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,,... dass auf einmal ’n blue screen ’n pink screen wäre“

by karin-kleinn

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  • { HAUPTBEITRAG / DIVERSITY-KONZEPTE ,,... dass auf einmal ’n blue screen ’n pink screen wäre“1 Diversity-Konzepte von Studierenden der Informatik Monika Götsch · Yvonne Heine Karin Kleinn Einleitung Diversity ist als Schlagwort inzwischen in aller Munde. Gerade die Informatik ist eine Disziplin, die in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen agiert und damit das Leben und Arbeiten der meis- ten Menschen in mehr oder weniger starkem Maße beeinflusst. Die große Diversität von informati- schen Anwendungen steht also außer Frage, wie aber sieht es bei der Diversität innerhalb der In- formatik und der Softwareentwicklung aus? Es ist die Frage, ob sich diese Vielfalt auch in den Entwick- lungsteams widerspiegelt und ob die Informatik sich darüber im Klaren ist, dass Vielfalt nicht einfach vorhanden ist, sondern bewusst hergestellt werden kann. In der kurzen Geschichte des Diversity-Kon- zeptes ging es zunächst darum, mit der Verschie- denheit der eigenen MitarbeiterInnen umzugehen und erst in zweiter Linie um das proaktive Nutzen der Potenziale von Unterschiedlichkeit und um gezieltes Fördern von Vielfalt und Offenheit [1]. KundInnenorientierung stand und steht dabei im Mittelpunkt. In dieser Hinsicht ist Diversity für die Informatik mit ihren schier unendlich vielen Anwendungen geradezu ein Muss. Doch Diversity zu nutzen heißt nicht einfach, Men- schen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, unterschiedlicher Nationalität, Ethnizität etc. in einem Team zu vereinen, sondern es gehört auch 1 Zum Umgang mit Zitaten in diesem Text: Zitate aus der Literatur so- wie aus den Interviews sind in doppelte Anführungszeichen (,,“) gesetzt. Zur besseren Lesbarkeit haben wir die Interviewzitate ,,bereinigt“, d. h. Dialekt geglättet und Pausen bzw. Pausenfüller wie ähm, äh etc. so- wie Wiederholungen entfernt. Hervorhebungen der Autorinnen sind kursiv gesetzt. ein bewusster Umgang mit Vielfalt und ein Ver- ständnis für ihre Chancen und Schwierigkeiten dazu. In der Weltbilder-Studie interessieren die Bilder von Diversity in der Informatik als erste berufs- spezifische Prägung an der Universität. Denn hier erfahren die Studierenden, was Informatik ist und wie in der Informatik gearbeitet wird. Wo ist darin Diversity verortet? Was erfahren die Studieren- den über Diversity im Studium? Wie bewerten sie die Bedeutung der Vielfalt von Teammitgliedern und was lernen sie, um mit solcher und anderen Arten von Diversität umzugehen? Welche Kon- zepte von Diversity haben sie? Diversität wurde in dieser Studie unter zwei Gesichtspunkten be- trachtet. Wir unterscheiden fachliche und soziale Diversität: fachliche Diversität im Sinne von Zu- sammenarbeit verschiedener Disziplinen mit der Informatik oder von interdisziplinärer Fachlichkeit der Informatik und soziale Diversität im Sinne von Merkmalen wie Geschlecht, Ethnizität und Persön- lichkeit, die auf den ersten Blick nicht in direktem Zusammenhang mit der Informatik stehen, in die Informatik aber eingebettet und damit auf sie be- zogen ist. Wie sich zeigt, sind die Konzepte der Studierenden von Diversität eng verbundenmit dem Verständnis, das sie von der Informatik als Disziplin haben. DOI 10.1007/s00287-013-0705-0 © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013 Monika Götsch · Yvonne Heine · Karin Kleinn Abteilung 1: Modellbildung und soziale Folgen, Institut für Informatik und Gesellschaft, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 79098 Freiburg E-Mail: [email protected] 278 Informatik_Spektrum_36_3_2013
  • Zusammenfassung ,,Diversity“, also Vielfalt sowohl in der profes- sionellen Beteiligung als auch der Entwicklung und (Be-)Nutzung von Informationstechnik, wird von Studierenden der Informatik sehr un- terschiedlich konzipiert und bewertet. Dabei zeigt sich, dass die Bewertung von Diversity eng mit dem Verständnis von Informatik und von Softwareentwicklung verbunden ist: Wird Informatik als eine inhärent interdisziplinäre Disziplin gesehen, so ist Vielfalt in den An- wendungsbereichen eine Selbstverständlichkeit und bei der Softwareentwicklung unerlässlich. Wird Informatik dagegen als eine streng formale Disziplin gesehen, impliziert dies nicht notwen- digerweise Diversität als Anforderung an das Fach in irgendeiner Form. Theoretische Einordnung und Positionierung Wissen als soziale Konstruktion Wie wir im Folgenden aus soziologischer Perspek- tive zeigen werden, verfügen die Studierenden über unterschiedliches Diversity-Wissen, das interde- pendent mit dem Wissen über Informatik sowie Softwareentwicklung verbunden ist. Wissen verste- hen wir hierbei aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive [2] als in sozialen Interaktionen kon- struiert sowie durch individuelle Erfahrungen wie auch professionelles Handeln hergestellt und modi- fiziert. Wissen ist demnach nicht deskriptiv (noch explizit formal repräsentiert wie in der Informa- tik), sodass es Vorfindliches bzw. die Welt oder Wirklichkeit einfach beschreiben würde, sondern Wissen ist selbst produktiv und variabel. In Anleh- nung an Berger/Luckmann [2] unterscheiden wir explizites Wissen und implizites Wissen in analo- ger Weise, wie die Informatik es (allerdings i. d. R. statisch) tut. Explizites Wissen bezeichnet das Wis- sen, das jederzeit abrufbar, erklärbar und zugleich erklärungsbedürftig ist, wie beispielsweise (theo- retisches) professionelles Fachwissen. Implizites Wissen erscheint dagegen so ,,normal und selbst- verständlich“ [2, S. 24], dass es keiner bewussten Reflexion bedarf. Dieses Wissen wird mit ande- ren geteilt. Durch seine Selbstverständlichkeit und Sinnhaftigkeit erscheint es logisch und plausibel. Für ein gegenseitiges Verstehen braucht es keine Erklärungen – alle glauben, das Gleiche zu wissen.2 Wie implizites Wissen funktioniert, lässt sich sehr gut am Wissen über Geschlecht zeigen. Es wird wie selbstverständlichangenommen,Menschen hin- sichtlich ihrer Geschlechtszugehörigkeit eindeutig und konstant als entweder Frauen oder Männer unterscheiden zu können. Entsprechend nehmen wir Menschen, ihre Verhaltens- und Darstellungs- weisen immer als entweder weiblich oder männlich wahr. Dies wiederum führt zu der Annahme, dass es zwei klar unterscheidbare und stets erkennbare Geschlechter gibt, oder wie Hirschauer [3, S. 242] es formuliert: ,,Die Geschlechterunterscheidung ist eine permanent stattfindende soziale Praxis, die ein Wissenssystem reproduziert.“ Dölling [4] verweist zudem unter Bezugnahme auf Bourdieu darauf, dass ,,Geschlechterwissen“ [4, S. 44] feldspezifisch aktua- lisiert und strategisch verwendet wird, um einerseits den Spielregeln im jeweiligen Feld – hier wäre es dann das Feld der Informatik – gerecht zu wer- den und andererseits sich selbst in diesem Feld zu positionieren. Wir gehen im Folgenden davon aus, dass sich das Wissen der Studierenden über Diversity weniger aus expliziten Reflexionen zu diesem Thema, denn aus impliziten Annahmen über die Informatik als Disziplin und Feld, über Zweigeschlechtlichkeit so- wie über kulturelle Differenzen zusammensetzt. Für die Erforschung dieses Wissens ergibt sich nun die Schwierigkeit, dass Selbstverständlichkeiten nicht (immer) bewusst abrufbar und damit auch nicht di- rekt abfragbar sind. Vielmehr wird dieses Wissen im freien Reden und Erzählen deutlich, beispielsweise im subjektiven Deuten von persönlichen Erfahrun- gen [5]. Deshalb haben wir uns innerhalb unserer Studie für qualitativeMethoden der Sozialforschung, konkret für Einzelinterviews und Gruppendiskus- sionen entschieden, die erzählgenerierend wirken. Mit der Interviewanalyse nach der dokumentari- schen Methode [6] ließ sich dann explizites und implizites Wissen, wie es sich in den Schilderungen und Plausibilisierungen der Studierenden andeu- tungsweise zeigt, rekonstruieren, wie im Folgenden zu sehen sein wird. 2 Aber dieser Glaube ist trügerisch, wie bereits das unterschiedliche Verständnis des Wortes ,,Wissen“ in den Wissenschaften Soziologie und Informatik zeigt, auch wenn der Sinn zunächst ähnlich erscheint. Gerade die Wissenschaften konstru- ieren Bedeutungen besonders distinkt, womit sich ein Teil der Schwierigkeiten interdisziplinärer Zusammenarbeit erklären lässt. Informatik_Spektrum_36_3_2013 279
  • { DIVERSITY-KONZEPTE Abstract Students of computer science see and evaluate “diversity”, i. e. plurality both in profession and products and their usability in many dif- ferent ways. The validation of diversity thereby is closely linked to the concept of compu- ter science and of software development: If computer science is seen as an inherently in- terdisciplinary discipline, diversity in any field of application is understood as self-evident and in software-engineering it is indispensa- ble. If computer science is judged as a strictly formal discipline instead, no necessity is seen to have diversity within the subject in either form. Diversity Das Konzept des Diversity Management (DiM) stammt aus den USA und wird seit den 90er-Jahren auch in Deutschland angewandt. Es handelt sich dabei um ein Managementkonzept, das den Umgang mit einer vielfältigen MitarbeiterInnenschaft in Or- ganisationen gestalten will. Je nach Kontext wird das DiM auf unterschiedliche Art und Weise defi- niert und begründet. Veddel unterscheidet zwischen der ,,Equity Perspective“ und der ,,Business Per- spective“ auf Diversity (Management) [7, S. 126 f.]. Während bei ersterer die soziale Gerechtigkeit als Begründung von Diversity Management im Vor- dergrund steht, geht es bei der zweiten Perspektive um die Nutzbarkeit von Diversität für ökonomische Interessen. Vielfältig sind die Meinungen darüber, welche Merkmale für die Definition von Diver- sity herangezogen werden sollen [8, S. 33]. Eine enge Definition beinhaltet nur ganz bestimmte Merkmale wie Geschlecht, Nationalität, Ethnizi- tät, während eine weite Definition von Diversity alle erdenklichen Merkmale einschließt, also auch Einstellungen oder Persönlichkeitsmerkmale. Eine weitere Unterscheidungslinie befasst sich mit dem Verständnis vonVielfalt. Für den betriebswirtschaft- lichen Kontext stellt Degele zwei Sichtweisen auf Diversität dar. Die eine versteht Diversity im Sinne einer ,,Vielfalt der in einem Unternehmen vertre- tenen Gruppen“ [9, S. 160]. Die zweite Sichtweise konstruiert Diversity als ,,personale Vielfalt“ [9, S. 161], sieht also alle Menschen als Individuen mit vielfältigen Hintergründen, Interessen usw., deren Beitrag zum Erfolg des Unternehmens vor allem in ihrem innovativen Potenzial gesehen wird. Während erstere Sichtweise die Gefahr der Ste- reotypisierung birgt und Unterschiede innerhalb der Gruppen sowie Gemeinsamkeiten mit anderen Gruppen unberücksichtigt lässt, kritisiert Degele an beiden Konzepten, dass die Merkmale als ,,stati- sche Gegebenheiten“ gesehen werden, ohne deren ,,Gewordensein“ durch strukturelle Bedingun- gen und den individuellen Umgang mit ihnen zu reflektieren [9, S. 162]. Es kann also festgehalten werden, dass es an- gesichts der Vielfalt an Definitionen des Konzepts Diversity wichtig ist, die eigene Sichtweise darauf darzustellen, um in einen produktiven Austausch über sie zu treten. Wir verstehen Diversity nicht als statische Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, mit der automatisch bestimmte Eigen- und Wesensarten gleichgesetzt werden. Vielmehr ge- hen wir davon aus, dass Diversität im interaktiven Handeln hergestellt wird. So kann in einer sozialen Interaktion die Geschlechtszugehörigkeit eine große Rolle spielen und Individuen werden in dieser v. a. alsMänner oder Frauen und damit in ihrer Verschie- denheit wahrgenommen und dementsprechend behandelt. Andere Merkmale und Eigenschaften, die dieseMänner und Frauen gemeinsam hätten und den Unterschied minimieren würden (z. B. die so- ziale Herkunft), werden dagegen nicht beachtet. Für diese soziale Praxis von Diversity haben subjektive Deutungen, also explizites und implizites Wissen, und der Umgang mit gesellschaftlichen Strukturen eine besondere Bedeutung, weil sie den Prozess der Einordnung in Gruppen und der Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften an diese Gruppen steu- ern. Uns interessiert hier nicht, welche Einstellungen Studierende bestimmter Gruppen (also z. B. männli- che vs. weibliche Studierende) haben, sondern über welche Konzepte von Diversität die Studierenden verfügen. Der Fokus auf die Konzepte von Diversity zeigt, wie zugänglich die befragten Studierenden für Vielfalt in ihrem Fach sind. Wir erheben deshalb die Konzepte von Diversität und unterscheiden in dieser Analyse hierzu zwischen Konzepten von fachlicher und sozialer Diversität. Mit fachlicher Diversität bezeichnen wir dabei die Vielfalt an unterschied- lichen Theorien und Modellen in der Informatik, aber auch an verschiedenen, für die Informatik selbst relevanten Disziplinen (Stichwort: Interdis- ziplinarität). Unter sozialer Diversität verstehen wir 280 Informatik_Spektrum_36_3_2013
  • Merkmale, die auf den ersten Blick nicht in direk- tem Zusammenhang mit der Informatik stehen, aber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Informatik darstellen. Informatik wird davon beeinflusst und wirkt ihrerseits mit ihren Produkten und Deutungen wiederum auf gesellschaftlicheRah- menbedingungen ein. Konkret machen wir soziale Diversität an den Merkmalen Geschlecht, Kultur und Persönlichkeit fest. Uns interessiert neben den Konzepten von Diversität und der Relevanz dieser beiden Katego- rien für die Informatik auch die Frage, ob die Studierenden fachliche und soziale Diversität je- weils unterschiedlich gewichten. Dahinter steht die Annahme, dass die Studierenden Einflüsse von fachlicher Diversität aufgrund ihrer explizi- ten Form möglicherweise eher anerkennen als Einflüsse sozialer Diversität, die in der Informa- tik noch immer wenig thematisiert werden und daher implizit bleiben (siehe Wissen als soziale Konstruktion). Zugleich wird auch der Frage nach- gegangen, inwiefern dominante Diskurse existieren und welche Effekte sich daraus für unterschied- liche AkteurInnen in der Informatik ergeben können. Die Relevanz von Diversity in der Informatik und Diversity-Konzepte der Studierenden Relevanz fachlicher Diversität Fachliche Diversität im Sinne von Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen mit der Informatik oder von interdisziplinärer Fachlichkeit der Informatik wird von den Studierenden sehr unterschiedlich bewertet. Auf die Frage, inwieweit das Informatik- studium ihrer Meinung oder Erfahrung nach dazu befähigen sollte, mit anderen Disziplinen zusam- menzuarbeiten, zeigten sich Plausibilisierungen, die implizit zugleich ihr Studienfach zwischen einer an- genommenen ,,reinen Informatik“ bis hin zu einer genuinen Interdisziplinarität der Informatik ansie- deln. Die Konzeption der Informatik hängt somit eng damit zusammen, wie Interdisziplinarität kon- zipiert wird. Entsprechend groß oder gering wird dann die Notwendigkeit für fachliche Diversität und fachübergreifende Zusammenarbeit eingeschätzt. Nach einer Analyse der subjektiven Deutungen und Definitionen von Informatik und den Einstellungen zu Interdisziplinarität, die aus den Einzelinterviews mit Studierenden in den höheren und dem ersten Semester gewonnen wurde,3 lassen sich sechs ver- schiedene Argumentationsmuster bestimmen, wie wir sie im Folgenden vorstellenwerden. Die Informatik sollte eine reine Informatik blei- ben. Die ,,reine Informatik“ wird dahingehend beschrieben, dass sie über eine spezifische, nur intern verstehbare Fachlichkeit verfügt, die für andere Disziplinen unergründlich bleibt. Damit wird eine Informatik konstruiert, die sich nach innen eindeutig definieren lässt, die nur für Ein- geweihte zugänglich ist und die nach außen klar von nicht-informatischen Bereichen abgegrenzt ist. Ent- sprechend scheint Interdisziplinaritätmit der Gefahr einherzugehen, die Informatik zu ,,verwässern“ oder die Informatik unverhältnismäßig aufzublähen. Das wird mit der Forderung verbunden, dass ,,sich die Informatik schon auf die Informatik konzentrieren“ sollte. Das Nebenfach im Studium ermöglicht aus- reichend Interdisziplinarität, so Freiburger Studierende. Die Wahl eines Nebenfachs – was ins- besondere als informatiknah angesehene Fächer wie etwa Kognitionswissenschaft sind – ermöglicht demnach, eine ,,Brücke“ zu anderen Fächern zu schlagen,man kann einen Zusammenhang zwischen der Informatik und anderen Disziplinen herstellen, ,,kann reingucken in mögliche Anwendungsgebiete“. Grundsätzlich wird dabei jedoch hinterfragt, ob im Informatikstudium die Fähigkeit interdiszipli- nären Denkens und Handelns erworben werden muss: ,,Im eigentlichen Studium sollte man es nicht unbedingt so reinsetzen“. Womit wiederum die In- formatik als reine Disziplin konstruiert wird, die als solche erhalten werden muss. Interdisziplinarität beschränkt sich auf den informatischen Blick von außen in eine andere Disziplin, es geht weniger um Zusammenarbeit oder fachlichen Austausch. Nur einige Tätigkeiten der Informatik erfor- dern Interdisziplinarität. Um dies zu untermauern, wird der ,,reinen Informatik“, wie insbesondere die theoretische Informatik oder die informatische Forschung an den Universitäten bezeichnet wird, die eher vom Markt bestimmte anwendungsori- entierte Informatik gegenübergestellt, die damit nicht so rein, sondern hybrider erscheint. Folg- lich brauchen nur diejenigen interdisziplinäre 3 Diese Analyse wurde interdisziplinär von InformatikerInnen und SoziologInnen durchgeführt. Informatik_Spektrum_36_3_2013 281
  • { DIVERSITY-KONZEPTE Kenntnisse, die Informatik ,,praktisch anwenden“. Interdisziplinarität bedeutet dann, über geringfü- gige Kenntnisse anderer Disziplinen zu verfügen und diese für die informatische Arbeit zu nutzen, oder mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten zu können. Die Informatik müsste mehr über den Teller- rand schauen, als sie es tatsächlich tut. Damit wird einerseits ein hoher Bedarf nach informatischer Interdisziplinarität konstatiert, jedoch ohne dies konkret zu begründen. Andererseits wird der In- formatik unterstellt, dass sie von sich aus wenig Bereitschaft zeigt, ihre selbst errichteten, diszipli- nären Grenzen zu überschreiten oder durchlässiger zu gestalten. Entsprechend wird dann auch ange- mahnt, Interdisziplinarität zu fördern oder gar dazu zu verpflichten. Zugleich werden die damit ver- bundenen Hindernisse problematisiert. Das sind einmal die InformatikerInnen selbst, weil ,,viele Leute sich sträuben und gerne rein in der Infor- matik sein wollen“ und nur das machen wollen, was sie selbst verstehen, ohne die Bedürfnisse und das Denken der NutzerInnen zu beachten. Bei der Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen gibt es zudem Widerstände von beiden Seiten, sich auf das jeweils andere Fach, die jeweils andere Art zu denken einzulassen. Entsprechend mühsam ge- staltet sich dann der fachliche Austausch. Es ist dafür notwendig, zugleich aber langwierig und schwierig, eine ,,gemeinsame Sprache“ zu finden. Hier wird wieder ein Bild von voneinander klar abgegrenzten Fächern entworfen, die über eine ei- gene, für andere nicht nachvollziehbare Denkweise verfügen. Informatik ist heute überall und wird überall gebraucht. Die Notwendigkeit zu Interdisziplina- rität erwächst daraus, dass alle Disziplinen, jedes Berufsfeld auf Informatik angewiesen ist, dass infor- matische Produkte alltäglich geworden sind, denn ,,Informatik kommt überall zum Einsatz“. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass die Informatik immer größer und mächtiger wird, dass sie in alle Lebensbereiche eingreift, sie auf ihre Weise beein- flusst und (mit)gestaltet. Folglich verfügen viele Nicht-InformatikerInnen über ein gewisses Maß an informatischem Wissen. Interdisziplinarität be- deutet dann, sich als InformtikerIn auch in andere Bereiche einzuarbeiten, sich deren Wissen teilweise anzueignen und nicht in der Informatik ,,festzuste- cken“. DiesesWissen braucht es für die gegenwärtige Hauptaufgabe der Informatik, nämlich ,,die Rech- ner dahingehend zu vernetzen, mit allen anderen Lebenslagen“. Interdisziplinarität ist der Informatik inhä- rent. Die spezifische Aufgabe der Informatik ist die Vermittlungsfunktion zwischen der Infor- matik und anderen Disziplinen, weil Informatik und InformatikerInnen ,,immer irgendwie zwi- schen zwei Bereichen“ stehen. Damit wird sie als genuin interdisziplinäres und nach allen Seiten offenes Fach konstruiert, das mit exklusiv infor- matischem Wissen nicht bestehen kann, denn ,,man macht ja keine reine Informatik“, sondern die ,,Informatik lebt eigentlich davon, dass man mit anderen Disziplinen zusammenarbeitet“. Informa- tikerInnen sind demnach ohne interdisziplinäre Kenntnisse und Fähigkeiten kaum professionell handlungsfähig. Da die Informatik ihre Kennt- nisse nicht ausschließlich der Informatik zur Verfügung stellt, sondern hauptsächlich für An- dere, für nicht-informatische Bereiche, müssen InformatikerInnen deren Wünsche, Bedürfnisse und Denkweisen nachvollziehen können: ,,Man muss verstehen, wovon die Leute reden“, muss mit ,,Nicht-Informatikern kommunizieren kön- nen“. Zudem müssen sie Technikfolgen abschätzen können, was ohne interdisziplinäres Wissen nicht möglich ist. Relevanz sozialer Diversität 4 Ähnlich der Bedeutung von Interdisziplinarität für die Informatik hängt auch die Relevanz sozialer Diversität sehr stark von der Definition der Studie- renden von Informatik und Softwareentwicklung ab. Die Studierenden wurden befragt, inwiefern und welcherart persönliche bzw. kulturelle Prägung Aus- wirkungen auf die Entwicklung von Software haben kann. Die Definitionen von Softwareentwicklung be- wegen sich zwischen den Polen Softwareentwicklung als einfache Programmiertätigkeit und Software- entwicklung als umfassender Prozess und bieten damit per se unterschiedlich viele Gelegenheiten für einen Einfluss von sozialer Diversität. Weiterhin 4 Für diese Analyse wurden die Einzelinterviews mit Studierenden im ersten und in den höheren Semestern ausgewertet, ebenfalls in Zusammenarbeit von SoziologInnen und InformatikerInnen. Es wurde nach dem Einfluss von persön- lichen und kulturellen Eigenschaften sowie des Geschlechts auf die Informatik gefragt, also nicht direkt nach den Konzepten von Diversität. Subjektive Konzepte können nicht direkt erfragt werden, da dann nur die kognitiv zugänglichen und thematisierbaren, nicht aber die dahinterstehenden impliziten Wissensbestände sichtbar werden. 282 Informatik_Spektrum_36_3_2013
  • unterscheiden sich die Argumentationsweisen in ihrem Einbezug der Perspektive der NutzerInnen. Während einige Studierende ausschließlich von der Person der Entwicklerin oder des Entwicklers aus- gehen, beziehen andere Gruppen die Vielfalt der NutzerInnen und die unterschiedlichen gesellschaft- lichen Rahmenbedingungen in ihre Überlegungen mit ein. Im Folgenden werden die unterschiedlichen Argumentationsweisen und deren Zusammenhang mit der Definition von Softwareentwicklung und den unterschiedlichen Bezügen als Ergebnis der Typisierung ausgeführt. Viele Wege führen zum Ziel. In dieser Argu- mentation ist das (diffus bleibende) Ziel bereits festgelegt und nicht mehr veränderbar. Die entwi- ckelnde Person versucht, das von einer ungenannten Quelle (dem Auftraggeber o. ä.) vorgegebene Ziel zu erreichen. Es kann unterschiedliche Herange- hensweisen der EntwicklerInnen geben, vor allem in Form eines persönlichen Programmierstils. Da sie aber alle die gleichen Zielvorgaben erfüllen müssen, wird sich das Ergebnis nach Prognose der Studie- renden kaum oder gar nicht unterscheiden. In dieser Argumentation wird der Softwareentwicklungspro- zess also erst dort angesetzt, wo die ,,eigentliche“ Programmiertätigkeit beginnt. Problemanalyse, An- forderungsanalyse, Spezifikation, gesellschaftliche Zusammenhänge usw. werden nicht einbezogen und es wird unterstellt, dass eine Zielvorgabe (was auch immer das bedeuten mag) eindeutig so for- muliert werden kann, dass keine Variationen oder Interpretationen mehr möglich sind. Soziale Diversität hat lediglich einen Ein- fluss auf die ,,äußeren Bereiche“, nicht aber auf die Funktionalität der Software. Diese Studieren- den beziehen in ihre Überlegungen auch Aspekte mit ein, die in der vorherigen Argumentations- weise keine Rolle spielten. Folglich erkennen die Studierenden einen großen Einfluss von sozialer Diversität auf die Softwareentwicklung. Hierzu zählen zum Beispiel unterschiedliche soziale An- forderungen an Software, die nicht durch fachliche Qualitätsanforderungen (Korrektheit, Effizienz, Än- derbarkeit, Transparenz etc.) abgedeckt sind wie die Anpassung der Software an die NutzerInnen und deren Kultur und Gewohnheiten. Aber auch seitens der EntwicklerInnen nehmen diese Studie- renden umfangreichere Einflüsse wahr und sehen vor allem auch veränderliche Ergebnisse aufgrund unterschiedlicher Herangehensweisen bei der Ent- wicklung. Sie konzipieren aber auch einen ,,Kern“ der Informatik, auf den Diversitätsmerkmale keinen Einfluss haben. Dies sind unter anderem die Logik des Computers (,,das eigene formale System“), die Grenzen der Programmiersprachen und begrenzte Möglichkeiten in der Algorithmik. Ein großer Teil der Studierenden bewertet diesen ,,Kern“ als die eigentliche Informatik, sodass sie in der Folge zu dem Schluss kommen können, dass soziale Diversi- tät innerhalb der eigentlichen Funktionalität keinen Einfluss auf die Softwareentwicklung hat, wohl aber auf die Benutzungsschnittstelle. Soziale Diversität hat in Abhängigkeit von der Zielgruppe des Produkts Einflüsse. Diese Stu- dierenden orientieren sich am Endprodukt und argumentieren, dass je nach Art und Größe der Zielgruppe Kultur und Persönlichkeit mehr oder weniger Einfluss haben: Während ein nationales Produkt (etwa Anpassungssoftware) sich an den Marktmechanismen orientieren und auf die kul- turellen Bedürfnisse eingehen könne, würde ein internationales Off-the-shelf Standard-Produkt zunächst ,,nachGutdünken“ der Entwickelnden pro- duziert (die Diversität der Entwickelnden und die daraus folgende Kontingenz der Produkte verfestigt sich dann imStandard). Je größer undunbestimmter also die Zielgruppe, desto mehr Einfluss besit- zen die Entwickelnden mit ihren Vorerfahrungen, Deutungen, Gewohnheiten etc. und umso mehr kommt es darauf an, dass diese in einem vielfältig besetzten Team arbeiten und der Einfluss der Entwi- ckelnden auf die Produkte durch Usability-Prozesse abgemildert wird (was allerdings nur sehr wenige Studierende bedenken), damit er sich nicht unhin- terfragt im Standard verfestigt. Ist die Zielgruppe jedoch klar definiert, lässt sich die Entwicklung scheinbar allein auf deren Bedürfnisse ausrichten (was zu einer Diversität in den Produkten führt), und sie würde nicht von personalen Faktoren der Entwickelnden beeinflusst. Genauso würde sich eine Anwendung, die für eine bestimmte Organi- sation entwickelt wird, eher den Bedürfnissen der Nutzenden anpassen lassen. Soziale Diversität und Softwareentwicklung beeinflussen sich wechselseitig. Alle Bereiche der In- formatik werden von sozialen Faktoren beeinflusst und beeinflussen diese wiederum reziprok. Diese Studierenden haben eine sehr breite Definition von Informatik und beziehen alle Ebenen in ihre Ar- gumentation ein. Sie sehen eine interdependente Informatik_Spektrum_36_3_2013 283
  • { DIVERSITY-KONZEPTE Verflechtung von EntwicklerInnen, NutzerInnen und Gesellschaft. Softwareentwicklung sollte unberührt bleiben von sozialer Diversität. Einige Studierende erken- nen zwar einen Einfluss von sozialer Diversität auf die Softwareentwicklung, bewerten dies aller- dings negativ als Zeichen von Unprofessionalität oder Ineffektivität. Sie fordern deshalb, dass ein solcher Einfluss mit Hilfe von Maßnahmen wie Programmierprinzipien oder der Etablierung von einer universalen Sprache der Informatik (die au- ßerhalb der mathematisch-logischen Sprache nicht existiert und auch nicht existieren kann) analog zur Mathematik vermindert wird. Einige Besonderheiten ergeben sich in Bezug auf den Einfluss des Merkmals Geschlecht. Hierzu wurden die Studierenden (unter anderem) gefragt, inwiefern ein höherer Anteil an Frauen die Infor- matik (also nicht nur die Softwareentwicklung) verändernwürde. Die Argumentationslinien bleiben im Großen und Ganzen sehr ähnlich, werden aber in Bezug auf Geschlecht noch weiter ausdifferenziert: Die vielen Wege zum Ziel gründen auf einer vor- geblichen Unterschiedlichkeit von Frau und Mann, wobei Frauen die ,,andere“ Herangehensweise ha- ben, beispielsweise indem sie strukturierter an Aufgaben herangehen oder neue Sichtweisen auf Probleme einbringen. Auch der Wunsch nach Un- berührtheit von sozialer Diversität findet sich hier wieder und verknüpft sich mit der von den Studie- renden den Frauen zugeschriebenen mangelnden Begabung für die Informatik. Die Argumentation einer wechselseitigen Beeinflussung von Informa- tik und sozialer Diversität findet sich ebenfalls. Die beiden übrigen Kategorien lassen sich in Bezug auf Geschlecht zusammenfassen zur Argumentation, soziale Diversität hat lediglich auf einige Bereiche der Informatik einen Einfluss. Hier erhält die Einteilung einerseits in die ,,reine Informatik“ und anderer- seits in alles andere, was darum herum angesiedelt wird, eine neue, abwertende Dimension: Ein höhe- rer Anteil von Frauen bewirkt ,,keine richtige“ oder ,,keine wirkliche“ Veränderung, denn der Kern der Informatik wird davon nicht berührt. Nur dieser Kern also, die reine Informatik, ist das, was wirklich zählt, und dieser ist und bleibt unveränderbar. Da- mit werden sowohl die Informatik, die sich mit dem Drumherum befasst, als auch die Frauen, die nur auf dieses Drumherum Einfluss nehmen können, als un- bedeutend für die Informatik erklärt. Wie Schinzel in ihrem Resümee darstellt, ist die Annahme, dass Frauen sich nicht im Kern der Informatik betätigen, tatsächlich kontrafaktisch. Es finden sich zwei neue Muster von Plausi- bilisierungen. Das erste resultiert aus dem zuvor beschriebenen Muster: Informatik hat einen Ein- fluss auf soziale Diversität, indem sie sie reduziert. Hier wird die Informatik als so starr beschrieben, dass ihrer Logik und Systematik alles andere unter- geordnet werden muss. Ein größerer Frauenanteil wäre nach dieser Ansicht nur möglich, wenn sich die Frauen der Informatik anpassen würden, wodurch sie ihre Veränderungsmöglichkeiten (in den Au- ßenbezirken) verlieren. So wird also der dominante Mythos des für die Informatik allein bedeutungs- vollen Formal-Mathematischen als die ,,richtige“ Informatik bezeichnet und als unveränderbar kon- struiert. Die Ausschlüsse, die sie produziert, ergeben sich dann logisch von selbst. Soziale Diversität ist in der Informatik kaum möglich. Auch in dieser Argumentation wird die Informatik als starr konzipiert, doch kann dies hier nicht einmal durch eine Anpassungsleistung kom- pensiert werden. Es findet eine Vorselektion statt, die Unpassendem/n den Eintritt in die Informatik verwehrt. Hierfür gibt es zwei Begründungen, die auf sehr unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Die eine macht noch immer wirksame ,,männerdomi- nierte“ Strukturen in der Informatik als Ursache für den geringen Anteil von Frauen aus, die sich zwar im Wandel befänden, aber noch immer eine große Wirkmacht besäßen. Zwar gebe es ,,Kämpferinnen“, die ihren Berufswunsch trotz gesellschaftlicherNor- men durchsetzen können, doch brauche es dafür außerordentlich viel Selbstbewusstsein und Durch- setzungsvermögen. Die zweite Begründung zieht biologistische Erkenntnisse heran, die eine in der Natur der Frau begründete Unfähigkeit für die In- formatik erkennen wollen. Deshalb ist ein höherer Frauenanteil gar nicht denkbar. Die wenigen Frauen in der Informatik erklären sie sich als ,,Ausnahme“, welche die vermutete Regel, Männer seien genuin technisch begabt, bestätigt. Konzepte von Diversity und Kompetenzzuschreibungen Welche Konzepte von Diversität besitzen nun die be- fragten Studierenden, die einen Einfluss von sozialer Diversität auf die Softwareentwicklung feststellen? Es zeigt sich, dass die verschiedenen Konzepte mit 284 Informatik_Spektrum_36_3_2013
  • der Orientierungsperspektive ihrer Argumentation zusammenhängen: richtet sie sich auf EntwicklerIn- nen, und damit zumgrößten Teil auf sich selbst, oder auf AnwenderInnen, die in der Regel die anderen sind? Beziehen sich die Studierenden auf den Einfluss der Persönlichkeit der Entwicklerin bzw. des Entwick- lers im Softwareentwicklungsprozess (also auf das, was sie bereits im Studium, z. B. durch Gruppen- arbeit, kennengelernt haben), so differenzieren die Studierenden sehr stark: Sie erkennen beispielsweise Unterschiede in der Fachlichkeit, der beruflichen Erfahrung, in ästhetischen Vorstellungen oder der Orientierung an Funktionalität oder dem ,,großen Ganzen“. Aber auch Eigenschaften wie Konfliktfä- higkeit, die zunächst keinen Bezug zur Informatik haben, sondern im Lebensverlauf erworben wurden, werden als Einflussgröße im Entwicklungsprozess benannt. Diese personalen Unterschiede werden von Fall zu Fall differenziert, eine Einteilung in Gruppen, wie dies bei Geschlecht oder Ethnizität der Fall ist (siehe unten), wird nicht vorgenommen. Häufig wird die Veränderbarkeit oder mindestens das Geworden-Sein dieser Eigenschaften impliziert. Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten von EntwicklerInnen wird als Aus- handlungsprozess im Team beschrieben, wozu sich die Studierenden durch ihr Studium eher schlecht befähigt fühlen. Im Gegensatz dazu konzipieren die befragten Studierenden den Einfluss von Kultur – von den Studierenden im Sinne von nationaler, kontinentaler oder religiöser Herkunft verstanden – sehr statisch. Ihre Beschreibungen der herangezogenen Beispiele sind äußerst stereotyp, gelegentlich auch abwertend, und unveränderbar. Das Merkmal ausländische Her- kunft aktiviert stereotypisierende Eigenschaften, welche auf die Person mit diesem Merkmal über- tragen werden. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wird dann auch als einzige Kompetenz beschrieben, um von EntwicklerInnenseite auf unterschiedliche kulturelle Bedürfnisse auf der Nutzungsseite Bezug nehmen zu können. Die personale Verschiedenheit der Nutzenden, analog zur Verschiedenheit der Entwickelnden, wird in die Überlegungen der Studierenden nur selten einbezogen. Doch auch dort, wo sie eine Rolle spielt, werden die NutzerInnen nicht als Ex- pertInnen für ihre Bedürfnisse gesehen und deshalb in den Entwicklungsprozess kaum einbezogen. Stattdessen kann die Zugehörigkeit der entwi- ckelnden Person zu der entsprechenden Gruppe ausreichend dazu dienen, die Bedürfnisse der Nut- zerInnen zu erfassen. Wenn es nicht um objektiv erfassbare Merkmale geht, ist das Hinzuziehen ,,psy- chologischer Experten“ eine weitere Option, um beispielsweise menschliche Arbeitsweisen besser abbilden zu können. Weitere Kompetenzen wie das Zurückstellen eigener Vorstellungen, Einnehmen eines multiperspektivischen Blicks und Rückbil- dung von Stereotypisierungen usw. werden nicht genannt. In der Analyse der Konzepte von Diversity zeigt sich, dass ein Diskurs vorherrschend ist, der die dominante Gruppe (westliche, weiße Män- ner) als Norm darstellt. Sie wird auf vielfältige Weise beschrieben, und es werden Differenzierun- gen innerhalb dieser Gruppe wahrgenommen. Die Beschreibung ,,anderer“ Gruppen erfolgt in Bezug- nahme auf die dominante Gruppe, beispielsweise haben sie eine ,,andere Herangehensweise“. Wel- cherart diese ist, wird in der Regel nicht expliziert. Die Informatik wird als eine männliche beschrieben, zu der Männer eine besondere Befähigung haben und Informatikerinnennur anerkanntwerden,wenn sie es den Männern gleich tun. Allerdings fallen sie dann nichtmehr unter die Kategorie der ,,normalen“ Frauen,womit ihnen als weiblich beschriebeneAttri- bute verloren gehen. Weiterhin bildet die Informatik in den westlichen Ländern den Ausgangspunkt für ihre Definition, in ,,anderen“ Ländern herrschen beispielsweise ,,andere Vorstellungen von Qualität“ vor. Bei der Verknüpfung dieser beiden Kategorien zeigt sich die Abwertung von der Norm abweichen- der Gruppen, die damit verbunden ist: Ein höherer Anteil von Frauen in arabischen und asiatischen Ländern wird damit erklärt, dass dort die Infor- matik eine ,,andere“, ,,weniger wissenschaftliche“ sei. Damit zeigt sich, dass nicht alle AkteurInnen gleichberechtigt am Diskurs über das Selbstver- ständnis der Informatik beteiligt sind. Es gibt ein mehr oder weniger starres Verständnis von Infor- matik, in dem Vieles keinen Platz hat und auch nicht genauer benannt wird. Anhand des Aspektes Gender zeigt sich, dass verbunden mit der Forderung nach Anpassung an das Vorhandene, um als ,,richtiger Informatiker“ [sic] anerkannt zu werden – womit die Zugehörigkeit zur Gruppe der Frauen verloren geht – die Gefahr der Permanenz essentialisti- scher, homogenisierender Zuschreibungen (trotz Informatik_Spektrum_36_3_2013 285
  • { DIVERSITY-KONZEPTE derzeit vermehrter Bemühungen zur Integration von Frauen) besteht. Schlussfolgerungen Beide Blickwinkel auf Diversität (fachliche sowie soziale Diversität) haben gezeigt, dass Diversity nicht vom Selbstverständnis der Informatik bzw. der Softwareentwicklung zu trennen ist. Wird Infor- matik als eine inhärent interdisziplinäre Disziplin und die Entwicklung von Software als umfassender Prozess gesehen, so ist Vielfalt in den Anwendungs- bereichen eine Selbstverständlichkeit und bei der Softwareentwicklung unerlässlich. Das Verständnis von Informatik als einer streng formalen Disziplin, die sich auf einen eindeutig abgegrenzten Bereich bezieht und alles andere als nicht informatisch be- trachtet, verortet Diversität dagegen außerhalb der Informatik und somit als irrelevant in der Software- entwicklung. Weiterhin zeigte sich, dass vielfältige Konzepte von Diversität nebeneinander bestehen. Vor allem in Bezug auf Gender und Ethnizität zeigt sich, dass ein unreflektierter Umgang mit Diversity die Gefahr in sich birgt, essentialisierende und ho- mogenisierende Zuschreibungen an eine Gruppe zu (re)produzieren, wobei die Konstruktion der dominanten Gruppe als Norm bestehen bleibt. Welche Konsequenzen ergeben sich nun für die Universitäten? Zunächst muss der Verknüpfung von Diversity und Selbstverständnis Rechnung getra- gen werden. Ein enges Verständnis von Informatik und Softwareentwicklung kann angesichts der viel- fältigen Erfordernisse nicht (mehr) im Interesse der Informatik sein. Als Voraussetzung für Diver- sity muss deshalb den Studierenden ein offenes Selbstverständnis der Informatik vermittelt werden. Diversity wirkt aber auch auf das Selbstverständ- nis ein. Würden mehr AkteurInnen am Diskurs um das Selbstverständnis beteiligt, so könnte der Blick auf die Informatik erweitert werden. Dazu müssen aber zunächst entsprechende Vorausset- zungen geschaffen werden. Wir zählen dazu die Öffnung der Studieneingangsphase, also die An- passung der Aufnahmekriterien und das Anbieten von Einstiegskursen. Damit sich eine möglichst große Vielfalt an Studierwilligen findet, muss auch das Bild der Informatik in der Öffentlichkeit verän- dert werden. Schließlich müssen aber auch bewusst Diversity-Aspekte angesprochen werden. Dazu ge- hört u. E. die Auflösung von Stereotypen und die Vermittlung von Wissen über die Herstellung von Differenz. Dabei geht es also nicht um die Ver- mittlung von Wissen über bestimmte Gruppen im Sinne der Zielgruppenorientierung, weil das Differenzen innerhalb der Gruppen und Gemein- samkeiten verschiedener Gruppen ignorieren und zu Essentialisierung und Homogenisierung bei- tragen würde. Auch sollte den Studierenden eine Vorstellung davon vermittelt werden, wie Wis- sen generiert wird, um die eigene Modellbildung (und die damit verbundene Konstruktion von Ziel- gruppen) reflektiert verorten zu können. Das Ziel Diversity in der Informatik kann also nur dadurch erreicht werden, dass dessen Instrumente in der Lehre und den Strukturen der Hochschule eingesetzt werden. Literatur 1. Seidel A (2006) Kundenorientierung und Mitarbeitervielfalt. Interdependenzen und Begründungszusammenhänge. In: Becker M, Seidel A (Hrsg) Diversity Manage- ment. Unternehmens- und Personalpolitik der Vielfalt. Schäffer-Poeschel, Stuttgart, S 240–257 2. Berger PL, Luckmann T (2007) Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, 21. Aufl. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 3. Hirschauer S (1996) Wie sind Frauen, wie sind Männer? Zweigeschlechtlickeit als Wissenssystem. In: Eifert C (Hrsg) Was sind Frauen? Was sind Männer? Geschlech- terkonstruktionen im historischen Wandel, 1. Aufl. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 4. Dölling I (2005) ,,Geschlechterwissen“ – ein nützlicher Begriff für die ,,verstehende“ Analyse von Vergeschlechtlichungsprozessen? Z Frauenforsch Geschlechterstud 23(1/2):44–65 5. Przyborski A, Wohlrab-Sahr M (2009) Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch, 2. korrigierte Aufl. Oldenbourg Verlag, München 6. Bohnsack R (2007) Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Me- thoden. 6. druchgesehene und aktualisierte Aufl. Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills 7. Vedder G (2009) Diversity Management: Grundlagen und Entwicklung im interna- tionalen Vergleich. In: Andresen S, Koreuber M, Lüdke D (Hrsg) Gender und Diver- sity: Albtraum oder Traumpaar? Interdisziplinärer Dialog zur ,,Modernisierung“ von Geschlechter und Gleichstellungspolitik, 1. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S 111–131 8. Lindau A (2010) Verhandelte Vielfalt. Die Konstruktion von Diversity in Organisa- tionen. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1. Aufl. Gabler Verlag, Wiesbaden 9. Degele N (2008) Gender/Queer Studies: Eine Einführung. 1. Aufl. UTB GmbH, Stuttgart 286 Informatik_Spektrum_36_3_2013 Einleitung Theoretische Einordnung und Positionierung Wissen als soziale Konstruktion Diversity Die Relevanz von Diversity in der Informatik und Diversity-Konzepte der Studierenden Relevanz fachlicher Diversität Relevanz sozialer Diversität Konzepte von Diversity und Kompetenzzuschreibungen Schlussfolgerungen Literatur
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