herabhängen. Lohm ist es, als bewege er sich über eine dünne Eisfläche, die unter jedem Tritt elas- tisch nachgibt. Die Dielenbretter sind fast durchgefault; der Glanz der Fäulnis haftet ihnen an wie Schleim. Auf der Treppe lehnt Doktor Helmissen sich an die Brüstung und atmet mehrmals tief ein und aus, als sei er froh, diesem Haus entronnen zu sein. Als sein Blick in den Kandelaber fällt, bemerkt er die Anhäufung toten Getiers, und ein Ausdruck von Ekel überschattet sein Gesicht. Lohm hört den Arzt murmeln: „Weiß Gott, ich kann’s den Frauen nicht verdenken.“ „Was, Herr Doktor?“ „Daß sie es bei ihm nicht ausgehalten haben.“ „Seine Haushälterinnen?“ Doktor Helmissen nickt. „Jede rannte ihm nach kurzer Zeit weg.“ „Und warum?“ „Ich denke, er hat sie zu sehr spüren lassen, wie er die Frauen haßte.“ „Lorras haßte die Frauen?“ „Mir ist nicht bekannt, daß er irgend etwas geliebt hat, es sei denn Kinder, ja, Kinder mochte er wohl ganz gern, auch wenn sie vor ihm ausrissen, besonders in der letzten Zeit, als er körperlich so rapide verfiel. Auf die Kleinen muß er ja wie aus einem Gespensterbuch gewirkt haben.“ 185
  • „War er anormal?“ „Wegen der Kinder? Nein.“ Doktor Helmissen schüttelt entschieden den Kopf. „Kinder könnten sein, wie sie woll- ten, schmutzig, verlogen, grausam, eins seien sie immer noch außerdem: unschuldig. Kinder seien unschuldig, und das unterscheide sie von den Erwachsenen.“ „Von den Erwachsenen oder den Frauen?“ „Wissen Sie, das liegt alles schon eine Weile zurück“, antwortet der Arzt, „und Lorras war recht redselig, wenn er mich konsultierte. Ihn jetzt wortgetreu zu zitieren …“ „Aber Sie sagten, er habe die Frauen gehaßt.“ „Das ja. Das weiß ich nicht nur von ihm selbst, ich hab’s an ihm beobachtet. Es sitzen ja auch immer Patien- tinnen mit im Wartezimmer, und was er da so von sich gab, hörte nachher zumindest meine Sprechstundenhil- fe.“ Doktor Helmissen streckt Lohm die Hand hin. „Viel- leicht ist das mit den Frauen ohne Bedeutung für Sie. Man liest nur immer wieder, wie wichtig mitunter der kleinste Hinweis sein kann. Davon habe ich mich leiten lassen.“ „Mit vollem Recht“, sagt Lohm. „Und sobald der Ob- duktionsbefund vorliegt … die Nummer, über die Sie uns im Präsidium erreichen können …“ „Die habe ich bereits von Herrn Gerboth“, sagt Doktor Helmissen, klopft an seine Brusttasche und setzt sich mit Schwung in Bewegung. „Noch eins, Herr Doktor.“ „Ja?“ Der Arzt bleibt unten an der Treppe stehen. Lohm steigt die Stufen zu ihm hinab. „Lorras hat sein Opfer von früher her gekannt.“ „Ach, ist ja interessant.“ „Das hat er dem Pfarrer im Beichtstuhl gesagt.“ „Aha.“ 186
  • „Wenn er, wie Sie meinen, das andre Geschlecht haß- te, halten Sie es für möglich, daß dieser Mord dann ein Racheakt war?“ „Am andern Geschlecht? Hm …“ „An der Zinn.“ Doktor Helmissen überlegt. „Ich weiß nicht, in wel- chen Beziehungen die beiden früher zueinander gestan- den haben. Einmal hat er mir etwas von einer großen Liebe erzählt. Die hat er wohl nie ganz verwunden; das Mädchen hatte einen andern geheiratet. Einen Namen hat er allerdings nicht genannt.“ Er sieht Lohm nachdenklich an. „Nun ja, wenn die Welt auch ein Dorf ist, der Gedan- ke wäre mir persönlich zu phantastisch, es sei denn …“, er zuckte mit den Schultern, „manche leben ja jahrzehn- telang in ein und derselben Stadt, ohne voneinander zu wissen, bis sie sich dann eines Tags unverhofft gegenü- berstehn. Aber so weit brauchen wir gar nicht zu gehn. Es wäre durchaus denkbar, daß Lorras sich nicht an, son- dern mittels dieser Frau, die er da ermordet hat, rächen wollte, an seiner einstigen Geliebten, am weiblichen Ge- schlecht, wer weiß?“ Noch einmal zuckt er mit den Schultern. „Möglich ist das schon, noch dazu bei so ei- nem Ver …“ „Ja?“ „Sagen wir mal … Sonderling.“ „Danke“, sagt Lohm. Er wartet noch ab, bis die wuch- tige Gestalt des Arztes in der finsteren Unwegsamkeit des Gartens untergetaucht ist; dann geht er zurück in die Diele, wo Kirche und Polizei sich in bestem Einverneh- men befinden – Rinten erzählt, und Gerboth hört andäch- tig zu. Aus dem Totenzimmer zucken die lautlosen Exp- losionen von Gallichs Elektronenblitz und geben der Szene eine besondre Würze. 187
  • „Nun glaube ich auch, daß Lorras nicht ganz klar im Kopfe war“, sagt Gerboth zu Lohm. „Herr Pfarrer Rinten hat mir eben geschildert, wie Lorras sich im Beichtstuhl benommen hat, ganz gegen den Brauch, Genosse Hauptmann. Er hat sich dem Pastor vorgestellt, Lorras mit L wie Ludwig.“ „Nicht Ludwig“, korrigiert Rinten mit leiser Stimme, „sondern Leibchen. Lorras mit L wie Leibchen.“ „Ach ja, wie Leibchen“, sagt Gerboth. „Sieh mal an“, sagt Lohm, „ein eignes Buchstabiersys- tem hatte er also auch.“ Und damit geht er über den Hinweis hinweg, den er der Plauderei Gerboths mit dem Pfarrer verdankt. Als sie nach einer Stunde gemeinsam das Haus verlassen, hat er ihn schon vergessen und ahnt nicht, was er damit verges- sen hat. Der Mörder Steffi Zinns hat sich selbst gerichtet. Man wird, soweit das möglich ist, sein Leben durchforschen; denn das Geheimnis um seine Verbrechen, das er mit in den Tod genommen hat, kann vielleicht gelüftet werden, wenn Licht ins Dunkel seiner Vergangenheit fällt. Doch wie weit liegt diese Vergangenheit zurück? Zehn, zwan- zig, dreißig oder eben genau fünfundzwanzig Jahre? Was war vor fünfundzwanzig Jahren? Da war noch Krieg und auch schon kein Krieg mehr. Warum hatte Lorras ausge- rechnet diese Zahl genannt? War er ein Pedant, oder hat er einfach abgerundet? Summa summarum fünfund- zwanzig Jahre, ein Vierteljahrhundert und fertig. Das prägt sich ein. Das ist eine Dimension, die macht was her. Und Lohm macht sie zu schaffen. Allein der Gedan- ke an diese enorme Zeitspanne, mögen es nun ein paar Jahre mehr oder weniger gewesen sein. Die Vorstellung solcher zeitlichen Ferne. Ein Vierteljahrhundert! Suche 188
  • darin eine Spur, einen Anhaltspunkt, vielleicht nur eine vage, längst verschüttete Erinnerung in einem Hirn, das du erst aufspüren mußt! Doch wo? Die Welt ist nicht zu- gänglicher geworden. Und wenn du den Zugang wirklich finden solltest und dein Pech es will, gibt’s dieses Hirn am Ende nicht mehr, schon lange nicht mehr. In einem Vierteljahrhundert erlöschen Millionen Erinnerungen, und die eine, die einzige, auf die es dir ankommt, kann darunter sein. „Nun ist der Fall Zinn also abgeschlossen, sozusagen im Selbstverfahren“, sagt Gallich mit dem leisen Re- spekt, den die Dinge uns einflößen, regeln sie sich wider alles Erwarten und ohne unser Dazutun. „Der schon“, sagt Lohm. „Daran denk’ ich auch die ganze Zeit – und gar nicht so gerne.“ Gallich legt den Arm auf die Rücklehne und blickt Rinten an, der neben Lohm im Fond sitzt. „Da ha- ben Sie’s leichter, Herr Pfarrer, nicht wahr? Sie lassen die Toten einfach ruhn. Glauben Sie mir, uns wäre auch wohler, wenn der Tod eine Grenze setzte, vor der wir haltmachen könnten. Aber der Tod macht die Menschen eben doch nicht einander gleich. Ein Mann wie Lorras ist kein Toter schlechthin.“ „Ich zweifle nicht daran, daß Sie eine schwere Pflicht zu erfüllen haben“, antwortet Rinten bedächtig, „auch wenn wir in der Auffassung über die Gleichheit aller im Tode nicht übereinstimmen.“ Als der Fahrer am Pfarramt hält, bedankt Lohm sich bei Rinten. „Wofür wollen Sie mir danken?“ sagt Rinten mit mü- dem Lächeln. „Dafür, daß Lorras es mir leicht gemacht hat?“ Er schüttelt den Kopf, hebelt am falschen Griff herum, und Lohm macht ihm die Tür auf. 189
  • „Danke“, sagt Rinten. Lohms Hand kraftlos drückend, murmelt er: „Ich wünsche Ihnen Erfolg, Herr Kommis- sar.“ Kaum ist der Pfarrer außer Hörweite, brummt Gallich: „Nun haben wir auch noch den Segen der Geistlichkeit. Wenn dieser fromme Wunsch in Gottes Ohr dringt, dann kommt vielleicht was auf uns zu, das kannst du mir als eingefleischtem Atheisten glauben.“ „Du hast bisher doch jeden Kelch geleert.“ „Aber noch keinen mit so viel Rost drum ’rum.“ „Ich auch nicht“, sagt Lohm. „Dann wollen wir mal schön hoffen, daß er an uns vorbeigeht.“ „Amen“, sagt Gallich. Als habe er eine Münze in einen Musikautomaten ge- steckt, brüllt in dem Moment die hochragende schwarze Silhouette St. Gabriels auf. Ein Schwall brausender Or- gelklänge wälzt sich über den Kirchplatz und spült die abendliche Stille hinweg. Sogar die Wagenscheibe, die nicht richtig schließt, klirrt rhythmisch mit. Lohm und Gallich tauschen einen Blick, und Gallich sagt: „Ich glaube ja an solchen Humbug nicht, aber Maxi ist einfach nicht auszureden, daß es so was wie Zeichen gibt. Würde die jetzt mit im Wagen sitzen …“ Lohm sagt nichts dazu. Was auch? Schon manchem ist eine Katze über den Weg gelaufen, und daraufhin ist et- was eingetreten, wovon keiner mit Sicherheit sagen konnte, es wäre ebenso geschehen, hätte die Katze sich verspätet. Bald sind sie der jubelnden Orgel entronnen. Lohm, in die Polster geschmiegt, lauscht dem Gebrumm des Mo- tors, das ihn schläfrig macht. „Da war doch gar kein Licht in der Kirche“, sagt der Fahrer, „und da setzt sich so einer hin und orgelt.“ 190
  • „Ja“, sagt Lohm, „da war kein Licht.“ Und er denkt: Warum auch? Warum soll einer nicht im Dunkeln spie- len? Es muß schön sein, seiner Sache so sicher zu sein, daß man kein Licht dazu braucht. „Kannst du dir vorstellen“, fragt Gallich zweifelnd, „daß die Zinn mit Lorras ins Wasser gestiegen ist, nackt,, mit diesem Wrack?“ „Es muß ja nicht so gewesen sein“, antwortet Lohm, der mit dieser Frage gerechnet hat. „Es kann ja ganz an- ders gewesen sein. Vielleicht hat er’s von einem Steg herab getan, vielleicht aus einem Ruderboot, und die Sa- chen, die kann er ihr nachher ausgezogen haben. Viel- leicht hat er sie ihr auch vom Leibe heruntergeschnitten? Er wird uns das bestimmt nicht mehr sagen.“ „Zufrieden klingt das gerade nicht“, stellt Gallich fest. „Zufrieden?“ Lohm blickt mit müden Augen in die Straße, die ihm wie ein finsterer Schacht vorkommt, ein Schacht ohne Ende, in den sie hineinrasen. Als ob wir abstürzten, denkt er und sagt: „Ich muß mich erst damit anfreunden, daß wir einen Mörder geschenkt bekommen haben. Mir wurde nichts im Leben geschenkt – und jetzt auf einmal ein Mörder.“ 191
  • 192
  • Zweiter Teil 193
  • ERSTES KAPITEL Lohm oder Die Unruhe des Menschen I Nicht nur Vera spürt, daß Lohm sich in letzter Zeit ver- ändert hat. Auch Gallich, der ja täglich mit ihm zu- sammen ist, fällt ein Wandel in seinem Gebaren auf. Ihre Schreibtische stehen einander gegenüber, so daß einer den andern stets vor sich hat, und wenn Lohm, was jetzt häufig geschieht, geistesabwesend ist, rätselt Gallich verstohlen im Gesicht des Freundes herum, das ihm immer so vertraut war und ihn nun fremd anmutet. Die Enden von einem halben Dutzend Bleistiften hat Lohm schon zerkaut, er, der nie einen Bleistift in den Mund genommen hätte. Wenn das Telefon läutet, zuckt er manchmal zusammen, und dann blickt er um sich, als wolle er sich vergewissern, daß Gallich und der Sekretärin entgangen ist, wie das Schrillen ihn aufge- schreckt, wie unsanft es ihn in sein Dienstzimmer zu- rückgerufen hat. Wenn das keine Anzeichen sind! Doch wofür? Zu viele Jahre arbeiten die beiden gemeinsam, bilden sie ein Gespann, als daß Gallich gleichgültig bleiben könnte angesichts des augenfälligen Schwunds von Lohms einstiger Forsche, seinem Unternehmungsgeist und Arbeitswillen. Lohm erscheint oft müde, unausge- ruht und verliert sich immer wieder in einen Ausdruck, als hadere er mit sich. Sogar in seiner Physis wird das sichtbar: Er trägt noch die Winterblässe mit sich herum, obwohl der sonnige, sommerlich warme März die Ge- sichter der meisten Leute schon braun getönt hat. 194
  • Die Frage, ob er Kummer habe, hat er zwar verneint, allein die Art, wie er das tat, so betont verwundert, als sei Gallichs Annahme grotesk, hat dessen Verdacht erhärtet: Da muß etwas sein, was Lohm bedrückt und worüber er nicht sprechen will. Der Gedanke an Vera liegt nahe. Es ist nicht nach jedermanns Geschmack, sich einem Dritten gegenüber zu offenbaren, hapert es plötzlich in der Ehe, und Lohm ist gerade in diesen Dingen sehr zurückhal- tend. Doch wenn einer etwas mit sich selber austragen will, müssen nicht unbedingt solche Gründe im Spiel sein. Gallich kennt Vera so gut, daß er es für unwahr- scheinlich hält, sie könnte Geschichten gemacht haben, und für Lohm legte er sogar die Hand ins Feuer; der war schon vor Veras Zeiten nie ein Nomade gewesen. Ein Ehekrieg, der andre Ursachen hat, aber kann einen Mann wie Lohm nicht dermaßen belasten, schon gar nicht über Wochen und Monate hinweg, und Veras Gesundheit kann es auch nicht sein, denn dann würde er sich nicht in Schweigen hüllen. Bliebe der Dienst, und da gerade ist alles in Ordnung – die Ermittlungen gegen Lorras hat der Chef zum Glück nicht ihnen aufgehalst, sonst würde Gal- lich einen Ansatzpunkt haben, denn der tote Lorras hat den Genossen, die das Geheimnis um ihn lüften sollen, noch keinen Hemdenzipfel preisgegeben, und das geht nun bald dreieinhalb Monate so –, seitdem Fall Zinn also haben Lohm und Gallich erfolgreich gearbeitet, und der Fall Zinn war ja letztlich auch kein Mißerfolg, wenn auch das Verdienst um seine Aufklärung nicht so eindeutig auf ihrem Konto zu Buche steht, wie es ihnen lieb gewesen wäre. Was also ist mit Lohm? Gallich, soviel er auch dar- über nachgedacht hat, weiß es nicht und kann nur hoffen, daß er die Antwort einmal von Lohm selbst bekommt. Er 195
  • ist übrigens nicht sonderlich scharf drauf; es würde ihm schon genügen, stürmte Lohm eines Morgens ins Zimmer wie eh und je und wäre wieder der alte. Dann würde er, Gallich, nicht mal danach fragen, was denn nun eigent- lich mit ihm gewesen sei. Vera weiß inzwischen, was ihrem Mann zu schaffen macht. Sie weiß es noch nicht lange. Lohm hat eine Wei- le gezögert, ehe er sich ihr anvertraute, und sie war etwas betreten, als sie hörte, warum er gezögert hatte: Er hatte es ihr schon einmal erzählen wollen, gleich den Morgen drauf, nachdem es ihm zum erstenmal passiert war. Er hatte der Sache selber keinen Wert beigemessen und da- von nur angefangen, weil man beim Frühstück über alles mögliche spricht, auch über kuriose Ausschweifungen der Phantasie; aber Vera, wohl noch vom abendlichen Streite satt, hatte ihn gebeten, ihr nicht schon am frühen Morgen mit solchem Zeug die Stimmung zu vergraulen. So hat Lohm fortan geschwiegen, und auch Vera hat eine Zeitlang herumrätseln müssen, was mit ihm wohl sei, denn ihr weibliches Gespür hatte ihr bald zugetragen, daß etwas mit ihm nicht stimmte. Das machte sich an- fangs kaum bemerkbar, zumal er sich nichts anmerken lassen wollte; aber gerade darauf reagierte Veras Sensibi- lität, und mit der Zeit wurde es ja auch deutlicher. Zuerst liefen Veras Vermutungen in die gleiche Rich- tung wie Gallichs, es könnte eine andre Frau dahinterste- cken. Das zu prüfen, hatte jedoch Vera in der Hand, und so wußte sie recht rasch, daß dieser Verdacht gegens- tandslos war. Wenn Lohm Vera liebte, war er unverän- dert, so wie immer, ja, bald war er nur noch so, wenn er sie liebte. Seine zunehmende Zerfahrenheit, sein häufiges geisti- ges Abwesendsein, seine Unruhe nachts und vor allem 196
  • die wiederkehrenden Rufe im Schlaf, die immer gleichen verzweifelten Zurufe: „Schau dich um, schau dich doch um!“, als wollte er, selbst in höchster Panik, einen Men- schen vor einer Gefahr warnen, gegen die er selber machtlos war – das konnte nichts damit zu tun haben, daß er sich in eine andre verliebt hatte. Womit aber hatte es zu tun? Vera wäre dahintergekommen, hätte sie sich des Gesprächs erinnert, das sie an jenem Morgen unter- bunden hatte; aber das lag Wochen zurück, und außer- dem hatte sie ihn ja nicht ausreden lassen, eine Unart, deren Folgen sie sich erst bewußt wurde, als er sich end- lich aus seiner Reserve herauslocken ließ. Auch das geschah bei einem Frühstück, einem aller- dings günstiger bedingten. Es war Sonntag, und das sonntägliche Frühstück ist bei den Lohms eher eine wei- hevolle Zeremonie als pure materialistische Wegzehrung für den Vormittag. Sonntag morgens – wie übrigens auch am arbeitsfreien Sonnabend – findet ein kleines Fest in der Zweizimmerwohnung im Plänterwald statt. Schon beim Aufstehen fragt Vera, in welchem Kleid sie ihm am besten gefalle, und da das ständig wechselt, denn an Vera und mit ihr liebt Lohm die Abwechslung sehr, beginnt der Spaß bereits, falls er sie in Grün verlangt, obwohl sie geschworen hätte, er würde sie sich angesichts des diesi- gen Himmels im helleren Gelb wünschen. Sie zieht dann immer an, wofür er sich entschieden hat. Er fragt sie al- lerdings nie, denn seine Auswahl hält mit ihrer bei wei- tem nicht Schritt. Aber das ist auch gar nicht notwendig; er würde ihr auch farbig genug sein, käme er im schwar- zen Turndreß an den Tisch statt im bügelfreien Sport- hemd, das er abends zuvor eigenhändig gewaschen hat, indem er es einige Male im Wasser schwenkte. Nach Ve- ras Ansicht ist beim Mann der Charakter die Hauptsache, 197
  • und ein ausgebildeter männlicher Charakter kann ohne weiteres auf kleidendes Beiwerk verzichten, während der Charakter einer Frau in seiner Entwicklung gehemmt werden könnte, fühlt sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Die Häute, in die Vera sich an den Wochenenden hüllt, wären freilich eine Augenweide für jeden Mann, nicht nur für Lohm, und da Lohm auch mit den Augen liebt, ist er in dem Punkte ganz ihrer Meinung. Am Wochenende ist er König bei seiner Frau und schon gar beim Frühstück; da darf er nicht mit Hand anlegen, ach, keinen Finger darf er da rühren. Da wird ihm vorgelegt und auf getan, und sollte etwas vergessen worden sein, vielleicht der Paprika für den Käse, dann wäre er unhöflich, wollte er ihn holen gehn. Vera allein fühlt sich zuständig für das Wohl ihres Mannes, und in diese Privatpflicht, die sie sich selbst auf- erlegt hat, ihr hineinzupfuschen, das wäre geradezu verlet- zend für sie. Sie geht und holt den Paprika. Bei jenem Frühstück nun, von dem hier die Rede sein soll, war Vera entschlossen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Sie hatte bei ihrem Mann schon einige Male auf den Busch geklopft, doch stets nur ausweichende Antworten bekommen; was denn, unpäßlich sei jeder mal, vielleicht habe er sich auch mit zu vollem Magen ins Bett gelegt, oder der Tee sei schuld gewesen, den er zu lange auf den Blättern habe stehenlassen, und deshalb sein unruhiger Schlaf. Mit solchen Ausflüchten wollte sie sich nicht mehr abspeisen lassen. Wie die letzte Nacht ihm wieder zugesetzt hatte, las sie deutlich in seinem müden, fahlen Gesicht. Nun war es genug. Nun wollte sie es wissen. „Gut geschlafen?“ fragte sie, als sie ihm den Kaffee einschenkte. „Doch, doch, danke.“ 198
  • „Das klingt aber nicht sehr überzeugend.“ „Ich habe wirklich nicht schlecht geschlafen.“ „Aha“, sagte sie, und Lohm sah sie an. „Gut geschla- fen hast du also nicht, sondern nur nicht schlecht.“ „Ist da ein Unterschied?“ „Ich denke schon. Ich habe miserabel geschlafen. Ich bin plötzlich wach geworden, und als ich auf die Uhr sah, war es eins; Ich konnte dann lange nicht einschlafen, weil du mich mehrmals gerufen hast.“ „Ich?“ sagte Lohm ungläubig. „Dich?“ „Wen sonst?“ Lohm tat verwundert, aber er sah dabei nicht glücklich aus. Nicht jeder ist ein so perfekter Schauspieler wie der Unterleutnant Schramm. „‚Schau dich doch um’, hast du gerufen, immer das- selbe, ich solle mich doch umschauen. Aber wie du das gerufen hast! Als drückte dir jemand die Kehle zu.“ „Warum hast du mich nicht geweckt?“ „Hab’ ich doch. Weißt du das denn nicht?“ „Nein.“ „Du hast dann lange wach gelegen und nicht mal ge- merkt, wie ich die Uhr vom Nachttisch nahm und drauf schaute. Da war es dann schon gegen drei.“ „Vielleicht“, sagte Lohm zögernd, „sollte ich mich für die nächste Zeit hier im Wohnzimmer einquartieren, auf der Couch, damit ich dich nicht mehr störe.“ „Du rechnest also damit, daß es so bleibt, jedenfalls in der nächsten Zeit. Hm, ich glaub’s fast auch.“ Vera sah ihn an. „Weil das in den Nächten schon eine ganze Weile so mit dir geht.“ „Das weißt du?“ sagte Lohm betroffen. „Ich liege schließlich neben dir, Lieber, und dazu bin ich auch noch eine Frau. Ich bin zwar keine Prinzessin 199
  • auf der Erbse, aber einen Schlaf wie ein Bär hab’ ich auch nicht.“ Lohm sagte schuldbewußt: „Ich hätte es dir längst sa- gen sollen, das heißt“, er runzelte die Stirn, „ich hab’ es dir schon einmal sagen wollen, damals, nach unserm Streit wegen Zinn und dieser Friedhofsgeschichte.“ „Und warum hast du nicht?“ „Weil …“ Er hielt inne, und dieses Innehalten ließ Ve- ra sich dunkel auf jenen Morgen besinnen, an dem sie ihm so unwirsch das Wort abgeschnitten hatte. Es war also ihre Schuld, daß er mit der Sprache nicht herausge- rückt war, und wenn er jetzt kleinlich dachte … Aber da hörte sie ihn sagen: „Weil ich annahm, es würde eben nur ein Traum gewesen sein wie jeder andre auch.“ „Und ist er das nicht?“ „Er kommt immer wieder.“ „Immer der gleiche?“ „Ja“, sagte Lohm. „Das ist es ja. Einer unterscheidet sich nicht vom andern, in nichts unterscheiden sie sich. Immer derselbe Hügel, derselbe See, aus dem sie herauf- steigt …“ „Wer?“ „Die Steffi Zinn. Und immer steigt er den Hügel herab.“ „Zinn?“ „Ja, er. Und dann treffen sie auf halber Höhe zusam- men, sie voller Lebensfreude, lachend und beschwingt, und er eiskalt, eisig. Und ich schweb’ drüber und sehe alles mit an, und wie er dann die Pistole zieht hinter ihrem Rücken, kann ich nicht ’runter, du weißt, wie’s einem manchmal im Traum ergeht, man müht sich verzweifelt ab und kommt keinen Zentimeter von der Stelle.“ „Wenn man verfolgt wird oder jemandem hinterher- rennen will. Ich stecke dann meist bis an die Knie in ei- 200
  • nem zähen Schlamm, der sich an mir festsaugt, je wilder ich mich bewege, desto fester.“ „Ich stecke nicht im Schlamm, ich fliege, mal höher, mal tiefer, wie ich will, mühelos. Aber wenn er die Pis- tole zieht, kann ich nicht mehr von der Stelle, da brauch’ ich nicht mal mit den Armen mehr zu rudern, ich komme einfach nicht ’runter, und da ruf ich ihr halt zu, sie solle sich umdrehn, damit er sie nicht erschießt. Aber sie hört mich nicht, und da erschießt er sie von hinten, mehrere Schüsse, alle in den Nacken. Und dann blutet sie, und wie das Blut über ihren weißen Rücken rinnt …“ „Hat sie denn nichts an?“ „Nein, nichts, sonst wäre es wahrscheinlich nicht so entsetzlich. Aber dieses fließende Rot auf dem weißen Rücken, und wie das Weiß immer mehr schwindet, wie sie dann umsinkt und stirbt, ganz rot … das, Vera, ist grauenhaft.“ „Schon wenn ich’s mir nur vorstelle“, sagte sie. „Aber wenn ich’s träumen müßte, immer und immer wieder … Ich glaub’, ich hielte das gar nicht aus.“ Sie blickte ihn an, zärtlich und voller Verständnis, und konnte ihm vom Gesicht ablesen, wie wohl ihre Worte ihm taten. Was hätte sie ihm auch sonst sagen sollen? Ich bin ja doch bei dir jede Nacht, du mußt nur daran denken, daß ich immer an deiner Seite liege? Das konnte ihm nichts geben, war er in seinen Träumen doch so allein und einsam, wie es ein Mensch nur sein kann. Jeder ist allein in seinen Träumen. Und mit ihnen. Daß er sich damit nun nicht mehr allein abschleppen mußte, daß er, sooft er wollte, künftig zu ihr davon sprechen konnte, war vielleicht mehr wert als jedes aufmunternde Wort. Sie konnte nur hoffen, daß es so sei, und sie wünschte es. 201
  • „Ich träume zwar nicht jede Nacht, aber mittlerweile habe ich Angst vor jeder Nacht, richtige Angst“, sagte er. „Diese Angst mag idiotisch sein, gewiß, und ich sage mir das auch ständig. Aber ich kann nichts gegen sie tun. So- bald es Abend wird, geht das los. Und das frißt an den Nerven.“ „Wir werden Urlaub machen, Herbert“, sagte sie. „Eine andre Umgebung, andre Menschen …“ „Und weißt du, was mich am meisten fertigmacht? Daß ich ihr nicht helfen kann, dieses Gefühl der absolu- ten Ohnmacht. So wie sie ausgeliefert ist, so bin auch ich’s. Sie wird umgebracht, und ich schaue zu. Ich bin verdammt dazu, Augenzeuge eines Verbrechens zu sein. Obwohl’s nur ein Traum ist, erlebe ich es. Ich erleb’s wie wirklich. Und wenn ich dann mit ansehen muß, wie Zinn davongeht, gemächlich, als gäbe es nichts auf der Welt, was er fürchten müßte …“ „Nachdem er seine Frau erschossen hat.“ „Ja, und ich kann ihm nicht hinterher, kann ihn nicht festhalten und wegschleifen, an den Haaren möchte ich ihn wegschleifen, diesen kaltblütigen Mörder, aber ich komme ja nicht vom Fleck, bin wie festgeleimt in der Luft. Und er steigt über den Hügel … Das ist für mich wie eine Bankrotterklärung.“ „Im Traum, Herbert“, sagte Vera. „Die Wirklichkeit ist anders. Das wißt ihr ja nun.“ Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Durch deinen Friedhofstest. Insofern war es also doch gut, daß ihr ihn gemacht habt.“ „Mag sein“, sagte Lohm. „Aber was nützt mir die Ge- wißheit, wenn sie mich vor diesem scheußlichen Traum nicht bewahrt! Lege ich mich schlafen, suggeriere ich mir: Zinn ist unschuldig, und seine Frau wurde ertränkt und nicht erschossen, schon ein Punkt, der den Widersinn 202
  • meines Traums beweist, und ihr Mörder, dieser Lorras, ist tot. Das hämmre ich mir in den Schädel, ehe ich ein- schlafe, und dann – dann steigt Zinn doch wieder über den Hügel …“ II In einem der Punkthäuser am Fischerkietz wohnt Rudolf Grisuttke, Doktor der Psychiatrie, in der vierzehnten Eta- ge. Das hat er Lohm am Telefon gesagt, Und als Lohm überrascht ausrief: „Mensch, da gedeihst du ja – umringt von lauter Prominenz!“, war der Hörer einige Sekunden lang von dröhnendem Lachen voll, und dann brüllte Gri- suttke: „Hoffentlich geh’ ich nicht an Überarbeitung ein, eh’ ich zum Gedeihen komme. Ich wohne ja erst vier Wo- chen hier, und da hat sich das noch nicht rumgesprochen.“ Grisuttke hatte vorher eine Altwohnung in Weißensee, einen dieser Vertikalpaläste, wie er es nannte, von Archi- tekten ersonnen, die in unbezähmbarem Drang nach Hö- herem gestrebt haben mußten, das sah man an der Über- betonung der dritten Dimension. Die Zimmer waren von verschwenderischer Geräumigkeit auf Kosten ihrer Län- ge und Breite, doch welcher Mensch wohnt in die Höhe? „Euer Wohnzimmer, aha“, stellte Lohm einmal bei ei- nem Besuch in Weißensee ahnungslos fest. „Unser Wohnkamin“, korrigierte Grisuttke, der damals noch passionierter Bergsteiger war. „Sechs Meter lang, dreieinhalb breit, aber fünfe hoch. So was nennt man ei- nen Kamin. Leni nennt’s zwar unsre Wohnklamm, aber ’ne Klamm ist der reinste Tanzsaal dagegen.“ Nun ist er also diesen Ärger los, der Rudolf Grisuttke, mit dem Lohm Anfang der fünfziger Jahre das Abitur gemacht hat an der ABF in Rostock, und sie haben nicht 203
  • nur gemeinsam gelernt und gebüffelt, sie haben auch manches unternommen, wovon sie immer wieder gerne reden, wenn sie sich mal sehn, nur leider sehen sie sich allzu selten. Dann aber werden die alten Geschichten durchgehechelt, der erste Ernst des Lebens, der immer eine Liebesaffäre ist, und die Liebesaffären, die dann schon nicht mehr so ernst genommen wurden, und selbstverständlich auch die nur-männlichen Unterneh- mungen, von denen Grisuttke immer noch schwärmt, denn er war ein gewaltiger Zecher und steckte stets bis über die Ohren in Schulden. Davon wird heute freilich nicht die Rede sein, denn Lohm wird nicht den Schulkameraden besuchen, sondern den Psychiater konsultieren, da es mit ihm so nicht wei- tergeht, das hat er inzwischen eingesehn, und außerdem wird Vera dabeisein. „Unfug, Klinik, wo liegt denn die!“ hat Grisuttke ins Telefon gebrüllt. „Du kommst ganz privat zu mir, ist doch klar. Du liegst doch direkt in meinem Schatten mit deinem Präsidium, und Vera bringst du mit, damit Leni auch was hat.“ Leni ist Lohm schon von Rostock her bekannt, wo Grisuttke sie eines Abends aufgegabelt hatte. „Von der Mole gerissen, Jungs, grad noch im letzten Augenblick. Schaut sie euch an, damit ihr seht, was so was für Folgen haben kann, manche nennen’s auch Liebe. Nicht mal ih- ren Namen kriegt sie über die Lippen, so fertig ist. sie mir der Welt. Kann man so ein armes Wurm wieder in die Nacht hinausjagen? Na also! Dann leg dich mal schön in meine Falle, Leni, und ich penne bei Herbert im Bett, der muß etwas an die Wand rücken.“ Grisuttkes mannhafte Tat hatte die Insassen des Zim- mers so beeindruckt, daß selbst das Mitglied der FDJ- 204
  • Leitung Arnofred Zickelmann sich schlafend stellte, um nicht einschreiten zu müssen, als die willenlose, unver- ständlich lallende und glasig blickende Konterbande na- mens Leni an Bord verfrachtet wurde, gleich wie sie war, in ihrem zerknitterten Kattunfähnchen, und als sie sich selber die Bettdecke über die Nase zog, atmeten alle auf; nachts erschütterten mitunter Kontrollen das Internat. Die Mole war freilich eine Schifferkneipe gewesen, wo Grisuttke, stand die schwarze Anna hinterm Tresen, mitunter noch einen auf Pump verlöten konnte, und daß er nicht an die Wirtin, sondern an Leni geriet, die mit einem Dutzend Koks im Leibe im hintersten Winkel ih- ren Liebesgram ausheulte, war einer jener unerforschli- chen Glücksumstände, die Grisuttke schon vor Schlim- merem bewahrt hatten. Denn Leni wurde seine Frau. Immer wenn Lohm Frau Grisuttke begegnet, will er nicht glauben, daß sie die Leni von Rostock sein soll, jenes unscheinbare, zerbrechliche Ding, das sie als le- bensmüde in ihre Obhut genommen hatten, um dann mit- ten in der Nacht feststellen zu müssen, daß sie nur voll- trunken war, zwar nicht aus unehrenhaftem Grunde, denn sie hatte sich in einen russischen Kapitän verliebt, und der hatte sie nicht mitnehmen können, obwohl er ledig war. Der Kapitän ist längst vergessen, Leni ist eine statt- liche Frau geworden von jener herben Schönheit, die im kühleren Norden reift, und hat eigentlich gar keine Sor- gen außer einem unterschwelligen Groll: Sie gilt als nicht berufstätig, obwohl sie einen Mann umsorgt und fünf Kinder dazu. Als Lohm mit Vera aus dem Lift steigt, steht sie schon in der Tür, freut sich über die Maiglöckchen und lobt mit neidloser Bewunderung und einem unterdrückten Seufzer Veras schmale Taille. Die Kinder sind im Bett, bei fünfen 205
  • muß es wie am Schnürchen gehn, sonst geht’s überhaupt nicht. Grisuttke, ausgesprochenes Schwergewicht, ein dicker Mann mit gedrungenem Körper und dreifach ge- knicktem Kinnsack, tritt in die Diele, als sie ablegen, vollbringt vor Vera eine galante Verbeugung und röhrt Lohm ins Gesicht: „Fein, daß du dich wieder mal meiner erinnert hast.“ Lohm dankt für den warmen Empfang mit saurer Miene; so gern ist er nun wieder auch nicht hier, ist er doch nicht zum Vergnügen gekommen. Die Wohnung muß besichtigt, der Ausblick genossen werden, der flimmernde Alex mit seiner am Himmel leuchtenden Krone, der Kuppel des Fernsehturms; wer hätte das gedacht, haha, wir können schon, wenn wir wollen, und schaut man aufs Wasser hinab, wird einem erst so recht bewußt, daß man vierzehn Stockwerke hoch steht über der Spree, die silbern heraufblinkt. „Gut?“ fragt Grisuttke. „Sehr gut“, sagt Lohm. „Den Architekten kann man zwar nicht absprechen, daß auch sie einen Drang nach Höherem haben, wenn auch auf andre Art, aber das nenne ich wenigstens räum- liche Ökonomie“, sagt Grisuttke, den Arm hochstre- ckend, mit dem er die Decke nicht erreicht, und Lohm pflichtet ihm bei, er könnte sie erreichen. „Nehmt euch, was ihr braucht“, sagt Grisuttke zu Leni. „Wenn ich ihm auf den Zahn gefühlt hab’, kommen wir zu euch ’rüber, und dann lassen wir einen Pfropfen knal- len.“ „Woher willst du wissen, ob wir beide nicht gleich damit anfangen?“ sagt Leni, und Grisuttke lacht. „Dein Zimmer?“ fragt Lohm. „Weiß noch nicht genau“, sagt Grisuttke. „Vielleicht verzieh’ ich mich doch noch ins kleinste und trete das an 206
  • die beiden Jungs ab. Die rebellieren nämlich, weil Hella hier ein eigenes Zimmer hat.“ „Hella muß doch bald achtzehn sein.“ „War sie längst. Stammt doch noch aus Rostock.“ „Ach ja, richtig“, sagt Lohm. „Manchmal fragt man sich, wo die Zeit nur hin ist.“ „Du“, sagt Grisuttke, „du fragst dich. Mach deiner Ve- ra Kinder, und du wirst es sehn. Sie ist doch wie geschaf- fen dazu.“ „Findest du?“ sagt Lohm, leicht konsterniert. „Na, und ob!“ brüllt Grisuttke. „Denk doch mal an Leni! Die war auch nur ’n Strich damals.“ Strich, denkt Lohm, Vera ist doch kein Strich, es sei denn für einen, der seine hundertzehn Kilo drauf hat wie du. „Was willst du trinken?“ fragt Grisuttke. „Kognak, Whisky, Genever oder ’n ganz profanes Exportpils.“ „Was hast du denn für Whisky?“ „Old Smuggler“, sagt Grisuttke und grinst. „Und falls der dich innerlich erschüttert, hab’ ich auch noch einen Falckner.“ „Dann gib mir doch von jedem einen“, sagt Lohm, „das ergibt vielleicht ’ne gute Koexistenz.“ Grisuttke starrt Lohm zuerst an, dann lacht er dröh- nend auf und brüllt: „Junge, du hast ja noch Ideen! Weißt du, was wir machen? Wir nehmen drei, von jedem einen, und den dritten gemixt, Dumbarton und Luckenwalde.“ „Und alle pur.“ „Das möchte sein!“ Lohm fühlt sich frei von allen Hemmungen, seit er mit Grisuttke allein ist, ja, er bedauert sogar, daß Vera nicht eher auf den Gedanken kam, er solle sich doch seinem Schulfreund anvertrauen, wenn er schon nicht 207
  • einen Polizeiarzt konsultieren wolle. Nun hat er es also getan, nicht ohne Überwindung immerhin, und jetzt wundert er sich bereits, daß ihn dieser Gang zu Grisuttke Überwindung gekostet hat, selbst der Druck auf den Liftknopf ging ihm nicht leicht von der Hand. Und nun sitzt er hier in dem hochlehnigen weichen Drehsessel mit einer Selbstverständlichkeit, als wenn’s weiter nichts wäre, und schaut Grisuttke an, wie der den Bar- wagen mit den klimpernden Flaschen und Gläsern her- anschiebt und die reichhaltige Bestückung um den Old Smuggler und den Falckner erleichtert, wie er die Glä- ser füllt und an seinen beiden riecht, mit der Duftprü- fung offensichtlich zufrieden, und wie er je ein drittes Glas auf den Tisch stellt und mit viel Spaß an der Sache die Koexistenz zusammenmischt, maßgerecht am Auge, von keiner Marke einen Tropfen zuviel. Und fast will es Lohm scheinen, als betreibe der Arzt damit bereits eine Art Therapie, Beruhigungstherapie, sollte es das geben; denn Lohm ist nicht nur ruhig, es verlangt ihn jetzt schon danach, zum Thema zu kommen, und eine gewis- se Neugier ist in ihm erwacht auf das Resultat dieser etwas hemdsärmeligen Konsultation. Solange der Old Smuggler im Glase schimmert, dauert Lohms Bericht. Als sie beim Falckner sind, weiß Grisutt- ke Bescheid und mustert, schwer im Sessel liegend, den Freund eine ganze Weile. Das macht Lohm etwas nervös. „Wann ging denn das los mit diesen Träumen?“ fragt Grisuttke dann. „In der Nacht nach dem Begräbnis.“ „Als ihr diesen ulkigen Test gemacht hattet.“ „Ulkig? Nun ja …“ „Auf den hin du dir einbildetest, dieser Zinn könne es nicht gewesen sein.“ 208
  • „Was heißt, ich bildete es mir ein?“ sagt Lohm. „Zinn wußte ja nicht, daß Schramm nur ein Strohmann war. Für ihn stand Schramm bei uns in Verdacht. Wäre Zinn der Täter gewesen, hätte er Schramm nicht festgehalten. An den Fingern seiner Hand konnte er sich ausrechnen, daß wir dessen Unschuld bald festgestellt hätten, und dann wäre der Verdacht womöglich noch stärker auf ihn gefal- len. Also hätte er ihn entkommen lassen. Er mußte es sogar, und den Umständen nach hätte das bei uns nicht mal Argwohn erregt, immer aus seiner Sicht gesehn, ver- steht sich. Der Sturm, der Sand in der Luft, man konnte ja auf zehn Schritte kaum noch was erkennen. Das war doch eine einmalige Gelegenheit für ihn, den Verdacht für immer von sich zu wälzen. Wenn Schramm entwisch- te, nahm er den Verdacht mit, und nur ein Risiko wäre Zinn dabei eingegangen: daß wir Schramm irgendwann einmal aufspürten. Aber das konnte ebensogut nicht ge- schehen.“ „Das leuchtet alles ein“, sagt Grisuttke und richtet sei- ne Augen auf Lohm. „Es sei denn, dieser Zinn ist schlau- er, als es die Polizei erlaubt, und hat, warum nicht, die Finte durchschaut.“ „Nach menschlichem Ermessen ist das unmöglich“, sagt Lohm entschieden. „Was ist menschliches Ermessen“, sagt Grisuttke mit leiser Geringschätzung. „Das ist eine ebenso nebulöse Sache wie der gesunde Menschenverstand. Es gibt ins- tinktive Reaktionen, bei denen die Ratio seelenruhig schläft. Außerdem könnte er deinen Unterleutnant ge- kannt haben, ihr Kriminalisten lebt ja nicht im luftleeren Raum.“ „Ausgeschlossen. Schramm kommt aus Zittau, er ist erst eine Woche vor dem Begräbnis zu uns versetzt worden und 209
  • macht Eigentumsdelikte. Ich habe mir schon den richti- gen Mann ausgesucht.“ „Wohl dem, der seiner so sicher ist“, sagt Grisuttke und prostet Lohm zu. „Zigarette?“ „Gern.“ Grisuttke greift in ein Fach des Barwagens und häuft ein paar Schachteln auf den Tisch, darunter eine grün- weiße mit arabischen Schriftzeichen und einem stilisier- ten Motorschiff als Vignette. „Suez“, liest Lohm. „Probier mal, rein Virginia. Gibt’s leider nicht in Berlin.“ „Warst wohl in Kairo, wie?“ „Nicht ganz so weit“, sagt Grisuttke schmunzelnd und hält Lohm die Schachtel hin, „nur in Friedrichroda.“ Grisuttke steckt sich eine Zigarre an, dem Aussehen nach eine Havanna. Im Nu umhüllt ihn eine Wolke blau- en Rauchs. „Und der Traum kehrte dann ständig wieder?“ „Eben nicht. Ich träumte ihn in jener Nacht und dann nicht mehr, bis wir auf diesen Lorras gestoßen waren und mit ihm auf den Mörder der Zinn. Das war kurz vor Weihnachten, etwa anderthalb Monate nach dem Be- gräbnis. Von da ab ging es dann los“, Lohm lächelt sau- er, „man könnte sagen kontinuierlich.“ „Hm, das ist ja ’n Ding“, murmelt Grisuttke. „Seitdem du nun mit Sicherheit weißt, viel sicherer als durch dei- nen Test, daß Zinn nicht der Mörder ist, träumst du, er erschießt seine Frau. Du hattest es erst einmal geträumt, damals glaubtest du auch, Gewißheit zu haben. Dann war eine Zeitlang nichts, aber als du endlich den Beweis hat- test, kam der Traum wieder, und diesmal in Permanenz. Jetzt haben wir Mai, das sind runde fünf Monate.“ 210
  • „Es macht mich fertig“, sagt Lohm. „Ich kann tun, was ich will, nichts hilft. Ich hab’ schon eine Flasche Wodka ausgetrunken, um schlafen zu können. Da habe ich geschlafen, aber ich kann doch nicht jeden Abend eine Flasche Wodka trinken, wo führt denn das hin! In letzter Zeit nehme ich Schlafmittel; da bin ich dann den nächsten Tag wie gerädert, und inzwischen träume ich trotzdem wieder. Wahrscheinlich hab’ ich mich an das Zeug gewöhnt. Glaub mir, Rudi, ich hätte dich nicht behelligt, wenn ich … Und es ist ja auch wegen Vera. Ich merke doch, wie sie drunter leidet. Ich baue ja regel- recht ab.“ Er streift die Asche von der Zigarette und spürt Grisuttkes Blick auf seiner Hand, die plötzlich zittert. „Und dann dieser Widersinn! Wenn er sie schon ertränken würde, na schön, ich habe ihn anfangs ver- dächtigt und das könnte sich im Unterbewußtsein einge- nistet haben. Aber er erschießt sie!“ „Wie lebst du eigentlich mit Vera?“ fragt Grisuttke, völlig zusammenhanglos, wie es Lohm scheinen will, und der blickt den Freund verdutzt an. „Wie ich mit Vera lebe?“ „Ja“, sagt Grisuttke. „Ihr seid doch noch nicht lange verheiratet.“ „Zwei Jahre.“ „Und bist du, wie man so sagt, glücklich mit ihr?“ Gri- suttke, als er Lohms wachsendes Erstaunen wahrnimmt, fügt rasch hinzu: „Ich meine, bist du mir ihr zufrieden, klappt alles?“ Nun begreift Lohm. Aber ehe er antworten kann, ruft Grisuttke: „Mein Gott, wie steht’s bei euch, auf deutsch gesagt, mit dem Sex?“ „Was hat denn das damit zu tun?“ sagt Lohm. Grisuttke lächelt hinter einer dicken Rauchwolke. 211
  • „Wenn du zu Hansbacher gegangen wärst … den kennst du doch, Professor Hansbacher.“ „Dem Namen nach.“ „Also wenn du zu dem gegangen wärst“, fährt Grisutt- ke fort, „hätte der dir, wie ich ihn kenne, anhand dieses Traumes sexuelle Komplexe nachgewiesen. Als ihr die ertrunkene Zinn fandet, war sie nackt, nicht wahr, und notwendigerweise hast du sie dir genau angeschaut.“ Lohm nickt. „Die Steffi Zinn, die dir im Traum begegnet, ist eben- falls nackt und wird erschossen, von wem ist erst mal gleichgültig, sondern womit. Mit einer Pistole, aha, da hätten wir’s schon! Woran erinnert dich eine Pistole, ent- fernt natürlich, entfernt, aber woran erinnert sie dich in der Form? – Siehst du, das wär’ doch ein gefundenes Fressen für einen wie Hansbacher, der von seinem Freud nicht loskommt.“ Grisuttke rekelt sich behaglich in seinem Sessel, schwenkt sich dabei genußvoll hin und her, soweit es ihm die ausgestreckten Beine gestatten, und mustert Lohm abwartend. „So ein Unsinn!“ sagt der entrüstet. „Bei einem sol- chen Anblick vergehn dir jegliche Assoziationen. Hast du schon mal eine Wasserleiche gesehn?“ „Unsinn würde ich es trotzdem nicht nennen“, ent- gegnet Grisuttke, „obwohl ich einer solchen Deutung nicht das Wort rede. Mir überwiegt dabei das spekula- tive Moment zu sehr zuungunsten der wissenschaftli- chen Belegbarkeit. Das soll nicht heißen, daß ich den Hansbacher insgesamt ablehne. Solange es Bezirke gibt, von denen wir nicht viel mehr wissen als vom Mars, ist das mit der Wissenschaftlichkeit so eine Sa- che, und insofern …“ 212
  • „Du denkst doch nicht im Ernst …“, fällt Lohm dem Freunde ins Wort. „Nun bleib mal hübsch auf dem Teppich“, sagt Gri- suttke. „Ob nun Hansbacher recht hätte, was ich bezweif- le, oder nicht, abgesehn davon, daß ich ja nicht für ihn diagnostizieren kann, also gar nicht erwiesen ist, ob er wirklich so … verstehst du … das alles soll uns jetzt mal gar nicht interessieren. Du hast diesen Traum, und den willst du loswerden. Und wahrscheinlich hast du ihn, weil du mit der Lösung des Falles Zinn im Innersten un- zufrieden bist, ohne daß du dir dessen bewußt wirst.“ „Woraus schließt du das?“ „Aus deinem Durchrasseln beim Abitur. Dein Direktor prophezeit dir ja sogar, du werdest nicht mal ein durch- schnittlicher Kriminalist werden. Na, bitte.“ „Ist das nicht auch sehr spekulativ?“ Grisuttke lächelt. „Solche Schulträume, mein Lieber, sind nicht selten, und die meisten sind nachweislich auf mangelnde Erfolgserlebnisse im späteren Leben zurück- zuführen.“ „Aber der Fall Zinn ist für mich gelöst!“ sagt Lohm. „Der Mörder hieß Lorras, und Lorras ist tot. Zinn ist für mich heute eine integre Person wie jeder beliebige andre auch, wie du oder Vera oder ich selber.“ „Im Bewußtsein, ja“, sagt Grisuttke. „Aber einmal hast du ihn verdächtigt, und das sitzt in dir drin, du weißt es nur nicht. Und in diesen Träumen tritt es wieder in dein Bewußtsein. Oder hattest du nie einen Verdacht ge- gen Zinn?“ „Doch“, sagt Lohm, „anfangs schon, eigentlich bis zu diesem Test beim Begräbnis.“ „Und warum hast du ihn verdächtigt? Weil er der Ehemann war? So ganz routinemäßig?“ 213
  • „Das auch. Aber da war noch mehr. Diese scheue Zu- rückgezogenheit der beiden, für die es im Grunde keine stichhaltige Erklärung gab – die Ratten allein, die genüg- ten mir nicht. Und dann der Streit, angeblich der erste nach fünfundzwanzigjähriger Ehe, bei dem’s um nichts gegangen sein soll. Das ergab so gar kein Bild. Zwei Leute, die in bestem Einvernehmen leben, und plötzlich ein Zerwürfnis mit solchen Folgen, und das aus heiterm Himmel und um eine Lappalie? Das schmeckte mir nicht. Ich vermutete mehr dahinter als nichts, als nur eine nerv- liche Explosion. Tja, und nicht zuletzt sein Alibi, bilder- buchsauber, sag’ ich dir, wie gedrechselt … Da wird ein Kriminalist nun mal stutzig.“ „Und fängt zu träumen an.“ Grisuttke nickt. „Fängt an zu träumen, als er sich gewaltsam davon lösen muß, weil die Tatsachen ihn widerlegt haben.“ Er sieht Lohm voll an. „Du bist damit noch lange nicht fertig, mein Junge, du hast es nur verdrängt.“ „Was kann man dagegen tun?“ fragt Lohm. Grisuttkes Augen, hinter dicken Wülsten fast verbor- gen, ruhen forschend auf Lohm. Der liest in ihnen, daß der Freund ihm ansieht, wieviel er sich von der Antwort erhofft, und er hat das Gefühl, als sei Grisuttke gar nicht glücklich über das naive Vertrauen, das er ihm entgegen- bringt. Wenn Grisuttke jetzt sagte: „Was stellst du dir bloß unter einem Arzt vor, mein Gott, einen Alleswisser, einen Zauberkünstler?“, es würde Lohm nicht überra- schen. Aber Grisuttke sagt vorerst nichts. Grisuttke hüllt sich in Schweigen. Ohne den Blick von Lohm zu wenden, greift er nach der Flasche, gerät an den Falckner, gießt die Gläser voll und trinkt, wobei er wohlig aufseufzt: „Ah, so’n Whisky ist doch was Feines!“ 214
  • „Was soll ich tun?“ sagt Lohm. „Seit ich Vera davon erzählt hab’, kniet sie mir auf der Seele, wir sollten Ur- laub machen, sofort, irgendwohin, nur möglichst weit weg, Bulgarien oder so. Sie meint …“ „Urlaub ist immer gut“, sagt Grisuttke mit wehmüti- gem Lächeln, „aber Ländergrenzen schützen vor Träu- men nicht. Den nimmst du garantiert mit in deinem Rei- segepäck, und dann ist dir der ganze Urlaub vermasselt. In die Ferien kannst du gehn, wenn du wieder vernünftig schläfst.“ Nun greift auch Lohm zum Glas. Daß Grisuttke ihm mit solcher Entschiedenheit den Urlaub ausreden würde, von dem Vera sich geradezu Wunder verspricht und an den er inzwischen auch schon Hoffnungen knüpfte, das hätte er nicht gedacht. Das klingt ja gerade so, als wisse Grisuttke sehr genau, wie in seinem Falle zu verfahren sei! „Noch einen?“ fragt Grisuttke. „Danke.“ „Du bleibst schön hier, mein Lieber“, sagt Grisuttke bestimmt, „und wenn du einmal Zeit hast und deine Vera einen Abend auf dich verzichten kann, stattest du diesem Zinn einen Besuch ab.“ Lohm runzelt die Brauen, aber Grisuttke fährt unbeirrt fort: „Ganz zivil, verstehst du, nicht als Kriminalist, son- dern als Mensch, als Mitmensch, Guten Tag, Herr Zinn, wir hatten ja mal, Sie wissen ja, und da wollte ich mal, da ich zufällig in Ihrer Nähe war … So ganz auf die men- schenfreundliche Tour.“ „Und wozu das?“ „Besser noch, du lädst ihn ein, wenn’s sich machen läßt. Zum Glück gibt’s noch ein paar Kneipen in Berlin, und beim Bier lernt man sich am besten kennen.“ „Ich soll ihn kennenlernen?“ 215
  • „Vielleicht gelingt’s dir sogar, dich mit ihm auf ein neues Treffen zu verabreden, und dann setzt ihr euch wieder zusammen.“ Grisuttke steckt seine erloschene Zigarre in Brand, und wie er sie ansaugt, sagt er zwi- schen den einzelnen Zügen: „Ja, du – sollst – ihn – ken- nenlernen. Du mußt – ihn – kennenlernen.“ Er wedelt die Streichholzflamme aus und wirft den verkohlten Rest in den Aschenbecher. „Sonst bleibt er für dich der Mörder seiner Frau. Du weißt zwar, daß er es nicht ist, aber du mußt es nicht nur wissen, es muß dir unbewußt bewußt werden, daß dieser Zinn eine integre Person ist, wie du sagst, eine harmlose Erscheinung, ein Durchschnitts- mensch wie viele andre auch. Und das erreichst du nur, wenn du ihn näher kennst.“ „Und du meinst, daß ich sie auf diese Weise los wer- de, die verdammten Träume?“ fragt Lohm zweifelnd. „Ich hoffe es“, sagt Grisuttke und stemmt sich ächzend aus dem Sessel. „Wir werden ja sehn. Ende der Konsulta- tion! Komm, mein Lieber, jetzt gehn wir ’rüber zu unsern Weibern und trinken mit ihnen ’ne Flasche Sekt.“ Er beugt sich zu Lohm herab, der sitzen geblieben ist, und legt ihm den Arm um die Schulter. „Los, du Patient, du Geheimnisträumer, ich will endlich wissen, ob deine Ve- ra mit sich flirten läßt.“ III Zinn hebt erstaunt die Brauen, als er Lohm vor der Tür stehen sieht, und Lohm hat das peinliche Gefühl, daß den starr auf ihn gerichteten Augen nicht entgeht, wie unan- genehm dieser Besuch ihm ist. Zum erstenmal bemerkt er eine zupackende Schärfe in Zinns Blick, die gleichsam unter die Haut dringt. 216
  • „Guten Tag, Herr Zinn“, sagt er, und Zinn erwidert den Gruß und bittet ihn einzutreten, wobei er die Tür freigibt. Lohm, noch in der Diele, begründet sein Kommen, wie Grisuttke es ihm geraten hat, obwohl er weiß, daß eine noch so einleuchtende, unverfängliche Begründung den letzten Argwohn doch nicht behebt, kommt sie von einem Kriminalisten. Aber Zinn zeigt sich dankbar und ist des Lobes voll über eine solche Anteilnahme der Poli- zei, diesen über das Dienstliche weit hinausreichenden menschlichen Zug, nun ja, man lebe schließlich nicht in einem Lande, wo der eine des andern Wolf sei. Es ist sommerlich heiß an diesem leuchtenden Mai- abend, selbst hinter den dicken Mauern des alten Hauses, und im Zimmer, das Lohm schon kennt, dreht sich leise surrend ein Ventilator. Zinn will sich eine Jacke über- streifen, aber da fragt Lohm, ehe er sich setzt, ob er seine ebenfalls ausziehen dürfe, und Zinn meint, er möge es sich nur bequem machen, allerdings sitze er nicht gern einem Gast im Hemd gegenüber, er finde das unschick- lich. Dagegen erhebt Lohm höflich Protest, seinetwegen nicht und so unter Männern und noch dazu bei diesen Temperaturen, da schwitze man in einer Jacke ja wie eine Frau im Korsett. In Zinns Gesicht tritt ein wehmütiger Ausdruck. Das schon, räumt er ein, aber gerade seine Steffi habe immer Wert auf tadellose Umgangsformen gelegt, und das habe auf ihn abgefärbt in den vielen Jah- ren. Steffi habe nichts so sehr mißfallen wie Hemdsärme- ligkeit, egal in welcher Form; aber nun sei sie ja nicht mehr, leider, leider, und diesen kleinen Verstoß gegen die guten Sitten werde sie ihm hoffentlich verzeihen. Lohm hat aber den Eindruck, als glaube Zinn nicht recht an Steffis Nachsicht; er scheint sich unbehaglich zu fühlen 217
  • so im Sporthemd mit den weiten Ärmeln, die bis auf die Ellenbogen herabreichen und weiße unbehaarte Arme sehen lassen, scheint sich zu fühlen, als sei er überall nackt. Dieser Eindruck verwischt sich jedoch, je mehr das Gespräch sich einpendelt. Als Zinn von seiner Einsamkeit spricht, ergeht er sich im gleichen Ton, mit der er seinen Verstoß gegen die guten Sitten bei Steffi entschuldigt hat, und mehr als einmal wird Lohm peinlich berührt von seiner Sentimen- talität, der etwas Theatralisches anhaftet. Doch er hört zu, wenn auch mit Widerstreben; er verbirgt es hinter einer aufmerksamen, mitfühlenden Miene. Denn er darf Zinn nicht unterbrechen, ihn auf ein anderes Thema lenken, so rasch darf er es nicht, ist er doch nur eben so vorbeige- kommen, weil er zufällig in der Nähe war und sich ge- sagt hat, du könntest mal schauen, wie es Herrn Zinn geht. Und mit halbem Ohr hinhören kann er auch nicht; ein Kriminalist hört immer hin, es könnte ja ein einziges Wort wichtig sein, und obgleich er von Zinn nichts Wichtiges erwartet, verebbt kein Laut ungehört, das ist ihm nun mal so in Fleisch und Blut übergegangen. Dann aber wird er doch abgelenkt, ein Gedanke lenkt ihn ab, der ihn wie ein helles Erschrecken durchzuckt: Das ist ja der Mann, der immer über den Hügel steigt! Und er mustert sein Gegenüber, das dickliche Unterge- sicht, wie auseinandergetrieben von dem breiten, weiner- lichen Mund, die zu schmale obere Hälfte, fast ausgefüllt von den umschatteten tiefen Augenhöhlen, ein sich nach oben hin verjüngendes Gesicht mit schlaffen Wangen, aber glatter Stirn, auf die ein Leuchten des schlohweißen Haares fällt, des nun wieder gepflegten. Und für diesen Moment hat er sich nicht in der Gewalt. verrät sein Blick Interesse, ja Neugier, und ehe er sich 218
  • dessen bewußt wird, hat Zinn die feine Regung schon wahrgenommen, so genau behält er Lohm im Auge. Die Physiognomie eines Menschen, was sagt sie über die Taten aus, zu denen der Mensch fähig sein könnte? Nichts sagt sie darüber aus und für einen Kriminalisten erst recht nichts. Lohm weiß das sehr wohl, nicht nur, weil er es gelernt hat; die Erfahrungen vieler Jahre haben ihm das bestätigt. Und dennoch kommt er, er weiß selbst nicht wie, zu dem Schluß: Nein, das ist der Mann nicht, der über den Hügel steigt; der da ist es nicht. Der da aber fragt soeben verwundert, ob der Genosse Hauptmann etwa nicht dieser Meinung sei. Was antworten? Lohm können nicht mehr als ein, zwei Sätze entgangen sein; aber gerade auf die scheint Zinn Wert gelegt zu haben, oder hat er ihm was ange- merkt? „Mir ging soeben durch den Kopf“, sagt Lohm und gibt sich dabei recht nachdenklich, „ob der Verlust eines Menschen nicht den besonders schmerzlich trifft, dessen Erinnerung sich immer wieder neu entzünden muß, weil ihn so vieles umgibt, was ihn mit der gemeinsamen Ver- gangenheit verbindet und an sich schon nichts Alltägli- ches ist. Wenn ich nur Ihre schönen alten Möbel betrach- te“, und nun betrachtet Lohm sie, „die ich ja schon da- mals bewundert habe, als ich das erste Mal bei Ihnen war … Sich von ihnen zu trennen würde wahrscheinlich bedeuten, auf Erinnerungen zu verzichten, die einen bei aller Trauer doch irgendwie versöhnen. Für Sie hat jedes Stück sicher seinen besonderen Wert, allein dadurch, daß Sie es mit Ihrer Frau erworben haben. Ich weiß es nicht, ich denk’ es mir nur so.“ Schauderhaft, dieses Pathos, sagt er sich, und mir war Zinns Sentimentalität zuviel! Doch Zinn scheint dafür 219
  • eine Antenne zu haben; der Wortebandwurm hat sich ihm offensichtlich leichtfüßig ins Ohr geschlängelt. „Ja, unsre Möbel“, sagt er, und nun erfährt Lohm manches, was er noch nicht weiß, über den Louis-seize- Stil und das friderizianische Rokoko, über Chippendale und das Zinn besonders liegende Empire, das in seiner Sammlung, wie er ehrlich und mit Bedauern zugibt, nur eine Imitation ist, die einzige allerdings. Sonst ist alles echt, einschließlich der entzückenden Tischuhr, die zwar etwas martialisch anmutet, kein Wunder, napoleonische Epoche, und eben auch die Uhrenfabrikation habe sich auf den Geschmack des großen Imperators eingestellt, wer wolle es ihr verdenken, aber ein kleines Kunstwerk sei trotzdem entstanden, und wenn Steffi noch lebte, würde sie ihm viel mehr Wissenswertes darüber mittei- len, als er, Zinn, es könne, denn Kunstgeschichte sei ihr Steckenpferd gewesen, um nicht das undeutsche Wort Hobby zu gebrauchen, diesen nichtssagenden ärgerlichen Amerikanismus, den leider auch hierzulande viele kritik- los übernommen haben. „Ihre Gattin hatte also Kunstgeschichte studiert?“ „Nun ja, wie man’s nimmt“, sagt Zinn, als wolle er der toten Steffi zuliebe nicht näher darauf eingehen. Auch scheint ihm jetzt erst aufzufallen, daß er seinem Besucher nichts angeboten hat, und sich selber mit einem Kopf- schütteln tadelnd, klappt er die silberne Zigarettendose auf und erhebt sich und holt aus einem zierlichen Schrank eine Flasche ungarischen Weinbrand und zwei Schwenker, die er daumenbreit füllt. „Haben Sie sich denn gut in Berlin eingelebt?“ fragt Lohm, als sie miteinander anstoßen. „In Berlin?“ Zinn blickt verdutzt über den Glasrand. „Ich wohne seit fünfundvierzig hier.“ 220
  • „Das weiß ich“, sagt Lohm. „Aber mancher Ostpreuße denkt doch noch dann und wann an sein liebes Ostpreu- ßen zurück.“ „Ach, so meinen Sie das?“ Zinn versteht und verneint; nein, die Heimat sei ihm manches schuldig geblieben, und des Lebens habe er sich erst so recht in Berlin freuen können. „Ginge mir wahrscheinlich auch so, wär’ ich in meiner Heimat als Waisenkind aufgewachsen“, sagt Lohm und setzt den Schwenker vorsichtig auf den Tisch. „Wie war es denn damals so mit der Berufsausbildung? Ein Lehr- ling konnte seinen Lebensunterhalt ja nicht selber bestreiten, und wenn einer elternlos war … Der staatli- chen Fürsorge für Waisenkinder werden Sie vermutlich kein Loblied singen.“ „Sie wissen ja allerlei“, stellt Zinn fest; er hat an sei- nem Glase nur genippt. „Eine Ermittlung hat das nun mal im Gefolge“, sagt Lohm. „Außerdem weiß ich nicht mehr, als Sie auf dem Revier angegeben haben, damals, bei der Vermißtenan- zeige.“ „Ach, auf dem Revier waren Sie also auch“, sagt Zinn und lächelt versonnen. „Ein sympathischer Mensch die- ser Polizeileutnant. Wie hieß er doch gleich?“ „Meister Handtke“, sagt Lohm. „Ja, bei dem war ich auch.“ „Stimmt, Handtke.“ Zinn schüttelt über sich selber den Kopf. „Wie ich bloß immer wieder auf Leutnant kom- me?“ „Das geht vielen so. Früher liefen die Leutnants mit glatten Schulterstücken herum, und wem sich das mal eingeprägt hat …“ „Aber ich war nie Soldat!“ 221
  • „Na, ab und zu werden Sie einen Leutnant doch ge- sehn haben, damals.“ „Das schon. Allstetten war ja Garnison.“ „Warum waren Sie eigentlich nicht Soldat, Herr Zinn?“ „Danach wurde ich schon häufig gefragt“, antwortet Zinn, „und mit Recht. Ein junger Mann, bei Kriegsbe- ginn gerade dreiundzwanzig, also im besten Alter, und daß ich tauglich war, sieht man mir wohl heute noch an. Aber“, ein dankbares Lächeln huscht über seine Lippen, „da war Herr von Solmsdorff, der mich aus dem Waisen- haus auf sein Rittergut holte, so um dreißig herum, ich war gerade von der Volksschule ’runter, hatte übrigens glänzende Zensuren, was bei Herrn von Solmsdorff den Ausschlag gegeben haben mag“, er seufzt, „eigne Kinder waren ihm leider versagt geblieben.“ „Aber adoptiert hat er Sie doch wohl nicht, der adlige Herr“, sagt Lohm mit vorsichtigem Spott. „Wo denken Sie hin?“ Zinn lacht leise. „Der Adel adoptiert keine Findelkinder. Nebbich. Nein, Herr von Solmsdorff …“ „Sie hätten ja auch Jude sein können, nicht wahr?“ sagt Lohm in Zinns Worte hinein. Zinns Augen wirken wie geronnen. „Jude?“ „Ich meine nur, weil Sie doch ein Findelkind waren, und bei denen ist die Herkunft meist ein großes Fragezei- chen.“ „Ach, deshalb.“ In Zinns Augen kehrt das Leben zu- rück; er, lacht sogar, wenn auch etwas blechern. „Ich dachte schon … nein, jüdisch sehe ich weiß Gott nicht aus.“ „Zugegeben“, sagt Lohm, „es sei denn, Sie waren frü- her schwarz.“ Der Zinn, der über den Hügel steigt, ist ebenfalls schwarz. 222
  • „Sie sind mir ja einer“, sagt Zinn mit einem Augen- blinzeln, und es fehlte bloß, daß er Lohm verschmitzt mit dem Finger droht; aber Lohm will es scheinen, als fühle Zinn gar nicht so, wie er sich gibt. „Warum wollen Sie mich unbedingt zum Juden machen?“ „Na, jetzt nehmen Sie’s wenigstens nicht mehr so tra- gisch“, antwortet Lohm lächelnd. „Es war nur eine Frage, und die lag auf der Hand. Der Herr Rittergutsbesitzer hatte Sie also zu sich genommen, und deshalb mußten Sie nicht in den Krieg.“ „So einfach war das nun wieder nicht. Wie ich meine Ausbildung Herrn von Solmsdorff zu verdanken habe, so hatte ich ihm auch meine Freistellung vom Wehrdienst zu danken. Aber der alte Herr mußte seinen ganzen Einfluß geltend machen, um meine uk-Stellung auf die Dauer durchzusetzen, und damit sah’s zeitweise gar nicht rosig aus.“ „Dann müssen Sie ja in einem kriegswichtigen Betrieb gearbeitet haben.“ „Und ob er kriegswichtig war!“ Zinn freut sich im nachhinein noch, und Lohm würde es nicht verblüffen, riebe er sich die Hände. „Wir brannten Schnaps für die kämpfende Truppe. Herr von Solmsdorff betrieb auf sei- nem Gut eine Weinbrand- und Likörfabrik, ein durchaus nicht kleines Unternehmen, und ich war zuletzt sein Brennmeister. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen meinen Meisterbrief, das einzige Stück übrigens, das ich aus je- ner Zeit herübergerettet habe.“ Lohm nickt. Warum soll er sich nicht Zinns Meister- brief anschauen, wo er doch eigens gekommen ist, mit dem Manne etwas näher vertraut zu werden, und dem kann die Ansicht eines Diploms nur förderlich sein. An so einem alten Dokument kann sich mancher Gedanke 223
  • entzünden, der dem Gespräch neue Akzente aufsetzt, und Zinn, der ja keineswegs zugeknöpft ist, soll überdies sei- ne Freude haben. Wer weist nicht gern seine Zeugnisse vor, machen sie ihm Ehre. Und ein Meisterbrief ist mehr als ein Zeugnis schlechthin, ist das Zeugnis der Zeugnis- se gewissermaßen, ein urkundlich beglaubigtes Ruhmes- blatt voll gewichtiger Siegel und Unterschriften, in Gold- schnitt möglichst die Schnörkel und Verzierungen und die allegorischen Bilder, beim Brennmeister vermutlich ein Destilliermonstrum, von Schnapsflaschen umkränzt. Gerade Zinn scheint ein Mann zu sein, dem der Besitz eines solchen Zertifikats die Brust schwellt. Vielleicht macht ihn der Umstand, daß er sich vor Lohm als Meister ausweisen kann, noch gesprächiger. Lohm hofft’s jeden- falls, und deshalb nickt er; der Brief selbst ist ihm schnuppe. Und Zinn erhebt sich, geht zur Wand, in die er einen Schlüssel steckt, durch ein unauffälliges Löchlein in die Tapete hinein, und es öffnet sich eine Safetür im Buch- deckelformat, und hätte Zinn nicht den Arm gehoben, denn der Safe ist in Kopfhöhe in die Wand eingelassen, oder wäre er an die Vitrine getreten, Lohm hätte viel- leicht gar nicht hingeschaut. Nun aber schaut er hin, und da sieht er, wie der Ärmel von Zinns Sporthemd rutscht, als Zinn in den Safe langt und nicht gleich findet, was er sucht, und wie der Ärmel ein Stück Oberarm freigibt, die Innenseite, über die sich wie dicke Raupen Narben schlängeln, fleischfarbene Narben um einen zentimeter- tiefen Krater seitlich des Bizeps. Zinn, wohl völlig einge- taucht in die Freude, mit Brief und Siegel Zeugnis able- gen zu können von einstiger Leistungsfähigkeit und Könnerschaft, die ihn sogar vor rohem Soldatendienst gerettet hat, hat das Herabrutschen des Ärmels, das an 224
  • seinem Arm ja eigentlich ein Hochrutschen war, nicht bemerkt; das hat er nun davon, daß er sich diese Synthe- tics leisten kann aus dem hauchfeinen, gewichtslosen Material. „Da ist er“, sagt er zu Lohm, als zeige er ihm einen Schatz, und bettet den Meisterbrief auf den Tisch. Der muß auch wahrlich behutsam angefaßt werden, so viel hat er schon durchgemacht; durch die Faltkniffe sickert Licht von unten, als Lohm ihn etwas anhebt, um Interes- se zu bekunden, und wo sich Risse gebildet haben, halten durchsichtige Klebestreifen die Teile zusammen. Aber immerhin hat das Papier dreißig Jahre auf dem Buckel, und die Flecken da und dort müssen nicht unbedingt Schmutzflecken sein, muten sie auch wie draufgesabbert an, sie können ebenso von natürlicher Vergilbung herrüh- ren. Das ist auch nicht entscheidend; entscheidend ist, daß dem Carl August Zinn inmitten der verblichenen Pracht amtlich bescheinigt wird, er habe die Prüfung als Brennmeister abgelegt und mit der Note „gut“ bestanden; das „gut“ liest sich wie ein Trompetenstoß. „Man möchte gar nicht glauben, daß der Ihnen ge- hört“, sagt Lohm mit gewinnendem Lächeln, „wenn’s nicht schwarz auf weiß dastünde.“ „Wieso nicht mir?“ sagt Zinn, es macht ihm Mühe. Lohm läßt den Blick durchs Zimmer schweifen. „Bei Ihnen ist alles so ordentlich, so gepflegt. Da vermutet man ein so einmaliges Stück gerahmt an der Wand. Aber den kann man ja wohl schlecht an die Wand hängen.“ „Ich habe ihn von Ostpreußen mitgebracht, fünfund- vierzig, im Treck übers gefrorne Haff“, sagt Zinn, als hacke er jedes Wort mit einem Messer ab. „Zusammen- gefaltet in der Gesäßtasche, und als wir mit der Fuhre einbrachen, das Eis hielt solcher Belastung nicht stand … 225
  • Hunderte, Tausende Fahrzeuge, was meinen Sie, was da los war.“ Lohm gibt sich den Anschein, als versuche er sich das vorzustellen. „Da können Sie ja von Glück reden, daß Sie nicht ertrunken sind.“ Er lächelt Zinn versöhnlich zu. „Und da kommt so einer, der nichts mitgemacht hat, und mokiert sich über paar Knitter und Wasserflecke! Tut mir leid, Herr Zinn, so war’s nicht gemeint. Ich bin eben manchmal ein bißchen direkt, meine Frau bemängelt das auch immer.“ Er schaut auf die Uhr und macht sich Vor- würfe, daß er Zinn schon viel zu lange aufgehalten habe. „Na, Ihr Glas werden Sie doch wenigstens noch aus- trinken“, sagt Zinn. „Oder wird die Gattin ungeduldig zu Haus?“ „Ich hoffe nicht“, sagt Lohm und trinkt den Rest. „Sie haben schon recht“, philosophiert Zinn unterdes- sen, „ich bin sehr ordnungsliebend. Jedes Ding an seinem Platz. Das war stets meine Devise im Leben. Pünktlich, zuverlässig und rechtschaffen muß ein Mann vor allem sein. Und sauber! Sauber von Gesinnung und an sich selbst. Auch eine Frucht der Solmsdorffschen Schule, wenn ich mal so sagen darf. Ohne diese meine Einstel- lung wäre meine Rattenzucht wohl nicht so tipptopp, Sie haben sie ja besichtigt.“ Zinn wartet auf Antwort, und Lohm tut ihm den Gefal- len. „Neben den Buchten könnte man in Ruhe ein Beef- steak verzehren.“ Zinn lacht geschmeichelt, wehrt jedoch ab: Ratten, mögen sie auch noch so hygienisch gehalten werden, bleiben ekelhafte Tiere, selbst die in einen weißen Lammpelz gehüllten, und er lacht noch einmal wie über einen Witz. „Aber was nützt der beste Wille“, fügt er, als Lohm nun aufsteht; hinzu, „wenn die Zeiten nicht 226
  • danach sind, und der Krieg hat mehr verunstaltet als einen Meisterbrief.“ „Ach, Herr Zinn“, sagt Lohm begütigend. „Ja, ja, ich meine ja nur“, sagt Zinn vor dem Safe und betastet seine Frisur, als könne deren tadelloser Sitz gelit- ten haben, „an der Wand wäre er mir auch lieber, in ver- goldetem Rahmen, hinter Glas …“ „Dafür sind Sie mit heiler Haut davongekommen“, sagt Lohm und fühlt sich versucht, dem Rattenzüchter auf die Schulter zu klopfen, besinnt sich aber noch recht- zeitig. „Wie viele haben damals was abgekriegt, und die waren nicht mal Soldat, genau wie Sie.“ „Es war trotzdem nicht leicht“, sagt Zinn, während sie in die Diele treten, „allein der Treck, auf dem Steffi mir beinahe ertrunken wäre …“ Lohm, plötzlich am Arm gepackt und zurückgehalten, blickt in wißbegierige Augen. „Haben Sie eigentlich et- was über die Vergangenheit des Mörders herausbekom- men, über diesen – diesen …“ „Lorras. Den Fall bearbeite ich nicht.“ Lohm bleibt völlig gelassen. Gleichmütig, was er durch ein Gähnen noch unterstreicht, fragt er, was dessen Vergangenheit mit dem Mord zu tun haben soll. „Mit dem Mord nicht“, sagt Zinn. „Aber als Sie mich damals ins Leichenschauhaus holten und wissen woll- ten, ob ich den Mann kenne, da haben Sie durchblicken lassen …“ „Ja?“ „Na, so genau erinnere ich mich nun auch wieder nicht“, sagt Zinn fast unwirsch. „War ja auch albern von mir, da- nach zu fragen. Den Lorras bestraft doch keiner mehr.“ „Nein“, sagt Lohm und reicht Zinn die Hand, „Tote kann keiner bestrafen, nicht mal mit dem Tode.“ 227
  • Und als er die Treppe herabgestiegen und schon aus dem Haus ist, eingehüllt in die prallheiße Glut des Tages, die, eingesogen von den Mauern, nun von ihnen in die Straße gespien wird, als brenne die Sonne noch aus dem Zenit herab, hat er immer noch Zinns wißbegierigen Blick vor Augen und dessen Frage nach der Vergangen- heit des Lorras im Ohr. Aber das ist nicht alles. Er hat viel mehr vor Augen und im Ohr, und vor allem sieht er etwas ganz scharf umrissen, so deutlich, daß er es malen könnte. IV Da Lohm nicht mit dem Dienstwagen bei Zinn war, denn er war ja in einer Privatsache dort, kommt er im Dunkeln nach Hause. Das Abendbrot steht schon auf dem Tisch, aber Vera kann nicht warten, bis sie einander gegenüber- sitzen. Sie ist ja so gespannt, also los, erzähl schon, wie hat er dich empfangen, und wie war’s überhaupt bei Zinn. Sie lehnt in der Badezimmertür und bombardiert ihn mit Fragen, während er sich Gesicht und Arme ab- seift und, statt zu antworten, prustet und schnauft; es macht ihm offenbar Vergnügen, sie auf die Folter zu spannen. Dann, als er sich abtrocknet, wobei er ihre Neu- gier belächelt, sagt er endlich, und ihr kommt’s wie die blanke Schadenfreude vor: „Was soll gewesen sein? Er hat mir von seiner Frau erzählt und von seinen Möbeln und daß er von Beruf Brennmeister ist; ach ja, einen Schnaps hat er mir auch angeboten, und gar nicht mal einen schlechten.“ „Und deshalb bist du so aufgekratzt“, stellt Vera fest. „Ich aufgekratzt?“ Lohm lacht. „Tu nicht so scheinheilig!“ 228
  • Lohm lacht noch lauter, und dabei fällt ihm auf, wie leicht ihm das Lachen aus dem Halse kommt. „Schuft, du verheimlichst mir was“, sagt Vera und versperrt ihm die Tür. „Schau mir in die Augen!“ Aber Lohm packt sie, hebt sie hoch und trägt sie un- term Arm ins Zimmer. Und nun weiß Vera mit Sicher- heit, daß ihr Mann irgendwo einen Glückspfennig gefun- den hat, nur muß er den nicht unbedingt bei Zinn gefun- den haben, der Tag begann für ihn ja schon um acht. Aber sie dringt nicht weiter in ihn, nicht jetzt. Auch sie hat es nicht gern, geht ihr jemand mit seiner Fragerei auf die Nerven. Immerhin weiß sie, daß ihre Neugier heute noch befriedigt wird; sie weiß sogar genau, wo und wann. Soll er nur erst mal essen. Aber auch hernach im Bett kriegt Vera nichts aus ihm heraus, und so gibt sie es schließlich auf. „Entweder ist das ein ganz dicker Hund“, flüstert sie in seinen Armen, „oder ich verkenne dich neuerdings, mein Süßer.“ Lohm lächelt und schweigt. Am nächsten Tag verdreht Schwester Zilli ihre him- melblauen Augen, als der riesige Schatten, der hinter der gläsernen Stationstür auf sie zuwächst, sich als Haupt- mann Lohm erweist. Schwester Zilli scheint eine Vorlie- be für hochgewachsene Männer zu haben, und da sie klein ist, wenn auch fast ebenso rund, ist das verständ- lich. Sie besinnt sich sofort, obwohl ein halbes Jahr ver- gangen ist seit Lohms Besuch in der Klinik, und zwit- schert mit kessem Augenaufschlag: „Aber, Herr Haupt- mann, wie könnte ein Mädchen, das auf sich hält, Sie vergessen?“ Lohm ist froh, daß niemand in der Nähe ist, denn seine Schlagfertigkeit läßt ihn im Stich. Unter dem lächelnden 229
  • Blick der himmelblauen Augen bringt er dann doch noch einen Satz zustande: „Ich komme nicht zum Vergnügen, Sie Unschuldslamm.“ Es ist Abendbrotzeit, und Schwester Zilli hat eigent- lich alle Hände voll zu tun, aber dem Hauptmann widmet sie gern ein paar Minuten. Selbstverständlich war Zinn eine viel zu farblose Erscheinung für sie, als daß sie sich an ihn erinnern könnte. Lohm wartet mit Einzelheiten auf, es hilft nichts. Solche Männer haften Schwester Zilli nicht mal als Gesamterscheinung im Gedächtnis, ge- schweige denn in Einzelheiten. Da fallen Lohm Zinns weiße Haare ein, und nun wetterleuchtet es in den him- melblauen Augen. „Ach, den meinen Sie, unsern kleinen Peter van Eyck!“ „So klein ist Herr Zinn ja nun wieder nicht.“ „Na, doch höchstens eins achtzig“, sagt Schwester Zil- li geringschätzig. „Aber Haare hat der wie der Bimbo in Lohn der Angst.“ „Nur eben keine Bürste“, sagt Lohm und fragt lieber gleich nach Doktor Grach; Schwester Zilli mag ein liebes Mädel sein, aber ihr Augenmerk ist zu offensichtlich auf Dinge gerichtet, mit denen Lohm nichts anfangen kann. Der Stationsarzt kommt soeben den Korridor herunter; er ist in Eile. „Wenn es nicht lange dauert“, sagt er mit einem Blick auf die Uhr. „Vielleicht nur eine Minute.“ „Na, ein bißchen mehr Zeit habe ich schon für Sie. Schwester, führen Sie Herrn Lohm doch in mein Zim- mer, der Schlüssel steckt. Ich komme gleich nach.“ „Wichtigtuer!“ sagt Schwester Zilli, als sie neben Lohm einhertrippelt. „Bei dem hat unsereins keinen Na- men. Na, der ist für mich Neutrum!“ 230
  • Lohm muß eine Weile warten, zu Schwester Zillis Be- dauern ohne sie, da sie bei der Abendbrotausgabe ge- braucht wird; ihm ist das nur lieb so. Während an der Glastür die Essenwagen vorbeischeppern, überlegt er, ob er dem Arzt etwas von dem Verdacht sagen soll, der ihn seit vierundzwanzig Stunden bewegt. Aber es ist ein so vager, ja abenteuerlicher Verdacht, daß er beschließt, ihn für sich zu behalten. Auch ist es besser, Doktor Grach ist unvoreingenommen, und übrigens muß er ihn ja erst einmal hören. Was er dann zu hören bekommt, überrascht ihn, nicht weil er damit nicht gerechnet hätte, im Gegenteil, es be- stärkt ihn sogar in seinem Verdacht; aber es überrascht ihn Doktor Grachs Erinnerungsvermögen, die Deutlich- keit, in der er Zinn vor Augen hat. „Mein Gedächtnis läßt mich selten im Stich“, sagt der Arzt. „Und dann war Herr Zinn ja nicht irgendein Patient für mich. Sie hatten Erkundigungen über ihn eingeholt, und Sie sind Kriminalist. Zinn war zu dem Zeitpunkt zwar schon entlassen, aber ich habe doch überlegt, was ihn der Polizei interessant gemacht haben könnte.“ Dok- tor Grach lächelt und fährt dann fort: „Sie hatten mir ja nichts gesagt, und das regt die Phantasie nun mal an. Ich bin damals zu dem Schluß gekommen, Zinn sei doch ei- gentlich recht sonderbar gewesen, beileibe kein Sonder- ling, aber ein Mensch, der sich am wohlsten fühlte, war er mit sich allein. Das ist freilich nichts Ungewöhnliches, deshalb auch der häufige Wunsch nach einem Einzel- zimmer, nur war es bei diesem Patienten besonders au- genfällig; mit seinen Bettnachbarn hat er in den acht Ta- gen keine drei Sätze gewechselt. Mancher läßt sich nicht gern berühren, aber Zinn, das fiel mir nachher ein, woll- te sich nicht mal anschauen lassen. Sie hätten mal sehn 231
  • sollen, wie er sich angestellt hat, als ich diese Armverlet- zung entdeckte! Ich machte noch meinen Scherz, was denn das für ein Künstler gewesen sei, der ihm so ’ne Rosette in den Arm geschnitzt habe.“ Wieder lächelt Doktor Grach. „Die alte Rivalität zwischen uns Internis- ten und den Chirurgen, da rutscht einem doch mal eine unpassende Bemerkung über die Lippen. Es war durch- aus nicht gegen ihn gerichtet und alles scherzhaft selbst- verständlich, nur so en passant. Aber er wurde gleich hef- tig. Ein Granatsplitter frage nicht danach, wie das ausse- he, was er hinterläßt, und ich solle es meiner Jugend dan- ken, daß ich nichts habe mitmachen müssen.“ „Eine Kriegsverletzung also“, sagt Lohm. „Vermutlich“, sagt Doktor Grach. Lohm horcht auf. „Wieso? Zweifeln Sie daran?“ „Nein“, antwortet der Arzt mit dem immerwährenden Lächeln, „aber da im Frieden nicht mit Granaten ge- schossen wird, bis jetzt jedenfalls nicht, muß es wohl eine Kriegsverletzung sein. Außerdem hat Herr Zinn es mir selbst gesagt. Warum sollte ich daran zweifeln?“ „Das sollen Sie nicht, Doktor“, sagt Lohm und denkt: Wo zuerst gar nichts war, ist plötzlich ein Weg, auf dem man vorankommen kann. Doch wo führt der hin? V In den folgenden Tagen gibt Lohm seiner Frau mehr Rätsel auf als jemals vorher. Zwar hat er ihr gesagt, er werde in nächster Zeit häufig erst später nach Hause kommen und sie solle mit dem Abendbrot nicht auf ihn warten; aber daß dieses „später“ sich bald bis in die Nachtstunden ausdehnt und aus dem „häufig“, das eine Frau in diesem Zusammenhang ohnehin nicht gern hört, 232
  • eine monotone Regelmäßigkeit wird, das geht Vera denn doch zu weit. Auch hält er es offenbar nicht für nötig, ihr zu erklären, wo er diese Abende und halben Nächte zu- bringt. „Dienstlich“, hat er gesagt, lachhaft, was heißt schon „dienstlich“! Als ob das auf eine aufgeklärte Frau auch nur die mindeste Wirkung haben könnte, noch dazu, wenn der eigne Mann es ihr hinwirft wie einen abgenag- ten Knochen einem Hund! „Dienstlich“, das wird von so vielen Männern hinaustrompetet, gestöhnt, geklagt, ge- ächzt, daß ganze Städte davon widerhallen müßten. „Dienstlich“ ist die gebräuchlichste, gängigste und dabei abgenutzteste Legitimation für alles mögliche Unerlaub- te, andernfalls ist es belegbar. Also, zum Kuckuck, bele- ge jetzt gefälligst, wo du dich die Nächte durch herum- treibst, dieses alberne „dienstlich“ zieht bei mir nicht mehr, ich will endlich wissen, was dahintersteckt! Mit einem solchen Ausbruch hat Lohm gerechnet, er kennt seine Vera und weiß, daß Geduld nicht die stärkste ihrer Tugenden ist. Nicht gerechnet hat er damit, daß er nach drei Wochen immer noch „dienstlich“ unterwegs sein würde, er hat geglaubt, es werde schneller gehn, wenn überhaupt, daß muß hinzugefügt werden, denn ei- nes Erfolgs sicher war er sich nicht, und das ist er auch nach diesen drei anstrengenden Wochen nicht. Doch des- halb aufgeben? Nein. Er wird morgen wieder später heimkommen, nicht ganz so spät wie heute, gewiß, man muß schließlich guten Willen zeigen, dann kann man übermorgen dafür ein Stündchen dranhängen, vielleicht auch zwei, hat Veras Groll sich etwas gelegt, und daran wird er festhalten, selbst wenn’s noch einmal drei Wo- chen, selbst wenn’s dreimal drei Wochen dauern sollte, unbeirrbar, dem Zweifel in der eigenen Brust, Veras Argwohn und dem Rätselraten seiner engsten Mitarbeiter 233
  • zum Trotz, bis er es hinter sich hat, und dann endlich wird er wissen, ob er einem Hirngespinst nachgejagt ist oder einem Stück fataler Wirklichkeit, das sich aus dem Licht rücken konnte. So läßt er Veras Standpauke über sich ergehen, ruhig, er hat ja schon viel früher damit gerechnet, also trifft die- ser Blitz aus gewitterschwangerem Himmel nicht. Dabei hütet er sich vor jeder Geste und Gebärde, die sie noch mehr reizen könnte; seine stoische Ruhe hat ihren Zorn schon genug angekocht. Er lächelt auch nicht, denn ein Lächeln kann wie eine Lunte wirken. Einmal wird sie schon aufhören. Und als sie ihm genug an den Kopf ge- worfen hat, auch ein paar Unterstellungen erster Güte, die bei so was wohl nicht fehlen dürfen, hört sie wirklich auf, er faßt es kaum, so abrupt herrscht plötzlich Stille. Das ging ja noch mal glimpflich ab. „Vera, Verotschka“, sagt er nun und nimmt sie, die heftig widerstrebt, beim Kopf, „mir geht’s diesmal so wie dir, wenn du an einem Artikel schreibst. Da darf ich dir auch nicht über die Schulter gucken. Du gibst ihn mir zu lesen, wenn er fertig ist. Ich gebe dir meinen auch erst, wenn ich ihn fertig habe. Ich weiß nämlich nicht, ob er mir gelingt.“ „Das wißt ihr vorher nie“, sagt sie, die Augen von ihm weggedreht. „Diesmal ist es anders“, sagt er. „Da bin ich nicht wir, da bin ich’s allein, ganz allein ich. Nicht mal Werner ist mit von der Partie.“ „Der weiß ja nicht mal was!“ entschlüpftes Vera, und Lohm lächelt. „Nur ein alter Genosse macht mit, tagsüber, wenn ich im Dienst bin. Er arbeitet vor. Wenn ich komme, geht er. Er wollte sogar seinen Feierabend opfern.“ 234
  • „Wie du.“ „Ich bin erst achtunddreißig“, sagt Lohm. „Manchmal, wenn ich eine Zigarettenpause mache, gehe ich ’runter und quatsche ein bißchen mit dem Betriebsschutz.“ „Mit welchem denn?“ Lohm schmunzelt und schweigt. „Aber den Namen des alten Genossen kannst du mir wenigstens sagen.“ Lohm zögert. „Engelbrecht“, sagt er dann. „Aber zu keinem Menschen ein Wort, wenn du ausbaldowert hast; wo er sitzt!“ „Wofür hältst du mich“, sagt Vera und sieht ihn an. Lohm stellt sich vor, wie Vera in der Redaktion alle Hebel in Bewegung setzen wird, um den Genossen En- gelbrecht unter den Engelbrechts der Hauptstadt ausfin- dig zu machen, mit dem er sich Abend für Abend die Türklinke in die Hand gibt, und er hat seinen Spaß dran, denn schon diesen Engelbrecht zu finden wird schwer sein, jene Türklinke schier unmöglich. Doch hierin unter- schätzt er seine Frau. Vera denkt nicht daran, ihm über die Schulter zu spähen, Sie wird sich gedulden, bis er ihr eines Tages sagt, dies also war die Geschichte, und was der Name Engelbrecht dabei für eine Rolle spielt, wird sie dann auch erfahren; so sehr interessiert es sie nicht mal. Sie weiß nun, daß er eine Sache verfolgt, die be- sondre Geheimhaltung erfordert, und hat sie das auch schon geahnt, seit sie es weiß, von ihm selbst weiß, fällt es ihr leichter, an den Abenden allein zu sein mit der so oft enttäuschten Hoffnung, er werde heute vielleicht frü- her nach Hause kommen. Noch eine Woche braucht Lohm, dann kann er aufat- men, wenn auch ohne jene Freude, die einen befällt, der verbissen auf ein Ziel hingearbeitet hat und endlich die 235
  • Frucht seiner Anstrengungen erntet. Lohm atmet auf, weil er sich in dem Moment der eigenen Erschöpfung bewußt wird. Vier Wochen lang an jedem Werktag vier- zehn, fünfzehn, mitunter sechzehn Stunden voll dasein, zuerst im Dienst, dann außerhalb des Dienstes in Berlin, aber auch in Potsdam, und immer aufmerksam und ge- wissenhaft, sich nicht einlullen lassen von der Monoto- nie, die in der Vielzahl nistet wie eine einschläfernde Droge, die Anfechtungen der Müdigkeit immer aufs neue bekämpfend mit Kannen voll schwarzen Tees und Ziga- retten, mit kalten Wassergüssen auf Pulse und Gesicht, wenn’s vor den Augen zu flimmern anfängt – das will schon was heißen. Man sieht’s ihm ja auch an. Staatsan- walt Haller, der ihm Tür und Tor geöffnet hat, hat ihn mehrmals gewarnt, er möge es nicht übertreiben, schon so mancher habe leichtfertig auf seine Gesundheit ge- setzt, weil er sie für eisern hielt, als ob Eisen nicht roste und zerreiße, und im Amt haben Genossen ihn angespro- chen, ob ihm etwas fehle. Der Chef hat ihn zu sich rufen lassen, er, Lohm, gefalle ihm gar nicht mehr, nicht daß er an seiner Arbeit etwas zu bemängeln habe, nur in den Spiegel schauen solle er mal beim Rasieren, nicht bloß auf die Bartstoppeln, sondern sich selber ins Gesicht und besonders unter die Augen. Na, und Gallich erst! Der hat an ihm herumgerätselt wie an einem Schachproblem. Da hat Lohm sich stets gesagt: Vielleicht hast du’s morgen schon geschafft, also warum eine Pause einlegen? Das hältst du schon durch. Du hast so manches durchstehn müssen, da wirst du ausgerechnet hierbei schlappmachen? Wär’ ja gelacht! Und ganz so happig ist’s ja nun auch wieder nicht, an den langen Wochenenden regenerierst du dich ganz schön, das merkst du ja daran, mit welchem Ei- fer du dich an jedem Montag wieder an die Sache machst. 236
  • Was Lohm nun mit solcher Unrast erfüllte und nicht ruhen ließ, hatte sich bei ihm eingestellt, als er arglos zuschaute, wie Zinn in seinem Wandsafe den Meister- brief suchte, und es machte sich deutlicher bemerkbar, als Zinn nichts dagegen einwendete, daß er mit heiler Haut davongekommen sei, obwohl doch nichts dabei ge- wesen wäre, hätte er gesagt, ganz so unversehrt sei er nun wieder nicht, wenn’s ihn auch nicht arg erwischt habe, aber ein Granatsplitter habe ihm doch den Arm geritzt. Und wie Zinn dann zwischen Tür und Angel ein so auf- fälliges Interesse bekundete, nicht für Lorras, den Mörder seiner Frau, sondern für dessen Vergangenheit, sieh mal an, ausgerechnet für dessen Vergangenheit, wo von ihr doch nie die Rede war zwischen ihm, Lohm, und Zinn, da hat es sich ganz tief in ihm eingenistet, und Doktor Grachs Auskünfte waren gleichsam der I-Punkt darauf. Seitdem ist Lohm keine Stunde frei davon gewesen, und er hat sich selber oft genug gefragt, was es wohl sei. Es war kein Verdacht, war weniger und mehr. Am ehes- ten hätte er es als Unruhe bezeichnet, eine Unruhe, die ab und zu mit Unwohlsein einherging, mit einem Gefühl von Übelkeit, und der er nur Herr werden konnte, indem er sich in die Arbeit vergrub, die er nun hinter sich hat. Hätte sie ihm nicht so zugesetzt, diese Unruhe, ihn nicht immer wieder vorwärtsgetrieben, sein Wille allein hätte vielleicht nicht ausgereicht. Und nun ist er am Ziel, endlich. Nun atmet er auf, lehnt sich zurück und läßt die Arme schlaff herabhängen, vor Augen den Lohn seiner verbissenen Suche, das Auf- gefundene, von dessen Existenz er nicht mal was geahnt hat. Seine Beweiskraft ist ungeheuerlich. Und dennoch ist keine Freude in ihm. Er freut sich des Erfolgs, gewiß, aber das ist nicht die laute heiße Freude, die einen beglückt und 237
  • lachen macht. Wer ihn jetzt sähe, könnte meinen, er habe einen Schmerz auszuhalten, der seine Bewegungen lähmt, der ihm nicht erlaubt, auch nur die Hand zu rühren. So sitzt er eine Weile mit starr auf den Tisch gerichte- tem Blick, als wolle er mit dem Zwang seiner Augen die Beweisstücke festhalten, ein Luftzug könnte sie womög- lich hinwegwehn, und in seinem Gesicht steht grau und leblos die angesammelte Müdigkeit. Als müsse er in die- sem Ausruhen neue Kraft schöpfen, da die, die ihn wo- chenlang aufrecht gehalten hat, nun plötzlich von ihm gewichen ist, so sitzt er da, zusammengefallen, allein inmitten der wandhohen Regale in dem weiten Raum, durch dessen Fenster ein Schein Abendsonne flammt, in dessen roter Glut Millionen Staubteilchen tanzen. Und mit einemmal nickt er, obwohl niemand ihn angespro- chen hat, denn es ist keiner hier, der ihn ansprechen könnte; er nickt einmal und noch einmal, und dann bleibt sein Kopf in der vorgeneigten Haltung. Lohm ist einge- schlafen. VI Als Lohm die Wohnungstür aufschließt, geht Vera ihm wie an jedem Abend entgegen. Sie tritt in die kleine Die- le und erschrickt vor seinem Gesicht. So sieht einer aus, der am Ende ist, der aufgeben mußte. Sein Lächeln kann darüber nicht hinwegtäuschen. „So, mein Herz“, sagt er und stellt sich vor sie hin mit ausgebreiteten Armen, „ab morgen komme ich wieder pünktlich nach Haus.“ „Willst du damit sagen …?“ Lohm faßt ihren Kopf mit beiden Händen. „Es war also nicht umsonst?“ 238
  • Lohm nickt. „Ich bin bloß ziemlich schachmatt. Nun merke ich’s.“ „Herbert!“ ruft Vera. Dann zieht sie ihn ins Zimmer, drückt ihn in einen Sessel, setzt sich auf seine Knie und schaut ihn stumm und glücklich an. Am Morgen verständigt Lohm zuerst Staatsanwalt Haller, dann seinen Chef und selbstverständlich Gallich, dem’s die Sprache verschlägt. Vera lauscht mit am Hörer und blinzelt Lohm zu, als Gallich sich endlich verneh- men läßt: „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Mensch, Herbert, das ist … das ist ja … Aber daß du nie ’n Wort gesagt hast, ehrlich, Herbert, das müßte ich dir eigentlich übelnehmen. Warum hast du’s denn so ganz im Allein- gang gemacht?“ „Weil deine Nerven nicht meine sind“, antwortet Lohm. „Ich wollt’ dir das einfach nicht zumuten, Werner. Wer macht schon gerne Überstunden für einen, bei dem’s im Kopfe offenbar nicht mehr stimmt? Und das hättst du doch gedacht, gib’s zu. Du hättst mich für verrückt gehalten. Hallo, bist du noch dran?“ „Kannst schon recht haben“, brummt Gallich. „Wann holt ihr euch den Burschen?“ „Sobald Haller Haftbefehl erwirkt hat. Ich hab’ gerade mit ihm telefoniert.“ „Also heute noch?“ „Das möchte sein.“ „Machst du das auch im Alleinritt, oder nimmst du mich mit?“ „Das wird wohl Sache der Staatssicherheit sein“, sagt Lohm. „Aber falls ich dabeisein sollte, bist du auch dabei.“ „Ich verlass’ mich drauf“, sagt Gallich. „Also bis gleich im Amt.“ 239
  • Gemeinsam fahren Lohm und Vera in die Stadt, und am Alex trennen sie sich nicht wie sonst, er ins Präsidi- um, sie zur U-Bahn Richtung Thälmannplatz, sondern gehen Arm in Arm durch die Rathausstraße, Vera will das heute so, wenigstens ein Stück. Wie sie sich freuen kann, denkt Lohm. Hinter dem Bowling-Zentrum muß er nach links. Sie verabschieden sich vor dem kleinen Eckcafé gegenüber dem Roten Rathaus, und er blickt ihr eine Weile nach, wie sie zum Alex zurückgeht, klein, zierlich, eigentlich nur eine halbe Portion, aber mit wieviel Selbstbewußtsein im Gang und mit welch schönem Stolz in der Haltung, seine Frau. Immer mehr Passanten schieben sich zwi- schen sie und ihn, da geht schließlich auch er. In der Staatsanwaltschaft wird er von Haller schon er- wartet, mit Ungeduld, wie es ihm scheinen will, obwohl er ein paar Minuten vor der Zeit eintrifft. „Zuerst einmal meinen Glückwunsch“, sagt der klein- wüchsige Mann mit den beweglichen pechschwarzen Augenbrauen, der wie immer tadellos angezogen ist, diesmal in grauem Glencheck mit weinroten Streifen, wozu er einen weinroten Schlips trägt. Er drückt Lohm kräftig die Hand. „Es mutet so phantastisch an, daß ich’s nicht glauben würde, wüßte ich’s nicht von Ihnen, Genosse Lohm.“ „Wollen Sie’s sich nicht gleich mal ansehn?“ „Aber darauf warte ich ja! Ich wollte nur nicht ohne Sie … Kommen Sie.“ Wie oft ist Lohm durch diese Korridore gegangen, abends, nachts, allein, als es im Gebäude der General- staatsanwaltschaft ebenso still war wie um diese frühe Stunde. Wie oft hat er sich den Widerhall seiner Schritte in die Worte übersetzt: Es – ist – sinnlos, was – du – 240
  • tust, es – ist – sinnlos, was – du – tust … Er hat ihn jetzt noch im Ohr. „Sie waren ja auch in Potsdam, im Zentralarchiv“, sagt Haller. „Dort war aber nichts.“ „Darf ich Ihnen mal was sagen, auf die Gefahr hin, daß es Sie schockiert?“ Lohm lächelt ahnungsvoll. „Ich hoffe, ich halt’s aus.“ „Als Sie vor einem Monat zu mir kamen, hab’ ich mir gesagt, na schön, wenn er sich dermaßen in den Gedan- ken verrannt hat, der Genosse Lohm, du hast kein Recht, ihm nicht zu helfen … Aber für einen Phantasten hab’ ich Sie doch gehalten.“ „Das kann ich verstehn. Manchmal war ich ja selber nahe dran.“ Haller wird lebhafter. „Die Anhaltspunkte, wissen Sie, erscheinen mir, wie soll ich sagen … nicht spezifisch, ja, das ist wohl das richtige Wort. Und jetzt“, er blickt zu Lohm hoch, unbeweglich die schwarzen Brauen, die Au- gen voller Anerkennung, „jetzt kommt’s mir vor, als sei’s gerade umgekehrt gewesen, jede Einzelheit spezifisch, ich hatte nur den Blick nicht dafür.“ Als der Staatsanwalt dann in Händen hält, was Lohm bereits kennt, ziehen seine Brauen sich zusammen, und seine Lippen werden zu einem Strich. „Und das im eignen Hause“, murmelt er kopfschüt- telnd. „Wir haben ihn überall vermutet, drüben in Argen- tinien oder weiß der Himmel wo, nur nicht bei uns.“ Er atmet plötzlich tief und sieht Lohm an. „Sind Sie sich eigentlich darüber klar, Genosse Lohm, was Ihnen da gelungen ist?“ Lohm weiß, daß seine Antwort dem Staatsanwalt un- passend, wenn nicht anmaßend erscheinen wird, aber er 241
  • sagt trotzdem: „Ja, Genosse Haller, ich werde wieder schlafen können, und meine Unruhe bin ich nun hoffent- lich auch los.“ Zu seiner Überraschung nickt Haller und sagt: „Nicht nur Sie, Genosse Lohm, werden jetzt ruhiger schlafen. Auch in Warschau wird man Ihnen dankbar sein.“ „Was heißt mir“, wehrt Lohm ab. „Es hätte ebensogut ein andrer sein können.“ „Es war aber kein andrer. Tatsachen sind nun mal Tat- sachen, und die gehören auf den Tisch.“ „Wie wird’s nun weitergehn?“ fragt Lohm. „Der Mann wird verhaftet, was sonst? Sobald ich den Haftbefehl habe, packen wir zu.“ „Wir?“ „Aber gewiß“, sagt Haller und ist etwas verwundert. „In einem solchen Fall ist der Staatsanwalt dabei.“ „Das schon“, sagt Lohm. „Sie haben also die Genos- sen der Staatssicherheit bereits verständigt?“ „Ja, natürlich, aber warum …“ „Nun, die Verhaftung fällt doch wohl nicht in die Kompetenz der Kriminalpolizei.“ Jetzt versteht Haller und mustert Lohm mit schief ge- neigtem Kopf. Und wie er Lohm betrachtet, erscheint ein Lächeln auf seinen Lippen, das jedoch sogleich wieder verschwindet. „Aber, Genosse Lohm“, sagt er mit leisem Tadel, „Sie haben den Mann aufgespürt, und die Staatssicherheit nimmt ihn aus Ihrer Hand entgegen. Das sind wir Ihnen wohl schuldig.“ „Sie sind mir nichts schuldig, Genosse Haller“, sagt Lohm. „Aber wenn ich die Verhaftung schon vornehmen soll, dann möchte ich gern, daß Genosse Gallich dabei ist.“ 242
  • „Ihr Mitarbeiter, nicht wahr?“ „Meine rechte Hand“, sagt Lohm und hebt die lädierte Schulter leicht an, „gewissermaßen mein unbeschädigter Arm. Wenn ich ihn nicht hätte … und das sage ich mir seit zehn Jahren.“ „Aber dieses Mal haben Sie ihn nicht gebraucht, Ihren unbeschädigten Arm“, sagt Haller. „Das war eine Ausnahme“, sagt Lohm, und als der Staatsanwalt nickt, fügt er hinzu: „Gallich hat’s verdient.“ „Er soll dabeisein“, entscheidet Haller. „Wo erreiche ich Sie?“ „Im Präsidium.“ „Gut, Genosse Lohm. Sobald ich den Haftbefehl habe, rufe ich Sie an, und dann bin ich in fünf Minuten bei Ih- nen.“ Haller gibt ihm die Hand. „Und dann verhaften Sie Ihren Mann.“ „Meinen Mann“, sagt Lohm mit fröstelnder Miene. „Was meinen Sie, wie froh ich bin, daß ich nicht mehr von ihm träume.“ „Sie haben von ihm geträumt?“ sagt Haller ungläubig. „Ja“, sagt Lohm. Seine Blicke wandern durchs Archiv, über die bis an die Decke aufragenden Regale, deren Bretter sich unter der Last Hunderter Ordner durchgebo- gen haben. „Aber das ist schon eine Weile her und nun auch nicht mehr wichtig.“ Zwei Stunden später fährt ein schwarzer Wolga durch Karow, biegt in eine Laubenkolonie ein und hält vor ei- ner Weggabelung. „Ich gehe voran“, sagt Lohm. „Von seinem Bürofens- ter aus kann er den Hof überblicken, und wenn er uns zu dritt kommen sieht, denkt er sich womöglich was dabei. Vielleicht hat er nicht nur seinen Meisterbrief aus der alten Zeit herübergerettet.“ 243
  • „Meinen Sie, er ist bewaffnet?“ fragt Haller. „Dieses Risiko wird er nicht eingegangen sein“, sagt Lohm. „Ich mußte nur unwillkürlich an Lorras’ Tod denken.“ „Was willst du machen, wenn er ’ne Ampulle zwi- schen den Zähnen hat?“ sagt Gallich. „So ’ne Ampulle trägt keiner fünfundzwanzig Jahre lang im Mund herum“, antwortet Lohm. „Aber er könnte sie griffbereit haben. Wenn ich allein komme, wird er wohl kaum Verdacht schöpfen. Ich hab’ ihn ja schon mal so im Vorübergehn besucht. Ihr folgt mir in – sagen wir – fünf Minuten. Es ist gleich das erste Grundstück hinter der Gabelung, das rote Dach dort unter der Kastanie. Er züchtet die Ratten in der grünen Baracke, nicht in dem Schuppen links.“ „So ist er nun mal“, sagt Gallich zu Haller. „Im Okto- ber hat er mich hierhergeschickt. Ich kenne das Ding wie meine Westentasche, aber er traut mir zu, ich könnte Zinn bei den Briketts suchen.“ „Mußt schon entschuldigen, Werner“, sagt Lohm, „ich hab’ jetzt wirklich nicht mehr dran gedacht.“ Er wendet sich an den Fahrer. „Sie, Genosse Sperling, fahren vor, wenn Staatsanwalt Haller und Oberleutnant Gallich drei Minuten weg sind. Aber halten Sie nicht direkt vor dem Tor, sondern so, daß man vom Hof aus den Wagen nicht sieht.“ „Wird gemacht, Genosse Hauptmann“, sagt der Fahrer. „Ich gehe also jetzt“, sagt Lohm, und keiner findet den Satz überflüssig, obwohl jeder sieht, daß Lohm nun geht. Alle haben Verständnis für seine Erregung. Und Lohm ist erregt, als er sich der Baracke nähert über den weiten leeren Hof. Er fühlt, daß Zinn ihn kom- men sieht; förmlich auf der Haut spürt er den Blick, mit 244
  • dem er durch die Scheibengardine beobachtet wird. Und wenn er auch sicher ausschreitet, jeder Schritt kostet ihn Mühe, als wate er durch zähen Schlamm, der seine Beine umschlingt und sich an ihnen festsaugt. Aber jetzt träumt Lohm nicht, jetzt ist er hellwach und bis zum äußersten angespannt, und so geht er dem Mann entgegen, der nicht ahnt, daß seine Stunde geschlagen hat, spät, doch nicht zu spät, und es gibt nichts, was Lohm noch aufhalten könnte, sich diesen Mann zu holen, der nun wahrlich sein Mann geworden ist. „Nanu“, sagt Zinn in der Tür, „daß Sie mich schon wieder beehren, und diesmal hier, am Ende der Welt?“ „Die Welt hat kein Ende, Herr Zinn“, sagt Lohm, „wenn’s auch mal fast so ausgesehn hat. Darf ich eintre- ten? Ich habe eine Nachricht für Sie.“ „Aber bitte.“ Zinn gibt sofort die Tür frei. „Setzen wir uns in meine spartanische Büroklause, die kennen Sie ja schon.“ „Ehrlich gesagt, fühle ich mich dort etwas beengt. Ich bin nicht gern in so winzigen Räumen.“ Zinn blickt Lohm betroffen an. „Wie geht’s Ihren Ratten?“ „Ich denke, Sie wollten mir eine Nachricht überbringen.“ „Ja“, sagt Lohm, „aber wer fällt gleich mit der Tür ins Haus? Man fragt doch erst, wie’s geht, und Sie haben ja eine Menge Schützlinge, wohl an die … zigtausend, nicht wahr?“ „Sagen Sie, machen Sie sich lustig über mich?“ „Wie können Sie so was denken, Herr Zinn.“ „Sie kommen her, geben vor, eine Nachricht für mich zu haben …“ „Ach ja, die Nachricht!“ sagt Lohm, und in dem Mo- ment fällt ihm ein, was das für eine Nachricht sein könnte, 245
  • die ihn zu Zinn geführt hat, und er faßt den Rattenzüchter scharf ins Auge. „Unsre Nachforschungen über Lorras haben ein vorläufiges Resultat erbracht.“ „Über Lorras? Ach!“ Nur für eine Sekunde tritt etwas Unstetes in Zinns Blick, dann hat er sich gefaßt; er hat sich bewundernswert in der Gewalt. „Da kann man Ihnen ja gratulieren!“ „Uns, schon“, sagt Lohm und lächelt. „Und wem nicht?“ „Ich weiß nicht“, sagt Lohm, und nun serviert er Zinn eine faustdicke Lüge. „Vielleicht dem Mörder Ihrer Frau, Herr Zinn. Denn Lorras hat Ihre Frau nicht getötet.“ „Aber er hat es doch gestanden!“ ruft Zinn aus. „Gestanden schon, nur nicht getan“, sagt Lohm. „Das gibt es nicht“, sagt Zinn. „Das ist unmöglich. Das können Sie mir nicht weismachen. Wer gesteht denn einen Mord, den er nicht verübt hat? Ich bin doch kein Phantast!“ „Das sind Sie sicher nicht“, antwortet Lohm. Die Ba- rackentür öffnet sich, und Gallich und Haller stehen auf der Schwelle, im Rücken Zinns. „Nein, ein Phantast sind Sie nicht. Aber ich will Ihnen sagen, wer Sie sind. Sie sind Egon Leibchen. Ich verhafte Sie.“ „Wer soll ich sein?“ stottert Zinn. „Gehn Sie“, sagt Lohm, „und machen Sie keine Spä- ne.“ Er richtet seine Pistole auf Zinn. Der weicht an die Wand, bleich, fast weiß, weiß wie sein Haar. „Ihre Zeit ist um, Egon Leibchen.“ „Aber ich …“ „Los jetzt!“ sagt Lohm, und Haller und Gallich treten zur Seite. „Sie werden ausreichend Gelegenheit haben zu reden. Vor Ihrem Richter, Leibchen. Und der hört Sie sogar an.“ 246
  • Als sie dann über den weiten leeren Hof gehen, der SS-Sturmführer und KZ-Lagerkommandant Egon Leib- chen in ihrer Mitte, denkt Lohm: Ich habe mich aufge- macht, die Vergangenheit eines Mannes zu finden, und was ich gefunden habe, ist dieser da, ein ganz andrer und doch derselbe, mit seiner ungeheuerlichen Vergangen- heit. Ich habe also ein Ziel erreicht, das ich gar nicht im Auge hatte. Aber es gilt. Immer gilt das Erreichte. Ich bin angekommen in einer Vergangenheit, die aber auch ihre Gegenwart hatte und wohl noch hat. Was ist damit, da alles auf einmal ganz anders ist? Und Lohm hat das Ge- fühl, diese Ankunft sei keine Ankunft, sei nur ein Auf- enthalt auf einer Zwischenstation, hinter der eine andre Station liegt, das wirkliche Ziel, das er erreichen muß, sei es auch noch so fern und nach menschlichem Ermessen unerreichbar. Da sagt Lohm sich auf diesem Gang über den weiten leeren Hof: Was ist menschliches Ermessen? Es darf nichts als unerreichbar gelten für uns. Auch wenn es un- erreichbar scheint, wir müssen es versuchen. 247
  • ZWEITES KAPITEL Leibchen oder Der Triumph des Bösen I Egon Leibchen weiß: Wenn ihm von dem, was ihm noch bleiben kann, alles bleibt, dann sind das neunundneunzig Tage. Neunundneunzig Tage können ab sofort sein Le- ben sein, wenn es lange währt. Innerhalb neunundneun- zig Tagen wird das Urteil vollstreckt. Innerhalb. Es kann also auch nur fünfzig oder zwanzig, kann nur fünf Tage dauern, bis sie ihn holen kommen. Es kann sogar schon morgen sein. Was ist die Chance eines neunundneunzig- tägigen Lebens wert in solcher Ungewißheit? Sosehr diese Ungewißheit ihn martert, so wild er sie und die, die sie über ihn verhängt haben, verflucht, immer wenn Schritte im Zellengang die Stille zerhacken, schwillt die Angst in ihm an, glaubt er, in ein Vakuum gepfercht zu sein, so muß er nach Luft ringen, und die Handflächen werden ihm feucht. Es ist die Angst, die Ungewißheit könnte zu Ende sein, ihre Last von ihm genommen wer- den. Dann, festgekrallt ans Bett, ruft er die Vorsehung an: Gib, daß dieser Schritt nicht an meiner Tür aufhört, laß ihn vorbeigehn zu einer andern, hinter der einer vielleicht ebenso wartet wie ich, aber laß mir noch ein paar Tage, wenigstens einen, wenn du es nicht anders willst, nur die- sen einen, diesen letzten noch laß mir, und wenn ich dich morgen wieder darum bitte, ich meine es dennoch ehrlich, immer wenn ich dich um den einen Tag noch bitte, meine ich es ehrlich. Nimm einen andern, nicht mich! Doch einen wie ihn wird es wohl kaum innerhalb die- ser Mauern geben, vielleicht nicht mal mehr in dieser 248
  • Stadt, nicht auf dieser Seite dieser Stadt. Er weiß von keinem mehr, der die Nerven dazu gehabt hatte. Wo ei- ner nicht vermutet wird, wird er auch nicht gesucht – die- se lapidare logische Überlegung hatte ihn, als er damals untertauchen mußte, veranlaßt, hierzubleiben. Jenseits der Sektorengrenze lauerte größere Gefahr, eben weil sie ihn dort vermuteten. Abwarten wollte er, wie sich die Verhältnisse in den verschiedenen Zonen gestalten wür- den; gehen konnte er ja immer noch. Aber als drüben kein Richter mehr Todesurteile verhängte, war seine Rat- tenzucht zu einer einträglichen Pfründe geworden, und die Furcht, daß er entdeckt werden könnte, mehr und mehr geschwunden. Da hatte er seinen Übertritt von Jahr zu Jahr verschoben. Wer sagte ihm denn, daß er an Ne- ckar oder Rhein ebenso Fuß fassen konnte wie einst hier? Selbst wenn er auf die Hilfe alter Kameraden baute, die Konkurrenz war immens und der Lebenskampf ohne Erbarmen, und wer da nicht mehr jung genug war, hatte kaum eine Chance, eine der oberen Leitersprossen zu erklimmen. Die verdammte Trägheit, die Gewöhnung, die Bequemlichkeit. Als Steffi ihm eines Tages sagte, sie hätten einen SS- Arzt ausfindig gemacht, der hier bis in die jüngste Zeit in einem Landstädtchen praktiziert hatte, hätten ihn zum To- de verurteilt und hingerichtet, dessen Frau aber nicht nur ungeschoren gelassen, sondern nicht mal in Untersu- chungshaft genommen – da hätte er gehen sollen, denn dieses Beispiel übte seine Wirkung auf Steffi aus, hatte ihrer Angst, die er ihr eingepflanzt hatte, einen Stoß ver- setzt, ja, damit hatte die Aufweichung ihrer Angst begon- nen. Aber er hatte sich nicht durchringen können. Zwar hatte dieser Fall ihn drastisch vor Augen geführt, daß die mit ihm abrechnen würden, sollten sie seiner habhaft 249
  • werden, selbst nach fünfzehn Jahren noch, und trotzdem, er war kein Arzt, bei dem sich alle möglichen Leute ein- finden, mitunter an die hundert an einem Tage, er lebte damit verglichen wie auf einer abgeschiedenen Insel. Noch ein Jahr Geld machen mit den Ratten, noch ein paar Tausender mehr anhäufen, dann hast du drüben einen leichteren Start, hatte er sich gesagt, und das war eine glat- te Fehlrechnung gewesen. Das Jahr war noch nicht um, da hatten die über Nacht dichtgemacht mit ihrer Mauer. Nun mußte er bleiben, denn riskieren durfte er nichts. Leibchen weiß, seine Sühne ist der Tod. Das Urteil ist gefällt. Er hat damit gerechnet, auch wenn es ihm mitun- ter so scheinen wollte, als sei da irgendwo noch eine Chance für sein Leben. Zuerst die Untersuchungen mit den endlosen Verhören, da war nichts von kurzem Pro- zeßmachen zu spüren, da war was zu spüren vom Walten einer ihm unbegreiflichen, geradezu röntgenologischen Gründlichkeit, mit der er durchleuchtet wurde, als sei es unerläßlich, selbst das aus ihm heraufzuholen, was längst in ihm verschüttet war. Und dann die Art der Prozeßfüh- rung, korrekt bis ins letzte Detail, bis auf seinen Vertei- diger, der wahrlich keine dankbare Aufgabe hatte; sogar aus Polen hatten sie Zeugen herbemüht, die lebendige, leider am Leben gebliebene Chronik seines Wirkens, sie nannten es Verbrechen. Selbst ein gewisser Jurek Sta- schinski hatte seine zerbröckelnde Greisenstimme im Gerichtssaal gegen ihn erhoben, der Jude, dessen Sohn Janek er, Leibchen, eigenhändig gerichtet hatte, sie nann- ten es ermordet, weil der Bengel eine Scheibe Brot vom Arbeitskommando ins Lager geschmuggelt hatte, und darauf stand der Tod. Dennoch kümmerte in ihm dann und wann die Hoff- nung auf, es müsse nicht um jeden Preis sein Tod die 250
  • Folge dieses Prozesses sein, eben weil sie ihn so führten, wie sie ihn führten. Aber er glaubte nicht daran. Und als das Urteil dann so ausfiel, wie er es erwartet hatte, be- mühte er sich um Haltung. Daß es bei dem Bemühen blieb, wer wollte es ihm verdenken? Wenn er auch nicht aufrecht stehen konnte, so gab er doch keinen Wehlaut von sich. Wer das unmännlich nennen wollte, daß die Beine ihm wegknickten, der hätte mal nach Jawigor kommen sollen damals, dort hätte er mit ansehen können, was mancher für eine miserable Figur gemacht hatte. Dort hätten sie es sehn können, die alle da, und wie! – Er wird also den Tod erleiden, und er weiß sogar, welchen Tod. Bei denen wird keiner guillotiniert, keiner gehängt, es gibt keine Gaskammern wie in den Hinrichtungsstät- ten der Vereinigten Staaten und keine Handbeile wie noch zu seiner Zeit; wessen Todesurteil hier vollstreckt wird, der wird vor ein Exekutionskommando gestellt und erschossen, kein würdeloser, entehrender Vorgang mit- hin, sondern fast ein Soldatentod. Manchen Deserteur hat er auf diese Weise sterben sehn zu seiner Zeit noch, ein- mal sogar einen Hauptmann der Infanterie, den allerdings mit herabgerissenen Schulterstücken und Löchern im Waffenrock, wo er vorher das Eiserne Kreuz und die goldne Nahkampfspange getragen hatte. Nun, ihm reißt keiner mehr das schmale Schulterstück herunter, und Kampfauszeichnungen hat er nie besessen. Dieser belei- digende Akt. wird ihm also erspart bleiben, und falls er die Kraft aufbringt, wird er sich in seiner letzten Stunde sogar in seiner schwarzen Uniform denken mit dem To- tenkopf überm Mützenschirm, und er wird den Tod in dem Bewußtsein empfangen, als Offizier zu sterben. Die- se Möglichkeit ist ihm geblieben. Nur tröstlich ist sie nicht. Auch dieser Tod ist schrecklich und kommt mit 251
  • jener einmaligen unvorstellbaren Angst einher, die er, Leibchen, bei so vielen beobachtet hat, nie aber empfin- den mußte. Das weiß er nun, denn nun ist sie in ihm, die- se Angst, und füllt ihn aus bis in jede Nervenzelle, in je- den Tropfen seines Bluts. – Und doch, wenn die glauben sollten, daß er seine letzten Tage nur in Angst zubringt, daß er von morgens bis in die Nacht hinein vor seiner Todesstunde zittert und allmählich zermürbt wird, mehr und mehr, bis er seine Taten zu bereuen anfängt, dann beweist das nur, wie wenig die von dem begriffen haben, was einmal der SS-Sturmführer Egon Leibchen war. Nicht ein Anflug von Reue ist in ihm, nicht mal Bedau- ern. 37 Morde, wie sie das nennen, haben sie ihm nach- gewiesen, nebbich. Es ist aber auch nicht sein Triumph, daß sie nicht alles feststellen konnten; hätten sie es festgestellt, es wäre ihm gleichgültig gewesen. Und dennoch triumphiert er, so- bald es ihm gelingt, die Angst zurückzudrängen, und bald ist es so, daß er sie zurückdrängt, indem er sich diesem Triumphe hingibt. Ihn genießt er wie andere vielleicht ein tiefes Glück, die Freude über einen ungeglaubten Sieg, mehr noch, ihn kostet er aus. Es ist sein Triumph, ein einmaliger, unauswechselbarer, wie ihn vor ihm wo- möglich noch nie ein Mensch gehabt hat: In den Augen seiner Richter mag er ein Mörder sein, auch in den Au- gen aller andern, die hier leben, mag er als Mörder gel- ten, und das sind fast achtzehn Millionen, selbst der di- cke Zumseil wird unter ihnen sein. Aber in den Augen seiner Kameraden vom silbernen Totenkopf, die davon- gekommen sind und auf ihre Stunde warten, irgendwo in der Welt, in der argentinischen Pampa oder in den wei- ßen Städten des Orients, in München oder Madrid, wo auch immer, warten, wie auch er gewartet hat, in ihren 252
  • Augen wird er, geht die Kunde von seinem Tode um die Welt, als Mann gestorben sein, der nur seinem Treueid gehorchte, seine Befehle ausführte, wie es einem Solda- ten geziemt, nein, nicht mal gestorben wird er sein in ihren Augen, sondern gefallen als standhafter Offizier. Und das ist mein Sieg, denkt Leibchen. Der Sieger bin ich, obwohl ich sterbe. Ich werde nicht gerichtet, ich ge- he unter, wie Schlachtschiffe untergehn oder Nationen, moralisch unbesiegt. Und alle, die eine solche Haltung achten, werden im Geiste an meinem Grab die Fahne senken. Denn daß ich Steffi ermordet habe, wird nie ein Mensch erfahren, und keiner der alten Kameraden wird sich abwenden von mir, wird sich meiner mit Verachtung erinnern, gleichwo in der Welt. Diesen Zweikampf habe ich gewonnen, Hauptmann Lohm! Mir kommst du nicht bei, ihr alle kommt mir nicht bei. Um der Welt zu zeigen, wer ich, Egon Leibchen, wirklich bin, muß einer aus an- derm Holz geschnitzt sein! II Seit jenem Tage, als Lohm ihn in seiner Zelle aufgesucht hat, kennt er, Leibchen, die heimliche Sehnsucht dieses linkischen, ungeschlachten, schlappen Kerls, der ständig in Zivil herumläuft, obwohl er Hauptmann ist. Der Spür- hund hat Morgenluft gewittert. Daß Lorras Steffis Mör- der sein soll, bezweifelt er nun, nachdem er Leibchens Identität ausgeschnüffelt hat, und prompt hat er sich ihm erneut auf die Fährte gesetzt! Aber dafür hat Leibchen nur ein verächtliches Lächeln. Sich in Berge alter Akten hineinzuwühlen wie ein Totengräber ins Erdreich, weil offenherzige deutsche Gründlichkeit Material für tod- bringende Archive geschaffen und obendrein auch noch 253
  • hinterlassen hat, dazu bedarf es nur stumpfsinniger Ge- duld, der Geduld eines Zugtiers im Gespann oder eines von der Rasse dieses Staschinski, der auf diese Stunde gewartet haben will, ein Vierteljahrhundert lang, nur noch dem Wunsche lebend, einmal dem Mörder seines Janek gegenüberzustehen, das hat; der wahrhaftig vor Gericht erklärt, schluchzend, und nun, nach diesem Pro- zeß, wolle er gerne sterben. Auch der hätte seine Identität wahrscheinlich aus dem Staub der Archive herausge- schaufelt, herausgekratzt, herausgenagt mit der Wollust von Ratten. Dazu sind die fähig, das können sie und noch einiges mehr, zugegeben, der Lohm zum Beispiel, dieser zähe, hinterhältige Bursche, der ja auf den verdammten Einfall gekommen sein muß, irgendwie, falls ihm nicht einer was geflüstert hat, es könne in Carl August Zinns Vergangenheit was zu holen sein. Das hat er sich geholt, kein Wunder, daß ihm das zu Kopf gestiegen ist und er sich nun einbildet, es werde so weitergehn, Zug um Zug, bis er ihn, Leibchen, auch noch als Mörder der eignen Frau überführt. Das hat er sich so gedacht. Weil er bei dem gut beleumundeten Carl August Zinn kein Tatmotiv hat entdecken können, setzt er bei Egon Leibchen ver- mutlich gleich ein ganzes Dutzend voraus; es braucht einer ja nur in der SS gewesen zu sein, und gleich trauen die dem alle nur ausdenkbaren Scheußlichkeiten zu! Aber ihm den Mord an Steffi nachzuweisen, dazu bedarf es wesentlich mehr als dieser nagetierhaften Ausdauer, dazu gehört Scharfsinn und Intelligenz, denn nicht ir- gendwer hat hier die Weichen gestellt, sondern er, Egon Leibchen, und die Weichen, die er gestellt hat, führten schon immer ins Nichts. Und dort wird dieser Lohm an- kommen, im Nichts wird er sich totlaufen, mag er noch so kühn kombinieren, mag er selbst zu etwas fähig sein, 254
  • was Tschammer, wenn er besoffen philosophierte, gern als Wagemut des Denkens bezeichnet hat. Woher soll dieser lächerliche kleine Hauptmann überhaupt wissen, was das ist? Der weiß ja nicht mal, wie und wo er anset- zen soll. Der weiß absolut gar nichts. Schon die Finte, mit der er ihn, Leibchen, bei der Verhaftung aufs Kreuz legen wollte, sie hätten ermittelt, daß Lorras nicht Steffis Mörder sei! Die hatte er sofort durchschaut, wie er auch das plumpe Ding, mit dem sie ihm auf dem Friedhof bei- kommen wollten, durchschaut hatte. Holzauge, sei wach- sam! Scheint überhaupt ’ne Type zu sein. Wer gibt sich denn mit solchem Schnickschnack ab? Ein Bluffer, der seinen Gegner immer für etwas dümmer hält, als er sel- ber ist. Möglich, daß er bisher damit gut gefahren ist. Kommt auf den Gegner an, kommt stets auf den Gegner an. Sind vielleicht alles Luschen gewesen. Haben es ihm leicht gemacht. Lebt nun in dem Wahn, er habe nur noch Luschen zu Gegnern und brauche bloß seine Trickkiste aufzuklappen, haha, das hat der sich so gedacht! Finte beim Begräbnis, Finte bei der Verhaftung, welche wirst du dir als nächste aus den Fingern saugen, du verdamm- ter Judas? Aber sauge nur, immer sauge, helfen wird’s dir nicht. Und weiß du, warum? Weil’s dir an zu vielem fehlt, mein Junge, vor allem an Format. Du hast es dies- mal mit Egon Leibchen zu tun, vergiß das nicht, und der ging, als er die Weiche stellte, davon aus, sie würden ihm einen mit Köpfchen auf die Fährte setzen, das heißt nicht einen ebenbürtigen, wo gibt’s denn den, aber zumindest nicht so einen Stümper wie dich! Egon Leibchen haßt Lohm. Nie hat er einen Menschen so gehaßt. Lohm hat seine Vergangenheit ans Licht ge- holt, hat sie herbeigezerrt aus fünfundzwanzigjähriger Ferne, die fast schon Vergessenheit war, und mit ihr das 255
  • Leben des Carl August Zinn zunichte gemacht, ein Wohlleben, wie es viele ersehnen, aber nie erlangen, wenn’s auch nicht frei war von der unterschwelligen Furcht vor zufälligem Dochnochentdecktwerden. Aber es war doch ein Leben, des Gelebtwerdens wert, und es hät- te mit einem natürlichen Tode geendet in umhüteter Ster- bestunde, wäre Lohm nicht gekommen. Lohm hat Carl August Zinn auf dem Gewissen, Lohm hat den ersten Spatenstich zu Egon Leibchens Grab getan, und nun, als habe er noch nicht genug angerichtet, hat er sich aufge- macht, die Symbiose, die Zinn mit Leibchen eingegangen ist an jenem Abend am Langen See, an den Tag zu brin- gen. Lohm, Lohm, Lohm, immer wieder Lohm. Es gibt kaum eine Todesart, die Leibchen Lohm nicht schon zu- gedacht hat, ausgemalt bis in die winzigsten Details mit der Phantasie des Hasses. Täglich stirbt Lohm schreckli- che Tode in Leibchens Zelle, und Leibchen heult dabei innerlich vor Wut, während er sich an den Bildern wei- det, heult vor Wut, daß er in seiner völligen Entmachtung auf seine Vorstellung angewiesen ist, auf diesen hämi- schen, hohnvollen Selbstbetrug seines Wunschdenkens, das er sofort in die Tat umsetzen würde, wenn er nur könnte – und inzwischen geht Lohm durch die Stadt, un- behelligt, nur ein Ziel im Auge, ihn, Leibchen, vollends zu besiegen. Das weiß Leibchen, und dieses Wissen macht ihm angst, die er sich nur nicht eingesteht, die er zurückdämmt, knebelt, übertönt, indem er Lohm be- schimpft und erniedrigt, wie er auch jene Staschinskis und Moshes und Herschels immer beschimpft und er- niedrigt hatte damals in Jawigor, und selbst wenn er ei- nen von ihnen getötet hatte, er hatte es getan, weil er sich ängstigte vor ihrer bloßen Existenz. Wie erst vor Lohm, der nicht wehrlos ist, wie jene es waren. 256
  • „Wollen Sie nicht ein Geständnis ablegen, Leibchen?“ Als Lohm, lange vor dem Prozeß, ihn in seiner Zelle aufsuchte, hat Leibchen sofort gewußt, weswegen er kam. Aber er hat sich dumm gestellt, was für ein Ges- tändnis denn, und er hat Lohm angesehn, daß der begriff, Leibchen würde ihm keinen Fußbreit entgegenkommen, weil er hoffte, Lohm werde in diesem Kampf, diesem Zweikampf, unterliegen. Da hat Lohm sich abgewandt, schweigend, und Leibchen hat vergeblich nach einem Zeichen von Enttäuschung in dem verhaßten Gesicht, in den verhaßten grauen Augen gesucht, er fand nur Ver- achtung darin. Diese Verachtung hätte ihn noch kaltgelassen. Was er nicht ertrug, war der Gleichmut, mit dem Lohm die Ab- fuhr hinnahm, denn dahinter stand eine impertinente Si- cherheit, ein freches Überlegenheitsgefühl, das einer nicht heucheln kann, das er hat oder nicht. Und Lohm hatte es und ließ es ihn spüren, indem er nicht auf ihn einredete, sondern sich abwandte, einfach abwandte – schön, wenn du nicht willst, dann werde ich dir bewei- sen, daß es auch ohne dich geht. Da hat er, Leibchen, die Beherrschung verloren. Breit- beinig hat er sich hingepflanzt in der schmalen Zelle, hat die Fäuste in die Hüften gestemmt, daß er mit den Ellen- bogen fast die Wände berührte, und hätte er noch dazu gebrüllt, es wäre wie einst auf dem Appellplatz gewesen. „Ich will Ihnen mal was sagen, Sie, damit Sie es ein für allemal wissen, Sie. Zu einem Mord, wie Sie ihn mir un- terschieben wollen, bin ich nicht fähig. Ich bin kein Ver- brecher. Ich habe Menschen getötet, jawohl, doch als Soldat, verstehn Sie das, als Soldat! Jeder Soldat hat Menschen getötet, ob er nun Deutscher oder Russe war. Im Kriege ist das nun mal so. Ein Krieg ist kein 257
  • Zuckerlecken, sondern ’ne verdammt harte, blutige An- gelegenheit. Nur, daß es verschiedene Fronten gab, die eine vorn, andre weiter zurück, aber das heißt nicht, daß irgendwo Etappe war. In diesem Krieg gab’s keine Etap- pe wie beim Alten Fritzen, in diesem Krieg war überall Front, und ich habe an der gekämpft, an die ich gestellt worden war.“ „Gekämpft“, sagte Lohm angewidert. „Jawohl“, sagte Leibchen, „als Soldat!“ „In Jawigor“, sagte Lohm, „tausend Kilometer weit vom Schuß.“ „Warum sagen Sie nicht gleich drei-, fünf-, zehntau- send?“ „Weil sie euch so weit nicht haben kommen lassen.“ Lohm blickte Leibchen in die Augen und erkannte, wie dieser Mann ihn haßte. „Wissen Sie eigentlich, daß Sie ein überzeugendes Beispiel sind, Leibchen?“ Leibchen antwortete nicht. „Sie wissen es also, um so besser.“ „Ich weiß gar nichts“, knurrte Leibchen. „Für den Faschismus“, sagte Lohm. „Bei Ihnen hat er nämlich nichts mehr an, bei Ihnen ist er nackt.“ „Ich habe Steffi nicht umgebracht, ich nicht!“ schrie Leibchen. „Sie wissen genau, wer ihr Mörder war, ihr alle wißt es!“ Er keuchte. „Aber ich durchschaue euch, euch alle durchschau’ ich, und wie! Kirremachen wollt ihr mich, in’n Dreck zerr’n wollt ihr mich mit nacktem Faschismus und so, und da kommt ihr mir mit dieser hundsgemeinen Unterstellung, ich hätt’ auch … meine eigne Frau hätt’ ich, wär’ nicht mal davor zurückge- schreckt, den einzigen Menschen, der mir geblieben war, so mir nichts, dir nichts … Damit ihr in die Welt hinaus- posaunen könnt: So sehn sie aus, schaut ihn euch an! Der 258
  • da, dieser Egon Leibchen da, ist das klassische Beispiel! Das eigne Weib abgeschlachtet, weil er’s mit der Angst gekriegt hat, der feige Held von damals, der sogenannte Herrenmensch. Das wollt ihr doch. Aber mit mir nicht, nicht mit mir, Sie … Sie Hauptmann Sie! Ich lasse mich nicht zum Verbrecher stempeln. Ich hab’ immer nur mei- ne Pflicht getan. Als Soldat!“ „Ich komme wieder“, sagte Lohm, schon nicht mehr fähig, Ekel zu empfinden, „und wenn Ihr Prozeß darüber vorbeigeht, ich komme, Leibchen. Wenn ich dann in Ihre Zelle trete, wissen Sie Bescheid. Dieses eine Mal sehn wir beide uns noch.“ III Den Entschluß, sich seiner Frau zu entledigen, hatte Leibchen von einem Tag auf den andern gefaßt, vor nunmehr über einem Jahr. Sein Antiquitätenhändler hatte ihm eine Tabatiere angeboten, die angeblich aus dem Besitz Friedrichs II. stammte. Den kleinen kunstvoll ge- arbeiteten Gegenstand hatte die Hand des großen Preu- ßenkönigs berührt und geadelt, und damit war sein Wert für Leibchen ins unermeßliche gestiegen. Das hatte ihn. zum Kauf bewogen. Abends, inmitten der alten Möbel, bei einer Flasche Murfatlar, den Steffi am liebsten trank, kredenzte er ihr das kostbare Stück mit stolzem Kommentar. Statt sich jedoch mit ihm zu freuen oder wenigstens Verständnis für seine Freude zu zeigen, erklärte sie, ohne auch nur mit einem Wort auf die Anschaffung einzugehn, sie wol- le nicht mehr mit ihm leben. Noch hatte er sich von dem Schlage nicht erholt, da begriff er schon, daß diese Er- öffnung nicht einem plötzlich aufgekommenen Unmut 259
  • entsprang, sondern Steffis festem Willen. Jede ihrer Be- gründungen traf ihn wie ein gezielter brutaler Hieb; Sie könne dieses Leben nicht länger ertragen, dieses sterile, trostlose Dahinvegetieren in der Gesellschaft von Ratten, das nun schon mehr als zwanzig Jahre währe; sie habe dieses Höhlenmenschendasein satt, das zwischen Woh- nung und Rattenbaracke hin- und herpendelte wie der Perpendikel einer alten Uhr, die bald stehenbleibt. Sie könne einfach nicht mehr. Sie sei am Ende. Sie habe zu ihm gehalten bis an die Grenze ihrer Kraft, und damit schon habe sie ihm ein Opfer gebracht, zu dem sie durch nichts verpflichtet war, habe sie doch erst nach dem Kriege von ihm erfahren, warum sie den Namen Zinn annehmen und untertauchen mußten. Ahnungslos sei sie gewesen und so vertrauensselig in ihrer Liebe zu ihm, wie es eben nur ein Ding von siebzehn Jahren sein kann, das über den Horizont von Tisch und Bett nicht hinaus- blickt, und so habe sie ihm blind geglaubt, daß er im La- ger Jawigor renitente Elemente umerzöge, indem er sie zu tüchtiger Arbeit anhielt, und da sie nie in Jawigor war, sei ihr nie der Verdacht gekommen, es könnte dort nicht geheuer zugehn, und welche furchtbaren Zustände in sol- chen Lagern herrschten, sei ihr ohnehin erst nach dem Krieg bekannt geworden. Selbst als er ihr am Tag der Kapitulation die falschen Papiere aushändigte und die auf den Namen Leibchen verbrannte, habe sie darin nicht mehr als eine Vorsichtsmaßnahme gesehn und diese gut- geheißen, denn sie wollte nicht, daß ihr Mann an die Wand gestellt wurde, und er hatte ihr ja eingeredet, sie würden jeden SS-Offizier an die Wand stellen. Also durf- ten sie seiner nicht habhaft werden, und so wurde aus Ingrid Leibchen eine Steffi Zinn. Später erst, als sie zu zweifeln anfing, weil doch nicht jeder SS-Offizier er- 260
  • schossen worden war und ehemalige SS-Männer sogar in Betrieben arbeiteten wie andre Arbeiter auch, selbst unter der sowjetischen Besatzungsmacht, habe er ihr gestan- den, daß er in Jawigor einmal einen aufsässigen Lagerin- sassen habe erschießen müssen, zwar einen einzigen nur und unter Befehlszwang, aber dummerweise sei der auch noch Jude gewesen, und in dieser Frage kannten die heu- te keinen Pardon, da fackelten sie nicht lange, da schrien die gleich Mord, auch wenn es eine rechtmäßige Exeku- tion war, nur sei heute eben, was damals als rechtmäßig galt, eine fürchterliche Bürde für einen, ein todeswürdi- ges Verbrechen gewissermaßen – als er ihr das gestand, habe sie ihm immer noch geglaubt, vielleicht weil sie es so wollte, weil es so leichter für sie war. Der Gedanke, sich von ihm zu trennen, sei ihr damals jedenfalls nicht gekommen, denn damals hatte sie ihn noch geliebt. Freilich, er habe ihr angst gemacht, sie würden auch sie vor den Richter zerren, kämen sie einmal hinter seine wahre Identität, sei sie doch inzwischen zur Mitwisserin geworden, abgesehen davon, daß ihr ihre einstige Unwis- senheit heute sowieso keiner abnehmen würde; und er habe es verstanden, diese Angst in ihr wachzuhalten und ständig zu schüren, und getan habe er das nur, um sie an sich zu ketten, ihr Selbstbewußtsein so weit auszulö- schen, wie menschliches Selbstbewußtsein ausgelöscht werden kann, bis auf jenen minimalen Rest, auf dem kei- ne Selbständigkeit mehr gedeiht. Sie sollte vergessen, daß sie einmal Ingrid Leibchen war. Sie sollte es nicht mehr wissen. Sie sollte es nie gewußt haben. Um sie da- für empfänglicher zu machen, habe er diese grauenhafte Gefangenschaft ersonnen, die seit zwei Jahrzehnten ihr Leben war, dieses hermetische Abgeschlossensein von der Außenwelt mit den jämmerlich kargen Pausen für die 261
  • Verrichtung der Notdurft, jawohl, der Notdurft des Einho- lens, der flüchtigen Gespräche mit den Abnehmern ihrer scheußlichen Produktion, des Zumfriseurgehens einmal im Monat. Nichts sonst. Die Welt nur übers Fernsehen, die vor der Haustür nur durchs Lokalblatt. Kein Theater, kein Restaurant, keine See und keine Berge im Urlaub, reich- lich Geld, gewiß, und als Trostpflaster eine luxuriös aus- gestattete Wohnung, in der sie behaglich verwelken konn- te. Auch Autopartien dann und wann, doch nie in einer fremden Stadt übernachten, im Hotel könnte ja einer sein, der Egon Leibchen kannte und in Carl August Zinn wie- dererkennt, ja, nicht einmal den Wagen verlassen in beleb- ter Gegend, um sich die Füße zu vertreten, sondern nur in menschenferner Einöde, auf abgelegenen Waldschneisen, auf weithin überschaubaren Feldern, und nach dem Auf- zehren der Marschverpflegung wieder heimwärts ins Pri- vatkazet, jawohl, ins komfortable, zugegeben, mit Haupt- lager und Außenstelle, Schlaraffiamatratzen dort statt ro- her Bretterverschläge zum Schlafen und Murfatlar und Krabbencocktails zum ersten Frühstück und getrüffelte Gänseleber aus dem Havannaladen und was für Geld noch so zu haben ist, und alles ins Odeur großer kriegerischer Namen getaucht, Napoleons zum Beispiel oder dieses welken, buckligen Alten Fritzen, an dessen Seite ein Weib vermutlich auch langsam vertrocknen konnte, ohne daß der es bemerkte. Und im Außenlager ebenfalls alles tipp- topp, auf Hochglanz poliert, hygienisch zum Fußbodenab- lecken und selbstverständlich auf hohem technischem Stand, mit Fließbandfütterung und mechanischer Entmis- tung, alles hinter Glas, sicher eine Freude für einen, der daneben noch lebte, aber das hatte sie eben nicht. Dieses Unleben also werde sie nicht mehr weiterfüh- ren, sie könne es einfach nicht länger ertragen, und alle 262
  • seine Durchhalteparolen würden daran nichts ändern. Denn trotz dieser fast vollkommenen Isolation, in der er sie gehalten habe, habe sie nicht im luftleeren Raum ge- lebt, nicht in Friedhofsstille, er hätte sie denn einsperren müssen in diesen Wänden, hätte die Fenster vermauern müssen, wieviel Außenwelt dringt allein durch so ein Fenster ein, hätte das Fernsehgerät und das Radio zer- trümmern müssen, denn die durchbrechen jeden Wall des Schweigens und informieren auch den, der nichts erfah- ren soll, und wie hungrig machen die auf das Leben da draußen! Die Angst habe sie ihr Los zwar jahrelang er- dulden lassen, aber was sich in ihr dagegen aufgelehnt habe, sei immer stärker geworden, von jedem Gang vor die Tür sei sie anders wiedergekommen, als habe sie fri- sche Luft geatmet, und wie sie früher die Leute mied, habe sie diese in letzter Zeit gesucht, habe Gespräche angeknüpft beim Friseur, im Schlächterladen, sogar auf der Straße, und jedesmal habe sie das Gefühl gehabt, sie könne nun tiefer durchatmen, das Leben sei anders, und dort, eben dort, wo es so anders war, sei es wirklich und lebenswert, und das habe sie nach und nach verwandelt, so sehr verwandelt, daß sie an ihre Angst jetzt nur noch denke wie an einen vergangenen Alptraum, einen dum- men Aberglauben. So also sah das Ende aus. Das war Steffis Lossagung von ihm. Und obwohl er sie in mancher depressiven Stunde schon bedacht und einkalkuliert hatte, denn er hatte alles einkalkuliert, selbst Steffis Abfall, selbst sei- nen Untergang durch ihren Verrat, nun, da sie erfolgt war, die Lossagung, und er sie hinnehmen mußte, traf sie ihn mit der Wucht eines Todesurteils. Er war so ratlos, daß er nicht reagieren konnte. Er konnte nicht einmal klar denken. 263
  • Wie war das möglich, daß ein so duldsames Wesen plötzlich derartig aufbegehrte? Was war das für ein Geist, der diesen Ausbruch aufrührerischer Gefühle in ihr ausgelöst hatte? Wer hatte ihr Denken vergiftet? Privat- kazet hatte sie diese herrliche Wohnung genannt, die er für sie geschaffen hatte. Das war doch glatter Hohn, Hohn und Drohung zugleich! Du kannst nichts dagegen tun, Freundchen, wenn ich deiner Gefangenschaft ent- fliehe, wenn ich mich nicht mehr von dir auf Außen- kommando treiben lasse in deine scheußliche Rattenba- racke … Er verstand doch noch deutsch! Das war mehr als ein Ausbruchsversuch, war Gesinnungswandel, war nicht nur Lossagung von ihm, Egon Leibchen, sondern seine moralische Verurteilung. Das war die nackte Rebel- lion. Und Leibchen, obwohl er nie ein Gefecht mitgemacht hatte, fühlte sich plötzlich in der Lage jener Kameraden, die bei der Partisanenbekämpfung in einen Hinterhalt geraten waren und dem Feind unverhofft gegenüberstan- den, Aug in Auge, dem gerüsteten, vorbereiteten, uner- schrockenen Feind. Nun stand auch er dem Feind gegen- über, Aug in Auge. Sein Feind hatte ihn in einen Hinter- halt gelockt und zugeschlagen, ohne Erbarmen. Wehe dem Heckenschützen, der ihnen damals in die Hände fiel, wehe dem Flintenweib! Und was war Steffi andres jetzt? Auch sie war gerüstet, gewiß, und fühlte sich vermutlich sehr stark, sehr überlegen. Nur hatte sie dabei eins nicht bedacht: Noch war sie ja in seiner Hand, noch war nichts entschieden. „Ist es ein Mann?“ fragte er. „Ich glaube, du hast mich nicht verstanden“, sagte sie. Sie sah ihm in die Augen und sagte fest: „Nein, es ist kein Mann. Darum geht es mir nicht.“ 264
  • „Aber manchmal hast du dich beklagt, ich würde dich … vernachlässigen, um nicht dieses ekelhafte Fremdwort zu gebrauchen. Ist das der Grund?“ „Der Sex?“ Sie sah ihn wieder an, doch fand er keinen Spott in ihrem Blick. „Damit habe ich mich abgefunden, seit du über fünfzig bist, und außerdem, in dem Alter tanzen nur wenige ausdauernd auf zwei Hochzeiten.“ „Du meinst die Sache mit dieser Hedda. Die hast du mir also immer noch nicht verziehn?“ „Ich messe ihr keinen Wert mehr bei, genügt dir das nicht? Vergangen ist vergangen, wenn auch nicht ver- gessen.“ „Du weißt, ich habe ihr sofort den Laufpaß gegeben.“ „Ja, nachdem ich dahintergekommen war.“ Sie lächelte. „Reden wir nicht mehr davon.“ „Eine Frau stellt sich hinter einem Fehltritt immer gleich wer weiß was vor“, sagte er. „Aber es war mein einziger in all den Jahren. Du solltest in dem Punkt also etwas Milde walten lassen.“ „Das habe ich doch. Sonst wäre ich schon damals von dir weggegangen.“ „Wenn es auch das nicht ist, was ist es dann?“ sagte er. „Ich würde dir ja Verständnis entgegenbringen, wenn ich dich nur begreifen könnte. Ich hab’ dir jeden Wunsch er- füllt, freilich in dem begrenzten Rahmen, in dem wir unser Leben führen mußten. Aber da du nie andre Wünsche hat- test, dachte ich, du seist zufrieden. Nun sagst du mir auf einmal, der Rahmen sei dir zu eng. Schön, dann werden wir ihn erweitern. Die Gefahr, daß ich erkannt werden könnte, ist mit den Jahren ohnedies immer geringer ge- worden. Heute ist sie nur noch minimal, morgen vielleicht gleich Null. Und dann beginnen wir beide aus dem vollen zu leben, wirst mal sehn, wie der Herrgott in Frankreich.“ 265
  • „Ich will nicht wie der Herrgott in Frankreich leben“, antwortete sie. „Ich will ein ganz normales Leben unter normalen Menschen führen, mehr nicht. Ich will einfach menschlich leben, verstehst du, und das heißt frei.“ Sie sah ihm in die Augen. „Weißt du überhaupt, was das ist? Hast du das jemals gewußt?“ Er stützte die Stirn in die Hände. Er sagte: „Wenn ich’s einmal gewußt haben sollte, ich hab’s vergessen, Steffi. Ich hab’s vergessen müssen.“ „Machen wir uns doch nichts vor, Carl. Wir sind nie frei gewesen. Ich nicht, du nicht, du noch viel weniger. Du und alle deine Kameraden nicht. Ihr habt zwar viel davon geredet – der Hungernde redet auch gern vom Essen –, ihr habt sogar davon gesungen – Nur der Freiheit gehört un- ser Leben …, aber ihr habt etwas ganz andres gemeint. Ich habe viel über uns nachgedacht, damals nicht, da war ich noch zu dumm dazu, aber in den letzten Jahren.“ Sie schüttelte den Kopf, als bemitleidete sie ihn. „Du kannst mich nicht verstehn, Carl. Du kannst es einfach nicht.“ Seine Lippen zuckten, als kämpfte er mit einem Schluchzen; er preßte sie aufeinander, als könnte er nur mit Gewalt Fassung bewahren über der bitteren Einsicht, wie arm und leer sein Leben gewesen war, ein Sklaven- dasein von Anbeginn, er, ein Unfreier selbst damals, als ihm bescheinigt ward, daß er ein Herrenmensch sei. Aber das sah nur so aus. Innerlich lächelte er. Er lächelte in einem Hochmut, der ihm das Herz wärmte; er lächelte über Steffis Naivität, ihre Unwissenheit, ihre Ahnungslo- sigkeit. Und weil er dieses Lächeln vor sich verbergen mußte, zuckten seine Lippen. Wie wenig sie von ihm wußte, wie schlecht sie ihn kannte! Er sollte sie nicht verstehen können? Er sollte nicht wissen, was es bedeutet, sich frei zu fühlen? Hatte sie 266
  • denn so rasch vergessen? Er würde noch in zwanzig Jah- ren davon zehren! Ein Gedanke nur, und der Brücken- schlag war getan, der die Ferne zweier Jahre zusammen- schmelzen ließ zu einem einzigen gegenwärtigen Augen- blick, in dem alles Gestalt annahm, körperlich, greifbar, nicht nur das Zimmer, das Bett mit den jugendlichen Gliedern auf dem weißen Laken, auch sein Gefühl, sein Geschlecht und der unbeschreibliche Triumph, über sich selber gesiegt zu haben, die eiserne Selbstzucht durch- brochen zu haben, es endlich einmal gewagt zu haben … Damals, allein unterwegs, eine Wagenpanne hatte ihn aufgehalten, irgendein abgelegenes Nest, wo schon alles dichtgemacht war, auch die Autowerkstatt, die einzige weit und breit, und der Chef flattre immer aus übers Wo- chenende, da werde er wohl lange klopfen können, es sei denn, die Tochter wäre da. Und sie war da und gar nicht unwillig, als sie seine verschmierten Hände sah, mit de- nen er die Benzinzufuhr geprüft hatte und irgendwie hilf- los vor ihr stand, gleichsam mit erhobenen Händen: Hier begehrt einer Einlaß, der dir auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist …, da war sofort ein Funke übergesprun- gen zwischen ihnen, obwohl er gut und gerne ihr Vater hätte sein können; er hatte den Funken gespürt, und sie hatte ihn gespürt, und da er schon ölverschmiert war, hat- te er sich erboten, die Benzinpumpe, falls sich in der Werkstatt jetzt noch eine fände, selber einzubauen, damit sie sich nicht schmutzig mache so nach Feierabend, und sie hatte gelacht und gesagt, es wär’ schon so manches am Lager, und er könnte ja, wenn er viel Zeit habe, ge- meinsam mit ihr suchen und Autoschlosser spielen und sich nachher auch noch gratis waschen. Und als der Mo- tor wieder lief – ja, warum war er da nicht schleunigst aufgebrochen und auf Nimmerwiedersehn verschwunden? 267
  • Warum hatte er sich nicht mit dem kalten Werkstattwas- ser begnügt, sondern ihr Angebot angenommen, sich doch unterm heißen Hahn im Badezimmer zu waschen? Und als sie bedauerte, nichts zu trinken im Hause zu ha- ben, warum hatte er da alle Vorsicht außer acht gelassen und wie selbstverständlich gefragt, wo er noch etwas auf- treiben könnte, und warum war er in die einzige Kneipe gegangen, wo vielleicht einer saß, der ihn wiedererkann- te? Als er eintrat, hatten alle aufgeblickt und ihn ange- starrt, weil dieses Nest wohl nicht oft fremde Gesichter sah. Zugegeben, die abschätzenden Blicke hatten ihn er- schreckt, aufgeweckt hatten sie ihn aus seinem Gefühl der Freiheit, das ihn plötzlich gepackt und verwandelt hatte und das er nun nicht mehr missen wollte, selbst ums Risiko hoher Selbstgefährdung nicht, und so hatte er denn Weinbrand und Sekt gekauft von der besten Sorte und war zurückgekehrt zu Hedda. Warum? Weil er in dieser Stun- de ahnte, was es bedeutet, frei zu sein, weil er sie ge- schmeckt hatte, die Freiheit, die für ihn bislang eine un- faßliche ferne Sehnsucht gewesen war, und hernach, bei Hedda dann, hatte er sie genossen und alles vergessen, nicht nur Steffi, sich selber sogar. Aber von jener Nacht an hatte er noch grausamer unter dem Leben gelitten, das er sich auferlegt hatte, das er sich hatte auferlegen müssen, nur hatte er Steffi davon nie etwas sagen dürfen … „Du mußt mich doch hassen“, sagte er. „Ich hasse dich nicht“, sagte sie. „Ich kann nur so nicht länger leben.“ „Weil du mich verachtest.“ „Warum sollte ich dich verachten?“ fragte sie erstaunt. „Weil ich mich verkriechen muß. Weil ich nicht wie jeder Scheißer überall hingehn und den Kopf hoch erho- ben tragen kann.“ 268
  • „Deshalb sollte ich den Mann, den ich einmal geliebt habe, verachten? Weil er sich nicht hinstellt und schreit: Verurteilt mich, ich habe im Krieg einen Menschen getö- tet? Wer ging denn von sich aus hin und hat gesagt: Ich habe das und das getan, und verzichtete damit auf sein Leben? Mir ist kein solcher Fall bekannt.“ „Aber du liebst mich nicht mehr“, sagte er. „ ‚Den Mann, den ich einmal geliebt habe’, das war deutlich, Steffi, das habe ich nicht überhört. Du liebst mich nicht mehr.“ „Jeder Traum endet beim Erwachen“, sagte sie mit ei- nem bitteren Zug um den Mund. „Du hast dafür gesorgt, Carl, daß ich aufgewacht bin, du hast mit dieser Hedda dafür gesorgt. Und nun fragst du mich, ob ich dich noch liebe? Aber vielleicht brauchst du die Illusionen, um le- ben zu können. Ich brauche sie nicht, ich will sie nicht mehr, nicht die der Liebe, nicht die der Hoffnung. Ich will wirklich leben, kannst du das denn nicht verstehn? Oder wirklich leben. Es läuft auf dasselbe hinaus. Des- halb werde ich mir eine Arbeit suchen, vielleicht in ei- nem Labor, ja, in einem Labor. Ich habe deswegen schon mit dem Blondschopf gesprochen, der bei uns immer die Ratten abholt, und er hat mir zugeredet. Sei mir nicht böse, daß ich’s hinter deinem Rücken getan habe. Ich hab’ ihn ja nur gefragt.“ „Willst du dich scheiden lassen?“ fragte er. „Ich weiß nicht“, sagte sie. „Ich habe schon darüber nachgedacht, aber ich weiß es nicht. Wir könnten ge- trennt leben, wenn du einwilligen würdest. Du würdest die Rattenzucht weiter betreiben und ich irgendwo arbei- ten. Das müßte doch gehn.“ „Und wo willst du wohnen?“ „Ich werde mir ein Zimmer suchen.“ 269
  • „Ach“, sagte er, „du willst also vollständig mit mir brechen?“ „Ich will nicht mit dir brechen“, sagte sie. „Ich will nur fort, nicht so sehr von dir als aus diesem Leben. Ich habe mehr als zwanzig Jahre zu dir gehalten wegen eines Toten, zwanzig Jahre meines Lebens für dich wegen ei- nes Toten, den du zu verantworten hast. Ich bin jetzt vierundvierzig, Carl, und ich bin eine Frau.“ „Meinst du, dadurch wirst du den Toten los?“ sagte er. „Ich habe ihn zu verantworten, mag sein. Aber du weißt von ihm seit zwanzig Jahren, und damit ist er ebenso dein Toter wie meiner. Er bindet uns mehr als alles andre.“ „Das habe ich lange genug geglaubt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Heute begreife ich mich selbst nicht mehr.“ Sie sah ihm fest in die Augen. „Für mich, Carl, gibt es keinen Toten. Für mich hat es nie einen gegeben.“ „Das hilft nichts, meine Liebe“, sagte er. „Das redest du dir ein mit dem Verstand, aber mit dem Verstand kannst du nichts gegen die Erinnerung tun. Die kommt, wann sie will, kommt immer wieder, und deshalb ist es sinnlos, sich so was einzureden. Ich hätte wer weiß was dafür gegeben, hätte mir einer gesagt, wie man es anstel- len muß, um das Gedächtnis zu verlieren. Du kannst dir eine Niere entfernen lassen, eine Lunge, Arme oder Bei- ne, sogar den Magen, von dem du doch nur einen hast, und lebst weiter; nur das Gedächtnis nicht, das nimmt dir keiner ab, das wirst du nicht los, obwohl du ohne es viel ruhiger leben könntest. Das Unnützeste, was ich mir den- ken kann, ausgerechnet das wird man nicht los, noch je- denfalls nicht. Vielleicht, wenn sie in der Hirntransplan- tation Fortschritte machen, daß du dir dann mit einem fremden Hirn ein andres Gedächtnis einpflanzen lassen kannst; dann könntest du sagen, daß es für dich diesen 270
  • Toten nicht gibt und nie gegeben hat, nur dann. Fragt sich bloß, ob du das Risiko eingehn würdest.“ Er muster- te sie abschätzend und verzog den Mund. „Um die Erin- nerung an einen Toten loszuwerden, würdest du dich da- für auf einen Operationstisch legen, an dem unter Um- ständen der Tod selber hantiert? Ich schon. Und nähme mein Organismus das fremde Hirn nicht an, dann wär’ ich eben hin und meinen Toten endlich los. Aber du hast vorhin nicht umsonst gesagt, du seist jetzt vierundvierzig und eine Frau. Ich hab’ schon verstanden, wie du das gemeint hast. Du bist erst vierundvierzig, nicht wahr, und wenn eine Frau das so sagt und noch betont, daß sie eine Frau sei, dann muß ihr Mann sich doch fragen, ob sie nicht weitergehn will als nur weg von ihm, wohin sie gehn will oder besser zu wem? Das muß der sich dann doch fragen. Und wenn er nicht von allen guten Geistern verlassen ist, wird ihm die Antwort nicht schwerfallen. Du wirst also eines Tags einen Mann kennenlernen, wirst mit ihm ins Bett steigen – bitte, laß mich ausreden –, und wenn ihr euch dann miteinander vergnügt und du dabei vergißt, daß es ein andrer, ein ganz andrer ist, und du kennst dich ja selbst in deiner Hingabe, wie du da von Sinnen bist, und wenn in dem Augenblick die Erinnerung wiederkommt …“ Sie sagte mit einem Zucken um die Mundwinkel, das ihn wie Verachtung berührte: „Du hast also Angst, daß ich dich verraten könnte.“ „Unsinn“, sagte er schroff. „Du würdest dir den Kopf aufmeißeln und ein fremdes Hirn einpflanzen lassen, mit dem du vielleicht keine Stunde lang lebst, vorausgesetzt, daß du den Eingriff überstehst. Trotzdem würdest du dazu bereit sein. Aber du hast Angst, ich könnte dich verraten.“ 271
  • Am liebsten hätte er laut geflucht. Wie hatte er nur so viel quatschen können, so ungereimt quatschen! „Nicht mich“, sagte er, um den Fehler wettzumachen, „sondern dich. Du könntest dich verplappern, mein’ ich, ohne jede Absicht, nur so, wenn er dich – ich meine – im Bett …“ „Weil ich im Bett ja immer so viel plappere, nicht wahr, vor allem von damals. Weil ich dabei ja an nichts andres denke, als daß da irgendwo die Asche eines Toten liegt, den ich nie gesehen habe, weder als Toten noch als Lebenden, den ich mir also gar nicht vorstellen kann, von dem ich gar nichts wüßte ohne dich.“ „Entschuldige“, sagte er und tastete nach ihrer Hand, „sei nicht böse, bitte. Ich glaube, ich …“, er lächelte kläglich, „du hast mich ganz durcheinandergebracht … Ich weiß nicht, aber … der Gedanke, daß ein andrer dich … deinen bloßen Körper … mit seinen Händen und allem …“ Er blickte sie mit einfältigem Ausdruck an. „Ob man in meinem Alter noch eifersüchtig sein kann?“ „Deiner dummen Bemerkung nach, ja“, antwortete sie. „Das geht beides miteinander einher.“ „So, meinst du“, sagte er. „Dann … bin ich also eifer- süchtig?“ Sie schwieg. „Eifersüchtig, ich, hm …“ Er schien es nicht zu fas- sen, noch nicht zu glauben. Aber nun lächelte er nicht mehr kläglich, nun lächelte er anders; er schmunzelte über sich selbst. Plötzlich riß er die Augen auf, sah sie an und sagte: „Wär’s ein Wunder?“ Auch jetzt sagte sie nichts. „Nun kannst du mich auslachen, wenn du willst“, sagte er. „Auslachen?“ 272
  • „Nun ja“, sagte er, verlegen in sein Weinglas starrend. „So ein alter Knabe wie ich, wirkt der nicht komisch, wenn er seine Eifersucht zeigt? Oder findest du, das paßt zu ihm?“ „Zu jedem sicher nicht“, sagte sie. „Ah, nicht zu jedem. Und zu mir?“ „Laß das doch jetzt“, sagte sie. „Dein Glas ist ja leer“, stellte er fest, und während er ihr eingoß, entschuldigte er sich für seine Unaufmerk- samkeit. „Schau nur, wie mir die Hand zittert. Da kannst du mal sehn …“ „Danke“, sagte sie. „Dieses Glas trinke ich auf dein Wohl“, sagte er und hob es ihr entgegen. „Auf dein Wohl und deine Wünsche …“ Sie lächelte. „Vielleicht ist man sich des andern einfach zu sicher, wenn man so lange mit ihm gemeinsam gelebt hat“, sagte er nachdenklich. „Man hat sich an ihn gewöhnt wie … wie an den Schlag des eignen Herzens, dessen man sich ja auch nicht ständig bewußt ist, man nimmt ihn eigent- lich nur wahr, wenn das Herz plötzlich rast oder schmerzt. Vielleicht ist das auch hier so. Man weiß, der andre ist da, und alles ist gut. Man lebt aus der Erfah- rung, daß er immer da war, und denkt, es müsse immer so bleiben. Und wenn man dann gesagt bekommt, daß man sich an eine Illusion geklammert hat, da spürt man das Herz auf einmal so heftig, als ob es zerreißt.“ Das waren die richtigen Worte, das war der Ton, auf den sie eingestimmt war! Er bemerkte ihre Verwirrung, ihre Unsicherheit. Jetzt ruhten ihre Augen mit einem an- dern Ausdruck auf ihm, und ihr zusammengepreßter Mund war ohne Härte. Da befahl er sich: Bleibe nach- giebig, zeige dich noch einsichtiger, füge dich in den 273
  • Verzicht, aber tu’s geschickt, mit Gefühl, auch wenn dir die Überwindung viel, viel Kraft abverlangt; beweise ihr, daß du zu einem Opfer bereit bist, weil dein Uneigennutz deine wahrhafteste, edelste Tugend ist! Und er nahm ihre Hand und betrachtete sie und sagte ergriffen und mit Wärme, als spräche er zu dieser Hand: „Ich hab’ doch nur für dich gelebt, Steffi, und wenn du dich von mir abwendest, wozu sollte ich dann weiterle- ben? Nur um zu überleben?“ Er schürzte die, Lippen. „Überleben wollte ich nie. Ich wollte immer nur leben für dich, nur für dich konnte mir das Leben nicht lang genug sein. Nun willst du also gehn. Gut, dann geh. Ich verstehe dich. Ich erwarte keine Dankbarkeit von dir, weil ich für dich gelebt habe, nur für dich. Ich muß dir dankbar sein, daß du mich so lange hast für dich leben lassen, denn du gabst meinem Leben damit einen Sinn. Als es für mich sinnlos geworden war, hast du ihm einen Sinn gegeben. Dafür dank’ ich dir. Aber jeder Mensch muß sein eignes Leben führen. Ich bin kein Tyrann, der andern seinen Willen aufzwingt. Ich bin nie ein Tyrann gewesen, auch in Jawigor nicht. Also geh, meine Liebste, wenn du meinst, daß du gehen mußt.“ Er liebkoste ihre Hand, beugte sich über sie, als wollte er sich vor ihr verneigen, und küßte sie mit einer sanften Berührung der Lippen. „Und wenn mein Leben dadurch seinen einzigen Sinn verliert, das soll dich nicht halten, um keinen Preis in der Welt soll dich das halten. Ich habe doch immer nur ge- wollt, daß du glücklich bist.“ Er riß sich los von ihrer Hand, richtete sich auf und sagte entschlossen: „Sollen sie mich ruhig hängen! Der Tod verliert seinen Schre- cken in einem leeren, verödeten, zwecklosen Leben. Ich, ich selbst werde hingehen zu ihnen und ihnen sagen: Nehmt mich, wie ich bin, und macht mit mir, was ihr 274
  • wollt, Egon Leibchen hättet ihr nie bekommen, nie! Aber Egon Leibchen will nicht mehr, und deshalb sollt ihr ihn haben.“ Er rief: „Ich werde der erste und einzige sein, der es aus freien Stücken tut!“ „Um Gottes willen, schrei deinen Namen nicht so laut!“ sagte sie erschrocken. „Egon …“, sie verbesserte sich sofort, „Carl …!“ Sein Gesicht begann zu zucken, die Augen weiteten sich, als sähe er den Galgen schon errichtet. Doch er sah keinen Galgen, denn den würde es nie für ihn ge- ben. Er sah nur sie, Steffi, wie sie da am Tisch saß; aus den Augenwinkeln beobachtete er sie, die Ketzerin, die den Abfall plante, die Abtrünnige, deren Fuß schon zuckte, den Weg des Verrats zu beschreiten. Sogar den Wunsch, mit andern Männern geschlechtlich zu ver- kehren, hatte sie gestanden! Denn hatte sie etwa er- klärt, sie werde sich keinem andern hingeben? Nicht plappern werde sie, wenn einer sich mit ihr vereinigt, das hatte sie gesagt, hatte sich also schon darauf einge- stellt, hatte es in der Phantasie womöglich schon durchexerziert und lechzte nun danach, daß es vollzogen werde! Und wenn es geschah, was dann? Da genügte mitunter ein Wort, gar nicht verräterisch gemeint, nur leichtfertig hingeplaudert – „Früher gab’s Leute“, etwa, „die haben ihren Meisterbrief verkauft; ich weiß das von meinem ehemaligen Mann, der hatte auch so einen“ –, und schon war etwas an den Tag gebracht, was die Lawine auslösen konnte, die Egon Leibchen unter sich begrub! – Im Augenblick freilich sah sie aus, als reute ihre Auf- lehnung sie bereits. Darauf war sie nicht gefaßt gewesen, daß er, ginge sie von ihm, ebenfalls gehn würde, hingehn zu denen, die nur darauf warteten, ihn in die Mangel zu bekommen! Diese Androhung hatte sie aus dem Gleis 275
  • geworfen, soviel Unerschrockenheit und Todesverach- tung hatte sie ihm nicht zugetraut. Genial, wie er sein Leben in ihre Hand gelegt hatte! Dieser Last war sie nicht gewachsen, vor solcher Verantwortung brach sie in die Knie! Wie nervös sie an dem Flaschenkorken herum- krümelte, wie spröde auf einmal ihre Lippen waren vor innerer Hitze! Die rührte von der Angst her, auch sie könnte, machte sie es wahr, sich damit einen Toten auf- halsen, der ganz und gar ihr eigner Toter sein und bleiben würde bis an ihr Lebensende. Das wollte sie nicht, sollte ihr Abfall sie doch von jenem einen Toten befreien, der für sie gar nicht wirklich war. Nun sollte sie einen wirk- lichen dafür eintauschen und nicht einen beliebigen, son- dern ihn, ihren Mann? Aus dem Holz war sie nicht ge- schnitzt! – Reut es dich sehr? Sinnst du schon auf Rückzug? Sin- ne nur, es gibt keinen Rückzug vom Verrat! Auch wer Verrat nur denkt, hat ihn verübt. Verrat ist keine Tat, Verrat ist eine Geisteshaltung. Du trägst den Geist des Verrats in dir wie eine Schwangere die Leibesfrucht, die unaufhaltsam wächst, bis sie die Hülle sprengt und her- vorquillt, unaufhaltsam, auch gegen den Willen der Ge- bärenden. Und eines Tags, denn ich kann die Fenster nicht zumauern und die Apparate nicht zertrümmern und die unseligen Einflüsse von da draußen nicht abstellen wie eine Zeitung auf der Post, wirst du, ist diese verhee- rende Geistesfrucht zum Platzen reif, deinen Bastard ge- bären und nicht einmal wissen, daß du mich verrätst! Leibchens Blick fiel auf die Tabatiere, die frideriziani- sche, die unbeachtet auf dem Tische lag, und plötzlich war es ihm gegenwärtig, das alte Preußen, das große Preußen, das ruhmreiche Preußen. Mochte es verschüttet und vermodert sein unter dem Abfall der Jahrhunderte, 276
  • vergangen war es nicht, denn er fand es wieder im bei- nernen Glanz der goldgefaßten Dose, es war in diesem Zimmer, war um ihn, vor ihm lag’s, greifbar, keine Visi- on, das Land des Soldatenkönigs, der über den eignen Sohn, den späteren Großen Friedrich, das Todesurteil verhängte, weil der unbotmäßig geworden war, ungehor- sam gegenüber seinem König, seinem Vater. Und Leib- chen fragte sich: Ist ein Sohn nicht mehr als ein Weib? Und er antwortete: Ja. Aber der Preuße Friedrich Wilhelm, hatte der seinen Sohn nicht dann begnadigt? Nebbich, dachte Leibchen, was war dieses Preußen schon gegen unser Groß-Deutschland! In dieser Minute beschloß er, seine Frau zu töten. IV Nun ist sie bei ihrem Toten, die Steffi, von dem sie sich hat fortstehlen wollen wie ein Fahnenflüchtiger, der sich lieber unterm Rock einer Hure verkroch, als mit den Ka- meraden aus dem Graben zu steigen. Nun ist sie bei ihm, obwohl’s ein Dreck ihr Toter war, denn seiner war’s, sei- ner allein wie die andern Toten von Jawigor, und wär’ sie nicht so schlapp gewesen, so ohne Mumm und ange- krankt von dem scheißwahren Leben da draußen vor dem Fenster, sie hätte ihn lächelnd ertragen können. Aber nun ist es wirklich ihr Toter geworden, ganz der ihre, auf Tuchfühlung gleichsam, und vielleicht bedankt sie sich bei ihm dafür; denn wäre er nicht gewesen, sie könnte heute noch leben, sie, das Opfer des Toten von Jawigor. Leibchen bereut nichts. Auf Fahnenflucht stand der Tod. Auch ein Deserteur hat im Grunde nichts andres gewollt, als sein eignes Leben zu fristen, das anders als 277
  • das allen anbefohlene war, das ihm seine feige, eigen- süchtige Phantasie womöglich auch als das wahre, einzig lebenswerte vorgegaukelt hatte – und wie wurden die gehängt! Reihenweise zuletzt. Und hätte es in seinem Wachkommando einen Vaterlandsverräter gegeben, ei- genhändig hätte er den aufgeknüpft! Denn überall war Front, und wo er, Leibchen, ist, ist heute noch Front. Wo er ist, wird immer Front sein. Denn wo Leibchen ist, ist Jawigor. Wo Leibchen ist, gelten Jawigors Gesetze, und er war und bleibt ihr Vollstrecker. Nein, nun nicht mehr, nun sitzt er ja. Und er sitzt, weil er seine Sache zu gut gemacht hat. Weil ihm kein Fehler unterlief, deshalb haben sie ihn gekriegt. Das war sein Fehler, daß er jeden Fehler ver- mieden hat. Ein Fehler, ein winziger Fehler, hätte genügt, und er müßte jetzt nicht auf seine Todesstunde warten, könnte sich hier auf zehn, fünfzehn Jahre häuslich ein- richten und weiter warten, wie er gewartet hat, nicht auf sein Ende, sondern auf eine Wiedergeburt, auf die Wie- dergeburt, von der so mancher träumt, auf die so man- cher hofft, Lindstedt bestimmt, falls der sich durchschla- gen konnte nach Übersee oder sonstwohin, vielleicht auch bloß über den Harz; ist womöglich bei der HIAG dicke da oder mischt mit bei dem mit dem langen, aal- glatten Gesicht, kann die Geburtswehen am eignen Leibe spüren und hat sicher schon Ausschau gehalten auf Tref- fen, bei Aufmärschen, auf Kundgebungen nach alten Freunden aus Jawigor, nach ihm, Egon Leibchen. Auf die Wiedergeburt zu warten hätte sich schon verlohnt, wenn auch nicht allzuviel Hoffnung besteht, ehrlich gesagt, die Aussichten sind nicht mehr so rosig wie vor zwei, drei Jahren noch, na, und hier hat’s nie eine Aussicht gege- ben, keinen blassen Schimmer, die haben hier Tabula 278
  • rasa gemacht, und dichtgemacht haben sie auch, da wür- de sich Lindstedt bloß den Schädel einrammeln. Aber trotzdem könnte man auf die Wiedergeburt warten, ob sie kommt oder nicht, warten zum Zeitvertreib, aus Gründen der Hafterleichterung und weil der Mensch nun mal was braucht, woran er sich klammert. Aber der Zug ist weg, unwiderruflich, und er selber, Leibchen, hat ihn auf die Reise geschickt. Ihm bleiben nur noch – wieviel? – Sechsundsechzig, fünfundsechzig, vierundsechzig, ja, vierundsechzig Tage, falls sie auf den letzten Drücker kommen, also höchstens vierundsechzig. Das hat er nun von seinem Perfektionsfimmel, von der ihm eingetrichterten, eingetrimmten deutschen Gründ- lichkeit. Nichts übereilen, hatte er sich befohlen, kaltblü- tig, besonnen zu Werke gehn! Du hast es nicht nötig, wie ein Wilder mit der Axt im Walde zu wüten. Mögen sie Hinrichtungen improvisiert haben damals, besonders wenn ihnen der Iwan auf den Hacken war, du bereitest sie planmäßig vor wie ein Generalstäbler einen Angriff, und wie der seinen Feind täuscht, täuschst du deinen. Das war ihm nicht schwergefallen bei Steffi, zumal er sich auch im körperlichen Bereich nicht hatte lumpen lassen. Doch beinahe wäre alles schiefgegangen, denn einen Streit brauchte er, sonst konnte er seinen Plan in die Gos- se schmeißen, einen richtigen gutbürgerlichen Ehekrach, und für so was war Steffi nie zu haben gewesen. Wie er es trotzdem zuwege brachte, daß sie, die er seit jenem Abend mit ausgesuchter Betulichkeit umhegte, nicht nur mit ihm stritt, sondern ihn laut beschimpfte, das war eine Meisterleistung, die machte ihm so leicht keiner nach. So hatte er jeden möglichen Umstand erwogen, der die Ak- tion hätte gefährden können, ja, er hatte sogar eine nicht minder große Geduld aufgebracht wie dieser Lohm beim 279
  • Durchschnüffeln der Archive, denn um zur Tat zu schrei- ten, mußte er bis zum September warten, und das war eine verdammt lange Zeit, hatte er doch fünfeinhalb Mo- nate lang der ideale Ehemann zu sein. Steffi freilich hatte ihm das vergolten, hatte von ihrer Widerspenstigkeit Ab- stand genommen, wenn auch nur scheinbar sicherlich; denn ihm kann keiner weismachen, daß der Keim des Verrats je wieder aus einem Hirn zu tilgen ist. Dennoch war ihr Einlenken, selbst wenn’s nur ein Intermezzo war, unverzichtbar für ihn, sollte alles glatt verlaufen, und darum hatte er es bis zur Selbstverleugnung betrieben, ja, er hatte sich geradezu unterwürfig gebärdet. Aber es hat- te sich bezahlt gemacht. Vollkommen ahnungslos war sie mit ihm in den See gegangen. Deshalb, nur deshalb werden sie ihn in spätestens vierundsechzig Tagen an die Wand stellen, und wenn er die Abrechnung mit Steffi auch nicht bereut, so ver- wünscht er doch die Perfektion, mit der er sie vorge- nommen hat. Denn hätte er einen Fehler gemacht, einen einzigen Fehler nur, durch den dieser Spürhund Lohm ihn des Mordes überführt hätte, sie hätten ihm zehn oder fünfzehn Jahre verpaßt, vielleicht auch zwanzig; aber die Todesstrafe verhängen die nicht wegen eines kapitalen Eifersuchtsdelikts, dazu sind die viel zu welsch und menschlich. Sie hätten ihn abgeurteilt und fertig, und er hätte seine Jahre abgebrummt; aber nie wäre dieser Lohm auf die Idee gekommen, es könnte in Carl August Zinns Vergangenheit was zu finden sein, wofür die nur den Tod als Strafe kennen. Bitter ist so eine Erkenntnis, ach, bitter ist gar kein Ausdruck dafür! Dieser himmelschreiende idiotische und im Grunde doch lächerliche Widersinn, daß einer sein Leben einbüßt, weil er es hundertprozentig abgesichert 280
  • hat, ist ohne Beispiel. Für diesen Zustand, in dem er sich vor Wut und Enttäuschung selbst zerfleischen könnte, stückweis auffressen mit Genuß, hat die Sprache kein bezeichnendes Wort, jedenfalls ist ihm, Leibchen, keins bekannt. Es ist zum Heulen. Zumal er nicht weiß, warum dieser Lohm ihm auf die Schliche gekommen ist. Im Wagen, nach der Verhaftung, hatte er ihn danach gefragt; die Antwort war ein Lächeln – schmore du nur im Saft deiner Ungewißheit! Ob Steffi etwa? Nein, Steffi nicht, dazu war die nicht fähig. Ein unvorsichtiges Wort, stand sie nicht mehr un- ter seiner Kontrolle, hätte ihr vielleicht entschlüpfen können, aber eine gezielte Denunziation! Niemals! Au- ßerdem hätten die ihm dann nicht die Zeit gelassen, sie aus dem Wege zu räumen. Steffi schied aus. Blieb nur einer noch, der ihn kannte, aber auch der hat nicht gesun- gen, hatte ja gar keine Veranlassung dazu. Und hätte er’s getan, nur um einen mitzunehmen, so was gibt’s ja, sie wären selbigen Tags noch gekommen, ihn zu kassieren, und hätten nicht Monate verstreichen lassen. Also schied auch der aus. Und einen Dritten gab’s nicht. Es sei denn, es gibt einen, von dem er nichts weiß, denn auch von dem hatte er ja nichts gewußt, dessen Einladung er eines Abends unterm Türschlitz fand, hingekritzelt, kaum leser- lich der Text: Erwarte Sie morgen, Sonnabend, Rosen- buschweg 6, nach Anbruch der Dunkelheit zu kleinem Of- fiziersskat. Keine andern Gäste. Rechne fest mit Ihnen. L. Dieser mysteriöse Zettel hatte ihm vielleicht zu schaf- fen gemacht! Wer jahrelang jede Einladung ausschlägt, bekommt eines Tags keine mehr, und das war ja auch beabsichtigt gewesen. Sie, er und Steffi, wollten mög- lichst unbehelligt sein; Kontaktarmut bedeutete Sicher- heit, und Sicherheit war ihr oberstes Gebot. So hatten die 281
  • Leute, die das freundliche Ehepaar Zinn auch mal am eignen Tische haben wollten, bald auf diesen simplen Wunsch verzichtet, denn er und sie teilten ja doch nur Körbe aus, wenn auch mit tiefstem Bedauern, so daß es nie beleidigend wirkte (wie echt dieses Bedauern bei Steffi war, das weiß er nun). Da hatten sie dann bald Ru- he gehabt und sich schließlich gar nicht mehr vorstellen können, einer könnte auf die Idee verfallen, sie zu sich zu Gast zu bitten. Schon deshalb wirkte jene Einladung wie ein Pauken- schlag. Plötzlich, nach Jahren, war da einer, der ihn woll- te! Aber er wollte ihn ausdrücklich nach Anbruch der Dunkelheit und nicht zum Skat, was ohnehin seltsam ge- nug gewesen wäre, sondern zum Offiziersskat! Und vor- sorglich hatte der Einlader gleich mitgeteilt, es würden keine anderen Gäste zugegen sein, als ob er wüßte, daß Leibchen, der zu der Zeit ja noch Carl August Zinn war, fremde Menschen scheuen mußte! Und wer überhaupt verbarg sich hinter dem Buchstaben L.? Leibchen kannte keinen L. So intensiv er auch nachdachte, außer Lind- stedt fiel ihm keiner ein, und Lindstedt konnte es nicht sein, denn der, Erbhofbauernsohn, stammte aus Fries- land, hatte seine Eltern in Friesland und hätte nie die Tollheit aufgebracht, hier unterzutauchen, wo man ihn zwar am wenigsten vermuten, doch hängen würde, ent- larvte man ihn. Nein, Lindstedt war es nicht! Wer aber dann? Vielleicht einer, der ganz anders hieß, irgendein Meier oder Schulze, der ihn, Leibchen, kannte, der wuß- te, daß der Name Zinn nur eine Tarnung war und ihm das soufflieren wollte, indem er mit L. unterschrieb, dem Anfangsbuchstaben von Leibchen? Sollte das ein Wink mit dem Zaunpfahl sein? Hatte er darum so selbstgewiß, ja befehlerisch hingekritzelt: Ich rechne mit Ihnen? 282
  • Denn daß er etwas wissen mußte, ging schon aus dem Offiziersskat hervor! Da hatte er sich gesagt: Dieser L., mag er nun Meier oder Schulze heißen, vielleicht sogar Lehmann, dieser L. ist eine Tatsache, und Tatsachen verschwinden nicht da- durch, daß man vor ihnen die Augen verschließt. Wenn ich nicht hingehe, kommt er wieder, denn einmal war er ja schon da, hat mich nur nicht angetroffen. Also werde ich hingehen, morgen, nach Anbruch der Dunkelheit, und da werde ich ja sehn, was der unter einem Offiziersskat versteht … V Dieser Abend bei Lorras. Dieses Wiedersehn, die be- klemmende Kulisse, das Gespräch unter vier Augen. Und welches Unmaß an Selbstverleugnung! Er hatte Lorras nicht wiedererkannt. Nie und nimmer hätte er in dem gespenstischen Rest dieses Mannes Lor- ras wiedererkannt. Da war nichts mehr zum Wiederer- kennen. Als der ihm sagte, wer er war, stand Leibchen am Rande seiner Fassung. „Lorras?“ „Ja, Leibchen. Mehr ist davon nicht übriggeblieben. Nicht erfreulich der Anblick, wie? Krebs ist nun mal so.“ Leibchen betrachtete den ausgezehrten Mann mit einem Gefühl aus Rührung und Grauen. „Wenn du es nicht sel- ber sagtest … du hast jede Ähnlichkeit mit dir verloren.“ Lorras nickte. „Ich bin’s aber. Da!“ Er warf Leibchen den Personalausweis über den Tisch. „Unter deinem vollen Namen?“ Lorras, als teilte er eine Spielkarte aus, warf noch et- was über den Tisch. Es war in blaues Wachstuch einge- 283
  • schlagen, und Leibchen nahm es ahnungslos und sagte bestürzt: „Dein Soldbuch? Die Kennkarte von damals? Mann, bist du wahnsinnig? Wenn die das in die Hände kriegen …“ „Dann haben sie mich“, sagte Lorras, als setzte er ei- nen Punkt. „Das kann dich den Kopf kosten!“ „Kaum. Der Krebs arbeitet schneller. Das meiste hat er schon besorgt. Wenn er lange braucht, bis er restlos mit mir fertig ist, dann zwei, drei Monate noch. Aber so lange wart’ ich nicht mehr. Ich hab’s nun satt. Und au- ßerdem“, er zog die Oberlippe hoch, und Leibchen blick- te auf von Karies zerfressene Schneidezähne, „wär’s denn schade um so einen Kopf?“ „Du hast Nerven“, sagte Leibchen bewundernd. Er dachte: Auch einer, der schlappgemacht hat, auch so ein Scheißkerl. Er fügte hinzu: „Ich kenne keinen, der dieses Risiko eingegangen wär’. Hut ab, alle Achtung.“ Lorras steckte die Papiere wieder ein, wortlos. „Aber wem nützt ein verspäteter Heldentod?“ „Laß mich erst mal den Schnaps holen“, sagte Lorras. „Ich hab’ eine Flasche französischen Weinbrand gekauft, um dir was Gutes zu kredenzen. Wir haben uns ja ein halbes Menschenalter nicht gesehn, und wahrscheinlich wird’s auch bei diesem einen Male bleiben. Das ist dir doch recht?“ „Ich trinke kaum Alkohol“, sagte Leibchen. „Aber mit einem alten Kameraden ist das was andres“, er lächelte, „da ist’s mir schon recht – dieses eine Mal.“ Lorras grinste, dann sagte er: „Eigentlich darf ich ja nicht, vor allem keine scharfen Sachen. Jeder Schluck ein Spatenstich zum Grab, sagt mein Arzt.“ „Dann laß doch den Fusel.“ 284
  • „Es ist kein Fusel. Es ist französischer Brandy, die Flasche zu dreißig Emm. Das ist ein Vermögen für mich, mein Bester. Aber du sollst nicht sagen, ich hätte dich wie einen Hund bewirtet.“ Leibchen, als Lorras mit der Flasche kam, sagte: „Wenn es dir nichts ausmacht, stifte ich den Schnaps, als Mitbringe sozusagen. Ich hab’ ja nicht gewußt, wer mich, sonst hätte ich sowieso …“ Er fingerte einen Schein aus der Briefta- sche und legte ihn auf den Tisch, einen Hunderter. „Nimm ihn wieder“, sagte Lorras. „So ist es nicht, daß mir was fehlt.“ „Mir tut’s nicht weh“, sagte Leibchen, „aber du kannst ihn brauchen.“ „Was weißt du schon, was ich brauche“, sagte Lorras. „Wenn du denkst, was du siehst – Irrtum, mein Bester.“ Er schwenkte den Arm durch die Luft, als wollte er das Gerümpel im Zimmer Leibchen ins Blickfeld rücken. „Mach die Augen auf, schau ruhig richtig hin! Ich hab’s gern, wenn die Leute denken, so kann doch keiner leben. Ich seh’s ihnen an den Gesichtern an, wie schockiert sie sind, wie’s sie schaudert, wie’s ihnen hochkommt, auch dir, Leibchen. Genier dich nicht. Schau hin! Ja, das ist mein Milieu. So lebe ich, so und nicht anders. Angemes- sen leb’ ich, wie’s sich für mich gehört. So gehört sich’s für fünf Semester Humanmedizin, nicht Veterinär-, nein, Humanmedizin, falls dir das was sagt. Wie menschen- freundlich klingt das doch! Medizin für den Menschen, wie? Schon geirrt, haha. Medizin am Menschen hieß das beim …“ Er beugte sich Leibchen entgegen. „Der Name Raschbacher, sagt der dir noch was?“ „Raschbacher?“ „Stabsarzt Raschbacher, ja, experimentierte in Da- chau, so ’ne Art Intimus des Reichsheinis.“ 285
  • „Diese Dinge waren doch streng geheim“, sagte Leib- chen steif. „Ich ging ja dann auch bald weg von Dachau.“ „Ich ging auch“, sagte Lorras, „an die Front.“ „Ach.“ „Freiwillig. Hab’s dort nicht länger ausgehalten. Me- dizin am Menschen nannte er das, was er da trieb, der Raschbacher. Der Mensch als Laboratorium. Der Mensch das idealste Versuchstier. Seine Spezialität: Unterdruck- und Unterkühlungsversuche. Da wurde genau Buch ge- führt, während das Opfer im eisigen Wasser brüllte und um ’ne Narkose bettelte, bis der Stupor einsetzte und es besinnungslos in den Riemen hing, und war der Exitus eingetreten, griff Raschbacher zum Skalpell, und ich mußte das EKG bedienen, weil mitunter das Herz noch schlug im geöffneten Brustkorb, und dann wurden die Kontraktionen gemessen, damit die Aufzeichnungen ja vollständig waren, die er an Himmler schickte.“ Er spie auf den Fußboden und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. „Das hab’ ich einige Monate mitgemacht, und das schlimmste war, daß ich anfangs glaubte, ich leistete damit der Wissenschaft einen Dienst. Bis mir die Augen aufgegangen sind, bis ich diesen Raschbacher durchschaute und mit ihm dieses ganze verruchte Sys- tem. Vielleicht hätt’ ich ihn umlegen sollen, den Satan, aber dazu reichte’s bei mir nicht, ich war ja nur ’n Hand- langer. Die Notbremse hab’ ich gezogen, ab an die Front! Wer weiß, wie viele durch mich ins Gras beißen mußten, anständige Jungs. Losgeworden bin ich’s jedenfalls nicht, nicht mal bei der Schlacht am Kursker Bogen. Sechsmal wurde ich verwundet, aber zum Abkratzen langte’s nie. Und jetzt …“, er breitete die Arme aus, „dazu bedarf’s vielleicht eines Kommentars. Wenn’s wo piekfein ist, treten die Leute leiser auf, da vergessen sie vor Ehrfurcht 286
  • sogar zu fragen, und gerade dort sollten sie’s tun, laut und mißtrauisch. Bei mir fragt jeder, und jedem gebe ich die gleiche Antwort: Es war mein Wille, so zu leben. Ich hätte nicht anders gekonnt. Ich könnte nicht so wie du.“ „Gieß ein“, sagte Leibchen, den Finger im Kragen; ihm war zumute, als habe Lorras ihm den Hals zugeschnürt. Lorras schenkte ein, grünlich schimmernde Römer, ei- ner stand nur auf einem Dreiviertel seines Fußtellers, der Leibchens hatte einen Sprung. „Wohlsein, Kamerad“, sagte Lorras und hob sein Glas, es war randvoll. „Wohlsein“, sagte Leibchen; das „Kamerad“ wollte ihm nicht über die Lippen. Lorras rülpste, als er das Glas hinstellte, verfärbte sich und kämpfte offenbar mit einem Schmerz, der ihm das Gesicht verzerrte. Sein Glas war halb leer. „Na, wie schmeckt er?“ fragte er stöhnend. „Sehr gut, wirklich was Feines.“ „Hat Feuer, wie? Für meinen Magen gerade das Rich- tige.“ „Wie bist du eigentlich auf mich gestoßen?“ fragte Leibchen. „Kommt noch“, sagte Lorras mit einer Geste, als stün- de ihnen die ganze Nacht zur Verfügung. „Erzähl erst mal von dir. Als du damals aus Dachau weggingst, hab’ ich dich aus den Augen verloren. Wo hatten sie dich überhaupt hinversetzt?“ „Generalgouvernement.“ „Nach Polen also, aha. Auch in ein Lager?“ „Jawigor“, sagte Leibchen. „Nie gehört.“ „War auch nicht so bekannt, nur ein Arbeitslager, ver- gleichsweise harmlos.“ 287
  • „Harmlos ist so’n Wort, weißt du, besonders in dem Zusammenhang.“ „Ich sagte vergleichsweise“, verteidigte Leibchen sich. „Freilich war auch Jawigor ein Lager, aber gemessen an Birkenau oder Maidanek … Ich war dort ein Jahr, und in diesem Jahr hat’s in Jawigor nur Abgänge durch Unter- ernährung und Krankheiten gegeben, einmal durch eine regelrechte Seuche, und dagegen waren wir machtlos. Aber Gewaltakte, die kenne ich von dort nicht. Nun ja“, fügte er mit saurer Miene hinzu, „man wird schon ge- wußt haben, warum man mir Frontbewährung verpaßte. Später soll’s in Jawigor ja toll zugegangen sein unter Tschammers Regiment, aber da schlug ich mich als Schütze Arsch in Südrußland ’rum, zuletzt in Jugosla- wien, Partisanenkampf; du weißt, was das heißt.“ „Frontbewährung“, sagte Lorras, „das passierte einem nicht aus freien Stücken.“ „Nein“, sagte Leibchen. „Aber wollen wir jetzt dar- über rechten, ob mehr Mut dazu gehörte, sich freiwillig an die Front zu melden oder in ’nem Lager Übergriffe zu unterbinden?“ „Ich will überhaupt mit dir nicht rechten“, entgegnete Lorras. „Ich hab’ für dich nur immer ’ne hohe Karriere vorausgesehn. In Dachau hab’ ich manchmal gedacht: Der Leibchen, der muß doch kalt wie Hundeschnauze sein, eiskalt wie der Reichsheini.“ „Wenn du wüßtest“, sagte Leibchen, wieder den Fin- ger im Kragen. „In Dachau hab’ ich vielleicht etwas auf den Putz gehaun, mag sein, aber immer in der Kantine, und daß ich bei dem Ausbruchsversuch gerade Wache hatte und die drei sich meinen Turm aussuchten und ich durchziehn mußte … Wie hättest du denn an meiner Stel- le gehandelt, Lorras?“ 288
  • „Trink und reg dich wieder ab“, sagte Lorras, er stieß mit seinem an Leibchens Glas. „Ich hab’ doch nichts weiter gesagt, als daß der Mensch sich irren kann. Ich hab’ von dir wer weiß was gedacht und mich eben geirrt. Fehlanzeige und fertig. Na los, trink schon!“ Leibchen nahm einen zu großen Schluck, kämpfte mit Brechreiz und sah hinter dem Wasser, das ihm in die Au- gen schoß, Lorras’ Schmerzgrimasse und wie der die Hände auf den Magen preßte. „Warum bist du nicht nach dem Westen gegangen?“ fragte Lorras stöhnend. „Setztest du darauf, sie würden dich hier nicht vermuten?“ „Wer getraut sich schon in die Höhle des Löwen, nicht wahr?“ Leibchen rieb sich die Augen, die immer noch tränten; dann sah er Lorras fest an. „Nein, ich sag’s dir ehrlich. Ich bin hiergeblieben, weil ich ein für allemal genug hat- te, weil ich mit keinem von euch mehr zusammentreffen wollte, auch mit dir nicht, Lorras. Drüben hätt’s kein Jahr gedauert, und der erste beste hätt’ mir auf die Schulter geklopft. Hier hatte ich eine gewisse Garantie, und die hat sich ausgezahlt. Fast fünfundzwanzig Jahre hab’ ich unbehelligt gelebt. Du bist der erste, Lorras, und zum Glück gehörst du nicht zu denen, die von den guten alten Zeiten schwärmen, wenn sie von damals sprechen. Wer weiß, wer mir über den Weg gelaufen war’, vielleicht so ein Raschbacher oder – ja, ich will mich nicht ausnehmen – selbst einer, der heute noch so redet wie ich auf manchen Kantinenabenden damals, selbst so einem wollte ich nicht wieder begegnen. Für mich war das vorbei.“ Lorras nickte; dieses offenherzige Bekenntnis hatte Wirkung auf ihn. 289
  • „Dafür hab’ ich das Risiko auf mich genommen, daß sie mich hängen, wenn sie mich hier schnappen, und ich hab’s auch meiner Frau zuliebe getan. Nie wieder mit solchen Männern wie Tschammer oder Lindstedt, hat Steffi gesagt, dann schon lieber ein Leben im Unter- grund, unter falschem Namen, aber eins, das man nicht bereuen muß. Leider ist sie nicht mehr am Leben.“ „Ich hab’s in der Zeitung gelesen, die Polizeinotiz. Die Umstände waren wohl etwas mysteriös.“ „Selbstmorde liegen nun mal nicht immer klar auf der Hand. Ich weiß selber nicht mehr, als die Polizei festge- stellt hat. Ich weiß nur, warum sie sich das Leben nahm.“ „Ihr hattet eben keine Geheimnisse voreinander“, sag- te Lorras, und Leibchen glaubte, Zweifel und Hohn in der Stimme zu hören. Aber Lorras war ernst, sein Gesicht schmerzverzerrt; er hatte wohl nur gedankenlos seine Zustimmung bekundet. „Das kann ich denen natürlich nicht sagen, das sag’ ich nur dir.“ Leibchen blickte Lorras scharf an. „Ich kann mich doch auf dich verlassen.“ „Wie auf einen Toten“, sagte Lorras und trank. „Sie wollte weg von mir. Nach fünfundzwanzig guten Jahren ist sie plötzlich durchgedreht, von einem Tag auf den andern, und da war nichts zu machen. Leben wollte sie, leben!“ Lorras goß sich erneut ein, machte einen Schluck, gierig, das halbe Glas. „Ich kenne das. Auf die Weiber ist kein Verlaß. Ich könnte dir ein Lied davon singen. Obwohl – sie hatte es ja gut bei dir. Ich hab’ deinen Aufstieg verfolgt, seit neunundvierzig, da staunst du, was?“ Er genoß Leibchens Bestürzung, es war ihm ein Triumph. „Wo … woher wußtest du …?“ 290
  • „Zufall. Ich sah dich einmal in der Stadt, muß so um den Alex ’rum gewesen sein. Da bin ich dir halt nachge- gangen. Seitdem hab’ ich dich nicht mehr aus dem Auge gelassen, euch beide nicht. Ein Jahr ums andre hab’ ich nach dem Rechten gesehn und jedesmal festgestellt, Zinn versteht sich aufs Geschäft, erst Tontöpfe, dann Ratten; bei denen bist du ja auch geblieben. Ist ’n braver Bürger geworden, hab’ ich mir gesagt, sogar mit Fahnen- schmuck am Fenster zu den hohen Feiertagen und mit ’nem bildschönen Weibe.“ „Seit zwanzig Jahren weißt du also, daß ich hier le- be“, sagte Leibchen, sich um Haltung bemühend. „Wa- rum bist du nie gekommen? Ich hätte dir helfen können, falls du …“ Lorras schüttelte den Kopf. „Wenn du es gewußt hättst, hätt’ die Sache keinen Reiz mehr für mich ge- habt.“ Seine Augen glänzten auf. „Wie andre ins Theater gehn, bin ich in die Griffelsberger Straße gegangen, ein- mal im Jahr. Dort lebte einer, der hielt sich für unerkannt. Ich aber kannte ihn, ich, der einzige in der ganzen Stadt.“ „Und warum bist du nun gekommen?“ „Weil deine Frau nicht mehr am Leben ist. Nun sind wir wirklich unter uns. Du bist genauso allein wie ich, und einmal wollte ich mit dir gesprochen haben. Ich hab’ schon nicht mehr dran geglaubt. Ich ahnte ja nicht, daß deine Frau so überraschend … und bei meinem Zustand …“ „Wenn du weniger trinken würdest ‚..“ „Wozu? Einmal, vielleicht schon morgen, trink’ ich so ein Fläschchen aus, und dann leg’ ich mich hin. Aber vorher hab’ ich den Gashahn aufgedreht, verstehst du. Ich mach’s wie deine Frau, die ins Wasser ging. Warum ging sie ins Wasser, wenn sie doch weggehn wollte von dir?“ 291
  • „Siehst du das?“ Leibchen legte eine fingernagelgroße Glasampulle auf den Tisch, hielt sie aber mit den Finger- spitzen fest. „Wenn du mich verläßt, hab’ ich ihr gesagt, ist mein Leben sinnlos geworden, dann beiß’ ich dieses Ding kaputt.“ „Zyankali?“ „Ja. Ich hätt’s nicht getan. Ich wollte sie damit nur hal- ten. Aber sie hat mich beim Wort genommen.“ Lorras, die Blicke starr auf der Ampulle, sagte lang- sam: „Mancher gäbe ein Vermögen dafür. Zum erstenmal bereue ich, daß ich arm bin. Ein rascher Tod, ein Tod wie ein Blitz …“ „Auch für mich“, sagte Leibchen. „Vielleicht holen sie mich schon morgen.“ Er machte eine Kopfbewegung zum Fenster hin. „Was meinst du, wie die bei mir herum- schnüffeln seit Steffis Selbstmord, mal der, mal jener. Was die alles wissen wollen!“ „Du hast doch ein reines Gewissen, Leibchen?“ fragte Lorras mit einem Aufhorchen in der Stimme. Leibchen faßte mit zwei Fingern unter seinen Kragen und schaffte sich Luft; leise sagte er: „Ich habe in Da- chau einen Ausbruchsversuch vereitelt, als ich Posten stand. Drei ungesühnte Tote, vergiß die mal nicht. Für wen von denen ist mein Gewissen damit rein?“ Er sagte bitter: „Dafür, daß Steffi sich das Leben nahm, gehe ich womöglich aufs Schafott. Sie fahnden nach einem Mör- der, den’s nicht gibt, und stoßen dabei auf den SS- Sturmführer Egon Leibchen …“ Eine Glutwelle siedete ihm bis ins Gesicht, bis in die Fingerspitzen, aber Lorras war offenbar mit einem Problem beschäftigt, das ihn ganz in Anspruch nahm, und Leibchen sagte laut: „Das wär’ doch das gefunde- ne Fressen für die, einen SS-Unterscharführer nach 292
  • fünfundzwanzig Jahren mit drei Mann auf dem Schuldkonto! Die wußten zwar, die drei, was ihnen blühte, wenn sie … aber wer fragt heute schon danach? SS-Unterscharführer, Wachmann in Dachau? Das ge- nügt.“ „Und in Jawigor warst du ja auch.“ „Was willst du damit sagen?“ „Daß du einen Grund mehr hast, sie zu fürchten.“ „Jawigor …“ Leibchen schluckte. „Wer weiß, ob einer diesen Namen kennt außer dir … und du kennst ihn durch mich.“ „Alle, die dort waren“, sagte Lorras, er sah Leibchen stechend an. „Oder sind alle dort geblieben?“ „Das müßtest du Tschammer fragen“, sagte Leibchen schroff; ihm wurde immer unbehaglicher. „Aber den ha- ben sie fünfundvierzig erwischt.“ „Vielleicht haben sie ihn begnadigt?“ „Vielleicht.“ Leibchen wußte es besser, sie hatten Tschammer gehängt; aber zuviel durfte er nicht wissen über Jawigors Ende, er hatte ja in Jugoslawien die Parti- sanen bekämpft. „Du hast Angst, Leibchen“, sagte Lorras. „Angst?“ sagte Leibchen. Was sollte das auf einmal? Worauf wollte dieser Verrückte hinaus? „Ich seh es dir an. Du hast Angst.“ „Soll ich vor dir den Helden spielen?“ „Es würde nichts nützen“, sagte Lorras und zog die Oberlippe hoch zu einem boshaften Lachen. Es war aber kein Lachen, er bekam nur schlecht Luft. Er atmete mehrmals mit offenem Munde, dann sagte er: „Angst ist wie Krebs. Wen sie einmal hat, den läßt sie nie mehr los. Gegen sie hilft nur ein radikaler Eingriff. Wie beim Krebs. Aber er muß rechtzeitig erfolgen.“ 293
  • „Du hast also keine“, sagte Leibchen mit unterdrücktem Hohn, „weil du sie dir beizeiten hast wegoperieren lassen.“ Er dachte: Wie er angibt, der verdammte Heuchler! Dieser Aufschneider, der immer bloß ein Schlappschwanz war, jetzt fühlt er sich stark. „Ja, das hab’ ich.“ Lorras trank, stellte das Glas hin, stöhnte. „Hab’s allerdings selbst gemacht, hab’ sie mir selber wegoperiert. Soll ich dir sagen, wie? Ich hab’ mich nicht versteckt, bin nicht untergetaucht wie du, hab’ mein Gesicht immer gezeigt, nicht herausfordernd, nein, aber ich hab’ mir gesagt: Wenn sie dich fassen, dann widerfährt dir Gerechtigkeit, und ich hab’s drauf ankommen lassen. Hingegangen bin ich nicht, stimmt, dazu fehlte mir der Mut, aber ich hab’s drauf ankommen lassen. Wer sich seiner Schuld bewußt ist, wovor soll der Angst haben? Ich hatte nie welche.“ „Wahrscheinlich ist der Dienst bei diesem Raschba- cher glimpflicher für dich abgelaufen als für mich eine Wache auf dem Turm“, sagte Leibchen durch die Zähne. „Wer mit angesehn hat, was ich mit angesehn habe“, sagte Lorras, „der ist ein potentieller Mörder, Leibchen, ein krimineller Mörder, schlimmer noch, denn er riskierte nicht mal was dabei.“ Dumpf fügte er hinzu: „Und ich hätte wegblicken können …“ „Ich bin kein Mörder“, sagte Leibchen. „Ich frag’ nicht danach, was du bist“, sagte Lorras, immer störrischer werdend, wie verbissen in den Gedanken, es Leibchen beweisen zu müssen, „aber wenn du deine Frau umgebracht hättst, und ich hätte dabeigestanden und regist- riert, wie sie starb, untätig, wär’ ich dann besser als du?“ „Du traust mir zu, ich hätte meine Frau umgebracht, die eigne Frau, das traust du mir zu?“ sagte Leibchen; er hätte am liebsten geschrien, aber er wagte es nicht. 294
  • „Nein“, sagte Lorras, „das trau’ ich dir nicht zu.“ Er drückte sich die Fäuste an die Augen und murmelte: „Ich wollte dir nur klarmachen, was ich fühle. Seit damals fühle ich so. immer. Als ich die Notiz in der Zeitung las, dachte ich: Du könntest dabeigewesen sein, Joseph Lor- ras, du bist dabeigewesen. Seit damals“, er nahm die Fäuste herunter und starrte Leibchen aus aufgerissenen, flackernden Augen an, „bin ich bei jedem Mord dabei, wo er auch geschieht.“ „Aber es war Selbstmord!“ „Auch da bin ich dabei, überall, hörst du, wo ein Mensch stirbt, der nicht sterben müßte, bin ich dabei, steh’ daneben und registriere seinen Tod.“ „Du bist ja verrückt“, sagte Leibchen. „Du redest dir da wer weiß was ein und …“ „Ich rede mir nichts ein“, sagte Lorras. „Das sitzt in mir drin, das kommt dort nicht mehr ’raus. Soll ich’s dir beweisen? Soll ich hingehn und sagen: Ich, Joseph Lor- ras, hab’ die Steffi Zinn getötet? Wirst du dann immer noch glauben, ich redete mir bloß was ein?“ „Du stellst mir da eine Frage …“, sagte Leibchen, stot- ternd, entgeistert. Er hatte plötzlich feuchte Hände, Schweiß sickerte ihm aus den Achseln, rann ihm zwi- schen den Brüsten hinab, und in einer ungeheuren Er- schlaffung wurden ihm Arme und Beine schwer. Was für eine Idee hatte dieses kranke Hirn da geboren, wahnwit- zig und phantastisch zugleich! Der gesunde Menschen- verstand kam auf so etwas nicht. Nur ein Irrer konnte darauf verfallen, nur einer wie dieser erbärmliche Lorras, dessen wahre Krankheit die Selbstzerfleischung war, nicht der Krebs, die Reue, die Laxheit, seine verderbliche weichliche Intellektualität. Aber es war eine gewaltige Idee. Wo ein Mörder sich stellt, erlischt jeder Verdacht. 295
  • Lorras, nähme er den Mord auf sich, nähme damit den Verdacht von ihm, Leibchen, und er brauchte nicht mehr zu bangen, kam dieser baumlange Hauptmann, dieser Lohm, der ihm nicht traute, das spürte er, das las er je- desmal in dessen nachdenklichen grauen Augen. Er brauchte nicht mehr den gebrochenen, untröstlichen Hin- terbliebenen zu spielen, könnte, freilich nach gebotener Karenzzeit, wieder leben, frei von Furcht, könnte endlich Hedda zu sich holen, und niemand würde Kombinationen daran knüpfen können, denn der Mörder hätte sich ja ge- stellt. Wahrlich eine grandiose Idee. Nur – wie sollte er sich jetzt verhalten? Konnte er diesen Verrückten beim Wort nehmen? War es möglich, ihn an sein Wort zu bin- den? Und wenn – war es ihm gegeben, diesen verworre- nen Geist so zu beeinflussen, daß er dieses wahnwitzige Angebot aufrechterhielt, daß er glaubte, sich selber damit einen Dienst zu erweisen? Denn das wollte Lorras zwei- fellos. Eine Handbreit vor dem Tode, wollte er beweisen, daß er ein Mörder war. „Soll das der Preis dafür sein?“ fragte Leibchen mit zaghaftem, unsicherem Lächeln und holte die Ampulle wieder aus der Tasche. Lorras blickte sie an, erstaunt; er hatte sie offenbar vergessen. „Der ist zu hoch“, sagte Leibchen. „Ich geb’ sie dir auch so. Ich will nicht, daß du als Mörder giltst. Steffi hat Selbstmord begangen.“ „Es geht mir nicht um deine Frau“, sagte Lorras. „Auch nicht um dich.“ „Ich weiß“, sagte Leibchen. „Aber du hättest deine Ruhe“, sagte Lorras, „und ich auch.“ „Du meinst …“ Leibchen hob die Ampulle. 296
  • „Hast du noch eine zweite?“ Leibchen antwortete nicht gleich. „Hast du eine?“ fragte Lorras noch einmal. „Woher denn“, sagte Leibchen. „Ich hätt’ sogar ein gutes Werk getan“, sagte Lorras. „Ich hab’ wenig Gutes getan im Leben. Einem Menschen seine Angst zu nehmen, ist das kein gutes Werk? Und die“, er wies auf die Ampulle, „die brauchtest du ja dann nicht mehr.“ „Bist ein guter Kamerad, Joseph“, sagte Leibchen. Er wußte nicht, ob dieser vertrauliche Ton angebracht war, ob er nicht das Gegenteil bewirken würde in diesem unbe- rechenbaren, umnachteten Hirn; aber er durfte nicht zu lange überlegen. Es war wie beim russischen Roulett – hier konnte der tödliche Schuß ein falscher Zungenschlag sein. „Ich geb’ dir die Ampulle. Aber das andre laß mal, sie würden dir nicht glauben. Denen bist du nicht gewach- sen. Wenn die mit ihren Untersuchungen beginnen …“ Lorras lächelte. „Und wenn ich es so einrichte, daß sie mir glauben müssen?“ „Wie denn?“ „Einem Toten glaubt man eher.“ „Ach, eine schriftliche Erklärung?“ Leibchen schüttel- te den Kopf. „Eine mündliche“, sagte Lorras und hatte ein überaus listiges Gesicht; sein Mund lachte, seine Augen blitzten. „Ich wollte ohnehin noch mal zur Beichte gehn, ehe ich … fünfundzwanzig Jahre lang bin ich in keiner Kirche mehr gewesen, und es gibt eine ganz in der Nähe, die mir ge- fällt … Sankt Gabriel mit der schönen Orgelmusik und einem uralten Priester … der ist fast schon so tot wie ich.“ Leibchen hörte betroffen zu, er war fasziniert. Jedes Wort sog er in sich ein. Lorras erschien ihm dämonisch. 297
  • Welch ein Triumph, wenn das glückte! Diese Freude, die mußte wie eine Panik sein. „So wollen wir’s halten“, sagte Lorras. „Glaubst du nun immer noch, ich redete mir nur ein, daß ich ein Mörder bin?“ Leibchen zögerte mit der Antwort; er sagte: „Es muß furchtbar gewesen sein für dich, damals.“ „Dann wirst du mir eben morgen glauben, wenn ich aus der Kirche komme.“ Lorras streckte Leibchen die offene Hand hin. „Gib sie mir.“ Leibchen trennte sich nur schwer von der Ampulle, aber er überwand sich. Lorras betrachtete sie, ließ sie auf dem Handteller rol- len, beroch sie, und Leibchen fürchtete schon, er würde sie in den Mund stecken, würde aufkichern und ihn ver- höhnen – du Idiot, ich hab’ dich übertölpelt, die wollte ich, nichts andres, und jetzt hab’ ich sie –, da reichte er sie behutsam zurück. „Morgen, wenn ich meins getan hab’“, sagte er. „Ein Anfall heute nacht – sie wäre zu verlockend …“ Leibchen steckte die Ampulle ein, sagte: „Ich kann nicht noch mal zu dir kommen, nun erst recht nicht.“ „Aber du kannst vor der Kirche auf mich warten“, sagte Lorras. „Du gehst auf und ab, das ist unverfänglich. Es wird auch dunkel sein, genau wie heute. Wenn die Abend- andacht vorbei ist, wird’s nicht mehr lange dauern.“ VI Und es war dunkel, als Leibchen unter den Kirchbäumen wartete, ein weißliches Dunkel vom ersten Schnee, der den Boden wie mit Schimmel überzog. Im Kirchenschiff dröhnte die Orgel, zitterten Stimmen im Diskant. Die 298
  • Gläubigen waren ganz bei der Sache, und ihre Sache war Gott und der Friede. Leibchen stand im Schatten eines Baumes, wagte nicht hin und her zu gehn, der Schnee, die Fußtapfen, die Richtung der Spur quer zum Portal, wer lief denn bei solchem Wetter so oder lief auf eine Tür zu, ohne einzutreten, oh, er hatte stets alles bedacht, die geringste Wenigkeit, mathematisch berechnet hatte er jeden Schritt, nur so hatte er sie vollbracht, die perfekte Lö- sung, dadurch allein war er bis jetzt außerhalb jedes be- gründeten Verdachts, als ob ihm das nicht genügt hätte. So ein Alibi. Wer hatte jemals so ein Alibi gehabt? Der Teufel mußte ihn geritten haben gestern. Wie hatte er sich nur darauf einlassen können, was dieser umnachtete Geist da ausgebrütet hatte? Wie hatte er das als Zeichen der Vorsehung mißdeuten können, als einzigartigen Schachzug, der von keinem vorausberechenbar war? Als hätte es dessen bedurft. Als wäre nicht alles in Ordnung gewesen. Es gab keine Vorsehung. Es gab Berechnung oder Im- provisation, weiter nichts, und er hatte sich ohne jeden Grund der Improvisation zugewandt, die er bisher immer vermieden hatte. Er hatte sich damit in Gefahr begeben, aus tiefster Sicherheit in tödliche Gefahr. Wenn Lorras nun gar nicht in der Kirche war …? Aber dann kam Lorras. Er zog Leibchen mit sich fort, und als er ihm berichtet hatte, dachte Leibchen: Es soll ja sogar so was wie genialen Irrsinn geben. Dann drückte er Lorras, überschwenglich bedauernd, für diese kameradschaftliche Selbstlosigkeit werde er nie seinen Dank abstatten können, den leichten Tod in die Hand, eingewickelt in den Hundertmarkschein von ges- tern; er hatte noch eine Ampulle im Rattenbüro. 299
  • „Scheißkameradschaft“, sagte Lorras und spie aus, „alles Tinnef. Dank abstatten. Morgen bin ich verreckt. Was heißt dann nie? Leb weiter, Leibchen. Ich hab’s für mich getan und hab’ uns alle damit gemeint, nur, daß du’s weißt. Auch dich.“ Und er sah ihn gehn, den Lorras, diesen Verrückten, den er sich dienstbar gemacht hatte, sosehr er ihn auch verachtete. Immer hatte er sich die Menschen dienstbar gemacht, hatte sie verachtet und sich dienstbar gemacht, ob die Juden von Jawigor oder Steffi, dienstbar bis in den Tod. Wie die Ratten, von denen er lebte. Auch dieser ab- trünnige, humanitätsduselige, minderwertige Lorras ging in den Tod, nachdem er ihm den letzten, vielleicht größ- ten Dienst erwiesen hatte. Wer Leibchen diente, diente dem eigenen Ende. Bald werden sie wissen, wer Steffis Mörder ist, dachte er, als Lorras in dem feuchten schneeigen Dunkel unter- getaucht war, aber nie werden sie erfahren, daß ich sie gerichtet habe, beide, die Ermordete und ihren Mörder. Denn beide haben es verdient. Zwei Tage später kostete er den Triumph seiner Über- legenheit aus, im Leichenschauhaus, unten in den Kühl- räumen, zu seinen Füßen den toten Lorras. „Nein“, sagte er zu Lohm, „dieses Subjekt kenne ich nicht. Ich habe es nie im Leben gesehn.“ Und er versetzte der Bahre einen Tritt und wandte sich ab. 300
  • DRITTES KAPITEL Lohm oder Die größere Kraft Als ich hinter Zinns wahre Identität gekommen war, wußte ich, daß ich noch mal von vorn anfangen mußte. Das ist mir dann und wann schon passiert, wenn auch zum Glück nicht häufig; erbaut bin ich, ehrlich gesagt, nie davon gewesen. Ein Kriminalfall ist kein Film, den man sich gern mehrmals anschaut, ist keine Landschaft, die man immer wieder bereist, weil es einen zu ihr hin- zieht; ein Kriminalfall ist wie eine Krankheil, die man hinter sich haben will. Für mich jedenfalls. Sind Ermittlungen im Sande verlaufen, wird ein Ver- fahren vorläufig eingestellt, das heißt, es wird wiederauf- genommen, wenn sich neue Hinweise ergeben. Dann be- ginnt die zweite Runde. Nicht selten hatten wir dabei den gewünschten Erfolg, dennoch habe ich die Wiederauf- nahme eines Ermittlungsverfahrens nie bejubelt, und ich bin gewiß nicht der einzige. Damit will ich nicht sagen, daß bei uns nicht auch der abwegigsten Information nachgegangen wird. Aber ein zu den Akten gelegter Fall, der bereits nach allen Seiten hin beleuchtet und durch- forscht worden ist, ist nun mal kein Neuland mehr. Gal- lich hat einen treffenden Vergleich dafür gefunden, als er einmal sagte, so ein Wiederaufnahmeverfahren schmecke wie abgestandener Kaffee; er trinke ihn zwar, aber ein frisch gebrühter sei ihm lieber. Nun waren die Ermittlungen in Sachen Steffi Zinn nicht vorläufig eingestellt worden. Der Täter war be- kannt, wenn auch durch ein recht sonderbares Geständ- nis. Einen Hinweis, daß wir einer Irreführung aufgesessen 301
  • waren, hatten wir nicht. Wir hatten nur einen Anhalts- punkt, ja, eigentlich hatten wir nur einen neuen Gesichts- punkt, unter dem sich uns die durch Lorras fast mysteriös gewordenen Umstände allerdings in einem gänzlich an- dern Licht darstellten. Zinn war Egon Leibchen, und der SS-Sturmführer Egon Leibchen stand auf der Kriegsver- brecherliste. Hatten wir bei Zinn vergebens ein Tatmotiv gesucht, so brauchten wir bei Leibchen gar nicht danach zu fra- gen; mit dessen ungeheuerlicher Vergangenheit lagen seine Beweggründe gleichsam vor uns auf dem Tisch. Es mag unwahrscheinlich klingen, wenn ich sage, daß ich von der Stunde an keinen Augenblick mehr an Leibchens Schuld zweifelte; aber es war so. Ich war fest davon überzeugt, daß er seine Frau getötet hatte, um sich einer ihn bedrohenden Gefahr zu entledigen, und zu meiner Freude war Gallich, der Zinn nie ernsthaft verdächtigt hatte, nun auch dieser Auffassung. Wir gingen erneut in die Ermittlungen, aber es war anders als sonst. Wiederholungen, wie sie bei jeder zwei- ten Runde unvermeidbar sind, zerrten nicht an unsrer Geduld; ich glaube, weil wir sie nicht als Wiederholun- gen empfanden. Leute, mit denen ich im Zuge der ersten Ermittlungen bereits einige Male gesprochen hatte, sah ich mit andern Augen, und obwohl ich wußte, daß das nicht stimmte, kam es mir vor, als befragte ich sie zum erstenmal. Es war mir, als bearbeitete ich einen voll- kommen neuen Fall. Gallich erging es nicht anders, und er erklärte sich das damit, daß wir uns rein intuitiv der höheren Qualität bewußt seien, die der Fall Zinn für uns angenommen hatte, indem er zum Fall Leibchen gewor- den war. „Wir suchen nicht nur einen Mörder“, sagte Werner, „wir kämpfen gegen den Feind.“ 302
  • Interessanter als diese Beobachtung, die wir beide an uns machten, aber war für mich das gewandelte Verhal- ten der von uns noch einmal befragten Personen. Ob der geschäftssinnige Zumseil oder die weltentrückte Aldi. Die alte Frau Zoll oder Bodo Lemke und die andern noch, die wir schon Monate vorher gehört hatten, sie alle dachten intensiver nach, fühlten sich aufgerufen, in voller und wohlerwogener Verantwortlichkeit zu sprechen, seit sie wußten, wer sich hinter dem Namen Zinn verschanzt hatte. So besann Zumseil sich darauf, daß Zinn, als er nach dem Streit mit seiner Frau bei ihm Zuflucht gesucht, Grog getrunken hatte, das habe ihm Emma erzählt, und den ersten habe er sogar zurückgewiesen, weil er ihm nicht heiß genug gewesen sei. Auch erinnerte Zumseil sich nun, daß er gedacht habe, Zinn wollte einer Erkäl- tung vorbeugen, denn er habe gefröstelt. Diesmal zog er sogar seine gefürchtete Emma zu Rate, die seine Anga- ben bestätigte und ihm in meiner Gegenwart heftig die Leviten las; hätte er sie damals nicht verleugnet, wäre der Herr Kriminalgenosse dem Übeltäter bestimmt schon frü- her auf die Spur gekommen (‚Zum Glück nicht‘, ging’s mir da durch den Kopf, und auch bei späteren Gelegenhei- ten fragte ich mich, ob wir dann Zinn als Leibchen ent- larvt hätten), denn einen zurückgewiesenen Grog vergesse sie nicht, ein zurückgewiesener Grog sei eine persönliche Beleidigung für sie, und wenn ein Gast an einem sommer- blauen Septemberabend auf einem brühheißen Grog be- stehe, müsse der Wirt schon ein rechter Trottel sein, bei dem da nicht eine Alarmglocke anschlage. Noch wichtiger als dieser Hinweis war die Informati- on, die wir von dem Abschnittsbevollmächtigten Gerboth erhielten. Ich hatte Werner gebeten, Gerboth gelegentlich aufzusuchen, um ihn noch einmal gründlich über Lorras 303
  • zu befragen. Lorras war für uns ein Buch mit sieben Sie- geln. Er hatte sich eines Verbrechens bezichtigt, das nach unserer Überzeugung Leibchen begangen hatte. Wenn wir nicht sträflich irrten, hatte Lorras Leibchen damit zu decken versucht, was um so unvorstellbarer anmutete, als es sich hierbei um einen Gattenmord handelte. Allein der Gedanke, es könnte sich einer mit einer derart ruchlosen Tat belasten, erschien ebenso abenteuerlich wie absurd, selbst wenn man voraussetzte, die beiden seien eng be- freundet gewesen und der todkranke Lorras habe tief in Leibchens Schuld gesteckt. Es deutete aber nichts darauf hin, daß die beiden sich auch nur gekannt hatten. Die Haussuchung bei Lorras hatte nichts erbracht, nichts über seine Vergangenheit, nichts über gegenwärtige Bezie- hungen; zerscharrte Asche im Herd, offenbar von ver- brannten Papieren stammend, hatte uns nur die Zwecklo- sigkeit unseres Suchens vor Augen geführt. Lorras hatte nichts hinterlassen außer seiner leblosen Hülle und der immensen Verwahrlosung, in der er dahinvegetiert hatte. Und doch mußte zwischen den beiden eine Kumpanei bestanden haben! Auf sie brachte uns der aufmerksame Gerboth, der, als er in einer Pressemeldung auf den Namen Leibchen und dessen Bedeutung stieß, uns unverzüglich im Präsidium aufsuchte. Ob ich noch wisse, worauf er hingewiesen habe, als ich in Lorras’ Haus zu Pfarrer Rinten und ihm in die Diele zurückgekommen sei, nachdem ich Doktor Helmissen hinausbegleitet hatte. Ich wußte es nicht mehr, und Gerboth nickte, als habe er das erwartet, sagte, er habe schon damals den Eindruck gehabt, ich hätte der Sache keinen Wert beigemessen, er freilich auch nicht, denn mit dem Namen Leibchen habe er eben nichts anzu- fangen gewußt. Nun aber wisse er mit ihm etwas anzu- 304
  • fangen, und für ihn stehe fest, Lorras habe nicht nur Zinn, sondern auch Leibchen gekannt, anders gesagt, er habe gewußt, wer sich hinter dem Namen Zinn verbarg. Ich riß Augen und Ohren auf, und Gallich starrte den Po- lizeimeister an wie eine Erscheinung, von der er sich nicht klar war, ob sie himmlischen oder entgegengesetz- ten Ursprungs sei. Denn, berichtete Gerboth weiter, wie hätte Lorras sich sonst dem Pfarrer Rinten auf diese selt- same und ganz ungewöhnliche Weise vorstellen können, zumal vor einer Beichte, was durchaus nicht üblich sei, wie der Pfarrer ihm damals gesagt habe. Ja, wie er sich denn vorgestellt habe, fragte ich ungeduldig. Nun ja, mit Lorras eben, antwortete Gerboth, nur habe er hinzuge- fügt: Lorras mit L wie Leibchen. Lorras hatte Leibchen also gekannt, und er mußte ihn von früher her gekannt haben, denn ein so eiskalt berech- nendes Hirn wie Leibchens lüftet sein Inkognito nicht, selbst um den Preis nicht, daß ihm einer aus der Patsche hilft. Vermutlich hatten sie sich zu einer Zeit kennenge- lernt, an die später beide nicht mehr erinnert sein wollten, und auf diesem gemeinsamen gefährlichen Wissen konn- te sich eine Kumpanei herausgebildet haben, die zuletzt in einem so zynischen, makabren Täuschungsmanöver gipfelte. Werner meinte sogar, es könnte sich dabei auch um ein an Wahnsinn grenzendes Kompensationsgeschäft gehandelt haben: Gib du mir Gift für einen leichten Tod, dann gebe ich dir Sicherheit. Aber solche Fragen, obwohl sie dann und wann auftauchten, beschäftigten uns nicht allzu sehr; wir mußten weiterkommen. Leibchen stand inzwischen vor seinem Richter, für seine Verbrechen im Lager Jawigor hatte er mit der höchsten Strafe zu rech- nen, und war das Urteil gefällt, blieben uns noch neun- undneunzig Tage. 305
  • Die Vollstreckung sollte zwar bis auf den letzten Tag aufgeschoben werden, damit auch dieser letzte Mord Leibchens aufgeklärt werden konnte. Aber neunund- neunzig Tage sind keine Ewigkeit. Bei Leibchen auf Reue und Besinnung zu hoffen war Selbstbetrug. Das erkannte ich, als ich ihn in seiner Zelle aufsuchte, wenige Tage nach der Urteilsverkündung. Ja, ich glaube sogar, dieser eiskalte, abgefeimte Verbrecher schwelgte in einem abgründigen Triumph bei der Vor- stellung, daß wir nichts erreichen würden. Seit diesem Besuch in der Zelle hatte ich das Gefühl, in einem Zwei- kampf zu stehn, Mann gegen Mann, in zähem Ringen, gleichsam auf Leben und Tod, an dessen Ende er sich schon als Sieger sah. Deshalb kehrte ich eine Sicherheit hervor, die ich vor mir selber gar nicht rechtfertigen konnte; aber es übermannte mich, denn die Herausforde- rung kam nicht von einem gestrauchelten Menschen schlechthin, sondern ich stand einem Mörder und Fa- schisten gegenüber, „dem Feind“, wie Gallich es einmal genannt hatte. Als ich Werner zu Doktor Helmissen schickte, ahnten wir beide wohl nicht, wieviel von diesem Gespräch für uns abhing. Da wir auch außerhalb unserer Dienstzeit ermittelten, war es schon spät am Abend, als Gallich mich zu Hause anrief, und schon der erregte Ton seiner Stimme alarmierte mich. Was Doktor Helmissen Gallich mitgeteilt hatte, war geradezu sensationell. Ich hörte den Bericht mit wachsendem Staunen und Befremden, denn so unschätzbar wertvoll die Aussage des Arztes für uns auch war, er hätte, als wir um den toten Lorras versam- melt waren, uns mehr mit ihr gedient. Warum er nicht damals damit herausgerückt sei, fragte ich Gallich. Die Beobachtung, die Doktor Helmissen an Lorras gemacht 306
  • hatte, läge Jahre zurück, und damals sei sie ihm nicht eingefallen, und sie wäre ihm wahrscheinlich auch jetzt nicht eingefallen, hätte Gallich ihm nicht erklärt, wer sich mit dem Namen Zinn getarnt habe und zu welcher Auffassung wir gelangt seien. Da habe Doktor Helmis- sen Gallich ziemlich dumm angeschaut, sich die Hand vor den Kopf geschlagen und aus dem Archiv Lorras’ ausgesonderte Krankengeschichte hervorgeholt. Lorras, habe er nun mit Überzeugung erklärt, sei der Mörder wirklich nicht gewesen, mit dieser Ansicht seien die Herren Kriminalisten hautnah an der Wahrheit dran, denn jeden andern Mord hätte Lorras vollbringen kön- nen, falls er zu einer solchen Tat überhaupt fähig gewe- sen sei, nur diesen nicht. Habe der Mann doch, seit Helmissen ihn kenne, an einer hochgradigen Hydropho- bie gelitten, habe eine so panische Furcht vor angesam- meltem Wasser gehabt, daß er sogar die Badewanne aus seinem Haus habe entfernen lassen. Dahintergekommen sei Helmissen, als er Lorras einmal medizinische Bäder verordnen wollte. Die Bäder habe Lorras strikt abge- lehnt; er werde nie in ein Becken steigen, keine zehn Pferde brächten ihn je in ein Becken hinein, geschweige in ein gefülltes, und wenn die medizinischen Bäder sei- ne Lebensrettung bedeuten würden, er wolle lieber ver- recken, als sich ins Wasser begeben; er gehe auch nie schwimmen, fahre nie in einem Boot, schon der Anblick einer Wasserfläche verursache ihm würgende Angst, die mit Atemnot und Erbrechen einhergehe, ja, selbst wenn er einen Film vorführe, der an einem Gewässer spielt, trete dieser Zustand ein, und dann habe er Mühe, die Vorführung über die Runden zu bringen. Auf die Frage, seit wann er das habe, habe Lorras ausweichend geant- wortet; er habe sich auch nie wieder dazu geäußert. 307
  • Doktor Helmissen vermute, Lorras müsse einmal etwas Schreckliches erlebt haben, einen Schiffsuntergang viel- leicht oder den Tod eines Menschen in einer Badewan- ne, und so etwas könne bei nervlich labilen Typen, zu denen Lorras gehörte, durchaus zu einer solchen Phobie führen. Nun wußten wir, was wir bislang nur angenommen hatten: Lorras hatte das Verbrechen am Langen See nicht verübt, denn er konnte es nicht verübt haben. Warum er aber Leibchen einen derart schaurigen Dienst erwiesen hatte, interessierte uns nicht in dem Maße wie die Über- führung des wirklichen Mörders. Und hier kamen wir nicht voran. Wie Leibchen in seiner Zelle vermutlich die Tage zählte, zählten auch wir sie; es wurden immer we- niger, und hatten wir auch Hinweise erhalten, die das Biedermannsbild des gesitteten, freundlichen, zurückhal- tenden Menschen Zinn ankratzten, so hatten sie doch nur den Wert eines einzelnen Steinchens in einem Mosaik. Frau Zoll, die das Rattengrundstück säuberte, hatte ein- mal einen Streit mit angehört – es hatte also bei den Zinns nicht immer eitel Sonnenschein geherrscht. Lemke hatte vor Jahren beobachtet, wie Zinn, von Jähzorn übermannt, seinen Wagen mit Tritten traktierte, als der Motor nicht anspringen wollte. Aldi Wenn war nicht mehr so sicher, Steffi Zinn an dem fraglichen Abend da- vongehen gesehn zu haben; es könne auch der Abend davor gewesen sein, an dem sie ebenfalls in einem Vete- ranenklub Schota Rusthaweli rezitiert habe. Nur Adel- heid Puhlke beharrte auf ihrer Aussage, daß Zinn gegen zweiundzwanzig Uhr mit seiner Frau heftig gezankt ha- be, bis ihr, Adelheid, der Krach zuviel geworden sei. Zwar sei es sonst nicht ihre Art, sich gleich mit der Faust an der Wand bemerkbar zu machen … 308
  • Hier hakte ich sofort ein, fragte, ob dieses „sonst“ be- deute, daß sie schon öfter Gelegenheit gehabt hätte, sich auf diese Weise Ruhe zu verschaffen; aber das verneinte sie entschieden, bei den Zinns sei es immer friedlich zu- gegangen, man habe sie ja kaum gehört, und sie hätte auch dieses eine Mal nicht an die Wand gedonnert, wenn nicht … Diesmal verstummte sie, obwohl ich sie nicht unterbrochen hatte, und ich glaubte in ihrem Blick etwas Unstetes zu entdecken, als sei sie befangen, weil sie mir etwas verheimlichte. Sosehr ich auch in sie drang, ich holte nichts aus ihr heraus, was wir nicht bereits wußten. Aber noch zu Hause hatte ich ihren Blick vor Augen, der an meinem Gesicht keinen Halt zu finden schien, immer wegrutschte, als fiele ihr das Sprechen leichter, sah sie mich dabei nicht an. Ich ließ einige Tage verstreichen und schickte Gallich zu ihr. Der erreichte zwar auch nichts, hatte aber den Eindruck, daß das Mädchen irgendwie verklemmt sei, daß es Kummer hatte. Sie war gerade sechzehn, die Klei- ne, und in diesem Alter sind die Mädchen im allgemei- nen verspielter, rascher beim Wort und nicht so gespannt auf der Hut, und ihre verständliche Befangenheit, werden sie in einer solchen Sache befragt, ist anders, als es die Adelheids war. Beim erstenmal war sie uns ja auch recht freimütig, um nicht zu sagen keß, entgegengetreten. Ich machte mich also noch einmal auf den Weg zu ihr, traf sie jedoch nicht an, da sie ins Kino gegangen war, sie sei allerdings eben gerade erst weg, sagte ihre Mutter, und ich könnte sie am Kino vielleicht noch erwischen. Das Kino war nicht weit und sie noch nicht hineingegan- gen. Unschlüssig stand sie vor dem Schaukasten, schwenkte dabei ihr Handtäschchen und blickte jedem Pärchen hinterher, verstohlen, wie es mir vorkam, und 309
  • obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, nur ihr Profil, wenn sie den Kopf zur Seite drehte, um ein vorbeiflanie- rendes Pärchen zu mustern, ahnte ich plötzlich, woher ihr Kummer rührte, ja, ich las es förmlich von ihrer ent- täuschten Haltung ab. Als ich sie ansprach, schnitt sie ein Gesicht – schon wieder dieser Schnüffler! –, doch ich überfuhr sie sogleich mit der Einladung zu einem Kaf- fee, meinetwegen auch einem Gläschen Wein, denn ich sei außer Dienst und mächtig durstig, und zu zweit ge- löschter Durst sei doch eher was, selbst für einen Kri- minalisten. Für diesen Ton hatte sie eine Antenne. Ihr Gesichtchen besonnte sich zwischen zwei, drei Augenaufschlägen, mit dessen letztem sie mich schelmisch prüfte, dann blickte sie auf den Schaukasten, sah mich wieder an, nickte, und ich dachte erleichtert: Nun bist du doch nicht durchgefal- len, du alter Knochen. Zehn Minuten später saßen wir uns in einem kleinen Café gegenüber. Sie wollte prompt Wein, kein Glas, ei- nen Schoppen, den sie auch bekam, und obwohl ich den Wein nur als Lockmittel vorgeschlagen hatte, mit keinem Hintergedanken sonst, erwies er sich nun als Medizin für das bekümmerte Mädchenherz, und ich lobte insgeheim seine vortreffliche Wirkung, denn wie löste er Adelheids Zunge! Kaum hatte ich taktvoll auf den Busch geklopft, entledigte sie sich mit einem tiefen Seufzer ihrer Befan- genheit, und dann mußte ich Geduld aufbringen, denn so rasch war ein Liebesroman von der Qualität nicht erzählt, zumal nicht von Adelheid, die über sein jähes Ende noch nicht hinweggekommen war. Da hatte der Sascha Binge sie also verlassen, war ein- fach auf und davon gegangen nach Rostock auf die Werft als Schiffstischler, der Treulose, und geschrieben hatte er 310
  • ihr noch kein einziges Mal in den drei Monaten, die er nun fort war, obschon sie ihm jede Woche einen Brief hinauf geschickt hatte. Was sie da tun sollte. Hinfahren, sagte ich. Wie denn, sie gehe doch noch zur Schule. Aber ich sei der erste, dem sie sich anvertraut habe, denn mit der Freundin sei sie verkracht, und ein Freund komme ihr so bald nicht wieder unter die Haut. Sie fragte dann unvermittelt nach Zinn, obwohl es da nicht viel zu fragen gab, hatten wir ihr doch alles über den Mann berichtet. Aber ich spürte, daß ihr gar nicht so viel an meiner Antwort lag, sie hatte nur das Gespräch auf dieses Thema bringen wollen. Und nun kam’s Schlag auf Schlag, im Ton eines Reuegeständnisses, mit gesenk- ten Augenlidern – der Sascha Binge nämlich, der sei an jenem Abend bei ihr gewesen und habe den Ehekrach hinter der Wand mit angehört; verheimlicht habe sie uns das aber nur aus Angst vor den Eltern, die das nie erfah- ren dürften; die seien übers Wochenende verreist gewe- sen, und da habe sie den Sascha, der schon immerfort darauf gedrängt habe, mit auf ihr Zimmer genommen, zum erstenmal übrigens, und später habe sie es dann nicht mehr gemacht, weil es einfach nicht gegangen sei, der Eltern wegen, und deshalb habe der Sascha sich wohl auch von ihr abgewandt, er habe eben kein Verständnis dafür aufgebracht, daß ein Mädel knapp an sechzehn nicht mit sich machen dürfe, was es wolle, schließlich lebte man im Atomzeitalter, und das sei nun mal eine Zeit, wo alles mit Tempo geschehe. Ich verkniff mir ein Lachen und mußte dann doch schmunzeln, als sie sich ganz dumm stellte – welch köstlicher unschuldsvoller Augenaufschlag! – und von mir wissen wollte, ob es sich nicht machen ließe, den Sascha zu einer Zeugenaussage vorzuladen und sie gemeinsam mit ihm im Präsidium zu 311
  • vernehmen, wie sollte sie ihn denn sonst jemals wieder- sehn, komme sie doch von zu Hause nicht fort und schon gar nicht bis Rostock, und ohne den Sascha sei ihr Leben wie kalter Kaffee, sogar ihre schulischen Leistungen sei- en rapide abgesunken. Den Sonntag darauf fuhr ich nach Rostock, und mit der Erlaubnis ihrer Eltern begleitete mich Adelheid. Sie war selig. Nicht ganz so selig kam Sascha Binge mir vor, als er ahnungslos die Tür öffnete und mich neben Adelheid ste- hen sah. Er kannte mich nicht, aber wahrscheinlich war ihm meine Körpergröße in die Glieder gefahren. Als er dann hörte, daß ich Kriminalist war, klärte seine Miene sich auf. Er hatte in mir wohl einen Bruder oder entfernten Verwandten Adelheids vermutet, der seiner Schwester oder Cousine mit den Fäusten wieder zu einem austarier- ten seelischen Gleichgewicht verhelfen wollte. Von dieser Stippvisite kehrte Adelheid glücklich zu- rück. Sascha hatte sie nicht vergessen, und wenn sie meinte, daß er ihr nicht geschrieben habe, sollte sie ihren rückständigen Eltern gefälligst untersagen, die Post ihrer Tochter abzufangen. Bei den beiden war, als wir Sascha Binge verließen, jedenfalls alles wieder im Lot, und als Sascha erklärt hatte, er gehe in drei Wochen in Urlaub, und den verbringe er in Berlin, wäre Adelheid um ein Haar dem Falschen um den Hals gefallen, nämlich mir. Ich aber war nicht weniger in Hochstimmung. Die Fahrt nach Rostock war auf der ganzen Linie ein Erfolg, und Sascha Binge war ein Pfundskerl. Auf meine Frage hin, ob ihm bei dem Ehekrach der Zinns etwas aufgefal- len sei, besann er sich eine Weile und erklärte dann, ja, er habe sich gewundert, daß zwei erwachsene Menschen sich in Gegenwart eines Dritten so ordinär beschimpften. Ich glaubte nicht recht gehört zu haben. In Gegenwart 312
  • eines Dritten? Gewiß doch, antwortete Sascha, denn er habe an der Wand gelegen – hier errötete Adelheid wie eine Pfingstrose – und deshalb besser als Adelheid ge- hört, was da in der Nachbarwohnung vorging, und als Adelheid gerufen habe, sie sollten nicht so laut sein, die Nachbarn, habe Herr Zinn zurückgerufen, es sei doch gerade erst zehn, sie sollte sich nicht so haben, und da habe der andre weitergeschimpft. Oder der andre habe gerufen und Zinn habe weitergeschimpft, das könne er, Sascha, nicht beurteilen. Wieso weitergeschimpft, ob denn beide geschimpft hätten. Das wohl nicht, sagte Sa- scha, geschimpft habe eigentlich nur einer, freilich auch die Frau, nicht aber der dritte, der noch im Zimmer war; doch als Zinn oder wer immer herüberbrüllte, sie sollte sich nicht so haben, es sei gerade erst zehn, habe eben einer immer noch geschimpft, und falls Herr Zinn der Zankstiefel gewesen sei, könne er nicht auch der Rufer gewesen sein, denn rufen und schimpfen könne keiner zugleich. Also sei ein Dritter im Zimmer gewesen. Davon wisse sie aber gar nichts, meinte Adelheid, wa- rum Sascha ihr das nicht gesagt habe. Da erwiderte Sa- scha mit einer Grandezza, die einem gegeben sein muß, das hätte sie doch nur aufgehalten, und Adelheid errötete wieder. Ich dachte natürlich sogleich an Lorras. Der dritte konnte Lorras gewesen sein. Doch abgesehen davon, daß Lorras als Täter nicht in Betracht kam, wollte mir nicht einleuchten, warum das Ehepaar Zinn sich ausgerechnet in Lorras’ Anwesenheit so hatte hinreißen lassen sollen. Überhaupt sprach manches dagegen, daß dieser Streit zu der Stunde stattgefunden hatte; denn wie Zinn seine Frau umgebracht hatte, setzte ein hohes Maß an beiderseitigem Einvernehmen voraus. Wer sich dermaßen mit seinem 313
  • Partner streitet, fährt mit ihm nicht am selben Abend noch ins Randgebiet, um nackt in einem See zu baden. Vermutlich hatte es am Tage des Verbrechens überhaupt keinen Streit zwischen Zinn und seiner Frau gegeben, vielleicht sogar hatte es wochenlang nichts dergleichen gegeben, hatte bei ihnen wahrhaftig ein Klima ge- herrscht, wie es alle Befragten in der ersten Ermittlungs- runde gerühmt hatten. Warum eigentlich sollte es nicht jener Streit gewesen sein, den die alte Frau Zoll vor Mo- naten auf dem Rattengrundstück belauscht hatte? Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich sah das ganze Dilemma klar und deutlich vor mir, aufgehellt bis in die letzten Einzelheit wie vom Licht eines unerwarteten Blitzes. Durch welchen billigen Ta- schenspielertrick hatten wir uns täuschen lassen! Ob er sich vorstellen könne, daß da gar kein Dritter im Zimmer gewesen sei, fragte ich Sascha Binge, und der aufgeweckte Junge sah mich an, überlegte nicht lange und lächelte; gewiß doch, das könne er sich vorstellen, zumal die eine Stimme geklungen habe, als sei sie weiter entfernt oder durch eine zusätzliche Wand von der an- dern getrennt, und wenn er sich recht erinnere, sei sie auch rasch abgefallen, nein, geschwunden sei wohl der richtige Ausdruck. „Oder vielleicht – ausgeblendet?“ fragte ich. „Aber genau, Genosse Hauptmann“, sagte Sascha Binge. „Ausgeblendet, das ist es.“ „Danke“, sagte ich zu den beiden, selber noch fas- sungslos, daß wir nicht eher daraufgekommen waren. „Damit wissen wir, wie er es angestellt hat, der SS- Sturmführer Leibchen, der Mörder seiner Frau.“ Als ich am nächsten Tag in seine Zelle trat, es war der dreiundvierzigste nach der Urteilsverkündung, sah ich 314
  • Leibchen an, daß er wußte, ich wollte ihn nicht ein zwei- tes Mal zu einem Geständnis bewegen. Zu meinem Er- staunen leugnete er nicht, als ich ihm schilderte, wie er den Mord an seiner Frau von langer Hand vorbereitet hatte mit einem auf Tonband aufgenommenen Streit, den er in der Tatnacht abspielte, um ein Alibi zu haben. Demnach hatte seine Frau um zweiundzwanzig Uhr noch gelebt, konnte von ihm also nicht getötet worden sein, da er bereits ab zweiundzwanzig Uhr fünfzehn in Zumseils Bierstube seinen Schmerz über das eheliche Zerwürfnis ausgeweint hatte. Von da ab habe er sich ständig in Ge- genwart Dritter oder bei Dritten aufgehalten, damit die bestätigen konnten, er sei auch nicht eine Stunde außer Kontrolle gewesen, und deshalb auch habe er die Nieren- kolik simuliert und eine Woche im Krankenhaus zuge- bracht. Nach menschlichem Ermessen also konnte er den Mord nicht begangen haben. Doch war seine Frau bereits tot gewesen, tot von seiner Hand, ehe er sein großange- legtes Alibi inszeniert hatte, das mit dem Abspielen des Tonbands begann, und nur einen Fehler habe er gemacht: Er habe, als er die Nachbarsleute auf die Uhrzeit festle- gen wollte, indem er sie hinüberrief, den Ton nicht vor- her zurückgedreht, so daß das Band weiterlief, und da- durch habe er sich verraten. Und einen zweiten Fehler habe er außerdem gemacht: Als er Lorras dazu überrede- te, für eine Ampulle Zyankali das Verbrechen auf sich zu nehmen, habe er nicht berücksichtigt, daß Lorras an einer Phobie litt, die ihn unfähig machte, etwas im Wasser zu tun, geschweige einen Mord zu verüben. „Lorras war immer ein Schwächling“, sagte Leibchen mit lippenlosem Mund, „schon in Dachau.“ Als er, zusammengesunken auf seinem Bett, das Ge- sicht in die Hände vergraben, nichts mehr sagte, wandte 315
  • ich mich zum Gehen. Ich brauchte sein Geständnis nicht. Der Mann war verurteilt, auf ihn wartete der Tod. Es würde keinen neuerlichen Prozeß wegen dieses Mordes geben. Seine eigene Frau, sein letztes Opfer, war gleich- sam eingereiht in die Reihe der Opfer von Jawigor. Auch sie war letztlich ein Opfer von Jawigor, und für alle die würde er gerichtet werden. Ich hatte ihm nur zu sagen gehabt, daß wir nun das Recht hatten, auf ihn zu verwei- sen und damit vor der Welt einmal mehr zu enthüllen, was Faschismus bedeutet. Da sagte er, als ich die Tür aufdrückte: „Warum haben Sie sich diese Mühe gemacht, Hauptmann Lohm? Ich begreife Sie nicht.“ „Sie werden uns nie begreifen“, sagte ich. „Leute wie Sie, Leibchen, können uns nicht begreifen. Es gibt kein Maß, das die Entfernung anzeigen könnte, die zwischen uns und Ihnen liegt.“ Damit ging ich. Egon Leibchen wurde einige Tage darauf hingerichtet. Als ich davon erfuhr, saß ich mit Gallich in unserm Dienstzimmer. Wir sahen uns an und schwiegen. 316
  • 317 Cover Abriss Erster Teil ERSTES KAPITEL Seite 10 Seite 11 Seite 12 Seite 13 Seite 14 Seite 15 Seite 16 Seite 17 Seite 18 Seite 19 Seite 20 Seite 21 Seite 22 Seite 23 Seite 24 Seite 25 Seite 26 Seite 27 Seite 28 Seite 29 Seite 30 Seite 31 Seite 32 Seite 33 Seite 34 Seite 35 Seite 36 Seite 37 Seite 38 Seite 39 Seite 40 Seite 41 Seite 42 Seite 43 ZWEITES KAPITEL Seite 45 Seite 46 Seite 47 Seite 48 Seite 49 Seite 50 Seite 51 Seite 52 Seite 53 Seite 54 Seite 55 Seite 56 Seite 57 Seite 58 Seite 59 Seite 60 Seite 61 Seite 62 DRITTES KAPITEL I Seite 64 Seite 65 Seite 66 II Seite 67 Seite 68 Seite 69 Seite 70 Seite 71 Seite 72 Seite 73 Seite 74 Seite 75 Seite 76 Seite 77 Seite 78 III Seite 80 Seite 81 Seite 82 Seite 83 Seite 84 Seite 85 Seite 86 Seite 87 IV Seite 88 Seite 89 Seite 90 Seite 91 Seite 92 Seite 93 Seite 94 Seite 95 Seite 96 Seite 97 V Seite 98 Seite 99 Seite 100 Seite 101 Seite 102 Seite 103 Seite 104 Seite 105 VI Seite 106 Seite 107 Seite 108 Seite 109 Seite 110 Seite 111 Seite 112 VII Seite 113 Seite 114 Seite 115 Seite 116 Seite 117 Seite 118 Seite 119 VIII Seite 120 Seite 121 Seite 122 Seite 123 Seite 124 Seite 125 Seite 126 IX Seite 127 Seite 128 X Seite 129 Seite 130 Seite 131 Seite 132 Seite 133 Seite 134 Seite 135 Seite 136 Seite 137 Seite 138 XI Seite 139 Seite 140 Seite 141 Seite 142 Seite 143 Seite 144 XII Seite 145 Seite 146 Seite 147 Seite 148 Seite 149 Seite 150 Seite 151 Seite 152 Seite 153 XIII Seite 155 Seite 156 Seite 157 Seite 158 Seite 159 VIERTES KAPITEL I Seite 161 Seite 162 Seite 163 Seite 164 Seite 165 Seite 166 Seite 167 Seite 168 Seite 169 Seite 170 II Seite 171 Seite 172 Seite 173 III Seite 174 Seite 175 Seite 176 Seite 177 Seite 178 Seite 179 Seite 180 Seite 181 Seite 182 Seite 183 Seite 184 Seite 185 Seite 186 Seite 187 Seite 188 Seite 189 Seite 190 Seite 191 Zweiter Teil ERSTES KAPITEL I Seite 195 Seite 196 Seite 197 Seite 198 Seite 199 Seite 200 Seite 201 Seite 202 Seite 203 II Seite 204 Seite 205 Seite 206 Seite 207 Seite 208 Seite 209 Seite 210 Seite 211 Seite 212 Seite 213 Seite 214 Seite 215 Seite 216 III Seite 217 Seite 218 Seite 219 Seite 220 Seite 221 Seite 222 Seite 223 Seite 224 Seite 225 Seite 226 Seite 227 Seite 228 IV Seite 229 Seite 230 Seite 231 Seite 232 V Seite 233 Seite 234 Seite 235 Seite 236 Seite 237 Seite 238 VI Seite 239 Seite 240 Seite 241 Seite 242 Seite 243 Seite 244 Seite 245 Seite 246 Seite 247 ZWEITES KAPITEL I Seite 249 Seite 250 Seite 251 Seite 252 Seite 253 II Seite 254 Seite 255 Seite 256 Seite 257 Seite 258 Seite 259 III Seite 260 Seite 261 Seite 262 Seite 263 Seite 264 Seite 265 Seite 266 Seite 267 Seite 268 Seite 269 Seite 270 Seite 271 Seite 272 Seite 273 Seite 274 Seite 275 Seite 276 Seite 277 IV Seite 278 Seite 279 Seite 280 Seite 281 Seite 282 Seite 283 V Seite 284 Seite 285 Seite 286 Seite 287 Seite 288 Seite 289 Seite 290 Seite 291 Seite 292 Seite 293 Seite 294 Seite 295 Seite 296 Seite 297 Seite 298 VI Seite 299 Seite 300 DRITTES KAPITEL Seite 302 Seite 303 Seite 304 Seite 305 Seite 306 Seite 307 Seite 308 Seite 309 Seite 310 Seite 311 Seite 312 Seite 313 Seite 314 Seite 315 Seite 316
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Der Mann der über den Hügel steigt

by bartsch-rudolf

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  • Cover DIE-Reihe Delikte, Indizien, Ermittlungen Bartsch, Rudolf Der Mann, der über den Hügel steigt
  • Kriminalroman _____________________________________ Hauptmann Lohm, Mitarbeiter der Morduntersuchungs- kommission im Präsidium der VP, hat den Mord an einer Frau aufzuklären. Ungewöhnliche Tatumstände deuten darauf hin, daß ein dem Opfer Nahestehender das Verbrechen begangen hat. – Der Ehemann, Zinn, hatte jedoch keine Gelegen- heit zur Tat und kein Motiv. Ein Liebhaber scheint im Spiele zu sein. Zinn aber schließt diese Möglichkeit ener- gisch aus; er führte eine harmonische Ehe. Doch warum lebte das Ehepaar in der Großstadt Berlin wie auf einer Insel? Diese Fragen werden unwichtig, da sich überraschend der Mörder findet. Ist das schon die Lösung? Lohm forscht weiter. Er entdeckt etwas, womit er nicht gerech- net hat, entdeckt Hintergründe, entdeckt ein verborgen gehaltenes Leben.
  • Rudolf Bartsch Der Mann, der über den Hügel steigt _____________________________________ Verlag Das Neue Berlin
  • 1. Auflage © Verlag Das Neue Berlin, Berlin • 1975 Lizenz-Nr.: 409-160/84/75 • LSV 7004 Umschlagentwurf: Erhard Grüttner Printed in the German Democratic Republic Gesamtherstellung: Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschaft Dresden Scan & Ebook by *MM* 622 230 3 EVP 3,- Mark
  • Erster Teil 8
  • ERSTES KAPITEL Leibchen oder Schwelende Asche Soeben mußte der Sprengwagen durchgekommen sein. Der Asphalt, naß, schimmernd, ein Spiegel hingewisch- ter Lichtreflexe, summte leise und beruhigend unter Leibchens Wagen. Durchs Fenster wehte die Nacht mit ihrem bittersüßen erdigen Duft, ein Hauch von Ohn- macht und Trauer, die Ahnung vom Sterben der Natur. Es war September, ein wilder, aberwitziger September, hochsommerheiß zu Anbeginn mit einer für Leibchen enttäuschenden Erwärmung der Gewässer, hernach eine Periode beinahe frostiger Winde, erfreulicher Zufluß po- larer Luft, nur leider nicht von Dauer; aber es hatte ge- nügt. Die Wiederkehr des Sommers von Süden her, drei Tage lang drohend, war an der Barriere der Alpen geschei- tert, Luft vom Meer, die wohl Regen, doch auch Milde- rung gebracht hätte, im Zusammenprall mit einer mächti- gen Nordströmung unterlegen. Aus dem Norden kam das Gute. Die Temperaturen in den Gewässern sanken auf fünfzehn Grad Celsius in der Monatsmitte, und vorgestern hatte Leibchen schon vierzehn gemessen. Vierzehn Grad! Die lähmten die Fäulniserreger, wirkten nahezu konser- vierend und verhinderten den gefährlichen vorzeitigen Auftrieb. Das Wasser würde ihm keinen Strich durch die Rechnung machen. War es nur kalt genug, fast so kühl wie der Tod, behielt es den Tod eine Weile bei sich. Und auf diese Weile kam es an. Nicht für immer sollte das Wasser bewahren, was er ihm anvertrauen würde. Ein Mensch, spurlos verschwun- den, kann mehr Gefahr bedeuten als einer, der sich nach 9
  • einiger Zeit wieder einfindet, wenn auch tot. Vierzehn Grad Celsius! Die machten den See zu einem Maul, das so bald nicht preisgibt, was es zwischen den Zähnen hat. Wärmeres Wasser, wenn auch um ein weniges wärmer nur, nimmt eine Leiche nicht an; es spuckt sie an die Oberfläche nach zweimal vierundzwanzig Stunden. Aber das würde nicht geschehen, obwohl die Sonne wieder am Himmel tanzte, als hätte der Teufel den Ka- lender in die Hundstage zurückgedreht, ihn, Leibchen, zu ärgern. Auf sechsundzwanzig Grad war das Thermome- ter gestern geklettert, und heute hatte es sogar achtund- zwanzig erreicht. Die Gewässer mußten sich ja erwärmen in dieser brutalen Hitze. Bei achtzehn Grad lag die Gren- ze, jenseits der es für ihn nur Aufschub gab, befristet zwar, aber was konnte sich inzwischen nicht alles ereig- nen. Doch ihn schreckte das gelbe Gespenst der Sonne nicht. Aufschub war nicht vonnöten. Das Jahr stand am Rande, die Nächte waren kühl. Jetzt herrschten sie. Die Sonne war nichts mehr als eine Lampe, die oberflächlich wärmt und ein wenig Stimmung zaubert, Herbstgold mit Wehmut, romantisches Gaukelspiel – wohlan, es sollte ihm willkommen sein. Leibchen war ein vorsichtiger Mann, durchaus nicht ehrgeizig, ging es um den Lorbeer für Mannesmut und Tapferkeit, deshalb jedoch nicht ängstlich. Er baute stets auf doppelte Sicherheit. Trotzdem hatte auch er jene Unru- he kennengelernt, mit der man für ein Wagnis zahlt. Aber er hatte nie bezahlen müssen. Er hatte sich einer Selbst- zucht unterworfen, die er eisern nannte. Er hatte aus sich einen Mann gemacht, der sich in jeder Lage beherrscht, der alles berechnet, nie improvisiert. Nur dadurch war für ihn kein Wagnis, was er heute noch tun würde. Es zu unterlassen wäre für ihn ein Wagnis gewesen. Denn die 10
  • beschlossene, bis in die letzte Einzelheit vorbereitete Tat war das Antiwagnis, die Ausschaltung von Leben, das zum Wagnis geworden war, die Endlösung. Vorn wob sich jetzt ein roter Schein in das Gewirr der Farben. Er kam von der Leuchtschrift einer Bar. Auf- flammen, strahlen, verlöschen, wieder aufflammen, strah- len, verlöschen, wobei ein Buchstabe immer etwas später zündete. Auf Leibchen wirkte das wie eine Folge lautlo- ser Explosionen, Geburt, Leben, Tod, zusammengefaßt im Stenogramm winziger Sekunden. Als er an dem Haus vorbeifuhr, standen die Fassade und der Asphalt in Glut, und er fuhr durch sie hindurch wie durch eine Feuers- brunst, rasch. Er haßte Stätten wie diese. Leibchen war das Viertel nicht vertraut, er wußte von Steffi, daß es diese OLEANDER-BAR gab. Nicht weit von ihr den Salon, der unlängst eröffnete – „ANNA- BELLE bietet höchsten Bedienungskomfort bei nahezu vollständiger Leistungsskala in der Schönheitspflege, sogar einen Espresso zum Warten“, so hatte Steffi es ihm aus der Zeitung vorgelesen –, dort kam er in Sicht, in blaues Neon getaucht. Wie Tinte rann es vom Sims her- ab, bildete Lachen auf dem Asphalt, Blaulicht, nicht ge- rade angenehm. Nun, als Leibchen in langsamer Fahrt das Weltniveau besichtigte (Steffi hatte in der Tat dieses Wort benutzt), stellte er fest: Aquarium, mehr Glas als Rahmen, mehr flach als hoch, die neuerdings übliche Masche. Aber das Bild stimmte ihn heiter, denn er dachte sich das wichtigste Element hinein, das hier fehlte: das Wasser. Drangvoll sprengte es den Boden, stieg, umbro- delte die Sessel, leckte den Damen die Schenkel, kochte in den Trockenhauben, erstickte die Münder, löschte die Lampen und hatte vielfachen Tod gebracht. Und es hätte doch nur eines Todes bedurft. Na wennschon, dann eben 11
  • alle für einen. Leibchen, hätte die Möglichkeit eines der- art phantastischen Unglücks bestanden, eines Wasser- durchbruchs, so betäubend schnell, daß nicht eine sich hätte retten können, er hätte sie geopfert, alle, die da ah- nungslos schwatzten und lächelten oder still vor sich hin träumten beim Anblick ihres Spiegelbilds, alle mit einem Federstrich, nur daß ihm der Griff erspart bliebe. Der Griff, den er erlernt hatte, geübt in hartem Training bis zur vollkommenen Beherrschung, zuletzt noch kontrol- liert an einem Dutzend von Carl August Zinns weißen Zuchtratten; nicht eine hatte ihn überlebt. Und dennoch würde ihn anzuwenden ihm nicht leichtfallen, auch die- ses eine und einzige Mal nicht. Es graute ihn davor auf eine merkwürdige, ihm unerklärliche Weise: Er bemitlei- dete sich selbst, ja, fast beneidete er das Opfer um das Glück seiner Ahnungslosigkeit. Er hielt ein paar Meter weiter an, wohin der Schein der Leuchtschrift nicht reichte. Der Wagen stand im Dun- keln, vor ihm Autos, abgestellt unter einer Laterne, eins in einer Segeltuchhülle. Obwohl Leibchen auf Verbots- schilder geachtet hatte, war er jetzt erst beruhigt; ein Strafmandat wegen falschen Parkens hätte ihm zum Ver- hängnis werden können. Niemand durfte erfahren, daß er sich am Abend des fraglichen Tags in der Nähe des Sa- lons ANNABELLE aufgehalten hatte. Er stellte den Motor ab und schaltete das Standlicht ein. Um nicht gesehen zu werden, blieb er im Wagen. Vom Leuchtzifferblatt las er die Zeit ab: zwanzig Uhr drei. Er steckte sich eine Zigarette an und richtete sich aufs Warten ein, hoffend, es werde nicht zu lange dauern. Obwohl er nicht der Mann war, dessen Geduld sich rasch erschöpfte, verstrich die Zeit quälend langsam. Un- entwegt behielt er den Rückspiegel im Auge, um Steffi 12
  • nicht zu verpassen. Zum Bus führte ihr Weg am Wagen vorbei, dann war es einfach; ging sie zur Untergrund- bahn, mußte er sich bemerkbar machen, entweder durch Hupen oder indem er ausstieg, denn wenden durfte er hier nicht. Als sie endlich in der Tür erschien, war noch keine halbe Stunde vergangen, und er stellte befriedigt fest, daß bis jetzt alles programmgemäß abgelaufen war. Steffi schien unschlüssig, ob sie den Bus oder die Bahn nehmen sollte. Sie stand am Eingang in der glei- ßenden Fülle des Lichts, und Leibchen konnte sich selbst jetzt der Wirkung nicht entziehen, die von ihr ausging, ihr Wuchs, die Art, wie sie den Kopf erhoben trug, der herbe Liebreiz ihrer Gestalt, als wollte sie ihm Zeit las- sen, sie noch einmal genau zu betrachten, so stand sie dort, und er genoß den Anblick, und etwas wie ein leises Bedauern regte sich in ihm, daß Carl August Zinn seiner Frau nie gestattet hatte, den Rock wenigstens eine Hand- breit überm Knie zu tragen; die Anmut ihrer Beine war so nur ein halbes Versprechen für fremde Augen. Und Steffi, vom Bazillus der Modeseuche bereits angesteckt, hätte doch so gern mitgemacht! In dieser morbiden Zeit, da man allerorts Weiberbeine antraf, frech zur Schau ge- stellt, ob sie nun klumpwadig oder säulengerade waren, mitunter bis hart an den Ansatz des Hinterns, als gälte es, Fleisch zu beweisen, nicht aber Form, in dieser Zeit hätte Steffi wahrlich die besten Chancen gehabt. Aber Carl August Zinn hatte es nicht erlaubt, und Leibchen, als er jetzt an Zinns eisige Ablehnung dachte, lachte in sich hinein. Steffi hatte sich für den Bus entschieden. Sie kam auf den Wagen zu, nicht ahnend, daß jeder ihrer Schritte in zwei grausame Augen reflektiert wurde; wie ein Visier hat- te der Rückspiegel sie erfaßt. Sie mußte sich unbeobachtet 13
  • fühlen, denn außer einem Telegrammboten, der soeben auf seinem gelben Postrad vorbeiknarrte, war niemand auf der Straße; trotzdem war ihre Haltung untadelig und ihr Gang von stolzer Anmut. Sie war schon ein fesches Weib, die Steffi, kein Mann konnte das leugnen, und Leibchen war ein Mann und war nicht frei von Wehmut. Aber das bangte ihn nicht. Es war die Wehmut, die mit jedem Abschied kommt und geht, ist der Abschied voll- zogen. Der Tod fragt nicht nach Form und Wesen. Der Tod hat keinen Blick für das Schöne. Als Steffi so dicht heran war, daß der Rückspiegel nur mehr ihren Rumpf wiedergab, abgeschnitten bis zu den Hüften und enthauptet, tippte Leibchen dreimal aufs Bremspedal. Wie sie stutzte, konnte er nicht sehen. Aber sie hatte den Wagen sogleich erkannt, denn ihre Hand legte sich auf den Türgriff, und ihre Augen blickten groß und überrascht ins Innere. Leibchen drückte die Tür auf. „Du?“ sagte sie. „Komm, steig ein.“ „Jetzt holst du mich sogar ab.“ Leibchen merkte ihr an, sie wußte nicht recht, was sie davon halten sollte, es war ihr aber nicht unangenehm. „Vielleicht hab’ ich eine Überraschung für dich“, sagte er. „Vielleicht wollte ich auch nur mal sehn, für wen du dich so schön machen läßt.“ Sie antwortete mit einem Lächeln, bitter und doch voll Hoffnung: „Für wen schon?“ Es schmeichelte ihr, wie er das „so“ betont hatte. Sie hörte gern, daß sie schön war. Carl August Zinn ver- wöhnte sie damit nicht. Um der Geborgenheit willen, die sein Name ihr gab, hatte sie auf manches verzichten müs- sen, wovon sie als junge Frau geträumt hatte. Sie hatte sich gefügt, einsichtig des Unvermeidlichen, und das 14
  • Geld, das sich mit dem Gewimmel Carl Augusts weißer Zuchtratten mehrte, hatte es ihr leichter gemacht. Doch Zinn war mehr und mehr wie das Metall geworden, mit dem er den Namen gemeinsam hatte. Es ging keine Wärme von ihm aus, und der silberweiße Glanz seines Haares war wie der Widerschein seiner inneren Leere. Nicht an sie, Steffi, an seine Ratten wandte er seine Sor- ge und eine beleidigende, fast zärtliche Aufmerksamkeit. Nicht auf sie waren seine Wünsche gerichtet, sondern auf jenes unselige Geschöpf, das sie nie leibhaftig zu Gesicht bekommen hatte, dieses junge Luder mit den groben, gewöhnlichen Zügen, fruchtbar sicher wie die Rattenpest. Selbst vom Foto hatte sie ein Hauch von Geilheit ange- weht, abstoßend, und dazu die ebenso kitschige wie fata- le Widmung: Meinem wunderbaren Carli-Mann von sei- nem Hedda-Heimchen! Als sie es bei ihm entdeckt hatte, hatte sie geglaubt, das Ende sei nun da, aber als sie sich dieses Ende ausgemalt hatte, hatte sie der Mut verlassen. Und er hatte die Bindung ja auch sofort gelöst, beteuert, sie sei nur locker, flüchtig gewesen, nicht mal ein Verhält- nis zu nennen. Dennoch hatte sie sich oft danach gefragt, ob das der Lohn für ihre Treue gewesen sei, für ihre Treue. Das war keine Treue, wie die Menschen sie ver- standen, eine Last war das, ein Fluch, die lebendige Ver- dammnis. Ständig heimgesucht von den Gespenstern der Angst, hatte sie mehr gelitten als gelebt, jahrelang, ver- folgt von Halluzinationen, die sie heimlich mit Schlafmit- teln und Tranquillizern bekämpfte, furchtsam vor ihm gehütet – er hätte es nicht verstanden, er hatte ja nicht einmal gefragt, wie sie es aushielt. Einmal, lange bevor ihr jenes Foto in die Hände gera- ten war, hatte sie all ihren Mut zusammengenommen und gewagt, das lähmende Tabu zu durchbrechen, mit dem er 15
  • alles an ihrer Vergangenheit hatte auslöschen wollen, selbst die Träume der Erinnerung. Sie hatte leise gespro- chen, fast tonlos: „Einst habe ich einen Mann gekannt, der war so ganz anders zu mir als du. Dem war ich etwas wert, Carl, dem habe ich sehr viel bedeutet. Hast du denn vergessen, daß es ihn einmal gab? Weißt du überhaupt noch, wie er hieß?“ „Von wem sprichst du?“ hatte Zinn gefragt, Einhalt gebietend, drohend. „Von Egon Leibchen.“ Da hatte er aufgebrüllt: „Du hast mir geschworen, die- sen Namen nie wieder zu erwähnen. Du hast einen heili- gen Eid geleistet. Dieser Mann ist tot, tot, tot, ein für alle- mal! Er hat weder in deinem noch in meinem Leben was zu suchen. Nicht mal sein Name. Nie wieder will ich ihn von deinen Lippen hören, nie, und wenn wir achtzig Jahre alt werden, merk dir das! Und denk an deinen Schwur! Diesen Mann hat es nie in deinem Leben gegeben, nie- mals, nie. Ich bestehe darauf, hörst du, ich, dein Mann.“ „Ja, Carl, ja. Verzeih mir, bitte. Ich sehe ein, es war falsch von mir, dich daran zu erinnern.“ „Es war falsch von dir, dich selbst zu erinnern.“ „Ja, Carl, auch das war falsch.“ „Schwör mir, daß es nie wieder vorkommt!“ „Ja, Carl, das tue ich. Ich schwör’s.“ „Hebe die Hand! Steh auf und hebe die Hand! Schwö- re, daß du diesen Mann und seinen Namen vergißt!“ Da hatte sie sich erhoben und wie unter einem hypno- tischen Zwang den Eid geleistet. „Schwöre es beim Seelenheil deiner Mutter!“ Sie hatte auch diesem Befehl gehorcht. „Du weißt, in der Sache verstehe ich keinen Spaß. Wehe uns, ich könnte mich vergessen!“ 16
  • Dann, wie erschöpft von diesem besinnungslosen Ausbruch, hatte Zinn sie umarmt, als müßte er sich fest- klammern an ihr, und bitterlich in ihrem Schoß geweint. Nie wieder hatte sie Egon Leibchen erwähnt. Nur in Gedanken war sie zu ihm geflüchtet, den weiten Weg zurück in jene Jahre, deren sie mit ungläubigem Staunen gedachte, angstvoll, Zinns argwöhnische Augen könnten erspähen, was sie hinter ihrem Gleichmut verbarg. Und es war seltsam: Die Zeit, die doch auf allem ihre Spuren hinterläßt, auf Lebendem wie Totem, sogar auf härtestem Stein, sie hatte dem Bilde Leibchens nichts anhaben kön- nen. Wie Steffi es einst in sich aufgenommen, hatte sie es im Gedächtnis bewahrt, von keiner Unschärfe getrübt. Ja, das Leben mit Carl August Zinn hatte den Griffel der Zeit, der die Erinnerung zerkratzt, eher stumpf gemacht. Mit jedem Jahr hatte das Bild Egon Leibchens an Leuchtkraft gewonnen, und es waren viele Jahre vergan- gen, mehr als eine ganze Jugend. Nur der Hoffnung, er könnte einmal wieder bei ihr sein, so wie er einst gewe- sen, war sie nie verfallen. Das war wohl unwiderruflich dahin. Über die Dammbrücke, wo die Wasser von Spree und Dahme sich mischen, links in der Tiefe die Masse der Baumgarteninsel, vor sich die Silhouette der Laurenti- uskirche, fuhren sie in Alt-Köpenick ein, dessen Kopf- steinpflaster dem Wagen nicht behagte. Leibchen, der die Geschwindigkeit hier ohnehin drosseln mußte, gab nur so viel Gas, daß der Motor nicht klingelte. Wie im- mer ergötzte er sich an der burlesken Fassade des Rat- hauses, auf dem Mondschein lag. Auf Zacken und Gie- beln tanzten gespenstische Schatten. Noch gespenstischer das Schloß seitlich der Langen Brücke, auf der Leibchen die Fahrt wieder beschleunigte. Dort, wo die alten Mauern 17
  • aus dem Wasser stiegen, verblaßte das Licht der Fenster im Glanz des leise bewegten Spiegels der Dahme, und die Wipfel auf der Schloßinsel standen wie schwarze Flammen unterm Mond. Am Köllnischen Platz bog Leibchen in die Grünauer Straße, und jenseits der Grünauer Brücke, vor der sie den Gegenverkehr hatten abwarten müssen, kam sie endlich, die Erklärung, warum er Steffi abgeholt habe. Es war in der Tat überraschend, was er ihr da zu sagen hatte. Steffis Herz pochte bis in die Schläfen hinauf. „Und du bist sicher, daß es gelingt?“ fragte sie dann. „Absolut“, sagte er. „Auch Sicherheit ist käuflich. Sie hat ihren Preis wie jede Ware, und wie jede Ware be- kommt man sie in minderer oder erstklassiger Qualität. Ich hab’ die beste gewählt, die zur Zeit im Angebot ist. Sie kostete mich zwanzigtausend.“ Als handelte es sich um eine Summe, die kein Aufhebens lohnt, sprach er in lässigem Plauderton weiter: „Die Anzahlung. Für einen würde es genügen. Da ich dich aber mitnehmen will …“ Er scherzte: „Oder möchtest du lieber bei Carl August Zinns Ratten bleiben?“ Steffi bewegte unwillig den Kopf. Jetzt hatte sie kei- nen Nerv für Späße. Sie sagte: „Darüber solltest du nicht spotten.“ „Verzeih“, sagte er. „Da ich dich also mitnehme, kommen noch zwanzigtausend hinzu. Die werden aber erst fällig, wenn wir die Papiere erhalten. Die Leute sind clever, aber nicht unverschämt. Gedulde dich noch die paar Tage, dann kannst du Carl August Zinn und dieses dumpfe Rattenleben vergessen, wie du mich vergessen mußtest. Nur werde ich“, ein unterdrücktes Lachen gab seiner Stimme Farbe, „tolerant sein im Gegensatz zu Zinn. Ich werde nicht toben, wenn sein Name fällt. Wann 18
  • immer du willst, werden wir von ihm reden. Ich fürchte nur, du wirst keinen Wert drauf legen, und ich kann’s ja auch verstehen. Obwohl – wir sollten ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen.“ Steffi schwieg. Sie lauschte, die Brauen hochgezogen, die Lippen zusammengepreßt. „Meine Lage wird ungleich leichter sein als seine“, fuhr Leibchen fort. „Leibchen bedeutete für Zinn Gefahr, Zinn für Leibchen nicht mal eine Herausforderung.“ „Das schon.“ „Allein der Gedanke an Leibchen versetzte Zinn in panische Angst, wohingegen sich für dich mit meinem Namen nur schöne Erinnerungen verbanden. Oder?“ „Doch“, sagte Steffi. „Du bist so einsilbig.“ Er musterte ihr Gesicht, das keine Regung zeigte, aus den Augenwinkeln und seufzte: „Ich dachte, du würdest dich freuen.“ „Freuen? – Wenn du vor zwei, drei Jahren damit ge- kommen wärst, ich wär’ mit dir überallhin gegangen, selbst in den Kongo …“ Sie drehte ihm das Gesicht zu, und als er ihre Augen sah, dachte er: Ich hab’ alles falsch gemacht, es war umsonst, es ist zu spät. „Aber zwei Jahre sind eine lange Zeit …“ „Und das letzte halbe Jahr, hab’ ich mich da nicht sehr um dich bemüht? Im Rahmen des Möglichen natürlich, ich mußte ja vorsichtig sein. Aber bemüht hab’ ich mich. Das mußt du doch zugeben, Steffi.“ „Das hast du, ja. Aber was davor war, war für mich wie eine Ewigkeit.“ Wieder sah sie ihn an, diesmal mit einem Anflug von Mitleid. „Sei mir nicht böse, aber ich halte dein Vorha- ben für verrückt. Um mich nicht aufzugeben, willst du alles aufgeben, und du weißt nicht mal, ob ich je wieder 19
  • so werde, wie ich war. Ich glaube nämlich nicht, daß ich noch einmal so werden kann.“ „Wer eine Frau liebt, geht ein solches Risiko ein“, sag- te er dumpf. „Warum, meinst du, kannst du nicht mehr so werden? Ich biete dir alles, worauf du bis heute verzich- ten mußtest, Steffi. Dafür ist mir kein Geld zu schade. Und vor allem: Du wirst wieder frei atmen können, du wirst frei sein.“ „Frei ist man, wo man sein Leben so einrichten kann, wie man will“, sagte sie. „Dazu brauche ich nicht nach Istanbul zu gehn. Ich brauche überhaupt nicht von hier fortzugehn.“ „Nur von der großen alten weißen Ratte“, sagte er durch die zusammengebissenen Zähne. „Nicht“, bat sie und legte ihm die Hand auf den Arm. „Übrigens werden deine Papiere auf den Namen Ingrid Leibchen ausgestellt. Wir hätten das Schiff als das Ehe- paar Leibchen betreten. Daran siehst du, was ich mir für Illusionen gemacht hab’. Egon Leibchen und Frau, ein Traum! Und was für einer! Fünfundzwanzig Jahre alt. Aber er zerrinnt wie nichts. Na, vielleicht setzen auch Träume Rost an mit der Zeit.“ Er hielt den Wagen an und ließ sich aufs Lenkrad sin- ken, das Gesicht in den Armen vergraben. „Nun bist du enttäuscht“, sagte Steffi, sie strich ihm übers Haar. Und Leibchen war enttäuscht. Damit hatte er nicht ge- rechnet. Daß ihr das ereignislose Leben mit Carl August Zinn, mochte er es ihr auch noch so bequem gemacht haben, nicht mehr paßte, konnte er verstehn; aber daß sie hier bleiben wollte, in diesem Land, das war ihm unbe- greiflich. Ich brauche überhaupt nicht von hier fortzu- gehn, wie hatte sie das sagen können, ausgerechnet sie! 20
  • Aufs Gegenteil hatte er gebaut, darauf, daß sie ihm freu- dig zustimmen würde. Was nun? fragte er sich. Kenne ich sie so wenig? Habe ich sie etwa verkannt? Und Leibchen begann noch einmal zu reden. Er rede- te, als ginge es um seinen Kopf, und als er spürte, daß Steffi unsicher wurde, daß sie fast schon unschlüssig war, wagte er den Vorschlag, der ihm plötzlich in den Sinn kam, der entweder idiotisch oder genial war, das würde sich erweisen. Als es sich dann erwiesen hatte, war ihm zumute, als habe er eine aussichtslose Schlacht gewon- nen. Da fuhr er weiter. „Glaub mir, es wird dir guttun“, sagte er. „Fremde Länder, neue Leute, Orient … Nimm’s wie eine Reise, die du einfach abbrichst, wenn’s dir nicht mehr gefällt. Du kannst dich jederzeit von mir lösen. Schon nach vier Wochen meinetwegen. Deshalb reut mich das Geld nicht, das ich dafür auf den Tisch legen mußte.“ Er legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie an sich. „Du bist mir für nur vier Wochen sogar zwanzigtausend wert!“ Nun endlich lächelte sie, gerührt von seiner Großzü- gigkeit, beeindruckt von der Verachtung, mit der er über eine so horrende Summe hinwegsah, ihretwegen. „Ich habe dich immer geliebt“, sagte er, „auch wenn ich dir manchmal Grund gegeben hab’, daran zu zwei- feln. Vielleicht hätt’ ich dich nicht so lange warten lassen dürfen.“ Sie nickte. „Die Ausweglosigkeit, diese zermürbende unbarmherzige Leere … Dadurch war alles so trist, so ohne Sinn.“ Statt Hoffnungslosigkeit habe sie jetzt Gewißheit, meinte Leibchen, und er räumte ein, daß sie beide haben warten müssen, übermenschlich lange. Schwächliche Charaktere hätten aufgegeben, wären daran zerbrochen. 21
  • Sie nicht. Sie haben gelitten, er wie sie; aber es habe sie nicht aufgezehrt. Ob sie wisse, warum. Weil sie gesund seien, gesund bis in den letzten Tropfen ihres Bluts. Jetzt winke ihnen der Lohn für ihr Ausharren, und ihr, Steffi – er legte seine Hand in ihren Schoß –, für ihre Treue. Steffi blieb stumm. Leibchen, da ihnen auf der Straße nichts entgegenkam, sah sie an, ihr Profil mit dem unver- lierbaren Zauber, gegen den die Zeit machtlos gewesen war, die steile Stirn über der geraden Nase und die schmalen Lippen, die etwas vortäuschten, was Steffi nie gezeigt hatte: Hochmut und Spott. Nein, ihr Schweigen verhieß keinen Widerspruch. Sie konnte nicht sprechen. Nur ihr Atem ging rascher, und im Schein einer Straßen- lampe gewahrte er Tränen in ihren Augen. Sein Lob ihrer Treue – es mochte für sie den Geschmack bitteren Wer- muts haben, aber es hatte sie zugleich versöhnt. „Ob Istanbul wohl eine schöne Stadt ist?“ fragte sie. „Auf alle Fälle ist es alt, sehr alt sogar“, antwortete Leibchen, „und ziemlich verdorben. Eine Stadt mit Ge- schichte eben. Soll eine Unmenge Nachtlokale dort ge- ben, mit Nepp und allen möglichen Schweinereien, und das sauberste Nest wird’s auch nicht sein. Orient eben. Aber das soll uns nicht stören.“ Er legte Steffi den Arm um den Nacken und zog sie an seine Seite, und als ihr Kopf an seiner Schulter lag, schmeichelte seine Stimme: „Wir werden frei sein, du und ich, endlich und für alle Zeiten frei. Ob da die Straßen dreckig sind oder die Fi- sche in den Basaren stinken, ist das dann wichtig?“ Steffi schüttelte den Kopf. Sie flüsterte: „Wenn uns etwas nicht gefällt, machen wir einfach die Augen zu.“ „Auf dein Kommando“, sagte Leibchen und lachte. „Du sagst einfach: ‚Augen zu!‘, und dann weiß ich, daß dich irgend so ein schäbiger Muselman mit seinem Anblick 22
  • schockiert oder sonstwas. Jedenfalls lasse ich die Augen so lange zu, bis du ‚Augen auf!‘ kommandierst oder wir in den Bosporus gefallen sind.“ Sie lachten beide, und Leibchen mußte die zweite Hand wieder ans Steuer nehmen, da der Wagen auf der gebuckelten Regattastraße ausscheren wollte. „Übrigens gibt’s dort nicht bloß Nepp oder Armut, sondern noch was dazwischen, gute Restaurants mit eu- ropäischer Küche und natürlich entsprechende Hotels, europäisch geführt. Vor allem haben die ganz anständige Bauwerke dort, Moscheen und ähnliches. In ein paar tau- send Jahren sammelt sich schon was an, und da die nie Krieg mit den Amis hatten … Nur damit du nicht denkst, Istanbul sei so was wie Kongo oder noch weiter hinten.“ Während sie schweigend neben ihm saß, zählte Leib- chen weitere Vorzüge ihres fernen Reiseziels auf, und obwohl seine drastische Ausdrucksweise seiner Absicht nicht angemessen war, erreichte er, was er bezweckte. Steffis Phantasie, endlich aufgeweckt, beflügelte sich selbst, und während er die Bekömmlichkeit des mediter- ranen Klimas lobte, sah sie die Pracht des Goldenen Horns vor sich hingebreitet, auf dem es in ihrer Vorstel- lung nur schneeweiße Schiffe gab und an seinen Gesta- den die Perlenschnüre weißer Villen. Inzwischen hatten sie den asphaltierten Teil der Regattastraße erreicht. Der Wagen rumpelte nicht mehr, er fuhr sanft und fast ohne Geräusch; es war wie ein Gleiten unter Segeln. Die Sil- houetten der Villen und Sporthäuser huschten vorbei, gestochen scharf vor dem leuchtenden Hintergrund aus Wasser, Mondlicht und Himmel. Hin und wieder öffnete sich der Blick auf die Dahme, aufs jenseitige Wen- denschloß, das mit wirren Lampen das Ufer säumte. Der leise Singsang der Reifen, die Luft dieses sommermilden 23
  • Septemberabends, die Steffis Wange streichelte, der Duft von Erde, Laub und See – das alles versetzte sie in einen Zustand des Verzücktseins, dem sie sich willig hingab. „Ich hab’ in Richtershorn einen Tisch bestellt“, sagte Leibchen. „Eigentlich wollte ich dir alles erst dort erzäh- len, aber du siehst, ich hab’ nicht dichthalten können.“ „Du weißt es doch bestimmt schon eine ganze Zeit.“ „Seit heute nachmittag.“ Er lächelte vor sich hin, als er sie verblüfft sah, und sagte, den Entschluß freilich habe er schon lange gefaßt, sie könne sich denken wann. „Oder?“ „Doch“, sagte sie leise, und er fuhr rasch fort: „Da hab’ ich das Ziel dann nicht mehr aus dem Auge gelassen, kein leichtes Stück Arbeit so aus der Deckung heraus, aber na … Nun haben wir Gewißheit.“ Er blickte sie an. „Du wirst es nicht glauben, aber als du mich an- riefst und mir sagtest, du gingest zum Friseur, war noch nichts. Dann kam ein Telegramm.“ „Ein Telegramm?“ fragte Steffi erschrocken. „Selbstverständlich verschlüsselt. Da hatte ich’s also verbrieft, daß es in zehn Tagen soweit ist, und da hab’ ich mir gedacht, wir sollten diesen Abend festlich be- gehn, mit Sekt und so, und hab’ in Richtershorn den Tisch bestellt. Dort essen wir, und wenn du Lust hast, fahren wir anschließend zurück in die Stadt und gehn noch in irgendeine Bar.“ „Ist das nicht unvorsichtig?“ „Ach was“, rief Leibchen, „wir haben lange genug Verstecken gespielt!“ Seine Stimme, eine Siegesfanfare, ging Steffi ins Blut. Er habe dieses ewige Rücksichtneh- men satt, ihm gehe es wie ihr, auch er sehne sich nach Leben, vielleicht nicht so inbrünstig und leidenschaftlich wie sie, mag sein, aber das sei ja verständlich, schließlich 24
  • sei sie eine Frau. „Und was für eine!“ schmetterte die Fanfare. „Wenn du dich sehn könntest, jetzt, in diesem Augenblick …“ Steffi wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen leuchteten. Sie sei zu schade dafür, sich hinter verschlossenen Tü- ren zu verzehren. Sie habe ein Recht auf Leben, sie habe ein Vorrecht darauf. Das habe sie sich redlich verdient, und nun sei die Zeit gekommen. Jawohl, Treue zahle sich aus, und er werde sie ab sofort und in alle Zukunft hin entschädigen, reichlich, ja im Übermaß. Sie habe sich bewährt. Sie habe alle Prüfungen bestanden, ehrenhaft, in Nibelungenmanier. Das solle ihr erst mal eine nachma- chen, dieses Rattenleben jahrelang und dennoch un- gebrochen, und dann mit vierundvierzig noch so aussehn wie sie, als komme sie geradewegs aus der Sommerfri- sche, immer Haltung, immer tipptopp. „Ha“, rief er noch lauter, wie plötzlich in Wut geraten, „das soll dir erst mal eine nachmachen von diesen Ziegen und Gebärkühen! Wenn die nur einen Teil davon durchhätten, was du durchhast, die wären total abgehalftert, sag’ ich dir, Schindmähren wären die, faltig und ohne Fleisch unter der Haut, mit hohlen Hängeärschen.“ Das Leuchten in Steffis Augen erlosch. Prüfend sah sie ihn an. Diese rüden Worte, die ein brutales Gefühl aus ihm herausgeschleudert hatte, sie drangen zu ihr wie aus einer unendlichen Vergangenheit, in der alles verhallt war, was einst Laut und Stimme hatte. Nun war es wieder da, mit einemmal, unüberhörbar und wild, verkörpert in dem Mann, der derselbe geblieben war, der Tschammers Weib geschmäht hatte und Hossingers Braut, weil er für alle Frauen Verachtung empfand außer für eine, außer für sie. Und soeben noch peinlich berührt, sagte sie mit dankbarer Nachsicht: „Jetzt erkenne ich dich wieder.“ 25
  • Aber sie, rief er, wie von ihrer Bemerkung angespornt, sie sei da, voll da, sei immer dagewesen. Als ob es ihr nichts ausgemacht hätte. Dabei habe es ihr viel ausge- macht, verdammt viel sogar. Nur sehe es ihr niemand an, nicht mal er. Sie sei für ihn, wie sie vor zwanzig Jahren war, genauso frisch, genauso jung, sein Jungbrunnen sei sie, in den er hineintauche wie jener Vogel da von früher, dieser Phänomen oder so, der aus der Asche auferstand. Richtig, Phönix habe das Vieh geheißen, nicht Phäno- men, das sei ja wohl mal eine Fahrradmarke gewesen, aber sie wisse schon, was er meine. Jungsein sei keine Frage des Alters. Jung seien die Gesunden. Und das sei sie, gesund bis ins Mark. Und schön. Steffi schloß die Augen, und Leibchen sah, was er in ihr ausgelöst hatte; aber er sah auch, als sie ihm die Hand auf den Arm legte, ihre im Armaturenlicht glänzenden Finger- nägel, frisch manikürt, von kundiger Hand sorgfältig zuge- feilt, zweifellos schön, doch nicht ungefährlich, falls sie die Halsschlagader ertasteten und sich durch die Gefäßwand schlitzten, ja nur Kratzmale hinterließen. Wie eine Spinne, fand Leibchen, saß die Hand auf seinem Arm, eine zärtli- che Spinne, doch auf der Lauer, leicht gekrümmt wie zum Sprunge und an jedem Bein mit einem Dolch bewehrt. An diese Möglichkeit hatte er nicht gedacht. „Wir sind reichlich früh“, sagte er. „Der Tisch wird ab halb zehn reserviert, weil ich annahm, es würde bei dir länger dauern. Wir haben noch fast eine Stunde. Was meinst du, fahren wir trotzdem gleich hin, oder vertreten wir uns ein bißchen die Beine? Ich überlass’ das dir.“ Steffi hielt die Hand in den Fahrtwind. „Ich habe drei Stunden beim Friseur gesessen. Ich würde ganz gern ein Stück laufen. Wer weiß, ob wir vor der Abreise noch mal in diese Gegend kommen.“ 26
  • „Wohl kaum.“ „Dann gehn wir doch.“ Leibchen fand eine Stelle, wo er ziemlich nahe an die Bäume heranfahren konnte. In einer gewissen Entfernung mußten die Umrisse des Wagens mit der Finsternis, die der Wald ausstrahlte, verschmelzen und dem menschli- chen Auge unentdeckt bleiben. Nachdem beide ausgestiegen waren und Leibchen die Tür abschließen wollte, fragte Steffi, ob sie die Tasche nicht lieber mitnehmen solle. „Du hast doch nicht etwa Wertsachen drin“, sagte er scherzend. „Nur den Ausweis, etwas Geld und das Frotteetuch.“ „Wenn’s weiter nichts ist“, sagte er und drehte den Schlüssel um. „Das klaut keiner.“ Gleich darauf stutzte er. „Du hast ein Badetuch mit?“ „Badetuch?“ fragte sie erstaunt. „Denkst du, ich ginge um diese Zeit baden?“ „Warum nicht?“ „Im September?“ „Na“, sagte er, „es ist zwar schon eine ganze Weile her, daß du im Juni geschwommen bist, um Mitternacht und sogar nackt, und im Frühjahr ist das Wasser kälter als im Frühherbst, es erwärmt sich ja erst den Sommer über, und das hält dann eine Weile vor. Aber …“ „Ach, damals!“ sagte sie. „Damals war ich keine zwan- zig, und außerdem war es nie im Frühjahr, sondern noch im Frühjahr und schon im Sommer. Ich ging im Frühling ins Wasser hinein und kam im Sommer erst wieder heraus.“ „Wir.“ „Natürlich wir. Aber das dauerte nie länger als ein paar Minuten, und dann haben wir uns am Feuer aufge- wärmt.“ 27
  • „Ja, damals …“, sagte er versonnen. „Wie unver- schämt jung und gesund wir damals waren, was?“ Obwohl es dunkel war, suchte Leibchen in Steffis Miene zu erkennen, wie sie diesen Stoßseufzer nach der einstigen Jugend auffaßte. Reagierte sie so, wie er es er- hoffte, dann mußte sie, die für ihre unverbrauchte Frische soeben noch Gerühmte, jetzt überlegen, ob die Gelegen- heit nicht günstig sei, ihm den Beweis zu liefern: Da, bitte, die Jahre haben mir nichts ausgemacht, ich bin genau noch so wie früher! Er hielt das aber für unwahr- scheinlich, und um sich keine vorschnelle Erwiderung einzuhandeln, fragte er, warum sie denn ein Handtuch mit habe. „Aber ich nehme doch immer ein Handtuch mit zum Friseur, schon weil es saubrer ist.“ „Ach so“, sagte er, wobei er den Wagen wieder auf- schloß. „Jetzt willst du sie wohl doch mitnehmen?“ Leibchen, sich in den Wagen beugend, sagte: „Wer draußen steht, weiß ja nicht, was in der Tasche ist, und hat er den Wagen erbrochen, läßt er die auf alle Fälle mitgehn. Leder riecht man doch.“ Als er die Tasche vom Rücksitz hob, fiel sein Blick auf den Verbandkasten, und im gleichen Moment, wie im Aufzucken eines Blitzlichts, sah er die dolchbewehrte Fingerspinne auf seinem Arm, und er schob den Ver- bandkasten aufatmend in die Tasche und zog den Reiß- verschluß zu. Mit einemmal war ihm wohler. Vergnügt, wobei er Steffi um die Hüfte faßte, sagte er: „Und außerdem, wenn wir schon was zum Abtrocknen haben … vielleicht spring’ ich mal kurz hinein?“ Steffi lachte ungläubig. Das nahm sie nicht ernst. Sie rief: „Das möcht’ ich sehn!“ 28
  • Arm in Arm schritten sie dann in den Wald, immer der Promenade entlang, rechts die unter den Wipfeln schon nächtliche Finsternis, links die leuchtende Fläche des Langen Sees, von keinem Windhauch gekräuselt, nur von der Strömung bewegt, hart glänzend wie Stanniol. Seit der Wald sie aufgenommen hatte, schwiegen sie. Steffi, von Leibchen geführt, brauchte auf den Weg nicht zu achten. Sein Arm bedeutete Sicherheit. Von der Finster- nis wie eingeschläfert, fanden ihre Sinne keine Nahrung, ihre Phantasie aber war hellwach. Das Licht vom Wasser her kratzte mit lautlosem Finger an einem Stamm – für Steffi war es der Stamm einer Zypresse; ein Schiffshorn gähnte in der Ferne – für sie war es die Ferne des Südens. Steffi, in einem Zustand zwischen Traum und Wachsein, wanderte bereits als Ingrid Leibchen im Schatten durch- sonnter Pinienwälder, während sie noch als Steffi Zinn durch den nächtlichen Stadtforst ging, und wenn ihr Leibchens freundliche Nähe nicht unwirklich anmutete, so nur, weil sie das gemeinsame Ziel nicht bloß wirklich erreichbar dünkte. Sie hatte es ja schon erreicht! Der Mann, den sie verloren geglaubt hatte, war wiederge- kommen, gleichsam auferstanden war er, der Phönix aus der Asche, unverwechselbar er, Egon Leibchen, wie sie ihn geliebt hatte vor mehr als zwanzig Jahren. Leibchen, der Steffis Gefühle ahnte, rechnete damit, daß sie ihm im Augenblick in gleichem Maße nah wie fern war. Beides war gut. Wie sie sich an ihn schmiegte, zeugte von arglosem, ja fast rührendem Vertrauen. Ihr Hirn war taub für einen alarmierenden Impuls. Sie wähn- te sich sicher, stand sie doch unter seinem Schutz. Was wollte er mehr? Ihr Schweigen erklärte er sich mit geisti- ger Abwesenheit. Vielleicht bestieg sie soeben die Ma- schine in Schönefeld, vielleicht erging sie sich auf dem 29
  • Sonnendeck des Touristendampfers oder auf einem türki- schen Boulevard? Sie hatte zu lange warten müssen, um den Tag noch erwarten zu können. Also war sie der Zeit vorausgeeilt. Und wenn’s nur ein Ausflug war, ein Phan- tasiesprung von Kontinent zu Kontinent – sie war bereits unterwegs! Folglich war sie nicht hier. Zwar war sie es körperlich, doch wachsam ist nur der Geist. Jetzt trat ihr Fuß gewiß nicht trockenen märkischen Sand, und standen sie erst am Wasser, würde nicht Mißtrauen in ihr aufstei- gen, sondern die Lust am Vergleichen – Ah, das Goldene Horn wird sicher viel malerischer sein! –, oder sie würde glauben, jenes Gewässer vor Augen zu haben, das sie in wenigen Tagen zu sehen hoffte: Da, schau nur, der Bos- porus! Hätte er es sich besser wünschen können? Nicht mal sie, Steffi, selbst. Oder gibt es einen schöneren Tod als den, der einen vom Gipfel freudiger Lebenshoffnung jäh herunterreißt? Ich bin sogar human, dachte Leibchen. Und er dachte es nicht, um sein Gewissen zu besch- wichtigen, sondern weil er es glaubte; ja, er dachte es sogar mit Erleichterung und Dankbarkeit. Er glaubte an den Mythus vom humanen Tode, der ausgeteilt wird wie eine Ration, verabreicht wie eine Medizin, und er ver- spürte Dankbarkeit für Steffi, weil sie ihn unwissentlich hingeleitet hatte zu einer Methode, die noch humaner war als die von ihm erwählte, humaner zwar für ihn als für das Opfer; aber auch der Vollstrecker sollte nicht über Gebühr leiden. Dennoch würde es ihn ein Leid kosten. Schließlich war es nicht irgendeine, sondern Steffi. Welcher Chirurg ist ohne Scheu, setzt er das Skalpell an den Leib des ei- genen Weibes, um es zu retten? Wie sollte da er, der Steffi einst geliebt hatte, frei von Erschütterung sein? War er im Grunde seines Wesens nicht ein empfindsamer, 30
  • edelmütiger und hochherziger Mensch? Wie hätte er eine solche Tat stumpf und innerlich unbewegt vollbringen können? O nein, es würde ihn ein Leid kosten. Aber das war wohl nur die Bestätigung dafür, daß jene höhere Ge- rechtigkeit, die oft beschworene, wirklich existierte, jen- seits aller irdischen Gesetze. Doch seit er die bessere Methode wußte, würde es ihm nicht mehr so viel Überwindung abfordern. Es würde sanfter geschehn, weniger direkt. Und vor allem: Nun würde nicht er ihr den Tod geben müssen, sein Bundes- genosse würde es tun. Er, Egon Leibchen, brauchte den Tod nur zu vermitteln. Dafür war er Steffi dankbar. Sein Verstand, intakt, gedrillt und reaktionsschnell, ein Computer, seit einem halben Jahr auf nur eine Lösung programmiert, hatte hektisch gearbeitet seit dem Ge- spräch um Steffis Tasche. Sie hatte ein Handtuch mit! Sofort hatte er den ursprünglichen Plan verworfen. Nicht die Tote, die noch Lebende würde er dem Wasser über- antworten! Nicht er, das Wasser würde das Werk voll- bringen. Den an Carl August Zinns weißen Ratten geüb- ten Griff, vor dem ihm bei Steffis Anblick gegraust hatte, ihn würde er nicht anwenden müssen. Sein Gehör würde verschont bleiben von ihrem letzten Röcheln, sein Auge vor ihrem brechenden Blick. Die Weite der Unsichtbar- keit würde zwischen ihnen sein. Gleichsam abgewandten Gesichts konnte er den Tod herbeirufen und dennoch beobachten, wie der seine Arbeit tat. Und es drohte auch keine Gefahr von Steffis spitzen Nägeln mehr! Die neue Methode, die sanfte, nicht so di- rekte, bewahrte sein Gesicht und seinen Hals vor Scha- den. Steffi war weder zimperlich noch schwach, sie war einst eine gute Sportlerin gewesen und hatte den Speer 31
  • weiter geschleudert als alle ihre Rivalinnen. Sollte sie zu Gegenwehr fähig sein, so hätte die scheußliche Finger- spinne ihm ins Gesicht kriechen können, um sich in die Augäpfel oder die Lippen oder die Halsarterie hineinzu- fressen, nicht gleich todbringend für ihn und doch im Endeffekt bedrohlich für sein Leben; denn solche Spuren schminkte einem keiner weg. Nun aber wird sein Gesicht ihr nicht erreichbar sein, ja, sie wird es gar nicht erst zu erreichen versuchen, weil sie es nicht sehen wird. Sie wird es nicht sehen können, und um es zu ertasten, wird es ihr an Beherrschung und Überlegung und letztlich an Kraft mangeln. Sie wird al- lenfalls seinen Arm, der nackt sein wird, nackt wie er, Leibchen, zu fassen kriegen. Welch lästiger Gedanken zuerst, bis, ja … jetzt konnte er triumphieren, denn in- zwischen hatte der Computer in seinem Schädel gearbei- tet, zügig und verläßlich wie je. Sollte sie doch! Nebbich, dachte Leibchen, und dabei lächelte er, wie er immer lä- chelte, herablassend, nein, hochmütig, wenn er ein Prob- lem mit dem vieldeutigen Nebbich als erledigt abtun konnte. Dieses Nebbich, es war übrigens das einzige, was er mit Carl August Zinn gemeinsam hatte, dieses jiddi- sche Wort und Steffi. Wenn sie die Waffen hatte, seinen Arm zu zerfleischen, bitte sehr, er hatte dagegen die Er- leuchtung gehabt! Und wie er sie ins Wasser bekommen würde, war ihm auch kein Rätsel mehr. Er mußte sie zwingen, gewiß, doch mit dem einzigartigen Zwang, der vom Opfer nicht als Zwang empfunden wird, den es, gehorcht es ihm, für die eigne freie Willensentscheidung hält: mit dem guten Beispiel. Er würde mit gutem Beispiel vorangehn. Er würde zum letztenmal für Steffi Vorbild sein, ein Vorbild an Unerschrockenheit, körperlicher Zucht und Härte, und 32
  • sie würde ihm folgen, daran war kein Zweifel; denn sie war von außerordentlich gesunder Naivität. „Schau mal, da drüben der Müggelturm“, sagte Steffi, und gleich darauf: „In Istanbul steht eine weltberühmte Moschee.“ „Davon gibt’s dort sicher ’ne Menge“, sagte Leibchen. „Du kannst sie, wenn du willst, meinetwegen alle nach- einander besuchen.“ „Ich meine die Hagia Sophia.“ „Sofia?“ Leibchen dachte an Bulgarien, besann sich aber rechtzeitig. „Ach, die meinst du, die Ha … dingsda Sofia! Schon möglich. Die haben dort Moscheen wie Sand am Meer.“ Steffi, mit einem kecken Seitenblick, sagte lachend: „In Sofia gibt’s übrigens auch welche.“ „Na wennschon“, knurrte Leibchen. „Was interessiert mich Bulgarien, wenn wir in die Türkei abhauen. Ich mache jetzt ganz was andres, wirst mal sehn.“ Sie standen am Ufer, das an dieser Stelle wie das Modell einer stark zergliederten Küste wirkt, eine Ad- rialandschaft im kleinen, flach zwar, doch reich an win- zigen Buchten, kaum eine lang genug für ein Boot, Spielzeugbuchten für Papierschiffchen, mit Riesenbäu- men auf ausgewaschenen Wurzeln wie auf Krakenbei- nen, als seien sie an Land gewatet. Jenseits der blau- schwarze Höhenzug der Müggelberge mit dem leuch- tenden Turm, in der Tiefe ein mattes Blinken, Marien- lust und Schmetterlingshorst, und dazwischen das laut- lose Strömen des Wassers, das einzige Zeichen von Le- ben auf diesem Bild im Mondlicht gefrorener Natur. Totenstarr kam es Leibchen vor. Glänzt nicht wie Stan- niol das Wasser, glänzt eher wie Zinn, dachte er, doch ohne Zynismus, es schien ihm wahrhaft so, während er 33
  • sich auszog und ein Kleidungsstück sorgfältig aufs an- dere legte; den Boden hatte er zuvor geprüft. Er hatte auch die Umgebung geprüft und konnte sicher sein, daß sie unbeobachtet waren. Absurder Gedanke, es könnte sich in dieser Jahreszeit um diese Stunde ein Mensch hierher verirren. Doch Leibchen kalkulierte auch den närrischsten Zufall mit ein. Er war beruhigt und entklei- dete sich. Steffi indessen war offenbar schon wieder am Mittel- meer, oder sie nahm Abschied von Berlin, nicht ahnend, daß dieser Abschied ewige Nimmerwiederkehr bedeute- te. Sie blickte über den See. Wie eine griechische Statue stand sie auf der Grenze zwischen Schatten und Licht, auf einem Sockel, der ihren Füßen gerade noch Platz bot, einer winzigen Landzunge. Von ihrem Haar ging ein sonderbarer Glanz aus, matt, kupfergolden, eine Gloriole trauriger Freude. Ein Bild voll Anmut und natürlicher Schönheit. Wiederum konnte Leibchen sich dem Zauber nicht entziehen, und es überkam ihn ein Taumel von Wehmut, ein Schmerz, bestimmbar bis hinab in die Len- den, wo er sich konzentrierte. Das war ihm nicht fremd. Einmal befragt, wo er den Sitz des menschlichen Gewis- sens vermute, hatte er laut hinausgelacht, so etwa in der Lendengegend scheine seins zu stecken, denn woanders habe er noch nichts gespürt. Hier spürte er es wieder, und jetzt stellte sich auch jenes heftige Lustgefühl ein, das den Schmerz umwandelte in ein dumpfes, rauschhaftes Begehren, unaufhaltsam. Nein, es gab keine Alternative, hätte in Steffi selbst die reine Unschuld vor ihm gestan- den. „So“, sagte er. Steffi sah sich um und erschrak. Er war vollkommen nackt. 34
  • „Du hast gedacht, ich traute mich nicht, stimmt’s?“ sagte er. „Bist du nicht gescheit“, sagte sie. „Wie sollte ich auf so einen kindischen Gedanken kommen?“ „Na, macht nichts.“ Er begann sich warm zu trampeln; ihm war hundekalt. „Inzwischen bist du eben erwachsen, und ich bin kindisch geblieben – wie damals vor fünf- undzwanzig Jahren.“ „Aber so hab’ ich das doch nicht gemeint!“ „Und nun paß mal auf. Was du jetzt siehst, siehst du nämlich so bald nicht wieder. Das macht kein Türke und erst recht kein Neger. Denen fehlt’s an Härte, diesen wel- schen Brüdern. Aber wir, wir sind immer noch wer!“ Er ging aufs Wasser zu. Er lief nicht, er ging. Er fand es heldenmütig genug, bei solchen Temperaturen zu baden, da brauchte er sich nicht tollkühn hineinzu- stürzen. Als seine Füße ins Wasser tauchten, griff die Kälte blitzschnell bis hinauf in sein Hirn und verursachte ihm einen Schwindel, und er dachte: Scheißfisimatenten, warum hab’ ich Idiot sie nicht einfach erwürgt. Jetzt ging er nicht mehr, jetzt stelzte er wie ein Gockelhahn, bestimmt lächerlich anzuschauen, aber anders brachte er es nicht fertig. Das Wasser reichte ihm bereits bis an die Knie, als er sich die Brust benetzte. Dann holte er tief Luft, schloß die Augen und warf sich mit ausge- streckten Armen nach vorn, seinen ganzen Willen auf- bietend gegen den Schrei, der aus ihm herausdrängte. Mit hundert eisigen Pranken packte, umklammerte ihn das Wasser, Ihm war, als erloschen seine Sinne. Aber als er in jäher Angst noch dachte: Wenn jetzt dein Herzschlag aussetzt … tauchte er schon auf, und Steffi hatte den Satz, den sie ihm nachgerufen, noch nicht einmal beendet. 35
  • „Sei doch still“, sagte er. „Wenn dadurch jemand an- gelockt wird, so nackt wie ich bin!“ Obwohl er ihr Gesicht nur undeutlich sah, war es ihm, als lächelte sie. Sie war von ihrem kleinen Podest herabgestiegen, wohl um nicht bespritzt zu werden. Nun stellte sie sich wieder darauf, das Mondlicht traf sie voll, und unverkennbar zeigte sich: Steffi lächelte. Nicht geringschätzig, nicht ablehnend war dieses Lächeln, nein, amüsiert war es, heiter. Leibchen hatte sich nicht geirrt. Die Rechnung schien aufzugehn. Steffi, soeben noch konsterniert, imponierte sein jungenhaftes, über- mütiges Spiel. „Es ist herrlich“, sagte er und schwamm ein paar Zü- ge, „und es ist gar nicht so kalt. Nur am Anfang. Wir hat- ten heute immerhin noch mal achtundzwanzig Grad im Schatten, das macht sich bemerkbar. Ein zünftiger Ab- schied, findest du nicht?“ „Doch“, sagte sie, „wenn auch leicht verrückt.“ „Gelobt sei, was hart macht!“ Er lachte und sang plötzlich mit einer Stimme, die etwas nach Zähneklap- pern klang: „Und dennoch hab’ ich harter Mann die Lie- be auch gefühlt …“ „Aber doch nicht jetzt“, sagte Steffi mit kokettem Zweifel. „Es ist genau wie damals, der Mondschein, die Stille … Vielleicht nicht so feierlich, mag sein, aber dafür ist es einsamer. Der ganze See für mich allein.“ Leibchen, immer darauf bedacht, nicht laut zu spre- chen, hielt sich auch stets in Ufernähe. „Kann sein, daß ich etwas zu schnell ’rein bin“, sagte er. „Wenn du auch kommst, müßtest du dich sorgfältiger abkühlen.“ „Wie stellst du dir das vor?“ 36
  • „Ich mein ja nur. Wenn du natürlich nicht willst … Du wirst aber noch ’n Weilchen auf mich warten müssen. Das letzte Bad in europäischen Gewässern, in einem deutschen See … Es stimmt mich richtig traurig. Aber na, ist alles ’ne Frage der Gewöhnung“, er lachte, „auch die Wassertemperatur. Phantastisch, sag’ ich dir!“ „Wollen …“, sagte Steffi zögernd. „Mir ist es bloß um die Frisur. Wenn die naß wird … Es wär’ schade drum.“ „Ja, wenn du tauchen willst …“ „Tauchen?“ „Zuzutrauen wär’s dir ja. Wenn ich dran denke, wie du damals der Tschammern den Schneid abgekauft hast mit sechs Längen Vorsprung. Meine Herren! Aber da hattest du immer ’ne Badekappe auf.“ „Du darfst aber auch nicht spritzen.“ „Spritzen! Wie stellst du dir das vor? Ich will mit dir noch in ’ne Bar.“ „Und wenn Leute kommen?“ „Erstens kommen keine, und zweitens gucken die von sich aus weg, wenn sie was spitzkriegen sollten. Die sind hier nicht so.“ Steffi blickte prüfend in den Wald, und Leibchen fand, daß sie ihn sogar noch unterstützte. Sollte dort wirklich jemand sein, so konnte sie das vom Land aus leichter ausmachen als er vom Wasser. Es war aber nichts, und Steffi zog sich aus. Als sie dann doch vor dem Wasser zurückscheute, re- dete er ihr zu, und das tat er mit ebensoviel Nachsicht wie Geschick. Es kam ihm dabei nicht in den Sinn, daß er sie zum letztenmal sah und nicht nur sah, sondern so sah, ja, eigentlich sah er sie gar nicht. Er fühlte sich sei- nem Ziel so nah, daß außer dem Ziel nichts mehr für ihn von Belang war, und hatte er vor Minuten noch ihre 37
  • Schönheit bewundert, ihre Nacktheit sagte ihm nichts mehr, und der Gedanke, daß sie so entblößt und ungeschützt die vollkommene Wehrlosigkeit verkörperte, konnte sein Hirn nicht mehr erreichen. Als Steffi sich Brust und Arme anfeuchtete, wobei sie unterdrückt kreischte, schimpfte Leibchen plötzlich, jetzt habe er doch vergessen, die Uhr abzuschnallen, und er watete an Land, während Steffi ins Wasser sprang, und lief zu der Tasche und nahm den Verbandkasten heraus. Mit dem Rücken zum See gewandt, hockte er sich hin und riß gleich von mehreren Mullbinden die Papierhüllen ab. Dann umwickelte er sich den rechten Arm vom Handgelenk bis an die Schulter, Binde um Binde, bis alle aufgebraucht waren. In diesen Panzer preßte er mit äu- ßerster Kraft die Fingernägel. Er empfand schmerzhaft den Druck des Griffs, stellte aber erleichtert fest, daß die Nägel nicht in die Haut drangen. Obwohl seine Zähne in rasendem Stakkato aufeinanderschlugen, verspürte er keine Kälte. Er rannte zurück und stürzte sich ins Was- ser; dabei sah er noch, daß Steffi hinausgeschwommen war. Er wußte, daß er es im Wasser nicht mehr lange aus- halten würde, und fluchte. Wo er keinen Boden unter den Füßen hatte, konnte er es nicht tun; das Risiko, von Steffi mit hinabgerissen zu werden, war zu groß, und Menschen in Todesangst boten ungeheure Kräfte auf. Er mußte Steffi zurückholen. Da er nicht rufen durfte, schwamm er ihr hinterher. Sie hatte einen gehörigen Vorsprung, und zu- dem schien sie noch zu glauben, er wollte ein kleines Wettschwimmen veranstalten; denn nachdem sie sich einmal umgeschaut hatte, winkte sie ihm lachend und zog dann mit Schwung davon. Leibchen schwamm wie um sein Leben. Die Kälte setzte ihm nun schon arg zu, und je weiter er sich vom 38
  • Land entfernte, um so mehr wuchs seine Furcht vor ei- nem Wadenkrampf oder einer Kreislauf schwäche, die tödlich sein mußte. Wohl war er ein schneller, doch kein sonderlich ausdauernder Schwimmer und bei weitem nicht mehr so intakt wie vor fünfundzwanzig Jahren, und selbst damals, bei den Sonnenwendfeiern, im Scheine der lodernden Feuer, waren ihre Badespiele keine Wettkämp- fe gewesen, sondern weihevolle Rituale. Nicht körperli- che Anstrengung hatte sie ihnen abverlangt, die Huldi- gung an den Mythus, nein, sie hatte ihnen nichts genom- men, sie hatte Stärke in ihnen entfacht, den Taumel seeli- scher Größe. Das aber war dahin. Heute war es anders, alles war heute anders. Es loderten keine Feuer mehr, die wehrhaften Götter zu preisen und die Haut ihrer irdischen Abkömmlinge zu trocknen, und es rollten keine Flam- menräder die Gebirge hinab, die morsche Welt mit ihrer Glut zu entzünden. Die Feuer waren zu Asche zerfallen, nicht eins leuchtete ihm, Leibchen, auf seiner verzweifel- ten Jagd, die ihn mehr und mehr erschöpfte – schon hüpf- te der Mond ihm vor Augen wie ein glimmender Gum- miball, der aufs Wasser prallt und zurückspringt und wieder fällt, bleich wie die Gebeine derer, die Pech ge- habt hatten oder ein Quentchen Schlauheit zuwenig, Tschammer zum Beispiel, der sich in der Alpenfestung verkrochen hatte, wo sie ihn bald erwischten. Sie hatten ja selbst den einen noch erwischt, dessen Asche nun in alle Winde verstreut war, ein paar Gramm Dung für die Unermeßlichkeit des Mittelmeers. Ihn, Egon Leibchen, sollten sie nicht bekommen. Als er Steffi erreichte, war er halbtot. Sie lachte ihn an, prustend. Wasser schäumte auf ihrem Gesicht, und Perlen schimmerten in ihrem Haar. Sie hatte sogar ihre Frisur mißachtet. Die Lust, ihm zu zeigen, wie jung sie 39
  • noch war, hatte sie übermannt, ihr hatte sie nicht wider- stehen können. Und jetzt hatte sie es geschafft. Sie hatte gesiegt, sie triumphierte: Da, bitte, bin ich etwa nicht mehr die von vor zwanzig Jahren? Leibchen keuchte. „Hab’ gar nicht gedacht, daß du noch so auf Draht bist“, rief Steffi anerkennend. „Bei meinem Vorsprung! – Aber da vorn ist die Strömung.“ Er müsse umkehren, keuchte Leibchen, ihm sei auf einmal so komisch, er fürchte, ihm werde schlecht, wenn sie nicht gleich … „Ich bin zu lange drin“, fügte er hinzu. Sofort kehrte Steffi um. Was bisher war, es war Spiel für sie gewesen. Plötzlich war Ernst daraus geworden. Das Mondlicht war um einen Schein dunkler, das Ufer um viele Anstrengungen ferner, und die Strömung war auf einmal so nahe, als könnte sie den Entkräfteten in ihren Sog ziehen. Steffi hatte Angst um Leibchen. Jetzt dachte sie nicht an ihren verlockenden Wahrtraum von Istanbul und weißen Gestaden, jetzt erfüllte sie nichts als das Bangen um den Mann an ihrer Seite. „Hoffentlich schaffst du’s“, sagte sie. „Es wird schon gehn.“ „Ich bleibe dicht bei dir. Wenn dich eine Schwäche ankommt, hab’ keine Angst, ich rette dich.“ „Angst …“, sagte Leibchen, obwohl die Angst ihm die Kehle zuschnürte. Er schwamm in gleichmäßigen, wenn auch nicht mehr kraftvollen Zügen, um sich nicht vollends zu verausga- ben, und allmählich, je mehr das Ufer heranrückte, schwand seine Angst, zumal er Steffi bei sich wußte, die- se exzellente, ausdauernde Schwimmerin, die ihn genau- so aus dem Wasser bugsieren würde, wie sie es einst mit 40
  • Hossingers Braut getan hatte. Wenn sie ahnte, daß sie leben bleiben könnte, ließe sie mich hier ersaufen, dachte er. Gäbe sie mir jetzt einen Tritt, ich würde absacken wie ein Stein. Ob sie das wohl fertigbrächte? Als er Boden unter den Füßen spürte, bat er sie ei- nen Moment zu warten, er sei zu schlapp, er müsse erst mal verschnaufen. Das Wasser reichte ihm bis an die Schultern. So tief durfte es nicht sein. Gelang es Steffi, sich seinem Griff zu entwinden, konnte sie mit einem Schritt im offenen Wasser sein, und dort war er ihr in seinem Zustand unterlegen. Auch lag die Stelle im Mondlicht. Er mußte in den Schatten des Schilfgürtels, näher ans Land, wo es vermutlich auch seichter war. Es waren nur ein paar Meter, aber Steffi stützte ihn. Diese geradezu mütterliche Besorgnis verwirrte ihn, die Wärme, die von ihrem Arm in seine Achsel drang, stimmte ihn wehleidig. Ein paar Gedanken lang rechte- te er mit sich, und tief in ihm regte sich etwas. Das kannte er nicht. War es Mitleid, waren es Skrupel, war es nur ein Gefühl, oder war es mehr? Er lehnte sich dagegen auf wie gegen den Zugriff einer zersetzenden fremden Gewalt, eines seinem Wesen feindlichen An- spruchs, und er siegle mit Lendenschmerz und dem plötzlich übermächtig hereinbrechenden rauschhaften Begehren. Den gepanzerten Arm von Steffi abgewandt, den an- dern um ihre Schulter gelegt, sich scheinbar stützend, als sei er noch kraftlos, sah er das Wasser wie einen Eich- strich an ihren Brüsten. Es war die richtige Stelle, seicht und tief genug, und der Schatten vom Schilf wehte um sie in schwarzen Fahnen, und sonst war nichts außer dem leeren Wald und den vergeblichen Lichtern jenseits des Sees und ihnen beiden. 41
  • Plötzlich sagte Steffi: „Ich weiß nicht, aber ich habe Angst.“ „Angst?“ Leibchen wurde es glühendheiß. „Ja, ich hab’ auf einmal Angst vor dem fremden Land und dem Leben dort.“ Obwohl ihre Zähne aufeinan- derschlugen, versuchte sie zu lächeln. „Das muß das Wasser gemacht haben. Zuerst war ich wie benommen, du hattest mich ja richtiggehend überrumpelt. Aber jetzt ist mein Kopf völlig klar.“ Leibchen zwang sich zu einem Auflachen, es klang wie Gekrächz. „Na schön, wenn du nicht willst, dann bleibst du eben hier.“ „Du mußt mich verstehn, Egon. Ich fürchte, ein neuer Anfang mit uns beiden, selbst da unten … Ich bin doch nicht mehr die von damals.“ „Unten ist gut. Dann geht also nur einer von uns nach unten, wie du so schön sagst … Bitte, wie du willst.“ Langsam hob er den Arm aus dem Wasser. „Was hast du denn da?“ fragte Steffi. „Einen Ver- band?“ „Einen Schutzverband“, sagte er. „Ich bin nun mal ein vorsichtiger Mann.“ Und ehe sie noch etwas sagen konnte, hatte er die Hand um ihren Nacken gelegt und ihren Kopf herunter- gedrückt, ganz sacht zuerst, so daß sie sich nicht dage- genstemmte, verwundert, was das nun wieder sollte. Erst als ihr Gesicht das Wasser berührte und untertauchte, spürte er an ihrem Widerstand, daß sie begriff, was mit ihr geschah. Aber da hielt er sie bereits so weit von sich ab, daß ihre schlagenden und ziellos greifenden Hände nur seinen gepanzerten Arm erreichten, und er fühlte ihre Nägel nicht, diese gefährlichen Dolche, fühlte nur den Druck ihres Zupackens, weniger stark jedoch; denn stärker 42
  • war der ziehende Schmerz in seinen Lenden, während ihre verzweifelte, chancenlose Gegenwehr erlahmte, mehr und mehr, bis die letzte Luft aus ihren Lungen barst und in zwei großen platzenden Blasen das Wasser aufbrodelte. Sie wollte mich retten, dachte er. Nun hat sie mich al- so gerettet. Weiß Gott, ich bin ein Schwein. Aber auch Schweine wollen leben. Den Leichnam schob er der Strömung entgegen. Dann wankte er an Land, ausgepumpt, dem Umsinken nahe. Dort taumelte er auf Steffis Handtuch zu, sich abzufrot- tieren. Als er es ans Gesicht hob, wunderte es ihn, daß er plötzlich ihr Haar vor Augen hatte mit dem sonderbaren kupfergoldnen Glanz, und unwillkürlich dachte er an ihre rührende Sorge um ihre Frisur. 43
  • ZWEITES KAPITEL Zinn oder Das gebrochene Herz Der Morgennebel, der die Straße mit seiner schmutzigen Watte verstopfte, beginnt sich zu lichten, und VP-Meister Handtke hofft, es werde noch nicht vorbei sein mit den schönen Tagen dieses ungewöhnlichen Septembers. Jetzt kommt sogar die Sonne durch und läßt die noch nicht ver- rosteten Antennen auf dem Dach gegenüber funkeln. Sogleich hängt die junge Frau im dritten Stock wieder Ba- bywäsche auf den Balkon. Als habe er darauf gewartet, nickt Meister Handtke. Eigentlich müßte er die Nase rümp- fen, denn das Wäschetrocknen zur Straße hin zuwiderläuft der Stadtordnung. Aber der Diensthabende im 33. Revier nickt und schmunzelt. Er hat seit sechs Wochen einen En- kel und läßt sich von der ständigen Babywäscheausstellung gern instruieren, was man einem solchen Hosenmatz für reizendes Zeug auf den Popo ziehen kann. Diesmal flattert es salatgrün und rosa getupft von der Leine. Der hochgewachsene, weißhaarige Mann, der wenig später das Dienstzimmer betritt, ist etwa in Handtkes Al- ter. Das sieht Handtke sofort. Jahrelanger Revierdienst schärft den Blick. „Guten Tag“, antwortet er und deutet auf den Besucherstuhl gegenüber seinem Schreibtisch. „Bitte, nehmen Sie Platz.“ „Danke.“ Der Mann scheint überrascht zu sein, daß ihm sofort ein Stuhl angeboten wird. Noch hat er nicht gesagt, was ihn ins Revier geführt hat. Der Diensthaben- de kann also nicht wissen, daß die Angelegenheit nicht mit ein paar Worten abzumachen ist. Er könnte ja nur um eine Auskunft gekommen sein. 44
  • Handtke weiß das selbstverständlich nicht, und von Ahnungen hält er nichts. Die untrügliche Witterung, von der es in alten Detektivromanen knistert und die sich auch heute wohl mancher Kriminalist gar nicht ungern nachrühmen ließe, findet bei ihm ihre Zuordnung allein im Tierreich, wo sie auch hinpaßt. Nun ist Handtke kein Kriminalist. Aber auf jedem Polizeirevier fällt von Zeit zu Zeit etwas an, was hier vom Tisch geht, um die Ge- nossen von der K in der Inspektion oder im Präsidium zu beschäftigen, und dann muß auch ein Diensthabender im Revier sich als Kriminalist betätigen. Nein, Handtke geht einfach davon aus, daß einer zwei Treppen ersteigen muß, ehe er zu ihm gelangt, und wenn dem nicht mehr der ers- te Jünglingsflaum auf den Wangen sprießt, mag er ruhig im Sitzen verschnaufen. „Ich heiße Carl August Zinn“, sagt der Mann, wobei er sich auf dem Stuhle leicht verbeugt. „Ich möchte eine Vermißtenanzeige erstatten.“ Handtke denkt sogleich an seinen Enkel und hat die Er- klärung für die Besorgnis, die sich in Zinns dicklichem, rosigem Gesicht eingenistet hat. Sie glimmt in der Tiefe der grauen Augen, die wie erloschen anmuten, als haben sie die schrecklichen Bilder des Möglichen in der phantas- tischen Vorwegnahme durch die Angst schon geschaut, Bilder, die von der Realität zum Glück nur in den seltens- ten Fällen zusammengefügt werden. Wer hat beim Auf- kreischen von Bremsen nicht schon an sein Kind gedacht? Neulich erst hat Handtke einen Ziegelstein vor das Rad eines fahrlässig abgestellten Kinderwagens gelegt, und prompt hat er nachts geträumt, sein Enkel, der ja noch in den Windeln liegt, sei entlaufen. Der Traum hat ihn bis in den Tag hinein verfolgt. Wie erst muß einem zumute sein, für den ein solcher Alptraum zur Wirklichkeit wird? 45
  • „Handelt es sich um ein Kind?“ „Nein, um meine Frau.“ „Aha.“ Dieses Aha, von Handtke einfach so dahingesagt, scheint Zinn irgendwie getroffen zu haben. Offenbar mißt er ihm eine Bedeutung bei, die von Handtke gar nicht beabsichtigt war; denn nichts weiter drückte dieser leise Ausruf aus als Handtkes Erleichterung. Deshalb setzt er hinzu: „Die Suche nach einem Erwachsenen ist oft schwieriger, aber ein Kind ist größeren Gefahren aus- gesetzt. Denken Sie nur an den Verkehr.“ Zinn nickt, wobei er sich über sein silberweißes Haar streicht. Er trägt es in Wellen, denen man nicht ansieht, ob sie sich allein unter den Zähnen eines Kammes so ele- gant um den Kopf schmiegen. Vermutlich ist das Haar der persönliche Stolz dieses Mannes, der zweifellos weiß, welche Wirkung von ihm ausgeht. Die ordnende, mit überflüssiger Sorgfalt vollführte Handbewegung hat es Handtke verraten; denn kein Härchen lag widerspenstig in der Frisur. Warum nicht, denkt Handtke, auch manche Bilder werden ansehnlicher durch einen prächtigen Rah- men. Wäre er kahlköpfig, sähe dieser Zinn nach gar nichts aus mit seiner rosigen Haut, den Tränensäcken unter den Augen und dem dicklichen Untergesicht. Aber wer weiß, vielleicht ist er übernächtigt, vielleicht hat er kein Auge zugetan, seit ihm die Frau weggelaufen ist, und solcher Kummer kann ein Antlitz ziemlich verunzieren. Daß diesem Mann die Frau davongelaufen ist, setzt Handtke voraus. Zwar weiß er bisher nichts von diesem Zinn, seiner Frau und deren Leben. Aber es steht schon jetzt für ihn fest: Wenn dieser Herr Zinn mit seiner Ver- mißtenanzeige nicht voreilig handelt – und das wird sich gleich herausstellen –, wenn ihm die Gattin also tatsäch- 46
  • lich abhanden gekommen ist, dann ist sie ihm durchge- brannt. Freilich gelangt Handtke nicht mangels Phantasie zu solcher Mutmaßung. Er weiß einfach, wo er lebt, er kennt sich aus in den Verhältnissen, die er, der VP- Meister Handtke, mit geordnet hat und die sich sehen lassen können. Hier werden Frauen weder entführt noch umgebracht, und geschieht es doch einmal, daß ein Mord die Gemüter erregt, ist es die einsame Ausnahme, die an der Regel nichts ändert. So beginnt Handtke die Befragung mit einer gewissen Gelassenheit, die er Zinn freilich nicht spüren läßt. Was immer die Dame bewogen haben mag, auf solche Weise ihren Mann zu verlassen oder auch nur zu strafen, der Betroffene ist dadurch in einen Zustand gebracht, der ernst genommen werden muß. Die Hilfe, die er sucht, wird er bekommen, selbst wenn eine Großfahndung ein- geleitet werden müßte, die vielleicht schon in der Stunde darauf wieder abgeblasen wird, weil nämlich in gerade dieser Stunde das Strohfeuer abgebrannt sein kann und die Vermißte sich wieder eingefunden hat. Mitunter er- fährt die Polizei einen solchen Ausgang dann erst durch Nachbarn, die verantwortlicher zu den Dingen stehn als jene Leute, welche in ihrer Angst am liebsten die ganze Republik in Alarmzustand versetzt hätten. Diesen Eindruck macht Zinn allerdings nicht. Er be- antwortet jede Frage korrekt, wirkt den Umständen ent- sprechend gefaßt und verschont den VP-Meister mit dem Schwall jener Befürchtungen, den dieser bei ähnlichen Anlässen oft über sich ergehen lassen muß. Zinn hat of- fenbar einiges im Leben durchgemacht und daraus die Erkenntnis gewonnen, daß Geschehnisse erst dann ihr volles Gewicht haben, wenn man ihr Ende vor Augen hat. Das macht ihn Meister Handtke sympathisch. Speku- 47
  • lationen verachtet Handtke ebenso wie Unbeherrschtheit. Gerade die beherrschte Haltung eines Mannes kann über- zeugender sichtbar machen, was in ihm vorgeht, welche Sorge ihn quält. Jedoch gehört ein erfahrener Blick dazu, das Verborgene aufzuspüren. Meister Handtke weiß, daß dieser Blick bei ihm nicht auf Einbildung beruht. „Seit wann vermissen Sie Ihre Gattin, Herr Zinn?“ „Seit wann ich sie vermisse?“ Zinn blickt Handtke un- schlüssig an. „Das ist schwer zu sagen … Zuerst wußte ich ja nicht, daß sie nicht wiederkommen würde. Ehrlich gesagt, weiß ich das auch jetzt nicht. Aber inzwischen ist sie sechsunddreißig Stunden von zu Hause fort, und nun mache ich mir ernsthaft Sorgen.“ „Seit sechsunddreißig Stunden also.“ „Ist sie fort“, betont Zinn. „Ja, das meinte ich ja.“ „Ach so.“ „Was sollte ich sonst gemeint haben?“ fragt Handtke. „Nichts … ich dachte nur …“ Zinn scheint verwirrt und verstummt. Doch als Handtkes Augen fragend auf ihn gerichtet bleiben, fügt er mit einem kleinen schuld- bewußten Lächeln hinzu: „Es war wirklich nichts.“ „Dieses ‚Ach so‘ von Ihnen, wissen Sie“, erklärt Handtke, „wenn jemand ‚Ach so‘ sagt, ist immer was. Ich wollte von Ihnen wissen, seit wann Ihre Gattin fort ist. Sie haben meine Frage beantwortet und sagten dann ‚Ach so‘.“ Diesmal lächelt Zinn schmerzlich. „Sie haben mich gefragt, seit, wann ich meine Frau vermisse. Als ich sie nicht vorfand, vermißte ich sie wohl, doch in einem an- dern Sinne. Das Gefühl, daß sie vielleicht nicht zurück- kommen könnte, stellte sich naturgemäß erst später ein. Diesen Zeitpunkt könnte ich nicht genau angeben.“ 48
  • Handtke stellt fest, daß Zinn ein Mann ist, der es mit dem Wort genau nimmt, und obwohl ihm, dem Meister der VP, soeben eine leichte Unkorrektheit im Ausdruck nachgewiesen wurde, nimmt ihn das gegen Zinn nicht ein. Es könnte ihn auch gar nicht gegen Zinn einnehmen, denn diese Unkorrektheit war beabsichtigt. Sie diente dem Meister dazu, mit seiner Methode dem ihm völlig fremden Mann ein wenig den Puls zu fühlen. Dessen Re- aktion besagt zwar nicht viel, aber Handtke sagt sie aller- hand. Zinn ist offensichtlich korrekt bis ins Detail, doch nicht so, daß er Nebensächliches überbewertet. Denn nur auf Handtkes Drängen hin hat er ihn auf seine unge- schickte Fragestellung aufmerksam gemacht, und das mit angenehmer Zurückhaltung. Genauigkeit auf der einen Seite, das dürfte präzise Angaben erwarten lassen, Groß- zügigkeit andrerseits aber hat schon oft zu Entwicklun- gen beigetragen, an deren Ende dann ein Mensch vor Handtke in ähnlicher Lage saß wie jetzt dieser Carl Au- gust Zinn. Zinns Personalausweis ist übrigens tipptopp, ein Mus- terstück peinlicher Ordnungsliebe. Auf jeder Seite sieht man ihm an, daß sein Besitzer sich des Werts seines wichtigsten Dokuments bewußt ist. „Sie sind Carl August Zinn.“ „Ja.“ „Geboren am dreiundzwanzigsten November neun- zehnhundertsechzehn in Allstetten.“ „Ja.“ „Wo liegt denn das?“ „Im ehemaligen Ostpreußen.“ „Aha.“ Handtke schlägt die Meldeseite auf. „Wohn- haft in Berlin, Griffelsberger Straße siebzehn.“ „Ja.“ 49
  • Handtke blättert zurück. „Von Beruf sind Sie Züchter.“ „Ja.“ Handtke blickt vom Ausweis auf, einen Anflug von Neugier in den Augen. „Was züchten Sie denn, Herr Zinn?“ „Ratten“, sagt Zinn. „Ratten?“ Handtkes Neugier weicht einer leisen Be- troffenheit. „Ich denke, die vernichtet man?“ „Die Ratten, die Sie meinen, werden ausgerottet, gewiß“, antwortet Zinn. „Wer in unsern Breiten von Ratten spricht, denkt meist an die zwei Arten, die bei uns heimisch sind, die aus Asien stammende Wander- ratte …“ „Aus Asien, aha.“ „Sie stammt wirklich aus Asien“, sagt Zinn. Handtke lächelt. „Wenn Sie es sagen – ich wußte es. nicht.“ „Sie kann“, erklärt Zinn mit der leisen Erregung des Sachkundigen, „von der Schnauze bis zur Schwanzspitze fast einen halben Meter messen, ein gefräßiger Schäd- ling, der sogar Geflügel und Kaninchen tötet.“ „Was Sie nicht sagen“, staunt Handtke, „fast einen halben Meter?“ „Mit dem Schwanz.“ „Na, der wird ja wohl nicht länger als der Körper sein.“ „Stimmt, bei der Wanderratte ist er kürzer, nur bei der kleineren Hausratte nicht. Die ist aber, auch wenn sie kleiner ist, nicht weniger schädlich. Sie nährt sich in der Hauptsache von pflanzlichen Stoffen, Saatgutbestände und so. Eine Gefahr für die Volksernährung.“ „Und für die Hygiene“, sagt Handtke. „Das ist mir be- kannt.“ 50
  • „Es gibt aber nicht bloß diese beiden Arten auf der Welt. Es gibt über zweihundertfünfzig in mehr als einem halben Tausend Unterarten.“ „Ach was“, sagt Handtke, den diese Zahl verblüfft. „Und eine davon züchte ich“, fährt Zinn fort, wobei er sorgfältig über seine Frisur streicht, an der doch alles in Ordnung ist. „Es sind weiße Ratten. Sie werden für me- dizinische Zwecke gebraucht, Tests, Laborversuche, Er- probung chemischer und pharmakologischer Präparate und so weiter. Der Bedarf wächst in dem Maße, in dem die Wissenschaft sich entwickelt, und deren Wachstums- tempo ist ja wahrhaft imponierend.“ „Allerdings“, bestätigt Handtke und betrachtet Zinn mit sichtbarem Wohlgefallen. „Ihre Gattin ist also seit sechsunddreißig Stunden verschwunden. Vielleicht er- zählen Sie mir jetzt davon etwas mehr, Herr Zinn.“ Zinn richtet sich auf dem Stuhle auf, als müsse er sich straffen, so unsanft zurückgerufen aus der Ferne der wohltuenden gedanklichen Abschweifung. Wie ein Er- wachen geht es durch den Mann, ein Erwachen voller Schmerz, der mühsam niedergerungen wird. Seine Au- gen, für einen Moment groß aufgetan, blicken Handtke ratlos an. „Es ist noch nie passiert“, sagt er; er sagt es eher vor sich hin als für den andern. „Ich weiß nicht, was ich da- von halten soll. Ich bin mit Steffi fünfundzwanzig Jahre verheiratet.“ „Was ist noch nie passiert, Herr Zinn?“ „Daß sie ging, ohne ein Wort zu sagen. Wenn ich nicht da war, hat sie immer eine Nachricht hinterlassen. So ist sie nie gegangen, kein einziges Mal in all den Jah- ren. Sie blieb auch nie länger aus als ein, zwei Stunden. Ich finde keine Erklärung dafür, Genosse Leutnant.“ 51
  • „Ich bin nur VP-Meister, Herr Zinn“, sagt Handtke. „Aber die Erklärung werden wir vielleicht trotzdem fin- den. Wichtiger ist, daß wir Ihre Gattin finden, nicht wahr? Waren Sie eigentlich lange Soldat?“ „Wieso?“ fragt Zinn verdutzt. „Nur so.“ Handtke lächelt. „Heute trägt ein Leutnant Sterne auf der Schulterklappe.“ „Ach so! Na, ich lern’s nicht mehr. Ich hab’s immer durcheinandergebracht. Ich war nie bei der Wehrmacht, und später dann war ich zu alt. Ehrlich gesagt, war mir beides recht. Ich bin alles andre als eine Sportsnatur.“ Handtke zuckt mit den Schultern. Das kann er nicht beurteilen, ob dem Herrn Zinn das eine wie das andre so recht war und er keine Sportsnatur ist, und er will es auch gar nicht. Es interessiert ihn nicht. Die kleine Abschwei- fung gestattete er sich eigentlich nur, weil Zinns irrtümli- che Anrede nicht gerade gut zum Bild eines Mannes paßt, der bis ins Detail korrekt ist. Aber da er Diensträn- ge schon immer durcheinandergebracht hat, sind sie of- fenbar Nebensache für ihn, und Nebensächliches bewer- tet er, was Handtke bereits erkannt hat, nicht über. So rundet sich das Bild zum Schluß doch wieder. „Darf ich hier rauchen?“ „Aber bitte.“ Zinn bietet Handtke eine Zigarette an und hat auch gleich ein Feuerzeug zur Hand. Die Gasflamme faucht leise, reglos steht sie vor Handtkes Augen wie ein hauch- dünn geschliffener winziger Dolch. Handtke saugt Glut an und stellt fest, Ratten scheinen ein einträgliches Ge- schäft zu sein. Diese Sorte gönnt er sich nur sonntags, nun ja … „Ich hatte auch nie Streit mit meiner Frau“, sagt Zinn. „Das mag unwahrscheinlich klingen, aber es ist so. Mei- 52
  • nungsverschiedenheiten, die gab es schon, wenn auch selten. Aber sie arteten nie aus. Heftige Worte oder Be- schimpfungen oder diese entsetzlichen Szenen, die Ehe- leute sich mitunter machen, das alles war uns fremd. Wir lebten wirklich in harmonischer Eintracht zusammen.“ „Das hört man gern“, sagt Handtke. „Lag es nun an Ihnen oder an Ihrer Gattin, daß das so war?“ „Wohl an uns beiden. Ich glaube, wir paßten einfach zueinander. Ich muß allerdings sagen, daß Steffi daran ein großes Verdienst zukam. Sie war eine sanftmütige Frau.“ „Warum war sie das?“ Zinn hebt ein wenig die Hand mit der Zigarette, und der blaue Rauch zeichnet lebhaft Spiralen in die Luft. „Sie war von Natur aus so.“ „Das meine ich nicht“, sagt Handtke. „Anscheinend ist Ihnen gar nicht bewußt, daß Sie fortwährend in der Ver- gangenheitsform von Ihrer Gattin sprechen.“ „Im Hinblick auf die Harmonie zwischen uns beiden“, antwortet Zinn und drückt die erst halb gerauchte Ziga- rette aus, ohne dabei die Augen von Handtke zu wenden. Er sieht nicht, daß die Glut gelöscht ist. Als schwele sie unsichtbar weiter, dreht er den Rest der Zigarette in den Aschenbecher hinein mit der breiten Kuppe seines Dau- mes, dessen Nagel gespalten ist. Dieser Mann ist enttäuscht, denkt Handtke, enttäuscht und verletzt und bis oben hin voll von diesem weinerli- chen Groll, der zu nichts nütze ist, als einen seelisch vol- lends zum Wrack zu machen. Und ihm ist gar nicht be- wußt, wie er mir das jetzt zeigt. Genauso macht Loni die Zigarette aus, seit Alfons sie mit dem Kinde hat sitzen- lassen. Mit der gleichen dumpfen Lust zermalmt sie jede Zigarette, als erinnere sie das letzte Fünkchen Glut an 53
  • ihre zerronnenen Hoffnungen und Illusionen. Aber Loni hat immer noch uns, und bei ihr sind von heute auf mor- gen nicht fünfundzwanzig Jahre auf die Passivseite ge- rutscht. Wen hat der? fragt Handtke sich und sieht, daß Zinns Haut durchaus nicht rosig ist, gelblich fahl ist sie wie die eines Galleleidenden, und die Augen liegen so tief in den Höhlen, als seien sie in die Tränensäcke hin- einversenkt. Zwei Treppen, die können einen, der nicht mehr jung ist, schon in Hitze bringen und ihm die Wan- gen röten. Aber nun ist die Aufwallung des Bluts abge- klungen, und der Mann, der nicht älter als Handtke ist, wirkt mit einemmal wie fünfundsechzig, und sein Unter- gesicht ist weniger dicklich als schlaff und aufgeweicht von der kummervollen Enttäuschung. „Vorgestern“, sagt Zinn, und obwohl sein Blick den be- schmutzten Daumen streift, wischt er ihn nicht ab, „hatten wir eine Auseinandersetzung, die erste in fünfundzwanzig Jahren. Ich bin ganz offen zu Ihnen, Genosse Meister, es war entsetzlich. Wir waren beide nicht mehr wir selber.“ „Kam es zu Tätlichkeiten?“ „Nein, das nicht. Aber seit vorgestern weiß ich, daß Worte einen Menschen ebenso empfindlich treffen kön- nen wie Schläge, und sie können einen noch nachhaltiger verletzen. Die Wunde, die ein häßliches Wort verursacht, verheilt nicht so schnell.“ „Nicht nur bei Ihnen, Herr Zinn.“ „Aber ich nehme Steffi doch davon nicht aus!“ ruft Zinn und legt die Hand an die Brust, aufs feingewebte, seidig schimmernde Tuch seines Mantels, dessen Revers der Aschedaumen ein schmutziggraues Mal aufprägt. „Ich bin ihr doch nichts schuldig geblieben! Schrie sie mir ein böses Wort ins Gesicht, so fand ich ein böseres, und so steigerten wir uns in einen Zustand hinein, der 54
  • bisher für uns ohne Beispiel gewesen ist. Ich weiß nicht, woher mir diese Worte zuströmten, Worte, wie sie vorher nie über meine Lippen gekommen sind.“ „Da haben Sie ja die Erklärung“, sagt Handtke mit lei- sem Widerwillen. „Der erste richtige Zusammenprall, und gleich in dieser Form, das war zuviel für Ihre Frau.“ „Ich weiß nicht einmal mehr, worum es ging“, sagt Zinn und stützt den Kopf in die Hände, untheatralisch, ein Ausdruck zählebiger Fassungslosigkeit. „Jedenfalls um nichts, um eine Lappalie.“ Handtke, nickt. Das hört er nicht zum erstenmal. „So fängt’s oft an.“ „Und wie endet es?“ Zinn richtet sich auf. „Auch so?“ Handtke zuckt mit den Schultern. „Als Ihre Frau es nicht mehr aushielt, rannte sie davon. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie kopflos sie war.“ „Aber ich bin ja gegangen!“ „Sie?“ „Ich habe das Haus verlassen und mich zu Zumseil ge- setzt. Das ist die Bierstube an der Ecke.“ „Und Ihre Frau?“ „Als ich nach Haus kam, fand ich sie nicht mehr vor.“ „Kamen Sie spät?“ „Das war vielleicht mein Fehler“, sagt Zinn, und zum erstenmal weicht er Handtkes Blick aus. Aber Handtke sieht auch so, wie dieser Mann sich seines Verhaltens schämt. „Ich kam am nächsten Morgen.“ „Sie blieben also die ganze Nacht fort? Wann war überhaupt der Streit?“ „Gegen zweiundzwanzig Uhr.“ „Also doch fast die ganze Nacht.“ „Ja, ich habe bei Zumseil übernachtet. Ich wollte nicht gleich wieder zurück. Ich war so … wie soll ich sagen … 55
  • ich hatte einfach Angst, ja, Angst davor, es könnte wei- tergehn.“ „Zumseil hat doch gar keine Hotelkonzession. Oder hat er neuerdings eine?“ „Genosse Meister“, sagt Zinn, „ich möchte Sie bitten, dem Gastwirt Zumseil deswegen keine Schwierigkeiten zu machen. Ich kenne den Mann, seit er das Lokal über- nommen hat. Das ist jetzt acht Jahre her. Zumseil führt sein Geschäft so, daß es bis heute nicht die geringste Be- anstandung seitens der Behörden gab, im Gegenteil, er wurde mit einigen Urkunden ausgezeichnet. Zumseil hat aus einer verrufenen, heruntergewirtschafteten Kneipe ein saubres, ordentliches Lokal gemacht, wo jedermann in Ruhe seine Molle trinken kann, unbehelligt von Ra- daubrüdern und diesem Gesindel notorischer Säufer.“ Um Handtkes Lippen zuckt ein Lächeln. „Sie brau- chen sich für Zumseil nicht so ins Zeug zu legen, Herr Zinn.“ „Ich meine nur … es war eine private Abmachung. Zumseils Tochter studiert in Dresden, und ich konnte in ihrem Zimmer schlafen. Ich war gewissermaßen beim Privatmann Zumseil. Es wäre mir unerhört peinlich, wenn … ich meine, sein Verständnis für meine Lage, daß er mir durch sein persönliches Entgegenkommen – und nur auf mein drängendes Bitten hin … Er sträubte sich lange.“ „Schon gut, Herr Zinn“, sagt Handtke. „Haben Sie denn inzwischen bei Verwandten oder Freunden nachge- forscht?“ Zinn verneint kopfschüttelnd und mit zusammen- gepreßten Lippen. „Das hätten Sie aber tun müssen.“ „Wir haben keine Verwandten.“ 56
  • „Hier in Berlin.“ „Auch anderswo nicht. Wir haben niemanden. Wir hatten immer nur uns.“ „Hm“, brummt Handtke. „Ich bin in einem Waisenhaus aufgewachsen“, sagt Zinn, „ein Findelkind. Meine Eltern habe ich nie ge- kannt. Ich weiß nicht mal, ob ich Geschwister habe. Und die Eltern meiner Frau haben die Amerikaner auf dem Gewissen, ein Bombenangriff.“ „Vielleicht ist sie zu Freunden gegangen“, sagt Handt- ke rasch. „Wir haben auch keine Freunde“, antwortet Zinn. Das begreift Handtke nicht. „Die Ratten“, sagt Zinn und verzieht grämlich den Mund. „Sie nähren wohl ihren Mann, aber um welchen Preis? Wahrscheinlich meinen die Leute, wer Ratten züchtet, dem müsse etwas von diesen Tieren anhaften. Sie kennen doch das Sprichwort: Sage mir, mit wem du umgehst …“ Er lacht bitter in sich hinein, und Handtke kann ihm nachfühlen, wie ihm zumute ist; er kennt des Menschen Hang zur Voreingenommenheit. „Wenn ich mich als Züchter vorstelle, finden die meisten das ganz normal, denn sie denken an Schweine oder Hunde. Aber wenn sie dann hören, was ich züchte, steigt manchem der blanke Ekel ins Gesicht, und in ihre Augen tritt ein ganz bestimmter Ausdruck. Mit dem gleichen Blick würden sie auf eine Ratte starren, die ihnen unter die Füße gerät.“ Zwischen den Zähnen hindurch sagt Zinn: „Dabei hasse ich Ratten. Ich habe sie immer gehaßt. Und“, sagt er in düsterer, verzweifelter Gegenwehr, „ich züchte die weiße Ratte, deren Schädlichkeit in keinem Verhältnis steht zu ihrem Nutzen für die Wissenschaft. Aber wer denkt schon daran, wer weiß das überhaupt!“ 57
  • „Ich nehme an“, sagt Handtke, „daß Sie Ihre Gattin unter diesen Umständen auch bei Bekannten nicht ver- muten.“ „Nein“, sagt Zinn. „Es sei denn, sie hat Bekannte, von denen Sie nichts wissen.“ „Meine Frau hat keine Bekanntschaften“, antwortet Zinn sofort und sehr bestimmt. „Nun ja …“ In Handtkes Augen zeigt sich leiser Zwei- fel. „Ausgeschlossen“, sagt Zinn, der Handtkes Blick rich- tig deutet, „sie hat auch keinen heimlichen Liebhaber, falls Sie das meinen. Steffi nicht. Sie weiß genau, daß ich daran zugrunde ginge. Diese Schmach würde sie mir nie antun, um keinen Preis. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“ Lieber nicht, denkt Handtke; gerade von denen, die sich ihrer Sache so sicher sind, verbrennen sich immer wieder welche dabei, ehe sie’s sich versehn. „Nun gut“, sagt er und läßt beim Aufstehen den Stuhl über die Die- len schrammen. „Dann werden wir die Fahndung einlei- ten.“ Er tritt an einen Aktenschrank heran, dessen Rolltür mit Getöse herunterrasselt, und entnimmt ihm ein Formu- lar. Mit diesem Formular setzt er sich wieder an den Schreibtisch. Zinns Angaben sind lückenlos. Steffi trägt einen rosa- farbenen Rock, so der Schnitt, so der Besatz, eine Hand- breit herab übers Knie, eng; Pullover aus hauchzartem Silastikmaterial, hochgeschlossen, weiß; breiter Leder- gurt mit auffallender Schnalle, eloxiert; weiße Pumps, hochhackig, mit offener Ferse. So war sie bei dem unse- ligen Streit bekleidet. Zinn hat sich vergewissert, daß sie sich in seiner Abwesenheit nicht mehr umgezogen hat. 58
  • Diese Stücke fehlen in ihrem Schrank. Auch ihr Trench- coat fehlt, beige, Münzenknöpfe, mit Gürtel selbstver- ständlich – Steffi betont gern ihre Figur. Die Wäsche, wie, die auch? Nun ja, das hat er sich schon gedacht, und wenn’s denn sein muß. Eine weiße Garnitur ließ sich nicht mehr finden, der dünne Pullover erlaubte eine ande- re Farbe ohnehin nicht, nur an den Schlüpfern sind Schleifchen, lila. Diese Personenbeschreibung läßt anscheinend keine Wünsche offen, und bisher ist Meister Handtke auch durchaus zufrieden. Doch dann zeichnet Zinn das Bild der Vermißten, und Handtke merkt bald, daß es zwecklos wäre, diesen Mann anzuhalten, sich gerade jetzt mit prägnanten Angaben zu bescheiden. Handtke braucht Auskunft über Erscheinung und Aussehen der Person, nicht aber über Zinns Verehrung seiner Frau, seine tiefe Bindung und Abhängigkeit, die er unbewußt mit seiner Schilderung verrät. Die Augenfarbe interessiert Handtke, Zinn indessen schwelgt laut vor sich hin: Stellen Sie sich einen Hochsommerhimmel vor, in dessen Blau noch ein Wehen soeben zergangener Federwölkchen mitschwingt. Handtke schreibt lautlos knurrend blau und vernimmt in wehrlosem Unbehagen die Fortdauer der Himmelsbe- schreibung, obwohl er die Haarfarbe wissen will. Doch was er nicht weiß, erfährt er nun, daß nämlich nur unter einem bestimmten Himmel in Hochlagen, also im klaren Licht der Berge, reifender Weizen den Goldschimmer von Steffis Haar ausstrahlt. Handtke hat sich Hochla- genweizen nie so genau angesehen, auch ist ja nicht ’raus, ob er Zinns bestimmten Himmel über sich und die Lichtverhältnisse angetroffen hätte, die ein solches Na- turschauspiel erst ermöglichen. Unmutig brummt er: „Blond also“, aber blond, dieses dürftige, glanzlose, 59
  • nackte Alltagswort, genügt eben nicht, Steffis Haarfarbe zu bezeichnen, sonst hätte Zinn ja nicht mit dem Ver- gleich aufgewartet. Nur dieser Vergleich läßt vor dem geistigen Auge eines Betrachters, der Steffi nicht sehen kann, ihr wunderbares Haar erstehn; mit einem einzelnen Wort ist da nichts zu machen. Es gibt kein einzelnes Wort dafür. Vor Handtkes geistigem Auge wehen Weizenfelder in allen Schattierungen, reifende, reife, überreife Ähren auf gelben, goldenen, rostbraunen Halmen, Felder in allen Ausdehnungen, Täler, Hänge, ganze Landstriche voll. Aber die sind bei ihm nicht gefragt, er ist weder Sorten- züchter noch Agronom. Er kann nur mit einer präzisen Angabe etwas anfangen, die allein taugt als Fahndungs- hilfe, und um dem immensen Wachstum der Weizenfel- der dieses hörigen Mannes nicht länger ausgesetzt zu sein, kürzt er das Verfahren ab, schreibt rotblond, mehr nicht, legt aufatmend den Kugelschreiber aus der Hand, sagt: „So, das genügt vorerst, Herr Zinn“ und starrt be- troffen in Zinns sich öffnenden Mund, aus dem die Worte hervortaumeln: „Ich glaube, ich habe Ihnen Steffis Ohren noch nicht beschrieben. Sie sind nicht nur klein, sie sind zierlich und besonders an einem Merkmal zu erkennen, das, ohne Übertreibung …“ „Danke, Herr Zinn“, sagt Handtke und weiß, daß er, wäre er ein Hund, jetzt bellen würde; aber er bringt nur eine matte Geste zustande, ein hoffnungsloses Abwehren mit der Hand – entsetzlich der Gedanke, sich eine seltene Meermuschel hundert Meilen südwestlich der Malediven in sechs Meter Tiefe bei abflauendem Monsun und alge- gefiltertem Wetterleuchten vorstellen zu müssen, um ei- nen Begriff von Steffis einzigartigen Ohren zu kriegen! Entschuldigend fügt er hinzu: „Unsre Genossen können 60
  • doch einer Frau, die Ihre Gattin sein könnte, nicht unters Haar fassen, um …“ „Aber Steffi trägt eine Hochfrisur“, sagt Zinn mit ge- radezu lächerlicher Hartnäckigkeit. „Es genügt mir aber, was ich habe“, entgegnet Handt- ke, nun fast bellend. „Und übrigens bekommen wir ja auch noch ein Foto von Ihnen.“ „Leider“, sagt Zinn mit gesenktem Blick, „ich besitze kein Foto von Steffi.“ „Was?“ ruft Handtke. „Sie hat eine kleine Warze am Nasenflügel links“, er- klärt Zinn, „und Frauen sind nun mal eitel.“ „Dann müssen wir auf ihr Personalfoto zurückgrei- fen“, sagt Handtke und schüttelt – diese Weiber – den Kopf. „Den Ausweis hat sie aber doch bei sich.“ „Wir haben ein Doppel hier, Herr Zinn.“ „Ach ja, richtig. Daran hab’ ich nicht gedacht.“ Nach einer Pause, in der er sich wohl auf dieses Foto zu besin- nen versucht hat, murmelt er: „So bin ich wenigstens die- se Sorge los.“ „Sie werden von uns hören“, sagt Handtke und steht auf. Auch Zinn erhebt sich. Handtke streckt ihm die Hand über den Tisch hin. „Wir werden uns bemühn, Ihre Gattin zu finden, mit al- len Mitteln, die uns zu Gebote stehn. Dessen kann ich Sie versichern, Herr Zinn.“ „Danke“, sagt Zinn und drückt Handtkes Hand. In der Tiefe seiner grauen Augen glimmt wieder die Besorgnis, die lähmende Angst, vom Leben gezwungen zu werden, jene gräßlichen Bilder zu schauen, die jetzt noch als Schattengespenster durch die dunklen Bezirke der Phan- tasie geistern. 61
  • „Kopf hoch“, sagt Handtke. „Ich muß wohl“, antwortet Zinn mit einem Zucken um die Lippen. Als er geht, weiß Handtke, dieser Mann wird wie eine Pflanze verdorren, falls seine Frau genug hat von seiner Selbstunterwerfung und die Rückkehr verweigert. Wie ein andrer Körper einen Menschen doch versklaven kann, denkt er, und wie wenig von ihm dann noch bleibt. Zinn – ein weiches Metall. Worin, verdammt, unterscheidet sich Hochlagenweizen eigentlich von den märkischen Sorten? 62
  • DRITTES KAPITEL Lohm oder Im Dunkel der Möglichkeiten I Oberleutnant Gallich, den Mantel noch halb auf der Schulter, nimmt den Hörer ab, als sei er aus Blei, hebt ihn mit dem Ausdruck unzumutbarer Anstrengung ans Ohr und lauscht. Der Mißmut in seinem Gesicht ist der Mißmut des Regens, dem er soeben entronnen ist ins Gemäuer des Präsidiums, sanft emporgetragen vom Pa- ternoster, auf glitschigen Sohlen durchs Labyrinth der rechtwinklig geordneten, das Flurlicht widerspiegelnden Gänge, in deren Mitte, schmal wie ein Gartenweg, die Schmutzbahn vieler Füße glänzt. Vor fast jeder Tür zwei- gen einzelne Tapfen ab, und der Gartenweg wird zum Saumpfad mit zählbaren Tritten. Der Schmant kommt vom Baugrubendreck vor der Tür, ein unschicklicher Gruß des Skeletts, das sich, wie aus der Erde gewachsen, mehr und mehr gen Himmel reckt und einmal das Haus des Reisens sein wird. Eine Tür vor seiner endet, was der Raumpflegebrigade schwerer im Magen liegen wird als Gallich die frühe Morgenstunde. Hinter dieser Tür sitzt Hauptmann Schnei- der mit seiner Arbeitsgruppe, Schneider, der sich mit Ei- gentumsdelikten herumschlägt. Er hat eine Bilderbuchspur hinterlassen, einen Abdruck, so klar und durchgezeichnet in den Konturen, wie man ihn nur an Glückstagen findet oder im Lehrbuch für Kriminalisten. Wahrscheinlich hat er unversehens fester aufgetreten, als er vom makellosen Glanz des Bodenbelags vor der Nachbartür ablas, die von der MUK wären wieder einmal später dran. 63
  • Jetzt, am Schreibtisch, den Hörer am Ohr, kann Gal- lich den Gedanken nicht fortspinnen. Lohm ist noch nicht da, und dieser Leutnant Berndt an der Strippe wäre bes- ser beraten, würde er den Hauptmann erreicht haben. Das gäbe Gallich selbst einem Dritten gegenüber unumwun- den zu. Er hat das vielgerühmte Gold der Morgenstunde für seine Person noch nicht entdeckt, und er wird es wohl nie entdecken. Am allerwenigsten an einem Morgen wie diesem, der den Menschen daran glauben läßt, es könnte die Sintflut im beschriebenen Ausmaß wohl doch gege- ben haben. Müde ist Gallich, so müde und klamm in den Glie- dern, daß es ihm schon Erleichterung schafft, jetzt nie- manden anschauen zu müssen. Er hält den Blick zu Bo- den gesenkt, wo sich rings um seine Schuhe, Tropfen um Tropfen, eine Lache bildet. Er sieht ihrem Entstehen zu mit einer Anteilnahme, die nur seiner Müdigkeit ent- springt. Aber ohne daß er es will, formt sich in seinem Hirn ein Bild, angeregt durch die Informationen dieses ihm unbekannten Leutnants, der noch verdammt jung sein muß, Stimme und Erregungsgrad lassen darauf schließen, und dieses Bild deckt sich mit der Lache zu seinen Füßen. Oberleutnant Gallich sieht sich in einem winzigkleinen, von den aus dem Loden seines Mantels fallenden Tropfen leise bewegten Müggelsee stehen. „Müggelsee?“ sagt er in die Muschel. „Ah, Langer See!“ In dem Augenblick dringt Lohm ins Zimmer ein. Lohm dringt stets in Zimmer ein, auch in Hallen und Sä- le, in Räume jeder Art. Offenbar ist er nicht fähig, ir- gendwo einzutreten, es sei denn, der Dienst gebietet das. Dann erzeugt er eine Lautlosigkeit, die Gallich selbst in seiner müdesten Morgenperiode nicht zustande brächte. 64
  • „Morgen“, sagt Lohm. „Morgen“, sagt Gallich. „Scheißwetter“, sagt Lohm und knöpft sich aus dem knirschenden Ledermantel, von dem das Wasser beim Marsch durch die Gänge schon abgelaufen ist. Die Erwähnung des Wetters zwingt Gallich ein Gäh- nen in die Kehle, das er mit Rücksicht auf den aufgereg- ten Leutnant am andern Strippenende herunterpreßt. „Moment, Genosse“, sagt er in die Muschel, „ich gebe Ihnen am besten den Genossen Hauptmann. Er ist soeben zurückgekommen.“ „War beim Chef“, sagt Lohm. Er hat den Mantel über den Bügel gestreift und an das Spind gehängt. In das Spind paßt der Mantel nicht hinein. Lohm hat das Idealmaß eines Handballers, eins achtundneunzig auf nackten Sohlen. Vor Jahren wurde ihm bei einem Ver- kehrsunfall die linke Schulter zertrümmert, die seitdem herabhängt. Dann und wann fängt er unterwegs den Blick eines Menschen auf, der meint, er sei mit einer Verwachsung behaftet. Gegen solches Bedauern kämpft Lohm nicht an, er honoriert es mit einem Lä- cheln. Die Leute haben ja recht; es ist in der Tat alles so gut verwachsen, daß er und sein tüchtiger Chirurg glücklich darüber sind. Der Schönheitsfehler kümmert ihn nicht, Vera findet ihn sogar schick. Die abfallende Schulter läßt den Hals auf der einen Seite länger er- scheinen und den Kopf ein wenig schief; das sieht aus, als lausche Lohm unentwegt in die Tiefe. „Da ist ’n Leutnant Berndt von der Inspektion Köpe- nick dran“, sagt Gallich und streckt Lohm den Hörer hin. „Die haben in Grünau was an Land gezogen und sind jetzt draußen, und dieser Berndt kommt wohl damit nicht ganz klar. Sprich du mal mit ihm, Herbert.“ 65
  • „Ich möchte bloß wissen, was deine Frau dir zum Frühstück für Kaffee vorsetzt“, sagt Lohm, rührt aber keine Hand. „Bist du jemals vor zehn zu gebrauchen?“ „Ich laufe immer schwer an, du weißt ja, und wie erst bei solchem Mistwetter“, stöhnt Gallich, den Hörer in der ausgestreckten Hand, mit beiden Füßen im winzigkleinen Müggelsee. „Ich werd’ aus dem seinem Esperanto ein- fach nicht klug. Der meint, das sei vielleicht ’ne Sache für uns, dann meint er wieder, das sei vielleicht keine Sache für uns.“ „Am besten“, empfiehlt Lohm und grinst, „du klärst ihn über die Zuständigkeit der Morduntersuchungskom- mission auf.“ „Das weiß er doch selber“, sagt Gallich gequält. „Der weiß auch, wann wir zuständig sind. Nur weiß er eben nicht, ob’s ’n Mord ist. Nimm schon, Herbert, und red du mit ihm. Die haben ’ne Frau aus dem Wasser gefischt, und die ist schon ziemlich hin.“ „Gib her“, sagt Lohm und ist mit zwei Schritten bei Gallich, wofür der mindestens drei gebraucht hätte. Als er sich meldet, hört man aus seiner Stimme keine Erre- gung heraus. Aber in seinen grauen Augen steht kalter Glanz, das Zeichen seiner Bestürzung. II Von den wenigen Passanten, die an diesem Morgen auf den Straßen sind, würde mancher dem Wagen einen Blick schenken, der das Zentrum der Hauptstadt in Richtung Osten verläßt, ahnte er, wohin er unterwegs ist. Doch die meisten sehen ihn nicht mal in ihren hochgeschlagenen Mantelkragen, unter den ins Gesicht gezogenen Hüten und den tänzelnden Schirmen, mit denen sie sich gegen die 66
  • fauchenden Regenböen stemmen. Durch die Wagenfenster nimmt Lohm nur Schemen wahr. Sie geistern über die Trottoire in allen möglichen Verrenkungen, meist gebeugt wie anrennende Stiere, Breschen schlagend in die Mauern sprühenden, aufstiebenden grauen Wassers, welches das Tageslicht aufsaugt wie ein Schwamm. „Das ist ’n Wetterchen, was?“ sagt der Fahrer, als eine Lache mit dumpfem Schlag gegen den Wagenboden springt und das ganze Fahrzeug erdröhnt. Quirlende Bä- che rinnen die Bordsteine entlang und stürzen in schäu- menden Wirbeln in die Gullys. Die Tachonadel steht un- beweglich auf der Vierzig. Mehr mutet der Fahrer seinen Insassen und dem kriechenden Verkehr nicht zu. Der Re- gen überschwemmt das Leuchten der Rücklichter, das die Scheinwerfer ihm erst entreißen, sitzt man dem Vorder- mann fast auf der Stoßstange. Dennoch überholen sie etliche Autos, und wieder frohlockt der Fahrer: „Don- nerwetter, ist das ’n Guß!“ Prost Mahlzeit, denkt der kleine, schmächtige Ober- leutnant Reiß, der neben Lohm im Fond sitzt, da ist die Kriminaltechnik wieder am beschissensten dran, und die- ser Knallkopp jubiliert wie ’ne Sommerlerche! Bei dieser Waschküche sollte der mal ’ne Spur ausmachen, der fände nicht mal ’nen ganzen Schuh. „Das hat uns noch gefehlt“, knurrt er, den Blick auf den Nacken des Fahrers geheftet. „Der Genosse Oberleutnant mag Regen nicht sonder- lich gern“, sagt Gallich zum Fahrer. „Das ist schon kein Regen mehr“, sagt Reiß. „Das war keiner und wird keiner mehr werden. Das ging gleich so los und hört auch so wieder auf, Nur wann?“ „Ich denke, wenn wir in Lichtenberg sind“, sagt der Fahrer. „Spätestens in Köpenick. Da vorn wird der Him- mel schon hell.“ 67
  • „Hell nennen Sie das?“ brummt Reiß. „Ach, Sie machen das schon, Genosse Oberleutnant“, sagt der Fahrer mit umwerfender Zuversicht, und Lohm muß lächeln, als er Reiß’ wehrlose Miene sieht. Auf dem Adlergestell dann hängen die unablässig zerplatzenden, schüttenden Regenwolken tatsächlich im Rückfenster, und vor ihnen erglänzt der Asphalt unter einer bleichen, kummervollen Sonne, die über alles, was da steht oder sich bewegt, den kühlen Schleier ihres gla- sigen Lichts wirft. „Am Langen See“, sagt Lohm, „vom Sportdenkmal ein Stück stromauf.“ „Ist der Fundort“, sagt Gallich. „Ja“, sagt Lohm. „Ich hab’s dem Fahrer schon beschrieben“, sagt Gal- lich. „Ich weiß“, sagt Lohm. Er blickt in das Glitzern der Regentropfen auf den vorbeihuschenden Bäumen. Die Bäume sind vergilbt; jetzt tragen sie Silber statt Grün. An der Tankstelle Grü- nau biegt der Fahrer in die Wassersportallee ein. Auf dem Steinpflaster befällt den Wagen ein Zittern, das wie Gallert über die Gesichter rinnt. Dann folgt das schmale gewundene Band der Regattastraße. Das leise Zischen der Reifen auf dem nassen Asphalt verliert sich in der lautlosen Melancholie, die mit dem Herbst hier eingezo- gen ist. Das kleine Café gegenüber der Seeseite, dessen Fenster nicht ahnen läßt, wieviel Raum und Behaglich- keit den Gast hinter den bunten Scheiben erwartet, ist um diese Stunde noch geschlossen. Vorbei ist die Zeit der Gartenlokale, der Uferterrassen und sonntäglichen Pro- menaden, der großen Regatten und einsamen Segel. Die Parkplätze sind leer. Nur unterm Garagendach des neuen 68
  • Motels stehen ein paar Autos. Die Bootshäuser haben dichtgemacht bis zur nächsten Saison, und geistert über die verwaisten Tribünen dann und wann ein Hauch von Leben, dann ist es das Spiel der Sonne oder der Tanz ver- irrter Blätter. Wo sich der Wald der Straße öffnet, erwartet ein Si- cherungsposten den Wagen; er beschreibt dem Fahrer die Zufahrt zum Fundort. Auf dem Promenadenweg fahren sie langsam bis zu der Stelle, die dem Fundort offenbar am nächsten liegt; denn dort stehen drei Fahrzeuge, ein Funkstreifenwagen, ein Pkw, mit dem der Arzt vom Ret- tungsamt gekommen ist, und der Bergungswagen der Feuerwehr. Der Fahrer parkt hinter dem kleinen Konvoi. Das Ufer ist Fahrzeugen unzugänglich, aber zwischen den Stämmen schimmert schon der See; es sind nur ein paar Schritte bis hin. Lohm geht voran, gefolgt von Gallich und Reiß. Das regenfeuchte Unterholz peitscht ihre Beine, Zweige zer- knacken unter ihren Tritten, ein untersetzter, stämmiger Mann löst sich aus einer am Wasser stehenden Gruppe und kommt ihnen entgegen. Es ist der Leutnant Berndt, ein junger Genosse, der sich sogleich an Lohm wendet, obwohl Lohm ihn heute zum erstenmal sieht. Aber Lohm ist bekannt und unverwechselbar dank seiner Körpergröße. Der Leutnant informiert Lohm in knappen Zügen, als müsse der Hauptmann auf den restlichen Metern bis zum Ufer den gesamten Hergang erfahren. Dabei versucht er sich an Lohms Seite zu halten, woran ihn mehrmals ein Baum recht unsanft hindert. Sein Gesicht ist weiß wie ein Laken, und über dieses ungesund-kalkige Weiß ergießt sich das unstete Feuer aufgerissener Augen. „Wohl bös der Anblick?“ fragt Lohm. 69
  • „Schrecklich“, antwortet der Leutnant. „Nichts für schwache Nerven“, sagt Lohm. „Es ist mein erster Fall, Genosse Hauptmann“, sagt Berndt, „und gleich so.“ „Ja, dann …“, sagt Lohm; aber er denkt nicht zurück, wie es ihm beim ersten Male erging. Er ist ganz auf das konzentriert, was ihn da vorn, keinen Steinwurf mehr weg von ihnen, erwartet, „Die Leiche ist vollkommen nackt“, sagt Berndt. „Dann schauen Sie am besten nicht mehr hin“, sagt Lohm und fügt nach einer kleinen Pause an: „Wenn Sie davon solche Schwierigkeiten kriegen.“ Die Bäume stehen hier bis dicht ans Wasser, einige wachsen sogar aus der Uferkante, und es ist nicht viel Platz um den grausigen Fund. Wo der Bergungstrupp ihn geborgen hat, gähnt eine Schneise im Schilf. Der Leich- nam liegt auf einer Gummiplane. Lohm genügt ein Blick, den Grad der Zersetzung zu erfassen. Nur gut, daß es kühl ist, denkt er und wendet sich ab. Auch ihm macht der Anblick zu schaffen. Er begrüßt den Arzt und den Leiter des Bergungs- trupps, die er beide kennt. Er gibt auch den Genossen der Feuerwehr die Hand und Leutnant Berndts Mitarbeiter; und dem alten Angler, der seinen Fund dem Revier ge- meldet hat, klopft er begütigend auf die Schulter, als der mit aller Beredsamkeit seines zahnlosen Mundes das auf- regende Ereignis zu schildern anfängt. „Noch nicht“, sagt Lohm. „Wir machen lieber alles der Reihe nach.“ „Jawoll!“ sagt der Alte und läßt seine trockne Gestalt aufzucken, als schlage er die Hacken zusammen. „Ick halte mir zu Ihrer Vafüjung, Herr Kriminalinschpektor. Wenn’t sein muß, zeije ick Ihn’n ooch jern die Stelle, wo 70
  • se aus’m Wasser rausjekiekt hat, det nackte Mädchen. Ick bin nich zimpalich.“ „Um so besser“, sagt Lohm und wendet sich an den Arzt. „Wie lange, vermuten Sie, hat sie im Wasser gele- gen, Doktor Scherfig?“ „Zwei Wochen“, antwortet der Arzt, „vielleicht auch ein paar Tage länger. Sie wissen, ich bin kein Sachver- ständiger, Herr Lohm.“ „Natürlich. Ich wollte es auch nur ungefähr wissen.“ „Das Wasser ist schon beträchtlich kalt“, fügt Doktor Scherfig hinzu. „Ja“, sagt Lohm, „sonst wär’ sie früher aufgetrieben. Haben Sie irgendwelche Anzeichen von Gewalteinwir- kung bemerkt?“ „Auf den ersten Blick nicht, und zu mehr hat’s bei mir nicht gereicht.“ Doktor Scherfig verzieht das Gesicht. „Ich habe noch nicht gefrühstückt.“ „Nun ja“, sagt Lohm, „das ergibt ja dann die gerichts- medizinische Sektion.“ „Es ist meine erste Todesfeststellung …“ Lohm blickt den Arzt erstaunt an. „… die ich in einem Wolkenbruch machte“, ergänzt Doktor Scherfig mit frostsaurem Lächeln, und jetzt erst fällt dem Hauptmann auf, wie durchnäßt alle sind. „Sie brauchen mich doch nicht mehr?“ „Aber nein“, sagt Lohm und verabschiedet den Arzt. „Ich danke Ihnen, Herr Doktor.“ Der See dampft wie ein Tiegel, in dem Öl verbrennt. In Augenhöhe sammelt sich der Nebel und schwebt in Schichten über dem Wasser, milchfarbenes Haar, das die Sonne zu Strähnen kämmt. Ein Schlepper zieht hindurch. Der Nebel bäumt sich auf und bildet weiße Gebirge, von denen Lawinen mit lautlosem Donnern herabstürzen. 71
  • Hoch darüber, am jenseitigen Ufer, schimmern schwarz- grün die wirklichen Berge; der warnende Zeigefinger des Müggelturms glüht in der Sonne. Lohm blickt zur Toten hin. Ihr Haar klebt in Strähnen um den Kopf, geblichenes Kupfer im stumpfen Glanz der Leblosigkeit, von der schmutzigen Patina aus Tang und Schlamm behaftet, einst sicher der Stolz seiner Trägerin, nun nutzlos und fremd wie der Tod. Nie wieder wird ein Kamm dieses Haar formen, nie wieder eine Hand es zärt- lich glätten und bei seiner Berührung eine Ahnung von Glück verspüren. Wer hat das gewollt? Reiß macht sich an der Toten zu schaffen. Er hockt neben dem Leichnam und betrachtet ihn durch eine Lupe. Über den Knöcheln seiner Finger spannt sich der Gum- mihandschuh. Im Gesicht des Kriminaltechnikers verrät kein Muskel, was ihn bewegt, anders als bei dem jungen Berndt, der sich abseits hält, farblos wie Zuckerwatte, und sich wohl verzweifelt fragt, ob er sich in eine solche Arbeit jemals eingewöhnen wird. Dennoch hat er die Zeit bis zu Lohms Ankunft genutzt; eine lobenswert exakte Fundortskizze ist angefertigt, die Fotos sind auch schon im Kasten, geschossen beim Durchbruch des ersten Son- nenstrahls. Lohm sagt dem Leutnant ein anerkennendes Wort, verschweigt aber, was er im Geiste hinzufügt: Der Tatort wäre mir lieber. Doch kann hier von einem Tatort überhaupt die Rede sein? Sprechen die Umstände nicht eher für einen Unfall- tod oder Selbstmord? „Nein“, sagt Lohm zu Gallich, der seine Kamera so- eben ins Futteral schiebt. Der Oberleutnant hat, obwohl die Tote ja bereits auf einen Film gebannt ist, seinen Elektronenblitz mehrere Male aufzucken lassen. Alle Mü- digkeit ist von ihm gewichen, und nun, da er angelaufen 72
  • ist, wird er in Fahrt bleiben über jegliche Anfechtungen hinweg, und ginge es zweimal rund um die Uhr. „Nein“, sagt Lohm, „ein Selbstmörder sucht sich doch gewöhn- lich eine Stelle, wo er sich ins Wasser stürzen kann, da- mit er nicht versucht ist umzukehren. Es genügt ihm also nicht mal ein Bootssteg, es sei denn, er bindet sich einen Stein um den Hals. Eine solche Stelle gibt es am ganzen Ufer nicht, mit Ausnahme der Schmöckwitzer Brücke.“ „Hm“, brummt Gallich, „die ist allerdings hoch genug.“ „Ja, aber die Tote ist unbekleidet.“ „Sie müßte also nackt hineingesprungen sein – und das von der Schmöckwitzer Brücke.“ Gallich massiert sein Kinn. „Ist unwahrscheinlich, stimmt.“ „Es gibt Menschen, die machen sich schön, ehe sie Hand an sich legen. Vielleicht war das Schönste für diese Frau ihr Körper?“ „Und mit dem stellt sie sich vorher auf der Schmöck- witzer Brücke zur Schau.“ „Warum nicht? Dort ist doch nicht den ganzen Tag Verkehr.“ „Also nachts.“ „Zum Beispiel.“ „Gefällt mir nicht“, sagt Gallich und wiegt den Kopf. „Ist mir zu verrückt. Außerdem, was hat sie mit ihren Sachen gemacht? In der Nähe versteckt? Dann hätte sie ja nackt auf die Brücke gehen müssen. Nein.“ Aber auch daß die Kleidung an der Brücke abgelegt oder ins Wasser geworfen wurde, hält Gallich für ausgeschlossen; so oder so wäre sie inzwischen gefunden worden. „Nun ja, gefunden vielleicht schon“, sagt Lohm. „Aber selbst wenn sie nicht abgegeben worden wäre, es kann so nicht gewesen sein. Schau dir mal die Strömung und diese Bucht hier an. Was mit der Strömung treibt, 73
  • treibt an der Bucht vorbei. Sie muß ganz in der Nähe umgekommen sein.“ „Und was spricht dagegen?“ „Wenn sie hier umgekommen ist“, antwortet Lohm bestimmt, „ist es nicht Selbstmord gewesen.“ „Ich bin da nicht so sicher“, sagt Gallich mit einem Blick auf die Tote. „Sie muß ja nicht so weit hinausge- schwommen sein, um von der Strömung erfaßt zu wer- den. Sie kann auch …“ „Nun?“ „Freilich, im seichten Wasser“, lenkt Gallich ein und greift sich ans Kinn. „So einfach hineinzugehn, bis man den Boden unter den Füßen verliert, und dann durchzu- halten, ohne Hilfsmittel, bloß mit dem Willen und noch dazu als Frau.“ „Das kriegt auch ein Mann nicht fertig.“ „Also ein Unfall?“ Lohm zuckt mit den Schultern, sagt aber dann: „So sieht’s erstmal aus.“ „Wenn sie zwei Wochen im Wasser gelegen hat, ist es im September passiert. Hm. Es war ein ausgesprochen schöner September, teilweise mit hochsommerlichen Temperaturen. Trotzdem, um diese Zeit spielt sich hier nichts mehr ab mit baden und so. Ich weiß nicht, ob eine Frau dann hier rausfährt, sich auszieht und Freikörperkul- tur betreibt bei sagen wir zwölf bis fünfzehn Grad Was- sertemperatur.“ „Ich weiß es auch nicht“, sagt Lohm. Er blickt über den See, der unter dem milchigen Dunst jetzt schwarz und gläsern leuchtet. „Es soll ja Leute geben, die solche Temperaturen nicht scheuen – selbst Frauen“, setzt er mit einem Seitenblick auf Gallich hinzu. „Aber sucht sich eine Frau zum Nacktbaden diese Gegend aus, auch wenn sich hier nichts mehr abspielt? Es kommt doch mal ein 74
  • Spaziergänger vorbei. Und vom See her der Schiffsver- kehr, die Sportboote? Die sind um diese Zeit ja auch noch draußen.“ „Tagsüber schon. Aber abends?“ „Und dann allein?“ „Hm“, sagt Gallich, „das ist mir auch schon durch den Kopf gegangen. Na, wenn wir den Befund der Sektion haben, wissen wir mehr.“ „Damit hast du wieder mal ins Schwarze getroffen“, sagt Lohm mit freundlichem Spott. „Portig schaut in die Leiche hinein und findet mit der Todesursache auch gleich die Umstände. Schön wär’s.“ „Daran hab’ ich noch gar nicht gedacht, wie schön das wäre“, erwidert Gallich trocken. „Im nächsten Urlaub werd’ ich damit anfangen.“ „Tu das“, sagt Lohm. „Aber vorher, denk’ ich, knöp- fen wir uns den Alten mal vor und gucken uns etwas in der Umgebung um.“ „Wenn wir Glück haben“, seufzt Gallich, „finden wir einen Pilz.“ Der alte Angler steht unter einem Baum in Bereitschaft, stramm und etwas schäbig wie ein Zinnsoldat, dem ein Bubenfinger die Montur heruntergekratzt hat. Kaum ist er angesprochen, öffnet sich sein zahnloser Mund, ein Schleusentor, aus dem eine Woge von Worten hervor- bricht. Was an dem Alten beweglich ist, gerät in Bewe- gung: Tief aus der Schulter heraus holt er die Kraft seiner Arme, mit denen er die Riemen durchs Wasser zieht; aus dem Handgelenk dreht er den Wurf der Rute, der Finger bremst den Flug der Schnur, und dann, plötzlich, werden die Giebel seiner Brauen spitz, die zitternde Hand schirmt die Augen ab, Entsetzen läßt die Falten auf seinem Ge- sicht gerinnen – er hat sie erspäht, die Wasserleiche! 75
  • „Mittenmang von det Schilf, eijentlich jarnich uffäl- lich, mehr wie’n Häufken Schnee, wat aufm Wassa schaukelt. Aba Otto is helle! Otto, sar ick mir, wo soll’n der Schnee herkomm’ dieset Jahr im Oktoba! Und ick denk mir, wat wie Schnee aussieht im Oktoba, det kann ja gar keen Schnee sein. Aba wat isset dann?“ Am Stammtisch wird Otto zweifellos einen Magne- tismus ausstrahlen, der sogar die Zecher an der Theke von ihren Mollen reißt. Für Lohm ist der Informations- wert gleich Null. Die Hauptsache ist durch die Umstände ohnehin bekannt: Der Alte hat die Tote im Schilf ent- deckt und den Fund auf dem nächsten Revier gemeldet, so rasch ihn Kahn und Füße trugen. Lohm, der immer wieder versucht hat, Otto Murschke aufs Wesentliche hinzulenken, fragt: „Wie oft angeln Sie hier?“ „Zweimal die Woche. Dienstag und Freitag, aber nur, wenn Minke ’ne jute Nacht jehabt hat.“ Lohm nickt verstehend, um keine Erläuterungen über Minke herauszufordern. Ihm ist es Wurst, ob Minke Ot- tos Frau oder etwa eine Katze ist, die Goldfische frißt. „Sind Sie am letzten Freitag auch hier vorbeigerudert?“ „Aba det is doch meine Route.“ „Und war das, was wie Schnee aussah, am Freitag schon da?“ „Nee.“ „Oder ist es Ihnen da bloß nicht in dem Maße aufge- fallen, daß Sie nach dem Rechten sahen? Man guckt ja nicht immer so aufmerksam ins Schilf.“ „Wer is man?“ fragt Otto Murschke und lächelt dem Hauptmann tadelnd ins Auge. „Ick bin keen Sonntachs- angler, Herr Inschpektor, und ick kieke imma uffmerk- sam in’t Schilf. Wo soll ick denn sonst hinkieken, wo 76
  • doch im Schilf der Hecht steht? Nee, am Freitach war da noch nischt, dajejen wett ick meine janze Ausrüstung mitsamt’m Kahn.“ „Den setzen Sie mal lieber nicht aufs Spiel“, sagt Lohm und klopft dem Alten auf die Schulter. „Genosse Hauptmann!“ ruft Oberleutnant Reiß. Lohm dreht sich um. Ohne ein Anzeichen von Erre- gung kommt Reiß auf ihn zu, langsam, als habe es keine Eile, was er dem Hauptmann zu sagen hat. Lohm lächelt. Reiß läßt sich so leicht nichts anmerken, sein schmales Gesicht mit den hohlen Wangen und den schwarzen Ra- surschatten darauf ist voller Verstecke für Gedanken und Gefühle. Nur die Augen entziehen sich seiner Beherr- schung. An ihnen erkennt Lohm, daß der Kriminaltech- niker etwas entdeckt hat. Im Vorbeigehen tippt Reiß an Gallichs Kamerafutte- ral. „Die brauchen wir noch mal.“ „Wenn wir dich nicht hätten“, sagt Gallich. Lohm tritt zu den beiden. „Die rechte Hand“, sagt Reiß. Lohm kostet es Überwindung, die Leiche aus der Nähe zu betrachten. Die Zersetzung ist nicht nur sichtbar, sie füllt die Luft ringsum mit einem schweren warmen, wür- genden Geruch an, der mit jedem Atemzug in die Lunge kriecht. Das ist wie die indirekte körperliche Berührung durch einen Hauch, und obwohl der tote Mund geschlos- sen ist, ist es, als suche er mit seinem Hauch die Leben- den zu treffen und zu vertreiben. Lohm atmet flach, die Oberlippe hochgezogen als unwirksame Barriere vor der Nase. Aber es ist nicht ganz so schlimm, hat man wenigs- tens eine Abwehrillusion. „Die Nägel“, sagt Reiß zu Gallich. „Geh so dicht ’ran wie möglich. Ich brauche sie ganz groß.“ 77
  • Jetzt sieht es auch Lohm. Die Spitzen der Nägel des Mittel- und Zeigefingers sind umgeknickt, tief bis in den Nagelkörper hinein. Der Mittelfingernagel ist abgebro- chen, hängt aber noch an einem Ende fest, und in der Bruchstelle haftet ein zentimeterlanger aufgequollener weißer Faden. „Aha“, sagt Lohm und blickt zu Reiß auf. „Sehr gut.“ Der schmächtige Oberleutnant verzieht keine Miene. „Fast hätt’ ich’s übersehn.“ „Fast“, sagt Gallich, indem er die Kamera aus dem Futteral nimmt. „Die Haut überm Nagelbett ist auch ein- gerissen.“ „Das stammt von mir“, erwidert Reiß. „Irgendwie mußte ich an die Nägel ’ran. Ich sah nur ein Ende von dem Faden, und auch das bloß durch die Lupe. Die Nägel waren ja vollkommen …“ „Verstehe“, sagt Lohm und tritt beiseite, um Gallich Platz zu machen. Gallich, die Kamera am Auge, beugt sich über die To- te, stellt die Schärfe ein, und dann läuft das Aufzucken des grellen Blitzlichts wie ein lautloses Beben durch den Wald. Das wiederholt sich mehrere Male. Aus verschie- denen Winkeln und wechselndem Abstand fotografiert Gallich die Hand, die, als wolle sie die Lebenden ver- höhnen, einen Faden an sich gerissen hat, ein Fädchen, das sie nun vorweist wie einen hämischen Triumph unentdeckbaren Wissens. „Es ist eine Spur“, sagt Lohm. „Sie paßt weiß Gott un- ter einen Fingernagel.“ Müde fügt er hinzu: „Aber es ist eine Spur.“ 78
  • III Sie haben die Umgebung abgesucht, Schritt für Schritt. Wie eine Treiberkette haben sie den Wald durchkämmt, Lohm mit seinen beiden Mitarbeitern und Leutnant Berndt mit seinem, fünf Augenpaare, denen so leicht nichts verborgen bleibt. Sie haben keinen Quadratmeter ausgelassen, weder am Uferstreifen noch unter den Bäu- men, wohin das Leuchten des Wassers nicht mehr dringt. Sie haben dem Schilfgürtel ebensoviel Aufmerksamkeit geschenkt wie jedem verrotteten Reisighaufen. Sie sind stromaufwärts bis zu der Landzunge gegangen, der be- vorzugten Badestelle, wo der Bungalow vom Rettungs- dienst steht, und noch ein Stück über die Bammelecke hinaus, die gelbsandige Bucht umrundend, vorbei an dem liegengebliebenen Müll des Sommers, leeren Flaschen, gähnenden Blechbüchsen und vom Wetter angeschmutz- tem Papier. Sie haben nichts gefunden, nicht einmal Gal- lichs sarkastisch beschworenen Pilz. Der Wald ist voll von raunendem, tropfendem, zwitscherndem Leben; ih- nen erscheint er leer. Die Sonne, wo sie durch die Wipfel sticht, schält aus den grünen Schatten das absolute Nichts. Es gibt keine Spuren, ob nun ein Täter da war oder nicht. „Vielleicht war es doch ein Unfall“, sagt Gallich leise. Im Ton dieser Stimme begegnet Lohm der eigenen Hoff- nungslosigkeit. „Aber eine Spur haben wir doch, Genossen“, sagt der junge Leutnant, dessen Wangen wieder Farbe zeigen. „Einen Faden, ja“, sagt Lohm. „Es ist bloß etwas viel, was an diesem Faden hängt.“ „Mal abwarten, was er uns zu erzählen hat“, meint Reiß. Seine Aufgabe ist es, die Dinge zum Sprechen zu bringen; ihr widmet er sich mit der leidenschaftslosen, erbitterten 79
  • Beharrlichkeit seines Wissens. Freilich ließe dieses Wissen ihn ratlos, stünde ihm nicht der ausgeklügelte Apparat des Kriminalistischen Instituts zur Verfügung. Und selbst ihn könnte er sich nicht dienstbar machen ohne den Stab der Helfer, der Experten in den weißen Mänteln. Gemeinsam mit ihnen wird er dem Faden Antworten ablisten, die jetzt noch in seiner winzigen, scheinbar nichtssagenden Existenz verborgen sind. So ist Reiß optimistisch, weil er wenigstens einen Faden hat, auch wenn, um mit Lohm zu reden, etwas viel an ihm hängt. Lohm wäre froh, hätte er eine Spur, die rasches Zupa- cken erlaubte; der Zeitgewinn ist eine Gegenwaffe des Täters, die immer wirksamer wird, je länger sie nicht un- schädlich gemacht werden kann. Aber nicht das ist es, was ihn bedrückt – schon manche Untersuchung endete mit einem derart mageren Ergebnis. Es ist die Begegnung mit dem Verbrechen selbst, das Widernatürliche, das aus solchen Taten spricht, dieser krankhafte Egoismus, der jeder Kreatur wesensfremd ist – warum nicht dem Men- schen? Lohm weiß die Antwort, und dennoch fragt er sich stets aufs neue: Warum? Der sinnlose gewaltsame Tod, er erfüllt Lohm stets mit Unruhe und Bitterkeit. Auf der Rückfahrt hängt jeder seinen Gedanken nach. Noch gibt es nicht viel zu sagen, noch könnte man sich nur in Mutmaßungen ergehen. Das ist ohnehin nicht nach Reiß’ Geschmack, der recht wortkarg sein kann. Er hat sich zurückgelehnt und starrt in den Stoffhimmel des Wagens. Gallich grübelt, ein Auge stets auf dem strö- menden Verkehr; doch ob er mit den Fahrkünsten des Fahrers oder mit seiner Kombinationsgabe unzufrieden ist, verrät sein abwärts gekrümmter Mund nicht. Gallich hat sich, als wollte er etwas nach hinten sagen, zur Seite gedreht, dann aber doch geschwiegen. Jetzt sitzt er in 80
  • dieser Haltung, den Arm auf der Rücklehne, und sein Profil wirkt wie ein Scherenschnitt im Licht des Bugfens- ters. Kein Wort fällt, ja, im Gebrumm des Motors ist nicht mal ein Atemzug zu hören, und die Geräusche von draußen machen die Stille nur noch drückender. Lohm reicht Gallich sein Zigarettenetui über die Leh- ne, und Gallich nickt und greift hinein, und der Fahrer schielt zur Seite und greift auch hinein, und selbst Reiß, der Nichtraucher, kehrt aus seinem Stoffhimmel zurück und bewahrt die Verachtung für das Rauchen in einem der vielen Verstecke seines Gesichts. Daß die sich jetzt eine anstecken müssen, dafür hat er Verständnis. Nach dem ersten Zug sagt Gallich: „Gesetzt den Fall, sie wäre von Schmöckwitz oder von noch weiter her ange- trieben worden, sie wäre nicht so unbehelligt bis da run- tergekommen.“ Er dreht sich noch mehr in der Hüfte und blickt Reiß an. „Oder hast du ’ne Verletzung entdeckt?“ „Was ich entdeckt hab’, hast du fotografiert“, antwor- tet Reiß. „Sonst war da aber auch gar nichts.“ „Bitte, nur die Nägel“, sagt Gallich. „Auf einer länge- ren Strecke hätte sie der Sog einer Schiffsschraube hoch- gerissen, und was der Sog einmal hat, ist auch gleich in der Schraube drin – und wenn in der nächsten. Das sieht dann verdammt unfeierlich aus, na, wem sag’ ich das!“ „Ich war mal dabei, als sie ’ne Frau aus ’nem Enten- teich gezogen haben“, sagt der Fahrer. „Es war mehr ein Tümpel, das Wasser ging einem nur bis zum Nabel, aber drunter war Schlamm. Die war nicht ertrunken, die war erstickt. ’nen Schleifstein hatte sie sich um den Hals ge- bunden. Mit ’nem Pferdegespann mußten sie die aus dem Modder hieven, und da hatte sie schon ’ne Woche drin- gesteckt. Seitdem schau’ ich mir so was nicht mehr an, und wenn’s in klarstem Quellwasser passiert wär’.“ 81
  • „Sie tun recht daran, Genosse“, sagt Reiß mit unbe- wegter Miene, und als die Augen des Fahrers ihn durch den Rückspiegel fragend anblicken: „Kugeln sind aus Blei mit etwas Stahl drum ’rum. Wären sie aus reinem Gold, sie würden ebensolche Wunden schlagen.“ „Angenommen, unsre Unbekannte hat Selbstmord verübt“, beginnt Gallich wieder, „was hätte sie veranlas- sen sollen, ihre Sachen zu verstecken?“ „Die Absicht, ein Verbrechen vorzutäuschen“, antwor- tet Reiß. „Daran glaubst du doch selber nicht“, sagt Gallich. „Es wäre nicht der erste Fall in der Kriminalgeschichte“, entgegnet Reiß. „In dieser Art doch“, sagt Gallich. „Soweit mir be- kannt ist, haben Selbstmörder, die einen Mord fingieren wollten, es der Polizei immer leicht gemacht, den ver- meintlichen Täter zu finden. Sie haben Spuren hinterlas- sen, aber nicht verwischt.“ „Es hat Selbstmörder gegeben, die haben die Polizei nur deshalb irregeführt, weil sie nicht als Selbstmörder gelten wollten“, sagt Reiß mit einem feinen Lächeln. „Das war sicher zu den Zeiten, als Selbstmörder noch außerhalb der Friedhöfe verscharrt wurden“, sagt der Fahrer. „Auch“, sagt Reiß. „Du glaubst also, die Frau hat Selbstmord begangen?“ fragt Gallich. „Ich glaube gar nichts“, antwortet Reiß. „Das ist auch ’ne Methode“, knurrt Gallich. „Wer sie beherzigt, legt sich zumindest nicht fest.“ „Ich würde mich gern festlegen“, erwidert Reiß unbe- eindruckt, „wenn ich nicht genau wüßte, daß das in diesem Stadium ausgesprochen voreilig wäre. Sie kann Selbstmord 82
  • verübt haben, sie kann beim Baden einen Herzschlag erlitten haben oder ertrunken sein, ebensogut kann es sich um Mord handeln. Drei Möglichkeiten, von denen jede noch offen ist. Oder ist eine nachweislich wider- legt? Nein. Und erst recht nicht zwei. Ich könnte mich aber nur auf die dritte festlegen, und auf eine Unbekann- te lege ich mich nicht fest, nicht mal dir zuliebe.“ „Die fügst du lieber in eine Gleichung ein, und die Gleichung löst du mit Hilfe deines Fadens“, sagt Gallich grinsend. „Es ist keine Gleichung“, sagt Reiß. „Aber es wird ei- ne Analyse – und eine sehr genaue.“ Und nach einer Pau- se: „Ich habe noch nie was davon gehalten, sich unter den Zwang einer Vermutung zu stellen, schon gar nicht, wenn sie nicht mal auf einem einzigen Indiz basiert.“ „Ein einziges ist gut.“ Gallich freut sich. „Die Nägel und der Faden sind, denk’ ich, zwei – nach Adam Riese.“ „Rechnerisch ist das richtig“, entgegnet Reiß. „Aber kriminologisch ist das rein hypothetisch. Noch sind die Nägel und der Faden keine Indizien. Du kannst aber hof- fen, daß sie sich als solche erweisen.“ Lohm hat den beiden schmunzelnd zugehört. Er kennt diese Dispute, die immer mit Gallichs Niederlage enden. Reiß ist einfach nicht aus der Ruhe zu bringen, und er ist auch nicht zu schlagen. Lohm sagt: „Nun laßt’s mal gut sein. Die Gerichtsme- dizin hat da ja auch noch ’n Wörtchen mitzureden.“ „Sag’ ich doch von Anfang an“, brummt Gallich und wendet sich an Reiß. Aber als er Reiß’ versonnenes Lä- cheln sieht, schweigt er. Im Präsidium begibt Reiß sich sofort ins Labor, wo- hin er auch Gallichs Film mitnimmt. Lohm schickt Gallich in die Fahndungszentrale. Die Fahndungskartei 83
  • ist nach vermißt gemeldeten Personen durchzusehen. Sie enthält ausführlichere Angaben als das Fahndungs- buch, und Lohms Arbeitsgruppe sitzt im Präsidium wie der Knabe an der Quelle. Nach einer halben Stunde ist Gallich zurück. Er legt zwei Informationsblätter vor Lohm auf den Schreibtisch, die mit dem V für Vermißte gekennzeichnet sind. „Gleich zwei?“ sagt Lohm. „Nur für den Fall, daß Doktor Scherfig sich geirrt hat. Sonst kommt bloß eine in Frage.“ „Na, mal sehn.“ Als Lohm die Angaben überflogen hat, muß er Gallich zustimmen: Da ist zuerst die als vermißt gemeldete Hil- trud Gehring aus Dresden-Klotzsche, 1920 geboren, eins fünfundsechzig groß, blond, grauäugig. Die aufgefunde- ne Tote hatte etwa dieses Alter, die Größe, war ebenfalls blond. An die Augen erinnert Lohm sich nicht, obwohl er sie vor sich sieht, auf gerissen wie in einem letzten ver- zweifelten Versuch, den herannahenden Tod mit der hypnotischen Kraft der Angst zu bannen. Von den Augen toter Menschen bleibt Lohm stets nur dieser Ausdruck im Gedächtnis, das ohnmächtige, staunende Entsetzen, das sie den Augen toter Fische ähnlich macht. Selbst wenn er bei der Unbekannten im Weiß der Augäpfel einen Farb- ton wahrgenommen haben sollte, so ist er in seiner Vor- stellung unter der Wucht jenes andern Eindrucks verblaßt. Die zweite Vermißte ist eine Steffi Zinn aus der Grif- felsberger Straße in Berlin, 1926 geboren, eins achtund- sechzig groß, Haarfarbe rotblond, Augenfarbe blau. Die detaillierten Angaben über ihre Bekleidung interessieren nicht, da die Tote vom Langen See nackt war. Auch diese Steffi Zinn könnte mit ihr identisch sein. Das ist sogar 84
  • wahrscheinlich, denn zu ihrer Person wurde die Vermiß- tenanzeige am 26. September erstattet, also vor reichlich zwei Wochen; nach der Hiltrud Gehring aber wird seit acht Tagen gefahndet. „Ich glaube nicht, daß Doktor Scherfig sich so ge- täuscht haben soll“, sagt Lohm und wirft noch einen Blick auf das beigeheftete Foto der Hiltrud Gehring, das ein ausgezehrtes, männlich anmutendes Gesicht zeigt. Dann legt er das Fahndungsblatt aus der Hand. Steffi Zinn lächelt ihn von einem Paßbild an. Ein Vermerk informiert, daß in Ermangelung eines Fotos der Vermißten das in der Meldekartei befindliche Duplikat ihres Paßbildes vervielfältigt worden ist. „Gibt’s denn so was?“ murmelt Lohm. Gallich beugt sich über Lohms Schulter. „Der Ehemann konnte von seiner Frau kein Foto bei- bringen.“ „Muß ’n Trottel sein“, meint Gallich. „Wer ’ne Frau mit so ’nem Gesicht nicht jeden dritten Sonntag fotogra- fiert, muß ’n Trottel sein. Oder er ist blind.“ „Sag das doch mal, wenn deine Maxi dabei ist.“ „Ach, in dem Falle würde sie mir beipflichten.“ Gal- lich grinst. „Sie denkt nämlich genauso von mir.“ „Maxi ist eben eine Perle“, sagt Lohm, aber ihm ist nicht nach scherzen zumute. Beim Anblick des Gesichts, das ihn anlächelt, als ob es lebe, beim Anblick dieses festgehaltenen, verewigten Lebendigseins, das sogar über den Tod hinwegtäuscht, empfindet er eine unbestimmte, unklare, einsame Trauer. Die Augen, die ihn vom Bild her anschauen, gibt es nicht mehr. Ihm ist aufgetragen, sollte ein Mensch diese Augen ausgelöscht haben, diesen Menschen zu verfolgen und zu stellen. Vor einer solchen Aufgabe steht er nicht das erste 85
  • Mal; doch nie hat er den Triumph des Jägers verspürt, nie die erschöpfte, atemlose Lust des Läufers, dessen Brust das Zielband zerreißt, nie den feierlichen Stolz des Berg- bezwingers. Er tut seine Pflicht, und er tut sie gewissen- haft und mit der zähen Ausdauer, die seinem Willen un- terworfen ist, bis an die Grenze des körperlich Zumutba- ren heran. Er ist stark, gesund und jung genug, um noch eine Zeitlang stark zu sein. Aber so jung, daß der Wunsch, den er einmal geäußert hat, sich ihm noch erfül- len wird, ist er mit seinen achtunddreißig Jahren nicht mehr. Er hat sich keine Traumreise gewünscht, keinen Lotteriegewinn, keine Alterslosigkeit; er wünschte sich das Ende der Verbrechen, die das Leben antasten. Er, der das Verbrechen bekämpft, rief nicht nach dessen Ausrot- tung; er wünschte sich sein Ende. Und er glaubt daran, daß dieses Ende einmal kommen wird. Er hat nicht den Ehrgeiz, ein erfolgreicher, ein bekannter Kriminalist zu sein. Er wäre glücklich, würden eines Tages keine Fotos mehr auf seinen Schreibtisch kommen müssen mit die- sem festgehaltenen, verewigten Lebendigsein, das ir- gendwo unter dem Zwang einer bösen Gewalt aufgehört hat zu existieren. „Fast zweieinhalb Wochen“, sagt Lohm, „und die Fahndung läuft noch. Liegt da nicht bei uns etwas an?“ „Ich wüßte nicht.“ „Steffi Zinn. Sagt dir der Name was?“ „Nie gehört.“ „Hm, wahrscheinlich haben sich da die Genossen von der Inspektion hintergeklemmt.“ „Stimmt“, sagt Gallich. „Die haben beim Fahndungs- bevollmächtigten rückgefragt. Ich glaube, der Genosse Rimpler hat dem Ehemann ein bißchen den Puls gefühlt.“ „Rimpler?“ 86
  • „Na, du weißt doch, der mit der randlosen Brille und den Sommersprossen.“ „Ach ja. Und?“ „Offenbar nichts, sonst hätt’s ja bei uns gebimmelt.“ „Gut“, sagt Lohm und läßt die Hand auf den Telefon- hörer sinken, „darüber kann mir Rimpler gleich selber berichten. Und dann werd’ ich mir mal diesen Zinn an- schauen. Den brauchen wir ohnehin zur Identifizierung der Toten.“ „Ich hab’ in der Sache Rex noch was zu machen“, sagt Gallich, sein Kinn massierend. „Hätt’ das gern bald vom Tisch, Herbert.“ Mit einem Ruck hebt Lohm den Hörer ab. Diese jähe kantige Bewegung hat er beibehalten aus der Zeit, als er den beschädigten Arm zu fast voller Funktionstüchtigkeit trainierte. Er gebraucht ihn noch heute, wo immer es möglich ist. Mit einem Augenblinzeln sagt er zu Gallich: „Dein Weg zu Rex führt zwar am Leichenschauhaus vor- bei, aber geh nur, Werner. Zinn übernehme ich.“ IV Leutnant Rimpler hat Lohm nicht viel sagen können. Zinn hatte, als Rimpler ihn aufsuchte, den Schock noch nicht überwunden gehabt. Tags zuvor aus dem Kranken- haus entlassen, in das man ihn eingeliefert hatte, nach- dem er auf dem Heimweg vom Revier bei Rot über eine Kreuzung gegangen und auf dem Mittelstreifen zusam- mengebrochen war, hatte er nur mit Mühe Rimplers Fragen beantworten können. Immer wieder hatte er sich der Schuld am Verschwinden seiner Frau bezichtigt, da er sie nach dem Streit sich selber überlassen hatte. Daß er einfach da- vongelaufen war, kopflos zwar, doch unbekümmert, wie es 87
  • auf sie wirken mußte, wenn er die Nacht nicht nach Hau- se kam, konnte er sich nicht verzeihen. Wie es häufig in solchen Fällen geschieht, setzte er seine ganze Hoffnung auf die Polizei, als könnte die Wunderdinge vollbringen. Die Erkundigungen, die Rimpler in der Nachbarschaft über Zinn und dessen Frau eingezogen hat, haben Zinns Angaben bestätigt: ein ruhiges, zurückgezogen lebendes Ehepaar, freundlich zu jedermann, stets hilfsbereit, auf- geschlossen den Erfordernissen der Zeit, auch wo es galt, mit einem Griff in den Geldbeutel diese Haltung zu be- weisen, einfache Leute also, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben, ohne daß ihnen das zu Kopfe gestiegen ist. VP-Meister Handtke, der die Vermißtenanzeige ent- gegennahm, hat aus dem Gespräch mit Zinn einen Ein- druck gewonnen, der sich mit Rimplers Bild deckt: ein zurückhaltender, passiver Typ, korrekt, ordnungsliebend, vielleicht ein wenig verklemmt, was Handtke aus seiner Eitelkeit schließt. Die Verklemmtheit könnte sich in der Abkapselung herausgebildet haben, in welche die Ehe- leute, bedingt durch Zinns ausgefallene Tätigkeit, hinein- gedrängt worden sind; die beiden haben ja förmlich in einem Zustand gesellschaftlicher Quarantäne gelebt. Der Rattenzüchter, wohl schon von Hause aus charakterlich labil, habe sich diesem Klima offenbar widerstandslos ausgesetzt, und da außer den Ratten seine Frau das einzi- ge lebende Wesen war, mit dem er in ständigem Kontakt stand, sei er mit der Zeit bis zur Hörigkeit von ihr abhän- gig geworden. Lohm ahnt, daß er einen jener zermürbenden Fälle zu bearbeiten haben wird, die desto mehr einem diaboli- schen Ratespiel gleichen, je intensiver man sich mit ih- nen beschäftigt. Aber noch ist nicht erwiesen, daß die 88
  • Tote vom Langen See ermordet worden ist, ja, noch muß sich erst herausstellen, ob es sich bei ihr überhaupt um die vermißte Steffi Zinn handelt! Und Hauptmann Lohm, auf der Fahrt in die Griffelsberger Straße, denkt: Viel- leicht ist sie es gar nicht, wer sagt dir denn, daß sie es ist? So als könne er erleichtert sein, wenn die Tote eine ande- re wäre, kommt ihm dieser Gedanke, der besänftigend, ja wohltuend ist, bis Lohm begreift, was ihn bewirkt hat, was bestürzend hinter ihm steht: der unkontrollierte Wunsch, die verführerische unsinnige Hoffnung, die Tote möge wirklich Steffi Zinn nicht sein. „Nein!“ sagt Lohm unwillkürlich. Der Fahrer schrickt auf. „Bitte?“ „Ach, nichts“, sagt Lohm. „Ich hab’ nur laut gedacht.“ Heiliger Bimbam! denkt er. Wenn sie es nicht ist, wo sollen wir dann beginnen? Zwei Wochen Fahndung nach einer Vermißten – ergebnislos, obwohl die Genossen alle Register gezogen haben. Wenn die genauen Angaben zur Person dieser Steffi Zinn nichts erbracht haben, wie soll dann die Suche nach der unbekannten Toten verlaufen? Von der wissen wir faktisch nichts, nicht mal, was sie auf dem Leibe trug, weder Hemd noch Schal noch ein Söck- chen, kein Stück haben wir von ihr! Nur ihr vom Wasser verformtes Gesicht. Wer soll, wenn die Presse die Veröf- fentlichung eines Fotos überhaupt für zumutbar hält, dar- in die Lebende wiedererkennen, noch dazu in der Un- schärfe des Rasters? Nein, es würde nichts leichter da- durch. Lohm, soeben noch bestürzt darüber, daß dieser Ge- danke, dieser dunkel empfundene Wunsch, diese eigent- lich beschämende Hoffnung ihn verwirren konnte, ist im nächsten Moment nicht minder bestürzt, als er die Abwe- senheit jeglicher Logik bei seinen Schlußfolgerungen 89
  • feststellt. Wenn Steffi Zinn nicht gefunden wurde, ob- wohl alle erforderlichen Angaben verfügbar waren, wa- rum in drei Teufels Namen soll dann die Fahndung nach der Unbekannten vom Langen See nicht innerhalb weni- ger Stunden von Erfolg gekrönt sein! Wenn diese mit der Steffi Zinn nicht identisch ist, spielen doch ganz andere Komponenten bei der Suche eine Rolle! „Fahr ich zu schnell?“ fragt der Fahrer, der einen Blick auf Lohms Gesicht geworfen hat. „Warum?“ sagt Lohm. „Fahren Sie nur.“ Ich bin heut aber verdammt schlecht in Form, denkt er. Sogar der Fahrer spürt, daß mit mir was nicht stimmt. Macht mich die Sache etwa schon verrückt? Die hat doch noch gar nicht richtig begonnen. „So, da wär’n wir“, sagt der Fahrer und hält. „Grif- felsberger siebzehn.“ Lohm erinnert sich nicht, jemals hier gewesen zu sein. Trotzdem ist der Anblick ihm vertraut. Es gibt noch viele solcher Straßen in Berlin. Vor zwei Menschenaltern sind ihre Fassaden allerorts aus dem Boden gekrochen, vier, fünf Stockwerke hoch, mit schmächtigen Fenstern und den Geschwülsten steinernen Zierats, der die Monotonie nur noch augenfälliger macht. Unversehrt hat sich die Griffelsberger in ihrer welken Häßlichkeit erhalten über alle Bombardements und Feuersbrünste hinweg, und spä- ter dann hat kein Sandstrahlgebläse sie angetastet. Über kurz oder lang wird im Gebrüll der Preßlufthämmer und Planierraupen ihr trostloses Dasein untergehen. Auch hier werden Häuser wachsen, auf getan der Sonne und dem Licht, mit einer Wohnung für Gallich vielleicht, der sich in der Griffelsberger vorerst noch heimisch fühlen würde. Die schwere Eichenholztür dreht sich geräuschlos, ein Luftzug streicht durch den Flur, kellerkühl. Aus einer Lu- 90
  • ke steigt der Brodem gärenden Sauerkrauts. Im Licht der himmelhohen Deckenfunzel sind die Namen auf dem An- schlagbrett kaum lesbar. Zinn wohnt in der ersten Etage. Der Sauerkrautgeruch folgt Lohm die Treppe auf- wärts. Hier ist die Beleuchtung besser, die Lampenglo- cken sind geputzt. Lohm greift in den aufgesperrten bronzenen Löwenra- chen an der Tür; es schrillt durch die Wohnung. Lohm behält den Spion im Auge; Zinn benutzt ihn jedoch nicht. Er klinkt die Tür auf, die fast eine Tonleiter herunter- knarrt, und versucht zu erkennen, wer da Einlaß begehrt. Das Treppenhaus hat kein Fensterlicht, die Lampe brennt in Lohms Rücken. Lohm hat von Rimpler und Handtke nur eine ungefäh- re Beschreibung des Rattenzüchters, aber selbst die ver- liert ihre Gültigkeit. Lohm hat sich Zinn anders vorge- stellt. Er könnte nicht genau sagen, worin das durch die Beschreibung angeregte Bild seiner Phantasie sich von der Wirklichkeit unterscheidet; vielleicht nur darin, daß die Wirklichkeit körperlich und damit wirklich ist. Aber in seiner Vorstellung sah Zinn anders aus, nicht so ver- mottet, nicht gar so schlaff. Der leibhaftige Zinn hat Pan- toffeln an den Füßen und eine verschossene Hausjacke an, und seine Augen glänzen krank aus den umschatteten Höhlen. Nur die Frisur ist ohne Tadel; wie eine Aureole aus silbrigem Licht umfließt das Haar den schmalen Kopf, an dem ein dickliches Untergesicht hängt. Als Lohm sich ausweist, belebt sich der Glanz in Zinns Augen. Hoffnung durchfiebert den Mann bis in die Lippen, die im vergeblichen Versuch, Worte zu formen, leise zittern. Sich leicht verbeugend, gibt er Lohm den Weg frei in einen hell erleuchteten Korridor, an dessen Decke ein Kristallüster funkelt. An den Wänden stehen 91
  • zierliche Schemel mit geschwungenen Beinen, Bieder- meier vermutet Lohm. „Bitte, legen Sie doch ab“, sagt Zinn. Er will Lohm behilflich sein, aber Lohm dankt und sieht im prunkvoll gerahmten Garderobespiegel, wie Zinns Blick an seiner hängenden Schulter stockt. Deshalb zwingt er die Man- telschlaufe mit der linken Hand über den Haken, spie- lend, obwohl das Leder allerhand wiegt. Als er sich um- dreht, sagt Zinn: „Sie bringen hoffentlich gute Nachricht, Genosse Hauptmann?“ „Ich weiß nicht“, antwortet Lohm, „ob es Sie betrifft, Herr Zinn.“ „Kommen Sie nur erst einmal herein“, sagt Zinn und öffnet die Tür zu einem weiten Zimmer, wo jeder Schritt in dicken Teppichen verstummt. Lohm hat solche Teppi- che schon in Warenhäusern bewundert, nie aber seinen Fuß auf sie gesetzt. Er geht wie auf Hochmoorboden, der weich und federnd unter jedem Tritt nachgibt. China oder Vietnam, denkt er, als Zinn ihm einen Sessel rückt, in dem Lohm versinkt. Geometrische Intarsien schmücken die Platte des Tischchens, auf dem ein Aschenbecher und ein Kästchen aus getriebenem Silber stehen. Zinn klappt es auf. „Falls Sie rauchen möchten, bedienen Sie sich, bitte. Ich muß mich für einen Moment entschuldigen, mein Aufzug.“ Er faßt ans Revers der Hausjacke, lächelt verlegen und streicht sich über die Frisur, die doch keiner ordnenden Hand bedarf. „Aber doch nicht meinetwegen“, sagt Lohm. „Ich lasse Sie nicht lange warten“, sagt Zinn. In der Tür bleibt er stehen, wendet sich um; die Hoffnung in seinen Augen ist am Erlöschen. „Haben Sie wenigstens einen Hinweis auf Steffi?“ 92
  • „Einen Hinweis“, sagt Lohm nur. Er fürchtet, daß Zinn, erführe er den Grund des Besuchs jetzt, wie er da abwartend zwischen Tür und Angel steht, zusammenbre- chen würde. Zinns Augen rätseln in Lohms Gesicht. Ob er etwas ahnt? Ob er es Lohm ansieht? Lohm greift, weil er sonst etwas sagen müßte, in das Zigarettenkästchen und spürt, wie Zinn sich entfernt. Als er sich vergewissert, ist die Tür leer. Wenn Zinn zurück ist, wird Lohm ihn schonend darauf vorbereiten, daß der heutige Tag für ihn zum Un- glückstag werden kann, zum vielleicht bittersten seines Lebens; daß er damit rechnen muß und sich wappnen soll, weil das besser für ihn sei, auch wenn die Tote nicht seine Frau sein sollte. Wenn sie es ist, denkt Lohm, wird er in der toten Pracht dieser Möbel wie in der Umarmung alter, sinnlo- ser Grabsteine weiterleben als weißhaariges Gespenst, in seiner verwaschenen Jacke, die er dann vielleicht nicht mehr einem Besucher zu Ehren wechselt. Schrecklich, hier allein und einsam den Rest seines Lebens zu verbringen, auf diesen Stühlen, auf denen wer weiß wie viele gesessen haben, die nicht mal in ihren Gräbern mehr aufzufinden wären. Mag sein, daß an jedem Stück eine Erinnerung haftet; aber die Erinnerungen der andern, die in diesen Hölzern, Schnörkeln und verblichenen Sei- den nisten, würden mich unruhig machen. Dann schon lieber ein nichtssagendes Zimmer mit einem Bett, mit Stuhl, Tisch und Spind. In dieser Wohnung steckt ein Vermögen, denkt Lohm. Allein dieses Zimmer gäbe so mancher für den Wolga, der unten auf ihn wartet, nicht her. Das denkt er, obwohl er die Stile, die hier in einem wilden Konglomerat ange- 93
  • häuft sind, nicht zu bestimmen vermag. Was er drau- ßen auf dem Korridor für Biedermeier gehalten hat, ist friderizianisches Rokoko; die Stühle und der Tisch ihm gegenüber, die, wie er meint, sich nur im Holz, im schwarzgedunkelten Mahagoni, von den Schemeln mit den geschwungenen Beinen unterscheiden, sind frühes Chippendale. Er würde nicht dahinterkommen, daß die schweren Empiresessel, die einen Kenner täuschen könn- ten, Imitationen sind, von einem findigen Berliner Tisch- ler um die Jahrhundertwende geschaffen, und er würde die Echtheit der Vitrine im Louis-seize-Stil nicht anzwei- feln, die Zinn zu einem sündhaften Preis erworben hat, um sie seiner Frau zum Geschenk zu machen. Sie ist üb- rigens wirklich echt, diese Vitrine, die Lohm ahnungslos für das kostbarste Stück der Sammlung hält. Aber das wird er später alles von Zinn selbst erfahren, und er wird dadurch gewisse Kenntnisse erwerben, die er im Augen- blick vermißt. Jetzt ahnt er davon noch nichts. Zinn kommt wider Erwarten in seiner verschossenen Hausjacke zurück und setzt sich Lohm gegenüber, wort- los, die grauen Augen voller Scheu und bänglicher Er- wartung. Lohm sieht ihm an, daß es für ihn unerheblich geworden ist, ob sein Aufzug dem Besucher mißfällt, die schiefgetretenen Pantoffeln, die abgewetzten Ärmelkan- ten, die herausfordernde Armut seines Alltagsgewandes, die wie ein Schmutzfleck in der Gediegenheit dieses Zimmers wirkt. Dieser Mann hat erfaßt, daß nicht mit einer Freudenbotschaft kommt, wer so wie dieser Hauptmann auftritt. „Ich fürchte, Herr Zinn“, beginnt Lohm, „wir haben Ihre Gattin gefunden.“ „Sie fürchten“, sagt Zinn und läßt den Kopf langsam sinken, und alles, was Lohm noch sagen wollte, kann er 94
  • nun nicht mehr sagen. Hellhörig hat Zinn diesem einen Wort abgelauscht, was Lohm noch nicht ausgesprochen hat. „Am Langen See“, sagt Lohm. „Nein!“ ruft Zinn, wehrlos gegen das Entsetzen, das nun mit voller Wucht über ihn hereinbricht. „Noch wissen wir nicht, ob es sich bei der Toten um Ihre Frau handelt“, sagt Lohm. „Darüber kann nur die Identifikation Aufschluß geben. Ich weiß, es ist furchtbar für Sie, aber es geht nicht anders. Sie müssen die Tote identifizieren.“ Zinn hebt den Kopf, als erwache er aus einer tiefen Benommenheit, und blickt Lohm verständnislos an. „Welche Tote?“ „Sie allein können uns Gewißheit geben, ob die Tote Ihre Frau ist“, antwortet Lohm ruhig. „Niemand sonst, Herr Zinn, nur Sie.“ „Ich?“ sagt Zinn abwesend. „Ich kenne doch die Tote nicht.“ „Nein“, sagt Lohm. „Aber Ihre Frau, die kennen Sie doch, Herr Zinn.“ „Ja“, sagt Zinn und nickt. „Besser als wir sie von dem Paßbild her kennen.“ Zinn versteht nicht sofort, nickt dann aber wieder. „Ja, natürlich.“ Als sei er eine Erklärung schuldig, fügt er hinzu: „Ich lebe ja seit fünfundzwanzig Jahren mit Steffi zusammen.“ „Sehen Sie“, sagt Lohm, „deshalb brauchen wir Sie.“ „Deshalb“, sagt Zinn vor sich hin. „Ich habe einen Wagen unten“, sagt Lohm. Er spricht zu Zinn wie zu einem Kinde, mit der unerschöpflichen Geduld des Verstehens. Käme einer zu ihm, eine Tote sei gefunden worden, und diese Tote könne seine Vera sein, 95
  • er würde vielleicht anders reagieren, aber die ungeheuer- liche Vorstellung würde ihn ebenso betäuben und verstö- ren wie diesen Mann. „Wenn es Steffi wäre“, sagt Zinn in einer jähen Hoff- nung, „dann wüßten Sie es doch, Genosse Hauptmann. Der Polizeimeister auf dem Revier hat doch alles genau aufgeschrieben. Ich habe vorher alle Schränke und Schub- laden durchsucht. Was sie an hatte, habe ich angegeben, jedes Stück! Das kann doch nicht verlorengegangen sein.“ „Es ist auch nicht verlorengegangen, Herr Zinn“, ant- wortet Lohm. „Die Tote war unbekleidet.“ Zinn starrt Lohm fassungslos an. „Das … das ist ja entsetzlich! – Nackt?“ Lohm nickt. „Ein Verbrechen?“ „Belasten Sie sich jetzt nicht mit solchen Gedanken“, sagt Lohm. Zinn sitzt aufrecht und bewegungslos. Er schluchzt nicht, er weint nicht, er atmet kaum. Wie ein Stein ohne Leben ist, so ohne Leben scheint dieser Mann zu sein, als habe ihn der grauenvolle Gedanke getötet. Lohm weiß, daß er diesen Anblick menschlichen Schmerzes sein Leben lang nicht vergessen wird. Er steht auf, tritt an Zinns Seite und legt ihm die Hand auf die Schulter. „Sie müssen sich jetzt fassen, Herr Zinn. Im Gerichtsmedizinischen Institut wartet man auf uns.“ „Ja“, sagt Zinn. „Ich komme.“ Lohm faßt Zinn unter den Arm, um ihm beim Aufste- hen zu helfen. „Lassen Sie nur“, sagt Zinn, „es geht schon, ich halte schon noch eine Weile durch.“ Fast Gesicht an Gesicht, Auge in Auge mit Lohm, setzt er hinzu, als leiste er ei- nen Schwur: „Falls an Steffi ein Verbrechen begangen 96
  • worden ist, müssen Sie den Mörder finden, Genosse Hauptmann Lohm. So lange will ich noch leben, länger nicht.“ V Eine Stunde später gibt es keinen Zweifel mehr: Die Tote vom Langen See ist Steffi Zinn. Lohm hat ihr Gesicht vom Fundort her in Erinnerung; der Anblick, der sich ihm im Leichenschauhaus bietet, ist nicht ganz so bestür- zend. Die Haare sind von Tang und Wasserschmutz ge- reinigt, die Leichentoilette hat die gröbsten Verunstal- tungen dem Auge erträglicher gemacht, und die Gewiß- heit, hier nicht in der Nähe des Tatorts zu sein oder gar unmittelbar am Tatort zu stehen wie vielleicht dort drau- ßen am Ufer des Sees, nimmt dem Augenblick etwas von seiner Dramatik. So empfindet Lohm und weiß doch ge- nau, daß er bereits in einem sachlichen Verhältnis zu den Dingen steht, nicht unbeteiligt, doch viel weniger betei- ligt als der Mann an seiner Seite, der ein solches Verhält- nis nie gewinnen wird, in dessen Augen dieser Anblick sich einfressen wird als das schrecklichste Bild, das sie jemals ertragen mußten. Zinn weint leise vor sich hin. Sie nehmen ihn in die Mitte, ehe sie ihn behutsam wegführen, der kleinwüchsige Staatsanwalt Haller mit den überaus beweglichen pechschwarzen Augenbrauen und der Hüne Lohm. Die Tür des Sektionssaals schließt sich hinter ihnen. Sie gehen durch den langen Korridor, durch dessen hohe Fenster das Licht des trüben Tags wie Milch einfließt, sie gehen an der Pförtnerloge vorbei und bleiben an den Stufen zum Ausgang stehen, beklommen der Hauptmann und der Staatsanwalt, denn solche Erleb- nisse entziehen sich der Gewöhnung, sind stets aufs neue 97
  • deprimierend, und gebrochen der Mann in ihrer Mitte, der um Jahre gealtert scheint. Lohm ist unschlüssig. Dok- tor Saltz wartet mit dem Befund der gerichtsmedizini- schen Sektion, und Staatsanwalt Haller ist eigens ins In- stitut gekommen, an dem Gespräch teilzunehmen. Als Lohm Haller anblickt, stimmt der mit einem Zucken sei- ner Augenbrauen zu. „Mein Fahrer wird Sie nach Hause fahren, Herr Zinn“, sagt Lohm. Zinn sieht den Hauptmann an. Sein Gesicht ist ver- schwollen, zwischen den geröteten Augenlidern Tränen. Eine Wimper ist auf die Nasenwurzel gewischt. „Kommen Sie, Herr Zinn“, sagt Lohm und faßt den Rattenzüchter am Ärmel. Nun erst scheint Zinn zu begreifen. „Nein, nein“, sagt er und schüttelt den Kopf, „ich möch- te nicht, daß Sie mich nach Hause bringen lassen. Ich könn- te jetzt nicht zwischen diesen Wänden … Ich werde ein wenig herumgehn und mich in einen Park setzen.“ Zinn gibt zuerst dem Staatsanwalt die Hand, wortlos, den Blick auf dessen Halstuch geheftet, als sei ihm nicht bewußt, daß Haller ebenso wie Hauptmann Lohm beauf- tragt ist, das Verbrechen aufzuklären. Es liegt ein Anflug von Abwehr in dieser Art des Handgebens, der stumme Vorwurf wie an einen Außenstehenden, der sich die Be- trachtung eines fremden Schmerzes erschlichen hat. Noch ist dieser flüchtige Händedruck nicht getauscht, hat Zinn das Interesse an Hallers Halstuch schon verloren, hat er den Blick aufgerichtet in Lohms graue Augen, und ihn dort belassend, drückt er dem Hauptmann schwach die Hand. „Nicht wahr, Genosse Hauptmann Lohm“, sagt er, „Sie versprechen mir, daß Sie alles tun werden.“ 98
  • „Das ist unsre Pflicht“, sagt der Staatsanwalt. „Ich weiß, ich weiß“, murmelt Zinn. „Schon gut, Herr Zinn“, sagt Lohm und erwidert den Händedruck. „Sie können versichert sein, wir werden tun, was menschenmöglich ist.“ „Danke“, sagt Zinn, „danke“, und ehe er geht, streift sein Blick noch einmal den Staatsanwalt, bleibt aber wieder an dessen Halstuch hängen. Langsam, das Gelän- der benutzend, steigt er dann die Stufen hinab zum Aus- gang, dessen schwere Tür er mit der Schulter aufdrückt. Dort sich wendend, sagt er: „Ich stehe jederzeit zu Ihrer Verfügung, Genosse Hauptmann Lohm, zu jeder Tag- und Nachtstunde.“ Als Lohm sich mit Haller in die oberen Stockwerke begibt, fragt dieser, indem er die Brauen hochreißt: „Was hat der Mann eigentlich für Augen?“ „Zinn?“ „Ja.“ „Graue, wenn ich nicht irre. Warum?“ „Nur so“, sagt Haller. „Hat er Sie denn nicht angesehn?“ „Vielleicht hab’ ich’s nur nicht bemerkt“, sagt Haller. „Mir kam es so vor, als bliebe er mit den Augen immer an meinem Halstuch hängen. Ist daran was nicht in Ord- nung?“ Haller dreht sich leicht zu Lohm, so daß der den Sitz des Schals begutachten kann. „Ich wüßte nicht“, sagt Lohm achselzuckend und denkt: Weiße Seide, na schön, wem’s gefällt. „Vielleicht hat Zinn bei Ihrem Schal an seine weißen Haare denken müssen, die sind ja wirklich prachtvoll.“ „Wenn sie echt sind“, sagt Haller mit leiser Mißbilli- gung. „Sie ahnen ja nicht, wie viele Männer heimlich 99
  • Kosmetik betreiben. Sogar die Haare lassen manche sich färben.“ „Man hält es nicht für möglich“, sagt Lohm, der es besser weiß, als er tut; schließlich ist ihm nicht unbe- kannt, daß der Staatsanwalt Haller eine Perücke trägt, obwohl sein natürlicher Haarschmuck einen solchen Aufwand nicht erforderlich machte. Aber Haller wirkt mit Perücke um zehn Jahre jünger, und er hat eine sehr jugendliche Frau. „Sie ist übrigens ertrunken, die Zinn“, sagt Haller, als sie vor Doktor Saltz’ Tür angelangt sind. Der Staatsan- walt hat der Obduktion beigewohnt, während Lohm auf dem Wege zu Zinn war, um ihn ins Gerichtsmedizinische Institut zu holen. Lohm nickt und verzichtet auf die Frage, die wichtiger für ihn ist: Ob der Befund denn ergeben hat, daß Steffi Zinn ertränkt worden sei. Darauf mag ihm der Gerichts- mediziner selbst antworten. Doktor Saltz geleitet die beiden Männer durch einen Laborraum in ein Nebengelaß, dem Sessel, ein niedriger Tisch und eine Liege private Wohnlichkeit verleihen; auf einem Sims Hängepflanzen, dem Fenster gegenüber, stumpf im sonnelosen Tageslicht, ein Landschaftsaqua- rell. Nachdem sie sich gesetzt haben, greift Doktor Saltz zum Obduktionsbericht, gewahrt Lohms suchenden Blick und drückt sich mit kraftvollem Schwung aus dem Ses- sel. Vom Sims nimmt er einen Messingaschenbecher, der platt und schief wie eine Flunder ist. „Danke“, sagt Lohm. Er hält dem Doktor seine Ziga- retten hin. Der wehrt lächelnd ab. „Nicht mehr.“ Und Haller, als Lohm ihm eine anbietet, verschmäht sie mit Nachdruck. „Noch nie!“ 100
  • „Na, ich gewöhn’s mir auch noch ab“, sagt Lohm; aber schon nach dem ersten Zug kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß ihm das je gelingen wird. „Merkwürdige Form“, sagt Haller, den Blick auf dem Aschenbecher. „Der wurde einmal von einem Lastzug überrollt“, er- klärt Doktor Saltz, wobei er den Aschenbecher liebevoll in Lohms Nähe schiebt. „Damit ist er für unser Institut gewissermaßen gesellschaftsfähig geworden.“ „Mit andern Worten“, bemerkt Haller mit einem Lä- cheln, „auf eine Leiche mehr kommt’s Ihnen nicht an.“ „Oh, sagen Sie das nicht, Herr Haller“, antwortet Dok- tor Saltz. „Uns kommt’s auf jede an, und jede einzelne ist uns eigentlich zuviel.“ „So wollte ich nicht verstanden sein“, sagt Haller mit einem Gesicht, als tadelte er sich für den mißglückten Anlauf zur Heiterkeit. „Ich hatte nur den Aschenbecher im Sinn. Die Form ist zerstört, aber seine Funktion den- noch erhalten. Der Mensch hingegen verliert alles mit seinem Leben.“ „Und daran gewöhnen wir uns ebensowenig wie andre Leute“, sagt Doktor Saltz, greift zu seinen Notizen und gibt nun den Obduktionsbefund bekannt. Lohm raucht schweigend, während Haller den Vortrag des Gerichtsmediziners dann und wann mit sachkundi- gem Kopfnicken begleitet, wobei der weiße Seidenschal sich unter seinem Kinn wie ein Harmonikabalg bewegt. „So, das wär’s“, sagt Doktor Saltz mit einem wehmü- tigen Blick auf Lohms Zigarette. „Sie sagen in Ihrem Gutachten, die Tote habe etwa ein bis zwei Wochen im Wasser gelegen, Herr Doktor Saltz. Eine genauere Bestimmung ist wohl nicht möglich?“ fragt Lohm. 101
  • „Leider nicht“, antwortet der Arzt. „Es ist nicht die erste Wasserleiche, die ich gesehn ha- be“, gibt Haller zu bedenken. „Waren Sie nicht auch der Meinung, daß sie recht gut erhalten sei, Herr Saltz?“ Doktor Saltz blickt den Staatsanwalt erstaunt an. „Sie sagten es sogar bei der Autopsie, falls ich mich nicht verhört habe“, fügt Haller hinzu. „Das habe ich gesagt, allerdings, und ich erhalte es auch aufrecht“, entgegnet Doktor Saltz. „Aber das bedeu- tet nicht, daß ich mit wissenschaftlicher Exaktheit bele- gen könnte, die Leiche sei drei oder fünf Tage alt gewe- sen, als sie gefunden wurde, und das wollten Sie doch wissen, nicht wahr, Herr Lohm?“ „Ja“, sagt Lohm, „denn wesentlich länger als zwei Wochen kann die Zinn ohnehin nicht tot sein. Sie wurde vor vierzehn Tagen als vermißt gemeldet und hat vor sechzehn Tagen nachweislich noch gelebt. Dafür stehen Zeugenaussagen.“ „Es gibt Phänomene, Herr Haller, die auch heute noch der Wissenschaft Rätsel aufgeben“, sagt Doktor Saltz zum Staatsanwalt. „Eines dieser Phänomene ist die Be- schaffenheit eines Leichnams. Sie können zwei Leichen nebeneinander liegen haben, bei denen der Exitus zum gleichen Zeitpunkt eingetreten ist. Die eine sieht aus, als wäre sie drei Tage alt, den Anblick der zweiten können Sie kaum ertragen. Liegt ein Exitus länger als vierund- zwanzig Stunden zurück, ist eine so exakte Aussage, wie Sie es wünschen, nicht mehr vertretbar.“ „Demnach, wenn ich Sie recht verstanden habe, Herr Saltz“, sagt Haller mit einer gewissen Hartnäckigkeit, „gibt es keinen Gerichtsmediziner, der strikt erklären würde, die Leiche sei drei oder vier Tage alt.“ „Was heißt drei oder vier?“ 102
  • „Nun ja, sagen wir drei.“ „Ich kenne keinen“, antwortet Doktor Saltz. „Gut. Sie sprechen aber von ein bis zwei Wochen. Wenn es so ist, wie Sie sagen, warum sprechen Sie dann nicht von drei bis vierzehn Tagen? Wenn eine exakte Bestimmung sowieso nur innerhalb vierundzwanzig Stunden möglich ist.“ „Weil ich in dem Falle, der uns vorliegt, mit Be- stimmtheit sagen kann, die Leiche hat mindestens acht Tage im Wasser gelegen, höchstwahrscheinlich länger. Im Wasser, wohlgemerkt. Ich habe Sie doch auf den Be- ginn der Waschhautbildung aufmerksam gemacht, erin- nern Sie sich?“ „Ach so, ja, richtig.“ Doktor Saltz nickt. „Und die Waschhaut stellt sich im allgemeinen nicht vor der zweiten Woche ein.“ „Hm“, brummt Haller und blickt den Hauptmann an, „da haben Sie ja wieder mal eine Sache auf den Tisch bekommen, lieber Lohm.“ „Ich fürchte auch“, sagt Lohm. „Um die ich Sie nicht beneide“, sagt der Arzt. „Ich beneide Sie übrigens auch nicht, Doktor“, gibt der Hauptmann zurück, und Doktor Saltz schürzt die Lippen zu einem süßsauren Lächeln und ist für einen Moment mit seinen Gedanken weit fort. Dann sagt er, zuerst Lohm, dann Haller anschauend: „Ich glaube, wir alle tun unsre Arbeit, weil sie von jemandem getan wer- den muß.“ Lohm nickt. Haller hingegen krümmen sich die Augenbrauen. „Wenn Sie – Ihr Fach in Ehren, Doktor Saltz – von Lust und Liebe zu Ihrer Arbeit sprächen, klänge das vielleicht etwas zynisch. Aber die Stellung eines Kriminalisten zu 103
  • seiner Arbeit dürfte doch nicht vornehmlich von der Notwendigkeit bestimmt sein.“ „Das kann Herr Lohm wohl besser beurteilen als ich“, antwortet Doktor Saltz. Und Haller wendet das Gesicht dem Hauptmann zu, die Brauen leicht angehoben. „Sie wird vornehmlich von der Notwendigkeit be- stimmt“, sagt Lohm. „Wäre das nicht so, wär’ ich Gärtner.“ In das kleine Schweigen bricht das Schrillen des Tele- fons. Doktor Saltz entschuldigt sich, verläßt das Zimmer und ruft Lohm an den Apparat. Lohm drückt, ehe er nach draußen stürmt, die Zigarette aus, die fast bis an den Fil- ter abgeraucht ist, und als Doktor Saltz beim Zurück- kommen die verschwelenden Tabakkrümchen im Aschenbecher bemerkt, fragt er Haller: „Warum haben Sie eigentlich nie geraucht?“ „Wozu sollte ich?“ fragt Haller zurück. Doktor Saltz setzt sich. „Nun ja, eine Notwendigkeit besteht dazu nicht, solange man damit nicht angefangen hat. Aber hatten Sie nie das Bedürfnis, nie Lust zu rau- chen?“ „Doch“, sagt Haller, „hin und wieder schon.“ Und nach kurzem Nachdenken fügt er freundlich hinzu: „Aber das Bedürfnis, Schaden abzuwenden, überwog bei mir stets die Lust, mir selber zu schaden.“ „Soso“, sagt Doktor Saltz, „dann haben Sie ja Ihren Idealberuf.“ „Den habe ich allerdings“, sagt Haller. „Sie doch hof- fentlich auch.“ „Nein.“ „Sieh an, was wollten Sie dann werden?“ „Ich wollte werden, was ich bin.“ „Gerichtsmediziner?“ 104
  • „Ja, so ist es“, antwortet Doktor Saltz. „Trotzdem ist Hauptmann Lohms Sehnsucht mir begreiflich, sie ist mir nicht einmal fremd.“ Als Lohm wieder eintritt, diesmal nicht eindringend, hineinstürmend, wie es sonst seine Art ist, sitzen Haller und Doktor Saltz schweigend am Tisch. Haller blickt auf das vom trüben Tageslicht milchgrau eingefärbte Aqua- rell, der Arzt auf Lohms offene Zigarettenschachtel, nicht ohne Wehmut. „Soeben hat mein Kriminaltechniker angerufen“, sagt Lohm. „Die chemische Analyse des Fadens, den Ober- leutnant Reiß unterm Nagel der Toten gefunden hat, liegt vor. Mein Genosse glaubt, es gibt einen Täter.“ VI Aber es gibt keinen Hinweis auf den Täter. Unter diesen Umständen den Mörder in der Millionenstadt zu finden scheint ein ebenso sinnloses Unterfangen wie die Suche nach einer Schlange, die man im Dschungel gefangen, an Ort und Stelle markiert und wieder freigelassen hat in der aberwitzigen Annahme, das Tier schon bald wieder auf- zuspüren, läßt man ihm nicht länger als zwei Wochen Frist und durchstreift die gigantische Wildnis dann zu dritt. So könnte die Aufgabe anmuten, vor der Lohm mit seinen Männern steht, um eines sogar schwieriger noch: Der Täter ist ein Mensch, also mit Intelligenz begabt, und trägt keine Markierung. Er ist unkenntlich, er ist unsicht- bar. Er kann in einer Kneipe in der Schönhauser am Tre- sen stehen und eine Molle trinken, in einem Marzahner Schrebergarten Blumenzwiebeln stecken, er kann unter denen sitzen, die in der „Distel“ lachen, oder in der U- Bahn die Abendzeitung lesen, Lohm gegenüber an die 105
  • Tür gelehnt, vielleicht sogar wissend, daß Lohm der Mann ist, den er nun am meisten fürchten muß. Es gibt keinen Hinweis auf ihn, den Täter, den Mörder, der in Freiheit ist wie jedermann und somit eine Gefahr für je- dermann. Wo es keinen Hinweis gibt, kann die fiktive Rekon- struktion des Tathergangs Anhaltspunkte eröffnen. Sol- che Rekonstruktionen sind häufig trügerisch, auch wenn jedes Detail genau durchdacht, angezweifelt, verworfen, erneut erwogen, für stichhaltig befunden und dann erst dem Modell eingefügt wurde, weil es ins entstehende Mosaik paßte wie ein Schlüssel in ein Patentschloß und das Bild dadurch sinnvoller wurde, womöglich erst einen Sinn ergab. Denn es ist durch und durch logisch. Nichts scheint mehr absurd, nichts wurde an den Haaren herbei- gezerrt. So und nicht anders nur kann es gewesen sein. So muß es gewesen sein. Herrgott, ja, so ist es gewesen! Und doch war es anders, nicht viel anders, nur ein wenig. Aber anders war’s, und der Weg, der verfolgt wurde, en- det in der Irre. Die fiktive Rekonstruktion, auf dem Fun- dament der Logik aufgebaut, hat nichts erbracht; denn das Fundament brach zusammen. Die Logik hielt der Wirklichkeit nicht stand. Hier war es falsch, logisch zu denken, zu kombinieren. Weil ein Täter nicht selten jeder Logik zuwiderhandelt. Lohm und seine Männer wissen um diese Fallgruben, die sich plötzlich auftun und alles, was da investiert wur- de an Denkkraft, Geduld und Schweiß, verschlingen können. Dennoch haben sie ein Modell des Tathergangs erarbeitet. Die beste Methode ist immer noch die, die man anwendet, wo es keine bessere gibt. Steffi Zinn wurde ertränkt. Nicht die gebrochenen Fingernägel deuten darauf hin; beim vergeblichen Griff 106
  • nach einem Bootssteg, einem schwimmenden Balken, einer Mauer können die Nägel eines Ertrinkenden bre- chen. Aber Bootsstege, Balken oder Mauern sind nicht mit Verbandmull gepolstert, und Autoreifen, wie sie an Schiffsanlegestellen angebracht sind, sind auf Leinwand vulkanisiert, und Leinwand ist nicht Mull. Eine im Was- ser treibende Binde aber setzt einer zupackenden Hand keinen Widerstand entgegen. Nun könnte die Zinn sich, ehe sie ins Wasser ging, die Nägel lädiert haben. Doch wo? In der Nähe des Wassers gibt es keinen Mull, ein herumliegendes Verbandpäckchen vielleicht, Mull auch in anderer Form, jedoch nicht befestigt, auf eine Unterla- ge gespannt, an der Nägel brechen können. „… und an Bäumen wächst ja keiner“, sagt Gallich. Er ist es auch, der es für ausgeschlossen hält, daß die Zinn sich unterwegs schon, bevor sie in den Wald kam, an den Nägeln verletzt haben könnte; dann hätte sie das hängen- de Nagelstück abgeschnitten oder abgefeilt, ja, in Er- mangelung eines Instruments hätte sie es sogar abgebis- sen, denn welche Frau liefe mit so einer Hand herum. Auch daß sie an Land angefallen worden sei, ist zu ver- werfen, obwohl die verschwundene Kleidung zu der An- nahme verleiten kann, beim Kampf mit dem Täter sei die Kleidung beschädigt und deshalb von diesem anschlie- ßend beseitigt worden. Wäre die Zinn an Land getötet oder in einen Kampf verwickelt worden, hätte der Leich- nam entsprechende Merkmale aufgewiesen, und daß der Täter sie zuerst ertränkt und hernach der Toten die nas- sen Sachen vom Leibe gezogen haben könnte, ist eine abenteuerliche Hypothese, weit jenseits aller Wahr- scheinlichkeit, selbst wenn man beim Täter auch die mi- nimalste Fähigkeit zu logischem Handeln ausschließt, ihn also als Wahnsinnigen annimmt. 107
  • Demnach muß die Zinn freiwillig ins Wasser gegan- gen sein, ins Wasser, doch nicht auf den Tod aus. Was aber konnte sie dazu bewogen haben? Diese Frage be- reitete den Kriminalisten einiges Kopfzerbrechen. Wer schwimmt bei vierzehn Grad Wassertemperatur? „Wer reinfällt“, sagt Reiß, „nur fällt man ins Wasser im allgemeinen nicht nackt.“ „Oh, es gibt schon so’n paar Verrückte“, sagt Gallich, „die warten bis zum Winter und hauen dann Löcher ins Eis.“ Solche Scherze lockern die Atmosphäre auf, Frischluft in der Stickigkeit des Grübelns. Obwohl keinem nach Lachen zumute ist, geschieht’s dann und wann, daß einer lacht, halblaut, lautlos. Verlegenheit steckt in diesem La- chen, das dazu gehört, wenn’s auch nicht her paßt; aber es ergibt sich, das ist nun mal so, und es erleichtert, ent- spannt die Gesichter für die Dauer einiger Atemzüge, ehe die Gedanken sich wieder in ihnen spiegeln. Wieso hat die Zinn nackt gebadet? Bedenkt mal, wo sie das ge- macht hat. Zwischen Schmöckwitz und Grünau gibt’s keinen Nudistenstrand, und ausgerechnet dort spielt eine Kamerun, und die ist nicht etwa sechzehn, sondern vier- undvierzig und eine mustergültige Ehefrau. Was, zum Teufel, ist mustergültig? Jedenfalls hat sie sehr zurück- gezogen mit ihrem Mann gelebt, ob musterhaft oder nicht, zurückgezogen haben die beiden gelebt, und so eine Frau steigt wie Diana ins Bad in ein rege befahrenes Gewässer? Das hat die dann schwerlich am hellichten Tage getan, die zurückgezogen lebende Frau. Zurückge- zogenheit macht scheu. Und es gehört schon eine Portion vom Gegenteil dazu, sich am Langen See im unver- fälschten Naturzustand zur Schau zu stellen. Also hat sie’s in der Dämmerung gemacht, abends eher als morgens, 108
  • denn die Abende sind milder, und dabei ist sie nicht al- lein gewesen. Preisfrage: mit wem aber? Wer war ihr Partner? Mit wem begibt sich eine Frau von der Lebens- art der Steffi Zinn zum Nacktbaden in die bewaldete Pe- ripherie einer Millionenstadt? Vermutlich in der Dunkel- heit. Und im September. Doch nicht mit einem Fremden! Der Ehemann scheidet aus, nicht weil dieser Halbgreis zu solchen Unternehmungen nicht mehr brauchbar er- scheint, sondern weil er in Zumseils Bierstube seinen Moralischen begoß, und das mit Ausdauer, und weil er von Stund an ständig im Blickfeld der Umwelt war, zehn Tage lang bis zu seiner Entlassung aus dem Kranken- haus. Der, wenn er auch fünfundzwanzig Jahre lang ihr Partner war, kann an jenem einen Tage Steffi Zinns Part- ner nicht gewesen sein. „Bleibt nur ’n heimlicher Liebhaber“, sagt Gallich, „und solche gibt’s wie Sand am Meer, und daß einer sich seiner Geliebten entledigt hat, hat’s auch schon da und dort gegeben.“ Daß es einem Liebhaber, der sich auf sei- ne Rolle versteht, nicht gelingen könnte, seine Geliebte an einem milden, mondscheinigen Septemberabend zu einem Wassernixenspielchen zu überreden, weist Gallich von der Hand. „Die kriegen alles fertig.“ „Und er, meinst du, hat sich auf einen Bootssteg ge- setzt und sie bewundert, bevor er sie dann vom Steg her- ab unter Wasser drückte?“ fragt Lohm. „Wieso vom Steg herab? Die sind gemeinsam ’rein und ein Stück rausgeschwommen.“ „Hinausgeschwommen sind sie keinesfalls“, sagt Reiß, „und wenn, hat er es nicht draußen getan. Vielleicht sind sie ein Stück hinausgeschwommen, aber dann sind sie umgekehrt, und in der Nähe des Ufers hat er’s dann ge- tan. Draußen hätte er sein Leben riskiert.“ 109
  • „Jedenfalls, wenn’s überhaupt so war, ist er mit ihr gemeinsam ins Wasser“, sagt Gallich. „Die Frau möcht’ ich sehn, die sich unter solchen Umständen auszieht und ins Wasser steigt, und ihr Liebster guckt ihr von ’nem Steg herab zu, weil er sich nicht reingetraut! Leib an Leib bei vierzehn Grad, das mag zur Not noch ’n Vergnügen sein, wenn auch kein reines. Na, Verliebte sprechen ja auf die verschiedensten Reize an. Aber für einen allein sind vierzehn Grad ’ne Hundesache und erst recht für ’ne Frau unter den Augen eines Zimperlings. Nein, die sind gemeinsam ’rein, oder es ist ganz anders gewesen. Wa- rum soll der’s nicht auf die Masche Rattenfänger von Hameln gemacht haben? Er selber als Lockvogel und dazu die entsprechenden Flötentöne, da watet doch jede Frau in die Fluten wie der Fischer beim alten Goethe.“ „Jede nicht“, sagt Reiß, „aber es geht zum Glück ja bloß um eine. Und den Fischer hat’s gezogen.“ Gallich stutzt, aus dem Konzept gebracht. Dann si- ckert ein Lächeln in seine Lippen, und mit Wonne sagt er: „Nicht es, sie hat den Fischer gezogen.“ „Es war aber besser gewesen“, sagt Reiß. „Es?“ Gallich überlegt. „Ach so, das feuchte Weib. Schulmeister!“ „Das gewisse Etwas, das Unbekannte, das Nichtzu- bestimmende“, erklärt Reiß mit unbewegter Miene. „Oder was hat die Zinn ins Wasser gebracht, etwa ’ne Faust im Nacken?“ „Das Unbekannte, das Nichtzubestimmende“, höhnt Gallich und ist voller Triumph. „Sexuelle Hörigkeit, da- mit du’s weißt, du Junggeselle! Die Zinn war ihrem Ga- lan mit Haut und Haaren verfallen. Von dem ließ die mit sich machen, was der wollte, und das hat der dann ja auch. Fummelt an den Werken unsres Spitzenklassikers 110
  • ’rum! Es wär besser gewesen. Wo gibt’s denn so was? Als hätt’ der alte Goethe mit dem Es, was du meinst, nichts anzufangen gewußt. Lies mal den Faust. Lies bloß mal den Fischer, aber richtig.“ Reiß verzieht keine Miene, schweigt aber, und Gallich weiß, was das bedeutet. Er blickt über den Tisch wie ein Feldherr nach einem Sieg über ein Schlachtfeld, und sind Goethes Zeiten, als Schlachtfelder noch zu überblicken waren, auch lange vorbei, mit Goethe hat er Reiß ge- schlagen, endlich einmal, mit Goethes altem Angler, der beim Fischen seine Ruh verlor, weil ein Weib ihn lockte. Hörigkeit auch dort? Beim Angler war’s ein fremdes Weib. Spontane Hörigkeit also? Veni, vidi, vici? Der die Steffi Zinn ins Wasser geführt hat, kam nicht, sah nicht, siegte nicht. Der war schon eine Weile vorher da, war kein Fremder für sie. Aber wer er war, das hat sie mit ins Grab genommen, so konsequent, wie sie das Geheimnis ihrer verbotenen Liebe gehütet hat, von der sie nicht ahn- te, daß sie tödlich sein sollte. Es gibt keinen Hinweis auf den Täter. „Einer mit einem Verband, mit einer Wunde also“, sagt Gallich. „Mit einer vermutlich unbedeutenden Wunde“, sagt Reiß. „Stimmt. Sonst wär’ der nicht ins Wasser gegan- gen“, sagt Gallich. „Wenn er mitgegangen ist“, sagt Reiß. „Nach meiner Version ist er“, sagt Gallich. „Zumin- dest als Lockvogel. Er muß ja nicht geschwommen sein, und ertränken kannst du einen schon in ’ner Pfütze.“ Weder Lohm noch seine beiden Genossen ahnen, wie nahe sie der Wahrheit sind, hautnah. Die fiktive Rekon- struktion des Tathergangs deckt sich mit der Wirklich- keit. Gewiß, sie haben auf manche Frage keine Antwort 111
  • gefunden. Aber so hat es sich zugetragen, das Verbre- chen am Langen See. Sie wissen es nicht. Sie hoffen, daß sie nicht fehlgegangen sind auf dem Weg durch das Dunkel der Möglichkeiten. Die Furcht, plötzlich ins Nichts zu taumeln, wenn sie auf diesem Wege weiterge- hen, das Gefühl der Unsicherheit, der Improvisation – das alles ist nicht auszustreichen wie eine überflüssige Ziffer, eine unbestimmbare Unbekannte. Es belastet sie und wird sie begleiten, bis sie mehr wissen, bis sie an jenem Punkt angelangt sind, wo sie sich entweder einge- stehen müssen, daß sie irrten, oder sich erleichtert sagen können, daß ihre Arbeit nicht umsonst gewesen ist. „Gesetzt den Fall, wir sind mit dieser Auslegung nicht auf dem Holzweg“, sagt Lohm, sich aus seiner schiefen Haltung hochzwingend, graue Müdigkeit um die Augen, mit denen er Reiß und Gallich ansieht, „müssen wir auf eine Frage Antwort bekommen. Von ihr wird abhängen, ob es so gewesen sein kann, nicht muß, aber kann.“ „Hm“, brummt Gallich, und Reiß fragt, von wem Lohm diese Antwort einholen wolle. Lohm sagt: „Von Doktor Saltz.“ VII Vierundzwanzig Stunden nach seinem Besuch im Ge- richtsmedizinischen Institut sitzt Lohm ein zweites Mal Doktor Saltz gegenüber. Im Fenster steht ein sonniger Herbstnachmittag, dessen Licht breit und golden ins Zimmer flutet und den Zauber aller Farben enthüllt. Feu- ergelb und ziegelrot brennen die letzten Blätter im Geäst vor den Scheiben, die Landschaft auf dem Aquarell glänzt wie ein Stück Natur nach einem erfrischenden Re- gen, und das Lärmen der Vögel erinnert an die Tollheit 112
  • übermütiger Jungen. In einem Sonnenstrahl glüht der vom Lastzug überrollte Aschenbecher; er stand bei Lohms Eintreten schon bereit. „Wissen Sie, was ich jetzt möchte?“ sagt Doktor Saltz, lehnt sich im Sessel zurück und verschränkt die Hände im Nacken. „Angeln. Obwohl die Fische um diese Stun- de nicht beißen, möcht’ ich jetzt angeln, irgendwo an einem stillen Gewässer, in einem Kahn, der nicht mehr ganz dicht ist und in dem von meinem Vorgänger noch paar Utensilien liegen, eine zerbrochene Pose, eine alte Wurmdose, irgendwas, was nicht mehr brauchbar ist – aber diese kleinen Dinge machen einem das Alleinsein erst so richtig bewußt. Und wenn dann keiner angebissen hat, nach Stunden nicht, ach was, nach einem halben Tag nicht …“ „… hat man trotzdem das Gefühl, die Zeit nicht nutz- los umgebracht zu haben“, ergänzt Lohm, und Doktor Saltz kehrt von seinem romantischen Ausflug zurück, jäh und erstaunt, nimmt dann eine Hand hinterm Nacken hervor und stößt mit dem Finger bei jedem Wort in die Luft. „Genau das ist es. Jawohl!“ Er läßt die Hand sin- ken, lächelt. „Sie kennen das also auch.“ „Nur leider nicht vom Angeln“, sagt Lohm und zieht seine Zigaretten aus der Tasche. „Ich darf doch?“ „Heute dürfen Sie mir sogar eine anbieten.“ „Rauchen Sie denn wieder?“ „Nur eine mal, diese mal, ausnahmsweise heute“, sagt Doktor Saltz und lacht. „Wir sind ja unter uns.“ „Haben Sie ein Glück, daß ich nicht Staatsanwalt bin“, sagt Lohm und reicht dem Arzt die Schachtel hin. „Daß Sie nicht Haller sind“, berichtigt der. „Ein tüchtiger Jurist“, sagt Lohm. „Ich arbeite gern mit ihm zusammen.“ 113
  • „Weil er tüchtig ist?“ Doktor Saltz hält eine Sekunde inne und bekommt etwas Lausbübisches ins Gesicht. „Oder wegen seiner Schrulligkeit?“ „Haller ist wirklich tüchtig“, sagt Lohm. „Gott ja, Sie haben ja recht!“ Doktor Saltz beugt sich über den Tisch, um von Lohm Feuer zu nehmen. „Schrullig sind wir letztlich alle irgendwo. Oder haben Sie keinen Spleen? Ich habe einige.“ „Zum Beispiel in Form unerfüllbarer Wünsche“, sagt Lohm, und beide lachen, und Doktor Saltz bläst den Rauch der Zigarette steil in die Luft und ruft: „Und trotz- dem, wenn ich jetzt könnte …“ „Ein Angler war es übrigens, der die tote Steffi Zinn gefunden hat“, sagt Lohm. „Tja“, sagt Doktor Saltz, mit einemmal ernst, „diese Steffi Zinn. Ich hätte Sie gern schon eher empfangen, Herr Lohm, aber Sie wissen ja, vormittags ist das bei mir nicht drin.“ „Ich weiß“, sagt Lohm. „Na, wir haben inzwischen heftig debattiert. Mir brummt jetzt noch der Schädel.“ „Wie wär’s dann mit einem Kaffee? Wir haben alles im Haus, sogar Zutaten für ’n paar handfeste Sandwi- ches. Wenn’s bei uns mal rund geht und der Magen knurrt …“ „Vielleicht später.“ „Schön. Sie haben also dieses mysteriöse Fädchen identifiziert?“ „Ja, entfettete Baumwolle.“ „Aha. Stammt also von einem Verband.“ „Ja, entfettete Baumwolle wird zu Mullbinden und ähnlichem Zeug verarbeitet.“ „Und der Faden saß unter dem geknickten Fingernagel.“ „Er hing in der Knickstelle.“ 114
  • „Soso.“ Doktor Saltz überlegt, wobei er die Asche ab- streift. „Der eine Nagel war ja abgebrochen, der vom Zeigefinger bis in den Nagelkörper hinein geknickt. Das einzige Anzeichen übrigens, was auf eine Abwehrreakti- on des Opfers hindeutet. Andre Symptome einer Gewalt- einwirkung waren nicht festzustellen.“ „Einer Gewalteinwirkung?“ Doktor Saltz lächelt. „Nicht nur ein Täter, Herr Lohm, auch der Tod ist eine Gewalt, der man sich zu erwehren versucht.“ „Die Selbstmordhypothese haben wir verworfen“, sagt Lohm. „Es sprachen zu viele Umstände dagegen, allein die Lage des Fundorts. An dieser Stelle wäre der Leichnam von der Strömung vorbeigetrieben worden. Die Zinn müßte demnach in der Nähe ins Wasser gegangen sein, das im weiten Umkreis dort seicht ist, und im seichten Wasser müßte sie sich ertränkt haben, sonst wär’ sie von der Strö- mung erfaßt und mitgenommen worden. Welcher Mensch, Doktor Saltz, bringt eine derart anormale Willenskraft auf?“ „Ein Selbstmörder“, antwortet Doktor Saltz prompt und fast ein wenig amüsiert. „Die anormale Willenskraft, wie Sie es nennen, entspricht einer anormalen Geistesverfas- sung. Vernunft, Verstand, selbst elementarste Triebfunkti- onen können dabei ausgeschaltet, ja ins Gegenteil verkehrt sein. Ich könnte Ihnen da ganz andre Beispiele nennen. Das also spricht nicht verläßlich gegen Selbstmord.“ Lohm zieht an der Zigarette und blickt in die aufleuch- tende Glut. „Selbstmord war es trotzdem nicht.“ „Ich würde dafür, wenn Sie gestatten, einen andern Gesichtspunkt ins Kalkül ziehen“, fährt Doktor Saltz fort. Lohm läßt die Hand mit der Zigarette sinken. 115
  • „Der Tod ist eine Gewalt, gegen die man sich wehrt, gewiß. Aber“, Doktor Saltz macht eine kleine Pause und sagt dann mit gewisser Wucht, „der Tod trägt keinen Mullverband.“ Nun lächelt Lohm. „Soweit sind wir auch gekommen, nur hat mein Genosse Gallich es nicht so poetisch formu- liert.“ Der Arzt lacht. „Dabei bin ich gar kein Freund von Reißern. Ich liebe Dostojewski.“ „Den mag ich nun wieder gar nicht.“ „Was lesen Sie denn?“ „Auf keinen Fall Kriminalromane“, antwortet Lohm, und Doktor Saltz ist voller Verständnis und fragt nicht weiter. Wohlwollend betrachtet er den Hauptmann, der, rie- senhaft, ihm gegenübersitzt und, würde er sich nicht ab und zu bewegen, wie ein Granitblock wirkt. Plötzlich schlägt der Arzt auf die Armlehne seines Sessels und ruft mit voller Stimme: „Nein, mit Ihnen möchte ich weiß Gott nicht tauschen! Wenn ich mir vorstelle, einen auf- spüren zu müssen, der einen Verband trägt … und wo trägt er den, um den Bauch, am Hintern, an der Hand? Das allein ist schon ’ne Frage! Und inzwischen hat er ihn vielleicht längst abgenommen, hat nur noch ’ne Narbe an der Stelle, ’n Närbchen, daumennagelgroß oder dünn wie’n Strich … und der in diesem Moloch von Stadt, die- ser unerhörten Zusammenballung von Menschen, unter- getaucht, spurlos wie’n abgeflauter Wind – wenn ich den suchen müßte und nicht bloß suchen, nein, auch finden, finden müßte, denn gefunden muß der doch werden … o Mann, nee …!“ Lohm lächelt und antwortet ganz gelassen: „Wir son- dern aus, Herr Doktor Saltz, genau wie Sie. Wenn einer 116
  • ertrunken ist, untersuchen Sie ja auch nicht dessen Bauchspeicheldrüse.“ „Sehr gut!“ lobt Doktor Saltz. „Nur gibt’s leider mehr Menschen in Berlin als Eingeweide in einer menschli- chen Hülle.“ „Vielleicht stammt der Täter sogar aus der Republik.“ „Und das erfüllt Sie nicht mit Grausen?“ „Nein“, sagt Lohm. „Das ist ja meine Arbeit. Dafür bin ich da. Und außerdem, zuerst durchsieben wir einmal die Spreu, die wir vom Weizen schon getrennt haben. Und wenn wir da nichts finden, dann erst kommt der Weizen dran.“ „Ganze Weizenfelder, Hekatomben von Weizenfel- dern!“ ruft Doktor Saltz. „Im Gegenteil“, sagt Lohm. „Zum Weizen gehört bis- her nur einer, der Ehemann.“ „Der Zinn?“ entfährt es Doktor Saltz. „Vor dem Gesetz war er der Ehemann, und was unsre Recherchen ergeben haben, war er’s auch de facto. Sogar mustergültig.“ „Und was bewegt Sie anzunehmen …?“ „Ich nehme gar nichts an“, sagt Lohm. „Ich habe nicht mal einen Verdacht. Ich hätte einen, hätten Sie sich dafür verbürgen können, daß die Tote nicht länger als drei Ta- ge im Langen See gelegen hat.“ „Nicht länger als drei Tage? Ausgeschlossen“, sagt Doktor Saltz entschieden. „Aber warum wäre Zinn dann verdächtig?“ „Selbst dann wäre er noch nicht verdächtig, aber dann könnte er den Mord verübt haben. So nicht.“ „So ist das also“, sagt Doktor Saltz. „Daß die Zinn ei- nen heimlichen Liebhaber gehabt haben könnte, haben Sie das schon erwogen?“ 117
  • Lohm sieht den Arzt nur schmunzelnd an, und der wird leicht verlegen. „Entschuldigen Sie …“ Lohm winkt ab. „Mitunter kommt man auf das Aller- einfachste nicht, das ist auch uns schon passiert.“ Wie um von seiner unbedachten Frage abzulenken, sagt Doktor Saltz: „Es war kein Notzuchtverbrechen, und ein Raubmord sieht im allgemeinen anders aus. Was war es dann? Aber das muß zum Glück nicht ich herausfinden.“ „Sondern ich“, sagt Lohm, „und ich werde es auch.“ Er stutzt, wundert sich, mit welcher Entschiedenheit er diese schwerwiegenden Worte ausgesprochen hat, das ist doch nicht seine Art, einem andern gegenüber eine sol- che Selbstsicherheit hervorzukehren, auch wenn er sich mit ihr gewappnet hat und bei jedem Fall aufs neue wappnet, denn was wäre erreichbar, würde er sich von Schwierigkeiten entmutigen lassen, das Vertrauen in die eigene Kraft, es steht nun mal am Anfang seiner Arbeit – doch daß ihm davon etwas über die Lippen rutschte, ist ihm peinlich, und so fügt er hinzu: „Hoffentlich.“ „Ich hoffe mit Ihnen“, sagt Doktor Saltz. „Sie muß ei- ne schöne Frau gewesen sein.“ Er steht auf und tritt ans Fenster, öffnet es, und eine Woge reiner, lauwarmer Luft, schwer vom Duft welkenden Laubes, strömt herein und wirbelt den Tabakrauch durcheinander, und wie der Arzt ins burleske Spiel von Licht und Schatten blickt, das, nicht sichtbar für Lohm, den Park mit lautlosem tanzen- dem und doch schon ermattendem Leben erfüllt, stellt der Hauptmann seine Frage, ob es der Gerichtsmedizin wohl möglich sei festzustellen, wo ein Mensch ertrunken ist, in größerer Tiefe oder am Rande eines Gewässers. „Um mir diese Frage zu stellen, sind Sie gekommen, nicht wahr, Hauptmann Lohm?“ sagt Doktor Saltz, un- 118
  • beweglich am Fenster stehend, den Blick nach draußen gerichtet. „Ja“, sagt Lohm. „Wenn die Gerichtsmedizin das könnte, und zwar ex- akt, wäre Ihnen wohler, nicht wahr?“ „Sie kann es also nicht“, sagt Lohm. Doktor Saltz wendet sich um. „Nein, das kann sie lei- der nicht.“ VIII Lohm ist nicht enttäuscht, als er Doktor Saltz verläßt. Hätte der Gerichtsmediziner sich dafür verbürgt, daß Steffi Zinn in Ufernähe ertränkt worden sei, so hätte das die Schlußfolgerungen untermauert, mehr nicht. Daß Doktor Saltz hier passen mußte, spricht nicht gegen den angenommenen Tathergang. Lohm geht am Institutsgebäude vorbei, dessen gelbe Backsteinmauern in der dunklen Sonne glänzen, vorbei an der langen Reihe abgestellter Wagen aus dem Reparatur- werk, die immer am Straßenrand stehen, als finde sich keiner, sie abzuholen, und mit jedem Schritt wird der Lärm, der sich von der Kreuzung heranwälzt, lauter, bis Lohm in ihn eintaucht und im Zentrum dieser akustischen Wolke stehenbleibt, gestoppt von rotem Ampellicht, das blaugraue Fetzen umflattern, Auspuffgase der mit heise- rem Gekicher anfahrenden Zweitakter. Wie an einem rei- ßenden Bach steht er, in dem Autos treiben, in ihrer Mitte eine rasselnde Straßenbahn. Jetzt braucht einer keine Uhr, um die Stunde zu wissen. Der große Run aus Amtszim- mern, Büros und Werkhallen hat eingesetzt, heimzu, und die Stadt erhitzt sich noch einmal in hektischem Fieber, während die Sonne schon gegen den Horizont rutscht. 119
  • Lohm, ehe die Ampel auf Grün springt, will die Uhren vergleichen; aber die Normaluhr zeigt das Bild des auf- gestellten Zeigefingers mit dem abgespreizten Daumen: 16 Uhr. Sie steht. In einem Pulk langhaariger junger Leu- te überschreitet er die Hannoversche, und als er drüben ist, hört er hinter sich die abfallende Tonleiter einer bremsenden Straßenbahn. Sich wendend, blickt er in ro- tes Ampellicht. Die kriegt er nicht mehr. Die jungen Leu- te sind unbefangener, rasen zurück, was schert sie Rot, acht, neun Mann hoch und zwei untergefaßte Mädchen, denen beim Rennen das nackte Fleisch unterm Röckchen hervorlugt, und hangeln sich in die Bahn. Der Verkehrs- polizist im Leitstand, die Trillerpfeife schon am Mund, verzichtet auf den Ordnungspfiff, was soll’s, und als die elf an Lohm vorbeifahren, bedauert der nur, daß er keine siebzehn mehr ist, sonst hätte er’s so wie die gemacht und Vera am Bahnhof Friedrichstraße noch erwischt. Nur hat er Vera mit siebzehn noch nicht gekannt. So geht er denn zu Fuß, gemächlich, er hat’s ja nicht eilig, und außerdem ist die Lederhülle bei solchem Wet- ter eine Last. Als er morgens aus dem Fenster blickte, stand der Plänterwald hüfthoch in zähem Oktobernebel, und der Himmel sah aus, als könnte er den Regen nicht bei sich behalten, der im Wetterbericht angedroht worden war. Vielleicht hat’s im Plänterwald auch geregnet, nur eben im Zentrum nicht, oder er hat Vera gerade etwas zugerufen, als der Nachrichtensprecher das sinnreiche Wort „strichweise“ sagte. Man hört ja nie so richtig hin. Lohm, eingeschnürt in den Mantel, diese tragbare le- derne Sauna, schwitzend und nicht ohne Durst, denkt an alles mögliche, wie er durch die Friedrichstraße geht, dem Bahnhof zu. An den Fall der Steffi Zinn denkt er nicht. Nicht, weil der Dienst für ihn zu Ende ist; ein Kriminalist 120
  • ist nie außer Dienst, und ist auch die tägliche Dienstzeit um, der Dienst ist es nicht, solang es dem eignen Hirn gefällt, und das ist mitunter noch in der Badewanne ruh- los bei der Sache. Nein, Lohm denkt an den Fall nicht, weil ihn dieser Fußmarsch ablenkt. Ohne daß er es woll- te, hat er abgeschaltet. Die Schaufenster interessieren ihn nicht, Autos, selbst chromblitzende Straßenkreuzer mit exotischen Nummernschildern, sind ihm gleichgültig, aber der Menschenstrom, der sich vor ihm teilt wie Was- ser an einem Wogenbrecher, der ihn umfließt und hinter ihm zusammenschlägt, reißt immer wieder einen seiner Gedanken mit sich fort: Augen, die ihn flüchtig streifen, die Ungleichheit der Gesichter, das schleifende Gewand eines beturbanten Afrikaners, ein Lachen, ein verkniffner Mund, der Singsang einer Gruppe Jugendlicher in blauen Hemden, ein Kinderwagen, den ein Mädchen vor sich her schiebt, selbst fast noch ein Kind, doch mit hoch erhobe- nem Kopf – dieses Bild allein lohnt den Weg. An alldem fährt er sonst vorbei, unsichtbar im Fond des Dienstwa- gens und selber nicht sehend, was da ist; wie durch eine lebendige Kulisse fährt er, die an seinem Auge vorbei- huscht und ganz anders sein könnte, als sie ist – er würde es nicht bemerken. Vera hat recht, wenn sie sagt, wer vom Sessel in den Wagen steigt und vom Wagen in den Sessel, hat sich selber eine Binde vor die Augen gelegt. Zum Glück ist es schattig in der Friedrichstraße, aber als der Johannishof in Sicht kommt, sind rechts keine Häuser mehr, und die Sonne, mit letzter Wucht, ist noch einmal da. Nun knöpft Lohm den Mantel auf, läßt den Gürtel baumeln; mit den Armen, ehe er sie auf dem Rü- cken verschränkt, schlägt, er die Schöße zurück und kommt sich etwas angeberisch vor in dieser Haltung; aber er fühlt sich wohler. Aus einer offenen Gaststättentür 121
  • duftet es nach Bier, er zögert, geht jedoch weiter, und auf der Weidendammer Brücke entschädigt ihn ein kühler Luftzug, der von der Spree heraufweht. Im Theater waren wir schon ewig nicht, denkt er und ist plötzlich voller Unternehmungslust, nicht unbedingt auf Theater, es könnte ja auch sonstwie ein netter Abend sein in einem Café, einem Speiselokal, mit Vera irgendwo gemeinsam zu essen macht immer Spaß, und sie sind seit Monaten nicht mehr aus gewesen, nun ja, er wird’s ihr bald mal vorschlagen, und ihr zuliebe wird er sogar mit in die Oper gehn, vorher, falls sie’s davon abhängig machen sollte. Was tut man nicht alles für seine Frau. In der Bahnhofshalle sagt jemand zu ihm: „Wie du so ankommst – wie’n Kosak.“ Es ist Vera. Daß Lohm sie im Gedränge übersehen hat, ist zu verzeihen; sie reicht ihm bis knapp über den Ellen- bogen. „Das paßt ja prima“, sagt Lohm. „Wie gut, daß einem mitunter die Bahn vor der Nase wegfährt! Du hast länger gearbeitet?“ „Ja, beim Friseur“, sagt Vera. „Es fällt wohl nicht sehr auf, wie?“ „Und wie’s auffällt!“ sagt Lohm und lacht. „Findest du, daß mir das steht?“ „Riesig“, sagt Lohm und bewundert den Turmbau aus schwarzem Haar, das im Licht bläulich schimmert. „Hab’ gar nicht gewußt, daß ich so ’ne große Frau hab’. Wie die Frisur den Menschen doch gleich hebt!“ „Affe“, sagt Vera. „Bummeln wir ein Stück?“ „Ich wollte dich ohnehin einladen.“ „Oho!“ „Zum Essen.“ 122
  • „Nicht schlecht. Laß mal sehn, wie du ’rumläufst. Hm, sogar mit Schlips. Schlips und ausgebeulte Hosen.“ „Ich bin ja nicht auf ein stinkfeines Lokal aus.“ „Mit mir müßtest du aber nur auf solche Lokale aus sein.“ „Hab’ ich denn ahnen können, daß ich dich treffe?“ „Du solltest zumindest immer damit rechnen.“ „Ab heute“, sagt Lohm, „ab heute rechne ich immer damit. Wo gehn wir hin? Ins Ganymed?“ „Ich hab’ eigentlich mehr Durst als Hunger“, sagt Ve- ra. „Du weißt doch, wenn ich beim Friseur sitze, kriege ich jedesmal Durst auf Bier.“ „Auf Bier? Seit wann denn das?“ „Schon immer.“ „Das hast du mir aber noch nie gesagt.“ „Wirklich? Dann hab’ ich’s vergessen“, sagt Vera la- chend und hakt sich bei ihm ein. „Ist ja auch nicht wich- tig, oder?“ „Nein, ist absolut nicht wichtig.“ „In den Presseclub willst du sicher nicht, hm?“ „Dort wirst du doch gleich umlagert“, sagt Lohm. „Ich möchte mit dir allein sein, irgendwo, wo’s nett ist.“ „Nett kann’s auch in ’ner Kutscherkneipe sein.“ „Gut, dann wollen wir mal sehn, ob wir eine Kut- scherkneipe finden.“ Später sitzen sie in einer Bierbar, wo es Brathähnchen gibt. Alle Gäste essen Hähnchen und trinken Bier dazu. Der Anblick der kauenden Münder, die von fettfeuchten Fingern mit Fleischstücken vollgestopft werden, ist nicht gerade ein Augenschmaus; aber Lohm hat einen Zweier- tisch erwischt und nimmt von der Umgebung nicht mehr wahr als die aufdringliche Akustik, die ein Ventilator monoton und sausend untermalt. Zwei Jahre ist er mit 123
  • Vera jetzt verheiratet, Zeit genug, mit einem Antlitz so vertraut zu werden, daß man es mit geschlossenen Au- gen vor sich sieht; aber das Gesicht, von dem er keinen Blick wendet, ist Veras Gesicht, und immer wieder entdeckt er in ihm einen Zug, der ihm, wie er meint, bislang verborgen war, und so wird er nie müde, seine kleine, zierliche Frau, die er mühelos auf einem Arm von einem Zimmer ins andere durch die Wohnung tra- gen kann, anzuschauen, ja, er kann sich nicht vorstel- len, daß er dessen jemals müde werden könnte. Wie er sie anschaut, verrät jedem, was mit ihm los ist, und Vera sieht ihn ebenso an aus ihren großen, klaren, ein wenig verschmitzten Augen. „Du hast eine Farbe, als wärst du den ganzen Tag in der Sonne gewesen“, sagt Lohm, „richtig braun.“ „Ein herrlicher Tag, nicht wahr?“ „Ich hab’ nur ’ne Handvoll von abbekommen.“ „Ich war draußen in Biesdorf, im Hundewäldchen.“ „Hundewäldchen?“ „Sie dressieren Hunde dort.“ „Aha. Reportage?“ „Ja. Und du, was hast du gemacht?“ „Ach, alles mögliche“, sagt Lohm. „Zuletzt war ich noch mal in der Gerichtsmedizin.“ „Wegen dieser Steffi Zink?“ „Zinn.“ „Und?“ Lohm zuckt mit den Schultern. „Ich hatte mir da was erhofft, weißt du, aber diesmal mußte der Doktor Saltz passen. Na, macht nichts.“ „Deprimiert?“ Vera langt über den Tisch und faßt sei- ne Hand. Sie sieht ihn an und lächelt. Das Lächeln sagt ihm, er möge es nicht tragisch nehmen. 124
  • „Nein, nicht deprimiert“, sagt Lohm und drückt ihre Hand. „Es kann nicht alles programmgemäß verlaufen.“ „Habt ihr immer noch keinen Anhaltspunkt?“ „Der Mörder muß eine Verletzung gehabt haben, das ist alles.“ „Eine Verletzung? Ich denke, der hat das so gemacht, daß an der Toten überhaupt nichts zu sehn war?“ „Der Mörder, nicht sein Opfer.“ „Das versteh’ ich nicht“, sagt Vera. „Es hat also doch ein Kampf stattgefunden? Wie habt ihr denn das festgestellt?“ „Nicht doch“, sagt Lohm. „Der Mörder muß eine Ver- letzung gehabt haben, vorher schon. Er hat einen Ver- band getragen.“ „Woher wißt ihr denn das?“ „Wir fanden bei der Toten einen Faden unterm Fin- gernagel, und der stammte von Verbandzeug.“ „Und deshalb glaubt ihr, der Mörder müsse eine Ver- letzung gehabt haben?“ „Na ja.“ „Komisch“, sagt Vera. „Was findest du daran komisch?“ „Daß einer eine Verletzung haben muß, wenn er einen Verband trägt. Im Hundewäldchen in Biesdorf umwi- ckeln die, die den Täter spielen und vom Hund gestellt werden sollen, sich vorher den Arm, damit der Hund nicht durchbeißt. Die haben verdammt scharfe Köter dort. He, Herbert, hörst du?“ „Ja, ja“, sagt Lohm, aber Vera sieht ihm an, daß er im Augenblick nicht an ihrem Tische saß. „Ist’s denn so abwegig, daß einer, der so ein scheußli- ches Verbrechen plant, auch an so etwas denkt?“ „Das ist’s ja“, sagt Lohm, „es ist überhaupt nicht abwegig. Im Gegenteil. Nur ist keiner von uns drauf- 125
  • gekommen. Heiliger Bimbam, und du, du sprichst es aus, als läg’s offen auf der Hand!“ „Ich kann mich irren“, sagt Vera und zuckt mit den Achseln, „aber es ist zumindest nicht um sieben Ecken gezerrt, gib’s zu.“ „Vera, Verotschka“, ruft Lohm und packt ihre Hände, das Aufsehen mißachtend, das sein Ausruf unter den Es- sern erregt, „jetzt geb’ ich dir einen Kuß, hörst du, und dann wollen wir mal sehn, ob die nicht Sekt in diesem Schuppen führen!“ „Sekt hier?“ Vera rümpft die Nase. „Bei Sekt will ich woandershin.“ „Was liegt in der Nähe?“ „Das Newa“, sagt Vera. „Gut, dann auf ins Newa! Den Sekt trinken wir. Herr Ober, bitte zahlen!“ IX Noch am Abend telefoniert Lohm mit Gallich. Er könnte bis zum Dienstbeginn warten, um mit seinen Mitarbeitern den so einfachen und einleuchtenden Gedanken zu erörtern, auf den Vera ihn gebracht hat. Aber es drängt ihn, wenigs- tens mit Gallich sofort zu sprechen. Trifft Veras Vermutung zu, so lenkt das die Ermittlungen in eine bestimmte Rich- tung, auf einen engbegrenzten Punkt, ja, es würde sie auf diesen Punkt zurücklenken; denn von ihm sind sie ausge- gangen, ehe sie, durch ihre Recherchen veranlaßt, sich von ihm abgewandt und eine eher ziellose Suche aufgenommen haben. Was wird Gallich dazu sagen? Das zu erfahren, kann Lohm nicht bis zum Morgen warten. Gallich ist erst einmal still, und Lohm sieht, obwohl er ihn nicht sieht, seinen Oberleutnant am Telefon stehen, 126
  • wie er sein Kinn massiert und mit zusammengekniffenen Augen, als blende ihn ein Licht, in sich hineinlauscht, dem Echo lauscht, das dieser Anruf in ihm ausgelöst hat. „Wenn Vera recht hat“, antwortet Gallich dann, und seine Stimme klingt erregt, „hat der Täter sich geschützt, weil er damit rechnen mußte, daß er in den Kreis der Verdächtigen einbezogen wird, und so einer hütet sich vor Kratzwunden an seinem Arm. Das ist dann aber be- stimmt keiner gewesen, den in der Griffelsberger oder im Bekanntenkreis der Zinns niemand kennt.“ „Die Zinns hatten keine Bekannten, Werner.“ „Aber das ist doch Unsinn! Bekannte hat jeder. So iso- liert, wie der Zinn es dargestellt hat, kann ja keiner leben.“ „Und wenn es Zinn selber war?“ Gallich schweigt. „Du denkst ans Motiv, nicht wahr?“ fragt Lohm. „Auch“, antwortet Gallich. „’n Mord ohne Motiv und von solcher Beschaffenheit? Nee, Herbert, die Vorsätz- lichkeit schreit doch aus jedem Detail! Und außerdem, wir haben bei unsern Ermittlungen doch nicht geschla- fen! Denk doch mal, Zinn hatte es gar nicht nötig, uns sein Alibi zu erbringen. Das hat die Umwelt für ihn ge- tan, vom Vorsitzenden der Nationalen Front über die Hausbewohner bis zum Stationsarzt. Wenn Zinn es auch nur gewesen sein könnte, quittier’ ich meinen Dienst. Der kann’s ja nicht mal theoretisch gewesen sein!“ „Das ist allerdings ein Argument“, sagt Lohm und lacht. „Wenn du den Dienst an den Nagel hängen willst …“ „Ich tippe nach wie vor auf den heimlichen Liebha- ber“, fährt Gallich fort, „nur wohnt der nicht im Nir- gendwo, sondern vielleicht im selben Haus oder in der Drehe, und weil er weiß, daß der eine oder andre sein Bratkartoffelverhältnis kannte, nur eben der gehörnte 127
  • Ehemann nicht – Mensch, Herbert, solche Trottel laufen doch en masse herum! –, hat der sich eben was einfallen lassen.“ „Mag sein, Werner“, sagt Lohm. „Nur daß der auch gleich dort gewohnt haben soll, ist mir zuviel Butter auf einer Scheibe.“ „Muß er ja nicht, woher denn“, ruft Gallich. „Er kann sogar in ’nem andern Stadtbezirk wohnen. Aber in der Griffelsberger kann er mal gesehn worden sein mit der Zinn oder woanders in der Stadt von einem aus der Grif- felsberger, und das hat er spitzgekriegt und sich gemerkt, Holzauge sei wachsam! Das ist doch wohl drin.“ „Das schon“, gibt Lohm zu. „Es ist sogar noch viel mehr drin. Deshalb werden wir noch einmal in der Grif- felsberger Straße etwas Staub wischen – und das gleich morgen. Gute Nacht bis dahin. Ende.“ X Der Gastwirt Arno Zumseil, aufgeschwemmt, mit prallem Bauch und rotem Gesicht, zieht schnaufend den Rolladen über dem gähnenden Türloch hoch, als Lohm sich der Bierstube nähert. Zumseil kennt bisher nur Leutnant Rimpler von der Inspektion und Gallich und Quint von Lohms Stab und vermutet in dem hochgewachsenen Mann, der auf sein Lokal zusteuert, offenbar einen frühen Gast, denn er winkt ab, wobei die Leine, an welcher der Rolladen hängt, ihm ein Stück aus der Hand rutscht und der Rolladen vor Lohm wieder bis auf Kniehöhe herunterrasselt. „Wollen Sie mich mit dem Ding guillotinieren?“ fragt Lohm scherzend. „Ick lüfte nur“, dröhnt Zumseils Stimme hinter dem Rollladen hervor, „ausjeschenkt wird in ’ner Stunde.“ 128
  • „Dann ziehn Sie das Ding mal trotzdem wieder hoch“, sagt Lohm und hilft an der Unterkante mit, „sonst kommt ja keine Luft in Ihre feine Halle.“ „Nu haben Se sich dreckich jemacht“, sagt Zumseil mit dem Anflug eines Grinsens, als der Rolladen oben einhakt. „Und jetzt wolln Se sich die Pfötchen waschen und dabei ’n Pils valöten. Ick öffne aba erst in ’ner Stun- de, wat saren Se nu?“ Lohm erwidert das Grinsen. „Kriminalpolizei.“ „Ach nee“, sagt Zumseil, Lohms Dienstausweis vor Augen, „det ha ick jerne.“ „Dann haben Sie ja schon am frühen Morgen eine Freude“, sagt Lohm und tritt an dem dicken Gastwirt vorbei ins halbdunkle Lokal. Zumseil, wohl auf eine wortreiche Sitzung gefaßt, schließt erst einmal das Bier an. Lohm lehnt am Tresen und erkundigt sich nach dem Geschäftsgang. Er äußert sich anerkennend über die Sauberkeit der Gaststätte, die ja vor Zumseils Ära nur ein besserer Stall gewesen sein solle, und man sehe doch gleich, wo eine ordnende Hand am Werke sei. Das hört der Gastwirt gern, zumal aus dem Munde eines Mannes, der im Polizeipräsidium sitzt. Er füllt zwei Halbliterseidel, packt beide mit energischem Griff und schiebt sich um den Tresen herum zum Stamm- tisch, wo er Lohm den einzigen Lehnsessel anbietet, den sonst wahrscheinlich er einnimmt. Als das halbe Liter bis auf eine unwesentliche Neige in ihm verschwunden ist, rülpst Zumseil donnerhaft, entschuldigt sich und ist bald darauf so aufgetaut, daß Lohm seine Mitteilsamkeit steu- ern muß. Den Stammtisch trennt ein schmiedeeisernes Gitter von der Gaststube. Rotes Licht fällt auf die blankge- scheuerte Eichenholzplatte aus einer Stallaterne, die an 129
  • Ketten malerisch von einem geborstenen Balken herab- hängt. Es fällt auch auf Zumseils Gesicht, dessen Röte dadurch einen Stich ins Blaue erhält und Lohm befürch- ten läßt, den Mann könne jeden Augenblick der Schlag treffen. Auch wird dem Gastwirt von Zeit zu Zeit die Luft knapp, so daß er hörbar Atem holt. Dennoch berich- tet er anschaulich und gewaltig gestikulierend: Hier an diesem Tische habe Herr Zinn, ein wohl seltener, doch stets gern gesehener und angenehmer Gast, an jenem Abend gesessen, verstört, ja regelrecht außer sich; kein Wunder, wurde er nach fünfundzwanzigjähriger Ehe doch von der Erkenntnis zermalmt, statt einer Frau einen Besen geheiratet zu haben. Als er dies sagt, lugt Zumseil über die Schulter zum Tresen, hinter dem die Tür zur Küche offensteht. Und eine solche Erfahrung aus heiterm Himmel schmettre einen Bullen nieder, geschweige einen so stillen und vornehmen Menschen, wie es der Herr Zinn nun mal sei. Angst habe der Mann gehabt, richtige Angst, die einem nur eine Furie einjagen könne, und wenn die Steffi Zinn nun auch tot sei, was ihr niemand gewünscht habe, so habe sie ihren Mann mit ihrem Geze- ter doch aus dem Hause getrieben, das stehe fest, denn hier an diesem Tische habe er gesessen und sich nicht mehr heimgetraut, und so habe er, Zumseil, ihm auf sein inständiges Drängen hin das Zimmer Tittis angeboten, was seine Tochter aus erster Ehe sei, die sich mit seiner vierten Frau nicht versteht und schon deshalb gern in Dresden studiert, Hotelfach übrigens und mehr auf prak- tischer Ebene. „Verstört war Zinn?“ fragt Lohm. „Und wütend“, sagt Zumseil, „besonders am andern Morjen, als seine Frau den Hörer von’t Telefon nich ab- jenommen hat, wo er’s doch mindestens fünf Minuten 130
  • bimmeln ließ. Det hat den so in Rage jebracht, dieser Trotz von seine andre Hälfte, det der jar nich ruff is zu sich. ’ne Bockwurst hat der hier jegessen, ’ne kalte, und denn is er gleich von hier weg in ’ne Firma. Et jibt ja ooch nischt schlimmeret, Jenosse Kommissar, als Weiba, die denn tajelang tückschen.“ Der Blick, den Zumseil nun wieder zur offenen Tür hinterm Tresen schickt, scheint ihn zu beruhigen. Dann bemerkt er den eingefal- lenen Grabhügel in Lohms Glas, die geschrumpfte Blu- me, die schmutzig und welk auf dem goldgelben Gers- tensaft schwimmt, und sein Gesicht verzieht sich in Kränkung. Lohm greift sogleich zu und trinkt. „Regt den Kreislauf an“, sagt Zumseil. „Schmeckt auch“, sagt Lohm, und der Gastwirt ist ver- söhnt. Lohm knüpft dort wieder an, wo Zumseil vom Thema abgekommen war, bei Zinns Verstörtheit. „Sie sagten, er habe sogar Angst gehabt. Hatten Sie den Eindruck, bei dieser Angst hätte vielleicht so etwas wie ein schlechtes Gewissen mitgespielt?“ Lohm, kaum daß die Frage über seine Lippen ist, würde sie am liebsten zurücknehmen. Auf eine Suggestivfrage erhält man oft die Antwort, die schon in der Frage steckt, und das führt häufig nicht weiter. „Freilich hatte er keen jutet Jewissen“, sagt Zumseil. „Er hatte sich ja sojar üba sich selba jeärgert, weil er sei- ne Frau ooch mit Ausdrücken bombardiert hatte. Aba wejen det Jewissens hatte er keene Angst. Die hatte er, weil er dachte, et würde weitajehn, sobald er det Been üba die Schwelle setzt.“ „Und da ist er also die eine und die nächste Nacht bei Ihnen geblieben?“ „So war et, Jenosse Kommissar.“ 131
  • „Wann ist er eigentlich an jenem Abend gekommen?“ „Viertel nach zehn.“ „Woher wissen Sie das so genau?“ „Weil er noch nie so spät jekomm’ war, die janzen Jahre nich. Da ha ick mir jewundat und uff de Uhr ge- kiekt, und da war et jenau Viertel nach zehn.“ „Hat Herr Zinn bei Ihnen getrunken?“ „Na, ick weeß nich, ob man det trinken nennen kann. Zwei, drei Schnäpse. Uff Alkohol hat der nie jestanden. Et kann natürlich sein, det Emma ihm ooch wat an’n Tisch jebracht hat, mehr als een Glas aba bestimmt nich.“ „Wer ist Emma?“ Zumseils Gesicht umwölkt sich. „Meine vierte.“ „Aha“, sagt Lohm. „Ein Luda is det Weibsbild, sar ick Ihnen“, flüstert Zumseil. „Entweda sie wird Witwe, oder ick, Jenosse Kommissar, jeh noch mal een Risiko ein. Ick schaff den Laden ja alleene nich, und Titti, was meine Tochta aus erster Ehe is, hat nischt wie Rosinen im Kopp von wejen Intahotel und so. Vaglichen mit meine Emma war die Steffi Zinn ’n sanftet Schönwettawölkchen.“ Lohm, als er sich von Zumseil trennt, nicht ohne Eile, denn er fürchtet Emmas unverhofftes Erscheinen, weiß nicht mehr, als was Gallichs und Quints Recherchen er- bracht haben. So ergeht es ihm bei allen, die in der Sache bereits ihre Aussage gemacht haben, bei der sechzehnjäh- rigen Adelheid Puhlke, deren Zimmer an Zinns Wohnung grenzt und die den hemmungslosen Ehekrach mit anhö- ren mußte, bis es ihr zu bunt wurde und sie mit der Faust an die Wand schlug, worauf Herr Zinn noch die Frech- heit gehabt habe zu brüllen, sie solle sich nur nicht so haben, es sei gerade erst zehn; und es ergeht ihm so bei der ältlichen Schauspielerin Aldi Wenn, die gegen halb 132
  • elf von einem Rezitationsabend aus dem Veteranenklub heimkehrte und Steffi Zinn in entgegengesetzter Rich- tung davoneilen sah. Der Stationsarzt Doktor Grach bes- tätigt, daß Zinn acht Tage lang in der Klinik gelegen hat mit schwerer Nierenkolik, und überhaupt habe der Mann ein mächtig zerschlissenes Nervenkostüm und gehörte eigentlich in psychotherapeutische Behandlung. Frau Zoll, die auf Zinns Grundstück, wo er die Ratten züchtet, eine Art Hausmannsposten versieht und für Sauberkeit sorgt, hat mit eigenen Augen gesehen, wie Herr Zinn an jenem Tage, als er aus Titti Zumseils verwaistem Bett in die Firma kam, Stunde um Stunde mit seiner Frau zu te- lefonieren versuchte, ohne Anschluß zu kriegen, weil die Arme, das wisse man ja nun, um die Zeit wohl schon nicht mehr unter den Lebenden weilte, und so fügt sich eine Aussage an die andere, fugenlos, nahtlos, glatt, daß es fast unheimlich anmutet, wie das Schicksal hier Präzi- sionsarbeit geleistet hat. An einem solchen Alibi zerrinnt jeder Verdacht wie Schnee auf einer heißen Herdplatte, zumal Lohms Verdacht, den er gar nicht begründen könnte, der mehr von einem vagen Gefühl genährt wur- de, und wenn das Gefühl in der kriminalistischen Arbeit auch ein fragwürdiger Ratgeber ist, auf den man besser nicht hört, so ist doch keiner frei davon. Schon vor der ersten Begegnung mit Zinn hat sich in ihm etwas gegen den Mann geregt, und als er Gallich am Telefon sagte, es könne ja auch Zinn selber gewesen sein, da hat er das nicht bloß gesagt, um den Raum des Möglichen zu um- schreiben, in dem auch und gerade für den Ehemann Platz ist, solange sie den Täter nicht haben; Zinns Bil- derbuchalibi stimmt ihn nachdenklich, die ungewöhnli- che gesellschaftliche Abkapselung der beiden Eheleute und der heftige Streit nach so vielen friedvollen Jahren. 133
  • Ist es möglich, daß ein solcher Streit aus heiterem Himmel kommt? Bald jedoch neigt auch Lohm zu der Ansicht, daß Gal- lich mit seinem Liebhaber auf der richtigen Fährte ist. Aber so recht wohl ist ihm nicht dabei; denn dafür findet sich in der Griffelsberger Straße kein noch so winziger Anhaltspunkt. Die Zinns waren ein Herz und ein Sinn; alle, bei denen Lohm vorsichtig darauf zu sprechen kommt, erklären das mit Nachdruck, nicht nur Bodo Lemke, der HGL- Vorsitzende, sogar die kleine Adelheid Puhlke, bei der Zinn sich am nächsten Tag für den Radau und seine un- gehörige Reaktion auf ihr Klopfen in aller Form ent- schuldigt hat. Dabei habe er auch gefragt, ob denn seine Frau nicht hinterlassen habe, wo sie hingegangen sei, denn in der Wohnung sei sie nicht und in der Firma habe sie sich den ganzen Tag nicht blicken lassen. – „Und da hab’ ich dem angesehn, was der sich für Vorwürfe mach- te, richtig schlaff und zusammengefallen war der, wie’n leerer Mehlsack“, zwitscherte die kleine Adelheid, die zuerst gar nicht mit der Sprache heraus wollte und hinter der verächtlich gerümpften Stupsnase und dem gelang- weilten Gesichtsausdruck ein Unbehagen versteckte, für das sie eine Erklärung aber nicht schuldig blieb; er, Lohm, sei nun schon der dritte, und einer, so ein lahmer Hirsch, sei ihr besonders auf den Wecker gefallen mit seiner pinseligen Fragerei. „Sie sind wenigstens ’n Typ“, fügte sie hinzu, und Lohm stand etwas hilflos einer sol- chen Fülle unverklemmter Jugend gegenüber; aber wohl tat’s ihm doch. Freilich konnte Gallichs Lesart von der vermeintlichen Liebschaft auch einen Text ergeben, drehte man sie um. Warum sollte nicht Zinn seine Frau hintergangen haben? 134
  • Dann wäre sogar das Motiv, das bislang fehlte, herbeige- schafft! Doch diese Frage nahm keiner ernst. Selbst Bodo Lemke beantwortete sie mit einem Lächeln, das Lohms bedauerliche Phantasie in die Schranken wies, und Aldi Wenn, die gerade Schota Rusthaweli deklamierte, blitzte Lohm aus ihren umrunzelten Augen an, als zückte sie ein Reckenschwert, und schleuderte ihm die Zeile entgegen: „Ach, ich weiß, die Welt ist Blendwerk, das ein Lügen- mund aufblies!“ Und als Lohm zusammenzuckte, ließ sie diesem Hieb einen zweiten folgen, ein Wetterleuchten von Entrüstung in den Falten des Gesichts, die Fransen- stola über die Schulter werfend wie einst der Recke sein Tigerfell. Sie schrie: „Hilf, sei nah und nimm mich wahr! Wer von allen Erdenwallern wär’ wie du mir traut und klar!“ Da trat Lohm den Rückzug an, denn dieser Vers konnte nur auf ihn gemünzt sein. Adelheid Puhlke ant- wortete zeitgemäßer. „Der?“ rief sie und schüttete sich aus vor Lachen. „’ne individuelle Ische? Der ist doch zahm wie Opa Lemkes Dackel!“ So ergebnislos wie das Staubwischen in der Griffels- berger Straße und in Zinns Zuchtbetrieb, dessen Nach- barschaft und im Spital verlaufen die Nachforschungen in den Grünauer und später in anderen Lokalen. Steffi Zinn könnte sich ja in einem aufgehalten haben oder in Begleitung eingekehrt sein. Aber jeder Wirt, jeder Kell- ner schüttelt den Kopf, nein, die Frau auf dem Paßbild sei nicht in der Gaststätte gewesen. Eine Zeitungsveröffent- lichung des Fotos erbringt Hinweise, die keiner Prüfung standhalten. Ein Mann will mit Steffi Zinn sogar im Zug gefahren sein, gemeinsam in einem Abteil, und die Er- güsse ihres Wehklagens über sich haben ergehen lassen; jedoch war die Zinn um diese Zeit schon mindestens eine Woche tot. 135
  • Lohm und seine Männer stehen vor einer Hürde, die sich immer gebirgiger vor ihnen auftürmt, eine Felsen- barriere, steil und glatt wie ein Monolith, der unaufhalt- sam wächst, und den sollen sie überwinden? Erklimme eine Wand, die mit keinem Riß, keinem Vorsprung dei- nen Fingern einen Halt bietet. „Scheiße“, sagt Gallich. Lohm fände, um seine Stim- mung in Worte zu fassen, keinen praktischeren Aus- druck. Zinn, den Lohm noch einmal aufgesucht hat, dämmert dahin in den leblosen Überresten von Rokoko und Chip- pendale, die nun wie endgültig und unwiderruflich tot anmuten. Die Möbel, bisher wie ein Augapfel gehütet, stauben ein; in Zinns Anwesenheit wirken sie der Zeit entrückt und widersinnig, jenseits des Jahrhunderts. Ob die Ratten gedeihen, scheint Zinn nicht zu kümmern; Frau Zoll sorgt für sie und die streng überwachte Hygie- ne. Zinn liegt gleichsam im Sterben, krank am Tode sei- ner Frau. Er nimmt an nichts mehr richtig Anteil, ist sich selber gram. Er haßt den Umstand, daß er noch lebt, und er erträgt den Haß, weil er leben muß, leben dem einzi- gen Augenblick, der diesem mühseligen Ausharren einen letzten verzweifelten Sinn gibt. „Ich möchte diesem Ungeheuer Aug in Aug gegenü- berstehn, und wenn Sie es gefaßt haben, Genosse Hauptmann Lohm, rapple ich mich noch einmal auf, und müßte ich auf allen vieren dorthin kriechen.“ Selbst der Stolz dieses Mannes, sein schönes, immer wohlgeordnetes Haar, ist ihm kein Handaufheben mehr wert; es umschlingt seinen Kopf wie ein Bündel ineinan- dergewundener Schlangen. Nur als Lohm behutsam dar- an tippt, daß seine Frau ihm vielleicht nicht ganz treu gewesen sei, richtet sich in Zinn ein energischer, fast 136
  • eigensinniger Protest auf, und der gebrochene Mann flammt vor Empörung, daß man die Verblichene, die noch nicht mal unter der Erde sei, mit derart übler Nach- rede behellige. „Niemand redet Ihrer verstorbenen Gattin etwas nach, Herr Zinn“, sagt Lohm besänftigend, aber auch miß- gestimmt. „Eine Frage ist doch keine Unterstellung! Oder unterstellte ich Ihnen das Verbrechen, als ich mich fragte, ob nicht womöglich Sie der Täter seien und welches Ihr Motiv gewesen sein könnte?“ Zinn richtet seinen glanzlosen grauen Blick auf Lohm. „Mein Lebensglück umzubringen, das hätte ein Motiv sein können für mich“, sagt er in Lohms Augen hinein. „Nein, eine Frage ist keine Unterstellung, entschuldigen Sie mein Aufbrausen, Genosse Hauptmann. Aber“, seine Stimme wird beschwörend, „die Zeit mag unmoralisch sein. Steffi war es nicht!“ Gallich, mit dem Lohm sich darüber austauscht, bleibt trotzdem bei seiner Version. Was wissen schon die Ehe- männer! „Du hast Zinn wohl immer noch in Verdacht?“ fragt er. „Was heißt Verdacht“, sagt Lohm unbestimmt. „Am Langen See, als wir vor der Leiche standen, da ist mir etwas durch den Kopf gegangen. Bei so einer Geschichte denkt man unwillkürlich auch an den Ehemann. Aber da kannte ich ihn ja noch nicht.“ „Mensch, Herbert“, sagt Gallich, „der hätte es doch in der Hand, uns nach dem Liebhaber totlaufen zu lassen! Leuchtet dir das denn nicht ein?“ „Und wenn“, sagt Lohm sauer. „Trotzdem werd’ ich noch einmal mit Zinn sprechen.“ „Noch mal? Worüber denn?“ 137
  • „Ich werde durchblicken lassen, in welcher Richtung unsre Vermutungen laufen.“ „Was denn“, ruft Gallich betroffen, „die Sache mit dem Verband?“ „Genau die.“ „Und was versprichst du dir davon?“ „Gewißheit.“ „Moment mal, da kann ich dir nicht ganz folgen. Du willst Gewißheit dadurch, daß du ihm sagst, wie der Mörder es unsrer Ansicht nach bewerkstelligt hat? Mann, wie stellst du dir das vor?“ „Das“, sagt Lohm und lächelt, „wirst du schon sehn.“ XI Unter schwefelgelbem Himmel wird Steffi Zinn zu Gra- be getragen. Ein Sturm tobt über der Stadt, der zuweilen Orkanstärke erreicht. Die Luft ist angefüllt mit Sand und Staub, der in Nase und Ohren dringt, die Augen verklebt und als schmutziger Belag auf den Lippen haftet. Das Tageslicht hat eine braune Färbung angenommen und seine Leuchtkraft verloren. Wo soeben noch Bäume standen, krümmen sich ächzende Schemen; die Grabhü- gel kriechen ins Erdreich hinein. Die Beerdigung findet trotzdem statt. Vor der Trauergemeinde, die sich als brauner, staubi- ger Wurm durch den Friedhof windet, schwanken die Sargträger einher wie in fataler Trunkenheit. Nicht die Last auf ihren Schultern drückt sie herab; der Sarg ist leicht, denn der Sturm trägt mit. Sie klammern sich gleichsam am Sarge fest, halten ihn mit verkrallten Fin- gern, damit er nicht fortgeweht wird und an einem Baum zerschmettert. 138
  • Die Soutane des Priesters, aufgerissen, ist wie ein Fallschirm gebläht und macht dem Mann jeden Schritt zum Wagnis; er schreitet vorwärts, als balanciere er über einen Schwebebalken. Einige sind barhäuptig, ihre Hüte hängen irgendwo in den Zweigen oder fliegen jenseits der Mauern durch menschenleere Straßen. Lohm marschiert mit Gallich am Endes des Zuges, verdrossen. Dieser höllische Spektakel paßt ihm nicht ins Konzept. Fehlte bloß, daß es auch noch regnete! Was da losbräche, ist nicht schwer zu erraten. Dann ersöffe der Zweck dieses Begräbnisgangs für sie im wahrsten Sinne des Wortes, und die Chance, die Lohm sich ausgerechnet hat, wäre für immer dahin. Die Gelegenheit ist unwieder- holbar, ein und dieselbe Beerdigung findet höchst selten zweimal statt. Und ein Mörder kehrt häufig nicht nur an den Ort des Verbrechens zurück, es hat auch welche schon auf Friedhöfe gezogen, sich mit eigenen Augen zu vergewissern, daß das Opfer aus der Welt geschafft ist. Das weiß hoffentlich auch Zinn. Aber der Regen bleibt aus, kein Tropfen fällt. Rings um den Wall aus lehmigen Schollen, der die Grube umgibt, stellt die Trauerschar sich auf. Es sind viele Leute gekommen, auch Alma Puhlke mit Adelheid, der dicke Zumseil und der Hausgemeinschaftsleiter Bodo Lemke, ein dürres Männchen, das dem Sturm den Wider- stand einer Messerschneide bietet. Aldi Wenn, die sich auf Heldenlieder festgelegt hat, seit die Bretter der Welt jüngere Füße tragen, hat unterwegs die Flucht ergriffen; ihr bot sich kein Arm, an dem sie Halt finden konnte. Neben Lemke steht Zinn. Er, der weder Verwandte noch Freunde hat, hat offenbar nie einem Menschen das letzte Geleit geben müssen. Sein Schwarz ist ladenneu. Unter der Zylinderkrempe leuchtet weiß sein Gesicht, wenn der 139
  • Sturm abflaut, ehe er mit erneuter Wucht zupackt. Dann wirkt es grau. Die Träger sind heilfroh, als sie den Sarg hinabgelas- sen haben. Zinn wischt sich die Augen. Der Priester spricht ein paar Worte, die niemand versteht. Er bewegt die Lippen wie in Furcht, am Sande zu ersticken, machte er den Mund zu weit auf. So erzeugt er Stummheit, pflichtgetreu, doch sinnlos; die Tote hört ihn nicht, und die Lebenden sind taub vom Geheul des Sturms und schon in Ungeduld. So ein gestörtes, unfeierliches und fluchtartiges Begräbnis erfordert einen Aufwand an Pie- tät, den man nicht von jedem verlangen kann. Zumseil macht ein Gesicht, als bedauere er, daß statt der Steffi Zinn nicht seine Emma in die Grube gefahren ist, und der kleinen Adelheid sieht man trotz der miserablen Sicht an, daß nur ihr Körper hier weilt. Zinn allein blickt versun- ken und schmerzvoll auf das offene Grab; dieses hölli- sche Wetter kann ihm den Abschied von seiner Lebens- gefährtin nicht verleiden. Selbst umstürzende Bäume würden ihn nicht aus seiner Andacht reißen. Nun greift der Priester in die Schale mit den Erdkru- men – die mit den Blütenblättern ist ohnedies leer, auch das Blumengebinde vom Sarg liegt irgendwo zwischen den Gräbern, im letzten Moment noch fortgeweht – und wirft eine Handvoll hinein aus sicherem Abstand von der Grube, das Beispiel des Sargschmucks vor Augen. Dann folgen Zinn und die übrigen, einer nach dem andern, sturmumpfiffen, taumelnd, aneinander Halt suchend, ein gespenstischer Reigen schweigender Gestalten. Nur einer wirft keine Erde auf Steffi Zinns Sarg, damit Staub wie- der zu Staub werde. Dieser eine steht abseits unter einem Baum, als ob er nicht dazu gehöre. Es ist ein Mann von etwa vierzig Jahren. Aus zusammengekniffenen Augen 140
  • beobachtet er die Begräbniszeremonie, offenbar darauf bedacht, nicht bemerkt zu werden. Im Dämmerdunkel, im Gebrodel der Staubschwaden hat er sich ziemlich na- he herangewagt. Den rechten Arm trägt er in einer Schlinge, die Hand in einem klumpigen Mullverband. Lohm tritt an den Hausgemeinschaftsleiter heran, nachdem dieser Zinn die Hand gedrückt hat. „Kennen Sie alle Leute hier?“ ruft er Lemke ins Ohr. „Und ob. Sind doch alle aus der Griffelsberger und drum ’rum.“ „Der dort auch?“ Lohm deutet nur mit dem Kopf in die Richtung. „Nee“, sagt Lemke nach angestrengtem Hinsehen, „der nicht. Muß ein Fremder sein.“ „Danke“, sagt Lohm und wendet sich an Gallich, der, als Lohm mit Lemke zu sprechen begann, an sie herange- treten ist. „Sieh dir mal den dort an.“ „Gehört er nicht dazu?“ „Nein. Nicht wahr, Herr Lemke, Sie kennen den Mann nicht.“ „Nie gesehn“, sagt Lemke. „Aber warum sind Sie denn so aufgeregt, Genosse Hauptmann?“ „Wie viele Ausgänge hat der Friedhof?“ fragt Lohm. „Weiß nicht“, antwortet Lemke. „Warum? Fragen wir doch den Totengräber!“ „Los, Werner!“ sagt Lohm, und Gallich drängt sich zu dem Totengräber durch, der mit über den Kopf gezoge- ner Joppe und auf den Spaten gestützt wie eine Grabfigur jenseits der Grube steht. Als Gallich mit ihm spricht, weist der Totengräber, ohne seine Haltung zu verändern, in die vier Himmelsrichtungen. „So ein Idiot!“ wettert Lohm. „Kann der das nicht noch auffälliger machen?“ 141
  • Solcher Ton läßt selbst den arglosen Lemke aufhor- chen, und als er in Lohms ergrimmtes Gesicht blickt, ahnt er, daß dieser gewissermaßen dienstlich so erregt ist und daß die Ursache dafür auf dem Friedhof stecken muß, irgendwo in dieser Ansammlung vom Sturm jetzt eingeebneter Hügelchen und Grabsteine, vielleicht sogar ganz nahe dem noch offenen Loch, von dem die meisten Trauergäste sich inzwischen entfernt haben. Nur einige stehen noch bei Zinn, der des letzten Händedrucks harrt, unter ihnen der massige Zumseil. Und wie Lemke noch einmal zu Lohms Gesicht hochschielt, sieht er, daß der den Mann mit der Armbinde, den Fremden, nicht aus dem Auge läßt, nur mit dem Augenwinkel hat er ihn er- faßt, als dürfe der davon nichts merken, sonst ginge er weg, einfach weg, und könnte nie mehr wiedergefunden werden. Bei dem Gedanken beschleicht den kleinen Mann ein unheimliches Gefühl, ein Schauder, wie er ei- nen mitunter aus vermodernden Kellern anweht. Auf dem Rückweg braucht Gallich sich nicht mehr durchzudrängen. Er atmet etwas heftiger als sonst, als er sagt: „Drei Ausgänge. Der vierte ist seit Jahren geschlos- sen.“ „Jetzt ist er weg!“ schreit Lemke und sticht mit dem Arm in die wirbelnden Staubschleier. „Verdammt“, flucht Lohm. „Wohin jetzt? Wir sind nur zu zweit.“ „Nehmt Zumseil“, ruft Lemke, „dann seid ihr zu dritt! Der Lump entwischt euch sonst.“ „Quatsch“, brüllt Lohm, „der Zumseil kommt doch nicht vom Fleck.“ Und während Gallich losrennt, dem Westausgang zu, eilt er zu den beiden Männern hin, die nun allein am Grabe stehen, Zumseil und Zinn, als seien sie in ihrem 142
  • einsamen Schweigen erstarrt. Doch Lemke, wieselflink, von der Gewalt des Sturms geschoben, überholt ihn, wie an ihm vorbeigeblasen, stolpert über die Erdschollen und fällt dem verblüfften Zumseil an den Schenkel, an dem er sich anklammert, und in die beiden Gesichter hinauf schreit er: „Der Mörder entkommt! Er entkommt, der Mörder!“ Zumseil ist zu verdutzt, um sich sogleich zurechtzu- finden. Aber Zinn, den Hausgemeinschaftsleiter nicht beachtend, blickt dem heranstampfenden Lohm entge- gen, und sein Gesicht wirkt wie erfroren. „Was reden Sie da bloß für einen Mist, Herr Lemke“, schimpft Lohm, als er bei den drei Männern anlangt. „Mörder! Wir wissen gar nichts. Wir haben lediglich einen Mann bemerkt, der den Arm in ’ner Schlinge trägt und den hier kein Schwanz kennt. Der hat sich aus dem Staub gemacht. Offenbar hat er spitzgekriegt, daß wir auf ihn aufmerksam wurden. Drei Ausgänge hat der Friedhof, wir sind aber nur zu zweit. Laufen Sie, Herr Zinn, laufen Sie zum Haupttor, und halten Sie den Mann fest, falls Sie ihn einholen. Ich nehme den Ausgang im Osten.“ Lohm wartet nicht ab, wie Zinn reagiert, ob der über- haupt so blitzschnell zurückfindet aus seiner schmerzvol- len Andacht in die rauhe Wirklichkeit, die ihn vor diese schier unzumutbare Forderung stellt, in der Begräbnis- stunde seiner Frau einem verdächtigen Manne nachzuja- gen. Mit gewaltigen Sätzen stürmt er von der Trauerstätte weg, dem Wege zu, Sand zwischen den Zähnen, Staub in den tränenden Augen. Im letzten Moment sieht er einen Schatten auf sich zuwachsen, ein dunkles plumpes Ge- bilde, dem er mit einem Sprung ausweichen will. Ein Schlag trifft seinen Arm, Leder schürft auf Stein, und die 143
  • Wucht des Anpralls dreht ihn aus der Richtung. Da er- blickt er die drei, nicht genau, er nimmt sie nur wahr, wie sie zum Haupttor rennen, Zinn voran, gefolgt von Zum- seil und einem Strich, der sich zappelnd bewegt. Zinn läuft, als sei er dem Tod auf den Fersen, der Fallen nicht achtend, die ein Friedhof bei solcher Sicht mit seinen offenen Gruben, seinen Hügeln, Umfriedungen, Ziergat- tern, Grabsteinen und Kreuzen dem in den Weg legt, der die Weihe des Totenackers so ungestüm und frevlerisch mißachtet. Er läuft wie um sein Leben. Da streicht Lohm sich übers Gesicht, unterm Handrü- cken ein müdes, nicht sehr glückliches Lächeln. Mit den Fingern tastet er, ob sein Ärmel beschädigt ist. Dann geht er langsam dem Haupttor zu. XII Der Friedhofstest, dem Lohm Gewißheit verdankt, hat ein Nachspiel. Das ereignet sich dort, wo er es aber auch gar nicht erwartet, in den häuslichen vier Wänden. Nun ist Lohm keineswegs stolz auf die gelungene Ak- tion. Sie scheint ihm auch eher geglückt als gelungen, und das sagt hinreichend aus, wie er über sie denkt. Nichts läge ihm ferner, als sich vor einem andern, und sei’s vor der eigenen Frau, damit zu brüsten, wie er Licht in das Dunkel um Zinn gebracht hat. Mag das spitzfindig oder raffiniert ausgeklügelt nennen, wer will; er, Lohm, sieht die Sache nüchterner: ein Trick, mehr nicht, und daß man nicht einfallslos ist, versteht sich am Rande. Darüber verliert man kein Wort. Es war ihm schon nicht recht, daß er einen dritten Mann hinzuziehen mußte; lie- ber hätte er es mit Gallich allein gemacht, obwohl der sich von dem Experiment gar nichts versprach. Gallich 144
  • hatte sogar behauptet, Reiß würde es als unwissenschaft- lich verachten. Aber der vermeintliche Mörder mußte Zinn unbekannt sein, und so hat Lohm sich denn den Un- terleutnant Schramm ausgeborgt beim Hauptmann Schneider; man hilft einander, wo man kann. Wenn Lohm seiner Vera nun von diesem Nachmittag erzählen wird, so nur, weil das bei ihnen üblich ist. Ein- mal, vor der Ehe noch, hat Vera zu ihm gesagt: „Wenn ich auf dich warte, warte ich eigentlich auf zwei, auf dich und auf den, der du den ganzen Tag ohne mich warst.“ Schon damals hat er ihr immer viel erzählt, eigentlich alles, was sie erfahren durfte – mitunter steht ein dienstliches Gebot solcher Mitteilsamkeit entgegen –, und als sie dann ver- heiratet waren, hat er es weiter so gehalten, Vera hat es ebenso gehalten, und mit der Zeit hat sich das eingespielt; da haben sie nicht mehr darauf verzichten können. Zwischen Bratkartoffeln, Spiegelei und rotbemützten Sardellenröllchen berichtet Lohm also von diesem denk- würdigen Begräbnis und was sich auf dem Friedhof so ereignet hat unter seiner verstohlenen Regie. Er erzählt, mehr nicht, ausführlich, mag schon sein, der Gegenstand kann Ausführlichkeit ja auch durchaus vertragen, aber ohne jede Gestik; mit der Hand führt er schließlich die Gabel und nicht das Wort, und so nimmt sich zum Bei- spiel das Unwetter bei ihm viel weniger urwüchsig aus, als es war. Leider beachtet er dabei Veras Gesicht nicht; die Bratkartoffeln rutschen so leicht von der Gabel und beanspruchen seine ganze Aufmerksamkeit, und die Ket- chup-Mützchen auf den Sardellenröllchen sollen ihm auch nicht auf die Hose fallen. „Nun ja“, sagt er, beim Ende angelangt, einen knusp- rigen Kartoffelwürfel im Visier, den er schon mehrmals vergeblich angespießt hat, „so einfach war das. Wäre 145
  • Zinn der Täter, hätte er den vermeintlichen Mörder ent- kommen lassen, damit wir uns nach ihm totsuchen konn- ten. Diese Chance hatte er ja, wir hatten’s ihm so einge- richtet. Aber du hättest mal sehn sollen, wie der gerannt ist, um den Mörder seiner Steffi zu erwischen. Schramm meint, Zinn hätte ihn bestimmt eingeholt, so ein Tempo hatte er drauf. Aber da waren noch ein paar Nachzügler der Trauergesellschaft auf dem Friedhof, und denen hat Zinn zugebrüllt, sie sollten den Flüchtigen aufhalten. Das haben sie auch getan.“ „Müssen nette Leute gewesen sein.“ „Nette Leute?“ „Nun ja, wenn sie den Schramm aufgehalten haben. Der hat doch den Mörder gemimt, zumindest für Zinn und für sie, nicht wahr.“ „Hat er übrigens tadellos gemacht, der Junge“, sagt Lohm, im nachhinein noch beeindruckt von Unterleut- nant Schramms darstellerischer Leistung. „Als ich dazu- kam, hatte der dicke Zumseil ihn gerade in die Mangel genommen. Und wie!“ „Verdientermaßen.“ Lohm schmunzelt. „Na, ich kam noch im rechten Au- genblick, sonst freilich … Als Schramm auf sie zurannte, haben die Leute gedacht, der habe irgendwas ausgefres- sen auf dem Friedhof. Zumseil wußte mehr, und als er herangekeucht war, hat er sie aufgeklärt, und da geriet die Volksseele natürlich ins Kochen. Ich mußte ihn zum Schein abführen, das war gar nicht so einfach. Sie haben sogar den Wagen noch umringt.“ „Wir waren aber noch bei den Leuten, als die deinen Komödianten aufgehalten haben“, sagt Vera. Lohm hat sich soeben dem Bier zugewandt. Beim Trinken ist es nicht unerläßlich, den Blick ins Glas zu 146
  • senken, und so begegnet er Veras Augen. Die sind mit etwas angefüllt, was Lohm nicht sogleich bezeichnen kann; es mutet ihn an wie heftige Distanz. „Die hätten sich ja auch einen Spaß draus machen können, dieser Hatz untätig zuzuschauen“, sagt Vera. „So was wird einem doch nicht alle Tage geboten, ein Jagd- rennen quer über einen Friedhof mit Grabhügeln als Hür- den, und der Außenseiter ist ein alter Mann, dem das Herz fast zerspringt.“ „Alter Mann“, sagt Lohm. „Wenn du Zinn gesehn hättest.“ „Wobei? Wie er über die Gräber setzte?“ Vera zieht die Mundwinkel herab. „Das blieb mir zum Glück er- spart.“ „Wie du sprichst! Wir haben einen Test gemacht, weiter nichts.“ „Einen Test, soso. Und bei einem Test ist alles er- laubt.“ „Was heißt denn nun wieder alles?“ sagt Lohm. Statt zu antworten, bittet Vera um eine Zigarette, und als er ihr Feuer reicht, erkennt er an ihren Augen, wie verstimmt sie ist, mehr noch, richtig aufgebracht ist sie gegen ihn und die Maßnahme, die er getroffen hat, um wenigstens einen Schritt weiterzukommen. Daß er damit erreicht hat, was er wollte, zieht sie offenbar überhaupt nicht in Betracht. Zugegeben, es mag nicht nach jeder- manns Geschmack sein, so eine listig inszenierte Jagd über eine Stätte, die gänzlich anderen Zwecken geweiht ist; aber sie könnte doch wenigstens beherzigen, daß ernsthafte Gründe vorlagen, ehe sie sich an Äußerlichkei- ten stößt! Sie tut ja grad so, als habe er nicht der Not- wendigkeit gehorcht, sondern einem lästerlichen Spiel- trieb nachgegeben. 147
  • Das hält er ihr entgegen, und Vera lächelt mit sehr viel Herablassung und sagt: „Äußerlichkeiten nennst du das.“ „Ja, wie denn sonst?“ ruft Lohm, dem diese Hartnä- ckigkeit zusetzt. „Wenn etwas geschmacklos ist, dann ist es das schon im Kern“, sagt Vera, „und dieser Test, entschuldige, war der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Aber für dich sind das Äußerlichkeiten. Kein Wunder, daß du dich aufregst, daß ich mich daran stoße.“ „Ich hör’ wohl nicht recht, ich rege mich auf?“ sagt Lohm. „Du siehst mich an mit einem Gesicht, als hält’ ich wer weiß was angestellt, und auf einmal heißt es, ich …“ Lohm zwingt sich zu einem empörten Lachen, wird aber sogleich wieder ernst. „Und überhaupt, der Gipfel der Geschmacklosigkeit! Du übertreibst, meine Liebe – wie in der Zeitung.“ Das hätte er lieber nicht sagen sollen. Vera reagiert auf Vorwürfe, in die er den Journalismus einbezieht, stets allergisch, und prompt knallt sie ihm die Antwort hin: „Schön, ich übertreibe. Man hetzt einen alten Mann hin- ter dem vermeintlichen Mörder seiner Frau her, das Grab ist noch nicht zugeschüttet, er steht vielleicht noch am Rande, der arme Kerl, und wie ihm dabei ums Herz ist, das kann sich jeder denken, auch du – oder nicht? –, aber die Show ist geplant, und da wird sie also abgezogen, eine billige Posse, weiter nichts. Aber ich übertreibe ja, und da muß es sich wohl um einen kriminalistischen Ge- niestreich gehandelt haben. Zu dumm, daß mir der pas- sende Blick dafür fehlt. Aber wo soll eine von der Zei- tung den auch herhaben?“ „So hab’ ich das doch nicht gemeint“, sagt Lohm und weiß im gleichen Augenblick, daß er mit diesem Einlen- ken erst recht heraufbeschwört, was er eigentlich hat ver- 148
  • hindern wollen, das Umkippen von Veras gereizter Stimmung in eine neue Qualität. Sie nutzt die günstige Gelegenheit auch sofort. Sie sagt laut und ihres Vorteils bewußt: „Hat dir denn keiner diesen Wahnsinn ausgere- det, nicht mal Gallich? Der ist doch sonst nicht so. Und dieser Schramm gibt sich auch noch dazu her, damit die- se … diese makabre Narrenposse über die Bühne geht, und über was für eine!“ „Narrenposse?“ sagt Lohm. Er brüllt nicht, er sagt es nur, aber es wirkt wie gebrüllt, vielleicht weil er auf- springt und dabei den Stuhl umstößt. „Du vergißt, daß ein Mensch ermordet worden ist, meine Liebe, umge- bracht wie nichts, eine Frau!“ „Nicht von Zinn.“ Vor Augen ihr Gesicht, dessen Ausdruck ihm verkün- det, daß kein Argument bei ihr Zugang finden wird, beugt er sich über den Tisch. „Wenn sich aber durch unsre Nar- renposse herausgestellt hätte, daß Zinn der Mörder ist, wär’s dann in deinen Augen auch der Gipfel der Ge- schmacklosigkeit gewesen? Dann doch wohl nicht, oder?“ Vera blickt ihn mitleidig an, und mit der ihr eigenen umwerfenden Logik, die ihn mitunter zur Verweiflung bringt, sagt sie: „Das konnte sich gar nicht herausstellen, denn er ist es ja nun wirklich nicht gewesen.“ „Und wodurch wissen wir das?“ Lohm ringt nach Luft. „Etwa durch den Wetterbericht?“ „Also hättest du ihm das ersparen können“, stellt Vera fest, und die Entschiedenheit, mit der sie das tut, bringt ihn noch mehr auf, zumal sie hinzufügt: „Diesem bekla- genswerten Mann.“ „So, hätte ich“, sagt er, nicht wissend, was er sagen soll, und ärgerlich, mit heftigem Abwinken: „Ach, was verstehst du denn davon!“ 149
  • „Nicht soviel wie du, stimmt, und noch weniger als Gallich, denn der wußte es schon vorher.“ Lohm, der gerade den Stuhl aufhebt, zuckt zusammen, wie von einem Pfeil in den Rücken getroffen. „Aber dessen Meinung gilt ja wohl nur sonntags.“ Dieser zweite Pfeil ist schmerzhafter, seine Spitze ist mit dem Gift der Gehässigkeit getränkt. Lohm wuchtet den Stuhl auf den Boden; daß ihm der kleine Zeh dabei unter ein Bein gerät, empfindet er fast als Liebkosung. Das muß sie ihm sagen, ausgerechnet ihm! Hat er den Wert einer Meinung je von der Stellung ihres Urhebers abhängig gemacht? Ist ihm Arroganz nach unten nicht ebenso verhaßt wie Jasagen nach oben? Weiß sie das etwa nicht? Natürlich weiß sie das, und wie sie das weiß! Und wenn sie es nicht wissen sollte, soll sie doch Gallich selber fragen, ob er und wie er, bitte sehr! Soll sie ihn doch fragen. Er wird sich deshalb nicht aus der Fassung bringen lassen, deshalb nicht. Aber da kann man mal sehen, da kann man mal sehen … Nicht hinweggehen kann er über ihren sträflichen Irr- tum, daß eine Hypothese ein Beweis sei. Gallichs Ver- mutung identisch mit Wissen, haha. Wo kämen wir hin, würden wir dieser Abart von Hellseherei in der Krimina- listik einen Platz einräumen? Den Scharfsinn in Ehren, den Spürsinn noch, selbst den sogenannten guten Riecher – aber nichts mehr als in Ehren! Was nicht beweisbar ist, bleibt ungewußt. Zwar hat er ihr darüber schon einige Vorträge gehalten, längst müßte sie aus dem Volontär- stadium heraus sein, gleichsam Assistentenreife haben, aber wenn sie glaubt, daß Gallich wußte, dann hat sie ihr Latein eben noch lange nicht verdaut. Sie hört ihm zu, offensichtlich gelangweilt, mit wip- pender Fußspitze am Bein, das sie in seinem Blickfeld 150
  • keß übers andre geschlagen hat, und sagt, als er fertig ist: „Bist du nun fertig?“ „Ja!“ „Und wenn Zinn nun Schramm eines Tags auf der Straße begegnet?“ „Dann werden sie vermutlich aneinander vorbeigehn, ohne sich zu grüßen.“ „Und wenn Zinn erfährt, was Schramm in Wirklich- keit ist?“ Daran hat Lohm auch schon gedacht, leider erst hin- terher, als alles gelaufen war. Hätte er die Aktion sonst abgeblasen? Er mußte Gewißheit haben, und die ist mit- unter nur gegen ein Risiko zu bekommen. „Dann werden wir Zinn reinen Wein einschenken.“ „Wäre es nicht besser, du würdest das vorher tun, ich meine, ehe du dazu gezwungen bist? Du könntest dich bei ihm dann gleich entschuldigen.“ „Entschuldigen?“ „Ja, ihr habt ihm doch recht übel mitgespielt.“ „Ich verstehe nicht“, sagt Lohm. „Ich soll mich bei Zinn dafür entschuldigen, daß wir uns von ihm haben helfen lassen?“ „Ihr habt euch nicht helfen lassen, ihr habt ihn be- nutzt“, sagt Vera, „wie ein Versuchskaninchen. Was ist das für eine Hilfe, die man einem Menschen ablistet und die zu nichts führt.“ „Wir wissen nun, daß er es nicht gewesen ist, zum Kuckuck noch mal, ist das nichts?“ „Wißt ihr denn dadurch auch, wer es war?“ Lohm stöhnt auf, greift sich mit beiden Händen an den Kopf und setzt sich auf den Stuhl. „Vielleicht liegt es daran, daß ich eine Frau bin“, sagt Vera. „Ich glaube nicht, daß ein Ziel für mich weniger 151
  • wichtig ist, nur weil der Weg, der zu ihm hinführt, mir nicht gleichgültig ist, nicht so wie dir. Hast du dir einmal vorzustellen versucht, was in dem Mann vorgegangen sein muß, diese schreckliche Angst, der Mörder könnte ent- kommen, der Mörder seiner Frau, und wie diese Angst ihn gehetzt hat? Wenn er nun einen Herzschlag erlitten hätte dort auf dem Friedhof, weil du Gewißheit haben mußtest, Gewißheit! Was bleibt davon übrig, wenn einer einen sol- chen Preis dafür zahlt? Was ist sie dann noch wert?“ „Aber er hat ihn nicht gezahlt!“ schreit Lohm. Zum erstenmal schreit er, vielleicht zum erstenmal in den zwei Jahren ihrer Ehe, in denen oft debattiert, auch mal gestrit- ten, nie gebrüllt wurde, aber wer soll denn das aushalten, verdammt noch mal. „Er lebt, dein beklagenswerter Carl August“, schreit er, „du kannst dich ja überzeugen, fahr doch hin zu ihm, Griffelsberger siebzehn! Quietschver- gnügt lebt der, wirst mal sehn!“ „Bist du sicher?“ sagt Vera mit einem Blick, der so empfindlich verwunden kann, weil sie die Augen so weit aufbekommt, Augen voller Erstaunen. „Der Mann, dem einer die Frau umgebracht hat, lebt quietschvergnügt?“ „Ach, laß mich doch in Frieden mit deiner Wortklaube- rei!“ schreit Lohm. „Quietschvergnügt wird der gerade leben! Was du da wieder … was du einem so in die Worte reinlegst … Du machst einen ja noch völlig meschugge!“ Und grußlos verläßt er das Zimmer, ruft auch nicht gu- te Nacht, als er sich ins Bett legt, hineinschmeißt könnte man sagen, so wütend ist er, so durcheinandergebracht hat sie ihn, als habe er’s aus reiner Schikane mit diesem armen Hund so getrieben. Ah, armer Hund! Dahaben wir’s schon, da hat sich bereits was eingenistet, na, das kann ja heiter werden. Das wird eine Nacht, das wird ein Schlaf! 152
  • Woher soll Lohm wissen, wie recht er damit hat? Niemand warnt ihn vor dieser Nacht, die ihm noch zu schaffen machen wird; Ruhe sucht er, doch was wird er finden? Auch Vera ahnt nicht, was da auf sie zukommt, auf sie beide in diesem Fall, sonst würde sie ihren Mann wach halten mit allen Mitteln der Kunst, selbst der Kunst, die nicht gelehrt wird, in der sie dennoch Meister ist, nur übt man sie eben nicht freudig aus bei so un- freundlichem Ehewetter. Dessenungeachtet würde sie es tun, könnte sie ihn dadurch am Einschlafen hindern, die ganze Nacht hindurch, heftig, wenn’s anders nicht ginge. Aber sie weiß nichts, ahnt nichts, sitzt, sich selber auf einmal zuviel, im Zimmer und blickt auf die Wand, hin- ter die er geflüchtet ist vor ihren Fragen. Jetzt möchte sie ebenfalls vor diesen Fragen fliehen, nur wohin? Ein Sieg, der solche Schlachtfelder hinterläßt, ist eine glatte Nie- derlage. Sie hat diesen Sieg nicht gewollt, hat überhaupt nicht siegen gewollt, nur bedauert hat sie diesen Zinn, den sie nicht kennt. Das hat man nun davon, einen ver- patzten Abend, eine einsame Nacht, und die Schwelle, jenseits derer das Möbel steht, auf dem man selbst aus solchen Niederlagen Siege formen kann, mit sehr viel Selbstverleugnung allerdings und ungemäßer Demut, sie ist unüberschreitbar wie ein Fluß, der Hochwasser führt, für sie, Vera Lohm, jedenfalls. Also sitzt sie da und starrt verdrossen auf die Zim- merwand, nicht ahnend, was dahinter auf den zukommt, der endlich Ruhe zu haben glaubt vor ihr und diesem ar- men, mißbrauchten Zinn. Kein andrer kommt auf ihn zu, kein andrer als eben der. Zinn steigt schon über den Hü- gel. 153
  • XIII Zunächst beachtet Lohm den Mann nicht, der allmählich jenseits des Hügels emporwächst, Stück um Stück, Kopf, Schultern, Rumpf und Schenkel, ruckhaft, als hole er mit dem ganzen Körper Schwung und drücke bei jedem Schritt das Knie durch, den Aufstieg zu schaffen, bis er in voller Größe auf der runden, kahlen grauen Kuppe steht, über der ein schwarzer Himmel treibt wie Rauch. Da kommt eben einer, na schön. Sollte er Lohm nach dem Weg fragen, dann wird er ihm sagen, er kenne sich hier auch nicht aus, sei gleichfalls zum ersten Male in der Gegend, der absonderlichen, besteht sie doch nur aus diesem steingrauen Hügel und dem kotbraunen See zu seinen Füßen, an dessen Ufer nichts gedeiht, absolut nichts, nicht mal das genügsamste Steppengras, und ein dritter Farbton täte dem Auge doch wohl. Freilich ist da noch der schwarze Rauch des Himmels, aber der löscht den stumpfen Glanz der Schmutzfarben vollends aus. Auch keine treibende Alge, kein angeschwemmter Tang mischt etwas Grün in dieses dürftige Sortiment von Grau und Braun, woher auch, der Spiegel des Sees ist ohne Bewegung, keine Welle, kein Gekräusel vom Sprung eines Tisches, eine atemlose Windleere dehnt sich von Horizont zu Horizont, wie soll da etwas ange- schwemmt werden von dieser geronnenen Flut, und würde es angeschwemmt, es würde von ekligem Braun sein und auf dem Gestein nach und nach ergrauen. Lachhaft zu hoffen, ein Fahrgastschiff könne das Ge- wässer queren, wo doch noch gar nicht erwiesen sei, ob es sich bei diesem See um ein Gewässer handelt, und von einer Bahnstation habe er, Lohm, auch nichts ge- sehn. Nein, wird er dem Mann sagen, er solle lieber um- kehren, den Weg zurück, den er gekommen ist, wenn er 154
  • nicht wie er, Lohm, sich mit heftigen Armschlägen in die Lüfte schwingen könne. Dem Mann also, der inzwischen auf der Kuppe ver- harrt, reglos wie ein Standbild, gleichsam angepaßt die- ser toten Landschaft, dieser Landschaft des Todes, mehr und mehr Bestandteil von ihr, zunehmend ihre Farbe an- nehmend, steingrau und kotbraun und vor allem das Rauchschwarz dieses ungewöhnlichen fremden Him- mels, ihm schenkt Lohm nicht weiter Beachtung. Der Mann ist zu sehr hier, als daß er Rat oder Hilfe brauchen könnte, ein Alteingesessener offenbar, der sich auskennt. Der auch zu wissen scheint, wann einer ankommt, denn soeben watet unten eine Gestalt an Land, watet aus dem See, dessen Spiegel sich nicht bewegt, obwohl jeder Schritt ihn zersplittert, betritt mit nacktem Fuß das Ge- stade und winkt herauf, unverkennbar eine Frau, wie Lohm nun feststellen kann, da sie näher kommt – kein männlicher Körper hat solche Rundungen, solche Ge- schmeidigkeit im Gang, so ein samtenes Flimmern um die Hüften, und die Glieder sind so weiß, daß es fürs ers- te die Augen schreckt in dieser Stumpfheit aus Grau, Braun und Schwarz. Nun winkt der Mann von der Kuppe und steigt herab, und die Frau eilt ihm entgegen, leicht- füßig, als fordere der Anstieg ihr keine Anstrengung ab, wie beflügelt von der Gewißheit, dem, der da gemächlich herabsteigt, willkommen zu sein. Lohm weiß, auf seiner Höhe werden sie aufeinandertreffen, denn er steht der Kuppe näher als dem Grund, und der Mann, der sich Zeit nimmt, wird keine fünfzig Schritte gegangen sein, wenn die Frau hundert gemacht haben wird. Und Lohm will sich abwenden, hierbei Augenzeuge zu sein wäre ihm peinlich, und noch dazu aus so geringer Distanz, denn die Begrüßung der beiden wird stürmisch sein, ein Zusam- 155
  • menprall ihre Umarmung, ihr Kuß nur ein Vorspiel, die Frau will mehr, gleich hier, das sieht er ihr an, so voller Lust und Begehrlichkeit ist sie; auch ist sie nackt und bar jeder Scheu, als sei er gar nicht vorhanden, ja, seine An- wesenheit scheint sie nicht nur nicht zu stören, sie scheint ihr ein besonderer Reiz zu sein, ergötzlich bis in die Fin- gerspitzen, wie sonst sollte er das Aufleuchten ihrer Au- gen deuten, als sie kurz auf ihm verweilen, und ihr sinn- lich perlendes Lachen, von dem er nicht weiß, ob es ihn einlädt oder verspottet, denn eine Herausforderung kann beides. Doch er bekommt den Blick nicht weg von ihr, sosehr er sich auch bemüht und so laut ihn auch eine in- nere Stimme warnt, er möge nicht hinschauen. Vera wer- de ihm das nie verzeihen, werde ihm nicht glauben und behaupten, er sei der Mann gewesen, der über den Hügel kam, dem schamlosen Ansturm dieses Weibes zu erlie- gen, treulos und rüde, von ihrer luderhaften Nacktheit behext und gleich auf dem blanken Stein, er und nicht der arme, beklagenswerte Zinn. Er bekommt den Blick nicht weg von ihr, obwohl ihre Augen ihn losgelassen haben und ihr Lachen nicht ihm mehr gilt, sondern Zinn, der es nach wie vor nicht eilig hat, behutsam setzt er sei- ne Füße, Schritt um Schritt, wie abgezirkelt, während sie ihm entgegenfliegt mit ausgebreiteten Armen. Lohm be- kommt den Blick nicht weg. Da besinnt er sich auf seine Fähigkeit, springt und beginnt sofort zu strampeln, und zugleich kraftvoll mit den Armen schlagend, hebt er sich vom Boden ab und schwebt ballonleicht in die Höhe, und als er über den beiden ist, erkennt er in der Frau die Steffi Zinn, erkennt sie zuerst am Glanz ihres Haares, das wie gleißende Rinnsale ihre Schultern umspült bis hinab zu den Hüften, und da läßt er sich etwas herabsinken, um besser zu sehn, und erkennt sie nun auch am Gesicht. In 156
  • dieser Höhe bleibt er, von beiden unbemerkt, und es ist ihm auf einmal gleichgültig, was Vera sagen wird, ja, jetzt ist es ihm sogar angenehm, Zaungast zu sein bei den beiden, von denen er sich nicht vorstellen kann, wie die zueinanderfinden sollen; das möchte man sich denn doch nicht entgehen lassen, wie die heißblütige Steffi den Eis- berg Zinn zum Schmelzen bringt. Steffi umschlingt Zinns Nacken und hängt sich an ihn, als erwarte sie, von ihm in toller Freude herumgewirbelt zu werden, und dabei strampelt sie mit den Beinen, aus Lohms Perspektive ein Anblick nicht ohne Würze, be- sonders Steffis Rückenpartie mit ihrem rasanten Schwung; derart von oben hat er solches noch nie ge- sehn, und so nimmt er die Gelegenheit wahr und wech- selt die Höhe, läßt sich einige Meter fallen, bis er Einzel- heiten wahrnimmt, und gleitet dann wieder hinauf, höher als vorher, es macht ja nicht die mindeste Mühe, und ge- nießt den Reiz der Totale. Zinn jedoch denkt nicht daran, sich mit seinem Weibe wie ein Verliebter zu drehn, gera- de noch, daß er sich ihr Gebaren gefallen läßt, das er wahrscheinlich äffisch findet. Zwar kann Lohm nur ver- muten, denn nun macht die Perspektive sich als nachtei- lig bemerkbar, er würde zu gern in Zinns Gesicht bli- cken, schaut aber nur auf dessen Schopf, der übrigens schwarz ist wie der rauchige Himmel. Aber schon wie Zinn sich verhält, verrät, daß er selbst dort, wo ihm das Leben so ausgelassen vergnügt und in derart heiterer Gestalt kommt, stets ein ernsthafter Mann bleibt. Und nun deutet er in die Ferne, hinweg über den kotbraunen See, aus dem Steffi heraufgestiegen ist, und spricht dabei auf sie ein, unhörbar für Lohm, der sich schleunigst he- rabsinken läßt und trotzdem nichts vernimmt, ein Satz ist allzu schnell gesagt, und Steffi stellt das Beinestrampeln 157
  • ein, das Lohm so imponiert hat, gibt auch Zinns Nacken frei und wendet sich der Richtung zu, die er noch immer weist mit ausgestrecktem Arm. Geh, scheint Zinn ihr zu bedeuten, geh ein paar Schritte, damit du besser sehen kannst, was ich im Auge habe! Und Steffi folgt willig, eine Hand über die Augen gelegt, als gebe es eine Sonne an diesem rauchschwarzen Himmel, deren Blendung sie abschirmen müsse, und wie sie zwei, drei Schritte getan hat, geschieht etwas Unfaßliches: Zinns Hand kriecht wie eine Raupe in die Tasche seines Jacketts, und als er sie herauszieht, glänzt in ihr der blaue Stahl eines Pistolen- laufs, und wie Steffi noch ahnungslos die Ferne absucht, hebt sich langsam sein Arm, ruhig, wie abgezirkelt, und in Lohms Aufschrei bricht der Schuß, der Steffi genau in den Nacken trifft, aber nicht eindringt. Und Zinn schießt ein zweites und drittes Mal, ebenso ruhig wie zuerst, gleichsam gelassen, als wisse er, daß in der Wiederho- lung der Erfolg liegt, und wie er den sechsten Schuß ab- gefeuert hat, nickt er, steckt die Pistole ein, von deren Mündung er zuvor den Rauch geblasen hat, und macht kehrt. Und Lohm, plötzlich unfähig, seinen Flug zu steu- ern, wie dazu verdammt, fortwährend Arme und Beine im gleichen Rhythmus zu bewegen, damit er in der Höhe bleibe, von der herab er das alles mit angesehen hat, Lohm kann nichts dagegen tun, daß Zinn, wie er ge- kommen ist, über den Hügel steigt und jenseits der Kup- pe allmählich verschwindet, Stück um Stück, Schenkel, Rumpf, Schultern und Kopf, bis er entwichen ist aus die- ser toten Landschaft, dieser Landschaft des Todes, als habe ein unheimlicher Zauber ihn aus ihr genommen. Und ebenso machtlos muß er mit ansehen, wie Steffi stirbt, langsam verblutend, wie sie taumelt, als suche sie Halt, und hinsinkt. Er muß es mit ansehen und kann ihr 158
  • nicht beistehn, denn sein Direktor, welcher der Prüfungs- kommission vorsitzt, sagt: Tut mir leid, Lohm, Sie haben Ihr Abitur nicht bestanden, und das eine will ich Ihnen sagen, wenn Sie sich dauernd in solchen unmöglichen Landstrichen herumtreiben, wo nackte Frauen erschossen werden, die nachweislich ertränkt worden sind, dann wird aus Ihnen nie was Ordentliches werden, das sage ich Ihnen allen Ernstes, nicht mal ein durchschnittlicher Kriminalist wird dann aus Ihnen werden. Aber sie waren ja schon immer ein Querkopf. Nun haben Sie die Quit- tung, Lohm. Sie sind durchgefallen. Ich glaube kaum, daß es sinnvoll wäre für Sie, noch einen Anlauf zu unter- nehmen; Sie sind unterdes achtunddreißig, waren ohne- hin seit zwanzig Jahren der Älteste in Ihrer Klasse. Aber wenn Sie wollen, bitte sehr, setzen Sie sich noch einmal auf die Schulbank, es ist dies die letzte Chance, die ich Ihnen einräume, und dabei riskiere ich sogar, daß mir das Volksbildungsministerium aufs Dach steigt. Aber ich wag’s. Versuchen Sie’s. Sie schaffen’s zwar nicht, das sage ich Ihnen gleich, solche Eigenbrötler wie Sie ha- ben’s noch nie geschafft, das Matur, mit andern Worten die Reife, aber vielleicht, wer weiß, schaffen Sie es doch. 159
  • VIERTES KAPITEL Lorras oder Die kriminelle Beichte I Der Organist von St. Gabriel liebt den Optimismus der vol- len Akkorde. Jauchzet, frohlocket! In einem gewaltigen Crescendo läßt er die Orgel aufbrüllen, als ströme unter der Empore ein Heer von Gläubigen aus der Kirche, denen er das Gefühl göttlicher Allmacht ins Herz pflanzen müsse. Es sind aber nur wenige zur Abendmesse gekommen, alte Leute zumeist. Als sie durch das Portal ins Freie treten, ist der Abend weiß vom ersten Schnee. Wirbelnd fallen die Flocken, rund wie Notenköpfe, und es hört sich an, als spie- le der Organist in wildem Triumphe diese Partitur, die als Schneegestöber vom Himmel fällt. Könnten Töne Mauern sprengen, St. Gabriel wäre längst ein Trümmerhaufen. Der Sakristan hat es eilig, die Tür hinter dem letzten Gläubigen zu schließen. Er leidet unter der Musizierfreu- de des Organisten, der es nicht lassen kann, jeder Messe ein privates Orgelkonzert anzuhängen. Ist die Kirche leer, braucht der Organist keine Rücksicht auf empfindli- che Ohren zu nehmen. Dann gerät er in Verzückung und wütet drauflos. Vor dem Höllenlärm, unter dem selbst der hölzerne Gabriel, der Schutzpatron, erzittert, ist einer nur außerhalb des Gotteshauses sicher. Sogar durch die schwere Ebenholztür der Sakristei dringen die Stakkatos und Kadenzen dieser Klangorgie; aber dort ist es halb- wegs erträglich. Einst war der Sakristan Herr über den Organisten. Das war zu der Zeit, als er den Blasebalg noch treten mußte. Stieg er von den Pedalen herab, konnte der Organist auf die 160
  • Tasten hauen, soviel er wollte, die Orgel gab keinen Mucks von sich – und er war stets pünktlich von den Pedalen he- rabgestiegen. Damals kehrte der süße Friede der Nacht in St. Gabriel ein, sobald der letzte Gläubige das Weihwasser- becken passiert hatte. Seit die Orgel elektrisch betrieben wird, muß der Friede mit seinem Einzug warten. Der Sakristan hat den Verdacht, der Organist werde zu seinen entnervenden Zugaben von Rachegelüsten bewogen; die Gelegenheit dazu hat ihm die Technik verschafft. Die Technik bringt Unruhe in die Welt, sogar in Gotteshäuser. Als der Sakristan durchs düstere Seitenschiff eilt, löst sich aus dem Schatten eines Pfeilers eine Gestalt und ver- tritt ihm den Weg, lautloser Spuk, die Orgel duldet keine Geräusche neben sich. Der Sakristan ist nicht zu schre- cken; nicht der lange Kerzenlöscher in der Hand macht ihn furchtlos, sondern die Gewißheit, in einem ordentli- chen Lande zu leben. „Was suchen Sie noch hier?“ „Ich muß den Priester sprechen.“ „Den Priester? Jetzt? Die Kirche ist geschlossen.“ „Ich muß den Priester sprechen“, wiederholt der Mann beharrlich. „Ich muß eine Beichte ablegen.“ „Warum kommen Sie nicht zur Beichtstunde?“ „Weil ich es jetzt tun muß. Es eilt. Ich hab’ nicht mehr viel Zeit.“ Der Sakristan sieht sich den Menschen genauer an, und der Unmut, den die fremde fordernde Stimme in ihm erregt hat, legt sich. Seine Augen beginnen in dem fahlen Fleck, der das Gesicht darstellt, Züge zu unterscheiden. „Moment“, sagt er, geht ein paar Schritte bis zum Ma- rienaltar und kommt mit einer brennenden Kerze zurück. Verächtlich krümmt der Mann die Lippen, als das Licht vor seinem Gesicht flackert. Dem Kirchendiener 161
  • fährt nun doch ein Schauder in die Glieder. Er fühlt sich in die Krypta versetzt, in die finstere Grabstätte mit der feuchten Moderluft, wo die mumifizierten Leichname in den Särgen langsam zu Staub zerfallen. Der Mann könnte aus einem dieser Särge heraufgestiegen sein. Ein fader Geruch geht von ihm aus, als hafte fauliges Holzmehl in seinen Kleidern. Sein Gesicht ist gelb und pergamenten, fleischlos unter der Haut. Ein riesiger Adamsapfel ragt wie eine Felszacke über die Krawatte. Die Lippen wirken eingeschrumpft. Das Antlitz eines lebenden Skeletts. „Krebs“, sagt der Mann und schiebt des Sakristans Arm mit der Kerze beiseite. „Gehen Sie nun. Rufen Sie den Priester.“ Der Sakristan folgt dieser Aufforderung widerspruchs- los, obwohl ihm unklar ist, ob der Mann sich ihm vorge- stellt oder auf die Ursache seines erbärmlichen Ausse- hens hingewiesen hat. Wer mit solchem Nachdruck die Lossprechung von seinen Sünden erstrebt, muß ein Recht darauf haben. Welches Recht könnte schwerer wiegen als das eines reuigen Sünders? Und der Mann sieht nicht so aus, als würde er wegen eines schäbigen Ehebruchs oder eines Ladendiebstahls den kirchlichen Feierabend stören. Pfarrer Rinten, stets untadelig und in aufrechter Hal- tung sein priesterliches Amt versehend, hat inzwischen das Meßgewand abgelegt und sich den Schmerzen hin- gegeben, die seinen alternden Körper peinigen. Er ist in seinen Lehnsessel gesunken und wartet auf die lindernde Wirkung der Droge. Er, der sich nie anmerken läßt, wie- viel Angst ihn befällt, die Monstranz könnte seinen gich- tigen Händen entgleiten, wenn er sie vor dem Hochaltar erhebt, bietet nun ein jammervolles Bild des Verfalls, froh, den Tag überstanden zu haben, dankbar für das kurze Verweilen in der Sakristei, dieses notwendige 162
  • Ausruhen, ohne das er die fünfzig Schritte ins Pfarr- haus nicht bewältigen könnte. Als der Sakristan eintritt, bricht der Jubel greller Soprantöne in die Sakristei, schmetternd wie die Fanfa- ren von Jericho. Der alte Pfarrer fühlt sich zu schwach, den Arm zu erheben, um damit des Sakristans bissige Bemerkungen über den Organisten abzuwehren. Er hat die Augen geschlossen, er lauscht in sich hinein, lauscht dem viel stärkeren, bösen Lärm, den die Schmerzen in seinem Körper erzeugen. „Ein Beichtkind?“ sagt er ungläubig. „Jetzt?“ „Ich habe den Mann auf die Beichtstunde verwiesen“, sagt der Sakristan. „Aber er meint, er habe nicht mehr viel Zeit. Er sieht auch so aus.“ „Wie soll ich das verstehen, er sehe auch so aus?“ fragt der Pfarrer. „Manchen steht’s eben auf der Stirn geschrieben“, sagt der Sakristan, den Blick auf die Gichtknoten an Rintens Händen gerichtet, und der alte Priester begreift, was ge- meint ist. Er nickt und erhebt sich mühsam aus dem Ses- sel, nun, da er seines Amts walten muß, seinen gekrümm- ten Körper straffend. Als der Sakristan ihm die Stola reicht, stöhnt Rinten leise auf; aber das Wissen, ge- braucht zu werden, läßt den Schmerz in seinem müden Gesicht keinen Ausdruck finden. Der Sakristan wartet an der Tür, bis der Pfarrer bereit ist, drückt dann die geschmiedete Klinke und stemmt sich gegen das Ebenholz, das sich schwer und knarrend in den Angeln dreht. Doch das Knarren hört man nicht; das halbdunkle Kirchenschiff ist erfüllt vom vielstimmi- gen Gebrumm der Orgelbässe. Rinten schickt einen Blick empor, wo im Schein des Instrumentenlichts der riesenhafte Schatten des Orga- 163
  • nisten zwischen den glänzenden Orgelpfeifen hin und her springt. „Bitten Sie Herrn Scholtissek, er möge in seinem Spiel ein paar Takte pausieren, es sei denn, er begnügte sich ein Weilchen mit einigen Läufen im Sopran und ganz piano.“ Lächelnd fügt Rinten hinzu: „Einen Reumütigen, den es zu so ungewöhnlicher Stunde hertreibt, möchte ich schon verstehen können.“ Da Rinten nicht laut spricht, muß der Sakristan ihm die Worte von den Lippen ablesen, und so liest er die paar Takte und die Läufe im Sopran, die der Pfarrer dem Organisten ganz piano einräumt, einfach nicht ab. Er er- steigt die Wendeltreppe, die zum Orgelstuhl emporführt, mit dem festen Vorsatz, den Organisten für heute aus St. Gabriel zu vertreiben. „Schluß jetzt, junger Mann!“ ruft er dem Organisten ins Ohr, der nichts vernimmt, so versunken ist er in seinen Palestrina. „He, Scholtissek“, brüllt der Sakristan und rüttelt die schmale Schulter, die sich emsig bewegt, „Sie sollen endlich aufhören mit dem Radau, Anweisung vom Herrn Pfarrer!“ Und als der ehrgeizige Student, der es einmal zu Raminscher Virtuosität brin- gen will und übt, wann immer ihm das vergönnt ist, zweifelnd den Kopf schüttelt, denn Organisten sind rar und schwerer zu beschaffen als Altarkerzen, reißt der Sakristan kurz entschlossen den Stecker aus der Dose, und das Notenlicht erlischt. Rasselnd faucht die Orgel ihren Atem aus. So lange hat der alte Pfarrer Rinten im Beichtstuhl gewartet, so lange hat der Mann mit dem gezeichneten Gesicht vor dem vergitterten Fensterchen gekniet. Nun neigt der Priester sein Ohr dem fremden Mund entgegen, nicht frei von Neugier, was dieses späte Beichtkind, ein 164
  • vielleicht vom göttlichen Pfade abgekommenes, abgeirr- tes, womöglich heruntergetriebenes Schaf der einst so gewaltigen Herde, dem Gott wohl zu gestehen hat, der alle Sünden vergibt – denn irdisch sein heißt in der Ver- suchung stehen, und lieber ist mir ein bekehrter Sünder als tausend Gerechte. Nun denn, die Orgel ist verstummt, zwar dringen erregte Stimmen von oben herab, es hört sich an wie Streit, und der geräuschempfindliche Sakristan wird doch wohl dem braven, wenn auch lauten Organisten St. Gabriel als Betätigungsstätte nicht verlei- den! Doch Rintens Gedanken werden sogleich zurückge- lenkt, er lauscht auf, der Mann, dessen Gesicht wie ein gefrorener grauer Schatten ist, scheint ein Tunichtgut zu sein, denn er hat sich vorgestellt, „Lorras mit L wie Leib- chen“, und das im Beichtstuhl, wo gibt’s denn so was, und jetzt bittet er, Hochwürden möge morgen das Haus Nummer sechs im Rosenbuschweg besuchen, ein Ansin- nen, das Rinten nicht minder befremdet, zumal der Mann keinen Grund benennt. „Kommen Sie, wann es Ihnen paßt, ich bitte Sie dar- um, Hochwürden“, wiederholt der Mann, als lehne er sich gegen das Zögern des Priesters auf. „Aber kommen Sie morgen. Morgen ist noch Zeit.“ „Was soll ich in diesem Haus?“ fragt Rinten. „Ein Mensch braucht Ihre Hilfe.“ „Was ist das für ein Mensch?“ „Ein Sterbender.“ „Ein Sterbender, bei dem ich mir die Zeit wählen kann?“ sagt Rinten ungläubig. „Ja, Hochwürden“, antwortet der Mann. „Kommen Sie, wann Sie wollen. Er wird so lange warten. Sie werden doch einem Sterbenden den letzten geistlichen Trost nicht versagen?“ 165
  • Rinten schiebt sein Gesicht so nahe ans Fenster, daß er mit der Nase das Gitter berührt. Aber sein Verdacht er- lischt sofort; der Atem des Mannes riecht übel, nach Al- kohol riecht er nicht. „Ich bin ein kranker Mann“, sagt Rinten. „Nicht die Demütigung würde mich verletzen, müßte ich in jenem Haus erleben, daß Sie mit meiner priesterlichen Ver- pflichtung nur Ihren Spott getrieben haben. Aber für je- den Schritt zahle ich mit körperlichen Schmerzen, und so muß jeder Weg wohlbedacht sein. Ich ginge auch nach Golgatha, müßte es sein. Aber ich möchte dort ein Kreuz finden und kein Hohngelächter.“ „Hohngelächter?“ sagt der Mann. „Keine Angst, Hochwürden. Ich habe viele sterben sehen. Von denen hat keiner gelacht. Aber mancher wäre dankbar gewesen, hätt’ ihm in seiner letzten Stunde ein Priester beigestan- den. Doch nie war ein Priester zugegen.“ „Wovon reden Sie?“ „Was kümmert einen Mörder das Seelenheil seines Opfers? Ist der Leib verstummt, hat die Seele ihren Frie- den. Es ist ja auch wahr. Ich weiß von keinem, der einen Seelsorger an den Tatort bestellt hätte. Nur das Opfer ruft. Aber es kann rufen, kann schreien, so laut es will, es wird nicht gehört. Oder haben Sie jemals einen Ruf ver- nommen, hat Sie auch nur einer jener Schreie erreicht? Nichts haben Sie gehört, nicht wahr, nicht einen einzigen Laut. Wie sollten Sie auch? Gotteshäuser haben dicke Mauern und sind voller Jubel, Gesang und Orgelmusik. Wie sollten Sie da auch was hören?“ „Ich verstehe Sie nicht. Ich verstehe Ihre verworrenen Worte nicht“, sagt Rinten in ratloser Bestürzung. „Wa- rum sind Sie gekommen?“ „Aber auch er hat nichts gehört. Nichts gehört und 166
  • nichts gesehn“, sagt der Mann, wie von tiefer Befriedi- gung erfüllt. „Oder hat er sich nur taub gestellt, hat er nicht hinschauen wollen?“ „Von wem sprechen Sie?“ sagt Rinten, obwohl er es ahnt. Und die Ahnung, der er mit Hilflosigkeit begegnet, und das Wissen, daß er vor dieser Herausforderung zu- rückwich, indem er sich in eine Frage flüchtete, wecken die Schmerzen in seinem Körper. Während der alte Priester leise stöhnt und die Hände gegen den Leib preßt, sagt der Mann: „Sie werden ein Kreuz finden in jenem Haus, Hochwürden, ein echtes, ein schweres, kein so sorgfältig gezimmertes, wie’s da vorn am Altar steht zur Erbauung der Ahnungslosen, mit Firnis und Lack ansehnlich und haltbar gemacht für die frommen Augen. Golgatha liegt gar nicht so weit zurück. Oder doch? War’s nicht dort, wo Christus gekreuzigt wurde? Einer für alle.“ Rinten sieht, wie der Mann das Gesicht verzieht. „Was für eine Legende. Golgatha! Ich habe den Namen fünfundzwanzig Jahre lang nicht gehört. Ich habe mich seiner nicht mal erinnert, kein einziges Mal in diesen vielen Jahren. Was dort gesche- hen ist – es gibt bösere Orte, Hochwürden, es gibt schlimmere Namen. Die haben manchen dieses Golga- tha vergessen lassen.“ „Welch ein Hochmut spricht aus Ihnen“, sagt Rinten in müder Auflehnung und seufzt, als bedauere er, dem lästerlichen Gerede nur sein ohnmächtiges Wort entge- gensetzen zu können. „Aber selbst der Hochmütige, der in seiner Vermessenheit Gott anklagt, findet Gnade vor ihm. Das Opfer unsres Herrn läßt sich nicht verkleinern. Er wußte, wofür er es brachte und was er auf sich nahm. Er brachte es auch für die, die ihn leugnen, und er nahm es auf sich, von ihnen beladen zu werden mit all dem 167
  • Unheil, das sie angerichtet haben und noch anrichten werden.“ Die Stimme Rintens erhebt sich und fährt dem Mann ins Gesicht, der keine Regung zeigt. „Es gibt böse- re Orte und schlimmere Namen als Golgatha, gewiß. Aber die, die Gott an solchen Orten geschändet haben, die sollen nicht denken, sie seien aus der Verantwortung entlassen. Die Verantwortung dem Menschen gegenüber, die nimmt Gott keinem ab.“ „Ich weiß“, sagt der Mann zu Rintens Erstaunen. „Ich weiß das. Aber es gibt welche, die es nicht wissen wol- len. Ich leugne nicht, daß ich Menschen gemordet habe. Ich gestehe es. Um dieses Geständnis abzulegen, bin ich gekommen. Ich beichte Ihnen keine Sünden, ich klage mich grausamer und heimtückischer Verbrechen an. Ab- solution erwarte ich nicht. Ich will sie nicht. Deshalb bit- te ich nicht um sie. Die Lossprechung würde mir zum Hohn auf die eigne Feigheit werden, die mein Leben be- stimmt und ohnehin erbärmlich gemacht hat. Ich möchte mir einen Rest Achtung vor mir selber bewahren, ehe ich Schluß mache. Mit meiner ganzen Schuld will ich vor den hintreten, der mich richten wird. Ich bin ein krimi- neller Mörder, Hochwürden, ein ganz gewöhnlicher kri- mineller Mörder.“ Rinten hat die Augen mit der Hand bedeckt. Was da an sein Ohr dringt, ist ungeheuerlich genug; dem Anblick dessen, der ein menschliches Gesicht trägt, ist er nicht gewachsen. Aber vor den geschlossenen Augen des alten Priesters steht ein Bild, die Landschaft des Sterbens, die Richtstätte von Golgatha, und zu Seiten des Kreuzes, an das sie Christus genagelt haben, die mit den beiden ge- wöhnlichen kriminellen Verbrechern, von denen der eine, Barrabas, den leidenden Messias verhöhnt; und er hört Christus antworten: Heute noch wirst du im Paradiese 168
  • sein. O du mein Gott, betet Rinten, ich habe gesagt, ich ginge auch nach Golgatha, wenn es sein müßte, und so werde ich morgen in jenes unbekannte Haus im Rosen- buschweg gehen, und wenn dieser hier der Sterbende sein wird, den ich dort vorfinden soll, dann nimm den Zweifel von mir, mach mich stark im Glauben, das Para- dies stehe auch diesem einen offen, und gib mir die Kraft, ihm diesen letzten Trost nicht zu versagen, auch wenn ich lügen müßte! Die Stimme des Mannes, der bisher sicher und flie- ßend sprach, stockt plötzlich. Rinten entgeht dieses Sto- cken nicht, und ihm entgeht das Unbehagen nicht, mit dem der Mann fortfährt. Es kommt Rinten vor, dem Mann falle jetzt das Sprechen schwer, als lehne sich et- was in ihm auf gegen die Preisgabe dessen, was er viel- leicht gar nicht mehr sagen wollte, und er neigt das Ohr dem Gitter zu, und jedes Wort trifft ihn wie ein Schlag. „Vor siebenundsiebzig Tagen – ich führe genau Buch – das Verbrechen am Langen See … eine Frau … Sie wa- ren alle nackt gewesen, auch die andern – wie diese Stef- fi Zinn … Ich habe sie mit diesen Händen …“, wie Raubvögel erheben sich jenseits des Gitters die Hände des Mannes, und Rinten wendet das Gesicht ab, „er- tränkt. Nicht die andern, die starben anders – nur die Steffi Zinn habe ich auf diese Weise … Ich kannte sie von früher … Habe es bewußt getan, im vollen Vorsatz – jeden Mord, auch diesen letzten … Er mag genügen – er steht für alle andern.“ Einer für alle, denkt Rinten angewidert. Mein Gott, welch grauenvolle Abgründe klaffen im menschlichen Gewissen! Wozu ist der Mensch fähig, den du nach deinem Ebenbild geschaffen hast. Wie ist es möglich, daß dieser Mann seine Untaten zusammenfaßt wie ein Buchhalter eine 169
  • Postenaufstellung in der Endsumme und dabei nicht vor Ekel über seine Verworfenheit stirbt? Sechsundvierzig Jahre lang hast du mich vor der Begegnung mit einem solchen Menschen bewahrt, von jenem Tage an, da ich als junger Kaplan meinem ersten Beichtkind die Absolu- tion erteilte. Sechsundvierzig Jahre lang habe ich mein Amt versehen, nicht immer frei von Zweifeln, doch fest im Glauben an dich und dir stets ein gehorsamer Diener. Du hast mich geprüft mit seelischen Erschütterungen und körperlichem Leiden; ich habe alles erduldet, dein Gleichnis vor Augen. Nie habe ich mein Siechtum be- klagt, nie deine gerechte Güte vermißt. Ich hätte mich für dich ans Kreuz schlagen lassen. Ich war sogar darauf ge- faßt und innerlich bereit dazu, denn ich wußte, was um mich herum geschah in den düsteren Jahren, als deine Botschaft unter genagelten Stiefeln zertreten werden soll- te, und ich habe von der Kanzel herab meine Stimme da- gegen erhoben mit deinem Wort. Warum, mein Gott, hast du so lange gewartet mit dieser Bürde, die du mir mit dem da auferlegst? Warum hast du diesen Kelch nicht an mir vorbeigehen lassen, jetzt, da ich alt und schwach und so müde geworden bin? Als Rinten langsam die Augen öffnet und das Gesicht zum Fenster dreht, schimmern durch die Rhomben des Gitters die wenigen Lichter, die in der Kirche noch bren- nen. Der Mann ist fort. II „Gestern abend sah es ganz so aus, als bekämen wir wei- ße Weihnachten dieses Jahr“, sagt Gallich, als er sich am Fenster in seinen Lodenmantel knöpft, „und heute? Nichts als Wasser.“ 170
  • „Und noch dazu pur“, sagt Lohm. „Dieser Regen kotzt mich langsam an. Das ging doch schon im Sommer los, und dann dieser verwässerte Herbst! Wenn einer bei so ’nem hartnäckigen Mistwetter nicht trübsinnig wird, ist das ’ne Leistung. Ich werd’ noch plemplem. Gestern hab’ ich Gabi einen Bob ge- kauft. Als die erste Flocke fiel, ging ich ins Sportgeschäft und hab’ mit dem Ladenschwengel noch Streit gekriegt, weil der gerade dichtmachen wollte. Jetzt hab’ ich den Bob, und der Schnee ist weg. Du hast keine Kinder, du verstehst das nicht. ’n Eunuch versteht auch nicht, warum einer seinen Kopf riskiert, um mal eine Nacht mit ’nem Dutzend Haremsdamen zu verbringen.“ Lohm lacht. „Nee“, sagt Gallich mit tragischer Miene, dem Fenster den Rücken wendend, „Weihnachten ohne Schnee sind für einen Vater wie’n Park ohne Bänke für ein Liebes- paar.“ „Einen Bob für Gabi“, sagt Lohm. „Du mußt eine aus- gesprochen gute Stunde gehabt haben, als dieser Entschluß dich heimsuchte. Gabi wird doch erst vier.“ „Wieso erst?“ erwidert Gallich. „Sie wird bereits vier, wenn du nichts dagegen hast. Ich habe mit sechs schon reiten können.“ „Siehst du, du hättest ihr lieber ein Schaukelpferd kau- fen sollen.“ „Auf einem richtigen Gaul, Mensch, bin ich geritten!“ sagt Gallich. „Auf ’nem Oldenburger Wallach, Kaltblut, schwer wie’n Elefant.“ „Die sind ja bekanntlich so schnell, daß einer sich kaum auf ihnen halten kann.“ Lohm nimmt den Mantel vom Spind. Das Leder knirscht, als er den Mantel über- zieht. 171
  • Gallich sucht nach einer Antwort, dann zuckt er mit den Schultern und geht zur Tür. Das Telefon schrillt. Gallich, die Hand auf der Klinke, seufzt und streift den Ärmel über der Uhr zurück. „Geh mal ’ran“, sagt Lohm. „Ich möchte das Gefühl mal kennenlernen, das einer hat, dessen Feierabend andern Leuten heilig ist“, brummt Gallich. Er hebt ab und meldet sich. Er lauscht in den Hörer, verstopft mit dem Finger das freie Ohr, obwohl Lohm nichts sagt und es still im Zimmer ist, ruft: „Spre- chen Sie doch lauter, ich verstehe Sie nicht!“, schlägt den Hörer mehrmals gegen die flache Hand, flucht, während er an der Zuleitung herumfummelt, auf das überlastete Fernsprechnetz und hat endlich klaren Empfang. „Mußt nur den passenden Fluch bereit haben“, sagt er grinsend zu Lohm, „das einzige, was da noch hilft.“ Lohm steht wartend an der Tür und wirkt gar nicht er- freut, als Gallich mit dümmlich-verdutztem Gesicht „Ach!“ ruft, einen Stift aus der Federschale reißt und auf dem ersten besten Blatt, das ihm unter die Finger gerät, notiert, was ihn da soeben aus dem Gleichgewicht ge- bracht hat. Das alles geschieht so rasch, daß Lohm ihm nicht in den Arm fallen kann. Das wird ein schönes Ge- zeter geben, wenn die Sekretärin morgen feststellt, daß Gallich die Reinschrift des Quartalsberichts mit seinen Hieroglyphen verunziert hat. „Wir kommen sofort. Ende.“ Gallich läßt den Hörer auf die Gabel sinken, sanft, geradezu feierlich, und wen- det sich im Vollgenuß des Wissens, das er Lohm voraus hat, langsam um. „So was gibt’s nur im wirklichen Le- ben“, sagt er, und immer noch feierlich fügt er die Erklä- rung hinzu: „Herbert, der Fall der Steffi Zinn hat sich von selber gelöst.“ 172
  • Nun ist Lohm verblüfft. Nun sagt er laut „Ach!“ und macht das gleiche Gesicht wie Gallich vor ein paar Mi- nuten. „Rosenbuschweg sechs“, sagt Gallich. „Dort sitzt ei- ner, der’s gut mit uns meint.“ „Rosenbuschweg? Wo ist denn der?“ „Am Arsch der Welt, aber noch in Berlin.“ „Hab’ gar nicht gewußt, daß der uns so nahe ist“, sagt Lohm mit leiser Giftigkeit. „Was will denn dieser Neun- malkluge wissen?“ „Der will nicht nur, der weiß“, antwortet Gallich. „Der Neunmalkluge kennt den Mörder. Und weißt du, was der Mörder ist?“ „Rattenzüchter vielleicht, wie?“ sagt Lohm, den Gal- lichs Gebaren allmählich entnervt. „Ach ja, dein Geheimtip!“ Gallich lacht. „Der ist nun vollends perdu. Hab’ ich’s nicht immer gesagt?“ „Nun hab’ dich mal nicht so.“ „Nein, der Mörder ist ganz was anderes, nämlich tot.“ „Ach“, sagt Lohm zum zweitenmal. „Und weißt du, was dein Neunmalkluger ist?“ „Hellseher, wie?“ ruft Lohm und greift zum Telefon. „Wenn du die Zeit weiter so vertrödelst, sitzt ein andrer im Wagen. Aber dann gehst du zu Fuß hin.“ Gallich lächelt. „Dein Neunmalkluger ist ’n katholi- scher Priester.“ Und zum drittenmal sagt Lohm nun: „Ach …“ III Der Rosenbuschweg ist eine unbefestigte Straße, wo die Stadt aufhört. Disteln, Schachtelhalme und mannshohe Brennesseln haben seine Fahrbahn zu einer schmalen 173
  • Gasse eingeengt. Die Gasse gleicht einem Bach, der nicht mehr fließt und noch nicht ganz ausgetrocknet ist. Über- all glänzen Pfützen im Scheinwerferlicht, fröstelnde Au- gen, die in den verhangenen Himmel starren. Der Fahrer fährt Schritt, besorgt um Achsen und Stoßdämpfer. Wie ein Schiff in der Dünung stampft der Wagen, und Lohm reibt sich den Schädel; dank seiner Länge kennt er die Härte von Autodächern aus dem Effeff. Der Fahrer hält an. Vom Haus Nummer sechs ist nichts zu sehen, es ist überhaupt kein Haus zu sehen, nur eine Hecke, seit Jahren nicht gestutzt, gewachsenes Mau- erwerk, undurchdringlich. Hinter dem Filigran der Zwei- ge ist der Schein einer fernen Lampe zu ahnen. Sie wis- sen dennoch, daß sie am Ziel sind; vor der Gartenpforte ist ein Polizeikrad abgestellt. Die Pforte ist unbeziffert. Als Lohm hindurchgeht, stößt er an einen herabhän- genden Ast, und auf den ihm folgenden Gallich ergießt sich einiges von dem, was so eine Silbertanne von einem ordentlichen Regen festhält. „Die Großen lösen’s aus, und die Kiemen trifft’s“, knurrt Gallich und wischt sich das Wasser aus dem Ge- nick. Laut sagt er: „Laß mich mal vorgehn, Herbert.“ Lohm bleibt stehn und gibt ihm die Stablampe. „Bitte, wenn du besser siehst.“ „Ach, sehen!“ brummt Gallich, marschiert an Lohm vorbei und fühlt sich jäh und schmerzhaft zurückgezo- gen. Sein Handballen hakt an einem Dornenzweig fest. Als er sich losgemacht hat, seufzt er: „Barbarisch, nicht mal die Rosen zu beschneiden. Aber ’nen Garten haben, Grundstücksbesitzer sein! So was lieb’ ich.“ Der Garten wächst anscheinend, wie er will, wuchernd nach allen Richtungen, von keiner ordnenden Hand in seinem maßlosen Anschwellen gehemmt, eine Wildnis, 174
  • in die vermutlich nicht mal die Sonne zu dringen vermag. Das Haus steht am Ende des Grundstücks, von einer in die Treppenbrüstung zementierten Laterne schwach be- leuchtet. Auf dem einzigen Geschoß sitzt ein Walmdach wie auf zu kleinem Kopf ein Hut mit herabgebogener Krempe. Ein roher Ziegelbau offenbar; das Lampenlicht reicht nicht hinauf zu den Putzfladen, die von der Mauer noch nicht abgefallen sind. „Mindestens ’n Pfund tote Insekten“, sagt Gallich mit einem Blick in die Laterne, „schau dir das an. Sagenhaft!“ In der winzigen Diele hören sie Stimmen. Sie treten durch eine offene Tür in ein Zimmer, dessen Mobiliar an die Wildheit des Gartens erinnert. Lohm erblickt zuerst den Geistlichen, einen alten Mann mit welkem Gesicht, der auf einem Rohrstuhl sitzt, kurz die Augen hebt und Lohms Gruß mit einem müden Kopfnicken erwidert. Ein breitschultriger Mann steht mit dem Rücken zur Tür, of- fensichtlich über etwas gebeugt. Als der Abschnittsbe- vollmächtigte Lohm begrüßt und sich mit den Krimina- listen bekannt macht – „Meister Gerboth“, sagt er mit einem Zucken der Schultern, als wolle er die Ankömm- linge auf seine nagelneuen Schulterstücke aufmerksam machen, „ich habe doch hoffentlich richtig gehandelt, indem ich gleich Sie informierte, Genosse Hauptmann?“ –, richtet der Breitschultrige sich auf und sagt: „Ad exitum. Zyankali. Dagegen ist in Gottes schönstem Garten bis heute noch kein Kraut gewachsen.“ Der Geistliche dreht langsam den Kopf und blickt den Breitschultrigen von unten herauf an. „Sind Sie sicher, daß Sie alle Kräuter kennen, die Gott auf Erden wachsen läßt, Doktor Helmissen? Abgesehen davon, daß die Medizin sich ja nicht nur die Botanik dienstbar macht.“ 175
  • Der Arzt lächelt, nickt dem Geistlichen zu und sagt mit einem Blick schräg hinter sich: „Nun ja, ein Raspu- tin, der Blausäure wie Wodka trinken konnte, war Lorras nicht, wie man sehen kann.“ Jetzt tritt er beiseite, und Lohm steht unmittelbar vor dem Toten. Der sitzt mit durchgedrücktem Kreuz in ei- nem Ohrensessel, als habe er in der Agonie den Tod mit der Brust abwehren wollen. Seine Lippen sind blau ver- färbt, die Augen hervorgequollen und mit dem Blut ge- platzter Äderchen angefüllt. Der Anblick erfordert Ner- ven, weil der Tote zum Skelett abgemagert ist. „Es riecht nach bitteren Mandeln“, sagt Gallich. „Das ist typisch“, sagt der Arzt. „Blausäure riecht nun mal besser, als sie einem tut.“ Er wendet sich an Lohm. „Die Herren sind von der Kriminalpolizei?“ Lohm bejaht und nennt seinen Namen. Der Arzt deutet eine Verbeu- gung an und sagt: „Doktor Helmissen. Ich wohne in der Nähe. Lorras war seit Jahren mein Patient.“ „Selbstmord also.“ „Ohne Zweifel“, antwortet Doktor Helmissen. „Eine Glasampulle. In der Mundhöhle finden sich Splitter. Au- ßerdem hatte er sich einen Zeugen bestellt.“ Er wirft ei- nen Blick auf den Toten und fügt kopfschüttelnd hinzu: „Der merkwürdige Mensch.“ „Einen Zeugen?“ „Mich“, sagt Rinten. „Sie gestatten wohl, daß ich sit- zen bleibe.“ „Aber bitte, Herr Pfarrer.“ „Ehe ich weiterspreche, lesen Sie bitte den Zettel, der auf dem Tischchen neben dem Toten liegt.“ Gerboth reicht Lohm ein liniiertes Blatt Papier, auf dem eine schwungvolle Handschrift quer zu den Linien verläuft. Lohm liest halblaut: „Hochwürden, ich entbinde 176
  • Sie des Beichtgeheimnisses. Vergeben Sie mir. Joseph Lorras.“ „Sie waren sein Beichtiger?“ Rinten wirkt unschlüssig. „Ja und nein. Ich habe Herrn Lorras gestern zum erstenmal gesehen, wenn man das so nennen kann, denn in der Kirche waren die Lichter bis auf wenige schon gelöscht. Ich hatte die Abendandacht in Sankt Gabriel beendet, der Sakristan die Kirche bereits verschlossen, als Herr Lorras mich bitten ließ, ihm noch die Beichte abzunehmen. Nun ja, man schickt ein Beichtkind ungern fort, und wer sich an die Zeiten nicht hält, ist womöglich in schwerer Bedrängnis. Die Stunde war ungewöhnlich genug.“ „Sie haben ihm die Beichte also abgenommen.“ „Das ist es ja“, sagt Rinten. „Herr Lorras war gar nicht gekommen, um zu beichten. Aber das gestand er mir erst im Beichtstuhl. Erwünschte keine Absolution. Mit seiner ganzen Sündenlast beladen, wollte er hinübergehn – nun wissen wir ja, wohin.“ Rinten blickt schmerzlich und enttäuscht auf den Toten. „Ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ihn zu Gott zurückführen zu können, heute, er hatte mich ja eigens in sein Haus gebeten. Ich sollte kommen, wann es mir paßte, nur unbedingt heute sollte es sein. Aber als ich gegen vier hier eintraf …“ Rinten bricht ab. Seine Augen nehmen einen Ausdruck an, als schauen sie eine beklemmende Vision. „Ich hatte an der Gartentür geläutet und bin dann eingetreten, weil niemand erschien. Das Haus fand ich offen, läutete aber trotzdem wieder, und die Klingel schlug auch an. Er hat mich also gehört und auch kommen sehn. Es rührte sich abermals nichts auf mein Läuten, und so trat ich ins Haus und rief seinen Namen und daß ich da sei. Da vernahm ich ein Geräusch. Es waren unartikulierte menschliche 177
  • Laute, eine Art Ächzen, als versuchte jemand, mit aller Kraftaufbietung eine Last emporzustemmen, und als sei derjenige voller Angst, die Last nicht zu bewältigen und von ihr erdrückt zu werden. Nun war ich ja darauf gefaßt, einen Sterbenden vorzufinden, und so eilte ich sogleich in dieses Zimmer, dessen Tür offenstand wie auch jetzt.“ Wieder hält Rinten inne. Er bittet um ein Glas Wasser, und der VP-Meister wendet sich zur Tür. Da ruft Doktor Helmissen: „Bleiben Sie nur, Herr Gerboth, ich kenne mich hier aus.“ Rinten sagt: „Ich mußte mit ansehn, wie er starb“ und senkt den Blick auf seine gefalteten, von der Gicht ver- unstalteten Hände. Irgendwo rauscht Wasser in ein Spülbecken. Dann kommt Doktor Helmissen mit einem Glas zurück. Rinten fügt hinzu: „Hilflos. Ich bin schließlich kein Arzt.“ „Es gibt keinen Arzt, Herr Pfarrer, der Lorras noch hätte helfen können“, sagt Doktor Helmissen. Rinten nimmt das Glas entgegen, wobei er etwas Was- ser verschüttet, bedankt sich bei Helmissen und trinkt in kleinen Schlucken. „Vielleicht tue ich dem Toten un- recht, wenn ich ihm unterstelle, er habe die Klingel ge- hört und mich kommen sehen?“ sagt er dann. „Vielleicht hat er das Gift genommen, als er nicht mehr glaubte, daß ich kommen würde, und das war genau der Augenblick meiner Ankunft? Er war so voller Zweifel.“ „Er ist gestern also bei Ihnen gewesen, Herr Pfarrer, nur um Sie für heute zu sich zu bitten?“ fragt Gallich. „O nein“, sagt Rinten. „Herr Lorras hat sich vor mir schwerster Verbrechen angeklagt. Er nannte sich einen kriminellen Mörder. Das waren seine Worte, die er im Beichtstuhl an mich richtete: Ich bin ein krimineller 178
  • Mörder, ein ganz gewöhnlicher krimineller Mörder.“ Rinten deutet mit zitternder Hand auf Lorras’ seltsame Willenserklärung, mit der er den Geistlichen seiner Schweigepflicht entbunden hat. „Nun darf ich ja darüber sprechen.“ „Nannte er Einzelheiten?“ fragt Lohm. „Anfangs stand ich unter dem Eindruck, einen Zyniker vor mir zu haben, der die Kirche schmähte, um mich als Priester zu demütigen. Ich fürchtete auch, der Mann könnte geistesgestört sein. Seine Reden waren allzu ver- worren. Aber als ich ihn an die Verantwortung des Men- schen dem Menschen gegenüber gemahnte, wurde seine Rede klarer. Daß diese Verantwortung Gott keinem ab- nehme, wisse er. Er leugne nicht, Menschen ermordet zu haben. Und er bezichtigte sich grausamer und heimtücki- scher Verbrechen.“ „Mehrerer?“ Rinten nickt. Doktor Helmissen entschuldigt sich für einen Moment, verläßt das Zimmer, und wieder rauscht Wasser in ein Spülbecken. „Welcher Verbrechen?“ fragt Lohm. „Er nannte sie nicht. Er sprach ganz summarisch von ihnen. Nur den Mord an einer gewissen Steffi Zinn er- wähnte er namentlich“, und Rinten berichtet, was Lorras ihm im Beichtstuhl gestanden hat. Als er davon spricht, daß Lorras die Steffi Zinn von früher her gekannt habe, beobachtet Gallich die Wirkung dieser Worte auf Lohm. Doch Lohms Gesicht bleibt unbewegt. „Und er sagte wörtlich, dieses eine Verbrechen möge genügen, es stehe für alle andern?“ fragt Lohm. „Das hat mich am meisten entsetzt“, sagt Rinten. „Ein Mensch, der die Opfer seiner Verbrechen vor sich selber dem Vergessen anheimgegeben hat. Ich schauderte.“ 179
  • „Konnten Sie seinen Reden entnehmen, wann etwa er diese andern Verbrechen verübt haben könnte?“ „Das konnte ich nicht. Es sei denn …“ Rinten überlegt und fährt dann zögernd fort: „Er fragte mich, ob ich je- mals jene verzweifelten Schreie vernommen hätte.“ „Was für Schreie?“ „Die Rufe, mit denen die Opfer nach einem Geistli- chen verlangten, bevor sie sterben mußten.“ „Ein Irrer“, sagt Gallich. „Seine Opfer?“ fragt Lohm. „Ich glaube, er meinte das mehr allgemein. Ich bin auch nicht sicher, ob ich alles genau im Gedächtnis be- halten habe. Seine lästerlichen Worte hatten mich sehr erzürnt. Auch fand ich keinen Sinn hinter manchem, was er sagte. Er schien mir hochgradig verstört, wie gespal- ten. Er leugnete Gott und wollte doch vor seinen Richter- stuhl treten. Nun ja, dort ist er ja nun wohl.“ Rinten rich- tet die Augen auf den Toten und murmelt: „Ob Golgatha noch immer nur eine Legende für dich ist?“ „Golgatha?“ „Ja, wo sie Christus ans Kreuz geschlagen haben.“ „Ich weiß“, sagt Lohm. „Was war damit?“ „Er wollte sich seit fünfundzwanzig Jahren dieses Namens nicht mehr erinnert haben.“ „Seit fünfundzwanzig Jahren?“ „Ja. Es gebe schlimmere Orte und bösere Namen. Das sagte er so, als sei der Tod Christi, damit verglichen …“ „Ja?“ Rinten schweigt. „Nannte er diese Orte?“ Rinten schüttelt den Kopf. Lohm zieht sich einen Stuhl heran. Das brüchige Rohrgeflecht knistert, als er sich setzt. 180
  • „Haben Sie Lorras so verstanden, Herr Pfarrer, als ha- be er seinen christlichen Glauben dadurch verloren, daß er diese Verbrechen beging, und als sei das vor fünfund- zwanzig Jahren geschehn?“ Rinten wiegt den Kopf. „Lorras war wohl nie ein gläu- biger Christ, und daß das Böse lange in ihm fortgewirkt hat, bezweifle ich nicht. Aber ich habe kein Recht zu ei- ner solchen Bezichtigung.“ „Zu welcher Bezichtigung, Herr Pfarrer?“ „Daß Lorras mit dem Tag seiner Abtrünnigkeit zum Verbrecher wurde.“ „Sie meinen also nicht, daß Lorras von den fünfund- zwanzig Jahren im Zusammenhang mit seinen andern Verbrechen sprach?“ „Ich weiß es einfach nicht“, sagt Rinten, „und Sie wol- len von mir doch nur hören, was ich wirklich weiß, nicht wahr, Herr Kommissar?“ „Selbstverständlich“, sagt Lohm. „Ist Ihnen sonst et- was an dem Mann aufgefallen?“ „Seine perfekte Ausdrucksweise, ich sagte es wohl schon.“ „Sie sagten es nicht, aber das ist nicht von Belang.“ Lohm wendet sich an den Abschnittsbevollmächtigten. „Was war Lorras eigentlich von Beruf?“ „Filmvorführer, Genosse Hauptmann“, antwortet Ger- both mit einem Zucken der Schultern, und Lohm bemerkt erneut, wie dessen Schulterstücke glänzen. „Die Papiere habe ich sichergestellt. Aber ich wußte es auch so.“ „Sie kennen Ihre Leute, wie, Genosse Meister?“ „Ist doch klar, Genosse Hauptmann“, sagt Gerboth und strahlt. „Außerdem gehe ich ab und an in unser altes Gloria, damit es nicht eines Tages geschlossen wird.“ „Warum sollte es geschlossen werden?“ 181
  • „Wegen Besuchermangels, Genosse Hauptmann“, antwortet Gerboth treuherzig. Lohm ist leicht konsterniert. Aber als er sieht, wie un- geniert Gallich grinst, zwingt er sich eine interessierte Miene auf. „Diesen Gesichtspunkt habe ich noch nie ins Auge gefaßt. Da werde ich wohl gelegentlich auch mal wieder ins Kino gehn.“ „Wenn man Glück hat, lohnt es sich sogar“, sagt Ger- both. Doktor Helmissen hat sich inzwischen in der Diele seinen Mantel angezogen. Er wirkt jetzt noch wuchtiger, eine Churchill-Statur mit einem De-Gaulle-Gesicht. An der Hand, mit der er die Bereitschaftstasche trägt, glitzert ein Brillant. „Ich muß mich leider empfehlen“, sagt er zu Lohm. „Ich werde noch gebraucht.“ Gallich murmelt: „Da sind Sie nicht der einzige.“ „Eine Patientin, blutjung, gerade achtzehn, perniziöse Anämie.“ Doktor Helmissen seufzt. „Sie bildet sich ein, es sei Leukämie. Ach, diese argwöhnische Jugend!“ Die Mundwinkel herabziehend, betrachtet er Rintens Hände, die wie ineinander verknotet anmuten. „Übrigens glaubt auch sie nicht an den lieben Gott. Lorras glaubte wenigs- tens seinem Arzt.“ „Und hat damit keine Berge versetzt, wie man sieht“, sagt Rinten mit einem Blick auf den Toten. „Der Zustand, in den er sich versetzt hat, hält wohl je- dem Vergleich stand“, entgegnet Doktor Helmissen mit wehmütigem Lächeln. „Es ist kein halbes Jahr her, daß ich ihm eine Operation angeraten habe, dringlichst. Es hätte für ihn die letzte Chance sein können trotz seines rapiden körperlichen Verfalls. Aber er wollte nicht. Nicht weil er das Risiko scheute oder meine Diagnose anzwei- felte. Im Gegenteil, er nannte mich einen Schönfärber, 182
  • als ich ihm noch rund hundert Tage gab, falls er sich zu einem Eingriff nicht entschloß. Ich glaube, er hat seine Krankheit gehandhabt wie ein Flagellant die Peitsche. Nach dem, was wir nun über ihn wissen, ist diese Deu- tung freilich nicht allzu schwer.“ „Ein Flagelwas?“ fragt Gallich. „Ein Flagellant ist ein von religiösem Wahn Befalle- ner, ein Geißler, der sich selber grausam züchtigt“, er- klärt Doktor Helmissen. „Diese Form tätiger Reue ist allerdings seit dem Mittelalter passe. Die Kirche hat das Flagellantentum wohl nie sonderlich geschätzt.“ Er lä- chelt ironisch. „Welche Hierarchie schätzt schon ihre Abweichler?“ „Lorras ein Flagellant“, sagt Rinten kopfschüttelnd. „Wie ein Flagellant“, betont Doktor Helmissen und wirft einen letzten Blick auf den Ohrensessel, dessen Lehne der abgezehrte Körper des Toten nur zur Hälfte verdeckt. „Als er sich umbrachte, hat er nichts andres getan, als die Peitsche aus der Hand gelegt. Er muß uner- trägliche Schmerzen ausgestanden haben.“ „Also war es nicht Reue“, sagt Rinten düster. „Reue?“ Doktor Helmissen zieht die Brauen hoch. „Es war Krebs. Sein ganzer Organismus war eine einzige Metastase.“ „Lebte Lorras allein?“ fragt Lohm. „In letzter Zeit wohl.“ Doktor Helmissens Blick schweift durchs Zimmer. „Es sah zwar nie viel anders hier aus, auch nicht, als seine Haushälterin noch lebte …“ „Ach, die ist tot?“ Doktor Helmissen lächelt. „Die hatte nun wirklich Leukämie, und daran ist sie auch gestorben. Lorras hat dann keine mehr genommen – oder bekommen. Bei sei- nem Gehalt konnte er sich ohnedies keine Sprünge leisten. 183
  • Er hatte immer Rentnerinnen, die ihm den Haushalt be- sorgten. Aber die machen’s auch nicht mehr für ein But- terbrot.“ „Demnach war er nicht verheiratet.“ „Nein, Genosse Hauptmann“, antwortet Gerboth so- fort, „verheiratet war Lorras nicht, sondern ledig.“ Um Doktor Helmissens schwungvolle Nase bildet sich ein Gespinst lebhafter Schmunzelfältchen. „Die Polizei weiß alles – und wie exakt, was, Herr Gerboth?“ „Nun ja“, sagt der Abschnittsbevollmächtigte mit ei- nem Seitenblick auf den Pfarrer, „alles ist ein dehnbarer Begriff, und allwissend ist keiner.“ Doktor Helmissen ist zu Fuß gekommen, da der Ro- senbuschweg mehr was für schwere Ackerschlepper sei. Wenn Pfarrer Rinten ihn bis zur Garage begleiten wolle, würde er ihn von dort aus gern bis zum Pfarramt mit- nehmen. „Sie können mit uns fahren, Herr Pfarrer“, sagt Lohm. „Unser Wagen ist zwar auch nur ein Auto, aber er steht vor der Tür!“ „Dann fahre ich ein andermal mit Ihnen, Doktor Hel- missen“, sagt Rinten. „Wenn der Herr Hauptmann so freundlich ist, mich ein Stück mitzunehmen … Der Weg zu Ihnen ist nicht weit, gewiß, aber für mich doch be- schwerlich.“ Rinten will sich erheben, kommt aber nicht vom Stuhl hoch, und Gerboth springt hinzu und stützt ihn. „Danke, Herr Gerboth“, sagt Rinten. „Falls die Herren hier noch etwas zu erledigen haben, warte ich gern. Aber ich setze mich lieber in die Diele.“ Doktor Helmissen verabschiedet sich von jedem mit Handschlag. Lohm gibt er einen Wink, ihm nach drau- ßen zu folgen. Sie gehen durch die Diele, die von einer 184
  • Hängelampe mit verblichenem Seidenschirm nur dürftig beleuchtet wird. Die Merkmale der bestürzenden Verrot- tung sind in dem schwachen Licht kaum wahrnehmbar. Es riecht nach Schwamm und Moder. Die in den Wänden stockende Nässe hat die Tapeten aufgeweicht und ihre Farben zu schmierigen Flecken ineinanderfließen lassen. Im Deckenputz klaffen Löcher, aus denen Strünke des Rohrgeflechts herabhängen. Lohm ist es, als bewege er sich über eine dünne Eisfläche, die unter jedem Tritt elas- tisch nachgibt. Die Dielenbretter sind fast durchgefault; der Glanz der Fäulnis haftet ihnen an wie Schleim. Auf der Treppe lehnt Doktor Helmissen sich an die Brüstung und atmet mehrmals tief ein und aus, als sei er froh, diesem Haus entronnen zu sein. Als sein Blick in den Kandelaber fällt, bemerkt er die Anhäufung toten Getiers, und ein Ausdruck von Ekel überschattet sein Gesicht. Lohm hört den Arzt murmeln: „Weiß Gott, ich kann’s den Frauen nicht verdenken.“ „Was, Herr Doktor?“ „Daß sie es bei ihm nicht ausgehalten haben.“ „Seine Haushälterinnen?“ Doktor Helmissen nickt. „Jede rannte ihm nach kurzer Zeit weg.“ „Und warum?“ „Ich denke, er hat sie zu sehr spüren lassen, wie er die Frauen haßte.“ „Lorras haßte die Frauen?“ „Mir ist nicht bekannt, daß er irgend etwas geliebt hat, es sei denn Kinder, ja, Kinder mochte er wohl ganz gern, auch wenn sie vor ihm ausrissen, besonders in der letzten Zeit, als er körperlich so rapide verfiel. Auf die Kleinen muß er ja wie aus einem Gespensterbuch gewirkt haben.“ 185
  • „War er anormal?“ „Wegen der Kinder? Nein.“ Doktor Helmissen schüttelt entschieden den Kopf. „Kinder könnten sein, wie sie woll- ten, schmutzig, verlogen, grausam, eins seien sie immer noch außerdem: unschuldig. Kinder seien unschuldig, und das unterscheide sie von den Erwachsenen.“ „Von den Erwachsenen oder den Frauen?“ „Wissen Sie, das liegt alles schon eine Weile zurück“, antwortet der Arzt, „und Lorras war recht redselig, wenn er mich konsultierte. Ihn jetzt wortgetreu zu zitieren …“ „Aber Sie sagten, er habe die Frauen gehaßt.“ „Das ja. Das weiß ich nicht nur von ihm selbst, ich hab’s an ihm beobachtet. Es sitzen ja auch immer Patien- tinnen mit im Wartezimmer, und was er da so von sich gab, hörte nachher zumindest meine Sprechstundenhil- fe.“ Doktor Helmissen streckt Lohm die Hand hin. „Viel- leicht ist das mit den Frauen ohne Bedeutung für Sie. Man liest nur immer wieder, wie wichtig mitunter der kleinste Hinweis sein kann. Davon habe ich mich leiten lassen.“ „Mit vollem Recht“, sagt Lohm. „Und sobald der Ob- duktionsbefund vorliegt … die Nummer, über die Sie uns im Präsidium erreichen können …“ „Die habe ich bereits von Herrn Gerboth“, sagt Doktor Helmissen, klopft an seine Brusttasche und setzt sich mit Schwung in Bewegung. „Noch eins, Herr Doktor.“ „Ja?“ Der Arzt bleibt unten an der Treppe stehen. Lohm steigt die Stufen zu ihm hinab. „Lorras hat sein Opfer von früher her gekannt.“ „Ach, ist ja interessant.“ „Das hat er dem Pfarrer im Beichtstuhl gesagt.“ „Aha.“ 186
  • „Wenn er, wie Sie meinen, das andre Geschlecht haß- te, halten Sie es für möglich, daß dieser Mord dann ein Racheakt war?“ „Am andern Geschlecht? Hm …“ „An der Zinn.“ Doktor Helmissen überlegt. „Ich weiß nicht, in wel- chen Beziehungen die beiden früher zueinander gestan- den haben. Einmal hat er mir etwas von einer großen Liebe erzählt. Die hat er wohl nie ganz verwunden; das Mädchen hatte einen andern geheiratet. Einen Namen hat er allerdings nicht genannt.“ Er sieht Lohm nachdenklich an. „Nun ja, wenn die Welt auch ein Dorf ist, der Gedan- ke wäre mir persönlich zu phantastisch, es sei denn …“, er zuckte mit den Schultern, „manche leben ja jahrzehn- telang in ein und derselben Stadt, ohne voneinander zu wissen, bis sie sich dann eines Tags unverhofft gegenü- berstehn. Aber so weit brauchen wir gar nicht zu gehn. Es wäre durchaus denkbar, daß Lorras sich nicht an, son- dern mittels dieser Frau, die er da ermordet hat, rächen wollte, an seiner einstigen Geliebten, am weiblichen Ge- schlecht, wer weiß?“ Noch einmal zuckt er mit den Schultern. „Möglich ist das schon, noch dazu bei so ei- nem Ver …“ „Ja?“ „Sagen wir mal … Sonderling.“ „Danke“, sagt Lohm. Er wartet noch ab, bis die wuch- tige Gestalt des Arztes in der finsteren Unwegsamkeit des Gartens untergetaucht ist; dann geht er zurück in die Diele, wo Kirche und Polizei sich in bestem Einverneh- men befinden – Rinten erzählt, und Gerboth hört andäch- tig zu. Aus dem Totenzimmer zucken die lautlosen Exp- losionen von Gallichs Elektronenblitz und geben der Szene eine besondre Würze. 187
  • „Nun glaube ich auch, daß Lorras nicht ganz klar im Kopfe war“, sagt Gerboth zu Lohm. „Herr Pfarrer Rinten hat mir eben geschildert, wie Lorras sich im Beichtstuhl benommen hat, ganz gegen den Brauch, Genosse Hauptmann. Er hat sich dem Pastor vorgestellt, Lorras mit L wie Ludwig.“ „Nicht Ludwig“, korrigiert Rinten mit leiser Stimme, „sondern Leibchen. Lorras mit L wie Leibchen.“ „Ach ja, wie Leibchen“, sagt Gerboth. „Sieh mal an“, sagt Lohm, „ein eignes Buchstabiersys- tem hatte er also auch.“ Und damit geht er über den Hinweis hinweg, den er der Plauderei Gerboths mit dem Pfarrer verdankt. Als sie nach einer Stunde gemeinsam das Haus verlassen, hat er ihn schon vergessen und ahnt nicht, was er damit verges- sen hat. Der Mörder Steffi Zinns hat sich selbst gerichtet. Man wird, soweit das möglich ist, sein Leben durchforschen; denn das Geheimnis um seine Verbrechen, das er mit in den Tod genommen hat, kann vielleicht gelüftet werden, wenn Licht ins Dunkel seiner Vergangenheit fällt. Doch wie weit liegt diese Vergangenheit zurück? Zehn, zwan- zig, dreißig oder eben genau fünfundzwanzig Jahre? Was war vor fünfundzwanzig Jahren? Da war noch Krieg und auch schon kein Krieg mehr. Warum hatte Lorras ausge- rechnet diese Zahl genannt? War er ein Pedant, oder hat er einfach abgerundet? Summa summarum fünfund- zwanzig Jahre, ein Vierteljahrhundert und fertig. Das prägt sich ein. Das ist eine Dimension, die macht was her. Und Lohm macht sie zu schaffen. Allein der Gedan- ke an diese enorme Zeitspanne, mögen es nun ein paar Jahre mehr oder weniger gewesen sein. Die Vorstellung solcher zeitlichen Ferne. Ein Vierteljahrhundert! Suche 188
  • darin eine Spur, einen Anhaltspunkt, vielleicht nur eine vage, längst verschüttete Erinnerung in einem Hirn, das du erst aufspüren mußt! Doch wo? Die Welt ist nicht zu- gänglicher geworden. Und wenn du den Zugang wirklich finden solltest und dein Pech es will, gibt’s dieses Hirn am Ende nicht mehr, schon lange nicht mehr. In einem Vierteljahrhundert erlöschen Millionen Erinnerungen, und die eine, die einzige, auf die es dir ankommt, kann darunter sein. „Nun ist der Fall Zinn also abgeschlossen, sozusagen im Selbstverfahren“, sagt Gallich mit dem leisen Re- spekt, den die Dinge uns einflößen, regeln sie sich wider alles Erwarten und ohne unser Dazutun. „Der schon“, sagt Lohm. „Daran denk’ ich auch die ganze Zeit – und gar nicht so gerne.“ Gallich legt den Arm auf die Rücklehne und blickt Rinten an, der neben Lohm im Fond sitzt. „Da ha- ben Sie’s leichter, Herr Pfarrer, nicht wahr? Sie lassen die Toten einfach ruhn. Glauben Sie mir, uns wäre auch wohler, wenn der Tod eine Grenze setzte, vor der wir haltmachen könnten. Aber der Tod macht die Menschen eben doch nicht einander gleich. Ein Mann wie Lorras ist kein Toter schlechthin.“ „Ich zweifle nicht daran, daß Sie eine schwere Pflicht zu erfüllen haben“, antwortet Rinten bedächtig, „auch wenn wir in der Auffassung über die Gleichheit aller im Tode nicht übereinstimmen.“ Als der Fahrer am Pfarramt hält, bedankt Lohm sich bei Rinten. „Wofür wollen Sie mir danken?“ sagt Rinten mit mü- dem Lächeln. „Dafür, daß Lorras es mir leicht gemacht hat?“ Er schüttelt den Kopf, hebelt am falschen Griff herum, und Lohm macht ihm die Tür auf. 189
  • „Danke“, sagt Rinten. Lohms Hand kraftlos drückend, murmelt er: „Ich wünsche Ihnen Erfolg, Herr Kommis- sar.“ Kaum ist der Pfarrer außer Hörweite, brummt Gallich: „Nun haben wir auch noch den Segen der Geistlichkeit. Wenn dieser fromme Wunsch in Gottes Ohr dringt, dann kommt vielleicht was auf uns zu, das kannst du mir als eingefleischtem Atheisten glauben.“ „Du hast bisher doch jeden Kelch geleert.“ „Aber noch keinen mit so viel Rost drum ’rum.“ „Ich auch nicht“, sagt Lohm. „Dann wollen wir mal schön hoffen, daß er an uns vorbeigeht.“ „Amen“, sagt Gallich. Als habe er eine Münze in einen Musikautomaten ge- steckt, brüllt in dem Moment die hochragende schwarze Silhouette St. Gabriels auf. Ein Schwall brausender Or- gelklänge wälzt sich über den Kirchplatz und spült die abendliche Stille hinweg. Sogar die Wagenscheibe, die nicht richtig schließt, klirrt rhythmisch mit. Lohm und Gallich tauschen einen Blick, und Gallich sagt: „Ich glaube ja an solchen Humbug nicht, aber Maxi ist einfach nicht auszureden, daß es so was wie Zeichen gibt. Würde die jetzt mit im Wagen sitzen …“ Lohm sagt nichts dazu. Was auch? Schon manchem ist eine Katze über den Weg gelaufen, und daraufhin ist et- was eingetreten, wovon keiner mit Sicherheit sagen konnte, es wäre ebenso geschehen, hätte die Katze sich verspätet. Bald sind sie der jubelnden Orgel entronnen. Lohm, in die Polster geschmiegt, lauscht dem Gebrumm des Mo- tors, das ihn schläfrig macht. „Da war doch gar kein Licht in der Kirche“, sagt der Fahrer, „und da setzt sich so einer hin und orgelt.“ 190
  • „Ja“, sagt Lohm, „da war kein Licht.“ Und er denkt: Warum auch? Warum soll einer nicht im Dunkeln spie- len? Es muß schön sein, seiner Sache so sicher zu sein, daß man kein Licht dazu braucht. „Kannst du dir vorstellen“, fragt Gallich zweifelnd, „daß die Zinn mit Lorras ins Wasser gestiegen ist, nackt,, mit diesem Wrack?“ „Es muß ja nicht so gewesen sein“, antwortet Lohm, der mit dieser Frage gerechnet hat. „Es kann ja ganz an- ders gewesen sein. Vielleicht hat er’s von einem Steg herab getan, vielleicht aus einem Ruderboot, und die Sa- chen, die kann er ihr nachher ausgezogen haben. Viel- leicht hat er sie ihr auch vom Leibe heruntergeschnitten? Er wird uns das bestimmt nicht mehr sagen.“ „Zufrieden klingt das gerade nicht“, stellt Gallich fest. „Zufrieden?“ Lohm blickt mit müden Augen in die Straße, die ihm wie ein finsterer Schacht vorkommt, ein Schacht ohne Ende, in den sie hineinrasen. Als ob wir abstürzten, denkt er und sagt: „Ich muß mich erst damit anfreunden, daß wir einen Mörder geschenkt bekommen haben. Mir wurde nichts im Leben geschenkt – und jetzt auf einmal ein Mörder.“ 191
  • 192
  • Zweiter Teil 193
  • ERSTES KAPITEL Lohm oder Die Unruhe des Menschen I Nicht nur Vera spürt, daß Lohm sich in letzter Zeit ver- ändert hat. Auch Gallich, der ja täglich mit ihm zu- sammen ist, fällt ein Wandel in seinem Gebaren auf. Ihre Schreibtische stehen einander gegenüber, so daß einer den andern stets vor sich hat, und wenn Lohm, was jetzt häufig geschieht, geistesabwesend ist, rätselt Gallich verstohlen im Gesicht des Freundes herum, das ihm immer so vertraut war und ihn nun fremd anmutet. Die Enden von einem halben Dutzend Bleistiften hat Lohm schon zerkaut, er, der nie einen Bleistift in den Mund genommen hätte. Wenn das Telefon läutet, zuckt er manchmal zusammen, und dann blickt er um sich, als wolle er sich vergewissern, daß Gallich und der Sekretärin entgangen ist, wie das Schrillen ihn aufge- schreckt, wie unsanft es ihn in sein Dienstzimmer zu- rückgerufen hat. Wenn das keine Anzeichen sind! Doch wofür? Zu viele Jahre arbeiten die beiden gemeinsam, bilden sie ein Gespann, als daß Gallich gleichgültig bleiben könnte angesichts des augenfälligen Schwunds von Lohms einstiger Forsche, seinem Unternehmungsgeist und Arbeitswillen. Lohm erscheint oft müde, unausge- ruht und verliert sich immer wieder in einen Ausdruck, als hadere er mit sich. Sogar in seiner Physis wird das sichtbar: Er trägt noch die Winterblässe mit sich herum, obwohl der sonnige, sommerlich warme März die Ge- sichter der meisten Leute schon braun getönt hat. 194
  • Die Frage, ob er Kummer habe, hat er zwar verneint, allein die Art, wie er das tat, so betont verwundert, als sei Gallichs Annahme grotesk, hat dessen Verdacht erhärtet: Da muß etwas sein, was Lohm bedrückt und worüber er nicht sprechen will. Der Gedanke an Vera liegt nahe. Es ist nicht nach jedermanns Geschmack, sich einem Dritten gegenüber zu offenbaren, hapert es plötzlich in der Ehe, und Lohm ist gerade in diesen Dingen sehr zurückhal- tend. Doch wenn einer etwas mit sich selber austragen will, müssen nicht unbedingt solche Gründe im Spiel sein. Gallich kennt Vera so gut, daß er es für unwahr- scheinlich hält, sie könnte Geschichten gemacht haben, und für Lohm legte er sogar die Hand ins Feuer; der war schon vor Veras Zeiten nie ein Nomade gewesen. Ein Ehekrieg, der andre Ursachen hat, aber kann einen Mann wie Lohm nicht dermaßen belasten, schon gar nicht über Wochen und Monate hinweg, und Veras Gesundheit kann es auch nicht sein, denn dann würde er sich nicht in Schweigen hüllen. Bliebe der Dienst, und da gerade ist alles in Ordnung – die Ermittlungen gegen Lorras hat der Chef zum Glück nicht ihnen aufgehalst, sonst würde Gal- lich einen Ansatzpunkt haben, denn der tote Lorras hat den Genossen, die das Geheimnis um ihn lüften sollen, noch keinen Hemdenzipfel preisgegeben, und das geht nun bald dreieinhalb Monate so –, seitdem Fall Zinn also haben Lohm und Gallich erfolgreich gearbeitet, und der Fall Zinn war ja letztlich auch kein Mißerfolg, wenn auch das Verdienst um seine Aufklärung nicht so eindeutig auf ihrem Konto zu Buche steht, wie es ihnen lieb gewesen wäre. Was also ist mit Lohm? Gallich, soviel er auch dar- über nachgedacht hat, weiß es nicht und kann nur hoffen, daß er die Antwort einmal von Lohm selbst bekommt. Er 195
  • ist übrigens nicht sonderlich scharf drauf; es würde ihm schon genügen, stürmte Lohm eines Morgens ins Zimmer wie eh und je und wäre wieder der alte. Dann würde er, Gallich, nicht mal danach fragen, was denn nun eigent- lich mit ihm gewesen sei. Vera weiß inzwischen, was ihrem Mann zu schaffen macht. Sie weiß es noch nicht lange. Lohm hat eine Wei- le gezögert, ehe er sich ihr anvertraute, und sie war etwas betreten, als sie hörte, warum er gezögert hatte: Er hatte es ihr schon einmal erzählen wollen, gleich den Morgen drauf, nachdem es ihm zum erstenmal passiert war. Er hatte der Sache selber keinen Wert beigemessen und da- von nur angefangen, weil man beim Frühstück über alles mögliche spricht, auch über kuriose Ausschweifungen der Phantasie; aber Vera, wohl noch vom abendlichen Streite satt, hatte ihn gebeten, ihr nicht schon am frühen Morgen mit solchem Zeug die Stimmung zu vergraulen. So hat Lohm fortan geschwiegen, und auch Vera hat eine Zeitlang herumrätseln müssen, was mit ihm wohl sei, denn ihr weibliches Gespür hatte ihr bald zugetragen, daß etwas mit ihm nicht stimmte. Das machte sich an- fangs kaum bemerkbar, zumal er sich nichts anmerken lassen wollte; aber gerade darauf reagierte Veras Sensibi- lität, und mit der Zeit wurde es ja auch deutlicher. Zuerst liefen Veras Vermutungen in die gleiche Rich- tung wie Gallichs, es könnte eine andre Frau dahinterste- cken. Das zu prüfen, hatte jedoch Vera in der Hand, und so wußte sie recht rasch, daß dieser Verdacht gegens- tandslos war. Wenn Lohm Vera liebte, war er unverän- dert, so wie immer, ja, bald war er nur noch so, wenn er sie liebte. Seine zunehmende Zerfahrenheit, sein häufiges geisti- ges Abwesendsein, seine Unruhe nachts und vor allem 196
  • die wiederkehrenden Rufe im Schlaf, die immer gleichen verzweifelten Zurufe: „Schau dich um, schau dich doch um!“, als wollte er, selbst in höchster Panik, einen Men- schen vor einer Gefahr warnen, gegen die er selber machtlos war – das konnte nichts damit zu tun haben, daß er sich in eine andre verliebt hatte. Womit aber hatte es zu tun? Vera wäre dahintergekommen, hätte sie sich des Gesprächs erinnert, das sie an jenem Morgen unter- bunden hatte; aber das lag Wochen zurück, und außer- dem hatte sie ihn ja nicht ausreden lassen, eine Unart, deren Folgen sie sich erst bewußt wurde, als er sich end- lich aus seiner Reserve herauslocken ließ. Auch das geschah bei einem Frühstück, einem aller- dings günstiger bedingten. Es war Sonntag, und das sonntägliche Frühstück ist bei den Lohms eher eine wei- hevolle Zeremonie als pure materialistische Wegzehrung für den Vormittag. Sonntag morgens – wie übrigens auch am arbeitsfreien Sonnabend – findet ein kleines Fest in der Zweizimmerwohnung im Plänterwald statt. Schon beim Aufstehen fragt Vera, in welchem Kleid sie ihm am besten gefalle, und da das ständig wechselt, denn an Vera und mit ihr liebt Lohm die Abwechslung sehr, beginnt der Spaß bereits, falls er sie in Grün verlangt, obwohl sie geschworen hätte, er würde sie sich angesichts des diesi- gen Himmels im helleren Gelb wünschen. Sie zieht dann immer an, wofür er sich entschieden hat. Er fragt sie al- lerdings nie, denn seine Auswahl hält mit ihrer bei wei- tem nicht Schritt. Aber das ist auch gar nicht notwendig; er würde ihr auch farbig genug sein, käme er im schwar- zen Turndreß an den Tisch statt im bügelfreien Sport- hemd, das er abends zuvor eigenhändig gewaschen hat, indem er es einige Male im Wasser schwenkte. Nach Ve- ras Ansicht ist beim Mann der Charakter die Hauptsache, 197
  • und ein ausgebildeter männlicher Charakter kann ohne weiteres auf kleidendes Beiwerk verzichten, während der Charakter einer Frau in seiner Entwicklung gehemmt werden könnte, fühlt sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Die Häute, in die Vera sich an den Wochenenden hüllt, wären freilich eine Augenweide für jeden Mann, nicht nur für Lohm, und da Lohm auch mit den Augen liebt, ist er in dem Punkte ganz ihrer Meinung. Am Wochenende ist er König bei seiner Frau und schon gar beim Frühstück; da darf er nicht mit Hand anlegen, ach, keinen Finger darf er da rühren. Da wird ihm vorgelegt und auf getan, und sollte etwas vergessen worden sein, vielleicht der Paprika für den Käse, dann wäre er unhöflich, wollte er ihn holen gehn. Vera allein fühlt sich zuständig für das Wohl ihres Mannes, und in diese Privatpflicht, die sie sich selbst auf- erlegt hat, ihr hineinzupfuschen, das wäre geradezu verlet- zend für sie. Sie geht und holt den Paprika. Bei jenem Frühstück nun, von dem hier die Rede sein soll, war Vera entschlossen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Sie hatte bei ihrem Mann schon einige Male auf den Busch geklopft, doch stets nur ausweichende Antworten bekommen; was denn, unpäßlich sei jeder mal, vielleicht habe er sich auch mit zu vollem Magen ins Bett gelegt, oder der Tee sei schuld gewesen, den er zu lange auf den Blättern habe stehenlassen, und deshalb sein unruhiger Schlaf. Mit solchen Ausflüchten wollte sie sich nicht mehr abspeisen lassen. Wie die letzte Nacht ihm wieder zugesetzt hatte, las sie deutlich in seinem müden, fahlen Gesicht. Nun war es genug. Nun wollte sie es wissen. „Gut geschlafen?“ fragte sie, als sie ihm den Kaffee einschenkte. „Doch, doch, danke.“ 198
  • „Das klingt aber nicht sehr überzeugend.“ „Ich habe wirklich nicht schlecht geschlafen.“ „Aha“, sagte sie, und Lohm sah sie an. „Gut geschla- fen hast du also nicht, sondern nur nicht schlecht.“ „Ist da ein Unterschied?“ „Ich denke schon. Ich habe miserabel geschlafen. Ich bin plötzlich wach geworden, und als ich auf die Uhr sah, war es eins; Ich konnte dann lange nicht einschlafen, weil du mich mehrmals gerufen hast.“ „Ich?“ sagte Lohm ungläubig. „Dich?“ „Wen sonst?“ Lohm tat verwundert, aber er sah dabei nicht glücklich aus. Nicht jeder ist ein so perfekter Schauspieler wie der Unterleutnant Schramm. „‚Schau dich doch um’, hast du gerufen, immer das- selbe, ich solle mich doch umschauen. Aber wie du das gerufen hast! Als drückte dir jemand die Kehle zu.“ „Warum hast du mich nicht geweckt?“ „Hab’ ich doch. Weißt du das denn nicht?“ „Nein.“ „Du hast dann lange wach gelegen und nicht mal ge- merkt, wie ich die Uhr vom Nachttisch nahm und drauf schaute. Da war es dann schon gegen drei.“ „Vielleicht“, sagte Lohm zögernd, „sollte ich mich für die nächste Zeit hier im Wohnzimmer einquartieren, auf der Couch, damit ich dich nicht mehr störe.“ „Du rechnest also damit, daß es so bleibt, jedenfalls in der nächsten Zeit. Hm, ich glaub’s fast auch.“ Vera sah ihn an. „Weil das in den Nächten schon eine ganze Weile so mit dir geht.“ „Das weißt du?“ sagte Lohm betroffen. „Ich liege schließlich neben dir, Lieber, und dazu bin ich auch noch eine Frau. Ich bin zwar keine Prinzessin 199
  • auf der Erbse, aber einen Schlaf wie ein Bär hab’ ich auch nicht.“ Lohm sagte schuldbewußt: „Ich hätte es dir längst sa- gen sollen, das heißt“, er runzelte die Stirn, „ich hab’ es dir schon einmal sagen wollen, damals, nach unserm Streit wegen Zinn und dieser Friedhofsgeschichte.“ „Und warum hast du nicht?“ „Weil …“ Er hielt inne, und dieses Innehalten ließ Ve- ra sich dunkel auf jenen Morgen besinnen, an dem sie ihm so unwirsch das Wort abgeschnitten hatte. Es war also ihre Schuld, daß er mit der Sprache nicht herausge- rückt war, und wenn er jetzt kleinlich dachte … Aber da hörte sie ihn sagen: „Weil ich annahm, es würde eben nur ein Traum gewesen sein wie jeder andre auch.“ „Und ist er das nicht?“ „Er kommt immer wieder.“ „Immer der gleiche?“ „Ja“, sagte Lohm. „Das ist es ja. Einer unterscheidet sich nicht vom andern, in nichts unterscheiden sie sich. Immer derselbe Hügel, derselbe See, aus dem sie herauf- steigt …“ „Wer?“ „Die Steffi Zinn. Und immer steigt er den Hügel herab.“ „Zinn?“ „Ja, er. Und dann treffen sie auf halber Höhe zusam- men, sie voller Lebensfreude, lachend und beschwingt, und er eiskalt, eisig. Und ich schweb’ drüber und sehe alles mit an, und wie er dann die Pistole zieht hinter ihrem Rücken, kann ich nicht ’runter, du weißt, wie’s einem manchmal im Traum ergeht, man müht sich verzweifelt ab und kommt keinen Zentimeter von der Stelle.“ „Wenn man verfolgt wird oder jemandem hinterher- rennen will. Ich stecke dann meist bis an die Knie in ei- 200
  • nem zähen Schlamm, der sich an mir festsaugt, je wilder ich mich bewege, desto fester.“ „Ich stecke nicht im Schlamm, ich fliege, mal höher, mal tiefer, wie ich will, mühelos. Aber wenn er die Pis- tole zieht, kann ich nicht mehr von der Stelle, da brauch’ ich nicht mal mit den Armen mehr zu rudern, ich komme einfach nicht ’runter, und da ruf ich ihr halt zu, sie solle sich umdrehn, damit er sie nicht erschießt. Aber sie hört mich nicht, und da erschießt er sie von hinten, mehrere Schüsse, alle in den Nacken. Und dann blutet sie, und wie das Blut über ihren weißen Rücken rinnt …“ „Hat sie denn nichts an?“ „Nein, nichts, sonst wäre es wahrscheinlich nicht so entsetzlich. Aber dieses fließende Rot auf dem weißen Rücken, und wie das Weiß immer mehr schwindet, wie sie dann umsinkt und stirbt, ganz rot … das, Vera, ist grauenhaft.“ „Schon wenn ich’s mir nur vorstelle“, sagte sie. „Aber wenn ich’s träumen müßte, immer und immer wieder … Ich glaub’, ich hielte das gar nicht aus.“ Sie blickte ihn an, zärtlich und voller Verständnis, und konnte ihm vom Gesicht ablesen, wie wohl ihre Worte ihm taten. Was hätte sie ihm auch sonst sagen sollen? Ich bin ja doch bei dir jede Nacht, du mußt nur daran denken, daß ich immer an deiner Seite liege? Das konnte ihm nichts geben, war er in seinen Träumen doch so allein und einsam, wie es ein Mensch nur sein kann. Jeder ist allein in seinen Träumen. Und mit ihnen. Daß er sich damit nun nicht mehr allein abschleppen mußte, daß er, sooft er wollte, künftig zu ihr davon sprechen konnte, war vielleicht mehr wert als jedes aufmunternde Wort. Sie konnte nur hoffen, daß es so sei, und sie wünschte es. 201
  • „Ich träume zwar nicht jede Nacht, aber mittlerweile habe ich Angst vor jeder Nacht, richtige Angst“, sagte er. „Diese Angst mag idiotisch sein, gewiß, und ich sage mir das auch ständig. Aber ich kann nichts gegen sie tun. So- bald es Abend wird, geht das los. Und das frißt an den Nerven.“ „Wir werden Urlaub machen, Herbert“, sagte sie. „Eine andre Umgebung, andre Menschen …“ „Und weißt du, was mich am meisten fertigmacht? Daß ich ihr nicht helfen kann, dieses Gefühl der absolu- ten Ohnmacht. So wie sie ausgeliefert ist, so bin auch ich’s. Sie wird umgebracht, und ich schaue zu. Ich bin verdammt dazu, Augenzeuge eines Verbrechens zu sein. Obwohl’s nur ein Traum ist, erlebe ich es. Ich erleb’s wie wirklich. Und wenn ich dann mit ansehen muß, wie Zinn davongeht, gemächlich, als gäbe es nichts auf der Welt, was er fürchten müßte …“ „Nachdem er seine Frau erschossen hat.“ „Ja, und ich kann ihm nicht hinterher, kann ihn nicht festhalten und wegschleifen, an den Haaren möchte ich ihn wegschleifen, diesen kaltblütigen Mörder, aber ich komme ja nicht vom Fleck, bin wie festgeleimt in der Luft. Und er steigt über den Hügel … Das ist für mich wie eine Bankrotterklärung.“ „Im Traum, Herbert“, sagte Vera. „Die Wirklichkeit ist anders. Das wißt ihr ja nun.“ Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Durch deinen Friedhofstest. Insofern war es also doch gut, daß ihr ihn gemacht habt.“ „Mag sein“, sagte Lohm. „Aber was nützt mir die Ge- wißheit, wenn sie mich vor diesem scheußlichen Traum nicht bewahrt! Lege ich mich schlafen, suggeriere ich mir: Zinn ist unschuldig, und seine Frau wurde ertränkt und nicht erschossen, schon ein Punkt, der den Widersinn 202
  • meines Traums beweist, und ihr Mörder, dieser Lorras, ist tot. Das hämmre ich mir in den Schädel, ehe ich ein- schlafe, und dann – dann steigt Zinn doch wieder über den Hügel …“ II In einem der Punkthäuser am Fischerkietz wohnt Rudolf Grisuttke, Doktor der Psychiatrie, in der vierzehnten Eta- ge. Das hat er Lohm am Telefon gesagt, Und als Lohm überrascht ausrief: „Mensch, da gedeihst du ja – umringt von lauter Prominenz!“, war der Hörer einige Sekunden lang von dröhnendem Lachen voll, und dann brüllte Gri- suttke: „Hoffentlich geh’ ich nicht an Überarbeitung ein, eh’ ich zum Gedeihen komme. Ich wohne ja erst vier Wo- chen hier, und da hat sich das noch nicht rumgesprochen.“ Grisuttke hatte vorher eine Altwohnung in Weißensee, einen dieser Vertikalpaläste, wie er es nannte, von Archi- tekten ersonnen, die in unbezähmbarem Drang nach Hö- herem gestrebt haben mußten, das sah man an der Über- betonung der dritten Dimension. Die Zimmer waren von verschwenderischer Geräumigkeit auf Kosten ihrer Län- ge und Breite, doch welcher Mensch wohnt in die Höhe? „Euer Wohnzimmer, aha“, stellte Lohm einmal bei ei- nem Besuch in Weißensee ahnungslos fest. „Unser Wohnkamin“, korrigierte Grisuttke, der damals noch passionierter Bergsteiger war. „Sechs Meter lang, dreieinhalb breit, aber fünfe hoch. So was nennt man ei- nen Kamin. Leni nennt’s zwar unsre Wohnklamm, aber ’ne Klamm ist der reinste Tanzsaal dagegen.“ Nun ist er also diesen Ärger los, der Rudolf Grisuttke, mit dem Lohm Anfang der fünfziger Jahre das Abitur gemacht hat an der ABF in Rostock, und sie haben nicht 203
  • nur gemeinsam gelernt und gebüffelt, sie haben auch manches unternommen, wovon sie immer wieder gerne reden, wenn sie sich mal sehn, nur leider sehen sie sich allzu selten. Dann aber werden die alten Geschichten durchgehechelt, der erste Ernst des Lebens, der immer eine Liebesaffäre ist, und die Liebesaffären, die dann schon nicht mehr so ernst genommen wurden, und selbstverständlich auch die nur-männlichen Unterneh- mungen, von denen Grisuttke immer noch schwärmt, denn er war ein gewaltiger Zecher und steckte stets bis über die Ohren in Schulden. Davon wird heute freilich nicht die Rede sein, denn Lohm wird nicht den Schulkameraden besuchen, sondern den Psychiater konsultieren, da es mit ihm so nicht wei- tergeht, das hat er inzwischen eingesehn, und außerdem wird Vera dabeisein. „Unfug, Klinik, wo liegt denn die!“ hat Grisuttke ins Telefon gebrüllt. „Du kommst ganz privat zu mir, ist doch klar. Du liegst doch direkt in meinem Schatten mit deinem Präsidium, und Vera bringst du mit, damit Leni auch was hat.“ Leni ist Lohm schon von Rostock her bekannt, wo Grisuttke sie eines Abends aufgegabelt hatte. „Von der Mole gerissen, Jungs, grad noch im letzten Augenblick. Schaut sie euch an, damit ihr seht, was so was für Folgen haben kann, manche nennen’s auch Liebe. Nicht mal ih- ren Namen kriegt sie über die Lippen, so fertig ist. sie mir der Welt. Kann man so ein armes Wurm wieder in die Nacht hinausjagen? Na also! Dann leg dich mal schön in meine Falle, Leni, und ich penne bei Herbert im Bett, der muß etwas an die Wand rücken.“ Grisuttkes mannhafte Tat hatte die Insassen des Zim- mers so beeindruckt, daß selbst das Mitglied der FDJ- 204
  • Leitung Arnofred Zickelmann sich schlafend stellte, um nicht einschreiten zu müssen, als die willenlose, unver- ständlich lallende und glasig blickende Konterbande na- mens Leni an Bord verfrachtet wurde, gleich wie sie war, in ihrem zerknitterten Kattunfähnchen, und als sie sich selber die Bettdecke über die Nase zog, atmeten alle auf; nachts erschütterten mitunter Kontrollen das Internat. Die Mole war freilich eine Schifferkneipe gewesen, wo Grisuttke, stand die schwarze Anna hinterm Tresen, mitunter noch einen auf Pump verlöten konnte, und daß er nicht an die Wirtin, sondern an Leni geriet, die mit einem Dutzend Koks im Leibe im hintersten Winkel ih- ren Liebesgram ausheulte, war einer jener unerforschli- chen Glücksumstände, die Grisuttke schon vor Schlim- merem bewahrt hatten. Denn Leni wurde seine Frau. Immer wenn Lohm Frau Grisuttke begegnet, will er nicht glauben, daß sie die Leni von Rostock sein soll, jenes unscheinbare, zerbrechliche Ding, das sie als le- bensmüde in ihre Obhut genommen hatten, um dann mit- ten in der Nacht feststellen zu müssen, daß sie nur voll- trunken war, zwar nicht aus unehrenhaftem Grunde, denn sie hatte sich in einen russischen Kapitän verliebt, und der hatte sie nicht mitnehmen können, obwohl er ledig war. Der Kapitän ist längst vergessen, Leni ist eine statt- liche Frau geworden von jener herben Schönheit, die im kühleren Norden reift, und hat eigentlich gar keine Sor- gen außer einem unterschwelligen Groll: Sie gilt als nicht berufstätig, obwohl sie einen Mann umsorgt und fünf Kinder dazu. Als Lohm mit Vera aus dem Lift steigt, steht sie schon in der Tür, freut sich über die Maiglöckchen und lobt mit neidloser Bewunderung und einem unterdrückten Seufzer Veras schmale Taille. Die Kinder sind im Bett, bei fünfen 205
  • muß es wie am Schnürchen gehn, sonst geht’s überhaupt nicht. Grisuttke, ausgesprochenes Schwergewicht, ein dicker Mann mit gedrungenem Körper und dreifach ge- knicktem Kinnsack, tritt in die Diele, als sie ablegen, vollbringt vor Vera eine galante Verbeugung und röhrt Lohm ins Gesicht: „Fein, daß du dich wieder mal meiner erinnert hast.“ Lohm dankt für den warmen Empfang mit saurer Miene; so gern ist er nun wieder auch nicht hier, ist er doch nicht zum Vergnügen gekommen. Die Wohnung muß besichtigt, der Ausblick genossen werden, der flimmernde Alex mit seiner am Himmel leuchtenden Krone, der Kuppel des Fernsehturms; wer hätte das gedacht, haha, wir können schon, wenn wir wollen, und schaut man aufs Wasser hinab, wird einem erst so recht bewußt, daß man vierzehn Stockwerke hoch steht über der Spree, die silbern heraufblinkt. „Gut?“ fragt Grisuttke. „Sehr gut“, sagt Lohm. „Den Architekten kann man zwar nicht absprechen, daß auch sie einen Drang nach Höherem haben, wenn auch auf andre Art, aber das nenne ich wenigstens räum- liche Ökonomie“, sagt Grisuttke, den Arm hochstre- ckend, mit dem er die Decke nicht erreicht, und Lohm pflichtet ihm bei, er könnte sie erreichen. „Nehmt euch, was ihr braucht“, sagt Grisuttke zu Leni. „Wenn ich ihm auf den Zahn gefühlt hab’, kommen wir zu euch ’rüber, und dann lassen wir einen Pfropfen knal- len.“ „Woher willst du wissen, ob wir beide nicht gleich damit anfangen?“ sagt Leni, und Grisuttke lacht. „Dein Zimmer?“ fragt Lohm. „Weiß noch nicht genau“, sagt Grisuttke. „Vielleicht verzieh’ ich mich doch noch ins kleinste und trete das an 206
  • die beiden Jungs ab. Die rebellieren nämlich, weil Hella hier ein eigenes Zimmer hat.“ „Hella muß doch bald achtzehn sein.“ „War sie längst. Stammt doch noch aus Rostock.“ „Ach ja, richtig“, sagt Lohm. „Manchmal fragt man sich, wo die Zeit nur hin ist.“ „Du“, sagt Grisuttke, „du fragst dich. Mach deiner Ve- ra Kinder, und du wirst es sehn. Sie ist doch wie geschaf- fen dazu.“ „Findest du?“ sagt Lohm, leicht konsterniert. „Na, und ob!“ brüllt Grisuttke. „Denk doch mal an Leni! Die war auch nur ’n Strich damals.“ Strich, denkt Lohm, Vera ist doch kein Strich, es sei denn für einen, der seine hundertzehn Kilo drauf hat wie du. „Was willst du trinken?“ fragt Grisuttke. „Kognak, Whisky, Genever oder ’n ganz profanes Exportpils.“ „Was hast du denn für Whisky?“ „Old Smuggler“, sagt Grisuttke und grinst. „Und falls der dich innerlich erschüttert, hab’ ich auch noch einen Falckner.“ „Dann gib mir doch von jedem einen“, sagt Lohm, „das ergibt vielleicht ’ne gute Koexistenz.“ Grisuttke starrt Lohm zuerst an, dann lacht er dröh- nend auf und brüllt: „Junge, du hast ja noch Ideen! Weißt du, was wir machen? Wir nehmen drei, von jedem einen, und den dritten gemixt, Dumbarton und Luckenwalde.“ „Und alle pur.“ „Das möchte sein!“ Lohm fühlt sich frei von allen Hemmungen, seit er mit Grisuttke allein ist, ja, er bedauert sogar, daß Vera nicht eher auf den Gedanken kam, er solle sich doch seinem Schulfreund anvertrauen, wenn er schon nicht 207
  • einen Polizeiarzt konsultieren wolle. Nun hat er es also getan, nicht ohne Überwindung immerhin, und jetzt wundert er sich bereits, daß ihn dieser Gang zu Grisuttke Überwindung gekostet hat, selbst der Druck auf den Liftknopf ging ihm nicht leicht von der Hand. Und nun sitzt er hier in dem hochlehnigen weichen Drehsessel mit einer Selbstverständlichkeit, als wenn’s weiter nichts wäre, und schaut Grisuttke an, wie der den Bar- wagen mit den klimpernden Flaschen und Gläsern her- anschiebt und die reichhaltige Bestückung um den Old Smuggler und den Falckner erleichtert, wie er die Glä- ser füllt und an seinen beiden riecht, mit der Duftprü- fung offensichtlich zufrieden, und wie er je ein drittes Glas auf den Tisch stellt und mit viel Spaß an der Sache die Koexistenz zusammenmischt, maßgerecht am Auge, von keiner Marke einen Tropfen zuviel. Und fast will es Lohm scheinen, als betreibe der Arzt damit bereits eine Art Therapie, Beruhigungstherapie, sollte es das geben; denn Lohm ist nicht nur ruhig, es verlangt ihn jetzt schon danach, zum Thema zu kommen, und eine gewis- se Neugier ist in ihm erwacht auf das Resultat dieser etwas hemdsärmeligen Konsultation. Solange der Old Smuggler im Glase schimmert, dauert Lohms Bericht. Als sie beim Falckner sind, weiß Grisutt- ke Bescheid und mustert, schwer im Sessel liegend, den Freund eine ganze Weile. Das macht Lohm etwas nervös. „Wann ging denn das los mit diesen Träumen?“ fragt Grisuttke dann. „In der Nacht nach dem Begräbnis.“ „Als ihr diesen ulkigen Test gemacht hattet.“ „Ulkig? Nun ja …“ „Auf den hin du dir einbildetest, dieser Zinn könne es nicht gewesen sein.“ 208
  • „Was heißt, ich bildete es mir ein?“ sagt Lohm. „Zinn wußte ja nicht, daß Schramm nur ein Strohmann war. Für ihn stand Schramm bei uns in Verdacht. Wäre Zinn der Täter gewesen, hätte er Schramm nicht festgehalten. An den Fingern seiner Hand konnte er sich ausrechnen, daß wir dessen Unschuld bald festgestellt hätten, und dann wäre der Verdacht womöglich noch stärker auf ihn gefal- len. Also hätte er ihn entkommen lassen. Er mußte es sogar, und den Umständen nach hätte das bei uns nicht mal Argwohn erregt, immer aus seiner Sicht gesehn, ver- steht sich. Der Sturm, der Sand in der Luft, man konnte ja auf zehn Schritte kaum noch was erkennen. Das war doch eine einmalige Gelegenheit für ihn, den Verdacht für immer von sich zu wälzen. Wenn Schramm entwisch- te, nahm er den Verdacht mit, und nur ein Risiko wäre Zinn dabei eingegangen: daß wir Schramm irgendwann einmal aufspürten. Aber das konnte ebensogut nicht ge- schehen.“ „Das leuchtet alles ein“, sagt Grisuttke und richtet sei- ne Augen auf Lohm. „Es sei denn, dieser Zinn ist schlau- er, als es die Polizei erlaubt, und hat, warum nicht, die Finte durchschaut.“ „Nach menschlichem Ermessen ist das unmöglich“, sagt Lohm entschieden. „Was ist menschliches Ermessen“, sagt Grisuttke mit leiser Geringschätzung. „Das ist eine ebenso nebulöse Sache wie der gesunde Menschenverstand. Es gibt ins- tinktive Reaktionen, bei denen die Ratio seelenruhig schläft. Außerdem könnte er deinen Unterleutnant ge- kannt haben, ihr Kriminalisten lebt ja nicht im luftleeren Raum.“ „Ausgeschlossen. Schramm kommt aus Zittau, er ist erst eine Woche vor dem Begräbnis zu uns versetzt worden und 209
  • macht Eigentumsdelikte. Ich habe mir schon den richti- gen Mann ausgesucht.“ „Wohl dem, der seiner so sicher ist“, sagt Grisuttke und prostet Lohm zu. „Zigarette?“ „Gern.“ Grisuttke greift in ein Fach des Barwagens und häuft ein paar Schachteln auf den Tisch, darunter eine grün- weiße mit arabischen Schriftzeichen und einem stilisier- ten Motorschiff als Vignette. „Suez“, liest Lohm. „Probier mal, rein Virginia. Gibt’s leider nicht in Berlin.“ „Warst wohl in Kairo, wie?“ „Nicht ganz so weit“, sagt Grisuttke schmunzelnd und hält Lohm die Schachtel hin, „nur in Friedrichroda.“ Grisuttke steckt sich eine Zigarre an, dem Aussehen nach eine Havanna. Im Nu umhüllt ihn eine Wolke blau- en Rauchs. „Und der Traum kehrte dann ständig wieder?“ „Eben nicht. Ich träumte ihn in jener Nacht und dann nicht mehr, bis wir auf diesen Lorras gestoßen waren und mit ihm auf den Mörder der Zinn. Das war kurz vor Weihnachten, etwa anderthalb Monate nach dem Be- gräbnis. Von da ab ging es dann los“, Lohm lächelt sau- er, „man könnte sagen kontinuierlich.“ „Hm, das ist ja ’n Ding“, murmelt Grisuttke. „Seitdem du nun mit Sicherheit weißt, viel sicherer als durch dei- nen Test, daß Zinn nicht der Mörder ist, träumst du, er erschießt seine Frau. Du hattest es erst einmal geträumt, damals glaubtest du auch, Gewißheit zu haben. Dann war eine Zeitlang nichts, aber als du endlich den Beweis hat- test, kam der Traum wieder, und diesmal in Permanenz. Jetzt haben wir Mai, das sind runde fünf Monate.“ 210
  • „Es macht mich fertig“, sagt Lohm. „Ich kann tun, was ich will, nichts hilft. Ich hab’ schon eine Flasche Wodka ausgetrunken, um schlafen zu können. Da habe ich geschlafen, aber ich kann doch nicht jeden Abend eine Flasche Wodka trinken, wo führt denn das hin! In letzter Zeit nehme ich Schlafmittel; da bin ich dann den nächsten Tag wie gerädert, und inzwischen träume ich trotzdem wieder. Wahrscheinlich hab’ ich mich an das Zeug gewöhnt. Glaub mir, Rudi, ich hätte dich nicht behelligt, wenn ich … Und es ist ja auch wegen Vera. Ich merke doch, wie sie drunter leidet. Ich baue ja regel- recht ab.“ Er streift die Asche von der Zigarette und spürt Grisuttkes Blick auf seiner Hand, die plötzlich zittert. „Und dann dieser Widersinn! Wenn er sie schon ertränken würde, na schön, ich habe ihn anfangs ver- dächtigt und das könnte sich im Unterbewußtsein einge- nistet haben. Aber er erschießt sie!“ „Wie lebst du eigentlich mit Vera?“ fragt Grisuttke, völlig zusammenhanglos, wie es Lohm scheinen will, und der blickt den Freund verdutzt an. „Wie ich mit Vera lebe?“ „Ja“, sagt Grisuttke. „Ihr seid doch noch nicht lange verheiratet.“ „Zwei Jahre.“ „Und bist du, wie man so sagt, glücklich mit ihr?“ Gri- suttke, als er Lohms wachsendes Erstaunen wahrnimmt, fügt rasch hinzu: „Ich meine, bist du mir ihr zufrieden, klappt alles?“ Nun begreift Lohm. Aber ehe er antworten kann, ruft Grisuttke: „Mein Gott, wie steht’s bei euch, auf deutsch gesagt, mit dem Sex?“ „Was hat denn das damit zu tun?“ sagt Lohm. Grisuttke lächelt hinter einer dicken Rauchwolke. 211
  • „Wenn du zu Hansbacher gegangen wärst … den kennst du doch, Professor Hansbacher.“ „Dem Namen nach.“ „Also wenn du zu dem gegangen wärst“, fährt Grisutt- ke fort, „hätte der dir, wie ich ihn kenne, anhand dieses Traumes sexuelle Komplexe nachgewiesen. Als ihr die ertrunkene Zinn fandet, war sie nackt, nicht wahr, und notwendigerweise hast du sie dir genau angeschaut.“ Lohm nickt. „Die Steffi Zinn, die dir im Traum begegnet, ist eben- falls nackt und wird erschossen, von wem ist erst mal gleichgültig, sondern womit. Mit einer Pistole, aha, da hätten wir’s schon! Woran erinnert dich eine Pistole, ent- fernt natürlich, entfernt, aber woran erinnert sie dich in der Form? – Siehst du, das wär’ doch ein gefundenes Fressen für einen wie Hansbacher, der von seinem Freud nicht loskommt.“ Grisuttke rekelt sich behaglich in seinem Sessel, schwenkt sich dabei genußvoll hin und her, soweit es ihm die ausgestreckten Beine gestatten, und mustert Lohm abwartend. „So ein Unsinn!“ sagt der entrüstet. „Bei einem sol- chen Anblick vergehn dir jegliche Assoziationen. Hast du schon mal eine Wasserleiche gesehn?“ „Unsinn würde ich es trotzdem nicht nennen“, ent- gegnet Grisuttke, „obwohl ich einer solchen Deutung nicht das Wort rede. Mir überwiegt dabei das spekula- tive Moment zu sehr zuungunsten der wissenschaftli- chen Belegbarkeit. Das soll nicht heißen, daß ich den Hansbacher insgesamt ablehne. Solange es Bezirke gibt, von denen wir nicht viel mehr wissen als vom Mars, ist das mit der Wissenschaftlichkeit so eine Sa- che, und insofern …“ 212
  • „Du denkst doch nicht im Ernst …“, fällt Lohm dem Freunde ins Wort. „Nun bleib mal hübsch auf dem Teppich“, sagt Gri- suttke. „Ob nun Hansbacher recht hätte, was ich bezweif- le, oder nicht, abgesehn davon, daß ich ja nicht für ihn diagnostizieren kann, also gar nicht erwiesen ist, ob er wirklich so … verstehst du … das alles soll uns jetzt mal gar nicht interessieren. Du hast diesen Traum, und den willst du loswerden. Und wahrscheinlich hast du ihn, weil du mit der Lösung des Falles Zinn im Innersten un- zufrieden bist, ohne daß du dir dessen bewußt wirst.“ „Woraus schließt du das?“ „Aus deinem Durchrasseln beim Abitur. Dein Direktor prophezeit dir ja sogar, du werdest nicht mal ein durch- schnittlicher Kriminalist werden. Na, bitte.“ „Ist das nicht auch sehr spekulativ?“ Grisuttke lächelt. „Solche Schulträume, mein Lieber, sind nicht selten, und die meisten sind nachweislich auf mangelnde Erfolgserlebnisse im späteren Leben zurück- zuführen.“ „Aber der Fall Zinn ist für mich gelöst!“ sagt Lohm. „Der Mörder hieß Lorras, und Lorras ist tot. Zinn ist für mich heute eine integre Person wie jeder beliebige andre auch, wie du oder Vera oder ich selber.“ „Im Bewußtsein, ja“, sagt Grisuttke. „Aber einmal hast du ihn verdächtigt, und das sitzt in dir drin, du weißt es nur nicht. Und in diesen Träumen tritt es wieder in dein Bewußtsein. Oder hattest du nie einen Verdacht ge- gen Zinn?“ „Doch“, sagt Lohm, „anfangs schon, eigentlich bis zu diesem Test beim Begräbnis.“ „Und warum hast du ihn verdächtigt? Weil er der Ehemann war? So ganz routinemäßig?“ 213
  • „Das auch. Aber da war noch mehr. Diese scheue Zu- rückgezogenheit der beiden, für die es im Grunde keine stichhaltige Erklärung gab – die Ratten allein, die genüg- ten mir nicht. Und dann der Streit, angeblich der erste nach fünfundzwanzigjähriger Ehe, bei dem’s um nichts gegangen sein soll. Das ergab so gar kein Bild. Zwei Leute, die in bestem Einvernehmen leben, und plötzlich ein Zerwürfnis mit solchen Folgen, und das aus heiterm Himmel und um eine Lappalie? Das schmeckte mir nicht. Ich vermutete mehr dahinter als nichts, als nur eine nerv- liche Explosion. Tja, und nicht zuletzt sein Alibi, bilder- buchsauber, sag’ ich dir, wie gedrechselt … Da wird ein Kriminalist nun mal stutzig.“ „Und fängt zu träumen an.“ Grisuttke nickt. „Fängt an zu träumen, als er sich gewaltsam davon lösen muß, weil die Tatsachen ihn widerlegt haben.“ Er sieht Lohm voll an. „Du bist damit noch lange nicht fertig, mein Junge, du hast es nur verdrängt.“ „Was kann man dagegen tun?“ fragt Lohm. Grisuttkes Augen, hinter dicken Wülsten fast verbor- gen, ruhen forschend auf Lohm. Der liest in ihnen, daß der Freund ihm ansieht, wieviel er sich von der Antwort erhofft, und er hat das Gefühl, als sei Grisuttke gar nicht glücklich über das naive Vertrauen, das er ihm entgegen- bringt. Wenn Grisuttke jetzt sagte: „Was stellst du dir bloß unter einem Arzt vor, mein Gott, einen Alleswisser, einen Zauberkünstler?“, es würde Lohm nicht überra- schen. Aber Grisuttke sagt vorerst nichts. Grisuttke hüllt sich in Schweigen. Ohne den Blick von Lohm zu wenden, greift er nach der Flasche, gerät an den Falckner, gießt die Gläser voll und trinkt, wobei er wohlig aufseufzt: „Ah, so’n Whisky ist doch was Feines!“ 214
  • „Was soll ich tun?“ sagt Lohm. „Seit ich Vera davon erzählt hab’, kniet sie mir auf der Seele, wir sollten Ur- laub machen, sofort, irgendwohin, nur möglichst weit weg, Bulgarien oder so. Sie meint …“ „Urlaub ist immer gut“, sagt Grisuttke mit wehmüti- gem Lächeln, „aber Ländergrenzen schützen vor Träu- men nicht. Den nimmst du garantiert mit in deinem Rei- segepäck, und dann ist dir der ganze Urlaub vermasselt. In die Ferien kannst du gehn, wenn du wieder vernünftig schläfst.“ Nun greift auch Lohm zum Glas. Daß Grisuttke ihm mit solcher Entschiedenheit den Urlaub ausreden würde, von dem Vera sich geradezu Wunder verspricht und an den er inzwischen auch schon Hoffnungen knüpfte, das hätte er nicht gedacht. Das klingt ja gerade so, als wisse Grisuttke sehr genau, wie in seinem Falle zu verfahren sei! „Noch einen?“ fragt Grisuttke. „Danke.“ „Du bleibst schön hier, mein Lieber“, sagt Grisuttke bestimmt, „und wenn du einmal Zeit hast und deine Vera einen Abend auf dich verzichten kann, stattest du diesem Zinn einen Besuch ab.“ Lohm runzelt die Brauen, aber Grisuttke fährt unbeirrt fort: „Ganz zivil, verstehst du, nicht als Kriminalist, son- dern als Mensch, als Mitmensch, Guten Tag, Herr Zinn, wir hatten ja mal, Sie wissen ja, und da wollte ich mal, da ich zufällig in Ihrer Nähe war … So ganz auf die men- schenfreundliche Tour.“ „Und wozu das?“ „Besser noch, du lädst ihn ein, wenn’s sich machen läßt. Zum Glück gibt’s noch ein paar Kneipen in Berlin, und beim Bier lernt man sich am besten kennen.“ „Ich soll ihn kennenlernen?“ 215
  • „Vielleicht gelingt’s dir sogar, dich mit ihm auf ein neues Treffen zu verabreden, und dann setzt ihr euch wieder zusammen.“ Grisuttke steckt seine erloschene Zigarre in Brand, und wie er sie ansaugt, sagt er zwi- schen den einzelnen Zügen: „Ja, du – sollst – ihn – ken- nenlernen. Du mußt – ihn – kennenlernen.“ Er wedelt die Streichholzflamme aus und wirft den verkohlten Rest in den Aschenbecher. „Sonst bleibt er für dich der Mörder seiner Frau. Du weißt zwar, daß er es nicht ist, aber du mußt es nicht nur wissen, es muß dir unbewußt bewußt werden, daß dieser Zinn eine integre Person ist, wie du sagst, eine harmlose Erscheinung, ein Durchschnitts- mensch wie viele andre auch. Und das erreichst du nur, wenn du ihn näher kennst.“ „Und du meinst, daß ich sie auf diese Weise los wer- de, die verdammten Träume?“ fragt Lohm zweifelnd. „Ich hoffe es“, sagt Grisuttke und stemmt sich ächzend aus dem Sessel. „Wir werden ja sehn. Ende der Konsulta- tion! Komm, mein Lieber, jetzt gehn wir ’rüber zu unsern Weibern und trinken mit ihnen ’ne Flasche Sekt.“ Er beugt sich zu Lohm herab, der sitzen geblieben ist, und legt ihm den Arm um die Schulter. „Los, du Patient, du Geheimnisträumer, ich will endlich wissen, ob deine Ve- ra mit sich flirten läßt.“ III Zinn hebt erstaunt die Brauen, als er Lohm vor der Tür stehen sieht, und Lohm hat das peinliche Gefühl, daß den starr auf ihn gerichteten Augen nicht entgeht, wie unan- genehm dieser Besuch ihm ist. Zum erstenmal bemerkt er eine zupackende Schärfe in Zinns Blick, die gleichsam unter die Haut dringt. 216
  • „Guten Tag, Herr Zinn“, sagt er, und Zinn erwidert den Gruß und bittet ihn einzutreten, wobei er die Tür freigibt. Lohm, noch in der Diele, begründet sein Kommen, wie Grisuttke es ihm geraten hat, obwohl er weiß, daß eine noch so einleuchtende, unverfängliche Begründung den letzten Argwohn doch nicht behebt, kommt sie von einem Kriminalisten. Aber Zinn zeigt sich dankbar und ist des Lobes voll über eine solche Anteilnahme der Poli- zei, diesen über das Dienstliche weit hinausreichenden menschlichen Zug, nun ja, man lebe schließlich nicht in einem Lande, wo der eine des andern Wolf sei. Es ist sommerlich heiß an diesem leuchtenden Mai- abend, selbst hinter den dicken Mauern des alten Hauses, und im Zimmer, das Lohm schon kennt, dreht sich leise surrend ein Ventilator. Zinn will sich eine Jacke über- streifen, aber da fragt Lohm, ehe er sich setzt, ob er seine ebenfalls ausziehen dürfe, und Zinn meint, er möge es sich nur bequem machen, allerdings sitze er nicht gern einem Gast im Hemd gegenüber, er finde das unschick- lich. Dagegen erhebt Lohm höflich Protest, seinetwegen nicht und so unter Männern und noch dazu bei diesen Temperaturen, da schwitze man in einer Jacke ja wie eine Frau im Korsett. In Zinns Gesicht tritt ein wehmütiger Ausdruck. Das schon, räumt er ein, aber gerade seine Steffi habe immer Wert auf tadellose Umgangsformen gelegt, und das habe auf ihn abgefärbt in den vielen Jah- ren. Steffi habe nichts so sehr mißfallen wie Hemdsärme- ligkeit, egal in welcher Form; aber nun sei sie ja nicht mehr, leider, leider, und diesen kleinen Verstoß gegen die guten Sitten werde sie ihm hoffentlich verzeihen. Lohm hat aber den Eindruck, als glaube Zinn nicht recht an Steffis Nachsicht; er scheint sich unbehaglich zu fühlen 217
  • so im Sporthemd mit den weiten Ärmeln, die bis auf die Ellenbogen herabreichen und weiße unbehaarte Arme sehen lassen, scheint sich zu fühlen, als sei er überall nackt. Dieser Eindruck verwischt sich jedoch, je mehr das Gespräch sich einpendelt. Als Zinn von seiner Einsamkeit spricht, ergeht er sich im gleichen Ton, mit der er seinen Verstoß gegen die guten Sitten bei Steffi entschuldigt hat, und mehr als einmal wird Lohm peinlich berührt von seiner Sentimen- talität, der etwas Theatralisches anhaftet. Doch er hört zu, wenn auch mit Widerstreben; er verbirgt es hinter einer aufmerksamen, mitfühlenden Miene. Denn er darf Zinn nicht unterbrechen, ihn auf ein anderes Thema lenken, so rasch darf er es nicht, ist er doch nur eben so vorbeige- kommen, weil er zufällig in der Nähe war und sich ge- sagt hat, du könntest mal schauen, wie es Herrn Zinn geht. Und mit halbem Ohr hinhören kann er auch nicht; ein Kriminalist hört immer hin, es könnte ja ein einziges Wort wichtig sein, und obgleich er von Zinn nichts Wichtiges erwartet, verebbt kein Laut ungehört, das ist ihm nun mal so in Fleisch und Blut übergegangen. Dann aber wird er doch abgelenkt, ein Gedanke lenkt ihn ab, der ihn wie ein helles Erschrecken durchzuckt: Das ist ja der Mann, der immer über den Hügel steigt! Und er mustert sein Gegenüber, das dickliche Unterge- sicht, wie auseinandergetrieben von dem breiten, weiner- lichen Mund, die zu schmale obere Hälfte, fast ausgefüllt von den umschatteten tiefen Augenhöhlen, ein sich nach oben hin verjüngendes Gesicht mit schlaffen Wangen, aber glatter Stirn, auf die ein Leuchten des schlohweißen Haares fällt, des nun wieder gepflegten. Und für diesen Moment hat er sich nicht in der Gewalt. verrät sein Blick Interesse, ja Neugier, und ehe er sich 218
  • dessen bewußt wird, hat Zinn die feine Regung schon wahrgenommen, so genau behält er Lohm im Auge. Die Physiognomie eines Menschen, was sagt sie über die Taten aus, zu denen der Mensch fähig sein könnte? Nichts sagt sie darüber aus und für einen Kriminalisten erst recht nichts. Lohm weiß das sehr wohl, nicht nur, weil er es gelernt hat; die Erfahrungen vieler Jahre haben ihm das bestätigt. Und dennoch kommt er, er weiß selbst nicht wie, zu dem Schluß: Nein, das ist der Mann nicht, der über den Hügel steigt; der da ist es nicht. Der da aber fragt soeben verwundert, ob der Genosse Hauptmann etwa nicht dieser Meinung sei. Was antworten? Lohm können nicht mehr als ein, zwei Sätze entgangen sein; aber gerade auf die scheint Zinn Wert gelegt zu haben, oder hat er ihm was ange- merkt? „Mir ging soeben durch den Kopf“, sagt Lohm und gibt sich dabei recht nachdenklich, „ob der Verlust eines Menschen nicht den besonders schmerzlich trifft, dessen Erinnerung sich immer wieder neu entzünden muß, weil ihn so vieles umgibt, was ihn mit der gemeinsamen Ver- gangenheit verbindet und an sich schon nichts Alltägli- ches ist. Wenn ich nur Ihre schönen alten Möbel betrach- te“, und nun betrachtet Lohm sie, „die ich ja schon da- mals bewundert habe, als ich das erste Mal bei Ihnen war … Sich von ihnen zu trennen würde wahrscheinlich bedeuten, auf Erinnerungen zu verzichten, die einen bei aller Trauer doch irgendwie versöhnen. Für Sie hat jedes Stück sicher seinen besonderen Wert, allein dadurch, daß Sie es mit Ihrer Frau erworben haben. Ich weiß es nicht, ich denk’ es mir nur so.“ Schauderhaft, dieses Pathos, sagt er sich, und mir war Zinns Sentimentalität zuviel! Doch Zinn scheint dafür 219
  • eine Antenne zu haben; der Wortebandwurm hat sich ihm offensichtlich leichtfüßig ins Ohr geschlängelt. „Ja, unsre Möbel“, sagt er, und nun erfährt Lohm manches, was er noch nicht weiß, über den Louis-seize- Stil und das friderizianische Rokoko, über Chippendale und das Zinn besonders liegende Empire, das in seiner Sammlung, wie er ehrlich und mit Bedauern zugibt, nur eine Imitation ist, die einzige allerdings. Sonst ist alles echt, einschließlich der entzückenden Tischuhr, die zwar etwas martialisch anmutet, kein Wunder, napoleonische Epoche, und eben auch die Uhrenfabrikation habe sich auf den Geschmack des großen Imperators eingestellt, wer wolle es ihr verdenken, aber ein kleines Kunstwerk sei trotzdem entstanden, und wenn Steffi noch lebte, würde sie ihm viel mehr Wissenswertes darüber mittei- len, als er, Zinn, es könne, denn Kunstgeschichte sei ihr Steckenpferd gewesen, um nicht das undeutsche Wort Hobby zu gebrauchen, diesen nichtssagenden ärgerlichen Amerikanismus, den leider auch hierzulande viele kritik- los übernommen haben. „Ihre Gattin hatte also Kunstgeschichte studiert?“ „Nun ja, wie man’s nimmt“, sagt Zinn, als wolle er der toten Steffi zuliebe nicht näher darauf eingehen. Auch scheint ihm jetzt erst aufzufallen, daß er seinem Besucher nichts angeboten hat, und sich selber mit einem Kopf- schütteln tadelnd, klappt er die silberne Zigarettendose auf und erhebt sich und holt aus einem zierlichen Schrank eine Flasche ungarischen Weinbrand und zwei Schwenker, die er daumenbreit füllt. „Haben Sie sich denn gut in Berlin eingelebt?“ fragt Lohm, als sie miteinander anstoßen. „In Berlin?“ Zinn blickt verdutzt über den Glasrand. „Ich wohne seit fünfundvierzig hier.“ 220
  • „Das weiß ich“, sagt Lohm. „Aber mancher Ostpreuße denkt doch noch dann und wann an sein liebes Ostpreu- ßen zurück.“ „Ach, so meinen Sie das?“ Zinn versteht und verneint; nein, die Heimat sei ihm manches schuldig geblieben, und des Lebens habe er sich erst so recht in Berlin freuen können. „Ginge mir wahrscheinlich auch so, wär’ ich in meiner Heimat als Waisenkind aufgewachsen“, sagt Lohm und setzt den Schwenker vorsichtig auf den Tisch. „Wie war es denn damals so mit der Berufsausbildung? Ein Lehr- ling konnte seinen Lebensunterhalt ja nicht selber bestreiten, und wenn einer elternlos war … Der staatli- chen Fürsorge für Waisenkinder werden Sie vermutlich kein Loblied singen.“ „Sie wissen ja allerlei“, stellt Zinn fest; er hat an sei- nem Glase nur genippt. „Eine Ermittlung hat das nun mal im Gefolge“, sagt Lohm. „Außerdem weiß ich nicht mehr, als Sie auf dem Revier angegeben haben, damals, bei der Vermißtenan- zeige.“ „Ach, auf dem Revier waren Sie also auch“, sagt Zinn und lächelt versonnen. „Ein sympathischer Mensch die- ser Polizeileutnant. Wie hieß er doch gleich?“ „Meister Handtke“, sagt Lohm. „Ja, bei dem war ich auch.“ „Stimmt, Handtke.“ Zinn schüttelt über sich selber den Kopf. „Wie ich bloß immer wieder auf Leutnant kom- me?“ „Das geht vielen so. Früher liefen die Leutnants mit glatten Schulterstücken herum, und wem sich das mal eingeprägt hat …“ „Aber ich war nie Soldat!“ 221
  • „Na, ab und zu werden Sie einen Leutnant doch ge- sehn haben, damals.“ „Das schon. Allstetten war ja Garnison.“ „Warum waren Sie eigentlich nicht Soldat, Herr Zinn?“ „Danach wurde ich schon häufig gefragt“, antwortet Zinn, „und mit Recht. Ein junger Mann, bei Kriegsbe- ginn gerade dreiundzwanzig, also im besten Alter, und daß ich tauglich war, sieht man mir wohl heute noch an. Aber“, ein dankbares Lächeln huscht über seine Lippen, „da war Herr von Solmsdorff, der mich aus dem Waisen- haus auf sein Rittergut holte, so um dreißig herum, ich war gerade von der Volksschule ’runter, hatte übrigens glänzende Zensuren, was bei Herrn von Solmsdorff den Ausschlag gegeben haben mag“, er seufzt, „eigne Kinder waren ihm leider versagt geblieben.“ „Aber adoptiert hat er Sie doch wohl nicht, der adlige Herr“, sagt Lohm mit vorsichtigem Spott. „Wo denken Sie hin?“ Zinn lacht leise. „Der Adel adoptiert keine Findelkinder. Nebbich. Nein, Herr von Solmsdorff …“ „Sie hätten ja auch Jude sein können, nicht wahr?“ sagt Lohm in Zinns Worte hinein. Zinns Augen wirken wie geronnen. „Jude?“ „Ich meine nur, weil Sie doch ein Findelkind waren, und bei denen ist die Herkunft meist ein großes Fragezei- chen.“ „Ach, deshalb.“ In Zinns Augen kehrt das Leben zu- rück; er, lacht sogar, wenn auch etwas blechern. „Ich dachte schon … nein, jüdisch sehe ich weiß Gott nicht aus.“ „Zugegeben“, sagt Lohm, „es sei denn, Sie waren frü- her schwarz.“ Der Zinn, der über den Hügel steigt, ist ebenfalls schwarz. 222
  • „Sie sind mir ja einer“, sagt Zinn mit einem Augen- blinzeln, und es fehlte bloß, daß er Lohm verschmitzt mit dem Finger droht; aber Lohm will es scheinen, als fühle Zinn gar nicht so, wie er sich gibt. „Warum wollen Sie mich unbedingt zum Juden machen?“ „Na, jetzt nehmen Sie’s wenigstens nicht mehr so tra- gisch“, antwortet Lohm lächelnd. „Es war nur eine Frage, und die lag auf der Hand. Der Herr Rittergutsbesitzer hatte Sie also zu sich genommen, und deshalb mußten Sie nicht in den Krieg.“ „So einfach war das nun wieder nicht. Wie ich meine Ausbildung Herrn von Solmsdorff zu verdanken habe, so hatte ich ihm auch meine Freistellung vom Wehrdienst zu danken. Aber der alte Herr mußte seinen ganzen Einfluß geltend machen, um meine uk-Stellung auf die Dauer durchzusetzen, und damit sah’s zeitweise gar nicht rosig aus.“ „Dann müssen Sie ja in einem kriegswichtigen Betrieb gearbeitet haben.“ „Und ob er kriegswichtig war!“ Zinn freut sich im nachhinein noch, und Lohm würde es nicht verblüffen, riebe er sich die Hände. „Wir brannten Schnaps für die kämpfende Truppe. Herr von Solmsdorff betrieb auf sei- nem Gut eine Weinbrand- und Likörfabrik, ein durchaus nicht kleines Unternehmen, und ich war zuletzt sein Brennmeister. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen meinen Meisterbrief, das einzige Stück übrigens, das ich aus je- ner Zeit herübergerettet habe.“ Lohm nickt. Warum soll er sich nicht Zinns Meister- brief anschauen, wo er doch eigens gekommen ist, mit dem Manne etwas näher vertraut zu werden, und dem kann die Ansicht eines Diploms nur förderlich sein. An so einem alten Dokument kann sich mancher Gedanke 223
  • entzünden, der dem Gespräch neue Akzente aufsetzt, und Zinn, der ja keineswegs zugeknöpft ist, soll überdies sei- ne Freude haben. Wer weist nicht gern seine Zeugnisse vor, machen sie ihm Ehre. Und ein Meisterbrief ist mehr als ein Zeugnis schlechthin, ist das Zeugnis der Zeugnis- se gewissermaßen, ein urkundlich beglaubigtes Ruhmes- blatt voll gewichtiger Siegel und Unterschriften, in Gold- schnitt möglichst die Schnörkel und Verzierungen und die allegorischen Bilder, beim Brennmeister vermutlich ein Destilliermonstrum, von Schnapsflaschen umkränzt. Gerade Zinn scheint ein Mann zu sein, dem der Besitz eines solchen Zertifikats die Brust schwellt. Vielleicht macht ihn der Umstand, daß er sich vor Lohm als Meister ausweisen kann, noch gesprächiger. Lohm hofft’s jeden- falls, und deshalb nickt er; der Brief selbst ist ihm schnuppe. Und Zinn erhebt sich, geht zur Wand, in die er einen Schlüssel steckt, durch ein unauffälliges Löchlein in die Tapete hinein, und es öffnet sich eine Safetür im Buch- deckelformat, und hätte Zinn nicht den Arm gehoben, denn der Safe ist in Kopfhöhe in die Wand eingelassen, oder wäre er an die Vitrine getreten, Lohm hätte viel- leicht gar nicht hingeschaut. Nun aber schaut er hin, und da sieht er, wie der Ärmel von Zinns Sporthemd rutscht, als Zinn in den Safe langt und nicht gleich findet, was er sucht, und wie der Ärmel ein Stück Oberarm freigibt, die Innenseite, über die sich wie dicke Raupen Narben schlängeln, fleischfarbene Narben um einen zentimeter- tiefen Krater seitlich des Bizeps. Zinn, wohl völlig einge- taucht in die Freude, mit Brief und Siegel Zeugnis able- gen zu können von einstiger Leistungsfähigkeit und Könnerschaft, die ihn sogar vor rohem Soldatendienst gerettet hat, hat das Herabrutschen des Ärmels, das an 224
  • seinem Arm ja eigentlich ein Hochrutschen war, nicht bemerkt; das hat er nun davon, daß er sich diese Synthe- tics leisten kann aus dem hauchfeinen, gewichtslosen Material. „Da ist er“, sagt er zu Lohm, als zeige er ihm einen Schatz, und bettet den Meisterbrief auf den Tisch. Der muß auch wahrlich behutsam angefaßt werden, so viel hat er schon durchgemacht; durch die Faltkniffe sickert Licht von unten, als Lohm ihn etwas anhebt, um Interes- se zu bekunden, und wo sich Risse gebildet haben, halten durchsichtige Klebestreifen die Teile zusammen. Aber immerhin hat das Papier dreißig Jahre auf dem Buckel, und die Flecken da und dort müssen nicht unbedingt Schmutzflecken sein, muten sie auch wie draufgesabbert an, sie können ebenso von natürlicher Vergilbung herrüh- ren. Das ist auch nicht entscheidend; entscheidend ist, daß dem Carl August Zinn inmitten der verblichenen Pracht amtlich bescheinigt wird, er habe die Prüfung als Brennmeister abgelegt und mit der Note „gut“ bestanden; das „gut“ liest sich wie ein Trompetenstoß. „Man möchte gar nicht glauben, daß der Ihnen ge- hört“, sagt Lohm mit gewinnendem Lächeln, „wenn’s nicht schwarz auf weiß dastünde.“ „Wieso nicht mir?“ sagt Zinn, es macht ihm Mühe. Lohm läßt den Blick durchs Zimmer schweifen. „Bei Ihnen ist alles so ordentlich, so gepflegt. Da vermutet man ein so einmaliges Stück gerahmt an der Wand. Aber den kann man ja wohl schlecht an die Wand hängen.“ „Ich habe ihn von Ostpreußen mitgebracht, fünfund- vierzig, im Treck übers gefrorne Haff“, sagt Zinn, als hacke er jedes Wort mit einem Messer ab. „Zusammen- gefaltet in der Gesäßtasche, und als wir mit der Fuhre einbrachen, das Eis hielt solcher Belastung nicht stand … 225
  • Hunderte, Tausende Fahrzeuge, was meinen Sie, was da los war.“ Lohm gibt sich den Anschein, als versuche er sich das vorzustellen. „Da können Sie ja von Glück reden, daß Sie nicht ertrunken sind.“ Er lächelt Zinn versöhnlich zu. „Und da kommt so einer, der nichts mitgemacht hat, und mokiert sich über paar Knitter und Wasserflecke! Tut mir leid, Herr Zinn, so war’s nicht gemeint. Ich bin eben manchmal ein bißchen direkt, meine Frau bemängelt das auch immer.“ Er schaut auf die Uhr und macht sich Vor- würfe, daß er Zinn schon viel zu lange aufgehalten habe. „Na, Ihr Glas werden Sie doch wenigstens noch aus- trinken“, sagt Zinn. „Oder wird die Gattin ungeduldig zu Haus?“ „Ich hoffe nicht“, sagt Lohm und trinkt den Rest. „Sie haben schon recht“, philosophiert Zinn unterdes- sen, „ich bin sehr ordnungsliebend. Jedes Ding an seinem Platz. Das war stets meine Devise im Leben. Pünktlich, zuverlässig und rechtschaffen muß ein Mann vor allem sein. Und sauber! Sauber von Gesinnung und an sich selbst. Auch eine Frucht der Solmsdorffschen Schule, wenn ich mal so sagen darf. Ohne diese meine Einstel- lung wäre meine Rattenzucht wohl nicht so tipptopp, Sie haben sie ja besichtigt.“ Zinn wartet auf Antwort, und Lohm tut ihm den Gefal- len. „Neben den Buchten könnte man in Ruhe ein Beef- steak verzehren.“ Zinn lacht geschmeichelt, wehrt jedoch ab: Ratten, mögen sie auch noch so hygienisch gehalten werden, bleiben ekelhafte Tiere, selbst die in einen weißen Lammpelz gehüllten, und er lacht noch einmal wie über einen Witz. „Aber was nützt der beste Wille“, fügt er, als Lohm nun aufsteht; hinzu, „wenn die Zeiten nicht 226
  • danach sind, und der Krieg hat mehr verunstaltet als einen Meisterbrief.“ „Ach, Herr Zinn“, sagt Lohm begütigend. „Ja, ja, ich meine ja nur“, sagt Zinn vor dem Safe und betastet seine Frisur, als könne deren tadelloser Sitz gelit- ten haben, „an der Wand wäre er mir auch lieber, in ver- goldetem Rahmen, hinter Glas …“ „Dafür sind Sie mit heiler Haut davongekommen“, sagt Lohm und fühlt sich versucht, dem Rattenzüchter auf die Schulter zu klopfen, besinnt sich aber noch recht- zeitig. „Wie viele haben damals was abgekriegt, und die waren nicht mal Soldat, genau wie Sie.“ „Es war trotzdem nicht leicht“, sagt Zinn, während sie in die Diele treten, „allein der Treck, auf dem Steffi mir beinahe ertrunken wäre …“ Lohm, plötzlich am Arm gepackt und zurückgehalten, blickt in wißbegierige Augen. „Haben Sie eigentlich et- was über die Vergangenheit des Mörders herausbekom- men, über diesen – diesen …“ „Lorras. Den Fall bearbeite ich nicht.“ Lohm bleibt völlig gelassen. Gleichmütig, was er durch ein Gähnen noch unterstreicht, fragt er, was dessen Vergangenheit mit dem Mord zu tun haben soll. „Mit dem Mord nicht“, sagt Zinn. „Aber als Sie mich damals ins Leichenschauhaus holten und wissen woll- ten, ob ich den Mann kenne, da haben Sie durchblicken lassen …“ „Ja?“ „Na, so genau erinnere ich mich nun auch wieder nicht“, sagt Zinn fast unwirsch. „War ja auch albern von mir, da- nach zu fragen. Den Lorras bestraft doch keiner mehr.“ „Nein“, sagt Lohm und reicht Zinn die Hand, „Tote kann keiner bestrafen, nicht mal mit dem Tode.“ 227
  • Und als er die Treppe herabgestiegen und schon aus dem Haus ist, eingehüllt in die prallheiße Glut des Tages, die, eingesogen von den Mauern, nun von ihnen in die Straße gespien wird, als brenne die Sonne noch aus dem Zenit herab, hat er immer noch Zinns wißbegierigen Blick vor Augen und dessen Frage nach der Vergangen- heit des Lorras im Ohr. Aber das ist nicht alles. Er hat viel mehr vor Augen und im Ohr, und vor allem sieht er etwas ganz scharf umrissen, so deutlich, daß er es malen könnte. IV Da Lohm nicht mit dem Dienstwagen bei Zinn war, denn er war ja in einer Privatsache dort, kommt er im Dunkeln nach Hause. Das Abendbrot steht schon auf dem Tisch, aber Vera kann nicht warten, bis sie einander gegenüber- sitzen. Sie ist ja so gespannt, also los, erzähl schon, wie hat er dich empfangen, und wie war’s überhaupt bei Zinn. Sie lehnt in der Badezimmertür und bombardiert ihn mit Fragen, während er sich Gesicht und Arme ab- seift und, statt zu antworten, prustet und schnauft; es macht ihm offenbar Vergnügen, sie auf die Folter zu spannen. Dann, als er sich abtrocknet, wobei er ihre Neu- gier belächelt, sagt er endlich, und ihr kommt’s wie die blanke Schadenfreude vor: „Was soll gewesen sein? Er hat mir von seiner Frau erzählt und von seinen Möbeln und daß er von Beruf Brennmeister ist; ach ja, einen Schnaps hat er mir auch angeboten, und gar nicht mal einen schlechten.“ „Und deshalb bist du so aufgekratzt“, stellt Vera fest. „Ich aufgekratzt?“ Lohm lacht. „Tu nicht so scheinheilig!“ 228
  • Lohm lacht noch lauter, und dabei fällt ihm auf, wie leicht ihm das Lachen aus dem Halse kommt. „Schuft, du verheimlichst mir was“, sagt Vera und versperrt ihm die Tür. „Schau mir in die Augen!“ Aber Lohm packt sie, hebt sie hoch und trägt sie un- term Arm ins Zimmer. Und nun weiß Vera mit Sicher- heit, daß ihr Mann irgendwo einen Glückspfennig gefun- den hat, nur muß er den nicht unbedingt bei Zinn gefun- den haben, der Tag begann für ihn ja schon um acht. Aber sie dringt nicht weiter in ihn, nicht jetzt. Auch sie hat es nicht gern, geht ihr jemand mit seiner Fragerei auf die Nerven. Immerhin weiß sie, daß ihre Neugier heute noch befriedigt wird; sie weiß sogar genau, wo und wann. Soll er nur erst mal essen. Aber auch hernach im Bett kriegt Vera nichts aus ihm heraus, und so gibt sie es schließlich auf. „Entweder ist das ein ganz dicker Hund“, flüstert sie in seinen Armen, „oder ich verkenne dich neuerdings, mein Süßer.“ Lohm lächelt und schweigt. Am nächsten Tag verdreht Schwester Zilli ihre him- melblauen Augen, als der riesige Schatten, der hinter der gläsernen Stationstür auf sie zuwächst, sich als Haupt- mann Lohm erweist. Schwester Zilli scheint eine Vorlie- be für hochgewachsene Männer zu haben, und da sie klein ist, wenn auch fast ebenso rund, ist das verständ- lich. Sie besinnt sich sofort, obwohl ein halbes Jahr ver- gangen ist seit Lohms Besuch in der Klinik, und zwit- schert mit kessem Augenaufschlag: „Aber, Herr Haupt- mann, wie könnte ein Mädchen, das auf sich hält, Sie vergessen?“ Lohm ist froh, daß niemand in der Nähe ist, denn seine Schlagfertigkeit läßt ihn im Stich. Unter dem lächelnden 229
  • Blick der himmelblauen Augen bringt er dann doch noch einen Satz zustande: „Ich komme nicht zum Vergnügen, Sie Unschuldslamm.“ Es ist Abendbrotzeit, und Schwester Zilli hat eigent- lich alle Hände voll zu tun, aber dem Hauptmann widmet sie gern ein paar Minuten. Selbstverständlich war Zinn eine viel zu farblose Erscheinung für sie, als daß sie sich an ihn erinnern könnte. Lohm wartet mit Einzelheiten auf, es hilft nichts. Solche Männer haften Schwester Zilli nicht mal als Gesamterscheinung im Gedächtnis, ge- schweige denn in Einzelheiten. Da fallen Lohm Zinns weiße Haare ein, und nun wetterleuchtet es in den him- melblauen Augen. „Ach, den meinen Sie, unsern kleinen Peter van Eyck!“ „So klein ist Herr Zinn ja nun wieder nicht.“ „Na, doch höchstens eins achtzig“, sagt Schwester Zil- li geringschätzig. „Aber Haare hat der wie der Bimbo in Lohn der Angst.“ „Nur eben keine Bürste“, sagt Lohm und fragt lieber gleich nach Doktor Grach; Schwester Zilli mag ein liebes Mädel sein, aber ihr Augenmerk ist zu offensichtlich auf Dinge gerichtet, mit denen Lohm nichts anfangen kann. Der Stationsarzt kommt soeben den Korridor herunter; er ist in Eile. „Wenn es nicht lange dauert“, sagt er mit einem Blick auf die Uhr. „Vielleicht nur eine Minute.“ „Na, ein bißchen mehr Zeit habe ich schon für Sie. Schwester, führen Sie Herrn Lohm doch in mein Zim- mer, der Schlüssel steckt. Ich komme gleich nach.“ „Wichtigtuer!“ sagt Schwester Zilli, als sie neben Lohm einhertrippelt. „Bei dem hat unsereins keinen Na- men. Na, der ist für mich Neutrum!“ 230
  • Lohm muß eine Weile warten, zu Schwester Zillis Be- dauern ohne sie, da sie bei der Abendbrotausgabe ge- braucht wird; ihm ist das nur lieb so. Während an der Glastür die Essenwagen vorbeischeppern, überlegt er, ob er dem Arzt etwas von dem Verdacht sagen soll, der ihn seit vierundzwanzig Stunden bewegt. Aber es ist ein so vager, ja abenteuerlicher Verdacht, daß er beschließt, ihn für sich zu behalten. Auch ist es besser, Doktor Grach ist unvoreingenommen, und übrigens muß er ihn ja erst einmal hören. Was er dann zu hören bekommt, überrascht ihn, nicht weil er damit nicht gerechnet hätte, im Gegenteil, es be- stärkt ihn sogar in seinem Verdacht; aber es überrascht ihn Doktor Grachs Erinnerungsvermögen, die Deutlich- keit, in der er Zinn vor Augen hat. „Mein Gedächtnis läßt mich selten im Stich“, sagt der Arzt. „Und dann war Herr Zinn ja nicht irgendein Patient für mich. Sie hatten Erkundigungen über ihn eingeholt, und Sie sind Kriminalist. Zinn war zu dem Zeitpunkt zwar schon entlassen, aber ich habe doch überlegt, was ihn der Polizei interessant gemacht haben könnte.“ Dok- tor Grach lächelt und fährt dann fort: „Sie hatten mir ja nichts gesagt, und das regt die Phantasie nun mal an. Ich bin damals zu dem Schluß gekommen, Zinn sei doch ei- gentlich recht sonderbar gewesen, beileibe kein Sonder- ling, aber ein Mensch, der sich am wohlsten fühlte, war er mit sich allein. Das ist freilich nichts Ungewöhnliches, deshalb auch der häufige Wunsch nach einem Einzel- zimmer, nur war es bei diesem Patienten besonders au- genfällig; mit seinen Bettnachbarn hat er in den acht Ta- gen keine drei Sätze gewechselt. Mancher läßt sich nicht gern berühren, aber Zinn, das fiel mir nachher ein, woll- te sich nicht mal anschauen lassen. Sie hätten mal sehn 231
  • sollen, wie er sich angestellt hat, als ich diese Armverlet- zung entdeckte! Ich machte noch meinen Scherz, was denn das für ein Künstler gewesen sei, der ihm so ’ne Rosette in den Arm geschnitzt habe.“ Wieder lächelt Doktor Grach. „Die alte Rivalität zwischen uns Internis- ten und den Chirurgen, da rutscht einem doch mal eine unpassende Bemerkung über die Lippen. Es war durch- aus nicht gegen ihn gerichtet und alles scherzhaft selbst- verständlich, nur so en passant. Aber er wurde gleich hef- tig. Ein Granatsplitter frage nicht danach, wie das ausse- he, was er hinterläßt, und ich solle es meiner Jugend dan- ken, daß ich nichts habe mitmachen müssen.“ „Eine Kriegsverletzung also“, sagt Lohm. „Vermutlich“, sagt Doktor Grach. Lohm horcht auf. „Wieso? Zweifeln Sie daran?“ „Nein“, antwortet der Arzt mit dem immerwährenden Lächeln, „aber da im Frieden nicht mit Granaten ge- schossen wird, bis jetzt jedenfalls nicht, muß es wohl eine Kriegsverletzung sein. Außerdem hat Herr Zinn es mir selbst gesagt. Warum sollte ich daran zweifeln?“ „Das sollen Sie nicht, Doktor“, sagt Lohm und denkt: Wo zuerst gar nichts war, ist plötzlich ein Weg, auf dem man vorankommen kann. Doch wo führt der hin? V In den folgenden Tagen gibt Lohm seiner Frau mehr Rätsel auf als jemals vorher. Zwar hat er ihr gesagt, er werde in nächster Zeit häufig erst später nach Hause kommen und sie solle mit dem Abendbrot nicht auf ihn warten; aber daß dieses „später“ sich bald bis in die Nachtstunden ausdehnt und aus dem „häufig“, das eine Frau in diesem Zusammenhang ohnehin nicht gern hört, 232
  • eine monotone Regelmäßigkeit wird, das geht Vera denn doch zu weit. Auch hält er es offenbar nicht für nötig, ihr zu erklären, wo er diese Abende und halben Nächte zu- bringt. „Dienstlich“, hat er gesagt, lachhaft, was heißt schon „dienstlich“! Als ob das auf eine aufgeklärte Frau auch nur die mindeste Wirkung haben könnte, noch dazu, wenn der eigne Mann es ihr hinwirft wie einen abgenag- ten Knochen einem Hund! „Dienstlich“, das wird von so vielen Männern hinaustrompetet, gestöhnt, geklagt, ge- ächzt, daß ganze Städte davon widerhallen müßten. „Dienstlich“ ist die gebräuchlichste, gängigste und dabei abgenutzteste Legitimation für alles mögliche Unerlaub- te, andernfalls ist es belegbar. Also, zum Kuckuck, bele- ge jetzt gefälligst, wo du dich die Nächte durch herum- treibst, dieses alberne „dienstlich“ zieht bei mir nicht mehr, ich will endlich wissen, was dahintersteckt! Mit einem solchen Ausbruch hat Lohm gerechnet, er kennt seine Vera und weiß, daß Geduld nicht die stärkste ihrer Tugenden ist. Nicht gerechnet hat er damit, daß er nach drei Wochen immer noch „dienstlich“ unterwegs sein würde, er hat geglaubt, es werde schneller gehn, wenn überhaupt, daß muß hinzugefügt werden, denn ei- nes Erfolgs sicher war er sich nicht, und das ist er auch nach diesen drei anstrengenden Wochen nicht. Doch des- halb aufgeben? Nein. Er wird morgen wieder später heimkommen, nicht ganz so spät wie heute, gewiß, man muß schließlich guten Willen zeigen, dann kann man übermorgen dafür ein Stündchen dranhängen, vielleicht auch zwei, hat Veras Groll sich etwas gelegt, und daran wird er festhalten, selbst wenn’s noch einmal drei Wo- chen, selbst wenn’s dreimal drei Wochen dauern sollte, unbeirrbar, dem Zweifel in der eigenen Brust, Veras Argwohn und dem Rätselraten seiner engsten Mitarbeiter 233
  • zum Trotz, bis er es hinter sich hat, und dann endlich wird er wissen, ob er einem Hirngespinst nachgejagt ist oder einem Stück fataler Wirklichkeit, das sich aus dem Licht rücken konnte. So läßt er Veras Standpauke über sich ergehen, ruhig, er hat ja schon viel früher damit gerechnet, also trifft die- ser Blitz aus gewitterschwangerem Himmel nicht. Dabei hütet er sich vor jeder Geste und Gebärde, die sie noch mehr reizen könnte; seine stoische Ruhe hat ihren Zorn schon genug angekocht. Er lächelt auch nicht, denn ein Lächeln kann wie eine Lunte wirken. Einmal wird sie schon aufhören. Und als sie ihm genug an den Kopf ge- worfen hat, auch ein paar Unterstellungen erster Güte, die bei so was wohl nicht fehlen dürfen, hört sie wirklich auf, er faßt es kaum, so abrupt herrscht plötzlich Stille. Das ging ja noch mal glimpflich ab. „Vera, Verotschka“, sagt er nun und nimmt sie, die heftig widerstrebt, beim Kopf, „mir geht’s diesmal so wie dir, wenn du an einem Artikel schreibst. Da darf ich dir auch nicht über die Schulter gucken. Du gibst ihn mir zu lesen, wenn er fertig ist. Ich gebe dir meinen auch erst, wenn ich ihn fertig habe. Ich weiß nämlich nicht, ob er mir gelingt.“ „Das wißt ihr vorher nie“, sagt sie, die Augen von ihm weggedreht. „Diesmal ist es anders“, sagt er. „Da bin ich nicht wir, da bin ich’s allein, ganz allein ich. Nicht mal Werner ist mit von der Partie.“ „Der weiß ja nicht mal was!“ entschlüpftes Vera, und Lohm lächelt. „Nur ein alter Genosse macht mit, tagsüber, wenn ich im Dienst bin. Er arbeitet vor. Wenn ich komme, geht er. Er wollte sogar seinen Feierabend opfern.“ 234
  • „Wie du.“ „Ich bin erst achtunddreißig“, sagt Lohm. „Manchmal, wenn ich eine Zigarettenpause mache, gehe ich ’runter und quatsche ein bißchen mit dem Betriebsschutz.“ „Mit welchem denn?“ Lohm schmunzelt und schweigt. „Aber den Namen des alten Genossen kannst du mir wenigstens sagen.“ Lohm zögert. „Engelbrecht“, sagt er dann. „Aber zu keinem Menschen ein Wort, wenn du ausbaldowert hast; wo er sitzt!“ „Wofür hältst du mich“, sagt Vera und sieht ihn an. Lohm stellt sich vor, wie Vera in der Redaktion alle Hebel in Bewegung setzen wird, um den Genossen En- gelbrecht unter den Engelbrechts der Hauptstadt ausfin- dig zu machen, mit dem er sich Abend für Abend die Türklinke in die Hand gibt, und er hat seinen Spaß dran, denn schon diesen Engelbrecht zu finden wird schwer sein, jene Türklinke schier unmöglich. Doch hierin unter- schätzt er seine Frau. Vera denkt nicht daran, ihm über die Schulter zu spähen, Sie wird sich gedulden, bis er ihr eines Tages sagt, dies also war die Geschichte, und was der Name Engelbrecht dabei für eine Rolle spielt, wird sie dann auch erfahren; so sehr interessiert es sie nicht mal. Sie weiß nun, daß er eine Sache verfolgt, die be- sondre Geheimhaltung erfordert, und hat sie das auch schon geahnt, seit sie es weiß, von ihm selbst weiß, fällt es ihr leichter, an den Abenden allein zu sein mit der so oft enttäuschten Hoffnung, er werde heute vielleicht frü- her nach Hause kommen. Noch eine Woche braucht Lohm, dann kann er aufat- men, wenn auch ohne jene Freude, die einen befällt, der verbissen auf ein Ziel hingearbeitet hat und endlich die 235
  • Frucht seiner Anstrengungen erntet. Lohm atmet auf, weil er sich in dem Moment der eigenen Erschöpfung bewußt wird. Vier Wochen lang an jedem Werktag vier- zehn, fünfzehn, mitunter sechzehn Stunden voll dasein, zuerst im Dienst, dann außerhalb des Dienstes in Berlin, aber auch in Potsdam, und immer aufmerksam und ge- wissenhaft, sich nicht einlullen lassen von der Monoto- nie, die in der Vielzahl nistet wie eine einschläfernde Droge, die Anfechtungen der Müdigkeit immer aufs neue bekämpfend mit Kannen voll schwarzen Tees und Ziga- retten, mit kalten Wassergüssen auf Pulse und Gesicht, wenn’s vor den Augen zu flimmern anfängt – das will schon was heißen. Man sieht’s ihm ja auch an. Staatsan- walt Haller, der ihm Tür und Tor geöffnet hat, hat ihn mehrmals gewarnt, er möge es nicht übertreiben, schon so mancher habe leichtfertig auf seine Gesundheit ge- setzt, weil er sie für eisern hielt, als ob Eisen nicht roste und zerreiße, und im Amt haben Genossen ihn angespro- chen, ob ihm etwas fehle. Der Chef hat ihn zu sich rufen lassen, er, Lohm, gefalle ihm gar nicht mehr, nicht daß er an seiner Arbeit etwas zu bemängeln habe, nur in den Spiegel schauen solle er mal beim Rasieren, nicht bloß auf die Bartstoppeln, sondern sich selber ins Gesicht und besonders unter die Augen. Na, und Gallich erst! Der hat an ihm herumgerätselt wie an einem Schachproblem. Da hat Lohm sich stets gesagt: Vielleicht hast du’s morgen schon geschafft, also warum eine Pause einlegen? Das hältst du schon durch. Du hast so manches durchstehn müssen, da wirst du ausgerechnet hierbei schlappmachen? Wär’ ja gelacht! Und ganz so happig ist’s ja nun auch wieder nicht, an den langen Wochenenden regenerierst du dich ganz schön, das merkst du ja daran, mit welchem Ei- fer du dich an jedem Montag wieder an die Sache machst. 236
  • Was Lohm nun mit solcher Unrast erfüllte und nicht ruhen ließ, hatte sich bei ihm eingestellt, als er arglos zuschaute, wie Zinn in seinem Wandsafe den Meister- brief suchte, und es machte sich deutlicher bemerkbar, als Zinn nichts dagegen einwendete, daß er mit heiler Haut davongekommen sei, obwohl doch nichts dabei ge- wesen wäre, hätte er gesagt, ganz so unversehrt sei er nun wieder nicht, wenn’s ihn auch nicht arg erwischt habe, aber ein Granatsplitter habe ihm doch den Arm geritzt. Und wie Zinn dann zwischen Tür und Angel ein so auf- fälliges Interesse bekundete, nicht für Lorras, den Mörder seiner Frau, sondern für dessen Vergangenheit, sieh mal an, ausgerechnet für dessen Vergangenheit, wo von ihr doch nie die Rede war zwischen ihm, Lohm, und Zinn, da hat es sich ganz tief in ihm eingenistet, und Doktor Grachs Auskünfte waren gleichsam der I-Punkt darauf. Seitdem ist Lohm keine Stunde frei davon gewesen, und er hat sich selber oft genug gefragt, was es wohl sei. Es war kein Verdacht, war weniger und mehr. Am ehes- ten hätte er es als Unruhe bezeichnet, eine Unruhe, die ab und zu mit Unwohlsein einherging, mit einem Gefühl von Übelkeit, und der er nur Herr werden konnte, indem er sich in die Arbeit vergrub, die er nun hinter sich hat. Hätte sie ihm nicht so zugesetzt, diese Unruhe, ihn nicht immer wieder vorwärtsgetrieben, sein Wille allein hätte vielleicht nicht ausgereicht. Und nun ist er am Ziel, endlich. Nun atmet er auf, lehnt sich zurück und läßt die Arme schlaff herabhängen, vor Augen den Lohn seiner verbissenen Suche, das Auf- gefundene, von dessen Existenz er nicht mal was geahnt hat. Seine Beweiskraft ist ungeheuerlich. Und dennoch ist keine Freude in ihm. Er freut sich des Erfolgs, gewiß, aber das ist nicht die laute heiße Freude, die einen beglückt und 237
  • lachen macht. Wer ihn jetzt sähe, könnte meinen, er habe einen Schmerz auszuhalten, der seine Bewegungen lähmt, der ihm nicht erlaubt, auch nur die Hand zu rühren. So sitzt er eine Weile mit starr auf den Tisch gerichte- tem Blick, als wolle er mit dem Zwang seiner Augen die Beweisstücke festhalten, ein Luftzug könnte sie womög- lich hinwegwehn, und in seinem Gesicht steht grau und leblos die angesammelte Müdigkeit. Als müsse er in die- sem Ausruhen neue Kraft schöpfen, da die, die ihn wo- chenlang aufrecht gehalten hat, nun plötzlich von ihm gewichen ist, so sitzt er da, zusammengefallen, allein inmitten der wandhohen Regale in dem weiten Raum, durch dessen Fenster ein Schein Abendsonne flammt, in dessen roter Glut Millionen Staubteilchen tanzen. Und mit einemmal nickt er, obwohl niemand ihn angespro- chen hat, denn es ist keiner hier, der ihn ansprechen könnte; er nickt einmal und noch einmal, und dann bleibt sein Kopf in der vorgeneigten Haltung. Lohm ist einge- schlafen. VI Als Lohm die Wohnungstür aufschließt, geht Vera ihm wie an jedem Abend entgegen. Sie tritt in die kleine Die- le und erschrickt vor seinem Gesicht. So sieht einer aus, der am Ende ist, der aufgeben mußte. Sein Lächeln kann darüber nicht hinwegtäuschen. „So, mein Herz“, sagt er und stellt sich vor sie hin mit ausgebreiteten Armen, „ab morgen komme ich wieder pünktlich nach Haus.“ „Willst du damit sagen …?“ Lohm faßt ihren Kopf mit beiden Händen. „Es war also nicht umsonst?“ 238
  • Lohm nickt. „Ich bin bloß ziemlich schachmatt. Nun merke ich’s.“ „Herbert!“ ruft Vera. Dann zieht sie ihn ins Zimmer, drückt ihn in einen Sessel, setzt sich auf seine Knie und schaut ihn stumm und glücklich an. Am Morgen verständigt Lohm zuerst Staatsanwalt Haller, dann seinen Chef und selbstverständlich Gallich, dem’s die Sprache verschlägt. Vera lauscht mit am Hörer und blinzelt Lohm zu, als Gallich sich endlich verneh- men läßt: „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Mensch, Herbert, das ist … das ist ja … Aber daß du nie ’n Wort gesagt hast, ehrlich, Herbert, das müßte ich dir eigentlich übelnehmen. Warum hast du’s denn so ganz im Allein- gang gemacht?“ „Weil deine Nerven nicht meine sind“, antwortet Lohm. „Ich wollt’ dir das einfach nicht zumuten, Werner. Wer macht schon gerne Überstunden für einen, bei dem’s im Kopfe offenbar nicht mehr stimmt? Und das hättst du doch gedacht, gib’s zu. Du hättst mich für verrückt gehalten. Hallo, bist du noch dran?“ „Kannst schon recht haben“, brummt Gallich. „Wann holt ihr euch den Burschen?“ „Sobald Haller Haftbefehl erwirkt hat. Ich hab’ gerade mit ihm telefoniert.“ „Also heute noch?“ „Das möchte sein.“ „Machst du das auch im Alleinritt, oder nimmst du mich mit?“ „Das wird wohl Sache der Staatssicherheit sein“, sagt Lohm. „Aber falls ich dabeisein sollte, bist du auch dabei.“ „Ich verlass’ mich drauf“, sagt Gallich. „Also bis gleich im Amt.“ 239
  • Gemeinsam fahren Lohm und Vera in die Stadt, und am Alex trennen sie sich nicht wie sonst, er ins Präsidi- um, sie zur U-Bahn Richtung Thälmannplatz, sondern gehen Arm in Arm durch die Rathausstraße, Vera will das heute so, wenigstens ein Stück. Wie sie sich freuen kann, denkt Lohm. Hinter dem Bowling-Zentrum muß er nach links. Sie verabschieden sich vor dem kleinen Eckcafé gegenüber dem Roten Rathaus, und er blickt ihr eine Weile nach, wie sie zum Alex zurückgeht, klein, zierlich, eigentlich nur eine halbe Portion, aber mit wieviel Selbstbewußtsein im Gang und mit welch schönem Stolz in der Haltung, seine Frau. Immer mehr Passanten schieben sich zwi- schen sie und ihn, da geht schließlich auch er. In der Staatsanwaltschaft wird er von Haller schon er- wartet, mit Ungeduld, wie es ihm scheinen will, obwohl er ein paar Minuten vor der Zeit eintrifft. „Zuerst einmal meinen Glückwunsch“, sagt der klein- wüchsige Mann mit den beweglichen pechschwarzen Augenbrauen, der wie immer tadellos angezogen ist, diesmal in grauem Glencheck mit weinroten Streifen, wozu er einen weinroten Schlips trägt. Er drückt Lohm kräftig die Hand. „Es mutet so phantastisch an, daß ich’s nicht glauben würde, wüßte ich’s nicht von Ihnen, Genosse Lohm.“ „Wollen Sie’s sich nicht gleich mal ansehn?“ „Aber darauf warte ich ja! Ich wollte nur nicht ohne Sie … Kommen Sie.“ Wie oft ist Lohm durch diese Korridore gegangen, abends, nachts, allein, als es im Gebäude der General- staatsanwaltschaft ebenso still war wie um diese frühe Stunde. Wie oft hat er sich den Widerhall seiner Schritte in die Worte übersetzt: Es – ist – sinnlos, was – du – 240
  • tust, es – ist – sinnlos, was – du – tust … Er hat ihn jetzt noch im Ohr. „Sie waren ja auch in Potsdam, im Zentralarchiv“, sagt Haller. „Dort war aber nichts.“ „Darf ich Ihnen mal was sagen, auf die Gefahr hin, daß es Sie schockiert?“ Lohm lächelt ahnungsvoll. „Ich hoffe, ich halt’s aus.“ „Als Sie vor einem Monat zu mir kamen, hab’ ich mir gesagt, na schön, wenn er sich dermaßen in den Gedan- ken verrannt hat, der Genosse Lohm, du hast kein Recht, ihm nicht zu helfen … Aber für einen Phantasten hab’ ich Sie doch gehalten.“ „Das kann ich verstehn. Manchmal war ich ja selber nahe dran.“ Haller wird lebhafter. „Die Anhaltspunkte, wissen Sie, erscheinen mir, wie soll ich sagen … nicht spezifisch, ja, das ist wohl das richtige Wort. Und jetzt“, er blickt zu Lohm hoch, unbeweglich die schwarzen Brauen, die Au- gen voller Anerkennung, „jetzt kommt’s mir vor, als sei’s gerade umgekehrt gewesen, jede Einzelheit spezifisch, ich hatte nur den Blick nicht dafür.“ Als der Staatsanwalt dann in Händen hält, was Lohm bereits kennt, ziehen seine Brauen sich zusammen, und seine Lippen werden zu einem Strich. „Und das im eignen Hause“, murmelt er kopfschüt- telnd. „Wir haben ihn überall vermutet, drüben in Argen- tinien oder weiß der Himmel wo, nur nicht bei uns.“ Er atmet plötzlich tief und sieht Lohm an. „Sind Sie sich eigentlich darüber klar, Genosse Lohm, was Ihnen da gelungen ist?“ Lohm weiß, daß seine Antwort dem Staatsanwalt un- passend, wenn nicht anmaßend erscheinen wird, aber er 241
  • sagt trotzdem: „Ja, Genosse Haller, ich werde wieder schlafen können, und meine Unruhe bin ich nun hoffent- lich auch los.“ Zu seiner Überraschung nickt Haller und sagt: „Nicht nur Sie, Genosse Lohm, werden jetzt ruhiger schlafen. Auch in Warschau wird man Ihnen dankbar sein.“ „Was heißt mir“, wehrt Lohm ab. „Es hätte ebensogut ein andrer sein können.“ „Es war aber kein andrer. Tatsachen sind nun mal Tat- sachen, und die gehören auf den Tisch.“ „Wie wird’s nun weitergehn?“ fragt Lohm. „Der Mann wird verhaftet, was sonst? Sobald ich den Haftbefehl habe, packen wir zu.“ „Wir?“ „Aber gewiß“, sagt Haller und ist etwas verwundert. „In einem solchen Fall ist der Staatsanwalt dabei.“ „Das schon“, sagt Lohm. „Sie haben also die Genos- sen der Staatssicherheit bereits verständigt?“ „Ja, natürlich, aber warum …“ „Nun, die Verhaftung fällt doch wohl nicht in die Kompetenz der Kriminalpolizei.“ Jetzt versteht Haller und mustert Lohm mit schief ge- neigtem Kopf. Und wie er Lohm betrachtet, erscheint ein Lächeln auf seinen Lippen, das jedoch sogleich wieder verschwindet. „Aber, Genosse Lohm“, sagt er mit leisem Tadel, „Sie haben den Mann aufgespürt, und die Staatssicherheit nimmt ihn aus Ihrer Hand entgegen. Das sind wir Ihnen wohl schuldig.“ „Sie sind mir nichts schuldig, Genosse Haller“, sagt Lohm. „Aber wenn ich die Verhaftung schon vornehmen soll, dann möchte ich gern, daß Genosse Gallich dabei ist.“ 242
  • „Ihr Mitarbeiter, nicht wahr?“ „Meine rechte Hand“, sagt Lohm und hebt die lädierte Schulter leicht an, „gewissermaßen mein unbeschädigter Arm. Wenn ich ihn nicht hätte … und das sage ich mir seit zehn Jahren.“ „Aber dieses Mal haben Sie ihn nicht gebraucht, Ihren unbeschädigten Arm“, sagt Haller. „Das war eine Ausnahme“, sagt Lohm, und als der Staatsanwalt nickt, fügt er hinzu: „Gallich hat’s verdient.“ „Er soll dabeisein“, entscheidet Haller. „Wo erreiche ich Sie?“ „Im Präsidium.“ „Gut, Genosse Lohm. Sobald ich den Haftbefehl habe, rufe ich Sie an, und dann bin ich in fünf Minuten bei Ih- nen.“ Haller gibt ihm die Hand. „Und dann verhaften Sie Ihren Mann.“ „Meinen Mann“, sagt Lohm mit fröstelnder Miene. „Was meinen Sie, wie froh ich bin, daß ich nicht mehr von ihm träume.“ „Sie haben von ihm geträumt?“ sagt Haller ungläubig. „Ja“, sagt Lohm. Seine Blicke wandern durchs Archiv, über die bis an die Decke aufragenden Regale, deren Bretter sich unter der Last Hunderter Ordner durchgebo- gen haben. „Aber das ist schon eine Weile her und nun auch nicht mehr wichtig.“ Zwei Stunden später fährt ein schwarzer Wolga durch Karow, biegt in eine Laubenkolonie ein und hält vor ei- ner Weggabelung. „Ich gehe voran“, sagt Lohm. „Von seinem Bürofens- ter aus kann er den Hof überblicken, und wenn er uns zu dritt kommen sieht, denkt er sich womöglich was dabei. Vielleicht hat er nicht nur seinen Meisterbrief aus der alten Zeit herübergerettet.“ 243
  • „Meinen Sie, er ist bewaffnet?“ fragt Haller. „Dieses Risiko wird er nicht eingegangen sein“, sagt Lohm. „Ich mußte nur unwillkürlich an Lorras’ Tod denken.“ „Was willst du machen, wenn er ’ne Ampulle zwi- schen den Zähnen hat?“ sagt Gallich. „So ’ne Ampulle trägt keiner fünfundzwanzig Jahre lang im Mund herum“, antwortet Lohm. „Aber er könnte sie griffbereit haben. Wenn ich allein komme, wird er wohl kaum Verdacht schöpfen. Ich hab’ ihn ja schon mal so im Vorübergehn besucht. Ihr folgt mir in – sagen wir – fünf Minuten. Es ist gleich das erste Grundstück hinter der Gabelung, das rote Dach dort unter der Kastanie. Er züchtet die Ratten in der grünen Baracke, nicht in dem Schuppen links.“ „So ist er nun mal“, sagt Gallich zu Haller. „Im Okto- ber hat er mich hierhergeschickt. Ich kenne das Ding wie meine Westentasche, aber er traut mir zu, ich könnte Zinn bei den Briketts suchen.“ „Mußt schon entschuldigen, Werner“, sagt Lohm, „ich hab’ jetzt wirklich nicht mehr dran gedacht.“ Er wendet sich an den Fahrer. „Sie, Genosse Sperling, fahren vor, wenn Staatsanwalt Haller und Oberleutnant Gallich drei Minuten weg sind. Aber halten Sie nicht direkt vor dem Tor, sondern so, daß man vom Hof aus den Wagen nicht sieht.“ „Wird gemacht, Genosse Hauptmann“, sagt der Fahrer. „Ich gehe also jetzt“, sagt Lohm, und keiner findet den Satz überflüssig, obwohl jeder sieht, daß Lohm nun geht. Alle haben Verständnis für seine Erregung. Und Lohm ist erregt, als er sich der Baracke nähert über den weiten leeren Hof. Er fühlt, daß Zinn ihn kom- men sieht; förmlich auf der Haut spürt er den Blick, mit 244
  • dem er durch die Scheibengardine beobachtet wird. Und wenn er auch sicher ausschreitet, jeder Schritt kostet ihn Mühe, als wate er durch zähen Schlamm, der seine Beine umschlingt und sich an ihnen festsaugt. Aber jetzt träumt Lohm nicht, jetzt ist er hellwach und bis zum äußersten angespannt, und so geht er dem Mann entgegen, der nicht ahnt, daß seine Stunde geschlagen hat, spät, doch nicht zu spät, und es gibt nichts, was Lohm noch aufhalten könnte, sich diesen Mann zu holen, der nun wahrlich sein Mann geworden ist. „Nanu“, sagt Zinn in der Tür, „daß Sie mich schon wieder beehren, und diesmal hier, am Ende der Welt?“ „Die Welt hat kein Ende, Herr Zinn“, sagt Lohm, „wenn’s auch mal fast so ausgesehn hat. Darf ich eintre- ten? Ich habe eine Nachricht für Sie.“ „Aber bitte.“ Zinn gibt sofort die Tür frei. „Setzen wir uns in meine spartanische Büroklause, die kennen Sie ja schon.“ „Ehrlich gesagt, fühle ich mich dort etwas beengt. Ich bin nicht gern in so winzigen Räumen.“ Zinn blickt Lohm betroffen an. „Wie geht’s Ihren Ratten?“ „Ich denke, Sie wollten mir eine Nachricht überbringen.“ „Ja“, sagt Lohm, „aber wer fällt gleich mit der Tür ins Haus? Man fragt doch erst, wie’s geht, und Sie haben ja eine Menge Schützlinge, wohl an die … zigtausend, nicht wahr?“ „Sagen Sie, machen Sie sich lustig über mich?“ „Wie können Sie so was denken, Herr Zinn.“ „Sie kommen her, geben vor, eine Nachricht für mich zu haben …“ „Ach ja, die Nachricht!“ sagt Lohm, und in dem Mo- ment fällt ihm ein, was das für eine Nachricht sein könnte, 245
  • die ihn zu Zinn geführt hat, und er faßt den Rattenzüchter scharf ins Auge. „Unsre Nachforschungen über Lorras haben ein vorläufiges Resultat erbracht.“ „Über Lorras? Ach!“ Nur für eine Sekunde tritt etwas Unstetes in Zinns Blick, dann hat er sich gefaßt; er hat sich bewundernswert in der Gewalt. „Da kann man Ihnen ja gratulieren!“ „Uns, schon“, sagt Lohm und lächelt. „Und wem nicht?“ „Ich weiß nicht“, sagt Lohm, und nun serviert er Zinn eine faustdicke Lüge. „Vielleicht dem Mörder Ihrer Frau, Herr Zinn. Denn Lorras hat Ihre Frau nicht getötet.“ „Aber er hat es doch gestanden!“ ruft Zinn aus. „Gestanden schon, nur nicht getan“, sagt Lohm. „Das gibt es nicht“, sagt Zinn. „Das ist unmöglich. Das können Sie mir nicht weismachen. Wer gesteht denn einen Mord, den er nicht verübt hat? Ich bin doch kein Phantast!“ „Das sind Sie sicher nicht“, antwortet Lohm. Die Ba- rackentür öffnet sich, und Gallich und Haller stehen auf der Schwelle, im Rücken Zinns. „Nein, ein Phantast sind Sie nicht. Aber ich will Ihnen sagen, wer Sie sind. Sie sind Egon Leibchen. Ich verhafte Sie.“ „Wer soll ich sein?“ stottert Zinn. „Gehn Sie“, sagt Lohm, „und machen Sie keine Spä- ne.“ Er richtet seine Pistole auf Zinn. Der weicht an die Wand, bleich, fast weiß, weiß wie sein Haar. „Ihre Zeit ist um, Egon Leibchen.“ „Aber ich …“ „Los jetzt!“ sagt Lohm, und Haller und Gallich treten zur Seite. „Sie werden ausreichend Gelegenheit haben zu reden. Vor Ihrem Richter, Leibchen. Und der hört Sie sogar an.“ 246
  • Als sie dann über den weiten leeren Hof gehen, der SS-Sturmführer und KZ-Lagerkommandant Egon Leib- chen in ihrer Mitte, denkt Lohm: Ich habe mich aufge- macht, die Vergangenheit eines Mannes zu finden, und was ich gefunden habe, ist dieser da, ein ganz andrer und doch derselbe, mit seiner ungeheuerlichen Vergangen- heit. Ich habe also ein Ziel erreicht, das ich gar nicht im Auge hatte. Aber es gilt. Immer gilt das Erreichte. Ich bin angekommen in einer Vergangenheit, die aber auch ihre Gegenwart hatte und wohl noch hat. Was ist damit, da alles auf einmal ganz anders ist? Und Lohm hat das Ge- fühl, diese Ankunft sei keine Ankunft, sei nur ein Auf- enthalt auf einer Zwischenstation, hinter der eine andre Station liegt, das wirkliche Ziel, das er erreichen muß, sei es auch noch so fern und nach menschlichem Ermessen unerreichbar. Da sagt Lohm sich auf diesem Gang über den weiten leeren Hof: Was ist menschliches Ermessen? Es darf nichts als unerreichbar gelten für uns. Auch wenn es un- erreichbar scheint, wir müssen es versuchen. 247
  • ZWEITES KAPITEL Leibchen oder Der Triumph des Bösen I Egon Leibchen weiß: Wenn ihm von dem, was ihm noch bleiben kann, alles bleibt, dann sind das neunundneunzig Tage. Neunundneunzig Tage können ab sofort sein Le- ben sein, wenn es lange währt. Innerhalb neunundneun- zig Tagen wird das Urteil vollstreckt. Innerhalb. Es kann also auch nur fünfzig oder zwanzig, kann nur fünf Tage dauern, bis sie ihn holen kommen. Es kann sogar schon morgen sein. Was ist die Chance eines neunundneunzig- tägigen Lebens wert in solcher Ungewißheit? Sosehr diese Ungewißheit ihn martert, so wild er sie und die, die sie über ihn verhängt haben, verflucht, immer wenn Schritte im Zellengang die Stille zerhacken, schwillt die Angst in ihm an, glaubt er, in ein Vakuum gepfercht zu sein, so muß er nach Luft ringen, und die Handflächen werden ihm feucht. Es ist die Angst, die Ungewißheit könnte zu Ende sein, ihre Last von ihm genommen wer- den. Dann, festgekrallt ans Bett, ruft er die Vorsehung an: Gib, daß dieser Schritt nicht an meiner Tür aufhört, laß ihn vorbeigehn zu einer andern, hinter der einer vielleicht ebenso wartet wie ich, aber laß mir noch ein paar Tage, wenigstens einen, wenn du es nicht anders willst, nur die- sen einen, diesen letzten noch laß mir, und wenn ich dich morgen wieder darum bitte, ich meine es dennoch ehrlich, immer wenn ich dich um den einen Tag noch bitte, meine ich es ehrlich. Nimm einen andern, nicht mich! Doch einen wie ihn wird es wohl kaum innerhalb die- ser Mauern geben, vielleicht nicht mal mehr in dieser 248
  • Stadt, nicht auf dieser Seite dieser Stadt. Er weiß von keinem mehr, der die Nerven dazu gehabt hatte. Wo ei- ner nicht vermutet wird, wird er auch nicht gesucht – die- se lapidare logische Überlegung hatte ihn, als er damals untertauchen mußte, veranlaßt, hierzubleiben. Jenseits der Sektorengrenze lauerte größere Gefahr, eben weil sie ihn dort vermuteten. Abwarten wollte er, wie sich die Verhältnisse in den verschiedenen Zonen gestalten wür- den; gehen konnte er ja immer noch. Aber als drüben kein Richter mehr Todesurteile verhängte, war seine Rat- tenzucht zu einer einträglichen Pfründe geworden, und die Furcht, daß er entdeckt werden könnte, mehr und mehr geschwunden. Da hatte er seinen Übertritt von Jahr zu Jahr verschoben. Wer sagte ihm denn, daß er an Ne- ckar oder Rhein ebenso Fuß fassen konnte wie einst hier? Selbst wenn er auf die Hilfe alter Kameraden baute, die Konkurrenz war immens und der Lebenskampf ohne Erbarmen, und wer da nicht mehr jung genug war, hatte kaum eine Chance, eine der oberen Leitersprossen zu erklimmen. Die verdammte Trägheit, die Gewöhnung, die Bequemlichkeit. Als Steffi ihm eines Tages sagte, sie hätten einen SS- Arzt ausfindig gemacht, der hier bis in die jüngste Zeit in einem Landstädtchen praktiziert hatte, hätten ihn zum To- de verurteilt und hingerichtet, dessen Frau aber nicht nur ungeschoren gelassen, sondern nicht mal in Untersu- chungshaft genommen – da hätte er gehen sollen, denn dieses Beispiel übte seine Wirkung auf Steffi aus, hatte ihrer Angst, die er ihr eingepflanzt hatte, einen Stoß ver- setzt, ja, damit hatte die Aufweichung ihrer Angst begon- nen. Aber er hatte sich nicht durchringen können. Zwar hatte dieser Fall ihn drastisch vor Augen geführt, daß die mit ihm abrechnen würden, sollten sie seiner habhaft 249
  • werden, selbst nach fünfzehn Jahren noch, und trotzdem, er war kein Arzt, bei dem sich alle möglichen Leute ein- finden, mitunter an die hundert an einem Tage, er lebte damit verglichen wie auf einer abgeschiedenen Insel. Noch ein Jahr Geld machen mit den Ratten, noch ein paar Tausender mehr anhäufen, dann hast du drüben einen leichteren Start, hatte er sich gesagt, und das war eine glat- te Fehlrechnung gewesen. Das Jahr war noch nicht um, da hatten die über Nacht dichtgemacht mit ihrer Mauer. Nun mußte er bleiben, denn riskieren durfte er nichts. Leibchen weiß, seine Sühne ist der Tod. Das Urteil ist gefällt. Er hat damit gerechnet, auch wenn es ihm mitun- ter so scheinen wollte, als sei da irgendwo noch eine Chance für sein Leben. Zuerst die Untersuchungen mit den endlosen Verhören, da war nichts von kurzem Pro- zeßmachen zu spüren, da war was zu spüren vom Walten einer ihm unbegreiflichen, geradezu röntgenologischen Gründlichkeit, mit der er durchleuchtet wurde, als sei es unerläßlich, selbst das aus ihm heraufzuholen, was längst in ihm verschüttet war. Und dann die Art der Prozeßfüh- rung, korrekt bis ins letzte Detail, bis auf seinen Vertei- diger, der wahrlich keine dankbare Aufgabe hatte; sogar aus Polen hatten sie Zeugen herbemüht, die lebendige, leider am Leben gebliebene Chronik seines Wirkens, sie nannten es Verbrechen. Selbst ein gewisser Jurek Sta- schinski hatte seine zerbröckelnde Greisenstimme im Gerichtssaal gegen ihn erhoben, der Jude, dessen Sohn Janek er, Leibchen, eigenhändig gerichtet hatte, sie nann- ten es ermordet, weil der Bengel eine Scheibe Brot vom Arbeitskommando ins Lager geschmuggelt hatte, und darauf stand der Tod. Dennoch kümmerte in ihm dann und wann die Hoff- nung auf, es müsse nicht um jeden Preis sein Tod die 250
  • Folge dieses Prozesses sein, eben weil sie ihn so führten, wie sie ihn führten. Aber er glaubte nicht daran. Und als das Urteil dann so ausfiel, wie er es erwartet hatte, be- mühte er sich um Haltung. Daß es bei dem Bemühen blieb, wer wollte es ihm verdenken? Wenn er auch nicht aufrecht stehen konnte, so gab er doch keinen Wehlaut von sich. Wer das unmännlich nennen wollte, daß die Beine ihm wegknickten, der hätte mal nach Jawigor kommen sollen damals, dort hätte er mit ansehen können, was mancher für eine miserable Figur gemacht hatte. Dort hätten sie es sehn können, die alle da, und wie! – Er wird also den Tod erleiden, und er weiß sogar, welchen Tod. Bei denen wird keiner guillotiniert, keiner gehängt, es gibt keine Gaskammern wie in den Hinrichtungsstät- ten der Vereinigten Staaten und keine Handbeile wie noch zu seiner Zeit; wessen Todesurteil hier vollstreckt wird, der wird vor ein Exekutionskommando gestellt und erschossen, kein würdeloser, entehrender Vorgang mit- hin, sondern fast ein Soldatentod. Manchen Deserteur hat er auf diese Weise sterben sehn zu seiner Zeit noch, ein- mal sogar einen Hauptmann der Infanterie, den allerdings mit herabgerissenen Schulterstücken und Löchern im Waffenrock, wo er vorher das Eiserne Kreuz und die goldne Nahkampfspange getragen hatte. Nun, ihm reißt keiner mehr das schmale Schulterstück herunter, und Kampfauszeichnungen hat er nie besessen. Dieser belei- digende Akt. wird ihm also erspart bleiben, und falls er die Kraft aufbringt, wird er sich in seiner letzten Stunde sogar in seiner schwarzen Uniform denken mit dem To- tenkopf überm Mützenschirm, und er wird den Tod in dem Bewußtsein empfangen, als Offizier zu sterben. Die- se Möglichkeit ist ihm geblieben. Nur tröstlich ist sie nicht. Auch dieser Tod ist schrecklich und kommt mit 251
  • jener einmaligen unvorstellbaren Angst einher, die er, Leibchen, bei so vielen beobachtet hat, nie aber empfin- den mußte. Das weiß er nun, denn nun ist sie in ihm, die- se Angst, und füllt ihn aus bis in jede Nervenzelle, in je- den Tropfen seines Bluts. – Und doch, wenn die glauben sollten, daß er seine letzten Tage nur in Angst zubringt, daß er von morgens bis in die Nacht hinein vor seiner Todesstunde zittert und allmählich zermürbt wird, mehr und mehr, bis er seine Taten zu bereuen anfängt, dann beweist das nur, wie wenig die von dem begriffen haben, was einmal der SS-Sturmführer Egon Leibchen war. Nicht ein Anflug von Reue ist in ihm, nicht mal Bedau- ern. 37 Morde, wie sie das nennen, haben sie ihm nach- gewiesen, nebbich. Es ist aber auch nicht sein Triumph, daß sie nicht alles feststellen konnten; hätten sie es festgestellt, es wäre ihm gleichgültig gewesen. Und dennoch triumphiert er, so- bald es ihm gelingt, die Angst zurückzudrängen, und bald ist es so, daß er sie zurückdrängt, indem er sich diesem Triumphe hingibt. Ihn genießt er wie andere vielleicht ein tiefes Glück, die Freude über einen ungeglaubten Sieg, mehr noch, ihn kostet er aus. Es ist sein Triumph, ein einmaliger, unauswechselbarer, wie ihn vor ihm wo- möglich noch nie ein Mensch gehabt hat: In den Augen seiner Richter mag er ein Mörder sein, auch in den Au- gen aller andern, die hier leben, mag er als Mörder gel- ten, und das sind fast achtzehn Millionen, selbst der di- cke Zumseil wird unter ihnen sein. Aber in den Augen seiner Kameraden vom silbernen Totenkopf, die davon- gekommen sind und auf ihre Stunde warten, irgendwo in der Welt, in der argentinischen Pampa oder in den wei- ßen Städten des Orients, in München oder Madrid, wo auch immer, warten, wie auch er gewartet hat, in ihren 252
  • Augen wird er, geht die Kunde von seinem Tode um die Welt, als Mann gestorben sein, der nur seinem Treueid gehorchte, seine Befehle ausführte, wie es einem Solda- ten geziemt, nein, nicht mal gestorben wird er sein in ihren Augen, sondern gefallen als standhafter Offizier. Und das ist mein Sieg, denkt Leibchen. Der Sieger bin ich, obwohl ich sterbe. Ich werde nicht gerichtet, ich ge- he unter, wie Schlachtschiffe untergehn oder Nationen, moralisch unbesiegt. Und alle, die eine solche Haltung achten, werden im Geiste an meinem Grab die Fahne senken. Denn daß ich Steffi ermordet habe, wird nie ein Mensch erfahren, und keiner der alten Kameraden wird sich abwenden von mir, wird sich meiner mit Verachtung erinnern, gleichwo in der Welt. Diesen Zweikampf habe ich gewonnen, Hauptmann Lohm! Mir kommst du nicht bei, ihr alle kommt mir nicht bei. Um der Welt zu zeigen, wer ich, Egon Leibchen, wirklich bin, muß einer aus an- derm Holz geschnitzt sein! II Seit jenem Tage, als Lohm ihn in seiner Zelle aufgesucht hat, kennt er, Leibchen, die heimliche Sehnsucht dieses linkischen, ungeschlachten, schlappen Kerls, der ständig in Zivil herumläuft, obwohl er Hauptmann ist. Der Spür- hund hat Morgenluft gewittert. Daß Lorras Steffis Mör- der sein soll, bezweifelt er nun, nachdem er Leibchens Identität ausgeschnüffelt hat, und prompt hat er sich ihm erneut auf die Fährte gesetzt! Aber dafür hat Leibchen nur ein verächtliches Lächeln. Sich in Berge alter Akten hineinzuwühlen wie ein Totengräber ins Erdreich, weil offenherzige deutsche Gründlichkeit Material für tod- bringende Archive geschaffen und obendrein auch noch 253
  • hinterlassen hat, dazu bedarf es nur stumpfsinniger Ge- duld, der Geduld eines Zugtiers im Gespann oder eines von der Rasse dieses Staschinski, der auf diese Stunde gewartet haben will, ein Vierteljahrhundert lang, nur noch dem Wunsche lebend, einmal dem Mörder seines Janek gegenüberzustehen, das hat; der wahrhaftig vor Gericht erklärt, schluchzend, und nun, nach diesem Pro- zeß, wolle er gerne sterben. Auch der hätte seine Identität wahrscheinlich aus dem Staub der Archive herausge- schaufelt, herausgekratzt, herausgenagt mit der Wollust von Ratten. Dazu sind die fähig, das können sie und noch einiges mehr, zugegeben, der Lohm zum Beispiel, dieser zähe, hinterhältige Bursche, der ja auf den verdammten Einfall gekommen sein muß, irgendwie, falls ihm nicht einer was geflüstert hat, es könne in Carl August Zinns Vergangenheit was zu holen sein. Das hat er sich geholt, kein Wunder, daß ihm das zu Kopf gestiegen ist und er sich nun einbildet, es werde so weitergehn, Zug um Zug, bis er ihn, Leibchen, auch noch als Mörder der eignen Frau überführt. Das hat er sich so gedacht. Weil er bei dem gut beleumundeten Carl August Zinn kein Tatmotiv hat entdecken können, setzt er bei Egon Leibchen ver- mutlich gleich ein ganzes Dutzend voraus; es braucht einer ja nur in der SS gewesen zu sein, und gleich trauen die dem alle nur ausdenkbaren Scheußlichkeiten zu! Aber ihm den Mord an Steffi nachzuweisen, dazu bedarf es wesentlich mehr als dieser nagetierhaften Ausdauer, dazu gehört Scharfsinn und Intelligenz, denn nicht ir- gendwer hat hier die Weichen gestellt, sondern er, Egon Leibchen, und die Weichen, die er gestellt hat, führten schon immer ins Nichts. Und dort wird dieser Lohm an- kommen, im Nichts wird er sich totlaufen, mag er noch so kühn kombinieren, mag er selbst zu etwas fähig sein, 254
  • was Tschammer, wenn er besoffen philosophierte, gern als Wagemut des Denkens bezeichnet hat. Woher soll dieser lächerliche kleine Hauptmann überhaupt wissen, was das ist? Der weiß ja nicht mal, wie und wo er anset- zen soll. Der weiß absolut gar nichts. Schon die Finte, mit der er ihn, Leibchen, bei der Verhaftung aufs Kreuz legen wollte, sie hätten ermittelt, daß Lorras nicht Steffis Mörder sei! Die hatte er sofort durchschaut, wie er auch das plumpe Ding, mit dem sie ihm auf dem Friedhof bei- kommen wollten, durchschaut hatte. Holzauge, sei wach- sam! Scheint überhaupt ’ne Type zu sein. Wer gibt sich denn mit solchem Schnickschnack ab? Ein Bluffer, der seinen Gegner immer für etwas dümmer hält, als er sel- ber ist. Möglich, daß er bisher damit gut gefahren ist. Kommt auf den Gegner an, kommt stets auf den Gegner an. Sind vielleicht alles Luschen gewesen. Haben es ihm leicht gemacht. Lebt nun in dem Wahn, er habe nur noch Luschen zu Gegnern und brauche bloß seine Trickkiste aufzuklappen, haha, das hat der sich so gedacht! Finte beim Begräbnis, Finte bei der Verhaftung, welche wirst du dir als nächste aus den Fingern saugen, du verdamm- ter Judas? Aber sauge nur, immer sauge, helfen wird’s dir nicht. Und weiß du, warum? Weil’s dir an zu vielem fehlt, mein Junge, vor allem an Format. Du hast es dies- mal mit Egon Leibchen zu tun, vergiß das nicht, und der ging, als er die Weiche stellte, davon aus, sie würden ihm einen mit Köpfchen auf die Fährte setzen, das heißt nicht einen ebenbürtigen, wo gibt’s denn den, aber zumindest nicht so einen Stümper wie dich! Egon Leibchen haßt Lohm. Nie hat er einen Menschen so gehaßt. Lohm hat seine Vergangenheit ans Licht ge- holt, hat sie herbeigezerrt aus fünfundzwanzigjähriger Ferne, die fast schon Vergessenheit war, und mit ihr das 255
  • Leben des Carl August Zinn zunichte gemacht, ein Wohlleben, wie es viele ersehnen, aber nie erlangen, wenn’s auch nicht frei war von der unterschwelligen Furcht vor zufälligem Dochnochentdecktwerden. Aber es war doch ein Leben, des Gelebtwerdens wert, und es hät- te mit einem natürlichen Tode geendet in umhüteter Ster- bestunde, wäre Lohm nicht gekommen. Lohm hat Carl August Zinn auf dem Gewissen, Lohm hat den ersten Spatenstich zu Egon Leibchens Grab getan, und nun, als habe er noch nicht genug angerichtet, hat er sich aufge- macht, die Symbiose, die Zinn mit Leibchen eingegangen ist an jenem Abend am Langen See, an den Tag zu brin- gen. Lohm, Lohm, Lohm, immer wieder Lohm. Es gibt kaum eine Todesart, die Leibchen Lohm nicht schon zu- gedacht hat, ausgemalt bis in die winzigsten Details mit der Phantasie des Hasses. Täglich stirbt Lohm schreckli- che Tode in Leibchens Zelle, und Leibchen heult dabei innerlich vor Wut, während er sich an den Bildern wei- det, heult vor Wut, daß er in seiner völligen Entmachtung auf seine Vorstellung angewiesen ist, auf diesen hämi- schen, hohnvollen Selbstbetrug seines Wunschdenkens, das er sofort in die Tat umsetzen würde, wenn er nur könnte – und inzwischen geht Lohm durch die Stadt, un- behelligt, nur ein Ziel im Auge, ihn, Leibchen, vollends zu besiegen. Das weiß Leibchen, und dieses Wissen macht ihm angst, die er sich nur nicht eingesteht, die er zurückdämmt, knebelt, übertönt, indem er Lohm be- schimpft und erniedrigt, wie er auch jene Staschinskis und Moshes und Herschels immer beschimpft und er- niedrigt hatte damals in Jawigor, und selbst wenn er ei- nen von ihnen getötet hatte, er hatte es getan, weil er sich ängstigte vor ihrer bloßen Existenz. Wie erst vor Lohm, der nicht wehrlos ist, wie jene es waren. 256
  • „Wollen Sie nicht ein Geständnis ablegen, Leibchen?“ Als Lohm, lange vor dem Prozeß, ihn in seiner Zelle aufsuchte, hat Leibchen sofort gewußt, weswegen er kam. Aber er hat sich dumm gestellt, was für ein Ges- tändnis denn, und er hat Lohm angesehn, daß der begriff, Leibchen würde ihm keinen Fußbreit entgegenkommen, weil er hoffte, Lohm werde in diesem Kampf, diesem Zweikampf, unterliegen. Da hat Lohm sich abgewandt, schweigend, und Leibchen hat vergeblich nach einem Zeichen von Enttäuschung in dem verhaßten Gesicht, in den verhaßten grauen Augen gesucht, er fand nur Ver- achtung darin. Diese Verachtung hätte ihn noch kaltgelassen. Was er nicht ertrug, war der Gleichmut, mit dem Lohm die Ab- fuhr hinnahm, denn dahinter stand eine impertinente Si- cherheit, ein freches Überlegenheitsgefühl, das einer nicht heucheln kann, das er hat oder nicht. Und Lohm hatte es und ließ es ihn spüren, indem er nicht auf ihn einredete, sondern sich abwandte, einfach abwandte – schön, wenn du nicht willst, dann werde ich dir bewei- sen, daß es auch ohne dich geht. Da hat er, Leibchen, die Beherrschung verloren. Breit- beinig hat er sich hingepflanzt in der schmalen Zelle, hat die Fäuste in die Hüften gestemmt, daß er mit den Ellen- bogen fast die Wände berührte, und hätte er noch dazu gebrüllt, es wäre wie einst auf dem Appellplatz gewesen. „Ich will Ihnen mal was sagen, Sie, damit Sie es ein für allemal wissen, Sie. Zu einem Mord, wie Sie ihn mir un- terschieben wollen, bin ich nicht fähig. Ich bin kein Ver- brecher. Ich habe Menschen getötet, jawohl, doch als Soldat, verstehn Sie das, als Soldat! Jeder Soldat hat Menschen getötet, ob er nun Deutscher oder Russe war. Im Kriege ist das nun mal so. Ein Krieg ist kein 257
  • Zuckerlecken, sondern ’ne verdammt harte, blutige An- gelegenheit. Nur, daß es verschiedene Fronten gab, die eine vorn, andre weiter zurück, aber das heißt nicht, daß irgendwo Etappe war. In diesem Krieg gab’s keine Etap- pe wie beim Alten Fritzen, in diesem Krieg war überall Front, und ich habe an der gekämpft, an die ich gestellt worden war.“ „Gekämpft“, sagte Lohm angewidert. „Jawohl“, sagte Leibchen, „als Soldat!“ „In Jawigor“, sagte Lohm, „tausend Kilometer weit vom Schuß.“ „Warum sagen Sie nicht gleich drei-, fünf-, zehntau- send?“ „Weil sie euch so weit nicht haben kommen lassen.“ Lohm blickte Leibchen in die Augen und erkannte, wie dieser Mann ihn haßte. „Wissen Sie eigentlich, daß Sie ein überzeugendes Beispiel sind, Leibchen?“ Leibchen antwortete nicht. „Sie wissen es also, um so besser.“ „Ich weiß gar nichts“, knurrte Leibchen. „Für den Faschismus“, sagte Lohm. „Bei Ihnen hat er nämlich nichts mehr an, bei Ihnen ist er nackt.“ „Ich habe Steffi nicht umgebracht, ich nicht!“ schrie Leibchen. „Sie wissen genau, wer ihr Mörder war, ihr alle wißt es!“ Er keuchte. „Aber ich durchschaue euch, euch alle durchschau’ ich, und wie! Kirremachen wollt ihr mich, in’n Dreck zerr’n wollt ihr mich mit nacktem Faschismus und so, und da kommt ihr mir mit dieser hundsgemeinen Unterstellung, ich hätt’ auch … meine eigne Frau hätt’ ich, wär’ nicht mal davor zurückge- schreckt, den einzigen Menschen, der mir geblieben war, so mir nichts, dir nichts … Damit ihr in die Welt hinaus- posaunen könnt: So sehn sie aus, schaut ihn euch an! Der 258
  • da, dieser Egon Leibchen da, ist das klassische Beispiel! Das eigne Weib abgeschlachtet, weil er’s mit der Angst gekriegt hat, der feige Held von damals, der sogenannte Herrenmensch. Das wollt ihr doch. Aber mit mir nicht, nicht mit mir, Sie … Sie Hauptmann Sie! Ich lasse mich nicht zum Verbrecher stempeln. Ich hab’ immer nur mei- ne Pflicht getan. Als Soldat!“ „Ich komme wieder“, sagte Lohm, schon nicht mehr fähig, Ekel zu empfinden, „und wenn Ihr Prozeß darüber vorbeigeht, ich komme, Leibchen. Wenn ich dann in Ihre Zelle trete, wissen Sie Bescheid. Dieses eine Mal sehn wir beide uns noch.“ III Den Entschluß, sich seiner Frau zu entledigen, hatte Leibchen von einem Tag auf den andern gefaßt, vor nunmehr über einem Jahr. Sein Antiquitätenhändler hatte ihm eine Tabatiere angeboten, die angeblich aus dem Besitz Friedrichs II. stammte. Den kleinen kunstvoll ge- arbeiteten Gegenstand hatte die Hand des großen Preu- ßenkönigs berührt und geadelt, und damit war sein Wert für Leibchen ins unermeßliche gestiegen. Das hatte ihn. zum Kauf bewogen. Abends, inmitten der alten Möbel, bei einer Flasche Murfatlar, den Steffi am liebsten trank, kredenzte er ihr das kostbare Stück mit stolzem Kommentar. Statt sich jedoch mit ihm zu freuen oder wenigstens Verständnis für seine Freude zu zeigen, erklärte sie, ohne auch nur mit einem Wort auf die Anschaffung einzugehn, sie wol- le nicht mehr mit ihm leben. Noch hatte er sich von dem Schlage nicht erholt, da begriff er schon, daß diese Er- öffnung nicht einem plötzlich aufgekommenen Unmut 259
  • entsprang, sondern Steffis festem Willen. Jede ihrer Be- gründungen traf ihn wie ein gezielter brutaler Hieb; Sie könne dieses Leben nicht länger ertragen, dieses sterile, trostlose Dahinvegetieren in der Gesellschaft von Ratten, das nun schon mehr als zwanzig Jahre währe; sie habe dieses Höhlenmenschendasein satt, das zwischen Woh- nung und Rattenbaracke hin- und herpendelte wie der Perpendikel einer alten Uhr, die bald stehenbleibt. Sie könne einfach nicht mehr. Sie sei am Ende. Sie habe zu ihm gehalten bis an die Grenze ihrer Kraft, und damit schon habe sie ihm ein Opfer gebracht, zu dem sie durch nichts verpflichtet war, habe sie doch erst nach dem Kriege von ihm erfahren, warum sie den Namen Zinn annehmen und untertauchen mußten. Ahnungslos sei sie gewesen und so vertrauensselig in ihrer Liebe zu ihm, wie es eben nur ein Ding von siebzehn Jahren sein kann, das über den Horizont von Tisch und Bett nicht hinaus- blickt, und so habe sie ihm blind geglaubt, daß er im La- ger Jawigor renitente Elemente umerzöge, indem er sie zu tüchtiger Arbeit anhielt, und da sie nie in Jawigor war, sei ihr nie der Verdacht gekommen, es könnte dort nicht geheuer zugehn, und welche furchtbaren Zustände in sol- chen Lagern herrschten, sei ihr ohnehin erst nach dem Krieg bekannt geworden. Selbst als er ihr am Tag der Kapitulation die falschen Papiere aushändigte und die auf den Namen Leibchen verbrannte, habe sie darin nicht mehr als eine Vorsichtsmaßnahme gesehn und diese gut- geheißen, denn sie wollte nicht, daß ihr Mann an die Wand gestellt wurde, und er hatte ihr ja eingeredet, sie würden jeden SS-Offizier an die Wand stellen. Also durf- ten sie seiner nicht habhaft werden, und so wurde aus Ingrid Leibchen eine Steffi Zinn. Später erst, als sie zu zweifeln anfing, weil doch nicht jeder SS-Offizier er- 260
  • schossen worden war und ehemalige SS-Männer sogar in Betrieben arbeiteten wie andre Arbeiter auch, selbst unter der sowjetischen Besatzungsmacht, habe er ihr gestan- den, daß er in Jawigor einmal einen aufsässigen Lagerin- sassen habe erschießen müssen, zwar einen einzigen nur und unter Befehlszwang, aber dummerweise sei der auch noch Jude gewesen, und in dieser Frage kannten die heu- te keinen Pardon, da fackelten sie nicht lange, da schrien die gleich Mord, auch wenn es eine rechtmäßige Exeku- tion war, nur sei heute eben, was damals als rechtmäßig galt, eine fürchterliche Bürde für einen, ein todeswürdi- ges Verbrechen gewissermaßen – als er ihr das gestand, habe sie ihm immer noch geglaubt, vielleicht weil sie es so wollte, weil es so leichter für sie war. Der Gedanke, sich von ihm zu trennen, sei ihr damals jedenfalls nicht gekommen, denn damals hatte sie ihn noch geliebt. Freilich, er habe ihr angst gemacht, sie würden auch sie vor den Richter zerren, kämen sie einmal hinter seine wahre Identität, sei sie doch inzwischen zur Mitwisserin geworden, abgesehen davon, daß ihr ihre einstige Unwis- senheit heute sowieso keiner abnehmen würde; und er habe es verstanden, diese Angst in ihr wachzuhalten und ständig zu schüren, und getan habe er das nur, um sie an sich zu ketten, ihr Selbstbewußtsein so weit auszulö- schen, wie menschliches Selbstbewußtsein ausgelöscht werden kann, bis auf jenen minimalen Rest, auf dem kei- ne Selbständigkeit mehr gedeiht. Sie sollte vergessen, daß sie einmal Ingrid Leibchen war. Sie sollte es nicht mehr wissen. Sie sollte es nie gewußt haben. Um sie da- für empfänglicher zu machen, habe er diese grauenhafte Gefangenschaft ersonnen, die seit zwei Jahrzehnten ihr Leben war, dieses hermetische Abgeschlossensein von der Außenwelt mit den jämmerlich kargen Pausen für die 261
  • Verrichtung der Notdurft, jawohl, der Notdurft des Einho- lens, der flüchtigen Gespräche mit den Abnehmern ihrer scheußlichen Produktion, des Zumfriseurgehens einmal im Monat. Nichts sonst. Die Welt nur übers Fernsehen, die vor der Haustür nur durchs Lokalblatt. Kein Theater, kein Restaurant, keine See und keine Berge im Urlaub, reich- lich Geld, gewiß, und als Trostpflaster eine luxuriös aus- gestattete Wohnung, in der sie behaglich verwelken konn- te. Auch Autopartien dann und wann, doch nie in einer fremden Stadt übernachten, im Hotel könnte ja einer sein, der Egon Leibchen kannte und in Carl August Zinn wie- dererkennt, ja, nicht einmal den Wagen verlassen in beleb- ter Gegend, um sich die Füße zu vertreten, sondern nur in menschenferner Einöde, auf abgelegenen Waldschneisen, auf weithin überschaubaren Feldern, und nach dem Auf- zehren der Marschverpflegung wieder heimwärts ins Pri- vatkazet, jawohl, ins komfortable, zugegeben, mit Haupt- lager und Außenstelle, Schlaraffiamatratzen dort statt ro- her Bretterverschläge zum Schlafen und Murfatlar und Krabbencocktails zum ersten Frühstück und getrüffelte Gänseleber aus dem Havannaladen und was für Geld noch so zu haben ist, und alles ins Odeur großer kriegerischer Namen getaucht, Napoleons zum Beispiel oder dieses welken, buckligen Alten Fritzen, an dessen Seite ein Weib vermutlich auch langsam vertrocknen konnte, ohne daß der es bemerkte. Und im Außenlager ebenfalls alles tipp- topp, auf Hochglanz poliert, hygienisch zum Fußbodenab- lecken und selbstverständlich auf hohem technischem Stand, mit Fließbandfütterung und mechanischer Entmis- tung, alles hinter Glas, sicher eine Freude für einen, der daneben noch lebte, aber das hatte sie eben nicht. Dieses Unleben also werde sie nicht mehr weiterfüh- ren, sie könne es einfach nicht länger ertragen, und alle 262
  • seine Durchhalteparolen würden daran nichts ändern. Denn trotz dieser fast vollkommenen Isolation, in der er sie gehalten habe, habe sie nicht im luftleeren Raum ge- lebt, nicht in Friedhofsstille, er hätte sie denn einsperren müssen in diesen Wänden, hätte die Fenster vermauern müssen, wieviel Außenwelt dringt allein durch so ein Fenster ein, hätte das Fernsehgerät und das Radio zer- trümmern müssen, denn die durchbrechen jeden Wall des Schweigens und informieren auch den, der nichts erfah- ren soll, und wie hungrig machen die auf das Leben da draußen! Die Angst habe sie ihr Los zwar jahrelang er- dulden lassen, aber was sich in ihr dagegen aufgelehnt habe, sei immer stärker geworden, von jedem Gang vor die Tür sei sie anders wiedergekommen, als habe sie fri- sche Luft geatmet, und wie sie früher die Leute mied, habe sie diese in letzter Zeit gesucht, habe Gespräche angeknüpft beim Friseur, im Schlächterladen, sogar auf der Straße, und jedesmal habe sie das Gefühl gehabt, sie könne nun tiefer durchatmen, das Leben sei anders, und dort, eben dort, wo es so anders war, sei es wirklich und lebenswert, und das habe sie nach und nach verwandelt, so sehr verwandelt, daß sie an ihre Angst jetzt nur noch denke wie an einen vergangenen Alptraum, einen dum- men Aberglauben. So also sah das Ende aus. Das war Steffis Lossagung von ihm. Und obwohl er sie in mancher depressiven Stunde schon bedacht und einkalkuliert hatte, denn er hatte alles einkalkuliert, selbst Steffis Abfall, selbst sei- nen Untergang durch ihren Verrat, nun, da sie erfolgt war, die Lossagung, und er sie hinnehmen mußte, traf sie ihn mit der Wucht eines Todesurteils. Er war so ratlos, daß er nicht reagieren konnte. Er konnte nicht einmal klar denken. 263
  • Wie war das möglich, daß ein so duldsames Wesen plötzlich derartig aufbegehrte? Was war das für ein Geist, der diesen Ausbruch aufrührerischer Gefühle in ihr ausgelöst hatte? Wer hatte ihr Denken vergiftet? Privat- kazet hatte sie diese herrliche Wohnung gen